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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:47:45 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stufen
+ Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
+
+Author: Christian Morgenstern
+
+Release Date: May 25, 2005 [EBook #15898]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN ***
+
+
+
+
+Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the
+Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+
+
+CHRISTIAN MORGENSTERN
+
+
+
+
+
+STUFEN
+EINE ENTWICKELUNG IN APHORISMEN UND TAGEBUCH-NOTIZEN
+
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+
+
+
+[Illustration]
+
+R PIPER & CO VERLAG MÜNCHEN
+
+1922
+
+
+Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf Christian
+ Morgensterns zu Seite 42: Bild meines Lebens.
+
+Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.
+
+Schale: Öffnung durch Johanneisches.
+
+Blut: Erfüllung.
+
+
+
+
+
+ _'Nur wer sich wandelt,
+ bleibt mit mir verwandt.'_
+
+
+
+
+
+
+
+
+AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ
+
+1913
+
+
+Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl
+Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und
+seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef
+Schertel) in München geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu
+gelegenen -- aller Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten -- Hause mit
+parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine
+Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein
+beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem
+dritten oder vierten Jahre an überallhin mit. Besonders ist mir eine lange
+Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung, die im
+wesentlichen in einer von zwei unermüdlichen Juckern gezogenen Kutsche
+zurückgelegt wurde. Dazwischen und später waren es dann die (damals noch
+ländlichen) bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching,
+Weßling und noch später schlesische Dörfer am Zobten und im Vorland des
+Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben
+unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch
+die Lebensführung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie
+dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um
+Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, daß er ihn, als eifriger Jäger,
+bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.
+
+Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur Natur, das ihm später
+die Möglichkeit gab, zeitweise völlig in ihr aufzugehen.
+
+Sie waren aber auch nötig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er
+die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von außen wie
+von innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim und im Freien so
+durchgespielt hatte -- mein Spielen bildet für mich ein eigenes sonniges
+Kapitel -- zeigte sich dem äußeren Leben, wie es vor allem in der Schule
+herantrat, weniger gewachsen. Es war, als wäre das Leidenserbe der Mutter,
+das doch erst zwölf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein führte, schon
+damals übernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer
+wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen
+ein, die ihn wohl nicht hätten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht
+irgend etwas in ihm ebenso zähe für ihn gestritten und ihn über das
+Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht hätte. Vielleicht war es
+dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen
+hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich
+gleichsam nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen Welten heraus
+mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins
+Leben hinein, sondern zugleich auf Höhen des Lebens hinauf den Weg hatte
+finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren
+göttlichen Sinn wiedergewonnen hat.
+
+Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugeführt haben, _Friedrich
+Kayßler_, dem die Sammlung 'Auf vielen Wegen' (und wieviel anderes!) mit
+dem Danke gehört: 'Wär der Begriff des Echten verloren / In Dir wär er
+wiedergeboren'.
+
+In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glück philosophischer
+Gespräche. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der
+Wiederverkörperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der
+Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und
+die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens
+Verswerke zu übertragen, führte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik
+Ibsens teure Person kennen und durfte in den Übersetzungen von 'Brand' und
+'Peer Gynt' mich innerlichst mit ihm verbinden.
+
+Das Jahr 1901 sah mich über den 'Deutschen Schriften' Paul de Lagardes. Er
+erschien mir -- Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet -- als
+der zweite maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch
+stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.
+
+Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:
+
+ Zu Niblum will ich begraben sein,
+ am Saum zwischen Marsch und Geest ...
+
+ Zu Niblum will ich mich rasten aus
+ von aller Gegenwart.
+ Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus
+ nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'
+ Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:
+ Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.
+ Nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'
+
+ Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
+ das will ich nicht verschmähn.
+ Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
+ mit steilen, stürzenden Seen --
+ das Muttermeer, die Mutterflut ...
+ o wie sich gut dann da drunten ruht,
+ tief fern von deutschem Geschehn!
+
+Inzwischen war dem Fünfunddreißigjährigen Entscheidendes geworden. Natur
+und Mensch hatten sich ihm endgültig vergeistigt. Und als er eines Abends
+wieder einmal das _Evangelium nach Johannes_ aufschlug, glaubte er es zum
+ersten Male wirklich zu verstehen.
+
+Die nächsten Jahre -- des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens --
+überstand er so, wie er sie überstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit
+und Mittel fehlten, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger
+Unbekanntheit seine Tage hätte vollenden dürfen. Er war doppelt geworden
+und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, groß oder klein
+schreiben zu können. (In 'Einkehr', 'Ich und Du' und einer Sammlung
+Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.)
+
+Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fühlen: 'So von seinem
+Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen
+und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige
+Fenster die draußen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter
+der Glaswand eines großen Behälters, -- und dann und wann der Vorstellung
+sich hinzugeben: Das bist Du! -- Und sie alle zu sehen, wie sie nicht
+wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet und wer sie
+aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!' ...
+
+Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberflächen-Erkennen und darum
+letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt.
+
+So kam das Jahr 1908 --
+
+ 'Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!
+ Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.
+ Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,
+ und siehe da: Das Schicksal war uns gut.
+ Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
+ empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.
+ Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam.
+ Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.'
+
+Der Andre war _Sie_, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg
+theosophisch-anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in
+einziger Weise, durch _Rudolf Steiner_ vermittelt werden.
+
+In dieser Persönlichkeit lebt ein großer spiritueller Forscher 'ein ganz
+dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben' vor uns und für uns dar.
+
+Vor ihm darf auch der Unabhängigste sich von neuem besinnen und
+revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten
+dem Worte nachleben wollte: -- Vitam impendere vero.
+
+
+
+
+IN ME IPSUM
+
+
+ _Was ist denn von außen her über ein Leben zu sagen!
+ Gar nichts._
+
+
+
+1891
+
+
+Nicht im lärmenden Kampf der Tage, auch nicht im Sturm einer großen Zeit,
+aber nach Jahrtausenden stiller Arbeit, nach Äonen ewig fortwirkenden
+Webens -- dann werden die Menschen gut werden.
+
+O, wer diesen Glauben, der mir Gewißheit ist, in allen Augenblicken seines
+Strebens im Herzen lebendig fühlte, er würde glücklich sein.
+
+ * * * * *
+
+Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich
+wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung!
+
+
+
+1892
+
+
+Ich bin ein Studienkopf, den der Schöpfer einst flüchtig skizzierte, als
+ihm ein Künstlerporträt im Sinne lag.
+
+
+
+1894
+
+
+Ich möchte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.
+
+ * * * * *
+
+Vor einer Menschenmenge: Ich sehe plötzlich die Gedanken dieses Volks wie
+eine dicke schwarze Wolke über ihm. Eine Wolke voll Tränen und Blitzen.
+
+ * * * * *
+
+Über all meinen Werken soll es wie ein großes Verstehen liegen -- und
+davon werden viele glücklich werden.
+
+
+
+1895
+
+
+Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein Weg oft an der Hecke des
+Paradieses vorbei. Dann streift mich warmer Hauch, dann mein' ich, Rosen
+zu sehn und zu atmen, ein süßer Ton rührt mich zu Tränen, auf der Stirn
+liegt es mir wie eine liebe, friedegebende Hand -- sekundenlang. So
+streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses ...
+
+ * * * * *
+
+O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.
+
+ * * * * *
+
+Möchte gern noch oft erwachen, stets als großer Künstler.
+
+
+
+1896
+
+
+In Arco:
+
+Ich dünkte mich einer jener alten blonden Germanen, die hier einst mit
+Herrscherschritt durch die Straßen wanderten.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe auf mich selbst zurück. Unzählige Gestalten huschen schemenhaft
+an mir vorüber.
+
+ * * * * *
+
+Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.
+
+ * * * * *
+
+Daß ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein fremdes Weib
+kann dem Bruder ein solches Verhältnis ersetzen.
+
+ * * * * *
+
+Man lasse sich durch meine Ironie nicht irreführen. Meine Ironie ist naiv
+wie mein Pathos. Ich vermag Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine
+Spur von frivoler Empfindung ..., ja vielleicht schrieb ich es mit
+ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als das eines in sich
+heiteren unbewegten Geistes.
+
+ * * * * *
+
+Traum
+
+Ich fange das Raubvogelgesindel meiner häßlichen Gedanken und brate sie am
+Spieß, der über einem Feuer sich dreht. Ach, vergebens.
+
+ * * * * *
+
+Nach einer Zoten-Posse
+
+Je älter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbrünstigeren
+Widerwillen empfinde ich gegen die Zote. Weniger gegen die, welche etwa
+von Mann zu Mann kursiert, obschon ich auch sie vollständig entbehren
+könnte, als gegen die öffentliche Zote von der Bühne herab. Wenn plötzlich
+Hunderte versammelter Menschen jede Scham voreinander verlieren und in
+wiehernder Freude über eine nicht mißzuverstehende Andeutung
+übereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das Tier und ein
+schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz zusammen.
+
+Ich habe doch für vieles Leichtsinn und nicht zum mindesten für die Liebe
+jeglicher Art, aber vor der berechneten Zote vergeht mir aller Übermut. Da
+schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit und Häßlichkeit. Wir jungen
+Männer, die wir etwas auf uns halten, sollten jenen Aufführungen
+beizuwohnen nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten Weiber, die
+wir ehren, mit uns in jene niedrige und widerwärtige Sphäre hinabziehen.
+
+ * * * * *
+
+Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische des
+philosophischen Dilettanten. Der philosophische Dilettant ist immer
+schnell am Ende aller Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits
+gewonnenen Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege zu gehen, ja oft auch nur
+zu kennen, auf denen jene erreicht worden sind.
+
+ * * * * *
+
+Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode fürchterlichsten Zweifels an
+mir selbst. Dann lebe ich mit beständigen Todesgedanken.
+
+
+
+1897
+
+
+Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige Sehnsucht nach
+praktischem Schaffen im Großen. Plastik wäre (und Architektur) mein
+höchster Fall. Meine höchste Liebe galt immer dem Gegenständlichen, der
+Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein vermochte mich zu
+entzücken, wievielmehr erst seine organischen Verbindungen.
+
+ * * * * *
+
+Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht auf der einfachen
+Grundlage, daß ich in jedem Augenblick über das kleinste Stück Natur
+irgendwelcher Art in höchste Verwunderung geraten kann.
+
+ * * * * *
+
+Dieser Norden! Da wacht man in der verheißendsten Stimmung auf.
+Griesgrämig, grau, teilnahmslos ruhen die großen Augen der Fenster auf
+dir, als wollten sie sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit
+deinen törichten Idealen? Alles ist eitel.
+
+ * * * * *
+
+Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.
+
+ * * * * *
+
+Träume
+
+Die wilde Jagd.
+
+Der Schächer am Kreuz.
+
+ * * * * *
+
+Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im
+Nassen gelegen hat.
+
+
+
+1904
+
+
+Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele zu. Das läßt mich in
+keiner Trägheit ganz ruhn, in keinem Glück ganz vergessen.
+
+
+
+1905
+
+
+Ich möchte am liebsten auf einem Turm wohnen. Täglich im Leben drunten ein
+Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder hinaufsteigen in sein
+Luginsland, sein au dessus de la vie.
+
+ * * * * *
+
+So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme ich mit Wunden bedeckt
+von ihnen zurück. Es sind freilich nur leichte oberflächliche Schrammen,
+die bald wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, wie
+zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als eine tiefe Verwundung
+ihr Werk an meiner Seele getan.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann ungeklärte Verhältnisse einfach nicht ertragen. Warum können die
+Menschen nicht _offen_ gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!
+
+ * * * * *
+
+Ich mag die Verärgerten nicht leiden.
+
+ * * * * *
+
+Meine Natur hat sich von früh auf mit Apathie beholfen. Diese Langsamkeit
+zu reagieren, hat alles, was auf mich einbrach, auf eine breitere Fläche
+verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft den Atem abgeschnürt
+hätte, wurde mir so in Tagen und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein
+Leben nicht eben zerstörte, aber langsam und sicher ermattete.
+
+ * * * * *
+
+Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen: Man wird mir
+'Milderungsgründe zubilligen'. ('Er war ein guter Mensch, er wollte das
+Beste usw.')
+
+ * * * * *
+
+Was muß ich auf die Menschen für einen Eindruck machen, daß sie mich so
+oft wie ein unmündiges Kind behandeln wollen.
+
+ * * * * *
+
+Ich trage keine Schätze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was ich
+berühre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine Tiefe, als meinen
+unaufhörlichen Trieb zur Tiefe.
+
+ * * * * *
+
+Mein nächstes Buch soll 'Auferstehung' heißen, wenn mir noch eine
+Auferstehung beschieden sein sollte, im größten Sinne.
+
+ * * * * *
+
+Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit mir
+schlecht gemacht haben, aber nur noch _in mir_, in mir selbst. Alles
+andere ist Sentimentalität und Pfuscherei.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten
+Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzustände (etwa
+der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, daß ich
+-- innerhalb des Traumzustandes -- aus einem unangenehmen Traum mit aller
+Willenskraft ins wache Bewußtsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand
+des Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum das
+eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere ich mich
+augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern nur noch
+des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich Erwachtseins im Traume. Ich
+schien mich endlich mit aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen
+zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da fühlte
+ich ein Fünfpfennigstück zwischen den Zähnen. Ich biß darauf: jetzt war
+kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich schien
+wirklich wach. Währenddem wachte ich mehr und mehr auf. Im letzten Stadium
+vor dem wirklichen Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender
+Intellekt das Geldstück in eine Emser Pastille, die sich zu lösen begann
+und den salzig-säuerlichen Geschmack auf meiner Zunge verstärkte. Hierauf
+wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem Munde zu
+finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag -- aber nicht den Abend zuvor
+-- einige Emser Pastillen gegessen.)
+
+ * * * * *
+
+Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, möchte ich ein
+dramatisches Märchen orientalischen Charakters schreiben. Der Traum war
+etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, später auch
+Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von andern eingeladen worden,
+Schriften (Dramen, Lyrisches, Lehrhaftes) eines fremden, höchst
+merkwürdigen Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu
+übersetzen. Es hieß, 12 Personen hätten genug auf Jahre zu tun, wenn sie
+einen Vorstoß in diese fremde wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem
+Zweck wurden uns große Bücher vorgelegt, die mit schönen mönchischen
+Handschriften gefüllt waren, und uns Stellen vorgelesen, die uns
+außerordentlich bedeutsam erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im
+Traum unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es wurde uns
+geraten, seine Tempel, Gärten, Theater, Schlösser kennen zu lernen. Ein
+Trupp von uns wurde herumgeführt. Ich erinnere mich eines ungeheuren
+Lesesaales, in den man uns blicken ließ und dessen uns entgegengesetzte
+Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschloß, durch die man eine
+Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -- wie wir erfuhren: Bern
+und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten der Wirklichkeit
+nachgebildet und hinter jener Scheibe als Aussicht angebracht.
+
+Nach einer Weile verlor ich meine Gefährten. Ich nahm einen eigenen Führer
+und ließ mich von ihm, ich glaube nach einem Tempel, tragen. Der Träger
+trug zwei Stangen, die oben Fußtritte wie die Stelzen hatten. Auf diese
+trat man, während man sich an ihrem obersten Teile mit den Händen und
+Armen festhielt. Der Träger trug dann das Ganze wie eine doppelte
+Fahnenstange.
+
+Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befürchtung, ich könne ihm zu
+schwer werden und versicherte, ich würde viel eher loslassen als er. Er
+trug mich durch reißende Kanäle und zuletzt begann ich sowohl müde zu
+werden, wie ihn zu fürchten. Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung
+ein, die ich in einem der Theater gesehen haben muß und in der ein junges,
+süßes, zartes Geschöpf die Hauptrolle gespielt haben muß. Worte und
+Erscheinung überwältigten mich mit solcher Macht, daß ich in Tränen
+ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen, aber ohne jede
+Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, daß ich meine, dies
+Gefühl nie vergessen zu können. Was das Stück enthielt, weiß ich nicht
+mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als hinterher wieder davon als von
+einem Übersetzungsangebot gesprochen wurde, hörte ich, daß die Sonne darin
+einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu
+übertragen vorschlug.
+
+Chor (zu vorigem)
+
+ Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,
+ hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,
+ schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,
+ die süßen Boten lächelnden Erbarmens.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich eine Symphonie 'Vineta' schreiben.
+
+ * * * * *
+
+Ich wäre als Maler gewiß in Menzels Spuren gegangen, so sehr interessiert
+mich jeder Gegenstand als rein malerisches Objekt.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man durch Zusammenstellung der beiden Hände geheimnisvolle Figuren
+bildet, so habe ich ein besonderes Verständnis dafür und möchte sie alle
+kennen lernen. Für mich ist die Mystik der Hände unaussprechlich. (Dabei
+sind meine eigenen zwar klein, aber nicht schön. Nur der Handrücken --
+überhaupt die geballte Faust -- ist gut und vielleicht die Daumen. Die
+andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller ist sehr bemerkenswert: Ein
+Chaos von Linien um ein riesiges M.)
+
+ * * * * *
+
+Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja Lebens) steigt mir aus dem
+Bild meines eigenen Umzugs auf: Wäre es nicht würdiger, sein bißchen Hab
+und Gut in einer Erdhöhle, die einem aber für immer gehört, wenn sie nicht
+ein Naturereignis vernichtet, zu bergen, als mit seinen Bündeln und Kisten
+durch prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich
+den in festgemauerten Gelassen Seßhaften zu spielen, allen Ernst und alle
+Liebe zu einem eigenen Heim an teuer gemietete Wände zu verschwenden, die
+einem nie gehören können, die uns ewigen Nomaden Verhältnisse vortäuschen,
+die für uns eben nur erlogen, nur uneingestandene Kulisse sind. Mein
+Wohnungsideal ist das Zelt. Nur so weit möchte ich es noch bringen.
+
+ * * * * *
+
+Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine ewige Fragestellung, ob
+nicht jeder Humor ein Quantum Philistrosität einschließt.
+
+
+
+1906
+
+
+Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin
+dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu können.
+
+ * * * * *
+
+Warum muß ich so unaufhörlich unter mir und anderen leiden! Meine Seele
+ist fortwährend das Spiel über sie hinziehender Schatten.
+
+ * * * * *
+
+Für mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht
+einzubüßen: Fortwährende Kritik.
+
+ * * * * *
+
+Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt mir ewig verborgen.
+
+Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, einen anmutigen
+Körper.
+
+In Rußland fände ich diese Gefährtin, in Italien -- nein. In Deutschland,
+dem für mich doch allein zulässigen Lande -- wo, wo, wo?
+
+Ihr wollt alle nur die Liebe zur Möglichkeit haben. Ich habe nur die Liebe
+zur Unmöglichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik,
+ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.
+
+ * * * * *
+
+Wie die Nacht über einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht
+allnächtlich über mein Gehirn. Ja, oft hat ein Tag so viele Tage und
+Nächte, wie bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn mich jemand
+hypnotisierte, ich sei eine Mücke und hätte nur einen Tag zu leben, so
+glaube ich wohl, daß dieser Tag für mich ein ganzes Leben werden könnte.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an meinen Ofen
+verfaßt und sie ihm dann gegeben. Er verschlang sie gierig und wärmte mir
+mit seinem Feuer zwei Minuten lang Gesicht und Hände. Gewiß, das war
+alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie ein Ofen zu antworten
+vermögen.
+
+ * * * * *
+
+Ich ermangele ganz des Vermögens, mir nach einer Beschreibung -- und wenn
+sie noch so genau ist -- ein Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen.
+Bühnenanweisungen gehen an mir meistens spurlos vorüber und Schilderungen
+etwa wie des Hauses der Buddenbrooks gehen nur mit einigen groben Zügen in
+mein Gehirn ein.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, eingehend zu
+begründen, zu erklären. Die Mehrzahl der Heutigen hat umgekehrt die Gabe
+des Begründens und Erklärens in hohem Maße, aber dafür keine innere
+Direktion. Es ist unendlich quälend, die Berechtigung seines Urteils immer
+wieder aufs neue beweisen zu sollen.
+
+ * * * * *
+
+Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes,
+fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes
+Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmißt sie das Land nach allen
+Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man
+kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber so
+bald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die
+einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach
+dem Ort ihres Ursprungs.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: 'Und er entwich vor
+ihnen in die Wüste.'
+
+ * * * * *
+
+Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit welcher Leichtfertigkeit
+habe ich heute Abend über Menschen geredet: so daß ich nun nachts über
+mich erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband 'Denke daran' anlegen
+müssen.)
+
+ * * * * *
+
+Eines kann ich wohl als Merkwort über all mein Leben und seine Erfahrungen
+schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber,
+einigen Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner bewußten
+organischen Kultur um mich herum, die das Einzelindividuum zu benutzen und
+systematisch auszubilden vermocht hätte, spürte ich nie etwas. Weder
+Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich je kraftvoll in die Hand
+genommen und in großem Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von
+ursprünglich glänzender Begabung, alles in allem ein Dilettant geblieben
+bin, so hat die Hälfte der Schuld daran gewiß die Unsumme von
+Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich überall gefunden
+habe, wohin mich meine bewegte Jugend geführt hat. (Gelegentlich der
+herrlichen Schilderung der Krapotkinschen Jugend.)
+
+ * * * * *
+
+Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man zwischen 35 und 45 zu
+erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 hätte sollen erledigen können.
+
+ * * * * *
+
+Ihr macht mir aus meiner gleichmäßigen Höflichkeit gegen alle einen
+Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es gibt gewiß nicht gar so viele, denen es
+_leicht_ fällt, die Menschen zu lieben. Nun, mir fällt es zuweilen leicht:
+warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich zu ihnen sein? Ich finde an
+jedem etwas, was mir Sympathie oder doch Interesse abnötigt; und würde
+nicht mein Gefühl vom Einssein mit allem eine Lüge sein, wenn ich
+irgendeinem Mitmenschen gegenüber völlig kalt bleiben könnte?
+
+ * * * * *
+
+Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflußbarste Mensch, den ich kenne.
+
+ * * * * *
+
+Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance von Hochmut in einem
+auftaucht. Wenn man der offenbaren Niedertracht gegenüber zuweilen eisig
+wird -- das Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die Menge weiß nichts
+von der Tiefe der Demut, die ein einzelner empfindet, der sich ganz zu
+erkennen strebt.
+
+ * * * * *
+
+Luther spricht einmal von 'bösen Gedanken', deren Kommen man nicht hindern
+könne, aber die es gelte, vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz
+(dessen schöner kräftiger Wortlaut mir im Augenblick leider nicht
+gegenwärtig) ist mir oft im Leben ein Trost gewesen; denn ich habe von
+früh auf, d.h. wohl etwa von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, daß in
+der Reihe meiner Assoziationen plötzlich zuweilen ein 'häßlicher Gedanke',
+eine häßliche Vorstellung auftauchte, die ich sofort als solche erkannte,
+ohne indes die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr
+Wiedererscheinen zu hindern.
+
+ * * * * *
+
+Es wäre vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch zu beginnen.
+Draußen regnet es ununterbrochen seit neun Stunden und bringt mir meine
+Einsamkeit erdrückend zum Bewußtsein. Heute Nachmittag durchfuhr es mich:
+wenn ich meine Gedanken und mein Schaffen nicht hätte, wie würde ich dann
+wohl solch ein Krankenleben ertragen können. Und ich bin krank, wenn ich
+es auch fortwährend wieder vergesse und mitten in meiner Krankheit
+Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll
+herrlichsten Blühens, in denen der Zerfall in mir gleichsam überblüht,
+hinweggesiegt wird von einem Frühling, der Herbst und Winter des Leibes
+nicht anerkennt, der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als
+unüberwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft mich über mich
+selbst hinwegretten zu wollen scheint. Aber dann kommt ein Spätnachmittag
+mit seiner gefährlichen Muße, dann kommt ein nasser, trübseliger Tag wie
+dieser, und mit dem Vergessen dessen, 'was ist', ist es vorbei. Ich sehe
+ihn vor mir, meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz
+der Welt. Seine Beschäftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren
+darin, mich mit einer feinen Federpose in der Luftröhre zu reizen, gleich
+als wünschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, Stunde um Stunde,
+Tag um Tag, Jahr um Jahr meine Stimme zu hören, lediglich die Stimme,
+unartikuliert, tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl auch
+selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts
+als fixe Idee von oben bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger
+Lebenszweck.
+
+Es berührt mich eigentümlich, wenn meine Freunde künftige Pläne vor mir
+ausbreiten. Die einen denken sich ein kleines Haus für mich aus in ihrer
+Nachbarschaft, die andern wollen mich weiß Gott wohin haben. Vielleicht,
+vielleicht. Aber ich gebe mir höchstens noch zehn Jahre. Und diese zehn
+Jahre haben ihre Bestimmung, und die ist kaum: Nachbar zu werden und
+Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich, was ich von
+dichterischen Möglichkeiten alles fallen lassen muß. Zum Drama werde ich
+nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf Drama
+hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, Zeit und dann auch Energie.
+Mein Widerwille nämlich gegen richtiges, zusammenhängendes 'Schreiben' ist
+allzu groß. Daran wird auch mein Roman scheitern. Ich bin
+Gelegenheitsdichter und nichts weiter.
+
+ * * * * *
+
+Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft wird.
+
+ * * * * *
+
+Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.
+
+ * * * * *
+
+Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geißel als der richterlich
+geartete Mitmensch. Er ist für mich der personifizierte böse Blick. Vor
+ihm erschrickt alles Lebendige in mir so tief, als hätte der Tod selbst es
+gestreift. So mag eine Pflanze aufhören zu wachsen, wenn sie ein schlimmer
+Zauberer anhaucht. Sie will gern von Wind, Regen und Kälte vernichtet
+werden, und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas Natürliches
+hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe von einem andern lebenden Wesen
+schlechtweg in Frage stellen, verneinen, für unfähig, für einen Irrtum
+erklären lassen zu müssen und das nicht etwa unter einem Feuer von
+Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht -- das ist unerträglich.
+
+ * * * * *
+
+Dieser Ofen könnte mich veranlassen, zu bleiben. Er ist aus länglichen
+Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem Lila umrahmtes milchweißes
+Ornament zeigen, und von schönen Verhältnissen. Wenn die Menschen mehr
+bedächten, wie viel Glück von einem einfachen Gegenstand ausgehen kann,
+wenn sich nur ein reiner Geschmack in ihm ausdrückt, würden sie unter den
+einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr Leben sein dürfen. Ich
+kann nicht sagen, wie mich die ersten Architekturen des Südens (in Bozen)
+wieder bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam nach Italien
+hinabsinken -- und vielleicht bloß um seiner Bauwerke willen, die mir den
+Menschen erhöhen, wie der Mensch sich in ihnen erhöht hat.
+
+
+
+1907
+
+
+Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer lebendigen Vorstellung
+dessen zu gelangen, was wir des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich
+nachts auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den Garten, und
+bemühte mich, über das rein Bildmäßige des Sternenhimmels hinaus in seine
+Wirklichkeit einzudringen. Es gelang mir so wohl, daß ich empfand: Jetzt
+noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein einziger kleiner Schritt
+weiter und mein Gehirn ist auf immer verloren. Und ich brach das
+schauerliche Experiment ab. Jetzt, etwa fünfzehn Jahre später, droht mir
+die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann an einem stählern blauen
+Frühlingsabende in einer Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die
+dem Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich ungefähr wie zu
+einem Maulwurfshügel zusammen, die Ortschaft, die Gegend um mich verloren
+ihre Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender als der
+Abdruck eines Daumenballens in einer Wachskugel, und mich trug der riesige
+doch kleine Planet wie ein Infusor auf seinem Rücken rund durch den Raum.
+Ein leichtes geistiges Schwindelgefühl, ein Vorgefühl von Seekrankheit des
+Geistes erfaßte mich. Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten
+unter. Ich saß da nur einfach von Luftdrucksgnaden.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich das Gegenwärtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe nicht
+hätte wie einen großen und sicheren Fallschirm, ich wäre längst ins
+Bodenlose gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Da stamme ich nun von Malern -- und muß den Zusammenbruch der Natur als
+eines _Bildes_ in mir erleben!
+
+ * * * * *
+
+Ich bin wie einer, der ohne Führer, nur so nach Karten und gelegentlicher
+Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand
+ahnt, mit was für Martern ich das oft zahlen muß und wie mir ein schneller
+Tod oft göttliche Wohltat wäre. Nein, mein 'Dilettantismus' ist kein Spaß,
+keine Koketterie; er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen;
+denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis fehlte es allezeit
+an jener letzten besten Energie, die sekundieren muß, wo irgend etwas
+Großes auf Erden werden soll.
+
+ * * * * *
+
+Es ist viel Glück in mir, Glück, das mir meine Grenzen verschleiert und
+Glück, das sie mir ins Unbestimmte hinausrücken zu dürfen scheint. Ich
+habe viel Talent zum Leben, -- wenn das Leben nur mehr Talent zu mir
+hätte. Aber manchmal weht doch ein Windstoß alle die warme schützende
+Illusion fort und dann sehe ich flüchtig meinen Umriß und -- schaudere.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich
+selbst.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. -- Und deshalb sollte
+ich eigentlich nicht mehr unter Menschen und am wenigsten unter Freunde
+gehen: denn sie wissen alle nicht, daß ich nur gastweise bei ihnen bin und
+ihnen zuhöre, daß mir für vieles von ihrem Leben und Treiben die letzte
+leidenschaftliche Aufmerksamkeit verloren gegangen ist, als wäre ich ein
+Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und großen Musik zuhört -- aber
+draußen vor der Türe steht heimlich sein Weib und wartet auf ihn und vor
+lauter innerer Unruhe hört er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt kaum
+seine Zerstreutheit und mag manchem schärferen Beobachter mit Recht als
+kein sehr fachmännisch engagierter Zuhörer gelten.
+
+ * * * * *
+
+Ich irre in diesen europäischen Ländern umher wie ein Vogel in einem
+Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort zum anderen reise,
+lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, daß mich letzten
+Endes jeder dieser Orte enttäuscht -- denn über jeden ist der Fluch
+europäischer Zivilisation ausgegossen, vor dem er vor hundert, ja vor
+fünfzig Jahren noch verschont war. Die entsetzliche Nüchternheit der
+letzten 30, 40 Jahre kriecht einem überall nach, ja sie färbt auf einen
+selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da
+ist kein Platz für dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner
+schriftdeutschen Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit an die
+Großartigkeit unserer Epoche der Technik geglaubt, aber jetzt fühle ich
+nur noch das Eine: daß sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen
+gemein macht.
+
+ * * * * *
+
+Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen erinnert mich an die
+Responsorien der katholischen Kirche. Ich sehe die wohlgenährten
+Schwarzröcke vor mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen
+des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken Kerzen und alten
+Gemälden.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe diesen Herbst mit Übeltaten angefangen. Ich habe an zwei heißen
+Septembertagen fünf oder sechs Wespen getötet, die in mein Zimmer gekommen
+waren und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen meine Gewohnheit
+und nur durch eine Unruhe und Unbeherrschtheit zu erklären, die unter dem
+Einfluß des Südwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen überkommen
+hatte.
+
+Spätere Bemerkung:
+
+Ich weiß noch, wie mich damals besonders die 'Dummheit' der Tiere erregt
+hatte, die oft eine Stunde lang an der Zimmerdecke hin und her und auf und
+ab irrten, ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene Balkontür
+wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen. Übertragen wir diese meine
+Ungeduld und Unduldsamkeit auf Götter und Menschen, so hätten diese Götter
+wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen totzuschlagen.
+
+ * * * * *
+
+Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den ich hier ins träge
+Fleisch drücken könnte -- und finde ihn nicht.
+
+ * * * * *
+
+Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen und
+Holzstücken Häuser bauen, mit dürren Zweiglein Straßen abstecken und Haine
+bilden, einen Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und einem
+Hirschkäfer und seiner Frau die Herrschaft über das alles verleihen. Und
+dieses kleine Reich würde mich glücklicher machen und meine Phantasie
+umständlicher erregen und beschäftigen -- als ein noch so großes der
+Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage am Strande von
+Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandhütte verbracht und war wohl selten
+so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen Spiel.
+
+ * * * * *
+
+Je älter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort vor allen: Grotesk.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich einen gemischten Chor mit
+Orchester komponieren: den 'Chor der Genesenden', -- und im Himmel selber
+sollte nicht tiefer, inbrünstiger und süßer gesungen werden.
+
+
+
+1908
+
+
+Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles
+hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, daß in
+der Breite meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich sein kann.
+
+Ißt man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngehäuse,
+die Schale, den Stengel? Also lernt auch mich essen und schlingt mich
+nicht hinunter mit alledem, was nun zwar zu mir gehört und gehörte, aber
+von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr davon sollt wissen
+wollen. Laßt mein allzuvergänglich Teil ruhen und zerfallen: Dann erst
+liebt ihr mich wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden.
+
+ * * * * *
+
+Ihr seid von hier, ich bin von dort.
+
+ * * * * *
+
+Ihr meßt jedem sein Maß Liebe zu: dem dreiviertel, dem zwei Viertel, dem
+ein Viertel, dem nichts. Davon verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen
+und meine Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, daß Eure sich
+spart und sperrt.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere Menschen
+denn mich, sicherlich ungezählte. Aber keiner ist fertig, soll je fertig
+sein.
+
+ * * * * *
+
+Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!
+
+ * * * * *
+
+Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als einen wehr- und hilflos
+dem Großen preisgegebenen Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B.
+wie eine Säure wirken, die mich für den Augenblick völlig zersetzt. Oder
+ein Wort Nietzsches oder Goethes.
+
+ * * * * *
+
+An dieser meiner Lieblingsbank führt kein Spazierweg vorüber, geschweige
+denn eine Straße, -- nur ein schmaler Wiesenpfad von zwei Spannen Breite.
+Da kommt denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, -- --
+Einsiedler, Sonderlinge!
+
+ * * * * *
+
+_Ich sehe_ mich selbst, schreibend zur Nachtzeit -- im Bett bei der Lampe,
+dies Büchelchen schreibend ...
+
+Und all das bin Ich.
+
+_Ich sehe._ --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem richten muß, weil sie
+jeden Tag immer wieder von neuem nachgeht.
+
+ * * * * *
+
+Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der Luft wie etwa drei
+glänzende glasklare Äpfel an einem (unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen
+sich leicht im Wind -- und daran geht mir das Wesen alles Lebens auf. Ich
+denke an Böhme und seine Lampe. Nach jenem Vorgang -- bewegtes All --
+erkläre ich mir, im Traum, das ganze Leben. Das Ende ist mir leider
+entschwunden, ich weiß nur, daß ich großer Klarheit genoß.
+
+ * * * * *
+
+Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner
+Kindheit lebe.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich mir je ein Haus baue, so muß es einen Hof umschließen, in dessen
+Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt
+und des Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken, vor ihm
+und über ihn ...
+
+ * * * * *
+
+Über die äußere Technik zur Hervorbringung kontemplativer Zustände mich
+unterrichten!
+
+ * * * * *
+
+Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur dann
+Privatkorrespondenz empfangen und beantworten. (Private Ordensregeln.)
+
+ * * * * *
+
+Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten 'guten Handlung'. Da
+bin ich eben bei einem Begräbnis gewesen. Aber nichts von meiner ganzen
+Beteiligung an diesem actus war anders als so gut wie nur äußerlich, außer
+der ursprünglichen spontanen Regung beim Empfang der Todesnachricht: Du
+willst diesem Entschlafenen die letzte Ehre erweisen.
+
+ * * * * *
+
+Schließlich und endlich: was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am
+meisten: Wirkliche, _wirkliche_ Phantasie.
+
+ * * * * *
+
+Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung des Lazarus gemacht ..
+Was ich hier will, ist viel tiefer als 'Kunst'.
+
+ * * * * *
+
+Das ist es: Alle die andern beschäftigen sich mit 'Gott'. Ich wage zu
+sagen: Ich -- bin -- das, was wir Gott nennen -- selbst. Wer das versteht,
+aber auch nur der, weiß, was ich meine, wenn ich von 'meinem Ernste'
+spreche.
+
+ * * * * *
+
+Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken ausdrücken will)
+datiert nicht etwa vom August 1908, sie hatte sich mir schon lange vorher
+verraten. Ein äußeres Merkwort bedeutete für mich auf diesem Felde eine
+gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes, etwa im Vorfrühling 1907, über
+sich, Goethes Farbenlehre und den Dualismus. Daß ein so tiefer Mensch
+überall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich überall Einheit
+fühlte, konnte ich nicht mehr vergessen. Aber ich kam doch auch noch auf
+ganz andern Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes 'Du'.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein gebissen. Seitdem bitte
+ich jedes Brot vorher: enthalte keinen Stein!
+
+ * * * * *
+
+An M. a Jetzt fangen wieder diese großen herrlichen Vormittage an, an
+deren spätem Ende ich, an allen Fibern zitternd, den Mittagstisch
+aufsuche, um unwillig und abwesend mein Essen beizunehmen, das mich
+langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft. Du kannst Dir keinen
+Begriff von diesem inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen ich
+oft kaum gewahr bin, so daß ich jeden Augenblick und bei jeder Berührung
+durch irgend etwas, einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie,
+in Tränen ausbrechen möchte.
+
+ * * * * *
+
+Man wird mich einst in manchem meiner Sätze zu einem Eklektiker
+degradieren wollen, aber wenn ich auch in nichts Bisheriges überschritten
+haben sollte: Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, wozu
+ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung gekommen wäre und
+vieles fand ich und finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich für mich
+allein zuvor besaß.
+
+Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher: 'Darum lebt das
+ganze Universum, das Göttliche, in jeder Individualität, als jede
+Individualität'. Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher
+je zuvor näher kennen gelernt?
+
+
+
+1909
+
+
+Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum Äußersten gehen. Wenn
+Ihr aber sagt: Dagegen wendet der Politiker dies ein und dagegen der
+Historiker dies und dagegen der Nationalökonom dies, so erwidere ich: Laßt
+auch sie ihr Fach bis zum Äußersten treiben. Ihr Fach ist der Mensch in
+irgend einer sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der Mensch als
+inkommensurables Wesen.
+
+ * * * * *
+
+Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bedürfnissen
+nachzuspüren, woraus ihre Werke entsprungen sind, als diesen Werken
+selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe.
+
+ * * * * *
+
+Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein.
+
+ * * * * *
+
+Ich weiß mich merkwürdig frei von jeder 'romantischen Sehnsucht', ich
+fühle im Durchschnitt meines Wesens brüderlich zum Leben als etwas, dem
+ich nichts hinzuzufügen brauche und das mir nichts hinzuzufügen braucht.
+Darum vermag ich mich auch rein an ihm zu freuen, wo es Freude erweckt,
+darum wendet sich mein Schmerz über das Leid der Welt gleich bis in seinen
+Grund zurück.
+
+Kein _Anders_-Sein wollend, sondern das Sein in seinem Kern und Wesen
+anklagend und in Frage stellend.
+
+ * * * * *
+
+An Steiner
+
+Glück in medias res.
+
+Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und glaubte kaum noch, daß es
+nun noch wesentlich heller für mich werden könnte. Ich sah überall das
+Licht Gottes hervordringen, aber ..
+
+Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten Augenblick
+ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr -- einen neuen Tag.
+
+ * * * * *
+
+Ich werde noch manches veröffentlichen müssen, was einer früheren
+Entwickelungsstufe als meiner jetzigen angehört, denn ich darf niemanden
+über den Weg betrügen, den ich gegangen bin.
+
+ * * * * *
+
+Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!
+
+ * * * * *
+
+Immer bewußter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und Flackernde
+in mir überwinden. An jeden guten Gedanken, jede gute Empfindung einen
+Stein hängen, sie verankern. Damit zusammenhängend: Seßhaft werden,
+Tempobändigung, Tempobeherrschung.
+
+ * * * * *
+
+Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter -- 42?
+
+ * * * * *
+
+Ich widerrufe alles Harte und Böse, was ich je in meinen Worten oder
+Briefen gesagt habe.
+
+ * * * * *
+
+O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer wieder absinken. Züchte
+doch den _Willen_ in dir, du ewiger Wanderer _ohne Stab_.
+
+Man soll mich als einen malen, der _ohne Stab_ einen Berg erklimmt. Der
+Dämon seiner eigenen Schwäche hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, --
+aber am Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er auch wie tot
+daliegen mag.
+
+ * * * * *
+
+Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe
+zum Menschen willen.
+
+ * * * * *
+
+Einem Menschen wie mir genügt es nicht, Ein Mal das Richtige zu erkennen.
+
+ * * * * *
+
+Ich möchte gern auch noch zu äußerem Wirken gelangen. Ich möchte mein
+Berlin als geistiges Staatskunstwerk zum Ziel machen.
+
+ * * * * *
+
+In alles und jedes einfließen lassen einen höheren Geist!
+
+
+
+1910
+
+
+Ich träumte mir die Kraft eines Zukünftigen, -- _meine_ Zukunft und ließ,
+als ich vom Haus der lieben Freunde dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer
+eine Rose zurück, geschaffen durch den Willen meiner Liebe.
+
+ * * * * *
+
+O meine Hand, du seltsames Geschöpf, du warst mir immerdar ein Angelhaken
+der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke, meine ich ein
+Geistgebilde zu schauen.
+
+ * * * * *
+
+Bild meines Lebens.
+
+_Stiel_: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.
+
+_Schale_: Öffnung durch Johanneisches.
+
+_Blut_: Erfüllung.
+
+
+
+1911
+
+
+Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters ist die _Frau_.
+
+
+
+1912
+
+
+Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich ein Stück Berglehne
+abbricht und zerbröckelnd in die Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch fühlt
+man's in sich und frohlockt, daß das Massiv der Blindheit, die wir sind,
+wieder um etwas kleiner geworden ist.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gespräche führen. Beides
+verflacht mich und läßt mich in einem Zustand zurück, dessen
+Unerquicklichkeit ich niemandem wünsche.
+
+
+
+1913
+
+
+Sprich du zu mir, mein höher Du!
+Ich will mich ganz in dich verhören.
+
+ * * * * *
+
+Großer philosophischer Moment während des Vortrags vom 27. August 1913:
+ich sah einen Augenblick lang den Menschen (Steiner) als reinen, bewußten
+_Willen_, sich allein durch ein ungeheures göttliches Vorwärts-_Wollen_ im
+Leben und als solches Leben behauptend.
+
+
+
+
+NATUR
+
+1892
+
+
+Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) --
+Vineta.
+
+
+
+1895
+
+
+Die Sterne lauter ganze Noten.
+
+ * * * * *
+
+Der Quellnixe wehendes Fontänenhaar.
+
+
+
+1896
+
+
+Der Zypressen grüne Obelisken.
+
+ * * * * *
+
+Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.
+
+ * * * * *
+
+Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen ganz winzigen Lärm machen, der
+durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und
+Experiment) zu enträtseln wäre.
+
+
+
+1897
+
+
+Rhythmisch bewegte Luft ist gewissermaßen farbige Luft. Wirkung der
+Glocken.
+
+
+
+1904
+
+
+Warum sind Hügel schöner als Berge? Weil sie den Begriff des Gebirges
+gegenüber der Ebene, diese beglückende Naturbrechung und Erhöhung des
+Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren als die starren Felsberge,
+die mehr bloß Begriffliches sozusagen, weniger Gefühlswarmes an sich
+haben.
+
+
+
+1905
+
+
+Die Natur kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.
+
+ * * * * *
+
+Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: 'Wie? Sie bedauern den Tod
+eines Seehunds? Ausrotten müßte man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie
+seien nützlich? Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz
+schädliche, unnütze Geschöpfe!' Ich dachte an die feuchten dunklen Augen
+der gutmütigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese
+Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses Räubertum
+als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.
+
+ * * * * *
+
+Mir genügt zur Zeit das Schwatzen der Seevögel, das leise Sich-Wiegen des
+stachlichen Strandhafers, ein wenig durch die Finger rinnender Sand und
+die graublaugrüne Fläche vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.
+
+ * * * * *
+
+Die Verschwendung der Natur ist zu groß. Und das ist das Bitterste: Unsere
+anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie
+namenlose gleichgültige Vögel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer
+prallen, um ohnmächtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan,
+verschwendet wie das Wesen das sie gebar.
+
+ * * * * *
+
+Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand gewühlten Mulde
+beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindrücke meines Lebens ins
+Gedächtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, und was
+hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den
+mächtigen Gewölberesten rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes
+Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich stärker erhob, flog
+wohl auch ein größerer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein
+unheimliches und erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit, dem der
+gefährdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer
+Kultur, das vielleicht noch währen wird, wenn der Petersdom das seinige
+anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren
+ewigen Steinschlägen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen
+scheinen.
+
+ * * * * *
+
+Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen
+Berge.
+
+ * * * * *
+
+Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige
+Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem
+sich zugleich Gegenstände unseres Zimmers spiegeln.
+
+
+
+1906
+
+
+Wie können Baumwipfel wie ein Mädchen aussehen, ja mehr noch: seinen
+ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe heute ein paar Blumen für dich _nicht_ gepflückt, um dir ihr --
+Leben mitzubringen.
+
+ * * * * *
+
+Ich höre einen Vogel fortwährend 'Chi--rur--gie' flöten.
+
+ * * * * *
+
+Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schön sind in ihrer jungen
+Natürlichkeit und Zärtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen
+kann reizender aussehen, als wenn das Männchen dem Kameraden mit seinem
+Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den
+Rücken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedürfnis. Und welches Wohlgefühl
+des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die
+sonnendurchwärmte Waldluft einsaugen mit ihren vielfältigen Reizen, von
+denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse
+für alle die kleinen und großen Töne, die eine Landschaft fortwährend
+erfüllen und beleben.
+
+ * * * * *
+
+Gebell eines 'Achtung'-Hundes:
+Nervosität durch Geschrei von Kindern
+Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman)
+Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)
+Beschimpfung (da nichts erfolgt)
+Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)
+Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)
+ (er teilt die Sache der Außenwelt mit)
+Quittungen über vieles
+Rivalität \
+ |- mit andern Hunden
+Solidarität /
+Grundloser Unwille
+Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.
+
+ * * * * *
+
+Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und
+jede vermögen unter Umständen alle Phasen von der ärmlichsten Häßlichkeit
+bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.
+
+ * * * * *
+
+So schimmert ein Birkenwäldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in
+und durch meine Gedanken.
+
+ * * * * *
+
+Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit. Darum wird
+sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden
+wird. Sie gibt ihm die großen Züge, die weiten Perspektiven und zugleich
+das Bild einer bei aller unermüdlichen Entwickelung erhabenen
+Gelassenheit.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein seltsames Gefühl, senkrecht in die Erde zu unseren Füßen
+hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchstäblich.
+
+ * * * * *
+
+Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, als den uns
+bekannten. Das wissen wir und doch spielen wir damit, in einer Landschaft
+Geheimnisse zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau kennen.
+
+
+
+1907
+
+
+Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand ich die süßen Berge.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühlung aber, der nicht mehr
+kommen _mußte_, der nur so aus überirdischer Gnade noch einmal gekommen
+ist, der ist nicht mit Namen zu nennen.
+
+ * * * * *
+
+Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung, die er dem
+Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, daß uns in ihm eine unübersehbare
+Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, die
+Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit äußerster Zweckmäßigkeit
+vereinen. Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich
+gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts zu stören
+oder gar zu brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre Äste, Zweige und
+Nadeln aber strahlen mit solch äußerster Zweckmäßigkeit rings von ihm aus,
+stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise der
+Außen- und Umwelt eingepaßten Körper dar, daß man begreift: hier liegt
+die _Lösung eines Problems_ vor, an der vielleicht unermeßliche Zeiten
+gearbeitet haben.
+
+ * * * * *
+
+Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.
+
+ * * * * *
+
+In der Katze hast du Mißtrauen, Wollust und Egoismus, die drei Tugenden
+des Renaissance-Menschen nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich
+möchte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund ist dagegen gläubig,
+selbstlos und erotisch kulturlos. Unsere heutige Zivilisation nähert sich
+mehr der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze
+gerichtet. Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen
+erwarten.
+
+ * * * * *
+
+Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.
+
+ * * * * *
+
+Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als die des Menschen. Der
+Mensch wäscht sich, kämmt sich, bürstet und klopft seine Kleider, er
+entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser,
+der Luft, der Erde zurückgibt. Die Katze hingegen schleckt ihn mit
+unermüdlicher Zunge in sich auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn --
+aber im fruchtbarsten Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches
+Leben mit hineinnimmt.
+
+ * * * * *
+
+Du hast einen Großstadtwinter umsonst den Anblick einfacher, natürlicher
+Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren
+Divan eine etwa einjährige Katze, die dich dann und wann besucht, um sich
+dort eine halbe Stunde umständlich zu putzen und dann eine zweite halbe
+Stunde voll tiefen Behagens zu schlummern, -- und du siehst was du
+suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewußter Natur.
+
+ * * * * *
+
+Eine der größten Unverfrorenheiten des Menschen ist, dies oder jenes Tier
+mit Emphase falsch zu nennen, als ob es ein annoch falscheres Wesen gäbe,
+in seinem Verhältnis zu den andern Wesen, als der Mensch!
+
+ * * * * *
+
+Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?
+Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen her zerstört
+werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem
+Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht
+ihnen jede mögliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen
+sich nicht selbst in den Rücken, wie der Mensch mit seinem Geist und
+ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen
+Lebens.
+
+ * * * * *
+
+Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gemäßigten, sehr
+gemäßigten Landschaft zu leben, da man doch nur den Blick zu erheben
+braucht, um ins völlig Ungemäßigte zu stürzen, und nur die Gedanken, um zu
+fühlen wie wenig es verschlägt, im wilden Ozean des ewig Ungewissen auf
+einem gehobelten Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben.
+
+ * * * * *
+
+Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt
+werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom
+unendlichen Raum trennt, als der gnädige Vorhang vor der offenen vierten
+Wand unserer Erdenbühne.
+
+ * * * * *
+
+Merkwürdig, zu fühlen, wie man auf diesem seinem Erdboden nicht viel
+anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugnäpfchen aus Gummi, die man
+an die Wand preßt, um Uhren und Schlüssel dran aufzuhängen.
+
+ * * * * *
+
+Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet, gegen den
+Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in nächtlicher Dämmerung.
+
+ * * * * *
+
+Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und Wärme in seinen Händen, auf
+seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und Wärme in
+jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den wir Natur nennen.
+
+ * * * * *
+
+Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe, wenn er als
+Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur
+zerstört haben wird.
+
+
+
+1908
+
+
+Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre, müßte über ihr den Verstand
+verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu
+vernichten.
+
+ * * * * *
+
+Ich glaube, wer blind wäre, müßte die Pflanzen viel besser verstehen.
+
+ * * * * *
+
+Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie läßt sich Gott gefallen. In der
+Blume, als Blume träumt er seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm
+nichts.
+
+ * * * * *
+
+Ich kenne keine 'getrennten Gebiete'. --
+
+ * * * * *
+
+Wie schön wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt sie immer ein wenig
+komisch. Mit den Küchlein an sich aber rückt sie für mich unter --
+Sternbilder.
+
+ * * * * *
+
+Eine schöne stattliche weiße Kuh mit geschwungenen Hörnern und einer
+großen sonoren Glocke -- das ist schon ein Symbol, für den Gottesdienst
+eines Volkes.
+
+Oder ein Stier ..
+
+ * * * * *
+
+Wer mag wissen, was Glockengeläut z.B. in den Vögeln für eigentümliche,
+dunkle Gefühle auslöst. Ob sie sich da nicht momentweise auch 'über sich
+selbst erheben', nur so in einem dumpfen Drang ...
+
+
+
+1909
+
+
+Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt -- und ein gehorchender
+treuer, bei allem Feuer durch innere Gesetze gezügelter Hund -- zwei
+Stufen Gottes auch sie.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ergötzlich zu beobachten, wie Wespen und Ameisen von der
+Zudringlichkeit und Dickfelligkeit der Fliegen genau so wie wir Menschen
+gestört und irritiert werden.
+
+ * * * * *
+
+Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum Gefühl seiner selbst kommen!
+Wie wunderbar ist eine Birke im Sturm! Wie göttlich graziös! Wie unsagbar
+malerisch!
+
+ * * * * *
+
+Lärchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!
+
+ * * * * *
+
+Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig und nicht fröhlich, wir
+sind fest.
+
+ * * * * *
+
+So ein Spinnentüchlein voll Regentropfen -- wer macht das nach?
+
+ * * * * *
+
+Wenn man berechnet hat, daß die Erde unter dem Einfluß des Mondes ihre
+Ebbe und Flut hat wie das Meer, so frage ich, warum nicht auch das
+menschliche Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte.
+
+ * * * * *
+
+Die Luftschiffahrt wird dem religiösen Genie der Menschheit neue Nahrung
+geben. Zu den großen Beförderern kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und
+Wüste wird nun noch der Luftraum kommen.
+
+ * * * * *
+
+Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl
+selten über ein gewisses Maß von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch --
+Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!
+
+ * * * * *
+
+Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du
+gegenüberlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den
+Eindruck einer gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den
+eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat. Etwa wenn du einen
+Ausschnitt der gegenwärtigen betrachtest, der recht gut auch jener
+vergangenen angehören könnte, -- so daß dir eine Weile so unheimlich
+zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar
+Verstorbenen zu halten, während es doch, wie du weißt, die des dir
+Gegenüberstehenden ist.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft und das Meer so gründlich
+durchforscht haben wird, daß man dazu übergeht, in irgend einer Ebene oder
+Wüste einen Schacht anzulegen, durch den Generation um Generation mit
+allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln tiefer unter die Erdoberfläche
+eindringt.
+
+
+
+1910
+
+
+Darum ist die Natur so tieftröstlich, weil sie schlafende Welt, traumlos
+schlafende Welt ist. Sie fühlt nicht Freude, nicht Schmerz, und doch lebt
+sie vor uns und für uns ein Leben voll Weisheit, Schönheit und Güte. So
+schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren auch wir einst wieder
+zurück, nur mit dem Unterschiede, daß dann dies ganze Über-Glück,
+Über-Leid uns bewußt sein wird und daß wir dann auch keine Träume mehr
+brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen.
+
+
+
+1911
+
+
+Das Kleine in der Natur ist gewöhnlich größer als 'das Große'. Denn das
+Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, wo das Große nur Götterwerk.
+
+ * * * * *
+
+Überall, überall liegen Keime des Lebens -- darum -- und nun kann man auf
+zweierlei Weise fortfahren: -- tue ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder:
+sorge nicht allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf Schritt
+und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert.
+
+ * * * * *
+
+Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.
+
+
+
+1912
+
+
+Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll genug, du träumst von
+den Anden, vom Kaukasus, vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die
+Seele ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu empfinden. Sind
+nicht alle diese Berge gleiche Klippen der großen blauen, strahlenden
+Geister- und Gottes-See, auf die immer wieder hinzublicken, ja, die früher
+oder später mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung und Freiheit
+ist?
+
+
+
+1913
+
+
+Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn für Wirklichkeit. Man erwäge nur
+etwa den gewöhnlichen Standpunkt der Sonne gegenüber. Heißt das
+Wirklichkeitsempfinden, von einem solchen Phänomen ein Leben lang nicht
+anders berührt zu werden, wie es gemeinhin zu geschehen pflegt? Oder
+schauen nicht vielmehr die Menschen die Sonne noch gar nicht?
+
+ * * * * *
+
+Auch der Baum, auch die Blume warten nicht bloß auf unsere Erkenntnis. Sie
+werben mit ihrer Schönheit und Weisheit aller Enden um unser Verständnis.
+
+ * * * * *
+
+Hast du noch nie empfunden: es muß anders werden! Wenn du z.B. im Walde
+saßest und die lieben Bäume und Gräser um dich herum sahest, von denen
+dich doch so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was waren sie
+eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der Punkt, in dem ihr euch
+brüderlich treffen konntet, nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite,
+sondern euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend? Wäre es
+nicht unsinnig, wenn es in einer Welt, so weit und verschwenderisch
+angelegt, immer so bliebe, nie anders würde? Muß es nicht anders werden?
+Und löst diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir, das sagt: Ja, es
+muß besser werden, und ich will Tag um Tag dem Geist und den Geistern der
+Dinge entgegengehen, sind sie doch gewiß auch schon längst auf dem Wege zu
+mir.
+
+
+
+
+KUNST
+
+1891
+
+
+Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch -- das ist höchste
+Kunst.
+
+
+
+1892
+
+
+Es ist etwas Jämmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. Was helfen da Mai
+und Nachtigallen und Mondscheinnächte. Trauriger Zustand.
+
+ * * * * *
+
+Ihr fürchtet, daß die Umsturzepoche, vor der wir zu stehen glauben, alle
+Kunst und Poesie, alles Schöne und Wertvolle im Leben vernichte?
+
+Ich fürchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertrümmert, jedes Kunstwerk
+verbrannt, jedes Saitenspiel zerschmettert werden, das unantastbare
+Saitenspiel, das Menschenherz, wird nie aufhören, von den ewigen Melodien
+zu tönen, die der Geist der Welten ihm zuhaucht.
+
+
+
+1894
+
+
+Alle wahrhaft großen Dichtungen sind Variationen zum Schicksalsliede,
+seien es Maestosi, Allegri oder Scherzi.
+
+
+
+1895
+
+
+Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, neue Mythen
+zu schaffen, und wir wollen ihnen schon vorarbeiten.
+
+ * * * * *
+
+Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist
+selbst etwas Dichtendes, künstlerisch Zusammenfassendes und Auswählendes.
+
+ * * * * *
+
+Ein Dichter muß 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als Dichter etwas
+wert ist.
+
+ * * * * *
+
+Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein so großrednerisches
+Moment in sich, daß er uns Modernen meistens geradezu unmöglich wird, da
+wir in tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind, wahr zu sein,
+redlich vor allem in der Wiedergabe unserer Stimmungen und inneren
+Erlebnisse.
+
+ * * * * *
+
+Höchste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster Natur -- -- -- --
+eine Durchgeistigung der Realität auf allen Punkten, künstlerischer
+Polytheismus (im Sinne der Kunst), das meine ich, muß das Programm der
+Zukunft, unserer Zukunft sein. Der Sieg des menschlichen Geistes über die
+Außenwelt muß vollkommen werden.
+
+ * * * * *
+
+Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, um so mehr
+ist es bei sich selbst _daheim_. Daher der Zauber des _mittelalterlichen_
+Stils, daher heute unsere Heimatlosigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, müßten wir eine
+einheitliche Weltanschauung haben.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen Kähne vorüberschleppen sehe,
+muß ich immer an den Dichter und das Publikum denken.
+
+ * * * * *
+
+Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns
+alles Außen vermittelt wird.
+
+Oder auch: _Schön_ ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je
+mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden.
+
+Gesetzt also, es gäbe einen Gott, so wäre sein Glaube, die beste aller
+Welten vor sich zu haben, verzeihlich.
+
+
+
+1896
+
+
+Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn es den Menschen, so wie
+er heute ist, sich selbst unerträglich macht. Ibsen. Hauptmann.
+
+Kritik oder Beispiel -- naturalistische oder idealistische Kunst.
+
+Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung. Der Naturalismus
+nur ein Stadium, kein Ziel.
+
+ * * * * *
+
+Wenn heute wieder ein Schubert geboren würde, würde er eine Mission mehr
+haben, nämlich, nur _Texte_ zu komponieren, die Kulturwert haben.
+
+ * * * * *
+
+Die Orgel, das Instrument der Zukunft.
+
+ * * * * *
+
+In einem Philharmonischen Konzert:
+
+Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur empfunden. --
+
+All-Genuß.
+
+Mir ist, ich wäre ein Adler und trüge mich selbst und meine Last dünkte
+mir köstlich und ein tiefes Wohlgefühl durchströmte mich.
+
+ * * * * *
+
+Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von Landschaften
+fortwährender Vergleichs-Standpunkt. Wie es in der Musik heißt, daß der
+ein Dilettant sei, der beim Anhören eines Musikwerks in lauter
+Reminiszenzen aufgeht.
+
+ * * * * *
+
+Ihr wißt ja alle nicht, was Schaffen heißt. Ein Bild malen, ein Gedicht
+machen? Nein! Seine ganze Zeit umgestalten, ihr das Gepräge seines Willens
+aufdrücken, sie mit seiner Schönheit erfüllen, sie überwältigen und
+unterwerfen mit seinem Geiste.
+
+ * * * * *
+
+Der Krug des Nichts, aus dem alle Künstler schöpfen.
+
+ * * * * *
+
+Schopenhauer nennt das bloße intellektuelle Anschauen die höchste
+Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege. Als ob Schauen
+nicht schon Schaffen wäre!
+
+ * * * * *
+
+Den Ästhetikern:
+
+Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwört nicht ewig die Toten gegen uns.
+
+ * * * * *
+
+Vor einer roh gefügten Gebirgsbach-Brücke:
+
+So müßte sich jeder Architekt vor die roheste natürlichste Form der
+Menschenarbeit hinstellen und an diesen Balken und Brettern seine ersten
+Kunstgedanken auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als
+Bedürfnis empfinden müssen und würde so gewiß zu originellen Gedanken
+gelangen, deren Regulativ dann das Studium der Vergangenheit sein könnte.
+
+ * * * * *
+
+Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame Zunft der Lyriker,
+die in deine Flocken starrt, dich grüßend zu besingen. Welche Dekadenz,
+diese unpoetische Reflexion über deine himmlischen Dekadenzen, lieber
+trauter Schnee.
+
+ * * * * *
+
+Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, daß der Dichter nicht -- gleich
+dem Musiker -- den Teilen seiner Werke hinzufügen darf, in welchem Tempo
+er sie genommen wissen will.
+
+ * * * * *
+
+Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem Fenster), das
+mit seinem freien Ende im Wasser liegt, so daß es für den stärksten
+Windstoß zu schwer wird, es als Fahne auszurollen: Bild für ein
+Künstlerschicksal.
+
+
+
+1897
+
+
+Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!
+
+
+
+1901
+
+
+Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen großen Menschen, die
+das Ja- und Amen-Lied im Herzen tragen, das Drama des Mittags, der
+Sonnenhöhe, 'da alle Dinge rund und vollkommen' geworden sind.
+
+ * * * * *
+
+Was soll uns Tragödie heißen und als tiefste Erregung von der Bühne herab
+gelten? Die Darstellung des wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine
+tragische Erscheinung ist, weil in allem menschlich Großen neben der
+großen Freude auch der große Schmerz wohnt, weil in jedem ungemeinen
+Schicksal das Ja und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen erklingt,
+weil der große Mensch eine Abbreviatur des ganzen Weltgeheimnisses ist.
+Die Tragödie ist der tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von Zeit zu
+Zeit erschüttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst in all dem uns
+überbrausenden Alltag.
+
+
+
+1905
+
+
+Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unmännlich, besonders aber
+Dichten und Musizieren. Daher Nietzsches Vorliebe für Horaz als einen sehr
+männlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor allem als Mathematiker,
+Goethes: recht sehr als Staatsminister zu gelten.
+
+ * * * * *
+
+Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr Geheimnis
+ist, daß sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben,
+das sich mit ihnen vermählt, zum Kunstwerk machen, indem sie es zu einem
+Bilde abtönen und feierlich umrahmen. Betritt die schlimme römische
+Sinnenfängerin Gesù, wann immer du willst, oder die ehrwürdige Ara Coeli
+oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, Gesten, Mienen, welche
+gehaltenen und tiefen Ausdrücke des Individuums, welche stets bedeutenden
+_Bilder_! Gewiß, alles, was die Menschen zu einem bestimmten Zwecke
+sammelt, vereinigt sie so mit sich zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der
+Bahnhof, die Kaserne, das Schiff, eine Straße, ein Kornfeld im Herbst --
+aber wohl nichts bietet so die Gewähr eines künstlerisch abgeschlossenen
+und abgerundeten natürlichen Lebensgemäldes, wie die Kirche, nichts
+distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Glück vom kunstarmen Alltag
+wie sie.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle Dinge vom
+Standpunkt des Malers aus zu betrachten.
+
+ * * * * *
+
+Für Porträtmaler.
+
+Wer einen Menschen recht erfassen will, muß ihn sehen, wenn er vom Schlaf
+aufwacht, mit wirrem Haar, die Züge und Glieder noch halb gelöst, noch
+halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne Namen, ohne Beruf -- wenn
+auch mit all dem Bedeutenden, wodurch ihn das Leben bereichert hat. Zudem
+gibt es nichts, das malerischer wäre, als ein Mensch in Trikot oder
+langem, fließendem Hemd, ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim
+Abtrocknen nach dem Bade, beim Kämmen und Bürsten der Haare. Auch gebe ich
+allen Bildhauern und Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen
+geräumigen Krug mit beiden Armen unter die geöffnete Brause emporhalten zu
+lassen. Es ergeben sich da durch die zunehmende Schwere des Krugs eine
+Reihe interessanter und charakteristischer Phasen, von der ungezwungensten
+Pose bis zur angespanntesten.
+
+ * * * * *
+
+Zu Fürsten:
+
+Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.
+
+
+
+1906
+
+
+An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt euch unter die
+gewöhnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft zu gewinnen, sucht so reden zu
+lernen, daß sie euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den
+verschiedensten Handwerkern, auf die Werften, in die Fabriken, in die
+Bergwerke; lernt vom Volk und für das Volk, seht zu, daß was und wie ihr
+dann schreibt, jedem verständlich sein könne, der den guten Willen für
+euer Verständnis mitbringt. Laßt euch Jahre eures Lebens in einsamen
+Dörfern nieder, im deutschen Gebirge, an den Küsten, auf Inseln. Laßt euch
+vom glatten charakterlosen Großstädter nicht das Bild des Menschen
+fälschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter die Schale dringen kann.
+Denkt an Luther, wie er herumging in allen Werkstätten, um sich die
+Sprache für seine Bibelübersetzung zu bilden, wandert, soviel ihr könnt,
+werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle Literaten, die von
+Gesellschaft zu Gesellschaft eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und
+Zeitschriften holen, die sich ästhetisch anregen lassen, statt immer
+wieder auf den Grund des Lebens zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick gerichtet -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein erheiternder Gedanke, daß es Schönes und Häßliches nur im
+Gehirn des Ästhetikers gibt. Von 'der Darstellung des Schönen' zu reden --
+welch eine Einfalt! Es gibt nichts 'Schönes' darzustellen, weil es nicht
+hier und dort etwa herumliegt, sondern in jedem Augenblick erst
+_erschaffen_ werden muß. Und wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist
+doch schön! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Schönheit der
+Rose im Moment Ihres Schauens und das fällt Ihnen leicht, denn Milliarden
+haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die Schönheit,
+welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der messen können, die ein
+wahrhaft schöpferisches Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken
+wird, weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.
+
+Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen -- nachgeschaffenen --
+Schönheit als von Schönheit überhaupt reden, so drängen Sie damit Ihren
+sehr mittelmäßigen schöpferischen Geist der Welt und vor allem den
+Künstlern wie ein Joch auf, unter das man sich beugen müsse: als dürfe nur
+ebensoviel Schönheit erschaffen werden, als Ihnen zu schaffen möglich ist.
+(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Schönheit
+nichts, so wenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von _Ihnen_
+geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Schönheit. Auch wir Künstler wissen
+nicht, was 'die Schönheit' ist, aber wir vermehren sie als von Natur aus
+stärker empfindende, zeugende, als die am weitesten vorgestreckten Fühler
+des Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt zwei große Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften und
+die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man muß sie beide gelten lassen und
+ihnen das 'und' nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, Shakespeare
+und Ibsen, Monet und Böcklin, Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild
+unserer Kunst.
+
+
+
+1907
+
+
+Es ist so plump von Künstlern und Dichtern, sich geradezu ans Geschlecht
+zu wenden. Als ob man sich ans Geschlecht erst wenden müßte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn das Individuum -- wie Hebbel sagt -- letzten Endes komisch ist -- und
+es ist komisch --, so ist die Tragödie die höchste Form der Komödie.
+
+ * * * * *
+
+Alle Kunstform borniert.
+
+ * * * * *
+
+Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus lebendigen Blumen.
+
+ * * * * *
+
+Ein Künstler muß seine Weisen eigentlich immer einer Geliebten ins Ohr
+spielen.
+
+ * * * * *
+
+Chopin ist immer Mann oder doch Jüngling, Beethoven hat noch das Kind vor
+ihm voraus -- und seiner ist darum nicht nur das Erden- sondern auch noch
+das Himmelreich.
+
+ * * * * *
+
+Kunst ist nicht ein Stück Welt im Spiegel eines Temperaments, sondern --
+ein (Stück) Temperament im Spiegel des Bewußtseins.
+
+ * * * * *
+
+Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die schöpferischen
+Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln.
+
+
+
+1908
+
+
+In jedem Kunstwerk ist der Künstler selbst gegenwärtig. Wir spielen und
+hören in _Wahrheit_ Beethoven, sehen Lionardo, lesen Goethe.
+
+ * * * * *
+
+Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.
+
+ * * * * *
+
+Musik -- gesanggewordener Mensch und somit seine für uns vielleicht
+höchste Erscheinungsform. -- Ein altes Bild: Der Gesang der Engel vor
+Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der überall) zu Lied, zu Gesang
+geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der in unser aller) und zu Gottes
+(der in unser aller) Preis unaufhörlich tönend -- Beethoven, ein Gesang
+Gottes vor sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Das willkürliche Abbrechen von bedeutenden Musikstücken ist deshalb oft so
+schmerzlich, weil da nicht nur Musikstücke, sondern -- Menschen
+abgebrochen werden.
+
+ * * * * *
+
+Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik.
+
+ * * * * *
+
+Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, Natur) -- ein
+weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.
+
+ * * * * *
+
+Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu --
+_zeigen_.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Künstler tötet zehn folgende (Dilettanten).
+
+ * * * * *
+
+Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf der Kampf
+zwischen der Newtonschen und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die
+Farben treten auf und suchen umsonst das weiße Tageslicht in gemeinsamer
+Aktion zusammen hervorzubringen. Schließlich erscheint das eine weiße
+ungeteilte und unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines weißgekleideten
+Weibes und entlarvt dieses ganz anmaßende Unterfangen als Betrug und
+Selbstbetrug.
+
+
+
+1909
+
+
+Wenn mich nicht alles trügt, so stehen wir dicht vor Künstlergenerationen,
+die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz anders bemächtigten
+werden als die bisherigen.
+
+ * * * * *
+
+Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen hinab lieb und ihr
+werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewußt von ihm
+zeugen.
+
+ * * * * *
+
+Allzuviel Lyrik frißt die gesunde Natur des Dramas an und nimmt ihm, in
+einem ganz hohen Sinne, seine natürliche Sittlichkeit.
+
+
+
+1910
+
+
+Schönheit 'an sich'? Nein, Schönheit, die über sich hinausweist.
+
+ * * * * *
+
+Die neue -- die christliche -- Tragödie wird überall erst möglich sein,
+wenn der Mensch mehr und mehr aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die
+Tragik seiner dann endlich überschauten und klar gewordenen Entwickelung
+sein und ihre Größe das dann noch ganz anders, weil aus einem ungleich
+höheren Bewußtseins- und Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem!
+und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! ...
+
+Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen geboren werden,
+was der Mensch verbrochen und was er gutzumachen hat, sie wird den
+schauerlichen Fall des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine
+übermenschlichen Anstrengungen, Unsühnbar-Scheinendes zu sühnen,
+Unbezähmbar-Widerstrebendes zu überwinden, Unwiederbringlich-Verlorenes
+wiederzugewinnen. Erheben wird sich nach langen Geburtswehen endlich der
+Heerbann des Verständnisses und der Liebe, und seine Siege und Niederlagen
+werden fortan wie ein Ringen erwachter Götter erschüttern, wo heute der
+Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst vereinzelte Ahnungen zuläßt.
+
+Laßt uns darauf demütig warten und dazu das Unsere tun, Körnlein um
+Körnlein. Laßt uns uns dessen vertrösten in vielem Kleinkram und Wirrwarr
+noch unserer Tage.
+
+
+
+1911
+
+
+Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem vielleicht oft
+anfechtbaren Menschlichen großer Künstler nichts, als daß uns durchaus nie
+zu lebendigem Bewußtsein gekommen ist, was ein solcher Künstler für den
+Menschen, für uns wirklich bedeutet. Wir können kalten Herzens den
+'Menschen' Wagner ablehnen, ja schmähen und damit es ganz für nichts
+erachten, daß täglich Ströme des Segens von ihm ausgehen, Ströme der
+Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, der Reinigung durch geistige
+Mächte.
+
+
+
+1913
+
+
+In ein Zimmer, dessen rosa getünchte Wände in einer breiten bunten
+Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares blaues Muster aufweisen, wird
+eines Tages ein großer blauer Teppich gehängt. Und nun sollte man die
+kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit einem Male leben und leuchten!
+
+
+
+
+LITERATUR
+
+1895
+
+
+Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, zählen.
+
+
+
+1897
+
+
+Nach der 'Wildente': Ibsen wäre 'ungriechisch'? Aber was taten die alten
+Griechengötter andres, als (scheinbar) kalt und spöttisch das Treiben der
+Sterblichen betrachten, im Bewußtsein der Notwendigkeit aller Dinge.
+
+So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen
+Lächerlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist, schwebt um seine
+Werke.
+
+
+
+1901
+
+
+Es gibt ein höchst bedeutendes Bruchstück in unserer Literatur: Der
+'Empedokles' von Hölderlin. Hier habe ich einmal den abgebrochenen Weg des
+deutschen Dramas zu sehen vermeint.
+
+ * * * * *
+
+Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance lebte in diesen Sagen
+und in den Erzählungen der Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer
+Völker jenen Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner rückend, muß die
+ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer Kunstwerke nehmen. Unsere Sage
+sind die großen Epochen der Geschichte geworden, unser Göttermythos der
+Mythos vom großen Menschen in allen Zeiten. Dies ist recht eigentlich die
+uns zugeborene Sage: die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen
+und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst ist noch
+unausmeßlich weiter und tiefer, ihr Reich geht noch hinter alle
+Sagenkreise zurück und unter sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf
+die Völker, die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer Überblick
+über dreitausend Jahre geistige Erde ward möglich. Menschen dieses
+Überblicks werden die neue Tragödie schreiben, die einzige, welche der
+griechischen ebenbürtig sein wird, ja, welche sie überfliegen wird wie der
+Adler den Falken.
+
+
+
+1904
+
+
+(Zum Thema Strindberg.)
+
+Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Schütteln des Kopfes, wenn ein
+absonderlicher Mensch durch das Mittel einer großen künstlerischen
+Begabung in die Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer mit
+Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern in aller Ruhe lernen und
+bewundern will; so kommt man weiter in der Bravheit, und damit, meint man,
+in der Kultur. Ein Mensch, der einen nötigt, mit ihm zu laufen, dann jäh
+wieder umzukehren, dann plötzlich ins Wasser zu springen, darauf
+vielleicht donquichotisch auf ein eingebildetes Amazonenheer loszurücken,
+schließlich mit einem Male in einem Kloster zu verschwinden, um mit einer
+Maske in der Linken und einer Geißel in der Rechten wieder hervor zu
+kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird nicht gern
+einregistriert und als voll genommen. Ein genialer Verrücktling, sagt man
+und geht wieder zur Ordnung über. Daß aber hier ein Mensch wie ein
+gehetztes Wild durch die Felder und Wälder, Schluchten und Flüsse des
+Lebens stürzt, gehetzt -- ja wovon? -- von irgend einem Verfolgungswahn:
+als flöge die Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und er
+müßte das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder packte, -- oder von
+irgend einem Sehnsuchtswahn -- wonach? --: nach dem grünen Wiesental eines
+unbewölkten Friedens oder nach dem Gipfelfelsen über den Nebeln, von dem
+aus er hinüberfliegen könnte ans Ufer eines anderen Sterns, einer höheren
+Welt, -- daß aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen Jammer des
+Menschlichen vor sich her tragend, in Jubel und Hohn und Haß und jedem
+Gefühl vom niedrigsten bis zum höchsten, das wird als nichts empfunden,
+das bleibt tot und unfruchtbar für den ganzen Bann der Geordneten.
+
+So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten und unvollkommen
+lebendig Werdender ist August Strindberg, ein gehetztes Wild, eine
+laufende Flammensäule, ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht
+nach jenem 'Blitz aus der Wolke, der da heißt Über-Mensch' aufschreit,
+wenn irgendwo: denn dieser Untergehende ist ein Hinübergehender.
+
+Was liegt an 'Werken' (im letzten Grunde), was an Korrektheit, Bravheit,
+Nützlichkeit, Tradition, Gemüt, Liebe -- kurz was an all dem
+Vordergrundswesen, außer daß da ein Mensch seinen Sinn sucht -- ein
+_Mensch_. 'Respektiert den Menschen --'; er kommt so selten zum Vorschein.
+Die Menschen -- was sind sie wert. Der Mensch ist immer ein Phänomen. Er
+sieht nicht schön aus: Irgendwie heißt sein Name und Ruhlos sein Schuh,
+sein Rock heißt Elend, seine Zunge Eitelkeit, sein Eingeweide Wollust,
+sein Herz Flamme, sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim
+und seine bittere Nahrung Er selbst.
+
+In den Höfen und Gärten des Menschlichen gibt es viel Nützliches und
+Tüchtiges zu tun. Da gebe es nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das
+Handwerk getan. Aber in der Gespensterstunde von zwölf bis eins, da horcht
+hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten, da laßt den
+Menschen zu euch hinein und legt die Finger in seine Wunden und fühlt --:
+es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen und all das versinkt wie ein
+Rauch.
+
+Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein genialer Sonderling dünken.
+
+
+
+1905
+
+
+Was wir in unsern neueren Büchern von der bisherigen Entwickelung der
+menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem eins: _gewaschene_
+Geschichte. Der natürliche Duft und Brodem der Dinge dürfte uns
+schlechtweg ersticken.
+
+ * * * * *
+
+Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des
+Schreibens ein Größerer über die Schulter, sei es ein Vergangener,
+Lebendiger, oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt: Er
+wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.
+
+ * * * * *
+
+Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur
+war -- ein Tagebuch.
+
+ * * * * *
+
+Warum ist Balzac größer als Flaubert? Weil er eine unendliche Fülle ist,
+aus der Großes und Geringes, aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac
+ist eine blühende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller Garten.
+Keine Bewunderung hilft ihm gegenüber, man muß ihn lieben. Er hat dieses
+tief alles durchblutende Mitgefühl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die
+ihn das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten Händen anfassen läßt,
+womit dieses feine und des schärfsten Beurteilers immer noch spottende
+Gewebe allein angefaßt werden darf.
+
+ * * * * *
+
+Der Sonderling:
+
+Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich diesen Dichter für
+mich Max Zottuk getauft; so sehr haben mir Presse und Publikum jeden
+Buchstaben des einst teuren Namens verleidet.
+
+
+
+1906
+
+
+Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, daß ihre Leser sich
+immer wieder die Mühe nähmen, die von ihnen sorgfältig beschriebenen
+Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer
+umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber heißt, sein
+Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen, sein
+Mund grob aufgeworfen, so geht das -- an mir wenigstens -- ziemlich
+spurlos vorüber.
+
+ * * * * *
+
+Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten 'von außen her'
+schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl Ähnliches erzählt wird wie
+heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, daß die geschilderten
+Menschen durchsichtig gemacht sind -- gegen das Mysterium hin. Sie werden
+charakterisiert werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch
+zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie
+irgendwelche Gegenstände der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen,
+für den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde
+mitgeteilt sein, so daß sie im selben ergötzen und ein tiefes unheimliches
+Wundern erregen.
+
+ * * * * *
+
+Etwas vom Übersetzen.
+
+Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner Stücke durchschnittlich
+zwei Jahre. Wenn nun ein Ausländer hergeht und eines jener Dramen in vier
+Wochen in seine Sprache übersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden
+Personen so in sich lebendig fühlen können, wie der Dichter, der sie
+zuletzt gleichsam als seine beständige Gesellschaft empfand.
+
+Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische Methode zu
+übersetzen nennen. Der Übersetzer möchte das Original womöglich noch
+verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht,
+wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.
+
+ * * * * *
+
+Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben zu können.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar
+abstoßend ablehnen. Der nächste Förster, der ihnen begegnet, zieht sie
+unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal
+sämtliche Förster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen,
+dem der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen
+ersetzt, stark, warm und einfach zu fühlen.
+
+ * * * * *
+
+Nach den Erinnerungen eines Egotisten.
+
+Überall, wo Stendhal über fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon ...)
+fesselt er, wo er aber über sich selbst und seine Gesellschaft und
+Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig.
+
+ * * * * *
+
+Zu Dostojewski.
+
+Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach Westeuropa zurück.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich einem Feuer zu --
+einem Steppenbrand --, das über die Ebene wandert. Und jetzt frißt und
+wühlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -- und jetzt fährt ein
+Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und
+glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg --
+und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen Stoß gleich einer Säule
+zum Himmel und übergießt Himmel und Erde mit übergewaltigem,
+erschütterndem Glanz.
+
+ * * * * *
+
+Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein
+Menschenleben gräbt sich sein Strombett und damit muß man zufrieden sein.
+Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht
+weiter gegangen. Mauthner unterschätzt das Dynamische im Genie.
+
+ * * * * *
+
+Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich den Verstand
+verlieren müßte, daß man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich
+ist das nur ein neues Kompromiß -- denn anständigerweise müßte man
+allerdings nach ihrer Lektüre abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was
+wir anständig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, daß der Autor
+seinen Verstand behalten hat, wird genügen, den Leser zum gleichen zu
+veranlassen; es sei denn -- daß er nur so beweisen zu können meinte, daß
+er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus Ehrgeiz, aus 'Willen zur
+Macht' wahnsinnig zu werden geradezu -- wünschte.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen deshalb aufhören
+sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben können.
+
+
+
+1907
+
+
+Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.
+
+ * * * * *
+
+Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus nicht so Eindruck
+machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und
+gleichgültig prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue
+Behauptung zunächst -- ärgert.
+
+ * * * * *
+
+Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen könnte. Ibsen
+war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare
+einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern werden erst kommen:
+Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und über ihm
+in schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer 'Freiheit' auch
+von sich selbst -- ...
+
+(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)
+
+ * * * * *
+
+Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So
+oft man auf ihm wandert, stürzt man in den Abgrund.
+
+ * * * * *
+
+Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde
+nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen,
+dem sind sie nie geboren worden.
+
+ * * * * *
+
+Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und Höhe, wenn
+nicht eine so große Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung
+in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen wäre. Er gleicht einem
+Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen
+Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt als sie.
+
+ * * * * *
+
+Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.
+
+ * * * * *
+
+Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn
+du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine
+produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter
+Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein,
+der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten
+fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.
+
+ * * * * *
+
+Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorwärts. Das
+macht, sie reden ohn' Unterbruch.
+
+ * * * * *
+
+Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergroßes
+Stück Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit
+einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.
+
+ * * * * *
+
+In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde
+raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der
+Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen -- und wie alles
+Große grausam ist -- grausamen -- Triumph.
+
+Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß, der
+unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen
+meint, wird sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja im Großen
+nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung. Hier will ja
+irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer
+Selbstschönheit ...
+
+ * * * * *
+
+Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held ein Held mehr. Das
+gefällt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert
+predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, und
+überschütten die Welt mit dem überlegenen Lachen des -- Kammerdieners.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir ist, so hat man ein Bild
+für den Stil des Essayisten N. Könnte man sein Buch wie eine Flasche
+schütteln, so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen. Da
+man es aber nicht schütteln kann, hat man ein dickes und schwerfälliges
+Getränk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk,
+nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte Kefir, aber weniger angenehm
+genießbar als der geschüttelte.
+
+ * * * * *
+
+Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein Buch ist
+chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet
+werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die
+deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern
+durch die Stirn.
+
+ * * * * *
+
+Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die
+überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen Absätze, den Sperrdruck.
+
+
+
+1908
+
+
+Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern dieses
+Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikstück, das ich heut abend
+von dem Nachbarhause herüberklingen hörte, kein Musikstück von Beethoven
+war, sondern das Mysterium Beethoven selbst.
+
+ * * * * *
+
+Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare. Die
+meisten Leser spüren nur die mittelbare. Darum bleiben auch so viele
+Bücher Druckerschwärze auf Papier. Und doch offenbart auch noch das
+schlechteste Buch seinen Vater nicht bloß mittelbar, sondern auch
+unmittelbar: ihn selbst, die Persönlichkeit, in der Chiffre dieser Sätze
+unverlierbar aufbewahrt und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen
+ursprünglichen Kraft auf uns zu wirken.
+
+
+
+1909
+
+
+In der übertriebenen Abneigung gegen schlechte Übersetzungen, gegen
+Übersetzungen überhaupt, liegt eine gewisse Verzärteltheit. Große
+Originale leuchten auch aus unbeholfenen Reproduktionen unzerstörbar
+hervor.
+
+ * * * * *
+
+Tolstoi war ein Protest des höheren Menschen wider den Menschen, wie er
+gemeinhin heute noch ist. Tolstoi wollte nur ganz einfache, simple Dinge.
+Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, -- für jeden anständigen
+Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Man fordert von Tolstoi Märtyrertum. Man sagt: Lebe wie Franziskus, stirb
+wie Christus. Nun, er hat sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates
+dargeboten: -- 'nehmt mich und führt mich hin wie jene armen Opfer, legt
+den eingeseiften Strick um meinen alten Hals ...'
+
+ * * * * *
+
+Der große Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, was nicht
+ausschließt, daß der große auch einmal klein und der kleine groß, d.h. ein
+Stilist sein kann. Maeterlinck -- oder ein versetzter Konditor.
+
+ * * * * *
+
+In diesen Erzählungen von Liebe sehe ich immer nur eines: die Liebe als
+Selbstpreis. Selten oder nie, daß diese Menschen durch ihre Liebe zu
+einander _wachsen_ wollen, daß sie sich über sich hinaus lieben. Daher
+denn auch die Übersättigung, ja der Ekel, der einen nach und vor derlei
+erfaßt, ein Verlangen, es möchte doch auch hier endlich eine neue Optik
+Platz greifen, eine tiefere, religiösere Betrachtung des Liebeslebens.
+
+ * * * * *
+
+Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort über den
+Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges Lächeln dabei,
+gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, der es jeder
+seiner gönnerhaften Bespotter unvergleichlich zuvorgetan haben würde. Man
+hängt sich an die Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, daß er
+oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene
+Unbedeutendheit vor und übersieht die Fülle feiner Beobachtungen und
+Bemerkungen, die anmutigen Berichte über seine Liebhabereien, den langen
+Brief aus Genf und überall den Sinn und Takt fürs Wesentliche, der uns
+niemals mit Tagesgeschwätz langweilt, sondern ihn fortwährend bei der
+Würde seiner einzigartigen Aufgabe festhält.
+
+Laß sie sich immer überheben, würde Goethe selbst sagen, soviel ist gewiß,
+daß ihrer keiner mich vermocht hätte, mein inneres Leben so munter und
+lebendig vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der wohl nicht
+groß war im Sinne schöpferischer Kraft, aber in seinen Maßen ein ganzer
+Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung
+wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur
+unvollkommen gewährt hat, im produktiven Empfangen seiner Höhe zustreben
+müssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen mögen, wie unsereins mit
+seinen stärkeren Mitteln und glücklicheren Voraussetzungen.
+
+
+
+1910
+
+
+In aller Literatur von heute muß man dem Seelischen nachspüren. Was der
+Geist heute hinzutut, hat nicht allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl
+selten auf einer bescheideneren Stufe.
+
+ * * * * *
+
+Manchen Menschen würden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, und zu
+Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, Petroleumöfen usw. beigepackte
+Erklärungen und Referate für lebenslängliche Lektüre völlig genügen.
+
+
+
+1911
+
+
+Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit den
+literarischen Jargon hinaus und man wird viel gewonnen haben.
+
+Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise die
+humanistische Ablehnung der Bibel, als einer Gefahr für den klassischen
+Stil.
+
+ * * * * *
+
+An 'Geist' fehlt es heute so wenig, daß man ihm aus dem Wege gehen muß, um
+nicht vom Überdruß erfaßt zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat
+etwas von einem Variété, darin Athleten, Jongleure, Akrobaten auftreten.
+Eine Zeit, die den intellektuellen Biceps so eifrig und coram publico übt
+und spielen läßt, erfüllt damit gewiß eine bestimmte bedeutende Aufgabe,
+aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gewünschtes
+Massenangebot bloßer Kunstfertigkeit destruktiv.
+
+
+
+1912
+
+
+Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewußt wäre, die in seine
+Hand gegeben ist, würde ein ungeheures Verantwortlichkeitsgefühl ihn eher
+lähmen als beflügeln. Auch das Bescheidenste, was er veröffentlicht, ist
+Same, den er streut und der in andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.
+
+ * * * * *
+
+Entwurf für ein Vorwort zu: 'Wir fanden einen Pfad'. Man glaubt, es komme
+in neuen Dichtungen vor allem darauf an, daß sie gewissen vertrauten
+Empfindungen und Vorstellungen genügen, ja schmeicheln. Nun ist ja z.B.
+das, was wir Deutsche unter einem Liede verstehen, etwas ungemein
+Liebliches und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der reinen Musik,
+sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet,
+Rückschritt nennen, werden für ein wirklich gelungenes Lied ...
+
+Aber diese so sehr verständlichen und sympathischen Menschen sind in
+diesem Punkte Träumer und Liebhaber, an denen die Entwickelung sacht aber
+entschieden vorbeigehen muß. Es geht nicht an, bei einmal gewonnenen
+schönen Dingen versunken stehen zu bleiben und, weil sie dem viel
+angefochtenen Herzen so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern;
+als wollte einer bloß von Blüten wissen und das weitere Werden der Frucht
+nur so mit in den Kauf nehmen. Gewiß, ein ewiger Frühling wäre ein holder
+Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche ganz anderen Zielen
+denn unschuldigem Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, deren
+Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich weiter tastet, die dem
+wahrhaft Neuen, das in unsere Zeit hereinfließt (nicht _dem_ Neuen
+freilich, das in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben
+besteht) sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder von den 'Neutönern'
+akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden will, ja auch
+nicht zu 'guter Kunst', -- denn in diesem 'gut' verbirgt sich hier nichts
+weiter als 'das, was wir lieben', und eben das liebt diese Kunst nicht
+mehr.
+
+ * * * * *
+
+Der Bekämpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften
+Reklamebildern zur Seite treten. Nur die große Trägheit in solchen Dingen
+nimmt hin, was hier täglich auf Plakaten und in der Presse vor Augen zu
+rücken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, schädlichen
+Wirkung solcher Zerrbilder auf jede, besonders aber auf jede jugendliche
+Seele.
+
+ * * * * *
+
+Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verhältnisse zu
+schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortwährend
+im Zustande der Mutterschaft befindet?
+
+ * * * * *
+
+Wir sollten gewisse Bücher mehrmals lesen, ehe wir darüber sprechen. Etwa
+einmal im Winter, einmal im Sommer -- und manche in noch ganz anderen
+Intervallen. Was wir dann über sie zu sagen hätten, würde vermutlich
+ebensovielmal besser sein ... Und uns selbst würde solche Selbstzucht
+nicht nur zu besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen
+machen.
+
+ * * * * *
+
+Über jedem guten Buche muß das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell
+werden. Die Sonne innerer Heiterkeit muß sich zuweilen von Seele zu Seele
+grüßen, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in Ordnung.
+
+
+
+1913
+
+
+Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die
+zu -- Dostojewski.
+
+ * * * * *
+
+Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als daß,
+sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, während es früher nur die
+Reichen konnten.
+
+
+
+NIETZSCHE
+
+1896
+
+
+Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen wie mich, als
+Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein Wühlen im Schmerz meines eigenen
+Unwerts.
+
+ * * * * *
+
+Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrwürdigen
+_Bescheidenheit_ und einer Frömmigkeit zur Kultur anfänglich immer sagt:
+Möchten andere es besser machen als ich.
+
+ * * * * *
+
+Ein ganzes Leben in Denken aufgelöst, im Wort sichtbar geworden, strömt
+vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Gründen hervorbrechend, in
+undurchdringliches Dunkel sich verlierend.
+
+ * * * * *
+
+'Also sprach Zarathustra!' -- wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen
+Auguren-Lächeln gelesen und geschmeckt werden müßte. Wenn er eine feine
+Parodie auf jene Schlußphrasen wäre, womit noch jeder ethische Neuerer
+bisher seine Sätze gesiegelt, ein anderes 'Amen! Amen!', eine Schluß- und
+Banngeberde, feierlicher Schauer voll für den Gläubigen, für den Auguren
+aber nur ein Lächeln mehr ... Wie beginnt doch die fröhliche
+Wissenschaft? ...
+
+
+
+1897
+
+
+Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das Ziel der Menschheit liegt.
+
+
+
+1905
+
+
+Wer mit Nietzsche denkt, 'widerspricht' sich auch mit Nietzsche. Wer sich
+an seinen 'Widersprüchen' stößt, hat nie mit ihm _gedacht_ (noch mehr:
+_gefühlt_) -- ist nie mit ihm geflogen.
+
+ * * * * *
+
+Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schließlich ein Maß von
+Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie
+Nietzsche begreift man nicht bloß als kluger Kopf; man muß ihm noch
+obendrein ein bißchen -- verwandt sein.
+
+ * * * * *
+
+Gewiß, es gibt Züge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge -- aus
+Liebe. Nur kleine Züge, aber ich verstehe sie nicht an ihm -- oder
+vielmehr: ich würdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser
+Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner
+Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie
+großes Menschenopfer, zusammenbrach.
+
+ * * * * *
+
+'Also sprach Zarathustra' -- Nietzsche selbst hätte diesen Titel und
+diesen Refrain in früheren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik
+dieses Buches, manchmal nicht mehr gefaßt und katonisch genug zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Ad Zarathustra -- Vorrede.
+
+1. Wo gäbe es einen größeren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das
+Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an Würde,
+Heiterkeit und Tiefe gleich?
+
+2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit
+aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal über diese Schlußworte
+hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, daß sie ein
+Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus
+Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat fließen sehn.
+
+
+
+1906
+
+
+Es wird mir immer gewisser, daß Nietzsche überall da versagt, wo er sich
+bewußt oder unbewußt der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. Hätte er
+diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stände oft noch viel
+größer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch für einen Denker, als sich
+seinem Volk gegenüber als Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn
+einer Denker geworden ist, das heißt ein Mensch, dem das Nachdenken über
+menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden
+ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken
+mitzuteilen.
+
+Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein _Kämpfer_. Er war ein Weiser
+aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.
+
+Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der
+Weisheit ausgeströmt, nach ihren Blitzen auch ihre Wärme.
+
+ * * * * *
+
+Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Größe eines der
+schlechtesten Bücher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein
+Buch für Verwöhnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und
+Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordrängen, ein Aufdrängen
+persönlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren
+'kategorische Erledigung' immer nur eine 'niaiserie' bleibt, ein Spiel mit
+dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft groß und tragisch, öfter
+noch fast unbeherrscht und geschwätzig wirkt. Ein Buch, das nur durch
+Reduktion seiner Reden auf etwa 12-20 zu dem klassischen zu machen wäre,
+was es zu sein wünscht.
+
+Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Größten, gelastet.
+
+
+
+1907
+
+
+Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren
+biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom Übermenschen gegen
+Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller
+Großartigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die
+menschliche Armee in demselben Verhältnis zu ihm stehen, wie zum einfachen
+'ich erwarte, daß heute jeder seine Pflicht tut' das grandiose 'Soldaten,
+vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!'
+
+ * * * * *
+
+Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so
+ausdrücken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen ließ, wurde er ein
+Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster.
+Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann damit nichts anfangen, -- Nietzsche sei vor allem ein großer
+Künstler, ein großer Stilist, Artist gewesen. Was heißt das, vor allem.
+Was macht denn den großen Stil, wenn nicht der Mensch von überragendem
+Rang, der geborene Führer und Schöpfer? Und wo Nietzsche das nicht war --
+und er vergaß manchmal seinen Rang und führte weder noch schuf -- da
+taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner
+selbst.
+
+ * * * * *
+
+Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.
+
+ * * * * *
+
+Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: -- Geistige Austern. Man
+kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Büchern --
+verkennen.
+
+ * * * * *
+
+Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die napoleonische Natur
+deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr Müller
+also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons -- nicht liebt.
+
+
+
+1910
+
+
+Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.
+
+ * * * * *
+
+Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen Erkenntnismitteln den
+Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er
+ward damit der letzte große deutsche Philosoph -- ante Christum natum. Er
+war, um in seiner Manier zu reden, der letzte -- Ante-Christ.
+
+
+
+1911
+
+
+Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen
+Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der
+'Bildung'. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu
+zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.
+
+
+
+1912
+
+
+Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von
+selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht
+und was -- nicht nur wie -- gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer
+unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in höherem Sinne
+unfruchtbar. Ich wäge meine Worte, denn wenn je einer, habe ich Nietzsche
+_erlebt_. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch, worin
+er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner Größe als Mensch; nicht in der,
+ach nur allzu zeitgemäßen, Art seiner Philosophie. Die war Abendröte,
+nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die
+-- Nacht.
+
+
+
+
+THEATER
+
+1905
+
+
+Wer sich mit der Materie einläßt, wird von ihr erschlagen. (Zu R.'s
+Dekorationskampf.)
+
+ * * * * *
+
+Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die kunstrichtenden,
+sondern schlechtweg die richtenden Geister.
+
+
+
+1906
+
+
+Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen Worten machen
+wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will -- dieser wird sie
+vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren feinsten
+Gehalt verändern; er mag sie so leidenschaftlich gemeint haben, wie er
+mag, dieser wird vielleicht nie im Leben bis zur Schwelle wahrer
+innerlicher Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der
+Räuberkünstler par excellence. Aber oft auch ist der Räuber größer als der
+Beraubte und der Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn
+erschlug, damit zu abenteuern beginnt.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich mir für mein Studierzimmer zunächst
+einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm würde ich täglich mindestens
+zwei Stunden verbringen und meinem Körper eine Geschmeidigkeit anzüchten,
+die mir später gestattete, auch die leiseste Gemütsbewegung in
+unwillkürliche Sichtbarkeit umzusetzen. Ich würde mich dabei nicht in
+malerische oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich würde die Seele
+ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder dienstbar
+machen. Unmittelbare Übertragung dessen, was mich bewegte, wäre mein Ziel,
+so daß man nicht einen Körper und einen Geist zu sehen vermeinen sollte,
+sondern nur eins. Ich würde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck
+meines Innenlebens haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens
+wäre bereits der Stil, den ich will. Er wäre, meiner Natur entsprechend,
+zugleich lebhaft und maßvoll. Er wäre, wie ich hoffen dürfte eindringlich,
+nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich von der Darstellung
+moderner Menschen.) Des weiteren würde ich folgendes tun: Ich würde mich
+nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln
+suchen. Ich würde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, das
+heißt in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem
+Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu gehört allerdings eine eiserne Natur,
+aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, daß er sich wie ein
+Krieger mit allem nur möglichen Raffinement wider das Zerstörende seines
+Berufes wappnen kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel
+und nicht zum Behagen. Hätte ich pathologische oder Verbrechernaturen
+darzustellen, so würde ich, wie Hermann Müller es gelegentlich tut,
+Irrenhäuser, und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl machte,
+Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich wochenlang in Dörfern
+aufgehalten haben, bevor sie ein Stück mit Bauern spielten. Das nenne ich,
+auf die Eroberung des Andern, das wir nicht sind, aber der Kunst halber
+einmal sein wollen, losgehen; das möchte ich vielleicht mit dem Namen
+praktischer Dualismus bezeichnen.
+
+Mag sein, daß ich nichts von alledem täte, wenn ich Schauspieler wäre, das
+heißt natürlich auch meiner ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim,
+Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, glaube ich, ich würde das
+tun, wenn ich das wäre.
+
+
+
+1907
+
+
+Man mag das Wort 'Schmiere' zu seiner Bildung zum Theaterkritiker
+brauchen, aber es wird von wahrer Urbanität zeugen, wenn man es später
+jemals wieder zu brauchen -- ablehnt.
+
+ * * * * *
+
+Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines
+Schöpfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott
+wird dann schon einmal zu ihm sagen: 'Schaffe eine Maus,' -- 'O nein,'
+wird der Kritiker antworten, 'so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib
+mir ein Nashorn oder ein Känguruh, so will ich dir sagen, was ich daran
+falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch
+manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze
+Känguruh oder das ganze Nashorn,' -- 'Ja, ja,' wird der liebe Gott sagen,
+'das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen wäre wie du -- was
+hätte ich dann wohl anfangen sollen? Wie hätte ich die Welt wohl aus mir
+heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes hätte
+vorfinden müssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrückt,
+um daran in deiner Weise schöpferisch zu werden?'
+
+ * * * * *
+
+Wenn einer vorliest! was denkst, was fühlst du da alles! ... aber weil du
+(auch) zuhörst, so wirst du ein Zuhörer geheißen. Als ob dich das
+erschöpfen könnte: "der 'Zuhörer' war ganz ergriffen" -- O gewiß, aber
+vielleicht nicht bloß als Zuhörer.
+
+Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend
+erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: 'Das also hast du vor,
+diesen Weg willst du gehen!' .. Aber das kümmert den wenig, der vorliest.
+Er 'liest vor' und du 'hörst' zu. Ich möchte, daß du daraus ersiehst, wie
+armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als
+'Zuschauer' bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch)
+zu, aber daneben -- was ist alles daneben noch möglich -- was begibt sich
+alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher
+Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine starre Maske mit nur
+einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert -- erwachen
+wir doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht Zuschauer allein
+sondern unendlich viel mehr, nämlich durch keine Bezeichnung zu
+erschöpfende Wesen sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben
+dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was
+ein 'Zuschauer' erleben darf. Aber wir sind so über und über im Bann von
+Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen zu entsprechen,
+keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich
+noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden
+zu müssen glauben, weil wir als 'Zuschauer' nicht ganz auf die Kosten
+gekommen sind. --
+
+
+
+1908
+
+
+Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.
+
+Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen -- und
+nicht nur Stanislawskis -- nicht widerstehen können, warum wohl? Weil von
+den Russen das ausging, was in den Deutschen heute höchstens als
+Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt:
+Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose,
+unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverständliche Liebe. Es gibt
+kein anderes Wort, höchstens daß man noch sagte: innere Religiosität.
+Hieraus quoll die letzte Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten
+auch wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem
+Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten,
+sondern verstehend und liebend einander zu fördern, einander zu steigern,
+einander zu vervollkommnen suchten.
+
+ * * * * *
+
+Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von Großem, wie es sein
+müßte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die großen
+Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum
+enthält. Da muß man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht
+gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in
+den Punkten, in denen man gern befriedigt sein möchte, auf seine Rechnung
+zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange
+nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel
+in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor
+allen möglichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und
+verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen fürs innere Leben und
+Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen,
+zumeist, weil die persönliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht
+da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clichéausdruck wie
+Schmierenkomödianten abtun würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen
+braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten der Kultur, mögen sie
+im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit
+einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo
+Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, daß ich ein
+Gottseidank unverpflichteter Außenseiter bin und daß der Berufsmensch wohl
+unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Einäugigen, des
+Monophthalmoden, verfällt. Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet,
+sieht er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit bis in den
+Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese
+Bühnenmenschheit da droben.
+
+
+
+1909
+
+
+Wie kann man einem Schauspieler 'die Wahrheit sagen' und zugleich den
+Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja
+Blumen, Steine, Tiere -- ist der Mensch der Liebe weniger würdig? Schließt
+denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr
+Erkennen, desto mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler durch
+und durch sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird,
+richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts,
+als seine eigene Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein
+Weiser reden und fast wie ein Wilder.
+
+
+
+1911
+
+
+Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht
+zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer
+Zeit, daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange
+herauspflücken und für sich allein lösen.
+
+
+
+
+SPRACHE
+
+1895
+
+
+Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen Beziehungen mit
+einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die
+Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes,
+aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut
+wie vergessen.
+
+
+
+1896
+
+
+Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort:
+Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher
+unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres
+Weltbegriffes überhaupt.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die
+Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen.
+
+ * * * * *
+
+Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!
+
+ * * * * *
+
+Charleytantismus der Bühne.
+
+
+
+1905
+
+
+Ein Diletalent.
+
+
+
+1906
+
+
+Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen
+entsprächen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die
+Fortsetzung davon _müßte sein_), als Optativzeichen = (man) müßte, sollte
+haben, sein usw. Die Umkehrung :> = dürfte _nicht_ sein, sollte _nicht_
+sein.
+
+ * * * * *
+
+Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache
+ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Der Ausdruck 'Lieber Gott', über den schon Nietzsche spottet, mußte in der
+Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal
+aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die unaussprechliche
+Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen
+höchster Personifikation das vertrauliche Wörtchen 'lieb' voransetzt.
+
+ * * * * *
+
+Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen
+gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu
+entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Schönheit und
+Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du
+möglich sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden
+Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.
+
+
+
+1907
+
+
+'Ewiger' Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja
+stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre.
+Gestorbenes Wort: Zufall.
+
+ * * * * *
+
+Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.
+
+ * * * * *
+
+Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e!
+Und statt hochachtungsvoll 2 o.
+
+ * * * * *
+
+Das tränensäcksische A.
+
+ * * * * *
+
+Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr
+geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und schönst. Schließen
+wir nicht mit tausend Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der
+den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gruß. Umarmen wir uns auch
+nicht mehr brieflich -- ich rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel
+unter Männern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit
+ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen
+Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in
+Herzenssachen.
+
+ * * * * *
+
+Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.
+
+ * * * * *
+
+Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil die Rede beständig
+zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er
+gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der
+Stimmungswiedergabe.
+
+ * * * * *
+
+Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man könnte ruhig fast
+alles, was sie sagen, in Anführungsstriche setzen; denn es ist überkommen,
+nicht im Augenblick des Entstehens geboren.
+
+ * * * * *
+
+Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts
+andres als -- bellen, gackern, krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal
+die Tischgespräche einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der
+Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz, was nichts weiter ist noch sein
+will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache
+Lebensäußerung.
+
+ * * * * *
+
+Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben,
+nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.
+
+ * * * * *
+
+Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal
+geheiligte Wörter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen
+können. _Derselbe_, dagegen sich heute der überlegene Spott noch des
+armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als
+eine Unmenge anderer deutscher Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort
+solcher Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen
+Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß just dieses derselbe in Mundarten
+-- man denke an z.B. selch, sell, dersöll -- ein höchst lebendiges Dasein
+führt.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist nur ein Wort für 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte.
+Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich
+und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel.
+Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn
+ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl
+mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, daß Wissen
+Unmöglichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielmünze, wie 'sein', wie
+'Unmöglichkeit' wie 'Sprache', wie 'außerhalb'. Es ist dafür gesorgt, daß
+wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese
+widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer
+Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines
+Gottes würdig.
+
+ * * * * *
+
+'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gefühl des Unendlichen,'
+Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß der Begriff des
+Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte lang
+ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung
+ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur
+solange gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende
+gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt.
+
+ * * * * *
+
+Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.
+
+ * * * * *
+
+Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.
+
+ * * * * *
+
+Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die
+Worte alle 'gleich' gewertet werden.
+
+Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen,
+geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben --
+vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je
+irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein
+Nachbar hört das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und
+der andre hörte: Schneehaufen.
+
+
+
+1908
+
+
+Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie.
+Sondern alles ist pro -- cessus.
+
+ * * * * *
+
+Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes Wort ist von
+vornherein ein -- höchst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei
+gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib
+schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter
+empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere
+ewigen -- Mütter schauen und verehren dürfen.
+
+ * * * * *
+
+In dem lateinischen Wörtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar
+enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie
+unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer
+konversiert, der _spricht_ nicht.
+
+ * * * * *
+
+Zitate sind Eis für jede Stimmung.
+
+ * * * * *
+
+Impressionismus -- Eindrucktum.
+
+ * * * * *
+
+Groß betrachtet ist alles Gespräch nur -- Selbstgespräch.
+
+ * * * * *
+
+Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja
+-- diese Worte selbst.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann
+mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne Wort 'welche'
+geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher
+und derselbe!
+
+ * * * * *
+
+Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.
+
+
+
+1909
+
+
+Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!
+
+ * * * * *
+
+Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache schön, wenn in ihr nicht nur
+geschwätzt, sondern gesagt wird.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten. Jede
+Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe
+des Denkers.
+
+Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte
+eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
+
+ * * * * *
+
+Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur
+Höherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein
+Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig
+weiter hineintragen.
+
+ * * * * *
+
+Mit jedem Worte wachsen wir.
+
+ * * * * *
+
+Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit)
+für immer.
+
+Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus.
+Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus
+seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen heißt
+schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder
+geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler tot.
+
+Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze
+Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.
+
+
+
+1910
+
+
+A.
+
+Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie in Hinblick
+auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in
+den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschätzen.
+Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische [Griechisch: thêr] dabei
+als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei
+diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht muß), so ist das etwas
+Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig
+berauben sollten. Daß denen, die von der Antike nie berührt wurden, damit
+unnötiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach
+solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen
+Menschen einer Nation und nicht den andern zunächst ihr Recht zu wahren
+ist.
+
+B.
+
+Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine
+Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unzähligen wohlgetan und
+genützt wird. Du läufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu groß und tief
+dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du
+verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. Möchten wir doch alle
+mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene
+Geschmacksbefriedigung auszugehn, möchten wir doch endlich diese
+pseudoaristokratischen Allüren überwinden und durch reifere, reichere
+Gesichtspunkte ersetzen.
+
+ * * * * *
+
+Der Rückschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen
+Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr -- stark.
+
+
+
+1911
+
+
+Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.
+
+ * * * * *
+
+Wie sich in der Wortzusammensetzung 'Heilsarmee' für den Deutschen eines
+seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdwörter
+verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Göttliches mit etwas
+sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort
+empfunden werden kann (obzwar nicht muß), wie das Wort Armee vor dem Geist
+unserer Sprache.
+
+
+
+1912
+
+
+Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen, und Menschen,
+welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
+
+Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die höchsten
+Geisteskreise hinauf gebraucht und hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als
+Zöpfchen hinten.
+
+ * * * * *
+
+Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als mit allem, was im
+Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.
+
+ * * * * *
+
+Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie
+sittlich, vollkommen, edel, die Animosität dessen, dem sie irgend einmal
+gründlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. Königliche
+Begriffe können nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen
+so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bemächtigt
+hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und
+Leiter gewesen sind?
+
+ * * * * *
+
+In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine Gefahr für den
+Sprecher wie für den Hörer. Das gilt vom persönlichsten Verkehr wie von
+dem mit der Öffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein
+wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr
+bei irgend einem Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie kurzweilig, öfter
+aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den
+andern.
+
+
+
+1913
+
+
+Alles Schwätzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des
+einzelnen Wortes. Für den Schwätzer ist die Sprache etwas Verschwommenes.
+Aber sie gibt's ihm genugsam zurück: dem 'Verschwommenen', dem
+'Schwimmer'.
+
+
+
+
+POLITISCHES SOZIALES
+
+1895
+
+
+Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr
+abschließen und begrenzen soll, und vergißt, daß gerade das
+Unbegrenztseinwollen, das über engen Nationalitätsschranken stehen wollen
+ihre Haupteigentümlichkeit ist.
+
+ * * * * *
+
+Man muß eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar hören, und zwar in
+einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalität
+zu verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man sogar zu einer neuen
+Inquisition ja sagen.
+
+Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer in solch ein Theater
+führen und nachdem die Zwerchfelle und Tränensäcke nach Schluß des ersten
+Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren?
+
+
+
+1896
+
+
+In Arco:
+
+Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern die Luft in Pacht.
+
+
+
+1904
+
+
+Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die Menschen
+verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei
+Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu
+Tränen rühren können, wie die Steinzäune des Tessin ...
+
+
+
+1905
+
+
+Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen Münze
+ebenbürtige Geldstück, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als
+'unpraktisch' abschaffen.
+
+ * * * * *
+
+Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies
+Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten
+nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg
+ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an sich. Menzel sollte eine
+religiöse Formel für die Preußen werden. Denn was leistet damit der
+Preuße: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und höchsten Genies und
+damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier
+Bestandteile von fünf mögen 'preußisch' genannt werden. Preußen, wenn
+irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu
+seiner Höhe, wie er es immer gewesen.
+
+Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern
+steigern. Es hat es bereits zu sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch;
+es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast
+nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle eine zügellose Horde von
+neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen
+gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der
+Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er
+bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und
+äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder
+nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem
+schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, wie es Schinkel tat, dieser
+Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr
+liebe.
+
+Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und
+Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier
+selbständigen Seiten wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer
+Mißgeburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann
+diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Höhe der
+Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der
+Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmäßigen
+langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Großartigkeit. Man räume
+nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.
+
+ * * * * *
+
+(Staat, Stil, Sittlichkeit)
+
+Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
+
+ * * * * *
+
+Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit
+seiner Arbeit vorwärts als der Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der
+Produktivere zu sein braucht.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich
+entschließt, neuen Adel aus sich zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden
+sind nur durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das
+schönste Ding der Erde.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein
+einziger wirklicher Mensch würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel
+ließe sich da _individualisieren_!
+
+ * * * * *
+
+Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die Krankenhäuser gingen. Eine
+gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender
+müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen Landedelmann hörte, der
+sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang
+Prosa gesprochen hätte.
+
+ * * * * *
+
+Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen Friedens: England.
+Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum muß es isoliert werden.
+
+ * * * * *
+
+Eine der schönsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede
+beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr,
+Fräulein, gnädige Frau.
+
+ * * * * *
+
+Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch
+Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte,
+könnte, müßte. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden
+Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren
+Trachten über den 'Tag' und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang
+ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.
+
+ * * * * *
+
+Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder
+Gelegenheit auf seine 'Geistesheroen', die doch fast immer nur im
+Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil
+bedacht wie der Nachbar.
+
+ * * * * *
+
+Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch viel mehr römischen
+Geist im Leibe. Das Haupthindernis für uns, unsere 'Seele' zu entdecken,
+ist, daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß alles, was wir von uns
+aussagen, auch ins Lateinische übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des
+römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Rußlands, der ersten
+rücksichtslos modernen Rasse.
+
+ * * * * *
+
+Die sozialistische Lehre -- das Brot der Armen.
+
+ * * * * *
+
+Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und
+Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will
+vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein -- Schwangerer ist? Man würde
+den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der
+Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.
+
+
+
+1906
+
+
+Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft
+gekommen sein werden, dann fängt das Blut überhaupt erst _an_, zu fließen.
+
+ * * * * *
+
+Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr Menschen, ist nicht mehr
+und nicht weniger als -- Selbstmord. Ein Volk würde ein anderes Bild
+bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre. In
+einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das andere verantwortlich.
+
+Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man in unsern großen
+Völkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich.
+Was kümmert den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbürger auf
+seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses
+Mitbürgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er
+ihn auf 'zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind'. Dann zieht
+er plötzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus
+seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche Begeisterung wirkt ansteckend,
+-- mein Gott, gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, --
+kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den
+fröhlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein
+Schwert ...
+
+ * * * * *
+
+Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben.
+Man wird zwar seine sämtlichen Briefträger dort wiederfinden -- denn der
+Briefträger kommt eo ipso in den Himmel -- aber sie werden alle selige
+Engel und außer Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal
+deiner Tage und Nächte.
+
+
+
+1907
+
+
+Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude, ist auch
+der größte Destruktor der 'Welt'. Spinoza ist nichts andres und wird darum
+auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft
+als Antiteleologe über alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst
+kommt vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des
+Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre
+den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie
+Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein
+Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm
+alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, irdische, hiesige
+Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen
+adeln, formen, überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind
+die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.
+
+Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren
+hineinzuhorchen.
+
+Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist für mich vor
+allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein
+jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug
+dazu, oder, anders ausgedrückt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht
+so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch
+seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr
+zeitweilig, das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus über die
+'Welt' hinweg. Den Germanen aber ist diese 'Welt' doch zu sehr selbst
+Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr
+über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die
+Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein,
+daß dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott eben nur ein Wahn
+sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in sich ging er hin und
+wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich
+vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so 'in der
+Beschränkung' der 'Meister', als den wir ihn immer wieder erleben.
+
+ * * * * *
+
+Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist
+von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
+
+ * * * * *
+
+For the happy fews -- sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur
+Öffentlichkeit sein?
+
+ * * * * *
+
+Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein
+großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit
+verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen
+denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend an der inneren
+Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen dem Schauspiel
+seiner Schmach und Schwäche beiwohnen zu müssen.
+
+ * * * * *
+
+Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht
+gelten lassen. Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die
+gegenwärtigen deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de
+Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von
+allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen
+Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren
+möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der
+Verneinung. -- Aber eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege
+die Entwickelung hätte einschlagen können und welche sie eingeschlagen
+hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der
+Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
+müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
+
+ * * * * *
+
+Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.
+
+ * * * * *
+
+Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung
+einflößen -- als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die
+dauern?
+
+ * * * * *
+
+In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern
+den Hut abnimmt. 'Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir
+abnimmst.' Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und
+'liebenswürdig' in seinem Sinne handelt, in der 'allgemeinen Achtung'
+außerordentliche Grade erreichen läßt.
+
+ * * * * *
+
+Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast
+mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gefühl von
+dir, noch Verehrung des 'Nächsten'. Aber wenn du neben dir einen Hund
+verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das
+versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem
+Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten
+Not: solidarisch.
+
+ * * * * *
+
+In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie
+auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr
+(welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
+
+ * * * * *
+
+Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur
+in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen,
+von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den
+Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein
+Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit
+weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der
+täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut
+der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke,
+sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten
+des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese
+Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der
+bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?
+
+ * * * * *
+
+Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst _anfangen_ werden, im Geist zu
+leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue
+Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der
+Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte bleiben. Die
+Phantasie wird ihr großes Zeitalter antreten, Organisationen werden
+entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und
+werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen
+dann stärker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust
+zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen
+Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des Genießens, des
+Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa
+erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk allen Schlages und Ranges
+wieder einmal bewies, daß es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann,
+mit einem 'vive l'empereur' auf den Lippen zu sterben, als mit einem 'ni
+Dieu ni Maitre' zu leben.
+
+ * * * * *
+
+Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.
+
+ * * * * *
+
+Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen,
+statt ihn auflösen.
+
+ * * * * *
+
+Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen -- bis man eines Tages
+erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer unter die tragischen
+Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt,
+daß selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als
+es geschieht; daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen
+Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu
+macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
+
+ * * * * *
+
+Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die
+Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten
+können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden
+leisten müssen.
+
+
+
+1908
+
+
+Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung,
+inwieweit Asien entscheidend war.
+
+ * * * * *
+
+Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.
+
+ * * * * *
+
+Jede ernsthafte 'Bewegung' ist tüchtig, aber Tüchtigkeit ist vielleicht
+das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Ein gewandter Dieb ist ein -- teures Kunstwerk.
+
+ * * * * *
+
+Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur
+zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur
+Einzelpersönlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die
+Volkspersönlichkeit zugleich wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht,
+usf.
+
+ * * * * *
+
+Der moderne Jude -- als Denker -- wird selten glauben, das heißt ahnend
+ergreifen können. Aller Gottesgedanke könnte nämlich, so fürchtet er, doch
+am Ende nur die feinste Blüte einer großen -- Dummheit sein. Sich dem
+Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, dünkt seiner
+mißtrauisch gewordenen Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht
+den Mut durch das Anonyme _hindurch_ zu stürmen, er ist eben überall kein
+Krieger, er möchte gern um es herum. Aber man muß mitten in den Nebel
+hinein, das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) -- Brillen
+gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von Blindheit ward noch nie ein
+Seher.
+
+
+
+1909
+
+
+Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen dünkt, kommt er nie zu
+überlegener Geistigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten
+hat wie ich, und zugleich so viel von ihm hält. Dies mag mir ein Recht
+geben, an sein Problem zu rühren.
+
+ * * * * *
+
+Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als solche uns ergriffen
+haben wird, der große amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr
+geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen
+Kraftproben einer noch dunklen Periode überflüssig machen! Denn freilich:
+das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur
+einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst muß der Geist der
+Völker den neuen Aufgaben, den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein,
+zuerst muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer
+anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich
+sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft -- überwunden.
+
+ * * * * *
+
+Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt
+nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter
+öffentliche Ruhestörung.
+
+ * * * * *
+
+An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der
+Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und
+Städten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die
+Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er,
+gleich dem Monde das Meer, all dies schwerfällige, schwerflüssige Leben
+übermächtig zu sich emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen
+natürlichen Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur
+etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer
+und überall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der
+mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.
+
+ * * * * *
+
+So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom jüngsten
+Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.
+
+ * * * * *
+
+Die 'bessere' Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne
+unwissende und ungebildete.
+
+ * * * * *
+
+Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen Herzog sein möchte, ist
+der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein
+kann, nicht _ist_. Nicht nur einmal -- zehnmal Absolutismus -- und _nicht_
+Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.
+
+ * * * * *
+
+Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurückkehren. Laßt
+erst einmal Einen Geist über die Völker kommen, und sie werden nicht
+_mehr_ begehren, als sich in ihren geborenen _Führern_ auch sichtbarlich
+zu gipfeln.
+
+
+
+1910
+
+
+Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu
+sagen oder sie minder schlagend zu sagen.
+
+ * * * * *
+
+Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der 'Verpflichtungen'. Sie
+macht unsere Stärke und unsere Schwäche.
+
+ * * * * *
+
+Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen Negers. Um die Zeitung
+verkauft er dem schlauen Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner
+Weisheit.
+
+ * * * * *
+
+Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in ihrem Schoße ruht; geht
+dies nicht länger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf
+alle Weise zu vernichten.
+
+ * * * * *
+
+Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst
+vollkommene déluge après nous.
+
+
+
+1911
+
+
+Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: Das Züchtungsmoment. Ist
+der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf
+eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preußens Mission z.B.
+ist gewißlich nicht nur die der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter
+Preuße gewesen, der -- könnte jemand zu sagen versucht sein -- wird so
+leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem
+späteren Erdenleben).
+
+ * * * * *
+
+Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas
+vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch
+das 'rote Tuch' in dem Etwas. Nie wird gegen 'etwas' vorgegangen, immer
+nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so
+stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein
+andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht
+unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde,
+so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander
+anrennen.
+
+
+
+1912
+
+
+Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu wenig mit
+Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht 'wählt', wird
+leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich nicht, ergreift er
+wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist
+es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und
+wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im
+Parlament der Menschheit sitzen?
+
+ * * * * *
+
+Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise bauen, es gibt
+nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der Wahlurne.
+
+ * * * * *
+
+An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten,
+das heißt es lieben, das allein heißt mehr und anderes, als seinen
+unaufhaltsamen -- Verfall wollen und mitbewirken.
+
+ * * * * *
+
+Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten,
+indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht
+sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll
+anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen müssen ihren Gang
+gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. für sonderlich
+wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie
+gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den
+Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
+Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine
+Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die
+Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar
+bekämpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem,
+wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also
+um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des
+großen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer
+Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.
+
+ * * * * *
+
+Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling ereiferten sich
+unter anderem über die 'Extravaganzen' der Heilsarmee. Sie hatten noch
+immer nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas
+zu schaffen vermag und gewillt ist, und daß es unter Umständen mehr
+bedeuten kann, der 'dumme August' in der Manege als der Baron in der Loge
+zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend
+vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn
+irgend möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht
+umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele noch äußerlich dienen, während
+die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe
+Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der
+Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit --
+auch an ihnen -- verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
+und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur
+immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso
+verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren
+Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren zu lassen. Wenn wir nur
+nie die Achtung vor der unsterblichen Individualität, die in ihnen
+verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen
+Geschwisterwesen, wird vieles Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.
+
+
+
+
+KRITIK DER ZEIT
+
+1896
+
+
+Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag, sind einzelne
+glückliche Geburten; ein tragischer Trost für einen allgemeinen Mißwachs.
+
+
+
+1904
+
+
+Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erfüllung des historischen Zeitalters).
+Professor, der eine Geschichte des Wörtchens 'und' schreibt. Der
+Historiker des Wörtchens 'und'.
+
+
+
+1905
+
+
+Muß nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch nicht leben möchte? Ohne
+das er es nicht aushielte zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben,
+ich will freudig und dankbar sterben, dankbar für die Möglichkeit, mich
+denen anreihen zu dürfen, welche als Opfer gefallen sind, um mit ihnen und
+für sie gegen die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu einem
+schlechteren und unanständigeren Aufenthalt machen als das Grab.
+
+
+
+1906
+
+
+Der Tag ist abgegriffen, laßt uns in den Morgen zurücksteigen.
+
+ * * * * *
+
+Welcher Mensch kann das Große und Echte lieben, ohne das Kleine und
+Unechte zu hassen? Antwort: Der 'moderne' Mensch.
+
+ * * * * *
+
+Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit geworden
+wie Essen, Trinken und Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was für ein
+träges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es
+großer und größter Schrecken und Trübsale, damit er nicht immer wieder in
+Schlaf versinke!
+
+ * * * * *
+
+Man könnte Kulturperioden von ungeheurer Größe träumen: Aber, so wie die
+Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst
+durch Müdigkeit kommen, erst dann, wenn es sich der Weisheit nicht mehr
+verlohnt.
+
+Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, daß Größe nicht so nebenbei im
+Weiterabwickeln täglicher Geschäfte und Notdürfte erreicht werden kann?
+Frage doch herum, wer sich heut noch für solche Riesenorganisationen, bei
+deren Heraufführung ganze Generationen keine Rolle spielen dürften,
+erwärmen möchte? Der eine wird dich verständnislos anblicken, der andere
+seine Geschäfte, den täglichen Zwang seines Lebens vorschützen, der dritte
+wird gerade verliebt sein, der vierte ist Künstler und hat keine Zeit, der
+sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er interessiere
+sich lediglich für sich selbst und seine eigene Vervollkommenung, in ihm
+könne Gott allein verwirklicht werden, es gäbe kein Ziel für 'die
+Menschheit', nur _sein_ Ziel und darum sei er für keine Utopie, als welche
+den Menschen nur von sich und seiner innersten eigentlichsten Aufgabe,
+sich in sich selbst zu vollenden, weglocken könne. Und dieser siebente hat
+vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein höheres Recht, das
+heißt eine höhere Macht das Heft aus der Hand nimmt. Nämlich der Despot,
+der zugleich Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der König Platons.
+
+Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er
+kommen? Der letzte Ort, wo er noch möglich gewesen wäre, war Rußland. Aber
+mit der Unfähigkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner
+außerordentlichsten Möglichkeiten verloren. Denn _freiwillig_ wird kein
+Volk mehr zur Kastenbildung zurückkehren; dafür ist es das Ungetüm mit
+Millionen Köpfen, das nur Sinn für sich und seine nahen Interessen, das
+keinen Ehrgeiz und keine Schöpfersehnsucht hat. Das Wirtschaftliche tritt
+mit ihm in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder
+Ambition, etwas Höheres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch
+nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf die
+Stufe der Tierheit _zurück_, während er sich zum Bürger eines irdischen
+Himmelreichs zu _erheben_ glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich
+selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch als Schöpfer
+ab. Der Geist wird über diese endlose Horde noch ein letztes Abendrot
+ergießen, dann wird auch er dumpf und verstört die Höhlen der Einzelseele
+aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine
+Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch über die Erde
+wandeln: Die großen Verzichter und Durchschauer des Traumes Mensch,
+einsame Halbgötter, inmitten des Fiaskos des Versuchs der Erde, im
+Menschen zum Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese Menschen,
+die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit aller irdischen Historie in
+sich tragen, die größten und erschütterndsten Menschen sein, die je gelebt
+haben. Aber kein Tempel ist um sie -- auf unendlichen Trümmern schlagen
+sie ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen.
+
+
+
+1907
+
+
+Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine schlimme Laxheit
+mitbekommen. Das Verständnis für unerbittliche Forderungen ist mehr und
+minder gesunken. Beweist das nicht, daß der Mensch die Vorstellung eines
+gerechten Gerichts nach dem Tode (vollstrecke sich das nun selbst mit
+Naturnotwendigkeit oder werde es vollstreckt) -- braucht? Braucht -- und
+sei es nur: um nicht unter seiner eigenen Möglichkeit zu bleiben? Wird man
+wirklich seine Persönlichkeit mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man sie
+nicht -- für eine unbekannte Zukunft ausbilden zu müssen meint? Was sind
+alle Appelle der Erde gegen jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?
+
+Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja, _auch_ das. Wie wäre Großes
+entstanden, ohne dies Ingrediens? Und wäre es etwas Schimpfliches, sich
+vor dem Fürchterlichen -- und ist das Geheimnis der Welt, des Lebens nicht
+fürchterlich? -- zu fürchten? Man führt heute die 'Entstehung der
+Religion' (welch ein Ausdruck!) vielfach auf Furcht zurück. Nun, ihr
+armseligen Psychologen: nicht diese Furcht war das Trübselige, sondern
+euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel an Gefühl, Phantasie,
+Überlegenheit. Jawohl, Überlegenheit. Ich kenne nichts Untergeordneteres
+als den Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas _erklärt_. Der
+Wissenschaft nicht bloß als eine gewaltige und fruchtbare Übung des
+Menschengeistes betrachtet, nein: als etwas, das ihm wirkliche
+Wesensaufschlüsse über Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, daß alles nach
+denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, ist doch kein Wesensaufschluß!
+Oder den Bau des Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein
+beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschluß! Das ist
+Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, ganz gewiß; aber _Joseph_ war
+Tischler, nicht Jesus. Was weiß Joseph, der Handwerker, vom Geist und
+Wesen der Dinge?
+
+ * * * * *
+
+'Geist' ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener
+Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldstück im Rinnstein.
+
+
+
+1908
+
+
+Wir müssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich wieder ins Große
+kommen. Wieder Atem holen lernen, das ist es. Das Netz, das die
+'Geschichte', die 'Weltgeschichte' über uns geworfen, als Netz erkennen
+und seine Maschen so weit machen, daß wir jeden Augenblick frei sein
+können, den wir frei sein wollen.
+
+ * * * * *
+
+Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte frei. Ich sage nicht:
+von der Geschichte, ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.
+
+ * * * * *
+
+Die Zärtlichkeit, womit sich der moderne Mensch behandelt, ist
+erstaunlich. Was alles ist nicht 'für sein Innenleben wichtig'! Man liegt
+heute auf den Knien vor diesem seinem 'Innenleben'. Aber es ist nur eine
+andre Art Mops oder Affenpintscher, wofür nun die ganze Welt als Kißchen
+und Zuckerchen gerade gut genug ist.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Zeit, welche die interessanten 'Aberglauben' früherer Zeitalter
+selbstbewußt entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs
+weniger abergläubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der
+Betrachtung bedürfen, wenn spätere Geschlechter eingesehen haben werden,
+daß dem Menschen, unbeschadet aller begreiflichen und jeweils sogar
+notwendigen Vordergrundsoptiken, als letzte Hintergrundstimmung doch nur
+Eines ziemt: Bei Gott kein Ding für unmöglich zu halten.
+
+
+
+1909
+
+
+Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen 'heutigen' Geist nur einmal von oben
+sehn könntet. Eure Wissenschaft, eure Kunst, euer tägliches Leben! Nicht
+um dies alles gering schätzen, o nein, nichts weniger als gering, sondern
+um es _richtig_ schätzen zu lernen. Eine Menschheit, die zu sich selbst
+und ihrem Treiben noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif,
+so erwachsen sie sich auch sonst gebärden mag.
+
+ * * * * *
+
+In und trotz aller Geschäftigkeit -- wieviel Verschlafenheit, wieviel
+Verträumtheit! Das wacht oft ein ganzes Leben lang nicht auf. Rüttelst du
+aber zu unsanft, so magst du leicht einen Stoß vor die Brust bekommen, wie
+von einem Schlaftrunkenen, den man vorzeitig stört. Tröste dich mit diesem
+'vorzeitig'. Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl auch noch nicht,
+_muß_ wohl noch -- schlafen.
+
+ * * * * *
+
+Hüte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer
+-- Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke
+aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heißt heute, so hilft
+dir kein Todesgott vor dem endlichen 'Theater über Dir', an dem der
+Philister sich sättigen muß, soll er von dir überhaupt etwas haben.
+
+
+
+1910
+
+
+Man kann nicht bescheidener sein als der 'gute Europäer', der vor einem
+Universum voll Sternen, den tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in
+der Hand, ein Bild weltmännischer Reserve hochachtungsvoll und ergebenst
+verbleibt.
+
+ * * * * *
+
+Der moderne Mensch 'läuft' zu leicht 'heiß'. Ihm fehlt zu sehr das Öl der
+Liebe.
+
+
+
+1911
+
+
+Man muß die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden hören, um zu wissen,
+was ein Parvenü ist.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich weiß, daß ich nichts bin
+und Ich befinde über alles -- in der Riesen-Zwerg-Brust des aufgeklärten,
+des 'guten' Europäers. 'Ein Irrtum' wird erwidert. 'Wir befinden über
+keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach auf sich beruhen, als etwas
+menschlicher Erkenntnis nicht Zugängliches. Was ich nicht weiß, macht mich
+nicht heiß! -- sollte das nicht ein männlicher, ja ein heldischer
+Wahlspruch sein? Genug, er ist unser Wahlspruch, und er deckt sich mit dem
+des Peer Gynt: Jeg er mig selv nok'. (Ich bin mir selbst genug.)
+
+ * * * * *
+
+Es wäre außerordentlich merkwürdig, daß so viele selbst der Geistigsten
+weit unter dem Niveau leben, das der Geist auf Erden schon einmal erreicht
+und aufgestellt hat, -- wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe hätte und
+die heute verkörperten Seelen eben durch die Entwickelung dazu bestimmt
+wären, sich gewissen Erkenntnissen ebenso entschieden zu verschließen wie
+andern vorbehaltlos Tür und Tor offen zu halten.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: 'Man darf jetzt
+schon wieder -- nun z.B. von -- Gott sprechen.'
+
+'Man darf jetzt schon wieder' -- das Siegel einer 'großen', 'freien' Zeit.
+
+ * * * * *
+
+Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder
+'ruiniert' werden muß. So auch: für jede Kulturperiode. Die unsrige hat
+diesen Zeitpunkt bereits überschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen
+einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein
+ausschließliches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich
+über ihren mehr oder minder glänzenden Abklang hinweg auf den folgenden
+Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun;
+freilich aber auch dies: sich möglichst unmißverständlich und allseitig ad
+absurdum zu führen.
+
+
+
+
+ETHISCHES
+
+1891
+
+
+Die Menschenverachtung ist für den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe
+zur Menschenliebe.
+
+
+
+1892
+
+
+Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde Bewußtsein des
+wirklichen Elends auf Erden, sonst würden wir über den Gefühlen einerseits
+des Mitleids, andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere des
+eigenen Lebens vergessen.
+
+
+
+1896
+
+
+Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik
+empfinden zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von Geist: die
+soll man nicht aussprechen. 'Oberflächlich sein' (oder scheinen wollen)
+'aus Tiefe', das gehört hierher. Eine schwere Forderung an den
+Radikalismus der Jugend.
+
+ * * * * *
+
+Und immer wieder komme ich darauf zurück, daß die Bewertung der
+geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte Höhe erreicht
+hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt noch eine größere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten
+Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erlösen wollende. Und
+diese Liebe ist so göttlich schön, daß es nichts Schöneres auf Erden gibt.
+
+
+
+1904
+
+
+Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das 'Persönliche', das
+Leben selbst in ihnen lieben.
+
+ * * * * *
+
+Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt oft in einem Blick
+von uns, in einem Gedanken, um dessentwillen wir uns selber lieben möchten
+und um den doch niemand je weiß und erfährt, als wir selbst.
+
+ * * * * *
+
+Glück? Sollst du Glück haben? Wünsche ich dir auch nur eine Spur von Glück
+-- wenn sie nicht deinen Wert erhöhte? Wert wünsche ich dir.
+
+ * * * * *
+
+Zum Thema Egoismus:
+
+Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das
+andere selbst.
+
+ * * * * *
+
+Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes Programm, aber er
+soll es wenigstens so taktvoll wie möglich vorbringen, nicht wie ein
+Plebejer, der sich erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre
+niedergebrüllt hat.
+
+
+
+1905
+
+
+So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig
+bin.
+
+ * * * * *
+
+Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die --
+moralisch gesehene -- Sichselbstbewußtwerdung des Tieres. Den Eintritt des
+'Geistes' in die Naturgeschichte.
+
+Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, das ist, meine ich,
+vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu äußern.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir müssen uns
+durchaus gegenwärtig halten, daß die Bestrafung eines Verbrechers durch
+unsere Behörden nur den Schein der Gerechtigkeit für sich hat, nicht die
+Gerechtigkeit selbst; denn wie könnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen
+einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich
+ausgebreitet sähe.
+
+ * * * * *
+
+Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein
+Berufspfaffe wird.
+
+ * * * * *
+
+Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der
+bemüht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases,
+schonungsvoll zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen allmählich eine
+nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosphäre
+über der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem
+Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene
+Gerechtigkeit hat und übt. Daher dann jene oft beobachtete Justiz der
+Geschichte, jene vielen 'gerechten Vergeltungen', jene moralischen
+Ausbrüche und Gegenströme.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte Nötigen bei
+Tische. Dieses ewige Zureden in einer höchst untergeordneten Sache, die
+jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich
+halten, verpönt sein.
+
+ * * * * *
+
+Auf Föhr:
+
+Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: 'Sie tragen
+noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen
+Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!' Oder: 'Nein, was ist Ihre
+Tochter für ein schöngewachsenes Mädchen! Sehn Sie nur, meine Herren,
+dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ...' Als ob diese
+Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten Friesen, Schaustücke eines
+Panoptikums wären; als ob sie nicht mit Fug herabsehen könnten auf diese
+zusammengewürfelte Gesellschaft halbkranker Groß- und Kleinstädter, die
+mit all ihrer 'Bildung' nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen
+gegenüberzutreten hat.
+
+ * * * * *
+
+Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die Glück oder Tod
+bringen, die _sich_ vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer
+Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn für
+Größe besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für welches sie
+geboren sind.
+
+Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die 'Töpfegucker jeder
+Stimmung' -- die qualligen Ästheten, die stupenden Magister .. all dieses
+unproduktive und anmaßende Volk, das die _Mode_ von heute ist, wo unser
+innerstes Leben nach _Stil_ dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft,
+nach Männern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines
+Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.
+
+ * * * * *
+
+Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird,
+sind vielmehr in irgend einem Betrachte _nicht gut genug_.
+
+ * * * * *
+
+Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.
+
+ * * * * *
+
+Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.
+
+
+
+1906
+
+
+Tugend -- im gemeinen Sinne, nicht als virtù -- ist sehr oft nur ein
+Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt,
+weshalb sie für Menschen, für die kein Grund vorliegt ein
+außergewöhnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit
+einiger Schönheit durchs Leben zu kommen.
+
+ * * * * *
+
+Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz über die Menschen
+kommen, wenn sie erkennen, daß sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich
+hätten lieben können.
+
+ * * * * *
+
+Als Dank -- pour un sourire de printemps.
+
+Als Dank -- pour un sourire de vie.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt, mit der die Masse der
+Menschen ihr tägliches Arbeitslos trägt, der wird sie namenlos achten
+müssen, diese 'Menge', trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen
+uns nur zu oft über sie erheben: sie kann doch nie brüderlich genug
+geliebt werden. Und jedenfalls soll sie beständig in unseren Gedanken
+wohnen, auch in denen, die ihr etwa zürnen.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und
+unveräußerlich die göttliche Würde.
+
+ * * * * *
+
+Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der Menschen immer wieder zu
+Falle bringen. Man muß ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben
+in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein muß,
+dahinauf sich ein namenlos geängstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um
+der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und
+verleumden muß, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den
+Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und
+Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter Märchen auf
+offene Wunden legen müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen,
+das die Kulturen bisher hervorbrachten.
+
+Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick, aber der aus
+jeder und gar jeder Bürgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der
+verfluchte Bürger, der irre, friedlose, von jeder Gewißheit enterbte, das
+personifizierte Grauen vor dem Unfaßbaren, der aus Tiefe wahnsinnig
+werdende Mensch -- das wäre der Untergang selbst. 'Oberflächlich aus
+Tiefe' -- Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln!
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage einstweilen
+zurückgestellt und versucht es augenblicklich zunächst mit der
+Sachlichkeit.
+
+(Vergleiche z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)
+
+
+
+1907
+
+
+Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.
+
+ * * * * *
+
+Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich fühlen und nennen.
+Und am Ende wird er sagen: Wer weiß sich mit hunderttausend Stricken
+gefesselter als ich?
+
+ * * * * *
+
+Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig
+machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt:
+das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am
+dritten Ort -- aber auch am vierten und fünften? -- Und wir selbst, die
+wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends
+angreifbar, nirgends verwerflich?
+
+ * * * * *
+
+Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander
+erklären und abschätzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er
+nur schreiben gelernt hat.
+
+ * * * * *
+
+Man soll über einen wahrhaft großen Menschen nicht reden. Denn worüber man
+bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an,
+wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen
+unionibus mysticis aber kann man nur -- schweigen oder doch nur in
+Momenten großer innerer Kraft zeugen.
+
+ * * * * *
+
+Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum
+ist Gottes Einfalt, ist einfältig gewordene Gottheit. In der Beschränkung
+zeigt sich erst der Meister.
+
+ * * * * *
+
+Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht 'Lob'.
+Tadeln, ja ganz ablehnen können und doch immer noch ehren, das heißt
+fühlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß, so wenig ich eine
+Blume in ihren inneren Organen verletzen möchte, so wenig möchte ich Dich
+-- verletzen! das ist es.
+
+ * * * * *
+
+Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege -- und sei
+es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz verstoßender -- zur Freiheit strebt.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer -- welch grober
+Gedankengang! Als ob --
+
+ * * * * *
+
+O, wie erniedrigt doch die 'Konversation', wie verführt sie uns
+fortwährend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich
+darauf schämen, die nichts als höheres Geschwätz sind, das mit unserm
+wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und
+Schwäche aufdeckt.
+
+ * * * * *
+
+Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, -- aber man muß mit diesem
+Bedürfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede,
+ausschließlich _geliebt_ sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der
+Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes
+Leben in Beschlag nehmen, aber dafür kein Leben der Kameradschaft, sondern
+ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie
+ewige Musik oder ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur
+Kameradschaft, sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und unberechenbar, die
+Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis
+zu jedem möglichen Grade unegoistisch, sie ist der höchste Zustand
+zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des
+Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und süß Werden
+deiner selbst.
+
+ * * * * *
+
+Wann wird dies sein? Wann wird das sein? -- Wann wir es uns verdient haben
+werden.
+
+ * * * * *
+
+Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen wie im Guten.
+
+ * * * * *
+
+Wer nicht auch böse sein kann -- kann der wirklich tief sein?
+
+ * * * * *
+
+Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch nur um deines
+Behagens willen im Gefängnis sitzt, und daß auf deiner Seite viel dazu
+gehört, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.
+
+ * * * * *
+
+Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -- wo
+Gutes gewollt wird -- ist zu nichts nütze. Umgekehrt, sie ist nur eine
+Quelle immer weiterer Schwäche und damit immer weiterer Mißerfolge.
+
+ * * * * *
+
+Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor
+dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.
+
+ * * * * *
+
+Finsternis würde mich in kürzester Frist um alles Glück und um allen
+Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht und vorzüglich den
+Unglücklichsten unter uns, unsern Gefangenen.
+
+
+
+1908
+
+
+Wer sich groß verfehlt, der hat auch große Quellen der Reinigung in sich.
+
+ * * * * *
+
+Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden Wesen, dem Menschen -- als
+denkendem Wesen -- am meisten. Und dann Phantasie. (Aber was wäre
+Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden eine der
+grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem
+gewissen Quantum von Feigheit und Trägheit -- existieren.
+
+ * * * * *
+
+Tugend -- Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, der nur die Unseligkeit
+des üblichen Tugendbegriffs verrät, als etwas durchaus Negatives.
+
+ * * * * *
+
+Wem das allgemeine Wohl das höchste Ziel auf Erden dünkt, der tut den
+Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie das Wohl, man
+soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben, -- zwei Dinge, die sich
+oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.
+
+ * * * * *
+
+Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher gestickt steht: Ein
+Viertelstündchen. Aber ganze Generationen schlafen ihr ganzes Leben auf
+ihr. -- Was ist dem Erwachten -- Geschichte? Das, was -- andre getan
+haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein eigenes Tun denken kann.
+
+
+
+1909
+
+
+Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme.
+
+ * * * * *
+
+O helfen, helfen können -- es gibt nichts Größeres für menschliche Art!
+
+Und nicht helfen können, nicht helfen dürfen, es hat gewiß nicht minder
+bittere Tränen erpreßt als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen
+haben.
+
+ * * * * *
+
+Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem Äußeren meist zu viel
+Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So
+mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der Hülle steckt allemal
+Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes
+unablehnbare Geschwister.
+
+ * * * * *
+
+Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen
+willen! In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik
+steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.
+
+ * * * * *
+
+Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt,
+wird aufhören, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter
+mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen
+ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber
+empfindet ihn nicht mehr als Feind; für ihn fällt er, wenn er sich und ihn
+sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
+Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als
+ihm zu helfen, zu nützen, zu dienen. Er weiß, wie alles zusammenhängt.
+Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang
+liegt klar vor ihm.
+
+ * * * * *
+
+Frage und Prüfung:
+
+Was kannst du?
+
+Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur
+einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu fühlen?
+
+Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man
+foltert dich, man hängt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder
+gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
+amerikanische Volksmenge. Könntest du dann leiden und sterben -- ohne
+Verwünschung?
+
+ * * * * *
+
+Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.
+
+ * * * * *
+
+Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit
+aber den eigenen Herrn verstümmelt.
+
+ * * * * *
+
+Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie
+vorschreiben dürfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.
+
+ * * * * *
+
+Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So groß ihre Mäuler auch sein
+mögen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie
+niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur heißt,
+sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen,
+ohne ihm zu schaden.
+
+ * * * * *
+
+Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
+selbst töten müßte, würde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene
+steigen.
+
+
+
+1910
+
+
+Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
+lenkt einen bloß von der großen Liebe ab, die sich allein auf die
+Menschheit in ihrem Vorwärtskommen richten soll; dergleichen sind bloß
+Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der Egoität. Mag sich ins
+Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Träume spinnen, wer die
+Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der weiß,
+daß es für ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen
+Realisten der Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine
+Reinigung; man muß nur herausbekommen, wovon. -- Es gibt darüber sichere
+Aufschlüsse; aber die Menschen ziehen es vor, über hunderte und tausende
+fremder Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt über ihre eigenen.
+Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen und
+interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr für das Spielzeug des
+Lebens, als für seinen Ernst, als für ihren Ernst. -- Hierin liegt die
+wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen
+gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.
+
+ * * * * *
+
+Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im
+Schnee der Kühle, Kälte. Dann taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese
+und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; weiße, unvertilgbare Flecken
+bleiben zurück: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit,
+nie _ganz_ Liebe -- solang wir noch dieser Berg sind.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich den in der Liebe; aber er führt in
+die Seligkeit Gottes selber hinein.
+
+ * * * * *
+
+Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
+Spähen umsonst.
+
+ * * * * *
+
+Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.
+
+ * * * * *
+
+Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch
+nicht -- Liebe.
+
+ * * * * *
+
+So wie der Strom in das Meer muß, so muß der amor in die caritas.
+
+
+
+1911
+
+
+Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre
+Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.
+
+ * * * * *
+
+A sagte zu B, der sich mit seinem persönlichen Schicksal herumschlug und
+des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist du!
+
+Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurück und fügte, da er A nicht
+durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist!
+(indem er meinte, dieser habe für sein Unglück kein Verständnis). Und
+_wenn_ ich es gegen dich wäre, erwiderte A, so wäre ich es gegen einen
+Einzigen. Du aber bist es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes
+Leid, nicht auch das ihre. Du wärst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur
+du allein getröstet würdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen
+geholfen würde. Prüfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
+strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbstsüchtig,
+hart und erbarmungslos zu nennen.
+
+ * * * * *
+
+Man muß von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die
+große Liebe entstehen.
+
+ * * * * *
+
+Der Haß hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung
+hineingesteigert, daß wir nichts mehr rein zu sehen vermögen. Wir
+vergessen, daß es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, sei es
+einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen wir uns doch einmal entschieden
+auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.
+
+ * * * * *
+
+Viele Menschen fühlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gestört und
+fordern laut nach strengen strafrechtlichen Maßnahmen gegen den
+Verbrecher.
+
+Das ist verständlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr als an
+gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewußtsein, an der Ahnung
+wenigstens, was man selbst und was der sogenannte Verbrecher ist. Der
+Verbrecher und ich sind nichts wesentlich Getrenntes, wir stehen im
+engsten menschlichen Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht
+auch sich selber täte, und wir können ihm nichts tun, was wir nicht auch
+uns selber täten. Er ist nicht anders von uns verschieden, als unser Arm,
+unser Bein, unser Auge. Nun heißt es zwar: So dich deine Hand ärgert, so
+haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so füge ich mir damit einen
+Schmerz zu, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte ich
+ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht
+vergessen läßt.
+
+Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe schafft.
+Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der
+entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den sie nicht wieder
+los wird.
+
+ * * * * *
+
+Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, daß er als ruhiger Bürger
+seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas darüber: daß er sich mehr und
+mehr verinnerliche, sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt mehr und
+mehr verchristliche.
+
+Alle, die beispielsweise für die Todesstrafe stimmen, wollen nicht die
+Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat eines Bruders bringen und die
+dann Frucht über Frucht aus ihm zeitigen müßte, sondern sie wollen ihre
+Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungestörtes Weiterwirtschaftenkönnen im
+einmal Überkommenen. Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn
+sie einer gewissen Sicherheit genießen wollen, aber sie müßten dafür, daß
+sie mit der einen Hand nehmen, nämlich Freiheit oder gar Leben vom
+Mitmenschen, mit der andern Hand geben: nämlich doppelte, dreifache Liebe.
+
+Sie müßten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem andern
+opfern, sich, das heißt ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre
+Gleichgültigkeit, ihre Trägheit. Aber dem wird ausgewichen und darum ist
+in unseren Strafen so viel -- Rache; was man auch von Erziehungs- und
+Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll man zuerst sich selbst und dann
+erst den, der mitten im Schoße von uns Tugendhaften als Lasterhafter
+emporblühen konnte. Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht
+soweit her sein, wenn der Räuber und Mörder so üppig gedeiht, wahrlich, es
+ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft auch
+noch nach Schutz und besonderer Fürsorge verlangt. Sie möge erst die
+sieben Todsünden in sich bekämpfen und im Verbrechertum zunächst vor allem
+das vergrößerte Spiegelbild ihrer selbst sehen, den immerwährenden Vorwurf
+ihrer selbst. Sie möge im Verbrechertum zunächst erst einmal ihr --
+_Schuld_-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, daß, sagen wir, der Bauer
+Adam in Vaduz unmöglich Schuld haben könne, wenn in den Südstaaten ein
+Neger sich an einer Weißen vergreift, so ist zu erwidern, daß weder der
+Bauer noch der Neger für sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind,
+daß sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als
+schöpferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches
+Schulden-Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der
+Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer und Neger,
+sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen ab aeterno in
+aeternum wiederkehren.
+
+
+
+1912
+
+
+Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein _könne_, behauptet niemand, daß sie es
+_sei_, nur ein Tor.
+
+ * * * * *
+
+Wer 'für Güte Dank' erwartet, macht sich schon allein dadurch, daß er sich
+selbst als 'gütig' empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten
+verlustig, indem er sich im Gefühl und Bewußtsein seiner Güte als ein
+besonderer Wohltäter andrer vorkommt, sich also über sie erhebt und
+überhebt. Eine solche Erwartung, so natürlich und allgemein sie sein mag,
+verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gewöhnlich
+vergolten wird: eine gewisse Gleichgültigkeit, ja beinahe einen gewissen
+(zurückschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und dabei nicht in die Brüche
+geraten will, muß es soweit bringen, daß er sich nie anders denn als einen
+Diener des andern empfindet, dem eine glücklichere Fügung gestattet --
+Schuld abzutragen. Er muß, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten,
+vielmehr das Gefühl der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, weil
+er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche Hilfe
+nachträglich 'gelohnt' wird. Dies mag für uns freilich mehr oder minder
+immer ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem Satze von der
+Dank verdienenden Güte in uns und außer uns zu Leibe zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen nicht lieben.
+Aber den Böswilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen zu lieben gilt es.
+Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche mehr oder
+minder bezahlen, als der barmherzige Samariter derer, die nichts haben als
+ihr schmerzliches Schicksal.
+
+ * * * * *
+
+Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosphäre des tiefen, ungeheuren
+Geheimnisses, das uns alle umfängt, das wir alle sind, und vor dem es
+keine andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht gibt,
+herauslösen, herausgelöst empfinden, weil er ein 'Mörder' geworden ist?
+
+ * * * * *
+
+Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will, übersieht
+zu leicht, daß sein Selbst in ein niedrigeres und in ein höheres Selbst
+zerfällt, und daß er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern in
+eben dem Maße selbstvoll im andern Sinne werden sollte. Sein Selbst
+verlieren, heißt sich läutern, seine Seele bereiten, wie einen Acker,
+welcher der Saat wartet. Sein Selbst gewinnen aber heißt, Frucht tragen
+wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.
+
+ * * * * *
+
+Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, -- prüfen wir uns
+einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem Möglichen wird unter
+Umständen mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein
+Leben lang an deiner Türe vorbeigeht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben
+lang ungerufen davor vorbeigehen; denn seine Bettwärme wie sein
+appetitliches Frühstück oder seine Zeitung oder gar seine 'Pflicht' läßt
+keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen.
+
+ * * * * *
+
+Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene bewußte
+Menschen. Wir essen und trinken ruhig, während Mitmenschen neben uns
+verhungern und verdursten, wir gehen fröhlich in Freiheit herum, während
+Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir können uns in jeder Weise
+freuen, während um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst
+leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal darum zu
+hadern. O, daß unser Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt würde und
+diese bittere Häßlichkeit von uns abfiele und wir aus Kindern Erwachsene
+würden.
+
+
+
+1913
+
+
+Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein -- Helfen! Als
+wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe!
+
+ * * * * *
+
+Alles ernsthaft Angefangene muß die Menschheit auch entschlossen weiter
+treiben und weiter entwickeln. Täte sie's nicht, so wäre sie ebenso unreif
+und leichtfertig wie die Individualität, die anfängt und liegen läßt,
+statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensläufen, allem in sich
+eine Folge und Ausbildung zu geben. Einziglich schon von diesem
+Gesichtspunkt aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen ablehnen,
+als ob es ein Verdienst wäre, ein so wundertief begonnenes Geisteswerk in
+die Rumpelkammer zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau
+anzunehmen, zum mindesten dankbar gewärtig zu sein.
+
+
+
+
+LEBENSWEISHEIT
+
+1895
+
+
+Mit allem Großen ist es wie mit dem Sturm. Der Schwache verflucht ihn mit
+jedem Atemzug, der Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten
+weht.
+
+
+
+1896
+
+
+Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen _nicht_ kommen. In den
+gewöhnlichsten Verhältnissen.
+
+
+
+1905
+
+
+Alles Festlegen verarmt.
+
+ * * * * *
+
+Dem Steigenden werden Gärten der Schönheit Wüsten der Unbedeutendheit.
+
+ * * * * *
+
+Der Schmerz über das, was wir an der Welt verfehlen und von dem sie
+gemeiniglich nichts weiß, kommt ihr wieder aus der Reife unseres
+Charakters.
+
+ * * * * *
+
+Man kann wohl sagen, daß das Geschlecht zwei Drittel aller möglichen
+Geistigkeit auffrißt.
+
+ * * * * *
+
+Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten
+Menschen nicht groß, sondern klein.
+
+ * * * * *
+
+Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack längst nicht mehr rührt,
+wird selbst Gegenstand des Spottes, ja der Verachtung.
+
+ * * * * *
+
+Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, so tun sie's gewiß aus
+Ungeschicklichkeit.
+
+
+
+1906
+
+
+Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schließlich doch das
+Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst noch das Liebste zu uns.
+
+ * * * * *
+
+Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann man Wahrheit nicht
+lehren, nur zeugen.
+
+ * * * * *
+
+Alles, im Kleinen und Großen, beruht auf Weitersagen.
+
+
+
+1907
+
+
+Es ist merkwürdig, daß ein mittelmäßiger Mensch oft vollkommen recht haben
+kann, -- und doch nichts damit durchsetzt.
+
+ * * * * *
+
+Mit Jedem wächst auch sein Herold oder sein Henker.
+
+ * * * * *
+
+Wenn du ein Geldstück von Wert bist, so briefwechsle dich nicht zu oft.
+
+ * * * * *
+
+Spannung ist alles und Entladung.
+
+Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.
+
+
+
+1908
+
+
+Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortwährend bei sich wie bei den
+andern hunderterlei Krumm gerade sein ließe.
+
+ * * * * *
+
+Jede gründliche Erfahrung muß mit eignem Leben bezahlt werden -- und
+fremdem.
+
+ * * * * *
+
+Was du andern zufügst, das fügst du dir zu.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen und die Liebe. Und nie
+wird wohl jemand ergründen, ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe
+willen, oder ob er liebt um des Schaffens willen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine 'toten' Gegenstände. Jeder Gegenstand ist eine
+Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre Ansprüche geltend macht wie ein
+gegenwärtig Lebendiges.
+
+Und je mehr Gegenstände du daher besitzest, desto mehr Ansprüche hast du
+zu befriedigen. Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen
+dienen. Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die unsern.
+
+
+
+1909
+
+
+Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.
+
+ * * * * *
+
+Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten läßt; denn
+er weiß, daß jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat.
+
+ * * * * *
+
+Die Hälfte allen Unglücks -- vom gröbsten bis zum feinsten -- geht auf
+Unwissenheit oder Denkfehler zurück, gewollte und ungewollte
+Ungeistigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Lesen-Können, -- darauf läuft schließlich alles hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Überall dem Selbstverständlichen zum Wort verhelfen -- das ist ein großes
+Geheimnis.
+
+ * * * * *
+
+Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch.
+
+
+
+1910
+
+
+Nur durch Schaden werden wir klug -- Leitmotiv der ganzen Evolution. Erst
+durch unzählige, bis ins Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen
+lernt sich das Individuum zum Meister über sein Leben empor. Alles ist
+Schule.
+
+ * * * * *
+
+Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist. Nicht
+an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller
+Unweisheit sind.
+
+ * * * * *
+
+Es gehört mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das pure, lautere Gold liegt
+vor uns, um uns. Aber wir leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu
+schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne über uns und folgen
+Schatten und Gespenstern.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt für Unzählige nur Ein Heilmittel -- die Katastrophe.
+
+
+
+1911
+
+
+Von Hundert, die von 'Menge', von 'Herde' reden, gehören neunundneunzig
+selbst dazu.
+
+ * * * * *
+
+Vorsicht und Mißtrauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegenüber
+Vorsicht und Mißtrauen nötig. Der geschäftige Clown im Zirkus, der den
+Teppich 'mit aufrollen hilft' -- ein Bild, das einem tausendfach aus dem
+Leben wiederkommt.
+
+
+
+1912
+
+
+Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am gründlichsten vergessen und
+am seltensten getan.
+
+
+
+1913
+
+
+In vielen Fällen wäre der gerade Weg der kürzeste -- zum Verderben.
+
+ * * * * *
+
+Was wäre wohl aus der Welt geworden, wenn alle zum Mitschaffen
+Aufgerufenen immer gleich 'schnurstracks' auf ihr Ziel losgegangen wären.
+Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umständlich.
+
+ * * * * *
+
+Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den
+Menschen hineinhuschen kann.
+
+
+
+1914
+
+
+Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns.
+
+
+
+
+ERZIEHUNG SELBSTERZIEHUNG
+
+1895
+
+
+Jeder Jüngling mag von sich denken, er sei der Messias, aber er muß nicht
+Messias sagen, sondern nur Messias tun.
+
+
+
+1896
+
+
+Man müßte sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, sondern wie eine
+Mutter ihr Kind behandeln.
+
+ * * * * *
+
+Faß das Leben immer als Kunstwerk.
+
+ * * * * *
+
+Umschnalle dein Herz mit Schweigen.
+
+
+
+1905
+
+
+Wir _brauchen_ nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. Macht
+Euch nur von dieser Anschauung los und tausend Möglichkeiten laden uns zu
+neuem Leben ein.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so muß
+man auch zu diesem Nein ja sagen.
+
+ * * * * *
+
+Man kann nur als Totschläger leben.
+
+ * * * * *
+
+Höher als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, die
+absolute Skepsis gegen sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen -- wäre
+schon genug für ein Leben.
+
+
+
+1906
+
+
+Nur im Fluß bleiben, nur nicht zur Spinne eines Gedankens werden.
+
+ * * * * *
+
+Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, so daß deine
+Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken.
+
+ * * * * *
+
+Ich schreibe der Gegenwart schön gebildeter Gegenstände einen großen
+Einfluß auf den Menschen zu. So sollten wir die Möbel unserer Kinderzimmer
+mit außerordentlicher Sorgfalt auswählen. Irgend ein schöner, schlichter,
+ehrwürdiger Schrank, auf den der Blick unsres Kindes von seinem Lager aus
+fällt, ja kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine kleine
+Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen Tempels, einer modernen
+Eisenbrücke würden ihm zweifellos eine Ahnung von großem Stil geben, die
+es sein ganzes Leben hindurch nachspüren und weiterentwickeln würde.
+
+
+
+1907
+
+
+Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer
+Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind Dörfer aus
+Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen, ein Haus aus
+einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir lacht das Herz. Seit
+manchem Jahre schmähe ich das luxuriöse moderne Spielzeug, diese echte
+Aus- und Nachgeburt einer materialistischen Periode, -- und nun erhebt
+endlich wieder das Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und
+phantasievolle Köpfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach
+und unter so viel ödem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die
+Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf
+Bestärken und Schwächen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht
+schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen,
+der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch
+ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr
+Unbewußtes und Unterbewußtes und stärkt dort das ihm Verwandte. Wenn
+Lichtenberg von seinem Aberglauben redet, so schwächt er damit die
+Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren
+fühlt sich durch einen solchen Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge
+Zucht scheint ein wenig im Werte sinken zu dürfen. Wenn er aber von einem
+geläuterten Spinozismus als der Religion der Zukunft spricht, wie fällt da
+sein Wort bei manchem wie ein Frühlingsregen auf Saatfelder. Wie stärkt er
+da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich außer
+Betracht bleibt: wozu?
+
+ * * * * *
+
+Wer möchte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?
+
+ * * * * *
+
+Jeder muß seinen Mann haben, der ihm über die Schulter sieht, und dieser
+wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der
+Mensch vorwärts.
+
+ * * * * *
+
+Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt,
+gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es der Anstand und
+die Solidarität, aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten
+es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung sein.
+
+ * * * * *
+
+Übung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.
+
+ * * * * *
+
+Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf's
+ankommt, auch bei dir.
+
+ * * * * *
+
+Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen
+unermüdlich weiter zu arbeiten, aber nicht in Verzweiflung und
+Selbstbetäubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer mehr
+durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer entschiedener vergeistigen.
+Was denn schließlich auch unserer Hände Werk sich wunderlich wandeln
+machen wird, so daß, wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer
+weiß, als Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgend einer andern
+höheren Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt sein mögen,
+werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer heutigen Entwickelung
+werden. Die von uns heute so ungestüm begehrte edlere Zukunft unseres
+Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch einmal verwirklichen, aber
+statt in Jahrhunderten erst in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost
+für den Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: daß ihm für
+seine Person schon heute die Möglichkeit gegeben ist, sich selbst so edel
+zu verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen ist
+jederzeit und überall möglich; zuletzt bleibt doch diese Erkenntnis und
+was sie fruchtet, der einzige wahre Fortschritt.
+
+ * * * * *
+
+A. Zukünftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst als sein
+einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei
+sich anfinge, wäre die schönste Zukunft vorweggenommen.
+
+B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, fange
+doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist nämlich nur ein Umgehen
+deiner Pflicht. Bilde, Künstler, rede nicht.
+
+ * * * * *
+
+Sich immer am Leben korrigieren.
+
+ * * * * *
+
+Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als Kämpfer für das Echte zuletzt
+den Erfolg an sich zu fesseln: So lange zu schweigen, Geduld zu haben,
+Menschen und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue gegen sich
+selbst und die äußeren Umstände eines Tages ein Faktor geworden ist, mit
+dem gerechnet werden muß. Dann endlich mag man dem Zorn und der Liebe in
+sich nachgeben, wann und wo es auch sei. Dann erst hat es, sie rückhaltlos
+zu äußern, Sinn und Wert: Für einen selbst, für den Getroffenen, für den
+Verteidigten, für alle andern.
+
+ * * * * *
+
+Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch mit kühlen Blicken unter
+sich sehen lernen. Man sei stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener
+brünstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts ist als versetzte
+Erotik. Man gebe dem Weibe, was des Weibes, und Gott, was Gottes ist.
+
+
+
+1908
+
+
+Von sich zurückzutreten wie ein Maler von seinem Bilde -- wer das
+vermöchte!
+
+ * * * * *
+
+Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich, daran
+unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt.
+
+ * * * * *
+
+Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches wird,
+wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch die Schule.
+
+ * * * * *
+
+Gute Erziehung -- ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein
+wirklicher Mensch, ein Mensch von _Umfang_, infolge seiner guten
+Erziehung.
+
+ * * * * *
+
+Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben. Nichts macht das Leben
+ärmer als vieles anfangen und nichts vollenden.
+
+Aber ebenso gewiß ist, daß wenn auch kein Schuß ins Schwarze trifft,
+unzählige es wie ein Sternenhimmel umschreiben.
+
+
+
+1909
+
+
+Es ist der Schritt, der erobert. 'En marche' -- ist eines der schönsten
+Worte der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Siehe eine Sanduhr: Da läßt sich nichts durch Rütteln und Schütteln
+erreichen, du mußt geduldig warten, bis der Sand, Körnlein um Körnlein,
+aus dem einen Trichter in den andern gelaufen ist.
+
+ * * * * *
+
+Was habe ich immer vor mir? Meine Hände. Darum möchte ich eine 'Erziehung
+zum Nachdenken' geschrieben sehen unter Zugrundelegung der Anschauung der
+Menschenhand.
+
+
+
+1910
+
+
+Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu
+verschaffen.
+
+ * * * * *
+
+Die kleinen Schwächen legt man am schwersten ab, so wie man der Moskitos
+weit schwerer Herr wird als des Skorpions oder der Schlange. Und so ist es
+recht eigentlich das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit aufhält:
+Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Trägheit, Lauheit.
+
+
+
+1911
+
+
+Man möchte sich wie Bruder Bernardo auf irgend einem Marktplatz dem
+Gespött der Welt aussetzen, um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe
+willen geduldig und heiter zu ertragen -- und leidet vielleicht schon
+darunter, wenn die Schaffnerin, die das Zimmer aufräumt, vergißt, guten
+Morgen zu wünschen, oder wenn der Türhüter des Hauses schlecht geschlafen
+hat.
+
+ * * * * *
+
+Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, sondern nur einfach
+etwas von deiner Pflicht zu tun versuchen, Tag um Tag.
+
+Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit und
+Wachsamkeit von Anfang bis Ende zu verleben, als ein Jahr in großen
+Absichten und hochfliegenden Plänen.
+
+ * * * * *
+
+Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns noch so sehr als Unrecht
+erscheint. Den Kampf gegen dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber
+ihn nicht außer sich führen, gegen jenen, sondern in sich, gegen sich,
+gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen, jenem Unrecht
+entspricht. Oder könnten wir leugnen, daß wir innerlich an allem noch
+irgendwie teilhaben, was an Bösem außer uns geschieht? Daß in uns von dem
+z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung versetzt und zu
+unverantwortlichen Handlungen verführt, noch genug lebt, um unsere ganze
+Wachsamkeit und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es nur ein
+gewisses Sichfreuen bei dem 'Sieg' des schwächeren Gegners oder eine
+'gerechte Empörung' über dies und das, was das blutige Handwerk nach sich
+zieht? Wir möchten allzugern wahrhaben, es sei menschlich schöner, mit dem
+Schwächeren sich zu freuen, als die gleichmäßige Trauer über Siegende wie
+Besiegte eine Quelle neuer Gelöbnisse vermehrter Anstrengung in uns selber
+werden zu lassen; es sei nicht leichter, empört über Grausamkeiten zu
+sein, als die Blitze der Entrüstung auf und in uns selbst abzuleiten, auf
+das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch in uns noch nicht völlig
+gebändigt, noch nicht genug in rein dem vergeistigten Ich dienenden
+Kräften leben.
+
+ * * * * *
+
+A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie empfinden, doppelt
+streng gegen sich selbst vorgehen, nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen,
+wie der Student seiner Flamme.
+
+B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht mehr verlassen dürfen?
+
+A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie Ihren Hunden, mit
+denen Sie über Land gehen. Aber behalten Sie sich stets vor, sie
+zurückzupfeifen, und pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund,
+einfach weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre Diener.
+
+ * * * * *
+
+'Daß du dann niemals mehr Wein anrührtest!' rief ein Knabe seinem Vater
+zu, der mit ihm die Wendeltreppe eines Turms emporstieg. 'Welche
+Selbstüberwindung! Welche -- Entsagung!'
+
+Der Vater nickte lächelnd und wies dem Sohne die Aussicht, die das eben
+erreichte Treppenfenster erlaubte. Nachdem sie diese eine Weile bewundernd
+genossen, stiegen sie weiter und gelangten zum nächsten. Welche Entsagung!
+rief da der Vater verstellt. Hier haben wir nicht mehr den Blick von
+vorhin. Wie schön war es, auf all die nahen Dächer hinabzuschaun; da
+störte noch keine Landschaft wie jetzt ...
+
+'-- Störte?' fragte der Sohn --
+
+... und sind wir erst droben, so werden wir auch diesem Rundbild entsagen
+müssen; denn droben, du weißt ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer ...
+Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der Schelmerei gewahr, maßen sie
+lange und nachdenklich den Sprecher ... bis -- hoch, ein Silberstreif --
+das Meer am Horizont erschien und sie mit Tränen füllte. (Denn wie liebte
+schon dieser Knabe das Meer!)
+
+ * * * * *
+
+Sich bewußt ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom Ersten bis
+zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen, übersehen, gering
+achten.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind allzumal träge; daraus entspringen die meisten Übel. In jedem
+schlägt das Gewissen und regt sich das Wissen, wie es im Kleinen und
+Großen sein müßte und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die
+Vergeßlichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu kommen, daß wir aus
+Gedanken zu Taten hervorschreiten. Wir kennen manches große innerliche
+Mittel, aber man sollte auch kleinere, mehr äußerliche schaffen. Alle, die
+gut sein möchten, aber es nicht so sein können, wie sie möchten, weil sie
+sich zu schwach dazu fühlen, sollten sich zusammentun und eine
+Hilfsbrüderschaft über sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt.
+Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einräumten, ja die Pflicht
+auferlegten, sie immer wieder wachzurütteln und mit dem problematischen
+Willensmaterial, das in ihnen ist, zu arbeiten -- so wie ein treuer
+Diener, der uns zum Sonnenaufgang aus dem Bett rüttelt, so wie ein Staat,
+der mit unseren Steuern 'arbeitet'. Eine Brockensammlung guter
+Willensregungen, sozusagen, das gälte es für diese Gruppe Tag für Tag. Des
+Menschen Wesen ist Schwäche; kann er nicht allein in die Höhe wachsen, so
+soll er sich an Stangen und Spaliere binden oder binden lassen. Ehre
+jedem, der statt auf dem Stroh zu verkümmern, zur Krücke greift, Ehre
+jedem tapferen Invaliden.
+
+ * * * * *
+
+Ein Hauptzug aller Pädagogik: Unbemerkt führen. Viele Menschen sind
+durchaus fähig und gewillt, der Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen
+nicht geradezu gesagt, vor Augen gerückt werden. Sie verlieren in diesem
+letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit; denn ihre Eigenliebe ist noch
+stärker als ihre Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gefällt ihnen
+nur, wer und was sie -- schont.
+
+Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht ihren Wahrheitsbesitz
+erarbeiten.
+
+
+
+1912
+
+
+Übe dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird gegeben, mit der anderen
+genommen. Alle Erziehung verläuft unter diesem Pendelgesetz. Alles
+Erzogensein besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem einen wie
+dem andern Schicksal gegenüber und einer Liebe und einem Vertrauen, die
+höher sind als alle Vernunft zwischen Geburt und Tod.
+
+ * * * * *
+
+Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unerschütterlichen
+Entschluß des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild vor sich her.
+
+ * * * * *
+
+Wie mancher hat es schon ausgesprochen, daß Heldentum ebenso leichter sein
+kann als langsame, geduldige, unauffällige Selbsterziehung, wie eine Tat
+leichter sein kann als eine Handlung, ein Gefühl leichter als ein
+Empfinden.
+
+ * * * * *
+
+Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe für dich Partei
+ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.
+
+
+
+1913
+
+
+Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt gesetzt wird. Wenn du
+deinen Willen so in Bewegung und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du
+nach einigen Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen.
+
+
+
+
+PSYCHOLOGISCHES
+
+1891
+
+
+Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man
+verstanden wird.
+
+
+
+1892
+
+
+Ich halte es nicht für das größte Glück, einen Menschen ganz enträtselt zu
+haben, ein größeres noch ist, bei dem, den wir lieben, immer neue Tiefen
+zu entdecken, die uns immer mehr die Unergründlichkeit seiner Natur nach
+ihrer göttlichen Seite hin offenbaren.
+
+
+
+1895
+
+
+Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag einer starken
+unbesiegbaren Lebenshoffnung.
+
+ * * * * *
+
+Unten am Fenster ging Meta vorüber. Mein Herz klopfte hörbar. Es klopfte
+so heftig, daß ich unwillkürlich "Herein!" sagte. Und das Tor meiner
+Traumwelt tat sich ein ganz klein wenig auf und herein schlüpfte: die
+Liebe.
+
+
+
+1896
+
+
+Es ist eine Kunst für sich, einen Brief zur rechten Zeit ankommen zu
+lassen. Man vergißt ihrer gewöhnlich. Und doch -- wie oft ein intimes,
+beschauliches Gespräch am Morgen keine Hörer an uns fände, so mutet uns
+ein Brief morgens und abends anders an.
+
+ * * * * *
+
+Einer der seltsamsten Zustände ist das dunkle und unvollkommene
+Bewußtsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes
+haben. So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck erzählt,
+hinter dem sich jedoch durchaus nicht das verbirgt, was man aus ihm
+schließen zu sollen glaubt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand vors Auge und das ganze
+Zimmer liegt im Dunkel usw.
+
+ * * * * *
+
+Das ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl, wenn man sich frühmorgens Gesicht
+und Kopf abreibt und sich dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit
+gewaschen und abgetrocknet.
+
+ * * * * *
+
+An den Glockensträngen der Stimmungen.
+
+
+
+1897
+
+
+Es ist schön, zu denken, daß so viele Menschen heilig sind in den Augen
+derer, die sie lieben.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen
+Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.
+
+ * * * * *
+
+Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das Greuel aller Greuel.
+
+ * * * * *
+
+Daß der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten
+und verderblichsten Forderungen an sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!
+
+ * * * * *
+
+Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffaßt, je glücklicher ist man.
+Überall die Bewegung aufzeigen, das schafft das meiste Glück.
+
+
+
+1904
+
+
+Bild:
+
+Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend (gleitend, fliegend).
+Die am nächsten schwebenden Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.
+
+ * * * * *
+
+Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht überall versteckt.
+
+ * * * * *
+
+Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom
+Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewußtwerden des
+Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus
+entspringende souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte
+Erscheinungswelt vom Größten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl
+umschließt, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert
+zugestehen zu können.
+
+ * * * * *
+
+Tragikomödie:
+
+Ein Mensch, der seine Gründe, mit denen er bejaht oder verneint, nicht
+mehr ernst nimmt, sondern unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen
+taucht.
+
+
+
+1905
+
+
+Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.
+
+ * * * * *
+
+Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.
+
+ * * * * *
+
+Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht erfliegen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, wenn jemand eine
+Meinung ausspricht.
+
+ * * * * *
+
+Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich ein dunkler Vogel:
+Unruhe.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in dem zu Zeiten der
+Ebbe jedermann spazierengehen kann.
+
+ * * * * *
+
+Mir macht es oft Mühe, deine Gedanken zu denken, aber du wirst niemals
+meine Empfindungen haben.
+
+ * * * * *
+
+Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdächtig, wenn ich bemerke, daß
+auf eine richtige Kombination schon bei den alltäglichsten Dingen so und
+so viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip so denken und
+empfinden müßte, wie die andern!
+
+ * * * * *
+
+Das schwer Übersichtliche, das nicht recht Durchdringliche -- damit lockt
+uns das Leben selbst immer weiter und damit lockt auch der platteste
+Betrüger noch -- und gewinnt.
+
+ * * * * *
+
+Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den Dingen. Zum
+Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt als
+zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewußt. (Vielleicht zu sehr _gewußt_.) Es
+ist eine Art Dämmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken z.B. nachts die
+Häuser einer Stadt. Solch ein Haus mag noch so häßlich sein, nachts wirkt
+es mit dem ganzen Zauber eines unbegreiflichen Behältnisses
+unbegreiflicher Wesen, die namenlos und unerklärlich geworden sind, wie es
+selbst.
+
+ * * * * *
+
+Warum fühlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich Formalen
+hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu fähig sind zu zerfließen,
+uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren
+und zu 'vergöttlichen' und dafür das einzubüßen, was starke Völker und
+Zeitalter unter einer großen, starken Erdenpersönlichkeit verstanden
+haben.
+
+ * * * * *
+
+Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber
+es muß ein bißchen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch
+geistig schön werde.
+
+ * * * * *
+
+Möglichst viel Glück sagt man. Aber wie, wenn die höchste Glücksempfindung
+einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes _gelitten_ haben muß?
+Wenn Glücksgefühl überhaupt erst möglich wäre in einem durch Lust und
+Unlust gereiften Herzen? Wer möglichst viel Glücksmöglichkeiten fordert,
+muß auch möglichst viel Unglück fordern oder er negiert ihre
+Grundbedingungen.
+
+
+
+1906
+
+
+Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen
+derer, die du kennst und frage dich, ob es etwas andres als eine fast
+unerklärliche Illusion ist, die alle diese Menschen das Leben als
+lebenswert empfinden und preisen läßt. Ob das große Glück eine andere
+Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, ob nicht vielmehr
+die Gewohnheit und das kleine, das ganz minimal dosierte Glück es ist, was
+dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.
+
+ * * * * *
+
+Ich frage mich oft, welches der wünschenswertere Typus von beiden ist: der
+mehr geistige Mensch, für den es nichts Abstoßenderes gibt, als das
+Uninteressante, oder der mehr gemütliche, für den es schlechtweg nur
+Anziehendes und Abstoßendes gibt.
+
+ * * * * *
+
+Das ist das Ärgste, was einem Menschen geschehen kann, aus einem
+Fließenden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu werden. Das erkennt
+mancher und nährt Friedlosigkeit in sich oder unaufhörlichen Zweifel (so
+tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach fast Unmöglichem,
+Ungeheurem. Manche aber überlassen sich ihrer natürlichen Liebe zu Welt
+und Mensch und damit geraten sie denn bald in die Strömung unendlichen
+Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang aller Dinge, in
+dem es keinen Stillstand gibt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von Gedanken oft von den
+Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem
+gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, so daß einer, der sein
+Leben lang in einer Art von länglichen Schachteln gehaust hat und eines
+Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt
+findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume
+geistig verloren haben könnte.
+
+ * * * * *
+
+Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß sich der Raucher,
+wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosphäre umgeben kann, einer mehr
+oder minder verklärten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefühl von
+Heimat empfinden darf mit all dem unwägbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit
+uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser
+Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität der Stimmung befördert, ja
+wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes für uns bewahrt,
+Werdendes treulich hinzunimmt.
+
+ * * * * *
+
+Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums
+mischen und vermählen. Daher ihr großer Reiz für den Teilnehmer wie für
+den Betrachter.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein wahres Glück, daß der liebe Gott die Fliegen nicht so groß wie
+die Elefanten gemacht hat, sonst würde uns, sie zu töten, viel mehr Mühe
+machen und auch weit mehr Gewissensbisse.
+
+ * * * * *
+
+Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bücher lesen? Ich meine, ob sie,
+wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch dann und wann, in
+stillen Winternächten etwa, wenn sie es müde geworden sind, den massigen
+Menschenschläfer zu betrachten und zu belauschen, sich in die Werke
+vertiefen, die auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das
+Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne auch nur ein einziges Blatt
+umzuwenden, von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch
+einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich gerade studiere. Ich
+zaudere, ihn zu verbessern, -- es ist nichts weiter, als daß in dem
+Bindewort 'daß' das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch:
+Denn, wenn es nun doch Geister gäbe, -- müßten sie nicht unglücklich über
+diesen Fehler werden, den sie selbst nicht verbessern können und aus
+dessen Stehengebliebensein sie schließen müssen, daß ihr Freund ihrer
+nicht gedacht hat?
+
+ * * * * *
+
+Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich auf Weg und Steg
+finden lassen. Im äußersten Gegensatz hierzu würde, gesetzt auch geistige
+Dinge könnten in solcher Weise verloren gehen, täglich wohl kaum Ein Paar
+Scheuklappen gefunden werden.
+
+ * * * * *
+
+Tiefstes Problem des modernen -- also wesentlich häßlichen, irgendwie
+verbogenen, schlecht weggekommenen -- Menschen: Wie kann Schönes aus
+Unschönem kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? -- Alles ist
+Ausdruck. Kein Mensch kann Schöneres, Vollkommeneres geben, als er selbst
+ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns anders wohin,
+sondern einfach wir selbst.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nichts Degoutableres, als fortwährend von sich als Person zu reden
+(außer zu bestimmten Zwecken), oder über sich reden hören zu müssen. Daher
+ist es so kläglich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses Reden und
+Beredetwerden fast unvermeidlich ist.
+
+ * * * * *
+
+Wenn dich jemand 'vollkommen versteht', sei gewiß, daß dich niemand
+vollkommener mißversteht.
+
+ * * * * *
+
+Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.
+
+ * * * * *
+
+Ja -- nein: geistiges Strickziehen.
+
+ * * * * *
+
+Es ist gut, daß wir Spiegel haben. Daß wir für gewöhnlich unsere eigene
+Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge, die es gibt.
+
+ * * * * *
+
+Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere
+Temperamente.
+
+ * * * * *
+
+Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft begreifen
+wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, daß sich in den beiden Menschen,
+die sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier riesenhafter
+Zellenvölker manifestiert -- so, als ob Rußland aus lauter Männern und
+Westeuropa aus lauter Weibern bestände und eines Tages will das zusammen
+in orgiastischer Hingerissenheit.
+
+ * * * * *
+
+Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalität gehört unstreitig zum
+Charme jeder Frau. Sie ist die Verbürgerin jener Augenblicke, wo wir ihr
+ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein dürfen.
+
+ * * * * *
+
+Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine Heiterkeit
+oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch
+der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen
+Enttäuschungen.
+
+ * * * * *
+
+Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der
+flachen Hand.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind alle hart und äußerlich zueinander, auch wenn wir noch so sehr
+aufeinander einzugehen trachten; aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern
+liegen und nachts der Regen herniederfließt, dann suchen wir uns im Geiste
+mit zärtlicher, bereuender Teilnahme, dann drängen wir uns aneinander wie
+unwissende und zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann
+liebkosen und trösten sich unsere Seelen, die der erkältende Tag wieder
+verstocken und verhärten wird, dann lieben wir wirklich einander mit einer
+tiefen, schwermütigen, unbezwinglichen Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Es ist schauerlich an Toren zu rütteln, die verschlossen sind; noch
+schauerlicher aber, wenn sie nur aus dünnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur
+aus den kühlen, harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in
+sich eindringen lassen will.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind alle Besessene, man muß das Wort nur wörtlich genug verstehen.
+Aber zugleich können wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein,
+den wir 'unsern Geist' nennen, zugleich auch Besitzergreifende.
+
+ * * * * *
+
+Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern
+gegenüber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen,
+das uns alles nicht völlig Verstandene als etwas von uns nicht
+völlig Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer der
+Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres Begriffsvermögens
+noch Geistigkeit gibt.
+
+ * * * * *
+
+Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine stärkere Persönlichkeit
+werden können als eine starke Persönlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?
+
+ * * * * *
+
+Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine Teile, aber
+diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht.
+
+ * * * * *
+
+Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem Tode -- wie erklärlich von
+der Seele, die ihre -- zum mindesten nächste -- Zukunft voraussieht.
+
+
+
+1907
+
+
+Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die
+Melancholie.
+
+ * * * * *
+
+'Totentanz' ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das
+Weib den Mann in den großen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die
+breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe
+hineinführend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib
+voraus, mit tausend Gebärden, von der unschuldigsten bis zur
+lasterhaftesten. Die Männer, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie
+wollen die Welt vorwärtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm
+genügt das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich völlig
+gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die,
+trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit
+zu fördern: man stellt ein Kind, das heißt man beschränkt sich darauf, die
+Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das
+nicht begriffen haben, nämlich, daß es neben ihrem üblichen häuslichen
+Ideal auch noch andere größere Kulturideale geben könnte, wird die
+Menschheit nicht entscheidend vorwärts rücken. Und deshalb liebe ich die
+Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten
+Frauen, die nicht nur Sinn für sich, sondern auch Sinn für den Mann haben,
+die ihn wirklich wie Kameraden unterstützen, und nicht nur als gesetzliche
+Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen.
+
+ * * * * *
+
+Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern
+versteht und wie sie sich im Alter darstellt.
+
+ * * * * *
+
+Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende schon glücklich.
+
+ * * * * *
+
+In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein 'Wie
+schön ist das! Wie schön ist das' ist nichts andres als ein 'Wie wohl
+fühle ich mich, wie wohl fühle ich mich!' Das aber brauchte er nicht
+fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im 'nil admirari' liegt doch
+immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.)
+
+ * * * * *
+
+Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen Matten -- eine beinahe
+tragische Wirkung.
+
+ * * * * *
+
+Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß man eine Seite und
+mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.
+
+ * * * * *
+
+Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so würde er in einer so
+über alles Maß gewaltigen und erschütternden Welt, in verhältnismäßig
+unmittelbarer Nähe eines Naturphänomens wie unserer Sonne, -- um nur etwas
+herauszugreifen -- nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches,
+grämliches, banales, kindisches, eitles, zanksüchtiges, gedankenloses,
+planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.
+
+ * * * * *
+
+Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.
+
+ * * * * *
+
+Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine
+Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach größerer und feinerer
+Behaglichkeit des persönlichen wie sozialen Lebens aus: Der Mensch will
+wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die Bäume: ruhig leben und
+sterben zu dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen nichts
+Besseres.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von
+Polizisten ohne Exekutivgewalt.
+
+ * * * * *
+
+Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein äußerster
+Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortläuft,
+so muß das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas
+ungemein Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern Gedanken ausschlösse.
+Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so muß er immer erst
+wie der Mond aus dem Gewölk treten, das heißt erst nach längerer Zeit und
+nur auf einen Moment, zu dem man sich beglückwünschen muß, da ihn neues
+Gewölk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen nützt
+dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, daß ihn
+sobald keiner wichtig nimmt.
+
+ * * * * *
+
+Ironisches Gebot:
+
+Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir zu, das erweckt allgemein
+Furcht.
+
+ * * * * *
+
+Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein
+schönes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem 'Patienten' dreimal
+täglich Manulavanz, und er wird sich über alle erhaben fühlen, die sich
+bloß die Hände waschen. Je interessanter du seine Gewohnheiten benennst,
+desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen
+Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis
+Satin, sondern unzählige andere Unglückliche unzählige Male berauscht und
+getröstet. Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische, Griechische,
+Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter der Menschen werden. Du
+gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine
+Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu
+haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst
+damit das Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein, das
+Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das
+neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es
+befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit
+selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Flügel.
+
+ * * * * *
+
+Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie
+bitten um Ansichtspostkarten.
+
+ * * * * *
+
+Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes
+Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.
+
+ * * * * *
+
+Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden wissen, verdächtig.
+Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes
+zu sagen mitgab, den kümmert es wenig, in jenem Sinne klug zu reden. Ihn
+erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer).
+
+ * * * * *
+
+Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet,
+dem muß das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein
+Gespinst aus Baumstämmen.
+
+ * * * * *
+
+Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat
+ein Bach je aus -- Wellen bestanden?
+
+ * * * * *
+
+Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was
+ist das -- ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln,
+einem Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist
+ganz glücklich, daß es nun 'weiß', was ein Baum ist.
+
+ * * * * *
+
+Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen
+unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt für sich. Und vor allem,
+wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich für sich. Denn wenn
+der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist
+'die Welt' der einzige Weg zu diesem Duft.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz
+klar und zusammenhängend gedacht habe, so könnte ich mir leicht einreden,
+ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, daß man
+als der und der lebt.
+
+ * * * * *
+
+Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto
+mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein -- aus Zartgefühl,
+Schamgefühl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus
+den allerbesten Gründen und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens.
+
+ * * * * *
+
+Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und
+tausend.
+
+ * * * * *
+
+Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der
+vollkommene Weise im Geistigen jäher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist
+es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst,
+und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst.
+
+ * * * * *
+
+Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er
+seinen Ernst nehmen.
+
+ * * * * *
+
+Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.
+
+ * * * * *
+
+Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht
+ertrügen, von andern überlegen betrachtet zu werden. Sie fürchten die
+Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls, sie ziehen es
+vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die
+Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzhütertum auch
+bitter und hochfahrend. Immer lauter muß er bei sich Stolz nennen, was im
+Grunde vor allem Furcht ist, um schließlich, statt der Verschwender, der
+giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut
+verachtet.
+
+ * * * * *
+
+Vorsehung --
+
+Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen Menschen auch ein geniales
+un- oder unterbewußtes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln
+dem überall drohenden Tode instinktiv ausweicht.
+
+Napoleon im Kugelregen.
+
+ * * * * *
+
+Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das weiß vielleicht am Besten, wer
+sich dem Feind entgegenwirft.
+
+ * * * * *
+
+Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich
+behaupte, ohne diesen Mangel würde die Menschheit den Mut zum
+Weiterexistieren längst verloren haben.
+
+ * * * * *
+
+Was wirkt am innerlich glühenden Menschen _nicht_ übertrieben? Steht er
+nicht ewig wie unter lauter Großmüttern und Großvätern? Und geht und
+spricht er drum nicht am liebsten zu -- Kindern?
+
+
+
+1908
+
+
+Dieser Brief wäre an _Dich_ gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr
+gehört noch gesehen habe? O nein, wie wäre das möglich. Er ist an das Bild
+gerichtet, das ich von damals und früher von Dir in mir trage, das ich
+zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht größerem Glück als der
+Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt hätte und nun unternähme,
+die 10 Jahre Veränderung hineinzubringen, ohne das also veränderte
+Original vor sich zu haben.
+
+Und Dein Brief, meinst Du, wäre an _mich_ gerichtet?
+
+ * * * * *
+
+Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben feiner Historiker und
+Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben
+zergliedern, zerfasern -- und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens
+unberührt bleibt.
+
+ * * * * *
+
+Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich, um -- größer
+als diese zu bleiben.
+
+ * * * * *
+
+Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder
+Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt worden. Und doch ist dieses Leiden so
+verbreitet, daß ganze Völker noch nicht darüber hinausgekommen sind, sich
+als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden und zu behandeln.
+
+ * * * * *
+
+Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.
+
+ * * * * *
+
+Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er weiß nie, wie
+weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.
+
+ * * * * *
+
+Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer arbeitenden Lokomotive
+tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man
+wund und weh daliegt und nach einfachen kräftigen Grüßen des Lebens
+hungert.
+
+ * * * * *
+
+Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind
+wir nur, sobald wir bloß _sind_, unser Sein bloß _fühlen_. Daher das tiefe
+Friedensgefühl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen dürfen.
+
+ * * * * *
+
+Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative
+hat oder nicht.
+
+ * * * * *
+
+Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin
+oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum
+völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich überhaupt keinen Wert, keinen
+Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten, habe überhaupt nur in Beziehung
+auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Möchten sich doch alle darüber
+klar werden, daß wir außer Männchen und Weibchen auch noch _Menschen_
+sind.
+
+ * * * * *
+
+Im Sohn will die Mutter Mann werden.
+
+ * * * * *
+
+Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden z.B. einen
+aufgestützten, entblößten Frauenarm von so hinreißender Schönheit, daß wir
+ganz vergessen, daß er einer bestimmten Frau gehöre. Und wenn wir zu
+dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Schönheit des
+Weibes, des Menschen überhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und
+da setzt leicht die Tragödie ein.
+
+ * * * * *
+
+Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre
+Augen um seinetwillen, das heißt um seiner ganzen imponderablen
+Persönlichkeit willen.
+
+
+
+1909
+
+
+Das Weib mischt uns ins Leben hinein.
+
+ * * * * *
+
+Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.
+
+ * * * * *
+
+Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).
+
+ * * * * *
+
+Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hören, während man über Berge und
+Täler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unzähligen Schwestern mit
+sich im unendlichen Räume schweben und kreisen fühlt.
+
+ * * * * *
+
+Ein gewisses Maß von Schelten gehört wohl zum Leben. Schelten in seiner
+sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religiöser
+Pessimismus, dürfte ebenso nur eine Art von Ventilierung sein, wie der
+mehr oder minder gerechtfertigte Ärger des Eintags. Alles in Allem möchte
+hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten gelöst werden wird; wenn
+nämlich dies ganz große Zucht (also ganz großer Stil) ist: ein
+leidenschaftlich empfindsamer Geist und doch zugleich ein _Weiser_ zu
+sein.
+
+ * * * * *
+
+Die Meisten wissen garnicht, was sie für ein Tempo haben könnten, wenn sie
+sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.
+
+ * * * * *
+
+Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo, als wo
+man sie haben will, als wo sie sich selbst haben wollen.
+
+ * * * * *
+
+Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so unsäglich
+dezentrieren, recht eigentlich zer--streuen.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug nachgedacht hat.
+
+ * * * * *
+
+Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft nichts
+Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger nähme
+als das Große, würde das Große nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der
+Mensch sich mehr um den Himmel als um die Erde kümmerte, würde nicht nur
+die Erde, sondern auch der Himmel verkümmern. Der Geist ist nicht umsonst
+in die Materie herabgestiegen.
+
+
+
+1910
+
+
+Wie schön ist es, das Auge von einem schönen Buch, in das man versunken
+war, zu einer schönen Landschaft aufzuschlagen. Dieser kurze Übergang von
+chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfräuliche Augenblick
+unbewußten Staunens ist einzig.
+
+ * * * * *
+
+Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. Die edelste Musik
+kann so z.B. ebenso wie die tiefste Philosophie Gegenstand erbitterter
+Gegnerschaft werden.
+
+ * * * * *
+
+Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird es seinen Esser auch
+besitzen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei
+keine Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der Kuh, des Ochsen und
+der ihrer Verzehrer, es übertrage der Hammel, das Schwein, der Fisch usw.
+nicht ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg
+gehen lassen zu müssen, der zur nächsten Stadt führt, statt auf den
+nächsten Gipfel.
+
+
+
+1912
+
+
+Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufhörlich
+fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie über ihn hinweggeht und stammelt
+ihr in dumpfem Ingrimm seine Verwünschungen nach.
+
+ * * * * *
+
+Was gegen die höchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt wird, sind
+nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr oder minder vor ihrer
+Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die Liebe, und an
+anderer Stelle der Meinung sein, eine vom Tierischen ganz losgelöste
+seelisch-geistige Liebe sei -- wohl vielleicht eine reinere, aber auch
+eine kühlere, blassere, ohnmächtigere Liebe!
+
+ * * * * *
+
+Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten zu
+wollen. Sollten sie als 'von Gottes Stamme' nicht noch zu wenig stolz sein
+und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig demütig?
+
+ * * * * *
+
+Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben den Zustand
+des Federsträubens der Vögel.
+
+ * * * * *
+
+Ich machte die Beobachtung, daß Menschen, die beim Beifallklatschen die
+Arme weit von sich, ja fast über Kopfeshöhe ausstrecken, in einer zugleich
+wunderlichen und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig Bittender,
+ungeduldig -- Betender gewähren, eine Vorstellung, von der sie selbst
+nicht das Geringste ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze
+dürstende Seele -- in einem doppelgängerischen Bilde gleichsam --
+enthüllt.
+
+ * * * * *
+
+Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter- wie
+gegeneinander bewußt oder unbewußt anwenden, ist groß. Eines davon ist das
+Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie möglich gefragt sein wollen;
+wohlverstanden: nach Unwesentlichem. Und Gegenstücke dazu: Menschen, die
+fast keine andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.
+
+ * * * * *
+
+Wie mancher muß sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben lassen. Diese
+Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. Älter
+werdend aber erkennt er mehr und mehr auch das Böse in sich. Nun aber
+hängt ihm seine Miene wie ein Schild vor, das nur die eine Seite seines
+Wesens anzeigt.
+
+ * * * * *
+
+Gewiß hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, aber sie ist denn auch
+nur für ihn ein so ungeheurer Ruhmestitel. Er selbst würde vermutlich nie
+an dieser kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es nicht Frauen
+gäbe, die, ohne seinen 'Geist der Schwere' himmlisch unbefangen daran
+vorüber und dem entgegenschritten, was ihrer Seele -- denn für sie gibt es
+in der Tat und horribile dictu noch eine Seele -- not und wohl tut.
+
+ * * * * *
+
+Wie ein Wind über ein Ährenfeld, so ging diese durchfahrene Viertelstunde
+über seine bewegliche Seele.
+
+
+
+1913
+
+
+Takt erfordert vor allem Phantasie. Man muß viele Möglichkeiten der
+fremden Seele überschauen, viele Empfangsmöglichkeiten und danach, was man
+geben kann, einrichten.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt Naturen, die für sich allein Stunden lang mit ihren Freunden und
+Bekannten reden, während ihnen in deren Gegenwart jeder Gesprächsstoff
+entfallen ist.
+
+ * * * * *
+
+Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit dir zugleich bewohnen.
+Einer dieser Hausgenossen ist ein auf den Tod Kranker, von dem du weißt,
+und viele der andern wissen es mit dir, daß ihm jeder Lärm, vor allem jede
+irgendwie laute und grelle Musik zur vollkommenen Folter und Marter wird.
+Da erscheint ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem Hause und fängt an
+seine Operetten zu spielen. Dein erster Gedanke ist: Dem Mann muß sofort
+ein Geldstück gegeben werden, das ihn veranlaßt, sein Spiel einzustellen
+und weiterzugehen. Aber du kannst es nicht, denn du liegst selbst zu Bett
+und deine Bedienung ist ausgegangen. Aber das ganze übrige Haus! Einer
+wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, wenigstens einer aus der
+nächsten Umgebung des Kranken. Niemand rührt sich. Der Musikant spielt
+eine Viertelstunde lang, er überbietet sich.
+
+Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer darinnen vielleicht hat
+jeweilig den rechten ursprünglichen Gedanken -- den Gedanken, der sich im
+Grunde von selbst versteht -- aber er ist an seiner Ausführung gehindert.
+Vielen andern geht auch noch so etwas Ähnliches durch den Sinn -- aber sie
+lassen es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermiß daraus die Kraft
+der _Originalität_ des Menschen, berechne daraus die Möglichkeit, die
+Wahrscheinlichkeit einer wahrhaft originellen Handlung.
+
+
+
+
+ERKENNEN
+
+1896
+
+
+Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewußtsein.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.
+
+
+
+1905
+
+
+Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten
+Mal wirklich sieht.
+
+ * * * * *
+
+Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen, soweit er sie selbst
+erkennen kann, um darauf umso freier und unbefangener seine Beobachtungen
+und Meinungen niederzulegen.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschen haben sich daran gewöhnt, von hinten nach vorn, statt von
+vorn nach hinten zu denken.
+
+
+
+1906
+
+
+Bedeutet es schließlich etwas, seine Kniee und Füße anblicken zu können?
+Und doch kannst du es nur solange, als du in dir lebst.
+
+ * * * * *
+
+Nur der Erkennende lebt.
+
+ * * * * *
+
+Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse
+alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergißt, daß sie eine
+seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die
+vergißt, daß sie selbst Mysterium ist, sie fällt mit der übelsten
+Schwarmgeisterei in eins zusammen, sie ist im Tiefsten inferior, allein
+schon rein intellektuell genommen.
+
+ * * * * *
+
+Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine
+wesentliche.
+
+ * * * * *
+
+Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit dem Feuer. Wenn
+der Alltag nicht wäre mit seinen 24 breiten Körperstunden, wenn wir nicht
+als Tiere so fest und ökonomisch gebaut wären, so würde unser armes Gehirn
+zehnmal statt einmal verbrennen, so wäre philosophische Begabung und
+Anwartschaft auf Verrücktwerden dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn
+auch immer gewagt werden dürfen. Zwar, der Einsatz ist dein Leben, aber
+wenn du auch die Gefahr nicht bestehst, so _brauchst_ du selbst keineswegs
+grundsätzlich zu verlieren.
+
+ * * * * *
+
+Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du zu Tisch einladen.
+
+ * * * * *
+
+Jedesmal wieder, wenn man so recht in die 'Welt' hineindenkt, kommen einem
+alle menschlichen Gedanken darüber vor wie Kinderstammeln, was sage ich,
+wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres Grashalms in die
+Luft hinaustasten. Und das gilt nicht nur von gewöhnlichen Gedanken, das
+gilt ebenso von den tiefsten Gedanken unserer fähigsten Köpfe. Nur daß wir
+durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht -- besser vielleicht von einem
+Unendlichfachen auf ein Fünffaches gebracht -- haben, ermöglicht uns, in
+ihr mit so festen Schritten zu wandeln; nur daß wir meinen, 'die Welt' in
+Wahrheit vor uns zu haben, wie ein gewaltiges Gemälde, das -- wenn auch
+nur im Großen -- so sei, wie wir es sehen, ermöglicht den ganzen Schatz
+menschlich-bürgerlichen Hochgefühls, die Freudigkeit des Tatmenschen, den
+tragischen Stolz des Philosophen, die königlichen Empfindungen des
+Künstlers. Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere
+Beschränktheit, der wir das Gefühl unbeschränkter Entwickelungsfähigkeit
+verdanken. Aber umsonst. Irgend einmal und dann immer wieder wird -- wenn
+auch nur blitzartig -- die Armut als Armut, die Beschränktheit als
+Beschränktheit erkannt, die großartige Illusion zerreißt und die
+Geschichte der Erde und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison
+des 'Universums' als -- bürgerliches Schauspiel, eines unter unzähligen,
+Verfasser unbekannt, Wert indifferent.
+
+ * * * * *
+
+Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte geschrieben.
+
+ * * * * *
+
+Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke Wurzel fassen und groß
+werden. Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker lockern für das beste
+Korn, ist alles.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt kein größeres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als --
+schreiben zu können. Vergiß deinen Stil, vergiß allen Stil, überlaß dich
+ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, überlaß alle 'Kunst' denen, die mehr
+Künstler sind als Wahrheitssucher.
+
+ * * * * *
+
+Der Materialismus hat uns in viele Jämmerlichkeiten gestürzt, aus denen
+wir uns erst nach und nach wieder erheben werden.
+
+ * * * * *
+
+Alles Denken ist Zurechtmachen.
+
+
+
+1907
+
+
+Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend andre. Wird dieser Begriff
+mehr und mehr aus der Welt geschafft, so heißt das nichts weiter als: wir
+brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er ist für uns
+aufgegangen in den Begriff Entwickelung.
+
+Wunder nannte man einst alles Übernatürliche. Da man heute übereingekommen
+ist, alles überhaupt Mögliche dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es
+nichts Übernatürliches, also auch kein Wunder mehr. Aber Natur ist auch
+nur ein heuristischer Begriff und wer sich in der Zwangsjacke eben dieser
+Begriffe nicht wohl fühlt, wird ihn abermals entthronen und das alte Wort
+Wunder -- vielleicht auf lateinisch als 'Mysterium' -- in einem neuen
+größeren Sinne über ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, daß
+Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?
+
+ * * * * *
+
+Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die 'Natur' auf 'natürliche'
+Weise erklärt sehen zu wollen.
+
+ * * * * *
+
+Wie mancher Gedanke fällt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben
+konfrontiert wird.
+
+ * * * * *
+
+Ich meine: Gehirn und Dinge sind in _Einem_ Zirkel beschlossen. Im Gehirn
+kann nicht sein, was nicht im Stoff ist.
+
+ * * * * *
+
+Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter den Formen von Zeit und
+Raum begreift, so ist anzunehmen, daß der unendliche Stoff hier keine ihm
+nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, oder: wird
+zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, die unter Raum und Zeit
+begreift, erstand doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann
+darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell von diesem
+verschieden sein ...
+
+ * * * * *
+
+A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen reden würde, so möchte er
+wohl fröhlichem Lachen begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen
+wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie der Ameisen
+wäre? Stelle dir nur an einem schönen Sommerabend den Erdball und das
+Leben auf seiner Oberfläche vor!
+
+B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur nicht zu dem einen
+Gedanken gebracht hätten: alles ist mir nur insoweit bekannt, als es meine
+Vorstellung ist. Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, gibt ihm
+zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel gegenüber zu behaupten,
+denn das Bewußtsein, daß alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm
+ist, ja, noch mehr, das dies 'er selbst' nur ein Bild -- soll er sagen
+sein Bild? -- ist, erlaubt ihm, deinem Ameisengleichnis den Stachel zu
+nehmen, so gut, wie dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung steht
+nun für ihn so: Auf der einen Seite 'alles Seiende' als Bild. Auf der
+andern das, welches 'all dies Seiende zusamt sich selbst' -- als Bild
+empfindet. --
+
+Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und was ich beim Lesen
+Meister Ekkeharts einmal so formulierte: Gott ist ein Subtraktionsexempel.
+
+ * * * * *
+
+Betrachte den Fühler dieses feingliedrigen Käfers. Was ist der Mensch
+anderes als solch ein Fühler, von unbekannter Urkraft ausgestreckt,
+tastend sich über die Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend
+zurückgekrümmt auf sich selbst -- ? Der Mensch, ein Taster Gottes nach
+Sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Alles Denken ist Übersetzen Gottes ins Rationalistische. Von Gott, dem
+Original, wissen wir nur durch Gott, den Übersetzer.
+
+ * * * * *
+
+Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach,
+auch aus ihnen, den Spöttern, redet leider nichts anderes.
+
+ * * * * *
+
+Ich lese mit Erschütterung in Hegel, an dem ich immer vorbeigegangen war.
+Zwei Dinge hielten einst schon den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte
+geheime Neigung zu entziehen: Seine überlebensgroße Büste, die ihm am
+Kastanienwäldchen hinter der Berliner Universität manchen bedeutenden
+Augenblick schuf, und das über ihn umlaufende Wort: niemand habe Hegeln
+zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. Ich halte den nämlich
+nicht für den Träger und Offenbarer höchster Erkenntnisse, der diese
+Erkenntnisse ein für alle Mal 'versteht'. Das Höchste vermag der
+menschliche Geist auch nur in höchsten Momenten zu leisten, und manchmal
+ist es nur ein Blitz, der die Tiefe der Welt sekundenlang aufreißt.
+
+ * * * * *
+
+Entweder man ist Künstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst,
+ja liebt sie, -- aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem
+Ernst allein sein will.
+
+ * * * * *
+
+Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die Bürgerlichkeit so vieler
+bisheriger Philosophie. Es fehlt mir darin zu sehr an jener Überwältigung
+des menschlichen Geistes durch das, was ihn wohl überwältigen darf: die
+nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich erlebten
+Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. Für mich beginnt Philosophie
+hart vor dem Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre auch. Und sie
+muß immer wieder bis hart an den Wahnsinn führen, das ist beinahe eine
+Forderung der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst einen
+Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verrät. Ohne Leidenschaft aber ist
+jede Tätigkeit großen Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, gemein.
+
+ * * * * *
+
+Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt dem Klettern einer Gemse
+seinen Ursprung. Dies bedenke auch du, der du auf Gedankenbergen
+herumkletterst, und -- freue dich dessen oder mache dir Vorwürfe darüber
+oder beides zugleich, je nachdem du geartet bist.
+
+Man muß Pessimismus und Optimismus als 'Stimmungen' hinter sich lassen,
+wenn man, obzwar erkenntnislos, aber von allen Seiten umwittert, den Pfad
+der Wirklichkeit wandelt.
+
+ * * * * *
+
+Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den fortwährenden
+Zweifelns. Denn nur, wer die Relativität jeder Meinung eingesehen hat,
+sieht zuletzt auch die Relativität dieser Einsicht ein -- und schwingt
+sich endlich vom letzten Erdenwort in -- Sich selbst zurück.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so
+würde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu überwinden. Aber
+dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem obersten Siebe
+liegen, das alle andern passiert haben.
+
+Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu können. Denn wenn ich sage:
+Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts andres als: eine
+Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt nur
+einen Weg hinein.
+
+ * * * * *
+
+Welche Vorstellung wäre zuletzt nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt
+man, sei die Vorstellung eines persönlichen Gottes. Aber der
+Naturforscher, der sich die Welt unpersönlich, nämlich als Natur, als
+Wirklichkeit, als einen unendlichen Knäuel von Wirkungen denkt -- hat ja
+auch von sich selbst kein anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich
+'naturwissenschaftlich' als 'Natur' und projiziert sich (in seiner neuen
+Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich ins 'Universum' hinein wie
+früher. Oder vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion.
+Anthropomorph ist und muß 'alles' bleiben.
+
+ * * * * *
+
+Das menschliche Denken ist wie eine trübe Flüssigkeit, die sich im Lauf
+der Jahrhunderte langsam klärt. Nach immer mehr Erklärung trachtet der
+Geist, aber das Ergebnis ist nur immer mehr -- Klärung. Und zuletzt wird
+das Denken schön geworden sein, wie klarer Honig, klares Wasser, klare
+Luft.
+
+ * * * * *
+
+Mir fällt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie hat nie recht
+genug -- Phantasie, Sie zerbrach nie ihre Begriffe -- aus Phantasie.
+
+ * * * * *
+
+Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache weniger Schande als
+die indocta, scheint mir das Erschöpfendste, was über das Problem der
+Wissenschaften gesagt werden kann.
+
+Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr wert als die Wahrheit
+selbst, um Lessingsch zu reden; noch wertvoller als der Weg selbst scheint
+der Wille zu solch einem Wege.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich an Kant hält, dem muß alle Metaphysik erscheinen wie das
+hartnäckige Surren einer großen Fliege an einem festgeschlossenen Fenster.
+Überall wird das Tier einen Durchlaß vermuten und nirgends gewährt die
+unerbittliche Scheibe etwas anderes als -- Durchsicht.
+
+ * * * * *
+
+Gesetzt und endlich einmal festgehalten, daß alle Wissenschaft nur
+Beschreibung und nicht Erklärung sein kann, steht dem nichts im Wege, den
+Menschen als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.
+
+ * * * * *
+
+Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist würde
+verstummen und -- sterben.
+
+
+
+1908
+
+
+Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal ihren Wert als
+Wissenschaft, den man allgemein für ihren eigentlichen, für ihren
+Hauptwert hält, und der doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als
+einer Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren Übung dem
+Einzelnen die Möglichkeit gewährt, seine Persönlichkeit (ganz ebenso wie
+es z.B. die Disziplin bei einem Streckenwärter tut) zu kräftigen, zu
+entwickeln, zu erhöhen. Und das ist ihr Hauptwert.
+
+Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen Berufe. Sie sind vor
+allem _Kunstgriffe_ -- um der Kultur der Persönlichkeit willen. Es könnten
+auch andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit zahllosen
+Planeten noch zahllose andere finden. Die Gesamtheit dieser Kunstgriffe
+und ihrer Benutzung nennt man dann die Geschichte des Planeten.
+
+ * * * * *
+
+Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-Türen-Einrennen.
+Dreiviertel seiner Kraft geht darauf flöten.
+
+ * * * * *
+
+Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verständlich reden. Genug,
+fürs erste, daß man sich selber verstand. ('Ich und Mich, der Freund ist
+immer erst der -- Dritte.')
+
+ * * * * *
+
+Ich möchte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer mathematischen Figur
+geben, z.B. die Anschauung Gottes in Form einer Kugel, aus einem
+Mittelpunkt strahlend.
+
+
+
+1909
+
+
+Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der größten
+Materialismen der Epoche.
+
+ * * * * *
+
+Man fragt sich oft: wie ist es möglich, daß dieser große Intellekt dies
+und jenes nicht gesehen oder seines Blicks nicht gewürdigt haben sollte.
+Aber ebenso übersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge, von denen
+wieder spätere nicht begreifen werden, daß sie für uns offenbar völlig im
+Schatten lagen. Man darf wohl sagen, jeder Blick vorwärts ist zugleich ein
+Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt. Der Geist gleicht einer
+Granate, deren Gebiet das vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres
+Ausflugs und dem ihres endlichen Aufschlags ist.
+
+ * * * * *
+
+Frage die Philosophie sich erst einmal: 'wo bin ich hergekommen?'
+
+ * * * * *
+
+Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen
+uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich,
+es gibt nur Uneingeweihte aller Grade.
+
+ * * * * *
+
+Ein vorläufiger kritischer Gedankenstrich: daß man über ein gewisses Maß
+hinaus nicht wissen könne, verwandelt sich unvermerkt in das Postulat,
+niemand habe außer den 'nun einmal festgestellten' Grenzen etwas zu
+suchen. Man fühlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner
+Kaufleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht führen, erklären, es
+gäbe diese Ware überhaupt nicht.
+
+
+
+1910
+
+
+Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf
+den Hackblock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach
+rechts auseinander -- da erreicht dich erst der Schall. So mögen wir die
+Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu
+ihr gehört, die Seele, die von ihr redet.
+
+ * * * * *
+
+Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut auf morgen verstehen zu
+müssen glaubt, der sich über die augenblickliche Konfiguration der Erde
+nicht so hinwegzusetzen vermag, daß ihm heut und morgen zu
+Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die Götter und ihre Werke
+verstehen, vor dem tausend Jahre nicht wie ein Tag sein können und wie
+eine Nachtwache.
+
+ * * * * *
+
+Man muß aufhören können zu fragen, im Täglichen wie im Ewigen.
+
+ * * * * *
+
+Weder 'ich' bin, noch jener 'Baum' ist, sondern ein Drittes, nur _unsere
+Vermählung_, ist.
+
+
+
+1911
+
+
+Über jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und
+Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte
+verhüllt.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz
+Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen.
+
+
+
+1912
+
+
+Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph
+ist nicht Politiker, sondern Künstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut.
+
+ * * * * *
+
+Der Systematiker nötigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt:
+Baue mir meine Gedankengebäude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst
+zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den
+Geist.
+
+Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche.
+
+ * * * * *
+
+Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem persönlichen Grunde hat
+er das gesagt, -- fügt sich selbst den größten Schaden zu; denn er geht am
+einzig Wesentlichen in dessen Sätzen vorüber, daran nämlich, ob sie wahr
+in sich selbst sind oder doch sein können, oder nicht. Gewiß ist jede
+Philosophie von der Persönlichkeit ihres Erzeugers gefärbt und darf
+dementsprechend empfunden und gewürdigt werden; aber über alledem steht
+ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgeprüft und entschieden werden kann, _ohne
+Ansehen der Person ihres Urhebers_.
+
+ * * * * *
+
+Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, über Kopf, Hals
+und Schulter gesonnen! Wieviel Mühe gibt man sich nicht, ihn und das
+Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst
+verstanden werden könnte, müßte.
+
+ * * * * *
+
+In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil
+Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange
+denkt, während die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum
+des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu
+popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die
+Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott
+erfüllt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt.
+
+ * * * * *
+
+Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzulösen, wie,
+materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.
+
+ * * * * *
+
+Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts
+vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn für Feierlichkeit'
+ab.
+
+ * * * * *
+
+Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten;
+es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.
+
+ * * * * *
+
+Zu Ende denken ist alles ... Da wäre das erste, diesen Satz zu Ende zu
+denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende'
+denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles,
+also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das
+Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen heißt also, es bis zu Gott
+hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen.
+
+ * * * * *
+
+Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die
+sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu
+verbrennen.
+
+
+
+1913
+
+
+Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen lächelnden Festungen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn einer heute in zehn Büchern dargetan, daß der Mensch _nichts wissen_
+könne über Gott und die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine
+Mitwelt einen '_Wissenden_' und erbringt damit den Beweis, daß man zehn
+Bücher schreiben und zehn Bücher lesen und doch noch nicht so weit sein
+kann, sich folgerichtig auszudrücken.
+
+ * * * * *
+
+Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, über sie nachzudenken; wer
+sie zu wenig liebt, kann nicht gründlich genug über sie denken.
+
+ * * * * *
+
+Inmitten unzähligem Hin- und Herreden der Einzelnen wächst still und groß
+das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter.
+
+
+
+
+WELTBILD: ANSTIEG
+
+
+ _('Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.')_
+
+
+
+1891
+
+
+Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu
+wandeln.
+
+
+
+1893
+
+
+Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je nötig, den
+Blick aus den Tagesaffären emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg
+auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren
+Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist.
+
+
+
+1895
+
+
+Weltuntergang.
+
+Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zurück, aufwärts, in das
+Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft. Die Knoten lösen sich wieder. Die
+ganze Welt lebt sich so selbst ...
+
+ * * * * *
+
+Tod einer Welt: ihre Geburt.
+
+ * * * * *
+
+Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht schon wieder im
+Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine Grenzen der Dinge.
+
+ * * * * *
+
+Sich die Menschheit als die Blätter des Erd-Baums zu denken!
+
+ * * * * *
+
+Hängt malus böse mit malus Apfel zusammen? Annahme eines Christen.
+
+ * * * * *
+
+Der beste Beweis für die Gotteskindschaft Christi ist der, daß es Zeiten
+gab, wo jeder Teufel vor einem Kreuz die Flucht ergriff.
+
+ * * * * *
+
+Wesen der antiken Götter: Bewußtsein des Fatums.
+
+ * * * * *
+
+So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens möglich waren und teilweise
+noch sind, so gut dürfen wir es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen.
+Weihe ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligtümern, so werden sie
+selbst in unsern nüchternen Städten emporwachsen können. Der Mittelpunkt
+muß freilich ein großes Nationalheiligtum sein, etwa in Thüringen.
+
+ * * * * *
+
+(Undatiert.)
+
+Was ist 'persönlicher Gott' anderes als der Riesenschatten, den wir selber
+auf den Vorhang der ewigen Mysterien werfen.
+
+ * * * * *
+
+Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke projiziert. So
+projizierst du dich auf die Wand des Außer-Dir. Wie du dich dort siehst,
+das nennst du 'Welt', das Bewußtsein dieses (dich) So-Sehens deine
+'Weltanschauung'.
+
+ * * * * *
+
+Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das All ist.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt ist nur eine Form des Menschen.
+
+
+
+1905
+
+
+Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, wird man gestehen müssen,
+daß Gott, der Schöpfer, der größte Gedanke war, der je in ein
+Menschengehirn kommen konnte, wie zugleich Gott, der Sittenrichter einer
+der beschränktesten. Aber so gewiß der letzte unzählige Male bis zu Ende
+gedacht worden ist, so ungewiß ist es, ob der erste je in seiner ganzen
+unerhörten Mächtigkeit Herz und Hirn eines Sterblichen ergriffen und
+zerstört hat.
+
+ * * * * *
+
+Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, das Rätsel Christi
+zu lösen.
+
+ * * * * *
+
+Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die
+religiöse Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft
+wird ins Innere selbst verlegt.
+
+ * * * * *
+
+Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch hat kein Vorrecht auf Rücksicht. Groß und unbeirrt geht die
+Natur ihren Gang, und Legionen denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr
+Denken noch nicht Macht genug über ihr Leben gewonnen hat.
+
+ * * * * *
+
+Wie könnten wir die große Selbstkorrektur des Lebens anders als
+ahnungsvoll verfolgen?
+
+ * * * * *
+
+Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, über sich ins Reine zu
+kommen.
+
+
+
+1906
+
+
+Wie die Sprache für uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist
+interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verhältnisse sich oft
+genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein
+Liebesverhältnis, für dessen Entwickelung sich das Leben gewissermaßen
+viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der 'Zufälle'.)
+
+ * * * * *
+
+Alles Lebendige ist umflossen vom Äther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft
+der lebendigen Welt ist ein leicht entzündliches und jeden Augenblick an
+hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Gibt es eine schönere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn 'Tag um
+Tag in sein Gebet mit einzuschließen'? Und doch haben wir diese Form
+fallen lassen müssen ...
+
+ * * * * *
+
+Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schluß des Johannes-Evangeliums.
+Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: 'Hast du mich lieb?' Es ist,
+als ahnte und fürchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze
+offizielle Kirche, die ihn unzählige Male vergessen und verraten sollte.
+'Weide meine Schafe!' Eine welthistorische Szene. Und Christus verkündet
+ihm seinen Tod. 'Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!'
+'Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen Jesus lieb
+hatte ...' 'Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber
+dieser?' 'Jesus spricht zu ihm: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme,
+was geht es dich an? Folge du mir nach!' 'Da ging ein Reden aus unter den
+Brüdern: Dieser Jünger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er
+stirbt nicht, sondern: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht
+es dich an?' Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem
+andern, dieses allerletzte Wort -- nach dem letzten -- an den Vertrauten
+seiner Seele. -- 'Was geht es dich an?!' -- 'Bis ich komme. --'
+
+
+
+
+WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS
+
+1906
+
+
+Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenfällt,
+wo er aufhört, sich als Sonderwesen fühlen zu können.
+
+ * * * * *
+
+Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit göttlichen
+Geistes. Religion ist die Erkenntnis, daß alles Denken göttliches Denken
+ist, wie alle Natur göttliche Natur, daß jede Handlung eine Handlung
+Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, daß Gott nur soweit Gott
+ist, als er Welt ist, daß die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, --
+daß in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewußt
+wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewußt wird.
+
+ * * * * *
+
+Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer
+bist du. Dein Denken schweigt. Du fühlst dich wie hinweggehoben,
+zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfaßbare
+Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer
+bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und weiß
+keine Antwort, erstummt in sich selbst ...
+
+ * * * * *
+
+Wie kann es eine Sünde für mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen
+Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht
+ein Recht hätte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der Täter ist
+zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein,
+vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind
+und dem gegenüber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur
+dies übrig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden
+haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv für Uns, als
+Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.
+
+ * * * * *
+
+Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber
+bedenke, daß du es dir selbst tust.
+
+Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue selbst das Äußerste.
+Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerstören. Mit diesem Gebot bist du
+frei zu allem und doch wird es dich weise machen.
+
+ * * * * *
+
+Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gotte, daß ich
+dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allmächtige Gott bin
+und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber
+ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen vermögen; er wird
+niemals begreifen, daß er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist:
+und ich werde als Mensch wie ein Verrückter dastehen und als Gott auf mich
+den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er
+ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, daß er mit
+ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.
+
+ * * * * *
+
+Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,
+leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer
+Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem
+beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen; ein Schwächling, ja
+ein würdeloser Mensch mitunter, ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von
+einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine Wärme über sein Leben
+verbreitet, deren eigentliche Ausbrüche indessen nicht so sehr von Belang
+sind, sodaß man bei ihm zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das
+Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr
+geringen Fähigkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer
+angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und
+Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von
+schlechtem Gedächtnis, ungeübt und träge im Dialektischen, durchdringend
+nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt zu
+verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Außer-Ihm zu erkennen; --
+denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und
+der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her
+wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden läßt; denn er springt auf
+seine inneren Erlebnisse nicht zu, er läßt sie leben oder sterben je nach
+ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewußtsein seiner selbst zu
+bringen scheint, als wäre alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit:
+sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig --
+Bestehende zu sehen, als wäre es geradezu eine 'Ver-rücktheit', sich
+'Gott' gegenüber als irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches,
+Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja die Frage 'Gott'
+überhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als müsse man -- _sich sich
+selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich
+hat, der hat auch den Vater. --'
+
+Wie mich diese steten Wiederholungen einst ärgerten, wie einfältig und
+eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe
+wiederholte!
+
+Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl heraus dieses
+unermüdliche Betonen geflossen sein muß ...
+
+ * * * * *
+
+Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als
+Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist
+dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze
+bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist,
+ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist höchste Bejahung und
+höchste Bejahung Wahrheit.
+
+ * * * * *
+
+Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde, was ich erfüllt
+haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und
+schläft dort ein, wie es gut ist. Was sträubst du dich gegen das, was du
+dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist,
+daß du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses
+Wortes faßte, da wäre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein
+Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist
+Tod, das wußten alle Völker. Gott erraten ist Leben.
+
+ * * * * *
+
+Jahrhunderte stritten über das Wort Dreieinigkeit Und doch enthält es die
+Welt, für ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist
+und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar
+erklären kann. Der Sohn, das ist dies selbe göttliche Leben als sich
+erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der
+heilige Geist, das ist das langsame Weitergären dieser Erkenntnis auf
+Erden: daß alles 'Gott' ist. --
+
+ * * * * *
+
+Tief unten schlachten sich noch die Völker, es raucht das Blut und in
+Selbstzerfleischung fällt noch -- Blindes sich selber an. Warum tue -- Ich
+das. Ich weiß es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige
+Geist hat das Tier erst zur Hälfte verwandelt.
+
+ * * * * *
+
+'Gott ist nur der Lebensfunke.' Schön. Dieser Funke aber bildet Sterne und
+Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott über sich in den Mund. Und
+so brauch ich's denn.
+
+ * * * * *
+
+Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das
+Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort,
+sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe den verwandelnden Blick.
+
+ * * * * *
+
+Vor einer Anzahl von Leuten der 'guten Gesellschaft'. Sind es nicht alles
+Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind
+so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie müßten auch fast alle
+mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen
+zu wenig über sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an,
+sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30
+Jahren sich gefunden zu haben -- sie nennen es: erwachsen sein -- und
+setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes
+von ihnen mehr sehen oder hören; als ob man nicht von jedem Menschen in
+jeder Stunde Unerwartetes erwarten müßte! Man kann sie vorausberechnen wie
+irgend etwas ganz Gewöhnliches -- und dabei sind sie das Ungewöhnlichste
+der Welt, nämlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in
+sich: eine zu jeder Unerhörtheit fähige Seele. Sie haben ganz vergessen
+oder nie begriffen, daß sie -- Gott sind, sie begnügen sich damit, Herr X
+oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu
+sterben.
+
+ * * * * *
+
+Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es,
+den ich unter der Bezeichnung 'bürgerlich' überall aufspüre und verfolge.
+Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte
+täglich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land
+gehen lassen, der keine andre Bedeutung hätte, als die, den Menschen in
+Erinnerung zu rufen, daß sie nicht nur Bürger von diesem Namen und jenem
+Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man müßte
+eine eigene Glocke dafür erfinden und in unzähligen großen und kleinen
+Exemplaren gießen lassen: eine 'Gedächtnisglocke des Menschen'. Wo aber
+ein Tempel gebaut würde, da müßte über seiner Pforte stehen: Dem
+furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu
+dürfen: die Erkenntnis des Bürgerlichen. Als das Bürgerliche bezeichne ich
+das Absehenkönnen des Menschen davon, daß er das Geheimnis der Geheimnisse
+ist, das Sichhinstellen- und Verharrenkönnen des Menschen als eines
+Zweiten. Bürger heißt: der sich in einer Burg Bergende. Bürger heißt mir
+der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres
+als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott fühlen,
+der er ist. Es kann Gott sich nur bürgerlich und nicht anders ergreifen.
+Das Menschliche ist schlechtweg das Bürgerliche.
+
+ * * * * *
+
+Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts
+Außerbürgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich
+Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist überflüssig, ebenso
+wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen
+Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist 'Burg'. Seit Welt überhaupt ist,
+gibt es nur Gott, den Geborgenen, den Bürger.
+
+ * * * * *
+
+(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor
+sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich
+unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen hin und her
+treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines großen
+Behälters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist
+Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als
+sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt
+und aus ihren nur als sie!
+
+ * * * * *
+
+Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie
+das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erhält, diese
+Menge, die unter den Händen der Aufklärer zu einem platten, sich selbst
+und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich
+unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige
+ebenbürtige Gefährtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider
+anbetrifft, so dürften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrwürdig, ganz
+verschiedenen Charakters, gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.
+
+ * * * * *
+
+Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes
+Bildnis an allem.
+
+ * * * * *
+
+Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen etwas wie eine
+Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie
+ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.
+
+ * * * * *
+
+Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan
+Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der
+Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein
+Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und
+jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne
+Maß große schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde
+dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und
+scheint nicht alles aufgelöst -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o
+nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erfühlenden Abgrund von solcher
+Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil
+verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen
+Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot
+niederwerfen würde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde
+länger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im
+Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der
+Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich
+Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig
+wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er
+erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich
+Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas
+andres, ob jenes kleine Mädchen, von dem Iwan Karamasow erzählt, sich als
+eben dieses Mädchen die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es einen
+Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst kämpfenden, um sich
+selbst kämpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses Mädchen ist dort
+noch bürgerlich gesehen, göttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu
+liebenswert für unsere Liebe, wie zu tief für unsere Klage.
+
+ * * * * *
+
+(Nach einem französischen Roman.)
+
+Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern
+bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen
+und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe, die der
+Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder einmal in die Häuser der Bürger
+bräche, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Straße getrennt, das
+grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit, den Schmutz, die
+Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun müßte,
+der dies nicht _alles selbst_ wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst ist,
+darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die
+Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist
+ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er selbst
+dieser Rausch _sein_ muß, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, daß
+er er sein muß, um ihn (möchte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu müssen
+und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen wäre -- im
+Urteilen aber schläft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich
+sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die
+Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu erröten wie ein
+feiler Genüßling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine
+höchsten Zustände nicht, er ist in schrecklicher Fülle und Wahrheit alles,
+von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch
+einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Spätere Anmerkung:
+Solange er nicht selbst darum 'weiß'. In diesem Moment beginnt seine --
+Sittlichkeit.)
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, und nichts, das ich
+nicht überwinden möchte.
+
+ * * * * *
+
+Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, daß sie Liebe Gottes
+zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein
+kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist
+ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe plötzlich
+zusammenschmelzen könnte in einen dritten Körper, dann würde die Erde
+vielleicht im selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.
+
+ * * * * *
+
+Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der Optimismus Herr
+geworden sei. Und fürwahr, mit dieser Zählmaschine in der Hand wird der
+Mensch ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des
+Daseins verliert ihre Gewalt für ihn, er klassifiziert, klärt auf,
+korrigiert hier und dort. Eine Welt, für die es nur die Eine Bezeichnung
+'furchtbar' gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das bloß
+der Tod seine ungemütlichen Schatten wirft. -- Sei bedankt, Tod,
+millionenmal bedankt, daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens
+bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufhörlich darauf
+gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich würde Gott am eigenen Leibe
+verfaulen.
+
+ * * * * *
+
+Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die
+Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht nur der
+Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der Kälte des Universums zieht sich
+das Wasser als Haut zusammen, so vor der Kälte des Unbegreiflichen der
+Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall,
+rettet sich vor dem Verfall, indem er _denkt_.
+
+ * * * * *
+
+Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles,
+was geschieht, ist Mein bewußter oder unbewußter Wille und als solcher
+unantastbar. Damit aber fällt zugleich die übertriebene Wichtigkeit alles
+Geschehens dahin. Alles ist wichtig -- als göttliche Äußerung; und nichts
+ist wichtig -- ebenfalls als göttliche Äußerung. Gottheit ist Fülle, und
+Fülle weiß nichts von dem, was sich Kümmerlichkeit als Gewinn und Verlust
+herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des Bürgers, Gott sah sich
+selbst als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten müssen. Aus dem
+Gott-Bürger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische
+Gott.
+
+ * * * * *
+
+In einen Roman:
+
+'Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so groß, wie er
+vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann
+nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und
+werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber geschüttelt. Ich
+bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben
+fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich
+verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke dies schöne Gleichgewicht,
+um das mich so viele beneiden, nicht zerstört, und wie ich im Innersten
+nur jenes Eine begehren muß: den Schmerz, den unentrinnbar tödlich
+verwundenden, den --'
+
+ * * * * *
+
+(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu fühlen, kann nicht
+Größenwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als
+Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu dürfen glaube, so
+gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen überhaupt
+gleichfalls als Gott: sodaß da nichts ist, was sich über andres überhöbe,
+oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe übereinander
+überheben.
+
+ * * * * *
+
+(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und gelehrte Buch 'Die
+Religion als Selbstbewußtsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am
+tiefsten faßt, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von
+unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit gerade die energischste,
+bedeutendste! Man möchte den Geist des Verfassers eine umgekehrte
+Wünschelrute nennen.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine --
+Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt gehören, so gehören
+Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit
+hinein.
+
+ * * * * *
+
+(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit, Ermattung und
+Größe, einer Größe, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, glühenden Seelen
+der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte,
+wüßte ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den
+Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen
+Sturm der Seele wieder, der oft lange schläft, sich lange unter allerlei
+psychologischem, politischem, was weiß ich für Kleinkram verkriecht, um
+sich dann plötzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben,
+emporzusteigen, alles zu überschütten, zu überstrahlen, daß das Herz zu
+klopfen anfängt --
+
+ * * * * *
+
+Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er führt eine Anzahl Menschen
+ein, die uns zunächst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie
+durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis für
+jeden irgendeinmal die Stunde schlägt, wo er sein Innerstes enthüllen muß.
+Und enthüllt er sich nicht aus freien Stücken -- und je bedeutender solch
+ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst
+zynischer ist er -- so wird er, ich möchte sagen, 'gestellt'. Ein andrer
+setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow',
+Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den
+'Dämonen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon später, sprechen wir
+von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie
+gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das
+andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der
+Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun muß, wenn
+es Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott leben könne; wie im
+Besondern das Russenvolk diese höchste und brennendste Lebensfrage
+entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende
+Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schlüssel des Lebens und des neuen
+Wortes gegeben sind'.
+
+Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des
+um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der
+Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.
+
+ * * * * *
+
+(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wäre, so würde ich mit meiner
+Stirn erst dreimal vor ihm den Boden berühren, bevor ich mich umwendete
+und zu meinen Brüdern spräche; denn in ihm ward eine jener großen Leuchten
+der Erde lebendig, die noch in den finstersten Nächten leuchten, -- er war
+einer der großen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen
+nicht genug sein ließ; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein
+Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.
+
+ * * * * *
+
+(Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform
+für 'Gott' -- ist das 'Selbstvergötterung'? Gott kann sich doch nicht
+selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der nicht die ganze Natur, der
+nicht alles, alles selbst wäre, der nur das Selbst, nicht auch das Ich
+zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst,
+kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt wäre?
+Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik,
+insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer
+Prozeß ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt
+keinen Metatheismus; Metatheismus aber wäre, das menschliche Subjekt noch
+einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so
+fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven
+Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung,
+Sichselbsterringung hindrängenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich
+selbst, ja: Sich Selbst zu finden.
+
+ * * * * *
+
+Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht überzeugen können. Der
+_sichselbstschöpferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn
+nicht die Philosophen, so werden die Künstler mich stets begreifen.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen
+und zu diesem Leiden gehört, daß, was da leidet, zum allergrößten Teil
+nicht weiß, daß Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes fühlt, sodaß
+ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden
+_mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen.
+Was bleibt Mir da noch übrig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und
+doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu
+Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden
+Welt, zu allem, was überhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst
+wieder an Mein Herz zurückzunehmen -- könnte Ich mich ohne diesen Willen
+zur -- Welt entschlossen haben?
+
+(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden würde. Wenn
+man mich für einen größenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten nähme!)
+
+ * * * * *
+
+Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen
+Seligkeit' verspricht, ist folgendes:
+
+Wir hören nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und
+bleiben Teilnehmer des göttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns
+(sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle
+höchste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der
+höchstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein
+höchster Glücksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese höchsten Glücksmomente
+Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische
+Ungenügendheiten zu verdächtigen. Sie sind die _einzige_ (bewußte)
+_Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr. Sie
+sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten, Ersiegtheiten,
+nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den
+die Geplagten und Gemarterten als Höchstes ersehnen, sondern Seligkeiten
+der Kraft, des außerordentlichen Vermögens, -- alles irdische Große und
+Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und
+Glückliche und einen Gott bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer, sondern
+Gott selbst ist elend und glücklich, Gott selbst fällt und erhebt sich,
+sündigt und überwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der
+anemos der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet damit die Welt, wie
+sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.
+
+Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn aber alles
+Wunder ist, das heißt durch und durch unbegreiflich, so weiß ich nicht,
+warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den
+Namen Gott sollte geben dürfen.
+
+ * * * * *
+
+Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen,
+wofür die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein
+_einziges_ Objekt. Ja, ich möchte noch weiter gehen: was geglaubt werden
+kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig. Glaube, im innersten Begriff, ist
+Annahme _aller_ Möglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je
+ein bestimmtes Geglaubtes, das heißt einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu
+finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes
+Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl Gottes von Sich selbst, Glaube
+_an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen
+Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig
+Glaube Gottes, wie Gefühl an Gott Gefühl Gottes. Daher auch keine Vernunft
+dem wahren Glauben etwas anhaben kann.
+
+ * * * * *
+
+A. Wo ist Gott ...
+
+B. Du fragst, wo Gott ist?
+
+A. Ja.
+
+B. (auf A. deutend) Dort.
+
+A. Wo? (dreht sich lächelnd um).
+
+B. Ja, du mußt dich nicht nur umwenden, du mußt dich in dich
+hineinwenden --
+
+A. Hineinwenden?
+
+B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?
+
+A. Ja.
+
+B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh um) ist Gott.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment.
+Gott ist: Persönlichkeiten.
+
+ * * * * *
+
+Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.
+
+ * * * * *
+
+Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene Möglichkeit unter
+unzähligen Möglichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den großen Hintergrund.
+Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der
+Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die
+ebenfalls jede für sich hätte hingezeichnet werden können. (Sichtbar,
+leiblich geworden sein könnten.)
+
+ * * * * *
+
+Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem Aufbau und
+beständiger Zersetzung begriffen. Es gibt für dies Wesen keinen Tod -- um
+den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des
+Dividuums. Das Individuum ist vergänglich, das Dividuum ohne Anfang noch
+Ende. Das Dividuum teilt sich fortwährend und darum besteht es
+fortwährend. Es kann nur bestehen, wenn es beständig zu Individuen wird.
+Im Individuum wird es allein fest, sodaß man sagen kann: Die
+Individualität ist die Persönlichkeit der Dividualität, oder menschlicher:
+Der Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Im Anfang war -- Mein Ziel.
+
+ * * * * *
+
+Gott heißt immer nur der jüngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es
+für den Menschen niemals geben -- so wenig es für diese meine Hand diese
+meine Hand geben kann.
+
+Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe,
+also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur
+eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und
+darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und
+_mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und
+wäre dies schließlich nicht das Letzte -- was wäre dann die Welt? Eine
+Sphinx, die, gelöst, in den Abgrund stürzen _müßte_. Ihr tiefster Sinn
+wäre damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden Grund verloren,
+weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein
+Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heißt stets unerreichtes
+Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß wir nicht einmal wissen, wo
+es liegt, wie es heißt. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt
+Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn,
+nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das
+Größte, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber.
+Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs.
+
+ * * * * *
+
+Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt
+das eine welterklärende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir
+würden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu
+Einem verhindert, um dafür die Welt der Individualformen aus ihnen zu
+bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die äußere
+Hohlkugel ist mit Gas gefüllt, die innere luftleer. Nun wird die innere
+zertrümmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen, als
+Eines, Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig assoziiert.
+Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden
+Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen,
+sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas
+verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein
+Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.
+
+Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung versetzt. Der Pilz
+bildet die außerordentlichsten und vielfältigsten Formen. Die Masse strebt
+ewig zurück zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein
+eigener Pilz.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes
+Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, nämlich: Gottes Leib.
+
+ * * * * *
+
+Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem
+Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering
+bei den Menschen das Gefühl ist, das das natürlichste von allen sein
+sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis
+Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie
+sollten sie den Gedanken fassen, daß das ganze Universum beständig in
+ihnen ist, wie sie in ihm, ja, daß jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie
+irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstraße im Grunde nichts
+anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.
+
+ * * * * *
+
+Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des Leidens die Summe des
+Glückes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor
+dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar übergewaltigen Charakter
+des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfaßbaren Komplex des Lebens nicht
+Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander
+verschlungen und verwirkt sein, daß man schon ein Prachtstück an
+Trockenheit und Pedanterie sein muß, um hier mit einer Wage heranzutreten
+und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu
+segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu
+wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins
+Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne
+vorzuschützen, daß er durch 'sorgfältiges Abwägen' zu solcher Erkenntnis
+gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein
+aushalten: Er wird bekennen, daß ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die
+Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, daß wohl ein geheimes Ja in
+seiner Seele lebt, daß er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet,
+es auszusprechen, und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der
+Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig
+wagen darf, das unversiegbare Füllhorn seiender und noch möglicher Welten
+zu verwünschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile
+unerbittlich zu bändigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man
+ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist
+Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.
+
+ * * * * *
+
+Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber er sollte dessen
+bewußt sein, daß er auf einem Meere fährt.
+
+ * * * * *
+
+Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der Menschheit unseres
+Planeten zu rechnen. Wir müssen annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über
+Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder
+in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß es sehr wohl Planeten geben kann, auf
+denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewußtsein seiner selbst
+lebt. Daß wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in
+irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl
+auch seine höchste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche
+'Mysterium' nur im immerwährenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott
+kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod. Gott muß fortwährend
+sterben, um fortwährend leben zu können. Gott stirbt nie um den Preis
+fortwährenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und
+überwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich
+sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du,
+sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du
+erkannt zu haben meine).'
+
+ * * * * *
+
+Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume.
+Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und
+Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang
+vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als
+Schönheit und Duft der großen Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt,
+minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? --
+Wachstum ist alles, das Wort 'wächst' vielleicht das letzte mögliche Wort.
+-- Und wie es unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich viel
+Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so wäre der
+Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine
+Phantasie, groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin unzerreißbar von
+menschlichen Kinderhänden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht
+stärker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem
+Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vorüberfall
+du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst.
+Aber doch eben das, und als das, etwas. --
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre der wieder geschlossene
+Ring Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring. Gott ist der Ring als
+Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring,
+unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu
+schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich
+zurücklaufender -- aber noch nicht zurückgelaufener -- Gott. Der Mensch
+ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene
+Hingott und Widergott.
+
+ * * * * *
+
+Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.
+
+'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- Wäre es nicht furchtbar,
+wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe als
+Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit
+ausgeführt, weiter gebildet zu werden? Gewiß, der gegenwärtige
+Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob
+einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar
+nicht bloß im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also
+nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment
+meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen,
+bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist
+Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist
+Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, sodaß
+seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner
+Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur
+immer wieder sterblichen Person auf immer wieder höherer Stufe wäre?
+
+ * * * * *
+
+Vor einem Sterbelager.
+
+Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verhältnissen
+wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen,
+von früher her, nur, daß wir es nie wissen, daß wir heimliche
+Zusammenwanderer sind.
+
+ * * * * *
+
+Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur
+Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott
+entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, daß er sich beständig 'verrennt',
+verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt, daß er sich selbst beständig
+Stationen schafft. Er würde wie ein Meer ins Unendliche verfließen -- wenn
+er sich nicht fortwährend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung
+finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endgültiges zu höchster
+relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das ursprüngliche Netz
+sozusagen völlig in sie hineingenommen, nun den Persönlichkeitskern als
+Eigengewinn davon zurückzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den
+andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer
+sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem fällt Mitleid ab wie ein
+Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er
+könnte ihn höchstens um dessentwillen bedauern, daß ihn sein Leid nicht in
+sich hineintreibt, daß es ihn nicht vertieft. Wer sich und den Nächsten
+als Gott erkannt hat, von dem fällt Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird
+den Nächsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer
+bringen können, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit großem Auge
+wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er
+da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden
+keinen Sinn und keinen Platz mehr.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerfällige Körper, als
+Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unablässig verkehrend.
+
+ * * * * *
+
+Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs
+die Geschichte des Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Zünde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im
+blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdrücke für
+dasselbe. Und unser Ichgefühl das Gefühl des hineilenden feurigen Punktes.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.
+
+ * * * * *
+
+Wir müssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu
+unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen,
+nicht aber wie ungefügte Klötze hinabzurutschen und hinabzupoltern, muß
+unser erster Wunsch und letzter Wille sein.
+
+ * * * * *
+
+Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die
+Mücke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die
+Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum;
+unwesentlich das Universum, wesentlich --
+
+
+
+1907
+
+
+Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das
+Unvorstellbare, das wir sind, ist weder groß noch klein. Alles ist in
+jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das
+Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein oder groß? Nein, er ist
+der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß
+und wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall, so wird er doch
+darum nicht sagen können: Wasser ist groß. Und so ist 'Gott' auch nicht
+größer da, wo er die 'Milchstraße' ist, als da, wo er in einem Menschen im
+Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend
+Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'groß'
+und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.)
+
+ * * * * *
+
+Ich fürchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich
+denken gelernt, immer wieder, --: nicht, daß wir sterben werden, ist zu
+fürchten, sondern daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter
+folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib
+nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht
+als ob etwas, was meine Seele genannt werden könnte, gewandert wäre, nein,
+sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte daß es
+wäre ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz
+und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt,
+in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein verliert? Solange ich in meiner
+Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form
+zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht
+nichts als wieder das Eine.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster Gedanke hat nichts zu
+tun mit dem Äußerlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die
+zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden
+sind, als da ist unterdrückte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele,
+Verzweiflung an sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese Zustände
+wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen:
+wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erlöst'. Diese Idee ist vielmehr
+aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anfänge bis in
+mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz
+spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches
+Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das
+mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge
+gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsfühlen mit
+allem zu einem natürlichen Gefühl macht.
+
+Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs in so hohem Maße, daß
+ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese
+etwa, daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in
+Mitleidenschaft ziehen müsse.
+
+ * * * * *
+
+Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle
+Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist --
+Gott.
+
+ * * * * *
+
+'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles
+von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche sagt aus
+Menschenmund Gott zu sich.
+
+ * * * * *
+
+In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum
+Bewußtsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal
+sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich:
+'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.'
+
+ * * * * *
+
+Man empört sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose
+und Rock nicht als ein Stück -- Gottheit herum.
+
+ * * * * *
+
+Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von außen, mit
+fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen
+Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber
+angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur
+irgend einen Menschen daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott,
+Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit
+einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu
+befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig
+werden.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den Menschen eines Tages in
+größerer und größerer Anzahl zum Bewußtsein kommt -- nicht nur nominell
+wie bisher, sondern faktisch -- daß sie in der Unendlichkeit leben.
+
+ * * * * *
+
+Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber
+noch nicht den RAUM.
+
+ * * * * *
+
+Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der
+Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)
+
+ * * * * *
+
+Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere
+Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt
+die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter ihrer
+Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen:
+Dein Gott ist eine bloße Vorstellung von dir. Gewiß ist er das. Erst die
+Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist
+irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten können, ist das
+Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir
+für uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns
+bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist
+alles. Wir haben kein andres Wort für Gott als das Wort 'alles'. Man kennt
+und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich weiß nicht, ob je mit diesem
+'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht,
+für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst hinein in dies 'alles'
+mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß
+selbst zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott -- und nicht nur in
+Gott -- sein.
+
+ * * * * *
+
+'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so
+sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er
+nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.
+
+Als Mensch 'ist' Gott.
+
+ * * * * *
+
+Auch wo Gott 'sich' fühlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.
+
+ * * * * *
+
+Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt unerklärlich sei. Die
+Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stiermäßigen Annahme des
+Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu
+wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem
+Grade.
+
+ * * * * *
+
+Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit -- als Voraussetzung aller
+Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur überhaupt: das ist eine groteske
+Wahrheit Gottes, des Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche, bleiben --
+Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes
+sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese
+Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der
+Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht löste. Andre nennen ihre
+Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder
+anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach
+gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als
+'Gott', das ist alles.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses
+Urwort muß uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.
+
+ * * * * *
+
+Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe
+begreifen könnte.
+
+ * * * * *
+
+Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner Handlungsweise zu
+Grunde (drücken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine
+aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes
+Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im
+ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun
+selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so wäre damit wohl nicht viel
+mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines
+Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erklären zu können glaubte.
+
+Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die
+Nötigung, mich mit allem um mich durch ein _persönliches_ Band verbunden
+fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus
+ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig,
+ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich
+sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir,
+das Geheimnis des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und unser
+Beider Vater als Dinge.
+
+ * * * * *
+
+Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als
+Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.
+
+Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung.
+
+ * * * * *
+
+Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und verächtlich. Aber der
+Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn
+er nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre. Gott schenkt sich
+nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man könne das Eine
+ohne das Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.
+
+ * * * * *
+
+Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die großen Grotesken
+Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.
+
+ * * * * *
+
+Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das
+Tragische.
+
+ * * * * *
+
+Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen
+ihn die vor Erwartung und Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre
+schneeweißen Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen
+voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie
+leben und leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre, wenn nun
+plötzlich ein Mann aufstünde und spräche: Nein, nicht den Vorhang auf!
+nicht auf! Sondern laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen
+Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen im Übermaß des
+Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was würde
+geschehen? Mit ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen und mit
+hundert beredten Gebärden laut oder stumm, lächelnd oder schluchzend, die
+Männer rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts? Ihr
+wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht
+mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O,
+ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns
+nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht
+und gesundem Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht zu Ende!
+-- Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich denken: Umsonst. Gottes
+Teufel ist seiner würdig. Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger
+sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein
+triumphierendes Reich, soweit Welt ist.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu
+schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft,
+dem wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht Einwand sein
+können: Denn je unfaßlicher dieser Gott ist, desto unfaßlicher wird auch
+die Kunst seines Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen
+müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche Urteilskraft.
+
+ * * * * *
+
+'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Schönheit. Überall und immer duftet
+diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist
+ihre Schönheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und
+weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner
+unbewußt, und damit mitten im -- Inferno.
+
+ * * * * *
+
+'Alles was ist, ist vernünftig' -- ganz gewiß. Freilich nicht vom
+Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus;
+aber sub specie Dei.
+
+
+
+1908
+
+
+Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die
+Tragödie Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint,
+verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein
+zu sich, sondern urewig ja _und_ nein.
+
+ * * * * *
+
+Wo einer keine Augen für sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott
+keine Augen für sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen für
+sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen für sich
+hat, und zürnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste Dissonanz
+eines ganzen Planeten als solche mit hineingehörte. Ein schauerlicher,
+wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine
+ganz persönliche Dissonanz -- nicht aufgelöst und sei es auch erst -- nach
+Äonen.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist
+er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit
+als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht genug, wenn nur
+_das_ Gott wäre! so frage ich: weißt du, wo die Welt aufhört, daß du von
+genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein
+oder 'nicht-genug'?
+
+Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann
+auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes rühren.
+
+ * * * * *
+
+Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn
+die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so weiß ich nicht,
+was Gott und Welt bedeuten.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur
+ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.
+
+ * * * * *
+
+Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich bin, sich irgend
+einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen --
+erinnern wird.
+
+ * * * * *
+
+Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen.
+Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.
+
+ * * * * *
+
+Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben -- das ist die
+Weltformel. Ich und Du, und ich und du.
+
+ * * * * *
+
+Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der Kirche ringen, so muß
+er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer
+nur als -- Ketzer möglich.
+
+ * * * * *
+
+Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott über
+Sich _gänzlich_ falsch denken _können_? Sollte nicht die barbarischste
+religiöse Vorstellung ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten _müssen_?
+
+ * * * * *
+
+Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel
+Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen: zusamt der stillgeglaubten
+Anwartschaft auf alles Andere.)
+
+ * * * * *
+
+Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben,
+wenn nicht dahin, daß Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das
+Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus dieser
+Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, muß ja
+sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische
+Buddha. Er muß das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie
+soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --.
+
+ * * * * *
+
+Frage dich nur bei allem: 'Hätte Christus das getan?' Das ist genug.
+
+ * * * * *
+
+Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der Einzelne sondern auch
+Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Persönlichkeit zu werden
+trachtet.
+
+Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was können wir Höheres aus uns machen, als
+immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie
+der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein
+Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen.
+
+Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde --
+das ist das Ziel.
+
+ * * * * *
+
+Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle
+fünfzig Jahre -- vielleicht -- Einer.
+
+ * * * * *
+
+Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen könnten, wer Christus
+war, würden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher
+verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der
+Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist für mich Christus,
+so ausschließlich, daß, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er längst
+hätte 'erfunden werden' müssen) von der übrigen 'christlichen' Menschheit
+und insonderheit ihren Theologen, daß er wie der leibhaftige Teufel auf
+sie wirken würde, hätten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl
+bis zum Letzten nachzufühlen.
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Gedächtnis, immer wieder
+komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und
+ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich erwache zu mir selbst.
+Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt
+mein Selbst an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet
+aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du
+schläfst! Wie -- wäre mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze
+geboren, wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche zusammenstoßen, ein
+Mensch, zu groß, zu reich, zu tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch
+zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen? Mir fällt ein
+Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals
+noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach
+nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade
+überwand: 'Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich möchte stärker
+sein und bin es nicht, und daß ich stärker nicht noch schwächer bin, als
+wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das fällt mir ein:
+Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis zu bitterster Todfeindschaft,
+die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein
+Flehen um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören mußte und
+erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz,
+zerspalten in Reichtum und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend aus
+seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Schöpferischen in seine
+Arme herabzureißen, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner
+flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Alltäglichen,
+von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das
+wäre ich! Das bin ich?
+
+
+
+
+WELTBILD: AM TOR
+
+1907
+
+
+Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den
+Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen!
+
+Welches naive Auge würde je darauf kommen, dich als eine einheitliche
+Ordnung von Legionen selbständiger Wesen zu verstehen und welches Auge
+würde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit
+überhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir
+uns nur nicht vorstellen können?
+
+ * * * * *
+
+Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles
+überallher kommt.
+
+ * * * * *
+
+Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt
+fortwährend in der ganzen Natur.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die Zahl. Sie ist die
+absurdeste Fälschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen
+ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf.
+
+ * * * * *
+
+Der große Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus
+schaffen zu können, der schließlich wie ein Lebewesen wird und leben soll,
+und sei es auch nur ein Infusorium. Und übersieht dabei nur eins: daß es
+ein einzelnes Infusor für sich allein gar nicht gibt, daß man das ganze
+Weltall nachschaffen müßte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit
+lebendig zu machen -- denn man kann nichts von außen hineinstopfen, Ihr
+Herren, man muß dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex
+tempore und ex machina.
+
+ * * * * *
+
+Alles ist Ausdruck eines _Wesens_.
+
+ * * * * *
+
+Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch
+nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite
+platzt. Sähe man den Mann nicht die Geige absetzen, so würde man
+vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert geht das vielstimmige
+Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang.
+
+ * * * * *
+
+Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit.
+Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so
+'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.
+
+ * * * * *
+
+Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene zu sein und sind statt
+dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.
+
+ * * * * *
+
+Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie
+wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie
+ein großes Herz.
+
+ * * * * *
+
+Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie stürzt zusammen
+in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.
+
+ * * * * *
+
+Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal
+Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als
+hätte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und
+hinten, oben und unten, früher und später usw. einteilen zu lassen. O
+Mensch, du Kindskopf aller Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses
+Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter!
+
+ * * * * *
+
+Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird
+es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen'
+nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur
+Formen der Gegenwart.
+
+ * * * * *
+
+Für Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine --
+Ewigkeit. Es sollte sie auch für uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden
+nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment
+'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht.
+
+ * * * * *
+
+Schauerlich, zu denken, daß alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts,
+als den _Moment_, in dem fortwährend alles ist.
+
+So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewußt bin --
+(aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir
+fortwährend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger
+gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung
+von Sekunde zu Sekunde.
+
+ * * * * *
+
+Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines
+gegenwärtigen Kopfes.
+
+Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfläche --
+hier der dies von ihr aussagt.
+
+
+
+1908
+
+
+Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch
+wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener,
+Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortwährend neu,
+frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit
+Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die Möglichkeit
+irgendwelcher Starrheit.
+
+ * * * * *
+
+Bewußtsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang.
+
+ * * * * *
+
+Nicht nur Fortdauer, -- -- _Ziel_dauer.
+
+ * * * * *
+
+_Die Axt_. (Fundamentalsätze.)
+
+1. Keine Geschichte
+
+2. Keine toten Gegenstände
+
+3. Sprache -- Prozeß.
+
+ * * * * *
+
+Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.
+
+ * * * * *
+
+Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): Die Welt wird doch keine
+Narrheit sein, -- _Du_!?
+
+ * * * * *
+
+Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser Leben zurückbringt --
+er wird uns Ungeheures wiedergegeben haben.
+
+ * * * * *
+
+Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und höher entwickeln
+wollen.
+
+ * * * * *
+
+Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem heroischen Leiden.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keinen größeren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben
+dem Tod in die Hand und du übergibst es -- seiner Kultur. Selbst mit dem
+Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in Händen hat, desto
+höhere Kunstwerke werden wir.
+
+ * * * * *
+
+Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch -- ein
+Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.
+
+ * * * * *
+
+Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe der Planeten nicht
+eine der untersten, niedersten ist? Ob sie der Mehrzahl anderer
+Wandelsterne nicht etwa vorkommen möchte, wie einem Paris, einem London
+der Marktflecken Schildburg, oder wie einem Lionardo sein Hund oder sein
+Pferd.
+
+ * * * * *
+
+'Der Übermensch ist der Sinn der Erde' -- das heißt: der Erde Sinn ist ihr
+Untergang in -- Höheres.
+
+ * * * * *
+
+Gefühl von Gnade: seliges Vorgefühl des uns zum Heil, unserer ganzen
+Entwickelung nach, Erwartenden -- ohne den _vollen_ Glauben, daß es auch
+wirklich kommen werde und ohne jeden Glauben daran, daß man es wirklich
+verdiene. Ein Gefühl, der objektiven Wahrheit zwar vielleicht nicht
+entsprechend, aber eine Schönheit des Herzens, ein Mehr -- als --
+Wahrheit.
+
+ * * * * *
+
+Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich nicht, daß es uns etwas
+schenke (außer sich selbst durchs Mittel seiner Schönheit), sondern
+angebetet im Sinne ehrfürchtiger Liebe.
+
+Ja, _dies_ Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres als um die immer
+reinere Offenbarung der Schönheit des Angebeteten soll bleiben, soll als
+das _neue_ Gebet _wiederkommen_, nachdem wir das alte in uns
+niedergekämpft, ohne doch je vergessen zu können, daß es nicht nur eine
+Form des gemeinen Bedürfnisses, nein, noch weit mehr war: eine Form des
+edelsten Bedürfnisses der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet
+wieder auferstehen, frei werden.
+
+ * * * * *
+
+Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht hat. Gott ist der
+eigentliche Gedanke der Erde, der einzige all unsrer Gedanken, der,
+geschweige denn in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen
+Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott ist die große Frage der
+Erde, aller Erden: Ihr Leben ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.
+
+ * * * * *
+
+Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott
+ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.
+
+ * * * * *
+
+Göttliches (Theon) immer wieder in unzähligen Lebenslinien, Lebensläufen,
+Gott werdend (Theos) ... Gott ein ewiger und unendlicher Prozeß des
+Sich-Verlierens und Sich-Gewinnens ... Gott ein ewiges Ringen zahlloser
+dumpfer und lichter Individuen um Sich, als Schönheit der Schönheit. --
+Sich fortwährend auf irgend einer höchsten Formenstufe als diese gewinnend
+und besitzend und beschließend ... und doch nie _ganz_ und überall und
+gleichzeitig vollendet.
+
+ * * * * *
+
+Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst ab. Gott ist, worin
+dieser letzte Begriff als in seiner höheren Einheit aufgeht.
+
+ * * * * *
+
+Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst erkannt und damit
+vollendet hat, oder doch so, wie Goethe sagt: der Mensch muß von einem
+gewissen Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.
+
+ * * * * *
+
+So wie ich -- außer etwa als mystischer Seher -- den Geistkörper des
+Menschen nicht schaue, so schaue ich auch nicht den Geistkörper der Erde.
+Und doch muß auch der Planet als Ganzes seinen Geistkörper haben und wer
+weiß, ob er damit nicht Brust an Brust mit Geistkörpern andrer Sterne
+lebt, sodaß ...
+
+ * * * * *
+
+Ein Kunstwerk schön finden, heißt, den Menschen lieben, der es
+hervorbrachte. Denn was ist Kunst andres als Vermittlung von Seele. Eine
+Landschaft schön finden, heißt, uns ihrer als eines göttlichen Geschenkes
+unbekannter Mächte freuen. Dankt meine Ergriffenheit z.B. dem Meere
+selbst? Nein, sie dankt den schöpferischen Geistern, der ganzen Natur
+dafür, dem schöpferischen Geist -- des Lebens selber. Interesselos aber
+ist mein Wohlgefallen am Schönen so wenig, daß es vielmehr alles tiefste
+Schöpferische in mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im
+ausgiebigsten Maße 'mitzutun', bis zu einem gewissen Grade zugleich
+befriedigt. Nur bis zu einem gewissen Grade -- denn über dies Befriedigen
+hinaus bleibt noch -- ob bewußt oder unbewußt -- etwas von jener nie ganz
+gestillten Sehnsucht, die wir allem gegenüber empfinden, was uns zur Liebe
+zwingt: die Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gründlicher zu
+lieben, als wir es lieben _können_, des Wunsches einer noch viel
+vollkommeneren, sublimeren Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten
+vermöchte, den wir fühlen.
+
+ * * * * *
+
+Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegenüberstehen, sondern
+immerdar dem Ausdruck irgendeines Willens -- so ist alles Empfinden die
+unmittelbare Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf die jedoch
+sofort auch seine Wiederausstoßung folgt, seine Distanzierung,
+Zurückweisung, Objektivierung. -- Das Bild der Welt bietet so im Großen
+und Fortwährenden das Bild der -- Liebe, als welche ein ewiger Wechsel zur
+Einheit zusammenfließender Zweiheit und in Zweiheit sich
+sichselbstgegenüberstellender Einheit ist.
+
+ * * * * *
+
+Jeder konsequente Monismus führt unabänderlich zum -- Dualismus. Denn eine
+absolute Einheit verträgt der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr
+nicht entweichen zu können glaubt, wie in Schopenhauer, _verneint_ er.
+
+Aus diesem Grunde könnte auch die Gottheit ihrer schauerlichen Einheit in
+Legionen Vielheiten entflüchtet sein, von zwei Leiden das kleinere
+wählend.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt als _Trieb_ und Vorstellung -- diese Fassung hätte vielleicht
+manches Mißverstehen Schopenhauers unmöglich gemacht.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt ist nicht bloß Pflanze, oder Tier, sondern -- Mensch!
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen Entwickelungen.
+
+ * * * * *
+
+Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortwährend selbstkorrigiert.
+Wie sich ein ganz bestimmter -- und nicht nur beliebiger oder
+'notwendiger' -- Sinn des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber
+immer wieder hervorbrechend, sich immer reiner klärend und persönlicher
+enthüllend.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag übersehen könnten, so würden wir die
+Entwickelung der Menschheit mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen
+sehen. So aber 'sieht' vielleicht der Planet. Wir sehen nur die Individuen
+wachsen, er -- die Typen.
+
+ * * * * *
+
+Sollte in immer höherer Erkenntnis und Liebe (in immer höheren Formen)
+nicht die Möglichkeit immer höheren Glückes liegen? Welche Genugtuungen,
+wieviel demütiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht uns vielleicht noch
+bevor! Denn immer wieder, wenn alles, was ist, sich unaufhörlich höher
+ver- und emporgottet -- wo braucht es eine Grenze zu finden, wo hat Gott
+-- ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer Gottheit würdig: -- der
+ins Ewige und Unendliche.
+
+ * * * * *
+
+Das Sein, das ist das Unvergängliche in uns, das Werden, das, als was wir
+dahingehen. Wie können Sein und Werden Gegensätze sein, wenn sie doch an
+uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende im Ewig Werdenden
+unaufhörlich 'ist'!
+
+ * * * * *
+
+Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende sein, da doch nichts ein
+Anfang oder Ende ist. Warum nicht einfach eine Fortsetzung, der unzähliges
+Wesensgleiche vorangegangen ist und unzähliges Wesensgleiche folgen wird.
+
+ * * * * *
+
+Die Vorstellungen von Lohn und Strafe -- müssen sie deshalb jeder tieferen
+Wahrheit entbehren, weil wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich
+eigentlich geändert? Daß wir uns heute unser Schicksal mehr oder minder
+selbst zu bereiten glauben, während wir früher glaubten, daß es uns
+bereitet würde. Ist nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die
+Optik?
+
+ * * * * *
+
+Man soll sich seiner Krankheiten schämen und freuen; denn sie sind nichts
+andres als ausgetragene Verschuldung.
+
+ * * * * *
+
+Zukunft! -- un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu -- --
+sterben!
+
+ * * * * *
+
+Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer höheres, größeres --
+Leben hinein!
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist das Höchste. Das Höchste
+ist das _Denken selbst_. Es allein _verbürgt_ uns mit eherner Sicherheit
+den mit uns geborenen Gott.
+
+ * * * * *
+
+-- -- -- An der Pforte steht das Grauen.
+
+ * * * * *
+
+Man versteht den Menschen erst -- sub specie reincarnationis.
+
+ * * * * *
+
+Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser in Wein: Was bisher als
+Wasser (Mensch) gegolten, wird durch sein Offenbarungswort Wein (Gott!).
+
+
+
+1910
+
+
+A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen Sie mir
+das, können Sie mir das sagen?
+
+B. Ja, das kann ich. Der _Philister_ in ihm.
+
+ * * * * *
+
+Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.
+
+ * * * * *
+
+Der Gedanke Gottes muß freilich der Tod des Individuums sein. Darum hält
+er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschheit ist ein großes Kind, dem feindliche Mächte unaufhörlich
+neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht wesentlich
+entbabysiert. Was muß sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend
+geht, -- spiritualisieren, das heißt sich von ihm nicht materialisieren
+lassen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge betrachtest, so machst du
+leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk dessen, daß sich die
+Welt von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. Ja, dies verhält
+sich bis zu einem gewissen Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit
+aller Einbildungskraft auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst. Um einen
+Standpunkt _ganz_ verstehen und würdigen zu können, muß man diesen
+Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen haben.
+
+Aus diesem Grunde läßt sich alles Göttliche nicht eigentlich beurteilen,
+es sei denn von Menschen, die in persona im Über-Menschlichen zu verkehren
+vermögen.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu aller,
+Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Fußring und Bleikugel. Aber
+ein ander Schauspiel doch, als all das andre. Er gewöhnt das Schleppen
+nicht, das alle andern mehr oder minder gewöhnen. Er empört sich sein
+ganzes langes Leben lang, flüchtet empor, strebt empor, königlich und
+unablässig. Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen --
+und das weniger, weil er die Gewichte am Fuß nicht zu heben imstande ist,
+als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch läßt, --
+besser noch, weil er's nicht mit hochziehen _kann_, -- aber er bleibt ein
+lebendig Memento Coeli, er verliert seine Göttlichkeit nicht an den
+Alltag, den Staub und die Straße, nicht an den Trott der Millionen.
+
+ * * * * *
+
+Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht die Geschichte der
+Menschheit anders an.
+
+
+
+1911
+
+
+Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und
+immer weiter befruchtet? Ist irgend ein großer Mensch, dem wir etwas
+verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein
+fortschreitendes Lehren und Lernen?
+
+Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persönlichkeit -- aufhören?
+
+ * * * * *
+
+Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, müssen auch ihre Götter sich mit
+und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen
+gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen
+zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre
+gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer überhaupt göttliche
+Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre Götzen verehren.
+
+ * * * * *
+
+Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur:
+ein Gott _opfert sich_ für seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich für
+_seine Welt_. Für seinen eigenen ungeheuren tragischen Schöpfungsprozeß,
+Schöpfungskomplex. Oder, um die Majestät dieses Unausdenkbaren zu mildern:
+für den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist für den
+Gott, dem die Entwickelung seiner Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen
+steht, die von ihm selbst so verhängte und heraufgeführte Art und
+Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der
+seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von
+uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die
+Tragik eines Weltenschöpfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist
+-- stark und unaufhörlich wie die Sonne --, dessen Wille es ist,
+selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer, durch Äonen und
+Äonen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den
+Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch
+wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, daß Sein Leid über alle Leiden
+der Welt das Leid all dieser Leiden übertrifft, -- denn noch wie anders
+leidet ein Gott als ein Mensch --? Sollten wir nicht dieses Leiden des
+Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes
+Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth?
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in
+einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung,
+jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder
+verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance bis zur höchsten
+Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung
+hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als
+dem der allmählichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe geläuterten
+Vernunft.
+
+ * * * * *
+
+Das ist das Fruchtbarste an großen Menschen, daß ihr Anblick den, der sie
+langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein beschämt. -- Eine
+Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein -- Gott für ihn
+sein müßte, wenn er sich wirklich in ihn versenkte.
+
+ * * * * *
+
+Kein größerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu
+haben. Nie gut _haben_ soll er es -- außer höchstens, daß ihm die Kraft zu
+weiteren Kämpfen wachse --; denn sonst 'bekäme' er es nie 'gut'; dann
+nämlich, wenn er, nach Äonen und unzähligen Wandelungen, seinen Kosmos
+absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Söhne mehr zu neuem
+Schaffen gereift steht.
+
+ * * * * *
+
+Wen Gott lieb hat, den züchtigt, den -- züchtet er. Und so ward er die
+Welt, Sich Selbst zur -- Zucht.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie
+muß es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und
+verarbeiten.
+
+ * * * * *
+
+Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist längst da. Aber sie mußte eine
+Weile beiseite gelassen werden -- die ganze europäische Zivilisation geht
+auf dies Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erfüllt,
+jetzt darf sie, als eine unermeßliche Wohltat, in den Gang der westlichen
+Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt möglich ist,
+zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern
+Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,
+erleuchten, erlösen.
+
+ * * * * *
+
+Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's bloß
+ein.)
+
+ * * * * *
+
+Was reden wir von den alten Ägyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von
+_uns_ alten Ägyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Böhme bei der
+Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden
+abwesend?
+
+ * * * * *
+
+Die Menschen sind heute so weit gesunken, daß sie sich 'genieren' vom
+Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus,
+Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verpönt, wie in andern Hemd,
+Hose, Strümpfe; es gehört nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie
+nicht völlig zu ignorieren. Nur der 'weiß' heute zu 'leben', der in der
+Tat nicht mehr weiß, was leben heißt.
+
+ * * * * *
+
+Ahnten die Mütter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich
+den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, -- nicht Eine würde
+damit unbekannt bleiben wollen.
+
+ * * * * *
+
+Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres
+Unsägliches auf Erden -- und die Menschen wollen es nicht anders und die
+Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst würden sie ihr Leben anders
+einrichten, sonst würden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen
+versuchen.
+
+Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er
+leiden müssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in
+diesem gefährlichen Schöpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.
+
+Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens lägen mehr
+hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele
+Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief --
+
+ * * * * *
+
+Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt
+die Tiere Ableger der Menschheit wären, zurückgebliebene Menschheit,
+voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu frühen Zustand
+festgehaltene Menschheit?
+
+ * * * * *
+
+Jede Schöpfung ist ein Wagnis.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, daß wir uns in
+ihm verlieren, sondern daß wir uns in ihm _finden_, das aber heißt, daß
+wir Christus in uns und damit in ihm finden. Daß du den Christus in ihm,
+daß du dich als Christus in ihm findest.
+
+
+
+1912.
+
+
+Wer in das, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur
+fühlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem
+Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.
+
+ * * * * *
+
+Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott gehört einer
+gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen
+und den Begriff Humor so geistig wie möglich gefaßt -- ein Kapitel ihres
+unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von
+Gott mögliche Maß von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern
+Gottesforschung, Gotteswissenschaft.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur
+fünfsinnlichen Beschränkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig
+war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine
+Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie
+er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten
+hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es,
+-- und wer einmal gefühlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der
+weiß auch, daß vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die
+Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand berührt. Er
+weiß, daß alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenwächst, wenn es so
+weit ist; daß er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Maß seiner
+Prüfungen voll ist. Denn war auch Kant ein großer Lehrer und Erzieher, wie
+viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufwärts, bis
+dahin, wovon es heißt: La Somma Sapienza e il Primo Amore.
+
+ * * * * *
+
+Man denkt und empfindet heute nicht über die nächsten zehn, hundert,
+bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der
+Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere
+nächsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig
+bestimmt werden könnten.
+
+ * * * * *
+
+Werden wir krank, weil es einem plötzlichen Gewitterregen oder einem
+herabrutschenden Dachziegel so gefällt? Oder weil unsere Eltern krank
+waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst
+die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf daß sie uns von etwas
+Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor
+der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder
+individuellen aber zugleich viel höheren Weisheit und Erkenntnis, als
+deren wir uns in unserer gegenwärtigen Wiederverkörperung bewußt sind?
+
+ * * * * *
+
+Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den
+unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser würden nur solche
+Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des
+Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist,
+entschlagen und sich zwingen, das Verständnis einer jeden Erscheinung
+lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden,
+innerlichst davon durchdrungen, daß am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos
+herrschen dürfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, daß ein Kosmos
+sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut,
+sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus
+zusammengestürzt wäre. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so
+kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil
+er einer Katastrophe zum Opfer fällt. Er hat freilich gemeinhin vorher
+nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewußtsein glaubt -- gesetzt
+es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg
+schuldlosen Menschen. Ein höheres Bewußtsein verwirft den Begriff der
+Schuldlosigkeit ganz, vorbehält jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine
+dritte Einsicht weiß, daß auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten
+Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen
+keine Neugeburt, sondern eine Wiederverkörperung ist, also ein volles Maß
+von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter
+auszuwirken hat. Für dies Bewußtsein gibt es keine unschuldigen
+Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm löst sich alles in von allertiefstem
+Sinn durch- und überwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger
+tragische -- Enwickelung auf.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, daß
+ihnen dies nicht so schwer wie möglich gemacht wird und fallen soll, denn
+es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes
+billige Errungenschaften, und wie wäre er sonst auch seines Meisters und
+seiner Bestimmung würdig.
+
+ * * * * *
+
+Von wie vielen geistigen Überwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon
+gelesen und gehört, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und
+-- Götter haben für ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl
+auch erlebt worden! Und doch fällt in der Stunde eines schweren Schicksals
+alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts
+gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges
+Leben während langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat
+es nicht mit seinem Innenleben verknüpft, verbunden, vermählt, er war zu
+wenig re--ligiös. Er wuchs nicht zusammen mit jenem Höheren. Und so hat er
+jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm -- und steht
+jetzt so arm wie am Anfang, ja ärmer als zuvor.
+
+ * * * * *
+
+'Hat die Religion eine Zukunft?' So gut, wie derjenige, der so fragt, eine
+Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen
+entwachsen sein wird.
+
+ * * * * *
+
+Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die
+Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz
+führt zu Gott, alles, was darunter, in Maja.
+
+
+
+1913
+
+
+So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die Urpflanze zu wiederholen
+und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die
+Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.
+
+ * * * * *
+
+'Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen Himmel Geister und
+Götter herumspuken?'
+
+'Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und
+überall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier
+in dieser Tanne oder dort in jenem Berge 'herumspukt'. Weder Tanne noch
+Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner
+denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder,
+Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.'
+
+ * * * * *
+
+Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt, so scheint alles in
+schöner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die älteste wie die neuste
+Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen, nämlich
+auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach
+dem Bilde der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren
+Normaltypus für alle Zeiten und Länder festgesetzt hat.
+
+Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch
+verwandelt sich fortwährend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in
+verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht
+immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Maße,
+wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn
+langsam wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht seiner vollen
+Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das
+Bewußtwerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst,
+als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen kosmischen
+Hierarchie. Daß die Welt eine -- richtig verstanden -- Gedachtheit Gottes
+ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil _unsere_ Gedanken so blaß und
+schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt
+Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.
+
+ * * * * *
+
+Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schönste Empfindung, die
+Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.
+
+ * * * * *
+
+Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche Schöpfung? Dieser
+Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus
+Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen
+Grundgedanken?
+
+Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?
+
+Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung aus dem Nichts ist! --
+ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und
+Stufenfolgen von Helfern desselben -- noch weit zu dem Gedanken, daß
+hinter allem und jedem -- Geist steckt und nicht bloß alleiner,
+unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendfältig gearteter,
+gestufter Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze und Mineral
+mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als
+ein Schritt zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne, nein, zur
+Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer geben -- müsse, in jene Geisterwelt
+offenen Sinnes hineinzudringen ...
+
+
+
+
+NACHWORT
+
+
+Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern noch selbst
+besorgt. Am weitesten gefördert von seiner Hand war der Abschnitt:
+'Tagebuch eines Mystikers', den er ursprünglich in einen vorwiegend
+autobiographisch gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir blieb die Aufgabe,
+das vorhandene, zumeist noch über viele Taschenbücher verstreute Material
+nach seinem, öfter ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden
+Rahmen einzufügen. Er sagt in einem Vorwortfragment für diese Sammlung:
+'Es liegt mir nicht daran, mit diesen durch Jahre gehenden Notizen ein
+neues Büchlein Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran,
+mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. Zweck dieser
+Blätter ist allein der, aus einem Stück Entwickelung das zu lernen zu
+geben, was ein Stück Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.'
+
+Diese Absicht wäre zweifellos noch eindringlicher verwirklicht worden,
+wenn der Verfasser selbst die Gestaltung des Buchs hätte vollenden können;
+ganz abgesehen davon, daß dann auch im Einzelnen mancher der Sätze
+überarbeitet worden wäre.
+
+Für einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis 1904) haben sich die
+Aufzeichnungen bisher noch nicht auffinden lassen. Der Charakter dieser
+mehr skeptischen Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des
+vorliegenden Bandes immerhin noch angedeutet.
+
+Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kayßler und Michael Bauer, die mir
+bei der Herausgabe behilflich waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.
+
+_Breitbrunn_ am Ammersee, November 1917
+
+ _Margareta Morgenstern._
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Autobiographische Notiz
+In me ipsum
+Natur
+Kunst
+Literatur
+Theater
+Sprache
+Politisches Soziales
+Kritik der Zeit
+Ethisches
+Lebensweisheit
+Erziehung Selbsterziehung
+Psychologisches
+Erkennen
+Weltbild:
+ Anstieg
+ Episode, Tagebuch eines Mystikers
+ Am Tor
+Nachwort des Herausgebers
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STUFEN ***
+
+***** This file should be named 15898-8.txt or 15898-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/5/8/9/15898/
+
+Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the
+Online Distributed Proofreading Team
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.