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+<title>Stufen - Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stufen
+ Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
+
+Author: Christian Morgenstern
+
+Release Date: May 25, 2005 [EBook #15898]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN ***
+
+
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+Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the
+Online Distributed Proofreading Team
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+<p class="front"><big><a id="page-5"></a>Christian Morgenstern</big></p>
+
+<h1>Stufen<br/>
+Eine Entwickelung in
+Aphorismen und Tagebuch-Notizen</h1>
+
+<div class="figure">
+<a href="images/front.png"><img src="images/front-tn.png" alt="[Illustration]"/></a>
+</div>
+
+<h2>R PIPER &amp; CO VERLAG MÜNCHEN</h2>
+
+<h2>1922</h2>
+
+<hr class="front"/>
+
+<div class="indent">
+<p><a id="page-6"></a>Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf
+Christian Morgensterns zu <a href="#page-42">Seite 42</a>: Bild meines Lebens.</p>
+
+<p>Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere
+Krankheit.</p>
+
+<p>Schale: Öffnung durch Johanneisches.</p>
+
+<p>Blut: Erfüllung.</p>
+</div>
+
+<hr class="front"/>
+
+<p class="frontmotto"><a id="page-7"></a>&#8218;Nur wer sich wandelt,<br/>
+bleibt mit mir verwandt.&#8216;</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2><a id="page-9"></a><span class="pgnum">9</span>Autobiographische Notiz</h2>
+
+<h3>1913</h3>
+
+
+<p>Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers
+Carl Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers
+Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau
+Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers
+Josef Schertel) in München geboren und erlebte in
+unserm gegen Nymphenburg zu gelegenen &#8212; aller
+Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten &#8212; Hause
+mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche
+Kindheitsjahre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus
+Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes
+Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon
+von meinem dritten oder vierten Jahre an überallhin
+mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol,
+die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung, die im
+wesentlichen in einer von zwei unermüdlichen Juckern
+gezogenen Kutsche zurückgelegt wurde. Dazwischen
+und später waren es dann die (damals noch ländlichen)
+bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching,
+Weßling und noch später schlesische Dörfer
+am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die
+dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar
+Liebes erwiesen. Solch freundliches Los
+ward ihm zumal durch die Lebensführung des Vaters,
+der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er
+an die Breslauer Kunstschule berufen worden war,
+Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch
+kam, daß er ihn, als eifriger Jäger, bisweilen in seinen
+Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.</p>
+
+<p>Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur
+Natur, das ihm später die Möglichkeit gab, zeitweise
+völlig in ihr aufzugehen.</p>
+
+<p><a id="page-10"></a><span class="pgnum">10</span>Sie waren aber auch nötig, denn bald nach seinem zehnten
+Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der
+Ansturm feindlicher Gewalten von außen wie von
+innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim
+und im Freien so durchgespielt hatte &#8212; mein Spielen
+bildet für mich ein eigenes sonniges Kapitel &#8212; zeigte
+sich dem äußeren Leben, wie es vor allem in der
+Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als
+wäre das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zwölf
+Jahre darauf zu wirklichem Kranksein führte, schon
+damals übernommen worden; denn wenn auch mancher
+frische Aufschwung immer wieder weiter trieb,
+so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen
+ein, die ihn wohl nicht hätten so zu Jahren
+kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso
+zähe für ihn gestritten und ihn über das Schlimmste
+immer wieder von neuem hinweggebracht hätte. Vielleicht
+war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf
+dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan
+sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam
+nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen
+Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht
+ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein,
+sondern zugleich auf Höhen des Lebens hinauf den
+Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen
+Stachel verloren und die Welt ihren göttlichen Sinn
+wiedergewonnen hat.</p>
+
+<p>Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugeführt
+haben,<i> Friedrich Kayßler</i>, dem die Sammlung
+&#8218;Auf vielen Wegen&#8216; (und wieviel anderes!) mit
+dem Danke gehört: &#8218;Wär der Begriff des Echten verloren /
+In Dir wär er wiedergeboren&#8216;.</p>
+
+<p><a id="page-11"></a><span class="pgnum">11</span>In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glück
+philosophischer Gespräche. Schopenhauer, vor allem,
+auch schon die Lehre von der Wiederverkörperung
+traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger,
+Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher
+Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre
+wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu übertragen,
+führte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik
+Ibsens teure Person kennen und durfte in den Übersetzungen
+von &#8218;Brand&#8216; und &#8218;Peer Gynt&#8216; mich innerlichst
+mit ihm verbinden.</p>
+
+<p>Das Jahr 1901 sah mich über den &#8218;Deutschen Schriften&#8216;
+Paul de Lagardes. Er erschien mir &#8212; Wagner war
+mir damals durch Nietzsche entfremdet &#8212; als der zweite
+maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu
+denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk
+seinen Weg ohne ihn gegangen war.</p>
+
+<p>Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Zu Niblum will ich begraben sein,</p>
+<p>am Saum zwischen Marsch und Geest&nbsp;&#8230;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Zu Niblum will ich mich rasten aus</p>
+<p>von aller Gegenwart.</p>
+<p>Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus</p>
+<p>nur den Namen und: &#8218;Lest Lagarde!&#8216;</p>
+<p>Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:</p>
+<p>Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.</p>
+<p>Nur den Namen und: &#8218;Lest Lagarde!&#8216;</p>
+</div>
+
+<div class="stanza">
+<p>Das Inselchen Mutterland dorten, nein,</p>
+<p>das will ich nicht verschmähn.</p>
+<p><a id="page-12"></a><span class="pgnum">12</span>Holt mich doch dort bald die Nordsee heim</p>
+<p>mit steilen, stürzenden Seen &#8212;</p>
+<p>das Muttermeer, die Mutterflut&nbsp;&#8230;</p>
+<p>o wie sich gut dann da drunten ruht,</p>
+<p>tief fern von deutschem Geschehn!</p>
+</div>
+</div>
+
+<p>Inzwischen war dem Fünfunddreißigjährigen Entscheidendes
+geworden. Natur und Mensch hatten sich ihm
+endgültig vergeistigt. Und als er eines Abends wieder
+einmal das<i> Evangelium nach Johannes</i> aufschlug,
+glaubte er es zum ersten Male wirklich zu verstehen.</p>
+
+<p>Die nächsten Jahre &#8212; des Austragens, Ausreifens, zu
+Ende Denkens &#8212; überstand er so, wie er sie überstand,
+eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten,
+sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger
+Unbekanntheit seine Tage hätte vollenden dürfen.
+Er war doppelt geworden und in der wunderlichen
+Verfassung, sich, sozusagen, groß oder klein schreiben
+zu können. (In &#8218;Einkehr&#8216;, &#8218;Ich und Du&#8216; und einer
+Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus
+diesem Abschnitt.)</p>
+
+<p>Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fühlen:
+&#8218;So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor
+sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich
+setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige
+Fenster die draußen hin und her treiben zu sehen,
+wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines großen
+Behälters, &#8212; und dann und wann der Vorstellung sich
+hinzugeben: Das bist Du! &#8212; Und sie alle zu sehen,
+wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit
+SICH selber redet und wer sie aus meinen Augen als
+SICH erkennt und aus ihren nur als sie!&#8216;&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p><a id="page-13"></a><span class="pgnum">13</span>Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberflächen-Erkennen
+und darum letzten Endes noch zur
+Unfruchtbarkeit verurteilt.</p>
+
+<p>So kam das Jahr 1908 &#8212;</p>
+
+<div class="poem">
+<p>&#8218;Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!</p>
+<p>Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.</p>
+<p>Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,</p>
+<p>und siehe da: Das Schicksal war uns gut.</p>
+<p>Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam</p>
+<p>empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.</p>
+<p>Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam.</p>
+<p>Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.&#8216;</p>
+</div>
+
+<p>Der Andre war<i> Sie</i>, die mein Leben fortan teilte; der
+Pfad war der Weg theosophisch-anthroposophischer
+Erkenntnisse, wie sie uns heute, in einziger Weise, durch<i> Rudolf Steiner</i> vermittelt werden.</p>
+
+<p>In dieser Persönlichkeit lebt ein großer spiritueller Forscher
+&#8218;ein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes
+Leben&#8216; vor uns und für uns dar.</p>
+
+<p>Vor ihm darf auch der Unabhängigste sich von neuem
+besinnen und revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der
+getan, der immer am liebsten dem Worte nachleben
+wollte: &#8212; Vitam impendere vero.</p>
+
+
+<h2><a id="page-14"></a><span class="pgnum">14</span>In me ipsum</h2>
+
+<p class="motto">Was ist denn von außen her über ein Leben zu sagen!<br/>
+Gar nichts.</p>
+
+
+<h3>1891</h3>
+
+<p>Nicht im lärmenden Kampf der Tage, auch nicht im
+Sturm einer großen Zeit, aber nach Jahrtausenden stiller
+Arbeit, nach Äonen ewig fortwirkenden Webens &#8212;
+dann werden die Menschen gut werden.</p>
+
+<p>O, wer diesen Glauben, der mir Gewißheit ist, in allen
+Augenblicken seines Strebens im Herzen lebendig fühlte,
+er würde glücklich sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie
+allein kann ich wieder zu Gott gelangen. Vertiefung!
+Vertiefung!</p>
+
+
+<h3>1892</h3>
+
+<p>Ich bin ein Studienkopf, den der Schöpfer einst flüchtig
+skizzierte, als ihm ein Künstlerporträt im Sinne lag.</p>
+
+
+<h3>1894</h3>
+
+<p>Ich möchte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einer Menschenmenge: Ich sehe plötzlich die Gedanken
+dieses Volks wie eine dicke schwarze Wolke
+über ihm. Eine Wolke voll Tränen und Blitzen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Über all meinen Werken soll es wie ein großes Verstehen
+liegen &#8212; und davon werden viele glücklich
+werden.</p>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein
+Weg oft an der Hecke des Paradieses vorbei. Dann
+<a id="page-15"></a><span class="pgnum">15</span>streift mich warmer Hauch, dann mein&#8216; ich, Rosen zu
+sehn und zu atmen, ein süßer Ton rührt mich zu
+Tränen, auf der Stirn liegt es mir wie eine liebe, friedegebende
+Hand &#8212; sekundenlang. So streife ich oft vorbei
+an der Hecke des Paradieses&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Möchte gern noch oft erwachen, stets als großer
+Künstler.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>In Arco:</p>
+
+<p>Ich dünkte mich einer jener alten blonden Germanen,
+die hier einst mit Herrscherschritt durch die Straßen
+wanderten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich sehe auf mich selbst zurück. Unzählige Gestalten
+huschen schemenhaft an mir vorüber.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Daß ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt
+habe! Kein fremdes Weib kann dem Bruder ein solches
+Verhältnis ersetzen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man lasse sich durch meine Ironie nicht irreführen.
+Meine Ironie ist naiv wie mein Pathos. Ich vermag
+Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine Spur von
+frivoler Empfindung&nbsp;&#8230;, ja vielleicht schrieb ich es
+mit ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als
+das eines in sich heiteren unbewegten Geistes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-16"></a><span class="pgnum">16</span>Traum</p>
+
+<p>Ich fange das Raubvogelgesindel meiner häßlichen
+Gedanken und brate sie am Spieß, der über einem
+Feuer sich dreht. Ach, vergebens.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nach einer Zoten-Posse</p>
+
+<p>Je älter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbrünstigeren
+Widerwillen empfinde ich gegen die Zote.
+Weniger gegen die, welche etwa von Mann zu Mann
+kursiert, obschon ich auch sie vollständig entbehren
+könnte, als gegen die öffentliche Zote von der Bühne
+herab. Wenn plötzlich Hunderte versammelter Menschen
+jede Scham voreinander verlieren und in wiehernder
+Freude über eine nicht mißzuverstehende Andeutung
+übereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das
+Tier und ein schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz
+zusammen.</p>
+
+<p>Ich habe doch für vieles Leichtsinn und nicht zum
+mindesten für die Liebe jeglicher Art, aber vor der
+berechneten Zote vergeht mir aller Übermut. Da
+schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit
+und Häßlichkeit. Wir jungen Männer, die wir etwas
+auf uns halten, sollten jenen Aufführungen beizuwohnen
+nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten
+Weiber, die wir ehren, mit uns in jene niedrige und
+widerwärtige Sphäre hinabziehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische
+des philosophischen Dilettanten. Der philosophische
+Dilettant ist immer schnell am Ende aller
+Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits gewonnenen
+Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege
+<a id="page-17"></a><span class="pgnum">17</span>zu gehen, ja oft auch nur zu kennen, auf denen jene
+erreicht worden sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode fürchterlichsten
+Zweifels an mir selbst. Dann lebe ich mit
+beständigen Todesgedanken.</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige
+Sehnsucht nach praktischem Schaffen im Großen.
+Plastik wäre (und Architektur) mein höchster Fall.
+Meine höchste Liebe galt immer dem Gegenständlichen,
+der Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein
+vermochte mich zu entzücken, wievielmehr erst seine
+organischen Verbindungen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht
+auf der einfachen Grundlage, daß ich in jedem Augenblick
+über das kleinste Stück Natur irgendwelcher Art
+in höchste Verwunderung geraten kann.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dieser Norden! Da wacht man in der verheißendsten
+Stimmung auf. Griesgrämig, grau, teilnahmslos ruhen
+die großen Augen der Fenster auf dir, als wollten sie
+sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit
+deinen törichten Idealen? Alles ist eitel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Träume</p>
+
+<p>Die wilde Jagd.</p>
+
+<p>Der Schächer am Kreuz.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-18"></a><span class="pgnum">18</span>Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz,
+das lange im Nassen gelegen hat.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele
+zu. Das läßt mich in keiner Trägheit ganz ruhn, in
+keinem Glück ganz vergessen.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Ich möchte am liebsten auf einem Turm wohnen.
+Täglich im Leben drunten ein Bad nehmen, untertauchen,
+und dann wieder hinaufsteigen in sein Luginsland,
+sein au dessus de la vie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme
+ich mit Wunden bedeckt von ihnen zurück. Es sind
+freilich nur leichte oberflächliche Schrammen, die bald
+wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden,
+wie zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als
+eine tiefe Verwundung ihr Werk an meiner Seele getan.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann ungeklärte Verhältnisse einfach nicht ertragen.
+Warum können die Menschen nicht<i> offen</i>
+gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich mag die Verärgerten nicht leiden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Meine Natur hat sich von früh auf mit Apathie beholfen.
+Diese Langsamkeit zu reagieren, hat alles,
+was auf mich einbrach, auf eine breitere Fläche verteilt,
+und was mir in einer Stunde unzweifelhaft
+den Atem abgeschnürt hätte, wurde mir so in Tagen
+<a id="page-19"></a><span class="pgnum">19</span>und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein
+Leben nicht eben zerstörte, aber langsam und sicher
+ermattete.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen:
+Man wird mir &#8218;Milderungsgründe zubilligen&#8216;. (&#8218;Er
+war ein guter Mensch, er wollte das Beste usw.&#8216;)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was muß ich auf die Menschen für einen Eindruck
+machen, daß sie mich so oft wie ein unmündiges Kind
+behandeln wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich trage keine Schätze in mir, ich habe nur die Kraft,
+vieles, was ich berühre, in etwas von Wert zu verwandeln.
+Ich habe keine Tiefe, als meinen unaufhörlichen
+Trieb zur Tiefe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein nächstes Buch soll &#8218;Auferstehung&#8216; heißen, wenn
+mir noch eine Auferstehung beschieden sein sollte, im
+größten Sinne.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und
+andere mit mir schlecht gemacht haben, aber nur noch<i> in mir</i>, in mir selbst. Alles andere ist Sentimentalität
+und Pfuscherei.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach
+dem ersten Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen
+Gehirnzustände (etwa der achte in der
+Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, daß
+ich &#8212; innerhalb des Traumzustandes &#8212; aus einem unangenehmen
+Traum mit aller Willenskraft ins wache
+<a id="page-20"></a><span class="pgnum">20</span>Bewußtsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand des
+Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden
+Traum das eigentliche Thema eines solchen
+Traumzustandes. So erinnere ich mich augenblicklich
+nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern
+nur noch des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich
+Erwachtseins im Traume. Ich schien mich endlich mit
+aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen
+zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches
+Erwachtsein. Da fühlte ich ein Fünfpfennigstück
+zwischen den Zähnen. Ich biß darauf: jetzt war kein
+Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich
+schien wirklich wach. Währenddem wachte ich mehr
+und mehr auf. Im letzten Stadium vor dem wirklichen
+Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender
+Intellekt das Geldstück in eine Emser Pastille, die sich
+zu lösen begann und den salzig-säuerlichen Geschmack
+auf meiner Zunge verstärkte. Hierauf wachte ich wirklich
+auf und war verwundert, nichts in meinem Munde
+zu finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag &#8212; aber
+nicht den Abend zuvor &#8212; einige Emser Pastillen
+gegessen.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend,
+möchte ich ein dramatisches Märchen orientalischen
+Charakters schreiben. Der Traum war etwa so: Eine
+Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, später
+auch Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von
+andern eingeladen worden, Schriften (Dramen, Lyrisches,
+Lehrhaftes) eines fremden, höchst merkwürdigen
+Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um
+sie zu übersetzen. Es hieß, 12 Personen hätten genug
+<a id="page-21"></a><span class="pgnum">21</span>auf Jahre zu tun, wenn sie einen Vorstoß in diese fremde
+wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem Zweck
+wurden uns große Bücher vorgelegt, die mit schönen
+mönchischen Handschriften gefüllt waren, und uns
+Stellen vorgelesen, die uns außerordentlich bedeutsam
+erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im Traum
+unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es
+wurde uns geraten, seine Tempel, Gärten, Theater,
+Schlösser kennen zu lernen. Ein Trupp von uns wurde
+herumgeführt. Ich erinnere mich eines ungeheuren
+Lesesaales, in den man uns blicken ließ und dessen uns
+entgegengesetzte Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe
+abschloß, durch die man eine Schweizer Landschaft
+mit einer Stadt erblickte, &#8212; wie wir erfuhren:
+Bern und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten
+der Wirklichkeit nachgebildet und hinter jener
+Scheibe als Aussicht angebracht.</p>
+
+<p>Nach einer Weile verlor ich meine Gefährten. Ich
+nahm einen eigenen Führer und ließ mich von ihm, ich
+glaube nach einem Tempel, tragen. Der Träger trug
+zwei Stangen, die oben Fußtritte wie die Stelzen hatten.
+Auf diese trat man, während man sich an ihrem obersten
+Teile mit den Händen und Armen festhielt. Der
+Träger trug dann das Ganze wie eine doppelte Fahnenstange.</p>
+
+<p>Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befürchtung,
+ich könne ihm zu schwer werden und
+versicherte, ich würde viel eher loslassen als er. Er
+trug mich durch reißende Kanäle und zuletzt begann
+ich sowohl müde zu werden, wie ihn zu fürchten.
+Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung ein, die
+ich in einem der Theater gesehen haben muß und in
+<a id="page-22"></a><span class="pgnum">22</span>der ein junges, süßes, zartes Geschöpf die Hauptrolle
+gespielt haben muß. Worte und Erscheinung überwältigten
+mich mit solcher Macht, daß ich in Tränen
+ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen
+Wesen, aber ohne jede Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung
+der Seele, daß ich meine, dies Gefühl nie vergessen
+zu können. Was das Stück enthielt, weiß ich
+nicht mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als
+hinterher wieder davon als von einem Übersetzungsangebot
+gesprochen wurde, hörte ich, daß die Sonne
+darin einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich
+durch Alliebende&nbsp;(!) zu übertragen vorschlug.</p>
+
+<p>Chor (zu vorigem)</p>
+
+<div class="poem">
+<p>Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,</p>
+<p>hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,</p>
+<p>schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,</p>
+<p>die süßen Boten lächelnden Erbarmens.</p>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich eine Symphonie
+&#8218;Vineta&#8216; schreiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich wäre als Maler gewiß in Menzels Spuren gegangen,
+so sehr interessiert mich jeder Gegenstand als rein
+malerisches Objekt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn man durch Zusammenstellung der beiden Hände
+geheimnisvolle Figuren bildet, so habe ich ein besonderes
+Verständnis dafür und möchte sie alle kennen
+lernen. Für mich ist die Mystik der Hände unaussprechlich.
+(Dabei sind meine eigenen zwar klein, aber
+nicht schön. Nur der Handrücken &#8212; überhaupt die
+geballte Faust &#8212; ist gut und vielleicht die Daumen.
+<a id="page-23"></a><span class="pgnum">23</span>Die andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller
+ist sehr bemerkenswert: Ein Chaos von Linien um
+ein riesiges <span class="script">M</span>.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja
+Lebens) steigt mir aus dem Bild meines eigenen Umzugs
+auf: Wäre es nicht würdiger, sein bißchen Hab
+und Gut in einer Erdhöhle, die einem aber für immer
+gehört, wenn sie nicht ein Naturereignis vernichtet,
+zu bergen, als mit seinen Bündeln und Kisten durch
+prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich
+den in festgemauerten Gelassen Seßhaften
+zu spielen, allen Ernst und alle Liebe zu einem eigenen
+Heim an teuer gemietete Wände zu verschwenden, die
+einem nie gehören können, die uns ewigen Nomaden
+Verhältnisse vortäuschen, die für uns eben nur erlogen,
+nur uneingestandene Kulisse sind. Mein Wohnungsideal
+ist das Zelt. Nur so weit möchte ich es noch
+bringen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine
+ewige Fragestellung, ob nicht jeder Humor ein Quantum
+Philistrosität einschließt.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden
+zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden,
+um sterben zu können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Warum muß ich so unaufhörlich unter mir und anderen
+leiden! Meine Seele ist fortwährend das Spiel über sie
+hinziehender Schatten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-24"></a><span class="pgnum">24</span>Für mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor
+mir selbst nicht einzubüßen: Fortwährende Kritik.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt
+mir ewig verborgen.</p>
+
+<p>Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele,
+einen anmutigen Körper.</p>
+
+<p>In Rußland fände ich diese Gefährtin, in Italien &#8212; nein.
+In Deutschland, dem für mich doch allein zulässigen
+Lande &#8212; wo, wo, wo?</p>
+
+<p>Ihr wollt alle nur die Liebe zur Möglichkeit haben.
+Ich habe nur die Liebe zur Unmöglichkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik,<br/>
+ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie die Nacht über einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht
+allnächtlich über mein Gehirn. Ja,
+oft hat ein Tag so viele Tage und Nächte, wie
+bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn
+mich jemand hypnotisierte, ich sei eine Mücke und
+hätte nur einen Tag zu leben, so glaube ich wohl,
+daß dieser Tag für mich ein ganzes Leben werden
+könnte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an
+meinen Ofen verfaßt und sie ihm dann gegeben. Er
+verschlang sie gierig und wärmte mir mit seinem Feuer
+zwei Minuten lang Gesicht und Hände. Gewiß, das
+war alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie
+ein Ofen zu antworten vermögen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-25"></a><span class="pgnum">25</span>Ich ermangele ganz des Vermögens, mir nach einer
+Beschreibung &#8212; und wenn sie noch so genau ist &#8212; ein
+Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen. Bühnenanweisungen
+gehen an mir meistens spurlos vorüber
+und Schilderungen etwa wie des Hauses der Buddenbrooks
+gehen nur mit einigen groben Zügen in mein
+Gehirn ein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe,
+eingehend zu begründen, zu erklären. Die Mehrzahl
+der Heutigen hat umgekehrt die Gabe des Begründens
+und Erklärens in hohem Maße, aber dafür keine innere
+Direktion. Es ist unendlich quälend, die Berechtigung
+seines Urteils immer wieder aufs neue beweisen zu sollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell
+der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und
+dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben
+nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmißt sie das
+Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden
+in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie
+auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber
+so bald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von
+neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht
+genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres
+Ursprungs.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das:
+&#8218;Und er entwich vor ihnen in die Wüste.&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit
+welcher Leichtfertigkeit habe ich heute Abend über
+<a id="page-26"></a><span class="pgnum">26</span>Menschen geredet: so daß ich nun nachts über mich
+erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband &#8218;Denke
+daran&#8216; anlegen müssen.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eines kann ich wohl als Merkwort über all mein
+Leben und seine Erfahrungen schreiben: Fast alles,
+was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen
+Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner
+bewußten organischen Kultur um mich herum, die
+das Einzelindividuum zu benutzen und systematisch
+auszubilden vermocht hätte, spürte ich nie etwas.
+Weder Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich
+je kraftvoll in die Hand genommen und in großem
+Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von ursprünglich
+glänzender Begabung, alles in allem ein
+Dilettant geblieben bin, so hat die Hälfte der Schuld
+daran gewiß die Unsumme von Dilettantismus, von
+Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich überall gefunden
+habe, wohin mich meine bewegte Jugend geführt hat.
+(Gelegentlich der herrlichen Schilderung der Krapotkinschen
+Jugend.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man zwischen
+35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45
+und 60 hätte sollen erledigen können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr macht mir aus meiner gleichmäßigen Höflichkeit
+gegen alle einen Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es
+gibt gewiß nicht gar so viele, denen es<i> leicht</i> fällt,
+die Menschen zu lieben. Nun, mir fällt es zuweilen
+leicht: warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich
+zu ihnen sein? Ich finde an jedem etwas, was mir
+<a id="page-27"></a><span class="pgnum">27</span>Sympathie oder doch Interesse abnötigt; und würde
+nicht mein Gefühl vom Einssein mit allem eine Lüge
+sein, wenn ich irgendeinem Mitmenschen gegenüber
+völlig kalt bleiben könnte?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflußbarste
+Mensch, den ich kenne.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance
+von Hochmut in einem auftaucht. Wenn man der
+offenbaren Niedertracht gegenüber zuweilen eisig wird &#8212; das
+Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die
+Menge weiß nichts von der Tiefe der Demut, die ein
+einzelner empfindet, der sich ganz zu erkennen strebt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Luther spricht einmal von &#8218;bösen Gedanken&#8216;, deren
+Kommen man nicht hindern könne, aber die es gelte,
+vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz (dessen
+schöner kräftiger Wortlaut mir im Augenblick leider
+nicht gegenwärtig) ist mir oft im Leben ein Trost
+gewesen; denn ich habe von früh auf, d.h. wohl etwa
+von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, daß in der
+Reihe meiner Assoziationen plötzlich zuweilen ein
+&#8218;häßlicher Gedanke&#8216;, eine häßliche Vorstellung auftauchte,
+die ich sofort als solche erkannte, ohne indes
+die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr
+Wiedererscheinen zu hindern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es wäre vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch
+zu beginnen. Draußen regnet es ununterbrochen
+seit neun Stunden und bringt mir meine Einsamkeit
+erdrückend zum Bewußtsein. Heute Nachmittag durchfuhr
+<a id="page-28"></a><span class="pgnum">28</span>es mich: wenn ich meine Gedanken und mein
+Schaffen nicht hätte, wie würde ich dann wohl solch
+ein Krankenleben ertragen können. Und ich bin krank,
+wenn ich es auch fortwährend wieder vergesse und
+mitten in meiner Krankheit Stunden, Tage, Wochen
+vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll herrlichsten
+Blühens, in denen der Zerfall in mir gleichsam
+überblüht, hinweggesiegt wird von einem Frühling,
+der Herbst und Winter des Leibes nicht anerkennt,
+der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als
+unüberwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft
+mich über mich selbst hinwegretten zu wollen
+scheint. Aber dann kommt ein Spätnachmittag mit
+seiner gefährlichen Muße, dann kommt ein nasser,
+trübseliger Tag wie dieser, und mit dem Vergessen
+dessen, &#8218;was ist&#8216;, ist es vorbei. Ich sehe ihn vor mir,
+meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten
+Kauz der Welt. Seine Beschäftigung besteht
+seit zehn, seit vierzehn Jahren darin, mich mit einer
+feinen Federpose in der Luftröhre zu reizen, gleich
+als wünschte er auf Erden nichts, als immer von neuem,
+Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr meine
+Stimme zu hören, lediglich die Stimme, unartikuliert,
+tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl
+auch selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein
+Gespenst ohne Hirn, nichts als fixe Idee von oben
+bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger
+Lebenszweck.</p>
+
+<p>Es berührt mich eigentümlich, wenn meine Freunde
+künftige Pläne vor mir ausbreiten. Die einen denken
+sich ein kleines Haus für mich aus in ihrer Nachbarschaft,
+die andern wollen mich weiß Gott wohin haben.
+<a id="page-29"></a><span class="pgnum">29</span>Vielleicht, vielleicht. Aber ich gebe mir höchstens noch
+zehn Jahre. Und diese zehn Jahre haben ihre Bestimmung,
+und die ist kaum: Nachbar zu werden und
+Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich,
+was ich von dichterischen Möglichkeiten alles fallen
+lassen muß. Zum Drama werde ich nie gelangen, ich
+habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf
+Drama hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt,
+Zeit und dann auch Energie. Mein Widerwille nämlich
+gegen richtiges, zusammenhängendes &#8218;Schreiben&#8216;
+ist allzu groß. Daran wird auch mein Roman scheitern.
+Ich bin Gelegenheitsdichter und nichts weiter.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft
+wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geißel
+als der richterlich geartete Mitmensch. Er ist für mich
+der personifizierte böse Blick. Vor ihm erschrickt alles
+Lebendige in mir so tief, als hätte der Tod selbst es
+gestreift. So mag eine Pflanze aufhören zu wachsen,
+wenn sie ein schlimmer Zauberer anhaucht. Sie will
+gern von Wind, Regen und Kälte vernichtet werden,
+und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas
+Natürliches hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe
+von einem andern lebenden Wesen schlechtweg in Frage
+stellen, verneinen, für unfähig, für einen Irrtum erklären
+lassen zu müssen und das nicht etwa unter einem Feuer
+von Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht &#8212; das ist
+unerträglich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-30"></a><span class="pgnum">30</span>Dieser Ofen könnte mich veranlassen, zu bleiben. Er
+ist aus länglichen Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem
+Lila umrahmtes milchweißes Ornament zeigen,
+und von schönen Verhältnissen. Wenn die Menschen
+mehr bedächten, wie viel Glück von einem einfachen
+Gegenstand ausgehen kann, wenn sich nur ein
+reiner Geschmack in ihm ausdrückt, würden sie unter
+den einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr
+Leben sein dürfen. Ich kann nicht sagen, wie mich
+die ersten Architekturen des Südens (in Bozen) wieder
+bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam
+nach Italien hinabsinken &#8212; und vielleicht bloß
+um seiner Bauwerke willen, die mir den Menschen
+erhöhen, wie der Mensch sich in ihnen erhöht hat.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer
+lebendigen Vorstellung dessen zu gelangen, was wir
+des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich nachts
+auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den
+Garten, und bemühte mich, über das rein Bildmäßige
+des Sternenhimmels hinaus in seine Wirklichkeit einzudringen.
+Es gelang mir so wohl, daß ich empfand:
+Jetzt noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein
+einziger kleiner Schritt weiter und mein Gehirn ist auf
+immer verloren. Und ich brach das schauerliche Experiment
+ab. Jetzt, etwa fünfzehn Jahre später, droht
+mir die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann
+an einem stählern blauen Frühlingsabende in einer
+Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die dem
+Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich
+ungefähr wie zu einem Maulwurfshügel zusammen,
+<a id="page-31"></a><span class="pgnum">31</span>die Ortschaft, die Gegend um mich verloren ihre
+Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender
+als der Abdruck eines Daumenballens in einer
+Wachskugel, und mich trug der riesige doch kleine
+Planet wie ein Infusor auf seinem Rücken rund durch
+den Raum. Ein leichtes geistiges Schwindelgefühl, ein
+Vorgefühl von Seekrankheit des Geistes erfaßte mich.
+Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten
+unter. Ich saß da nur einfach von Luftdrucksgnaden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich das Gegenwärtige nicht so liebte, wenn ich
+diese Liebe nicht hätte wie einen großen und sicheren
+Fallschirm, ich wäre längst ins Bodenlose gefallen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Da stamme ich nun von Malern &#8212; und muß den Zusammenbruch
+der Natur als eines<i> Bildes</i> in mir erleben!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich bin wie einer, der ohne Führer, nur so nach Karten
+und gelegentlicher Auskunft von Hirten und Wanderern
+ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand ahnt,
+mit was für Martern ich das oft zahlen muß und wie
+mir ein schneller Tod oft göttliche Wohltat wäre. Nein,
+mein &#8218;Dilettantismus&#8216; ist kein Spaß, keine Koketterie;
+er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen;
+denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis
+fehlte es allezeit an jener letzten besten Energie, die
+sekundieren muß, wo irgend etwas Großes auf Erden
+werden soll.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist viel Glück in mir, Glück, das mir meine Grenzen
+verschleiert und Glück, das sie mir ins Unbestimmte
+hinausrücken zu dürfen scheint. Ich habe viel Talent
+<a id="page-32"></a><span class="pgnum">32</span>zum Leben, &#8212; wenn das Leben nur mehr Talent zu
+mir hätte. Aber manchmal weht doch ein Windstoß
+alle die warme schützende Illusion fort und dann sehe
+ich flüchtig meinen Umriß und &#8212; schaudere.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf
+Erden und das bin ich selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. &#8212; Und
+deshalb sollte ich eigentlich nicht mehr unter Menschen
+und am wenigsten unter Freunde gehen: denn
+sie wissen alle nicht, daß ich nur gastweise bei ihnen
+bin und ihnen zuhöre, daß mir für vieles von ihrem
+Leben und Treiben die letzte leidenschaftliche Aufmerksamkeit
+verloren gegangen ist, als wäre ich ein
+Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und großen
+Musik zuhört &#8212; aber draußen vor der Türe steht heimlich
+sein Weib und wartet auf ihn und vor lauter innerer
+Unruhe hört er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt
+kaum seine Zerstreutheit und mag manchem schärferen
+Beobachter mit Recht als kein sehr fachmännisch
+engagierter Zuhörer gelten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich irre in diesen europäischen Ländern umher wie ein
+Vogel in einem Treibhaus. Die Menschen glauben,
+weil ich von einem Ort zum anderen reise, lebte ich
+ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, daß mich
+letzten Endes jeder dieser Orte enttäuscht &#8212; denn über
+jeden ist der Fluch europäischer Zivilisation ausgegossen,
+vor dem er vor hundert, ja vor fünfzig Jahren noch
+verschont war. Die entsetzliche Nüchternheit der letzten
+30, 40 Jahre kriecht einem überall nach, ja sie färbt
+<a id="page-33"></a><span class="pgnum">33</span>auf einen selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos.
+Denn wo kein Hotel ist, da ist kein Platz für
+dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner schriftdeutschen
+Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit
+an die Großartigkeit unserer Epoche der Technik
+geglaubt, aber jetzt fühle ich nur noch das Eine: daß
+sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen gemein
+macht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen
+erinnert mich an die Responsorien der katholischen
+Kirche. Ich sehe die wohlgenährten Schwarzröcke vor
+mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen
+des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken
+Kerzen und alten Gemälden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe diesen Herbst mit Übeltaten angefangen. Ich
+habe an zwei heißen Septembertagen fünf oder sechs
+Wespen getötet, die in mein Zimmer gekommen waren
+und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen
+meine Gewohnheit und nur durch eine Unruhe und
+Unbeherrschtheit zu erklären, die unter dem Einfluß
+des Südwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen
+überkommen hatte.</p>
+
+<p>Spätere Bemerkung:</p>
+
+<p>Ich weiß noch, wie mich damals besonders die &#8218;Dummheit&#8216;
+der Tiere erregt hatte, die oft eine Stunde lang
+an der Zimmerdecke hin und her und auf und ab irrten,
+ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene
+Balkontür wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen.
+Übertragen wir diese meine Ungeduld und Unduldsamkeit
+auf Götter und Menschen, so hätten diese Götter
+<a id="page-34"></a><span class="pgnum">34</span>wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen
+totzuschlagen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den
+ich hier ins träge Fleisch drücken könnte &#8212; und finde
+ihn nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen:
+Aus Steinen und Holzstücken Häuser bauen, mit dürren
+Zweiglein Straßen abstecken und Haine bilden, einen
+Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und
+einem Hirschkäfer und seiner Frau die Herrschaft über
+das alles verleihen. Und dieses kleine Reich würde
+mich glücklicher machen und meine Phantasie umständlicher
+erregen und beschäftigen &#8212; als ein noch
+so großes der Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit
+35 Jahren, acht Tage am Strande von Sylt mit Bauen
+und Zimmern einer Strandhütte verbracht und war
+wohl selten so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen
+Spiel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je älter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein
+Wort vor allen: Grotesk.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich einen gemischten
+Chor mit Orchester komponieren: den &#8218;Chor
+der Genesenden&#8216;, &#8212; und im Himmel selber sollte nicht
+tiefer, inbrünstiger und süßer gesungen werden.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe
+und kratzt nicht alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben
+<a id="page-35"></a><span class="pgnum">35</span>oder getan. Glaubet nicht, daß in der Breite
+meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich
+sein kann.</p>
+
+<p>Ißt man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne,
+das Kerngehäuse, die Schale, den Stengel? Also lernt
+auch mich essen und schlingt mich nicht hinunter mit
+alledem, was nun zwar zu mir gehört und gehörte,
+aber von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr
+davon sollt wissen wollen. Laßt mein allzuvergänglich
+Teil ruhen und zerfallen: Dann erst liebt ihr mich
+wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr seid von hier, ich bin von dort.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr meßt jedem sein Maß Liebe zu: dem dreiviertel,
+dem zwei Viertel, dem ein Viertel, dem nichts. Davon
+verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen und meine
+Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, daß Eure
+sich spart und sperrt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es
+gibt fertigere Menschen denn mich, sicherlich ungezählte.
+Aber keiner ist fertig, soll je fertig sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als
+einen wehr- und hilflos dem Großen preisgegebenen
+Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B.
+wie eine Säure wirken, die mich für den Augenblick
+völlig zersetzt. Oder ein Wort Nietzsches oder
+Goethes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-36"></a><span class="pgnum">36</span>An dieser meiner Lieblingsbank führt kein Spazierweg
+vorüber, geschweige denn eine Straße, &#8212; nur ein schmaler
+Wiesenpfad von zwei Spannen Breite. Da kommt
+denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, &#8212; &#8212; Einsiedler,
+Sonderlinge!</p>
+
+<hr/>
+
+<p><i>Ich sehe</i> mich selbst, schreibend zur Nachtzeit &#8212; im
+Bett bei der Lampe, dies Büchelchen schreibend&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>Und all das bin Ich.</p>
+
+<p><i>Ich sehe.</i> &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem
+richten muß, weil sie jeden Tag immer wieder von
+neuem nachgeht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der
+Luft wie etwa drei glänzende glasklare Äpfel an einem
+(unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen sich leicht im
+Wind &#8212; und daran geht mir das Wesen alles Lebens
+auf. Ich denke an Böhme und seine Lampe. Nach jenem
+Vorgang &#8212; bewegtes All &#8212; erkläre ich mir, im Traum,
+das ganze Leben. Das Ende ist mir leider entschwunden,
+ich weiß nur, daß ich großer Klarheit genoß.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom
+Sonnenschein meiner Kindheit lebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich mir je ein Haus baue, so muß es einen Hof
+umschließen, in dessen Mitte ein riesiger Baum steht.
+Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des
+Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken,
+vor ihm und über ihn&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-37"></a><span class="pgnum">37</span>Über die äußere Technik zur Hervorbringung kontemplativer
+Zustände mich unterrichten!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur
+dann Privatkorrespondenz empfangen und beantworten.
+(Private Ordensregeln.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten
+&#8218;guten Handlung&#8216;. Da bin ich eben bei einem Begräbnis
+gewesen. Aber nichts von meiner ganzen Beteiligung
+an diesem actus war anders als so gut wie nur
+äußerlich, außer der ursprünglichen spontanen Regung
+beim Empfang der Todesnachricht: Du willst diesem
+Entschlafenen die letzte Ehre erweisen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Schließlich und endlich: was vermisse ich unter meinen
+Mitmenschen am meisten: Wirkliche,<i> wirkliche</i>
+Phantasie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung
+des Lazarus gemacht&nbsp;.. Was ich hier will, ist
+viel tiefer als &#8218;Kunst&#8216;.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist es: Alle die andern beschäftigen sich mit
+&#8218;Gott&#8216;. Ich wage zu sagen: Ich &#8212; bin &#8212; das, was
+wir Gott nennen &#8212; selbst. Wer das versteht, aber
+auch nur der, weiß, was ich meine, wenn ich von
+&#8218;meinem Ernste&#8216; spreche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken
+ausdrücken will) datiert nicht etwa vom August
+1908, sie hatte sich mir schon lange vorher verraten.
+<a id="page-38"></a><span class="pgnum">38</span>Ein äußeres Merkwort bedeutete für mich auf diesem
+Felde eine gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes,
+etwa im Vorfrühling 1907, über sich, Goethes Farbenlehre
+und den Dualismus. Daß ein so tiefer Mensch
+überall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich
+überall Einheit fühlte, konnte ich nicht mehr vergessen.
+Aber ich kam doch auch noch auf ganz andern
+Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes
+&#8218;Du&#8216;.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein
+gebissen. Seitdem bitte ich jedes Brot vorher: enthalte
+keinen Stein!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An M. a Jetzt fangen wieder diese großen herrlichen
+Vormittage an, an deren spätem Ende ich, an allen
+Fibern zitternd, den Mittagstisch aufsuche, um unwillig
+und abwesend mein Essen beizunehmen, das
+mich langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft.
+Du kannst Dir keinen Begriff von diesem
+inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen
+ich oft kaum gewahr bin, so daß ich jeden Augenblick
+und bei jeder Berührung durch irgend etwas,
+einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie,
+in Tränen ausbrechen möchte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man wird mich einst in manchem meiner Sätze zu
+einem Eklektiker degradieren wollen, aber wenn ich
+auch in nichts Bisheriges überschritten haben sollte:
+Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf,
+wozu ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung
+gekommen wäre und vieles fand ich und
+<a id="page-39"></a><span class="pgnum">39</span>finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich für
+mich allein zuvor besaß.</p>
+
+<p>Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher:
+&#8218;Darum lebt das ganze Universum, das Göttliche,
+in jeder Individualität, als jede Individualität&#8216;.
+Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher
+je zuvor näher kennen gelernt?</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum
+Äußersten gehen. Wenn Ihr aber sagt: Dagegen
+wendet der Politiker dies ein und dagegen der Historiker
+dies und dagegen der Nationalökonom dies, so erwidere
+ich: Laßt auch sie ihr Fach bis zum Äußersten
+treiben. Ihr Fach ist der Mensch in irgend einer
+sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der
+Mensch als inkommensurables Wesen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein,
+den Bedürfnissen nachzuspüren, woraus ihre Werke
+entsprungen sind, als diesen Werken selber. Bei mir
+mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch
+das Auge ein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich weiß mich merkwürdig frei von jeder &#8218;romantischen
+Sehnsucht&#8216;, ich fühle im Durchschnitt meines Wesens
+brüderlich zum Leben als etwas, dem ich nichts hinzuzufügen
+brauche und das mir nichts hinzuzufügen
+braucht. Darum vermag ich mich auch rein an ihm
+zu freuen, wo es Freude erweckt, darum wendet sich
+<a id="page-40"></a><span class="pgnum">40</span>mein Schmerz über das Leid der Welt gleich bis in
+seinen Grund zurück.</p>
+
+<p>Kein<i> Anders</i>-Sein wollend, sondern das Sein in seinem
+Kern und Wesen anklagend und in Frage stellend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An Steiner</p>
+
+<p>Glück in medias res.</p>
+
+<p>Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und
+glaubte kaum noch, daß es nun noch wesentlich heller
+für mich werden könnte. Ich sah überall das Licht
+Gottes hervordringen, aber&nbsp;..</p>
+
+<p>Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten
+letzten Augenblick ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr &#8212; einen
+neuen Tag.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich werde noch manches veröffentlichen müssen, was
+einer früheren Entwickelungsstufe als meiner jetzigen
+angehört, denn ich darf niemanden über den Weg betrügen,
+den ich gegangen bin.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Immer bewußter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde
+und Flackernde in mir überwinden. An jeden
+guten Gedanken, jede gute Empfindung einen Stein
+hängen, sie verankern. Damit zusammenhängend: Seßhaft
+werden, Tempobändigung, Tempobeherrschung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter &#8212; 42?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich widerrufe alles Harte und Böse, was ich je in meinen
+Worten oder Briefen gesagt habe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-41"></a><span class="pgnum">41</span>O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer
+wieder absinken. Züchte doch den<i> Willen</i> in dir, du
+ewiger Wanderer<i> ohne Stab</i>.</p>
+
+<p>Man soll mich als einen malen, der<i> ohne Stab</i> einen
+Berg erklimmt. Der Dämon seiner eigenen Schwäche
+hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, &#8212; aber am
+Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er
+auch wie tot daliegen mag.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen,
+sondern um meiner Liebe zum Menschen willen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einem Menschen wie mir genügt es nicht, Ein Mal
+das Richtige zu erkennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich möchte gern auch noch zu äußerem Wirken gelangen.
+Ich möchte mein Berlin als geistiges Staatskunstwerk
+zum Ziel machen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In alles und jedes einfließen lassen einen höheren Geist!</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Ich träumte mir die Kraft eines Zukünftigen, &#8212;<i> meine</i>
+Zukunft und ließ, als ich vom Haus der lieben Freunde
+dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer eine Rose
+zurück, geschaffen durch den Willen meiner Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>O meine Hand, du seltsames Geschöpf, du warst mir
+immerdar ein Angelhaken der Meditation. Wenn ich
+in deine Schale blicke, meine ich ein Geistgebilde zu
+schauen.</p>
+
+<hr/>
+
+<div class="indent">
+<p><a id="page-42"></a><span class="pgnum">42</span>Bild meines Lebens.</p>
+
+<p><i>Stiel</i>: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch
+innere Krankheit.</p>
+
+<p><i>Schale</i>: Öffnung durch Johanneisches.</p>
+
+<p><i>Blut</i>: Erfüllung.</p>
+</div>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters
+ist die<i> Frau</i>.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich
+ein Stück Berglehne abbricht und zerbröckelnd in die
+Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch fühlt man's in sich
+und frohlockt, daß das Massiv der Blindheit, die wir
+sind, wieder um etwas kleiner geworden ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gespräche
+führen. Beides verflacht mich und läßt mich in einem
+Zustand zurück, dessen Unerquicklichkeit ich niemandem
+wünsche.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Sprich du zu mir, mein höher Du!<br/>
+Ich will mich ganz in dich verhören.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Großer philosophischer Moment während des Vortrags
+vom 27. August 1913: ich sah einen Augenblick lang
+den Menschen (Steiner) als reinen, bewußten<i> Willen</i>,
+sich allein durch ein ungeheures göttliches Vorwärts-<i>Wollen</i>
+im Leben und als solches Leben behauptend.</p>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-43"></a><span class="pgnum">43</span>Natur</h2>
+
+
+<h3>1892</h3>
+
+<p>Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund
+des Luftmeeres) &#8212; Vineta.</p>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Die Sterne lauter ganze Noten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Quellnixe wehendes Fontänenhaar.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Der Zypressen grüne Obelisken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach
+sich erwecken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen ganz
+winzigen Lärm machen, der durch feinste Instrumente
+aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und Experiment)
+zu enträtseln wäre.</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Rhythmisch bewegte Luft ist gewissermaßen farbige
+Luft. Wirkung der Glocken.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>Warum sind Hügel schöner als Berge? Weil sie
+den Begriff des Gebirges gegenüber der Ebene,
+diese beglückende Naturbrechung und Erhöhung des
+Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren
+als die starren Felsberge, die mehr bloß Begriffliches
+sozusagen, weniger Gefühlswarmes an sich
+haben.</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-44"></a><span class="pgnum">44</span>1905</h3>
+
+<p>Die Natur kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: &#8218;Wie?
+Sie bedauern den Tod eines Seehunds? Ausrotten müßte
+man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie seien nützlich?
+Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz
+schädliche, unnütze Geschöpfe!&#8216; Ich dachte an die
+feuchten dunklen Augen der gutmütigen Tiere und
+sie erschienen mir weit liebenswerter als diese Anschauungen
+eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses
+Räubertum als Mensch so ganz und gar von selbst
+verstand.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mir genügt zur Zeit das Schwatzen der Seevögel, das
+leise Sich-Wiegen des stachlichen Strandhafers, ein
+wenig durch die Finger rinnender Sand und die graublaugrüne
+Fläche vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Verschwendung der Natur ist zu groß. Und das
+ist das Bitterste: Unsere anklagenden Gedanken, und
+seien sie noch so erhaben, sind nur wie namenlose
+gleichgültige Vögel, die gegen ein kristallumpanzertes
+Feuer prallen, um ohnmächtig und ruhmlos in die
+Nacht hinabzufallen, vertan, verschwendet wie das
+Wesen das sie gebar.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand
+gewühlten Mulde beobachte, kommen mir einige der
+tragischsten Eindrücke meines Lebens ins Gedächtnis.
+Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla,
+<a id="page-45"></a><span class="pgnum">45</span>und was hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische
+Wirklichkeit. Von den mächtigen Gewölberesten
+rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes
+Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind
+sich stärker erhob, flog wohl auch ein größerer Stein
+polternd in die Tiefe. Es war ein unheimliches und
+erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit, dem der
+gefährdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das
+Totenraunen einer Kultur, das vielleicht noch währen
+wird, wenn der Petersdom das seinige anheben sollte.
+Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit
+ihren ewigen Steinschlägen, in denen ihre Gipfel nach
+und nach herabzukommen scheinen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch,
+ihr lieben fernen Berge.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der
+durchsichtige Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine
+Landschaft hinausgeht und in dem sich zugleich Gegenstände
+unseres Zimmers spiegeln.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Wie können Baumwipfel wie ein Mädchen aussehen,
+ja mehr noch: seinen ganzen Charakter zu enthalten
+scheinen? Und doch ist es manchmal so.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe heute ein paar Blumen für dich<i> nicht</i> gepflückt,
+um dir ihr &#8212; Leben mitzubringen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich höre einen Vogel fortwährend &#8218;Chi&#8212;rur&#8212;gie&#8216;
+flöten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-46"></a><span class="pgnum">46</span>Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schön
+sind in ihrer jungen Natürlichkeit und Zärtlichkeit
+zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen kann
+reizender aussehen, als wenn das Männchen dem
+Kameraden mit seinem Auge folgt oder wenn das
+Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den
+Rücken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedürfnis.
+Und welches Wohlgefühl des Lebens, wenn sie so,
+die Nase dicht am warmen Moos, die sonnendurchwärmte
+Waldluft einsaugen mit ihren vielfältigen
+Reizen, von denen wir nur einen groben Begriff
+haben. Und welches stets rege Interesse für alle die
+kleinen und großen Töne, die eine Landschaft fortwährend
+erfüllen und beleben.</p>
+
+<hr/>
+
+<div class="indent">
+<p>Gebell eines &#8218;Achtung&#8216;-Hundes:</p>
+<p>Nervosität durch Geschrei von Kindern</p>
+<p>Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman)</p>
+<p>Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)</p>
+<p>Beschimpfung (da nichts erfolgt)</p>
+<p>Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)</p>
+<p>Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)</p>
+<p class="center">(er teilt die Sache der Außenwelt mit)</p>
+<p>Quittungen über vieles</p>
+<table summary="Rivalit&auml;t / Solidarit&auml;t mit andern Hunden">
+<tr>
+<td>Rivalität</td>
+<td rowspan="2"><span style="font-size: 200%">}</span></td>
+<td rowspan="2">mit andern Hunden</td>
+</tr>
+<tr><td>Solidarität</td></tr>
+</table>
+<p>Grundloser Unwille</p>
+<p>Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.</p>
+</div>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man
+lernt sie nie aus. Jeder und jede vermögen unter
+<a id="page-47"></a><span class="pgnum">47</span>Umständen alle Phasen von der ärmlichsten Häßlichkeit
+bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So schimmert ein Birkenwäldchen durch Kiefern, wie
+deine ferne Jugend in und durch meine Gedanken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit.
+Darum wird sie der Mensch immer mehr
+lieben, je feiner und beweglicher er werden wird. Sie
+gibt ihm die großen Züge, die weiten Perspektiven
+und zugleich das Bild einer bei aller unermüdlichen
+Entwickelung erhabenen Gelassenheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein seltsames Gefühl, senkrecht in die Erde zu
+unseren Füßen hineinzudenken. Man kommt nicht
+weit, die Phantasie erstickt buchstäblich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen,
+als den uns bekannten. Das wissen wir und
+doch spielen wir damit, in einer Landschaft Geheimnisse
+zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau
+kennen.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand
+ich die süßen Berge.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühlung aber,
+der nicht mehr kommen<i> mußte</i>, der nur so aus überirdischer
+Gnade noch einmal gekommen ist, der ist
+nicht mit Namen zu nennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-48"></a><span class="pgnum">48</span>Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe
+Beruhigung, die er dem Menschen gibt? Darauf wohl
+zumeist, daß uns in ihm eine unübersehbare Anzahl
+pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt,
+die Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit
+äußerster Zweckmäßigkeit vereinen. Der Stamm einer
+Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich gefestigter
+Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts
+zu stören oder gar zu brechen vermag, offenbart sich
+in ihm. Ihre Äste, Zweige und Nadeln aber strahlen
+mit solch äußerster Zweckmäßigkeit rings von ihm
+aus, stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln
+einen so weise der Außen- und Umwelt eingepaßten
+Körper dar, daß man begreift: hier liegt die<i> Lösung
+eines Problems</i> vor, an der vielleicht unermeßliche
+Zeiten gearbeitet haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In der Katze hast du Mißtrauen, Wollust und Egoismus,
+die drei Tugenden des Renaissance-Menschen
+nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich
+möchte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund
+ist dagegen gläubig, selbstlos und erotisch kulturlos.
+Unsere heutige Zivilisation nähert sich mehr
+der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich
+gegen die Katze gerichtet. Man darf nach
+dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen
+erwarten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-49"></a><span class="pgnum">49</span>Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als
+die des Menschen. Der Mensch wäscht sich, kämmt sich,
+bürstet und klopft seine Kleider, er entledigt sich, mit
+einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser,
+der Luft, der Erde zurückgibt. Die Katze hingegen
+schleckt ihn mit unermüdlicher Zunge in sich auf,
+verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn &#8212; aber im fruchtbarsten
+Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches
+Leben mit hineinnimmt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Du hast einen Großstadtwinter umsonst den Anblick
+einfacher, natürlicher Anmut ersehnt. Drehe dich um.
+Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren Divan eine
+etwa einjährige Katze, die dich dann und wann besucht,
+um sich dort eine halbe Stunde umständlich
+zu putzen und dann eine zweite halbe Stunde voll
+tiefen Behagens zu schlummern, &#8212; und du siehst was
+du suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewußter
+Natur.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine der größten Unverfrorenheiten des Menschen
+ist, dies oder jenes Tier mit Emphase falsch zu nennen,
+als ob es ein annoch falscheres Wesen gäbe, in seinem
+Verhältnis zu den andern Wesen, als der Mensch!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne,
+mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges vor uns
+sehen, das nur von außen her zerstört werden kann,
+nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem
+Herzen sterben und das Gras nie seinen
+Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche
+Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie
+<a id="page-50"></a><span class="pgnum">50</span>fallen sich nicht selbst in den Rücken, wie der
+Mensch mit seinem Geist und ersparen uns damit
+das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen
+Lebens.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer
+gemäßigten, sehr gemäßigten Landschaft zu leben, da
+man doch nur den Blick zu erheben braucht, um ins
+völlig Ungemäßigte zu stürzen, und nur die Gedanken,
+um zu fühlen wie wenig es verschlägt, im wilden
+Ozean des ewig Ungewissen auf einem gehobelten
+Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu
+treiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere
+Verehrung gezollt werden; als der einzigen sichtbaren
+Schranke, die den Menschen vom unendlichen Raum
+trennt, als der gnädige Vorhang vor der offenen vierten
+Wand unserer Erdenbühne.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Merkwürdig, zu fühlen, wie man auf diesem seinem
+Erdboden nicht viel anders festgehalten wird, als jene
+kleinen Saugnäpfchen aus Gummi, die man an die
+Wand preßt, um Uhren und Schlüssel dran aufzuhängen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze
+erleuchtet, gegen den Nachthimmel. Vision eines
+geisterhaften Planeten in nächtlicher Dämmerung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und
+Wärme in seinen Händen, auf seinen Armen sucht,
+<a id="page-51"></a><span class="pgnum">51</span>so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und Wärme
+in jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den
+wir Natur nennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer
+wieder. Wehe, wenn er als Mensch in dem unseligen
+Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur zerstört
+haben wird.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre,
+müßte über ihr den Verstand verlieren. Das Wunder
+eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu vernichten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich glaube, wer blind wäre, müßte die Pflanzen viel
+besser verstehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie läßt sich Gott
+gefallen. In der Blume, als Blume träumt er seinen
+schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kenne keine &#8218;getrennten Gebiete&#8216;. &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie schön wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt
+sie immer ein wenig komisch. Mit den Küchlein an
+sich aber rückt sie für mich unter &#8212; Sternbilder.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine schöne stattliche weiße Kuh mit geschwungenen
+Hörnern und einer großen sonoren Glocke &#8212; das ist
+schon ein Symbol, für den Gottesdienst eines Volkes.</p>
+
+<p>Oder ein Stier&nbsp;..</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-52"></a><span class="pgnum">52</span>Wer mag wissen, was Glockengeläut z.B. in den
+Vögeln für eigentümliche, dunkle Gefühle auslöst. Ob
+sie sich da nicht momentweise auch &#8216;über sich selbst
+erheben&#8216;, nur so in einem dumpfen Drang&nbsp;&#8230;</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt &#8212; und
+ein gehorchender treuer, bei allem Feuer durch innere
+Gesetze gezügelter Hund &#8212; zwei Stufen Gottes auch sie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ergötzlich zu beobachten, wie Wespen und
+Ameisen von der Zudringlichkeit und Dickfelligkeit
+der Fliegen genau so wie wir Menschen gestört und
+irritiert werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum
+Gefühl seiner selbst kommen! Wie wunderbar ist eine
+Birke im Sturm! Wie göttlich graziös! Wie unsagbar
+malerisch!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lärchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig
+und nicht fröhlich, wir sind fest.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So ein Spinnentüchlein voll Regentropfen &#8212; wer macht
+das nach?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn man berechnet hat, daß die Erde unter dem
+Einfluß des Mondes ihre Ebbe und Flut hat wie das
+Meer, so frage ich, warum nicht auch das menschliche
+Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-53"></a><span class="pgnum">53</span>Die Luftschiffahrt wird dem religiösen Genie der
+Menschheit neue Nahrung geben. Zu den großen Beförderern
+kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und
+Wüste wird nun noch der Luftraum kommen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter
+Gestirne wohl selten über ein gewisses Maß
+von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch &#8212; Landschaft,
+ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie
+ein Mensch, dem du gegenüberlebst. Dies wirst du am
+deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer
+gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst,
+den eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat.
+Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenwärtigen
+betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angehören
+könnte, &#8212; so daß dir eine Weile so unheimlich
+zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden
+oder gar Verstorbenen zu halten, während es
+doch, wie du weißt, die des dir Gegenüberstehenden ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft
+und das Meer so gründlich durchforscht haben wird,
+daß man dazu übergeht, in irgend einer Ebene oder
+Wüste einen Schacht anzulegen, durch den Generation
+um Generation mit allen ihr zu Gebote stehenden
+Mitteln tiefer unter die Erdoberfläche eindringt.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Darum ist die Natur so tieftröstlich, weil sie schlafende
+Welt, traumlos schlafende Welt ist. Sie fühlt nicht
+<a id="page-54"></a><span class="pgnum">54</span>Freude, nicht Schmerz, und doch lebt sie vor uns und
+für uns ein Leben voll Weisheit, Schönheit und Güte.
+So schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren
+auch wir einst wieder zurück, nur mit dem Unterschiede,
+daß dann dies ganze Über-Glück, Über-Leid uns
+bewußt sein wird und daß wir dann auch keine Träume
+mehr brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Das Kleine in der Natur ist gewöhnlich größer als
+&#8218;das Große&#8216;. Denn das Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit,
+wo das Große nur Götterwerk.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Überall, überall liegen Keime des Lebens &#8212; darum &#8212; und
+nun kann man auf zweierlei Weise fortfahren: &#8212; tue
+ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder: sorge nicht
+allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf
+Schritt und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll
+genug, du träumst von den Anden, vom Kaukasus,
+vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die Seele
+ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu
+empfinden. Sind nicht alle diese Berge gleiche Klippen
+der großen blauen, strahlenden Geister- und Gottes-See,
+auf die immer wieder hinzublicken, ja, die früher
+oder später mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung
+und Freiheit ist?</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-55"></a><span class="pgnum">55</span>1913</h3>
+
+<p>Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn für
+Wirklichkeit. Man erwäge nur etwa den gewöhnlichen
+Standpunkt der Sonne gegenüber. Heißt das Wirklichkeitsempfinden,
+von einem solchen Phänomen ein Leben
+lang nicht anders berührt zu werden, wie es gemeinhin
+zu geschehen pflegt? Oder schauen nicht vielmehr
+die Menschen die Sonne noch gar nicht?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Auch der Baum, auch die Blume warten nicht bloß
+auf unsere Erkenntnis. Sie werben mit ihrer Schönheit
+und Weisheit aller Enden um unser Verständnis.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Hast du noch nie empfunden: es muß anders werden!
+Wenn du z.B. im Walde saßest und die lieben Bäume
+und Gräser um dich herum sahest, von denen dich doch
+so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was
+waren sie eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der
+Punkt, in dem ihr euch brüderlich treffen konntet,
+nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite, sondern
+euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend?
+Wäre es nicht unsinnig, wenn es in einer Welt,
+so weit und verschwenderisch angelegt, immer so bliebe,
+nie anders würde? Muß es nicht anders werden? Und
+löst diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir,
+das sagt: Ja, es muß besser werden, und ich will Tag
+um Tag dem Geist und den Geistern der Dinge entgegengehen,
+sind sie doch gewiß auch schon längst
+auf dem Wege zu mir.</p>
+
+
+
+<h2><a id="page-56"></a><span class="pgnum">56</span>Kunst</h2>
+
+<h3>1891</h3>
+
+<p>Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch &#8212; das
+ist höchste Kunst.</p>
+
+
+<h3>1892</h3>
+
+<p>Es ist etwas Jämmerliches um einen Lyriker ohne Liebe.
+Was helfen da Mai und Nachtigallen und Mondscheinnächte.
+Trauriger Zustand.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr fürchtet, daß die Umsturzepoche, vor der wir zu
+stehen glauben, alle Kunst und Poesie, alles Schöne
+und Wertvolle im Leben vernichte?</p>
+
+<p>Ich fürchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertrümmert,
+jedes Kunstwerk verbrannt, jedes Saitenspiel
+zerschmettert werden, das unantastbare Saitenspiel,
+das Menschenherz, wird nie aufhören, von den ewigen
+Melodien zu tönen, die der Geist der Welten ihm
+zuhaucht.</p>
+
+
+<h3>1894</h3>
+
+<p>Alle wahrhaft großen Dichtungen sind Variationen
+zum Schicksalsliede, seien es Maestosi, Allegri oder
+Scherzi.</p>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter,
+neue Mythen zu schaffen, und wir wollen
+ihnen schon vorarbeiten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die
+Erinnerung aber ist selbst etwas Dichtendes, künstlerisch
+Zusammenfassendes und Auswählendes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-57"></a><span class="pgnum">57</span>Ein Dichter muß 77mal als Mensch gestorben sein,
+ehe er als Dichter etwas wert ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein
+so großrednerisches Moment in sich, daß er uns Modernen
+meistens geradezu unmöglich wird, da wir in
+tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind,
+wahr zu sein, redlich vor allem in der Wiedergabe
+unserer Stimmungen und inneren Erlebnisse.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Höchste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster
+Natur &#8212; &#8212; &#8212; &#8212; eine Durchgeistigung der
+Realität auf allen Punkten, künstlerischer Polytheismus
+(im Sinne der Kunst), das meine ich, muß das
+Programm der Zukunft, unserer Zukunft sein. Der
+Sieg des menschlichen Geistes über die Außenwelt
+muß vollkommen werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt,
+um so mehr ist es bei sich selbst<i> daheim</i>.
+Daher der Zauber des<i> mittelalterlichen</i> Stils, daher
+heute unsere Heimatlosigkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten,
+müßten wir eine einheitliche Weltanschauung haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen Kähne
+vorüberschleppen sehe, muß ich immer an den Dichter
+und das Publikum denken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der
+Wellen, durch die uns alles Außen vermittelt wird.</p>
+
+<p><a id="page-58"></a><span class="pgnum">58</span>Oder auch:<i> Schön</i> ist eigentlich alles, was man mit
+Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto
+schöner wird er sie finden.</p>
+
+<p>Gesetzt also, es gäbe einen Gott, so wäre sein Glaube,
+die beste aller Welten vor sich zu haben, verzeihlich.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn
+es den Menschen, so wie er heute ist, sich selbst unerträglich
+macht. Ibsen. Hauptmann.</p>
+
+<p>Kritik oder Beispiel &#8212; naturalistische oder idealistische
+Kunst.</p>
+
+<p>Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung.
+Der Naturalismus nur ein Stadium, kein Ziel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn heute wieder ein Schubert geboren würde,
+würde er eine Mission mehr haben, nämlich, nur<i> Texte</i>
+zu komponieren, die Kulturwert haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Orgel, das Instrument der Zukunft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In einem Philharmonischen Konzert:</p>
+
+<p>Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur
+empfunden. &#8212;</p>
+
+<p>All-Genuß.</p>
+
+<p>Mir ist, ich wäre ein Adler und trüge mich selbst und
+meine Last dünkte mir köstlich und ein tiefes Wohlgefühl
+durchströmte mich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von
+Landschaften fortwährender Vergleichs-Standpunkt.
+Wie es in der Musik heißt, daß der ein Dilettant sei,
+<a id="page-59"></a><span class="pgnum">59</span>der beim Anhören eines Musikwerks in lauter Reminiszenzen
+aufgeht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr wißt ja alle nicht, was Schaffen heißt. Ein Bild
+malen, ein Gedicht machen? Nein! Seine ganze Zeit
+umgestalten, ihr das Gepräge seines Willens aufdrücken,
+sie mit seiner Schönheit erfüllen, sie überwältigen und
+unterwerfen mit seinem Geiste.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Krug des Nichts, aus dem alle Künstler schöpfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Schopenhauer nennt das bloße intellektuelle Anschauen
+die höchste Seligkeit, weil hier der schaffende Wille
+ganz schwiege. Als ob Schauen nicht schon Schaffen
+wäre!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Den Ästhetikern:</p>
+
+<p>Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwört nicht ewig
+die Toten gegen uns.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einer roh gefügten Gebirgsbach-Brücke:</p>
+
+<p>So müßte sich jeder Architekt vor die roheste natürlichste
+Form der Menschenarbeit hinstellen und an
+diesen Balken und Brettern seine ersten Kunstgedanken
+auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als
+Bedürfnis empfinden müssen und würde so gewiß zu
+originellen Gedanken gelangen, deren Regulativ dann
+das Studium der Vergangenheit sein könnte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame
+Zunft der Lyriker, die in deine Flocken starrt,
+dich grüßend zu besingen. Welche Dekadenz, diese
+<a id="page-60"></a><span class="pgnum">60</span>unpoetische Reflexion über deine himmlischen Dekadenzen,
+lieber trauter Schnee.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, daß der Dichter
+nicht &#8212; gleich dem Musiker &#8212; den Teilen seiner
+Werke hinzufügen darf, in welchem Tempo er sie
+genommen wissen will.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor
+meinem Fenster), das mit seinem freien Ende im Wasser
+liegt, so daß es für den stärksten Windstoß zu schwer
+wird, es als Fahne auszurollen: Bild für ein Künstlerschicksal.</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!</p>
+
+
+<h3>1901</h3>
+
+<p>Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen
+großen Menschen, die das Ja- und Amen-Lied im
+Herzen tragen, das Drama des Mittags, der Sonnenhöhe,
+&#8218;da alle Dinge rund und vollkommen&#8216; geworden
+sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was soll uns Tragödie heißen und als tiefste Erregung
+von der Bühne herab gelten? Die Darstellung des
+wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine tragische
+Erscheinung ist, weil in allem menschlich Großen
+neben der großen Freude auch der große Schmerz
+wohnt, weil in jedem ungemeinen Schicksal das Ja
+und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen
+erklingt, weil der große Mensch eine Abbreviatur des
+<a id="page-61"></a><span class="pgnum">61</span>ganzen Weltgeheimnisses ist. Die Tragödie ist der
+tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von
+Zeit zu Zeit erschüttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst
+in all dem uns überbrausenden Alltag.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unmännlich,
+besonders aber Dichten und Musizieren.
+Daher Nietzsches Vorliebe für Horaz als einen sehr
+männlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor
+allem als Mathematiker, Goethes: recht sehr als Staatsminister
+zu gelten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in
+ihnen. Ihr Geheimnis ist, daß sie nicht nur selber
+Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben, das sich
+mit ihnen vermählt, zum Kunstwerk machen, indem
+sie es zu einem Bilde abtönen und feierlich umrahmen.
+Betritt die schlimme römische Sinnenfängerin Gesù,
+wann immer du willst, oder die ehrwürdige Ara Coeli
+oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen,
+Gesten, Mienen, welche gehaltenen und tiefen Ausdrücke
+des Individuums, welche stets bedeutenden<i> Bilder</i>! Gewiß, alles, was die Menschen zu einem
+bestimmten Zwecke sammelt, vereinigt sie so mit sich
+zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der Bahnhof,
+die Kaserne, das Schiff, eine Straße, ein Kornfeld im
+Herbst &#8212; aber wohl nichts bietet so die Gewähr eines
+künstlerisch abgeschlossenen und abgerundeten natürlichen
+Lebensgemäldes, wie die Kirche, nichts distanziert
+sich und seine Gemeinde mit soviel Glück vom
+kunstarmen Alltag wie sie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-62"></a><span class="pgnum">62</span>Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle
+Dinge vom Standpunkt des Malers aus zu betrachten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Für Porträtmaler.</p>
+
+<p>Wer einen Menschen recht erfassen will, muß ihn
+sehen, wenn er vom Schlaf aufwacht, mit wirrem
+Haar, die Züge und Glieder noch halb gelöst, noch
+halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne
+Namen, ohne Beruf &#8212; wenn auch mit all dem Bedeutenden,
+wodurch ihn das Leben bereichert hat.
+Zudem gibt es nichts, das malerischer wäre, als ein
+Mensch in Trikot oder langem, fließendem Hemd,
+ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim
+Abtrocknen nach dem Bade, beim Kämmen und Bürsten
+der Haare. Auch gebe ich allen Bildhauern und
+Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen geräumigen
+Krug mit beiden Armen unter die geöffnete
+Brause emporhalten zu lassen. Es ergeben sich da
+durch die zunehmende Schwere des Krugs eine Reihe
+interessanter und charakteristischer Phasen, von der
+ungezwungensten Pose bis zur angespanntesten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zu Fürsten:</p>
+
+<p>Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt
+euch unter die gewöhnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft
+zu gewinnen, sucht so reden zu lernen, daß sie
+euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den verschiedensten
+Handwerkern, auf die Werften, in die
+Fabriken, in die Bergwerke; lernt vom Volk und für
+<a id="page-63"></a><span class="pgnum">63</span>das Volk, seht zu, daß was und wie ihr dann schreibt,
+jedem verständlich sein könne, der den guten Willen
+für euer Verständnis mitbringt. Laßt euch Jahre eures
+Lebens in einsamen Dörfern nieder, im deutschen Gebirge,
+an den Küsten, auf Inseln. Laßt euch vom glatten
+charakterlosen Großstädter nicht das Bild des Menschen
+fälschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter
+die Schale dringen kann. Denkt an Luther, wie er
+herumging in allen Werkstätten, um sich die Sprache
+für seine Bibelübersetzung zu bilden, wandert, soviel
+ihr könnt, werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle
+Literaten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft
+eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und Zeitschriften
+holen, die sich ästhetisch anregen lassen, statt
+immer wieder auf den Grund des Lebens zu gehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick
+gerichtet &#8212; &#8212; &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick
+wahr.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein erheiternder Gedanke, daß es Schönes und
+Häßliches nur im Gehirn des Ästhetikers gibt. Von
+&#8218;der Darstellung des Schönen&#8216; zu reden &#8212; welch eine
+Einfalt! Es gibt nichts &#8218;Schönes&#8216; darzustellen, weil
+es nicht hier und dort etwa herumliegt, sondern in
+jedem Augenblick erst<i> erschaffen</i> werden muß. Und
+wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist doch
+schön! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen
+die Schönheit der Rose im Moment Ihres Schauens
+und das fällt Ihnen leicht, denn Milliarden haben sie
+<a id="page-64"></a><span class="pgnum">64</span>vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die
+Schönheit, welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht
+mit der messen können, die ein wahrhaft schöpferisches
+Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken wird,
+weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.</p>
+
+<p>Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen &#8212; nachgeschaffenen &#8212; Schönheit
+als von Schönheit überhaupt
+reden, so drängen Sie damit Ihren sehr mittelmäßigen
+schöpferischen Geist der Welt und vor allem
+den Künstlern wie ein Joch auf, unter das man sich
+beugen müsse: als dürfe nur ebensoviel Schönheit erschaffen
+werden, als Ihnen zu schaffen möglich ist.
+(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen
+von der Schönheit nichts, so wenig wie irgendein
+andrer. Sie wissen nur von der von<i> Ihnen</i> geschaffenen
+(meist nachgeschaffenen) Schönheit. Auch wir Künstler
+wissen nicht, was &#8218;die Schönheit&#8216; ist, aber wir vermehren
+sie als von Natur aus stärker empfindende,
+zeugende, als die am weitesten vorgestreckten Fühler
+des Menschen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt zwei große Gruppen produktiver Naturen:
+die mehr lehrhaften und die mehr unmittelbaren. Man
+soll sie, man muß sie beide gelten lassen und ihnen
+das &#8218;und&#8216; nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller,
+Shakespeare und Ibsen, Monet und Böcklin, Rodin
+und Klinger ergibt sich das ganze Bild unserer Kunst<ins>.</ins></p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Es ist so plump von Künstlern und Dichtern, sich
+geradezu ans Geschlecht zu wenden. Als ob man sich
+ans Geschlecht erst wenden müßte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-65"></a><span class="pgnum">65</span>Wenn das Individuum &#8212; wie Hebbel sagt &#8212; letzten
+Endes komisch ist &#8212; und es ist komisch &#8212;, so ist die
+Tragödie die höchste Form der Komödie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alle Kunstform borniert.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus
+lebendigen Blumen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Künstler muß seine Weisen eigentlich immer einer
+Geliebten ins Ohr spielen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Chopin ist immer Mann oder doch Jüngling, Beethoven
+hat noch das Kind vor ihm voraus &#8212; und seiner ist
+darum nicht nur das Erden- sondern auch noch das
+Himmelreich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Kunst ist nicht ein Stück Welt im Spiegel eines Temperaments,
+sondern &#8212; ein (Stück) Temperament im
+Spiegel des Bewußtseins.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das
+sind die schöpferischen Geister und Bienen, die andern,
+die daraus Honig sammeln.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>In jedem Kunstwerk ist der Künstler selbst gegenwärtig.
+Wir spielen und hören in<i> Wahrheit</i> Beethoven,
+sehen Lionardo, lesen Goethe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-66"></a><span class="pgnum">66</span>Musik &#8212; gesanggewordener Mensch und somit seine
+für uns vielleicht höchste Erscheinungsform. &#8212; Ein
+altes Bild: Der Gesang der Engel vor Gott: umgedeutet:
+Menschen vor Gott (der überall) zu Lied, zu
+Gesang geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der
+in unser aller) und zu Gottes (der in unser aller) Preis
+unaufhörlich tönend &#8212; Beethoven, ein Gesang Gottes
+vor sich selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das willkürliche Abbrechen von bedeutenden Musikstücken
+ist deshalb oft so schmerzlich, weil da nicht
+nur Musikstücke, sondern &#8212; Menschen abgebrochen
+werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert
+mit edler Musik.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft,
+Natur) &#8212; ein weiterer Schritt der Erde zur
+Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen,
+sondern um zu &#8212;<i> zeigen</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder Künstler tötet zehn folgende (Dilettanten).</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken,
+dessen Vorwurf der Kampf zwischen der Newtonschen
+und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die Farben
+treten auf und suchen umsonst das weiße Tageslicht
+in gemeinsamer Aktion zusammen hervorzubringen.
+Schließlich erscheint das eine weiße ungeteilte und unteilbare
+<a id="page-67"></a><span class="pgnum">67</span>Sonnenlicht in Gestalt eines weißgekleideten
+Weibes und entlarvt dieses ganz anmaßende Unterfangen
+als Betrug und Selbstbetrug.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Wenn mich nicht alles trügt, so stehen wir dicht vor
+Künstlergenerationen, die sich des ganzen irdischen
+Lebensstoffes noch ganz anders bemächtigten werden
+als die bisherigen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen
+hinab lieb und ihr werdet bis in eure unscheinbarsten
+Bewegungen hinab unbewußt von ihm
+zeugen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Allzuviel Lyrik frißt die gesunde Natur des Dramas
+an und nimmt ihm, in einem ganz hohen Sinne, seine
+natürliche Sittlichkeit.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Schönheit &#8218;an sich&#8216;? Nein, Schönheit, die über sich
+hinausweist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die neue &#8212; die christliche &#8212; Tragödie wird überall
+erst möglich sein, wenn der Mensch mehr und mehr
+aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die Tragik
+seiner dann endlich überschauten und klar gewordenen
+Entwickelung sein und ihre Größe das dann noch ganz
+anders, weil aus einem ungleich höheren Bewußtseins- und
+Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem!
+und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit!&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p><a id="page-68"></a><span class="pgnum">68</span>Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen
+geboren werden, was der Mensch verbrochen und was
+er gutzumachen hat, sie wird den schauerlichen Fall
+des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine übermenschlichen
+Anstrengungen, Unsühnbar-Scheinendes
+zu sühnen, Unbezähmbar-Widerstrebendes zu überwinden,
+Unwiederbringlich-Verlorenes wiederzugewinnen.
+Erheben wird sich nach langen Geburtswehen
+endlich der Heerbann des Verständnisses und
+der Liebe, und seine Siege und Niederlagen werden
+fortan wie ein Ringen erwachter Götter erschüttern,
+wo heute der Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst
+vereinzelte Ahnungen zuläßt.</p>
+
+<p>Laßt uns darauf demütig warten und dazu das Unsere
+tun, Körnlein um Körnlein. Laßt uns uns dessen vertrösten
+in vielem Kleinkram und Wirrwarr noch
+unserer Tage.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem
+vielleicht oft anfechtbaren Menschlichen großer Künstler
+nichts, als daß uns durchaus nie zu lebendigem Bewußtsein
+gekommen ist, was ein solcher Künstler für
+den Menschen, für uns wirklich bedeutet. Wir können
+kalten Herzens den &#8218;Menschen&#8216; Wagner ablehnen, ja
+schmähen und damit es ganz für nichts erachten, daß
+täglich Ströme des Segens von ihm ausgehen, Ströme
+der Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag,
+der Reinigung durch geistige Mächte.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>In ein Zimmer, dessen rosa getünchte Wände in einer
+<a id="page-69"></a><span class="pgnum">69</span>breiten bunten Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares
+blaues Muster aufweisen, wird eines Tages
+ein großer blauer Teppich gehängt. Und nun sollte
+man die kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit
+einem Male leben und leuchten!</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-70"></a><span class="pgnum">70</span>Literatur</h2>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben,
+zählen.</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Nach der &#8218;Wildente&#8216;: Ibsen wäre &#8218;ungriechisch&#8216;?
+Aber was taten die alten Griechengötter andres, als
+(scheinbar) kalt und spöttisch das Treiben der Sterblichen
+betrachten, im Bewußtsein der Notwendigkeit
+aller Dinge.</p>
+
+<p>So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe
+Duft einer gewissen Lächerlichkeit, welche das Kennzeichen
+jeder Tragik ist, schwebt um seine Werke.</p>
+
+
+<h3>1901</h3>
+
+<p>Es gibt ein höchst bedeutendes Bruchstück in unserer
+Literatur: Der &#8218;Empedokles&#8216; von Hölderlin. Hier habe
+ich einmal den abgebrochenen Weg des deutschen
+Dramas zu sehen vermeint.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance
+lebte in diesen Sagen und in den Erzählungen der
+Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer Völker jenen
+Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner rückend,
+muß die ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer
+Kunstwerke nehmen. Unsere Sage sind die großen
+Epochen der Geschichte geworden, unser Göttermythos
+der Mythos vom großen Menschen in allen Zeiten.
+Dies ist recht eigentlich die uns zugeborene Sage:
+die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen
+und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst
+ist noch unausmeßlich weiter und tiefer, ihr Reich
+<a id="page-71"></a><span class="pgnum">71</span>geht noch hinter alle Sagenkreise zurück und unter
+sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf die Völker,
+die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer
+Überblick über dreitausend Jahre geistige Erde ward
+möglich. Menschen dieses Überblicks werden die neue
+Tragödie schreiben, die einzige, welche der griechischen
+ebenbürtig sein wird, ja, welche sie überfliegen wird
+wie der Adler den Falken.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>(Zum Thema Strindberg.)</p>
+
+<p>Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Schütteln des
+Kopfes, wenn ein absonderlicher Mensch durch das
+Mittel einer großen künstlerischen Begabung in die
+Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer
+mit Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern
+in aller Ruhe lernen und bewundern will; so kommt
+man weiter in der Bravheit, und damit, meint man,
+in der Kultur. Ein Mensch, der einen nötigt, mit ihm
+zu laufen, dann jäh wieder umzukehren, dann plötzlich
+ins Wasser zu springen, darauf vielleicht donquichotisch
+auf ein eingebildetes Amazonenheer loszurücken,
+schließlich mit einem Male in einem Kloster
+zu verschwinden, um mit einer Maske in der Linken
+und einer Geißel in der Rechten wieder hervor zu
+kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird
+nicht gern einregistriert und als voll genommen. Ein
+genialer Verrücktling, sagt man und geht wieder zur
+Ordnung über. Daß aber hier ein Mensch wie ein
+gehetztes Wild durch die Felder und Wälder, Schluchten
+und Flüsse des Lebens stürzt, gehetzt &#8212; ja wovon? &#8212; von
+irgend einem Verfolgungswahn: als flöge die
+<a id="page-72"></a><span class="pgnum">72</span>Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und
+er müßte das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder
+packte, &#8212; oder von irgend einem Sehnsuchtswahn &#8212; wonach? &#8212;:
+nach dem grünen Wiesental eines unbewölkten
+Friedens oder nach dem Gipfelfelsen über
+den Nebeln, von dem aus er hinüberfliegen könnte
+ans Ufer eines anderen Sterns, einer höheren Welt, &#8212; daß
+aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen
+Jammer des Menschlichen vor sich her tragend, in
+Jubel und Hohn und Haß und jedem Gefühl vom
+niedrigsten bis zum höchsten, das wird als nichts
+empfunden, das bleibt tot und unfruchtbar für den
+ganzen Bann der Geordneten.</p>
+
+<p>So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten
+und unvollkommen lebendig Werdender ist August
+Strindberg, ein gehetztes Wild, eine laufende Flammensäule,
+ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht
+nach jenem &#8218;Blitz aus der Wolke, der da heißt
+Über-Mensch&#8216; aufschreit, wenn irgendwo: denn dieser
+Untergehende ist ein Hinübergehender.</p>
+
+<p>Was liegt an &#8218;Werken&#8216; (im letzten Grunde), was an
+Korrektheit, Bravheit, Nützlichkeit, Tradition, Gemüt,
+Liebe &#8212; kurz was an all dem Vordergrundswesen, außer
+daß da ein Mensch seinen Sinn sucht &#8212; ein<i> Mensch</i>.
+&#8218;Respektiert den Menschen &#8212;&#8216;; er kommt so selten
+zum Vorschein. Die Menschen &#8212; was sind sie wert.
+Der Mensch ist immer ein Phänomen. Er sieht nicht
+schön aus: Irgendwie heißt sein Name und Ruhlos
+sein Schuh, sein Rock heißt Elend, seine Zunge Eitelkeit,
+sein Eingeweide Wollust, sein Herz Flamme,
+sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim
+und seine bittere Nahrung Er selbst.</p>
+
+<p><a id="page-73"></a><span class="pgnum">73</span>In den Höfen und Gärten des Menschlichen gibt es
+viel Nützliches und Tüchtiges zu tun. Da gebe es
+nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das Handwerk
+getan. Aber in der Gespensterstunde von zwölf
+bis eins, da horcht hinaus auf die wilde Jagd der vom
+Genius Gezeichneten, da laßt den Menschen zu euch
+hinein und legt die Finger in seine Wunden und
+fühlt &#8212;: es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen
+und all das versinkt wie ein Rauch.</p>
+
+<p>Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein
+genialer Sonderling dünken.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Was wir in unsern neueren Büchern von der bisherigen
+Entwickelung der menschlichen Gesellschaft
+vor uns haben, ist vor allem eins:<i> gewaschene</i> Geschichte.
+Der natürliche Duft und Brodem der Dinge
+dürfte uns schlechtweg ersticken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon
+im Augenblick des Schreibens ein Größerer über die
+Schulter, sei es ein Vergangener, Lebendiger, oder
+noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt:
+Er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger
+Mensch sich nehmen darf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste
+Dokument der Kultur war &#8212; ein Tagebuch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Warum ist Balzac größer als Flaubert? Weil er eine
+unendliche Fülle ist, aus der Großes und Geringes,
+aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac ist eine
+<a id="page-74"></a><span class="pgnum">74</span>blühende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller
+Garten. Keine Bewunderung hilft ihm gegenüber, man
+muß ihn lieben. Er hat dieses tief alles durchblutende
+Mitgefühl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die ihn
+das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten
+Händen anfassen läßt, womit dieses feine und des schärfsten
+Beurteilers immer noch spottende Gewebe allein
+angefaßt werden darf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Sonderling:</p>
+
+<p>Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich
+diesen Dichter für mich Max Zottuk getauft; so sehr
+haben mir Presse und Publikum jeden Buchstaben des
+einst teuren Namens verleidet.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben,
+daß ihre Leser sich immer wieder die Mühe nähmen,
+die von ihnen sorgfältig beschriebenen Gesichter im
+Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf
+glich einer umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort
+ein Bild; wenn es aber heißt, sein Haar war braun,
+seine Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen,
+sein Mund grob aufgeworfen, so geht das &#8212; an mir
+wenigstens &#8212; ziemlich spurlos vorüber.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten
+&#8218;von außen her&#8216; schreiben, ich meine Geschichten,
+in denen wohl Ähnliches erzählt wird wie heute,
+aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, daß die geschilderten
+Menschen durchsichtig gemacht sind &#8212; gegen
+das Mysterium hin. Sie werden charakterisiert
+<a id="page-75"></a><span class="pgnum">75</span>werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und
+doch zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden
+uns fesseln wie irgendwelche Gegenstände der bisherigen
+Poesie, aber der Schauder dessen, für den die
+alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem
+Bilde mitgeteilt sein, so daß sie im selben ergötzen und
+ein tiefes unheimliches Wundern erregen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Etwas vom Übersetzen.</p>
+
+<p>Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner
+Stücke durchschnittlich zwei Jahre. Wenn nun ein
+Ausländer hergeht und eines jener Dramen in vier
+Wochen in seine Sprache übersetzt, so wird er schwerlich
+jede der redenden Personen so in sich lebendig
+fühlen können, wie der Dichter, der sie zuletzt gleichsam
+als seine beständige Gesellschaft empfand.</p>
+
+<p>Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische
+Methode zu übersetzen nennen. Der Übersetzer
+möchte das Original womöglich noch verdeutlichen.
+Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht,
+wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben
+zu können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand
+als langweilig oder gar abstoßend ablehnen.
+Der nächste Förster, der ihnen begegnet, zieht sie
+unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen,
+der um Einen Stendhal sämtliche Förster der Welt
+hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen, dem
+<a id="page-76"></a><span class="pgnum">76</span>der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch
+das Behagen ersetzt, stark, warm und einfach zu
+fühlen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nach den Erinnerungen eines Egotisten.</p>
+
+<p>Überall, wo Stendhal über fremde Dinge schreibt
+(Italien, Napoleon&nbsp;&#8230;) fesselt er, wo er aber über sich
+selbst und seine Gesellschaft und Liebschaften schreibt,
+wird er sehr bald langweilig.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zu Dostojewski.</p>
+
+<p>Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach
+Westeuropa zurück.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich
+einem Feuer zu &#8212; einem Steppenbrand &#8212;, das über
+die Ebene wandert. Und jetzt frißt und wühlt es
+sich schleichend durchs knisternde Gras &#8212; und jetzt
+fährt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den
+Wolken, und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin
+und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen
+Weg &#8212; und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen
+Stoß gleich einer Säule zum Himmel und übergießt
+Himmel und Erde mit übergewaltigem, erschütterndem
+Glanz.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er
+gegen ihn Recht hat. Ein Menschenleben gräbt sich
+sein Strombett und damit muß man zufrieden sein.
+Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur
+Sprachkritik nicht weiter gegangen. Mauthner unterschätzt
+das Dynamische im Genie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-77"></a><span class="pgnum">77</span>Es ist das Interessante an Büchern, über denen man
+eigentlich den Verstand verlieren müßte, daß man
+durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich ist
+das nur ein neues Kompromiß &#8212; denn anständigerweise
+müßte man allerdings nach ihrer Lektüre abdanken.
+Aber das Leben ist nicht das, was wir anständig
+zu nennen lieben. Allein schon der Umstand,
+daß der Autor seinen Verstand behalten hat, wird
+genügen, den Leser zum gleichen zu veranlassen; es
+sei denn &#8212; daß er nur so beweisen zu können meinte,
+daß er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus
+Ehrgeiz, aus &#8218;Willen zur Macht&#8216; wahnsinnig zu
+werden geradezu &#8212; wünschte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige
+Menschen deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu
+sein, weil sie schreiben können.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus
+nicht so Eindruck machen, wie sie's dir selber
+bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und gleichgültig
+prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch,
+den jede neue Behauptung zunächst &#8212; ärgert.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler
+vergleichen könnte. Ibsen war die Eule in Person.
+Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare
+einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern
+<a id="page-78"></a><span class="pgnum">78</span>werden erst kommen: Geister, die alles Dasein zugleich
+mit Falkenblick erkennen und über ihm in
+schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer
+&#8218;Freiheit&#8216; auch von sich selbst &#8212;&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein
+Adler.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge,
+das ich kenne. So oft man auf ihm wandert, stürzt
+man in den Abgrund.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an
+Nietzsche und Lagarde nicht immer wieder stirbt,
+um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen, dem
+sind sie nie geboren worden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner
+Strenge und Höhe, wenn nicht eine so große Natur
+und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung in
+jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen
+wäre. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen
+Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen
+Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt
+als sie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein
+Kind oder ein Riese.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag
+etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten
+Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive
+Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit
+<a id="page-79"></a><span class="pgnum">79</span>doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst
+dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu
+phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten
+fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur
+wie im Sande vorwärts. Das macht, sie reden ohn'
+Unterbruch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf
+ein quadratmetergroßes Stück Papier und du wirst
+mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit einer
+Million Buchstaben in der gleichen Zeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches
+(dieser im Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren
+entscheidenden Schritt. Der Wille zur Sauberkeit,
+zur Redlichkeit feiert in ihm einen &#8212; und wie
+alles Große grausam ist &#8212; grausamen &#8212; Triumph.</p>
+
+<p>Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß,
+der unser ganzes geistiges Leben
+ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen meint, wird
+sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja
+im Großen nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung.
+Hier will ja irgend ein dumpf
+Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer Selbstschönheit&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held
+ein Held mehr. Das gefällt manchen modernen Kritikern
+und Dichtern ganz ungemein. Begeistert predigen
+sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit,
+<a id="page-80"></a><span class="pgnum">80</span>und überschütten die Welt mit dem überlegenen
+Lachen des &#8212; Kammerdieners.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir
+ist, so hat man ein Bild für den Stil des Essayisten N.
+Könnte man sein Buch wie eine Flasche schütteln,
+so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen.
+Da man es aber nicht schütteln kann, hat
+man ein dickes und schwerfälliges Getränk vor sich
+mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk,
+nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte
+Kefir, aber weniger angenehm genießbar als der geschüttelte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein
+Buch ist chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und
+du wirst wiederbetastet werden, es wird sich die Erscheinung
+seines Verfassers auf und in die deine dechiffrieren,
+als telegraphierte er dir mit unsichtbaren
+Fingern durch die Stirn.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in
+sich hinein: die überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen
+Absätze, den Sperrdruck.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben
+hat, sondern dieses Menschenmysterium selbst,
+ebenso wie das Musikstück, das ich heut abend von
+dem Nachbarhause herüberklingen hörte, kein Musikstück
+von Beethoven war, sondern das Mysterium
+Beethoven selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-81"></a><span class="pgnum">81</span>Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die
+unmittelbare. Die meisten Leser spüren nur die mittelbare.
+Darum bleiben auch so viele Bücher Druckerschwärze
+auf Papier. Und doch offenbart auch noch
+das schlechteste Buch seinen Vater nicht bloß mittelbar,
+sondern auch unmittelbar: ihn selbst, die Persönlichkeit,
+in der Chiffre dieser Sätze unverlierbar aufbewahrt
+und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen
+ursprünglichen Kraft auf uns zu wirken.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>In der übertriebenen Abneigung gegen schlechte Übersetzungen,
+gegen Übersetzungen überhaupt, liegt eine
+gewisse Verzärteltheit. Große Originale leuchten auch
+aus unbeholfenen Reproduktionen unzerstörbar hervor.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tolstoi war ein Protest des höheren Menschen wider
+den Menschen, wie er gemeinhin heute noch ist. Tolstoi
+wollte nur ganz einfache, simple Dinge. Dinge,
+die sich eigentlich von selbst verstehen, &#8212; für jeden
+anständigen Menschen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man fordert von Tolstoi Märtyrertum. Man sagt:
+Lebe wie Franziskus, stirb wie Christus. Nun, er hat
+sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates dargeboten: &#8212; &#8218;nehmt
+mich und führt mich hin wie
+jene armen Opfer, legt den eingeseiften Strick um
+meinen alten Hals&nbsp;&#8230;&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der große Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier,
+was nicht ausschließt, daß der große auch einmal klein
+und der kleine groß, d.h. ein Stilist sein kann.
+<a id="page-82"></a><span class="pgnum">82</span>Maeterlinck &#8212; oder ein versetzter Konditor.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In diesen Erzählungen von Liebe sehe ich immer nur
+eines: die Liebe als Selbstpreis. Selten oder nie, daß
+diese Menschen durch ihre Liebe zu einander<i> wachsen</i>
+wollen, daß sie sich über sich hinaus lieben. Daher
+denn auch die Übersättigung, ja der Ekel, der einen
+nach und vor derlei erfaßt, ein Verlangen, es möchte
+doch auch hier endlich eine neue Optik Platz greifen,
+eine tiefere, religiösere Betrachtung des Liebeslebens.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit
+hier und dort über den Eckermann geredet wird.
+Immer ist ein halb mitleidiges Lächeln dabei, gleich
+als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur,
+der es jeder seiner gönnerhaften Bespotter unvergleichlich
+zuvorgetan haben würde. Man hängt sich an die
+Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht,
+daß er oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen,
+man wirft ihm eigene Unbedeutendheit vor
+und übersieht die Fülle feiner Beobachtungen und
+Bemerkungen, die anmutigen Berichte über seine Liebhabereien,
+den langen Brief aus Genf und überall den
+Sinn und Takt fürs Wesentliche, der uns niemals mit
+Tagesgeschwätz langweilt, sondern ihn fortwährend
+bei der Würde seiner einzigartigen Aufgabe festhält.</p>
+
+<p>Laß sie sich immer überheben, würde Goethe selbst
+sagen, soviel ist gewiß, daß ihrer keiner mich vermocht
+hätte, mein inneres Leben so munter und lebendig
+vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der
+wohl nicht groß war im Sinne schöpferischer Kraft,
+aber in seinen Maßen ein ganzer Kerl, ein Vorbild,
+<a id="page-83"></a><span class="pgnum">83</span>allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung
+wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende
+Kraft nur unvollkommen gewährt hat, im produktiven
+Empfangen seiner Höhe zustreben müssen und ihm
+damit wohl ebenso nahe kommen mögen, wie unsereins
+mit seinen stärkeren Mitteln und glücklicheren Voraussetzungen.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>In aller Literatur von heute muß man dem Seelischen
+nachspüren. Was der Geist heute hinzutut, hat nicht
+allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl selten auf
+einer bescheideneren Stufe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manchen Menschen würden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen,
+und zu Mundwassern, Seife, Thermosflaschen,
+Petroleumöfen usw. beigepackte Erklärungen
+und Referate für lebenslängliche Lektüre völlig genügen.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren
+Zeit den literarischen Jargon hinaus und man
+wird viel gewonnen haben.</p>
+
+<p>Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise
+die humanistische Ablehnung der Bibel, als einer
+Gefahr für den klassischen Stil.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An &#8218;Geist&#8216; fehlt es heute so wenig, daß man ihm
+aus dem Wege gehen muß, um nicht vom Überdruß
+erfaßt zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat
+etwas von einem Variété, darin Athleten, Jongleure,
+<a id="page-84"></a><span class="pgnum">84</span>Akrobaten auftreten. Eine Zeit, die den intellektuellen
+Biceps so eifrig und coram publico übt und spielen
+läßt, erfüllt damit gewiß eine bestimmte bedeutende
+Aufgabe, aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde
+von niemandem gewünschtes Massenangebot bloßer
+Kunstfertigkeit destruktiv.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewußt
+wäre, die in seine Hand gegeben ist, würde
+ein ungeheures Verantwortlichkeitsgefühl ihn eher
+lähmen als beflügeln. Auch das Bescheidenste, was
+er veröffentlicht, ist Same, den er streut und der in
+andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Entwurf für ein Vorwort zu: &#8218;Wir fanden einen
+Pfad&#8216;. Man glaubt, es komme in neuen Dichtungen
+vor allem darauf an, daß sie gewissen vertrauten
+Empfindungen und Vorstellungen genügen, ja schmeicheln.
+Nun ist ja z.B. das, was wir Deutsche unter
+einem Liede verstehen, etwas ungemein Liebliches
+und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der
+reinen Musik, sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt,
+den Wagner bedeutet, Rückschritt nennen,
+werden für ein wirklich gelungenes Lied&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>Aber diese so sehr verständlichen und sympathischen
+Menschen sind in diesem Punkte Träumer und Liebhaber,
+an denen die Entwickelung sacht aber entschieden
+vorbeigehen muß. Es geht nicht an, bei
+einmal gewonnenen schönen Dingen versunken stehen
+zu bleiben und, weil sie dem viel angefochtenen Herzen
+so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu
+<a id="page-85"></a><span class="pgnum">85</span>fordern; als wollte einer bloß von Blüten wissen und
+das weitere Werden der Frucht nur so mit in den
+Kauf nehmen. Gewiß, ein ewiger Frühling wäre ein
+holder Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt,
+als welche ganz anderen Zielen denn unschuldigem
+Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst,
+deren Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich
+weiter tastet, die dem wahrhaft Neuen, das in unsere
+Zeit hereinfließt (nicht<i> dem</i> Neuen freilich, das in
+Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben
+besteht) sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder
+von den &#8218;Neutönern&#8216; akklamiert, noch auch zu guter
+alter Kunst gerechnet werden will, ja auch nicht zu
+&#8218;guter Kunst&#8216;, &#8212; denn in diesem &#8218;gut&#8216; verbirgt sich
+hier nichts weiter als &#8218;das, was wir lieben&#8216;, und
+eben das liebt diese Kunst nicht mehr.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Bekämpfung der Schundliteratur sollte die von
+fratzenhaften Reklamebildern zur Seite treten. Nur
+die große Trägheit in solchen Dingen nimmt hin,
+was hier täglich auf Plakaten und in der Presse vor
+Augen zu rücken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen,
+schädlichen Wirkung solcher Zerrbilder
+auf jede, besonders aber auf jede jugendliche Seele.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische
+Verhältnisse zu schaffen. Sollte es anders
+sein mit der Menschheit, die sich fortwährend im
+Zustande der Mutterschaft befindet?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sollten gewisse Bücher mehrmals lesen, ehe wir
+darüber sprechen. Etwa einmal im Winter, einmal
+<a id="page-86"></a><span class="pgnum">86</span>im Sommer &#8212; und manche in noch ganz anderen
+Intervallen. Was wir dann über sie zu sagen hätten,
+würde vermutlich ebensovielmal besser sein&nbsp;&#8230; Und
+uns selbst würde solche Selbstzucht nicht nur zu
+besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen
+machen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Über jedem guten Buche muß das Gesicht des Lesers
+von Zeit zu Zeit hell werden. Die Sonne innerer
+Heiterkeit muß sich zuweilen von Seele zu Seele
+grüßen, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in
+Ordnung.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere
+Liebe noch steigern: die zu &#8212; Dostojewski.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu
+nehmen, als daß, sagen wir, heute jedermann Kakao
+trinken kann, während es früher nur die Reichen
+konnten.</p>
+
+
+<h3 id="special">Nietzsche</h3>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen
+wie mich, als Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein
+Wühlen im Schmerz meines eigenen Unwerts.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft
+ehrwürdigen<i> Bescheidenheit</i> und einer Frömmigkeit
+zur Kultur anfänglich immer sagt: Möchten
+andere es besser machen als ich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-87"></a><span class="pgnum">87</span>Ein ganzes Leben in Denken aufgelöst, im Wort sichtbar
+geworden, strömt vor unsern Augen, aus geheimnisvollen
+Gründen hervorbrechend, in undurchdringliches
+Dunkel sich verlierend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Also sprach Zarathustra!&#8216; &#8212; wie? wenn dieser Kehrreim
+mit einem gewissen Auguren-Lächeln gelesen
+und geschmeckt werden müßte. Wenn er eine feine
+Parodie auf jene Schlußphrasen wäre, womit noch
+jeder ethische Neuerer bisher seine Sätze gesiegelt,
+ein anderes &#8218;Amen! Amen!&#8216;, eine Schluß- und
+Banngeberde, feierlicher Schauer voll für den Gläubigen,
+für den Auguren aber nur ein Lächeln
+mehr&nbsp;&#8230; Wie beginnt doch die fröhliche Wissenschaft?&nbsp;&#8230;</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das
+Ziel der Menschheit liegt.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Wer mit Nietzsche denkt, &#8218;widerspricht&#8216; sich auch
+mit Nietzsche. Wer sich an seinen &#8218;Widersprüchen&#8216;
+stößt, hat nie mit ihm<i> gedacht</i> (noch mehr:<i> gefühlt</i>) &#8212; ist
+nie mit ihm geflogen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert
+schließlich ein Maß von Intellekt, nichts weiter. Einen
+leidenschaftlichen Wegsucher aber wie Nietzsche
+begreift man nicht bloß als kluger Kopf; man
+muß ihm noch obendrein ein bißchen &#8212; verwandt
+sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-88"></a><span class="pgnum">88</span>Gewiß, es gibt Züge, die ich Nietzsche, dem Menschen,
+verarge &#8212; aus Liebe. Nur kleine Züge, aber
+ich verstehe sie nicht an ihm &#8212; oder vielmehr: ich
+würdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche
+dieser Geist getaucht wurde, als er unter der Last
+seiner Gedanken, seiner Einsamkeit und seiner Krankheit
+zugleich, ein ebenso furchtbares wie großes
+Menschenopfer, zusammenbrach.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Also sprach Zarathustra&#8216; &#8212; Nietzsche selbst hätte
+diesen Titel und diesen Refrain in früheren Jahren
+streng abgelehnt. Es ist die Tragik dieses Buches,
+manchmal nicht mehr gefaßt und katonisch genug zu
+sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ad Zarathustra &#8212; Vorrede.</p>
+
+<p>1. Wo gäbe es einen größeren tieferen Prolog eines
+Schicksals! Wo ist das Gleichnis und die Anrufung,
+diesem Bilde und diesem Gebet an Würde, Heiterkeit
+und Tiefe gleich?</p>
+
+<p>2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg
+zur Wendepunkt-Wahrheit aller irdischen Kultur.
+Man kann hundertmal über diese Schlußworte hinweggesprungen
+zu sein meinen, bis man eines Tages
+erkennt, daß sie ein Berg sind, den man vielleicht nie
+ganz erklettern wird und von dem aus Zarathustra die
+Wasser gen Osten und gen Westen hat fließen sehn.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Es wird mir immer gewisser, daß Nietzsche überall da
+versagt, wo er sich bewußt oder unbewußt der Eitelkeit
+seines Geistes hingegeben hat. Hätte er diesen
+<a id="page-89"></a><span class="pgnum">89</span>polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stände oft
+noch viel größer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch
+für einen Denker, als sich seinem Volk gegenüber als
+Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn einer Denker
+geworden ist, das heißt ein Mensch, dem das
+Nachdenken über menschliche Probleme zur inneren
+Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden ist, so ist
+er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken
+mitzuteilen.</p>
+
+<p>Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein<i> Kämpfer</i>.
+Er war ein Weiser aus der Kriegerkaste, nicht aus der
+der Priester.</p>
+
+<p>Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens
+auch noch die Milde der Weisheit ausgeströmt, nach
+ihren Blitzen auch ihre Wärme.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer
+Größe eines der schlechtesten Bücher, die es gibt.
+Er ist weder ein Volksbuch noch ein Buch für Verwöhnte
+und Einsame, es ist ein Mischmasch von
+Grandiosem und Banalem, inhaltlich wie im Vortrag.
+Ein Vordrängen, ein Aufdrängen persönlicher Stimmungen,
+ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren
+&#8218;kategorische Erledigung&#8216; immer nur eine &#8218;niaiserie&#8216;
+bleibt, ein Spiel mit dichterischen Bildern und Gleichnissen,
+das oft groß und tragisch, öfter noch fast unbeherrscht
+und geschwätzig wirkt. Ein Buch, das nur
+durch Reduktion seiner Reden auf etwa 12&ndash;20 zu
+dem klassischen zu machen wäre, was es zu sein
+wünscht.</p>
+
+<p>Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm,
+deinem Größten, gelastet.</p>
+
+
+<h3><a id="page-90"></a><span class="pgnum">90</span>1907</h3>
+
+<p>Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man
+halte ihren biologisch-ethischen Grundgedanken sowie
+die Lehre vom Übermenschen gegen Kants kategorischen
+Imperativ, und sie werden ihm an ideeller Großartigkeit
+nichts nachgeben und als leidenschaftlicher
+Appell an die menschliche Armee in demselben Verhältnis
+zu ihm stehen, wie zum einfachen &#8218;ich erwarte,
+daß heute jeder seine Pflicht tut&#8216; das grandiose &#8218;Soldaten,
+vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war
+(soweit man sich so ausdrücken darf). Sobald er sich
+ins Schlepptau nehmen ließ, wurde er ein Schriftsteller
+unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster.
+Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch
+mehr mitgeregt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann damit nichts anfangen, &#8212; Nietzsche sei vor
+allem ein großer Künstler, ein großer Stilist, Artist
+gewesen. Was heißt das, vor allem. Was macht denn
+den großen Stil, wenn nicht der Mensch von überragendem
+Rang, der geborene Führer und Schöpfer?
+Und wo Nietzsche das nicht war &#8212; und er vergaß
+manchmal seinen Rang und führte weder noch schuf &#8212; da
+taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein
+Manierist seiner selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: &#8212; Geistige
+Austern.
+<a id="page-91"></a><span class="pgnum">91</span>Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen
+und aus zehn Büchern &#8212; verkennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die
+napoleonische Natur deshalb vor allem geliebt, weil er
+selbst keine gewesen sei. Herr Müller also ist ein Napoleon,
+weil er die Napoleons &#8212; nicht liebt.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen
+Erkenntnismitteln den Menschen nicht verstehen.
+Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er ward
+damit der letzte große deutsche Philosoph &#8212; ante
+Christum natum. Er war, um in seiner Manier zu
+reden, der letzte &#8212; Ante-Christ.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen
+Bildungsphilisters als tragischer zu sterben.
+Nietzsche starb an der &#8218;Bildung&#8216;. Und mit ihm werden
+alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu zittern wissen,
+die nur an seinen Geist glauben.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind,
+das versteht sich von selbst. Aber das, worauf es heute,
+wie immer, ankommt, ist, wer da spricht und was &#8212; nicht
+nur wie &#8212; gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht
+einer unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in
+höherem Sinne unfruchtbar. Ich wäge meine Worte,
+<a id="page-92"></a><span class="pgnum">92</span>denn wenn je einer, habe ich Nietzsche<i> erlebt</i>. Und
+nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch,
+worin er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner
+Größe als Mensch; nicht in der, ach nur allzu zeitgemäßen,
+Art seiner Philosophie. Die war Abendröte,
+nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet,
+der wandelt in die &#8212; Nacht.</p>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-93"></a><span class="pgnum">93</span>Theater</h2>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Wer sich mit der Materie einläßt, wird von ihr erschlagen.
+(Zu R.'s Dekorationskampf.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die
+kunstrichtenden, sondern schlechtweg die richtenden
+Geister.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler
+aus seinen Worten machen wird. Er mag sie so einfach
+setzen, wie er will &#8212; dieser wird sie vielleicht
+ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren
+feinsten Gehalt verändern; er mag sie so leidenschaftlich
+gemeint haben, wie er mag, dieser wird vielleicht
+nie im Leben bis zur Schwelle wahrer innerlicher
+Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der
+Räuberkünstler par excellence. Aber oft auch ist der
+Räuber größer als der Beraubte und der Schatz des
+Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn erschlug,
+damit zu abenteuern beginnt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich mir für mein
+Studierzimmer zunächst einen riesigen Spiegel anschaffen.
+Vor ihm würde ich täglich mindestens zwei Stunden
+verbringen und meinem Körper eine Geschmeidigkeit
+anzüchten, die mir später gestattete, auch die
+leiseste Gemütsbewegung in unwillkürliche Sichtbarkeit
+umzusetzen. Ich würde mich dabei nicht in malerische
+oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich
+würde die Seele ganz allein Herr sein lassen und ihr,
+ihr allein, meine Glieder dienstbar machen. Unmittelbare
+<a id="page-94"></a><span class="pgnum">94</span>Übertragung dessen, was mich bewegte, wäre
+mein Ziel, so daß man nicht einen Körper und einen
+Geist zu sehen vermeinen sollte, sondern nur eins.
+Ich würde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck
+meines Innenlebens haben wollen, aber freilich
+die Art meines Innenlebens wäre bereits der Stil, den
+ich will. Er wäre, meiner Natur entsprechend, zugleich
+lebhaft und maßvoll. Er wäre, wie ich hoffen
+dürfte eindringlich, nicht aufdringlich. (Ich rede hier
+fast lediglich von der Darstellung moderner Menschen.)
+Des weiteren würde ich folgendes tun: Ich
+würde mich nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende
+Person zu verwandeln suchen. Ich würde
+wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen,
+das heißt in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen
+Gehaben, mit ihrem Charakter, ihren Gewohnheiten.
+Dazu gehört allerdings eine eiserne Natur, aber des
+Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, daß er
+sich wie ein Krieger mit allem nur möglichen Raffinement
+wider das Zerstörende seines Berufes wappnen
+kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf
+ums Ziel und nicht zum Behagen. Hätte ich pathologische
+oder Verbrechernaturen darzustellen, so würde
+ich, wie Hermann Müller es gelegentlich tut, Irrenhäuser,
+und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl
+machte, Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer
+sollen sich wochenlang in Dörfern aufgehalten haben,
+bevor sie ein Stück mit Bauern spielten. Das nenne
+ich, auf die Eroberung des Andern, das wir nicht
+sind, aber der Kunst halber einmal sein wollen, losgehen;
+das möchte ich vielleicht mit dem Namen
+praktischer Dualismus bezeichnen.</p>
+
+<p><a id="page-95"></a><span class="pgnum">95</span>Mag sein, daß ich nichts von alledem täte, wenn
+ich Schauspieler wäre, das heißt natürlich auch meiner
+ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim,
+Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin,
+glaube ich, ich würde das tun, wenn ich das
+wäre.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Man mag das Wort &#8218;Schmiere&#8216; zu seiner Bildung
+zum Theaterkritiker brauchen, aber es wird von wahrer
+Urbanität zeugen, wenn man es später jemals wieder
+zu brauchen &#8212; ablehnt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen
+Schaffenden im Sinne eines Schöpfers zu nennen, so soll
+man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott wird dann
+schon einmal zu ihm sagen: &#8218;Schaffe eine Maus,&#8216; &#8212; &#8218;O
+nein,&#8216; wird der Kritiker antworten, &#8218;so ist nicht
+die Gabe meines Schaffens. Gib mir ein Nashorn oder
+ein Känguruh, so will ich dir sagen, was ich daran
+falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst
+werde ich noch manches zum Thema sagen, was
+vielleicht interessanter ist als das ganze Känguruh
+oder das ganze Nashorn,&#8216; &#8212; &#8218;Ja, ja,&#8216; wird der liebe
+Gott sagen, &#8218;das mag wohl sein, aber wenn ich
+nun so klug gewesen wäre wie du &#8212; was hätte ich
+dann wohl anfangen sollen? Wie hätte ich die Welt
+wohl aus mir heraussetzen sollen, wenn ich erst
+etwas bereits Herausgesetztes hätte vorfinden müssen,
+um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrückt,
+um daran in deiner Weise schöpferisch zu
+werden?&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-96"></a><span class="pgnum">96</span>Wenn einer vorliest! was denkst, was fühlst du da
+alles!&nbsp;&#8230; aber weil du (auch) zuhörst, so wirst du ein
+Zuhörer geheißen. Als ob dich das erschöpfen könnte:
+&#8222;der &#8218;Zuhörer&#8216; war ganz ergriffen&#8220; &#8212; O gewiß, aber
+vielleicht nicht bloß als Zuhörer.</p>
+
+<p>Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr
+an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand
+zu dir gesagt hat: &#8218;Das also hast du vor, diesen Weg
+willst du gehen!&#8216;&nbsp;.. Aber das kümmert den wenig,
+der vorliest. Er &#8218;liest vor&#8216; und du &#8218;hörst&#8216; zu. Ich
+möchte, daß du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn
+man dich beispielsweise im Theater einfach als &#8218;Zuschauer&#8216;
+bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust
+freilich (auch) zu, aber daneben &#8212; was ist alles daneben
+noch möglich &#8212; was begibt sich alles in dir noch daneben.
+Wir sollten uns alle wider den Bann solcher
+Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine
+starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor,
+aber die Maske ist nur suggeriert &#8212; erwachen wir
+doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht
+Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, nämlich
+durch keine Bezeichnung zu erschöpfende Wesen
+sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben
+dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben
+kann, und nicht nur, was ein &#8218;Zuschauer&#8216; erleben
+darf. Aber wir sind so über und über im Bann von
+Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen
+zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu
+denken wagen, und nach einem innerlich noch so
+reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen
+Abend reden zu müssen glauben, weil wir als &#8218;Zuschauer&#8216;
+nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. &#8212;</p>
+
+
+<h3><a id="page-97"></a><span class="pgnum">97</span>1908</h3>
+
+<p>Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.</p>
+
+<p>Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem
+Zauber der Russen &#8212; und nicht nur Stanislawskis &#8212; nicht
+widerstehen können, warum wohl? Weil von
+den Russen das ausging, was in den Deutschen heute
+höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres
+ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander,
+zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene,
+uneingestandene aber selbstverständliche
+Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens daß man
+noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die letzte
+Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch
+wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht
+mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien
+aufeinander loshackten, sondern verstehend
+und liebend einander zu fördern, einander zu steigern,
+einander zu vervollkommnen suchten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von
+Großem, wie es sein müßte, zu reden, als im Gegebenen
+sich zu bescheiden und die großen Faktoren
+sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um
+einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr
+guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in
+Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just
+in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein
+möchte, auf seine Rechnung zu kommen scheint.
+Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange
+nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol
+Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun,
+ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen möglichen
+<a id="page-98"></a><span class="pgnum">98</span>Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige
+und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen
+fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres
+Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist,
+weil die persönliche innere Beziehung einfach
+nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend
+einem Clichéausdruck wie Schmierenkomödianten abtun
+würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen
+braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten
+der Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der
+verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer
+Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch
+irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber
+ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter
+Außenseiter bin und daß der Berufsmensch
+wohl unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten,
+das ist des Einäugigen, des Monophthalmoden, verfällt.
+Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet, sieht
+er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit
+bis in den Urgrund der Welt hineinreichende
+Plastik ist, auch dies, auch diese Bühnenmenschheit
+da droben.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Wie kann man einem Schauspieler &#8218;die Wahrheit
+sagen&#8216; und zugleich den Menschen in ihm respektieren?
+Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen,
+Steine, Tiere &#8212; ist der Mensch der Liebe weniger
+würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder
+ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto
+mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler
+durch und durch sieht, er auch weniger und weniger
+<a id="page-99"></a><span class="pgnum">99</span>imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man
+braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene
+Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast
+wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren,
+wenn man nicht zugleich den ganzen Geist
+der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit,
+daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus
+dem Zusammenhange herauspflücken und für sich
+allein lösen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-100"></a><span class="pgnum">100</span>Sprache</h2>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Ein &#8218;Wort&#8216; ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen
+Beziehungen mit einem Griff zusammen und
+ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die
+Erde trocken und hart &#8212; die Kugel bleibt als
+rotes drastisches Ganzes, aber die millionen Teilchen,
+daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung
+über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die
+völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt
+begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres
+Weltbegriffes überhaupt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles
+Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig
+machen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Charleytantismus der Bühne.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Ein Diletalent.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen
+Willensrichtungen entsprächen: z.B. Die Fortsetzung
+davon &lt;: (in dem Sinne von: Die Fortsetzung
+davon<i> müßte sein</i>), als Optativzeichen = (man)
+<a id="page-101"></a><span class="pgnum">101</span>müßte, sollte haben, sein usw. Die Umkehrung :&gt; =
+dürfte<i> nicht</i> sein, sollte<i> nicht</i> sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit
+nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerklüftete
+Wirklichkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Ausdruck &#8218;Lieber Gott&#8216;, über den schon Nietzsche
+spottet, mußte in der Tat dem Deutschen zu erfinden
+aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal
+aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die
+unaussprechliche Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit
+des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen höchster Personifikation
+das vertrauliche Wörtchen &#8218;lieb&#8216; voransetzt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der
+Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist
+vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die
+vornehmste Aufgabe der Zukunft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter
+Schönheit und Vornehmheit, die nur zwischen
+dem fremden Sie und dem vertrauten Du möglich
+sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden
+Liebe, wo das Herz schon Du sagt und
+der Mund noch Sie.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>&#8218;Ewiger&#8216; Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes
+Wort! Lassen wir es ja stehen, der Wissenschaft zum
+Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre.
+<a id="page-102"></a><span class="pgnum">102</span>Gestorbenes Wort: Zufall.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher
+schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das tränensäcksische <b>a</b>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben
+wir nicht mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst,
+herzlichst und schönst. Schließen wir nicht mit tausend
+Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief,
+der den Namen verdient, ist doch an sich schon der
+Gruß. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich &#8212; ich
+rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel
+unter Männern &#8212;; wenn ich schreibe: ich umarme
+Dich, so male ich damit ein Bild, so wird durch die
+Niederschrift aus einer im Leben spontanen Handlung
+eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade
+in Herzenssachen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil
+die Rede beständig zwischen Sichgehenlassen und
+Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet
+damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum
+der Stimmungswiedergabe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur.
+Man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche
+<a id="page-103"></a><span class="pgnum">103</span>setzen; denn es ist überkommen, nicht
+im Augenblick des Entstehens geboren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so
+und so oft auch nichts andres als &#8212; bellen, gackern,
+krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal die Tischgespräche
+einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der
+Kellner, der Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz,
+was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken,
+Schlafen oder irgend eine sonstige einfache Lebensäußerung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern
+leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch
+eine Menge Anerkennendes zu sagen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker
+hundertmal geheiligte Wörter, welche die modische
+Abneigung der &#8218;Jetztzeit&#8216; ertragen können.<i> Derselbe</i>,
+dagegen sich heute der überlegene Spott noch
+des armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter
+und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher
+Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher
+Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen
+Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß
+just dieses derselbe in Mundarten &#8212; man denke an
+z.B. selch, sell, dersöll &#8212; ein höchst lebendiges Dasein
+führt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist nur ein Wort für &#8218;sich&#8216;. Das Tier hat keines
+dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie
+Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott.
+<a id="page-104"></a><span class="pgnum">104</span>Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel.
+Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch
+irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der
+Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr. Er
+kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens,
+daß Wissen Unmöglichkeit ist. &#8218;Wissen&#8216; ist so
+gut eine Spielmünze, wie &#8218;sein&#8216;, wie &#8218;Unmöglichkeit&#8216;
+wie &#8218;Sprache&#8216;, wie &#8218;außerhalb&#8216;. Es ist dafür gesorgt, daß
+wir die &#8218;Welt&#8216; nicht in die Luft sprengen. Ich nenne
+diese widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher,
+nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal bei mir: die
+Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes würdig.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Er gibt Frieden&#8216; (schreibt Amiel) &#8218;und das Gefühl
+des Unendlichen,&#8216; Welche Zusammenstellung, nur
+daraus erklärlich, daß der Begriff des Unendlichen
+noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte
+lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne
+je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu
+sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur solange
+gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht
+völlig zu Ende gedacht wird. Wer &#8218;Gott&#8216; siehet, stirbt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem
+Kork der Sprache.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt
+in perpetuum.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise
+ist, daß nun auch die Worte alle &#8218;gleich&#8216; gewertet
+werden.</p>
+
+<p><a id="page-105"></a><span class="pgnum">105</span>Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es
+gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum
+für sich und nicht einmal demselben &#8212; vor oder nachher
+geborenen &#8212; Wort desselben Mundes, desselben
+Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich
+glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so
+kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und
+der andre hörte: Schneehaufen.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Die gleichen Worte sind einander<i> nicht</i> gleich. Es
+gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro &#8212; cessus.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede
+Gleichung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern
+jedes Wort ist von vornherein ein &#8212; höchst individuelles
+&#8212;<i> Urteil</i>. Man glaubt, a sei gleich a. Eine
+vollkommene Ungeheuerlichkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die
+Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie
+der schlichteste Sinn bei uns als &#8212; Mutter empfinden
+darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all
+unsere ewigen &#8212; Mütter schauen und verehren dürfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In dem lateinischen Wörtchen &#8218;duo&#8216; ist nur das
+deutsche Du sichtbar enthalten; das &#8218;Ich&#8216; ruht unsichtbar
+und doch ewig lebendig darin, wie unter
+Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden
+Du.
+<a id="page-106"></a><span class="pgnum">106</span>Wer konversiert, der<i> spricht</i> nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zitate sind Eis für jede Stimmung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Impressionismus &#8212; Eindrucktum.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Groß betrachtet ist alles Gespräch nur &#8212; Selbstgespräch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken
+zu wollen! Man ist ja &#8212; diese Worte
+selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite &#8218;die
+die&#8216; lese, so kann mir schon übel werden. Wozu hat
+der liebe Gott das schöne Wort &#8218;welche&#8216; geschaffen?
+Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit
+von welcher und derselbe!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und
+Norwegisch!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie ist jede &#8212; aber auch jede &#8212; Sprache schön, wenn
+in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und
+Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener
+Gedanken, ein &#8218;Mitesser&#8216; im Zellengewebe des
+Denkers.</p>
+
+<p><a id="page-107"></a><span class="pgnum">107</span>Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck.
+Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht
+sein einziger Sinn.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung
+zur Höherentwickelung. Die Sprache ist
+unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die
+unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig
+weiter hineintragen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mit jedem Worte wachsen wir.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann
+(der Menschheit) für immer.</p>
+
+<p>Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur
+Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder
+hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder
+Tonelementen wieder zu<i> schaffen</i>. Beseelen
+heißt schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe
+ein nicht wieder geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler
+tot.</p>
+
+<p>Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene.
+Landschaft. Musik. Ganze Welten von Schöpfungen
+erheben sich, indem wir sie lesen.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>A.</p>
+
+<p>Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie
+in Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen
+zu modernisieren. Die Bedeutung der in den Sprachen
+aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschätzen.
+Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische
+<a id="page-108"></a><span class="pgnum">108</span><span class="greek">&#952;&#951;&#961;</span> dabei als reiner Unterton mitklingt, wenn
+ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte
+mich an sich mahnen darf (nicht muß), so ist das etwas
+Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns
+nicht mutwillig berauben sollten. Daß denen, die von
+der Antike nie berührt wurden, damit unnötiger Buchstabenballast
+aufgeladen wird, kann meiner Ansicht
+nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen
+Dingen den geistigen Menschen einer Nation und
+nicht den andern zunächst ihr Recht zu wahren
+ist.</p>
+
+<p>B.</p>
+
+<p>Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem
+Geistigeren ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten,
+wenn dadurch Unzähligen wohlgetan und genützt
+wird. Du läufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu
+groß und tief dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als
+Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort
+Liebhaber hier gemeint ist. Möchten wir doch alle
+mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf
+unsere eigene Geschmacksbefriedigung auszugehn,
+möchten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen
+Allüren überwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte
+ersetzen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Rückschritt im Alphabet der Buchstaben von R
+zu K kann einen Fortschritt im Alphabet der Moral
+bedeuten: Starr &#8212; stark.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-109"></a><span class="pgnum">109</span>Wie sich in der Wortzusammensetzung &#8218;Heilsarmee&#8216;
+für den Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte
+mit einem seiner weltlichsten Fremdwörter verbindet,
+erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Göttliches
+mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort
+ebenso als Fremd-Wort empfunden werden
+kann (obzwar nicht muß), wie das Wort Armee vor
+dem Geist unserer Sprache.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen
+schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten
+wie mit Schlagringen zuschlagen.</p>
+
+<p>Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird
+bis in die höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und
+hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als Zöpfchen
+hinten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als
+mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den
+Begriff des Schlagworts fällt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage
+gegen gewisse Worte wie sittlich, vollkommen, edel,
+die Animosität dessen, dem sie irgend einmal gründlich
+verleidet worden sind. Das sollte nicht sein.
+Königliche Begriffe können nie von ihrem Glanze
+verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint,
+wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer
+bemächtigt hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht
+genug treue Diener, Berater und Leiter gewesen
+sind?</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-110"></a><span class="pgnum">110</span>In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine
+Gefahr für den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt
+vom persönlichsten Verkehr wie von dem mit der
+Öffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche
+immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht
+so sehr beim Namen, als vielmehr bei irgend einem
+Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie kurzweilig,
+öfter aber demoralisieren sie, und ob auch nur um
+einen Schatten, sich wie den andern.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Alles Schwätzen hat zur Grundlage die Unwissenheit
+um Sinn und Wert des einzelnen Wortes. Für den
+Schwätzer ist die Sprache etwas Verschwommenes.
+Aber sie gibt's ihm genugsam zurück: dem &#8218;Verschwommenen&#8216;,
+dem &#8218;Schwimmer&#8216;.</p>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-111"></a><span class="pgnum">111</span>Politisches Soziales</h2>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem
+sie sich mehr abschließen und begrenzen soll, und
+vergißt, daß gerade das Unbegrenztseinwollen, das über
+engen Nationalitätsschranken stehen wollen ihre Haupteigentümlichkeit
+ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß eine Operette wie den &#8218;Rastelbinder&#8216; von
+Lehar hören, und zwar in einem jubelnden Theater, &#8212; um
+alle &#8218;modernen Ideen&#8216; als Sentimentalität zu
+verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man
+sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen.</p>
+
+<p>Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer
+in solch ein Theater führen und nachdem die Zwerchfelle
+und Tränensäcke nach Schluß des ersten Aktes
+zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das
+soll &#8212; regieren?</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>In Arco:</p>
+
+<p>Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern
+die Luft in Pacht.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die
+Menschen verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen.
+Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir
+zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tränen
+rühren können, wie die Steinzäune des Tessin&nbsp;&#8230;</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen
+<a id="page-112"></a><span class="pgnum">112</span>Münze ebenbürtige Geldstück, das wir haben.
+Weshalb wir ihn auch als &#8218;unpraktisch&#8216; abschaffen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens
+Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden
+und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo
+es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg
+ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an
+sich. Menzel sollte eine religiöse Formel für die Preußen
+werden. Denn was leistet damit der Preuße: Die
+ganze<i> Vorarbeit</i> des schrankenlosen und höchsten
+Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles,
+was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von
+fünf mögen &#8218;preußisch&#8216; genannt werden. Preußen,
+wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der<i> Zucht</i>. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er
+es immer gewesen.</p>
+
+<p>Darum soll Berlin das preußische Element in sich
+nicht abtöten, sondern steigern. Es hat es bereits zu
+sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch; es gibt
+nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen,
+fast nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle
+eine zügellose Horde von neuen Baumeistern und
+Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen
+gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg
+zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei
+ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe
+Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen
+Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn
+ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie
+wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus
+seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre,
+<a id="page-113"></a><span class="pgnum">113</span>wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem
+neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe.</p>
+
+<p>Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus
+nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen.
+Man gebe jedem Haus seine vier selbständigen Seiten
+wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer
+Mißgeburt &#8212; oder man komponiere ganze Stadtteile
+einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man
+erhebe den Kasernenstil zur Höhe der Kunst. Man kann
+es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der
+Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem
+Mittelmäßigen langweilig wird, wird in der Hand des
+Genies zur Großartigkeit. Man räume nur mit diesem
+sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(Staat, Stil, Sittlichkeit)</p>
+
+<p>Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur
+Pedanterie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche
+schneller mit seiner Arbeit vorwärts als der
+Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere
+zu sein braucht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar
+werden, wenn er sich entschließt, neuen Adel aus sich
+zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden sind nur
+durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel
+ist selbst das schönste Ding der Erde.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir
+immer kindlicher. Ein einziger wirklicher Mensch
+<a id="page-114"></a><span class="pgnum">114</span>würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel
+ließe sich da<i> individualisieren</i>!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die
+Krankenhäuser gingen. Eine gute Anekdote ist ein
+wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender
+müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen
+Landedelmann hörte, der sich nicht genug wundern
+konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang Prosa
+gesprochen hätte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen
+Friedens: England. Mit ihm ist nicht zu paktieren;
+darum muß es isoliert werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine der schönsten und symptomatischesten russischen
+Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze
+Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fräulein,
+gnädige Frau.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist,
+der Deutsche (auch Ibsen, der ja aber deutsch) mehr
+die zum Leben, wie es sein sollte, könnte, müßte.
+Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden
+Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche
+in diesem unausrottbaren Trachten über den &#8218;Tag&#8216;
+und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang
+ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er
+beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine &#8218;Geistesheroen&#8216;,
+<a id="page-115"></a><span class="pgnum">115</span>die doch fast immer nur im Gegensatz zu
+ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen
+Vorteil bedacht wie der Nachbar.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch
+viel mehr römischen Geist im Leibe. Das Haupthindernis
+für uns, unsere &#8218;Seele&#8216; zu entdecken, ist,
+daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß
+alles, was wir von uns aussagen, auch ins Lateinische
+übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht
+des römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen
+Rußlands, der ersten rücksichtslos modernen
+Rasse.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die sozialistische Lehre &#8212; das Brot der Armen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern
+aufpassen. Und Faulenzer werden nicht geduldet,
+dulden sich selber nicht. Wer aber will vorher wissen,
+wer ein Faulenzer und wer ein &#8212; Schwangerer ist?
+Man würde den Schwangeren samt dem Faulenzer
+verurteilen und damit das Beste der Erde: das stille,
+langsame Reifen neuer Gedanken.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten
+zur Herrschaft gekommen sein werden, dann fängt
+das Blut überhaupt erst<i> an</i>, zu fließen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr
+Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als &#8212; Selbstmord.
+<a id="page-116"></a><span class="pgnum">116</span>Ein Volk würde ein anderes Bild bieten, wenn es
+wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre.
+In einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das
+andere verantwortlich.</p>
+
+<p>Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man
+in unsern großen Völkerfamilien nach dem geheimen
+Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich. Was kümmert
+den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum
+der Mitbürger auf seinem Wege der Armut? Nichts.
+Aber sofort erinnert er sich dieses Mitbürgers, wenn
+seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann
+ruft er ihn auf &#8218;zum gemeinsamen Vorgehen gegen
+den gemeinsamen Feind&#8216;. Dann zieht er plötzlich
+den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten
+aus seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche
+Begeisterung wirkt ansteckend, &#8212; mein Gott,
+gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, &#8212; kurz,
+man ist kein Unmensch. Vergessen wir das
+Vergangene! Auf in den fröhlichen Krieg! Schulter
+an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens
+keine Briefe mehr geben. Man wird zwar seine sämtlichen
+Briefträger dort wiederfinden &#8212; denn der Briefträger
+kommt eo ipso in den Himmel &#8212; aber sie
+werden alle selige Engel und außer Dienst sein und
+nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage
+und Nächte.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der
+größte Jude, ist auch der größte Destruktor der
+<a id="page-117"></a><span class="pgnum">117</span>&#8218;Welt&#8216;. Spinoza ist nichts andres und wird darum
+auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner
+in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle
+andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt
+vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte
+des Geistes bisher erlebt hat. Man halte
+wider diese dämonischen Revolutionäre den Moralkritiker
+Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz
+zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten.
+In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren,
+Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm
+alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene,
+irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der
+menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen,
+überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die
+Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre
+Korrektoren, ihre bösen Gewissen.</p>
+
+<p>Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche
+Dissonieren hineinzuhorchen.</p>
+
+<p>Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker,
+ist für mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza
+war so nahe an der Mystik, wie nur ein jüdischer
+Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht.
+Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die
+Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in
+ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden.
+Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und
+Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das
+wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus
+über die &#8218;Welt&#8216; hinweg. Den Germanen aber ist
+diese &#8218;Welt&#8216; doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial,
+Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr
+<a id="page-118"></a><span class="pgnum">118</span>über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm
+sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen.
+Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß
+dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott
+eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten
+Souveränität in sich ging er hin und wirkte sein Leben
+mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um
+sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich
+und wurde so &#8218;in der Beschränkung&#8216; der &#8218;Meister&#8216;,
+als den wir ihn immer wieder erleben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel,
+das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch,
+der Geist von heute zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>For the happy fews &#8212; sollte das doch aller Weisheit
+Schlußwort zur Öffentlichkeit sein?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente
+sehe, die ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit
+und Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann
+steigt mir der Zorn auf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen,
+ja nicht ohne Grauen denken. Ich möchte lieber selbst
+ein Pole sein, um glühend an der inneren Wiedergeburt
+dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen
+dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche beiwohnen
+zu müssen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen
+wirst du's nicht gelten lassen.
+<a id="page-119"></a><span class="pgnum">119</span>Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen
+deutschen Zustände an einigen großen Gedanken
+Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie
+messen: wenn er sich unwillig von allem gegenwärtigen
+Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen
+Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am
+wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung,
+der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. &#8212; Aber
+eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege
+die Entwickelung hätte einschlagen können und welche
+sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie
+und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit
+dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
+müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft
+gehört.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Darf einem die Organisation der römischen Kirche
+keine Bewunderung einflößen &#8212; als eine der wenigen
+großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer
+vor dem andern den Hut abnimmt. &#8218;Ich nehme den
+Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.&#8216;
+Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der
+klug und &#8218;liebenswürdig&#8216; in seinem Sinne handelt,
+in der &#8218;allgemeinen Achtung&#8216; außerordentliche Grade
+erreichen läßt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine
+Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich
+<a id="page-120"></a><span class="pgnum">120</span>verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung
+des &#8218;Nächsten&#8216;. Aber wenn du neben dir einen Hund
+verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen
+mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange
+nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie
+mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten
+Not: solidarisch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus
+gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern
+und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch
+überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld
+geben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk,
+das nicht nur in Wien seine Lobredner haben
+sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem
+Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur
+etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder
+die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt,
+das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit
+weder verlangt werden darf noch will. In der
+großen Universität der täglichen Angelegenheiten,
+an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der
+ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben
+neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die
+Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des
+Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann
+übrigens wird diese Universität, nach der unser
+ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits
+unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben
+treten?</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-121"></a><span class="pgnum">121</span>Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst<i> anfangen</i>
+werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische
+Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und
+Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der
+Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte
+bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter
+antreten, Organisationen werden entstehen, an
+die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen,
+und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens
+um wichtiger Ziele willen dann stärker geworden
+sein wird, als die Lust, die heute regiert, die
+Lust zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen,
+wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder
+jene höhere Art des Genießens, des Lebensgenusses
+verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb
+Europa erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk
+allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß
+es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit
+einem &#8218;vive l'empereur&#8216; auf den Lippen zu sterben,
+als mit einem &#8218;ni Dieu ni Maitre&#8216; zu leben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus
+öffentlich quittieren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen
+Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen &#8212; bis
+man eines Tages erkennt: nein, der Krieg
+gehört vielleicht noch immer unter die tragischen
+Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer
+als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche
+<a id="page-122"></a><span class="pgnum">122</span>Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht;
+daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen
+Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß
+es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich zu gehen
+und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während
+die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen.
+Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten
+können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich
+Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar
+die Entscheidung, inwieweit Asien entscheidend war.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jede ernsthafte &#8218;Bewegung&#8216; ist tüchtig, aber Tüchtigkeit
+ist vielleicht das drittletzte, nicht das letzte
+Wort der Welt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein gewandter Dieb ist ein &#8212; teures Kunstwerk.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson
+nimmt, wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern.
+Der Mensch ist nicht nur Einzelpersönlichkeit, sondern
+zugleich Volkszelle, wie die Volkspersönlichkeit zugleich
+wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht, usf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der moderne Jude &#8212; als Denker &#8212; wird selten glauben,
+das heißt ahnend ergreifen können. Aller Gottesgedanke
+<a id="page-123"></a><span class="pgnum">123</span>könnte nämlich, so fürchtet er, doch am Ende
+nur die feinste Blüte einer großen &#8212; Dummheit sein.
+Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur
+auszusetzen, dünkt seiner mißtrauisch gewordenen
+Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den
+Mut durch das Anonyme<i> hindurch</i> zu stürmen, er
+ist eben überall kein Krieger, er möchte gern um es
+herum. Aber man muß mitten in den Nebel hinein,
+das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) &#8212; Brillen
+gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von
+Blindheit ward noch nie ein Seher.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen
+dünkt, kommt er nie zu überlegener Geistigkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit
+so am Juden gelitten hat wie ich, und zugleich so viel
+von ihm hält. Dies mag mir ein Recht geben, an sein
+Problem zu rühren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als
+solche uns ergriffen haben wird, der große amor nostro,
+dann wird es auch keine Kriege mehr geben, dann
+werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese
+armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode
+überflüssig machen! Denn freilich: das bittere Zuchtmittel
+des Krieges durch philanthropische Mahnungen
+nur einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst
+muß der Geist der Völker den neuen Aufgaben,
+den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein, zuerst
+muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse
+<a id="page-124"></a><span class="pgnum">124</span>und Opfer anfallen, ehe er den alten furor bellicus
+entlassen darf, ehe er von sich sagen darf: ich
+habe den Krieg wahrhaft &#8212; überwunden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen
+Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben
+groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche
+Ruhestörung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf
+einen Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor
+sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und Städten. Und
+dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in
+die Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust
+gegriffen, wie er, gleich dem Monde das Meer, all dies
+schwerfällige, schwerflüssige Leben übermächtig zu sich
+emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen natürlichen
+Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder.
+Denn es gibt nur etwa 100 Typen in dem Milieu, in
+dem ich aufgewachsen, und sie sind immer und überall.
+Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es
+ist nur der mir vertraute Typus, nicht das bekannte
+Individuum selber.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte
+vor sich, vom jüngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts
+bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die &#8218;bessere&#8216; Gesellschaft ist die eigentlich und im
+tiefsten Sinne unwissende und ungebildete.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-125"></a><span class="pgnum">125</span>Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen
+Herzog sein möchte, ist der Schade, sondern wenn
+er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein
+kann, nicht<i> ist</i>. Nicht nur einmal &#8212; zehnmal Absolutismus &#8212; und<i> nicht</i> Parlamentarismus, wenn
+ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage
+kommt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie
+zurückkehren. Laßt erst einmal Einen Geist über die
+Völker kommen, und sie werden nicht<i> mehr</i> begehren,
+als sich in ihren geborenen<i> Führern</i> auch sichtbarlich
+zu gipfeln.</p>
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen
+eine Wahrheit nicht zu sagen oder sie minder schlagend
+zu sagen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der
+&#8218;Verpflichtungen&#8216;. Sie macht unsere Stärke und
+unsere Schwäche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen
+Negers. Um die Zeitung verkauft er dem schlauen
+Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner
+Weisheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in
+ihrem Schoße ruht; geht dies nicht länger an, so verleumdet
+sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise
+zu vernichten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-126"></a><span class="pgnum">126</span>Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird?
+Der möglichst vollkommene déluge après nous.</p>
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen:
+Das Züchtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur
+noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf
+eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt.
+Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die
+der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße
+gewesen, der &#8212; könnte jemand zu sagen versucht sein &#8212; wird
+so leicht nicht wieder verlottern, post mortem
+prussianam suam (in seinem späteren Erdenleben).</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht
+gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann
+gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das
+&#8218;rote Tuch&#8216; in dem Etwas. Nie wird gegen &#8218;etwas&#8216;
+vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn
+zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes
+bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk
+wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden
+vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von
+hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht
+würde, so daß die Völker, die armen Stiere,
+zuletzt wild werden und einander anrennen.</p>
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß
+er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei
+nehmen; und wer da nicht &#8218;wählt&#8216;, wird leicht
+Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich
+<a id="page-127"></a><span class="pgnum">127</span>nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die
+Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld,
+daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren
+und wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen
+lassen, weil sie im Parlament der Menschheit
+sitzen?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei
+Weise bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und
+Schöpferkelle der Wahlurne.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines
+Vaterlandes arbeiten, das heißt es lieben, das allein
+heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen &#8212; Verfall
+wollen und mitbewirken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und
+nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen
+Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man
+glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer:
+es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen
+müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben,
+und wer es da z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält,
+soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie
+gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher
+eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden,
+der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
+Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen
+Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose
+Wunsch und Glaube des Frommen, daß die
+Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine
+Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen
+<a id="page-128"></a><span class="pgnum">128</span>werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie
+es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis
+weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es
+sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen
+Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung
+inmitten einer Welt in gewissem Sinne der
+Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling
+ereiferten sich unter anderem über die &#8218;Extravaganzen&#8216;
+der Heilsarmee. Sie hatten noch immer
+nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer
+selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und
+daß es unter Umständen mehr bedeuten kann, der
+&#8218;dumme August&#8216; in der Manege als der Baron in
+der Loge zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen
+wir uns vorübergehend vereinigen, um es bequemer
+zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend
+möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie
+uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele
+noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr
+innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe
+Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den
+Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse;
+wir aber sind zu Feinarbeit &#8212; auch an ihnen &#8212; verpflichtet,
+wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
+und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe
+behandeln, wie uns nur immer möglich ist. Auf
+sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso verzichten
+lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren
+<a id="page-129"></a><span class="pgnum">129</span>Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren
+zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der
+unsterblichen Individualität, die in ihnen verborgen,
+verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen,
+wird vieles Mögliche an ihnen vermieden
+und getan sein.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-130"></a><span class="pgnum">130</span>Kritik der Zeit</h2>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag,
+sind einzelne glückliche Geburten; ein tragischer
+Trost für einen allgemeinen Mißwachs.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erfüllung des historischen
+Zeitalters). Professor, der eine Geschichte des
+Wörtchens &#8218;und&#8216; schreibt. Der Historiker des Wörtchens
+&#8218;und&#8216;.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Muß nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch
+nicht leben möchte? Ohne das er es nicht aushielte
+zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben, ich
+will freudig und dankbar sterben, dankbar für die Möglichkeit,
+mich denen anreihen zu dürfen, welche als
+Opfer gefallen sind, um mit ihnen und für sie gegen
+die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu
+einem schlechteren und unanständigeren Aufenthalt
+machen als das Grab.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Der Tag ist abgegriffen, laßt uns in den Morgen zurücksteigen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welcher Mensch kann das Große und Echte lieben,
+ohne das Kleine und Unechte zu hassen? Antwort:
+Der &#8218;moderne&#8216; Mensch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits
+eine Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken und
+<a id="page-131"></a><span class="pgnum">131</span>Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was für ein
+träges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch
+und wie sehr bedarf es großer und größter Schrecken
+und Trübsale, damit er nicht immer wieder in Schlaf
+versinke!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man könnte Kulturperioden von ungeheurer Größe
+träumen: Aber, so wie die Masse der Menschen bewillt
+und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst
+durch Müdigkeit kommen, erst dann, wenn es sich
+der Weisheit nicht mehr verlohnt.</p>
+
+<p>Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, daß Größe
+nicht so nebenbei im Weiterabwickeln täglicher Geschäfte
+und Notdürfte erreicht werden kann? Frage
+doch herum, wer sich heut noch für solche Riesenorganisationen,
+bei deren Heraufführung ganze Generationen
+keine Rolle spielen dürften, erwärmen möchte?
+Der eine wird dich verständnislos anblicken, der andere
+seine Geschäfte, den täglichen Zwang seines Lebens
+vorschützen, der dritte wird gerade verliebt sein, der
+vierte ist Künstler und hat keine Zeit, der sechste
+glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er
+interessiere sich lediglich für sich selbst und seine eigene
+Vervollkommenung, in ihm könne Gott allein verwirklicht
+werden, es gäbe kein Ziel für &#8218;die Menschheit&#8216;,
+nur<i> sein</i> Ziel und darum sei er für keine Utopie,
+als welche den Menschen nur von sich und seiner
+innersten eigentlichsten Aufgabe, sich in sich selbst zu
+vollenden, weglocken könne. Und dieser siebente hat
+vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein
+höheres Recht, das heißt eine höhere Macht das Heft aus
+der Hand nimmt. Nämlich der Despot, der zugleich
+<a id="page-132"></a><span class="pgnum">132</span>Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der König
+Platons.</p>
+
+<p>Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo
+ist er? Wo kann er kommen? Der letzte Ort, wo er
+noch möglich gewesen wäre, war Rußland. Aber mit
+der Unfähigkeit der dort Regierenden hat der Mensch
+eine seiner außerordentlichsten Möglichkeiten verloren.
+Denn<i> freiwillig</i> wird kein Volk mehr zur Kastenbildung
+zurückkehren; dafür ist es das Ungetüm mit
+Millionen Köpfen, das nur Sinn für sich und seine
+nahen Interessen, das keinen Ehrgeiz und keine Schöpfersehnsucht
+hat. Das Wirtschaftliche tritt mit ihm
+in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens
+anstelle jeder Ambition, etwas Höheres aus ihm zu
+machen, aus ihm, das als solches doch nur Stoff ist,
+Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf
+die Stufe der Tierheit<i> zurück</i>, während er sich zum
+Bürger eines irdischen Himmelreichs zu<i> erheben</i>
+glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich selbst
+allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch
+als Schöpfer ab. Der Geist wird über diese endlose
+Horde noch ein letztes Abendrot ergießen, dann wird
+auch er dumpf und verstört die Höhlen der Einzelseele
+aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und
+Sektierern erwecken. Eine Anzahl wunderbarer Individuen
+werden dann vielleicht noch über die Erde
+wandeln: Die großen Verzichter und Durchschauer
+des Traumes Mensch, einsame Halbgötter, inmitten
+des Fiaskos des Versuchs der Erde, im Menschen zum
+Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese
+Menschen, die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit
+aller irdischen Historie in sich tragen, die größten
+<a id="page-133"></a><span class="pgnum">133</span>und erschütterndsten Menschen sein, die je gelebt
+haben. Aber kein Tempel ist um sie &#8212; auf unendlichen
+Trümmern schlagen sie ihre Harfen der auch
+sie einst verschlingenden Nacht entgegen.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine
+schlimme Laxheit mitbekommen. Das Verständnis für
+unerbittliche Forderungen ist mehr und minder gesunken.
+Beweist das nicht, daß der Mensch die Vorstellung
+eines gerechten Gerichts nach dem Tode
+(vollstrecke sich das nun selbst mit Naturnotwendigkeit
+oder werde es vollstreckt) &#8212; braucht? Braucht &#8212; und
+sei es nur: um nicht unter seiner eigenen Möglichkeit
+zu bleiben? Wird man wirklich seine Persönlichkeit
+mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man
+sie nicht &#8212; für eine unbekannte Zukunft ausbilden zu
+müssen meint? Was sind alle Appelle der Erde gegen
+jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?</p>
+
+<p>Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja,<i> auch</i> das.
+Wie wäre Großes entstanden, ohne dies Ingrediens?
+Und wäre es etwas Schimpfliches, sich vor dem Fürchterlichen &#8212; und
+ist das Geheimnis der Welt, des Lebens
+nicht fürchterlich? &#8212; zu fürchten? Man führt heute
+die &#8218;Entstehung der Religion&#8216; (welch ein Ausdruck!)
+vielfach auf Furcht zurück. Nun, ihr armseligen Psychologen:
+nicht diese Furcht war das Trübselige,
+sondern euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel
+an Gefühl, Phantasie, Überlegenheit. Jawohl, Überlegenheit.
+Ich kenne nichts Untergeordneteres als den
+Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas<i> erklärt</i>.
+Der Wissenschaft nicht bloß als eine gewaltige und
+<a id="page-134"></a><span class="pgnum">134</span>fruchtbare Übung des Menschengeistes betrachtet,
+nein: als etwas, das ihm wirkliche Wesensaufschlüsse
+über Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, daß
+alles nach denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe,
+ist doch kein Wesensaufschluß! Oder den Bau des
+Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein
+beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschluß!
+Das ist Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden,
+ganz gewiß; aber<i> Joseph</i> war Tischler, nicht Jesus.
+Was weiß Joseph, der Handwerker, vom Geist und
+Wesen der Dinge?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Geist&#8216; ist heute Marktware, wer redet noch davon?
+Ein wirklich eigener Gedanke aber ist immer noch so
+selten wie ein Goldstück im Rinnstein.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Wir müssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich
+wieder ins Große kommen. Wieder Atem holen lernen,
+das ist es. Das Netz, das die &#8218;Geschichte&#8216;, die
+&#8218;Weltgeschichte&#8216; über uns geworfen, als Netz erkennen
+und seine Maschen so weit machen, daß wir jeden
+Augenblick frei sein können, den wir frei sein wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte
+frei. Ich sage nicht: von der Geschichte,
+ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Zärtlichkeit, womit sich der moderne Mensch
+behandelt, ist erstaunlich. Was alles ist nicht &#8218;für
+sein Innenleben wichtig&#8216;! Man liegt heute auf den
+Knien vor diesem seinem &#8218;Innenleben&#8216;. Aber es ist
+<a id="page-135"></a><span class="pgnum">135</span>nur eine andre Art Mops oder Affenpintscher, wofür
+nun die ganze Welt als Kißchen und Zuckerchen
+gerade gut genug ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unsere Zeit, welche die interessanten &#8218;Aberglauben&#8216;
+früherer Zeitalter selbstbewußt entwertet, ist selbst nur
+weniger interessant, keineswegs weniger abergläubisch,
+und wird einst ungleich anderer Nachsicht der Betrachtung
+bedürfen, wenn spätere Geschlechter eingesehen
+haben werden, daß dem Menschen, unbeschadet
+aller begreiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundsoptiken,
+als letzte Hintergrundstimmung
+doch nur Eines ziemt: Bei Gott kein Ding für unmöglich
+zu halten.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen &#8218;heutigen&#8216;
+Geist nur einmal von oben sehn könntet. Eure Wissenschaft,
+eure Kunst, euer tägliches Leben! Nicht um
+dies alles gering schätzen, o nein, nichts weniger als
+gering, sondern um es<i> richtig</i> schätzen zu lernen.
+Eine Menschheit, die zu sich selbst und ihrem Treiben
+noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif,
+so erwachsen sie sich auch sonst gebärden
+mag.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In und trotz aller Geschäftigkeit &#8212; wieviel Verschlafenheit,
+wieviel Verträumtheit! Das wacht oft
+ein ganzes Leben lang nicht auf. Rüttelst du aber
+zu unsanft, so magst du leicht einen Stoß vor die
+Brust bekommen, wie von einem Schlaftrunkenen,
+den man vorzeitig stört. Tröste dich mit diesem<del>,</del> <ins>&#8218;</ins>vorzeitig&#8216;.
+<a id="page-136"></a><span class="pgnum">136</span>Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl
+auch noch nicht,<i> muß</i> wohl noch &#8212; schlafen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Hüte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich
+Gegenstand einer &#8212; Trauerfeier. Du bist
+vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke aus
+dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heißt
+heute, so hilft dir kein Todesgott vor dem endlichen
+&#8218;Theater über Dir&#8216;, an dem der Philister sich sättigen
+muß, soll er von dir überhaupt etwas haben.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Man kann nicht bescheidener sein als der &#8218;gute Europäer&#8216;,
+der vor einem Universum voll Sternen, den
+tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in der Hand,
+ein Bild weltmännischer Reserve hochachtungsvoll
+und ergebenst verbleibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der moderne Mensch &#8218;läuft&#8216; zu leicht &#8218;heiß&#8216;. Ihm
+fehlt zu sehr das Öl der Liebe.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Man muß die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden
+hören, um zu wissen, was ein Parvenü ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich weiß,
+daß ich nichts bin und Ich befinde über alles &#8212; in
+der Riesen-Zwerg-Brust des aufgeklärten, des &#8218;guten&#8216;
+Europäers. &#8218;Ein Irrtum&#8216; wird erwidert. &#8218;Wir befinden
+über keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach
+auf sich beruhen, als etwas menschlicher Erkenntnis
+nicht Zugängliches. Was ich nicht weiß, macht mich
+<a id="page-137"></a><span class="pgnum">137</span>nicht heiß! &#8212; sollte das nicht ein männlicher, ja ein
+heldischer Wahlspruch sein? Genug, er ist unser
+Wahlspruch, und er deckt sich mit dem des Peer Gynt:
+Jeg er mig selv nok&#8216;. (Ich bin mir selbst genug.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es wäre außerordentlich merkwürdig, daß so viele selbst
+der Geistigsten weit unter dem Niveau leben, das der
+Geist auf Erden schon einmal erreicht und aufgestellt
+hat, &#8212; wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe hätte
+und die heute verkörperten Seelen eben durch die Entwickelung
+dazu bestimmt wären, sich gewissen Erkenntnissen
+ebenso entschieden zu verschließen wie
+andern vorbehaltlos Tür und Tor offen zu halten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs:
+&#8218;Man darf jetzt schon wieder &#8212; nun z.B.
+von &#8212; Gott sprechen.&#8216;</p>
+
+<p>&#8218;Man darf jetzt schon wieder&#8216; &#8212; das Siegel einer
+&#8218;großen&#8216;, &#8218;freien&#8216; Zeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt,
+von dem an er wieder &#8218;ruiniert&#8216; werden muß.
+So auch: für jede Kulturperiode. Die unsrige hat diesen
+Zeitpunkt bereits überschritten. Sie kann trotz allem,
+was dagegen einzuwenden ist, in einem gewissen sehr
+hohen Sinne nicht mehr ein ausschließliches Interesse
+beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich über
+ihren mehr oder minder glänzenden Abklang hinweg
+auf den folgenden Abschnitt, dessen Aufbau, dessen
+Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun; freilich aber
+auch dies: sich möglichst unmißverständlich und allseitig
+ad absurdum zu führen.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-138"></a><span class="pgnum">138</span>Ethisches</h2>
+
+
+<h3>1891</h3>
+
+<p>Die Menschenverachtung ist für den nachdenkenden
+Geist nur die erste Stufe zur Menschenliebe.</p>
+
+
+<h3>1892</h3>
+
+<p>Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde
+Bewußtsein des wirklichen Elends auf Erden, sonst
+würden wir über den Gefühlen einerseits des Mitleids,
+andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere
+des eigenen Lebens vergessen.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der
+leidet, ohne Tragik empfinden zu lassen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen
+von Geist: die soll man nicht aussprechen. &#8218;Oberflächlich
+sein&#8216; (oder scheinen wollen) &#8218;aus Tiefe&#8216;, das
+gehört hierher. Eine schwere Forderung an den Radikalismus
+der Jugend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Und immer wieder komme ich darauf zurück, daß
+die Bewertung der geschlechtlichen Liebe unter uns
+Heutigen eine krankhafte Höhe erreicht hat, von der
+wir durchaus wieder heruntersteigen müssen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt noch eine größere Liebe als die nach dem
+Besitz des geliebten Gegenstandes sich sehnende: Die
+die geliebte Seele erlösen wollende. Und diese Liebe
+ist so göttlich schön, daß es nichts Schöneres auf Erden
+gibt.</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-139"></a><span class="pgnum">139</span>1904</h3>
+
+<p>Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das
+&#8218;Persönliche&#8216;, das Leben selbst in ihnen lieben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt
+oft in einem Blick von uns, in einem Gedanken, um
+dessentwillen wir uns selber lieben möchten und um
+den doch niemand je weiß und erfährt, als wir
+selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Glück? Sollst du Glück haben? Wünsche ich dir auch
+nur eine Spur von Glück &#8212; wenn sie nicht deinen
+Wert erhöhte? Wert wünsche ich dir.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zum Thema Egoismus:</p>
+
+<p>Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns
+selbst, nie das andere selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes
+Programm, aber er soll es wenigstens so taktvoll wie
+möglich vorbringen, nicht wie ein Plebejer, der sich
+erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre niedergebrüllt
+hat.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil
+ich es mir schuldig bin.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts
+anderes als die &#8212; moralisch gesehene &#8212; Sichselbstbewußtwerdung
+des Tieres. Den Eintritt des &#8218;Geistes&#8216;
+in die Naturgeschichte.</p>
+
+<p><a id="page-140"></a><span class="pgnum">140</span>Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können,
+das ist, meine ich, vor allem eine immer tiefere
+Bescheidenheit, uns zu äußern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld.
+Wir müssen uns durchaus gegenwärtig halten, daß
+die Bestrafung eines Verbrechers durch unsere Behörden
+nur den Schein der Gerechtigkeit für sich hat,
+nicht die Gerechtigkeit selbst; denn wie könnte die
+wahre Gerechtigkeit sich gegen einen einzelnen wenden,
+sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich
+ausgebreitet sähe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne
+keine Ungerechtigkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn
+aus einem Menschen ein Berufspfaffe wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen
+einmal erkannt hat, der bemüht sich selbst in kleinen
+Dingen, wie dem Niedertreten des Grases, schonungsvoll
+zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen
+allmählich eine nicht nur moralische, sondern
+direkt dynamische (magnetische) Atmosphäre über
+der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich
+in gewissem Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche
+schafft, ihre eigene Gerechtigkeit hat und übt. Daher
+<a id="page-141"></a><span class="pgnum">141</span>dann jene oft beobachtete Justiz der Geschichte, jene
+vielen &#8218;gerechten Vergeltungen&#8216;, jene moralischen
+Ausbrüche und Gegenströme.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte
+Nötigen bei Tische. Dieses ewige Zureden
+in einer höchst untergeordneten Sache, die jeder mit
+sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen,
+die auf sich halten, verpönt sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Auf Föhr:</p>
+
+<p>Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie
+die folgenden: &#8218;Sie tragen noch die alte Tracht; bleiben
+Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen Sie auch
+Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!&#8216; Oder: &#8218;Nein,
+was ist Ihre Tochter für ein schöngewachsenes Mädchen!
+Sehn Sie nur, meine Herren, dieses schmale Gesicht
+und dabei dieses kleidsame Mieder&nbsp;&#8230;&#8216; Als ob
+diese Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten
+Friesen, Schaustücke eines Panoptikums wären; als
+ob sie nicht mit Fug herabsehen könnten auf diese
+zusammengewürfelte Gesellschaft halbkranker Groß- und
+Kleinstädter, die mit all ihrer &#8218;Bildung&#8216; nicht einmal
+wissen, wie ein Mensch einem Menschen gegenüberzutreten
+hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die
+Glück oder Tod bringen, die<i> sich</i> vor allem bringen
+mit ihrem Geschmack, ihrer Wertsetzung und ihrem
+ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn für Größe
+besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für
+welches sie geboren sind.</p>
+
+<p><a id="page-142"></a><span class="pgnum">142</span>Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceier,
+die &#8218;Töpfegucker jeder Stimmung&#8216; &#8212; die qualligen
+Ästheten, die stupenden Magister&nbsp;.. all dieses
+unproduktive und anmaßende Volk, das die<i> Mode</i>
+von heute ist, wo unser innerstes Leben nach<i> Stil</i>
+dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach
+Männern, nach Willen und noch einmal nach dem
+ethischen Pathos eines Nietzsche, eines Dostojewski,
+eines Lagarde, eines Tolstoi.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von
+denen dies gesagt wird, sind vielmehr in irgend einem
+Betrachte<i> nicht gut genug</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit
+mehr glaubt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Tugend &#8212; im gemeinen Sinne, nicht als virtù &#8212; ist
+sehr oft nur ein Hindernis, tief zu werden, indem sie
+vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt, weshalb sie
+für Menschen, für die kein Grund vorliegt ein außergewöhnliches
+Los auf sich zu nehmen, die edelste
+Art bildet, mit einiger Schönheit durchs Leben zu
+kommen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz
+über die Menschen kommen, wenn sie erkennen, daß
+sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich hätten lieben
+können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-143"></a><span class="pgnum">143</span>Als Dank &#8212; pour un sourire de printemps.</p>
+
+<p>Als Dank &#8212; pour un sourire de vie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt,
+mit der die Masse der Menschen ihr tägliches Arbeitslos
+trägt, der wird sie namenlos achten müssen, diese
+&#8218;Menge&#8216;, trotz alledem und alledem. Und wenn wir
+Geistigen uns nur zu oft über sie erheben: sie kann
+doch nie brüderlich genug geliebt werden. Und jedenfalls
+soll sie beständig in unseren Gedanken wohnen,
+auch in denen, die ihr etwa zürnen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er
+besitzt immer und unveräußerlich die göttliche Würde.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der
+Menschen immer wieder zu Falle bringen. Man muß
+ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben
+in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man
+Urgestein sein muß, dahinauf sich ein namenlos geängstigtes
+Geschlecht retten kann. Wo man um der
+Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen
+und verleumden muß, die den Erdboden zur
+schwankenden Welle machten, die den Abgrund
+predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird
+aus Himmel und Sternen wieder ein Bild machen, man
+wird die Spinnweben alter Märchen auf offene Wunden
+legen müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen,
+das die Kulturen bisher hervorbrachten.</p>
+
+<p>Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick,
+aber der aus jeder und gar jeder Bürgerlichkeit
+hinausgeschreckte Mensch, der verfluchte Bürger, der
+<a id="page-144"></a><span class="pgnum">144</span>irre, friedlose, von jeder Gewißheit enterbte, das personifizierte
+Grauen vor dem Unfaßbaren, der aus
+Tiefe wahnsinnig werdende Mensch &#8212; das wäre der
+Untergang selbst. &#8218;Oberflächlich aus Tiefe&#8216; &#8212; Lebenswort!
+Auf die Stirne von Tempeln!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage
+einstweilen zurückgestellt und versucht es
+augenblicklich zunächst mit der Sachlichkeit.</p>
+
+<p>(Vergleiche z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er
+sich fühlen und nennen. Und am Ende wird er sagen:
+Wer weiß sich mit hunderttausend Stricken gefesselter
+als ich?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir
+uns so oft schuldig machen, ist schrecklich. So wenn
+einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt: das verlogene
+Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am
+dritten Ort &#8212; aber auch am vierten und fünften? &#8212; Und
+wir selbst, die wir so sprechen, sind es also an
+keinem? Nirgends verlogen, nirgends angreifbar, nirgends
+verwerflich?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem
+ganzen Umfang einander erklären und abschätzen.
+Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er nur
+schreiben gelernt hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-145"></a><span class="pgnum">145</span>Man soll über einen wahrhaft großen Menschen
+nicht reden. Denn worüber man bei ihm reden kann,
+darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf
+an, wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden
+erscheint. Von diesen unionibus mysticis aber kann
+man nur &#8212; schweigen oder doch nur in Momenten
+großer innerer Kraft zeugen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der
+Mensch, das Individuum ist Gottes Einfalt, ist einfältig
+gewordene Gottheit. In der Beschränkung zeigt
+sich erst der Meister.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre
+sage ich, nicht &#8218;Lob&#8216;. Tadeln, ja ganz ablehnen
+können und doch immer noch ehren, das heißt fühlen
+lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß, so
+wenig ich eine Blume in ihren inneren Organen verletzen
+möchte, so wenig möchte ich Dich &#8212; verletzen!
+das ist es.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem
+Wege &#8212; und sei es zehnmal ein wider Sitte
+und Gesetz verstoßender &#8212; zur Freiheit strebt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer &#8212; welch
+grober Gedankengang! Als ob &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>O, wie erniedrigt doch die &#8218;Konversation&#8216;, wie verführt
+sie uns fortwährend zu Urteilen, die wir gar
+nicht haben, deren wir uns gleich darauf schämen,
+die nichts als höheres Geschwätz sind, das mit unserm
+<a id="page-146"></a><span class="pgnum">146</span>wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als
+es dessen Teil an Torheit und Schwäche aufdeckt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, &#8212; aber
+man muß mit diesem Bedürfnis im Herzen
+nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede, ausschließlich<i> geliebt</i> sein, sie wollen aus aller Kraft
+die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode
+aufzufassen. Sie wollen ein ganzes Leben in Beschlag
+nehmen, aber dafür kein Leben der Kameradschaft,
+sondern ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der
+Liebe aber ist ein Unding, wie ewige Musik oder
+ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur
+Kameradschaft, sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und
+unberechenbar, die Kameradschaft, die Freundschaft
+ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis zu jedem möglichen
+Grade unegoistisch, sie ist der höchste Zustand
+zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das
+Mittel zum Werden des Kindes, aber die Freundschaft
+ist das Mittel zum reif und süß Werden deiner selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wann wird dies sein? Wann wird das sein? &#8212; Wann
+wir es uns verdient haben werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen
+wie im Guten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer nicht auch böse sein kann &#8212; kann der wirklich
+tief sein?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch
+nur um deines Behagens willen im Gefängnis sitzt,
+<a id="page-147"></a><span class="pgnum">147</span>und daß auf deiner Seite viel dazu gehört, das Freiheitsopfer
+so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit &#8212; wo
+Gutes gewollt wird &#8212; ist zu nichts nütze.
+Umgekehrt, sie ist nur eine Quelle immer weiterer
+Schwäche und damit immer weiterer Mißerfolge.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines
+Wassertropfens, aber vor dem Menschen haben wir
+immer noch keine Ehrfurcht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Finsternis würde mich in kürzester Frist um alles
+Glück und um allen Verstand bringen. Gebt allen
+Menschen vor allem Licht und vorzüglich den Unglücklichsten
+unter uns, unsern Gefangenen.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Wer sich groß verfehlt, der hat auch große Quellen
+der Reinigung in sich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden
+Wesen, dem Menschen &#8212; als denkendem Wesen &#8212; am
+meisten. Und dann Phantasie. (Aber was wäre
+Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden
+eine der grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht
+kann der Mensch nur mit einem gewissen Quantum
+von Feigheit und Trägheit &#8212; existieren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tugend &#8212; Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz,
+der nur die Unseligkeit des üblichen Tugendbegriffs
+verrät, als etwas durchaus Negatives.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-148"></a><span class="pgnum">148</span>Wem das allgemeine Wohl das höchste Ziel auf Erden
+dünkt, der tut den Menschen gar nichts so Gutes, wie
+er meint. Man soll nie das Wohl, man soll nur das
+Heil jedes Menschen im Auge haben, &#8212; zwei Dinge,
+die sich oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher
+gestickt steht: Ein Viertelstündchen. Aber ganze Generationen
+schlafen ihr ganzes Leben auf ihr. &#8212; Was
+ist dem Erwachten &#8212; Geschichte? Das, was &#8212; andre
+getan haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein
+eigenes Tun denken kann.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen
+ewig wandernde Flamme.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>O helfen, helfen können &#8212; es gibt nichts Größeres
+für menschliche Art!</p>
+
+<p>Und nicht helfen können, nicht helfen dürfen, es
+hat gewiß nicht minder bittere Tränen erpreßt als:
+wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem
+Äußeren meist zu viel Wichtigkeit beigelegt wird. Aber
+es ist damit wie mit der Kleidung. So mannigfaltig sich
+der Mensch auch tragen mag, in der Hülle steckt allemal
+Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe
+allerletzten Endes unablehnbare Geschwister.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte &#8212; um
+des Menschen willen!
+<a id="page-149"></a><span class="pgnum">149</span>In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur
+Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der
+Kritik am andern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet,
+der immer wiederkehrt, wird aufhören, ihm entgegenzuarbeiten.
+Er sieht sich Schulter an Schulter mit ihm
+gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft
+zwischen ihm und sich. Mag der Andre noch
+sein Feind sein wollen, er selber empfindet ihn nicht
+mehr als Feind; für ihn fällt er, wenn er sich und
+ihn sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe
+zusammen. Mag der Andre ihn noch hassen, ja verachten,
+er selber wird nichts begehren, als ihm zu
+helfen, zu nützen, zu dienen. Er weiß, wie alles zusammenhängt.
+Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang,
+sondern der Zusammenhang liegt klar vor ihm.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Frage und Prüfung:</p>
+
+<p>Was kannst du?</p>
+
+<p>Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen
+lassen, ohne auch nur einen Schatten von Zorn wider
+den Bruder zu fühlen?</p>
+
+<p>Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll?
+Man kerkert dich ein, man foltert dich, man hängt
+dich auf &#8212; gesetzt, du fielest unter Wilde oder gerietest
+vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
+amerikanische Volksmenge. Könntest du dann
+leiden und sterben &#8212; ohne Verwünschung?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie
+kritisieren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-150"></a><span class="pgnum">150</span>Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den
+Andern, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn
+verstümmelt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch
+den Menschen nie vorschreiben dürfen. Man kann
+dem Wesen der Macht nichts abmarkten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So groß
+ihre Mäuler auch sein mögen, sie tun der Pflanze
+selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie niemals. So
+handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur
+heißt, sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe
+die Kunst vom Leben zu nehmen, ohne ihm zu
+schaden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er
+sich als Nahrung bedient, selbst töten müßte, würde
+die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen.
+Dergleichen lenkt einen bloß von der großen
+Liebe ab, die sich allein auf die Menschheit in ihrem
+Vorwärtskommen richten soll; dergleichen sind bloß
+Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der Egoität.
+Mag sich ins Kornfeld werfen, den Himmel
+angucken und Träume spinnen, wer die Wirklichkeit
+noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden,
+der weiß, daß es für ihn nur noch einen modus vivendi
+gibt, den des entschlossenen Realisten der
+Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-151"></a><span class="pgnum">151</span>Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede
+Krankheit ist eine Reinigung; man muß nur herausbekommen,
+wovon. &#8212; Es gibt darüber sichere Aufschlüsse;
+aber die Menschen ziehen es vor, über hunderte
+und tausende fremder Angelegenheiten zu lesen
+und zu denken, statt über ihre eigenen. Sie wollen die
+tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen
+und interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit
+mehr für das Spielzeug des Lebens, als für seinen Ernst,
+als für ihren Ernst. &#8212; Hierin liegt die wahre Unheilbarkeit
+ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen
+gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher
+von uns halb noch im Schnee der Kühle, Kälte. Dann
+taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese und jene
+Grube vermag sie nicht vorzudringen; weiße, unvertilgbare
+Flecken bleiben zurück: nie werden wir ganz
+frei von jedem Rest von Lieblosigkeit, nie<i> ganz</i>
+Liebe &#8212; solang wir noch dieser Berg sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich den in der Liebe;
+aber er führt in die Seligkeit Gottes selber hinein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles
+Klopfen, Horchen, Spähen umsonst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht
+gen Himmel fahren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird,
+ist Egoismus, noch nicht &#8212; Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-152"></a><span class="pgnum">152</span>So wie der Strom in das Meer muß, so muß der amor
+in die caritas.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein,
+um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns
+zu vergelten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>A sagte zu B, der sich mit seinem persönlichen Schicksal
+herumschlug und des Jammers kein Ende fand:
+Wie erbarmungslos bist du!</p>
+
+<p>Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurück und
+fügte, da er A nicht durchdrang, nach einer Weile
+hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist! (indem
+er meinte, dieser habe für sein Unglück kein Verständnis).
+Und<i> wenn</i> ich es gegen dich wäre, erwiderte
+A, so wäre ich es gegen einen Einzigen. Du aber bist
+es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes
+Leid, nicht auch das ihre. Du wärst aus ganzer Seele
+zufrieden, wenn nur du allein getröstet würdest, wenn
+nur dir allein unter allen Millionen geholfen würde.
+Prüfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
+strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist,
+ihn selbstsüchtig, hart und erbarmungslos zu nennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß von aller Verliebtheit in Maja frei werden,
+dann erst kann die große Liebe entstehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Haß hat uns in eine solche Grobheit des Urteils
+und der Beurteilung hineingesteigert, daß wir nichts
+mehr rein zu sehen vermögen. Wir vergessen, daß
+es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn,
+<a id="page-153"></a><span class="pgnum">153</span>sei es einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen
+wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des
+Positiven zu stellen, in jeder Sache.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Viele Menschen fühlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit
+gestört und fordern laut nach strengen strafrechtlichen
+Maßnahmen gegen den Verbrecher.</p>
+
+<p>Das ist verständlich, aber es zeigt auch, woran es
+noch viel mehr als an gesetzgeberischen Bestimmungen
+fehlt: An dem Bewußtsein, an der Ahnung wenigstens,
+was man selbst und was der sogenannte Verbrecher
+ist. Der Verbrecher und ich sind nichts wesentlich
+Getrenntes, wir stehen im engsten menschlichen
+Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht
+auch sich selber täte, und wir können ihm nichts
+tun, was wir nicht auch uns selber täten. Er ist nicht
+anders von uns verschieden, als unser Arm, unser
+Bein, unser Auge. Nun heißt es zwar: So dich deine
+Hand ärgert, so haue sie ab. Aber wenn ich die Hand
+abhaue, so füge ich mir damit einen Schmerz zu, den
+ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte
+ich ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr
+Fehlen etwas, was sich nicht vergessen läßt.</p>
+
+<p>Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher
+vom Leibe schafft. Dann schafft sie sich ihn eben
+vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der entsprechende
+Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den
+sie nicht wieder los wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, daß er
+als ruhiger Bürger seinem Tagewerk nachgehe, sie ist
+noch etwas darüber: daß er sich mehr und mehr verinnerliche,
+<a id="page-154"></a><span class="pgnum">154</span>sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt
+mehr und mehr verchristliche.</p>
+
+<p>Alle, die beispielsweise für die Todesstrafe stimmen,
+wollen nicht die Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat
+eines Bruders bringen und die dann Frucht
+über Frucht aus ihm zeitigen müßte, sondern sie
+wollen ihre Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungestörtes
+Weiterwirtschaftenkönnen im einmal Überkommenen.
+Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden,
+wenn sie einer gewissen Sicherheit genießen wollen,
+aber sie müßten dafür, daß sie mit der einen Hand
+nehmen, nämlich Freiheit oder gar Leben vom Mitmenschen,
+mit der andern Hand geben: nämlich
+doppelte, dreifache Liebe.</p>
+
+<p>Sie müßten nicht nur den andern sich, sondern sich
+zugleich dem andern opfern, sich, das heißt ihren Eigennutz,
+ihren Hochmut, ihre Gleichgültigkeit, ihre Trägheit.
+Aber dem wird ausgewichen und darum ist in
+unseren Strafen so viel &#8212; Rache; was man auch von
+Erziehungs- und Abschreckungstheorien redet. Erziehen
+soll man zuerst sich selbst und dann erst den,
+der mitten im Schoße von uns Tugendhaften als
+Lasterhafter emporblühen konnte. Wahrlich, es kann
+mit der allgemeinen Tugend nicht soweit her sein,
+wenn der Räuber und Mörder so üppig gedeiht, wahrlich,
+es ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden
+wie unsere Gesellschaft auch noch nach Schutz und
+besonderer Fürsorge verlangt. Sie möge erst die sieben
+Todsünden in sich bekämpfen und im Verbrechertum
+zunächst vor allem das vergrößerte Spiegelbild
+ihrer selbst sehen, den immerwährenden Vorwurf ihrer
+selbst. Sie möge im Verbrechertum zunächst erst einmal
+<a id="page-155"></a><span class="pgnum">155</span>ihr &#8212;<i> Schuld</i>-Konto erblicken. Wenn sie aber
+meint, daß, sagen wir, der Bauer Adam in Vaduz unmöglich
+Schuld haben könne, wenn in den Südstaaten
+ein Neger sich an einer Weißen vergreift, so ist zu
+erwidern, daß weder der Bauer noch der Neger für
+sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind, daß
+sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer
+Welt als schöpferische Faktoren rechnen, die nach
+der einen Seite unendliches Schulden-Karma abzutragen,
+nach der andern Seite die Geisterreiche der Zukunft
+mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als
+Bauer und Neger, sondern in hinreichenden menschlichen
+Manifestationen ab aeterno in aeternum wiederkehren.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein<i> könne</i>, behauptet
+niemand, daß sie es<i> sei</i>, nur ein Tor.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer &#8218;für Güte Dank&#8216; erwartet, macht sich
+schon allein dadurch, daß er sich selbst als &#8218;gütig&#8216;
+empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten
+verlustig, indem er sich im Gefühl und Bewußtsein
+seiner Güte als ein besonderer Wohltäter andrer vorkommt,
+sich also über sie erhebt und überhebt. Eine
+solche Erwartung, so natürlich und allgemein sie sein
+mag, verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade
+das, womit ihr gewöhnlich vergolten wird: eine gewisse
+Gleichgültigkeit, ja beinahe einen gewissen (zurückschlagenden)
+Hochmut. Wer Gutes tun und dabei
+nicht in die Brüche geraten will, muß es soweit bringen,
+daß er sich nie anders denn als einen Diener des
+<a id="page-156"></a><span class="pgnum">156</span>andern empfindet, dem eine glücklichere Fügung gestattet &#8212; Schuld
+abzutragen. Er muß, fern davon,
+von dem andern Dank zu erwarten, vielmehr das Gefühl
+der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln,
+weil er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel,
+wie solche Hilfe nachträglich &#8218;gelohnt&#8216; wird.
+Dies mag für uns freilich mehr oder minder immer
+ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem
+Satze von der Dank verdienenden Güte in uns und
+außer uns zu Leibe zu gehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen
+nicht lieben. Aber den Böswilligen, den Ungeistigen,
+den Langweiligen zu lieben gilt es. Nicht
+so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche
+mehr oder minder bezahlen, als der barmherzige Samariter
+derer, die nichts haben als ihr schmerzliches
+Schicksal.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosphäre
+des tiefen, ungeheuren Geheimnisses, das uns
+alle umfängt, das wir alle sind, und vor dem es keine
+andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht
+gibt, herauslösen, herausgelöst empfinden, weil er ein
+&#8218;Mörder&#8216; geworden ist?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen
+dienen will, übersieht zu leicht, daß sein Selbst in ein
+niedrigeres und in ein höheres Selbst zerfällt, und daß
+er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern
+in eben dem Maße selbstvoll im andern Sinne werden
+sollte. Sein Selbst verlieren, heißt sich läutern, seine
+<a id="page-157"></a><span class="pgnum">157</span>Seele bereiten, wie einen Acker, welcher der Saat
+wartet. Sein Selbst gewinnen aber heißt, Frucht tragen
+wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, &#8212; prüfen
+wir uns einmal, wieweit sie gemeinhin reicht.
+Nach allem Möglichen wird unter Umständen mit
+vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um
+Morgen dein Leben lang an deiner Türe vorbeigeht
+mit Lebensbrot, so kann er ein Leben lang ungerufen
+davor vorbeigehen; denn seine Bettwärme wie sein
+appetitliches Frühstück oder seine Zeitung oder gar
+seine &#8218;Pflicht&#8216; läßt keiner so leicht im Stich um
+Lebensbrotes willen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht
+wie erwachsene bewußte Menschen. Wir essen und
+trinken ruhig, während Mitmenschen neben uns verhungern
+und verdursten, wir gehen fröhlich in Freiheit
+herum, während Mitmenschen neben uns in Kerkern
+verderben. Wir können uns in jeder Weise freuen,
+während um uns in jeder Weise gelitten wird, und
+wenn wir selbst leiden, so haben wir die Unbefangenheit,
+mit dem Schicksal darum zu hadern. O, daß unser
+Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt würde und
+diese bittere Häßlichkeit von uns abfiele und wir aus
+Kindern Erwachsene würden.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders
+als ein &#8212; Helfen! Als wunderreichste, geheimnisvollste
+Hilfe!</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-158"></a><span class="pgnum">158</span>Alles ernsthaft Angefangene muß die Menschheit auch
+entschlossen weiter treiben und weiter entwickeln.
+Täte sie's nicht, so wäre sie ebenso unreif und leichtfertig
+wie die Individualität, die anfängt und liegen
+läßt, statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensläufen,
+allem in sich eine Folge und Ausbildung zu
+geben. Einziglich schon von diesem Gesichtspunkt
+aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen
+ablehnen, als ob es ein Verdienst wäre, ein so wundertief
+begonnenes Geisteswerk in die Rumpelkammer
+zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau
+anzunehmen, zum mindesten dankbar gewärtig
+zu sein.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-159"></a><span class="pgnum">159</span>Lebensweisheit</h2>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Mit allem Großen ist es wie mit dem Sturm. Der
+Schwache verflucht ihn mit jedem Atemzug, der
+Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten
+weht.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen<i> nicht</i> kommen. In den gewöhnlichsten Verhältnissen.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Alles Festlegen verarmt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dem Steigenden werden Gärten der Schönheit Wüsten
+der Unbedeutendheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Schmerz über das, was wir an der Welt verfehlen
+und von dem sie gemeiniglich nichts weiß, kommt
+ihr wieder aus der Reife unseres Charakters.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man kann wohl sagen, daß das Geschlecht zwei
+Drittel aller möglichen Geistigkeit auffrißt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz
+macht die meisten Menschen nicht groß, sondern klein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack
+längst nicht mehr rührt, wird selbst Gegenstand des
+Spottes, ja der Verachtung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden,
+so tun sie's gewiß aus Ungeschicklichkeit.</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-160"></a><span class="pgnum">160</span>1906</h3>
+
+<p>Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schließlich
+doch das Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst
+noch das Liebste zu uns.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann
+man Wahrheit nicht lehren, nur zeugen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles, im Kleinen und Großen, beruht auf Weitersagen.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Es ist merkwürdig, daß ein mittelmäßiger Mensch oft
+vollkommen recht haben kann, &#8212; und doch nichts damit
+durchsetzt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mit Jedem wächst auch sein Herold oder sein Henker.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn du ein Geldstück von Wert bist, so briefwechsle
+dich nicht zu oft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Spannung ist alles und Entladung.</p>
+
+<p>Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer
+richtig zu entladen.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortwährend
+bei sich wie bei den andern hunderterlei
+Krumm gerade sein ließe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jede gründliche Erfahrung muß mit eignem Leben
+bezahlt werden &#8212; und fremdem.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-161"></a><span class="pgnum">161</span>Was du andern zufügst, das fügst du dir zu.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne
+Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen
+und die Liebe. Und nie wird wohl jemand ergründen,
+ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe willen,
+oder ob er liebt um des Schaffens willen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keine &#8218;toten&#8216; Gegenstände. Jeder Gegenstand
+ist eine Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre
+Ansprüche geltend macht wie ein gegenwärtig Lebendiges.</p>
+
+<p>Und je mehr Gegenstände du daher besitzest, desto
+mehr Ansprüche hast du zu befriedigen. Nicht nur
+sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen dienen.
+Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die
+unsern.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend
+verzichten läßt; denn er weiß, daß jedes Ding eine
+Wolke von Unfrieden um sich hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Hälfte allen Unglücks &#8212; vom gröbsten bis zum
+feinsten &#8212; geht auf Unwissenheit oder Denkfehler
+zurück, gewollte und ungewollte Ungeistigkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lesen-Können, &#8212; darauf läuft schließlich alles hinaus.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-162"></a><span class="pgnum">162</span>Überall dem Selbstverständlichen zum Wort verhelfen &#8212; das
+ist ein großes Geheimnis.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Nur durch Schaden werden wir klug &#8212; Leitmotiv
+der ganzen Evolution. Erst durch unzählige, bis ins
+Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen lernt
+sich das Individuum zum Meister über sein Leben
+empor. Alles ist Schule.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger
+für sie reif ist. Nicht an der Wahrheit liegt es daher,
+wenn die Menschen noch so voller Unweisheit
+sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gehört mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das
+pure, lautere Gold liegt vor uns, um uns. Aber wir
+leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu
+schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne
+über uns und folgen Schatten und Gespenstern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt für Unzählige nur Ein Heilmittel &#8212; die Katastrophe.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Von Hundert, die von &#8218;Menge&#8216;, von &#8218;Herde&#8216; reden,
+gehören neunundneunzig selbst dazu.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vorsicht und Mißtrauen sind gute Dinge, nur sind
+auch ihnen gegenüber Vorsicht und Mißtrauen nötig.
+<a id="page-163"></a><span class="pgnum">163</span>Der geschäftige Clown im Zirkus, der den Teppich
+&#8218;mit aufrollen hilft&#8216; &#8212; ein Bild, das einem tausendfach
+aus dem Leben wiederkommt.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am
+gründlichsten vergessen und am seltensten getan.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>In vielen Fällen wäre der gerade Weg der kürzeste &#8212; zum
+Verderben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was wäre wohl aus der Welt geworden, wenn alle
+zum Mitschaffen Aufgerufenen immer gleich &#8218;schnurstracks&#8216;
+auf ihr Ziel losgegangen wären. Alle Weisheit
+ist langsam, alles Schaffen ist umständlich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die
+viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.</p>
+
+
+<h3>1914</h3>
+
+<p>Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben
+wir uns.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-164"></a><span class="pgnum">164</span>Erziehung Selbsterziehung</h2>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Jeder Jüngling mag von sich denken, er sei der Messias,
+aber er muß nicht Messias sagen, sondern nur
+Messias tun.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Man müßte sein Ich nicht immer mit sich identifizieren,
+sondern wie eine Mutter ihr Kind behandeln.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Faß das Leben immer als Kunstwerk.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Umschnalle dein Herz mit Schweigen.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Wir<i> brauchen</i> nicht so fort zu leben, wie wir gestern
+gelebt haben. Macht Euch nur von dieser Anschauung
+los und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem
+Leben ein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber
+sagt zu einem nein, so muß man auch zu diesem
+Nein ja sagen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man kann nur als Totschläger leben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Höher als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle,
+die absolute Skepsis gegen sich selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung
+einfangen &#8212; wäre schon genug für ein Leben.</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-165"></a><span class="pgnum">165</span>1906</h3>
+
+<p>Nur im Fluß bleiben, nur nicht zur Spinne eines
+Gedankens werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, so
+daß deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer
+Unzufriedenheit zu stärken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich schreibe der Gegenwart schön gebildeter Gegenstände
+einen großen Einfluß auf den Menschen zu.
+So sollten wir die Möbel unserer Kinderzimmer mit
+außerordentlicher Sorgfalt auswählen. Irgend ein
+schöner, schlichter, ehrwürdiger Schrank, auf den der
+Blick unsres Kindes von seinem Lager aus fällt, ja
+kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine
+kleine Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen
+Tempels, einer modernen Eisenbrücke würden
+ihm zweifellos eine Ahnung von großem Stil geben,
+die es sein ganzes Leben hindurch nachspüren und
+weiterentwickeln würde.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin.
+Und zwar einer Ausstellung von Dilettanten verfertigter
+Dinge, als da sind Dörfer aus Streichholzschachteln,
+rollendes Material aus Garnspulen, ein
+Haus aus einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw.
+Mir lacht das Herz. Seit manchem Jahre schmähe
+ich das luxuriöse moderne Spielzeug, diese echte Aus- und
+Nachgeburt einer materialistischen Periode, &#8212; und
+nun erhebt endlich wieder das Spielzeug unserer
+Kindheit das bescheidene und phantasievolle Köpfchen.
+<a id="page-166"></a><span class="pgnum">166</span>Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach und
+unter so viel ödem Bildungsphilistertum wieder den
+Geist und die Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht
+vornehmlich auf Bestärken und Schwächen. Man
+kann niemanden zu etwas bringen, der nicht schon
+dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von
+etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich ihm
+zu entfremden. Der bedeutende Mensch ist ein Mensch,
+an dem viele andre sich klar werden. Er greift in
+ihr Unbewußtes und Unterbewußtes und stärkt dort
+das ihm Verwandte. Wenn Lichtenberg von seinem
+Aberglauben redet, so schwächt er damit die Mannhaftigkeit
+vieler; denn ihre heimliche Neigung zum
+Unkontrollierbaren fühlt sich durch einen solchen
+Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge Zucht
+scheint ein wenig im Werte sinken zu dürfen. Wenn
+er aber von einem geläuterten Spinozismus als der
+Religion der Zukunft spricht, wie fällt da sein Wort
+bei manchem wie ein Frühlingsregen auf Saatfelder.
+Wie stärkt er da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz.
+Wobei freilich außer Betracht bleibt: wozu?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer möchte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder muß seinen Mann haben, der ihm über die
+Schulter sieht, und dieser wieder seinen und so fort.
+Das ist nur gut und billig; so allein kommt der
+Mensch vorwärts.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-167"></a><span class="pgnum">167</span>Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der
+Gefahr ausgesetzt, gekreuzigt oder verbrannt zu werden.
+Um so mehr will es der Anstand und die Solidarität,
+aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen,
+und sollten es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung
+sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Übung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du
+wirst merken, worauf's ankommt, auch bei dir.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu
+dem: im Begonnenen unermüdlich weiter zu arbeiten,
+aber nicht in Verzweiflung und Selbstbetäubung, sondern
+indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer
+mehr durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer
+entschiedener vergeistigen. Was denn schließlich auch
+unserer Hände Werk sich wunderlich wandeln machen
+wird, so daß, wenn einer etwa im Kriegshandwerk
+begann, er, wer weiß, als Kolonisator endet, oder als
+Kriegsmann irgend einer andern höheren Kriegsidee,
+als es die der bisherigen Kriege war.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre
+wir wohl alt sein mögen, werden wir geduldiger gegen
+das Tempo unserer heutigen Entwickelung werden.
+Die von uns heute so ungestüm begehrte edlere Zukunft
+unseres Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch
+einmal verwirklichen, aber statt in Jahrhunderten erst
+in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost für den
+Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost:
+<a id="page-168"></a><span class="pgnum">168</span>daß ihm für seine Person schon heute die Möglichkeit
+gegeben ist, sich selbst so edel zu verwirklichen,
+wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen
+ist jederzeit und überall möglich; zuletzt bleibt doch
+diese Erkenntnis und was sie fruchtet, der einzige
+wahre Fortschritt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>A. Zukünftige Ideale ziehen den Menschen davon ab,
+sich selbst als sein einziges Ideal, im ethischen Sinne,
+zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei sich anfinge,
+wäre die schönste Zukunft vorweggenommen.</p>
+
+<p>B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren,
+fange doch gleich bei dir selbst an. Auch
+dein Reden ist nämlich nur ein Umgehen deiner Pflicht.
+Bilde, Künstler, rede nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sich immer am Leben korrigieren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als Kämpfer
+für das Echte zuletzt den Erfolg an sich zu fesseln:
+So lange zu schweigen, Geduld zu haben, Menschen
+und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue
+gegen sich selbst und die äußeren Umstände eines
+Tages ein Faktor geworden ist, mit dem gerechnet
+werden muß. Dann endlich mag man dem Zorn und
+der Liebe in sich nachgeben, wann und wo es auch
+sei. Dann erst hat es, sie rückhaltlos zu äußern, Sinn
+und Wert: Für einen selbst, für den Getroffenen, für
+den Verteidigten, für alle andern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch
+mit kühlen Blicken unter sich sehen lernen. Man sei
+<a id="page-169"></a><span class="pgnum">169</span>stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener
+brünstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts
+ist als versetzte Erotik. Man gebe dem Weibe, was des
+Weibes, und Gott, was Gottes ist.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Von sich zurückzutreten wie ein Maler von seinem
+Bilde &#8212; wer das vermöchte!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in
+sich, daran unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste
+Lebensaufgabe bleibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was
+man Taugliches wird, wird man in der Regel trotz der
+Schule, nicht durch die Schule.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gute Erziehung &#8212; ein zweischneidig Schwert. Mancher
+wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch
+von<i> Umfang</i>, infolge seiner guten Erziehung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben.
+Nichts macht das Leben ärmer als vieles anfangen und
+nichts vollenden.</p>
+
+<p>Aber ebenso gewiß ist, daß wenn auch kein Schuß ins
+Schwarze trifft, unzählige es wie ein Sternenhimmel
+umschreiben.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Es ist der Schritt, der erobert. &#8218;En marche&#8216; &#8212; ist
+eines der schönsten Worte der Welt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-170"></a><span class="pgnum">170</span>Siehe eine Sanduhr: Da läßt sich nichts durch Rütteln
+und Schütteln erreichen, du mußt geduldig warten, bis
+der Sand, Körnlein um Körnlein, aus dem einen Trichter
+in den andern gelaufen ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was habe ich immer vor mir? Meine Hände. Darum
+möchte ich eine &#8218;Erziehung zum Nachdenken&#8216; geschrieben
+sehen unter Zugrundelegung der Anschauung
+der Menschenhand.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine
+gute Mutter zu verschaffen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die kleinen Schwächen legt man am schwersten ab, so
+wie man der Moskitos weit schwerer Herr wird als des
+Skorpions oder der Schlange. Und so ist es recht eigentlich
+das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit
+aufhält: Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Trägheit,
+Lauheit.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Man möchte sich wie Bruder Bernardo auf irgend
+einem Marktplatz dem Gespött der Welt aussetzen,
+um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe willen
+geduldig und heiter zu ertragen &#8212; und leidet vielleicht
+schon darunter, wenn die Schaffnerin, die das
+Zimmer aufräumt, vergißt, guten Morgen zu wünschen,
+oder wenn der Türhüter des Hauses schlecht
+geschlafen hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist,
+<a id="page-171"></a><span class="pgnum">171</span>sondern nur einfach etwas von deiner Pflicht zu tun
+versuchen, Tag um Tag.</p>
+
+<p>Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit
+und Wachsamkeit von Anfang bis Ende
+zu verleben, als ein Jahr in großen Absichten und hochfliegenden
+Plänen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns
+noch so sehr als Unrecht erscheint. Den Kampf gegen
+dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber ihn nicht
+außer sich führen, gegen jenen, sondern in sich, gegen
+sich, gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen,
+jenem Unrecht entspricht. Oder könnten wir
+leugnen, daß wir innerlich an allem noch irgendwie
+teilhaben, was an Bösem außer uns geschieht? Daß in
+uns von dem z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung
+versetzt und zu unverantwortlichen Handlungen verführt,
+noch genug lebt, um unsere ganze Wachsamkeit
+und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es
+nur ein gewisses Sichfreuen bei dem &#8218;Sieg&#8216; des schwächeren
+Gegners oder eine &#8218;gerechte Empörung&#8216; über
+dies und das, was das blutige Handwerk nach sich zieht?
+Wir möchten allzugern wahrhaben, es sei menschlich
+schöner, mit dem Schwächeren sich zu freuen, als die
+gleichmäßige Trauer über Siegende wie Besiegte eine
+Quelle neuer Gelöbnisse vermehrter Anstrengung in
+uns selber werden zu lassen; es sei nicht leichter,
+empört über Grausamkeiten zu sein, als die Blitze
+der Entrüstung auf und in uns selbst abzuleiten,
+auf das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch
+in uns noch nicht völlig gebändigt, noch nicht genug
+in rein dem vergeistigten Ich dienenden Kräften leben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-172"></a><span class="pgnum">172</span>A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie
+empfinden, doppelt streng gegen sich selbst vorgehen,
+nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen, wie der Student
+seiner Flamme.</p>
+
+<p>B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht
+mehr verlassen dürfen?</p>
+
+<p>A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie
+Ihren Hunden, mit denen Sie über Land gehen. Aber
+behalten Sie sich stets vor, sie zurückzupfeifen, und
+pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund, einfach
+weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre
+Diener.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Daß du dann niemals mehr Wein anrührtest!&#8216; rief
+ein Knabe seinem Vater zu, der mit ihm die Wendeltreppe
+eines Turms emporstieg. &#8218;Welche Selbstüberwindung!
+Welche &#8212; Entsagung!&#8216;</p>
+
+<p>Der Vater nickte lächelnd und wies dem Sohne die
+Aussicht, die das eben erreichte Treppenfenster erlaubte.
+Nachdem sie diese eine Weile bewundernd genossen,
+stiegen sie weiter und gelangten zum nächsten.
+Welche Entsagung! rief da der Vater verstellt. Hier
+haben wir nicht mehr den Blick von vorhin. Wie
+schön war es, auf all die nahen Dächer hinabzuschaun;
+da störte noch keine Landschaft wie jetzt&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>&#8216;&#8212; Störte?&#8216; fragte der Sohn &#8212;</p>
+
+<p>&#8230; und sind wir erst droben, so werden wir auch
+diesem Rundbild entsagen müssen; denn droben, du
+weißt ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer&nbsp;&#8230;
+Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der
+Schelmerei gewahr, maßen sie lange und nachdenklich
+den Sprecher&nbsp;&#8230; bis &#8212; hoch, ein Silberstreif &#8212; das
+<a id="page-173"></a><span class="pgnum">173</span>Meer am Horizont erschien und sie mit Tränen
+füllte. (Denn wie liebte schon dieser Knabe das
+Meer!)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sich bewußt ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz
+gehen. Vom Ersten bis zum Letzten und umgekehrt.
+Keinen und nichts vergessen, übersehen, gering
+achten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sind allzumal träge; daraus entspringen die meisten
+Übel. In jedem schlägt das Gewissen und regt
+sich das Wissen, wie es im Kleinen und Großen sein
+müßte und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die
+Vergeßlichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu
+kommen, daß wir aus Gedanken zu Taten hervorschreiten.
+Wir kennen manches große innerliche Mittel,
+aber man sollte auch kleinere, mehr äußerliche schaffen.
+Alle, die gut sein möchten, aber es nicht so sein können,
+wie sie möchten, weil sie sich zu schwach dazu fühlen,
+sollten sich zusammentun und eine Hilfsbrüderschaft
+über sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt.
+Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einräumten, ja die
+Pflicht auferlegten, sie immer wieder wachzurütteln und
+mit dem problematischen Willensmaterial, das in ihnen
+ist, zu arbeiten &#8212; so wie ein treuer Diener, der uns
+zum Sonnenaufgang aus dem Bett rüttelt, so wie ein
+Staat, der mit unseren Steuern &#8218;arbeitet&#8216;. Eine Brockensammlung
+guter Willensregungen, sozusagen, das gälte
+es für diese Gruppe Tag für Tag. Des Menschen
+Wesen ist Schwäche; kann er nicht allein in die Höhe
+wachsen, so soll er sich an Stangen und Spaliere binden
+oder binden lassen. Ehre jedem, der statt auf dem Stroh
+<a id="page-174"></a><span class="pgnum">174</span>zu verkümmern, zur Krücke greift, Ehre jedem tapferen
+Invaliden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Hauptzug aller Pädagogik: Unbemerkt führen.
+Viele Menschen sind durchaus fähig und gewillt, der
+Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen nicht geradezu
+gesagt, vor Augen gerückt werden. Sie verlieren
+in diesem letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit;
+denn ihre Eigenliebe ist noch stärker als ihre
+Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gefällt ihnen
+nur, wer und was sie &#8212; schont.</p>
+
+<p>Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht
+ihren Wahrheitsbesitz erarbeiten.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Übe dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird
+gegeben, mit der anderen genommen. Alle Erziehung
+verläuft unter diesem Pendelgesetz. Alles Erzogensein
+besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem
+einen wie dem andern Schicksal gegenüber und einer
+Liebe und einem Vertrauen, die höher sind als alle
+Vernunft zwischen Geburt und Tod.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den
+unerschütterlichen Entschluß des Durch-ihn-lernen-Wollens
+wie einen Schild vor sich her.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie mancher hat es schon ausgesprochen, daß Heldentum
+ebenso leichter sein kann als langsame, geduldige,
+unauffällige Selbsterziehung, wie eine Tat leichter
+sein kann als eine Handlung, ein Gefühl leichter als
+ein Empfinden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-175"></a><span class="pgnum">175</span>Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch
+Liebe für dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt,
+nicht dein Schein.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt
+gesetzt wird. Wenn du deinen Willen so in Bewegung
+und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du nach einigen
+Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-176"></a><span class="pgnum">176</span>Psychologisches</h2>
+
+
+<h3>1891</h3>
+
+<p>Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz
+hat, sondern wo man verstanden wird.</p>
+
+
+<h3>1892</h3>
+
+<p>Ich halte es nicht für das größte Glück, einen Menschen
+ganz enträtselt zu haben, ein größeres noch ist, bei
+dem, den wir lieben, immer neue Tiefen zu entdecken,
+die uns immer mehr die Unergründlichkeit seiner Natur
+nach ihrer göttlichen Seite hin offenbaren.</p>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag
+einer starken unbesiegbaren Lebenshoffnung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unten am Fenster ging Meta vorüber. Mein Herz
+klopfte hörbar. Es klopfte so heftig, daß ich unwillkürlich
+&#8220;Herein!&#8220; sagte. Und das Tor meiner Traumwelt
+tat sich ein ganz klein wenig auf und herein
+schlüpfte: die Liebe.</p>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Es ist eine Kunst für sich, einen Brief zur rechten
+Zeit ankommen zu lassen. Man vergißt ihrer gewöhnlich.
+Und doch &#8212; wie oft ein intimes, beschauliches
+Gespräch am Morgen keine Hörer an uns fände, so
+mutet uns ein Brief morgens und abends anders
+an.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einer der seltsamsten Zustände ist das dunkle und
+unvollkommene Bewußtsein, das wir von der Form
+und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes haben.
+<a id="page-177"></a><span class="pgnum">177</span>So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck
+erzählt, hinter dem sich jedoch durchaus nicht
+das verbirgt, was man aus ihm schließen zu sollen
+glaubt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand
+vors Auge und das ganze Zimmer liegt im Dunkel
+usw.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl, wenn man
+sich frühmorgens Gesicht und Kopf abreibt und sich
+dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit gewaschen
+und abgetrocknet.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>An den Glockensträngen der Stimmungen.</p>
+
+
+<h3>1897</h3>
+
+<p>Es ist schön, zu denken, daß so viele Menschen heilig
+sind in den Augen derer, die sie lieben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn
+du mit einer recht großen Freude im Herzen zu
+gleichgültigen Menschen kommst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das
+Greuel aller Greuel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Daß der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine
+seiner qualvollsten und verderblichsten Forderungen
+an sich selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-178"></a><span class="pgnum">178</span>Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffaßt, je
+glücklicher ist man. Überall die Bewegung aufzeigen,
+das schafft das meiste Glück.</p>
+
+
+<h3>1904</h3>
+
+<p>Bild:</p>
+
+<p>Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend
+(gleitend, fliegend). Die am nächsten schwebenden
+Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht
+überall versteckt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise
+des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus.
+Oder: Humor ist das Bewußtwerden des Gegensatzes
+zwischen Ding an sich und Erscheinung und die
+hieraus entspringende souveräne Weltbetrachtung,
+welche die gesamte Erscheinungswelt vom Größten
+bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl umschließt,
+ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt
+und Wert zugestehen zu können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tragikomödie:</p>
+
+<p>Ein Mensch, der seine Gründe, mit denen er bejaht
+oder verneint, nicht mehr ernst nimmt, sondern
+unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen
+taucht.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu
+Zeit aufzuschreien.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-179"></a><span class="pgnum">179</span>Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht
+erfliegen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen,
+wenn jemand eine Meinung ausspricht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich
+ein dunkler Vogel: Unruhe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in
+dem zu Zeiten der Ebbe jedermann spazierengehen kann.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mir macht es oft Mühe, deine Gedanken zu denken,
+aber du wirst niemals meine Empfindungen haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdächtig,
+wenn ich bemerke, daß auf eine richtige Kombination
+schon bei den alltäglichsten Dingen so und so
+viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip
+so denken und empfinden müßte, wie die andern!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das schwer Übersichtliche, das nicht recht Durchdringliche &#8212; damit
+lockt uns das Leben selbst immer
+weiter und damit lockt auch der platteste Betrüger
+noch &#8212; und gewinnt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz
+an den Dingen. Zum Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft,
+die mehr noch verbirgt als zeigt. Ibsen hat darum
+von jeher gewußt. (Vielleicht zu sehr<i> gewußt</i>.) Es ist
+<a id="page-180"></a><span class="pgnum">180</span>eine Art Dämmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken
+z.B. nachts die Häuser einer Stadt. Solch ein Haus mag
+noch so häßlich sein, nachts wirkt es mit dem ganzen
+Zauber eines unbegreiflichen Behältnisses unbegreiflicher
+Wesen, die namenlos und unerklärlich geworden
+sind, wie es selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Warum fühlen wir uns so zum Romanischen als dem
+wesentlich Formalen hingezogen? Weil wir selbst
+vielleicht nur zu fähig sind zu zerfließen, uns metaphysisch
+zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren
+und zu &#8218;vergöttlichen&#8216; und dafür das einzubüßen,
+was starke Völker und Zeitalter unter einer
+großen, starken Erdenpersönlichkeit verstanden haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen
+erstrebenswert. Aber es muß ein bißchen
+irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch
+geistig schön werde.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Möglichst viel Glück sagt man. Aber wie, wenn die
+höchste Glücksempfindung einen Menschen voraussetzte,
+der auch Allertiefstes<i> gelitten</i> haben muß?
+Wenn Glücksgefühl überhaupt erst möglich wäre in
+einem durch Lust und Unlust gereiften Herzen? Wer
+möglichst viel Glücksmöglichkeiten fordert, muß auch
+möglichst viel Unglück fordern oder er negiert ihre
+Grundbedingungen.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale
+jedes einzelnen derer, die du kennst und frage dich,
+<a id="page-181"></a><span class="pgnum">181</span>ob es etwas andres als eine fast unerklärliche Illusion
+ist, die alle diese Menschen das Leben als lebenswert
+empfinden und preisen läßt. Ob das große Glück eine
+andere Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens,
+ob nicht vielmehr die Gewohnheit und das
+kleine, das ganz minimal dosierte Glück es ist, was
+dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich frage mich oft, welches der wünschenswertere
+Typus von beiden ist: der mehr geistige Mensch, für
+den es nichts Abstoßenderes gibt, als das Uninteressante,
+oder der mehr gemütliche, für den es schlechtweg
+nur Anziehendes und Abstoßendes gibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist das Ärgste, was einem Menschen geschehen
+kann, aus einem Fließenden ein Starrer (ja auch nur
+ein Stockender) zu werden. Das erkennt mancher und
+nährt Friedlosigkeit in sich oder unaufhörlichen Zweifel
+(so tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach
+fast Unmöglichem, Ungeheurem. Manche aber überlassen
+sich ihrer natürlichen Liebe zu Welt und Mensch
+und damit geraten sie denn bald in die Strömung unendlichen
+Lebens, werden hineingerissen in den ewigen
+Zusammenhang aller Dinge, in dem es keinen Stillstand
+gibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von
+Gedanken oft von den Raumverhältnissen eines
+Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem
+gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind,
+so daß einer, der sein Leben lang in einer Art von
+<a id="page-182"></a><span class="pgnum">182</span>länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein
+edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt
+findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter
+seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß
+sich der Raucher, wo auch immer, mit einer vertrauten
+Atmosphäre umgeben kann, einer mehr oder minder
+verklärten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefühl
+von Heimat empfinden darf mit all dem unwägbaren
+sinnlichen Wohlbehagen, womit uns das oft
+wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser
+Bett, unser Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität
+der Stimmung befördert, ja wie in einem immer
+wieder gewobenen Schleier Gelebtes für uns bewahrt,
+Werdendes treulich hinzunimmt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben
+des Individuums mischen und vermählen. Daher ihr
+großer Reiz für den Teilnehmer wie für den Betrachter.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein wahres Glück, daß der liebe Gott die Fliegen
+nicht so groß wie die Elefanten gemacht hat, sonst
+würde uns, sie zu töten, viel mehr Mühe machen
+und auch weit mehr Gewissensbisse.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bücher lesen?
+Ich meine, ob sie, wie sie vielleicht in unserm Zimmer
+mit uns wohnen, auch dann und wann, in stillen
+Winternächten etwa, wenn sie es müde geworden
+sind, den massigen Menschenschläfer zu betrachten
+und zu belauschen, sich in die Werke vertiefen, die
+<a id="page-183"></a><span class="pgnum">183</span>auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie
+das Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne
+auch nur ein einziges Blatt umzuwenden, von Anfang
+bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch
+einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem
+ich gerade studiere. Ich zaudere, ihn zu verbessern, &#8212; es
+ist nichts weiter, als daß in dem Bindewort &#8218;daß&#8216;
+das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch:
+Denn, wenn es nun doch Geister gäbe, &#8212; müßten
+sie nicht unglücklich über diesen Fehler werden, den
+sie selbst nicht verbessern können und aus dessen
+Stehengebliebensein sie schließen müssen, daß ihr
+Freund ihrer nicht gedacht hat?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich
+auf Weg und Steg finden lassen. Im äußersten
+Gegensatz hierzu würde, gesetzt auch geistige Dinge
+könnten in solcher Weise verloren gehen, täglich
+wohl kaum Ein Paar Scheuklappen gefunden werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tiefstes Problem des modernen &#8212; also wesentlich
+häßlichen, irgendwie verbogenen, schlecht weggekommenen &#8212;
+Menschen: Wie kann Schönes aus Unschönem
+kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? &#8212; Alles
+ist Ausdruck. Kein Mensch kann
+Schöneres, Vollkommeneres geben, als er selbst ist.
+Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns
+anders wohin, sondern einfach wir selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt nichts Degoutableres, als fortwährend von sich
+als Person zu reden (außer zu bestimmten Zwecken),
+oder über sich reden hören zu müssen. Daher ist es
+<a id="page-184"></a><span class="pgnum">184</span>so kläglich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses
+Reden und Beredetwerden fast unvermeidlich ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn dich jemand &#8218;vollkommen versteht&#8216;, sei gewiß,
+daß dich niemand vollkommener mißversteht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man
+einander ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ja &#8212; nein: geistiges Strickziehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist gut, daß wir Spiegel haben. Daß wir für gewöhnlich
+unsere eigene Miene nicht sehen, ist eines
+der unheimlichsten Dinge, die es gibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in
+Wirklichkeit unsere Temperamente.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und
+der sagt's.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft
+begreifen wollen, so brauchen wir nur
+zu bedenken, daß sich in den beiden Menschen, die
+sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier
+riesenhafter Zellenvölker manifestiert &#8212; so, als ob
+Rußland aus lauter Männern und Westeuropa aus
+lauter Weibern bestände und eines Tages will das
+zusammen in orgiastischer Hingerissenheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalität gehört
+unstreitig zum Charme jeder Frau. Sie ist die Verbürgerin
+<a id="page-185"></a><span class="pgnum">185</span>jener Augenblicke, wo wir ihr ganz Schutz,
+ganz Ruhe, ganz Meer sein dürfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern,
+in seine Heiterkeit oder in seine Schwermut.
+Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch
+der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden.
+Daher die vielen Enttäuschungen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein
+Wassertropfen in der flachen Hand.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sind alle hart und äußerlich zueinander, auch
+wenn wir noch so sehr aufeinander einzugehen trachten;
+aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern liegen
+und nachts der Regen herniederfließt, dann suchen wir
+uns im Geiste mit zärtlicher, bereuender Teilnahme,
+dann drängen wir uns aneinander wie unwissende und
+zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer,
+dann liebkosen und trösten sich unsere Seelen, die der
+erkältende Tag wieder verstocken und verhärten wird,
+dann lieben wir wirklich einander mit einer tiefen,
+schwermütigen, unbezwinglichen Liebe.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist schauerlich an Toren zu rütteln, die verschlossen
+sind; noch schauerlicher aber, wenn sie nur aus
+dünnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur aus den kühlen,
+harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in
+sich eindringen lassen will.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sind alle Besessene, man muß das Wort nur wörtlich
+genug verstehen. Aber zugleich können wir auch
+<a id="page-186"></a><span class="pgnum">186</span>Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein, den wir &#8218;unsern
+Geist&#8216; nennen, zugleich auch Besitzergreifende.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen,
+die wir andern gegenüber so gern geltend machen,
+entspringt vornehmlich dem Unbehagen, das uns alles
+nicht völlig Verstandene als etwas von uns nicht völlig
+Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer der
+Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres
+Begriffsvermögens noch Geistigkeit gibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine
+stärkere Persönlichkeit werden können als eine starke
+Persönlichkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als
+ein Weltmann?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander
+in seine Teile, aber diese Teile gibt es in Wirklichkeit
+nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem
+Tode &#8212; wie erklärlich von der Seele, die ihre &#8212; zum
+mindesten nächste &#8212; Zukunft voraussieht.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des
+Grüblers die Melancholie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Totentanz&#8216; ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen
+und malen, wie das Weib den Mann in den
+<a id="page-187"></a><span class="pgnum">187</span>großen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man
+die breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen,
+und in diese Suppe hineinführend eine unabsehbare
+Kette von Weib und Mann, immer das Weib voraus,
+mit tausend Gebärden, von der unschuldigsten bis zur
+lasterhaftesten. Die Männer, auf die es ankommt,
+wollen schaffen, sie wollen die Welt vorwärtsbewegen;
+das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm genügt
+das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich
+völlig gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form
+von Kindern dient. Es ist die, trotz der bekannten
+Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit
+zu fördern: man stellt ein Kind, das heißt man beschränkt
+sich darauf, die Aufgabe weiterzugeben, einen
+Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das nicht
+begriffen haben, nämlich, daß es neben ihrem üblichen
+häuslichen Ideal auch noch andere größere Kulturideale
+geben könnte, wird die Menschheit nicht entscheidend
+vorwärts rücken. Und deshalb liebe ich die
+Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet
+man heute noch am ersten Frauen, die nicht nur Sinn
+für sich, sondern auch Sinn für den Mann haben, die
+ihn wirklich wie Kameraden unterstützen, und nicht
+nur als gesetzliche Konkubinen zum obersten Haussklaven
+machen wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran,
+wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter
+darstellt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende
+schon glücklich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-188"></a><span class="pgnum">188</span>In der Bewunderung manch eines Menschen liegt
+etwas Schamloses. Sein &#8218;Wie schön ist das! Wie schön
+ist das&#8216; ist nichts andres als ein &#8218;Wie wohl fühle ich
+mich, wie wohl fühle ich mich!&#8216; Das aber brauchte
+er nicht fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln.
+(Im &#8218;nil admirari&#8216; liegt doch immerhin ein ganzes
+Teil Selbstzucht und Takt.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen
+Matten &#8212; eine beinahe tragische Wirkung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß
+man eine Seite und mehr lesen kann und dabei an
+ganz etwas anderes denken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier,
+so würde er in einer so über alles Maß gewaltigen
+und erschütternden Welt, in verhältnismäßig unmittelbarer
+Nähe eines Naturphänomens wie unserer Sonne, &#8212; um
+nur etwas herauszugreifen &#8212; nicht so sein, wie
+er heut noch ist: ein kleinliches, grämliches, banales,
+kindisches, eitles, zanksüchtiges, gedankenloses, planloses,
+kurz, durchaus noch dumpfes und niederes
+Wesen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze
+anzusehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen,
+die der Mensch an seine Gattung stellt, nur der Wunsch
+des Menschen nach größerer und feinerer Behaglichkeit
+des persönlichen wie sozialen Lebens aus: Der
+<a id="page-189"></a><span class="pgnum">189</span>Mensch will wohl endlich soweit kommen wie die
+Blumen und die Bäume: ruhig leben und sterben zu
+dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen
+nichts Besseres.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres
+als Unterhaltung von Polizisten ohne Exekutivgewalt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein
+äußerster Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine
+Katze ihrem Verehrer fortläuft, so muß das aussehen,
+als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas ungemein
+Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern
+Gedanken ausschlösse. Oder wenn ein sogenannter
+Zahlkellner gerufen wird, so muß er immer erst wie der
+Mond aus dem Gewölk treten, das heißt erst nach
+längerer Zeit und nur auf einen Moment, zu dem
+man sich beglückwünschen muß, da ihn neues Gewölk
+schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen
+Dingen nützt dergleichen viel, und wer darauf verzichtet,
+kann sicher sein, daß ihn sobald keiner wichtig
+nimmt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ironisches Gebot:</p>
+
+<p>Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir zu,
+das erweckt allgemein Furcht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des
+Menschen durch ein schönes Wort zu Hilfe zu kommen.
+Verordne einem &#8218;Patienten&#8216; dreimal täglich Manulavanz,
+und er wird sich über alle erhaben fühlen,
+die sich bloß die Hände waschen. Je interessanter du
+<a id="page-190"></a><span class="pgnum">190</span>seine Gewohnheiten benennst, desto geschmeichelter
+und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen
+Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich
+nicht nur Gorkis Satin, sondern unzählige andere
+Unglückliche unzählige Male berauscht und getröstet.
+Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische, Griechische,
+Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter
+der Menschen werden. Du gibst ihrem Geist
+dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine
+Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig
+ist es, Angina zu haben, wie beinahe ehrenvoll,
+die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst damit das
+Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein,
+das Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten
+und Kulturen; das alte, das neue Europa versammelt
+sich um sein Lager, und selbst wenn die
+Pest es befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus
+Asien: die Mutter der Menschheit selbst trifft es mit
+den Schatten ihrer gewaltigen Flügel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in
+den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen
+einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das
+Mark des Beifalls nennen möchte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden
+wissen, verdächtig. Des Geistes zeugende Kraft ist
+nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes zu
+sagen mitgab, den kümmert es wenig, in jenem Sinne
+<a id="page-191"></a><span class="pgnum">191</span>klug zu reden. Ihn erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe
+(nicht der Aufgabe anderer).</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag
+streng beobachtet, dem muß das scheinbare
+Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein Gespinst
+aus Baumstämmen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen
+des Baches. Aber hat ein Bach je aus &#8212; Wellen bestanden?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem
+Kinde, das ihn fragt: Was ist das &#8212; ein Baum? Ein
+Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln, einem
+Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind des
+19. Jahrhunderts ist ganz glücklich, daß es nun &#8218;weiß&#8216;,
+was ein Baum ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem
+kontemplativen Menschen unterscheiden. Jedem sein
+Reich und seine Welt für sich. Und vor allem, wird
+der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich
+für sich. Denn wenn der Kontemplative der Duft
+der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist &#8218;die
+Welt&#8216; der einzige Weg zu diesem Duft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen
+und inzwischen nicht ganz klar und zusammenhängend
+gedacht habe, so könnte ich mir leicht
+einreden, ein Jahr sei vergangen und noch viel
+mehr.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-192"></a><span class="pgnum">192</span>Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu
+entdecken, daß man als der und der lebt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht
+nur das: desto mehr lassen ihn selbst seine treusten
+Freunde allein &#8212; aus Zartgefühl, Schamgefühl, Liebe,
+Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz,
+aus den allerbesten Gründen und mit dem unanfechtbarsten
+Takt des Herzens.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung,
+sondern hundert und tausend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So
+sollte sich auch der vollkommene Weise im Geistigen
+jäher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist es das
+Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen
+gewinnst, und wie du an einen Menschen dich
+wendest und ihn eroberst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer
+wird er seinen Ernst nehmen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben,
+weil sie es nicht ertrügen, von andern überlegen betrachtet
+zu werden. Sie fürchten die Verwundung
+ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls, sie ziehen
+es vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein, statt
+auf dem Markte die Zweiten. Aber manch einen macht
+solch heimliches Schatzhütertum auch bitter und hochfahrend.
+<a id="page-193"></a><span class="pgnum">193</span>Immer lauter muß er bei sich Stolz nennen,
+was im Grunde vor allem Furcht ist, um schließlich,
+statt der Verschwender, der giftige Drache seines
+Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut verachtet.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vorsehung &#8212;</p>
+
+<p>Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen
+Menschen auch ein geniales un- oder unterbewußtes
+sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln
+dem überall drohenden Tode instinktiv ausweicht.</p>
+
+<p>Napoleon im Kugelregen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das
+weiß vielleicht am Besten, wer sich dem Feind entgegenwirft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie
+auch. Ich behaupte, ohne diesen Mangel würde die
+Menschheit den Mut zum Weiterexistieren längst
+verloren haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was wirkt am innerlich glühenden Menschen<i> nicht</i>
+übertrieben? Steht er nicht ewig wie unter lauter
+Großmüttern und Großvätern? Und geht und spricht
+er drum nicht am liebsten zu &#8212; Kindern?</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Dieser Brief wäre an<i> Dich</i> gerichtet, von dem ich
+zehn Jahre nichts mehr gehört noch gesehen habe?
+O nein, wie wäre das möglich. Er ist an das Bild
+<a id="page-194"></a><span class="pgnum">194</span>gerichtet, das ich von damals und früher von Dir in
+mir trage, das ich zwar zu modifizieren versucht
+habe, aber mit nicht größerem Glück als der Bildhauer,
+der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt hätte
+und nun unternähme, die 10 Jahre Veränderung hineinzubringen,
+ohne das also veränderte Original vor
+sich zu haben.</p>
+
+<p>Und Dein Brief, meinst Du, wäre an<i> mich</i> gerichtet?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben feiner
+Historiker und Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten
+Fingern sie das Leben zergliedern, zerfasern &#8212; und
+wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens unberührt
+bleibt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manche Menschen machen sich vor andern so klein
+wie möglich, um &#8212; größer als diese zu bleiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn
+oder Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt
+worden. Und doch ist dieses Leiden so verbreitet, daß
+ganze Völker noch nicht darüber hinausgekommen sind,
+sich als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden und zu
+behandeln.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin.
+Er weiß nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht
+nur als Arzt liebt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-195"></a><span class="pgnum">195</span>Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer
+arbeitenden Lokomotive tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen,
+ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man wund
+und weh daliegt und nach einfachen kräftigen Grüßen
+des Lebens hungert.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur
+als Wortlose, sind wir nur, sobald wir bloß<i> sind</i>, unser
+Sein bloß<i> fühlen</i>. Daher das tiefe Friedensgefühl,
+das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen
+dürfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie
+und Initiative hat oder nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung
+des Weibes, Gattin oder Mutter zu werden.
+Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum
+völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich überhaupt
+keinen Wert, keinen Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten,
+habe überhaupt nur in Beziehung
+auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Möchten
+sich doch alle darüber klar werden, daß wir außer
+Männchen und Weibchen auch noch<i> Menschen</i>
+sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Sohn will die Mutter Mann werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden
+z.B. einen aufgestützten, entblößten Frauenarm von
+so hinreißender Schönheit, daß wir ganz vergessen, daß
+er einer bestimmten Frau gehöre. Und wenn wir zu
+<a id="page-196"></a><span class="pgnum">196</span>dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich
+die Schönheit des Weibes, des Menschen überhaupt,
+die wir anbeten, weniger sie selbst. Und da setzt leicht
+die Tragödie ein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer
+Augen willen, als ihre Augen um seinetwillen, das heißt
+um seiner ganzen imponderablen Persönlichkeit willen.</p>
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Das Weib mischt uns ins Leben hinein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hören, während
+man über Berge und Täler hinwegblickt und die Erde
+als eine ihrer unzähligen Schwestern mit sich im unendlichen
+Räume schweben und kreisen fühlt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein gewisses Maß von Schelten gehört wohl zum Leben.
+Schelten in seiner sublimiertesten Gestalt, als philosophischer,
+ja, als religiöser Pessimismus, dürfte ebenso
+nur eine Art von Ventilierung sein, wie der mehr oder
+minder gerechtfertigte Ärger des Eintags. Alles in Allem
+möchte hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten
+gelöst werden wird; wenn nämlich dies ganz große
+Zucht (also ganz großer Stil) ist: ein leidenschaftlich
+empfindsamer Geist und doch zugleich ein<i> Weiser</i>
+zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-197"></a><span class="pgnum">197</span>Die Meisten wissen garnicht, was sie für ein Tempo
+haben könnten, wenn sie sich nur einmal den Schlaf
+aus den Augen rieben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind
+sie anderswo, als wo man sie haben will, als wo sie
+sich selbst haben wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie
+den Geist so unsäglich dezentrieren, recht eigentlich
+zer&#8212;streuen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug
+nachgedacht hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft
+nichts Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so
+viel wichtiger nähme als das Große, würde das Große
+nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der Mensch
+sich mehr um den Himmel als um die Erde kümmerte,
+würde nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel
+verkümmern. Der Geist ist nicht umsonst in die
+Materie herabgestiegen.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Wie schön ist es, das Auge von einem schönen Buch,
+in das man versunken war, zu einer schönen Landschaft
+aufzuschlagen. Dieser kurze Übergang von
+chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfräuliche
+Augenblick unbewußten Staunens ist einzig.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-198"></a><span class="pgnum">198</span>Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht.
+Die edelste Musik kann so z.B. ebenso wie die tiefste
+Philosophie Gegenstand erbitterter Gegnerschaft
+werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird
+es seinen Esser auch besitzen. Auge um Auge, Zahn
+um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei keine
+Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der
+Kuh, des Ochsen und der ihrer Verzehrer, es übertrage
+der Hammel, das Schwein, der Fisch usw. nicht
+ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den
+man liebt, einen Weg gehen lassen zu müssen, der
+zur nächsten Stadt führt, statt auf den nächsten
+Gipfel.</p>
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes als die
+unaufhörlich fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie
+über ihn hinweggeht und stammelt ihr in dumpfem
+Ingrimm seine Verwünschungen nach.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was gegen die höchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt
+wird, sind nichts als die gleichen Empfindungen,
+nur noch mehr oder minder vor ihrer Katharsis.
+Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die
+Liebe, und an anderer Stelle der Meinung sein, eine
+vom Tierischen ganz losgelöste seelisch-geistige Liebe
+sei &#8212; wohl vielleicht eine reinere, aber auch eine
+kühlere, blassere, ohnmächtigere Liebe!</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-199"></a><span class="pgnum">199</span>Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis
+beschreiten zu wollen. Sollten sie als &#8218;von
+Gottes Stamme&#8216; nicht noch zu wenig stolz sein und
+als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig
+demütig?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und
+Empfindungsleben den Zustand des Federsträubens
+der Vögel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich machte die Beobachtung, daß Menschen, die beim
+Beifallklatschen die Arme weit von sich, ja fast über
+Kopfeshöhe ausstrecken, in einer zugleich wunderlichen
+und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig
+Bittender, ungeduldig &#8212; Betender gewähren, eine
+Vorstellung, von der sie selbst nicht das Geringste
+ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze
+dürstende Seele &#8212; in einem doppelgängerischen Bilde
+gleichsam &#8212; enthüllt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute
+noch unter- wie gegeneinander bewußt oder unbewußt
+anwenden, ist groß. Eines davon ist das Fragen. Es
+gibt Menschen, die so wenig wie möglich gefragt
+sein wollen; wohlverstanden: nach Unwesentlichem.
+Und Gegenstücke dazu: Menschen, die fast keine
+andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie mancher muß sich auf Kosten seiner Vergangenheit
+lieben lassen. Diese Vergangenheit hat ihm
+vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. Älter werdend
+aber erkennt er mehr und mehr auch das Böse
+<a id="page-200"></a><span class="pgnum">200</span>in sich. Nun aber hängt ihm seine Miene wie ein Schild
+vor, das nur die eine Seite seines Wesens anzeigt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gewiß hat der Mann die moderne Kultur geschaffen,
+aber sie ist denn auch nur für ihn ein so ungeheurer
+Ruhmestitel. Er selbst würde vermutlich nie an dieser
+kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es
+nicht Frauen gäbe, die, ohne seinen &#8218;Geist der Schwere&#8216;
+himmlisch unbefangen daran vorüber und dem entgegenschritten,
+was ihrer Seele &#8212; denn für sie gibt
+es in der Tat und horribile dictu noch eine Seele &#8212; not
+und wohl tut.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie ein Wind über ein Ährenfeld, so ging diese durchfahrene
+Viertelstunde über seine bewegliche Seele.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Takt erfordert vor allem Phantasie. Man muß viele
+Möglichkeiten der fremden Seele überschauen, viele
+Empfangsmöglichkeiten und danach, was man geben
+kann, einrichten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt Naturen, die für sich allein Stunden lang mit
+ihren Freunden und Bekannten reden, während ihnen
+in deren Gegenwart jeder Gesprächsstoff entfallen ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit
+dir zugleich bewohnen. Einer dieser Hausgenossen
+ist ein auf den Tod Kranker, von dem du weißt, und
+viele der andern wissen es mit dir, daß ihm jeder
+Lärm, vor allem jede irgendwie laute und grelle Musik
+zur vollkommenen Folter und Marter wird. Da erscheint
+<a id="page-201"></a><span class="pgnum">201</span>ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem
+Hause und fängt an seine Operetten zu spielen. Dein
+erster Gedanke ist: Dem Mann muß sofort ein Geldstück
+gegeben werden, das ihn veranlaßt, sein Spiel
+einzustellen und weiterzugehen. Aber du kannst es
+nicht, denn du liegst selbst zu Bett und deine Bedienung
+ist ausgegangen. Aber das ganze übrige Haus!
+Einer wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen,
+wenigstens einer aus der nächsten Umgebung
+des Kranken. Niemand rührt sich. Der Musikant
+spielt eine Viertelstunde lang, er überbietet sich.</p>
+
+<p>Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer
+darinnen vielleicht hat jeweilig den rechten ursprünglichen
+Gedanken &#8212; den Gedanken, der sich im
+Grunde von selbst versteht &#8212; aber er ist an seiner
+Ausführung gehindert. Vielen andern geht auch noch
+so etwas Ähnliches durch den Sinn &#8212; aber sie lassen
+es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermiß
+daraus die Kraft der<i> Originalität</i> des Menschen, berechne
+daraus die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit
+einer wahrhaft originellen Handlung.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-202"></a><span class="pgnum">202</span>Erkennen</h2>
+
+
+<h3>1896</h3>
+
+<p>Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in
+diesem Bewußtsein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe
+man es zum allerersten Mal wirklich sieht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen,
+soweit er sie selbst erkennen kann, um darauf umso
+freier und unbefangener seine Beobachtungen und
+Meinungen niederzulegen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschen haben sich daran gewöhnt, von
+hinten nach vorn, statt von vorn nach hinten zu
+denken.</p>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Bedeutet es schließlich etwas, seine Kniee und Füße
+anblicken zu können? Und doch kannst du es nur
+solange, als du in dir lebst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nur der Erkennende lebt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von
+Grund aus und hasse alle Schwarmgeisterei. Eine
+Wissenschaft aber, die vergißt, daß sie eine seltene,
+wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums
+ist, ja, die vergißt, daß sie selbst Mysterium ist, sie
+fällt mit der übelsten Schwarmgeisterei in eins zusammen,
+<a id="page-203"></a><span class="pgnum">203</span>sie ist im Tiefsten inferior, allein schon rein
+intellektuell genommen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion.
+Und nicht einmal eine wesentliche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit
+dem Feuer. Wenn der Alltag nicht wäre mit seinen
+24 breiten Körperstunden, wenn wir nicht als Tiere
+so fest und ökonomisch gebaut wären, so würde unser
+armes Gehirn zehnmal statt einmal verbrennen, so wäre
+philosophische Begabung und Anwartschaft auf Verrücktwerden
+dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn
+auch immer gewagt werden dürfen. Zwar, der Einsatz
+ist dein Leben, aber wenn du auch die Gefahr nicht
+bestehst, so<i> brauchst</i> du selbst keineswegs grundsätzlich
+zu verlieren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du
+zu Tisch einladen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jedesmal wieder, wenn man so recht in die &#8218;Welt&#8216;
+hineindenkt, kommen einem alle menschlichen Gedanken
+darüber vor wie Kinderstammeln, was sage ich,
+wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres
+Grashalms in die Luft hinaustasten. Und das gilt nicht
+nur von gewöhnlichen Gedanken, das gilt ebenso von
+den tiefsten Gedanken unserer fähigsten Köpfe. Nur
+daß wir durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht &#8212; besser
+vielleicht von einem Unendlichfachen auf ein
+Fünffaches gebracht &#8212; haben, ermöglicht uns, in ihr
+mit so festen Schritten zu wandeln; nur daß wir meinen,
+<a id="page-204"></a><span class="pgnum">204</span>&#8218;die Welt&#8216; in Wahrheit vor uns zu haben, wie ein
+gewaltiges Gemälde, das &#8212; wenn auch nur im Großen
+&#8212; so sei, wie wir es sehen, ermöglicht den ganzen
+Schatz menschlich-bürgerlichen Hochgefühls, die Freudigkeit
+des Tatmenschen, den tragischen Stolz des
+Philosophen, die königlichen Empfindungen des Künstlers.
+Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere
+Beschränktheit, der wir das Gefühl unbeschränkter
+Entwickelungsfähigkeit verdanken. Aber umsonst.
+Irgend einmal und dann immer wieder wird &#8212; wenn
+auch nur blitzartig &#8212; die Armut als Armut, die Beschränktheit
+als Beschränktheit erkannt, die großartige
+Illusion zerreißt und die Geschichte der Erde
+und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison
+des &#8218;Universums&#8216; als &#8212; bürgerliches Schauspiel,
+eines unter unzähligen, Verfasser unbekannt,
+Wert indifferent.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte
+geschrieben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke
+Wurzel fassen und groß werden. Sich vorbereiten,
+sich zubereiten, den Acker lockern für das beste
+Korn, ist alles.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt kein größeres Hindernis, zur Wahrheit
+zu gelangen, als &#8212; schreiben zu können. Vergiß
+deinen Stil, vergiß allen Stil, überlaß dich ganz
+dem Rhythmus der inneren Stimme, überlaß alle
+&#8218;Kunst&#8216; denen, die mehr Künstler sind als Wahrheitssucher.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-205"></a><span class="pgnum">205</span>Der Materialismus hat uns in viele Jämmerlichkeiten
+gestürzt, aus denen wir uns erst nach und nach wieder
+erheben werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Denken ist Zurechtmachen.</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend
+andre. Wird dieser Begriff mehr und mehr aus der
+Welt geschafft, so heißt das nichts weiter als: wir
+brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er
+ist für uns aufgegangen in den Begriff Entwickelung.</p>
+
+<p>Wunder nannte man einst alles Übernatürliche. Da
+man heute übereingekommen ist, alles überhaupt Mögliche
+dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es nichts
+Übernatürliches, also auch kein Wunder mehr. Aber
+Natur ist auch nur ein heuristischer Begriff und wer
+sich in der Zwangsjacke eben dieser Begriffe nicht
+wohl fühlt, wird ihn abermals entthronen und das
+alte Wort Wunder &#8212; vielleicht auf lateinisch als
+&#8218;Mysterium&#8216; &#8212; in einem neuen größeren Sinne über
+ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen,
+daß Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist eine sehr geistreiche&nbsp;(!) Forderung, die
+&#8218;Natur&#8216; auf &#8218;natürliche&#8216; Weise erklärt sehen zu
+wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie mancher Gedanke fällt um wie ein Leichnam,
+wenn er mit dem Leben konfrontiert wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-206"></a><span class="pgnum">206</span>Ich meine: Gehirn und Dinge sind in<i> Einem</i> Zirkel
+beschlossen. Im Gehirn kann nicht sein, was nicht im
+Stoff ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter
+den Formen von Zeit und Raum begreift, so ist anzunehmen,
+daß der unendliche Stoff hier keine ihm
+nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht,
+oder: wird zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation,
+die unter Raum und Zeit begreift, erstand
+doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann
+darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell
+von diesem verschieden sein&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen
+reden würde, so möchte er wohl fröhlichem Lachen
+begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen
+wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie
+der Ameisen wäre? Stelle dir nur an einem
+schönen Sommerabend den Erdball und das Leben
+auf seiner Oberfläche vor!</p>
+
+<p>B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur
+nicht zu dem einen Gedanken gebracht hätten: alles ist
+mir nur insoweit bekannt, als es meine Vorstellung ist.
+Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint,
+gibt ihm zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel
+gegenüber zu behaupten, denn das Bewußtsein,
+daß alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm
+ist, ja, noch mehr, das dies &#8218;er selbst&#8216; nur ein Bild &#8212; soll
+er sagen sein Bild? &#8212; ist, erlaubt ihm, deinem
+Ameisengleichnis den Stachel zu nehmen, so gut, wie
+dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung
+<a id="page-207"></a><span class="pgnum">207</span>steht nun für ihn so: Auf der einen Seite &#8218;alles Seiende&#8216;
+als Bild. Auf der andern das, welches &#8218;all dies
+Seiende zusamt sich selbst&#8216; &#8212; als Bild empfindet. &#8212;</p>
+
+<p>Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und
+was ich beim Lesen Meister Ekkeharts einmal so formulierte:
+Gott ist ein Subtraktionsexempel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Betrachte den Fühler dieses feingliedrigen Käfers. Was
+ist der Mensch anderes als solch ein Fühler, von unbekannter
+Urkraft ausgestreckt, tastend sich über die
+Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend
+zurückgekrümmt auf sich selbst &#8212;&nbsp;? Der Mensch,
+ein Taster Gottes nach Sich selbst.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Denken ist Übersetzen Gottes ins Rationalistische.
+Von Gott, dem Original, wissen wir nur durch
+Gott, den Übersetzer.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede
+der Weltgeist. Ach, auch aus ihnen, den Spöttern,
+redet leider nichts anderes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich lese mit Erschütterung in Hegel, an dem ich immer
+vorbeigegangen war. Zwei Dinge hielten einst schon
+den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte geheime
+Neigung zu entziehen: Seine überlebensgroße Büste,
+die ihm am Kastanienwäldchen hinter der Berliner
+Universität manchen bedeutenden Augenblick schuf,
+und das über ihn umlaufende Wort: niemand habe
+Hegeln zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst.
+Ich halte den nämlich nicht für den Träger und Offenbarer
+höchster Erkenntnisse, der diese Erkenntnisse ein
+<a id="page-208"></a><span class="pgnum">208</span>für alle Mal &#8218;versteht&#8216;. Das Höchste vermag der
+menschliche Geist auch nur in höchsten Momenten
+zu leisten, und manchmal ist es nur ein Blitz, der die
+Tiefe der Welt sekundenlang aufreißt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Entweder man ist Künstler oder Philosoph. Der
+Philosoph achtet die Kunst, ja liebt sie, &#8212; aber er
+komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem Ernst
+allein sein will.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die Bürgerlichkeit
+so vieler bisheriger Philosophie. Es fehlt mir
+darin zu sehr an jener Überwältigung des menschlichen
+Geistes durch das, was ihn wohl überwältigen darf:
+die nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich
+erlebten Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit.
+Für mich beginnt Philosophie hart vor dem
+Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre
+auch. Und sie muß immer wieder bis hart an den
+Wahnsinn führen, das ist beinahe eine Forderung
+der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst
+einen Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verrät.
+Ohne Leidenschaft aber ist jede Tätigkeit
+großen Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag,
+gemein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt
+dem Klettern einer Gemse seinen Ursprung. Dies bedenke
+auch du, der du auf Gedankenbergen herumkletterst,
+und &#8212; freue dich dessen oder mache dir
+Vorwürfe darüber oder beides zugleich, je nachdem
+du geartet bist.</p>
+
+<p><a id="page-209"></a><span class="pgnum">209</span>Man muß Pessimismus und Optimismus als &#8218;Stimmungen&#8216;
+hinter sich lassen, wenn man, obzwar erkenntnislos,
+aber von allen Seiten umwittert, den Pfad
+der Wirklichkeit wandelt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den
+fortwährenden Zweifelns. Denn nur, wer die Relativität
+jeder Meinung eingesehen hat, sieht zuletzt auch
+die Relativität dieser Einsicht ein &#8212; und schwingt sich
+endlich vom letzten Erdenwort in &#8212; Sich selbst zurück.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung
+enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen,
+das Wort Vorstellung zu überwinden. Aber dieses
+Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem
+obersten Siebe liegen, das alle andern passiert haben.</p>
+
+<p>Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu können.
+Denn wenn ich sage: Die Welt ist meine Vorstellung,
+so sage ich damit nichts andres als: eine
+Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen
+Weg hinaus, es gibt nur einen Weg hinein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Welche Vorstellung wäre zuletzt nicht anthropomorph!
+Anthropomorph, sagt man, sei die Vorstellung
+eines persönlichen Gottes. Aber der Naturforscher,
+der sich die Welt unpersönlich, nämlich als Natur,
+als Wirklichkeit, als einen unendlichen Knäuel von
+Wirkungen denkt &#8212; hat ja auch von sich selbst kein
+anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich &#8218;naturwissenschaftlich&#8216;
+als &#8218;Natur&#8216; und projiziert sich (in
+seiner neuen Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich
+ins &#8218;Universum&#8216; hinein wie früher. Oder
+<a id="page-210"></a><span class="pgnum">210</span>vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion. Anthropomorph
+ist und muß &#8218;alles&#8216; bleiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das menschliche Denken ist wie eine trübe Flüssigkeit,
+die sich im Lauf der Jahrhunderte langsam klärt.
+Nach immer mehr Erklärung trachtet der Geist, aber
+das Ergebnis ist nur immer mehr &#8212; Klärung. Und
+zuletzt wird das Denken schön geworden sein, wie
+klarer Honig, klares Wasser, klare Luft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mir fällt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie
+hat nie recht genug &#8212; Phantasie, Sie zerbrach nie ihre
+Begriffe &#8212; aus Phantasie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache
+weniger Schande als die indocta, scheint mir das Erschöpfendste,
+was über das Problem der Wissenschaften
+gesagt werden kann.</p>
+
+<p>Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr
+wert als die Wahrheit selbst, um Lessingsch zu reden;
+noch wertvoller als der Weg selbst scheint der Wille
+zu solch einem Wege.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer sich an Kant hält, dem muß alle Metaphysik erscheinen
+wie das hartnäckige Surren einer großen Fliege
+an einem festgeschlossenen Fenster. Überall wird das
+Tier einen Durchlaß vermuten und nirgends gewährt
+die unerbittliche Scheibe etwas anderes als &#8212; Durchsicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gesetzt und endlich einmal festgehalten, daß alle
+Wissenschaft nur Beschreibung und nicht Erklärung
+<a id="page-211"></a><span class="pgnum">211</span>sein kann, steht dem nichts im Wege, den Menschen
+als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete
+Pessimist würde verstummen und &#8212; sterben.</p>
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal
+ihren Wert als Wissenschaft, den man allgemein für
+ihren eigentlichen, für ihren Hauptwert hält, und der
+doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als einer
+Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren
+Übung dem Einzelnen die Möglichkeit gewährt, seine
+Persönlichkeit (ganz ebenso wie es z.B. die Disziplin
+bei einem Streckenwärter tut) zu kräftigen, zu entwickeln,
+zu erhöhen. Und das ist ihr Hauptwert.</p>
+
+<p>Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen
+Berufe. Sie sind vor allem<i> Kunstgriffe</i> &#8212; um der
+Kultur der Persönlichkeit willen. Es könnten auch
+andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit
+zahllosen Planeten noch zahllose andere finden. Die
+Gesamtheit dieser Kunstgriffe und ihrer Benutzung
+nennt man dann die Geschichte des Planeten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-Türen-Einrennen.
+Dreiviertel seiner Kraft geht darauf
+flöten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verständlich
+reden. Genug, fürs erste, daß man sich
+selber verstand. (&#8218;Ich und Mich, der Freund ist immer
+erst der &#8212; Dritte.&#8216;)</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-212"></a><span class="pgnum">212</span>Ich möchte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer
+mathematischen Figur geben, z.B. die Anschauung
+Gottes in Form einer Kugel, aus einem Mittelpunkt
+strahlend.</p>
+
+
+
+<h3>1909</h3>
+
+<p>Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der
+größten Materialismen der Epoche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man fragt sich oft: wie ist es möglich, daß dieser
+große Intellekt dies und jenes nicht gesehen oder
+seines Blicks nicht gewürdigt haben sollte. Aber
+ebenso übersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge,
+von denen wieder spätere nicht begreifen werden,
+daß sie für uns offenbar völlig im Schatten lagen.
+Man darf wohl sagen, jeder Blick vorwärts ist zugleich
+ein Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt.
+Der Geist gleicht einer Granate, deren Gebiet das
+vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres Ausflugs
+und dem ihres endlichen Aufschlags ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Frage die Philosophie sich erst einmal: &#8218;wo bin ich
+hergekommen?&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit
+vor uns. Nur wir stufen uns gegen sie ab, vom Stein
+bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich, es
+gibt nur Uneingeweihte aller Grade.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein vorläufiger kritischer Gedankenstrich: daß man
+über ein gewisses Maß hinaus nicht wissen könne,
+verwandelt sich unvermerkt in das Postulat, niemand
+<a id="page-213"></a><span class="pgnum">213</span>habe außer den &#8218;nun einmal festgestellten&#8216; Grenzen
+etwas zu suchen. Man fühlt sich vor solchem Doktrinarismus
+an das Gebahren kleiner Kaufleute erinnert,
+die von einer Ware, die sie nicht führen, erklären,
+es gäbe diese Ware überhaupt nicht.</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann
+Holz spalten. Das auf den Hackblock geschmetterte
+Scheit sinkt bereits nach links und nach rechts auseinander &#8212; da
+erreicht dich erst der Schall. So mögen
+wir die Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis
+wir das Wort vernehmen, das zu ihr gehört, die Seele,
+die von ihr redet.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut
+auf morgen verstehen zu müssen glaubt, der sich über
+die augenblickliche Konfiguration der Erde nicht so
+hinwegzusetzen vermag, daß ihm heut und morgen zu
+Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die Götter
+und ihre Werke verstehen, vor dem tausend Jahre nicht
+wie ein Tag sein können und wie eine Nachtwache.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß aufhören können zu fragen, im Täglichen
+wie im Ewigen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Weder &#8218;ich&#8216; bin, noch jener &#8218;Baum&#8216; ist, sondern ein
+Drittes, nur<i> unsere Vermählung</i>, ist.</p>
+
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Über jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen
+hundert Gedanken und Vorstellungen, die uns
+<a id="page-214"></a><span class="pgnum">214</span>das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte verhüllt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen
+sich mit Stolz Realisten und den anderen Teil schlechtweg
+Idealisten zu nennen.</p>
+
+
+
+<h3>1912</h3>
+
+<p>Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie.
+Der wirkliche Philosoph ist nicht Politiker, sondern
+Künstler. Er &#8218;redet&#8216; nicht, er bildet, baut.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Systematiker nötigt mich, ihm seinen Weltbau
+nachzudenken. Er sagt: Baue mir meine Gedankengebäude
+nach &#8212; und mit ihm bauend werde ich selbst
+zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das
+reine Denken in mir, an den Geist.</p>
+
+<p>Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die &#8212; Seele.
+Hegel. Nietzsche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem
+persönlichen Grunde hat er das gesagt, &#8212; fügt sich
+selbst den größten Schaden zu; denn er geht am
+einzig Wesentlichen in dessen Sätzen vorüber, daran
+nämlich, ob sie wahr in sich selbst sind oder doch
+sein können, oder nicht. Gewiß ist jede Philosophie
+von der Persönlichkeit ihres Erzeugers gefärbt und
+darf dementsprechend empfunden und gewürdigt
+werden; aber über alledem steht ihr Gehalt an Wahrheit,
+der nachgeprüft und entschieden werden kann,<i> ohne Ansehen der Person ihres Urhebers</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-215"></a><span class="pgnum">215</span>Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen,
+über Kopf, Hals und Schulter gesonnen!
+Wieviel Mühe gibt man sich nicht, ihn und das
+Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht
+aus sich selbst verstanden werden könnte, müßte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise
+bereits ein Teil Binsenwahrheit, aus dem einfachen
+Grunde, weil der Mensch schon lange denkt, während
+die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze
+Pensum des Menschen noch einmal zu rekapitulieren
+und, noch mehr, zu popularisieren ist. Der Mensch
+ist nicht so von Gott verlassen, wie die Menschen
+glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden
+Grade von Gott erfüllt, wie sie annehmen, wenn
+einer einmal etwas Unerwartetes sagt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist
+aufzulösen, wie, materialistisch gesprochen, die Mission
+der Zeit, den Erdball in Luft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus
+mit nichts vertauschen wollen; es geht ihm,
+wie er sagt, &#8218;der Sinn für Feierlichkeit&#8216; ab.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als &#8212; konkrete
+Wesenheiten; es ist ganz umsonst, das Leben
+aus dem Leben heraustreiben zu wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zu Ende denken ist alles&nbsp;&#8230; Da wäre das erste,
+diesen Satz zu Ende zu denken. Will man ihn zu
+Ende denken, so darf man ihn nicht &#8218;zu Ende&#8216;
+<a id="page-216"></a><span class="pgnum">216</span>denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch
+das Denken. Alles, also auch alles Denken, endet in
+Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das Ende von
+allem. Etwas zu Ende denken wollen heißt also, es
+bis zu Gott hinaus denken wollen; Gott aber hat mit
+Denken nichts mehr zu schaffen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so
+schleppt heute die sancta simplicitas der Wissenschaft
+ihre Scheiter herbei, den &#8218;Ketzer&#8216; zu verbrennen.</p>
+
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen
+lächelnden Festungen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn einer heute in zehn Büchern dargetan, daß
+der Mensch<i> nichts wissen</i> könne über Gott und
+die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine
+Mitwelt einen &#8218;<i>Wissenden</i>&#8216; und erbringt damit
+den Beweis, daß man zehn Bücher schreiben und
+zehn Bücher lesen und doch noch nicht so weit sein
+kann, sich folgerichtig auszudrücken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, über
+sie nachzudenken; wer sie zu wenig liebt, kann nicht
+gründlich genug über sie denken.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Inmitten unzähligem Hin- und Herreden der Einzelnen
+wächst still und groß das ewige Weisheitsgut der
+Menschen weiter.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-217"></a><span class="pgnum">217</span>Weltbild: Anstieg</h2>
+
+<p class="motto">(&#8218;Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.&#8216;)</p>
+
+
+<h3>1891</h3>
+
+<p>Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit
+einer Laterne weiter zu wandeln.</p>
+
+
+<h3>1893</h3>
+
+<p>Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr
+denn je nötig, den Blick aus den Tagesaffären emporzuheben
+und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige
+Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind,
+deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist.</p>
+
+
+<h3>1895</h3>
+
+<p>Weltuntergang.</p>
+
+<p>Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zurück,
+aufwärts, in das Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft.
+Die Knoten lösen sich wieder. Die ganze Welt
+lebt sich so selbst&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tod einer Welt: ihre Geburt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht
+schon wieder im Keim einer neuen vollkommeneren
+Form schlummern.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keine Grenzen der Dinge.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sich die Menschheit als die Blätter des Erd-Baums zu
+denken!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Hängt malus böse mit malus Apfel zusammen? Annahme
+eines Christen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-218"></a><span class="pgnum">218</span>Der beste Beweis für die Gotteskindschaft Christi ist
+der, daß es Zeiten gab, wo jeder Teufel vor einem
+Kreuz die Flucht ergriff.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wesen der antiken Götter: Bewußtsein des Fatums.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens möglich
+waren und teilweise noch sind, so gut dürfen wir
+es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen. Weihe
+ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligtümern, so
+werden sie selbst in unsern nüchternen Städten emporwachsen
+können. Der Mittelpunkt muß freilich ein
+großes Nationalheiligtum sein, etwa in Thüringen.</p>
+
+<hr/>
+
+
+<p>(Undatiert.)</p>
+
+<p>Was ist &#8218;persönlicher Gott&#8216; anderes als der Riesenschatten,
+den wir selber auf den Vorhang der ewigen
+Mysterien werfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke
+projiziert. So projizierst du dich auf die Wand des
+Außer-Dir. Wie du dich dort siehst, das nennst du
+&#8218;Welt&#8216;, das Bewußtsein dieses (dich) So-Sehens deine
+&#8218;Weltanschauung&#8216;.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das
+All ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt ist nur eine Form des Menschen.</p>
+
+
+<h3>1905</h3>
+
+<p>Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet,
+<a id="page-219"></a><span class="pgnum">219</span>wird man gestehen müssen, daß Gott, der Schöpfer,
+der größte Gedanke war, der je in ein Menschengehirn
+kommen konnte, wie zugleich Gott, der
+Sittenrichter einer der beschränktesten. Aber so
+gewiß der letzte unzählige Male bis zu Ende gedacht
+worden ist, so ungewiß ist es, ob der erste
+je in seiner ganzen unerhörten Mächtigkeit Herz
+und Hirn eines Sterblichen ergriffen und zerstört
+hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist,
+das Rätsel Christi zu lösen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam
+denselben Weg wie die religiöse Entwickelung. Der
+Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft wird
+ins Innere selbst verlegt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch hat kein Vorrecht auf Rücksicht. Groß
+und unbeirrt geht die Natur ihren Gang, und Legionen
+denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr
+Denken noch nicht Macht genug über ihr Leben gewonnen
+hat.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie könnten wir die große Selbstkorrektur des Lebens
+anders als ahnungsvoll verfolgen?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, über
+sich ins Reine zu kommen.</p>
+
+
+
+<h3><a id="page-220"></a><span class="pgnum">220</span>1906</h3>
+
+<p>Wie die Sprache für uns denkt und dichtet, so auch
+das Leben. Es ist interessant, zu beobachten, wie ins
+Rollen gekommene Verhältnisse sich oft genug ohne
+unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein
+Liebesverhältnis, für dessen Entwickelung sich das
+Leben gewissermaßen viel mehr interessiert als die
+Beteiligten selbst). (Kette der &#8218;Zufälle&#8216;.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Lebendige ist umflossen vom Äther der Sinnlichkeit.
+Oder: Die Luft der lebendigen Welt ist ein
+leicht entzündliches und jeden Augenblick an hunderttausend
+Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gibt es eine schönere Form, an einen Menschen zu
+denken, als ihn &#8218;Tag um Tag in sein Gebet mit einzuschließen&#8216;?
+Und doch haben wir diese Form fallen
+lassen müssen&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schluß des
+Johannes-Evangeliums. Zuerst die dreimalige Frage
+an Simon Johanna: &#8218;Hast du mich lieb?&#8216; Es ist, als
+ahnte und fürchtete Christus das ganze Papsttum voraus,
+die ganze offizielle Kirche, die ihn unzählige
+Male vergessen und verraten sollte. &#8218;Weide meine
+Schafe!&#8216; Eine welthistorische Szene. Und Christus verkündet
+ihm seinen Tod. &#8218;Und da er das gesagt,
+spricht er zu ihm: Folge mir nach!&#8216; &#8218;Petrus aber
+wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen
+Jesus lieb hatte&nbsp;&#8230;&#8216; &#8218;Da Petrus diesen sah, spricht
+er zu Jesu: Herr, was soll aber dieser?&#8216; &#8218;Jesus spricht
+zu ihm: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme,
+<a id="page-221"></a><span class="pgnum">221</span>was geht es dich an? Folge du mir nach!&#8216; &#8218;Da ging
+ein Reden aus unter den Brüdern: Dieser Jünger
+stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er stirbt
+nicht, sondern: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme,
+was geht es dich an?&#8216; Keine Szene mehr, ein Mysterium:
+Dieses Vorbei Christi an dem andern, dieses
+allerletzte Wort &#8212; nach dem letzten &#8212; an den Vertrauten
+seiner Seele. &#8212; &#8218;Was geht es dich an?!&#8216; &#8212; &#8218;Bis
+ich komme. &#8212;&#8216;</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-222"></a><span class="pgnum">222</span>Weltbild: Episode<ins>,</ins>
+Tagebuch eines Mystikers</h2>
+
+
+<h3>1906</h3>
+
+<p>Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch
+mit Gott zusammenfällt, wo er aufhört, sich als
+Sonderwesen fühlen zu können.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als
+ebendamit göttlichen Geistes. Religion ist die Erkenntnis,
+daß alles Denken göttliches Denken ist,
+wie alle Natur göttliche Natur, daß jede Handlung
+eine Handlung Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke
+Gottes ist, daß Gott nur soweit Gott ist, als er Welt
+ist, daß die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, &#8212; daß
+in demselben Augenblick, da ein Mensch sich
+seines Gott-seins bewußt wird, Gott in ihm sich seiner
+selbst als Mensch bewußt wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Betrachte den Sternenhimmel &#8212; alles versinkt um
+dich her. Wer ist er, wer bist du. Dein Denken
+schweigt. Du fühlst dich wie hinweggehoben, zerflattern
+&nbsp;&#8230; Wer bist du, wer ist er, wenn nicht &#8212; Es.
+Das unfaßbare Selbst, Gott, das Mysterium. Und
+dies Mysterium fragt in sich selbst: wer bin ich, wer
+bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst &#8212; und
+weiß keine Antwort, erstummt in sich selbst&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie kann es eine Sünde für mich geben, wenn ich
+Gott bin? Wenn ich meinen Bruder erschlage, erschlage
+ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht
+ein Recht hätte zu tun; denn ich tue es an mir selber.
+Der Täter ist zugleich der Erleider &#8212; vielleicht ist
+<a id="page-223"></a><span class="pgnum">223</span>dies ein Fenster in mich hinein, vielleicht erahnt sich
+durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind und
+dem gegenüber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen,
+praktisch aber nur dies übrig bleibt: uns als
+die, als die wir uns nun einmal vorgefunden haben,
+innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv für
+Uns, als Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen
+sein mag.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was
+du willst, aber bedenke, daß du es dir selbst tust.</p>
+
+<p>Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue
+selbst das Äußerste. Dies Gebot hindert kein Schaffen
+oder Zerstören. Mit diesem Gebot bist du frei zu
+allem und doch wird es dich weise machen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen
+Gotte, daß ich dies nicht getan habe &#8212; da
+ich doch selbst dieser allmächtige Gott bin und &#8212; als
+ein sogenannter anderer Mensch &#8212; es sehr wohl
+getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen
+vermögen; er wird niemals begreifen,
+daß er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir
+ist: und ich werde als Mensch wie ein Verrückter
+dastehen und als Gott auf mich den Richter blicken,
+wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den
+er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen
+und sagt ihm, daß er mit ihm eins sei, aber der Daumen
+versteht kein Wort von dem, was er sagt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit
+einer oft lebhaften, leicht und nachhaltig erregbaren
+<a id="page-224"></a><span class="pgnum">224</span>Phantasie und einiger dichterischer Begabung, ohne
+hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem
+beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen;
+ein Schwächling, ja ein würdeloser Mensch mitunter,
+ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von einer Sinnlichkeit,
+die sich wie eine feine Wärme über sein
+Leben verbreitet, deren eigentliche Ausbrüche indessen
+nicht so sehr von Belang sind, sodaß man bei ihm
+zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das
+Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich
+von einer sehr geringen Fähigkeit zur Leidenschaft
+sprechen mag; dabei von einer angeborenen Heiterkeit
+des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott
+und Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich
+gebildet zu sein, von schlechtem Gedächtnis, ungeübt
+und träge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner
+Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt
+zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem
+Außer-Ihm zu erkennen; &#8212; denke dir einen solchen
+Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und
+der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in
+sich hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und
+her wenden läßt; denn er springt auf seine inneren
+Erlebnisse nicht zu, er läßt sie leben oder sterben je
+nach ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen
+Bewußtsein seiner selbst zu bringen scheint, als wäre
+alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich
+nicht als Gott selbst &#8212; als das Eine und Alle, als
+das Einzig &#8212; Bestehende zu sehen, als wäre es geradezu
+eine &#8218;Ver-rücktheit&#8216;, sich &#8218;Gott&#8216; gegenüber als
+irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches, Beigeordnetes
+oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja
+<a id="page-225"></a><span class="pgnum">225</span>die Frage &#8218;Gott&#8216; überhaupt noch irgendwie zu diskutieren,
+als müsse man &#8212;<i> sich sich selbst beweisen!</i>
+&#8218;Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? &#8212; Wer
+mich hat, der hat auch den Vater. &#8212;&#8216;</p>
+
+<p>Wie mich diese steten Wiederholungen einst ärgerten,
+wie einfältig und eigensinnig sie mir erschienen; als
+ob ein Kind immer dasselbe wiederholte!</p>
+
+<p>Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl
+heraus dieses unermüdliche Betonen geflossen sein
+muß&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die
+Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe, bejahe
+ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist
+dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst
+der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir
+selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit
+ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit
+ist höchste Bejahung und höchste Bejahung Wahrheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde,
+was ich erfüllt haben konnte. Gott stirbt nicht vor
+der Zeit. Er wacht hier auf und schläft dort ein, wie
+es gut ist. Was sträubst du dich gegen das, was du
+dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz:
+Dein Schicksal ist, daß du Gott bist. Ich sage: Gott!
+Aber wo uns die Wirklichkeit dieses Wortes faßte,
+da wäre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie
+ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt.
+Gott schauen ist Tod, das wußten alle Völker. Gott
+erraten ist Leben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-226"></a><span class="pgnum">226</span>Jahrhunderte stritten über das Wort Dreieinigkeit
+Und doch enthält es die Welt, für ein Kind gedeutet.
+Der Vater, das ist das Leben, das alles ist und das
+der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus
+fassen oder gar erklären kann. Der Sohn, das ist dies
+selbe göttliche Leben als sich erahnendes Wesen, als
+Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der
+heilige Geist, das ist das langsame Weitergären dieser
+Erkenntnis auf Erden: daß alles &#8218;Gott&#8216; ist. &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Tief unten schlachten sich noch die Völker, es raucht
+das Blut und in Selbstzerfleischung fällt noch &#8212; Blindes
+sich selber an. Warum tue &#8212; Ich das. Ich weiß es
+nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige
+Geist hat das Tier erst zur Hälfte verwandelt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Gott ist nur der Lebensfunke.&#8216; Schön. Dieser Funke
+aber bildet Sterne und Gehirne. Ja, er legt mir selbst
+das Wort Gott über sich in den Mund. Und so brauch
+ich's denn.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem
+Jenseits in das Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er
+ist auch nicht hier oder dort, sondern er ist dies und
+das, und drittes und legionstes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe den verwandelnden Blick.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einer Anzahl von Leuten der &#8218;guten Gesellschaft&#8216;.
+Sind es nicht alles Menschen, die man in irgend einem
+Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind so oder
+so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie müßten
+<a id="page-227"></a><span class="pgnum">227</span>auch fast alle mit dem Gift einer schwachen doch
+steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen zu wenig
+über sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich
+selber an, sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum
+in sich. Sie glauben, mit 30 Jahren sich gefunden
+zu haben &#8212; sie nennen es: erwachsen sein &#8212; und
+setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe.
+Man wird nichts Unerwartetes von ihnen mehr sehen
+oder hören; als ob man nicht von jedem Menschen
+in jeder Stunde Unerwartetes erwarten müßte! Man
+kann sie vorausberechnen wie irgend etwas ganz
+Gewöhnliches &#8212; und dabei sind sie das Ungewöhnlichste
+der Welt, nämlich Menschen und tragen das
+Unberechenbarste der Welt in sich: eine zu jeder
+Unerhörtheit fähige Seele. Sie haben ganz vergessen
+oder nie begriffen, daß sie &#8212; Gott sind, sie begnügen
+sich damit, Herr X oder Frau Y zu sein und als
+solche und nur als solche zu leben und zu sterben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei
+zu erniedrigen, ist es, den ich unter der Bezeichnung
+&#8218;bürgerlich&#8216; überall aufspüre und verfolge. Es ist die
+eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man
+sollte täglich zu einer festgesetzten Stunde einen
+Glockenton durchs ganze Land gehen lassen, der keine
+andre Bedeutung hätte, als die, den Menschen in
+Erinnerung zu rufen, daß sie nicht nur Bürger von
+diesem Namen und jenem Stand seien, sondern unerforschliche
+Teile des Unerforschlichen. Man müßte
+eine eigene Glocke dafür erfinden und in unzähligen
+großen und kleinen Exemplaren gießen lassen: eine
+&#8218;Gedächtnisglocke des Menschen&#8216;. Wo aber ein Tempel
+<a id="page-228"></a><span class="pgnum">228</span>gebaut würde, da müßte über seiner Pforte stehen:
+Dem furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal
+Unbekannten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in
+sich gereift sehen zu dürfen: die Erkenntnis des Bürgerlichen.
+Als das Bürgerliche bezeichne ich das Absehenkönnen
+des Menschen davon, daß er das Geheimnis
+der Geheimnisse ist, das Sichhinstellen- und Verharrenkönnen
+des Menschen als eines Zweiten. Bürger
+heißt: der sich in einer Burg Bergende. Bürger
+heißt mir der Mensch, insofern er sich in der Burg
+des Gedankens birgt, etwas andres als Gott selbst zu
+sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott fühlen,
+der er ist. Es kann Gott sich nur bürgerlich und
+nicht anders ergreifen. Das Menschliche ist schlechtweg
+das Bürgerliche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine
+Burg. Gott ist nichts Außerbürgerliches; wo auch
+nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich Gottes Burg.
+Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist überflüssig,
+ebenso wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase
+Wasser) auch nur ein Tropfen Wasser, da ist Gott
+in ihm. Alles ist &#8218;Burg&#8216;. Seit Welt überhaupt ist,
+gibt es nur Gott, den Geborgenen, den Bürger.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen
+aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da
+kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten,
+und durch das mächtige Fenster die draußen hin und
+her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der
+<a id="page-229"></a><span class="pgnum">229</span>Glaswand eines großen Behälters, &#8212; und dann und
+wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du!
+Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie
+sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und
+wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und
+aus ihren nur als sie!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge
+betrachtet, in der sie das eigentlich Wertvolle, das
+Innerliche, Namenlose wach erhält, diese Menge, die
+unter den Händen der Aufklärer zu einem platten,
+sich selbst und den andern uninteressanten Haufen
+wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden,
+beste Freundin. Sie ist die einzige ebenbürtige
+Gefährtin der Philosophie. Und was die Verirrungen
+beider anbetrifft, so dürften sie hier wie dort,
+wenn auch gleich ehrwürdig, ganz verschiedenen Charakters,
+gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun
+schnitz ich Gottes Bildnis an allem.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen
+etwas wie eine Parade. Oder wie ein Schachspiel,
+gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie ein
+Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im
+Furchtbaren enden. Iwan Karamasow lehnt diese
+Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der
+Kinder begreift er nicht. Wie aber &#8212; wenn all dies
+Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden
+<a id="page-230"></a><span class="pgnum">230</span>Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und jede
+nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott
+selbst ist, das ohne Maß große schauerliche tragische
+Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde dumpfer
+Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen
+Hirn&nbsp;.. und scheint nicht alles aufgelöst &#8212; nicht in
+eine unsagbare<i> Harmonie</i> &#8212; o nein &#8212; aber in einen
+nie zu erfassenden, erfühlenden Abgrund von solcher
+Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage, jede
+Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der
+fast unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner
+selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot
+niederwerfen würde, wenn er auch nur einen Grad
+heller, eine Sekunde länger leuchtete. Aber ich glaube,
+diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen
+ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist
+in der Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott
+ringt sich aus ihr zum Sich Selbst erschauenden Geist
+empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig
+wie der Mensch, wird sich Gott je selbst<i> erkennen</i>
+(nur erahnen); denn er erkennt ja nur so weit, als
+er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid;
+es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch
+etwas andres, ob jenes kleine Mädchen, von dem
+Iwan Karamasow erzählt, sich als eben dieses Mädchen
+die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es
+einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit
+sich selbst kämpfenden, um sich selbst kämpfenden
+Unsagbarkeit &#8218;Gott&#8216; darstellt. Dieses Mädchen ist
+dort noch bürgerlich gesehen, göttlich gesehen wird
+es zum Mysterium, zu liebenswert für unsere Liebe,
+wie zu tief für unsere Klage.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-231"></a><span class="pgnum">231</span>(Nach einem französischen Roman.)</p>
+
+<p>Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine
+Sorge des Lebens fern bleibt, diese, wenn du so willst,
+frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider
+das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe,
+die der Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder
+einmal in die Häuser der Bürger bräche, &#8212; stelle dir
+dicht daneben, kaum durch eine Straße getrennt, das
+grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit, den
+Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor &#8212; und
+frage dich, was ein Gott tun müßte, der dies nicht<i> alles selbst</i> wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst
+ist, darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber
+nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen verwegen
+gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist ihr Rausch, ein
+Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er
+selbst dieser Rausch<i> sein</i> muß, um seinen ganzen
+sublimen Wert zu empfinden, daß er er sein muß,
+um ihn (möchte ich sagen) nicht erst &#8218;empfinden&#8216;
+zu müssen und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich
+ein Urteilen wäre &#8212; im Urteilen aber schläft
+auch schon das Verurteilen &#8212; herabzusetzen; ich
+sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben
+das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er braucht
+nicht vor sich zu erröten wie ein feiler Genüßling,
+er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine
+höchsten Zustände nicht, er ist in schrecklicher Fülle
+und Wahrheit alles, von oben bis unten, er ist das
+ganze Universum am &#8218;eigenen Leibe&#8216;, noch einmal:
+Er darf alles sein, weil er alles<i> ist</i>. (Spätere Anmerkung:
+Solange er nicht selbst darum &#8218;weiß&#8216;. In diesem
+Moment beginnt seine &#8212; Sittlichkeit.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-232"></a><span class="pgnum">232</span>Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte,
+und nichts, das ich nicht überwinden möchte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst
+dadurch, daß sie Liebe Gottes zu sich selbst ist,
+zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was
+allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das
+Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder
+Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem
+Weibe plötzlich zusammenschmelzen könnte in einen
+dritten Körper, dann würde die Erde vielleicht im
+selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der
+Optimismus Herr geworden sei. Und fürwahr, mit
+dieser Zählmaschine in der Hand wird der Mensch
+ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit
+des Daseins verliert ihre Gewalt für ihn, er
+klassifiziert, klärt auf, korrigiert hier und dort. Eine
+Welt, für die es nur die Eine Bezeichnung &#8218;furchtbar&#8216;
+gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus,
+in das bloß der Tod seine ungemütlichen Schatten
+wirft. &#8212; Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt,
+daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens
+bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden
+unaufhörlich darauf gerichtet sein, dich zu
+erfinden. Ohne dich würde Gott am eigenen Leibe
+verfaulen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider
+Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-233"></a><span class="pgnum">233</span>Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die
+Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen
+Begriffsvermögens vor der Welt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht
+nur der Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn.
+Vor der Kälte des Universums zieht sich das Wasser
+als Haut zusammen, so vor der Kälte des Unbegreiflichen
+der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben.
+Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem
+Verfall, indem er<i> denkt</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten.
+Alles, was geschieht, ist Mein bewußter
+oder unbewußter Wille und als solcher unantastbar.
+Damit aber fällt zugleich die übertriebene Wichtigkeit
+alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig &#8212; als
+göttliche Äußerung; und nichts ist wichtig &#8212; ebenfalls
+als göttliche Äußerung. Gottheit ist Fülle, und
+Fülle weiß nichts von dem, was sich Kümmerlichkeit
+als Gewinn und Verlust herausrechnet. Es gab zu
+lange nur den Gott des Bürgers, Gott sah sich selbst
+als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten
+müssen. Aus dem Gott-Bürger wurde der Gott-Freie,
+aus dem komischen wieder der tragische Gott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In einen Roman:</p>
+
+<p>&#8218;Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken,
+so groß, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen
+gedacht worden ist, oder wenn, dann nur von einigen
+Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen
+und werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht
+<a id="page-234"></a><span class="pgnum">234</span>von Fieber geschüttelt. Ich bringe es fertig, mit diesem
+Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben,
+als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich
+mich verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke
+dies schöne Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden,
+nicht zerstört, und wie ich im Innersten nur
+jenes Eine begehren muß: den Schmerz, den unentrinnbar
+tödlich verwundenden, den &#8212;&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu
+fühlen, kann nicht Größenwahn sein: denn wenn ich
+mich als Entwickelungspunkt Gottes, als Gott in einer
+bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu dürfen
+glaube, so gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes
+lebendige Wesen überhaupt gleichfalls als Gott: sodaß
+da nichts ist, was sich über andres überhöbe, oder nur
+in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe
+übereinander überheben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und
+gelehrte Buch &#8218;Die Religion als Selbstbewußtsein
+Gottes&#8216; gerade<i> die</i> Idee, die Gott am tiefsten faßt,
+als &#8218;wahnsinnig&#8216; hinstellt. Man mache sich klar:
+von unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit gerade
+die energischste, bedeutendste! Man möchte den Geist
+des Verfassers eine umgekehrte Wünschelrute nennen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich),
+ist eine &#8212; Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie
+mit zur Welt gehören, so gehören Sie, wie jeder andere,
+ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit
+hinein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-235"></a><span class="pgnum">235</span>(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit,
+Ermattung und Größe, einer Größe, wie sie
+sich nur bei den ganz tiefen, glühenden Seelen der
+Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick
+gefragt werden sollte, wüßte ich auch im Augenblick
+nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den
+Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei
+ihnen findet man diesen Sturm der Seele wieder, der
+oft lange schläft, sich lange unter allerlei psychologischem,
+politischem, was weiß ich für Kleinkram
+verkriecht, um sich dann plötzlich unvermutet wie
+ein feuriger Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles
+zu überschütten, zu überstrahlen, daß das Herz zu
+klopfen anfängt &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er
+führt eine Anzahl Menschen ein, die uns zunächst
+nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie durcheinander,
+bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen,
+bis für jeden irgendeinmal die Stunde schlägt,
+wo er sein Innerstes enthüllen muß. Und enthüllt er
+sich nicht aus freien Stücken &#8212; und je bedeutender
+solch ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter,
+unwilliger, ja selbst zynischer ist er &#8212; so wird
+er, ich möchte sagen, &#8218;gestellt&#8216;. Ein andrer setzt ihm
+das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den
+&#8218;Karamasow&#8216;, Werssilow und sein Sohn im &#8218;Werdenden&#8216;,
+Schatoff und Stawrogin in den &#8218;Dämonen&#8216;
+usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon später,
+sprechen wir von der Hauptsache, von der
+Hauptsache&nbsp;.. Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. &#8212; Nicht
+meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, &#8212; aber
+<a id="page-236"></a><span class="pgnum">236</span>das andere &#8212;! Und dann sprechen sie alle von
+dem &#8218;andern&#8216;, von der Hauptsache: ob es einen Gott
+gibt oder nicht; was der Mensch tun muß, wenn es
+Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott
+leben könne; wie im Besondern das Russenvolk diese
+höchste und brennendste Lebensfrage entscheide, und
+ob dieses Volk nicht vielleicht &#8218;das einzige Gott tragende
+Volk&#8216; heute sei, &#8218;das einzige, dem die Schlüssel
+des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind&#8216;.</p>
+
+<p>Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes
+selbst, die Flamme des um sich selbst ringenden Gottes,
+dessen Leib das unendliche All der Gestirne und
+dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wäre, so
+würde ich mit meiner Stirn erst dreimal vor ihm den
+Boden berühren, bevor ich mich umwendete und zu
+meinen Brüdern spräche; denn in ihm ward eine
+jener großen Leuchten der Erde lebendig, die noch
+in den finstersten Nächten leuchten, &#8212; er war einer
+der großen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich
+am Menschen nicht genug sein ließ; nur aber, wem
+der Mensch kein Ziel war, nur ein Wurf nach dem
+Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>(Zu Drews.) Wenn ich sage: &#8218;Mensch&#8216; ist nur eine
+sprachliche Ausdrucksform für &#8218;Gott&#8216; &#8212; ist das
+&#8218;Selbstvergötterung&#8216;? Gott kann sich doch nicht
+selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der nicht
+die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst wäre,
+der nur das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht
+zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte
+<a id="page-237"></a><span class="pgnum">237</span>selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte
+unendliche Welt wäre? Gott ist jeder Gedanke
+und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern
+die Natur nicht nur ein einfacher chemischer
+oder mechanistischer Prozeß ist, als den sie der Materialismus
+hinstellen will, aber es gibt keinen Metatheismus;
+Metatheismus aber wäre, das menschliche
+Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten:
+wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag,
+ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven
+Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer
+Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung hindrängenden
+Gottes war und ist, seinen Weg zu sich selbst, ja:
+Sich Selbst zu finden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht
+überzeugen können. Der<i> sichselbstschöpferische</i>
+Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn nicht
+die Philosophen, so werden die Künstler mich stets
+begreifen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis
+Meiner selbst kommen und zu diesem Leiden gehört,
+daß, was da leidet, zum allergrößten Teil nicht
+weiß, daß Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes
+fühlt, sodaß ich, obwohl ich es nur selbst bin, der
+leidet, doch endlos zugleich leiden<i> mache</i>. Und dies
+alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung
+willen. Was bleibt Mir da noch übrig, womit kann
+Ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen
+Weg aufwiegen, wenn nicht durch &#8212; Liebe! Liebe
+nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht
+<a id="page-238"></a><span class="pgnum">238</span>bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was
+überhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst
+wieder an Mein Herz zurückzunehmen &#8212; könnte Ich
+mich ohne diesen Willen zur &#8212; Welt entschlossen
+haben?</p>
+
+<p>(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden
+würde. Wenn man mich für einen größenwahnsinnig
+gewordenen Subjektivisten nähme!)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle
+der &#8218;ewigen Seligkeit&#8216; verspricht, ist folgendes:</p>
+
+<p>Wir hören nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu
+werden, wir sind und bleiben Teilnehmer des göttlichen
+Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns (sich)
+keinen &#8218;Frieden&#8216;, als den, welchen er sich selbst erringt.
+Alle höchste Stufe der Entwickelung erreicht
+Gott als Mensch: Der höchstentwickelte, am vollkommensten
+gelungene Mensch ist zugleich ein höchster
+Glücksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese höchsten
+Glücksmomente Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten
+und als irdische Ungenügendheiten zu verdächtigen.
+Sie sind die<i> einzige</i> (bewußte)<i> Seligkeit</i>
+Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr.
+Sie sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten,
+Ersiegtheiten, nicht faule Geschenke, sie sind
+nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den die Geplagten
+und Gemarterten als Höchstes ersehnen, sondern Seligkeiten
+der Kraft, des außerordentlichen Vermögens, &#8212; alles
+irdische Große und Herrliche ist zugleich Seligkeit
+Gottes. Es gibt nicht Elende und Glückliche und
+einen Gott bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer,
+sondern Gott selbst ist elend und glücklich, Gott selbst
+<a id="page-239"></a><span class="pgnum">239</span>fällt und erhebt sich, sündigt und überwindet sich, Gott
+selbst ist das Herz, die Seele, der anemos der Welt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet
+damit die Welt, wie sie ist, und supponiert ihr
+ein Fabrikspielzeug.</p>
+
+<p>Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer
+ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das heißt durch und
+durch unbegreiflich, so weiß ich nicht, warum man
+dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist,
+nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wirklicher innerster, reinster Glaube<i> kann</i> sich nur
+auf etwas beziehen, wofür die Sprache kein anderes
+Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein<i> einziges</i>
+Objekt. Ja, ich möchte noch weiter gehen: was
+geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig.
+Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme<i> aller</i> Möglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu
+ihm selbst je ein bestimmtes Geglaubtes, das heißt einen
+irgendwie bestimmten Inhalt, zu finden. Glaube ist
+nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes
+Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl
+Gottes von Sich selbst, Glaube<i> an</i> Gott ist bereits kein
+reiner Glaube mehr: das an setzt einen Gedanken,
+ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist
+ebenso wenig Glaube Gottes, wie Gefühl an Gott
+Gefühl Gottes. Daher auch keine Vernunft dem wahren
+Glauben etwas anhaben kann.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>A. Wo ist Gott&nbsp;&#8230;</p>
+
+<p>B. Du fragst, wo Gott ist?</p>
+
+<p><a id="page-240"></a><span class="pgnum">240</span>A. Ja.</p>
+
+<p>B. (auf A. deutend) Dort.</p>
+
+<p>A. Wo? (dreht sich lächelnd um).</p>
+
+<p>B. Ja, du mußt dich nicht nur umwenden, du mußt
+dich in dich hineinwenden &#8212;</p>
+
+<p>A. Hineinwenden?</p>
+
+<p>B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?</p>
+
+<p>A. Ja.</p>
+
+<p>B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh
+um) ist Gott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird
+sie in jedem Moment. Gott ist: Persönlichkeiten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins
+Sichtbare.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene
+Möglichkeit unter unzähligen Möglichkeiten bedeutet,
+gibt ihm erst den großen Hintergrund. Leib und &#8212; Seele,
+von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine
+Linie der Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie
+von Legionen Linien, die ebenfalls jede für sich hätte
+hingezeichnet werden können. (Sichtbar, leiblich geworden
+sein könnten.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem
+Aufbau und beständiger Zersetzung begriffen.
+Es gibt für dies Wesen keinen Tod &#8212; um den Preis
+des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis
+des Dividuums. Das Individuum ist vergänglich, das
+Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum
+<a id="page-241"></a><span class="pgnum">241</span>teilt sich fortwährend und darum besteht es fortwährend.
+Es kann nur bestehen, wenn es beständig zu
+Individuen wird. Im Individuum wird es allein fest,
+sodaß man sagen kann: Die Individualität ist die Persönlichkeit
+der Dividualität, oder menschlicher: Der
+Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn &#8212; Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Anfang war &#8212; Mein Ziel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott heißt immer nur der jüngste<i> Begriff</i> von Gott.
+Gott selbst kann es für den Menschen niemals geben &#8212; so
+wenig es für diese meine Hand diese meine Hand
+geben kann.</p>
+
+<p>Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch
+und Gott ist dasselbe, also kann Gott nicht vom Menschen
+erkannt werden. Erkannt werden kann nur eins
+vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich
+selbst umdrehen und darum wird er nie wissen, wer
+er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und<i> mit ihm</i>
+wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium.
+Und wäre dies schließlich nicht das Letzte &#8212; was
+wäre dann die Welt? Eine Sphinx, die, gelöst, in
+den Abgrund stürzen<i> müßte</i>. Ihr tiefster Sinn wäre
+damit verloren &#8212; das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden
+Grund verloren, weiter zu<i> sein</i>; denn der Welt
+Grund ist allein ihr<i> Ziel</i>. Wo aber ein Ziel erreicht
+ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heißt stets unerreichtes
+Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß
+wir nicht einmal wissen, wo es liegt, wie es heißt.
+<a id="page-242"></a><span class="pgnum">242</span>Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt
+Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach
+Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles
+ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das Größte,
+alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist
+der Sinn selber. Der Weg nach dem Sinn ist der<i> Sinn</i>
+des Wegs.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles will zusammensein und darum zusammenkommen.
+Assoziation ist zuletzt das eine welterklärende
+Wort. Das andere &#8212; kennen wir nicht. Aber wir
+würden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen
+von Allem zu Einem verhindert, um dafür
+die Welt der Individualformen aus ihnen zu bilden.
+Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas.
+Die äußere Hohlkugel ist mit Gas gefüllt, die innere
+luftleer. Nun wird die innere zertrümmert: Das Gas
+will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen, als Eines,
+Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig
+assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern
+Kugel war etwas, das nun folgenden Vorgang zeitigt:
+Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen,
+sondern erst als eine Unzahl von besonderen
+Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein
+schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein
+in Form von Legionen Zusammenseienden.</p>
+
+<p>Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung
+versetzt. Der Pilz bildet die außerordentlichsten und
+vielfältigsten Formen. Die Masse strebt ewig zurück
+zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott
+sein eigener Pilz.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-243"></a><span class="pgnum">243</span>Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei,
+und er ist Gottes Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei
+Leib gibt, nämlich: Gottes Leib.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser
+Tage (dem Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San
+Francisco) wieder einmal, wie gering bei den Menschen
+das Gefühl ist, das das natürlichste von allen sein
+sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem,
+was ist. Nicht einmal bis Neapel reicht ihr Glaube
+an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie
+sollten sie den Gedanken fassen, daß das ganze Universum
+beständig in ihnen ist, wie sie in ihm, ja, daß
+jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie irgend ein
+untergehender Stern hinter der Milchstraße im Grunde
+nichts anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des
+Leidens die Summe des Glückes &#8212; was sind sie im
+letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor dem
+in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar übergewaltigen
+Charakter des Weltalls. Sollte in diesem
+ganz unfaßbaren Komplex des Lebens nicht Leid
+und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und
+durch ineinander verschlungen und verwirkt sein, daß
+man schon ein Prachtstück an Trockenheit und Pedanterie
+sein muß, um hier mit einer Wage heranzutreten
+und seine innere Unsicherheit, was nun wohl
+richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen,
+durch ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu
+wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen
+<a id="page-244"></a><span class="pgnum">244</span>hat mit sich ins Reine zu kommen, leidenschaftlich
+bejahen oder verneinen; ohne vorzuschützen,
+daß er durch &#8218;sorgfältiges Abwägen&#8216; zu solcher Erkenntnis
+gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird
+es weder beim Ja noch beim Nein aushalten: Er wird
+bekennen, daß ihm vor einem solchen Schauspiel, wie
+die Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, daß
+wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, daß er sich
+aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen,
+und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein
+zu der Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen
+er allein kennt, ebensowenig wagen darf, das unversiegbare
+Füllhorn seiender und noch möglicher Welten
+zu verwünschen. Er wird, wie einer, der seine Worte
+und Werturteile unerbittlich zu bändigen gelernt hat,
+zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach
+seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie
+ist Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und
+aus Phantasie.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber
+er sollte dessen bewußt sein, daß er auf einem Meere
+fährt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der
+Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir müssen
+annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über Gott
+auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob
+in unsern oder in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß
+es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott
+sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewußtsein
+seiner selbst lebt. Daß wir als die Phase Gottes, die
+<a id="page-245"></a><span class="pgnum">245</span>wir sind, offenbar nur Gott in irgend einer Phase darstellen,
+nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl
+auch seine höchste nur eine &#8218;endliche&#8216; sein mag, indem
+das unendliche &#8218;Mysterium&#8216; nur im immerwährenden
+Endlichen unendlich bleiben kann. Gott
+kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod.
+Gott muß fortwährend sterben, um fortwährend leben
+zu können. Gott stirbt nie um den Preis fortwährenden
+Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen,
+und überwinden wir es durch das Wort &#8218;Ich bin&#8216;,
+das Gott in uns spricht. &#8218;Ich sterbe als du, damit ich
+als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also
+getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich
+sie als du erkannt zu haben meine).&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem
+Baum, in jeder Blume. Ein Keim fiel in einen Grund,
+ging auf, entwickelte sich zu Pracht und Duft &#8212; und
+wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang
+vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose etwas
+Geringeres als Schönheit und Duft der großen Erdenblume?
+Und welkt, wenn die Rose welkt, minder
+Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen
+wird? &#8212; Wachstum ist alles, das Wort &#8218;wächst&#8216;
+vielleicht das letzte mögliche Wort. &#8212; Und wie es
+unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich
+viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht
+dem andern, &#8212; und so wäre der Paradiesesgarten
+als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine Phantasie,
+groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin unzerreißbar
+von menschlichen Kinderhänden. Eine Vorstellung,
+eine Erahnung, wohl nicht stärker, nicht deutlicher als
+<a id="page-246"></a><span class="pgnum">246</span>der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel
+in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir
+Vorüberfall du auf einer vorspringenden Felskante wie
+ein blitzartiges Wunder erlebst. Aber doch eben das,
+und als das, etwas. &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre
+der wieder geschlossene Ring Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring.
+Gott ist der Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der
+Mensch stellt sich dar als dieser Ring, unterbrochen,
+mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu
+schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender
+und in sich zurücklaufender &#8212; aber noch nicht
+zurückgelaufener &#8212; Gott. Der Mensch ist die Offenheit
+des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene
+Hingott und Widergott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.</p>
+
+<p>&#8218;So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.&#8216; &#8212; Wäre
+es nicht furchtbar, wenn der Mensch nur Entwurf
+Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe als
+Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch
+alle Ewigkeit ausgeführt, weiter gebildet zu werden?
+Gewiß, der gegenwärtige Weltdurchschnitt wird immer
+Fragmentmosaik sein &#8212; aber es fragt sich, ob einmaliges
+Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als
+Fortsetzung und zwar nicht bloß im Ganzen, sondern
+auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also nicht
+nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment
+meiner Person, als einer gottwerdenden
+<a id="page-247"></a><span class="pgnum">247</span>Person, als Gottes im Einzelnen, bin. So vielleicht:
+Kann Gott als Menschenperson verloren gehen,
+ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib
+Gottes) &#8212; oder ist Gott, einmal Person geworden, als
+solche ebenfalls unsterblich, sodaß seine Entwickelung
+nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner
+Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in
+jedem Einzelnen zur immer wieder sterblichen Person
+auf immer wieder höherer Stufe wäre?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vor einem Sterbelager.</p>
+
+<p>Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren
+Verhältnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch
+diesmal schon wiedergetroffen, von früher her, nur,
+daß wir es nie wissen, daß wir heimliche Zusammenwanderer
+sind.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit
+kann nur als Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles
+Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott entwickelt sich,
+wird (ist) nur dadurch, daß er sich beständig &#8218;verrennt&#8216;,
+verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt, daß
+er sich selbst beständig Stationen schafft. Er würde
+wie ein Meer ins Unendliche verfließen &#8212; wenn er
+sich nicht fortwährend selbst im Netz gleichsam der
+Einzelerscheinung finge, diese Netzerscheinung wie
+als ein bereits Endgültiges zu höchster relativer Vollkommenheit
+emportriebe: um, wenn das ursprüngliche
+Netz sozusagen völlig in sie hineingenommen,
+nun den Persönlichkeitskern als Eigengewinn davon
+zurückzubehalten, das andere wieder zerfallen zu
+lassen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-248"></a><span class="pgnum">248</span>Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt
+von dir auf den andern. Dich aber sollst du zu vollenden
+trachten, nicht den andern. Wer sich nach innen
+wendet in seiner Tiefe, von dem fällt Mitleid ab wie
+ein Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um
+seines Leides willen, er könnte ihn höchstens um
+dessentwillen bedauern, daß ihn sein Leid nicht in sich
+hineintreibt, daß es ihn nicht vertieft. Wer sich und
+den Nächsten als Gott erkannt hat, von dem fällt
+Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird den Nächsten
+zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches
+zum Opfer bringen können, wenn es das gilt, aber
+ohne Mitleid; denn mit großem Auge wird er durch
+sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber,
+was er da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte
+dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen
+Platz mehr.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe
+schwerfällige Körper, als Geist zugleich mit dem Geist
+aller Epochen unablässig verkehrend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die
+Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Zünde einen Magnesiumfaden an &#8212; und du hast das
+Leben des Menschen im blitzschnellen Bild. Leben
+und sterben sind nur zwei Ausdrücke für dasselbe.
+Und unser Ichgefühl das Gefühl des hineilenden feurigen
+Punktes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-249"></a><span class="pgnum">249</span>Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir müssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen
+sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu
+werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen, nicht
+aber wie ungefügte Klötze hinabzurutschen und hinabzupoltern,
+muß unser erster Wunsch und letzter
+Wille sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich.
+Unwesentlich die Mücke, wesentlich der Mensch;
+unwesentlich der Mensch, wesentlich die Menschheit;
+unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum;
+unwesentlich das Universum, wesentlich &#8212;</p>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott,
+ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder
+groß noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott
+und jeder &#8218;Teil&#8216; in jedem Augenblicke zugleich das
+Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein
+oder groß? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser
+zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß und
+wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall,
+so wird er doch darum nicht sagen können: Wasser
+ist groß. Und so ist &#8218;Gott&#8216; auch nicht größer da,
+wo er die &#8218;Milchstraße&#8216; ist, als da, wo er in einem
+Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume
+hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und
+so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten
+&#8218;groß&#8216; und &#8218;klein&#8216;, denn &#8218;das gibt es alles garnicht&#8216;.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-250"></a><span class="pgnum">250</span>Ich fürchte, &#8212; und dieser unheimliche Gedanke kehrt
+mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, &#8212;:
+nicht, daß wir sterben werden, ist zu fürchten, sondern
+daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies
+immer unter folgenden Worten: Ich werde immer
+da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe,
+wer will wissen, ob ich dann nicht &#8212; mein Freund bin?
+Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden
+könnte, gewandert wäre, nein, sondern wie wenn ein
+Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte
+daß es wäre&nbsp;&#8230; Wer will wissen, ob er nicht aus
+seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser
+und mit allen physischen Prämissen) in die Welt
+blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein
+verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin,
+kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form
+zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite
+ist vielleicht nichts als wieder das Eine.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster
+Gedanke hat nichts zu tun mit dem Äußerlichen
+meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die
+zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend
+etwas getrieben worden sind, als da ist unterdrückte
+Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an
+sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese
+Zustände wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem
+neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch
+weder &#8218;heilt&#8216; noch &#8218;erlöst&#8216;. Diese Idee ist vielmehr
+aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann
+<a id="page-251"></a><span class="pgnum">251</span>ihre Anfänge bis in mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen,
+in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches
+Interesse in mir erwachte. Ihr endliches
+Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines
+Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr
+in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge
+gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit
+das Micheinsfühlen mit allem zu einem natürlichen
+Gefühl macht.</p>
+
+<p>Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs
+in so hohem Maße, daß ich mich von Vorstellungen
+solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa,
+daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze
+Weltall in Mitleidenschaft ziehen müsse.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle
+Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest
+ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist &#8212; Gott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Gott&#8216; ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels:
+ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist,
+und der Rest ist &#8212; Mysterium.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche
+sagt aus Menschenmund Gott zu sich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott
+selbst sich zum Bewußtsein gekommen. In Christus
+erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich
+selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen.
+Aber freilich: &#8218;Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein
+Tag.&#8216;</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-252"></a><span class="pgnum">252</span>Man empört sich gegen die Gottheit Christi &#8212; als
+liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein
+Stück &#8212; Gottheit herum.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres.
+Von außen, mit fremdem Auge betrachtet, mag es
+nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen
+gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben &#8212; Gottes
+aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich
+tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen
+daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott, Gott
+selbst in ureigenster Person &#8212; und die Welt wird
+sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und
+du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen;
+denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig
+werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den
+Menschen eines Tages in größerer und größerer Anzahl
+zum Bewußtsein kommt &#8212; nicht nur nominell
+wie bisher, sondern faktisch &#8212; daß sie in der Unendlichkeit
+leben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie
+sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich
+und in der Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was
+wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung
+produziert. Bis heute glaubt die Menschheit
+<a id="page-253"></a><span class="pgnum">253</span>noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter
+ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch
+den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine bloße Vorstellung
+von dir. Gewiß ist er das. Erst die Menschheit,
+welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen,
+ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten
+können, ist das Unvorstellbare, auf das unsre
+Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir für uns
+als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst
+(wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist
+(was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben
+kein andres Wort für Gott als das Wort &#8218;alles&#8216;. Man
+kennt und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich
+weiß nicht, ob je mit diesem &#8218;alles&#8216; schon ganz und
+resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht,
+für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst
+hinein in dies &#8218;alles&#8216; mit jeder Faser seines Leibes
+und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß selbst
+zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott &#8212; und
+nicht nur in Gott &#8212; sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Sein&#8216; (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn
+Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch.
+Als Gott sagt er nichts, &#8218;ist&#8216; er nicht einmal etwas.
+Gott ist nicht Gott.</p>
+
+<p>Als Mensch &#8218;ist&#8216; Gott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Auch wo Gott &#8218;sich&#8216; fühlt, wie im Mystiker, bleibt
+er noch Mensch.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt
+unerklärlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung,
+<a id="page-254"></a><span class="pgnum">254</span>dieser stiermäßigen Annahme des Gottmenschenkopfes
+von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind
+allzu wertvoll, verinteressieren &#8212; als Wissenschaft &#8212; das
+Leben in allzu hohem Grade.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit &#8212; als
+Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen
+Kultur überhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes,
+des Menschen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche,
+bleiben &#8212; Anthropomorphismus. Diese Feststellung
+sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der
+Tod Gottes &#8212; als einer auszuscheidenden Vorstellung.
+Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich
+alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich
+mir im Wort &#8218;Gott&#8216; nicht löste. Andre nennen ihre
+Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber
+ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort
+ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel
+wert. &#8218;Leben&#8216; ist das Wort einer andern<i> Phantasie</i>
+als &#8218;Gott&#8216;, das ist alles.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur
+ein &#8218;Ur&#8212;wort&#8216;. Dieses Urwort muß uns gelassen
+bleiben, wollen wir Menschen bleiben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in
+einem Menschenkopfe begreifen könnte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner
+Handlungsweise zu Grunde (drücken wir es so aus):
+<a id="page-255"></a><span class="pgnum">255</span>das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste
+Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist
+Gottes Sache selbst. Ich bin &#8212; wie ich es ansehen
+kann &#8212; nur eine Etappe im ungeheuren Heer und
+Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich
+nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so
+wäre damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein
+Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns
+durch die Daten seines Lokals usw. erklären
+zu können glaubte.</p>
+
+<p>Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht
+Halt machen zu brauchen. Die Nötigung, mich mit
+allem um mich durch ein<i> persönliches</i> Band verbunden
+fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor
+mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann
+sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig,
+ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus,
+sie teilt &#8212; ob ich sie nun als<i> Du</i> oder Erscheinung
+bezeichne &#8212;<i> Ein</i> Geheimnis mit mir, das Geheimnis
+des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und
+unser Beider Vater als Dinge.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als
+mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als
+den Vater.</p>
+
+<p>Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst &#8212; Erscheinung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und
+verächtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein
+<a id="page-256"></a><span class="pgnum">256</span>winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn er
+nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre.
+Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen,
+die meinen, man könne das Eine ohne das
+Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die
+großen Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform
+ist notwendig grotesk.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen
+Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt.
+Sie selbst ist das Tragische.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters.
+Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und
+Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre schneeweißen
+Nacken, ihr herrliches Haar &#8212; wie scheinen
+sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang
+auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und
+leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre,
+wenn nun plötzlich ein Mann aufstünde und spräche:
+Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern
+laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen
+Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen
+im Übermaß des Schmerzes. Aber nach einer kurzen
+Spanne der Starrheit &#8212; was würde geschehen? Mit
+ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen
+und mit hundert beredten Gebärden laut oder stumm,
+lächelnd oder schluchzend, die Männer rings fragen:
+<a id="page-257"></a><span class="pgnum">257</span>Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts?
+Ihr wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr?
+Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch
+denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder?
+O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen!
+Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre
+an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem
+Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht
+zu Ende! &#8212; Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich
+denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner würdig.
+Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger
+sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum
+ersten Mal &#8212; und sein triumphierendes Reich, soweit
+Welt ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem
+Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er
+immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft, dem
+wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht
+Einwand sein können: Denn je unfaßlicher dieser
+Gott ist, desto unfaßlicher wird auch die Kunst seines
+Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen
+müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche
+Urteilskraft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Die Welt&#8216; ist Gottes Weg zu seiner Schönheit.
+Überall und immer duftet diese Wunderpflanze &#8218;Welt&#8216;.
+Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Schönheit,
+ihre &#8218;Seele&#8216;, &#8218;Gottes&#8216; &#8212; Seele.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben
+worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese
+<a id="page-258"></a><span class="pgnum">258</span>wie je, wir sind selbst Paradies, &#8212; nur seiner unbewußt,
+und damit mitten im &#8212; Inferno.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Alles was ist, ist vernünftig&#8216; &#8212; ganz gewiß. Freilich
+nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X
+oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch.
+Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn
+sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich).
+Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein zu sich,
+sondern urewig ja<i> und</i> nein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wo einer keine Augen für sich &#8212; als Mysterium &#8212; hat,
+da hat auch Gott keine Augen für sich, als
+Mysterium. Aber als der, als der er Augen für sich
+hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine
+Augen für sich hat, und zürnt sich, dem andern, aus
+sich, dem einen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste
+Dissonanz eines ganzen Planeten als solche
+mit hineingehörte. Ein schauerlicher, wahnwitziger
+Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz &#8212; schon
+allein seine ganz persönliche Dissonanz &#8212; nicht aufgelöst
+und sei es auch erst &#8212; nach Äonen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit.
+Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von
+<a id="page-259"></a><span class="pgnum">259</span>Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als
+Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht
+genug, wenn nur<i> das</i> Gott wäre! so frage ich: weißt
+du, wo die Welt aufhört, daß du von genug und
+nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches
+noch-genug sein oder &#8218;nicht-genug&#8216;?</p>
+
+<p>Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht
+werden mag, kann auch noch nicht an den
+Saum des Mantels seines Ernstes rühren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen
+zu einander ist &#8212; wenn die Welt nicht der ewige
+Weg dieser zwei Seelen ist &#8212; so weiß ich nicht, was
+Gott und Welt bedeuten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des
+MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment
+innerhalb Naturae sive Dei.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich
+bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens &#8212; in
+allen seinen Erscheinungsformen &#8212; erinnern wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Und es wird nichts sein &#8212; kein Richten, kein Wundern,
+nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird
+Gericht oder Freispruch beschlossen sein.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben &#8212; das
+ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der
+Kirche ringen, so muß er es heute mit der Wissenschaft.
+<a id="page-260"></a><span class="pgnum">260</span>Der sich selbst schauende Gott ist immer nur
+als &#8212; Ketzer möglich.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vielleicht ist nichts von allem Gedachten<i> ganz</i> unwahr.
+Sollte Gott über Sich<i> gänzlich</i> falsch denken<i> können</i>? Sollte nicht die barbarischste religiöse Vorstellung
+ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten<i> müssen</i>?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem
+Andern, &#8212; Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen:
+zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft
+auf alles Andere.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere
+im Menschen streben, wenn nicht dahin, daß Gott
+in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen
+kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus
+dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln
+hervorschreiten, muß ja sagen und tun wie der Zarathustra
+Nietzsche's, oder nein wie der indische
+Buddha. Er muß das Schicksal der &#8218;Welt&#8216; an seinem
+Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein.
+Und doch &#8212;.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Frage dich nur bei allem: &#8218;Hätte Christus das getan?&#8216;
+Das ist genug.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der
+Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich
+die ganze Menschheit &#8212; Persönlichkeit zu werden
+trachtet.</p>
+
+<p><a id="page-261"></a><span class="pgnum">261</span>Denn wenn wir &#8218;Gott&#8216; sind, &#8212; was können wir
+Höheres aus uns machen, als immer durchseeltere,
+durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie der
+einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll,
+so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und
+durch &#8218;kalonkagathon&#8216; werden wollen.</p>
+
+<p>Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk
+die ganze Erde &#8212; das ist das Ziel.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen
+aber wird ihn alle fünfzig Jahre &#8212; vielleicht &#8212; Einer.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen
+könnten, wer Christus war, würden sie ihn allesamt als
+einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so
+weit weg steht der Mensch, der gesagt hat &#8218;Ich und
+der Vater sind eins&#8216; (und nur der johanneische Christus
+ist für mich Christus, so ausschließlich, daß, wenn
+es ihn nie gegeben haben sollte, er längst hätte &#8218;erfunden
+werden&#8216; müssen) von der übrigen &#8218;christlichen&#8216;
+Menschheit und insonderheit ihren Theologen, daß er
+wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken würde, hätten
+sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl
+bis zum Letzten nachzufühlen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins
+Gedächtnis, immer wieder komme ich zu mir selber
+wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und
+ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich
+erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin
+ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst
+an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet
+<a id="page-262"></a><span class="pgnum">262</span>aufschrecke und zum wievielten Male! das
+traurige Wort vernehme: Du schläfst! Wie &#8212; wäre
+mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren,
+wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche
+zusammenstoßen, ein Mensch, zu groß, zu reich, zu
+tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch zu
+klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen?
+Mir fällt ein Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren
+ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz
+anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden
+Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten
+wenigstens bis zu einem gewissen Grade überwand:
+&#8218;Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich
+möchte stärker sein und bin es nicht, und daß ich
+stärker nicht noch schwächer bin, als wie ich bin, das
+ist's, was mich zerbricht,&#8216; Und auch das fällt mir
+ein: Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis
+zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus
+Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen
+um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören
+mußte und erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht
+aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum
+und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend
+aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen
+und Schöpferischen in seine Arme herabzureißen,
+ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und
+seiner flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den
+Schlaf des Alltäglichen, von neuem erwachend nach
+kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das
+wäre ich! Das bin ich?</p>
+
+
+
+
+<h2><a id="page-263"></a><span class="pgnum">263</span>Weltbild: Am Tor</h2>
+
+
+<h3>1907</h3>
+
+<p>Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen
+an dir herunter, den Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum
+ohne Gleichen!</p>
+
+<p>Welches naive Auge würde je darauf kommen, dich
+als eine einheitliche Ordnung von Legionen selbständiger
+Wesen zu verstehen und welches Auge
+würde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte,
+die Wirklichkeit überhaupt als einen einzigen Zellenleib
+zu beschreiben, dessen Formen wir uns nur nicht
+vorstellen können?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher
+und daher; da doch alles überallher kommt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus:
+der Ansteckung) wirkt fortwährend in der ganzen
+Natur.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die
+Zahl. Sie ist die absurdeste Fälschung der &#8218;Wirklichkeit&#8216;,
+die dem Menschen wohl je gelungen ist,
+und doch baut sich auf ihr &#8218;unsere ganze heutige
+Welt&#8216; auf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der große Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal
+einen Mechanismus schaffen zu können, der schließlich
+wie ein Lebewesen wird und leben soll, und sei
+es auch nur ein Infusorium. Und übersieht dabei nur
+eins: daß es ein einzelnes Infusor für sich allein gar
+nicht gibt, daß man das ganze Weltall nachschaffen
+müßte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit
+<a id="page-264"></a><span class="pgnum">264</span>lebendig zu machen &#8212; denn man kann nichts
+von außen hineinstopfen, Ihr Herren, man muß dann
+schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex
+tempore und ex machina.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles ist Ausdruck eines<i> Wesens</i>.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht,
+so ist das auch nichts weiter, wie wenn einem
+irdischen Orchestermusiker eine Saite platzt. Sähe
+man den Mann nicht die Geige absetzen, so würde
+man vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert
+geht das vielstimmige Zusammenspiel seinen gewaltigen
+Gang.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die &#8218;Welt&#8216; gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit.
+Zwischen zwei Eisperioden kann
+eine Menschheit sich vielleicht so &#8218;vollenden&#8216;, wie
+ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene
+zu sein und sind statt dessen ein wandelnder Berg
+oder eine wandelnde Pyramide.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers.
+Am Tage sieht man sie wohl, aber hört sie fast gar
+nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie ein
+großes Herz.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Diese Waschkanne vor mir &#8212; nimm die Zeit von
+ihr: und sie stürzt zusammen in nichts. Die Zeit
+macht erst den Raum.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-265"></a><span class="pgnum">265</span>Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten
+des Menschen, auf einmal Vergangenheit und Zukunft
+gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als hätte
+die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von
+ihm in vorn und hinten, oben und unten, früher
+und später usw. einteilen zu lassen. O Mensch, du
+Kindskopf aller Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses
+Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts
+weiter!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das
+All war weder, noch wird es sein, &#8212; es ist. Und so<i> war</i> nichts von dem, was wir &#8218;vergangen&#8216; nennen.
+Alles &#8218;Vergangene&#8216;<i> ist</i>. Vergangenheit wie Zukunft
+sind nur Formen der Gegenwart.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Für Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht
+und daher auch keine &#8212; Ewigkeit. Es sollte sie auch
+für uns nicht geben. Wir<i> sind</i>. Wir werden nie sein,
+ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in
+jedem Moment &#8218;gelebte Gegenwart&#8216; &#8212; oder sie ist
+nicht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Schauerlich, zu denken, daß alles nur &#8218;in der Flucht&#8216;
+ist. Es gibt nichts, als den<i> Moment</i>, in dem fortwährend
+alles ist.</p>
+
+<p>So wie &#8218;ich&#8216; von Sekunde zu Sekunde lebe und mir
+dessen bewußt bin &#8212; (aber das alles ist nicht ich, das
+ist die Unendlichkeit, die in mir fortwährend weiter
+lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger
+gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir ihr
+vermittelten Vorstellung von Sekunde zu Sekunde.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-266"></a><span class="pgnum">266</span>Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung
+eines gegenwärtigen Kopfes.</p>
+
+<p>Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel,
+deren Oberfläche &#8212; hier der dies von ihr aussagt.</p>
+
+
+<h3>1908</h3>
+
+<p>Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je
+dasselbe, so bist auch wohl du selbst ein in jeder
+Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener, Niemehrsodaseinwerdender.
+Und nicht du allein: Alles ist
+fortwährend neu, frisch, einzig, einmalig. Dies ist das
+Geheimnis des Lebens und damit Gottes, als eines
+ewig Seienden, ohne auch nur die Möglichkeit irgendwelcher
+Starrheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Bewußtsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind
+ein Anfang.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Nicht nur Fortdauer, &#8212; &#8212;<i> Ziel</i>dauer.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><i>Die Axt</i>. (Fundamentalsätze.)</p>
+<p>1. Keine Geschichte</p>
+<p>2. Keine toten Gegenstände</p>
+<p>3. Sprache &#8212; Prozeß.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend):
+Die Welt wird doch keine Narrheit sein, &#8212;<i> Du</i>!?</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-267"></a><span class="pgnum">267</span>Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser
+Leben zurückbringt &#8212; er wird uns Ungeheures wiedergegeben
+haben.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und
+höher entwickeln wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem
+heroischen Leiden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es gibt keinen größeren Stilisator in der Natur als
+den Tod. Gib das Leben dem Tod in die Hand und
+du übergibst es &#8212; seiner Kultur. Selbst mit dem
+Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod
+in Händen hat, desto höhere Kunstwerke werden wir.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die
+Erde. Der Mensch &#8212; ein Exempel der beispiellosen
+Geduld der Natur.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe
+der Planeten nicht eine der untersten, niedersten
+ist? Ob sie der Mehrzahl anderer Wandelsterne nicht
+etwa vorkommen möchte, wie einem Paris, einem
+London der Marktflecken Schildburg, oder wie einem
+Lionardo sein Hund oder sein Pferd.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Der Übermensch ist der Sinn der Erde&#8216; &#8212; das heißt:
+der Erde Sinn ist ihr Untergang in &#8212; Höheres.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gefühl von Gnade: seliges Vorgefühl des uns zum
+Heil, unserer ganzen Entwickelung nach, Erwartenden &#8212; ohne
+<a id="page-268"></a><span class="pgnum">268</span>den<i> vollen</i> Glauben, daß es auch wirklich
+kommen werde und ohne jeden Glauben daran,
+daß man es wirklich verdiene. Ein Gefühl, der objektiven
+Wahrheit zwar vielleicht nicht entsprechend,
+aber eine Schönheit des Herzens, ein Mehr &#8212; als &#8212; Wahrheit.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich
+nicht, daß es uns etwas schenke (außer sich selbst
+durchs Mittel seiner Schönheit), sondern angebetet
+im Sinne ehrfürchtiger Liebe.</p>
+
+<p>Ja,<i> dies</i> Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres
+als um die immer reinere Offenbarung der Schönheit
+des Angebeteten soll bleiben, soll als das<i> neue</i> Gebet<i> wiederkommen</i>, nachdem wir das alte in uns niedergekämpft,
+ohne doch je vergessen zu können, daß es
+nicht nur eine Form des gemeinen Bedürfnisses, nein,
+noch weit mehr war: eine Form des edelsten Bedürfnisses
+der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet
+wieder auferstehen, frei werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht
+hat. Gott ist der eigentliche Gedanke der Erde,
+der einzige all unsrer Gedanken, der, geschweige denn
+in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen
+Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott
+ist die große Frage der Erde, aller Erden: Ihr Leben
+ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein
+Ding unmöglich. Gott ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-269"></a><span class="pgnum">269</span>Göttliches (Theon) immer wieder in unzähligen Lebenslinien,
+Lebensläufen, Gott werdend (Theos)&nbsp;&#8230; Gott
+ein ewiger und unendlicher Prozeß des Sich-Verlierens
+und Sich-Gewinnens&nbsp;&#8230; Gott ein ewiges Ringen
+zahlloser dumpfer und lichter Individuen um Sich,
+als Schönheit der Schönheit. &#8212; Sich fortwährend auf
+irgend einer höchsten Formenstufe als diese gewinnend
+und besitzend und beschließend&nbsp;&#8230; und doch
+nie<i> ganz</i> und überall und gleichzeitig vollendet.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst
+ab. Gott ist, worin dieser letzte Begriff als in seiner
+höheren Einheit aufgeht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst
+erkannt und damit vollendet hat, oder doch so, wie
+Goethe sagt: der Mensch muß von einem gewissen
+Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>So wie ich &#8212; außer etwa als mystischer Seher &#8212; den
+Geistkörper des Menschen nicht schaue, so schaue ich
+auch nicht den Geistkörper der Erde. Und doch muß
+auch der Planet als Ganzes seinen Geistkörper haben
+und wer weiß, ob er damit nicht Brust an Brust mit
+Geistkörpern andrer Sterne lebt, sodaß&nbsp;&#8230;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ein Kunstwerk schön finden, heißt, den Menschen
+lieben, der es hervorbrachte. Denn was ist Kunst
+andres als Vermittlung von Seele. Eine Landschaft
+schön finden, heißt, uns ihrer als eines göttlichen Geschenkes
+unbekannter Mächte freuen. Dankt meine
+<a id="page-270"></a><span class="pgnum">270</span>Ergriffenheit z.B. dem Meere selbst? Nein, sie dankt
+den schöpferischen Geistern, der ganzen Natur dafür,
+dem schöpferischen Geist &#8212; des Lebens selber. Interesselos
+aber ist mein Wohlgefallen am Schönen so
+wenig, daß es vielmehr alles tiefste Schöpferische in
+mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im
+ausgiebigsten Maße &#8218;mitzutun&#8216;, bis zu einem gewissen
+Grade zugleich befriedigt. Nur bis zu einem
+gewissen Grade &#8212; denn über dies Befriedigen hinaus
+bleibt noch &#8212; ob bewußt oder unbewußt &#8212; etwas
+von jener nie ganz gestillten Sehnsucht, die wir allem
+gegenüber empfinden, was uns zur Liebe zwingt: die
+Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gründlicher
+zu lieben, als wir es lieben<i> können</i>, des
+Wunsches einer noch viel vollkommeneren, sublimeren
+Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten vermöchte,
+den wir fühlen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegenüberstehen,
+sondern immerdar dem Ausdruck irgendeines
+Willens &#8212; so ist alles Empfinden die unmittelbare
+Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf
+die jedoch sofort auch seine Wiederausstoßung folgt,
+seine Distanzierung, Zurückweisung, Objektivierung. &#8212; Das
+Bild der Welt bietet so im Großen und Fortwährenden
+das Bild der &#8212; Liebe, als welche ein ewiger
+Wechsel zur Einheit zusammenfließender Zweiheit
+und in Zweiheit sich sichselbstgegenüberstellender Einheit
+ist.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jeder konsequente Monismus führt unabänderlich zum &#8212; Dualismus.
+Denn eine absolute Einheit verträgt
+<a id="page-271"></a><span class="pgnum">271</span>der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr nicht
+entweichen zu können glaubt, wie in Schopenhauer,<i> verneint</i> er.</p>
+
+<p>Aus diesem Grunde könnte auch die Gottheit ihrer
+schauerlichen Einheit in Legionen Vielheiten entflüchtet
+sein, von zwei Leiden das kleinere wählend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt als<i> Trieb</i> und Vorstellung &#8212; diese Fassung
+hätte vielleicht manches Mißverstehen Schopenhauers
+unmöglich gemacht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Welt ist nicht bloß Pflanze, oder Tier, sondern &#8212; Mensch!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen
+Entwickelungen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortwährend
+selbstkorrigiert. Wie sich ein ganz bestimmter &#8212; und
+nicht nur beliebiger oder &#8218;notwendiger&#8216; &#8212; Sinn
+des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber immer
+wieder hervorbrechend, sich immer reiner klärend und
+persönlicher enthüllend.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag übersehen
+könnten, so würden wir die Entwickelung der Menschheit
+mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen
+sehen. So aber &#8218;sieht&#8216; vielleicht der Planet. Wir sehen
+nur die Individuen wachsen, er &#8212; die Typen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Sollte in immer höherer Erkenntnis und Liebe (in
+immer höheren Formen) nicht die Möglichkeit immer
+<a id="page-272"></a><span class="pgnum">272</span>höheren Glückes liegen? Welche Genugtuungen, wieviel
+demütiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht
+uns vielleicht noch bevor! Denn immer wieder, wenn
+alles, was ist, sich unaufhörlich höher ver- und emporgottet &#8212; wo
+braucht es eine Grenze zu finden, wo hat
+Gott &#8212; ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer
+Gottheit würdig: &#8212; der ins Ewige und Unendliche.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das Sein, das ist das Unvergängliche in uns, das
+Werden, das, als was wir dahingehen. Wie können
+Sein und Werden Gegensätze sein, wenn sie doch an
+uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende
+im Ewig Werdenden unaufhörlich &#8218;ist&#8216;!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende
+sein, da doch nichts ein Anfang oder Ende ist. Warum
+nicht einfach eine Fortsetzung, der unzähliges Wesensgleiche
+vorangegangen ist und unzähliges Wesensgleiche
+folgen wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Vorstellungen von Lohn und Strafe &#8212; müssen
+sie deshalb jeder tieferen Wahrheit entbehren, weil
+wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich eigentlich
+geändert? Daß wir uns heute unser Schicksal
+mehr oder minder selbst zu bereiten glauben, während
+wir früher glaubten, daß es uns bereitet würde. Ist
+nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die
+Optik?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man soll sich seiner Krankheiten schämen und freuen;
+denn sie sind nichts andres als ausgetragene Verschuldung.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-273"></a><span class="pgnum">273</span>Zukunft! &#8212; un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu
+leben! O Lust, zu &#8212; &#8212; sterben!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer
+höheres, größeres &#8212; Leben hinein!</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist
+das Höchste. Das Höchste ist das<i> Denken selbst</i>.
+Es allein<i> verbürgt</i> uns mit eherner Sicherheit den
+mit uns geborenen Gott.</p>
+
+<hr/>
+
+<p> &#8212; &#8212; &#8212; An der Pforte steht das Grauen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man versteht den Menschen erst &#8212; sub specie reincarnationis.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser
+in Wein: Was bisher als Wasser (Mensch) gegolten,
+wird durch sein Offenbarungswort Wein
+(Gott!).</p>
+
+
+<h3>1910</h3>
+
+<p>A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus
+trennt; sagen Sie mir das, können Sie mir das sagen?</p>
+
+<p>B. Ja, das kann ich. Der<i> Philister</i> in ihm.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des
+Christentums.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Gedanke Gottes muß freilich der Tod des Individuums
+sein. Darum hält er sich auch im Allertiefsten
+besser als im Vordergrund auf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-274"></a><span class="pgnum">274</span>Die Menschheit ist ein großes Kind, dem feindliche
+Mächte unaufhörlich neues Spielzeug schaffen helfen,
+damit es sich nicht wesentlich entbabysiert. Was muß
+sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend geht, &#8212; spiritualisieren,
+das heißt sich von ihm nicht materialisieren
+lassen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge betrachtest,
+so machst du leicht deinen Standpunkt zu
+dem ihrigen, uneingedenk dessen, daß sich die Welt
+von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus.
+Ja, dies verhält sich bis zu einem gewissen Grade
+selbst dann noch so, wenn du dich mit aller Einbildungskraft
+auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst.
+Um einen Standpunkt<i> ganz</i> verstehen und
+würdigen zu können, muß man diesen Standpunkt
+selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen
+haben.</p>
+
+<p>Aus diesem Grunde läßt sich alles Göttliche nicht
+eigentlich beurteilen, es sei denn von Menschen, die
+in persona im Über-Menschlichen zu verkehren vermögen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller,
+ach viel zu aller, Art. Darunter ab und zu ein Adler.
+Auch er mit Fußring und Bleikugel. Aber ein ander
+Schauspiel doch, als all das andre. Er gewöhnt das
+Schleppen nicht, das alle andern mehr oder minder
+gewöhnen. Er empört sich sein ganzes langes Leben
+lang, flüchtet empor, strebt empor, königlich und unablässig.
+Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft
+zu schwingen &#8212; und das weniger, weil er die Gewichte
+<a id="page-275"></a><span class="pgnum">275</span>am Fuß nicht zu heben imstande ist, als weil ihn das
+ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch
+läßt, &#8212; besser noch, weil er's nicht mit hochziehen<i> kann</i>, &#8212; aber er bleibt ein lebendig Memento Coeli,
+er verliert seine Göttlichkeit nicht an den Alltag, den
+Staub und die Straße, nicht an den Trott der Millionen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht
+die Geschichte der Menschheit anders an.</p>
+
+
+<h3>1911</h3>
+
+<p>Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren
+Lehrern erzogen und immer weiter befruchtet?
+Ist irgend ein großer Mensch, dem wir etwas verdanken,
+nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht
+ein fortschreitendes Lehren und Lernen?</p>
+
+<p>Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persönlichkeit &#8212; aufhören?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, müssen
+auch ihre Götter sich mit und weiter entwickeln, all
+die geistigen Wesenheiten, die an ihnen gearbeitet
+haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu
+dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls
+um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiter entwickelt
+sein. Wer überhaupt göttliche Demiurgen
+annimmt, der soll sie nicht als starre Götzen verehren.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha
+empfinden: Nicht nur: ein Gott<i> opfert sich</i>
+für seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich für
+<a id="page-276"></a><span class="pgnum">276</span><i>seine Welt</i>. Für seinen eigenen ungeheuren tragischen
+Schöpfungsprozeß, Schöpfungskomplex. Oder,
+um die Majestät dieses Unausdenkbaren zu mildern:
+für den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn
+vielleicht ist für den Gott, dem die Entwickelung seiner
+Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen steht,
+die von ihm selbst so verhängte und heraufgeführte
+Art und Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch
+ganz anderer Schmerz, als der seines Kreuzweges und
+Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von
+uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden,
+wenn wir uns in die Tragik eines Weltenschöpfers
+zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist &#8212; stark
+und unaufhörlich wie die Sonne &#8212;, dessen Wille es
+ist, selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer,
+durch Äonen und Äonen heranreifen zu
+lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den
+Schmerz in allen seinen Graden und Formen als
+Bildner zu wollen oder doch wenigstens zuzulassen.
+Glaubst du nicht, daß Sein Leid über alle Leiden der
+Welt das Leid all dieser Leiden übertrifft, &#8212; denn
+noch wie anders leidet ein Gott als ein Mensch &#8212;?
+Sollten wir nicht dieses Leiden des Gottes Christus,
+als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des
+Gottes Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus
+von Nazareth?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen
+Freiheit in einem Kosmos, wie dem unsern, alles
+seine Wege gehen darf. Jede Meinung, jede Handlung
+ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich
+oder verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance
+<a id="page-277"></a><span class="pgnum">277</span>bis zur höchsten Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis
+zur tiefsten Schmach der Verblendung hinab darf da
+sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze,
+als dem der allmählichen Selbstkorrektur im Sinne einer
+von Liebe geläuterten Vernunft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Das ist das Fruchtbarste an großen Menschen, daß
+ihr Anblick den, der sie langsam zu erkennen beginnt,
+bis in den Tod hinein beschämt. &#8212; Eine Erfahrung,
+von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein &#8212; Gott
+für ihn sein müßte, wenn er sich wirklich in
+ihn versenkte.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Kein größerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu
+da, es jemals gut zu haben. Nie gut<i> haben</i> soll er es &#8212; außer
+höchstens, daß ihm die Kraft zu weiteren
+Kämpfen wachse &#8212;; denn sonst &#8218;bekäme&#8216; er es nie
+&#8218;gut&#8216;; dann nämlich, wenn er, nach Äonen und unzähligen
+Wandelungen, seinen Kosmos absolviert
+haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Söhne mehr
+zu neuem Schaffen gereift steht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wen Gott lieb hat, den züchtigt, den &#8212; züchtet er.
+Und so ward er die Welt, Sich Selbst zur &#8212; Zucht.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu
+empfangen ist. Aber sie muß es immer wieder von
+neuem und in immer wieder neuer Form empfangen
+und verarbeiten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist längst da.
+Aber sie mußte eine Weile beiseite gelassen werden &#8212; die
+<a id="page-278"></a><span class="pgnum">278</span>ganze europäische Zivilisation geht auf dies
+Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser Zyklus das
+Seine erfüllt, jetzt darf sie, als eine unermeßliche
+Wohltat, in den Gang der westlichen Entwickelung
+wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt möglich
+ist, zweitausend Jahre nach der Erscheinung des
+Christus, in einem ganz andern Sinne als je vorher,
+wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,
+erleuchten, erlösen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht.
+(Er bildet sich's bloß ein.)</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Was reden wir von den alten Ägyptern, Persern,
+Indern. Reden wir doch von<i> uns</i> alten Ägyptern,
+Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Böhme bei der
+Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der
+Entstehung der Veden abwesend?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschen sind heute so weit gesunken, daß sie
+sich &#8218;genieren&#8216; vom Wesentlichsten ihres und alles
+Lebens zu reden. Gott, Christus, Unsterblichkeit sind
+in gewissen Kreisen so verpönt, wie in andern Hemd,
+Hose, Strümpfe; es gehört nicht zum guten Ton,
+nicht zum savoir vivre, sie nicht völlig zu ignorieren.
+Nur der &#8218;weiß&#8216; heute zu &#8218;leben&#8216;, der in der Tat nicht
+mehr weiß, was leben heißt.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ahnten die Mütter, wie ganz anders eine Mutter ihr
+Kind anblickt, die sich den Lehren der Wissenden
+in rechter Weise erschlossen, &#8212; nicht Eine würde
+damit unbekannt bleiben wollen.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-279"></a><span class="pgnum">279</span>Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht
+irgend etwas andres Unsägliches auf Erden &#8212; und
+die Menschen wollen es nicht anders und die Menschen
+wollen es nicht anders. Denn sonst würden sie
+ihr Leben anders einrichten, sonst würden diese
+Schmetterlinge endlich Ernst zu machen versuchen.</p>
+
+<p>Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch
+viel furchtbarer wird er leiden müssen, damit er nicht als
+Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in diesem gefährlichen
+Schöpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.</p>
+
+<p>Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des
+Leidens lägen mehr hinter uns als vor uns. Jetzt
+sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele Seelen gibt es,
+zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief &#8212;</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab.
+Wie aber, wenn umgekehrt die Tiere Ableger der
+Menschheit wären, zurückgebliebene Menschheit, voreilige,
+vorwitzige, und deshalb in einem zu frühen
+Zustand festgehaltene Menschheit?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Jede Schöpfung ist ein Wagnis.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ich hatte mich in &#8218;Gott&#8216; verloren. Aber Gott will
+nicht, daß wir uns in ihm verlieren, sondern daß wir
+uns in ihm<i> finden</i>, das aber heißt, daß wir Christus
+in uns und damit in ihm finden. Daß du den Christus
+in ihm, daß du dich als Christus in ihm findest.</p>
+
+
+<h3>1912.</h3>
+
+<p>Wer in das, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren
+werden kann, nur fühlend sich versenken, nicht erkennend
+<a id="page-280"></a><span class="pgnum">280</span>eindringen will, gleicht dem Analphabeten, der
+ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der &#8218;Glaube&#8216; &#8212; und dem entsprechend der Unglaube
+&#8212; an Gott gehört einer gewissen Periode der
+Menschheit an: er ist &#8212; im tiefsten Ernst gesprochen
+und den Begriff Humor so geistig wie möglich gefaßt &#8212; ein
+Kapitel ihres unfreiwilligen Humors. Es handelt
+sich in Wirklichkeit allein um das von Gott mögliche
+Maß von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern
+Gottesforschung, Gotteswissenschaft.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden
+von der nur fünfsinnlichen Beschränkung, die zu
+seinem Wachstum allerdings notwendig war, die er
+aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und
+eine Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages
+wieder hervorgehen werde, wie er eines Tages hineingegangen
+ist: als einer, der aus Geisteswelten hinabgestiegen
+ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt.
+Er<i> will</i> es, &#8212; und wer einmal gefühlt hat,
+was der Wille des Menschen bedeutet, der weiß auch,
+daß vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen,
+die Tore der alten Heimat sich auftun, wie
+von magischer Hand berührt. Er weiß, daß alles im
+Himmel und auf Erden ihm entgegenwächst, wenn es
+so weit ist; daß er nicht mehr zu darben braucht,
+wenn das Maß seiner Prüfungen voll ist. Denn war
+auch Kant ein großer Lehrer und Erzieher, wie viele
+Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen
+noch aufwärts, bis dahin, wovon es heißt: La Somma
+Sapienza e il Primo Amore.</p>
+
+<hr/>
+
+<p><a id="page-281"></a><span class="pgnum">281</span>Man denkt und empfindet heute nicht über die nächsten
+zehn, hundert, bestenfalls einigen hundert Jahre
+hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der Ewigkeit, die
+Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie
+unsere nächsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht
+allein aus jener richtig bestimmt werden könnten.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Werden wir krank, weil es einem plötzlichen Gewitterregen
+oder einem herabrutschenden Dachziegel so gefällt?
+Oder weil unsere Eltern krank waren oder weil
+rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns
+selbst die Krankheit irgendwie verschrieben haben,
+auf daß sie uns von etwas Schlimmerem, von einer
+Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa &#8212; heile? Vor
+der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht
+minder individuellen aber zugleich viel höheren Weisheit
+und Erkenntnis, als deren wir uns in unserer
+gegenwärtigen Wiederverkörperung bewußt sind?</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines
+Einzelnen, von den unschuldigen Opfern einer Katastrophe.
+Aber besser würden nur solche Anschauungen
+als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man
+sollte sich des Wortes Sinnlosigkeit vor und in
+einem Kunstwerk, wie es das All ist, entschlagen
+und sich zwingen, das Verständnis einer jeden Erscheinung
+lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als
+alogisch zu verleumden, innerlichst davon durchdrungen,
+daß am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos
+herrschen dürfte, als dem eigenen Kopf just offenbar,
+ja, daß ein Kosmos sinnvoll nach dem Sinne solches
+Aburteilens und Besserwissens aufgebaut, sicherlich
+<a id="page-282"></a><span class="pgnum">282</span>schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus
+zusammengestürzt wäre. Was, ebenso, die Unschuld
+der Opfer anbetrifft, so kann ein Mensch nicht
+deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil
+er einer Katastrophe zum Opfer fällt. Er hat freilich
+gemeinhin vorher nicht gestohlen, aber selbst das
+Durchschnittsbewußtsein glaubt &#8212; gesetzt es handelt
+sich nicht um Kinder &#8212; so leicht nicht an einen
+schlechtweg schuldlosen Menschen. Ein höheres Bewußtsein
+verwirft den Begriff der Schuldlosigkeit
+ganz, vorbehält jedoch noch die Unschuld des Kindes.
+Eine dritte Einsicht weiß, daß auch dem Kinde nicht
+Unschuld, im letzten Verstande, zugesprochen werden
+kann, da es als seelisch-geistiges Wesen keine Neugeburt,
+sondern eine Wiederverkörperung ist, also ein
+volles Maß von eigenem Menschlichen vom ersten
+Tag an in sich birgt und weiter auszuwirken hat. Für
+dies Bewußtsein gibt es keine unschuldigen Opfer,
+keinen sinnlosen Tod, ihm löst sich alles in von allertiefstem
+Sinn durch- und überwaltete &#8212; wenn auch
+deshalb nicht weniger tragische &#8212; Enwickelung auf.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist
+nicht gesagt, daß ihnen dies nicht so schwer wie möglich
+gemacht wird und fallen soll, denn es gibt keine wohlfeile
+Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes
+billige Errungenschaften, und wie wäre er sonst auch
+seines Meisters und seiner Bestimmung würdig.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Von wie vielen geistigen Überwindungen und Siegen hat
+mancher Mensch schon gelesen und gehört, wie viele
+Dichter und Weise und Religionsstifter und &#8212; Götter
+<a id="page-283"></a><span class="pgnum">283</span>haben für ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt
+und wohl auch erlebt worden! Und doch fällt in der
+Stunde eines schweren Schicksals alles von ihm ab
+und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und
+nichts gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half
+ihm nun sein ganzes geistiges Leben während langer
+Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat
+es nicht mit seinem Innenleben verknüpft, verbunden,
+vermählt, er war zu wenig re&#8212;ligiös. Er wuchs nicht
+zusammen mit jenem Höheren. Und so hat er jetzt
+auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft
+von ihm &#8212; und steht jetzt so arm wie am Anfang, ja
+ärmer als zuvor.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Hat die Religion eine Zukunft?&#8216; So gut, wie derjenige,
+der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie
+zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen
+sein wird.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der
+Konsequenz gegen die Inkonsequenz (resp. Dumpfheit)
+und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz führt
+zu Gott, alles, was darunter, in Maja.</p>
+
+
+<h3>1913</h3>
+
+<p>So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die
+Urpflanze zu wiederholen und nicht nur zu wiederholen,
+so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die
+Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>&#8218;Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen
+Himmel Geister und Götter herumspuken?&#8216;</p>
+
+<p><a id="page-284"></a><span class="pgnum">284</span>&#8218;Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und
+schaffen von dort und überall her an uns und der
+Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier in
+dieser Tanne oder dort in jenem Berge &#8218;herumspukt&#8216;.
+Weder Tanne noch Berg sind ohne geistige Erbauer,
+geistige Erhalter, geistige Weiterbildner denkbar,
+noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile,
+Glieder, Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.<ins>&#8216;</ins></p>
+
+<hr/>
+
+<p>Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt,
+so scheint alles in schöner Einheitlichkeit vor
+einem zu liegen. Die älteste wie die neuste Dichtung
+sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen,
+nämlich auf den Menschen, so wie man ihn
+heute versteht, einen Typus, den man nach dem Bilde
+der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren
+Normaltypus für alle Zeiten und Länder
+festgesetzt hat.</p>
+
+<p>Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner.
+Der Mensch verwandelt sich fortwährend und
+steht in den verschiedenen Zeitaltern in verschiedenem
+Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner
+nicht immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst
+heute nicht in dem Maße, wie angenommen zu werden
+pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn langsam
+wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht
+seiner vollen Vernunft geschieht, der Welt ein noch
+nie erlebtes Schauspiel vor: das Bewußtwerden seiner,
+des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst,
+als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen
+kosmischen Hierarchie.
+<a id="page-285"></a><span class="pgnum">285</span>Daß die Welt eine &#8212; richtig verstanden &#8212; Gedachtheit
+Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd,
+weil<i> unsere</i> Gedanken so blaß und schemenhaft sind.
+Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt
+Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine
+schönste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten
+Endes Selbst-Liebe sein soll.</p>
+
+<hr/>
+
+<p>Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche
+Schöpfung? Dieser Schrank, diese Bettstatt, dieses
+ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken
+heraus entstanden, aus Einem mathematischen
+Grundgedanken?</p>
+
+<p>Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?</p>
+
+<p>Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung
+aus dem Nichts ist! &#8212; ist es da noch weit zu dem
+Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und
+Stufenfolgen von Helfern desselben &#8212; noch weit zu
+dem Gedanken, daß hinter allem und jedem &#8212; Geist
+steckt und nicht bloß alleiner, unterschiedloser Geist,
+sondern differenzierter, tausendfältig gearteter, gestufter
+Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze
+und Mineral mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer
+Wesenheiten und davon mehr als ein Schritt
+zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne,
+nein, zur Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer
+geben &#8212; müsse, in jene Geisterwelt offenen Sinnes
+hineinzudringen&nbsp;&#8230;</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a id="page-287"></a><span class="pgnum">287</span>Nachwort</h2>
+
+
+<p>Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern
+noch selbst besorgt. Am weitesten gefördert von
+seiner Hand war der Abschnitt: &#8218;Tagebuch eines Mystikers&#8216;,
+den er ursprünglich in einen vorwiegend autobiographisch
+gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir
+blieb die Aufgabe, das vorhandene, zumeist noch über
+viele Taschenbücher verstreute Material nach seinem, öfter
+ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden
+Rahmen einzufügen. Er sagt in einem Vorwortfragment
+für diese Sammlung: &#8218;Es liegt mir nicht daran, mit
+diesen durch Jahre gehenden Notizen ein neues Büchlein
+Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran,
+mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen.
+Zweck dieser Blätter ist allein der, aus einem
+Stück Entwickelung das zu lernen zu geben, was ein
+Stück Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.&#8216;</p>
+
+<p>Diese Absicht wäre zweifellos noch eindringlicher verwirklicht
+worden, wenn der Verfasser selbst die Gestaltung
+des Buchs hätte vollenden können; ganz abgesehen
+davon, daß dann auch im Einzelnen mancher
+der Sätze überarbeitet worden wäre.</p>
+
+<p>Für einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis
+1904) haben sich die Aufzeichnungen bisher noch nicht
+auffinden lassen. Der Charakter dieser mehr skeptischen
+Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des vorliegenden
+Bandes immerhin noch angedeutet.</p>
+
+<p>Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kayßler
+und Michael Bauer, die mir bei der Herausgabe behilflich
+waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.</p>
+
+<p class="sign1"><i>Breitbrunn</i> am Ammersee, November 1917</p>
+
+<p class="sign2"><i>Margareta Morgenstern.</i></p>
+
+
+<hr class="front"/>
+
+<h2><a id="page-289"></a><span class="pgnum">289</span>Inhalt</h2>
+
+
+<ul class="TOC">
+<li><a href="#page-9">Autobiographische Notiz</a></li>
+<li><a href="#page-14">In me ipsum</a></li>
+<li><a href="#page-43">Natur</a></li>
+<li><a href="#page-56">Kunst</a></li>
+<li><a href="#page-70">Literatur</a></li>
+<li><a href="#page-93">Theater</a></li>
+<li><a href="#page-100">Sprache</a></li>
+<li><a href="#page-111">Politisches Soziales</a></li>
+<li><a href="#page-130">Kritik der Zeit</a></li>
+<li><a href="#page-138">Ethisches</a></li>
+<li><a href="#page-159">Lebensweisheit</a></li>
+<li><a href="#page-164">Erziehung Selbsterziehung</a></li>
+<li><a href="#page-176">Psychologisches</a></li>
+<li><a href="#page-202">Erkennen</a></li>
+<li>Weltbild:
+<ul>
+ <li><a href="#page-217">Anstieg</a></li>
+ <li><a href="#page-222">Episode, Tagebuch eines Mystikers</a></li>
+ <li><a href="#page-263">Am Tor</a></li>
+</ul>
+</li>
+<li><a href="#page-287">Nachwort des Herausgebers</a></li>
+</ul>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN ***
+
+***** This file should be named 15898-h.htm or 15898-h.zip *****
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+
+Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the
+Online Distributed Proofreading Team
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>