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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Stufen + Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen + +Author: Christian Morgenstern + +Release Date: May 25, 2005 [EBook #15898] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN *** + + + + +Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the +Online Distributed Proofreading Team + + + + + + +</pre> + + +<p class="front"><big><a id="page-5"></a>Christian Morgenstern</big></p> + +<h1>Stufen<br/> +Eine Entwickelung in +Aphorismen und Tagebuch-Notizen</h1> + +<div class="figure"> +<a href="images/front.png"><img src="images/front-tn.png" alt="[Illustration]"/></a> +</div> + +<h2>R PIPER & CO VERLAG MÜNCHEN</h2> + +<h2>1922</h2> + +<hr class="front"/> + +<div class="indent"> +<p><a id="page-6"></a>Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf +Christian Morgensterns zu <a href="#page-42">Seite 42</a>: Bild meines Lebens.</p> + +<p>Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere +Krankheit.</p> + +<p>Schale: Öffnung durch Johanneisches.</p> + +<p>Blut: Erfüllung.</p> +</div> + +<hr class="front"/> + +<p class="frontmotto"><a id="page-7"></a>‚Nur wer sich wandelt,<br/> +bleibt mit mir verwandt.‘</p> + +<hr class="front"/> + +<h2><a id="page-9"></a><span class="pgnum">9</span>Autobiographische Notiz</h2> + +<h3>1913</h3> + + +<p>Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers +Carl Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers +Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau +Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers +Josef Schertel) in München geboren und erlebte in +unserm gegen Nymphenburg zu gelegenen — aller +Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten — Hause +mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche +Kindheitsjahre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus +Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes +Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon +von meinem dritten oder vierten Jahre an überallhin +mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, +die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung, die im +wesentlichen in einer von zwei unermüdlichen Juckern +gezogenen Kutsche zurückgelegt wurde. Dazwischen +und später waren es dann die (damals noch ländlichen) +bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, +Weßling und noch später schlesische Dörfer +am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die +dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar +Liebes erwiesen. Solch freundliches Los +ward ihm zumal durch die Lebensführung des Vaters, +der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er +an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, +Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch +kam, daß er ihn, als eifriger Jäger, bisweilen in seinen +Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.</p> + +<p>Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur +Natur, das ihm später die Möglichkeit gab, zeitweise +völlig in ihr aufzugehen.</p> + +<p><a id="page-10"></a><span class="pgnum">10</span>Sie waren aber auch nötig, denn bald nach seinem zehnten +Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der +Ansturm feindlicher Gewalten von außen wie von +innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim +und im Freien so durchgespielt hatte — mein Spielen +bildet für mich ein eigenes sonniges Kapitel — zeigte +sich dem äußeren Leben, wie es vor allem in der +Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als +wäre das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zwölf +Jahre darauf zu wirklichem Kranksein führte, schon +damals übernommen worden; denn wenn auch mancher +frische Aufschwung immer wieder weiter trieb, +so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen +ein, die ihn wohl nicht hätten so zu Jahren +kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso +zähe für ihn gestritten und ihn über das Schlimmste +immer wieder von neuem hinweggebracht hätte. Vielleicht +war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf +dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan +sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam +nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen +Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht +ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, +sondern zugleich auf Höhen des Lebens hinauf den +Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen +Stachel verloren und die Welt ihren göttlichen Sinn +wiedergewonnen hat.</p> + +<p>Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugeführt +haben,<i> Friedrich Kayßler</i>, dem die Sammlung +‚Auf vielen Wegen‘ (und wieviel anderes!) mit +dem Danke gehört: ‚Wär der Begriff des Echten verloren / +In Dir wär er wiedergeboren‘.</p> + +<p><a id="page-11"></a><span class="pgnum">11</span>In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glück +philosophischer Gespräche. Schopenhauer, vor allem, +auch schon die Lehre von der Wiederverkörperung +traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, +Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher +Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre +wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu übertragen, +führte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik +Ibsens teure Person kennen und durfte in den Übersetzungen +von ‚Brand‘ und ‚Peer Gynt‘ mich innerlichst +mit ihm verbinden.</p> + +<p>Das Jahr 1901 sah mich über den ‚Deutschen Schriften‘ +Paul de Lagardes. Er erschien mir — Wagner war +mir damals durch Nietzsche entfremdet — als der zweite +maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu +denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk +seinen Weg ohne ihn gegangen war.</p> + +<p>Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:</p> + +<div class="poem"> +<div class="stanza"> +<p>Zu Niblum will ich begraben sein,</p> +<p>am Saum zwischen Marsch und Geest …</p> +</div> + +<div class="stanza"> +<p>Zu Niblum will ich mich rasten aus</p> +<p>von aller Gegenwart.</p> +<p>Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus</p> +<p>nur den Namen und: ‚Lest Lagarde!‘</p> +<p>Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:</p> +<p>Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.</p> +<p>Nur den Namen und: ‚Lest Lagarde!‘</p> +</div> + +<div class="stanza"> +<p>Das Inselchen Mutterland dorten, nein,</p> +<p>das will ich nicht verschmähn.</p> +<p><a id="page-12"></a><span class="pgnum">12</span>Holt mich doch dort bald die Nordsee heim</p> +<p>mit steilen, stürzenden Seen —</p> +<p>das Muttermeer, die Mutterflut …</p> +<p>o wie sich gut dann da drunten ruht,</p> +<p>tief fern von deutschem Geschehn!</p> +</div> +</div> + +<p>Inzwischen war dem Fünfunddreißigjährigen Entscheidendes +geworden. Natur und Mensch hatten sich ihm +endgültig vergeistigt. Und als er eines Abends wieder +einmal das<i> Evangelium nach Johannes</i> aufschlug, +glaubte er es zum ersten Male wirklich zu verstehen.</p> + +<p>Die nächsten Jahre — des Austragens, Ausreifens, zu +Ende Denkens — überstand er so, wie er sie überstand, +eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, +sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger +Unbekanntheit seine Tage hätte vollenden dürfen. +Er war doppelt geworden und in der wunderlichen +Verfassung, sich, sozusagen, groß oder klein schreiben +zu können. (In ‚Einkehr‘, ‚Ich und Du‘ und einer +Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus +diesem Abschnitt.)</p> + +<p>Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fühlen: +‚So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor +sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich +setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige +Fenster die draußen hin und her treiben zu sehen, +wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines großen +Behälters, — und dann und wann der Vorstellung sich +hinzugeben: Das bist Du! — Und sie alle zu sehen, +wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit +SICH selber redet und wer sie aus meinen Augen als +SICH erkennt und aus ihren nur als sie!‘ …</p> + +<p><a id="page-13"></a><span class="pgnum">13</span>Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberflächen-Erkennen +und darum letzten Endes noch zur +Unfruchtbarkeit verurteilt.</p> + +<p>So kam das Jahr 1908 —</p> + +<div class="poem"> +<p>‚Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!</p> +<p>Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.</p> +<p>Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,</p> +<p>und siehe da: Das Schicksal war uns gut.</p> +<p>Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam</p> +<p>empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.</p> +<p>Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam.</p> +<p>Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.‘</p> +</div> + +<p>Der Andre war<i> Sie</i>, die mein Leben fortan teilte; der +Pfad war der Weg theosophisch-anthroposophischer +Erkenntnisse, wie sie uns heute, in einziger Weise, durch<i> Rudolf Steiner</i> vermittelt werden.</p> + +<p>In dieser Persönlichkeit lebt ein großer spiritueller Forscher +‚ein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes +Leben‘ vor uns und für uns dar.</p> + +<p>Vor ihm darf auch der Unabhängigste sich von neuem +besinnen und revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der +getan, der immer am liebsten dem Worte nachleben +wollte: — Vitam impendere vero.</p> + + +<h2><a id="page-14"></a><span class="pgnum">14</span>In me ipsum</h2> + +<p class="motto">Was ist denn von außen her über ein Leben zu sagen!<br/> +Gar nichts.</p> + + +<h3>1891</h3> + +<p>Nicht im lärmenden Kampf der Tage, auch nicht im +Sturm einer großen Zeit, aber nach Jahrtausenden stiller +Arbeit, nach Äonen ewig fortwirkenden Webens — +dann werden die Menschen gut werden.</p> + +<p>O, wer diesen Glauben, der mir Gewißheit ist, in allen +Augenblicken seines Strebens im Herzen lebendig fühlte, +er würde glücklich sein.</p> + +<hr/> + +<p>Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie +allein kann ich wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! +Vertiefung!</p> + + +<h3>1892</h3> + +<p>Ich bin ein Studienkopf, den der Schöpfer einst flüchtig +skizzierte, als ihm ein Künstlerporträt im Sinne lag.</p> + + +<h3>1894</h3> + +<p>Ich möchte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.</p> + +<hr/> + +<p>Vor einer Menschenmenge: Ich sehe plötzlich die Gedanken +dieses Volks wie eine dicke schwarze Wolke +über ihm. Eine Wolke voll Tränen und Blitzen.</p> + +<hr/> + +<p>Über all meinen Werken soll es wie ein großes Verstehen +liegen — und davon werden viele glücklich +werden.</p> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein +Weg oft an der Hecke des Paradieses vorbei. Dann +<a id="page-15"></a><span class="pgnum">15</span>streift mich warmer Hauch, dann mein‘ ich, Rosen zu +sehn und zu atmen, ein süßer Ton rührt mich zu +Tränen, auf der Stirn liegt es mir wie eine liebe, friedegebende +Hand — sekundenlang. So streife ich oft vorbei +an der Hecke des Paradieses …</p> + +<hr/> + +<p>O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.</p> + +<hr/> + +<p>Möchte gern noch oft erwachen, stets als großer +Künstler.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>In Arco:</p> + +<p>Ich dünkte mich einer jener alten blonden Germanen, +die hier einst mit Herrscherschritt durch die Straßen +wanderten.</p> + +<hr/> + +<p>Ich sehe auf mich selbst zurück. Unzählige Gestalten +huschen schemenhaft an mir vorüber.</p> + +<hr/> + +<p>Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.</p> + +<hr/> + +<p>Daß ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt +habe! Kein fremdes Weib kann dem Bruder ein solches +Verhältnis ersetzen.</p> + +<hr/> + +<p>Man lasse sich durch meine Ironie nicht irreführen. +Meine Ironie ist naiv wie mein Pathos. Ich vermag +Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine Spur von +frivoler Empfindung …, ja vielleicht schrieb ich es +mit ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als +das eines in sich heiteren unbewegten Geistes.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-16"></a><span class="pgnum">16</span>Traum</p> + +<p>Ich fange das Raubvogelgesindel meiner häßlichen +Gedanken und brate sie am Spieß, der über einem +Feuer sich dreht. Ach, vergebens.</p> + +<hr/> + +<p>Nach einer Zoten-Posse</p> + +<p>Je älter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbrünstigeren +Widerwillen empfinde ich gegen die Zote. +Weniger gegen die, welche etwa von Mann zu Mann +kursiert, obschon ich auch sie vollständig entbehren +könnte, als gegen die öffentliche Zote von der Bühne +herab. Wenn plötzlich Hunderte versammelter Menschen +jede Scham voreinander verlieren und in wiehernder +Freude über eine nicht mißzuverstehende Andeutung +übereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das +Tier und ein schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz +zusammen.</p> + +<p>Ich habe doch für vieles Leichtsinn und nicht zum +mindesten für die Liebe jeglicher Art, aber vor der +berechneten Zote vergeht mir aller Übermut. Da +schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit +und Häßlichkeit. Wir jungen Männer, die wir etwas +auf uns halten, sollten jenen Aufführungen beizuwohnen +nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten +Weiber, die wir ehren, mit uns in jene niedrige und +widerwärtige Sphäre hinabziehen.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische +des philosophischen Dilettanten. Der philosophische +Dilettant ist immer schnell am Ende aller +Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits gewonnenen +Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege +<a id="page-17"></a><span class="pgnum">17</span>zu gehen, ja oft auch nur zu kennen, auf denen jene +erreicht worden sind.</p> + +<hr/> + +<p>Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode fürchterlichsten +Zweifels an mir selbst. Dann lebe ich mit +beständigen Todesgedanken.</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige +Sehnsucht nach praktischem Schaffen im Großen. +Plastik wäre (und Architektur) mein höchster Fall. +Meine höchste Liebe galt immer dem Gegenständlichen, +der Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein +vermochte mich zu entzücken, wievielmehr erst seine +organischen Verbindungen.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht +auf der einfachen Grundlage, daß ich in jedem Augenblick +über das kleinste Stück Natur irgendwelcher Art +in höchste Verwunderung geraten kann.</p> + +<hr/> + +<p>Dieser Norden! Da wacht man in der verheißendsten +Stimmung auf. Griesgrämig, grau, teilnahmslos ruhen +die großen Augen der Fenster auf dir, als wollten sie +sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit +deinen törichten Idealen? Alles ist eitel.</p> + +<hr/> + +<p>Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.</p> + +<hr/> + +<p>Träume</p> + +<p>Die wilde Jagd.</p> + +<p>Der Schächer am Kreuz.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-18"></a><span class="pgnum">18</span>Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, +das lange im Nassen gelegen hat.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele +zu. Das läßt mich in keiner Trägheit ganz ruhn, in +keinem Glück ganz vergessen.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Ich möchte am liebsten auf einem Turm wohnen. +Täglich im Leben drunten ein Bad nehmen, untertauchen, +und dann wieder hinaufsteigen in sein Luginsland, +sein au dessus de la vie.</p> + +<hr/> + +<p>So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme +ich mit Wunden bedeckt von ihnen zurück. Es sind +freilich nur leichte oberflächliche Schrammen, die bald +wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, +wie zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als +eine tiefe Verwundung ihr Werk an meiner Seele getan.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann ungeklärte Verhältnisse einfach nicht ertragen. +Warum können die Menschen nicht<i> offen</i> +gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!</p> + +<hr/> + +<p>Ich mag die Verärgerten nicht leiden.</p> + +<hr/> + +<p>Meine Natur hat sich von früh auf mit Apathie beholfen. +Diese Langsamkeit zu reagieren, hat alles, +was auf mich einbrach, auf eine breitere Fläche verteilt, +und was mir in einer Stunde unzweifelhaft +den Atem abgeschnürt hätte, wurde mir so in Tagen +<a id="page-19"></a><span class="pgnum">19</span>und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein +Leben nicht eben zerstörte, aber langsam und sicher +ermattete.</p> + +<hr/> + +<p>Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen: +Man wird mir ‚Milderungsgründe zubilligen‘. (‚Er +war ein guter Mensch, er wollte das Beste usw.‘)</p> + +<hr/> + +<p>Was muß ich auf die Menschen für einen Eindruck +machen, daß sie mich so oft wie ein unmündiges Kind +behandeln wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich trage keine Schätze in mir, ich habe nur die Kraft, +vieles, was ich berühre, in etwas von Wert zu verwandeln. +Ich habe keine Tiefe, als meinen unaufhörlichen +Trieb zur Tiefe.</p> + +<hr/> + +<p>Mein nächstes Buch soll ‚Auferstehung‘ heißen, wenn +mir noch eine Auferstehung beschieden sein sollte, im +größten Sinne.</p> + +<hr/> + +<p>Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und +andere mit mir schlecht gemacht haben, aber nur noch<i> in mir</i>, in mir selbst. Alles andere ist Sentimentalität +und Pfuscherei.</p> + +<hr/> + +<p>Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach +dem ersten Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen +Gehirnzustände (etwa der achte in der +Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, daß +ich — innerhalb des Traumzustandes — aus einem unangenehmen +Traum mit aller Willenskraft ins wache +<a id="page-20"></a><span class="pgnum">20</span>Bewußtsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand des +Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden +Traum das eigentliche Thema eines solchen +Traumzustandes. So erinnere ich mich augenblicklich +nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern +nur noch des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich +Erwachtseins im Traume. Ich schien mich endlich mit +aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen +zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches +Erwachtsein. Da fühlte ich ein Fünfpfennigstück +zwischen den Zähnen. Ich biß darauf: jetzt war kein +Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich +schien wirklich wach. Währenddem wachte ich mehr +und mehr auf. Im letzten Stadium vor dem wirklichen +Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender +Intellekt das Geldstück in eine Emser Pastille, die sich +zu lösen begann und den salzig-säuerlichen Geschmack +auf meiner Zunge verstärkte. Hierauf wachte ich wirklich +auf und war verwundert, nichts in meinem Munde +zu finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag — aber +nicht den Abend zuvor — einige Emser Pastillen +gegessen.)</p> + +<hr/> + +<p>Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, +möchte ich ein dramatisches Märchen orientalischen +Charakters schreiben. Der Traum war etwa so: Eine +Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, später +auch Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von +andern eingeladen worden, Schriften (Dramen, Lyrisches, +Lehrhaftes) eines fremden, höchst merkwürdigen +Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um +sie zu übersetzen. Es hieß, 12 Personen hätten genug +<a id="page-21"></a><span class="pgnum">21</span>auf Jahre zu tun, wenn sie einen Vorstoß in diese fremde +wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem Zweck +wurden uns große Bücher vorgelegt, die mit schönen +mönchischen Handschriften gefüllt waren, und uns +Stellen vorgelesen, die uns außerordentlich bedeutsam +erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im Traum +unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es +wurde uns geraten, seine Tempel, Gärten, Theater, +Schlösser kennen zu lernen. Ein Trupp von uns wurde +herumgeführt. Ich erinnere mich eines ungeheuren +Lesesaales, in den man uns blicken ließ und dessen uns +entgegengesetzte Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe +abschloß, durch die man eine Schweizer Landschaft +mit einer Stadt erblickte, — wie wir erfuhren: +Bern und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten +der Wirklichkeit nachgebildet und hinter jener +Scheibe als Aussicht angebracht.</p> + +<p>Nach einer Weile verlor ich meine Gefährten. Ich +nahm einen eigenen Führer und ließ mich von ihm, ich +glaube nach einem Tempel, tragen. Der Träger trug +zwei Stangen, die oben Fußtritte wie die Stelzen hatten. +Auf diese trat man, während man sich an ihrem obersten +Teile mit den Händen und Armen festhielt. Der +Träger trug dann das Ganze wie eine doppelte Fahnenstange.</p> + +<p>Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befürchtung, +ich könne ihm zu schwer werden und +versicherte, ich würde viel eher loslassen als er. Er +trug mich durch reißende Kanäle und zuletzt begann +ich sowohl müde zu werden, wie ihn zu fürchten. +Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung ein, die +ich in einem der Theater gesehen haben muß und in +<a id="page-22"></a><span class="pgnum">22</span>der ein junges, süßes, zartes Geschöpf die Hauptrolle +gespielt haben muß. Worte und Erscheinung überwältigten +mich mit solcher Macht, daß ich in Tränen +ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen +Wesen, aber ohne jede Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung +der Seele, daß ich meine, dies Gefühl nie vergessen +zu können. Was das Stück enthielt, weiß ich +nicht mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als +hinterher wieder davon als von einem Übersetzungsangebot +gesprochen wurde, hörte ich, daß die Sonne +darin einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich +durch Alliebende (!) zu übertragen vorschlug.</p> + +<p>Chor (zu vorigem)</p> + +<div class="poem"> +<p>Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,</p> +<p>hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,</p> +<p>schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,</p> +<p>die süßen Boten lächelnden Erbarmens.</p> +</div> + +<hr/> + +<p>Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich eine Symphonie +‚Vineta‘ schreiben.</p> + +<hr/> + +<p>Ich wäre als Maler gewiß in Menzels Spuren gegangen, +so sehr interessiert mich jeder Gegenstand als rein +malerisches Objekt.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn man durch Zusammenstellung der beiden Hände +geheimnisvolle Figuren bildet, so habe ich ein besonderes +Verständnis dafür und möchte sie alle kennen +lernen. Für mich ist die Mystik der Hände unaussprechlich. +(Dabei sind meine eigenen zwar klein, aber +nicht schön. Nur der Handrücken — überhaupt die +geballte Faust — ist gut und vielleicht die Daumen. +<a id="page-23"></a><span class="pgnum">23</span>Die andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller +ist sehr bemerkenswert: Ein Chaos von Linien um +ein riesiges <span class="script">M</span>.)</p> + +<hr/> + +<p>Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja +Lebens) steigt mir aus dem Bild meines eigenen Umzugs +auf: Wäre es nicht würdiger, sein bißchen Hab +und Gut in einer Erdhöhle, die einem aber für immer +gehört, wenn sie nicht ein Naturereignis vernichtet, +zu bergen, als mit seinen Bündeln und Kisten durch +prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich +den in festgemauerten Gelassen Seßhaften +zu spielen, allen Ernst und alle Liebe zu einem eigenen +Heim an teuer gemietete Wände zu verschwenden, die +einem nie gehören können, die uns ewigen Nomaden +Verhältnisse vortäuschen, die für uns eben nur erlogen, +nur uneingestandene Kulisse sind. Mein Wohnungsideal +ist das Zelt. Nur so weit möchte ich es noch +bringen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine +ewige Fragestellung, ob nicht jeder Humor ein Quantum +Philistrosität einschließt.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden +zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden, +um sterben zu können.</p> + +<hr/> + +<p>Warum muß ich so unaufhörlich unter mir und anderen +leiden! Meine Seele ist fortwährend das Spiel über sie +hinziehender Schatten.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-24"></a><span class="pgnum">24</span>Für mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor +mir selbst nicht einzubüßen: Fortwährende Kritik.</p> + +<hr/> + +<p>Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt +mir ewig verborgen.</p> + +<p>Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, +einen anmutigen Körper.</p> + +<p>In Rußland fände ich diese Gefährtin, in Italien — nein. +In Deutschland, dem für mich doch allein zulässigen +Lande — wo, wo, wo?</p> + +<p>Ihr wollt alle nur die Liebe zur Möglichkeit haben. +Ich habe nur die Liebe zur Unmöglichkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik,<br/> +ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.</p> + +<hr/> + +<p>Wie die Nacht über einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht +allnächtlich über mein Gehirn. Ja, +oft hat ein Tag so viele Tage und Nächte, wie +bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn +mich jemand hypnotisierte, ich sei eine Mücke und +hätte nur einen Tag zu leben, so glaube ich wohl, +daß dieser Tag für mich ein ganzes Leben werden +könnte.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an +meinen Ofen verfaßt und sie ihm dann gegeben. Er +verschlang sie gierig und wärmte mir mit seinem Feuer +zwei Minuten lang Gesicht und Hände. Gewiß, das +war alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie +ein Ofen zu antworten vermögen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-25"></a><span class="pgnum">25</span>Ich ermangele ganz des Vermögens, mir nach einer +Beschreibung — und wenn sie noch so genau ist — ein +Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen. Bühnenanweisungen +gehen an mir meistens spurlos vorüber +und Schilderungen etwa wie des Hauses der Buddenbrooks +gehen nur mit einigen groben Zügen in mein +Gehirn ein.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, +eingehend zu begründen, zu erklären. Die Mehrzahl +der Heutigen hat umgekehrt die Gabe des Begründens +und Erklärens in hohem Maße, aber dafür keine innere +Direktion. Es ist unendlich quälend, die Berechtigung +seines Urteils immer wieder aufs neue beweisen zu sollen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell +der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und +dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben +nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmißt sie das +Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden +in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie +auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber +so bald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von +neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht +genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres +Ursprungs.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: +‚Und er entwich vor ihnen in die Wüste.‘</p> + +<hr/> + +<p>Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit +welcher Leichtfertigkeit habe ich heute Abend über +<a id="page-26"></a><span class="pgnum">26</span>Menschen geredet: so daß ich nun nachts über mich +erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband ‚Denke +daran‘ anlegen müssen.)</p> + +<hr/> + +<p>Eines kann ich wohl als Merkwort über all mein +Leben und seine Erfahrungen schreiben: Fast alles, +was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen +Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner +bewußten organischen Kultur um mich herum, die +das Einzelindividuum zu benutzen und systematisch +auszubilden vermocht hätte, spürte ich nie etwas. +Weder Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich +je kraftvoll in die Hand genommen und in großem +Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von ursprünglich +glänzender Begabung, alles in allem ein +Dilettant geblieben bin, so hat die Hälfte der Schuld +daran gewiß die Unsumme von Dilettantismus, von +Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich überall gefunden +habe, wohin mich meine bewegte Jugend geführt hat. +(Gelegentlich der herrlichen Schilderung der Krapotkinschen +Jugend.)</p> + +<hr/> + +<p>Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man zwischen +35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45 +und 60 hätte sollen erledigen können.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr macht mir aus meiner gleichmäßigen Höflichkeit +gegen alle einen Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es +gibt gewiß nicht gar so viele, denen es<i> leicht</i> fällt, +die Menschen zu lieben. Nun, mir fällt es zuweilen +leicht: warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich +zu ihnen sein? Ich finde an jedem etwas, was mir +<a id="page-27"></a><span class="pgnum">27</span>Sympathie oder doch Interesse abnötigt; und würde +nicht mein Gefühl vom Einssein mit allem eine Lüge +sein, wenn ich irgendeinem Mitmenschen gegenüber +völlig kalt bleiben könnte?</p> + +<hr/> + +<p>Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflußbarste +Mensch, den ich kenne.</p> + +<hr/> + +<p>Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance +von Hochmut in einem auftaucht. Wenn man der +offenbaren Niedertracht gegenüber zuweilen eisig wird — das +Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die +Menge weiß nichts von der Tiefe der Demut, die ein +einzelner empfindet, der sich ganz zu erkennen strebt.</p> + +<hr/> + +<p>Luther spricht einmal von ‚bösen Gedanken‘, deren +Kommen man nicht hindern könne, aber die es gelte, +vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz (dessen +schöner kräftiger Wortlaut mir im Augenblick leider +nicht gegenwärtig) ist mir oft im Leben ein Trost +gewesen; denn ich habe von früh auf, d.h. wohl etwa +von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, daß in der +Reihe meiner Assoziationen plötzlich zuweilen ein +‚häßlicher Gedanke‘, eine häßliche Vorstellung auftauchte, +die ich sofort als solche erkannte, ohne indes +die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr +Wiedererscheinen zu hindern.</p> + +<hr/> + +<p>Es wäre vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch +zu beginnen. Draußen regnet es ununterbrochen +seit neun Stunden und bringt mir meine Einsamkeit +erdrückend zum Bewußtsein. Heute Nachmittag durchfuhr +<a id="page-28"></a><span class="pgnum">28</span>es mich: wenn ich meine Gedanken und mein +Schaffen nicht hätte, wie würde ich dann wohl solch +ein Krankenleben ertragen können. Und ich bin krank, +wenn ich es auch fortwährend wieder vergesse und +mitten in meiner Krankheit Stunden, Tage, Wochen +vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll herrlichsten +Blühens, in denen der Zerfall in mir gleichsam +überblüht, hinweggesiegt wird von einem Frühling, +der Herbst und Winter des Leibes nicht anerkennt, +der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als +unüberwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft +mich über mich selbst hinwegretten zu wollen +scheint. Aber dann kommt ein Spätnachmittag mit +seiner gefährlichen Muße, dann kommt ein nasser, +trübseliger Tag wie dieser, und mit dem Vergessen +dessen, ‚was ist‘, ist es vorbei. Ich sehe ihn vor mir, +meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten +Kauz der Welt. Seine Beschäftigung besteht +seit zehn, seit vierzehn Jahren darin, mich mit einer +feinen Federpose in der Luftröhre zu reizen, gleich +als wünschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, +Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr meine +Stimme zu hören, lediglich die Stimme, unartikuliert, +tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl +auch selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein +Gespenst ohne Hirn, nichts als fixe Idee von oben +bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger +Lebenszweck.</p> + +<p>Es berührt mich eigentümlich, wenn meine Freunde +künftige Pläne vor mir ausbreiten. Die einen denken +sich ein kleines Haus für mich aus in ihrer Nachbarschaft, +die andern wollen mich weiß Gott wohin haben. +<a id="page-29"></a><span class="pgnum">29</span>Vielleicht, vielleicht. Aber ich gebe mir höchstens noch +zehn Jahre. Und diese zehn Jahre haben ihre Bestimmung, +und die ist kaum: Nachbar zu werden und +Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich, +was ich von dichterischen Möglichkeiten alles fallen +lassen muß. Zum Drama werde ich nie gelangen, ich +habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf +Drama hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, +Zeit und dann auch Energie. Mein Widerwille nämlich +gegen richtiges, zusammenhängendes ‚Schreiben‘ +ist allzu groß. Daran wird auch mein Roman scheitern. +Ich bin Gelegenheitsdichter und nichts weiter.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft +wird.</p> + +<hr/> + +<p>Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.</p> + +<hr/> + +<p>Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geißel +als der richterlich geartete Mitmensch. Er ist für mich +der personifizierte böse Blick. Vor ihm erschrickt alles +Lebendige in mir so tief, als hätte der Tod selbst es +gestreift. So mag eine Pflanze aufhören zu wachsen, +wenn sie ein schlimmer Zauberer anhaucht. Sie will +gern von Wind, Regen und Kälte vernichtet werden, +und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas +Natürliches hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe +von einem andern lebenden Wesen schlechtweg in Frage +stellen, verneinen, für unfähig, für einen Irrtum erklären +lassen zu müssen und das nicht etwa unter einem Feuer +von Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht — das ist +unerträglich.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-30"></a><span class="pgnum">30</span>Dieser Ofen könnte mich veranlassen, zu bleiben. Er +ist aus länglichen Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem +Lila umrahmtes milchweißes Ornament zeigen, +und von schönen Verhältnissen. Wenn die Menschen +mehr bedächten, wie viel Glück von einem einfachen +Gegenstand ausgehen kann, wenn sich nur ein +reiner Geschmack in ihm ausdrückt, würden sie unter +den einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr +Leben sein dürfen. Ich kann nicht sagen, wie mich +die ersten Architekturen des Südens (in Bozen) wieder +bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam +nach Italien hinabsinken — und vielleicht bloß +um seiner Bauwerke willen, die mir den Menschen +erhöhen, wie der Mensch sich in ihnen erhöht hat.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer +lebendigen Vorstellung dessen zu gelangen, was wir +des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich nachts +auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den +Garten, und bemühte mich, über das rein Bildmäßige +des Sternenhimmels hinaus in seine Wirklichkeit einzudringen. +Es gelang mir so wohl, daß ich empfand: +Jetzt noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein +einziger kleiner Schritt weiter und mein Gehirn ist auf +immer verloren. Und ich brach das schauerliche Experiment +ab. Jetzt, etwa fünfzehn Jahre später, droht +mir die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann +an einem stählern blauen Frühlingsabende in einer +Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die dem +Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich +ungefähr wie zu einem Maulwurfshügel zusammen, +<a id="page-31"></a><span class="pgnum">31</span>die Ortschaft, die Gegend um mich verloren ihre +Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender +als der Abdruck eines Daumenballens in einer +Wachskugel, und mich trug der riesige doch kleine +Planet wie ein Infusor auf seinem Rücken rund durch +den Raum. Ein leichtes geistiges Schwindelgefühl, ein +Vorgefühl von Seekrankheit des Geistes erfaßte mich. +Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten +unter. Ich saß da nur einfach von Luftdrucksgnaden.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich das Gegenwärtige nicht so liebte, wenn ich +diese Liebe nicht hätte wie einen großen und sicheren +Fallschirm, ich wäre längst ins Bodenlose gefallen.</p> + +<hr/> + +<p>Da stamme ich nun von Malern — und muß den Zusammenbruch +der Natur als eines<i> Bildes</i> in mir erleben!</p> + +<hr/> + +<p>Ich bin wie einer, der ohne Führer, nur so nach Karten +und gelegentlicher Auskunft von Hirten und Wanderern +ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand ahnt, +mit was für Martern ich das oft zahlen muß und wie +mir ein schneller Tod oft göttliche Wohltat wäre. Nein, +mein ‚Dilettantismus‘ ist kein Spaß, keine Koketterie; +er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen; +denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis +fehlte es allezeit an jener letzten besten Energie, die +sekundieren muß, wo irgend etwas Großes auf Erden +werden soll.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist viel Glück in mir, Glück, das mir meine Grenzen +verschleiert und Glück, das sie mir ins Unbestimmte +hinausrücken zu dürfen scheint. Ich habe viel Talent +<a id="page-32"></a><span class="pgnum">32</span>zum Leben, — wenn das Leben nur mehr Talent zu +mir hätte. Aber manchmal weht doch ein Windstoß +alle die warme schützende Illusion fort und dann sehe +ich flüchtig meinen Umriß und — schaudere.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf +Erden und das bin ich selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. — Und +deshalb sollte ich eigentlich nicht mehr unter Menschen +und am wenigsten unter Freunde gehen: denn +sie wissen alle nicht, daß ich nur gastweise bei ihnen +bin und ihnen zuhöre, daß mir für vieles von ihrem +Leben und Treiben die letzte leidenschaftliche Aufmerksamkeit +verloren gegangen ist, als wäre ich ein +Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und großen +Musik zuhört — aber draußen vor der Türe steht heimlich +sein Weib und wartet auf ihn und vor lauter innerer +Unruhe hört er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt +kaum seine Zerstreutheit und mag manchem schärferen +Beobachter mit Recht als kein sehr fachmännisch +engagierter Zuhörer gelten.</p> + +<hr/> + +<p>Ich irre in diesen europäischen Ländern umher wie ein +Vogel in einem Treibhaus. Die Menschen glauben, +weil ich von einem Ort zum anderen reise, lebte ich +ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, daß mich +letzten Endes jeder dieser Orte enttäuscht — denn über +jeden ist der Fluch europäischer Zivilisation ausgegossen, +vor dem er vor hundert, ja vor fünfzig Jahren noch +verschont war. Die entsetzliche Nüchternheit der letzten +30, 40 Jahre kriecht einem überall nach, ja sie färbt +<a id="page-33"></a><span class="pgnum">33</span>auf einen selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos. +Denn wo kein Hotel ist, da ist kein Platz für +dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner schriftdeutschen +Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit +an die Großartigkeit unserer Epoche der Technik +geglaubt, aber jetzt fühle ich nur noch das Eine: daß +sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen gemein +macht.</p> + +<hr/> + +<p>Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen +erinnert mich an die Responsorien der katholischen +Kirche. Ich sehe die wohlgenährten Schwarzröcke vor +mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen +des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken +Kerzen und alten Gemälden.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe diesen Herbst mit Übeltaten angefangen. Ich +habe an zwei heißen Septembertagen fünf oder sechs +Wespen getötet, die in mein Zimmer gekommen waren +und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen +meine Gewohnheit und nur durch eine Unruhe und +Unbeherrschtheit zu erklären, die unter dem Einfluß +des Südwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen +überkommen hatte.</p> + +<p>Spätere Bemerkung:</p> + +<p>Ich weiß noch, wie mich damals besonders die ‚Dummheit‘ +der Tiere erregt hatte, die oft eine Stunde lang +an der Zimmerdecke hin und her und auf und ab irrten, +ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene +Balkontür wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen. +Übertragen wir diese meine Ungeduld und Unduldsamkeit +auf Götter und Menschen, so hätten diese Götter +<a id="page-34"></a><span class="pgnum">34</span>wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen +totzuschlagen.</p> + +<hr/> + +<p>Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den +ich hier ins träge Fleisch drücken könnte — und finde +ihn nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: +Aus Steinen und Holzstücken Häuser bauen, mit dürren +Zweiglein Straßen abstecken und Haine bilden, einen +Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und +einem Hirschkäfer und seiner Frau die Herrschaft über +das alles verleihen. Und dieses kleine Reich würde +mich glücklicher machen und meine Phantasie umständlicher +erregen und beschäftigen — als ein noch +so großes der Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit +35 Jahren, acht Tage am Strande von Sylt mit Bauen +und Zimmern einer Strandhütte verbracht und war +wohl selten so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen +Spiel.</p> + +<hr/> + +<p>Je älter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein +Wort vor allen: Grotesk.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich einen gemischten +Chor mit Orchester komponieren: den ‚Chor +der Genesenden‘, — und im Himmel selber sollte nicht +tiefer, inbrünstiger und süßer gesungen werden.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe +und kratzt nicht alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben +<a id="page-35"></a><span class="pgnum">35</span>oder getan. Glaubet nicht, daß in der Breite +meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich +sein kann.</p> + +<p>Ißt man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, +das Kerngehäuse, die Schale, den Stengel? Also lernt +auch mich essen und schlingt mich nicht hinunter mit +alledem, was nun zwar zu mir gehört und gehörte, +aber von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr +davon sollt wissen wollen. Laßt mein allzuvergänglich +Teil ruhen und zerfallen: Dann erst liebt ihr mich +wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr seid von hier, ich bin von dort.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr meßt jedem sein Maß Liebe zu: dem dreiviertel, +dem zwei Viertel, dem ein Viertel, dem nichts. Davon +verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen und meine +Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, daß Eure +sich spart und sperrt.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es +gibt fertigere Menschen denn mich, sicherlich ungezählte. +Aber keiner ist fertig, soll je fertig sein.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!</p> + +<hr/> + +<p>Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als +einen wehr- und hilflos dem Großen preisgegebenen +Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B. +wie eine Säure wirken, die mich für den Augenblick +völlig zersetzt. Oder ein Wort Nietzsches oder +Goethes.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-36"></a><span class="pgnum">36</span>An dieser meiner Lieblingsbank führt kein Spazierweg +vorüber, geschweige denn eine Straße, — nur ein schmaler +Wiesenpfad von zwei Spannen Breite. Da kommt +denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, — — Einsiedler, +Sonderlinge!</p> + +<hr/> + +<p><i>Ich sehe</i> mich selbst, schreibend zur Nachtzeit — im +Bett bei der Lampe, dies Büchelchen schreibend …</p> + +<p>Und all das bin Ich.</p> + +<p><i>Ich sehe.</i> —</p> + +<hr/> + +<p>Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem +richten muß, weil sie jeden Tag immer wieder von +neuem nachgeht.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der +Luft wie etwa drei glänzende glasklare Äpfel an einem +(unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen sich leicht im +Wind — und daran geht mir das Wesen alles Lebens +auf. Ich denke an Böhme und seine Lampe. Nach jenem +Vorgang — bewegtes All — erkläre ich mir, im Traum, +das ganze Leben. Das Ende ist mir leider entschwunden, +ich weiß nur, daß ich großer Klarheit genoß.</p> + +<hr/> + +<p>Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom +Sonnenschein meiner Kindheit lebe.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich mir je ein Haus baue, so muß es einen Hof +umschließen, in dessen Mitte ein riesiger Baum steht. +Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des +Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken, +vor ihm und über ihn …</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-37"></a><span class="pgnum">37</span>Über die äußere Technik zur Hervorbringung kontemplativer +Zustände mich unterrichten!</p> + +<hr/> + +<p>Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur +dann Privatkorrespondenz empfangen und beantworten. +(Private Ordensregeln.)</p> + +<hr/> + +<p>Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten +‚guten Handlung‘. Da bin ich eben bei einem Begräbnis +gewesen. Aber nichts von meiner ganzen Beteiligung +an diesem actus war anders als so gut wie nur +äußerlich, außer der ursprünglichen spontanen Regung +beim Empfang der Todesnachricht: Du willst diesem +Entschlafenen die letzte Ehre erweisen.</p> + +<hr/> + +<p>Schließlich und endlich: was vermisse ich unter meinen +Mitmenschen am meisten: Wirkliche,<i> wirkliche</i> +Phantasie.</p> + +<hr/> + +<p>Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung +des Lazarus gemacht .. Was ich hier will, ist +viel tiefer als ‚Kunst‘.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist es: Alle die andern beschäftigen sich mit +‚Gott‘. Ich wage zu sagen: Ich — bin — das, was +wir Gott nennen — selbst. Wer das versteht, aber +auch nur der, weiß, was ich meine, wenn ich von +‚meinem Ernste‘ spreche.</p> + +<hr/> + +<p>Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken +ausdrücken will) datiert nicht etwa vom August +1908, sie hatte sich mir schon lange vorher verraten. +<a id="page-38"></a><span class="pgnum">38</span>Ein äußeres Merkwort bedeutete für mich auf diesem +Felde eine gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes, +etwa im Vorfrühling 1907, über sich, Goethes Farbenlehre +und den Dualismus. Daß ein so tiefer Mensch +überall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich +überall Einheit fühlte, konnte ich nicht mehr vergessen. +Aber ich kam doch auch noch auf ganz andern +Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes +‚Du‘.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein +gebissen. Seitdem bitte ich jedes Brot vorher: enthalte +keinen Stein!</p> + +<hr/> + +<p>An M. a Jetzt fangen wieder diese großen herrlichen +Vormittage an, an deren spätem Ende ich, an allen +Fibern zitternd, den Mittagstisch aufsuche, um unwillig +und abwesend mein Essen beizunehmen, das +mich langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft. +Du kannst Dir keinen Begriff von diesem +inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen +ich oft kaum gewahr bin, so daß ich jeden Augenblick +und bei jeder Berührung durch irgend etwas, +einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie, +in Tränen ausbrechen möchte.</p> + +<hr/> + +<p>Man wird mich einst in manchem meiner Sätze zu +einem Eklektiker degradieren wollen, aber wenn ich +auch in nichts Bisheriges überschritten haben sollte: +Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, +wozu ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung +gekommen wäre und vieles fand ich und +<a id="page-39"></a><span class="pgnum">39</span>finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich für +mich allein zuvor besaß.</p> + +<p>Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher: +‚Darum lebt das ganze Universum, das Göttliche, +in jeder Individualität, als jede Individualität‘. +Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher +je zuvor näher kennen gelernt?</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum +Äußersten gehen. Wenn Ihr aber sagt: Dagegen +wendet der Politiker dies ein und dagegen der Historiker +dies und dagegen der Nationalökonom dies, so erwidere +ich: Laßt auch sie ihr Fach bis zum Äußersten +treiben. Ihr Fach ist der Mensch in irgend einer +sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der +Mensch als inkommensurables Wesen.</p> + +<hr/> + +<p>Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, +den Bedürfnissen nachzuspüren, woraus ihre Werke +entsprungen sind, als diesen Werken selber. Bei mir +mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch +das Auge ein.</p> + +<hr/> + +<p>Ich weiß mich merkwürdig frei von jeder ‚romantischen +Sehnsucht‘, ich fühle im Durchschnitt meines Wesens +brüderlich zum Leben als etwas, dem ich nichts hinzuzufügen +brauche und das mir nichts hinzuzufügen +braucht. Darum vermag ich mich auch rein an ihm +zu freuen, wo es Freude erweckt, darum wendet sich +<a id="page-40"></a><span class="pgnum">40</span>mein Schmerz über das Leid der Welt gleich bis in +seinen Grund zurück.</p> + +<p>Kein<i> Anders</i>-Sein wollend, sondern das Sein in seinem +Kern und Wesen anklagend und in Frage stellend.</p> + +<hr/> + +<p>An Steiner</p> + +<p>Glück in medias res.</p> + +<p>Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und +glaubte kaum noch, daß es nun noch wesentlich heller +für mich werden könnte. Ich sah überall das Licht +Gottes hervordringen, aber ..</p> + +<p>Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten +letzten Augenblick ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr — einen +neuen Tag.</p> + +<hr/> + +<p>Ich werde noch manches veröffentlichen müssen, was +einer früheren Entwickelungsstufe als meiner jetzigen +angehört, denn ich darf niemanden über den Weg betrügen, +den ich gegangen bin.</p> + +<hr/> + +<p>Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!</p> + +<hr/> + +<p>Immer bewußter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde +und Flackernde in mir überwinden. An jeden +guten Gedanken, jede gute Empfindung einen Stein +hängen, sie verankern. Damit zusammenhängend: Seßhaft +werden, Tempobändigung, Tempobeherrschung.</p> + +<hr/> + +<p>Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter — 42?</p> + +<hr/> + +<p>Ich widerrufe alles Harte und Böse, was ich je in meinen +Worten oder Briefen gesagt habe.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-41"></a><span class="pgnum">41</span>O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer +wieder absinken. Züchte doch den<i> Willen</i> in dir, du +ewiger Wanderer<i> ohne Stab</i>.</p> + +<p>Man soll mich als einen malen, der<i> ohne Stab</i> einen +Berg erklimmt. Der Dämon seiner eigenen Schwäche +hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, — aber am +Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er +auch wie tot daliegen mag.</p> + +<hr/> + +<p>Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, +sondern um meiner Liebe zum Menschen willen.</p> + +<hr/> + +<p>Einem Menschen wie mir genügt es nicht, Ein Mal +das Richtige zu erkennen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich möchte gern auch noch zu äußerem Wirken gelangen. +Ich möchte mein Berlin als geistiges Staatskunstwerk +zum Ziel machen.</p> + +<hr/> + +<p>In alles und jedes einfließen lassen einen höheren Geist!</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Ich träumte mir die Kraft eines Zukünftigen, —<i> meine</i> +Zukunft und ließ, als ich vom Haus der lieben Freunde +dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer eine Rose +zurück, geschaffen durch den Willen meiner Liebe.</p> + +<hr/> + +<p>O meine Hand, du seltsames Geschöpf, du warst mir +immerdar ein Angelhaken der Meditation. Wenn ich +in deine Schale blicke, meine ich ein Geistgebilde zu +schauen.</p> + +<hr/> + +<div class="indent"> +<p><a id="page-42"></a><span class="pgnum">42</span>Bild meines Lebens.</p> + +<p><i>Stiel</i>: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch +innere Krankheit.</p> + +<p><i>Schale</i>: Öffnung durch Johanneisches.</p> + +<p><i>Blut</i>: Erfüllung.</p> +</div> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters +ist die<i> Frau</i>.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich +ein Stück Berglehne abbricht und zerbröckelnd in die +Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch fühlt man's in sich +und frohlockt, daß das Massiv der Blindheit, die wir +sind, wieder um etwas kleiner geworden ist.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gespräche +führen. Beides verflacht mich und läßt mich in einem +Zustand zurück, dessen Unerquicklichkeit ich niemandem +wünsche.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Sprich du zu mir, mein höher Du!<br/> +Ich will mich ganz in dich verhören.</p> + +<hr/> + +<p>Großer philosophischer Moment während des Vortrags +vom 27. August 1913: ich sah einen Augenblick lang +den Menschen (Steiner) als reinen, bewußten<i> Willen</i>, +sich allein durch ein ungeheures göttliches Vorwärts-<i>Wollen</i> +im Leben und als solches Leben behauptend.</p> + + + + +<h2><a id="page-43"></a><span class="pgnum">43</span>Natur</h2> + + +<h3>1892</h3> + +<p>Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund +des Luftmeeres) — Vineta.</p> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Die Sterne lauter ganze Noten.</p> + +<hr/> + +<p>Der Quellnixe wehendes Fontänenhaar.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Der Zypressen grüne Obelisken.</p> + +<hr/> + +<p>Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach +sich erwecken.</p> + +<hr/> + +<p>Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen ganz +winzigen Lärm machen, der durch feinste Instrumente +aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und Experiment) +zu enträtseln wäre.</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Rhythmisch bewegte Luft ist gewissermaßen farbige +Luft. Wirkung der Glocken.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>Warum sind Hügel schöner als Berge? Weil sie +den Begriff des Gebirges gegenüber der Ebene, +diese beglückende Naturbrechung und Erhöhung des +Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren +als die starren Felsberge, die mehr bloß Begriffliches +sozusagen, weniger Gefühlswarmes an sich +haben.</p> + + + +<h3><a id="page-44"></a><span class="pgnum">44</span>1905</h3> + +<p>Die Natur kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.</p> + +<hr/> + +<p>Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: ‚Wie? +Sie bedauern den Tod eines Seehunds? Ausrotten müßte +man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie seien nützlich? +Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz +schädliche, unnütze Geschöpfe!‘ Ich dachte an die +feuchten dunklen Augen der gutmütigen Tiere und +sie erschienen mir weit liebenswerter als diese Anschauungen +eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses +Räubertum als Mensch so ganz und gar von selbst +verstand.</p> + +<hr/> + +<p>Mir genügt zur Zeit das Schwatzen der Seevögel, das +leise Sich-Wiegen des stachlichen Strandhafers, ein +wenig durch die Finger rinnender Sand und die graublaugrüne +Fläche vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.</p> + +<hr/> + +<p>Die Verschwendung der Natur ist zu groß. Und das +ist das Bitterste: Unsere anklagenden Gedanken, und +seien sie noch so erhaben, sind nur wie namenlose +gleichgültige Vögel, die gegen ein kristallumpanzertes +Feuer prallen, um ohnmächtig und ruhmlos in die +Nacht hinabzufallen, vertan, verschwendet wie das +Wesen das sie gebar.</p> + +<hr/> + +<p>Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand +gewühlten Mulde beobachte, kommen mir einige der +tragischsten Eindrücke meines Lebens ins Gedächtnis. +Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, +<a id="page-45"></a><span class="pgnum">45</span>und was hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische +Wirklichkeit. Von den mächtigen Gewölberesten +rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes +Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind +sich stärker erhob, flog wohl auch ein größerer Stein +polternd in die Tiefe. Es war ein unheimliches und +erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit, dem der +gefährdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das +Totenraunen einer Kultur, das vielleicht noch währen +wird, wenn der Petersdom das seinige anheben sollte. +Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit +ihren ewigen Steinschlägen, in denen ihre Gipfel nach +und nach herabzukommen scheinen.</p> + +<hr/> + +<p>Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, +ihr lieben fernen Berge.</p> + +<hr/> + +<p>Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der +durchsichtige Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine +Landschaft hinausgeht und in dem sich zugleich Gegenstände +unseres Zimmers spiegeln.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Wie können Baumwipfel wie ein Mädchen aussehen, +ja mehr noch: seinen ganzen Charakter zu enthalten +scheinen? Und doch ist es manchmal so.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe heute ein paar Blumen für dich<i> nicht</i> gepflückt, +um dir ihr — Leben mitzubringen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich höre einen Vogel fortwährend ‚Chi—rur—gie‘ +flöten.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-46"></a><span class="pgnum">46</span>Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schön +sind in ihrer jungen Natürlichkeit und Zärtlichkeit +zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen kann +reizender aussehen, als wenn das Männchen dem +Kameraden mit seinem Auge folgt oder wenn das +Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den +Rücken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedürfnis. +Und welches Wohlgefühl des Lebens, wenn sie so, +die Nase dicht am warmen Moos, die sonnendurchwärmte +Waldluft einsaugen mit ihren vielfältigen +Reizen, von denen wir nur einen groben Begriff +haben. Und welches stets rege Interesse für alle die +kleinen und großen Töne, die eine Landschaft fortwährend +erfüllen und beleben.</p> + +<hr/> + +<div class="indent"> +<p>Gebell eines ‚Achtung‘-Hundes:</p> +<p>Nervosität durch Geschrei von Kindern</p> +<p>Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman)</p> +<p>Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)</p> +<p>Beschimpfung (da nichts erfolgt)</p> +<p>Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)</p> +<p>Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)</p> +<p class="center">(er teilt die Sache der Außenwelt mit)</p> +<p>Quittungen über vieles</p> +<table summary="Rivalität / Solidarität mit andern Hunden"> +<tr> +<td>Rivalität</td> +<td rowspan="2"><span style="font-size: 200%">}</span></td> +<td rowspan="2">mit andern Hunden</td> +</tr> +<tr><td>Solidarität</td></tr> +</table> +<p>Grundloser Unwille</p> +<p>Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.</p> +</div> + +<hr/> + +<p>Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man +lernt sie nie aus. Jeder und jede vermögen unter +<a id="page-47"></a><span class="pgnum">47</span>Umständen alle Phasen von der ärmlichsten Häßlichkeit +bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.</p> + +<hr/> + +<p>So schimmert ein Birkenwäldchen durch Kiefern, wie +deine ferne Jugend in und durch meine Gedanken.</p> + +<hr/> + +<p>Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit. +Darum wird sie der Mensch immer mehr +lieben, je feiner und beweglicher er werden wird. Sie +gibt ihm die großen Züge, die weiten Perspektiven +und zugleich das Bild einer bei aller unermüdlichen +Entwickelung erhabenen Gelassenheit.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein seltsames Gefühl, senkrecht in die Erde zu +unseren Füßen hineinzudenken. Man kommt nicht +weit, die Phantasie erstickt buchstäblich.</p> + +<hr/> + +<p>Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, +als den uns bekannten. Das wissen wir und +doch spielen wir damit, in einer Landschaft Geheimnisse +zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau +kennen.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand +ich die süßen Berge.</p> + +<hr/> + +<p>Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühlung aber, +der nicht mehr kommen<i> mußte</i>, der nur so aus überirdischer +Gnade noch einmal gekommen ist, der ist +nicht mit Namen zu nennen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-48"></a><span class="pgnum">48</span>Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe +Beruhigung, die er dem Menschen gibt? Darauf wohl +zumeist, daß uns in ihm eine unübersehbare Anzahl +pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, +die Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit +äußerster Zweckmäßigkeit vereinen. Der Stamm einer +Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich gefestigter +Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts +zu stören oder gar zu brechen vermag, offenbart sich +in ihm. Ihre Äste, Zweige und Nadeln aber strahlen +mit solch äußerster Zweckmäßigkeit rings von ihm +aus, stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln +einen so weise der Außen- und Umwelt eingepaßten +Körper dar, daß man begreift: hier liegt die<i> Lösung +eines Problems</i> vor, an der vielleicht unermeßliche +Zeiten gearbeitet haben.</p> + +<hr/> + +<p>Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.</p> + +<hr/> + +<p>In der Katze hast du Mißtrauen, Wollust und Egoismus, +die drei Tugenden des Renaissance-Menschen +nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich +möchte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund +ist dagegen gläubig, selbstlos und erotisch kulturlos. +Unsere heutige Zivilisation nähert sich mehr +der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich +gegen die Katze gerichtet. Man darf nach +dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen +erwarten.</p> + +<hr/> + +<p>Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-49"></a><span class="pgnum">49</span>Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als +die des Menschen. Der Mensch wäscht sich, kämmt sich, +bürstet und klopft seine Kleider, er entledigt sich, mit +einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser, +der Luft, der Erde zurückgibt. Die Katze hingegen +schleckt ihn mit unermüdlicher Zunge in sich auf, +verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn — aber im fruchtbarsten +Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches +Leben mit hineinnimmt.</p> + +<hr/> + +<p>Du hast einen Großstadtwinter umsonst den Anblick +einfacher, natürlicher Anmut ersehnt. Drehe dich um. +Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren Divan eine +etwa einjährige Katze, die dich dann und wann besucht, +um sich dort eine halbe Stunde umständlich +zu putzen und dann eine zweite halbe Stunde voll +tiefen Behagens zu schlummern, — und du siehst was +du suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewußter +Natur.</p> + +<hr/> + +<p>Eine der größten Unverfrorenheiten des Menschen +ist, dies oder jenes Tier mit Emphase falsch zu nennen, +als ob es ein annoch falscheres Wesen gäbe, in seinem +Verhältnis zu den andern Wesen, als der Mensch!</p> + +<hr/> + +<p>Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, +mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges vor uns +sehen, das nur von außen her zerstört werden kann, +nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem +Herzen sterben und das Gras nie seinen +Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche +Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie +<a id="page-50"></a><span class="pgnum">50</span>fallen sich nicht selbst in den Rücken, wie der +Mensch mit seinem Geist und ersparen uns damit +das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen +Lebens.</p> + +<hr/> + +<p>Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer +gemäßigten, sehr gemäßigten Landschaft zu leben, da +man doch nur den Blick zu erheben braucht, um ins +völlig Ungemäßigte zu stürzen, und nur die Gedanken, +um zu fühlen wie wenig es verschlägt, im wilden +Ozean des ewig Ungewissen auf einem gehobelten +Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu +treiben.</p> + +<hr/> + +<p>Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere +Verehrung gezollt werden; als der einzigen sichtbaren +Schranke, die den Menschen vom unendlichen Raum +trennt, als der gnädige Vorhang vor der offenen vierten +Wand unserer Erdenbühne.</p> + +<hr/> + +<p>Merkwürdig, zu fühlen, wie man auf diesem seinem +Erdboden nicht viel anders festgehalten wird, als jene +kleinen Saugnäpfchen aus Gummi, die man an die +Wand preßt, um Uhren und Schlüssel dran aufzuhängen.</p> + +<hr/> + +<p>Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze +erleuchtet, gegen den Nachthimmel. Vision eines +geisterhaften Planeten in nächtlicher Dämmerung.</p> + +<hr/> + +<p>Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und +Wärme in seinen Händen, auf seinen Armen sucht, +<a id="page-51"></a><span class="pgnum">51</span>so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und Wärme +in jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den +wir Natur nennen.</p> + +<hr/> + +<p>Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer +wieder. Wehe, wenn er als Mensch in dem unseligen +Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur zerstört +haben wird.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre, +müßte über ihr den Verstand verlieren. Das Wunder +eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu vernichten.</p> + +<hr/> + +<p>Ich glaube, wer blind wäre, müßte die Pflanzen viel +besser verstehen.</p> + +<hr/> + +<p>Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie läßt sich Gott +gefallen. In der Blume, als Blume träumt er seinen +schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kenne keine ‚getrennten Gebiete‘. —</p> + +<hr/> + +<p>Wie schön wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt +sie immer ein wenig komisch. Mit den Küchlein an +sich aber rückt sie für mich unter — Sternbilder.</p> + +<hr/> + +<p>Eine schöne stattliche weiße Kuh mit geschwungenen +Hörnern und einer großen sonoren Glocke — das ist +schon ein Symbol, für den Gottesdienst eines Volkes.</p> + +<p>Oder ein Stier ..</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-52"></a><span class="pgnum">52</span>Wer mag wissen, was Glockengeläut z.B. in den +Vögeln für eigentümliche, dunkle Gefühle auslöst. Ob +sie sich da nicht momentweise auch ‘über sich selbst +erheben‘, nur so in einem dumpfen Drang …</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt — und +ein gehorchender treuer, bei allem Feuer durch innere +Gesetze gezügelter Hund — zwei Stufen Gottes auch sie.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ergötzlich zu beobachten, wie Wespen und +Ameisen von der Zudringlichkeit und Dickfelligkeit +der Fliegen genau so wie wir Menschen gestört und +irritiert werden.</p> + +<hr/> + +<p>Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum +Gefühl seiner selbst kommen! Wie wunderbar ist eine +Birke im Sturm! Wie göttlich graziös! Wie unsagbar +malerisch!</p> + +<hr/> + +<p>Lärchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!</p> + +<hr/> + +<p>Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig +und nicht fröhlich, wir sind fest.</p> + +<hr/> + +<p>So ein Spinnentüchlein voll Regentropfen — wer macht +das nach?</p> + +<hr/> + +<p>Wenn man berechnet hat, daß die Erde unter dem +Einfluß des Mondes ihre Ebbe und Flut hat wie das +Meer, so frage ich, warum nicht auch das menschliche +Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-53"></a><span class="pgnum">53</span>Die Luftschiffahrt wird dem religiösen Genie der +Menschheit neue Nahrung geben. Zu den großen Beförderern +kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und +Wüste wird nun noch der Luftraum kommen.</p> + +<hr/> + +<p>Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter +Gestirne wohl selten über ein gewisses Maß +von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch — Landschaft, +ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!</p> + +<hr/> + +<p>Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie +ein Mensch, dem du gegenüberlebst. Dies wirst du am +deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer +gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, +den eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat. +Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenwärtigen +betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angehören +könnte, — so daß dir eine Weile so unheimlich +zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden +oder gar Verstorbenen zu halten, während es +doch, wie du weißt, die des dir Gegenüberstehenden ist.</p> + +<hr/> + +<p>Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft +und das Meer so gründlich durchforscht haben wird, +daß man dazu übergeht, in irgend einer Ebene oder +Wüste einen Schacht anzulegen, durch den Generation +um Generation mit allen ihr zu Gebote stehenden +Mitteln tiefer unter die Erdoberfläche eindringt.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Darum ist die Natur so tieftröstlich, weil sie schlafende +Welt, traumlos schlafende Welt ist. Sie fühlt nicht +<a id="page-54"></a><span class="pgnum">54</span>Freude, nicht Schmerz, und doch lebt sie vor uns und +für uns ein Leben voll Weisheit, Schönheit und Güte. +So schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren +auch wir einst wieder zurück, nur mit dem Unterschiede, +daß dann dies ganze Über-Glück, Über-Leid uns +bewußt sein wird und daß wir dann auch keine Träume +mehr brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Das Kleine in der Natur ist gewöhnlich größer als +‚das Große‘. Denn das Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, +wo das Große nur Götterwerk.</p> + +<hr/> + +<p>Überall, überall liegen Keime des Lebens — darum — und +nun kann man auf zweierlei Weise fortfahren: — tue +ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder: sorge nicht +allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf +Schritt und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert.</p> + +<hr/> + +<p>Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll +genug, du träumst von den Anden, vom Kaukasus, +vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die Seele +ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu +empfinden. Sind nicht alle diese Berge gleiche Klippen +der großen blauen, strahlenden Geister- und Gottes-See, +auf die immer wieder hinzublicken, ja, die früher +oder später mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung +und Freiheit ist?</p> + + + +<h3><a id="page-55"></a><span class="pgnum">55</span>1913</h3> + +<p>Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn für +Wirklichkeit. Man erwäge nur etwa den gewöhnlichen +Standpunkt der Sonne gegenüber. Heißt das Wirklichkeitsempfinden, +von einem solchen Phänomen ein Leben +lang nicht anders berührt zu werden, wie es gemeinhin +zu geschehen pflegt? Oder schauen nicht vielmehr +die Menschen die Sonne noch gar nicht?</p> + +<hr/> + +<p>Auch der Baum, auch die Blume warten nicht bloß +auf unsere Erkenntnis. Sie werben mit ihrer Schönheit +und Weisheit aller Enden um unser Verständnis.</p> + +<hr/> + +<p>Hast du noch nie empfunden: es muß anders werden! +Wenn du z.B. im Walde saßest und die lieben Bäume +und Gräser um dich herum sahest, von denen dich doch +so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was +waren sie eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der +Punkt, in dem ihr euch brüderlich treffen konntet, +nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite, sondern +euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend? +Wäre es nicht unsinnig, wenn es in einer Welt, +so weit und verschwenderisch angelegt, immer so bliebe, +nie anders würde? Muß es nicht anders werden? Und +löst diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir, +das sagt: Ja, es muß besser werden, und ich will Tag +um Tag dem Geist und den Geistern der Dinge entgegengehen, +sind sie doch gewiß auch schon längst +auf dem Wege zu mir.</p> + + + +<h2><a id="page-56"></a><span class="pgnum">56</span>Kunst</h2> + +<h3>1891</h3> + +<p>Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch — das +ist höchste Kunst.</p> + + +<h3>1892</h3> + +<p>Es ist etwas Jämmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. +Was helfen da Mai und Nachtigallen und Mondscheinnächte. +Trauriger Zustand.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr fürchtet, daß die Umsturzepoche, vor der wir zu +stehen glauben, alle Kunst und Poesie, alles Schöne +und Wertvolle im Leben vernichte?</p> + +<p>Ich fürchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertrümmert, +jedes Kunstwerk verbrannt, jedes Saitenspiel +zerschmettert werden, das unantastbare Saitenspiel, +das Menschenherz, wird nie aufhören, von den ewigen +Melodien zu tönen, die der Geist der Welten ihm +zuhaucht.</p> + + +<h3>1894</h3> + +<p>Alle wahrhaft großen Dichtungen sind Variationen +zum Schicksalsliede, seien es Maestosi, Allegri oder +Scherzi.</p> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, +neue Mythen zu schaffen, und wir wollen +ihnen schon vorarbeiten.</p> + +<hr/> + +<p>Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die +Erinnerung aber ist selbst etwas Dichtendes, künstlerisch +Zusammenfassendes und Auswählendes.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-57"></a><span class="pgnum">57</span>Ein Dichter muß 77mal als Mensch gestorben sein, +ehe er als Dichter etwas wert ist.</p> + +<hr/> + +<p>Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein +so großrednerisches Moment in sich, daß er uns Modernen +meistens geradezu unmöglich wird, da wir in +tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind, +wahr zu sein, redlich vor allem in der Wiedergabe +unserer Stimmungen und inneren Erlebnisse.</p> + +<hr/> + +<p>Höchste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster +Natur — — — — eine Durchgeistigung der +Realität auf allen Punkten, künstlerischer Polytheismus +(im Sinne der Kunst), das meine ich, muß das +Programm der Zukunft, unserer Zukunft sein. Der +Sieg des menschlichen Geistes über die Außenwelt +muß vollkommen werden.</p> + +<hr/> + +<p>Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, +um so mehr ist es bei sich selbst<i> daheim</i>. +Daher der Zauber des<i> mittelalterlichen</i> Stils, daher +heute unsere Heimatlosigkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, +müßten wir eine einheitliche Weltanschauung haben.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen Kähne +vorüberschleppen sehe, muß ich immer an den Dichter +und das Publikum denken.</p> + +<hr/> + +<p>Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der +Wellen, durch die uns alles Außen vermittelt wird.</p> + +<p><a id="page-58"></a><span class="pgnum">58</span>Oder auch:<i> Schön</i> ist eigentlich alles, was man mit +Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto +schöner wird er sie finden.</p> + +<p>Gesetzt also, es gäbe einen Gott, so wäre sein Glaube, +die beste aller Welten vor sich zu haben, verzeihlich.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn +es den Menschen, so wie er heute ist, sich selbst unerträglich +macht. Ibsen. Hauptmann.</p> + +<p>Kritik oder Beispiel — naturalistische oder idealistische +Kunst.</p> + +<p>Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung. +Der Naturalismus nur ein Stadium, kein Ziel.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn heute wieder ein Schubert geboren würde, +würde er eine Mission mehr haben, nämlich, nur<i> Texte</i> +zu komponieren, die Kulturwert haben.</p> + +<hr/> + +<p>Die Orgel, das Instrument der Zukunft.</p> + +<hr/> + +<p>In einem Philharmonischen Konzert:</p> + +<p>Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur +empfunden. —</p> + +<p>All-Genuß.</p> + +<p>Mir ist, ich wäre ein Adler und trüge mich selbst und +meine Last dünkte mir köstlich und ein tiefes Wohlgefühl +durchströmte mich.</p> + +<hr/> + +<p>Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von +Landschaften fortwährender Vergleichs-Standpunkt. +Wie es in der Musik heißt, daß der ein Dilettant sei, +<a id="page-59"></a><span class="pgnum">59</span>der beim Anhören eines Musikwerks in lauter Reminiszenzen +aufgeht.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr wißt ja alle nicht, was Schaffen heißt. Ein Bild +malen, ein Gedicht machen? Nein! Seine ganze Zeit +umgestalten, ihr das Gepräge seines Willens aufdrücken, +sie mit seiner Schönheit erfüllen, sie überwältigen und +unterwerfen mit seinem Geiste.</p> + +<hr/> + +<p>Der Krug des Nichts, aus dem alle Künstler schöpfen.</p> + +<hr/> + +<p>Schopenhauer nennt das bloße intellektuelle Anschauen +die höchste Seligkeit, weil hier der schaffende Wille +ganz schwiege. Als ob Schauen nicht schon Schaffen +wäre!</p> + +<hr/> + +<p>Den Ästhetikern:</p> + +<p>Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwört nicht ewig +die Toten gegen uns.</p> + +<hr/> + +<p>Vor einer roh gefügten Gebirgsbach-Brücke:</p> + +<p>So müßte sich jeder Architekt vor die roheste natürlichste +Form der Menschenarbeit hinstellen und an +diesen Balken und Brettern seine ersten Kunstgedanken +auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als +Bedürfnis empfinden müssen und würde so gewiß zu +originellen Gedanken gelangen, deren Regulativ dann +das Studium der Vergangenheit sein könnte.</p> + +<hr/> + +<p>Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame +Zunft der Lyriker, die in deine Flocken starrt, +dich grüßend zu besingen. Welche Dekadenz, diese +<a id="page-60"></a><span class="pgnum">60</span>unpoetische Reflexion über deine himmlischen Dekadenzen, +lieber trauter Schnee.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, daß der Dichter +nicht — gleich dem Musiker — den Teilen seiner +Werke hinzufügen darf, in welchem Tempo er sie +genommen wissen will.</p> + +<hr/> + +<p>Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor +meinem Fenster), das mit seinem freien Ende im Wasser +liegt, so daß es für den stärksten Windstoß zu schwer +wird, es als Fahne auszurollen: Bild für ein Künstlerschicksal.</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!</p> + + +<h3>1901</h3> + +<p>Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen +großen Menschen, die das Ja- und Amen-Lied im +Herzen tragen, das Drama des Mittags, der Sonnenhöhe, +‚da alle Dinge rund und vollkommen‘ geworden +sind.</p> + +<hr/> + +<p>Was soll uns Tragödie heißen und als tiefste Erregung +von der Bühne herab gelten? Die Darstellung des +wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine tragische +Erscheinung ist, weil in allem menschlich Großen +neben der großen Freude auch der große Schmerz +wohnt, weil in jedem ungemeinen Schicksal das Ja +und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen +erklingt, weil der große Mensch eine Abbreviatur des +<a id="page-61"></a><span class="pgnum">61</span>ganzen Weltgeheimnisses ist. Die Tragödie ist der +tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von +Zeit zu Zeit erschüttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst +in all dem uns überbrausenden Alltag.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unmännlich, +besonders aber Dichten und Musizieren. +Daher Nietzsches Vorliebe für Horaz als einen sehr +männlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor +allem als Mathematiker, Goethes: recht sehr als Staatsminister +zu gelten.</p> + +<hr/> + +<p>Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in +ihnen. Ihr Geheimnis ist, daß sie nicht nur selber +Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben, das sich +mit ihnen vermählt, zum Kunstwerk machen, indem +sie es zu einem Bilde abtönen und feierlich umrahmen. +Betritt die schlimme römische Sinnenfängerin Gesù, +wann immer du willst, oder die ehrwürdige Ara Coeli +oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, +Gesten, Mienen, welche gehaltenen und tiefen Ausdrücke +des Individuums, welche stets bedeutenden<i> Bilder</i>! Gewiß, alles, was die Menschen zu einem +bestimmten Zwecke sammelt, vereinigt sie so mit sich +zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der Bahnhof, +die Kaserne, das Schiff, eine Straße, ein Kornfeld im +Herbst — aber wohl nichts bietet so die Gewähr eines +künstlerisch abgeschlossenen und abgerundeten natürlichen +Lebensgemäldes, wie die Kirche, nichts distanziert +sich und seine Gemeinde mit soviel Glück vom +kunstarmen Alltag wie sie.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-62"></a><span class="pgnum">62</span>Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle +Dinge vom Standpunkt des Malers aus zu betrachten.</p> + +<hr/> + +<p>Für Porträtmaler.</p> + +<p>Wer einen Menschen recht erfassen will, muß ihn +sehen, wenn er vom Schlaf aufwacht, mit wirrem +Haar, die Züge und Glieder noch halb gelöst, noch +halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne +Namen, ohne Beruf — wenn auch mit all dem Bedeutenden, +wodurch ihn das Leben bereichert hat. +Zudem gibt es nichts, das malerischer wäre, als ein +Mensch in Trikot oder langem, fließendem Hemd, +ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim +Abtrocknen nach dem Bade, beim Kämmen und Bürsten +der Haare. Auch gebe ich allen Bildhauern und +Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen geräumigen +Krug mit beiden Armen unter die geöffnete +Brause emporhalten zu lassen. Es ergeben sich da +durch die zunehmende Schwere des Krugs eine Reihe +interessanter und charakteristischer Phasen, von der +ungezwungensten Pose bis zur angespanntesten.</p> + +<hr/> + +<p>Zu Fürsten:</p> + +<p>Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt +euch unter die gewöhnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft +zu gewinnen, sucht so reden zu lernen, daß sie +euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den verschiedensten +Handwerkern, auf die Werften, in die +Fabriken, in die Bergwerke; lernt vom Volk und für +<a id="page-63"></a><span class="pgnum">63</span>das Volk, seht zu, daß was und wie ihr dann schreibt, +jedem verständlich sein könne, der den guten Willen +für euer Verständnis mitbringt. Laßt euch Jahre eures +Lebens in einsamen Dörfern nieder, im deutschen Gebirge, +an den Küsten, auf Inseln. Laßt euch vom glatten +charakterlosen Großstädter nicht das Bild des Menschen +fälschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter +die Schale dringen kann. Denkt an Luther, wie er +herumging in allen Werkstätten, um sich die Sprache +für seine Bibelübersetzung zu bilden, wandert, soviel +ihr könnt, werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle +Literaten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft +eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und Zeitschriften +holen, die sich ästhetisch anregen lassen, statt +immer wieder auf den Grund des Lebens zu gehen.</p> + +<hr/> + +<p>Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick +gerichtet — — —</p> + +<hr/> + +<p>Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick +wahr.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein erheiternder Gedanke, daß es Schönes und +Häßliches nur im Gehirn des Ästhetikers gibt. Von +‚der Darstellung des Schönen‘ zu reden — welch eine +Einfalt! Es gibt nichts ‚Schönes‘ darzustellen, weil +es nicht hier und dort etwa herumliegt, sondern in +jedem Augenblick erst<i> erschaffen</i> werden muß. Und +wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist doch +schön! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen +die Schönheit der Rose im Moment Ihres Schauens +und das fällt Ihnen leicht, denn Milliarden haben sie +<a id="page-64"></a><span class="pgnum">64</span>vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die +Schönheit, welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht +mit der messen können, die ein wahrhaft schöpferisches +Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken wird, +weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.</p> + +<p>Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen — nachgeschaffenen — Schönheit +als von Schönheit überhaupt +reden, so drängen Sie damit Ihren sehr mittelmäßigen +schöpferischen Geist der Welt und vor allem +den Künstlern wie ein Joch auf, unter das man sich +beugen müsse: als dürfe nur ebensoviel Schönheit erschaffen +werden, als Ihnen zu schaffen möglich ist. +(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen +von der Schönheit nichts, so wenig wie irgendein +andrer. Sie wissen nur von der von<i> Ihnen</i> geschaffenen +(meist nachgeschaffenen) Schönheit. Auch wir Künstler +wissen nicht, was ‚die Schönheit‘ ist, aber wir vermehren +sie als von Natur aus stärker empfindende, +zeugende, als die am weitesten vorgestreckten Fühler +des Menschen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt zwei große Gruppen produktiver Naturen: +die mehr lehrhaften und die mehr unmittelbaren. Man +soll sie, man muß sie beide gelten lassen und ihnen +das ‚und‘ nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, +Shakespeare und Ibsen, Monet und Böcklin, Rodin +und Klinger ergibt sich das ganze Bild unserer Kunst<ins>.</ins></p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Es ist so plump von Künstlern und Dichtern, sich +geradezu ans Geschlecht zu wenden. Als ob man sich +ans Geschlecht erst wenden müßte.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-65"></a><span class="pgnum">65</span>Wenn das Individuum — wie Hebbel sagt — letzten +Endes komisch ist — und es ist komisch —, so ist die +Tragödie die höchste Form der Komödie.</p> + +<hr/> + +<p>Alle Kunstform borniert.</p> + +<hr/> + +<p>Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus +lebendigen Blumen.</p> + +<hr/> + +<p>Ein Künstler muß seine Weisen eigentlich immer einer +Geliebten ins Ohr spielen.</p> + +<hr/> + +<p>Chopin ist immer Mann oder doch Jüngling, Beethoven +hat noch das Kind vor ihm voraus — und seiner ist +darum nicht nur das Erden- sondern auch noch das +Himmelreich.</p> + +<hr/> + +<p>Kunst ist nicht ein Stück Welt im Spiegel eines Temperaments, +sondern — ein (Stück) Temperament im +Spiegel des Bewußtseins.</p> + +<hr/> + +<p>Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das +sind die schöpferischen Geister und Bienen, die andern, +die daraus Honig sammeln.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>In jedem Kunstwerk ist der Künstler selbst gegenwärtig. +Wir spielen und hören in<i> Wahrheit</i> Beethoven, +sehen Lionardo, lesen Goethe.</p> + +<hr/> + +<p>Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-66"></a><span class="pgnum">66</span>Musik — gesanggewordener Mensch und somit seine +für uns vielleicht höchste Erscheinungsform. — Ein +altes Bild: Der Gesang der Engel vor Gott: umgedeutet: +Menschen vor Gott (der überall) zu Lied, zu +Gesang geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der +in unser aller) und zu Gottes (der in unser aller) Preis +unaufhörlich tönend — Beethoven, ein Gesang Gottes +vor sich selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Das willkürliche Abbrechen von bedeutenden Musikstücken +ist deshalb oft so schmerzlich, weil da nicht +nur Musikstücke, sondern — Menschen abgebrochen +werden.</p> + +<hr/> + +<p>Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert +mit edler Musik.</p> + +<hr/> + +<p>Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, +Natur) — ein weiterer Schritt der Erde zur +Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen, +sondern um zu —<i> zeigen</i>.</p> + +<hr/> + +<p>Jeder Künstler tötet zehn folgende (Dilettanten).</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, +dessen Vorwurf der Kampf zwischen der Newtonschen +und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die Farben +treten auf und suchen umsonst das weiße Tageslicht +in gemeinsamer Aktion zusammen hervorzubringen. +Schließlich erscheint das eine weiße ungeteilte und unteilbare +<a id="page-67"></a><span class="pgnum">67</span>Sonnenlicht in Gestalt eines weißgekleideten +Weibes und entlarvt dieses ganz anmaßende Unterfangen +als Betrug und Selbstbetrug.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Wenn mich nicht alles trügt, so stehen wir dicht vor +Künstlergenerationen, die sich des ganzen irdischen +Lebensstoffes noch ganz anders bemächtigten werden +als die bisherigen.</p> + +<hr/> + +<p>Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen +hinab lieb und ihr werdet bis in eure unscheinbarsten +Bewegungen hinab unbewußt von ihm +zeugen.</p> + +<hr/> + +<p>Allzuviel Lyrik frißt die gesunde Natur des Dramas +an und nimmt ihm, in einem ganz hohen Sinne, seine +natürliche Sittlichkeit.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Schönheit ‚an sich‘? Nein, Schönheit, die über sich +hinausweist.</p> + +<hr/> + +<p>Die neue — die christliche — Tragödie wird überall +erst möglich sein, wenn der Mensch mehr und mehr +aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die Tragik +seiner dann endlich überschauten und klar gewordenen +Entwickelung sein und ihre Größe das dann noch ganz +anders, weil aus einem ungleich höheren Bewußtseins- und +Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem! +und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! …</p> + +<p><a id="page-68"></a><span class="pgnum">68</span>Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen +geboren werden, was der Mensch verbrochen und was +er gutzumachen hat, sie wird den schauerlichen Fall +des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine übermenschlichen +Anstrengungen, Unsühnbar-Scheinendes +zu sühnen, Unbezähmbar-Widerstrebendes zu überwinden, +Unwiederbringlich-Verlorenes wiederzugewinnen. +Erheben wird sich nach langen Geburtswehen +endlich der Heerbann des Verständnisses und +der Liebe, und seine Siege und Niederlagen werden +fortan wie ein Ringen erwachter Götter erschüttern, +wo heute der Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst +vereinzelte Ahnungen zuläßt.</p> + +<p>Laßt uns darauf demütig warten und dazu das Unsere +tun, Körnlein um Körnlein. Laßt uns uns dessen vertrösten +in vielem Kleinkram und Wirrwarr noch +unserer Tage.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem +vielleicht oft anfechtbaren Menschlichen großer Künstler +nichts, als daß uns durchaus nie zu lebendigem Bewußtsein +gekommen ist, was ein solcher Künstler für +den Menschen, für uns wirklich bedeutet. Wir können +kalten Herzens den ‚Menschen‘ Wagner ablehnen, ja +schmähen und damit es ganz für nichts erachten, daß +täglich Ströme des Segens von ihm ausgehen, Ströme +der Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, +der Reinigung durch geistige Mächte.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>In ein Zimmer, dessen rosa getünchte Wände in einer +<a id="page-69"></a><span class="pgnum">69</span>breiten bunten Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares +blaues Muster aufweisen, wird eines Tages +ein großer blauer Teppich gehängt. Und nun sollte +man die kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit +einem Male leben und leuchten!</p> + + + + + +<h2><a id="page-70"></a><span class="pgnum">70</span>Literatur</h2> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, +zählen.</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Nach der ‚Wildente‘: Ibsen wäre ‚ungriechisch‘? +Aber was taten die alten Griechengötter andres, als +(scheinbar) kalt und spöttisch das Treiben der Sterblichen +betrachten, im Bewußtsein der Notwendigkeit +aller Dinge.</p> + +<p>So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe +Duft einer gewissen Lächerlichkeit, welche das Kennzeichen +jeder Tragik ist, schwebt um seine Werke.</p> + + +<h3>1901</h3> + +<p>Es gibt ein höchst bedeutendes Bruchstück in unserer +Literatur: Der ‚Empedokles‘ von Hölderlin. Hier habe +ich einmal den abgebrochenen Weg des deutschen +Dramas zu sehen vermeint.</p> + +<hr/> + +<p>Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance +lebte in diesen Sagen und in den Erzählungen der +Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer Völker jenen +Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner rückend, +muß die ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer +Kunstwerke nehmen. Unsere Sage sind die großen +Epochen der Geschichte geworden, unser Göttermythos +der Mythos vom großen Menschen in allen Zeiten. +Dies ist recht eigentlich die uns zugeborene Sage: +die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen +und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst +ist noch unausmeßlich weiter und tiefer, ihr Reich +<a id="page-71"></a><span class="pgnum">71</span>geht noch hinter alle Sagenkreise zurück und unter +sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf die Völker, +die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer +Überblick über dreitausend Jahre geistige Erde ward +möglich. Menschen dieses Überblicks werden die neue +Tragödie schreiben, die einzige, welche der griechischen +ebenbürtig sein wird, ja, welche sie überfliegen wird +wie der Adler den Falken.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>(Zum Thema Strindberg.)</p> + +<p>Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Schütteln des +Kopfes, wenn ein absonderlicher Mensch durch das +Mittel einer großen künstlerischen Begabung in die +Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer +mit Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern +in aller Ruhe lernen und bewundern will; so kommt +man weiter in der Bravheit, und damit, meint man, +in der Kultur. Ein Mensch, der einen nötigt, mit ihm +zu laufen, dann jäh wieder umzukehren, dann plötzlich +ins Wasser zu springen, darauf vielleicht donquichotisch +auf ein eingebildetes Amazonenheer loszurücken, +schließlich mit einem Male in einem Kloster +zu verschwinden, um mit einer Maske in der Linken +und einer Geißel in der Rechten wieder hervor zu +kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird +nicht gern einregistriert und als voll genommen. Ein +genialer Verrücktling, sagt man und geht wieder zur +Ordnung über. Daß aber hier ein Mensch wie ein +gehetztes Wild durch die Felder und Wälder, Schluchten +und Flüsse des Lebens stürzt, gehetzt — ja wovon? — von +irgend einem Verfolgungswahn: als flöge die +<a id="page-72"></a><span class="pgnum">72</span>Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und +er müßte das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder +packte, — oder von irgend einem Sehnsuchtswahn — wonach? —: +nach dem grünen Wiesental eines unbewölkten +Friedens oder nach dem Gipfelfelsen über +den Nebeln, von dem aus er hinüberfliegen könnte +ans Ufer eines anderen Sterns, einer höheren Welt, — daß +aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen +Jammer des Menschlichen vor sich her tragend, in +Jubel und Hohn und Haß und jedem Gefühl vom +niedrigsten bis zum höchsten, das wird als nichts +empfunden, das bleibt tot und unfruchtbar für den +ganzen Bann der Geordneten.</p> + +<p>So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten +und unvollkommen lebendig Werdender ist August +Strindberg, ein gehetztes Wild, eine laufende Flammensäule, +ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht +nach jenem ‚Blitz aus der Wolke, der da heißt +Über-Mensch‘ aufschreit, wenn irgendwo: denn dieser +Untergehende ist ein Hinübergehender.</p> + +<p>Was liegt an ‚Werken‘ (im letzten Grunde), was an +Korrektheit, Bravheit, Nützlichkeit, Tradition, Gemüt, +Liebe — kurz was an all dem Vordergrundswesen, außer +daß da ein Mensch seinen Sinn sucht — ein<i> Mensch</i>. +‚Respektiert den Menschen —‘; er kommt so selten +zum Vorschein. Die Menschen — was sind sie wert. +Der Mensch ist immer ein Phänomen. Er sieht nicht +schön aus: Irgendwie heißt sein Name und Ruhlos +sein Schuh, sein Rock heißt Elend, seine Zunge Eitelkeit, +sein Eingeweide Wollust, sein Herz Flamme, +sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim +und seine bittere Nahrung Er selbst.</p> + +<p><a id="page-73"></a><span class="pgnum">73</span>In den Höfen und Gärten des Menschlichen gibt es +viel Nützliches und Tüchtiges zu tun. Da gebe es +nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das Handwerk +getan. Aber in der Gespensterstunde von zwölf +bis eins, da horcht hinaus auf die wilde Jagd der vom +Genius Gezeichneten, da laßt den Menschen zu euch +hinein und legt die Finger in seine Wunden und +fühlt —: es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen +und all das versinkt wie ein Rauch.</p> + +<p>Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein +genialer Sonderling dünken.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Was wir in unsern neueren Büchern von der bisherigen +Entwickelung der menschlichen Gesellschaft +vor uns haben, ist vor allem eins:<i> gewaschene</i> Geschichte. +Der natürliche Duft und Brodem der Dinge +dürfte uns schlechtweg ersticken.</p> + +<hr/> + +<p>Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon +im Augenblick des Schreibens ein Größerer über die +Schulter, sei es ein Vergangener, Lebendiger, oder +noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt: +Er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger +Mensch sich nehmen darf.</p> + +<hr/> + +<p>Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste +Dokument der Kultur war — ein Tagebuch.</p> + +<hr/> + +<p>Warum ist Balzac größer als Flaubert? Weil er eine +unendliche Fülle ist, aus der Großes und Geringes, +aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac ist eine +<a id="page-74"></a><span class="pgnum">74</span>blühende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller +Garten. Keine Bewunderung hilft ihm gegenüber, man +muß ihn lieben. Er hat dieses tief alles durchblutende +Mitgefühl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die ihn +das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten +Händen anfassen läßt, womit dieses feine und des schärfsten +Beurteilers immer noch spottende Gewebe allein +angefaßt werden darf.</p> + +<hr/> + +<p>Der Sonderling:</p> + +<p>Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich +diesen Dichter für mich Max Zottuk getauft; so sehr +haben mir Presse und Publikum jeden Buchstaben des +einst teuren Namens verleidet.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, +daß ihre Leser sich immer wieder die Mühe nähmen, +die von ihnen sorgfältig beschriebenen Gesichter im +Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf +glich einer umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort +ein Bild; wenn es aber heißt, sein Haar war braun, +seine Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen, +sein Mund grob aufgeworfen, so geht das — an mir +wenigstens — ziemlich spurlos vorüber.</p> + +<hr/> + +<p>Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten +‚von außen her‘ schreiben, ich meine Geschichten, +in denen wohl Ähnliches erzählt wird wie heute, +aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, daß die geschilderten +Menschen durchsichtig gemacht sind — gegen +das Mysterium hin. Sie werden charakterisiert +<a id="page-75"></a><span class="pgnum">75</span>werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und +doch zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden +uns fesseln wie irgendwelche Gegenstände der bisherigen +Poesie, aber der Schauder dessen, für den die +alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem +Bilde mitgeteilt sein, so daß sie im selben ergötzen und +ein tiefes unheimliches Wundern erregen.</p> + +<hr/> + +<p>Etwas vom Übersetzen.</p> + +<p>Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner +Stücke durchschnittlich zwei Jahre. Wenn nun ein +Ausländer hergeht und eines jener Dramen in vier +Wochen in seine Sprache übersetzt, so wird er schwerlich +jede der redenden Personen so in sich lebendig +fühlen können, wie der Dichter, der sie zuletzt gleichsam +als seine beständige Gesellschaft empfand.</p> + +<p>Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische +Methode zu übersetzen nennen. Der Übersetzer +möchte das Original womöglich noch verdeutlichen. +Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht, +wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben +zu können.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand +als langweilig oder gar abstoßend ablehnen. +Der nächste Förster, der ihnen begegnet, zieht sie +unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, +der um Einen Stendhal sämtliche Förster der Welt +hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen, dem +<a id="page-76"></a><span class="pgnum">76</span>der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch +das Behagen ersetzt, stark, warm und einfach zu +fühlen.</p> + +<hr/> + +<p>Nach den Erinnerungen eines Egotisten.</p> + +<p>Überall, wo Stendhal über fremde Dinge schreibt +(Italien, Napoleon …) fesselt er, wo er aber über sich +selbst und seine Gesellschaft und Liebschaften schreibt, +wird er sehr bald langweilig.</p> + +<hr/> + +<p>Zu Dostojewski.</p> + +<p>Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach +Westeuropa zurück.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich +einem Feuer zu — einem Steppenbrand —, das über +die Ebene wandert. Und jetzt frißt und wühlt es +sich schleichend durchs knisternde Gras — und jetzt +fährt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den +Wolken, und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin +und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen +Weg — und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen +Stoß gleich einer Säule zum Himmel und übergießt +Himmel und Erde mit übergewaltigem, erschütterndem +Glanz.</p> + +<hr/> + +<p>Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er +gegen ihn Recht hat. Ein Menschenleben gräbt sich +sein Strombett und damit muß man zufrieden sein. +Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur +Sprachkritik nicht weiter gegangen. Mauthner unterschätzt +das Dynamische im Genie.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-77"></a><span class="pgnum">77</span>Es ist das Interessante an Büchern, über denen man +eigentlich den Verstand verlieren müßte, daß man +durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich ist +das nur ein neues Kompromiß — denn anständigerweise +müßte man allerdings nach ihrer Lektüre abdanken. +Aber das Leben ist nicht das, was wir anständig +zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, +daß der Autor seinen Verstand behalten hat, wird +genügen, den Leser zum gleichen zu veranlassen; es +sei denn — daß er nur so beweisen zu können meinte, +daß er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus +Ehrgeiz, aus ‚Willen zur Macht‘ wahnsinnig zu +werden geradezu — wünschte.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige +Menschen deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu +sein, weil sie schreiben können.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.</p> + +<hr/> + +<p>Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus +nicht so Eindruck machen, wie sie's dir selber +bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und gleichgültig +prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, +den jede neue Behauptung zunächst — ärgert.</p> + +<hr/> + +<p>Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler +vergleichen könnte. Ibsen war die Eule in Person. +Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare +einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern +<a id="page-78"></a><span class="pgnum">78</span>werden erst kommen: Geister, die alles Dasein zugleich +mit Falkenblick erkennen und über ihm in +schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer +‚Freiheit‘ auch von sich selbst — …</p> + +<p>(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein +Adler.)</p> + +<hr/> + +<p>Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, +das ich kenne. So oft man auf ihm wandert, stürzt +man in den Abgrund.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an +Nietzsche und Lagarde nicht immer wieder stirbt, +um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen, dem +sind sie nie geboren worden.</p> + +<hr/> + +<p>Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner +Strenge und Höhe, wenn nicht eine so große Natur +und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung in +jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen +wäre. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen +Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen +Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt +als sie.</p> + +<hr/> + +<p>Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein +Kind oder ein Riese.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag +etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten +Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive +Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit +<a id="page-79"></a><span class="pgnum">79</span>doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst +dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu +phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten +fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.</p> + +<hr/> + +<p>Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur +wie im Sande vorwärts. Das macht, sie reden ohn' +Unterbruch.</p> + +<hr/> + +<p>Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf +ein quadratmetergroßes Stück Papier und du wirst +mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit einer +Million Buchstaben in der gleichen Zeit.</p> + +<hr/> + +<p>In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches +(dieser im Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren +entscheidenden Schritt. Der Wille zur Sauberkeit, +zur Redlichkeit feiert in ihm einen — und wie +alles Große grausam ist — grausamen — Triumph.</p> + +<p>Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß, +der unser ganzes geistiges Leben +ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen meint, wird +sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja +im Großen nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung. +Hier will ja irgend ein dumpf +Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer Selbstschönheit …</p> + +<hr/> + +<p>Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held +ein Held mehr. Das gefällt manchen modernen Kritikern +und Dichtern ganz ungemein. Begeistert predigen +sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, +<a id="page-80"></a><span class="pgnum">80</span>und überschütten die Welt mit dem überlegenen +Lachen des — Kammerdieners.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir +ist, so hat man ein Bild für den Stil des Essayisten N. +Könnte man sein Buch wie eine Flasche schütteln, +so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen. +Da man es aber nicht schütteln kann, hat +man ein dickes und schwerfälliges Getränk vor sich +mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk, +nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte +Kefir, aber weniger angenehm genießbar als der geschüttelte.</p> + +<hr/> + +<p>Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein +Buch ist chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und +du wirst wiederbetastet werden, es wird sich die Erscheinung +seines Verfassers auf und in die deine dechiffrieren, +als telegraphierte er dir mit unsichtbaren +Fingern durch die Stirn.</p> + +<hr/> + +<p>Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in +sich hinein: die überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen +Absätze, den Sperrdruck.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben +hat, sondern dieses Menschenmysterium selbst, +ebenso wie das Musikstück, das ich heut abend von +dem Nachbarhause herüberklingen hörte, kein Musikstück +von Beethoven war, sondern das Mysterium +Beethoven selbst.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-81"></a><span class="pgnum">81</span>Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die +unmittelbare. Die meisten Leser spüren nur die mittelbare. +Darum bleiben auch so viele Bücher Druckerschwärze +auf Papier. Und doch offenbart auch noch +das schlechteste Buch seinen Vater nicht bloß mittelbar, +sondern auch unmittelbar: ihn selbst, die Persönlichkeit, +in der Chiffre dieser Sätze unverlierbar aufbewahrt +und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen +ursprünglichen Kraft auf uns zu wirken.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>In der übertriebenen Abneigung gegen schlechte Übersetzungen, +gegen Übersetzungen überhaupt, liegt eine +gewisse Verzärteltheit. Große Originale leuchten auch +aus unbeholfenen Reproduktionen unzerstörbar hervor.</p> + +<hr/> + +<p>Tolstoi war ein Protest des höheren Menschen wider +den Menschen, wie er gemeinhin heute noch ist. Tolstoi +wollte nur ganz einfache, simple Dinge. Dinge, +die sich eigentlich von selbst verstehen, — für jeden +anständigen Menschen.</p> + +<hr/> + +<p>Man fordert von Tolstoi Märtyrertum. Man sagt: +Lebe wie Franziskus, stirb wie Christus. Nun, er hat +sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates dargeboten: — ‚nehmt +mich und führt mich hin wie +jene armen Opfer, legt den eingeseiften Strick um +meinen alten Hals …‘</p> + +<hr/> + +<p>Der große Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, +was nicht ausschließt, daß der große auch einmal klein +und der kleine groß, d.h. ein Stilist sein kann. +<a id="page-82"></a><span class="pgnum">82</span>Maeterlinck — oder ein versetzter Konditor.</p> + +<hr/> + +<p>In diesen Erzählungen von Liebe sehe ich immer nur +eines: die Liebe als Selbstpreis. Selten oder nie, daß +diese Menschen durch ihre Liebe zu einander<i> wachsen</i> +wollen, daß sie sich über sich hinaus lieben. Daher +denn auch die Übersättigung, ja der Ekel, der einen +nach und vor derlei erfaßt, ein Verlangen, es möchte +doch auch hier endlich eine neue Optik Platz greifen, +eine tiefere, religiösere Betrachtung des Liebeslebens.</p> + +<hr/> + +<p>Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit +hier und dort über den Eckermann geredet wird. +Immer ist ein halb mitleidiges Lächeln dabei, gleich +als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, +der es jeder seiner gönnerhaften Bespotter unvergleichlich +zuvorgetan haben würde. Man hängt sich an die +Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, +daß er oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, +man wirft ihm eigene Unbedeutendheit vor +und übersieht die Fülle feiner Beobachtungen und +Bemerkungen, die anmutigen Berichte über seine Liebhabereien, +den langen Brief aus Genf und überall den +Sinn und Takt fürs Wesentliche, der uns niemals mit +Tagesgeschwätz langweilt, sondern ihn fortwährend +bei der Würde seiner einzigartigen Aufgabe festhält.</p> + +<p>Laß sie sich immer überheben, würde Goethe selbst +sagen, soviel ist gewiß, daß ihrer keiner mich vermocht +hätte, mein inneres Leben so munter und lebendig +vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der +wohl nicht groß war im Sinne schöpferischer Kraft, +aber in seinen Maßen ein ganzer Kerl, ein Vorbild, +<a id="page-83"></a><span class="pgnum">83</span>allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung +wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende +Kraft nur unvollkommen gewährt hat, im produktiven +Empfangen seiner Höhe zustreben müssen und ihm +damit wohl ebenso nahe kommen mögen, wie unsereins +mit seinen stärkeren Mitteln und glücklicheren Voraussetzungen.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>In aller Literatur von heute muß man dem Seelischen +nachspüren. Was der Geist heute hinzutut, hat nicht +allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl selten auf +einer bescheideneren Stufe.</p> + +<hr/> + +<p>Manchen Menschen würden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, +und zu Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, +Petroleumöfen usw. beigepackte Erklärungen +und Referate für lebenslängliche Lektüre völlig genügen.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren +Zeit den literarischen Jargon hinaus und man +wird viel gewonnen haben.</p> + +<p>Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise +die humanistische Ablehnung der Bibel, als einer +Gefahr für den klassischen Stil.</p> + +<hr/> + +<p>An ‚Geist‘ fehlt es heute so wenig, daß man ihm +aus dem Wege gehen muß, um nicht vom Überdruß +erfaßt zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat +etwas von einem Variété, darin Athleten, Jongleure, +<a id="page-84"></a><span class="pgnum">84</span>Akrobaten auftreten. Eine Zeit, die den intellektuellen +Biceps so eifrig und coram publico übt und spielen +läßt, erfüllt damit gewiß eine bestimmte bedeutende +Aufgabe, aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde +von niemandem gewünschtes Massenangebot bloßer +Kunstfertigkeit destruktiv.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewußt +wäre, die in seine Hand gegeben ist, würde +ein ungeheures Verantwortlichkeitsgefühl ihn eher +lähmen als beflügeln. Auch das Bescheidenste, was +er veröffentlicht, ist Same, den er streut und der in +andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.</p> + +<hr/> + +<p>Entwurf für ein Vorwort zu: ‚Wir fanden einen +Pfad‘. Man glaubt, es komme in neuen Dichtungen +vor allem darauf an, daß sie gewissen vertrauten +Empfindungen und Vorstellungen genügen, ja schmeicheln. +Nun ist ja z.B. das, was wir Deutsche unter +einem Liede verstehen, etwas ungemein Liebliches +und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der +reinen Musik, sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, +den Wagner bedeutet, Rückschritt nennen, +werden für ein wirklich gelungenes Lied …</p> + +<p>Aber diese so sehr verständlichen und sympathischen +Menschen sind in diesem Punkte Träumer und Liebhaber, +an denen die Entwickelung sacht aber entschieden +vorbeigehen muß. Es geht nicht an, bei +einmal gewonnenen schönen Dingen versunken stehen +zu bleiben und, weil sie dem viel angefochtenen Herzen +so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu +<a id="page-85"></a><span class="pgnum">85</span>fordern; als wollte einer bloß von Blüten wissen und +das weitere Werden der Frucht nur so mit in den +Kauf nehmen. Gewiß, ein ewiger Frühling wäre ein +holder Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, +als welche ganz anderen Zielen denn unschuldigem +Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, +deren Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich +weiter tastet, die dem wahrhaft Neuen, das in unsere +Zeit hereinfließt (nicht<i> dem</i> Neuen freilich, das in +Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben +besteht) sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder +von den ‚Neutönern‘ akklamiert, noch auch zu guter +alter Kunst gerechnet werden will, ja auch nicht zu +‚guter Kunst‘, — denn in diesem ‚gut‘ verbirgt sich +hier nichts weiter als ‚das, was wir lieben‘, und +eben das liebt diese Kunst nicht mehr.</p> + +<hr/> + +<p>Der Bekämpfung der Schundliteratur sollte die von +fratzenhaften Reklamebildern zur Seite treten. Nur +die große Trägheit in solchen Dingen nimmt hin, +was hier täglich auf Plakaten und in der Presse vor +Augen zu rücken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, +schädlichen Wirkung solcher Zerrbilder +auf jede, besonders aber auf jede jugendliche Seele.</p> + +<hr/> + +<p>Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische +Verhältnisse zu schaffen. Sollte es anders +sein mit der Menschheit, die sich fortwährend im +Zustande der Mutterschaft befindet?</p> + +<hr/> + +<p>Wir sollten gewisse Bücher mehrmals lesen, ehe wir +darüber sprechen. Etwa einmal im Winter, einmal +<a id="page-86"></a><span class="pgnum">86</span>im Sommer — und manche in noch ganz anderen +Intervallen. Was wir dann über sie zu sagen hätten, +würde vermutlich ebensovielmal besser sein … Und +uns selbst würde solche Selbstzucht nicht nur zu +besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen +machen.</p> + +<hr/> + +<p>Über jedem guten Buche muß das Gesicht des Lesers +von Zeit zu Zeit hell werden. Die Sonne innerer +Heiterkeit muß sich zuweilen von Seele zu Seele +grüßen, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in +Ordnung.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere +Liebe noch steigern: die zu — Dostojewski.</p> + +<hr/> + +<p>Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu +nehmen, als daß, sagen wir, heute jedermann Kakao +trinken kann, während es früher nur die Reichen +konnten.</p> + + +<h3 id="special">Nietzsche</h3> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen +wie mich, als Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein +Wühlen im Schmerz meines eigenen Unwerts.</p> + +<hr/> + +<p>Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft +ehrwürdigen<i> Bescheidenheit</i> und einer Frömmigkeit +zur Kultur anfänglich immer sagt: Möchten +andere es besser machen als ich.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-87"></a><span class="pgnum">87</span>Ein ganzes Leben in Denken aufgelöst, im Wort sichtbar +geworden, strömt vor unsern Augen, aus geheimnisvollen +Gründen hervorbrechend, in undurchdringliches +Dunkel sich verlierend.</p> + +<hr/> + +<p>‚Also sprach Zarathustra!‘ — wie? wenn dieser Kehrreim +mit einem gewissen Auguren-Lächeln gelesen +und geschmeckt werden müßte. Wenn er eine feine +Parodie auf jene Schlußphrasen wäre, womit noch +jeder ethische Neuerer bisher seine Sätze gesiegelt, +ein anderes ‚Amen! Amen!‘, eine Schluß- und +Banngeberde, feierlicher Schauer voll für den Gläubigen, +für den Auguren aber nur ein Lächeln +mehr … Wie beginnt doch die fröhliche Wissenschaft? …</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das +Ziel der Menschheit liegt.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Wer mit Nietzsche denkt, ‚widerspricht‘ sich auch +mit Nietzsche. Wer sich an seinen ‚Widersprüchen‘ +stößt, hat nie mit ihm<i> gedacht</i> (noch mehr:<i> gefühlt</i>) — ist +nie mit ihm geflogen.</p> + +<hr/> + +<p>Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert +schließlich ein Maß von Intellekt, nichts weiter. Einen +leidenschaftlichen Wegsucher aber wie Nietzsche +begreift man nicht bloß als kluger Kopf; man +muß ihm noch obendrein ein bißchen — verwandt +sein.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-88"></a><span class="pgnum">88</span>Gewiß, es gibt Züge, die ich Nietzsche, dem Menschen, +verarge — aus Liebe. Nur kleine Züge, aber +ich verstehe sie nicht an ihm — oder vielmehr: ich +würdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche +dieser Geist getaucht wurde, als er unter der Last +seiner Gedanken, seiner Einsamkeit und seiner Krankheit +zugleich, ein ebenso furchtbares wie großes +Menschenopfer, zusammenbrach.</p> + +<hr/> + +<p>‚Also sprach Zarathustra‘ — Nietzsche selbst hätte +diesen Titel und diesen Refrain in früheren Jahren +streng abgelehnt. Es ist die Tragik dieses Buches, +manchmal nicht mehr gefaßt und katonisch genug zu +sein.</p> + +<hr/> + +<p>Ad Zarathustra — Vorrede.</p> + +<p>1. Wo gäbe es einen größeren tieferen Prolog eines +Schicksals! Wo ist das Gleichnis und die Anrufung, +diesem Bilde und diesem Gebet an Würde, Heiterkeit +und Tiefe gleich?</p> + +<p>2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg +zur Wendepunkt-Wahrheit aller irdischen Kultur. +Man kann hundertmal über diese Schlußworte hinweggesprungen +zu sein meinen, bis man eines Tages +erkennt, daß sie ein Berg sind, den man vielleicht nie +ganz erklettern wird und von dem aus Zarathustra die +Wasser gen Osten und gen Westen hat fließen sehn.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Es wird mir immer gewisser, daß Nietzsche überall da +versagt, wo er sich bewußt oder unbewußt der Eitelkeit +seines Geistes hingegeben hat. Hätte er diesen +<a id="page-89"></a><span class="pgnum">89</span>polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stände oft +noch viel größer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch +für einen Denker, als sich seinem Volk gegenüber als +Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn einer Denker +geworden ist, das heißt ein Mensch, dem das +Nachdenken über menschliche Probleme zur inneren +Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden ist, so ist +er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken +mitzuteilen.</p> + +<p>Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein<i> Kämpfer</i>. +Er war ein Weiser aus der Kriegerkaste, nicht aus der +der Priester.</p> + +<p>Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens +auch noch die Milde der Weisheit ausgeströmt, nach +ihren Blitzen auch ihre Wärme.</p> + +<hr/> + +<p>Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer +Größe eines der schlechtesten Bücher, die es gibt. +Er ist weder ein Volksbuch noch ein Buch für Verwöhnte +und Einsame, es ist ein Mischmasch von +Grandiosem und Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. +Ein Vordrängen, ein Aufdrängen persönlicher Stimmungen, +ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren +‚kategorische Erledigung‘ immer nur eine ‚niaiserie‘ +bleibt, ein Spiel mit dichterischen Bildern und Gleichnissen, +das oft groß und tragisch, öfter noch fast unbeherrscht +und geschwätzig wirkt. Ein Buch, das nur +durch Reduktion seiner Reden auf etwa 12–20 zu +dem klassischen zu machen wäre, was es zu sein +wünscht.</p> + +<p>Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, +deinem Größten, gelastet.</p> + + +<h3><a id="page-90"></a><span class="pgnum">90</span>1907</h3> + +<p>Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man +halte ihren biologisch-ethischen Grundgedanken sowie +die Lehre vom Übermenschen gegen Kants kategorischen +Imperativ, und sie werden ihm an ideeller Großartigkeit +nichts nachgeben und als leidenschaftlicher +Appell an die menschliche Armee in demselben Verhältnis +zu ihm stehen, wie zum einfachen ‚ich erwarte, +daß heute jeder seine Pflicht tut‘ das grandiose ‚Soldaten, +vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!‘</p> + +<hr/> + +<p>Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war +(soweit man sich so ausdrücken darf). Sobald er sich +ins Schlepptau nehmen ließ, wurde er ein Schriftsteller +unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster. +Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch +mehr mitgeregt.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann damit nichts anfangen, — Nietzsche sei vor +allem ein großer Künstler, ein großer Stilist, Artist +gewesen. Was heißt das, vor allem. Was macht denn +den großen Stil, wenn nicht der Mensch von überragendem +Rang, der geborene Führer und Schöpfer? +Und wo Nietzsche das nicht war — und er vergaß +manchmal seinen Rang und führte weder noch schuf — da +taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein +Manierist seiner selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.</p> + +<hr/> + +<p>Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: — Geistige +Austern. +<a id="page-91"></a><span class="pgnum">91</span>Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen +und aus zehn Büchern — verkennen.</p> + +<hr/> + +<p>Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die +napoleonische Natur deshalb vor allem geliebt, weil er +selbst keine gewesen sei. Herr Müller also ist ein Napoleon, +weil er die Napoleons — nicht liebt.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.</p> + +<hr/> + +<p>Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen +Erkenntnismitteln den Menschen nicht verstehen. +Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er ward +damit der letzte große deutsche Philosoph — ante +Christum natum. Er war, um in seiner Manier zu +reden, der letzte — Ante-Christ.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen +Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. +Nietzsche starb an der ‚Bildung‘. Und mit ihm werden +alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu zittern wissen, +die nur an seinen Geist glauben.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind, +das versteht sich von selbst. Aber das, worauf es heute, +wie immer, ankommt, ist, wer da spricht und was — nicht +nur wie — gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht +einer unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in +höherem Sinne unfruchtbar. Ich wäge meine Worte, +<a id="page-92"></a><span class="pgnum">92</span>denn wenn je einer, habe ich Nietzsche<i> erlebt</i>. Und +nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch, +worin er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner +Größe als Mensch; nicht in der, ach nur allzu zeitgemäßen, +Art seiner Philosophie. Die war Abendröte, +nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet, +der wandelt in die — Nacht.</p> + + + + +<h2><a id="page-93"></a><span class="pgnum">93</span>Theater</h2> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Wer sich mit der Materie einläßt, wird von ihr erschlagen. +(Zu R.'s Dekorationskampf.)</p> + +<hr/> + +<p>Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die +kunstrichtenden, sondern schlechtweg die richtenden +Geister.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler +aus seinen Worten machen wird. Er mag sie so einfach +setzen, wie er will — dieser wird sie vielleicht +ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren +feinsten Gehalt verändern; er mag sie so leidenschaftlich +gemeint haben, wie er mag, dieser wird vielleicht +nie im Leben bis zur Schwelle wahrer innerlicher +Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der +Räuberkünstler par excellence. Aber oft auch ist der +Räuber größer als der Beraubte und der Schatz des +Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn erschlug, +damit zu abenteuern beginnt.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich mir für mein +Studierzimmer zunächst einen riesigen Spiegel anschaffen. +Vor ihm würde ich täglich mindestens zwei Stunden +verbringen und meinem Körper eine Geschmeidigkeit +anzüchten, die mir später gestattete, auch die +leiseste Gemütsbewegung in unwillkürliche Sichtbarkeit +umzusetzen. Ich würde mich dabei nicht in malerische +oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich +würde die Seele ganz allein Herr sein lassen und ihr, +ihr allein, meine Glieder dienstbar machen. Unmittelbare +<a id="page-94"></a><span class="pgnum">94</span>Übertragung dessen, was mich bewegte, wäre +mein Ziel, so daß man nicht einen Körper und einen +Geist zu sehen vermeinen sollte, sondern nur eins. +Ich würde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck +meines Innenlebens haben wollen, aber freilich +die Art meines Innenlebens wäre bereits der Stil, den +ich will. Er wäre, meiner Natur entsprechend, zugleich +lebhaft und maßvoll. Er wäre, wie ich hoffen +dürfte eindringlich, nicht aufdringlich. (Ich rede hier +fast lediglich von der Darstellung moderner Menschen.) +Des weiteren würde ich folgendes tun: Ich +würde mich nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende +Person zu verwandeln suchen. Ich würde +wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, +das heißt in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen +Gehaben, mit ihrem Charakter, ihren Gewohnheiten. +Dazu gehört allerdings eine eiserne Natur, aber des +Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, daß er +sich wie ein Krieger mit allem nur möglichen Raffinement +wider das Zerstörende seines Berufes wappnen +kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf +ums Ziel und nicht zum Behagen. Hätte ich pathologische +oder Verbrechernaturen darzustellen, so würde +ich, wie Hermann Müller es gelegentlich tut, Irrenhäuser, +und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl +machte, Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer +sollen sich wochenlang in Dörfern aufgehalten haben, +bevor sie ein Stück mit Bauern spielten. Das nenne +ich, auf die Eroberung des Andern, das wir nicht +sind, aber der Kunst halber einmal sein wollen, losgehen; +das möchte ich vielleicht mit dem Namen +praktischer Dualismus bezeichnen.</p> + +<p><a id="page-95"></a><span class="pgnum">95</span>Mag sein, daß ich nichts von alledem täte, wenn +ich Schauspieler wäre, das heißt natürlich auch meiner +ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim, +Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, +glaube ich, ich würde das tun, wenn ich das +wäre.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Man mag das Wort ‚Schmiere‘ zu seiner Bildung +zum Theaterkritiker brauchen, aber es wird von wahrer +Urbanität zeugen, wenn man es später jemals wieder +zu brauchen — ablehnt.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen +Schaffenden im Sinne eines Schöpfers zu nennen, so soll +man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott wird dann +schon einmal zu ihm sagen: ‚Schaffe eine Maus,‘ — ‚O +nein,‘ wird der Kritiker antworten, ‚so ist nicht +die Gabe meines Schaffens. Gib mir ein Nashorn oder +ein Känguruh, so will ich dir sagen, was ich daran +falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst +werde ich noch manches zum Thema sagen, was +vielleicht interessanter ist als das ganze Känguruh +oder das ganze Nashorn,‘ — ‚Ja, ja,‘ wird der liebe +Gott sagen, ‚das mag wohl sein, aber wenn ich +nun so klug gewesen wäre wie du — was hätte ich +dann wohl anfangen sollen? Wie hätte ich die Welt +wohl aus mir heraussetzen sollen, wenn ich erst +etwas bereits Herausgesetztes hätte vorfinden müssen, +um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrückt, +um daran in deiner Weise schöpferisch zu +werden?‘</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-96"></a><span class="pgnum">96</span>Wenn einer vorliest! was denkst, was fühlst du da +alles! … aber weil du (auch) zuhörst, so wirst du ein +Zuhörer geheißen. Als ob dich das erschöpfen könnte: +„der ‚Zuhörer‘ war ganz ergriffen“ — O gewiß, aber +vielleicht nicht bloß als Zuhörer.</p> + +<p>Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr +an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand +zu dir gesagt hat: ‚Das also hast du vor, diesen Weg +willst du gehen!‘ .. Aber das kümmert den wenig, +der vorliest. Er ‚liest vor‘ und du ‚hörst‘ zu. Ich +möchte, daß du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn +man dich beispielsweise im Theater einfach als ‚Zuschauer‘ +bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust +freilich (auch) zu, aber daneben — was ist alles daneben +noch möglich — was begibt sich alles in dir noch daneben. +Wir sollten uns alle wider den Bann solcher +Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine +starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor, +aber die Maske ist nur suggeriert — erwachen wir +doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht +Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, nämlich +durch keine Bezeichnung zu erschöpfende Wesen +sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben +dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben +kann, und nicht nur, was ein ‚Zuschauer‘ erleben +darf. Aber wir sind so über und über im Bann von +Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen +zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu +denken wagen, und nach einem innerlich noch so +reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen +Abend reden zu müssen glauben, weil wir als ‚Zuschauer‘ +nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. —</p> + + +<h3><a id="page-97"></a><span class="pgnum">97</span>1908</h3> + +<p>Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.</p> + +<p>Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem +Zauber der Russen — und nicht nur Stanislawskis — nicht +widerstehen können, warum wohl? Weil von +den Russen das ausging, was in den Deutschen heute +höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres +ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander, +zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene, +uneingestandene aber selbstverständliche +Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens daß man +noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die letzte +Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch +wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht +mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien +aufeinander loshackten, sondern verstehend +und liebend einander zu fördern, einander zu steigern, +einander zu vervollkommnen suchten.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von +Großem, wie es sein müßte, zu reden, als im Gegebenen +sich zu bescheiden und die großen Faktoren +sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um +einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr +guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in +Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just +in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein +möchte, auf seine Rechnung zu kommen scheint. +Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange +nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol +Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun, +ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen möglichen +<a id="page-98"></a><span class="pgnum">98</span>Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige +und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen +fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres +Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist, +weil die persönliche innere Beziehung einfach +nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend +einem Clichéausdruck wie Schmierenkomödianten abtun +würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen +braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten +der Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der +verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer +Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch +irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber +ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter +Außenseiter bin und daß der Berufsmensch +wohl unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten, +das ist des Einäugigen, des Monophthalmoden, verfällt. +Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet, sieht +er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit +bis in den Urgrund der Welt hineinreichende +Plastik ist, auch dies, auch diese Bühnenmenschheit +da droben.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Wie kann man einem Schauspieler ‚die Wahrheit +sagen‘ und zugleich den Menschen in ihm respektieren? +Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, +Steine, Tiere — ist der Mensch der Liebe weniger +würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder +ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto +mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler +durch und durch sieht, er auch weniger und weniger +<a id="page-99"></a><span class="pgnum">99</span>imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man +braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene +Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast +wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, +wenn man nicht zugleich den ganzen Geist +der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit, +daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus +dem Zusammenhange herauspflücken und für sich +allein lösen.</p> + + + + +<h2><a id="page-100"></a><span class="pgnum">100</span>Sprache</h2> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Ein ‚Wort‘ ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen +Beziehungen mit einem Griff zusammen und +ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die +Erde trocken und hart — die Kugel bleibt als +rotes drastisches Ganzes, aber die millionen Teilchen, +daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung +über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die +völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt +begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres +Weltbegriffes überhaupt.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles +Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig +machen.</p> + +<hr/> + +<p>Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!</p> + +<hr/> + +<p>Charleytantismus der Bühne.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Ein Diletalent.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen +Willensrichtungen entsprächen: z.B. Die Fortsetzung +davon <: (in dem Sinne von: Die Fortsetzung +davon<i> müßte sein</i>), als Optativzeichen = (man) +<a id="page-101"></a><span class="pgnum">101</span>müßte, sollte haben, sein usw. Die Umkehrung :> = +dürfte<i> nicht</i> sein, sollte<i> nicht</i> sein.</p> + +<hr/> + +<p>Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit +nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerklüftete +Wirklichkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Der Ausdruck ‚Lieber Gott‘, über den schon Nietzsche +spottet, mußte in der Tat dem Deutschen zu erfinden +aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal +aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die +unaussprechliche Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit +des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen höchster Personifikation +das vertrauliche Wörtchen ‚lieb‘ voransetzt.</p> + +<hr/> + +<p>Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der +Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist +vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die +vornehmste Aufgabe der Zukunft.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter +Schönheit und Vornehmheit, die nur zwischen +dem fremden Sie und dem vertrauten Du möglich +sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden +Liebe, wo das Herz schon Du sagt und +der Mund noch Sie.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>‚Ewiger‘ Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes +Wort! Lassen wir es ja stehen, der Wissenschaft zum +Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre. +<a id="page-102"></a><span class="pgnum">102</span>Gestorbenes Wort: Zufall.</p> + +<hr/> + +<p>Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.</p> + +<hr/> + +<p>Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher +schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o.</p> + +<hr/> + +<p>Das tränensäcksische <b>a</b>.</p> + +<hr/> + +<p>Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben +wir nicht mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, +herzlichst und schönst. Schließen wir nicht mit tausend +Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, +der den Namen verdient, ist doch an sich schon der +Gruß. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich — ich +rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel +unter Männern —; wenn ich schreibe: ich umarme +Dich, so male ich damit ein Bild, so wird durch die +Niederschrift aus einer im Leben spontanen Handlung +eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade +in Herzenssachen.</p> + +<hr/> + +<p>Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.</p> + +<hr/> + +<p>Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil +die Rede beständig zwischen Sichgehenlassen und +Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet +damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum +der Stimmungswiedergabe.</p> + +<hr/> + +<p>Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. +Man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche +<a id="page-103"></a><span class="pgnum">103</span>setzen; denn es ist überkommen, nicht +im Augenblick des Entstehens geboren.</p> + +<hr/> + +<p>Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so +und so oft auch nichts andres als — bellen, gackern, +krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal die Tischgespräche +einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der +Kellner, der Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz, +was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken, +Schlafen oder irgend eine sonstige einfache Lebensäußerung.</p> + +<hr/> + +<p>Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern +leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch +eine Menge Anerkennendes zu sagen.</p> + +<hr/> + +<p>Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker +hundertmal geheiligte Wörter, welche die modische +Abneigung der ‚Jetztzeit‘ ertragen können.<i> Derselbe</i>, +dagegen sich heute der überlegene Spott noch +des armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter +und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher +Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher +Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen +Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß +just dieses derselbe in Mundarten — man denke an +z.B. selch, sell, dersöll — ein höchst lebendiges Dasein +führt.</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist nur ein Wort für ‚sich‘. Das Tier hat keines +dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie +Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott. +<a id="page-104"></a><span class="pgnum">104</span>Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. +Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch +irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der +Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr. Er +kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, +daß Wissen Unmöglichkeit ist. ‚Wissen‘ ist so +gut eine Spielmünze, wie ‚sein‘, wie ‚Unmöglichkeit‘ +wie ‚Sprache‘, wie ‚außerhalb‘. Es ist dafür gesorgt, daß +wir die ‚Welt‘ nicht in die Luft sprengen. Ich nenne +diese widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, +nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal bei mir: die +Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes würdig.</p> + +<hr/> + +<p>‚Er gibt Frieden‘ (schreibt Amiel) ‚und das Gefühl +des Unendlichen,‘ Welche Zusammenstellung, nur +daraus erklärlich, daß der Begriff des Unendlichen +noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte +lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne +je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu +sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur solange +gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht +völlig zu Ende gedacht wird. Wer ‚Gott‘ siehet, stirbt.</p> + +<hr/> + +<p>Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem +Kork der Sprache.</p> + +<hr/> + +<p>Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt +in perpetuum.</p> + +<hr/> + +<p>Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise +ist, daß nun auch die Worte alle ‚gleich‘ gewertet +werden.</p> + +<p><a id="page-105"></a><span class="pgnum">105</span>Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es +gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum +für sich und nicht einmal demselben — vor oder nachher +geborenen — Wort desselben Mundes, desselben +Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich +glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so +kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und +der andre hörte: Schneehaufen.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Die gleichen Worte sind einander<i> nicht</i> gleich. Es +gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro — cessus.</p> + +<hr/> + +<p>Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede +Gleichung.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern +jedes Wort ist von vornherein ein — höchst individuelles +—<i> Urteil</i>. Man glaubt, a sei gleich a. Eine +vollkommene Ungeheuerlichkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die +Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie +der schlichteste Sinn bei uns als — Mutter empfinden +darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all +unsere ewigen — Mütter schauen und verehren dürfen.</p> + +<hr/> + +<p>In dem lateinischen Wörtchen ‚duo‘ ist nur das +deutsche Du sichtbar enthalten; das ‚Ich‘ ruht unsichtbar +und doch ewig lebendig darin, wie unter +Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden +Du. +<a id="page-106"></a><span class="pgnum">106</span>Wer konversiert, der<i> spricht</i> nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Zitate sind Eis für jede Stimmung.</p> + +<hr/> + +<p>Impressionismus — Eindrucktum.</p> + +<hr/> + +<p>Groß betrachtet ist alles Gespräch nur — Selbstgespräch.</p> + +<hr/> + +<p>Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken +zu wollen! Man ist ja — diese Worte +selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite ‚die +die‘ lese, so kann mir schon übel werden. Wozu hat +der liebe Gott das schöne Wort ‚welche‘ geschaffen? +Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit +von welcher und derselbe!</p> + +<hr/> + +<p>Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und +Norwegisch!</p> + +<hr/> + +<p>Wie ist jede — aber auch jede — Sprache schön, wenn +in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und +Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener +Gedanken, ein ‚Mitesser‘ im Zellengewebe des +Denkers.</p> + +<p><a id="page-107"></a><span class="pgnum">107</span>Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. +Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht +sein einziger Sinn.</p> + +<hr/> + +<p>Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung +zur Höherentwickelung. Die Sprache ist +unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die +unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig +weiter hineintragen.</p> + +<hr/> + +<p>Mit jedem Worte wachsen wir.</p> + +<hr/> + +<p>Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann +(der Menschheit) für immer.</p> + +<p>Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur +Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder +hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder +Tonelementen wieder zu<i> schaffen</i>. Beseelen +heißt schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe +ein nicht wieder geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler +tot.</p> + +<p>Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. +Landschaft. Musik. Ganze Welten von Schöpfungen +erheben sich, indem wir sie lesen.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>A.</p> + +<p>Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie +in Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen +zu modernisieren. Die Bedeutung der in den Sprachen +aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschätzen. +Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische +<a id="page-108"></a><span class="pgnum">108</span><span class="greek">θηρ</span> dabei als reiner Unterton mitklingt, wenn +ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte +mich an sich mahnen darf (nicht muß), so ist das etwas +Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns +nicht mutwillig berauben sollten. Daß denen, die von +der Antike nie berührt wurden, damit unnötiger Buchstabenballast +aufgeladen wird, kann meiner Ansicht +nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen +Dingen den geistigen Menschen einer Nation und +nicht den andern zunächst ihr Recht zu wahren +ist.</p> + +<p>B.</p> + +<p>Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem +Geistigeren ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten, +wenn dadurch Unzähligen wohlgetan und genützt +wird. Du läufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu +groß und tief dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als +Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort +Liebhaber hier gemeint ist. Möchten wir doch alle +mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf +unsere eigene Geschmacksbefriedigung auszugehn, +möchten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen +Allüren überwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte +ersetzen.</p> + +<hr/> + +<p>Der Rückschritt im Alphabet der Buchstaben von R +zu K kann einen Fortschritt im Alphabet der Moral +bedeuten: Starr — stark.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-109"></a><span class="pgnum">109</span>Wie sich in der Wortzusammensetzung ‚Heilsarmee‘ +für den Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte +mit einem seiner weltlichsten Fremdwörter verbindet, +erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Göttliches +mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort +ebenso als Fremd-Wort empfunden werden +kann (obzwar nicht muß), wie das Wort Armee vor +dem Geist unserer Sprache.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen +schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten +wie mit Schlagringen zuschlagen.</p> + +<p>Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird +bis in die höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und +hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als Zöpfchen +hinten.</p> + +<hr/> + +<p>Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als +mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den +Begriff des Schlagworts fällt.</p> + +<hr/> + +<p>Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage +gegen gewisse Worte wie sittlich, vollkommen, edel, +die Animosität dessen, dem sie irgend einmal gründlich +verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. +Königliche Begriffe können nie von ihrem Glanze +verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint, +wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer +bemächtigt hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht +genug treue Diener, Berater und Leiter gewesen +sind?</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-110"></a><span class="pgnum">110</span>In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine +Gefahr für den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt +vom persönlichsten Verkehr wie von dem mit der +Öffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche +immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht +so sehr beim Namen, als vielmehr bei irgend einem +Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie kurzweilig, +öfter aber demoralisieren sie, und ob auch nur um +einen Schatten, sich wie den andern.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Alles Schwätzen hat zur Grundlage die Unwissenheit +um Sinn und Wert des einzelnen Wortes. Für den +Schwätzer ist die Sprache etwas Verschwommenes. +Aber sie gibt's ihm genugsam zurück: dem ‚Verschwommenen‘, +dem ‚Schwimmer‘.</p> + + + + +<h2><a id="page-111"></a><span class="pgnum">111</span>Politisches Soziales</h2> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem +sie sich mehr abschließen und begrenzen soll, und +vergißt, daß gerade das Unbegrenztseinwollen, das über +engen Nationalitätsschranken stehen wollen ihre Haupteigentümlichkeit +ist.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß eine Operette wie den ‚Rastelbinder‘ von +Lehar hören, und zwar in einem jubelnden Theater, — um +alle ‚modernen Ideen‘ als Sentimentalität zu +verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man +sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen.</p> + +<p>Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer +in solch ein Theater führen und nachdem die Zwerchfelle +und Tränensäcke nach Schluß des ersten Aktes +zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das +soll — regieren?</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>In Arco:</p> + +<p>Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern +die Luft in Pacht.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die +Menschen verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. +Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir +zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tränen +rühren können, wie die Steinzäune des Tessin …</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen +<a id="page-112"></a><span class="pgnum">112</span>Münze ebenbürtige Geldstück, das wir haben. +Weshalb wir ihn auch als ‚unpraktisch‘ abschaffen.</p> + +<hr/> + +<p>Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens +Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden +und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo +es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg +ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an +sich. Menzel sollte eine religiöse Formel für die Preußen +werden. Denn was leistet damit der Preuße: Die +ganze<i> Vorarbeit</i> des schrankenlosen und höchsten +Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles, +was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von +fünf mögen ‚preußisch‘ genannt werden. Preußen, +wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der<i> Zucht</i>. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er +es immer gewesen.</p> + +<p>Darum soll Berlin das preußische Element in sich +nicht abtöten, sondern steigern. Es hat es bereits zu +sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch; es gibt +nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, +fast nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle +eine zügellose Horde von neuen Baumeistern und +Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen +gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg +zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei +ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe +Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen +Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn +ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie +wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus +seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, +<a id="page-113"></a><span class="pgnum">113</span>wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem +neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe.</p> + +<p>Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus +nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen. +Man gebe jedem Haus seine vier selbständigen Seiten +wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer +Mißgeburt — oder man komponiere ganze Stadtteile +einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man +erhebe den Kasernenstil zur Höhe der Kunst. Man kann +es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der +Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem +Mittelmäßigen langweilig wird, wird in der Hand des +Genies zur Großartigkeit. Man räume nur mit diesem +sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.</p> + +<hr/> + +<p>(Staat, Stil, Sittlichkeit)</p> + +<p>Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur +Pedanterie.</p> + +<hr/> + +<p>Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche +schneller mit seiner Arbeit vorwärts als der +Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere +zu sein braucht.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar +werden, wenn er sich entschließt, neuen Adel aus sich +zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden sind nur +durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel +ist selbst das schönste Ding der Erde.</p> + +<hr/> + +<p>Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir +immer kindlicher. Ein einziger wirklicher Mensch +<a id="page-114"></a><span class="pgnum">114</span>würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel +ließe sich da<i> individualisieren</i>!</p> + +<hr/> + +<p>Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die +Krankenhäuser gingen. Eine gute Anekdote ist ein +wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender +müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen +Landedelmann hörte, der sich nicht genug wundern +konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang Prosa +gesprochen hätte.</p> + +<hr/> + +<p>Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen +Friedens: England. Mit ihm ist nicht zu paktieren; +darum muß es isoliert werden.</p> + +<hr/> + +<p>Eine der schönsten und symptomatischesten russischen +Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze +Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fräulein, +gnädige Frau.</p> + +<hr/> + +<p>Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, +der Deutsche (auch Ibsen, der ja aber deutsch) mehr +die zum Leben, wie es sein sollte, könnte, müßte. +Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden +Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche +in diesem unausrottbaren Trachten über den ‚Tag‘ +und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang +ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.</p> + +<hr/> + +<p>Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er +beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine ‚Geistesheroen‘, +<a id="page-115"></a><span class="pgnum">115</span>die doch fast immer nur im Gegensatz zu +ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen +Vorteil bedacht wie der Nachbar.</p> + +<hr/> + +<p>Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch +viel mehr römischen Geist im Leibe. Das Haupthindernis +für uns, unsere ‚Seele‘ zu entdecken, ist, +daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß +alles, was wir von uns aussagen, auch ins Lateinische +übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht +des römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen +Rußlands, der ersten rücksichtslos modernen +Rasse.</p> + +<hr/> + +<p>Die sozialistische Lehre — das Brot der Armen.</p> + +<hr/> + +<p>Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern +aufpassen. Und Faulenzer werden nicht geduldet, +dulden sich selber nicht. Wer aber will vorher wissen, +wer ein Faulenzer und wer ein — Schwangerer ist? +Man würde den Schwangeren samt dem Faulenzer +verurteilen und damit das Beste der Erde: das stille, +langsame Reifen neuer Gedanken.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten +zur Herrschaft gekommen sein werden, dann fängt +das Blut überhaupt erst<i> an</i>, zu fließen.</p> + +<hr/> + +<p>Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr +Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als — Selbstmord. +<a id="page-116"></a><span class="pgnum">116</span>Ein Volk würde ein anderes Bild bieten, wenn es +wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre. +In einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das +andere verantwortlich.</p> + +<p>Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man +in unsern großen Völkerfamilien nach dem geheimen +Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich. Was kümmert +den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum +der Mitbürger auf seinem Wege der Armut? Nichts. +Aber sofort erinnert er sich dieses Mitbürgers, wenn +seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann +ruft er ihn auf ‚zum gemeinsamen Vorgehen gegen +den gemeinsamen Feind‘. Dann zieht er plötzlich +den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten +aus seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche +Begeisterung wirkt ansteckend, — mein Gott, +gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, — kurz, +man ist kein Unmensch. Vergessen wir das +Vergangene! Auf in den fröhlichen Krieg! Schulter +an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert …</p> + +<hr/> + +<p>Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens +keine Briefe mehr geben. Man wird zwar seine sämtlichen +Briefträger dort wiederfinden — denn der Briefträger +kommt eo ipso in den Himmel — aber sie +werden alle selige Engel und außer Dienst sein und +nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage +und Nächte.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der +größte Jude, ist auch der größte Destruktor der +<a id="page-117"></a><span class="pgnum">117</span>‚Welt‘. Spinoza ist nichts andres und wird darum +auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner +in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle +andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt +vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte +des Geistes bisher erlebt hat. Man halte +wider diese dämonischen Revolutionäre den Moralkritiker +Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz +zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. +In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, +Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm +alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, +irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der +menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen, +überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die +Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre +Korrektoren, ihre bösen Gewissen.</p> + +<p>Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche +Dissonieren hineinzuhorchen.</p> + +<p>Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, +ist für mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza +war so nahe an der Mystik, wie nur ein jüdischer +Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. +Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die +Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in +ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. +Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und +Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das +wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus +über die ‚Welt‘ hinweg. Den Germanen aber ist +diese ‚Welt‘ doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial, +Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr +<a id="page-118"></a><span class="pgnum">118</span>über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm +sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen. +Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß +dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott +eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten +Souveränität in sich ging er hin und wirkte sein Leben +mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um +sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich +und wurde so ‚in der Beschränkung‘ der ‚Meister‘, +als den wir ihn immer wieder erleben.</p> + +<hr/> + +<p>Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, +das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, +der Geist von heute zu sein.</p> + +<hr/> + +<p>For the happy fews — sollte das doch aller Weisheit +Schlußwort zur Öffentlichkeit sein?</p> + +<hr/> + +<p>Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente +sehe, die ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit +und Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann +steigt mir der Zorn auf.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, +ja nicht ohne Grauen denken. Ich möchte lieber selbst +ein Pole sein, um glühend an der inneren Wiedergeburt +dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen +dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche beiwohnen +zu müssen.</p> + +<hr/> + +<p>Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen +wirst du's nicht gelten lassen. +<a id="page-119"></a><span class="pgnum">119</span>Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen +deutschen Zustände an einigen großen Gedanken +Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie +messen: wenn er sich unwillig von allem gegenwärtigen +Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen +Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am +wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung, +der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. — Aber +eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege +die Entwickelung hätte einschlagen können und welche +sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie +und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit +dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden +müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.</p> + +<hr/> + +<p>Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft +gehört.</p> + +<hr/> + +<p>Darf einem die Organisation der römischen Kirche +keine Bewunderung einflößen — als eine der wenigen +großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?</p> + +<hr/> + +<p>In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer +vor dem andern den Hut abnimmt. ‚Ich nehme den +Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.‘ +Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der +klug und ‚liebenswürdig‘ in seinem Sinne handelt, +in der ‚allgemeinen Achtung‘ außerordentliche Grade +erreichen läßt.</p> + +<hr/> + +<p>Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine +Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich +<a id="page-120"></a><span class="pgnum">120</span>verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung +des ‚Nächsten‘. Aber wenn du neben dir einen Hund +verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen +mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange +nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie +mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten +Not: solidarisch.</p> + +<hr/> + +<p>In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus +gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern +und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch +überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld +geben.</p> + +<hr/> + +<p>Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, +das nicht nur in Wien seine Lobredner haben +sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem +Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur +etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder +die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, +das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit +weder verlangt werden darf noch will. In der +großen Universität der täglichen Angelegenheiten, +an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der +ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben +neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die +Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des +Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann +übrigens wird diese Universität, nach der unser +ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits +unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben +treten?</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-121"></a><span class="pgnum">121</span>Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst<i> anfangen</i> +werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische +Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und +Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der +Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte +bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter +antreten, Organisationen werden entstehen, an +die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, +und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens +um wichtiger Ziele willen dann stärker geworden +sein wird, als die Lust, die heute regiert, die +Lust zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, +wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder +jene höhere Art des Genießens, des Lebensgenusses +verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb +Europa erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk +allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß +es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit +einem ‚vive l'empereur‘ auf den Lippen zu sterben, +als mit einem ‚ni Dieu ni Maitre‘ zu leben.</p> + +<hr/> + +<p>Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus +öffentlich quittieren.</p> + +<hr/> + +<p>Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen +Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.</p> + +<hr/> + +<p>Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen — bis +man eines Tages erkennt: nein, der Krieg +gehört vielleicht noch immer unter die tragischen +Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer +als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche +<a id="page-122"></a><span class="pgnum">122</span>Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht; +daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen +Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß +es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich zu gehen +und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.</p> + +<hr/> + +<p>Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während +die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. +Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten +können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich +Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar +die Entscheidung, inwieweit Asien entscheidend war.</p> + +<hr/> + +<p>Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.</p> + +<hr/> + +<p>Jede ernsthafte ‚Bewegung‘ ist tüchtig, aber Tüchtigkeit +ist vielleicht das drittletzte, nicht das letzte +Wort der Welt.</p> + +<hr/> + +<p>Ein gewandter Dieb ist ein — teures Kunstwerk.</p> + +<hr/> + +<p>Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson +nimmt, wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern. +Der Mensch ist nicht nur Einzelpersönlichkeit, sondern +zugleich Volkszelle, wie die Volkspersönlichkeit zugleich +wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht, usf.</p> + +<hr/> + +<p>Der moderne Jude — als Denker — wird selten glauben, +das heißt ahnend ergreifen können. Aller Gottesgedanke +<a id="page-123"></a><span class="pgnum">123</span>könnte nämlich, so fürchtet er, doch am Ende +nur die feinste Blüte einer großen — Dummheit sein. +Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur +auszusetzen, dünkt seiner mißtrauisch gewordenen +Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den +Mut durch das Anonyme<i> hindurch</i> zu stürmen, er +ist eben überall kein Krieger, er möchte gern um es +herum. Aber man muß mitten in den Nebel hinein, +das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) — Brillen +gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von +Blindheit ward noch nie ein Seher.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen +dünkt, kommt er nie zu überlegener Geistigkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit +so am Juden gelitten hat wie ich, und zugleich so viel +von ihm hält. Dies mag mir ein Recht geben, an sein +Problem zu rühren.</p> + +<hr/> + +<p>Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als +solche uns ergriffen haben wird, der große amor nostro, +dann wird es auch keine Kriege mehr geben, dann +werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese +armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode +überflüssig machen! Denn freilich: das bittere Zuchtmittel +des Krieges durch philanthropische Mahnungen +nur einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst +muß der Geist der Völker den neuen Aufgaben, +den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein, zuerst +muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse +<a id="page-124"></a><span class="pgnum">124</span>und Opfer anfallen, ehe er den alten furor bellicus +entlassen darf, ehe er von sich sagen darf: ich +habe den Krieg wahrhaft — überwunden.</p> + +<hr/> + +<p>Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen +Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben +groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche +Ruhestörung.</p> + +<hr/> + +<p>An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf +einen Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor +sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und Städten. Und +dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in +die Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust +gegriffen, wie er, gleich dem Monde das Meer, all dies +schwerfällige, schwerflüssige Leben übermächtig zu sich +emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen natürlichen +Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.</p> + +<hr/> + +<p>Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. +Denn es gibt nur etwa 100 Typen in dem Milieu, in +dem ich aufgewachsen, und sie sind immer und überall. +Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es +ist nur der mir vertraute Typus, nicht das bekannte +Individuum selber.</p> + +<hr/> + +<p>So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte +vor sich, vom jüngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts +bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.</p> + +<hr/> + +<p>Die ‚bessere‘ Gesellschaft ist die eigentlich und im +tiefsten Sinne unwissende und ungebildete.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-125"></a><span class="pgnum">125</span>Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen +Herzog sein möchte, ist der Schade, sondern wenn +er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein +kann, nicht<i> ist</i>. Nicht nur einmal — zehnmal Absolutismus — und<i> nicht</i> Parlamentarismus, wenn +ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage +kommt.</p> + +<hr/> + +<p>Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie +zurückkehren. Laßt erst einmal Einen Geist über die +Völker kommen, und sie werden nicht<i> mehr</i> begehren, +als sich in ihren geborenen<i> Führern</i> auch sichtbarlich +zu gipfeln.</p> + +<h3>1910</h3> + +<p>Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen +eine Wahrheit nicht zu sagen oder sie minder schlagend +zu sagen.</p> + +<hr/> + +<p>Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der +‚Verpflichtungen‘. Sie macht unsere Stärke und +unsere Schwäche.</p> + +<hr/> + +<p>Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen +Negers. Um die Zeitung verkauft er dem schlauen +Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner +Weisheit.</p> + +<hr/> + +<p>Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in +ihrem Schoße ruht; geht dies nicht länger an, so verleumdet +sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise +zu vernichten.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-126"></a><span class="pgnum">126</span>Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? +Der möglichst vollkommene déluge après nous.</p> + +<h3>1911</h3> + +<p>Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: +Das Züchtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur +noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf +eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. +Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die +der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße +gewesen, der — könnte jemand zu sagen versucht sein — wird +so leicht nicht wieder verlottern, post mortem +prussianam suam (in seinem späteren Erdenleben).</p> + +<hr/> + +<p>Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht +gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann +gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das +‚rote Tuch‘ in dem Etwas. Nie wird gegen ‚etwas‘ +vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn +zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes +bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk +wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden +vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von +hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht +würde, so daß die Völker, die armen Stiere, +zuletzt wild werden und einander anrennen.</p> + +<h3>1912</h3> + +<p>Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß +er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei +nehmen; und wer da nicht ‚wählt‘, wird leicht +Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich +<a id="page-127"></a><span class="pgnum">127</span>nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die +Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, +daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren +und wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen +lassen, weil sie im Parlament der Menschheit +sitzen?</p> + +<hr/> + +<p>Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei +Weise bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und +Schöpferkelle der Wahlurne.</p> + +<hr/> + +<p>An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines +Vaterlandes arbeiten, das heißt es lieben, das allein +heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen — Verfall +wollen und mitbewirken.</p> + +<hr/> + +<p>Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und +nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen +Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man +glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: +es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen +müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, +und wer es da z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält, +soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie +gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher +eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden, +der ahnt weder, wie die Linke noch wie die +Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen +Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose +Wunsch und Glaube des Frommen, daß die +Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine +Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen +<a id="page-128"></a><span class="pgnum">128</span>werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie +es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis +weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es +sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen +Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung +inmitten einer Welt in gewissem Sinne der +Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.</p> + +<hr/> + +<p>Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling +ereiferten sich unter anderem über die ‚Extravaganzen‘ +der Heilsarmee. Sie hatten noch immer +nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer +selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und +daß es unter Umständen mehr bedeuten kann, der +‚dumme August‘ in der Manege als der Baron in +der Loge zu sein.</p> + +<hr/> + +<p>Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen +wir uns vorübergehend vereinigen, um es bequemer +zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend +möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie +uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele +noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr +innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe +Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den +Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; +wir aber sind zu Feinarbeit — auch an ihnen — verpflichtet, +wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens +und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe +behandeln, wie uns nur immer möglich ist. Auf +sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso verzichten +lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren +<a id="page-129"></a><span class="pgnum">129</span>Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren +zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der +unsterblichen Individualität, die in ihnen verborgen, +verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, +wird vieles Mögliche an ihnen vermieden +und getan sein.</p> + + + + + +<h2><a id="page-130"></a><span class="pgnum">130</span>Kritik der Zeit</h2> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag, +sind einzelne glückliche Geburten; ein tragischer +Trost für einen allgemeinen Mißwachs.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erfüllung des historischen +Zeitalters). Professor, der eine Geschichte des +Wörtchens ‚und‘ schreibt. Der Historiker des Wörtchens +‚und‘.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Muß nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch +nicht leben möchte? Ohne das er es nicht aushielte +zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben, ich +will freudig und dankbar sterben, dankbar für die Möglichkeit, +mich denen anreihen zu dürfen, welche als +Opfer gefallen sind, um mit ihnen und für sie gegen +die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu +einem schlechteren und unanständigeren Aufenthalt +machen als das Grab.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Der Tag ist abgegriffen, laßt uns in den Morgen zurücksteigen.</p> + +<hr/> + +<p>Welcher Mensch kann das Große und Echte lieben, +ohne das Kleine und Unechte zu hassen? Antwort: +Der ‚moderne‘ Mensch.</p> + +<hr/> + +<p>Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits +eine Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken und +<a id="page-131"></a><span class="pgnum">131</span>Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was für ein +träges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch +und wie sehr bedarf es großer und größter Schrecken +und Trübsale, damit er nicht immer wieder in Schlaf +versinke!</p> + +<hr/> + +<p>Man könnte Kulturperioden von ungeheurer Größe +träumen: Aber, so wie die Masse der Menschen bewillt +und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst +durch Müdigkeit kommen, erst dann, wenn es sich +der Weisheit nicht mehr verlohnt.</p> + +<p>Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, daß Größe +nicht so nebenbei im Weiterabwickeln täglicher Geschäfte +und Notdürfte erreicht werden kann? Frage +doch herum, wer sich heut noch für solche Riesenorganisationen, +bei deren Heraufführung ganze Generationen +keine Rolle spielen dürften, erwärmen möchte? +Der eine wird dich verständnislos anblicken, der andere +seine Geschäfte, den täglichen Zwang seines Lebens +vorschützen, der dritte wird gerade verliebt sein, der +vierte ist Künstler und hat keine Zeit, der sechste +glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er +interessiere sich lediglich für sich selbst und seine eigene +Vervollkommenung, in ihm könne Gott allein verwirklicht +werden, es gäbe kein Ziel für ‚die Menschheit‘, +nur<i> sein</i> Ziel und darum sei er für keine Utopie, +als welche den Menschen nur von sich und seiner +innersten eigentlichsten Aufgabe, sich in sich selbst zu +vollenden, weglocken könne. Und dieser siebente hat +vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein +höheres Recht, das heißt eine höhere Macht das Heft aus +der Hand nimmt. Nämlich der Despot, der zugleich +<a id="page-132"></a><span class="pgnum">132</span>Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der König +Platons.</p> + +<p>Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo +ist er? Wo kann er kommen? Der letzte Ort, wo er +noch möglich gewesen wäre, war Rußland. Aber mit +der Unfähigkeit der dort Regierenden hat der Mensch +eine seiner außerordentlichsten Möglichkeiten verloren. +Denn<i> freiwillig</i> wird kein Volk mehr zur Kastenbildung +zurückkehren; dafür ist es das Ungetüm mit +Millionen Köpfen, das nur Sinn für sich und seine +nahen Interessen, das keinen Ehrgeiz und keine Schöpfersehnsucht +hat. Das Wirtschaftliche tritt mit ihm +in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens +anstelle jeder Ambition, etwas Höheres aus ihm zu +machen, aus ihm, das als solches doch nur Stoff ist, +Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf +die Stufe der Tierheit<i> zurück</i>, während er sich zum +Bürger eines irdischen Himmelreichs zu<i> erheben</i> +glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich selbst +allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch +als Schöpfer ab. Der Geist wird über diese endlose +Horde noch ein letztes Abendrot ergießen, dann wird +auch er dumpf und verstört die Höhlen der Einzelseele +aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und +Sektierern erwecken. Eine Anzahl wunderbarer Individuen +werden dann vielleicht noch über die Erde +wandeln: Die großen Verzichter und Durchschauer +des Traumes Mensch, einsame Halbgötter, inmitten +des Fiaskos des Versuchs der Erde, im Menschen zum +Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese +Menschen, die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit +aller irdischen Historie in sich tragen, die größten +<a id="page-133"></a><span class="pgnum">133</span>und erschütterndsten Menschen sein, die je gelebt +haben. Aber kein Tempel ist um sie — auf unendlichen +Trümmern schlagen sie ihre Harfen der auch +sie einst verschlingenden Nacht entgegen.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine +schlimme Laxheit mitbekommen. Das Verständnis für +unerbittliche Forderungen ist mehr und minder gesunken. +Beweist das nicht, daß der Mensch die Vorstellung +eines gerechten Gerichts nach dem Tode +(vollstrecke sich das nun selbst mit Naturnotwendigkeit +oder werde es vollstreckt) — braucht? Braucht — und +sei es nur: um nicht unter seiner eigenen Möglichkeit +zu bleiben? Wird man wirklich seine Persönlichkeit +mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man +sie nicht — für eine unbekannte Zukunft ausbilden zu +müssen meint? Was sind alle Appelle der Erde gegen +jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?</p> + +<p>Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja,<i> auch</i> das. +Wie wäre Großes entstanden, ohne dies Ingrediens? +Und wäre es etwas Schimpfliches, sich vor dem Fürchterlichen — und +ist das Geheimnis der Welt, des Lebens +nicht fürchterlich? — zu fürchten? Man führt heute +die ‚Entstehung der Religion‘ (welch ein Ausdruck!) +vielfach auf Furcht zurück. Nun, ihr armseligen Psychologen: +nicht diese Furcht war das Trübselige, +sondern euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel +an Gefühl, Phantasie, Überlegenheit. Jawohl, Überlegenheit. +Ich kenne nichts Untergeordneteres als den +Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas<i> erklärt</i>. +Der Wissenschaft nicht bloß als eine gewaltige und +<a id="page-134"></a><span class="pgnum">134</span>fruchtbare Übung des Menschengeistes betrachtet, +nein: als etwas, das ihm wirkliche Wesensaufschlüsse +über Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, daß +alles nach denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, +ist doch kein Wesensaufschluß! Oder den Bau des +Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein +beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschluß! +Das ist Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, +ganz gewiß; aber<i> Joseph</i> war Tischler, nicht Jesus. +Was weiß Joseph, der Handwerker, vom Geist und +Wesen der Dinge?</p> + +<hr/> + +<p>‚Geist‘ ist heute Marktware, wer redet noch davon? +Ein wirklich eigener Gedanke aber ist immer noch so +selten wie ein Goldstück im Rinnstein.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Wir müssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich +wieder ins Große kommen. Wieder Atem holen lernen, +das ist es. Das Netz, das die ‚Geschichte‘, die +‚Weltgeschichte‘ über uns geworfen, als Netz erkennen +und seine Maschen so weit machen, daß wir jeden +Augenblick frei sein können, den wir frei sein wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte +frei. Ich sage nicht: von der Geschichte, +ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.</p> + +<hr/> + +<p>Die Zärtlichkeit, womit sich der moderne Mensch +behandelt, ist erstaunlich. Was alles ist nicht ‚für +sein Innenleben wichtig‘! Man liegt heute auf den +Knien vor diesem seinem ‚Innenleben‘. Aber es ist +<a id="page-135"></a><span class="pgnum">135</span>nur eine andre Art Mops oder Affenpintscher, wofür +nun die ganze Welt als Kißchen und Zuckerchen +gerade gut genug ist.</p> + +<hr/> + +<p>Unsere Zeit, welche die interessanten ‚Aberglauben‘ +früherer Zeitalter selbstbewußt entwertet, ist selbst nur +weniger interessant, keineswegs weniger abergläubisch, +und wird einst ungleich anderer Nachsicht der Betrachtung +bedürfen, wenn spätere Geschlechter eingesehen +haben werden, daß dem Menschen, unbeschadet +aller begreiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundsoptiken, +als letzte Hintergrundstimmung +doch nur Eines ziemt: Bei Gott kein Ding für unmöglich +zu halten.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen ‚heutigen‘ +Geist nur einmal von oben sehn könntet. Eure Wissenschaft, +eure Kunst, euer tägliches Leben! Nicht um +dies alles gering schätzen, o nein, nichts weniger als +gering, sondern um es<i> richtig</i> schätzen zu lernen. +Eine Menschheit, die zu sich selbst und ihrem Treiben +noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif, +so erwachsen sie sich auch sonst gebärden +mag.</p> + +<hr/> + +<p>In und trotz aller Geschäftigkeit — wieviel Verschlafenheit, +wieviel Verträumtheit! Das wacht oft +ein ganzes Leben lang nicht auf. Rüttelst du aber +zu unsanft, so magst du leicht einen Stoß vor die +Brust bekommen, wie von einem Schlaftrunkenen, +den man vorzeitig stört. Tröste dich mit diesem<del>,</del> <ins>‚</ins>vorzeitig‘. +<a id="page-136"></a><span class="pgnum">136</span>Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl +auch noch nicht,<i> muß</i> wohl noch — schlafen.</p> + +<hr/> + +<p>Hüte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich +Gegenstand einer — Trauerfeier. Du bist +vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke aus +dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heißt +heute, so hilft dir kein Todesgott vor dem endlichen +‚Theater über Dir‘, an dem der Philister sich sättigen +muß, soll er von dir überhaupt etwas haben.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Man kann nicht bescheidener sein als der ‚gute Europäer‘, +der vor einem Universum voll Sternen, den +tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in der Hand, +ein Bild weltmännischer Reserve hochachtungsvoll +und ergebenst verbleibt.</p> + +<hr/> + +<p>Der moderne Mensch ‚läuft‘ zu leicht ‚heiß‘. Ihm +fehlt zu sehr das Öl der Liebe.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Man muß die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden +hören, um zu wissen, was ein Parvenü ist.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich weiß, +daß ich nichts bin und Ich befinde über alles — in +der Riesen-Zwerg-Brust des aufgeklärten, des ‚guten‘ +Europäers. ‚Ein Irrtum‘ wird erwidert. ‚Wir befinden +über keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach +auf sich beruhen, als etwas menschlicher Erkenntnis +nicht Zugängliches. Was ich nicht weiß, macht mich +<a id="page-137"></a><span class="pgnum">137</span>nicht heiß! — sollte das nicht ein männlicher, ja ein +heldischer Wahlspruch sein? Genug, er ist unser +Wahlspruch, und er deckt sich mit dem des Peer Gynt: +Jeg er mig selv nok‘. (Ich bin mir selbst genug.)</p> + +<hr/> + +<p>Es wäre außerordentlich merkwürdig, daß so viele selbst +der Geistigsten weit unter dem Niveau leben, das der +Geist auf Erden schon einmal erreicht und aufgestellt +hat, — wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe hätte +und die heute verkörperten Seelen eben durch die Entwickelung +dazu bestimmt wären, sich gewissen Erkenntnissen +ebenso entschieden zu verschließen wie +andern vorbehaltlos Tür und Tor offen zu halten.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: +‚Man darf jetzt schon wieder — nun z.B. +von — Gott sprechen.‘</p> + +<p>‚Man darf jetzt schon wieder‘ — das Siegel einer +‚großen‘, ‚freien‘ Zeit.</p> + +<hr/> + +<p>Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, +von dem an er wieder ‚ruiniert‘ werden muß. +So auch: für jede Kulturperiode. Die unsrige hat diesen +Zeitpunkt bereits überschritten. Sie kann trotz allem, +was dagegen einzuwenden ist, in einem gewissen sehr +hohen Sinne nicht mehr ein ausschließliches Interesse +beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich über +ihren mehr oder minder glänzenden Abklang hinweg +auf den folgenden Abschnitt, dessen Aufbau, dessen +Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun; freilich aber +auch dies: sich möglichst unmißverständlich und allseitig +ad absurdum zu führen.</p> + + + + + +<h2><a id="page-138"></a><span class="pgnum">138</span>Ethisches</h2> + + +<h3>1891</h3> + +<p>Die Menschenverachtung ist für den nachdenkenden +Geist nur die erste Stufe zur Menschenliebe.</p> + + +<h3>1892</h3> + +<p>Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde +Bewußtsein des wirklichen Elends auf Erden, sonst +würden wir über den Gefühlen einerseits des Mitleids, +andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere +des eigenen Lebens vergessen.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der +leidet, ohne Tragik empfinden zu lassen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen +von Geist: die soll man nicht aussprechen. ‚Oberflächlich +sein‘ (oder scheinen wollen) ‚aus Tiefe‘, das +gehört hierher. Eine schwere Forderung an den Radikalismus +der Jugend.</p> + +<hr/> + +<p>Und immer wieder komme ich darauf zurück, daß +die Bewertung der geschlechtlichen Liebe unter uns +Heutigen eine krankhafte Höhe erreicht hat, von der +wir durchaus wieder heruntersteigen müssen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt noch eine größere Liebe als die nach dem +Besitz des geliebten Gegenstandes sich sehnende: Die +die geliebte Seele erlösen wollende. Und diese Liebe +ist so göttlich schön, daß es nichts Schöneres auf Erden +gibt.</p> + + + +<h3><a id="page-139"></a><span class="pgnum">139</span>1904</h3> + +<p>Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das +‚Persönliche‘, das Leben selbst in ihnen lieben.</p> + +<hr/> + +<p>Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt +oft in einem Blick von uns, in einem Gedanken, um +dessentwillen wir uns selber lieben möchten und um +den doch niemand je weiß und erfährt, als wir +selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Glück? Sollst du Glück haben? Wünsche ich dir auch +nur eine Spur von Glück — wenn sie nicht deinen +Wert erhöhte? Wert wünsche ich dir.</p> + +<hr/> + +<p>Zum Thema Egoismus:</p> + +<p>Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns +selbst, nie das andere selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes +Programm, aber er soll es wenigstens so taktvoll wie +möglich vorbringen, nicht wie ein Plebejer, der sich +erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre niedergebrüllt +hat.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil +ich es mir schuldig bin.</p> + +<hr/> + +<p>Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts +anderes als die — moralisch gesehene — Sichselbstbewußtwerdung +des Tieres. Den Eintritt des ‚Geistes‘ +in die Naturgeschichte.</p> + +<p><a id="page-140"></a><span class="pgnum">140</span>Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, +das ist, meine ich, vor allem eine immer tiefere +Bescheidenheit, uns zu äußern.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. +Wir müssen uns durchaus gegenwärtig halten, daß +die Bestrafung eines Verbrechers durch unsere Behörden +nur den Schein der Gerechtigkeit für sich hat, +nicht die Gerechtigkeit selbst; denn wie könnte die +wahre Gerechtigkeit sich gegen einen einzelnen wenden, +sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich +ausgebreitet sähe.</p> + +<hr/> + +<p>Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne +keine Ungerechtigkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn +aus einem Menschen ein Berufspfaffe wird.</p> + +<hr/> + +<p>Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen +einmal erkannt hat, der bemüht sich selbst in kleinen +Dingen, wie dem Niedertreten des Grases, schonungsvoll +zu sein.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen +allmählich eine nicht nur moralische, sondern +direkt dynamische (magnetische) Atmosphäre über +der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich +in gewissem Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche +schafft, ihre eigene Gerechtigkeit hat und übt. Daher +<a id="page-141"></a><span class="pgnum">141</span>dann jene oft beobachtete Justiz der Geschichte, jene +vielen ‚gerechten Vergeltungen‘, jene moralischen +Ausbrüche und Gegenströme.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte +Nötigen bei Tische. Dieses ewige Zureden +in einer höchst untergeordneten Sache, die jeder mit +sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, +die auf sich halten, verpönt sein.</p> + +<hr/> + +<p>Auf Föhr:</p> + +<p>Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie +die folgenden: ‚Sie tragen noch die alte Tracht; bleiben +Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen Sie auch +Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!‘ Oder: ‚Nein, +was ist Ihre Tochter für ein schöngewachsenes Mädchen! +Sehn Sie nur, meine Herren, dieses schmale Gesicht +und dabei dieses kleidsame Mieder …‘ Als ob +diese Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten +Friesen, Schaustücke eines Panoptikums wären; als +ob sie nicht mit Fug herabsehen könnten auf diese +zusammengewürfelte Gesellschaft halbkranker Groß- und +Kleinstädter, die mit all ihrer ‚Bildung‘ nicht einmal +wissen, wie ein Mensch einem Menschen gegenüberzutreten +hat.</p> + +<hr/> + +<p>Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die +Glück oder Tod bringen, die<i> sich</i> vor allem bringen +mit ihrem Geschmack, ihrer Wertsetzung und ihrem +ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn für Größe +besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für +welches sie geboren sind.</p> + +<p><a id="page-142"></a><span class="pgnum">142</span>Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceier, +die ‚Töpfegucker jeder Stimmung‘ — die qualligen +Ästheten, die stupenden Magister .. all dieses +unproduktive und anmaßende Volk, das die<i> Mode</i> +von heute ist, wo unser innerstes Leben nach<i> Stil</i> +dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach +Männern, nach Willen und noch einmal nach dem +ethischen Pathos eines Nietzsche, eines Dostojewski, +eines Lagarde, eines Tolstoi.</p> + +<hr/> + +<p>Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von +denen dies gesagt wird, sind vielmehr in irgend einem +Betrachte<i> nicht gut genug</i>.</p> + +<hr/> + +<p>Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit +mehr glaubt.</p> + +<hr/> + +<p>Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Tugend — im gemeinen Sinne, nicht als virtù — ist +sehr oft nur ein Hindernis, tief zu werden, indem sie +vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt, weshalb sie +für Menschen, für die kein Grund vorliegt ein außergewöhnliches +Los auf sich zu nehmen, die edelste +Art bildet, mit einiger Schönheit durchs Leben zu +kommen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz +über die Menschen kommen, wenn sie erkennen, daß +sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich hätten lieben +können.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-143"></a><span class="pgnum">143</span>Als Dank — pour un sourire de printemps.</p> + +<p>Als Dank — pour un sourire de vie.</p> + +<hr/> + +<p>Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt, +mit der die Masse der Menschen ihr tägliches Arbeitslos +trägt, der wird sie namenlos achten müssen, diese +‚Menge‘, trotz alledem und alledem. Und wenn wir +Geistigen uns nur zu oft über sie erheben: sie kann +doch nie brüderlich genug geliebt werden. Und jedenfalls +soll sie beständig in unseren Gedanken wohnen, +auch in denen, die ihr etwa zürnen.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er +besitzt immer und unveräußerlich die göttliche Würde.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der +Menschen immer wieder zu Falle bringen. Man muß +ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben +in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man +Urgestein sein muß, dahinauf sich ein namenlos geängstigtes +Geschlecht retten kann. Wo man um der +Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen +und verleumden muß, die den Erdboden zur +schwankenden Welle machten, die den Abgrund +predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird +aus Himmel und Sternen wieder ein Bild machen, man +wird die Spinnweben alter Märchen auf offene Wunden +legen müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen, +das die Kulturen bisher hervorbrachten.</p> + +<p>Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick, +aber der aus jeder und gar jeder Bürgerlichkeit +hinausgeschreckte Mensch, der verfluchte Bürger, der +<a id="page-144"></a><span class="pgnum">144</span>irre, friedlose, von jeder Gewißheit enterbte, das personifizierte +Grauen vor dem Unfaßbaren, der aus +Tiefe wahnsinnig werdende Mensch — das wäre der +Untergang selbst. ‚Oberflächlich aus Tiefe‘ — Lebenswort! +Auf die Stirne von Tempeln!</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage +einstweilen zurückgestellt und versucht es +augenblicklich zunächst mit der Sachlichkeit.</p> + +<p>(Vergleiche z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.</p> + +<hr/> + +<p>Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er +sich fühlen und nennen. Und am Ende wird er sagen: +Wer weiß sich mit hunderttausend Stricken gefesselter +als ich?</p> + +<hr/> + +<p>Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir +uns so oft schuldig machen, ist schrecklich. So wenn +einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt: das verlogene +Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am +dritten Ort — aber auch am vierten und fünften? — Und +wir selbst, die wir so sprechen, sind es also an +keinem? Nirgends verlogen, nirgends angreifbar, nirgends +verwerflich?</p> + +<hr/> + +<p>Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem +ganzen Umfang einander erklären und abschätzen. +Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er nur +schreiben gelernt hat.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-145"></a><span class="pgnum">145</span>Man soll über einen wahrhaft großen Menschen +nicht reden. Denn worüber man bei ihm reden kann, +darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf +an, wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden +erscheint. Von diesen unionibus mysticis aber kann +man nur — schweigen oder doch nur in Momenten +großer innerer Kraft zeugen.</p> + +<hr/> + +<p>Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der +Mensch, das Individuum ist Gottes Einfalt, ist einfältig +gewordene Gottheit. In der Beschränkung zeigt +sich erst der Meister.</p> + +<hr/> + +<p>Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre +sage ich, nicht ‚Lob‘. Tadeln, ja ganz ablehnen +können und doch immer noch ehren, das heißt fühlen +lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß, so +wenig ich eine Blume in ihren inneren Organen verletzen +möchte, so wenig möchte ich Dich — verletzen! +das ist es.</p> + +<hr/> + +<p>Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem +Wege — und sei es zehnmal ein wider Sitte +und Gesetz verstoßender — zur Freiheit strebt.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer — welch +grober Gedankengang! Als ob —</p> + +<hr/> + +<p>O, wie erniedrigt doch die ‚Konversation‘, wie verführt +sie uns fortwährend zu Urteilen, die wir gar +nicht haben, deren wir uns gleich darauf schämen, +die nichts als höheres Geschwätz sind, das mit unserm +<a id="page-146"></a><span class="pgnum">146</span>wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als +es dessen Teil an Torheit und Schwäche aufdeckt.</p> + +<hr/> + +<p>Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, — aber +man muß mit diesem Bedürfnis im Herzen +nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede, ausschließlich<i> geliebt</i> sein, sie wollen aus aller Kraft +die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode +aufzufassen. Sie wollen ein ganzes Leben in Beschlag +nehmen, aber dafür kein Leben der Kameradschaft, +sondern ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der +Liebe aber ist ein Unding, wie ewige Musik oder +ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur +Kameradschaft, sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und +unberechenbar, die Kameradschaft, die Freundschaft +ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis zu jedem möglichen +Grade unegoistisch, sie ist der höchste Zustand +zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das +Mittel zum Werden des Kindes, aber die Freundschaft +ist das Mittel zum reif und süß Werden deiner selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Wann wird dies sein? Wann wird das sein? — Wann +wir es uns verdient haben werden.</p> + +<hr/> + +<p>Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen +wie im Guten.</p> + +<hr/> + +<p>Wer nicht auch böse sein kann — kann der wirklich +tief sein?</p> + +<hr/> + +<p>Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch +nur um deines Behagens willen im Gefängnis sitzt, +<a id="page-147"></a><span class="pgnum">147</span>und daß auf deiner Seite viel dazu gehört, das Freiheitsopfer +so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit — wo +Gutes gewollt wird — ist zu nichts nütze. +Umgekehrt, sie ist nur eine Quelle immer weiterer +Schwäche und damit immer weiterer Mißerfolge.</p> + +<hr/> + +<p>Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines +Wassertropfens, aber vor dem Menschen haben wir +immer noch keine Ehrfurcht.</p> + +<hr/> + +<p>Finsternis würde mich in kürzester Frist um alles +Glück und um allen Verstand bringen. Gebt allen +Menschen vor allem Licht und vorzüglich den Unglücklichsten +unter uns, unsern Gefangenen.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Wer sich groß verfehlt, der hat auch große Quellen +der Reinigung in sich.</p> + +<hr/> + +<p>Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden +Wesen, dem Menschen — als denkendem Wesen — am +meisten. Und dann Phantasie. (Aber was wäre +Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden +eine der grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht +kann der Mensch nur mit einem gewissen Quantum +von Feigheit und Trägheit — existieren.</p> + +<hr/> + +<p>Tugend — Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, +der nur die Unseligkeit des üblichen Tugendbegriffs +verrät, als etwas durchaus Negatives.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-148"></a><span class="pgnum">148</span>Wem das allgemeine Wohl das höchste Ziel auf Erden +dünkt, der tut den Menschen gar nichts so Gutes, wie +er meint. Man soll nie das Wohl, man soll nur das +Heil jedes Menschen im Auge haben, — zwei Dinge, +die sich oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.</p> + +<hr/> + +<p>Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher +gestickt steht: Ein Viertelstündchen. Aber ganze Generationen +schlafen ihr ganzes Leben auf ihr. — Was +ist dem Erwachten — Geschichte? Das, was — andre +getan haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein +eigenes Tun denken kann.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen +ewig wandernde Flamme.</p> + +<hr/> + +<p>O helfen, helfen können — es gibt nichts Größeres +für menschliche Art!</p> + +<p>Und nicht helfen können, nicht helfen dürfen, es +hat gewiß nicht minder bittere Tränen erpreßt als: +wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen haben.</p> + +<hr/> + +<p>Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem +Äußeren meist zu viel Wichtigkeit beigelegt wird. Aber +es ist damit wie mit der Kleidung. So mannigfaltig sich +der Mensch auch tragen mag, in der Hülle steckt allemal +Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe +allerletzten Endes unablehnbare Geschwister.</p> + +<hr/> + +<p>Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte — um +des Menschen willen! +<a id="page-149"></a><span class="pgnum">149</span>In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur +Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der +Kritik am andern.</p> + +<hr/> + +<p>Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, +der immer wiederkehrt, wird aufhören, ihm entgegenzuarbeiten. +Er sieht sich Schulter an Schulter mit ihm +gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft +zwischen ihm und sich. Mag der Andre noch +sein Feind sein wollen, er selber empfindet ihn nicht +mehr als Feind; für ihn fällt er, wenn er sich und +ihn sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe +zusammen. Mag der Andre ihn noch hassen, ja verachten, +er selber wird nichts begehren, als ihm zu +helfen, zu nützen, zu dienen. Er weiß, wie alles zusammenhängt. +Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, +sondern der Zusammenhang liegt klar vor ihm.</p> + +<hr/> + +<p>Frage und Prüfung:</p> + +<p>Was kannst du?</p> + +<p>Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen +lassen, ohne auch nur einen Schatten von Zorn wider +den Bruder zu fühlen?</p> + +<p>Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? +Man kerkert dich ein, man foltert dich, man hängt +dich auf — gesetzt, du fielest unter Wilde oder gerietest +vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte +amerikanische Volksmenge. Könntest du dann +leiden und sterben — ohne Verwünschung?</p> + +<hr/> + +<p>Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie +kritisieren.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-150"></a><span class="pgnum">150</span>Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den +Andern, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn +verstümmelt.</p> + +<hr/> + +<p>Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch +den Menschen nie vorschreiben dürfen. Man kann +dem Wesen der Macht nichts abmarkten.</p> + +<hr/> + +<p>Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So groß +ihre Mäuler auch sein mögen, sie tun der Pflanze +selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie niemals. So +handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur +heißt, sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe +die Kunst vom Leben zu nehmen, ohne ihm zu +schaden.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er +sich als Nahrung bedient, selbst töten müßte, würde +die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. +Dergleichen lenkt einen bloß von der großen +Liebe ab, die sich allein auf die Menschheit in ihrem +Vorwärtskommen richten soll; dergleichen sind bloß +Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der Egoität. +Mag sich ins Kornfeld werfen, den Himmel +angucken und Träume spinnen, wer die Wirklichkeit +noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, +der weiß, daß es für ihn nur noch einen modus vivendi +gibt, den des entschlossenen Realisten der +Liebe.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-151"></a><span class="pgnum">151</span>Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede +Krankheit ist eine Reinigung; man muß nur herausbekommen, +wovon. — Es gibt darüber sichere Aufschlüsse; +aber die Menschen ziehen es vor, über hunderte +und tausende fremder Angelegenheiten zu lesen +und zu denken, statt über ihre eigenen. Sie wollen die +tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen +und interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit +mehr für das Spielzeug des Lebens, als für seinen Ernst, +als für ihren Ernst. — Hierin liegt die wahre Unheilbarkeit +ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen +gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.</p> + +<hr/> + +<p>Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher +von uns halb noch im Schnee der Kühle, Kälte. Dann +taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese und jene +Grube vermag sie nicht vorzudringen; weiße, unvertilgbare +Flecken bleiben zurück: nie werden wir ganz +frei von jedem Rest von Lieblosigkeit, nie<i> ganz</i> +Liebe — solang wir noch dieser Berg sind.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich den in der Liebe; +aber er führt in die Seligkeit Gottes selber hinein.</p> + +<hr/> + +<p>Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles +Klopfen, Horchen, Spähen umsonst.</p> + +<hr/> + +<p>Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht +gen Himmel fahren.</p> + +<hr/> + +<p>Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, +ist Egoismus, noch nicht — Liebe.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-152"></a><span class="pgnum">152</span>So wie der Strom in das Meer muß, so muß der amor +in die caritas.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, +um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns +zu vergelten.</p> + +<hr/> + +<p>A sagte zu B, der sich mit seinem persönlichen Schicksal +herumschlug und des Jammers kein Ende fand: +Wie erbarmungslos bist du!</p> + +<p>Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurück und +fügte, da er A nicht durchdrang, nach einer Weile +hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist! (indem +er meinte, dieser habe für sein Unglück kein Verständnis). +Und<i> wenn</i> ich es gegen dich wäre, erwiderte +A, so wäre ich es gegen einen Einzigen. Du aber bist +es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes +Leid, nicht auch das ihre. Du wärst aus ganzer Seele +zufrieden, wenn nur du allein getröstet würdest, wenn +nur dir allein unter allen Millionen geholfen würde. +Prüfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch +strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, +ihn selbstsüchtig, hart und erbarmungslos zu nennen.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß von aller Verliebtheit in Maja frei werden, +dann erst kann die große Liebe entstehen.</p> + +<hr/> + +<p>Der Haß hat uns in eine solche Grobheit des Urteils +und der Beurteilung hineingesteigert, daß wir nichts +mehr rein zu sehen vermögen. Wir vergessen, daß +es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, +<a id="page-153"></a><span class="pgnum">153</span>sei es einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen +wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des +Positiven zu stellen, in jeder Sache.</p> + +<hr/> + +<p>Viele Menschen fühlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit +gestört und fordern laut nach strengen strafrechtlichen +Maßnahmen gegen den Verbrecher.</p> + +<p>Das ist verständlich, aber es zeigt auch, woran es +noch viel mehr als an gesetzgeberischen Bestimmungen +fehlt: An dem Bewußtsein, an der Ahnung wenigstens, +was man selbst und was der sogenannte Verbrecher +ist. Der Verbrecher und ich sind nichts wesentlich +Getrenntes, wir stehen im engsten menschlichen +Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht +auch sich selber täte, und wir können ihm nichts +tun, was wir nicht auch uns selber täten. Er ist nicht +anders von uns verschieden, als unser Arm, unser +Bein, unser Auge. Nun heißt es zwar: So dich deine +Hand ärgert, so haue sie ab. Aber wenn ich die Hand +abhaue, so füge ich mir damit einen Schmerz zu, den +ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte +ich ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr +Fehlen etwas, was sich nicht vergessen läßt.</p> + +<p>Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher +vom Leibe schafft. Dann schafft sie sich ihn eben +vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der entsprechende +Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den +sie nicht wieder los wird.</p> + +<hr/> + +<p>Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, daß er +als ruhiger Bürger seinem Tagewerk nachgehe, sie ist +noch etwas darüber: daß er sich mehr und mehr verinnerliche, +<a id="page-154"></a><span class="pgnum">154</span>sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt +mehr und mehr verchristliche.</p> + +<p>Alle, die beispielsweise für die Todesstrafe stimmen, +wollen nicht die Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat +eines Bruders bringen und die dann Frucht +über Frucht aus ihm zeitigen müßte, sondern sie +wollen ihre Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungestörtes +Weiterwirtschaftenkönnen im einmal Überkommenen. +Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, +wenn sie einer gewissen Sicherheit genießen wollen, +aber sie müßten dafür, daß sie mit der einen Hand +nehmen, nämlich Freiheit oder gar Leben vom Mitmenschen, +mit der andern Hand geben: nämlich +doppelte, dreifache Liebe.</p> + +<p>Sie müßten nicht nur den andern sich, sondern sich +zugleich dem andern opfern, sich, das heißt ihren Eigennutz, +ihren Hochmut, ihre Gleichgültigkeit, ihre Trägheit. +Aber dem wird ausgewichen und darum ist in +unseren Strafen so viel — Rache; was man auch von +Erziehungs- und Abschreckungstheorien redet. Erziehen +soll man zuerst sich selbst und dann erst den, +der mitten im Schoße von uns Tugendhaften als +Lasterhafter emporblühen konnte. Wahrlich, es kann +mit der allgemeinen Tugend nicht soweit her sein, +wenn der Räuber und Mörder so üppig gedeiht, wahrlich, +es ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden +wie unsere Gesellschaft auch noch nach Schutz und +besonderer Fürsorge verlangt. Sie möge erst die sieben +Todsünden in sich bekämpfen und im Verbrechertum +zunächst vor allem das vergrößerte Spiegelbild +ihrer selbst sehen, den immerwährenden Vorwurf ihrer +selbst. Sie möge im Verbrechertum zunächst erst einmal +<a id="page-155"></a><span class="pgnum">155</span>ihr —<i> Schuld</i>-Konto erblicken. Wenn sie aber +meint, daß, sagen wir, der Bauer Adam in Vaduz unmöglich +Schuld haben könne, wenn in den Südstaaten +ein Neger sich an einer Weißen vergreift, so ist zu +erwidern, daß weder der Bauer noch der Neger für +sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind, daß +sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer +Welt als schöpferische Faktoren rechnen, die nach +der einen Seite unendliches Schulden-Karma abzutragen, +nach der andern Seite die Geisterreiche der Zukunft +mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als +Bauer und Neger, sondern in hinreichenden menschlichen +Manifestationen ab aeterno in aeternum wiederkehren.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein<i> könne</i>, behauptet +niemand, daß sie es<i> sei</i>, nur ein Tor.</p> + +<hr/> + +<p>Wer ‚für Güte Dank‘ erwartet, macht sich +schon allein dadurch, daß er sich selbst als ‚gütig‘ +empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten +verlustig, indem er sich im Gefühl und Bewußtsein +seiner Güte als ein besonderer Wohltäter andrer vorkommt, +sich also über sie erhebt und überhebt. Eine +solche Erwartung, so natürlich und allgemein sie sein +mag, verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade +das, womit ihr gewöhnlich vergolten wird: eine gewisse +Gleichgültigkeit, ja beinahe einen gewissen (zurückschlagenden) +Hochmut. Wer Gutes tun und dabei +nicht in die Brüche geraten will, muß es soweit bringen, +daß er sich nie anders denn als einen Diener des +<a id="page-156"></a><span class="pgnum">156</span>andern empfindet, dem eine glücklichere Fügung gestattet — Schuld +abzutragen. Er muß, fern davon, +von dem andern Dank zu erwarten, vielmehr das Gefühl +der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, +weil er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, +wie solche Hilfe nachträglich ‚gelohnt‘ wird. +Dies mag für uns freilich mehr oder minder immer +ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem +Satze von der Dank verdienenden Güte in uns und +außer uns zu Leibe zu gehen.</p> + +<hr/> + +<p>Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen +nicht lieben. Aber den Böswilligen, den Ungeistigen, +den Langweiligen zu lieben gilt es. Nicht +so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche +mehr oder minder bezahlen, als der barmherzige Samariter +derer, die nichts haben als ihr schmerzliches +Schicksal.</p> + +<hr/> + +<p>Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosphäre +des tiefen, ungeheuren Geheimnisses, das uns +alle umfängt, das wir alle sind, und vor dem es keine +andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht +gibt, herauslösen, herausgelöst empfinden, weil er ein +‚Mörder‘ geworden ist?</p> + +<hr/> + +<p>Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen +dienen will, übersieht zu leicht, daß sein Selbst in ein +niedrigeres und in ein höheres Selbst zerfällt, und daß +er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern +in eben dem Maße selbstvoll im andern Sinne werden +sollte. Sein Selbst verlieren, heißt sich läutern, seine +<a id="page-157"></a><span class="pgnum">157</span>Seele bereiten, wie einen Acker, welcher der Saat +wartet. Sein Selbst gewinnen aber heißt, Frucht tragen +wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.</p> + +<hr/> + +<p>Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, — prüfen +wir uns einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. +Nach allem Möglichen wird unter Umständen mit +vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um +Morgen dein Leben lang an deiner Türe vorbeigeht +mit Lebensbrot, so kann er ein Leben lang ungerufen +davor vorbeigehen; denn seine Bettwärme wie sein +appetitliches Frühstück oder seine Zeitung oder gar +seine ‚Pflicht‘ läßt keiner so leicht im Stich um +Lebensbrotes willen.</p> + +<hr/> + +<p>Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht +wie erwachsene bewußte Menschen. Wir essen und +trinken ruhig, während Mitmenschen neben uns verhungern +und verdursten, wir gehen fröhlich in Freiheit +herum, während Mitmenschen neben uns in Kerkern +verderben. Wir können uns in jeder Weise freuen, +während um uns in jeder Weise gelitten wird, und +wenn wir selbst leiden, so haben wir die Unbefangenheit, +mit dem Schicksal darum zu hadern. O, daß unser +Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt würde und +diese bittere Häßlichkeit von uns abfiele und wir aus +Kindern Erwachsene würden.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders +als ein — Helfen! Als wunderreichste, geheimnisvollste +Hilfe!</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-158"></a><span class="pgnum">158</span>Alles ernsthaft Angefangene muß die Menschheit auch +entschlossen weiter treiben und weiter entwickeln. +Täte sie's nicht, so wäre sie ebenso unreif und leichtfertig +wie die Individualität, die anfängt und liegen +läßt, statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensläufen, +allem in sich eine Folge und Ausbildung zu +geben. Einziglich schon von diesem Gesichtspunkt +aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen +ablehnen, als ob es ein Verdienst wäre, ein so wundertief +begonnenes Geisteswerk in die Rumpelkammer +zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau +anzunehmen, zum mindesten dankbar gewärtig +zu sein.</p> + + + + + +<h2><a id="page-159"></a><span class="pgnum">159</span>Lebensweisheit</h2> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Mit allem Großen ist es wie mit dem Sturm. Der +Schwache verflucht ihn mit jedem Atemzug, der +Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten +weht.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen<i> nicht</i> kommen. In den gewöhnlichsten Verhältnissen.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Alles Festlegen verarmt.</p> + +<hr/> + +<p>Dem Steigenden werden Gärten der Schönheit Wüsten +der Unbedeutendheit.</p> + +<hr/> + +<p>Der Schmerz über das, was wir an der Welt verfehlen +und von dem sie gemeiniglich nichts weiß, kommt +ihr wieder aus der Reife unseres Charakters.</p> + +<hr/> + +<p>Man kann wohl sagen, daß das Geschlecht zwei +Drittel aller möglichen Geistigkeit auffrißt.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz +macht die meisten Menschen nicht groß, sondern klein.</p> + +<hr/> + +<p>Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack +längst nicht mehr rührt, wird selbst Gegenstand des +Spottes, ja der Verachtung.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, +so tun sie's gewiß aus Ungeschicklichkeit.</p> + + + +<h3><a id="page-160"></a><span class="pgnum">160</span>1906</h3> + +<p>Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schließlich +doch das Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst +noch das Liebste zu uns.</p> + +<hr/> + +<p>Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann +man Wahrheit nicht lehren, nur zeugen.</p> + +<hr/> + +<p>Alles, im Kleinen und Großen, beruht auf Weitersagen.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Es ist merkwürdig, daß ein mittelmäßiger Mensch oft +vollkommen recht haben kann, — und doch nichts damit +durchsetzt.</p> + +<hr/> + +<p>Mit Jedem wächst auch sein Herold oder sein Henker.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn du ein Geldstück von Wert bist, so briefwechsle +dich nicht zu oft.</p> + +<hr/> + +<p>Spannung ist alles und Entladung.</p> + +<p>Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer +richtig zu entladen.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortwährend +bei sich wie bei den andern hunderterlei +Krumm gerade sein ließe.</p> + +<hr/> + +<p>Jede gründliche Erfahrung muß mit eignem Leben +bezahlt werden — und fremdem.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-161"></a><span class="pgnum">161</span>Was du andern zufügst, das fügst du dir zu.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne +Liebe.</p> + +<hr/> + +<p>Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen +und die Liebe. Und nie wird wohl jemand ergründen, +ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe willen, +oder ob er liebt um des Schaffens willen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keine ‚toten‘ Gegenstände. Jeder Gegenstand +ist eine Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre +Ansprüche geltend macht wie ein gegenwärtig Lebendiges.</p> + +<p>Und je mehr Gegenstände du daher besitzest, desto +mehr Ansprüche hast du zu befriedigen. Nicht nur +sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen dienen. +Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die +unsern.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.</p> + +<hr/> + +<p>Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend +verzichten läßt; denn er weiß, daß jedes Ding eine +Wolke von Unfrieden um sich hat.</p> + +<hr/> + +<p>Die Hälfte allen Unglücks — vom gröbsten bis zum +feinsten — geht auf Unwissenheit oder Denkfehler +zurück, gewollte und ungewollte Ungeistigkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Lesen-Können, — darauf läuft schließlich alles hinaus.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-162"></a><span class="pgnum">162</span>Überall dem Selbstverständlichen zum Wort verhelfen — das +ist ein großes Geheimnis.</p> + +<hr/> + +<p>Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Nur durch Schaden werden wir klug — Leitmotiv +der ganzen Evolution. Erst durch unzählige, bis ins +Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen lernt +sich das Individuum zum Meister über sein Leben +empor. Alles ist Schule.</p> + +<hr/> + +<p>Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger +für sie reif ist. Nicht an der Wahrheit liegt es daher, +wenn die Menschen noch so voller Unweisheit +sind.</p> + +<hr/> + +<p>Es gehört mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das +pure, lautere Gold liegt vor uns, um uns. Aber wir +leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu +schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne +über uns und folgen Schatten und Gespenstern.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt für Unzählige nur Ein Heilmittel — die Katastrophe.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Von Hundert, die von ‚Menge‘, von ‚Herde‘ reden, +gehören neunundneunzig selbst dazu.</p> + +<hr/> + +<p>Vorsicht und Mißtrauen sind gute Dinge, nur sind +auch ihnen gegenüber Vorsicht und Mißtrauen nötig. +<a id="page-163"></a><span class="pgnum">163</span>Der geschäftige Clown im Zirkus, der den Teppich +‚mit aufrollen hilft‘ — ein Bild, das einem tausendfach +aus dem Leben wiederkommt.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am +gründlichsten vergessen und am seltensten getan.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>In vielen Fällen wäre der gerade Weg der kürzeste — zum +Verderben.</p> + +<hr/> + +<p>Was wäre wohl aus der Welt geworden, wenn alle +zum Mitschaffen Aufgerufenen immer gleich ‚schnurstracks‘ +auf ihr Ziel losgegangen wären. Alle Weisheit +ist langsam, alles Schaffen ist umständlich.</p> + +<hr/> + +<p>Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die +viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.</p> + + +<h3>1914</h3> + +<p>Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben +wir uns.</p> + + + + + +<h2><a id="page-164"></a><span class="pgnum">164</span>Erziehung Selbsterziehung</h2> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Jeder Jüngling mag von sich denken, er sei der Messias, +aber er muß nicht Messias sagen, sondern nur +Messias tun.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Man müßte sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, +sondern wie eine Mutter ihr Kind behandeln.</p> + +<hr/> + +<p>Faß das Leben immer als Kunstwerk.</p> + +<hr/> + +<p>Umschnalle dein Herz mit Schweigen.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Wir<i> brauchen</i> nicht so fort zu leben, wie wir gestern +gelebt haben. Macht Euch nur von dieser Anschauung +los und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem +Leben ein.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber +sagt zu einem nein, so muß man auch zu diesem +Nein ja sagen.</p> + +<hr/> + +<p>Man kann nur als Totschläger leben.</p> + +<hr/> + +<p>Höher als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, +die absolute Skepsis gegen sich selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung +einfangen — wäre schon genug für ein Leben.</p> + + + +<h3><a id="page-165"></a><span class="pgnum">165</span>1906</h3> + +<p>Nur im Fluß bleiben, nur nicht zur Spinne eines +Gedankens werden.</p> + +<hr/> + +<p>Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, so +daß deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer +Unzufriedenheit zu stärken.</p> + +<hr/> + +<p>Ich schreibe der Gegenwart schön gebildeter Gegenstände +einen großen Einfluß auf den Menschen zu. +So sollten wir die Möbel unserer Kinderzimmer mit +außerordentlicher Sorgfalt auswählen. Irgend ein +schöner, schlichter, ehrwürdiger Schrank, auf den der +Blick unsres Kindes von seinem Lager aus fällt, ja +kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine +kleine Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen +Tempels, einer modernen Eisenbrücke würden +ihm zweifellos eine Ahnung von großem Stil geben, +die es sein ganzes Leben hindurch nachspüren und +weiterentwickeln würde.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. +Und zwar einer Ausstellung von Dilettanten verfertigter +Dinge, als da sind Dörfer aus Streichholzschachteln, +rollendes Material aus Garnspulen, ein +Haus aus einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. +Mir lacht das Herz. Seit manchem Jahre schmähe +ich das luxuriöse moderne Spielzeug, diese echte Aus- und +Nachgeburt einer materialistischen Periode, — und +nun erhebt endlich wieder das Spielzeug unserer +Kindheit das bescheidene und phantasievolle Köpfchen. +<a id="page-166"></a><span class="pgnum">166</span>Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach und +unter so viel ödem Bildungsphilistertum wieder den +Geist und die Liebe.</p> + +<hr/> + +<p>Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht +vornehmlich auf Bestärken und Schwächen. Man +kann niemanden zu etwas bringen, der nicht schon +dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von +etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich ihm +zu entfremden. Der bedeutende Mensch ist ein Mensch, +an dem viele andre sich klar werden. Er greift in +ihr Unbewußtes und Unterbewußtes und stärkt dort +das ihm Verwandte. Wenn Lichtenberg von seinem +Aberglauben redet, so schwächt er damit die Mannhaftigkeit +vieler; denn ihre heimliche Neigung zum +Unkontrollierbaren fühlt sich durch einen solchen +Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge Zucht +scheint ein wenig im Werte sinken zu dürfen. Wenn +er aber von einem geläuterten Spinozismus als der +Religion der Zukunft spricht, wie fällt da sein Wort +bei manchem wie ein Frühlingsregen auf Saatfelder. +Wie stärkt er da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. +Wobei freilich außer Betracht bleibt: wozu?</p> + +<hr/> + +<p>Wer möchte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?</p> + +<hr/> + +<p>Jeder muß seinen Mann haben, der ihm über die +Schulter sieht, und dieser wieder seinen und so fort. +Das ist nur gut und billig; so allein kommt der +Mensch vorwärts.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-167"></a><span class="pgnum">167</span>Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der +Gefahr ausgesetzt, gekreuzigt oder verbrannt zu werden. +Um so mehr will es der Anstand und die Solidarität, +aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, +und sollten es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung +sein.</p> + +<hr/> + +<p>Übung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.</p> + +<hr/> + +<p>Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du +wirst merken, worauf's ankommt, auch bei dir.</p> + +<hr/> + +<p>Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu +dem: im Begonnenen unermüdlich weiter zu arbeiten, +aber nicht in Verzweiflung und Selbstbetäubung, sondern +indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer +mehr durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer +entschiedener vergeistigen. Was denn schließlich auch +unserer Hände Werk sich wunderlich wandeln machen +wird, so daß, wenn einer etwa im Kriegshandwerk +begann, er, wer weiß, als Kolonisator endet, oder als +Kriegsmann irgend einer andern höheren Kriegsidee, +als es die der bisherigen Kriege war.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre +wir wohl alt sein mögen, werden wir geduldiger gegen +das Tempo unserer heutigen Entwickelung werden. +Die von uns heute so ungestüm begehrte edlere Zukunft +unseres Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch +einmal verwirklichen, aber statt in Jahrhunderten erst +in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost für den +Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: +<a id="page-168"></a><span class="pgnum">168</span>daß ihm für seine Person schon heute die Möglichkeit +gegeben ist, sich selbst so edel zu verwirklichen, +wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen +ist jederzeit und überall möglich; zuletzt bleibt doch +diese Erkenntnis und was sie fruchtet, der einzige +wahre Fortschritt.</p> + +<hr/> + +<p>A. Zukünftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, +sich selbst als sein einziges Ideal, im ethischen Sinne, +zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei sich anfinge, +wäre die schönste Zukunft vorweggenommen.</p> + +<p>B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, +fange doch gleich bei dir selbst an. Auch +dein Reden ist nämlich nur ein Umgehen deiner Pflicht. +Bilde, Künstler, rede nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Sich immer am Leben korrigieren.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als Kämpfer +für das Echte zuletzt den Erfolg an sich zu fesseln: +So lange zu schweigen, Geduld zu haben, Menschen +und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue +gegen sich selbst und die äußeren Umstände eines +Tages ein Faktor geworden ist, mit dem gerechnet +werden muß. Dann endlich mag man dem Zorn und +der Liebe in sich nachgeben, wann und wo es auch +sei. Dann erst hat es, sie rückhaltlos zu äußern, Sinn +und Wert: Für einen selbst, für den Getroffenen, für +den Verteidigten, für alle andern.</p> + +<hr/> + +<p>Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch +mit kühlen Blicken unter sich sehen lernen. Man sei +<a id="page-169"></a><span class="pgnum">169</span>stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener +brünstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts +ist als versetzte Erotik. Man gebe dem Weibe, was des +Weibes, und Gott, was Gottes ist.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Von sich zurückzutreten wie ein Maler von seinem +Bilde — wer das vermöchte!</p> + +<hr/> + +<p>Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in +sich, daran unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste +Lebensaufgabe bleibt.</p> + +<hr/> + +<p>Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was +man Taugliches wird, wird man in der Regel trotz der +Schule, nicht durch die Schule.</p> + +<hr/> + +<p>Gute Erziehung — ein zweischneidig Schwert. Mancher +wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch +von<i> Umfang</i>, infolge seiner guten Erziehung.</p> + +<hr/> + +<p>Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben. +Nichts macht das Leben ärmer als vieles anfangen und +nichts vollenden.</p> + +<p>Aber ebenso gewiß ist, daß wenn auch kein Schuß ins +Schwarze trifft, unzählige es wie ein Sternenhimmel +umschreiben.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Es ist der Schritt, der erobert. ‚En marche‘ — ist +eines der schönsten Worte der Welt.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-170"></a><span class="pgnum">170</span>Siehe eine Sanduhr: Da läßt sich nichts durch Rütteln +und Schütteln erreichen, du mußt geduldig warten, bis +der Sand, Körnlein um Körnlein, aus dem einen Trichter +in den andern gelaufen ist.</p> + +<hr/> + +<p>Was habe ich immer vor mir? Meine Hände. Darum +möchte ich eine ‚Erziehung zum Nachdenken‘ geschrieben +sehen unter Zugrundelegung der Anschauung +der Menschenhand.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine +gute Mutter zu verschaffen.</p> + +<hr/> + +<p>Die kleinen Schwächen legt man am schwersten ab, so +wie man der Moskitos weit schwerer Herr wird als des +Skorpions oder der Schlange. Und so ist es recht eigentlich +das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit +aufhält: Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Trägheit, +Lauheit.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Man möchte sich wie Bruder Bernardo auf irgend +einem Marktplatz dem Gespött der Welt aussetzen, +um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe willen +geduldig und heiter zu ertragen — und leidet vielleicht +schon darunter, wenn die Schaffnerin, die das +Zimmer aufräumt, vergißt, guten Morgen zu wünschen, +oder wenn der Türhüter des Hauses schlecht +geschlafen hat.</p> + +<hr/> + +<p>Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, +<a id="page-171"></a><span class="pgnum">171</span>sondern nur einfach etwas von deiner Pflicht zu tun +versuchen, Tag um Tag.</p> + +<p>Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit +und Wachsamkeit von Anfang bis Ende +zu verleben, als ein Jahr in großen Absichten und hochfliegenden +Plänen.</p> + +<hr/> + +<p>Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns +noch so sehr als Unrecht erscheint. Den Kampf gegen +dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber ihn nicht +außer sich führen, gegen jenen, sondern in sich, gegen +sich, gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen, +jenem Unrecht entspricht. Oder könnten wir +leugnen, daß wir innerlich an allem noch irgendwie +teilhaben, was an Bösem außer uns geschieht? Daß in +uns von dem z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung +versetzt und zu unverantwortlichen Handlungen verführt, +noch genug lebt, um unsere ganze Wachsamkeit +und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es +nur ein gewisses Sichfreuen bei dem ‚Sieg‘ des schwächeren +Gegners oder eine ‚gerechte Empörung‘ über +dies und das, was das blutige Handwerk nach sich zieht? +Wir möchten allzugern wahrhaben, es sei menschlich +schöner, mit dem Schwächeren sich zu freuen, als die +gleichmäßige Trauer über Siegende wie Besiegte eine +Quelle neuer Gelöbnisse vermehrter Anstrengung in +uns selber werden zu lassen; es sei nicht leichter, +empört über Grausamkeiten zu sein, als die Blitze +der Entrüstung auf und in uns selbst abzuleiten, +auf das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch +in uns noch nicht völlig gebändigt, noch nicht genug +in rein dem vergeistigten Ich dienenden Kräften leben.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-172"></a><span class="pgnum">172</span>A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie +empfinden, doppelt streng gegen sich selbst vorgehen, +nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen, wie der Student +seiner Flamme.</p> + +<p>B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht +mehr verlassen dürfen?</p> + +<p>A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie +Ihren Hunden, mit denen Sie über Land gehen. Aber +behalten Sie sich stets vor, sie zurückzupfeifen, und +pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund, einfach +weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre +Diener.</p> + +<hr/> + +<p>‚Daß du dann niemals mehr Wein anrührtest!‘ rief +ein Knabe seinem Vater zu, der mit ihm die Wendeltreppe +eines Turms emporstieg. ‚Welche Selbstüberwindung! +Welche — Entsagung!‘</p> + +<p>Der Vater nickte lächelnd und wies dem Sohne die +Aussicht, die das eben erreichte Treppenfenster erlaubte. +Nachdem sie diese eine Weile bewundernd genossen, +stiegen sie weiter und gelangten zum nächsten. +Welche Entsagung! rief da der Vater verstellt. Hier +haben wir nicht mehr den Blick von vorhin. Wie +schön war es, auf all die nahen Dächer hinabzuschaun; +da störte noch keine Landschaft wie jetzt …</p> + +<p>‘— Störte?‘ fragte der Sohn —</p> + +<p>… und sind wir erst droben, so werden wir auch +diesem Rundbild entsagen müssen; denn droben, du +weißt ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer … +Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der +Schelmerei gewahr, maßen sie lange und nachdenklich +den Sprecher … bis — hoch, ein Silberstreif — das +<a id="page-173"></a><span class="pgnum">173</span>Meer am Horizont erschien und sie mit Tränen +füllte. (Denn wie liebte schon dieser Knabe das +Meer!)</p> + +<hr/> + +<p>Sich bewußt ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz +gehen. Vom Ersten bis zum Letzten und umgekehrt. +Keinen und nichts vergessen, übersehen, gering +achten.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sind allzumal träge; daraus entspringen die meisten +Übel. In jedem schlägt das Gewissen und regt +sich das Wissen, wie es im Kleinen und Großen sein +müßte und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die +Vergeßlichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu +kommen, daß wir aus Gedanken zu Taten hervorschreiten. +Wir kennen manches große innerliche Mittel, +aber man sollte auch kleinere, mehr äußerliche schaffen. +Alle, die gut sein möchten, aber es nicht so sein können, +wie sie möchten, weil sie sich zu schwach dazu fühlen, +sollten sich zusammentun und eine Hilfsbrüderschaft +über sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt. +Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einräumten, ja die +Pflicht auferlegten, sie immer wieder wachzurütteln und +mit dem problematischen Willensmaterial, das in ihnen +ist, zu arbeiten — so wie ein treuer Diener, der uns +zum Sonnenaufgang aus dem Bett rüttelt, so wie ein +Staat, der mit unseren Steuern ‚arbeitet‘. Eine Brockensammlung +guter Willensregungen, sozusagen, das gälte +es für diese Gruppe Tag für Tag. Des Menschen +Wesen ist Schwäche; kann er nicht allein in die Höhe +wachsen, so soll er sich an Stangen und Spaliere binden +oder binden lassen. Ehre jedem, der statt auf dem Stroh +<a id="page-174"></a><span class="pgnum">174</span>zu verkümmern, zur Krücke greift, Ehre jedem tapferen +Invaliden.</p> + +<hr/> + +<p>Ein Hauptzug aller Pädagogik: Unbemerkt führen. +Viele Menschen sind durchaus fähig und gewillt, der +Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen nicht geradezu +gesagt, vor Augen gerückt werden. Sie verlieren +in diesem letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit; +denn ihre Eigenliebe ist noch stärker als ihre +Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gefällt ihnen +nur, wer und was sie — schont.</p> + +<p>Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht +ihren Wahrheitsbesitz erarbeiten.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Übe dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird +gegeben, mit der anderen genommen. Alle Erziehung +verläuft unter diesem Pendelgesetz. Alles Erzogensein +besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem +einen wie dem andern Schicksal gegenüber und einer +Liebe und einem Vertrauen, die höher sind als alle +Vernunft zwischen Geburt und Tod.</p> + +<hr/> + +<p>Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den +unerschütterlichen Entschluß des Durch-ihn-lernen-Wollens +wie einen Schild vor sich her.</p> + +<hr/> + +<p>Wie mancher hat es schon ausgesprochen, daß Heldentum +ebenso leichter sein kann als langsame, geduldige, +unauffällige Selbsterziehung, wie eine Tat leichter +sein kann als eine Handlung, ein Gefühl leichter als +ein Empfinden.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-175"></a><span class="pgnum">175</span>Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch +Liebe für dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt, +nicht dein Schein.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt +gesetzt wird. Wenn du deinen Willen so in Bewegung +und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du nach einigen +Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen.</p> + + + + + +<h2><a id="page-176"></a><span class="pgnum">176</span>Psychologisches</h2> + + +<h3>1891</h3> + +<p>Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz +hat, sondern wo man verstanden wird.</p> + + +<h3>1892</h3> + +<p>Ich halte es nicht für das größte Glück, einen Menschen +ganz enträtselt zu haben, ein größeres noch ist, bei +dem, den wir lieben, immer neue Tiefen zu entdecken, +die uns immer mehr die Unergründlichkeit seiner Natur +nach ihrer göttlichen Seite hin offenbaren.</p> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag +einer starken unbesiegbaren Lebenshoffnung.</p> + +<hr/> + +<p>Unten am Fenster ging Meta vorüber. Mein Herz +klopfte hörbar. Es klopfte so heftig, daß ich unwillkürlich +“Herein!“ sagte. Und das Tor meiner Traumwelt +tat sich ein ganz klein wenig auf und herein +schlüpfte: die Liebe.</p> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Es ist eine Kunst für sich, einen Brief zur rechten +Zeit ankommen zu lassen. Man vergißt ihrer gewöhnlich. +Und doch — wie oft ein intimes, beschauliches +Gespräch am Morgen keine Hörer an uns fände, so +mutet uns ein Brief morgens und abends anders +an.</p> + +<hr/> + +<p>Einer der seltsamsten Zustände ist das dunkle und +unvollkommene Bewußtsein, das wir von der Form +und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes haben. +<a id="page-177"></a><span class="pgnum">177</span>So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck +erzählt, hinter dem sich jedoch durchaus nicht +das verbirgt, was man aus ihm schließen zu sollen +glaubt.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand +vors Auge und das ganze Zimmer liegt im Dunkel +usw.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl, wenn man +sich frühmorgens Gesicht und Kopf abreibt und sich +dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit gewaschen +und abgetrocknet.</p> + +<hr/> + +<p>An den Glockensträngen der Stimmungen.</p> + + +<h3>1897</h3> + +<p>Es ist schön, zu denken, daß so viele Menschen heilig +sind in den Augen derer, die sie lieben.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn +du mit einer recht großen Freude im Herzen zu +gleichgültigen Menschen kommst.</p> + +<hr/> + +<p>Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das +Greuel aller Greuel.</p> + +<hr/> + +<p>Daß der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine +seiner qualvollsten und verderblichsten Forderungen +an sich selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-178"></a><span class="pgnum">178</span>Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffaßt, je +glücklicher ist man. Überall die Bewegung aufzeigen, +das schafft das meiste Glück.</p> + + +<h3>1904</h3> + +<p>Bild:</p> + +<p>Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend +(gleitend, fliegend). Die am nächsten schwebenden +Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.</p> + +<hr/> + +<p>Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht +überall versteckt.</p> + +<hr/> + +<p>Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise +des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus. +Oder: Humor ist das Bewußtwerden des Gegensatzes +zwischen Ding an sich und Erscheinung und die +hieraus entspringende souveräne Weltbetrachtung, +welche die gesamte Erscheinungswelt vom Größten +bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl umschließt, +ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt +und Wert zugestehen zu können.</p> + +<hr/> + +<p>Tragikomödie:</p> + +<p>Ein Mensch, der seine Gründe, mit denen er bejaht +oder verneint, nicht mehr ernst nimmt, sondern +unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen +taucht.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu +Zeit aufzuschreien.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-179"></a><span class="pgnum">179</span>Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.</p> + +<hr/> + +<p>Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht +erfliegen.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, +wenn jemand eine Meinung ausspricht.</p> + +<hr/> + +<p>Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich +ein dunkler Vogel: Unruhe.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in +dem zu Zeiten der Ebbe jedermann spazierengehen kann.</p> + +<hr/> + +<p>Mir macht es oft Mühe, deine Gedanken zu denken, +aber du wirst niemals meine Empfindungen haben.</p> + +<hr/> + +<p>Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdächtig, +wenn ich bemerke, daß auf eine richtige Kombination +schon bei den alltäglichsten Dingen so und so +viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip +so denken und empfinden müßte, wie die andern!</p> + +<hr/> + +<p>Das schwer Übersichtliche, das nicht recht Durchdringliche — damit +lockt uns das Leben selbst immer +weiter und damit lockt auch der platteste Betrüger +noch — und gewinnt.</p> + +<hr/> + +<p>Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz +an den Dingen. Zum Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, +die mehr noch verbirgt als zeigt. Ibsen hat darum +von jeher gewußt. (Vielleicht zu sehr<i> gewußt</i>.) Es ist +<a id="page-180"></a><span class="pgnum">180</span>eine Art Dämmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken +z.B. nachts die Häuser einer Stadt. Solch ein Haus mag +noch so häßlich sein, nachts wirkt es mit dem ganzen +Zauber eines unbegreiflichen Behältnisses unbegreiflicher +Wesen, die namenlos und unerklärlich geworden +sind, wie es selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Warum fühlen wir uns so zum Romanischen als dem +wesentlich Formalen hingezogen? Weil wir selbst +vielleicht nur zu fähig sind zu zerfließen, uns metaphysisch +zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren +und zu ‚vergöttlichen‘ und dafür das einzubüßen, +was starke Völker und Zeitalter unter einer +großen, starken Erdenpersönlichkeit verstanden haben.</p> + +<hr/> + +<p>Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen +erstrebenswert. Aber es muß ein bißchen +irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch +geistig schön werde.</p> + +<hr/> + +<p>Möglichst viel Glück sagt man. Aber wie, wenn die +höchste Glücksempfindung einen Menschen voraussetzte, +der auch Allertiefstes<i> gelitten</i> haben muß? +Wenn Glücksgefühl überhaupt erst möglich wäre in +einem durch Lust und Unlust gereiften Herzen? Wer +möglichst viel Glücksmöglichkeiten fordert, muß auch +möglichst viel Unglück fordern oder er negiert ihre +Grundbedingungen.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale +jedes einzelnen derer, die du kennst und frage dich, +<a id="page-181"></a><span class="pgnum">181</span>ob es etwas andres als eine fast unerklärliche Illusion +ist, die alle diese Menschen das Leben als lebenswert +empfinden und preisen läßt. Ob das große Glück eine +andere Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, +ob nicht vielmehr die Gewohnheit und das +kleine, das ganz minimal dosierte Glück es ist, was +dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.</p> + +<hr/> + +<p>Ich frage mich oft, welches der wünschenswertere +Typus von beiden ist: der mehr geistige Mensch, für +den es nichts Abstoßenderes gibt, als das Uninteressante, +oder der mehr gemütliche, für den es schlechtweg +nur Anziehendes und Abstoßendes gibt.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist das Ärgste, was einem Menschen geschehen +kann, aus einem Fließenden ein Starrer (ja auch nur +ein Stockender) zu werden. Das erkennt mancher und +nährt Friedlosigkeit in sich oder unaufhörlichen Zweifel +(so tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach +fast Unmöglichem, Ungeheurem. Manche aber überlassen +sich ihrer natürlichen Liebe zu Welt und Mensch +und damit geraten sie denn bald in die Strömung unendlichen +Lebens, werden hineingerissen in den ewigen +Zusammenhang aller Dinge, in dem es keinen Stillstand +gibt.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von +Gedanken oft von den Raumverhältnissen eines +Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem +gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, +so daß einer, der sein Leben lang in einer Art von +<a id="page-182"></a><span class="pgnum">182</span>länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein +edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt +findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter +seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.</p> + +<hr/> + +<p>Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß +sich der Raucher, wo auch immer, mit einer vertrauten +Atmosphäre umgeben kann, einer mehr oder minder +verklärten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefühl +von Heimat empfinden darf mit all dem unwägbaren +sinnlichen Wohlbehagen, womit uns das oft +wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser +Bett, unser Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität +der Stimmung befördert, ja wie in einem immer +wieder gewobenen Schleier Gelebtes für uns bewahrt, +Werdendes treulich hinzunimmt.</p> + +<hr/> + +<p>Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben +des Individuums mischen und vermählen. Daher ihr +großer Reiz für den Teilnehmer wie für den Betrachter.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein wahres Glück, daß der liebe Gott die Fliegen +nicht so groß wie die Elefanten gemacht hat, sonst +würde uns, sie zu töten, viel mehr Mühe machen +und auch weit mehr Gewissensbisse.</p> + +<hr/> + +<p>Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bücher lesen? +Ich meine, ob sie, wie sie vielleicht in unserm Zimmer +mit uns wohnen, auch dann und wann, in stillen +Winternächten etwa, wenn sie es müde geworden +sind, den massigen Menschenschläfer zu betrachten +und zu belauschen, sich in die Werke vertiefen, die +<a id="page-183"></a><span class="pgnum">183</span>auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie +das Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne +auch nur ein einziges Blatt umzuwenden, von Anfang +bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch +einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem +ich gerade studiere. Ich zaudere, ihn zu verbessern, — es +ist nichts weiter, als daß in dem Bindewort ‚daß‘ +das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch: +Denn, wenn es nun doch Geister gäbe, — müßten +sie nicht unglücklich über diesen Fehler werden, den +sie selbst nicht verbessern können und aus dessen +Stehengebliebensein sie schließen müssen, daß ihr +Freund ihrer nicht gedacht hat?</p> + +<hr/> + +<p>Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich +auf Weg und Steg finden lassen. Im äußersten +Gegensatz hierzu würde, gesetzt auch geistige Dinge +könnten in solcher Weise verloren gehen, täglich +wohl kaum Ein Paar Scheuklappen gefunden werden.</p> + +<hr/> + +<p>Tiefstes Problem des modernen — also wesentlich +häßlichen, irgendwie verbogenen, schlecht weggekommenen — +Menschen: Wie kann Schönes aus Unschönem +kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? — Alles +ist Ausdruck. Kein Mensch kann +Schöneres, Vollkommeneres geben, als er selbst ist. +Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns +anders wohin, sondern einfach wir selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt nichts Degoutableres, als fortwährend von sich +als Person zu reden (außer zu bestimmten Zwecken), +oder über sich reden hören zu müssen. Daher ist es +<a id="page-184"></a><span class="pgnum">184</span>so kläglich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses +Reden und Beredetwerden fast unvermeidlich ist.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn dich jemand ‚vollkommen versteht‘, sei gewiß, +daß dich niemand vollkommener mißversteht.</p> + +<hr/> + +<p>Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man +einander ist.</p> + +<hr/> + +<p>Ja — nein: geistiges Strickziehen.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist gut, daß wir Spiegel haben. Daß wir für gewöhnlich +unsere eigene Miene nicht sehen, ist eines +der unheimlichsten Dinge, die es gibt.</p> + +<hr/> + +<p>Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in +Wirklichkeit unsere Temperamente.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und +der sagt's.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft +begreifen wollen, so brauchen wir nur +zu bedenken, daß sich in den beiden Menschen, die +sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier +riesenhafter Zellenvölker manifestiert — so, als ob +Rußland aus lauter Männern und Westeuropa aus +lauter Weibern bestände und eines Tages will das +zusammen in orgiastischer Hingerissenheit.</p> + +<hr/> + +<p>Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalität gehört +unstreitig zum Charme jeder Frau. Sie ist die Verbürgerin +<a id="page-185"></a><span class="pgnum">185</span>jener Augenblicke, wo wir ihr ganz Schutz, +ganz Ruhe, ganz Meer sein dürfen.</p> + +<hr/> + +<p>Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, +in seine Heiterkeit oder in seine Schwermut. +Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch +der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. +Daher die vielen Enttäuschungen.</p> + +<hr/> + +<p>Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein +Wassertropfen in der flachen Hand.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sind alle hart und äußerlich zueinander, auch +wenn wir noch so sehr aufeinander einzugehen trachten; +aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern liegen +und nachts der Regen herniederfließt, dann suchen wir +uns im Geiste mit zärtlicher, bereuender Teilnahme, +dann drängen wir uns aneinander wie unwissende und +zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, +dann liebkosen und trösten sich unsere Seelen, die der +erkältende Tag wieder verstocken und verhärten wird, +dann lieben wir wirklich einander mit einer tiefen, +schwermütigen, unbezwinglichen Liebe.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist schauerlich an Toren zu rütteln, die verschlossen +sind; noch schauerlicher aber, wenn sie nur aus +dünnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur aus den kühlen, +harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in +sich eindringen lassen will.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sind alle Besessene, man muß das Wort nur wörtlich +genug verstehen. Aber zugleich können wir auch +<a id="page-186"></a><span class="pgnum">186</span>Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein, den wir ‚unsern +Geist‘ nennen, zugleich auch Besitzergreifende.</p> + +<hr/> + +<p>Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen, +die wir andern gegenüber so gern geltend machen, +entspringt vornehmlich dem Unbehagen, das uns alles +nicht völlig Verstandene als etwas von uns nicht völlig +Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer der +Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres +Begriffsvermögens noch Geistigkeit gibt.</p> + +<hr/> + +<p>Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine +stärkere Persönlichkeit werden können als eine starke +Persönlichkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als +ein Weltmann?</p> + +<hr/> + +<p>Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander +in seine Teile, aber diese Teile gibt es in Wirklichkeit +nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem +Tode — wie erklärlich von der Seele, die ihre — zum +mindesten nächste — Zukunft voraussieht.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des +Grüblers die Melancholie.</p> + +<hr/> + +<p>‚Totentanz‘ ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen +und malen, wie das Weib den Mann in den +<a id="page-187"></a><span class="pgnum">187</span>großen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man +die breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, +und in diese Suppe hineinführend eine unabsehbare +Kette von Weib und Mann, immer das Weib voraus, +mit tausend Gebärden, von der unschuldigsten bis zur +lasterhaftesten. Die Männer, auf die es ankommt, +wollen schaffen, sie wollen die Welt vorwärtsbewegen; +das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm genügt +das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich +völlig gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form +von Kindern dient. Es ist die, trotz der bekannten +Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit +zu fördern: man stellt ein Kind, das heißt man beschränkt +sich darauf, die Aufgabe weiterzugeben, einen +Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das nicht +begriffen haben, nämlich, daß es neben ihrem üblichen +häuslichen Ideal auch noch andere größere Kulturideale +geben könnte, wird die Menschheit nicht entscheidend +vorwärts rücken. Und deshalb liebe ich die +Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet +man heute noch am ersten Frauen, die nicht nur Sinn +für sich, sondern auch Sinn für den Mann haben, die +ihn wirklich wie Kameraden unterstützen, und nicht +nur als gesetzliche Konkubinen zum obersten Haussklaven +machen wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, +wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter +darstellt.</p> + +<hr/> + +<p>Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende +schon glücklich.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-188"></a><span class="pgnum">188</span>In der Bewunderung manch eines Menschen liegt +etwas Schamloses. Sein ‚Wie schön ist das! Wie schön +ist das‘ ist nichts andres als ein ‚Wie wohl fühle ich +mich, wie wohl fühle ich mich!‘ Das aber brauchte +er nicht fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln. +(Im ‚nil admirari‘ liegt doch immerhin ein ganzes +Teil Selbstzucht und Takt.)</p> + +<hr/> + +<p>Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen +Matten — eine beinahe tragische Wirkung.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß +man eine Seite und mehr lesen kann und dabei an +ganz etwas anderes denken.</p> + +<hr/> + +<p>Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, +so würde er in einer so über alles Maß gewaltigen +und erschütternden Welt, in verhältnismäßig unmittelbarer +Nähe eines Naturphänomens wie unserer Sonne, — um +nur etwas herauszugreifen — nicht so sein, wie +er heut noch ist: ein kleinliches, grämliches, banales, +kindisches, eitles, zanksüchtiges, gedankenloses, planloses, +kurz, durchaus noch dumpfes und niederes +Wesen.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze +anzusehen.</p> + +<hr/> + +<p>Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, +die der Mensch an seine Gattung stellt, nur der Wunsch +des Menschen nach größerer und feinerer Behaglichkeit +des persönlichen wie sozialen Lebens aus: Der +<a id="page-189"></a><span class="pgnum">189</span>Mensch will wohl endlich soweit kommen wie die +Blumen und die Bäume: ruhig leben und sterben zu +dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen +nichts Besseres.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres +als Unterhaltung von Polizisten ohne Exekutivgewalt.</p> + +<hr/> + +<p>Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein +äußerster Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine +Katze ihrem Verehrer fortläuft, so muß das aussehen, +als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas ungemein +Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern +Gedanken ausschlösse. Oder wenn ein sogenannter +Zahlkellner gerufen wird, so muß er immer erst wie der +Mond aus dem Gewölk treten, das heißt erst nach +längerer Zeit und nur auf einen Moment, zu dem +man sich beglückwünschen muß, da ihn neues Gewölk +schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen +Dingen nützt dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, +kann sicher sein, daß ihn sobald keiner wichtig +nimmt.</p> + +<hr/> + +<p>Ironisches Gebot:</p> + +<p>Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir zu, +das erweckt allgemein Furcht.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des +Menschen durch ein schönes Wort zu Hilfe zu kommen. +Verordne einem ‚Patienten‘ dreimal täglich Manulavanz, +und er wird sich über alle erhaben fühlen, +die sich bloß die Hände waschen. Je interessanter du +<a id="page-190"></a><span class="pgnum">190</span>seine Gewohnheiten benennst, desto geschmeichelter +und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen +Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich +nicht nur Gorkis Satin, sondern unzählige andere +Unglückliche unzählige Male berauscht und getröstet. +Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische, Griechische, +Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter +der Menschen werden. Du gibst ihrem Geist +dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine +Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig +ist es, Angina zu haben, wie beinahe ehrenvoll, +die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst damit das +Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein, +das Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten +und Kulturen; das alte, das neue Europa versammelt +sich um sein Lager, und selbst wenn die +Pest es befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus +Asien: die Mutter der Menschheit selbst trifft es mit +den Schatten ihrer gewaltigen Flügel.</p> + +<hr/> + +<p>Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in +den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen +einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das +Mark des Beifalls nennen möchte.</p> + +<hr/> + +<p>Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden +wissen, verdächtig. Des Geistes zeugende Kraft ist +nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes zu +sagen mitgab, den kümmert es wenig, in jenem Sinne +<a id="page-191"></a><span class="pgnum">191</span>klug zu reden. Ihn erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe +(nicht der Aufgabe anderer).</p> + +<hr/> + +<p>Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag +streng beobachtet, dem muß das scheinbare +Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein Gespinst +aus Baumstämmen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen +des Baches. Aber hat ein Bach je aus — Wellen bestanden?</p> + +<hr/> + +<p>Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem +Kinde, das ihn fragt: Was ist das — ein Baum? Ein +Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln, einem +Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind des +19. Jahrhunderts ist ganz glücklich, daß es nun ‚weiß‘, +was ein Baum ist.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem +kontemplativen Menschen unterscheiden. Jedem sein +Reich und seine Welt für sich. Und vor allem, wird +der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich +für sich. Denn wenn der Kontemplative der Duft +der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist ‚die +Welt‘ der einzige Weg zu diesem Duft.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen +und inzwischen nicht ganz klar und zusammenhängend +gedacht habe, so könnte ich mir leicht +einreden, ein Jahr sei vergangen und noch viel +mehr.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-192"></a><span class="pgnum">192</span>Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu +entdecken, daß man als der und der lebt.</p> + +<hr/> + +<p>Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht +nur das: desto mehr lassen ihn selbst seine treusten +Freunde allein — aus Zartgefühl, Schamgefühl, Liebe, +Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, +aus den allerbesten Gründen und mit dem unanfechtbarsten +Takt des Herzens.</p> + +<hr/> + +<p>Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, +sondern hundert und tausend.</p> + +<hr/> + +<p>Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So +sollte sich auch der vollkommene Weise im Geistigen +jäher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist es das +Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen +gewinnst, und wie du an einen Menschen dich +wendest und ihn eroberst.</p> + +<hr/> + +<p>Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer +wird er seinen Ernst nehmen.</p> + +<hr/> + +<p>Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.</p> + +<hr/> + +<p>Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, +weil sie es nicht ertrügen, von andern überlegen betrachtet +zu werden. Sie fürchten die Verwundung +ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls, sie ziehen +es vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein, statt +auf dem Markte die Zweiten. Aber manch einen macht +solch heimliches Schatzhütertum auch bitter und hochfahrend. +<a id="page-193"></a><span class="pgnum">193</span>Immer lauter muß er bei sich Stolz nennen, +was im Grunde vor allem Furcht ist, um schließlich, +statt der Verschwender, der giftige Drache seines +Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut verachtet.</p> + +<hr/> + +<p>Vorsehung —</p> + +<p>Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen +Menschen auch ein geniales un- oder unterbewußtes +sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln +dem überall drohenden Tode instinktiv ausweicht.</p> + +<p>Napoleon im Kugelregen.</p> + +<hr/> + +<p>Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das +weiß vielleicht am Besten, wer sich dem Feind entgegenwirft.</p> + +<hr/> + +<p>Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie +auch. Ich behaupte, ohne diesen Mangel würde die +Menschheit den Mut zum Weiterexistieren längst +verloren haben.</p> + +<hr/> + +<p>Was wirkt am innerlich glühenden Menschen<i> nicht</i> +übertrieben? Steht er nicht ewig wie unter lauter +Großmüttern und Großvätern? Und geht und spricht +er drum nicht am liebsten zu — Kindern?</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Dieser Brief wäre an<i> Dich</i> gerichtet, von dem ich +zehn Jahre nichts mehr gehört noch gesehen habe? +O nein, wie wäre das möglich. Er ist an das Bild +<a id="page-194"></a><span class="pgnum">194</span>gerichtet, das ich von damals und früher von Dir in +mir trage, das ich zwar zu modifizieren versucht +habe, aber mit nicht größerem Glück als der Bildhauer, +der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt hätte +und nun unternähme, die 10 Jahre Veränderung hineinzubringen, +ohne das also veränderte Original vor +sich zu haben.</p> + +<p>Und Dein Brief, meinst Du, wäre an<i> mich</i> gerichtet?</p> + +<hr/> + +<p>Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben feiner +Historiker und Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten +Fingern sie das Leben zergliedern, zerfasern — und +wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens unberührt +bleibt.</p> + +<hr/> + +<p>Manche Menschen machen sich vor andern so klein +wie möglich, um — größer als diese zu bleiben.</p> + +<hr/> + +<p>Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn +oder Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt +worden. Und doch ist dieses Leiden so verbreitet, daß +ganze Völker noch nicht darüber hinausgekommen sind, +sich als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden und zu +behandeln.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.</p> + +<hr/> + +<p>Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. +Er weiß nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht +nur als Arzt liebt.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-195"></a><span class="pgnum">195</span>Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer +arbeitenden Lokomotive tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen, +ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man wund +und weh daliegt und nach einfachen kräftigen Grüßen +des Lebens hungert.</p> + +<hr/> + +<p>Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur +als Wortlose, sind wir nur, sobald wir bloß<i> sind</i>, unser +Sein bloß<i> fühlen</i>. Daher das tiefe Friedensgefühl, +das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen +dürfen.</p> + +<hr/> + +<p>Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie +und Initiative hat oder nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung +des Weibes, Gattin oder Mutter zu werden. +Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum +völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich überhaupt +keinen Wert, keinen Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten, +habe überhaupt nur in Beziehung +auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Möchten +sich doch alle darüber klar werden, daß wir außer +Männchen und Weibchen auch noch<i> Menschen</i> +sind.</p> + +<hr/> + +<p>Im Sohn will die Mutter Mann werden.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden +z.B. einen aufgestützten, entblößten Frauenarm von +so hinreißender Schönheit, daß wir ganz vergessen, daß +er einer bestimmten Frau gehöre. Und wenn wir zu +<a id="page-196"></a><span class="pgnum">196</span>dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich +die Schönheit des Weibes, des Menschen überhaupt, +die wir anbeten, weniger sie selbst. Und da setzt leicht +die Tragödie ein.</p> + +<hr/> + +<p>Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer +Augen willen, als ihre Augen um seinetwillen, das heißt +um seiner ganzen imponderablen Persönlichkeit willen.</p> + + +<h3>1909</h3> + +<p>Das Weib mischt uns ins Leben hinein.</p> + +<hr/> + +<p>Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.</p> + +<hr/> + +<p>Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).</p> + +<hr/> + +<p>Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hören, während +man über Berge und Täler hinwegblickt und die Erde +als eine ihrer unzähligen Schwestern mit sich im unendlichen +Räume schweben und kreisen fühlt.</p> + +<hr/> + +<p>Ein gewisses Maß von Schelten gehört wohl zum Leben. +Schelten in seiner sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, +ja, als religiöser Pessimismus, dürfte ebenso +nur eine Art von Ventilierung sein, wie der mehr oder +minder gerechtfertigte Ärger des Eintags. Alles in Allem +möchte hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten +gelöst werden wird; wenn nämlich dies ganz große +Zucht (also ganz großer Stil) ist: ein leidenschaftlich +empfindsamer Geist und doch zugleich ein<i> Weiser</i> +zu sein.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-197"></a><span class="pgnum">197</span>Die Meisten wissen garnicht, was sie für ein Tempo +haben könnten, wenn sie sich nur einmal den Schlaf +aus den Augen rieben.</p> + +<hr/> + +<p>Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind +sie anderswo, als wo man sie haben will, als wo sie +sich selbst haben wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie +den Geist so unsäglich dezentrieren, recht eigentlich +zer—streuen.</p> + +<hr/> + +<p>Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug +nachgedacht hat.</p> + +<hr/> + +<p>Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft +nichts Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so +viel wichtiger nähme als das Große, würde das Große +nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der Mensch +sich mehr um den Himmel als um die Erde kümmerte, +würde nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel +verkümmern. Der Geist ist nicht umsonst in die +Materie herabgestiegen.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Wie schön ist es, das Auge von einem schönen Buch, +in das man versunken war, zu einer schönen Landschaft +aufzuschlagen. Dieser kurze Übergang von +chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfräuliche +Augenblick unbewußten Staunens ist einzig.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-198"></a><span class="pgnum">198</span>Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. +Die edelste Musik kann so z.B. ebenso wie die tiefste +Philosophie Gegenstand erbitterter Gegnerschaft +werden.</p> + +<hr/> + +<p>Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird +es seinen Esser auch besitzen. Auge um Auge, Zahn +um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei keine +Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der +Kuh, des Ochsen und der ihrer Verzehrer, es übertrage +der Hammel, das Schwein, der Fisch usw. nicht +ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den +man liebt, einen Weg gehen lassen zu müssen, der +zur nächsten Stadt führt, statt auf den nächsten +Gipfel.</p> + + +<h3>1912</h3> + +<p>Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes als die +unaufhörlich fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie +über ihn hinweggeht und stammelt ihr in dumpfem +Ingrimm seine Verwünschungen nach.</p> + +<hr/> + +<p>Was gegen die höchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt +wird, sind nichts als die gleichen Empfindungen, +nur noch mehr oder minder vor ihrer Katharsis. +Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die +Liebe, und an anderer Stelle der Meinung sein, eine +vom Tierischen ganz losgelöste seelisch-geistige Liebe +sei — wohl vielleicht eine reinere, aber auch eine +kühlere, blassere, ohnmächtigere Liebe!</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-199"></a><span class="pgnum">199</span>Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis +beschreiten zu wollen. Sollten sie als ‚von +Gottes Stamme‘ nicht noch zu wenig stolz sein und +als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig +demütig?</p> + +<hr/> + +<p>Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und +Empfindungsleben den Zustand des Federsträubens +der Vögel.</p> + +<hr/> + +<p>Ich machte die Beobachtung, daß Menschen, die beim +Beifallklatschen die Arme weit von sich, ja fast über +Kopfeshöhe ausstrecken, in einer zugleich wunderlichen +und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig +Bittender, ungeduldig — Betender gewähren, eine +Vorstellung, von der sie selbst nicht das Geringste +ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze +dürstende Seele — in einem doppelgängerischen Bilde +gleichsam — enthüllt.</p> + +<hr/> + +<p>Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute +noch unter- wie gegeneinander bewußt oder unbewußt +anwenden, ist groß. Eines davon ist das Fragen. Es +gibt Menschen, die so wenig wie möglich gefragt +sein wollen; wohlverstanden: nach Unwesentlichem. +Und Gegenstücke dazu: Menschen, die fast keine +andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.</p> + +<hr/> + +<p>Wie mancher muß sich auf Kosten seiner Vergangenheit +lieben lassen. Diese Vergangenheit hat ihm +vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. Älter werdend +aber erkennt er mehr und mehr auch das Böse +<a id="page-200"></a><span class="pgnum">200</span>in sich. Nun aber hängt ihm seine Miene wie ein Schild +vor, das nur die eine Seite seines Wesens anzeigt.</p> + +<hr/> + +<p>Gewiß hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, +aber sie ist denn auch nur für ihn ein so ungeheurer +Ruhmestitel. Er selbst würde vermutlich nie an dieser +kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es +nicht Frauen gäbe, die, ohne seinen ‚Geist der Schwere‘ +himmlisch unbefangen daran vorüber und dem entgegenschritten, +was ihrer Seele — denn für sie gibt +es in der Tat und horribile dictu noch eine Seele — not +und wohl tut.</p> + +<hr/> + +<p>Wie ein Wind über ein Ährenfeld, so ging diese durchfahrene +Viertelstunde über seine bewegliche Seele.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>Takt erfordert vor allem Phantasie. Man muß viele +Möglichkeiten der fremden Seele überschauen, viele +Empfangsmöglichkeiten und danach, was man geben +kann, einrichten.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt Naturen, die für sich allein Stunden lang mit +ihren Freunden und Bekannten reden, während ihnen +in deren Gegenwart jeder Gesprächsstoff entfallen ist.</p> + +<hr/> + +<p>Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit +dir zugleich bewohnen. Einer dieser Hausgenossen +ist ein auf den Tod Kranker, von dem du weißt, und +viele der andern wissen es mit dir, daß ihm jeder +Lärm, vor allem jede irgendwie laute und grelle Musik +zur vollkommenen Folter und Marter wird. Da erscheint +<a id="page-201"></a><span class="pgnum">201</span>ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem +Hause und fängt an seine Operetten zu spielen. Dein +erster Gedanke ist: Dem Mann muß sofort ein Geldstück +gegeben werden, das ihn veranlaßt, sein Spiel +einzustellen und weiterzugehen. Aber du kannst es +nicht, denn du liegst selbst zu Bett und deine Bedienung +ist ausgegangen. Aber das ganze übrige Haus! +Einer wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, +wenigstens einer aus der nächsten Umgebung +des Kranken. Niemand rührt sich. Der Musikant +spielt eine Viertelstunde lang, er überbietet sich.</p> + +<p>Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer +darinnen vielleicht hat jeweilig den rechten ursprünglichen +Gedanken — den Gedanken, der sich im +Grunde von selbst versteht — aber er ist an seiner +Ausführung gehindert. Vielen andern geht auch noch +so etwas Ähnliches durch den Sinn — aber sie lassen +es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermiß +daraus die Kraft der<i> Originalität</i> des Menschen, berechne +daraus die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit +einer wahrhaft originellen Handlung.</p> + + + + + +<h2><a id="page-202"></a><span class="pgnum">202</span>Erkennen</h2> + + +<h3>1896</h3> + +<p>Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in +diesem Bewußtsein.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe +man es zum allerersten Mal wirklich sieht.</p> + +<hr/> + +<p>Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen, +soweit er sie selbst erkennen kann, um darauf umso +freier und unbefangener seine Beobachtungen und +Meinungen niederzulegen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschen haben sich daran gewöhnt, von +hinten nach vorn, statt von vorn nach hinten zu +denken.</p> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Bedeutet es schließlich etwas, seine Kniee und Füße +anblicken zu können? Und doch kannst du es nur +solange, als du in dir lebst.</p> + +<hr/> + +<p>Nur der Erkennende lebt.</p> + +<hr/> + +<p>Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von +Grund aus und hasse alle Schwarmgeisterei. Eine +Wissenschaft aber, die vergißt, daß sie eine seltene, +wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums +ist, ja, die vergißt, daß sie selbst Mysterium ist, sie +fällt mit der übelsten Schwarmgeisterei in eins zusammen, +<a id="page-203"></a><span class="pgnum">203</span>sie ist im Tiefsten inferior, allein schon rein +intellektuell genommen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. +Und nicht einmal eine wesentliche.</p> + +<hr/> + +<p>Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit +dem Feuer. Wenn der Alltag nicht wäre mit seinen +24 breiten Körperstunden, wenn wir nicht als Tiere +so fest und ökonomisch gebaut wären, so würde unser +armes Gehirn zehnmal statt einmal verbrennen, so wäre +philosophische Begabung und Anwartschaft auf Verrücktwerden +dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn +auch immer gewagt werden dürfen. Zwar, der Einsatz +ist dein Leben, aber wenn du auch die Gefahr nicht +bestehst, so<i> brauchst</i> du selbst keineswegs grundsätzlich +zu verlieren.</p> + +<hr/> + +<p>Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du +zu Tisch einladen.</p> + +<hr/> + +<p>Jedesmal wieder, wenn man so recht in die ‚Welt‘ +hineindenkt, kommen einem alle menschlichen Gedanken +darüber vor wie Kinderstammeln, was sage ich, +wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres +Grashalms in die Luft hinaustasten. Und das gilt nicht +nur von gewöhnlichen Gedanken, das gilt ebenso von +den tiefsten Gedanken unserer fähigsten Köpfe. Nur +daß wir durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht — besser +vielleicht von einem Unendlichfachen auf ein +Fünffaches gebracht — haben, ermöglicht uns, in ihr +mit so festen Schritten zu wandeln; nur daß wir meinen, +<a id="page-204"></a><span class="pgnum">204</span>‚die Welt‘ in Wahrheit vor uns zu haben, wie ein +gewaltiges Gemälde, das — wenn auch nur im Großen +— so sei, wie wir es sehen, ermöglicht den ganzen +Schatz menschlich-bürgerlichen Hochgefühls, die Freudigkeit +des Tatmenschen, den tragischen Stolz des +Philosophen, die königlichen Empfindungen des Künstlers. +Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere +Beschränktheit, der wir das Gefühl unbeschränkter +Entwickelungsfähigkeit verdanken. Aber umsonst. +Irgend einmal und dann immer wieder wird — wenn +auch nur blitzartig — die Armut als Armut, die Beschränktheit +als Beschränktheit erkannt, die großartige +Illusion zerreißt und die Geschichte der Erde +und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison +des ‚Universums‘ als — bürgerliches Schauspiel, +eines unter unzähligen, Verfasser unbekannt, +Wert indifferent.</p> + +<hr/> + +<p>Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte +geschrieben.</p> + +<hr/> + +<p>Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke +Wurzel fassen und groß werden. Sich vorbereiten, +sich zubereiten, den Acker lockern für das beste +Korn, ist alles.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt kein größeres Hindernis, zur Wahrheit +zu gelangen, als — schreiben zu können. Vergiß +deinen Stil, vergiß allen Stil, überlaß dich ganz +dem Rhythmus der inneren Stimme, überlaß alle +‚Kunst‘ denen, die mehr Künstler sind als Wahrheitssucher.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-205"></a><span class="pgnum">205</span>Der Materialismus hat uns in viele Jämmerlichkeiten +gestürzt, aus denen wir uns erst nach und nach wieder +erheben werden.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Denken ist Zurechtmachen.</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend +andre. Wird dieser Begriff mehr und mehr aus der +Welt geschafft, so heißt das nichts weiter als: wir +brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er +ist für uns aufgegangen in den Begriff Entwickelung.</p> + +<p>Wunder nannte man einst alles Übernatürliche. Da +man heute übereingekommen ist, alles überhaupt Mögliche +dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es nichts +Übernatürliches, also auch kein Wunder mehr. Aber +Natur ist auch nur ein heuristischer Begriff und wer +sich in der Zwangsjacke eben dieser Begriffe nicht +wohl fühlt, wird ihn abermals entthronen und das +alte Wort Wunder — vielleicht auf lateinisch als +‚Mysterium‘ — in einem neuen größeren Sinne über +ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, +daß Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?</p> + +<hr/> + +<p>Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die +‚Natur‘ auf ‚natürliche‘ Weise erklärt sehen zu +wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Wie mancher Gedanke fällt um wie ein Leichnam, +wenn er mit dem Leben konfrontiert wird.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-206"></a><span class="pgnum">206</span>Ich meine: Gehirn und Dinge sind in<i> Einem</i> Zirkel +beschlossen. Im Gehirn kann nicht sein, was nicht im +Stoff ist.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter +den Formen von Zeit und Raum begreift, so ist anzunehmen, +daß der unendliche Stoff hier keine ihm +nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, +oder: wird zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, +die unter Raum und Zeit begreift, erstand +doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann +darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell +von diesem verschieden sein …</p> + +<hr/> + +<p>A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen +reden würde, so möchte er wohl fröhlichem Lachen +begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen +wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie +der Ameisen wäre? Stelle dir nur an einem +schönen Sommerabend den Erdball und das Leben +auf seiner Oberfläche vor!</p> + +<p>B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur +nicht zu dem einen Gedanken gebracht hätten: alles ist +mir nur insoweit bekannt, als es meine Vorstellung ist. +Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, +gibt ihm zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel +gegenüber zu behaupten, denn das Bewußtsein, +daß alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm +ist, ja, noch mehr, das dies ‚er selbst‘ nur ein Bild — soll +er sagen sein Bild? — ist, erlaubt ihm, deinem +Ameisengleichnis den Stachel zu nehmen, so gut, wie +dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung +<a id="page-207"></a><span class="pgnum">207</span>steht nun für ihn so: Auf der einen Seite ‚alles Seiende‘ +als Bild. Auf der andern das, welches ‚all dies +Seiende zusamt sich selbst‘ — als Bild empfindet. —</p> + +<p>Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und +was ich beim Lesen Meister Ekkeharts einmal so formulierte: +Gott ist ein Subtraktionsexempel.</p> + +<hr/> + +<p>Betrachte den Fühler dieses feingliedrigen Käfers. Was +ist der Mensch anderes als solch ein Fühler, von unbekannter +Urkraft ausgestreckt, tastend sich über die +Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend +zurückgekrümmt auf sich selbst — ? Der Mensch, +ein Taster Gottes nach Sich selbst.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Denken ist Übersetzen Gottes ins Rationalistische. +Von Gott, dem Original, wissen wir nur durch +Gott, den Übersetzer.</p> + +<hr/> + +<p>Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede +der Weltgeist. Ach, auch aus ihnen, den Spöttern, +redet leider nichts anderes.</p> + +<hr/> + +<p>Ich lese mit Erschütterung in Hegel, an dem ich immer +vorbeigegangen war. Zwei Dinge hielten einst schon +den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte geheime +Neigung zu entziehen: Seine überlebensgroße Büste, +die ihm am Kastanienwäldchen hinter der Berliner +Universität manchen bedeutenden Augenblick schuf, +und das über ihn umlaufende Wort: niemand habe +Hegeln zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. +Ich halte den nämlich nicht für den Träger und Offenbarer +höchster Erkenntnisse, der diese Erkenntnisse ein +<a id="page-208"></a><span class="pgnum">208</span>für alle Mal ‚versteht‘. Das Höchste vermag der +menschliche Geist auch nur in höchsten Momenten +zu leisten, und manchmal ist es nur ein Blitz, der die +Tiefe der Welt sekundenlang aufreißt.</p> + +<hr/> + +<p>Entweder man ist Künstler oder Philosoph. Der +Philosoph achtet die Kunst, ja liebt sie, — aber er +komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem Ernst +allein sein will.</p> + +<hr/> + +<p>Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die Bürgerlichkeit +so vieler bisheriger Philosophie. Es fehlt mir +darin zu sehr an jener Überwältigung des menschlichen +Geistes durch das, was ihn wohl überwältigen darf: +die nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich +erlebten Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. +Für mich beginnt Philosophie hart vor dem +Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre +auch. Und sie muß immer wieder bis hart an den +Wahnsinn führen, das ist beinahe eine Forderung +der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst +einen Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verrät. +Ohne Leidenschaft aber ist jede Tätigkeit +großen Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, +gemein.</p> + +<hr/> + +<p>Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt +dem Klettern einer Gemse seinen Ursprung. Dies bedenke +auch du, der du auf Gedankenbergen herumkletterst, +und — freue dich dessen oder mache dir +Vorwürfe darüber oder beides zugleich, je nachdem +du geartet bist.</p> + +<p><a id="page-209"></a><span class="pgnum">209</span>Man muß Pessimismus und Optimismus als ‚Stimmungen‘ +hinter sich lassen, wenn man, obzwar erkenntnislos, +aber von allen Seiten umwittert, den Pfad +der Wirklichkeit wandelt.</p> + +<hr/> + +<p>Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den +fortwährenden Zweifelns. Denn nur, wer die Relativität +jeder Meinung eingesehen hat, sieht zuletzt auch +die Relativität dieser Einsicht ein — und schwingt sich +endlich vom letzten Erdenwort in — Sich selbst zurück.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung +enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen, +das Wort Vorstellung zu überwinden. Aber dieses +Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem +obersten Siebe liegen, das alle andern passiert haben.</p> + +<p>Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu können. +Denn wenn ich sage: Die Welt ist meine Vorstellung, +so sage ich damit nichts andres als: eine +Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen +Weg hinaus, es gibt nur einen Weg hinein.</p> + +<hr/> + +<p>Welche Vorstellung wäre zuletzt nicht anthropomorph! +Anthropomorph, sagt man, sei die Vorstellung +eines persönlichen Gottes. Aber der Naturforscher, +der sich die Welt unpersönlich, nämlich als Natur, +als Wirklichkeit, als einen unendlichen Knäuel von +Wirkungen denkt — hat ja auch von sich selbst kein +anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich ‚naturwissenschaftlich‘ +als ‚Natur‘ und projiziert sich (in +seiner neuen Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich +ins ‚Universum‘ hinein wie früher. Oder +<a id="page-210"></a><span class="pgnum">210</span>vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion. Anthropomorph +ist und muß ‚alles‘ bleiben.</p> + +<hr/> + +<p>Das menschliche Denken ist wie eine trübe Flüssigkeit, +die sich im Lauf der Jahrhunderte langsam klärt. +Nach immer mehr Erklärung trachtet der Geist, aber +das Ergebnis ist nur immer mehr — Klärung. Und +zuletzt wird das Denken schön geworden sein, wie +klarer Honig, klares Wasser, klare Luft.</p> + +<hr/> + +<p>Mir fällt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie +hat nie recht genug — Phantasie, Sie zerbrach nie ihre +Begriffe — aus Phantasie.</p> + +<hr/> + +<p>Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache +weniger Schande als die indocta, scheint mir das Erschöpfendste, +was über das Problem der Wissenschaften +gesagt werden kann.</p> + +<p>Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr +wert als die Wahrheit selbst, um Lessingsch zu reden; +noch wertvoller als der Weg selbst scheint der Wille +zu solch einem Wege.</p> + +<hr/> + +<p>Wer sich an Kant hält, dem muß alle Metaphysik erscheinen +wie das hartnäckige Surren einer großen Fliege +an einem festgeschlossenen Fenster. Überall wird das +Tier einen Durchlaß vermuten und nirgends gewährt +die unerbittliche Scheibe etwas anderes als — Durchsicht.</p> + +<hr/> + +<p>Gesetzt und endlich einmal festgehalten, daß alle +Wissenschaft nur Beschreibung und nicht Erklärung +<a id="page-211"></a><span class="pgnum">211</span>sein kann, steht dem nichts im Wege, den Menschen +als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete +Pessimist würde verstummen und — sterben.</p> + +<h3>1908</h3> + +<p>Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal +ihren Wert als Wissenschaft, den man allgemein für +ihren eigentlichen, für ihren Hauptwert hält, und der +doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als einer +Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren +Übung dem Einzelnen die Möglichkeit gewährt, seine +Persönlichkeit (ganz ebenso wie es z.B. die Disziplin +bei einem Streckenwärter tut) zu kräftigen, zu entwickeln, +zu erhöhen. Und das ist ihr Hauptwert.</p> + +<p>Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen +Berufe. Sie sind vor allem<i> Kunstgriffe</i> — um der +Kultur der Persönlichkeit willen. Es könnten auch +andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit +zahllosen Planeten noch zahllose andere finden. Die +Gesamtheit dieser Kunstgriffe und ihrer Benutzung +nennt man dann die Geschichte des Planeten.</p> + +<hr/> + +<p>Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-Türen-Einrennen. +Dreiviertel seiner Kraft geht darauf +flöten.</p> + +<hr/> + +<p>Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verständlich +reden. Genug, fürs erste, daß man sich +selber verstand. (‚Ich und Mich, der Freund ist immer +erst der — Dritte.‘)</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-212"></a><span class="pgnum">212</span>Ich möchte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer +mathematischen Figur geben, z.B. die Anschauung +Gottes in Form einer Kugel, aus einem Mittelpunkt +strahlend.</p> + + + +<h3>1909</h3> + +<p>Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der +größten Materialismen der Epoche.</p> + +<hr/> + +<p>Man fragt sich oft: wie ist es möglich, daß dieser +große Intellekt dies und jenes nicht gesehen oder +seines Blicks nicht gewürdigt haben sollte. Aber +ebenso übersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge, +von denen wieder spätere nicht begreifen werden, +daß sie für uns offenbar völlig im Schatten lagen. +Man darf wohl sagen, jeder Blick vorwärts ist zugleich +ein Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt. +Der Geist gleicht einer Granate, deren Gebiet das +vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres Ausflugs +und dem ihres endlichen Aufschlags ist.</p> + +<hr/> + +<p>Frage die Philosophie sich erst einmal: ‚wo bin ich +hergekommen?‘</p> + +<hr/> + +<p>Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit +vor uns. Nur wir stufen uns gegen sie ab, vom Stein +bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich, es +gibt nur Uneingeweihte aller Grade.</p> + +<hr/> + +<p>Ein vorläufiger kritischer Gedankenstrich: daß man +über ein gewisses Maß hinaus nicht wissen könne, +verwandelt sich unvermerkt in das Postulat, niemand +<a id="page-213"></a><span class="pgnum">213</span>habe außer den ‚nun einmal festgestellten‘ Grenzen +etwas zu suchen. Man fühlt sich vor solchem Doktrinarismus +an das Gebahren kleiner Kaufleute erinnert, +die von einer Ware, die sie nicht führen, erklären, +es gäbe diese Ware überhaupt nicht.</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann +Holz spalten. Das auf den Hackblock geschmetterte +Scheit sinkt bereits nach links und nach rechts auseinander — da +erreicht dich erst der Schall. So mögen +wir die Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis +wir das Wort vernehmen, das zu ihr gehört, die Seele, +die von ihr redet.</p> + +<hr/> + +<p>Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut +auf morgen verstehen zu müssen glaubt, der sich über +die augenblickliche Konfiguration der Erde nicht so +hinwegzusetzen vermag, daß ihm heut und morgen zu +Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die Götter +und ihre Werke verstehen, vor dem tausend Jahre nicht +wie ein Tag sein können und wie eine Nachtwache.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß aufhören können zu fragen, im Täglichen +wie im Ewigen.</p> + +<hr/> + +<p>Weder ‚ich‘ bin, noch jener ‚Baum‘ ist, sondern ein +Drittes, nur<i> unsere Vermählung</i>, ist.</p> + + + +<h3>1911</h3> + +<p>Über jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen +hundert Gedanken und Vorstellungen, die uns +<a id="page-214"></a><span class="pgnum">214</span>das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte verhüllt.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen +sich mit Stolz Realisten und den anderen Teil schlechtweg +Idealisten zu nennen.</p> + + + +<h3>1912</h3> + +<p>Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. +Der wirkliche Philosoph ist nicht Politiker, sondern +Künstler. Er ‚redet‘ nicht, er bildet, baut.</p> + +<hr/> + +<p>Der Systematiker nötigt mich, ihm seinen Weltbau +nachzudenken. Er sagt: Baue mir meine Gedankengebäude +nach — und mit ihm bauend werde ich selbst +zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das +reine Denken in mir, an den Geist.</p> + +<p>Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die — Seele. +Hegel. Nietzsche.</p> + +<hr/> + +<p>Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem +persönlichen Grunde hat er das gesagt, — fügt sich +selbst den größten Schaden zu; denn er geht am +einzig Wesentlichen in dessen Sätzen vorüber, daran +nämlich, ob sie wahr in sich selbst sind oder doch +sein können, oder nicht. Gewiß ist jede Philosophie +von der Persönlichkeit ihres Erzeugers gefärbt und +darf dementsprechend empfunden und gewürdigt +werden; aber über alledem steht ihr Gehalt an Wahrheit, +der nachgeprüft und entschieden werden kann,<i> ohne Ansehen der Person ihres Urhebers</i>.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-215"></a><span class="pgnum">215</span>Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, +über Kopf, Hals und Schulter gesonnen! +Wieviel Mühe gibt man sich nicht, ihn und das +Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht +aus sich selbst verstanden werden könnte, müßte.</p> + +<hr/> + +<p>In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise +bereits ein Teil Binsenwahrheit, aus dem einfachen +Grunde, weil der Mensch schon lange denkt, während +die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze +Pensum des Menschen noch einmal zu rekapitulieren +und, noch mehr, zu popularisieren ist. Der Mensch +ist nicht so von Gott verlassen, wie die Menschen +glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden +Grade von Gott erfüllt, wie sie annehmen, wenn +einer einmal etwas Unerwartetes sagt.</p> + +<hr/> + +<p>Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist +aufzulösen, wie, materialistisch gesprochen, die Mission +der Zeit, den Erdball in Luft.</p> + +<hr/> + +<p>Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus +mit nichts vertauschen wollen; es geht ihm, +wie er sagt, ‚der Sinn für Feierlichkeit‘ ab.</p> + +<hr/> + +<p>Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als — konkrete +Wesenheiten; es ist ganz umsonst, das Leben +aus dem Leben heraustreiben zu wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Zu Ende denken ist alles … Da wäre das erste, +diesen Satz zu Ende zu denken. Will man ihn zu +Ende denken, so darf man ihn nicht ‚zu Ende‘ +<a id="page-216"></a><span class="pgnum">216</span>denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch +das Denken. Alles, also auch alles Denken, endet in +Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das Ende von +allem. Etwas zu Ende denken wollen heißt also, es +bis zu Gott hinaus denken wollen; Gott aber hat mit +Denken nichts mehr zu schaffen.</p> + +<hr/> + +<p>Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so +schleppt heute die sancta simplicitas der Wissenschaft +ihre Scheiter herbei, den ‚Ketzer‘ zu verbrennen.</p> + + + +<h3>1913</h3> + +<p>Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen +lächelnden Festungen.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn einer heute in zehn Büchern dargetan, daß +der Mensch<i> nichts wissen</i> könne über Gott und +die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine +Mitwelt einen ‚<i>Wissenden</i>‘ und erbringt damit +den Beweis, daß man zehn Bücher schreiben und +zehn Bücher lesen und doch noch nicht so weit sein +kann, sich folgerichtig auszudrücken.</p> + +<hr/> + +<p>Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, über +sie nachzudenken; wer sie zu wenig liebt, kann nicht +gründlich genug über sie denken.</p> + +<hr/> + +<p>Inmitten unzähligem Hin- und Herreden der Einzelnen +wächst still und groß das ewige Weisheitsgut der +Menschen weiter.</p> + + + + + +<h2><a id="page-217"></a><span class="pgnum">217</span>Weltbild: Anstieg</h2> + +<p class="motto">(‚Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.‘)</p> + + +<h3>1891</h3> + +<p>Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit +einer Laterne weiter zu wandeln.</p> + + +<h3>1893</h3> + +<p>Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr +denn je nötig, den Blick aus den Tagesaffären emporzuheben +und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige +Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, +deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist.</p> + + +<h3>1895</h3> + +<p>Weltuntergang.</p> + +<p>Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zurück, +aufwärts, in das Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft. +Die Knoten lösen sich wieder. Die ganze Welt +lebt sich so selbst …</p> + +<hr/> + +<p>Tod einer Welt: ihre Geburt.</p> + +<hr/> + +<p>Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht +schon wieder im Keim einer neuen vollkommeneren +Form schlummern.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keine Grenzen der Dinge.</p> + +<hr/> + +<p>Sich die Menschheit als die Blätter des Erd-Baums zu +denken!</p> + +<hr/> + +<p>Hängt malus böse mit malus Apfel zusammen? Annahme +eines Christen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-218"></a><span class="pgnum">218</span>Der beste Beweis für die Gotteskindschaft Christi ist +der, daß es Zeiten gab, wo jeder Teufel vor einem +Kreuz die Flucht ergriff.</p> + +<hr/> + +<p>Wesen der antiken Götter: Bewußtsein des Fatums.</p> + +<hr/> + +<p>So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens möglich +waren und teilweise noch sind, so gut dürfen wir +es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen. Weihe +ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligtümern, so +werden sie selbst in unsern nüchternen Städten emporwachsen +können. Der Mittelpunkt muß freilich ein +großes Nationalheiligtum sein, etwa in Thüringen.</p> + +<hr/> + + +<p>(Undatiert.)</p> + +<p>Was ist ‚persönlicher Gott‘ anderes als der Riesenschatten, +den wir selber auf den Vorhang der ewigen +Mysterien werfen.</p> + +<hr/> + +<p>Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke +projiziert. So projizierst du dich auf die Wand des +Außer-Dir. Wie du dich dort siehst, das nennst du +‚Welt‘, das Bewußtsein dieses (dich) So-Sehens deine +‚Weltanschauung‘.</p> + +<hr/> + +<p>Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das +All ist.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt ist nur eine Form des Menschen.</p> + + +<h3>1905</h3> + +<p>Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, +<a id="page-219"></a><span class="pgnum">219</span>wird man gestehen müssen, daß Gott, der Schöpfer, +der größte Gedanke war, der je in ein Menschengehirn +kommen konnte, wie zugleich Gott, der +Sittenrichter einer der beschränktesten. Aber so +gewiß der letzte unzählige Male bis zu Ende gedacht +worden ist, so ungewiß ist es, ob der erste +je in seiner ganzen unerhörten Mächtigkeit Herz +und Hirn eines Sterblichen ergriffen und zerstört +hat.</p> + +<hr/> + +<p>Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, +das Rätsel Christi zu lösen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam +denselben Weg wie die religiöse Entwickelung. Der +Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft wird +ins Innere selbst verlegt.</p> + +<hr/> + +<p>Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch hat kein Vorrecht auf Rücksicht. Groß +und unbeirrt geht die Natur ihren Gang, und Legionen +denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr +Denken noch nicht Macht genug über ihr Leben gewonnen +hat.</p> + +<hr/> + +<p>Wie könnten wir die große Selbstkorrektur des Lebens +anders als ahnungsvoll verfolgen?</p> + +<hr/> + +<p>Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, über +sich ins Reine zu kommen.</p> + + + +<h3><a id="page-220"></a><span class="pgnum">220</span>1906</h3> + +<p>Wie die Sprache für uns denkt und dichtet, so auch +das Leben. Es ist interessant, zu beobachten, wie ins +Rollen gekommene Verhältnisse sich oft genug ohne +unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein +Liebesverhältnis, für dessen Entwickelung sich das +Leben gewissermaßen viel mehr interessiert als die +Beteiligten selbst). (Kette der ‚Zufälle‘.)</p> + +<hr/> + +<p>Alles Lebendige ist umflossen vom Äther der Sinnlichkeit. +Oder: Die Luft der lebendigen Welt ist ein +leicht entzündliches und jeden Augenblick an hunderttausend +Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.</p> + +<hr/> + +<p>Gibt es eine schönere Form, an einen Menschen zu +denken, als ihn ‚Tag um Tag in sein Gebet mit einzuschließen‘? +Und doch haben wir diese Form fallen +lassen müssen …</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schluß des +Johannes-Evangeliums. Zuerst die dreimalige Frage +an Simon Johanna: ‚Hast du mich lieb?‘ Es ist, als +ahnte und fürchtete Christus das ganze Papsttum voraus, +die ganze offizielle Kirche, die ihn unzählige +Male vergessen und verraten sollte. ‚Weide meine +Schafe!‘ Eine welthistorische Szene. Und Christus verkündet +ihm seinen Tod. ‚Und da er das gesagt, +spricht er zu ihm: Folge mir nach!‘ ‚Petrus aber +wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen +Jesus lieb hatte …‘ ‚Da Petrus diesen sah, spricht +er zu Jesu: Herr, was soll aber dieser?‘ ‚Jesus spricht +zu ihm: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, +<a id="page-221"></a><span class="pgnum">221</span>was geht es dich an? Folge du mir nach!‘ ‚Da ging +ein Reden aus unter den Brüdern: Dieser Jünger +stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er stirbt +nicht, sondern: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, +was geht es dich an?‘ Keine Szene mehr, ein Mysterium: +Dieses Vorbei Christi an dem andern, dieses +allerletzte Wort — nach dem letzten — an den Vertrauten +seiner Seele. — ‚Was geht es dich an?!‘ — ‚Bis +ich komme. —‘</p> + + + + + +<h2><a id="page-222"></a><span class="pgnum">222</span>Weltbild: Episode<ins>,</ins> +Tagebuch eines Mystikers</h2> + + +<h3>1906</h3> + +<p>Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch +mit Gott zusammenfällt, wo er aufhört, sich als +Sonderwesen fühlen zu können.</p> + +<hr/> + +<p>Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als +ebendamit göttlichen Geistes. Religion ist die Erkenntnis, +daß alles Denken göttliches Denken ist, +wie alle Natur göttliche Natur, daß jede Handlung +eine Handlung Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke +Gottes ist, daß Gott nur soweit Gott ist, als er Welt +ist, daß die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, — daß +in demselben Augenblick, da ein Mensch sich +seines Gott-seins bewußt wird, Gott in ihm sich seiner +selbst als Mensch bewußt wird.</p> + +<hr/> + +<p>Betrachte den Sternenhimmel — alles versinkt um +dich her. Wer ist er, wer bist du. Dein Denken +schweigt. Du fühlst dich wie hinweggehoben, zerflattern + … Wer bist du, wer ist er, wenn nicht — Es. +Das unfaßbare Selbst, Gott, das Mysterium. Und +dies Mysterium fragt in sich selbst: wer bin ich, wer +bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst — und +weiß keine Antwort, erstummt in sich selbst …</p> + +<hr/> + +<p>Wie kann es eine Sünde für mich geben, wenn ich +Gott bin? Wenn ich meinen Bruder erschlage, erschlage +ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht +ein Recht hätte zu tun; denn ich tue es an mir selber. +Der Täter ist zugleich der Erleider — vielleicht ist +<a id="page-223"></a><span class="pgnum">223</span>dies ein Fenster in mich hinein, vielleicht erahnt sich +durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind und +dem gegenüber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, +praktisch aber nur dies übrig bleibt: uns als +die, als die wir uns nun einmal vorgefunden haben, +innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv für +Uns, als Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen +sein mag.</p> + +<hr/> + +<p>Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was +du willst, aber bedenke, daß du es dir selbst tust.</p> + +<p>Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue +selbst das Äußerste. Dies Gebot hindert kein Schaffen +oder Zerstören. Mit diesem Gebot bist du frei zu +allem und doch wird es dich weise machen.</p> + +<hr/> + +<p>Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen +Gotte, daß ich dies nicht getan habe — da +ich doch selbst dieser allmächtige Gott bin und — als +ein sogenannter anderer Mensch — es sehr wohl +getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen +vermögen; er wird niemals begreifen, +daß er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir +ist: und ich werde als Mensch wie ein Verrückter +dastehen und als Gott auf mich den Richter blicken, +wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den +er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen +und sagt ihm, daß er mit ihm eins sei, aber der Daumen +versteht kein Wort von dem, was er sagt.</p> + +<hr/> + +<p>Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit +einer oft lebhaften, leicht und nachhaltig erregbaren +<a id="page-224"></a><span class="pgnum">224</span>Phantasie und einiger dichterischer Begabung, ohne +hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem +beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen; +ein Schwächling, ja ein würdeloser Mensch mitunter, +ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von einer Sinnlichkeit, +die sich wie eine feine Wärme über sein +Leben verbreitet, deren eigentliche Ausbrüche indessen +nicht so sehr von Belang sind, sodaß man bei ihm +zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das +Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich +von einer sehr geringen Fähigkeit zur Leidenschaft +sprechen mag; dabei von einer angeborenen Heiterkeit +des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott +und Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich +gebildet zu sein, von schlechtem Gedächtnis, ungeübt +und träge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner +Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt +zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem +Außer-Ihm zu erkennen; — denke dir einen solchen +Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und +der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in +sich hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und +her wenden läßt; denn er springt auf seine inneren +Erlebnisse nicht zu, er läßt sie leben oder sterben je +nach ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen +Bewußtsein seiner selbst zu bringen scheint, als wäre +alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich +nicht als Gott selbst — als das Eine und Alle, als +das Einzig — Bestehende zu sehen, als wäre es geradezu +eine ‚Ver-rücktheit‘, sich ‚Gott‘ gegenüber als +irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches, Beigeordnetes +oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja +<a id="page-225"></a><span class="pgnum">225</span>die Frage ‚Gott‘ überhaupt noch irgendwie zu diskutieren, +als müsse man —<i> sich sich selbst beweisen!</i> +‚Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? — Wer +mich hat, der hat auch den Vater. —‘</p> + +<p>Wie mich diese steten Wiederholungen einst ärgerten, +wie einfältig und eigensinnig sie mir erschienen; als +ob ein Kind immer dasselbe wiederholte!</p> + +<p>Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl +heraus dieses unermüdliche Betonen geflossen sein +muß …</p> + +<hr/> + +<p>Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die +Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe, bejahe +ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist +dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst +der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir +selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit +ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit +ist höchste Bejahung und höchste Bejahung Wahrheit.</p> + +<hr/> + +<p>Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde, +was ich erfüllt haben konnte. Gott stirbt nicht vor +der Zeit. Er wacht hier auf und schläft dort ein, wie +es gut ist. Was sträubst du dich gegen das, was du +dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: +Dein Schicksal ist, daß du Gott bist. Ich sage: Gott! +Aber wo uns die Wirklichkeit dieses Wortes faßte, +da wäre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie +ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. +Gott schauen ist Tod, das wußten alle Völker. Gott +erraten ist Leben.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-226"></a><span class="pgnum">226</span>Jahrhunderte stritten über das Wort Dreieinigkeit +Und doch enthält es die Welt, für ein Kind gedeutet. +Der Vater, das ist das Leben, das alles ist und das +der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus +fassen oder gar erklären kann. Der Sohn, das ist dies +selbe göttliche Leben als sich erahnendes Wesen, als +Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der +heilige Geist, das ist das langsame Weitergären dieser +Erkenntnis auf Erden: daß alles ‚Gott‘ ist. —</p> + +<hr/> + +<p>Tief unten schlachten sich noch die Völker, es raucht +das Blut und in Selbstzerfleischung fällt noch — Blindes +sich selber an. Warum tue — Ich das. Ich weiß es +nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige +Geist hat das Tier erst zur Hälfte verwandelt.</p> + +<hr/> + +<p>‚Gott ist nur der Lebensfunke.‘ Schön. Dieser Funke +aber bildet Sterne und Gehirne. Ja, er legt mir selbst +das Wort Gott über sich in den Mund. Und so brauch +ich's denn.</p> + +<hr/> + +<p>Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem +Jenseits in das Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er +ist auch nicht hier oder dort, sondern er ist dies und +das, und drittes und legionstes.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe den verwandelnden Blick.</p> + +<hr/> + +<p>Vor einer Anzahl von Leuten der ‚guten Gesellschaft‘. +Sind es nicht alles Menschen, die man in irgend einem +Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind so oder +so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie müßten +<a id="page-227"></a><span class="pgnum">227</span>auch fast alle mit dem Gift einer schwachen doch +steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen zu wenig +über sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich +selber an, sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum +in sich. Sie glauben, mit 30 Jahren sich gefunden +zu haben — sie nennen es: erwachsen sein — und +setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. +Man wird nichts Unerwartetes von ihnen mehr sehen +oder hören; als ob man nicht von jedem Menschen +in jeder Stunde Unerwartetes erwarten müßte! Man +kann sie vorausberechnen wie irgend etwas ganz +Gewöhnliches — und dabei sind sie das Ungewöhnlichste +der Welt, nämlich Menschen und tragen das +Unberechenbarste der Welt in sich: eine zu jeder +Unerhörtheit fähige Seele. Sie haben ganz vergessen +oder nie begriffen, daß sie — Gott sind, sie begnügen +sich damit, Herr X oder Frau Y zu sein und als +solche und nur als solche zu leben und zu sterben.</p> + +<hr/> + +<p>Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei +zu erniedrigen, ist es, den ich unter der Bezeichnung +‚bürgerlich‘ überall aufspüre und verfolge. Es ist die +eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man +sollte täglich zu einer festgesetzten Stunde einen +Glockenton durchs ganze Land gehen lassen, der keine +andre Bedeutung hätte, als die, den Menschen in +Erinnerung zu rufen, daß sie nicht nur Bürger von +diesem Namen und jenem Stand seien, sondern unerforschliche +Teile des Unerforschlichen. Man müßte +eine eigene Glocke dafür erfinden und in unzähligen +großen und kleinen Exemplaren gießen lassen: eine +‚Gedächtnisglocke des Menschen‘. Wo aber ein Tempel +<a id="page-228"></a><span class="pgnum">228</span>gebaut würde, da müßte über seiner Pforte stehen: +Dem furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal +Unbekannten.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in +sich gereift sehen zu dürfen: die Erkenntnis des Bürgerlichen. +Als das Bürgerliche bezeichne ich das Absehenkönnen +des Menschen davon, daß er das Geheimnis +der Geheimnisse ist, das Sichhinstellen- und Verharrenkönnen +des Menschen als eines Zweiten. Bürger +heißt: der sich in einer Burg Bergende. Bürger +heißt mir der Mensch, insofern er sich in der Burg +des Gedankens birgt, etwas andres als Gott selbst zu +sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott fühlen, +der er ist. Es kann Gott sich nur bürgerlich und +nicht anders ergreifen. Das Menschliche ist schlechtweg +das Bürgerliche.</p> + +<hr/> + +<p>Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine +Burg. Gott ist nichts Außerbürgerliches; wo auch +nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich Gottes Burg. +Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist überflüssig, +ebenso wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase +Wasser) auch nur ein Tropfen Wasser, da ist Gott +in ihm. Alles ist ‚Burg‘. Seit Welt überhaupt ist, +gibt es nur Gott, den Geborgenen, den Bürger.</p> + +<hr/> + +<p>(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen +aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da +kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, +und durch das mächtige Fenster die draußen hin und +her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der +<a id="page-229"></a><span class="pgnum">229</span>Glaswand eines großen Behälters, — und dann und +wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! +Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie +sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und +wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und +aus ihren nur als sie!</p> + +<hr/> + +<p>Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge +betrachtet, in der sie das eigentlich Wertvolle, das +Innerliche, Namenlose wach erhält, diese Menge, die +unter den Händen der Aufklärer zu einem platten, +sich selbst und den andern uninteressanten Haufen +wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden, +beste Freundin. Sie ist die einzige ebenbürtige +Gefährtin der Philosophie. Und was die Verirrungen +beider anbetrifft, so dürften sie hier wie dort, +wenn auch gleich ehrwürdig, ganz verschiedenen Charakters, +gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.</p> + +<hr/> + +<p>Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun +schnitz ich Gottes Bildnis an allem.</p> + +<hr/> + +<p>Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen +etwas wie eine Parade. Oder wie ein Schachspiel, +gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie ein +Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.</p> + +<hr/> + +<p>Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im +Furchtbaren enden. Iwan Karamasow lehnt diese +Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der +Kinder begreift er nicht. Wie aber — wenn all dies +Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden +<a id="page-230"></a><span class="pgnum">230</span>Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und jede +nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott +selbst ist, das ohne Maß große schauerliche tragische +Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde dumpfer +Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen +Hirn .. und scheint nicht alles aufgelöst — nicht in +eine unsagbare<i> Harmonie</i> — o nein — aber in einen +nie zu erfassenden, erfühlenden Abgrund von solcher +Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage, jede +Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der +fast unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner +selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot +niederwerfen würde, wenn er auch nur einen Grad +heller, eine Sekunde länger leuchtete. Aber ich glaube, +diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen +ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist +in der Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott +ringt sich aus ihr zum Sich Selbst erschauenden Geist +empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig +wie der Mensch, wird sich Gott je selbst<i> erkennen</i> +(nur erahnen); denn er erkennt ja nur so weit, als +er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid; +es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch +etwas andres, ob jenes kleine Mädchen, von dem +Iwan Karamasow erzählt, sich als eben dieses Mädchen +die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es +einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit +sich selbst kämpfenden, um sich selbst kämpfenden +Unsagbarkeit ‚Gott‘ darstellt. Dieses Mädchen ist +dort noch bürgerlich gesehen, göttlich gesehen wird +es zum Mysterium, zu liebenswert für unsere Liebe, +wie zu tief für unsere Klage.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-231"></a><span class="pgnum">231</span>(Nach einem französischen Roman.)</p> + +<p>Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine +Sorge des Lebens fern bleibt, diese, wenn du so willst, +frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider +das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe, +die der Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder +einmal in die Häuser der Bürger bräche, — stelle dir +dicht daneben, kaum durch eine Straße getrennt, das +grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit, den +Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor — und +frage dich, was ein Gott tun müßte, der dies nicht<i> alles selbst</i> wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst +ist, darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber +nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen verwegen +gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist ihr Rausch, ein +Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er +selbst dieser Rausch<i> sein</i> muß, um seinen ganzen +sublimen Wert zu empfinden, daß er er sein muß, +um ihn (möchte ich sagen) nicht erst ‚empfinden‘ +zu müssen und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich +ein Urteilen wäre — im Urteilen aber schläft +auch schon das Verurteilen — herabzusetzen; ich +sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben +das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er braucht +nicht vor sich zu erröten wie ein feiler Genüßling, +er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine +höchsten Zustände nicht, er ist in schrecklicher Fülle +und Wahrheit alles, von oben bis unten, er ist das +ganze Universum am ‚eigenen Leibe‘, noch einmal: +Er darf alles sein, weil er alles<i> ist</i>. (Spätere Anmerkung: +Solange er nicht selbst darum ‚weiß‘. In diesem +Moment beginnt seine — Sittlichkeit.)</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-232"></a><span class="pgnum">232</span>Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, +und nichts, das ich nicht überwinden möchte.</p> + +<hr/> + +<p>Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst +dadurch, daß sie Liebe Gottes zu sich selbst ist, +zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was +allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das +Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder +Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem +Weibe plötzlich zusammenschmelzen könnte in einen +dritten Körper, dann würde die Erde vielleicht im +selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.</p> + +<hr/> + +<p>Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der +Optimismus Herr geworden sei. Und fürwahr, mit +dieser Zählmaschine in der Hand wird der Mensch +ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit +des Daseins verliert ihre Gewalt für ihn, er +klassifiziert, klärt auf, korrigiert hier und dort. Eine +Welt, für die es nur die Eine Bezeichnung ‚furchtbar‘ +gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, +in das bloß der Tod seine ungemütlichen Schatten +wirft. — Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt, +daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens +bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden +unaufhörlich darauf gerichtet sein, dich zu +erfinden. Ohne dich würde Gott am eigenen Leibe +verfaulen.</p> + +<hr/> + +<p>Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider +Gottes.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-233"></a><span class="pgnum">233</span>Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die +Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen +Begriffsvermögens vor der Welt.</p> + +<hr/> + +<p>Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht +nur der Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. +Vor der Kälte des Universums zieht sich das Wasser +als Haut zusammen, so vor der Kälte des Unbegreiflichen +der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. +Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem +Verfall, indem er<i> denkt</i>.</p> + +<hr/> + +<p>Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. +Alles, was geschieht, ist Mein bewußter +oder unbewußter Wille und als solcher unantastbar. +Damit aber fällt zugleich die übertriebene Wichtigkeit +alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig — als +göttliche Äußerung; und nichts ist wichtig — ebenfalls +als göttliche Äußerung. Gottheit ist Fülle, und +Fülle weiß nichts von dem, was sich Kümmerlichkeit +als Gewinn und Verlust herausrechnet. Es gab zu +lange nur den Gott des Bürgers, Gott sah sich selbst +als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten +müssen. Aus dem Gott-Bürger wurde der Gott-Freie, +aus dem komischen wieder der tragische Gott.</p> + +<hr/> + +<p>In einen Roman:</p> + +<p>‚Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, +so groß, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen +gedacht worden ist, oder wenn, dann nur von einigen +Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen +und werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht +<a id="page-234"></a><span class="pgnum">234</span>von Fieber geschüttelt. Ich bringe es fertig, mit diesem +Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben, +als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich +mich verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke +dies schöne Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden, +nicht zerstört, und wie ich im Innersten nur +jenes Eine begehren muß: den Schmerz, den unentrinnbar +tödlich verwundenden, den —‘</p> + +<hr/> + +<p>(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu +fühlen, kann nicht Größenwahn sein: denn wenn ich +mich als Entwickelungspunkt Gottes, als Gott in einer +bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu dürfen +glaube, so gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes +lebendige Wesen überhaupt gleichfalls als Gott: sodaß +da nichts ist, was sich über andres überhöbe, oder nur +in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe +übereinander überheben.</p> + +<hr/> + +<p>(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und +gelehrte Buch ‚Die Religion als Selbstbewußtsein +Gottes‘ gerade<i> die</i> Idee, die Gott am tiefsten faßt, +als ‚wahnsinnig‘ hinstellt. Man mache sich klar: +von unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit gerade +die energischste, bedeutendste! Man möchte den Geist +des Verfassers eine umgekehrte Wünschelrute nennen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), +ist eine — Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie +mit zur Welt gehören, so gehören Sie, wie jeder andere, +ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit +hinein.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-235"></a><span class="pgnum">235</span>(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit, +Ermattung und Größe, einer Größe, wie sie +sich nur bei den ganz tiefen, glühenden Seelen der +Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick +gefragt werden sollte, wüßte ich auch im Augenblick +nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den +Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei +ihnen findet man diesen Sturm der Seele wieder, der +oft lange schläft, sich lange unter allerlei psychologischem, +politischem, was weiß ich für Kleinkram +verkriecht, um sich dann plötzlich unvermutet wie +ein feuriger Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles +zu überschütten, zu überstrahlen, daß das Herz zu +klopfen anfängt —</p> + +<hr/> + +<p>Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er +führt eine Anzahl Menschen ein, die uns zunächst +nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie durcheinander, +bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, +bis für jeden irgendeinmal die Stunde schlägt, +wo er sein Innerstes enthüllen muß. Und enthüllt er +sich nicht aus freien Stücken — und je bedeutender +solch ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, +unwilliger, ja selbst zynischer ist er — so wird +er, ich möchte sagen, ‚gestellt‘. Ein andrer setzt ihm +das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den +‚Karamasow‘, Werssilow und sein Sohn im ‚Werdenden‘, +Schatoff und Stawrogin in den ‚Dämonen‘ +usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon später, +sprechen wir von der Hauptsache, von der +Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. — Nicht +meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, — aber +<a id="page-236"></a><span class="pgnum">236</span>das andere —! Und dann sprechen sie alle von +dem ‚andern‘, von der Hauptsache: ob es einen Gott +gibt oder nicht; was der Mensch tun muß, wenn es +Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott +leben könne; wie im Besondern das Russenvolk diese +höchste und brennendste Lebensfrage entscheide, und +ob dieses Volk nicht vielleicht ‚das einzige Gott tragende +Volk‘ heute sei, ‚das einzige, dem die Schlüssel +des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind‘.</p> + +<p>Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes +selbst, die Flamme des um sich selbst ringenden Gottes, +dessen Leib das unendliche All der Gestirne und +dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.</p> + +<hr/> + +<p>(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wäre, so +würde ich mit meiner Stirn erst dreimal vor ihm den +Boden berühren, bevor ich mich umwendete und zu +meinen Brüdern spräche; denn in ihm ward eine +jener großen Leuchten der Erde lebendig, die noch +in den finstersten Nächten leuchten, — er war einer +der großen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich +am Menschen nicht genug sein ließ; nur aber, wem +der Mensch kein Ziel war, nur ein Wurf nach dem +Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.</p> + +<hr/> + +<p>(Zu Drews.) Wenn ich sage: ‚Mensch‘ ist nur eine +sprachliche Ausdrucksform für ‚Gott‘ — ist das +‚Selbstvergötterung‘? Gott kann sich doch nicht +selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der nicht +die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst wäre, +der nur das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht +zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte +<a id="page-237"></a><span class="pgnum">237</span>selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte +unendliche Welt wäre? Gott ist jeder Gedanke +und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern +die Natur nicht nur ein einfacher chemischer +oder mechanistischer Prozeß ist, als den sie der Materialismus +hinstellen will, aber es gibt keinen Metatheismus; +Metatheismus aber wäre, das menschliche +Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten: +wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag, +ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven +Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer +Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung hindrängenden +Gottes war und ist, seinen Weg zu sich selbst, ja: +Sich Selbst zu finden.</p> + +<hr/> + +<p>Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht +überzeugen können. Der<i> sichselbstschöpferische</i> +Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn nicht +die Philosophen, so werden die Künstler mich stets +begreifen.</p> + +<hr/> + +<p>Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis +Meiner selbst kommen und zu diesem Leiden gehört, +daß, was da leidet, zum allergrößten Teil nicht +weiß, daß Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes +fühlt, sodaß ich, obwohl ich es nur selbst bin, der +leidet, doch endlos zugleich leiden<i> mache</i>. Und dies +alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung +willen. Was bleibt Mir da noch übrig, womit kann +Ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen +Weg aufwiegen, wenn nicht durch — Liebe! Liebe +nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht +<a id="page-238"></a><span class="pgnum">238</span>bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was +überhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst +wieder an Mein Herz zurückzunehmen — könnte Ich +mich ohne diesen Willen zur — Welt entschlossen +haben?</p> + +<p>(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden +würde. Wenn man mich für einen größenwahnsinnig +gewordenen Subjektivisten nähme!)</p> + +<hr/> + +<p>Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle +der ‚ewigen Seligkeit‘ verspricht, ist folgendes:</p> + +<p>Wir hören nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu +werden, wir sind und bleiben Teilnehmer des göttlichen +Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns (sich) +keinen ‚Frieden‘, als den, welchen er sich selbst erringt. +Alle höchste Stufe der Entwickelung erreicht +Gott als Mensch: Der höchstentwickelte, am vollkommensten +gelungene Mensch ist zugleich ein höchster +Glücksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese höchsten +Glücksmomente Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten +und als irdische Ungenügendheiten zu verdächtigen. +Sie sind die<i> einzige</i> (bewußte)<i> Seligkeit</i> +Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr. +Sie sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten, +Ersiegtheiten, nicht faule Geschenke, sie sind +nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den die Geplagten +und Gemarterten als Höchstes ersehnen, sondern Seligkeiten +der Kraft, des außerordentlichen Vermögens, — alles +irdische Große und Herrliche ist zugleich Seligkeit +Gottes. Es gibt nicht Elende und Glückliche und +einen Gott bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer, +sondern Gott selbst ist elend und glücklich, Gott selbst +<a id="page-239"></a><span class="pgnum">239</span>fällt und erhebt sich, sündigt und überwindet sich, Gott +selbst ist das Herz, die Seele, der anemos der Welt.</p> + +<hr/> + +<p>Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet +damit die Welt, wie sie ist, und supponiert ihr +ein Fabrikspielzeug.</p> + +<p>Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer +ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das heißt durch und +durch unbegreiflich, so weiß ich nicht, warum man +dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, +nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.</p> + +<hr/> + +<p>Wirklicher innerster, reinster Glaube<i> kann</i> sich nur +auf etwas beziehen, wofür die Sprache kein anderes +Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein<i> einziges</i> +Objekt. Ja, ich möchte noch weiter gehen: was +geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig. +Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme<i> aller</i> Möglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu +ihm selbst je ein bestimmtes Geglaubtes, das heißt einen +irgendwie bestimmten Inhalt, zu finden. Glaube ist +nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes +Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl +Gottes von Sich selbst, Glaube<i> an</i> Gott ist bereits kein +reiner Glaube mehr: das an setzt einen Gedanken, +ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist +ebenso wenig Glaube Gottes, wie Gefühl an Gott +Gefühl Gottes. Daher auch keine Vernunft dem wahren +Glauben etwas anhaben kann.</p> + +<hr/> + +<p>A. Wo ist Gott …</p> + +<p>B. Du fragst, wo Gott ist?</p> + +<p><a id="page-240"></a><span class="pgnum">240</span>A. Ja.</p> + +<p>B. (auf A. deutend) Dort.</p> + +<p>A. Wo? (dreht sich lächelnd um).</p> + +<p>B. Ja, du mußt dich nicht nur umwenden, du mußt +dich in dich hineinwenden —</p> + +<p>A. Hineinwenden?</p> + +<p>B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?</p> + +<p>A. Ja.</p> + +<p>B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh +um) ist Gott.</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird +sie in jedem Moment. Gott ist: Persönlichkeiten.</p> + +<hr/> + +<p>Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins +Sichtbare.</p> + +<hr/> + +<p>Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene +Möglichkeit unter unzähligen Möglichkeiten bedeutet, +gibt ihm erst den großen Hintergrund. Leib und — Seele, +von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine +Linie der Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie +von Legionen Linien, die ebenfalls jede für sich hätte +hingezeichnet werden können. (Sichtbar, leiblich geworden +sein könnten.)</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem +Aufbau und beständiger Zersetzung begriffen. +Es gibt für dies Wesen keinen Tod — um den Preis +des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis +des Dividuums. Das Individuum ist vergänglich, das +Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum +<a id="page-241"></a><span class="pgnum">241</span>teilt sich fortwährend und darum besteht es fortwährend. +Es kann nur bestehen, wenn es beständig zu +Individuen wird. Im Individuum wird es allein fest, +sodaß man sagen kann: Die Individualität ist die Persönlichkeit +der Dividualität, oder menschlicher: Der +Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn — Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Im Anfang war — Mein Ziel.</p> + +<hr/> + +<p>Gott heißt immer nur der jüngste<i> Begriff</i> von Gott. +Gott selbst kann es für den Menschen niemals geben — so +wenig es für diese meine Hand diese meine Hand +geben kann.</p> + +<p>Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch +und Gott ist dasselbe, also kann Gott nicht vom Menschen +erkannt werden. Erkannt werden kann nur eins +vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich +selbst umdrehen und darum wird er nie wissen, wer +er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und<i> mit ihm</i> +wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. +Und wäre dies schließlich nicht das Letzte — was +wäre dann die Welt? Eine Sphinx, die, gelöst, in +den Abgrund stürzen<i> müßte</i>. Ihr tiefster Sinn wäre +damit verloren — das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden +Grund verloren, weiter zu<i> sein</i>; denn der Welt +Grund ist allein ihr<i> Ziel</i>. Wo aber ein Ziel erreicht +ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heißt stets unerreichtes +Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß +wir nicht einmal wissen, wo es liegt, wie es heißt. +<a id="page-242"></a><span class="pgnum">242</span>Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt +Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach +Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles +ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das Größte, +alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist +der Sinn selber. Der Weg nach dem Sinn ist der<i> Sinn</i> +des Wegs.</p> + +<hr/> + +<p>Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. +Assoziation ist zuletzt das eine welterklärende +Wort. Das andere — kennen wir nicht. Aber wir +würden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen +von Allem zu Einem verhindert, um dafür +die Welt der Individualformen aus ihnen zu bilden. +Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. +Die äußere Hohlkugel ist mit Gas gefüllt, die innere +luftleer. Nun wird die innere zertrümmert: Das Gas +will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen, als Eines, +Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig +assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern +Kugel war etwas, das nun folgenden Vorgang zeitigt: +Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen, +sondern erst als eine Unzahl von besonderen +Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein +schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein +in Form von Legionen Zusammenseienden.</p> + +<p>Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung +versetzt. Der Pilz bildet die außerordentlichsten und +vielfältigsten Formen. Die Masse strebt ewig zurück +zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott +sein eigener Pilz.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-243"></a><span class="pgnum">243</span>Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, +und er ist Gottes Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei +Leib gibt, nämlich: Gottes Leib.</p> + +<hr/> + +<p>Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser +Tage (dem Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San +Francisco) wieder einmal, wie gering bei den Menschen +das Gefühl ist, das das natürlichste von allen sein +sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem, +was ist. Nicht einmal bis Neapel reicht ihr Glaube +an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie +sollten sie den Gedanken fassen, daß das ganze Universum +beständig in ihnen ist, wie sie in ihm, ja, daß +jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie irgend ein +untergehender Stern hinter der Milchstraße im Grunde +nichts anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.</p> + +<hr/> + +<p>Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des +Leidens die Summe des Glückes — was sind sie im +letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor dem +in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar übergewaltigen +Charakter des Weltalls. Sollte in diesem +ganz unfaßbaren Komplex des Lebens nicht Leid +und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und +durch ineinander verschlungen und verwirkt sein, daß +man schon ein Prachtstück an Trockenheit und Pedanterie +sein muß, um hier mit einer Wage heranzutreten +und seine innere Unsicherheit, was nun wohl +richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen, +durch ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu +wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen +<a id="page-244"></a><span class="pgnum">244</span>hat mit sich ins Reine zu kommen, leidenschaftlich +bejahen oder verneinen; ohne vorzuschützen, +daß er durch ‚sorgfältiges Abwägen‘ zu solcher Erkenntnis +gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird +es weder beim Ja noch beim Nein aushalten: Er wird +bekennen, daß ihm vor einem solchen Schauspiel, wie +die Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, daß +wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, daß er sich +aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen, +und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein +zu der Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen +er allein kennt, ebensowenig wagen darf, das unversiegbare +Füllhorn seiender und noch möglicher Welten +zu verwünschen. Er wird, wie einer, der seine Worte +und Werturteile unerbittlich zu bändigen gelernt hat, +zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach +seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie +ist Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und +aus Phantasie.</p> + +<hr/> + +<p>Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber +er sollte dessen bewußt sein, daß er auf einem Meere +fährt.</p> + +<hr/> + +<p>Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der +Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir müssen +annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über Gott +auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob +in unsern oder in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß +es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott +sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewußtsein +seiner selbst lebt. Daß wir als die Phase Gottes, die +<a id="page-245"></a><span class="pgnum">245</span>wir sind, offenbar nur Gott in irgend einer Phase darstellen, +nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl +auch seine höchste nur eine ‚endliche‘ sein mag, indem +das unendliche ‚Mysterium‘ nur im immerwährenden +Endlichen unendlich bleiben kann. Gott +kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod. +Gott muß fortwährend sterben, um fortwährend leben +zu können. Gott stirbt nie um den Preis fortwährenden +Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, +und überwinden wir es durch das Wort ‚Ich bin‘, +das Gott in uns spricht. ‚Ich sterbe als du, damit ich +als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also +getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich +sie als du erkannt zu haben meine).‘</p> + +<hr/> + +<p>Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem +Baum, in jeder Blume. Ein Keim fiel in einen Grund, +ging auf, entwickelte sich zu Pracht und Duft — und +wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang +vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose etwas +Geringeres als Schönheit und Duft der großen Erdenblume? +Und welkt, wenn die Rose welkt, minder +Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen +wird? — Wachstum ist alles, das Wort ‚wächst‘ +vielleicht das letzte mögliche Wort. — Und wie es +unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich +viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht +dem andern, — und so wäre der Paradiesesgarten +als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine Phantasie, +groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin unzerreißbar +von menschlichen Kinderhänden. Eine Vorstellung, +eine Erahnung, wohl nicht stärker, nicht deutlicher als +<a id="page-246"></a><span class="pgnum">246</span>der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel +in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir +Vorüberfall du auf einer vorspringenden Felskante wie +ein blitzartiges Wunder erlebst. Aber doch eben das, +und als das, etwas. —</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre +der wieder geschlossene Ring Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring. +Gott ist der Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der +Mensch stellt sich dar als dieser Ring, unterbrochen, +mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu +schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender +und in sich zurücklaufender — aber noch nicht +zurückgelaufener — Gott. Der Mensch ist die Offenheit +des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene +Hingott und Widergott.</p> + +<hr/> + +<p>Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.</p> + +<p>‚So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.‘ — Wäre +es nicht furchtbar, wenn der Mensch nur Entwurf +Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe als +Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch +alle Ewigkeit ausgeführt, weiter gebildet zu werden? +Gewiß, der gegenwärtige Weltdurchschnitt wird immer +Fragmentmosaik sein — aber es fragt sich, ob einmaliges +Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als +Fortsetzung und zwar nicht bloß im Ganzen, sondern +auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also nicht +nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment +meiner Person, als einer gottwerdenden +<a id="page-247"></a><span class="pgnum">247</span>Person, als Gottes im Einzelnen, bin. So vielleicht: +Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, +ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib +Gottes) — oder ist Gott, einmal Person geworden, als +solche ebenfalls unsterblich, sodaß seine Entwickelung +nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner +Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in +jedem Einzelnen zur immer wieder sterblichen Person +auf immer wieder höherer Stufe wäre?</p> + +<hr/> + +<p>Vor einem Sterbelager.</p> + +<p>Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren +Verhältnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch +diesmal schon wiedergetroffen, von früher her, nur, +daß wir es nie wissen, daß wir heimliche Zusammenwanderer +sind.</p> + +<hr/> + +<p>Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit +kann nur als Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles +Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott entwickelt sich, +wird (ist) nur dadurch, daß er sich beständig ‚verrennt‘, +verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt, daß +er sich selbst beständig Stationen schafft. Er würde +wie ein Meer ins Unendliche verfließen — wenn er +sich nicht fortwährend selbst im Netz gleichsam der +Einzelerscheinung finge, diese Netzerscheinung wie +als ein bereits Endgültiges zu höchster relativer Vollkommenheit +emportriebe: um, wenn das ursprüngliche +Netz sozusagen völlig in sie hineingenommen, +nun den Persönlichkeitskern als Eigengewinn davon +zurückzubehalten, das andere wieder zerfallen zu +lassen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-248"></a><span class="pgnum">248</span>Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt +von dir auf den andern. Dich aber sollst du zu vollenden +trachten, nicht den andern. Wer sich nach innen +wendet in seiner Tiefe, von dem fällt Mitleid ab wie +ein Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um +seines Leides willen, er könnte ihn höchstens um +dessentwillen bedauern, daß ihn sein Leid nicht in sich +hineintreibt, daß es ihn nicht vertieft. Wer sich und +den Nächsten als Gott erkannt hat, von dem fällt +Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird den Nächsten +zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches +zum Opfer bringen können, wenn es das gilt, aber +ohne Mitleid; denn mit großem Auge wird er durch +sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, +was er da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte +dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen +Platz mehr.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe +schwerfällige Körper, als Geist zugleich mit dem Geist +aller Epochen unablässig verkehrend.</p> + +<hr/> + +<p>Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die +Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen.</p> + +<hr/> + +<p>Zünde einen Magnesiumfaden an — und du hast das +Leben des Menschen im blitzschnellen Bild. Leben +und sterben sind nur zwei Ausdrücke für dasselbe. +Und unser Ichgefühl das Gefühl des hineilenden feurigen +Punktes.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-249"></a><span class="pgnum">249</span>Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.</p> + +<hr/> + +<p>Wir müssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen +sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu +werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen, nicht +aber wie ungefügte Klötze hinabzurutschen und hinabzupoltern, +muß unser erster Wunsch und letzter +Wille sein.</p> + +<hr/> + +<p>Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. +Unwesentlich die Mücke, wesentlich der Mensch; +unwesentlich der Mensch, wesentlich die Menschheit; +unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum; +unwesentlich das Universum, wesentlich —</p> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott, +ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder +groß noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott +und jeder ‚Teil‘ in jedem Augenblicke zugleich das +Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein +oder groß? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser +zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß und +wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall, +so wird er doch darum nicht sagen können: Wasser +ist groß. Und so ist ‚Gott‘ auch nicht größer da, +wo er die ‚Milchstraße‘ ist, als da, wo er in einem +Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume +hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und +so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten +‚groß‘ und ‚klein‘, denn ‚das gibt es alles garnicht‘.)</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-250"></a><span class="pgnum">250</span>Ich fürchte, — und dieser unheimliche Gedanke kehrt +mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, —: +nicht, daß wir sterben werden, ist zu fürchten, sondern +daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies +immer unter folgenden Worten: Ich werde immer +da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe, +wer will wissen, ob ich dann nicht — mein Freund bin? +Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden +könnte, gewandert wäre, nein, sondern wie wenn ein +Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte +daß es wäre … Wer will wissen, ob er nicht aus +seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser +und mit allen physischen Prämissen) in die Welt +blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein +verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, +kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form +zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite +ist vielleicht nichts als wieder das Eine.</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.</p> + +<hr/> + +<p>Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster +Gedanke hat nichts zu tun mit dem Äußerlichen +meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die +zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend +etwas getrieben worden sind, als da ist unterdrückte +Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an +sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese +Zustände wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem +neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch +weder ‚heilt‘ noch ‚erlöst‘. Diese Idee ist vielmehr +aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann +<a id="page-251"></a><span class="pgnum">251</span>ihre Anfänge bis in mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen, +in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches +Interesse in mir erwachte. Ihr endliches +Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines +Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr +in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge +gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit +das Micheinsfühlen mit allem zu einem natürlichen +Gefühl macht.</p> + +<p>Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs +in so hohem Maße, daß ich mich von Vorstellungen +solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, +daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze +Weltall in Mitleidenschaft ziehen müsse.</p> + +<hr/> + +<p>Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle +Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest +ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist — Gott.</p> + +<hr/> + +<p>‚Gott‘ ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: +ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist, +und der Rest ist — Mysterium.</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche +sagt aus Menschenmund Gott zu sich.</p> + +<hr/> + +<p>In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott +selbst sich zum Bewußtsein gekommen. In Christus +erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich +selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. +Aber freilich: ‚Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein +Tag.‘</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-252"></a><span class="pgnum">252</span>Man empört sich gegen die Gottheit Christi — als +liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein +Stück — Gottheit herum.</p> + +<hr/> + +<p>Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. +Von außen, mit fremdem Auge betrachtet, mag es +nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen +gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben — Gottes +aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich +tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen +daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott, Gott +selbst in ureigenster Person — und die Welt wird +sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und +du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen; +denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig +werden.</p> + +<hr/> + +<p>Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den +Menschen eines Tages in größerer und größerer Anzahl +zum Bewußtsein kommt — nicht nur nominell +wie bisher, sondern faktisch — daß sie in der Unendlichkeit +leben.</p> + +<hr/> + +<p>Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie +sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.</p> + +<hr/> + +<p>Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich +und in der Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was +wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung +produziert. Bis heute glaubt die Menschheit +<a id="page-253"></a><span class="pgnum">253</span>noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter +ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch +den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine bloße Vorstellung +von dir. Gewiß ist er das. Erst die Menschheit, +welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, +ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten +können, ist das Unvorstellbare, auf das unsre +Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir für uns +als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst +(wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist +(was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben +kein andres Wort für Gott als das Wort ‚alles‘. Man +kennt und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich +weiß nicht, ob je mit diesem ‚alles‘ schon ganz und +resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, +für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst +hinein in dies ‚alles‘ mit jeder Faser seines Leibes +und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß selbst +zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott — und +nicht nur in Gott — sein.</p> + +<hr/> + +<p>‚Sein‘ (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn +Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch. +Als Gott sagt er nichts, ‚ist‘ er nicht einmal etwas. +Gott ist nicht Gott.</p> + +<p>Als Mensch ‚ist‘ Gott.</p> + +<hr/> + +<p>Auch wo Gott ‚sich‘ fühlt, wie im Mystiker, bleibt +er noch Mensch.</p> + +<hr/> + +<p>Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt +unerklärlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung, +<a id="page-254"></a><span class="pgnum">254</span>dieser stiermäßigen Annahme des Gottmenschenkopfes +von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind +allzu wertvoll, verinteressieren — als Wissenschaft — das +Leben in allzu hohem Grade.</p> + +<hr/> + +<p>Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit — als +Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen +Kultur überhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes, +des Menschen.</p> + +<hr/> + +<p>Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche, +bleiben — Anthropomorphismus. Diese Feststellung +sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der +Tod Gottes — als einer auszuscheidenden Vorstellung. +Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich +alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich +mir im Wort ‚Gott‘ nicht löste. Andre nennen ihre +Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber +ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort +ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel +wert. ‚Leben‘ ist das Wort einer andern<i> Phantasie</i> +als ‚Gott‘, das ist alles.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur +ein ‚Ur—wort‘. Dieses Urwort muß uns gelassen +bleiben, wollen wir Menschen bleiben.</p> + +<hr/> + +<p>Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in +einem Menschenkopfe begreifen könnte.</p> + +<hr/> + +<p>Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner +Handlungsweise zu Grunde (drücken wir es so aus): +<a id="page-255"></a><span class="pgnum">255</span>das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste +Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist +Gottes Sache selbst. Ich bin — wie ich es ansehen +kann — nur eine Etappe im ungeheuren Heer und +Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich +nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so +wäre damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein +Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns +durch die Daten seines Lokals usw. erklären +zu können glaubte.</p> + +<p>Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht +Halt machen zu brauchen. Die Nötigung, mich mit +allem um mich durch ein<i> persönliches</i> Band verbunden +fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor +mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann +sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig, +ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, +sie teilt — ob ich sie nun als<i> Du</i> oder Erscheinung +bezeichne —<i> Ein</i> Geheimnis mit mir, das Geheimnis +des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und +unser Beider Vater als Dinge.</p> + +<hr/> + +<p>Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als +mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als +den Vater.</p> + +<p>Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst — Erscheinung.</p> + +<hr/> + +<p>Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und +verächtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein +<a id="page-256"></a><span class="pgnum">256</span>winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn er +nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre. +Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, +die meinen, man könne das Eine ohne das +Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.</p> + +<hr/> + +<p>Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die +großen Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform +ist notwendig grotesk.</p> + +<hr/> + +<p>Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen +Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt. +Sie selbst ist das Tragische.</p> + +<hr/> + +<p>Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters. +Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und +Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre schneeweißen +Nacken, ihr herrliches Haar — wie scheinen +sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang +auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und +leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre, +wenn nun plötzlich ein Mann aufstünde und spräche: +Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern +laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen +Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen +im Übermaß des Schmerzes. Aber nach einer kurzen +Spanne der Starrheit — was würde geschehen? Mit +ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen +und mit hundert beredten Gebärden laut oder stumm, +lächelnd oder schluchzend, die Männer rings fragen: +<a id="page-257"></a><span class="pgnum">257</span>Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts? +Ihr wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr? +Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch +denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? +O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! +Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre +an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem +Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht +zu Ende! — Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich +denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner würdig. +Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger +sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum +ersten Mal — und sein triumphierendes Reich, soweit +Welt ist.</p> + +<hr/> + +<p>Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem +Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er +immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft, dem +wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht +Einwand sein können: Denn je unfaßlicher dieser +Gott ist, desto unfaßlicher wird auch die Kunst seines +Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen +müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche +Urteilskraft.</p> + +<hr/> + +<p>‚Die Welt‘ ist Gottes Weg zu seiner Schönheit. +Überall und immer duftet diese Wunderpflanze ‚Welt‘. +Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Schönheit, +ihre ‚Seele‘, ‚Gottes‘ — Seele.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben +worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese +<a id="page-258"></a><span class="pgnum">258</span>wie je, wir sind selbst Paradies, — nur seiner unbewußt, +und damit mitten im — Inferno.</p> + +<hr/> + +<p>‚Alles was ist, ist vernünftig‘ — ganz gewiß. Freilich +nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X +oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. +Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn +sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich). +Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein zu sich, +sondern urewig ja<i> und</i> nein.</p> + +<hr/> + +<p>Wo einer keine Augen für sich — als Mysterium — hat, +da hat auch Gott keine Augen für sich, als +Mysterium. Aber als der, als der er Augen für sich +hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine +Augen für sich hat, und zürnt sich, dem andern, aus +sich, dem einen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste +Dissonanz eines ganzen Planeten als solche +mit hineingehörte. Ein schauerlicher, wahnwitziger +Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz — schon +allein seine ganz persönliche Dissonanz — nicht aufgelöst +und sei es auch erst — nach Äonen.</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. +Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von +<a id="page-259"></a><span class="pgnum">259</span>Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als +Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht +genug, wenn nur<i> das</i> Gott wäre! so frage ich: weißt +du, wo die Welt aufhört, daß du von genug und +nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches +noch-genug sein oder ‚nicht-genug‘?</p> + +<p>Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht +werden mag, kann auch noch nicht an den +Saum des Mantels seines Ernstes rühren.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen +zu einander ist — wenn die Welt nicht der ewige +Weg dieser zwei Seelen ist — so weiß ich nicht, was +Gott und Welt bedeuten.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des +MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment +innerhalb Naturae sive Dei.</p> + +<hr/> + +<p>Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich +bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens — in +allen seinen Erscheinungsformen — erinnern wird.</p> + +<hr/> + +<p>Und es wird nichts sein — kein Richten, kein Wundern, +nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird +Gericht oder Freispruch beschlossen sein.</p> + +<hr/> + +<p>Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben — das +ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.</p> + +<hr/> + +<p>Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der +Kirche ringen, so muß er es heute mit der Wissenschaft. +<a id="page-260"></a><span class="pgnum">260</span>Der sich selbst schauende Gott ist immer nur +als — Ketzer möglich.</p> + +<hr/> + +<p>Vielleicht ist nichts von allem Gedachten<i> ganz</i> unwahr. +Sollte Gott über Sich<i> gänzlich</i> falsch denken<i> können</i>? Sollte nicht die barbarischste religiöse Vorstellung +ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten<i> müssen</i>?</p> + +<hr/> + +<p>Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem +Andern, — Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen: +zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft +auf alles Andere.)</p> + +<hr/> + +<p>Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere +im Menschen streben, wenn nicht dahin, daß Gott +in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen +kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus +dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln +hervorschreiten, muß ja sagen und tun wie der Zarathustra +Nietzsche's, oder nein wie der indische +Buddha. Er muß das Schicksal der ‚Welt‘ an seinem +Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein. +Und doch —.</p> + +<hr/> + +<p>Frage dich nur bei allem: ‚Hätte Christus das getan?‘ +Das ist genug.</p> + +<hr/> + +<p>Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der +Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich +die ganze Menschheit — Persönlichkeit zu werden +trachtet.</p> + +<p><a id="page-261"></a><span class="pgnum">261</span>Denn wenn wir ‚Gott‘ sind, — was können wir +Höheres aus uns machen, als immer durchseeltere, +durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie der +einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, +so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und +durch ‚kalonkagathon‘ werden wollen.</p> + +<p>Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk +die ganze Erde — das ist das Ziel.</p> + +<hr/> + +<p>Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen +aber wird ihn alle fünfzig Jahre — vielleicht — Einer.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen +könnten, wer Christus war, würden sie ihn allesamt als +einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so +weit weg steht der Mensch, der gesagt hat ‚Ich und +der Vater sind eins‘ (und nur der johanneische Christus +ist für mich Christus, so ausschließlich, daß, wenn +es ihn nie gegeben haben sollte, er längst hätte ‚erfunden +werden‘ müssen) von der übrigen ‚christlichen‘ +Menschheit und insonderheit ihren Theologen, daß er +wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken würde, hätten +sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl +bis zum Letzten nachzufühlen.</p> + +<hr/> + +<p>Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins +Gedächtnis, immer wieder komme ich zu mir selber +wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und +ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich +erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin +ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst +an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet +<a id="page-262"></a><span class="pgnum">262</span>aufschrecke und zum wievielten Male! das +traurige Wort vernehme: Du schläfst! Wie — wäre +mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, +wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche +zusammenstoßen, ein Mensch, zu groß, zu reich, zu +tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch zu +klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen? +Mir fällt ein Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren +ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz +anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden +Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten +wenigstens bis zu einem gewissen Grade überwand: +‚Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich +möchte stärker sein und bin es nicht, und daß ich +stärker nicht noch schwächer bin, als wie ich bin, das +ist's, was mich zerbricht,‘ Und auch das fällt mir +ein: Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis +zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus +Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen +um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören +mußte und erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht +aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum +und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend +aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen +und Schöpferischen in seine Arme herabzureißen, +ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und +seiner flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den +Schlaf des Alltäglichen, von neuem erwachend nach +kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das +wäre ich! Das bin ich?</p> + + + + +<h2><a id="page-263"></a><span class="pgnum">263</span>Weltbild: Am Tor</h2> + + +<h3>1907</h3> + +<p>Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen +an dir herunter, den Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum +ohne Gleichen!</p> + +<p>Welches naive Auge würde je darauf kommen, dich +als eine einheitliche Ordnung von Legionen selbständiger +Wesen zu verstehen und welches Auge +würde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, +die Wirklichkeit überhaupt als einen einzigen Zellenleib +zu beschreiben, dessen Formen wir uns nur nicht +vorstellen können?</p> + +<hr/> + +<p>Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher +und daher; da doch alles überallher kommt.</p> + +<hr/> + +<p>Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: +der Ansteckung) wirkt fortwährend in der ganzen +Natur.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die +Zahl. Sie ist die absurdeste Fälschung der ‚Wirklichkeit‘, +die dem Menschen wohl je gelungen ist, +und doch baut sich auf ihr ‚unsere ganze heutige +Welt‘ auf.</p> + +<hr/> + +<p>Der große Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal +einen Mechanismus schaffen zu können, der schließlich +wie ein Lebewesen wird und leben soll, und sei +es auch nur ein Infusorium. Und übersieht dabei nur +eins: daß es ein einzelnes Infusor für sich allein gar +nicht gibt, daß man das ganze Weltall nachschaffen +müßte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit +<a id="page-264"></a><span class="pgnum">264</span>lebendig zu machen — denn man kann nichts +von außen hineinstopfen, Ihr Herren, man muß dann +schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex +tempore und ex machina.</p> + +<hr/> + +<p>Alles ist Ausdruck eines<i> Wesens</i>.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, +so ist das auch nichts weiter, wie wenn einem +irdischen Orchestermusiker eine Saite platzt. Sähe +man den Mann nicht die Geige absetzen, so würde +man vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert +geht das vielstimmige Zusammenspiel seinen gewaltigen +Gang.</p> + +<hr/> + +<p>Die ‚Welt‘ gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit. +Zwischen zwei Eisperioden kann +eine Menschheit sich vielleicht so ‚vollenden‘, wie +ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.</p> + +<hr/> + +<p>Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene +zu sein und sind statt dessen ein wandelnder Berg +oder eine wandelnde Pyramide.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. +Am Tage sieht man sie wohl, aber hört sie fast gar +nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie ein +großes Herz.</p> + +<hr/> + +<p>Diese Waschkanne vor mir — nimm die Zeit von +ihr: und sie stürzt zusammen in nichts. Die Zeit +macht erst den Raum.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-265"></a><span class="pgnum">265</span>Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten +des Menschen, auf einmal Vergangenheit und Zukunft +gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als hätte +die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von +ihm in vorn und hinten, oben und unten, früher +und später usw. einteilen zu lassen. O Mensch, du +Kindskopf aller Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses +Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts +weiter!</p> + +<hr/> + +<p>Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das +All war weder, noch wird es sein, — es ist. Und so<i> war</i> nichts von dem, was wir ‚vergangen‘ nennen. +Alles ‚Vergangene‘<i> ist</i>. Vergangenheit wie Zukunft +sind nur Formen der Gegenwart.</p> + +<hr/> + +<p>Für Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht +und daher auch keine — Ewigkeit. Es sollte sie auch +für uns nicht geben. Wir<i> sind</i>. Wir werden nie sein, +ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in +jedem Moment ‚gelebte Gegenwart‘ — oder sie ist +nicht.</p> + +<hr/> + +<p>Schauerlich, zu denken, daß alles nur ‚in der Flucht‘ +ist. Es gibt nichts, als den<i> Moment</i>, in dem fortwährend +alles ist.</p> + +<p>So wie ‚ich‘ von Sekunde zu Sekunde lebe und mir +dessen bewußt bin — (aber das alles ist nicht ich, das +ist die Unendlichkeit, die in mir fortwährend weiter +lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger +gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir ihr +vermittelten Vorstellung von Sekunde zu Sekunde.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-266"></a><span class="pgnum">266</span>Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung +eines gegenwärtigen Kopfes.</p> + +<p>Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, +deren Oberfläche — hier der dies von ihr aussagt.</p> + + +<h3>1908</h3> + +<p>Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je +dasselbe, so bist auch wohl du selbst ein in jeder +Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener, Niemehrsodaseinwerdender. +Und nicht du allein: Alles ist +fortwährend neu, frisch, einzig, einmalig. Dies ist das +Geheimnis des Lebens und damit Gottes, als eines +ewig Seienden, ohne auch nur die Möglichkeit irgendwelcher +Starrheit.</p> + +<hr/> + +<p>Bewußtsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind +ein Anfang.</p> + +<hr/> + +<p>Nicht nur Fortdauer, — —<i> Ziel</i>dauer.</p> + +<hr/> + +<p><i>Die Axt</i>. (Fundamentalsätze.)</p> +<p>1. Keine Geschichte</p> +<p>2. Keine toten Gegenstände</p> +<p>3. Sprache — Prozeß.</p> + +<hr/> + +<p>Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.</p> + +<hr/> + +<p>Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): +Die Welt wird doch keine Narrheit sein, —<i> Du</i>!?</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-267"></a><span class="pgnum">267</span>Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser +Leben zurückbringt — er wird uns Ungeheures wiedergegeben +haben.</p> + +<hr/> + +<p>Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und +höher entwickeln wollen.</p> + +<hr/> + +<p>Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem +heroischen Leiden.</p> + +<hr/> + +<p>Es gibt keinen größeren Stilisator in der Natur als +den Tod. Gib das Leben dem Tod in die Hand und +du übergibst es — seiner Kultur. Selbst mit dem +Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod +in Händen hat, desto höhere Kunstwerke werden wir.</p> + +<hr/> + +<p>Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die +Erde. Der Mensch — ein Exempel der beispiellosen +Geduld der Natur.</p> + +<hr/> + +<p>Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe +der Planeten nicht eine der untersten, niedersten +ist? Ob sie der Mehrzahl anderer Wandelsterne nicht +etwa vorkommen möchte, wie einem Paris, einem +London der Marktflecken Schildburg, oder wie einem +Lionardo sein Hund oder sein Pferd.</p> + +<hr/> + +<p>‚Der Übermensch ist der Sinn der Erde‘ — das heißt: +der Erde Sinn ist ihr Untergang in — Höheres.</p> + +<hr/> + +<p>Gefühl von Gnade: seliges Vorgefühl des uns zum +Heil, unserer ganzen Entwickelung nach, Erwartenden — ohne +<a id="page-268"></a><span class="pgnum">268</span>den<i> vollen</i> Glauben, daß es auch wirklich +kommen werde und ohne jeden Glauben daran, +daß man es wirklich verdiene. Ein Gefühl, der objektiven +Wahrheit zwar vielleicht nicht entsprechend, +aber eine Schönheit des Herzens, ein Mehr — als — Wahrheit.</p> + +<hr/> + +<p>Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich +nicht, daß es uns etwas schenke (außer sich selbst +durchs Mittel seiner Schönheit), sondern angebetet +im Sinne ehrfürchtiger Liebe.</p> + +<p>Ja,<i> dies</i> Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres +als um die immer reinere Offenbarung der Schönheit +des Angebeteten soll bleiben, soll als das<i> neue</i> Gebet<i> wiederkommen</i>, nachdem wir das alte in uns niedergekämpft, +ohne doch je vergessen zu können, daß es +nicht nur eine Form des gemeinen Bedürfnisses, nein, +noch weit mehr war: eine Form des edelsten Bedürfnisses +der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet +wieder auferstehen, frei werden.</p> + +<hr/> + +<p>Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht +hat. Gott ist der eigentliche Gedanke der Erde, +der einzige all unsrer Gedanken, der, geschweige denn +in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen +Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott +ist die große Frage der Erde, aller Erden: Ihr Leben +ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.</p> + +<hr/> + +<p>Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein +Ding unmöglich. Gott ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-269"></a><span class="pgnum">269</span>Göttliches (Theon) immer wieder in unzähligen Lebenslinien, +Lebensläufen, Gott werdend (Theos) … Gott +ein ewiger und unendlicher Prozeß des Sich-Verlierens +und Sich-Gewinnens … Gott ein ewiges Ringen +zahlloser dumpfer und lichter Individuen um Sich, +als Schönheit der Schönheit. — Sich fortwährend auf +irgend einer höchsten Formenstufe als diese gewinnend +und besitzend und beschließend … und doch +nie<i> ganz</i> und überall und gleichzeitig vollendet.</p> + +<hr/> + +<p>Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst +ab. Gott ist, worin dieser letzte Begriff als in seiner +höheren Einheit aufgeht.</p> + +<hr/> + +<p>Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst +erkannt und damit vollendet hat, oder doch so, wie +Goethe sagt: der Mensch muß von einem gewissen +Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.</p> + +<hr/> + +<p>So wie ich — außer etwa als mystischer Seher — den +Geistkörper des Menschen nicht schaue, so schaue ich +auch nicht den Geistkörper der Erde. Und doch muß +auch der Planet als Ganzes seinen Geistkörper haben +und wer weiß, ob er damit nicht Brust an Brust mit +Geistkörpern andrer Sterne lebt, sodaß …</p> + +<hr/> + +<p>Ein Kunstwerk schön finden, heißt, den Menschen +lieben, der es hervorbrachte. Denn was ist Kunst +andres als Vermittlung von Seele. Eine Landschaft +schön finden, heißt, uns ihrer als eines göttlichen Geschenkes +unbekannter Mächte freuen. Dankt meine +<a id="page-270"></a><span class="pgnum">270</span>Ergriffenheit z.B. dem Meere selbst? Nein, sie dankt +den schöpferischen Geistern, der ganzen Natur dafür, +dem schöpferischen Geist — des Lebens selber. Interesselos +aber ist mein Wohlgefallen am Schönen so +wenig, daß es vielmehr alles tiefste Schöpferische in +mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im +ausgiebigsten Maße ‚mitzutun‘, bis zu einem gewissen +Grade zugleich befriedigt. Nur bis zu einem +gewissen Grade — denn über dies Befriedigen hinaus +bleibt noch — ob bewußt oder unbewußt — etwas +von jener nie ganz gestillten Sehnsucht, die wir allem +gegenüber empfinden, was uns zur Liebe zwingt: die +Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gründlicher +zu lieben, als wir es lieben<i> können</i>, des +Wunsches einer noch viel vollkommeneren, sublimeren +Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten vermöchte, +den wir fühlen.</p> + +<hr/> + +<p>Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegenüberstehen, +sondern immerdar dem Ausdruck irgendeines +Willens — so ist alles Empfinden die unmittelbare +Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf +die jedoch sofort auch seine Wiederausstoßung folgt, +seine Distanzierung, Zurückweisung, Objektivierung. — Das +Bild der Welt bietet so im Großen und Fortwährenden +das Bild der — Liebe, als welche ein ewiger +Wechsel zur Einheit zusammenfließender Zweiheit +und in Zweiheit sich sichselbstgegenüberstellender Einheit +ist.</p> + +<hr/> + +<p>Jeder konsequente Monismus führt unabänderlich zum — Dualismus. +Denn eine absolute Einheit verträgt +<a id="page-271"></a><span class="pgnum">271</span>der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr nicht +entweichen zu können glaubt, wie in Schopenhauer,<i> verneint</i> er.</p> + +<p>Aus diesem Grunde könnte auch die Gottheit ihrer +schauerlichen Einheit in Legionen Vielheiten entflüchtet +sein, von zwei Leiden das kleinere wählend.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt als<i> Trieb</i> und Vorstellung — diese Fassung +hätte vielleicht manches Mißverstehen Schopenhauers +unmöglich gemacht.</p> + +<hr/> + +<p>Die Welt ist nicht bloß Pflanze, oder Tier, sondern — Mensch!</p> + +<hr/> + +<p>Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen +Entwickelungen.</p> + +<hr/> + +<p>Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortwährend +selbstkorrigiert. Wie sich ein ganz bestimmter — und +nicht nur beliebiger oder ‚notwendiger‘ — Sinn +des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber immer +wieder hervorbrechend, sich immer reiner klärend und +persönlicher enthüllend.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag übersehen +könnten, so würden wir die Entwickelung der Menschheit +mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen +sehen. So aber ‚sieht‘ vielleicht der Planet. Wir sehen +nur die Individuen wachsen, er — die Typen.</p> + +<hr/> + +<p>Sollte in immer höherer Erkenntnis und Liebe (in +immer höheren Formen) nicht die Möglichkeit immer +<a id="page-272"></a><span class="pgnum">272</span>höheren Glückes liegen? Welche Genugtuungen, wieviel +demütiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht +uns vielleicht noch bevor! Denn immer wieder, wenn +alles, was ist, sich unaufhörlich höher ver- und emporgottet — wo +braucht es eine Grenze zu finden, wo hat +Gott — ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer +Gottheit würdig: — der ins Ewige und Unendliche.</p> + +<hr/> + +<p>Das Sein, das ist das Unvergängliche in uns, das +Werden, das, als was wir dahingehen. Wie können +Sein und Werden Gegensätze sein, wenn sie doch an +uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende +im Ewig Werdenden unaufhörlich ‚ist‘!</p> + +<hr/> + +<p>Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende +sein, da doch nichts ein Anfang oder Ende ist. Warum +nicht einfach eine Fortsetzung, der unzähliges Wesensgleiche +vorangegangen ist und unzähliges Wesensgleiche +folgen wird.</p> + +<hr/> + +<p>Die Vorstellungen von Lohn und Strafe — müssen +sie deshalb jeder tieferen Wahrheit entbehren, weil +wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich eigentlich +geändert? Daß wir uns heute unser Schicksal +mehr oder minder selbst zu bereiten glauben, während +wir früher glaubten, daß es uns bereitet würde. Ist +nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die +Optik?</p> + +<hr/> + +<p>Man soll sich seiner Krankheiten schämen und freuen; +denn sie sind nichts andres als ausgetragene Verschuldung.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-273"></a><span class="pgnum">273</span>Zukunft! — un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu +leben! O Lust, zu — — sterben!</p> + +<hr/> + +<p>Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer +höheres, größeres — Leben hinein!</p> + +<hr/> + +<p>Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist +das Höchste. Das Höchste ist das<i> Denken selbst</i>. +Es allein<i> verbürgt</i> uns mit eherner Sicherheit den +mit uns geborenen Gott.</p> + +<hr/> + +<p> — — — An der Pforte steht das Grauen.</p> + +<hr/> + +<p>Man versteht den Menschen erst — sub specie reincarnationis.</p> + +<hr/> + +<p>Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser +in Wein: Was bisher als Wasser (Mensch) gegolten, +wird durch sein Offenbarungswort Wein +(Gott!).</p> + + +<h3>1910</h3> + +<p>A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus +trennt; sagen Sie mir das, können Sie mir das sagen?</p> + +<p>B. Ja, das kann ich. Der<i> Philister</i> in ihm.</p> + +<hr/> + +<p>Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des +Christentums.</p> + +<hr/> + +<p>Der Gedanke Gottes muß freilich der Tod des Individuums +sein. Darum hält er sich auch im Allertiefsten +besser als im Vordergrund auf.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-274"></a><span class="pgnum">274</span>Die Menschheit ist ein großes Kind, dem feindliche +Mächte unaufhörlich neues Spielzeug schaffen helfen, +damit es sich nicht wesentlich entbabysiert. Was muß +sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend geht, — spiritualisieren, +das heißt sich von ihm nicht materialisieren +lassen.</p> + +<hr/> + +<p>Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge betrachtest, +so machst du leicht deinen Standpunkt zu +dem ihrigen, uneingedenk dessen, daß sich die Welt +von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. +Ja, dies verhält sich bis zu einem gewissen Grade +selbst dann noch so, wenn du dich mit aller Einbildungskraft +auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst. +Um einen Standpunkt<i> ganz</i> verstehen und +würdigen zu können, muß man diesen Standpunkt +selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen +haben.</p> + +<p>Aus diesem Grunde läßt sich alles Göttliche nicht +eigentlich beurteilen, es sei denn von Menschen, die +in persona im Über-Menschlichen zu verkehren vermögen.</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, +ach viel zu aller, Art. Darunter ab und zu ein Adler. +Auch er mit Fußring und Bleikugel. Aber ein ander +Schauspiel doch, als all das andre. Er gewöhnt das +Schleppen nicht, das alle andern mehr oder minder +gewöhnen. Er empört sich sein ganzes langes Leben +lang, flüchtet empor, strebt empor, königlich und unablässig. +Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft +zu schwingen — und das weniger, weil er die Gewichte +<a id="page-275"></a><span class="pgnum">275</span>am Fuß nicht zu heben imstande ist, als weil ihn das +ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch +läßt, — besser noch, weil er's nicht mit hochziehen<i> kann</i>, — aber er bleibt ein lebendig Memento Coeli, +er verliert seine Göttlichkeit nicht an den Alltag, den +Staub und die Straße, nicht an den Trott der Millionen.</p> + +<hr/> + +<p>Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht +die Geschichte der Menschheit anders an.</p> + + +<h3>1911</h3> + +<p>Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren +Lehrern erzogen und immer weiter befruchtet? +Ist irgend ein großer Mensch, dem wir etwas verdanken, +nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht +ein fortschreitendes Lehren und Lernen?</p> + +<p>Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persönlichkeit — aufhören?</p> + +<hr/> + +<p>Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, müssen +auch ihre Götter sich mit und weiter entwickeln, all +die geistigen Wesenheiten, die an ihnen gearbeitet +haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu +dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls +um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiter entwickelt +sein. Wer überhaupt göttliche Demiurgen +annimmt, der soll sie nicht als starre Götzen verehren.</p> + +<hr/> + +<p>Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha +empfinden: Nicht nur: ein Gott<i> opfert sich</i> +für seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich für +<a id="page-276"></a><span class="pgnum">276</span><i>seine Welt</i>. Für seinen eigenen ungeheuren tragischen +Schöpfungsprozeß, Schöpfungskomplex. Oder, +um die Majestät dieses Unausdenkbaren zu mildern: +für den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn +vielleicht ist für den Gott, dem die Entwickelung seiner +Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen steht, +die von ihm selbst so verhängte und heraufgeführte +Art und Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch +ganz anderer Schmerz, als der seines Kreuzweges und +Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von +uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, +wenn wir uns in die Tragik eines Weltenschöpfers +zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist — stark +und unaufhörlich wie die Sonne —, dessen Wille es +ist, selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer, +durch Äonen und Äonen heranreifen zu +lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den +Schmerz in allen seinen Graden und Formen als +Bildner zu wollen oder doch wenigstens zuzulassen. +Glaubst du nicht, daß Sein Leid über alle Leiden der +Welt das Leid all dieser Leiden übertrifft, — denn +noch wie anders leidet ein Gott als ein Mensch —? +Sollten wir nicht dieses Leiden des Gottes Christus, +als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des +Gottes Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus +von Nazareth?</p> + +<hr/> + +<p>Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen +Freiheit in einem Kosmos, wie dem unsern, alles +seine Wege gehen darf. Jede Meinung, jede Handlung +ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich +oder verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance +<a id="page-277"></a><span class="pgnum">277</span>bis zur höchsten Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis +zur tiefsten Schmach der Verblendung hinab darf da +sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, +als dem der allmählichen Selbstkorrektur im Sinne einer +von Liebe geläuterten Vernunft.</p> + +<hr/> + +<p>Das ist das Fruchtbarste an großen Menschen, daß +ihr Anblick den, der sie langsam zu erkennen beginnt, +bis in den Tod hinein beschämt. — Eine Erfahrung, +von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein — Gott +für ihn sein müßte, wenn er sich wirklich in +ihn versenkte.</p> + +<hr/> + +<p>Kein größerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu +da, es jemals gut zu haben. Nie gut<i> haben</i> soll er es — außer +höchstens, daß ihm die Kraft zu weiteren +Kämpfen wachse —; denn sonst ‚bekäme‘ er es nie +‚gut‘; dann nämlich, wenn er, nach Äonen und unzähligen +Wandelungen, seinen Kosmos absolviert +haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Söhne mehr +zu neuem Schaffen gereift steht.</p> + +<hr/> + +<p>Wen Gott lieb hat, den züchtigt, den — züchtet er. +Und so ward er die Welt, Sich Selbst zur — Zucht.</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu +empfangen ist. Aber sie muß es immer wieder von +neuem und in immer wieder neuer Form empfangen +und verarbeiten.</p> + +<hr/> + +<p>Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist längst da. +Aber sie mußte eine Weile beiseite gelassen werden — die +<a id="page-278"></a><span class="pgnum">278</span>ganze europäische Zivilisation geht auf dies +Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser Zyklus das +Seine erfüllt, jetzt darf sie, als eine unermeßliche +Wohltat, in den Gang der westlichen Entwickelung +wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt möglich +ist, zweitausend Jahre nach der Erscheinung des +Christus, in einem ganz andern Sinne als je vorher, +wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten, +erleuchten, erlösen.</p> + +<hr/> + +<p>Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. +(Er bildet sich's bloß ein.)</p> + +<hr/> + +<p>Was reden wir von den alten Ägyptern, Persern, +Indern. Reden wir doch von<i> uns</i> alten Ägyptern, +Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Böhme bei der +Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der +Entstehung der Veden abwesend?</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschen sind heute so weit gesunken, daß sie +sich ‚genieren‘ vom Wesentlichsten ihres und alles +Lebens zu reden. Gott, Christus, Unsterblichkeit sind +in gewissen Kreisen so verpönt, wie in andern Hemd, +Hose, Strümpfe; es gehört nicht zum guten Ton, +nicht zum savoir vivre, sie nicht völlig zu ignorieren. +Nur der ‚weiß‘ heute zu ‚leben‘, der in der Tat nicht +mehr weiß, was leben heißt.</p> + +<hr/> + +<p>Ahnten die Mütter, wie ganz anders eine Mutter ihr +Kind anblickt, die sich den Lehren der Wissenden +in rechter Weise erschlossen, — nicht Eine würde +damit unbekannt bleiben wollen.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-279"></a><span class="pgnum">279</span>Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht +irgend etwas andres Unsägliches auf Erden — und +die Menschen wollen es nicht anders und die Menschen +wollen es nicht anders. Denn sonst würden sie +ihr Leben anders einrichten, sonst würden diese +Schmetterlinge endlich Ernst zu machen versuchen.</p> + +<p>Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch +viel furchtbarer wird er leiden müssen, damit er nicht als +Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in diesem gefährlichen +Schöpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.</p> + +<p>Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des +Leidens lägen mehr hinter uns als vor uns. Jetzt +sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele Seelen gibt es, +zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief —</p> + +<hr/> + +<p>Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. +Wie aber, wenn umgekehrt die Tiere Ableger der +Menschheit wären, zurückgebliebene Menschheit, voreilige, +vorwitzige, und deshalb in einem zu frühen +Zustand festgehaltene Menschheit?</p> + +<hr/> + +<p>Jede Schöpfung ist ein Wagnis.</p> + +<hr/> + +<p>Ich hatte mich in ‚Gott‘ verloren. Aber Gott will +nicht, daß wir uns in ihm verlieren, sondern daß wir +uns in ihm<i> finden</i>, das aber heißt, daß wir Christus +in uns und damit in ihm finden. Daß du den Christus +in ihm, daß du dich als Christus in ihm findest.</p> + + +<h3>1912.</h3> + +<p>Wer in das, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren +werden kann, nur fühlend sich versenken, nicht erkennend +<a id="page-280"></a><span class="pgnum">280</span>eindringen will, gleicht dem Analphabeten, der +ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.</p> + +<hr/> + +<p>Der ‚Glaube‘ — und dem entsprechend der Unglaube +— an Gott gehört einer gewissen Periode der +Menschheit an: er ist — im tiefsten Ernst gesprochen +und den Begriff Humor so geistig wie möglich gefaßt — ein +Kapitel ihres unfreiwilligen Humors. Es handelt +sich in Wirklichkeit allein um das von Gott mögliche +Maß von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern +Gottesforschung, Gotteswissenschaft.</p> + +<hr/> + +<p>Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden +von der nur fünfsinnlichen Beschränkung, die zu +seinem Wachstum allerdings notwendig war, die er +aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und +eine Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages +wieder hervorgehen werde, wie er eines Tages hineingegangen +ist: als einer, der aus Geisteswelten hinabgestiegen +ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. +Er<i> will</i> es, — und wer einmal gefühlt hat, +was der Wille des Menschen bedeutet, der weiß auch, +daß vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, +die Tore der alten Heimat sich auftun, wie +von magischer Hand berührt. Er weiß, daß alles im +Himmel und auf Erden ihm entgegenwächst, wenn es +so weit ist; daß er nicht mehr zu darben braucht, +wenn das Maß seiner Prüfungen voll ist. Denn war +auch Kant ein großer Lehrer und Erzieher, wie viele +Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen +noch aufwärts, bis dahin, wovon es heißt: La Somma +Sapienza e il Primo Amore.</p> + +<hr/> + +<p><a id="page-281"></a><span class="pgnum">281</span>Man denkt und empfindet heute nicht über die nächsten +zehn, hundert, bestenfalls einigen hundert Jahre +hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der Ewigkeit, die +Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie +unsere nächsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht +allein aus jener richtig bestimmt werden könnten.</p> + +<hr/> + +<p>Werden wir krank, weil es einem plötzlichen Gewitterregen +oder einem herabrutschenden Dachziegel so gefällt? +Oder weil unsere Eltern krank waren oder weil +rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns +selbst die Krankheit irgendwie verschrieben haben, +auf daß sie uns von etwas Schlimmerem, von einer +Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa — heile? Vor +der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht +minder individuellen aber zugleich viel höheren Weisheit +und Erkenntnis, als deren wir uns in unserer +gegenwärtigen Wiederverkörperung bewußt sind?</p> + +<hr/> + +<p>Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines +Einzelnen, von den unschuldigen Opfern einer Katastrophe. +Aber besser würden nur solche Anschauungen +als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man +sollte sich des Wortes Sinnlosigkeit vor und in +einem Kunstwerk, wie es das All ist, entschlagen +und sich zwingen, das Verständnis einer jeden Erscheinung +lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als +alogisch zu verleumden, innerlichst davon durchdrungen, +daß am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos +herrschen dürfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, +ja, daß ein Kosmos sinnvoll nach dem Sinne solches +Aburteilens und Besserwissens aufgebaut, sicherlich +<a id="page-282"></a><span class="pgnum">282</span>schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus +zusammengestürzt wäre. Was, ebenso, die Unschuld +der Opfer anbetrifft, so kann ein Mensch nicht +deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil +er einer Katastrophe zum Opfer fällt. Er hat freilich +gemeinhin vorher nicht gestohlen, aber selbst das +Durchschnittsbewußtsein glaubt — gesetzt es handelt +sich nicht um Kinder — so leicht nicht an einen +schlechtweg schuldlosen Menschen. Ein höheres Bewußtsein +verwirft den Begriff der Schuldlosigkeit +ganz, vorbehält jedoch noch die Unschuld des Kindes. +Eine dritte Einsicht weiß, daß auch dem Kinde nicht +Unschuld, im letzten Verstande, zugesprochen werden +kann, da es als seelisch-geistiges Wesen keine Neugeburt, +sondern eine Wiederverkörperung ist, also ein +volles Maß von eigenem Menschlichen vom ersten +Tag an in sich birgt und weiter auszuwirken hat. Für +dies Bewußtsein gibt es keine unschuldigen Opfer, +keinen sinnlosen Tod, ihm löst sich alles in von allertiefstem +Sinn durch- und überwaltete — wenn auch +deshalb nicht weniger tragische — Enwickelung auf.</p> + +<hr/> + +<p>Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist +nicht gesagt, daß ihnen dies nicht so schwer wie möglich +gemacht wird und fallen soll, denn es gibt keine wohlfeile +Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes +billige Errungenschaften, und wie wäre er sonst auch +seines Meisters und seiner Bestimmung würdig.</p> + +<hr/> + +<p>Von wie vielen geistigen Überwindungen und Siegen hat +mancher Mensch schon gelesen und gehört, wie viele +Dichter und Weise und Religionsstifter und — Götter +<a id="page-283"></a><span class="pgnum">283</span>haben für ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt +und wohl auch erlebt worden! Und doch fällt in der +Stunde eines schweren Schicksals alles von ihm ab +und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und +nichts gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half +ihm nun sein ganzes geistiges Leben während langer +Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat +es nicht mit seinem Innenleben verknüpft, verbunden, +vermählt, er war zu wenig re—ligiös. Er wuchs nicht +zusammen mit jenem Höheren. Und so hat er jetzt +auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft +von ihm — und steht jetzt so arm wie am Anfang, ja +ärmer als zuvor.</p> + +<hr/> + +<p>‚Hat die Religion eine Zukunft?‘ So gut, wie derjenige, +der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie +zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen +sein wird.</p> + +<hr/> + +<p>Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der +Konsequenz gegen die Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) +und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz führt +zu Gott, alles, was darunter, in Maja.</p> + + +<h3>1913</h3> + +<p>So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die +Urpflanze zu wiederholen und nicht nur zu wiederholen, +so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die +Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.</p> + +<hr/> + +<p>‚Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen +Himmel Geister und Götter herumspuken?‘</p> + +<p><a id="page-284"></a><span class="pgnum">284</span>‚Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und +schaffen von dort und überall her an uns und der +Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier in +dieser Tanne oder dort in jenem Berge ‚herumspukt‘. +Weder Tanne noch Berg sind ohne geistige Erbauer, +geistige Erhalter, geistige Weiterbildner denkbar, +noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, +Glieder, Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.<ins>‘</ins></p> + +<hr/> + +<p>Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt, +so scheint alles in schöner Einheitlichkeit vor +einem zu liegen. Die älteste wie die neuste Dichtung +sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen, +nämlich auf den Menschen, so wie man ihn +heute versteht, einen Typus, den man nach dem Bilde +der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren +Normaltypus für alle Zeiten und Länder +festgesetzt hat.</p> + +<p>Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. +Der Mensch verwandelt sich fortwährend und +steht in den verschiedenen Zeitaltern in verschiedenem +Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner +nicht immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst +heute nicht in dem Maße, wie angenommen zu werden +pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn langsam +wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht +seiner vollen Vernunft geschieht, der Welt ein noch +nie erlebtes Schauspiel vor: das Bewußtwerden seiner, +des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst, +als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen +kosmischen Hierarchie. +<a id="page-285"></a><span class="pgnum">285</span>Daß die Welt eine — richtig verstanden — Gedachtheit +Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd, +weil<i> unsere</i> Gedanken so blaß und schemenhaft sind. +Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt +Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.</p> + +<hr/> + +<p>Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine +schönste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten +Endes Selbst-Liebe sein soll.</p> + +<hr/> + +<p>Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche +Schöpfung? Dieser Schrank, diese Bettstatt, dieses +ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken +heraus entstanden, aus Einem mathematischen +Grundgedanken?</p> + +<p>Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?</p> + +<p>Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung +aus dem Nichts ist! — ist es da noch weit zu dem +Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und +Stufenfolgen von Helfern desselben — noch weit zu +dem Gedanken, daß hinter allem und jedem — Geist +steckt und nicht bloß alleiner, unterschiedloser Geist, +sondern differenzierter, tausendfältig gearteter, gestufter +Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze +und Mineral mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer +Wesenheiten und davon mehr als ein Schritt +zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne, +nein, zur Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer +geben — müsse, in jene Geisterwelt offenen Sinnes +hineinzudringen …</p> + + + + + +<h2><a id="page-287"></a><span class="pgnum">287</span>Nachwort</h2> + + +<p>Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern +noch selbst besorgt. Am weitesten gefördert von +seiner Hand war der Abschnitt: ‚Tagebuch eines Mystikers‘, +den er ursprünglich in einen vorwiegend autobiographisch +gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir +blieb die Aufgabe, das vorhandene, zumeist noch über +viele Taschenbücher verstreute Material nach seinem, öfter +ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden +Rahmen einzufügen. Er sagt in einem Vorwortfragment +für diese Sammlung: ‚Es liegt mir nicht daran, mit +diesen durch Jahre gehenden Notizen ein neues Büchlein +Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran, +mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. +Zweck dieser Blätter ist allein der, aus einem +Stück Entwickelung das zu lernen zu geben, was ein +Stück Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.‘</p> + +<p>Diese Absicht wäre zweifellos noch eindringlicher verwirklicht +worden, wenn der Verfasser selbst die Gestaltung +des Buchs hätte vollenden können; ganz abgesehen +davon, daß dann auch im Einzelnen mancher +der Sätze überarbeitet worden wäre.</p> + +<p>Für einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis +1904) haben sich die Aufzeichnungen bisher noch nicht +auffinden lassen. Der Charakter dieser mehr skeptischen +Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des vorliegenden +Bandes immerhin noch angedeutet.</p> + +<p>Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kayßler +und Michael Bauer, die mir bei der Herausgabe behilflich +waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.</p> + +<p class="sign1"><i>Breitbrunn</i> am Ammersee, November 1917</p> + +<p class="sign2"><i>Margareta Morgenstern.</i></p> + + +<hr class="front"/> + +<h2><a id="page-289"></a><span class="pgnum">289</span>Inhalt</h2> + + +<ul class="TOC"> +<li><a href="#page-9">Autobiographische Notiz</a></li> +<li><a href="#page-14">In me ipsum</a></li> +<li><a href="#page-43">Natur</a></li> +<li><a href="#page-56">Kunst</a></li> +<li><a href="#page-70">Literatur</a></li> +<li><a href="#page-93">Theater</a></li> +<li><a href="#page-100">Sprache</a></li> +<li><a href="#page-111">Politisches Soziales</a></li> +<li><a href="#page-130">Kritik der Zeit</a></li> +<li><a href="#page-138">Ethisches</a></li> +<li><a href="#page-159">Lebensweisheit</a></li> +<li><a href="#page-164">Erziehung Selbsterziehung</a></li> +<li><a href="#page-176">Psychologisches</a></li> +<li><a href="#page-202">Erkennen</a></li> +<li>Weltbild: +<ul> + <li><a href="#page-217">Anstieg</a></li> + <li><a href="#page-222">Episode, Tagebuch eines Mystikers</a></li> + <li><a href="#page-263">Am Tor</a></li> +</ul> +</li> +<li><a href="#page-287">Nachwort des Herausgebers</a></li> +</ul> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN *** + +***** This file should be named 15898-h.htm or 15898-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/8/9/15898/ + +Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the +Online Distributed Proofreading Team + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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