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+The Project Gutenberg EBook of Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise
+südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet., by Gerhard Rohlfs
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.
+
+Author: Gerhard Rohlfs
+
+Release Date: May 24, 2005 [EBook #15890]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFENTHALT IN MAROKKO ***
+
+
+
+
+Produced by Magnus Pfeffer, Robert Kropf and the Online
+Distributed Proofreading Team. This file was produced from
+images generously made available by the Bibliothèque
+nationale de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
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+Transcriber's notes: _ Kursiv / italic
+ [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
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+ Mein erster Aufenthalt
+
+ in
+
+ Marokko
+
+ und
+
+ Reise südlich vom Atlas
+
+ durch
+
+ die Oasen Draa und Tafilet.
+
+
+
+ Von
+
+ Gerhard Rohlfs.
+
+
+
+ BREMEN, 1873.
+
+Verlag von J. Kühtmann's Buchhandlung,
+
+ U. L. Fr. Kirchhof 4.
+
+
+
+#VORWORT.#
+
+ * * * * *
+
+Indem ich dem geneigten Leser die Beschreibung meines ersten Aufenthaltes
+in Marokko übergebe, verweise ich dabei auf die ausgezeichneten Karten, die
+seiner Zeit in den Petermann'schen Mittheilungen über meine Routen
+erschienen sind. Ich habe mir die grösste Mühe gegeben, durch Vergleichung
+mit anderen Angaben ein annähernd genaues Resultat über die Einwohnerzahl
+des Landes und der Städte zu erlangen, und hoffe das Richtige getroffen zu
+haben, so weit das überhaupt durch Schätzung zu ermöglichen ist. Sehr
+bedauerlich ist für mich, dass durch einen Schreibfehler in meinem
+Manuscripte die Zahl 25,000 statt 250,000 für die Draabevölkerung auch in
+Dr. Behm's geogr. Jahrbücher übergegangen ist. Im vorliegenden Buche bitte
+ich ausserdem bei Dar beida statt 300 Einwohner 3000, und bei Asamor statt
+30,000 Einwohner 3000 lesen zu wollen.
+
+Weimar, September 1872.
+
+#GERHARD ROHLFS.#
+
+
+
+
+#INHALT.#
+
+ * * * * *
+
+ 1. Ankunft in Marokko
+ 2. Bodengestalt und Klima
+ 3. Bevölkerung
+ 4. Religion
+ 5. Krankheiten und deren Behandlung
+ 6. Uesan el Dar Demana
+ 7. Eintritt in marokkanische Dienste
+ 8. Die Hauptstadt Fes
+ 9. Mikenes und Heimreise nach Uesan
+10. Politische Zustände
+11. Consulatswesen
+12. Aufenthalt beim Grossscherif von Uesan
+13. Reise längs des atlantischen Oceans
+14. Reise südlich vom Atlas nach der Oase Draa
+15. Die Oase Draa. Mordversuch auf den Reisenden. Ankunft in Algerien
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+1. Ankunft in Marokko.
+
+ * * * * *
+
+Am 7. April 1861 verliess ich Oran und schiffte an Bord eines französischen
+Messagerie-Dampfers in Mers el kebir ein. Es war Nachmittag, als wir beim
+herrlichsten Wetter aus der grossen Bucht hinausdampften. Die meisten an
+Bord befindlichen Passagiere wollten, wie ich, nach Marokko, doch waren
+auch einige, die Nemours, Gibraltar und Cadix als Reiseziel hatten. Der
+grösseren Ersparniss wegen hatte ich einen Deckplatz genommen, da mein
+Geldvorrath äusserst gering war; das Wetter war eben so sommerlich, die das
+Dampfboot führenden Leute so freundlich und zuvorkommend, dass man kaum an
+die grösseren Unbequemlichkeiten des Decklebens dachte.
+
+Zudem hatte ich genug mit mir selbst zu thun, ich hatte mir fest
+vorgenommen, ins Innere von Marokko zu gehen, um dort im Dienste der
+Regierung meine medicinischen Kenntnisse zu verwerthen. Zu der Zeit sprach
+man in Spanien und Algerien viel von einer Reorganisation der
+marokkanischen Armee; es hiess, der Sultan habe nach dem Friedensschlusse
+mit Spanien die Absicht ausgesprochen, Reformen einzuführen; man las in den
+Zeitungen Aufforderungen, nach Marokko zu gehen, jeder Europäer könne dort
+sein Wissen und sein Können verwerthen. Dies Alles beschäftigte mich, ich
+machte die schönsten Pläne, ich dachte um so eher in Marokko fortkommen zu
+können, als ich durch jahrelangen Aufenthalt in Algerien acclimatisirt war;
+ich glaubte um so eher mich den Verhältnissen des Landes anschmiegen zu
+können, als ich in Algerien gesucht hatte, mich der arabischen Bevölkerung
+zu nähern und mit der Sitte und Anschauungsweise dieses Volkes mich bekannt
+zu machen.
+
+Um Mitternacht wurde ein kurzer Halt vor Nemours (Djemma Rassaua) gemacht,
+um Passagiere abzusetzen und einzunehmen, und wieder ging es weiter nach
+dem Westen, und als es am folgenden Morgen tagte, befanden wir uns gerade
+in gleicher Höhe von Melilla. Ich unterlasse es, eine Beschreibung der
+Küstenfahrt zu geben, von der sich überdies äusserst wenig sagen lässt.
+Nackt, steil und abschreckend fallen die Felswände ins Meer hinein.
+Freilich ist die Küste gar nicht so einförmig, wie sie sich in einer
+Entfernung von circa dreissig Seemeilen ausnimmt, welche Entfernung wir
+gewöhnlich hielten, auch konnte man deutlich manchmal Wald und Buschwerk
+unterscheiden; aber das belebende Element fehlt, kein Dorf, kein Städtchen
+ist zu erblicken, höchstens die einsame Kuppel des Grabmals irgend eines
+Heiligen sagt dem Vorbeifahrenden, dass auch dort an der Küste Menschen
+hausen.
+
+Hätte nicht Spanien einige befestigte Punkte, Strafanstalten, an dieser
+Küste, sie würde vollkommen unbewohnt erscheinen. Alhucemas, Pegnon de
+Velez bekamen wir nach einander von ferne zu sehen, als einzige Zeichen von
+Menschenbauten. Denn wenn auch die Rifbewohner einige Dörfer an der Küste
+haben, so sind diese doch so versteckt angelegt, dass sie sich dem Auge des
+Vorbeifahrenden entziehen. Der Seeräuber scheut das Licht, er muss
+Schlupfwinkel haben, und die in unmittelbarer Nähe des Mittelmeers
+wohnenden Rifi sind nichts Anderes als Seeräuber, und zwar der schlimmsten
+Art. Freilich wagen sie sich heute nicht mehr aufs offene Meer, haben dazu
+auch weder passende Fahrzeuge noch genügende Waffen, aber wehe dem Schiffe,
+das an ihrer Küste scheitert, wehe dem Boote, welches der Sturm in eine
+ihrer Buchten treiben sollte.
+
+Wie ganz anders ist die gegenüberliegende spanische Küste, grüne, wein- und
+olivenumrankte Berge, überall Städte, freundliche Villen und Dörfer, kleine
+Schiffe, die den Küstenverkehr vermittelm [vermitteln]; man kann keinen
+grösseren Gegensatz denken.
+
+Gegen Abend desselben Tages verliessen wir die Küste, ohne sie jedoch ganz
+aus den Augen zu verlieren, und hielten auf Gibraltar, welches noch Nachts
+erreicht wurde. Bis zum folgenden Mittag ruhte der Dampfer, sodann wurde
+die Meerenge durchschnitten und wir waren um 3 Uhr vor Tanger. Zahlreiche
+Jollen waren gleich vorhanden, uns Passagiere aufzunehmen, die jetzt ausser
+mir fast nur noch aus Bewohnern des Landes Marokko bestanden. Eine Jolle
+war bald gefunden, aber man kann auch mit diesen kleinen Fahrzeugen nicht
+unmittelbar ans Land kommen, sondern bedarf dazu eines Menschen, der einen
+heraustragen muss. Bei sehr flachem Strande ist nämlich die Brandung so
+stark, dass die Böte dort nicht anlegen können. Ich miethete einen
+kräftigen Neger, der mich rittlings auf seinen Schultern vom Boote aus ans
+Land trug.
+
+Für einzelne Reisende sind die Douane-Schwierigkeiten nicht lästig, zumal
+für mich, da mein Pass bekundete, dass ich unter englischem Schutze stände.
+Die Dragomanen der verschiedenen Consulate fragen die gelandeten Fremden
+nach ihrer Nationalität, und als ich meinen Bremer Pass in die Hände eines
+vornehm aussehenden Juden legte, des Dolmetsch des englischen
+Generalconsulates, waren im Augenblick alle Schwierigkeiten beseitigt. Die
+Hansestädte standen dazumal unter grossbritanischem Schutze, während
+Preussen sich durch Schweden vertreten liess.
+
+Ein Absteigequartier war auch bald gefunden, das Hôtel de France, welches
+von einem Levantiner Franzosen gehalten wurde, ein reizendes Haus, in ächt
+maurischem Style. Von einem früheren Gouverneur der Stadt erbaut, gehörte
+dasselbe jetzt der marokkanischen Regierung, der Eigenthümer der
+Gastwirthschaft hatte es nur miethweise.
+
+Ausser mir war noch ein Blumenhändler dort, der mit dem Bruder des Sultans,
+Mulei el Abbes, Geschäfte machen wollte, und auch hoffte bei den
+europäischen Consuln seine Waare absetzen zu können, dann ein Spanier,
+vormals Offizier der spanischen Armee: Joachim Gatell. Letzterer wollte,
+wie ich, in Marokko Dienste nehmen und lebte nun schon seit mehreren
+Monaten in Tanger. Ich weiss nicht, aus welchen Gründen er die spanische
+Armee verlassen hatte; als Verwandter von Prim, der sich soeben bei Tetuan
+noch so ausgezeichnet hatte, hätte er in Spanien sicher eine
+Zukunft gehabt. Beschäftigt mit der Uebersetzung des spanischen
+Artillerie-Reglements ins Arabische, wollte er dies dem Sultan präsentiren
+und dann in die marokkanische Armee eintreten. Nebenbei hatte ihm Mulei el
+Abbes noch glänzende Versprechungen gemacht.
+
+Mein nächster Weg war sodann zum englischen Gesandten, Sir Drummond Hay.
+Obwohl ich nicht reich war, vielmehr beinahe von allen Mitteln entblösst,
+obwohl ich kein einziges Empfehlungsschreiben vorzuzeigen hatte und obschon
+ich ihm ein vollkommen Fremder und nicht einmal ein Engländer war, empfing
+mich Sir Drummond mit liebenswürdigster Zuvorkommenheit. Aber wie
+zerstieben meine Träume. Ich erfuhr, dass an eine Reorganisation der
+Zustände des Landes nicht gedacht würde, dass der religiöse Fanatismus eher
+zu- als abnähme, dass, wenn der Sultan für seine Person auch vielleicht
+Reformen in einigen Dingen wünsche, der Religionshass der Eingeborenen
+gegen alles Christliche so gross sei, dass an Ausführung nicht gedacht
+werden könnte. Allerdings habe der Sultan eine _regelmässige_ Armee
+gebildet, aber diese sei nur dem Namen nach regelmässig, und falls ich auf
+dem Beschluss bestände, ins Innere des Landes gehen zu wollen, sei vor
+Allem _erforderlich_, äusserlich den Islam anzunehmen.
+
+Entmuthigt kehrte ich ins Hotel zurück. Aber eine Berathung mit Gatell, der
+Reiz des Neuen, das Lockende, völlig unbekannte Gegenden durchziehen zu
+können, fremde Völker und Sitten, ihre Sprache und Gebräuche kennen zu
+lernen, ein Trieb zu Abenteuern, ein Hang, Gefahren zu trotzen: alles dies
+bewog mich, das Wagniss auszuführen, und nach einer zweiten Unterredung mit
+Sir Drummond wurde beschlossen, ich solle--(es war dies das _einzige_
+Mittel, um ins Innere des Landes Zugang zu bekommen)--_äusserlich_ den
+Islam annehmen und eine Anstellung als Arzt in der Armee des Sultans
+nachsuchen. Unter dieser Verkleidung und mit solchen Intentionen, meinte
+Sir Drummond, sei ich in Fes eines guten Empfanges sicher und könne mich so
+lange im Lande aufhalten wie ich wollte. Mulei el Abbes, den ich versuchte
+zu besuchen, war indess nicht sichtbar für mich, jedesmal kam ich zu
+ungelegener Zeit.
+
+Unterdessen machte ich mich rasch und mit Energie daran, meinen Vorsatz
+auszuführen, obschon alle anderen Europäer abriethen. Ich vermied aber so
+viel wie möglich mit ihnen in weitere Berührungen zu kommen, namentlich
+mied ich das spanische Consulat (obschon mir dasselbe später in Marokko
+viel Freundschaft erwiesen hat), um nicht als Spion verdächtigt zu werden.
+Denn hätten die Mohammedaner mich nach wie vor mit Christen verkehren
+sehen, so würden sie es gleich gemerkt haben, dass ich nur zum Schein
+übergetreten. So war ich nur fünf Tage in Tandja, wie der Marokkaner die
+Stadt nennt, und am sechsten Tage hatte ich dem Orte schon den Rücken
+gekehrt, in Begleitung eines Landbewohners, der es übernommen hatte, mich
+nach Fes bringen zu wollen.
+
+Ich hatte meine Sachen auf das Nothdürftigste reducirt, ein Bündelchen mit
+Wäsche war Alles, was ich bei mir hatte, nach Landessitte trug ich es an
+einem Stocke hängend auf der Schulter; eine weisse Djelaba (ein weisses
+langes wollenes, mit Capuze versehenes Hemd) war meine Kleidung. Gelbe
+Pantoffeln, dann eine spanische Mütze, worein ich mein letztes Geld--eine
+englische Fünf-Pfundnote--genäht hatte, endlich ein schwarzer weiter
+europäischer Ueberzug, der als Burnus dienen konnte: das war mein Anzug.
+Ich hatte keine Waffen, ein kleines Buch mit Bleistift, um Notizen machen
+zu können, war in der Tasche verborgen. Dies war meine ganze Ausrüstung.
+
+Gewiss ein Wagestück, unter solchen Umständen, mit solchen mehr als
+bescheidenen Mitteln in ein vollkommen fremdes Land eindringen zu wollen!
+Um so mehr, als ich von der arabischen Sprache nur die gewöhnlichsten
+Redensarten auswendig wusste und weit davon entfernt war, auch nur
+mangelhaft sprechen zu können. Allerdings hatte ich Eine Phrase gut
+auswendig gelernt, die Glaubensformel der Mohammedaner, welche, man kann es
+sagen, alleiniger Schlüssel zum Oeffnen dieser von so fanatischer
+Bevölkerung bewohnten Gegenden ist. Diese Glaubensformel--wer hätte sie
+nicht schon gehört oder gelesen--lautet: _"Lah ilah il allah, Mohammed
+ressul ul Lah,"_[1] ausser Gott kein Gott, Mohammed ist der Gesandte
+Gottes.
+
+ [Fußnote 1: Ganz genau so sprechen die Marokkaner den Satz aus,
+ obschon es nach der Schreibweise eine etwas andere Aussprache sein
+ müsste.]
+
+Mein Gefährte schien vollkommen überzeugt, ich sei zum Islam übergetreten,
+nur glaube ich, vermuthete er, ich sei heimlich entflohen aus irgend einem
+verborgenen unlauteren Grund, vielleicht dachte er auch, dass bei den
+Christen der Uebertritt von einer Religion, wie bei den Mohammedanern mit
+dem Tode bestraft würde; aber das schien ihm gewiss, dass mein Päckchen mit
+Wäsche gestohlen sei, vielleicht noch andere Sachen enthielte und ich mich
+damit aus dem Staube machen wolle. Natürlicherweise mussten ihm solche
+Gedanken kommen: ein Marokkaner, wenn er auf Reisen geht, beschwert sich
+nie mit Wäsche zum Wechseln, und wenn es selbst der Sultan wäre.
+
+Wir schlugen einen Weg ein, der in der Richtung nach Tetuan führte, weil
+mein Begleiter im "Djebel" (Gebirge) vorher einen Freund aufsuchen wollte,
+und bald genug hatten wir die nächste Umgegend Tangers verlassen. Der Weg
+war nicht belebt, denn es war nicht der nach Tetuan führende Karavanenweg.
+Aber wie entzückend war die Umgebung, und wenn auch die Pflanzenwelt nicht
+neu für mich war, wenn auch das Thierreich nördlich vom Atlas überhaupt
+wenig bietet, was nicht in den übrigen Ländern am Mittelmeerbecken zu
+finden ist, das schon Gesehene unter anderen Verhältnissen übt immer einen
+mächtigen Zauber aus.
+
+Da sieht man die Wege bordirt von der Stachelfeige oder, wie der Marokkaner
+sagt: "Christenfeige, karmus nssara", von der langblättrigen Aloës,
+Lentisken- und Myrtengebüsch, Schlingpflanzen wuchern dazwischen. Der April
+ist für Marokko die Zeit, welche in Deutschland etwa dem Ende Mai und dem
+Anfang Juni entsprechen würde. Die Pracht und Fülle der Natur hat nun keine
+Grenzen. Der heisse und austrocknende Südostwind hat seine tödtenden
+Wirkungen auf die ganze Natur noch nicht ausgeübt. Wie alle Gärten der
+Städte Marokko's zeigen sich dann auch die Tanger's durch Ueppigkeit aus.
+Und da in den unteren Theilen die Bewässerung gut ist, wird Alles gezogen,
+was man nur in Europa an Gemüse kennt.
+
+Aber wir waren bald im Gebirge, nicht ohne vorher einer von Tetuan
+kommenden Karavane begegnet zu sein, bei welcher mehrere Europäer waren,
+die mich alle baten und beschworen, nicht in alleiniger Begleitung eines
+Mohammedaners und sogar ohne Waffen ins Innere des Gebirges zu gehen. Aber
+ich liess mich nicht mehr bereden, es waren die letzten Christen, die ich
+für lange Zeit zu sehen bekam. Man hatte mir in Tanger gesagt, ich solle
+nie aussagen, ich wolle nach Fes oder zum Sultan, sondern ich ginge nach
+Uesan zum Grossscherif Sidi el Hadj-Abd-es Ssalam. Da hernach noch
+ausführlicher von dieser merkwürdigen Persönlichkeit die Rede sein soll,
+beschränke ich mich darauf, hier anzuführen, dass er der grösste Heilige
+von Marokko ist und im ganzen Nordwesten von Afrika unter den Mohammedanern
+ungefähr dieselbe Rolle spielt, wie der Papst bei den ultramontanen
+Katholiken.
+
+Durch viele kleine Duar (Zeltdörfer) und Tschar (Häuserdörfer) kommend, die
+alle von hübschen Gärten umgeben waren, zog ich trotz meiner
+halbmarokkanischen Kleidung überall die Blicke der Eingeborenen auf mich,
+und Si-Embark (so nannte sich mein Gefährte) hatte genug zu thun, die
+Neugier der Leute zu befriedigen. Aber kaum hatte er gesagt: "er geht zu
+Sidi, ist ein zum Islam übergetretener Inglese" (Engländer), als alle
+beruhigt waren. Der Name "Sidi" (so wird schlecht weg der Grossscherif von
+Uesan genannt, er bedeutet Meinherr) wirkte überall wie Zauber. Ich liess
+es ruhig geschehen, dass sie glaubten, ich sei Engländer, die Mühe, ihnen
+auseinanderzusetzen, welcher Nationalität ich angehöre, würde überdies bei
+ihren kindlichen geographischen Kenntnissen vergebliche Arbeit gewesen
+sein.
+
+Bald nach Sonnenuntergang erreichten wir ein ziemlich hoch am Berge
+gelegenes Dörfchen. Alle Häuser und Gehöfte waren von hohen Cactushecken
+umgeben, ebenso die einzelnen Gärten. Vor einem Hause wurde Halt gemacht,
+und Si-Embark wurde vom Besitzer mit grosser Freude empfangen. "Wie ist
+Dein ich? Wie bist Du? Wie ist Dein Zustand? Nicht wahr, gut?" Das waren
+die Fragen, die Beide sich unzählige Male, nachdem der erste _"ssalamu
+alikum"_ ausgetauscht worden war, wiederholten. Dabei küssten sie sich
+recht herzlich, und allmählich, als etwas mehr Ruhe in die rasch
+erfolgenden und, wie es schien, stereotypen Fragen kam, wurden diese häufig
+untermischt mit anderen Fragen, nach den Kornpreisen, ob die Pferde auf dem
+letzten Markte theuer gewesen seien, ob der Sultan wirklich die und die
+Tribe gebrandschatzt habe, und dergleichen mehr. Natürlich wurde die
+Neugier in Betreff meiner auch gestillt.
+
+Das Haus, in welches wir sodann geführt wurden, bestand wie alle übrigen
+nur aus Einem Zimmer. Die Wände waren auswendig und innen überkalkt, der
+Fussboden war aus gestampftem Lehm, der Plafond aus Rohr, welches auf
+Stämmen aus Aloes ruhte. Fenster waren nicht vorhanden, und die einzige
+Thür so niedrig, dass ein fünfjähriges Kind allenfalls aufrecht hindurch
+gehen konnte. Das äussere Dach, à cheval darüber gelegt, war aus Stroh.
+Eine Matte, ein Teppich, auf einer Erderhöhung eine Art Matratze war das
+ganze Ameublement.
+
+Gegenüber dem Hause befanden sich zwei Zelte, für je eine Frau, denn das
+Haus war von zwei Brüdern bewohnt. Man findet es in Marokko überhaupt sehr
+oft, dass zwei verheirathete Brüder Eine Wirthschaft haben. Der alte Vater
+der beiden Brüder lebte noch und bewohnte das Haus.--Der ganze folgende Tag
+wurde auch noch in diesem Dorfe, dessen Namen ich leider nicht erfuhr,
+zugebracht. Hier wurde ich in den Augen der Eingeborenen nun zum wirklichen
+Mohammedaner gestempelt; sie riethen mir nämlich, oder vielmehr befahlen,
+mein Kopfhaar glatt abzurasiren. Sie wollten sich allerdings herbeilassen,
+mir eine Gotaya, d.h. einen Zopf stehen zu lassen; aber diese chinesiche
+[chinesische] Art, das Haar zu tragen, wollte ich nicht, und Morgens nach
+Sonnenaufgang bekam mein Kopf auf einmal das Ansehen, welches Mirza-Schaffy
+für den schönsten Schmuck des Mannes hält. Der alte Papa hatte selbst das
+Rasiren besorgt, freilich unter grossen Qualen meinerseits: er bediente
+sich dazu seines ganz gewöhnlichen Messers. Ein Fötha (d.h. Segen) wurde
+gesprochen, ein "Gottlob" entquoll jeder Brust, und nun war ich ihrer
+Meinung nach vollkommener Muselmann.
+
+Die Beschneidung wird bei vielen Berbertriben, wie ich das später näher
+erörtern werde, nicht als zum Islam unumgänglich nothwendig gehalten[2].
+
+ [Fußnote 2: Siehe darüber auch Höst, S. 208.]
+
+Natürlich musste ich von nun an alle Gebräuche, die der Islam erfordert,
+mitmachen. Zum ersten Male ass ich mit der Hand aus einer irdenen Schüssel
+mit dem männlichen Hauspersonal. Die Leute unterrichteten mich, wie der
+Bissen zu fassen und zum Munde zu führen sei, und Nachts musste ich mich
+bequemen, auf hartem Erdboden zu schlafen, froh für diesmal eine Matte zu
+haben. Die Beleuchtung Abends bestand aus einer kleinen thönernen Lampe,
+ganz ähnlich in Form und Gestalt den antiken griechischen und römischen.
+Ein Klumpen Butter wurde hineingeworfen, irgend ein baumwollener Fetzen zu
+einem Dochte zusammen gedreht, und fertig war die alte Grossmama der
+brillanten Gaslampe.
+
+Am dritten Tage Morgens wurde die Reise fortgesetzt, ich natürlich immer zu
+Fusse. Vor Sonnenaufgang aufgebrochen, erreichten wir um "Dhaha" beim Ued
+Aisascha die grosse von Tanger nach L'xor (Alcassar) führende
+Karavanenstrasse. Eine Uhr besass ich damals nicht, und bald lernte ich wie
+die Marokkaner meine Zeit nach der Sonne, dem Schatten, den
+Magenbedürfnissen und anderen Kleinigkeiten erkennen. Der Marokkaner hat
+als Zeiteintheilung vor allem Sonnenaufgang, Sonnenhöhe oder Mittag, und
+Sonnenuntergang. Sodann die halbe Zeit zwischen Sonnenaufgang und Mittag,
+endlich zwischen Mittag und Sonnenuntergang ebenfalls die halbe Zeit. Für
+alle diese Zeitpunkte hat man auch bestimmte Namen[3]. Wenn ich sagte, dass
+wir die grosse Karavanenstrasse erreichten, so denke man dabei ja nicht an
+eine gepflasterte oder makadamisirte Chaussee, dergleichen giebt es im
+ganzen marokkanischen Reiche nicht, wie denn auch der Gebrauch des Wagens
+noch ganz unbekannt ist. Eine solche Strasse besteht aus verschiedenen mehr
+oder weniger parallel neben einander herlaufenden Pfaden. Je betretener
+eine solche Strasse ist, um so mehr Pfade gehen neben einander, oft
+zwanzig, ja bis zu fünfzig, die sich in einander schlängeln, so dass das
+Ganze von der Vogel-Perspective aus gesehen, wie ein langgezogenes Netz
+erscheinen würde.
+
+ [Fußnote 3: Sonnenaufgang Seroct el schems, gegen 9 Uhr Morgens
+ Dhaha, Mittag nus el nhar, Nachmittags 3 Uhr L'asser, Untergang der
+ Sonne Hebut el schems. Diesen Zeiten entsprechen auch die Gebete,
+ doch ist das Dhaha-Gebet nicht obligatorisch]
+
+Die Gegend war immer gleich strotzend von Ueppigkeit, und die weissen
+Gipfel der Rifberge im Osten trugen nur dazu bei, den Reiz derselben zu
+erhöhen. Wir waren jetzt im Monat April. Man fing schon an hie und da die
+Gerste zu ernten. Die Verhältnisse sind in dieser Beziehung in Marokko ganz
+anders als bei uns. Der Acker wird gemeiniglich im December, auch wohl
+Anfang Januar bestellt, mittelst eines primitiven Pfluges, wohl ganz
+derselben Art, wie sich die Araber vor 2000 Jahren desselben bedienten. Ob
+die Berber den Pflug _vor_ der arabischen Invasion gekannt haben, ist
+nicht mit Bestimmtheit zu sagen, von allen übrigen Völkern Afrika's kennt
+nur der Abessinier den Pflug, und nach Abbessinien ist er auch
+wahrscheinlich aus Arabien herübergekommen. Südlich vom Atlas, in den Oasen
+der Sahara, in Centralafrika wird der Boden nur mit der Hacke bearbeitet.
+Das Schneiden der Frucht geschieht mittelst krummer Messer, Sicheln kann
+man kaum sagen, und so nahe unter der Aehre, dass fast das ganze Stroh
+stehen bleibt, dies soll dann zugleich für die nächste Bestellung des
+Ackers als Düngungsmittel dienen. In Haufen lässt man alsdann das Getreide
+einige Zeit auf dem Felde trocknen und hernach wird das Korn durch Rinder,
+_denen das Maul verbunden ist_[4] und die im Kreise herumgetrieben
+werden, ausgetreten. Eine aus Lehm gestampfte Tenne dient in der Regel
+einem ganzen Dorfe. Das Getreide, was man für den nächsten Gebrauch nicht
+im Hause behält, wird in grosse Löcher geschüttet. Diese Gruben von
+birnförmiger Gestalt mit engem Halse als Oeffnung nach oben, sind mehr als
+mannstief und unten 4 bis 5 Fuss breit; man legt sie immer auf Erhöhungen
+und im trockenen Erdreich an, das Getreide soll sich jahrelang darin
+halten.
+
+ [Fußnote 4: Höst (S. 129) behauptet zwar das Gegentheil, ich habe es
+ aber nur so ausdreschen sehen.]
+
+Es war an dem Tage ungemein warm; obschon an Gehen gewöhnt, war mir der
+Marsch mit blossen Füssen in den dünnen gelben Pantoffeln äusserst
+beschwerlich; nach der Sitte der Marokkaner hatte ich meine Hosen
+eingerichtet, d.h. bis zu den Knieen abgeschnitten und die Folge davon war,
+dass hier die empfindliche Haut von einem Sonnenstich bald blauroth wurde
+und schmerzhaft brannte. Glücklicherweise hatte Si-Embark eine kleine
+Rkuá[5] bei sich, woraus wir unseren Durst stillen konnten. Abends
+erreichten wir einen Duar, d. i. ein Zeltdorf, in dem genächtigt wurde. Es
+war ein Kreis von 17 Zelten; eins, das sich durch grössere Feinheit des
+Stoffes auszeichnete, auch geräumiger als die übrigen war, gehörte dem Mul
+el Duar (Dorfherr), der zu gleicher Zeit Aeltester der Familie und ihr Kaid
+war. Sein Zelt stand mit den übrigen im selben Kreise, manchmal lagern die
+Kaids in der Mitte oder auch abseits vom Duar. Nicht bei allen Triben
+herrscht überdies die Sitte, die Zelte kreisförmig aufzuschlagen; viele
+lieben es, in Einer Front die Zelte zu errichten oder auch die Behausungen
+den örtlichen Verhältnissen der Gegend anzupassen. Si-Embark hatte mir den
+ganzen Tag über gute Lehren gegeben, wie ich mich zu verhalten hätte, und
+ich ersah daraus, dass es vor Allem darauf ankam, fortwährend Gott im Munde
+zu haben. Doch waren manche andere Kleinigkeiten darunter, die uns
+lächerlich erscheinen werden. Als er mich das Wort "rsass", Blei, für Kugel
+anwenden hörte, unterbrach er mich rasch und meinte, es sei unanständig,
+dies Wort, womit man Menschen tödte, zu nennen; er sagte mir darauf, wie
+ich zu sagen habe. Das Wort entfiel mir damals, aber später fand ich, dass
+man in Marokko allgemein für Bleikugel das Wort "chfif", d.h. "leicht"
+sagt. Gerade die dem Blei entgegenstehende Eigenschaft. Er sagte mir, ich
+solle nie die Frauen und jungen Mädchen ansehen und als Fremder nicht mit
+ihnen sprechen, kurz, er gab mir goldene Lehren, machte sich freilich auch
+am folgenden Tag dafür bezahlt.
+
+ [Fußnote 5: Rkuá, kleiner Schlauch, den man selbst trägt; Girba,
+ Schlauch, den das Vieh zu tragen bekommt.]
+
+Im Duar logirten wir nicht im Gitun el diaf oder Fremdenzelt, sondern
+Si-Embark hatte auch hier seinen speciellen Freund, bei dem er Unterkommen
+fand und ich mit ihm. Hatte ich am Abend vorher zum ersten Male eine
+einheimische feste Behausung kennen gelernt, so war jetzt das Leben und
+Weben einer Zeltfamilie mir erschlossen. Ich sah jetzt ein, welch
+ungemeinen Vortheil ich aus der Maske des Islam ziehen würde. Hätte man
+einen Christen oder auch einen unter Gepränge reisenden Mohammedaner so
+ohne Weiteres ins geheiligte Innere eines Familienzeltes zugelassen? Nie.
+Auf diese Art, unscheinbar, ohne alle Mittel, aber ganz wie die dortige
+Bevölkerung selbst lebt--auf diese Art reisend, durfte ich hoffen, genau
+die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen kennen zu lernen. Vor mir war
+keine Scheu, keine Zurückhaltung, Jeder gab sich, wie er war, ja, ich kann
+sagen, auf dem Lande beeiferte man sich, mich mit Allem, was mir neu und
+unbekannt war, bekannt zu machen. Freilich war ich auch geplagt dafür vom
+Morgen bis zum Abend. Ich hatte, um mich besser der zudringlichen Fragen,
+warum ich gekommen, weshalb ich übergetreten, warum ich nicht heirathe und
+mich sesshaft mache etc. etc., erwehren zu können, ausgesagt, ich sei Arzt;
+aber von dem Augenblick war keine Ruhe mehr. Die mit wirklichen Krankheiten
+Behafteten sowohl, wie die vollkommen Gesunden, Alles wollte Mittel und
+Rathschläge vom ehemaligen christlichen Arzt haben. Freilich schöpfte ich
+auch hieraus manchen Nutzen, denn ebenso gut wie in Europa der Arzt
+manchmal mehr erfährt als der Beichtvater, haben in jeder Beziehung die
+Marokkaner Vertrauen zu dem Arzte, wenn sie nur einmal den geringsten
+Beweis seiner Heilkraft erprobt haben.
+
+Das Zelt, welches wir für die Nacht bewohnten, war dasselbe, worin die
+ganze Familie unseres Gastgebers zubrachte. Im Allgemeinen sind die Zelte
+der Marokkaner etwas kleiner als die der Algeriner, aber grösser als die
+der Bewohner von Tripolitanien und Cyrenaika. Dies gilt indess nur für die
+Theile in Marokko, die unter der Hand des Sultans oder seiner Blutsauger
+stehen, in den Gebieten, welche eine unabhängige Herrschaft haben, besitzen
+die Stämme ebenso grosse, wenn nicht noch grössere Zelte als die der Triben
+in Algerien. Man kann mit Recht von dem grossen Hause oder grossen Zelte
+auf den Wohlstand Einzelner, sowie auch ganzer Triben schliessen, und wie
+bei uns ursprünglich die Redensart: "er ist aus einem grossen Hause", "er
+macht ein grosses Haus", nicht nur bildlich sondern in Wirklichkeit zu
+nehmen ist, so auch in Marokko; "_min dar kebira_", oder "_cheima
+kebira_" heisst vom grossen Hause, vom grossen Zelte und bedeutet, dass
+der, auf den es Bezug hat, wirklich ein grosses Haus oder grosses Zelt,
+mithin Reichthum und Macht besitzt.
+
+Man kann wohl denken, dass das Zelt, welches wir bewohnten, nicht zu den
+grossen gehörte; in der einen Hälfte schliefen Mann und Frau, in der
+anderen wir und noch zwei männliche halberwachsene Kinder. Die Scheidewand
+war durch die im Zelte üblichen Möbel gebildet: hohe Säcke mit Korn, darauf
+ein Sattel, Ackergeräth, zwei Flinten, ein grosser Schlauch mit Wasser, ein
+anderer, worin gebuttert wird und der nur halb voll zu sein schien[6],
+Töpfe und leere hölzerne Schüsseln vervollständigten die trennende
+Barrikade. Bei Vornehmen pflegt aber aus Zeug eine Scheidewand gezogen zu
+sein. Ein kleines Füllen, welches an unserer Seite angebunden war, bekam
+mehrere Male Nachts Gesellschaft, Ziegen, Schafe, wahrscheinlich Besitz des
+Eigenthümers, kamen aus der Mitte des Duars ins Zelt, um einen kurzen
+Besuch zu machen, wobei sie ungenirt über uns wegkletterten.
+Glücklicherweise sind die Hunde _des Zeltes_, in das man einmal
+aufgenommen ist, nicht mehr zu fürchten, es ist, als ob sie den Gastfreund
+ihres Herrn respectiren wollten. Aber wehe Dem, der ohne Knittel Nachts
+einen Duar verlassen oder in denselben einzudringen versuchen wollte, er
+würde von der ganzen Meute der stets halbverhungerten Bestien angefallen
+werden. Und dennoch kommt mitunter Diebstahl vor, man lockt durch faules
+oder frisches Fleisch die hungerigen Thiere fort, und mit Leichtigkeit kann
+dann gestohlen werden, da die Eingeborenen sich Nachts nur auf die
+Wachsamkeit ihrer Hunde verlassen.
+
+ [Fußnote 6: Man giesst mehrere Morgen nach einander die frisch
+ gemolkene Milch in einen Ziegenschlauch, und später wird durch
+ Schütteln die Butter erzeugt.]
+
+Die Heerden, d.h. Rinder, Schafe und Ziegen werden stets für die Nacht in
+den inneren Kreis getrieben und Morgens und Abends gemolken. Besitzt ein
+Einzelner viele Schafe, so werden sie in zwei Reihen mit den Köpfen nach
+vorn gerichtet, durcheinander gebunden, um so gemolken zu werden. Sobald
+ein Schaf gemolken ist, wird es freigelassen. Unter der Zeit führen die
+Widder der verschiedenen Heerden furchtbare Kämpfe auf und meistens lassen
+die Besitzer sie gewähren. Ein jeder der Kämpfer geht ungefähr zehn Schritt
+zurück, und sodann stürzen beide mit gesenktem Kopfe auf einander, dass die
+Köpfe zu zerspringen drohen. Sie bohren nach jedem Stosse mit dem Kopfe
+nach vorwärts, sie fallen auf die Knie, endlich räumt der eine das Feld,
+während der andere laut schnuppernd zu seiner Heerde eilt. Das
+marokkanische Schaf ist nicht das fettschwänzige. Die Hörner des Schafes
+sind spiralförmig gebogen, der Kopf ist vorn gewölbt, die Wolle lang und
+fein, durch Veredlung dieses Schafes ist das spanische Merino entstanden.
+Für Veredlung der Race der Schafe wird natürlich in Marokko gar nichts
+gethan, im Gegentheil wundert man sich, dass sie bei so ungünstiger
+Behandlungsweise noch so ausgezeichnet gedeihen. Hemsö schätzt die Zahl der
+Schafe auf vierzig bis fünfundvierzig Millionen. Wo Schafe sind, ist
+gleichzeitig auch Ziegenzucht und verhältnissmässig gedeihen diese besser,
+weil sie weniger Wartung bedürfen. Vorzugsweise in den gebirgigen Theilen
+Marokko's zieht man dieselben, und von den Einwohnern werden sie wegen
+ihrer Felle geschätzt. Die Schläuche zum Wasserbedarf, Eimer, sind nur dann
+gut, wenn sie aus Ziegen- oder Bockfellen bereitet sind. Aber auch das
+gegerbte Leder, Safian, Maroquin, oder das, was heute am bewährtesten ist,
+Fessian und das von Tafilet wird aus Ziegenleder bereitet; als Fleisch
+zieht der Marokkaner jedoch Schaffleisch dem Ziegenfleisch vor.
+
+Am Morgen ehe wir den Duar verliessen, gab man uns statt der üblichen
+Morgensuppe, ein Gericht grosser Bohnen, welche in Wasser gekocht und mit
+Butter gegessen wurden. Wir hatten die Absicht, Abends noch die Stadt L'xor
+zu erreichen. Wie am Tage vorher war die Hitze ausserordentlich, und ich
+fing bald an, mich meiner überflüssigen Kleidungsstücke zu entledigen, auch
+mein spanisches Mützchen wurde dem Bündel beigefügt und dafür aus meinem
+Tuch zum besseren Schutz gegen die Sonne ein Turban gedreht. Si-Embark war
+freundlich genug, das Packet, mein ganzes Hab und Gut auf sein Maulthier zu
+nehmen, welches in zwei an beiden Seiten angebundenen Körben, "Schuari"
+genannt, verschiedene Waaren seines Herrn trug. So wurde Tleta-Risane
+erreicht, Oertlichkeit, wo Dienstags ein Markt abgehalten wird; ungefähr
+halbwegs zwischen Tanger und L'xor gelegen, zeichnet sich dieser Platz
+sonst durch nichts aus. Manchmal soll auch in der Nähe ein Duar zu finden
+sein, zu der Zeit sahen wir nur eine leere Stätte, die aber auf den ersten
+Blick andeutete, dass zu Zeiten dort grosses Leben und Treiben sein müsste.
+Hier standen leere Hütten aus Zweigen, dort waren Metzgerplätze, und viele
+Aasgeier und Raben durchwühlten noch den blutdurchtränkten Boden, hier sah
+man Asche der Schmiedewerkstätte, dort todte Kohlenreste einer Garküche,
+aber nirgends war ein Mensch zu sehen.
+
+Da Wasser in der Nähe war und die Sonne ihren höchsten Stand erreicht
+hatte, würde gelagert, und nachdem wir etwas trockenes Brod gegessen
+hatten, sagte Si-Embark, er wolle einen Freund aus einem in der Nähe
+lagernden Duar abholen, ich solle ihn erwarten, gemeinschaftlich wollten
+wir dann nach L'xor gehen. Ich wagte nicht, um nicht misstrauisch zu
+scheinen, ihn um mein Bündelchen zu bitten, er entfernte sich und nie habe
+ich ihn wiedergesehen.
+
+Ich wartete und wartete, Si-Embark kam nicht wieder; die dem Untergange
+zueilende Sonne mahnte aber zum Aufbruch. Indess ein ängstliches Gefühl
+beschlich mich, so allein auf jetzt völlig einsamer Strasse weiter zu
+ziehen, sämmtlicher Sachen beraubt. Ich hatte vor, nach Tanger
+zurückzukehren, aber ich schämte mich, nach einer dreitägigen Reise dort
+und noch dazu unter solchen Verhältnissen wieder zu erscheinen. Ich nahm
+noch einen tüchtigen Trunk Wasser und vorwärts zog ich nach Süden. Da
+Si-Embark mir gesagt hatte, im Funduk el Sultan in L'xor absteigen zu
+wollen, hoffte ich noch, ihn dort zu finden; aber auch diese Hoffnung
+erwies sich als falsch.
+
+Es war Abend, als ich L'xor erreichte, mein eigenthümlicher Aufzug, halb
+europäisch halb marokkanisch gekleidet, erregte natürlich das grösste
+Aufsehen. Hunderte von Menschen umdrängten mich bald, Kinder lärmten,
+schimpften und schrien, auch marokkanische Juden kamen hinzu, und das war
+ein Glück für mich. Der Pöbelhaufe wollte nämlich nicht glauben, ich sei
+Moslim, und wenn ich auch nicht Alles verstand, was sie mir Böses sagten,
+merkte ich doch so viel, dass sie keineswegs vom Eindringen eines Christen
+in ihre Stadt erbaut gewesen wären; als aber die Juden, welche spanisch
+verstanden, oder wie die Marokkaner sagen, "el adjmia" reden (adjmia wendet
+der Marokkaner auf jede fremde Sprache an), erklärten, ich sei allerdings
+Christ gewesen, habe aber die Religion der Gläubigen angenommen,
+werwandelte [verwandelte] sich das Schimpfen in ein "Gottlob", und als die
+Juden nun noch hinzufügten, ich beabsichtige nach dem "dar demana"[7] zu
+pilgern, um später in die Dienste des Sultans zu treten, war Jedermann
+zufrieden.
+
+ [Fußnote 7: Dar demana, Haus der Zuflucht, wird Uesan von den frommen
+ Gläubigen genannt.]
+
+Mittlerweile waren auch ein paar Maghaseni (Reiter der Regierung, die zum
+Theil in den Städten Polizeidienst versehen) hinzugekommen; ohne Weiteres
+ergriff der eine meine Hand und bedeutete, mit ihm zu kommen. Ich wollte
+nicht, der Maghaseni rief immerwährend: "tkellem el Kaid" (der Kaid lässt
+Dich rufen), und schien gar nicht zu fassen, dass man einer solchen
+Aufforderung überhaupt Widerstand entgegensetzen könne. Die Juden redeten
+zu, mitzugehen, sie selbst würden für mich dolmetschen, ich solle nur keine
+Furcht haben, der Kaid sei ein guter Mann.--Angekommen im Dar el Maghasen,
+wie jedes Regierungsgebäude in Marokko genannt wird, einerlei, ob man das
+Palais des Sultans oder die Wohnung eines gewöhnlichen Kaid damit meint,
+wurde ich sogleich vorgelassen. Den ganzen Weg über hatte mich immer der
+eine Maghaseni bei der Hand gehalten, während der andere hinten drein ging;
+erst als wir vor dem Kaid waren, wurde ich losgelassen. Auch später habe
+ich diese Sitte in Marokko beobachtet, dass, wenn Jemand gerufen wurde, er
+immer an der Hand vom Rufenden herbeigebracht wurde.
+
+Der Kaid Kassem empfing mich sehr freundlich, eine Tasse Thee erquickte
+mich ungemein, ich musste mich setzen und sodann begann er zu fragen, woher
+ich komme, nach Vaterland, wes Standes, wohin ich wolle, ob ich
+verheirathet, etc. etc. Der mich begleitende Jude explicirte Alles. Darauf
+hielt der Kaid, ich muss ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, eine
+eindringliche Rede, nicht ins Innere zu gehen; als ehemaliger Christ wäre
+ich Alles besser gewohnt, denn Alles sei schlecht in Marokko; er erbot sich
+sogar, mir ein Pferd zur Rückreise nach Tanger zu stellen und mich durch
+einen Maghaseni begleiten zu lassen.
+
+Als er sah, dass ich darauf bestand, nach Fes gehen zu wollen, glaubte ich
+zu verstehen, wie er zu dem Juden sagte: "er hat gewiss gemordet oder sonst
+etwas verbrochen, und _darf_ zu den Christen nicht zurückkehren." Nach
+Beendigung des Verhörs war ich unvertraut genug mit den Sitten des Landes,
+nach dem "Funduk el Sultan" zu verlangen; denn der Kaid hatte es natürlich
+als selbstverständlich betrachtet, dass ich bei ihm wohne. Aber auch so
+noch erstreckte sich seine Freundlichkeit weiter, er befahl einem Maghaseni
+und dem Juden, mich nach dem genannten Funduk zu begleiten: ich solle dort
+auf seine Kosten wohnen, Nahrungsmittel wolle er schicken. Natürlich wird
+er dem Miethsmann des Funduks als Entschädigung nichts gegeben haben, was
+er überdies auch kaum nöthig hatte, da der Name "Funduk el Sultan", d.h.
+"Gasthof zum Kaiser" nicht etwa in unserem Sinne zu verstehen ist, sondern
+so viel bedeutet, als Eigenthum des Sultans oder der Regierung. In der
+Regel gehören die Funduks in Marokko entweder der Regierung oder irgend
+einer Djemma (Moschee) an und werden verpachtet.
+
+Die Stadt L'xor (so gesprochen ist es der marokkanischen Aussprache am
+nächsten, geschrieben wird aber Alkassar) liegt ungefähr 10 Minuten vom
+rechten Ufer des Ued-Kus entfernt, nach Ali Bey auf 35° 1' 10" N. B. und 8°
+9' 45" W. L. v. P. in einer freundlichen Alluvialebene. Die Stadt soll nach
+Leo von Almansor[8] gegründet sein; da aber Edris derselben unter dem Namen
+Kasr-Abd-el-Kerim erwähnt, so hat wohl Sultan Almansor, wie Renou richtig
+bemerkt, nur zur Vergrösserung der Stadt beigetragen. Die Bevölkerung ist
+sehr schwankend, Hemsö nimmt nur 5000 Einwohner an, Washington 8000, bei
+meiner zweiten Reise in Marokko taxirte ich die Stadt auf 30,000 Seelen,
+mich stützend auf die Anzahl der bewohnten Häuser, die mir zu 2600
+angegeben wurden. Früher muss die Stadt noch bedeutender gewesen sein, wie
+man aus den vielen Ruinen und leeren Djemmen schliessen kann. Eigenthümlich
+für Marokko ist, dass die meisten Häuser nicht flach sind, sondern spitze,
+mit Ziegeln gedeckte Dächer haben. Wie wenig Abänderungen in den Gebräuchen
+beim Volke in Marokko vor sich gehen, ersieht man daraus, dass der von Leo
+als am Montage ausserhalb der Stadt abgehaltene Markt auch noch jetzt am
+Montage abgehalten wird. Sehr auffallend für alle Besucher der Stadt ist
+die ungeheure Anzahl von Storchnestern mit ihren Besitzern, wenn die
+Jahreszeit sie herbeizieht, nicht nur die Häuser sind voll davon, sogar auf
+den Bäumen erblickt man sie. Aeusserst günstig als Zwischenstapelplatz der
+Häfen L'Araisch, Arseila und Tanger einerseits, der Binnenstädte Fes und
+Uesan andererseits, hat bei besserer Entwickelung des Handels L'xor eine
+Zukunft vor sich.
+
+ [Fußnote 8: Maltzan meint, dass hier die Stadt Bauasa der Alten
+ gelegen sei, welche Stadt freilich, als am Sebu gelegen angegeben
+ wird, sonst stimmen die Entfernungen.]
+
+Ausserdem ist die Gegend eine der reichsten von Marokko, was man an Gemüsen
+nur bauen will, gedeiht um L'xor. Freilich liegt der Gemüsebau in Marokko
+noch arg danieder. Obschon der Marokkaner Gelegenheit hat, in den von
+Christen cultivirten Gärten der Hafenstädte alle Gemüse kennen zu lernen,
+kann doch von einer eigentlichen Gartencultur der Marokkaner selbst kaum
+die Rede sein. Wie gut würde aber Alles hier gedeihen; versorgt doch das
+nahe Algerien unter nicht ganz so günstigen klimatischen Verhältnissen,
+wegen geringerer Feuchtigkeit des Bodens und der Luft, im Winter fast ganz
+Europa mit frischen Gemüsen der feinsten Art. Die uns unentbehrliche
+Kartoffel hat den Weg in das Innere des Landes noch nicht finden können.
+Mit Ausnahme der Gärten des Sultans in Fes, Mikenes, Maraksch etc. kennt
+man nirgends Spargel, Artischocken, Blumenkohl und andere feine Gemüse. Und
+selbst dort werden sie keineswegs des Nutzens halber gezogen; irgend ein
+Consul brachte sie vielleicht zum Geschenk, man zieht sie nun als Blumen
+und wundert sich, dass die Christen solches Zeug essen.
+
+Das Gemüse, was in Marokko gebaut wird, ist bald aufgezählt. Rothe und
+gelbe Rüben, Steckrüben, grosse Bohnen, Rankbohnen, Erbsen, Linsen,
+Zwiebeln, Knoblauch, Kohl findet man fast überall, Sellerie und Petersilie
+ebenfalls. Was aber gerade bei L'xor besonders gut gedeiht, sind die
+Melonen, sowohl die gewöhnlichen wie die Wassermelonen. Man sagt, dass die
+um L'xor wachsenden Trauben schlecht seien wegen des zu feuchten Bodens.
+
+Gegenstand der grössten Neugier, blieb ich durch starken Regen gezwungen
+vier Tage in der Stadt und lernte immer mehr mich an die eigenthümlichen
+Sitten gewöhnen, "Christ, laufe doch nicht immer auf und ab," rief mir ein
+alter Kaffeetrinker eines Abends zu, als er sah, wie ich im Hofe in
+Gedanken auf und ab ging. Ich setzte mich und fragte, ob das denn ein
+Verbrechen sei. "Das nicht," antwortete mir ein Anderer, "aber ohne Zweck
+auf- und abgehen thun nur die Thiere und ist hier nicht anständig[9]."
+"Gott verfluche Deinen Vater," sagte ein Anderer zu mir, "wenn er Dir auch
+gute Lehren giebt, hat er doch kein Recht, Dich _Christ_ zu nennen;
+Gott sei Dank, Du glaubst jetzt an einen einigen Gott und an dessen
+Liebling, Gott vertilge alle Christen und lasse sie ewig brennen!"--"Aber,
+o Wunder!" fing ein Dritter an, "seht den ungläubigen Hund, wie er die
+Hände gefaltet hat (ich hatte mich auf türkisch niedergesetzt und in
+Gedanken die Hände gefaltet), gewiss betet er seine sündhaften Gebete!" Ich
+entfaltete rasch meine Hände, und ein Anderer ermahnte mich nun, nie wieder
+in der Gesellschaft von Gläubigen solche gottvergessenen Handlungen
+vorzunehmen.
+
+ [Fußnote 9: Ich übersetze das Wort "drif", dessen er sich bediente
+ so, eigentlich bedeutet es zart, elegant, fein gebildet.]
+
+So unangenehm es auch war, auf diese Art auf Tritt und Schritt wie ein
+kleines Kind geschulmeistert zu werden, so lernte ich doch dadurch rasch
+die Sitten in ihren kleinsten Einzelheiten kennen. Am peinlichsten war mir
+immer die Essstunde; abgesehen davon, dass am Boden hockend aus einer
+Schüssel gegessen wird, und Jeder mit halb oder gar nicht gewaschener Hand
+ins Essen fährt, haben alle Marokkaner die sehr unangenehme Angewohnheit,
+zwischen und gleich nach dem Essen _laut aufzustossen_. "Veizeih's
+[Verzeih's] Gott," ist das Einzige, was so ein alter Schlemmer mit seiner
+unsauberen Erleichterung zugleich ausruft, und ein "Gott sei gelobt" der
+Anwesenden giebt die Billigung derselben zu erkennen.
+
+Als endlich das Wetter sich aufheiterte, setzte ich in Begleitung eines
+Bauern aus der Umgegend von Tetuan meine Reise nach Uesan fort. Durch die
+strotzenden Gärten hatten wir bald den Ued Kus erreicht, setzten über und
+gingen auf die Berge los; obschon man den Weg recht gut in Einem Tage
+machen kann, nächtigten wir doch abermals, da der anhaltende Regen die Wege
+in dem Lehmboden fast grundlos gemacht hatte. Die Gegend wurde uns als
+gefährlich geschildert, doch schützte uns der Umstand, dass wir Uesan als
+Reiseziel hatten. Der Ruf des dortigen Grossscherif ist in der That so
+gross, dass Alle, die zu ihm pilgern, unter einem allgemein anerkannten
+Schutz stehen.
+
+Die reizende Gegend, durch die wir zogen, jeder Hügel, jeder Berggipfel,
+wie in der Romagna mit einem Dorf oder Städtchen, machte einen grossen
+Eindruck auf mich. Mit grosser Freigebigkeit wurden wir Mittags in einem
+Orte, Kaschuka genannt, bewirthet, angestaunt von der ganzen Bevölkerung,
+welche wohl noch nie einen Deutschen gesehen hatte. In einem dem
+Grossscherif gehörenden Dorfe aus Zelten wurde übernachtet, und am anderen
+Morgen gegen 9 Uhr erreichten wir die heilige Pilgerstadt, das Mekka der
+Marokkaner.
+
+Doch bevor ich den Leser mit Uesan bekannt mache, werfen wir auf
+Bodengestalt, Klima und Bevölkerung des ganzen Reiches einen Blick.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+2. Bodengestalt und Klima
+
+ * * * * *
+
+Das am nordwestlichen Ende von Afrika gelegene Kaiserreich Marokko, Rharb
+el djoani[10] im Lande selbst genannt, ist von allen an das Mittelmeer
+grenzenden Ländern Nordafrika's eins der am günstigsten gelegenen. Es würde
+zu nichts führen, wollten wir versuchen, die Grösse des Landes in Zahlen
+anzugeben; selbst eine allgemeine Bezeichnung, dass Marokko zwischen den so
+und so vielten Längen- und Breitengraden liege, giebt nur annähernd einen
+Begriff und wechselt je nachdem wir die bedeutenden Oasen von Gurara, Tuat
+und Tidikelt, die fast bis zum 26° N. B. nach dem Süden und bis zum 22° O.
+L. von Ferro reichen, hinzurechnen oder nicht. Halten wir diese letzte
+Ausdehnung fest und rechnen die grossen Strecken wüsten Terrains, welche
+zwischen den Oasen und dem atlantischen Ocean liegen, hinzu, so können wir
+uns den besten Begriff von der Grösse Marokko's machen, wenn wir dann aus
+der Karte ersehen, dass es um ein Drittel grösser ist, als Frankreich,[11]
+ohne diese Gebiete aber ungefähr mit Deutschland eine gleiche Grösse hat.
+
+ [Fußnote 10: Der Name Maghreb el aksa ist im Lande selbst nicht
+ bekannt und gebräuchlich, wohl aber sagt man Rharb schlechtweg, oder
+ Bled-es-Sidi-Mohammed, oder bled Fes nach der Hauptstadt. Das Wort
+ djoani bedeutet nach Wetzstein das "innere" und "eigentliche", also
+ der innere und eigentliche Westen.]
+
+ [Fußnote 11: Klöden und Behm 12,210 Quadrat-Meilen. Renou 5775
+ Myriam.-Q.-M. Beaumier 5000 M.-Q.-M. Daniel ca. 13,000 Q.-M. A. Rey
+ und Xavier Durrieu 24,379 Lieues car. Gråberg de Hemsö 219,400 Q.-M.
+ italiane. Jardine 50,000 (englische) Q.-M. Donndorf 7425 Q.-M. J.
+ Duval 57,000,000 Hectars und in Berlings Staatszeitung von 1778
+ giebt Tempelmann 6287 Q.-M. für Fes, Tafilet und Marokko an.]
+
+Wenige Länder von Afrika haben im Verhältniss zum Binnenlande eine so
+grosse Küstenentwickelung. Die Gestadelänge Marokko's am atlantischen Ocean
+beträgt 1265, die an der Meerenge von Gibraltar 60, die am Mittelmeere 425
+Kilometer, während die Landgrenze nur eine Länge von 250 Kilometer hat.[12]
+
+ [Fußnote 12: Nach Renou, der Tuat etc. nicht mit in seine
+ Berechnungen gezogen hat.]
+
+Was die Küsten ihrer Beschaffenheit nach anbetrifft, so fallen dieselben im
+Norden nach dem Mittelmeere steil ab mit unzähligen Buchten, die aber zu
+klein sind, um einen guten Hafen zu bilden. Dennoch sind sie gross genug,
+um den Rif-Piraten mit ihren kleinen Fahrzeugen Versteck und Sicherheit
+gegen Sturm und stürmische Witterung zu gewähren. Indess fehlen die guten
+Ankerplätze auch nicht. Zwischen den Djafarin-Inseln und an der Küste bei
+Melilla, bei Ceuta, haben grosse Schiffe vollkommenen Schutz, und noch
+andere Häfen würden sich mit geringen Mitteln herstellen lassen, so
+namentlich die grosse Bucht von Alhucemas, fast gegenüber von Malaga,
+liesse sich mit leichter Mühe zu einem prächtigen Ankerplatz umwandeln.
+
+An der Strasse von Gibraltar liegt Tanger mit einer zu weiten Bucht, um nur
+als sichere Rhede betrachtet werden zu können; der einstige kleine Hafen
+der Stadt Tanger wurde von den Engländern, als sie 1684 Tanger freiwillig
+den Marokkanern überliessen, zerstört.
+
+Die ganze nun folgende längs des atlantischen Oceans in südwestlicher
+Richtung streichende Küste ist vollkommen flach und sanft das Meer
+hinabsteigend bis südlich von Mogador. Aeusserst gefährlich für die
+Schifffahrt, besonders bei nebeliger Witterung, hat man durchschnittlich in
+einer Entfernung von dreissig Seemeilen erst hundert Faden Wasser. Hohe
+Sanddünen hat das Meer an dieser langen Küste ausgeworfen, die einen
+eigenthümlichen Anblick gewähren, weil sie nach der Landseite, oft auch
+nach der Seeseite zu nicht kahl, sondern mit Lentisken bewachsen sind. Und
+wahrscheinlich durch den Wind beeinflusst, bilden diese fünf bis acht Fuss
+hohen Lentiskenbüsche ein vollkommen den Dünen glatt angepasstes Ganze, als
+ob sie gleichmässig oberhalb derselben beschnitten wären. Gute Häfen würden
+allerdings mit leichter Mühe herzustellen, der Unterhalt indessen wegen des
+immer stark vom Meere ausgeworfenen Sandes kostspielig sein. Andererseits
+haben fast alle Mündungen der grösseren Flüsse, die wohl gut zu Häfen
+eingerichtet werden könnten, sehr starke Barren.
+
+Gleich südlich von Mogador, wo die Küste von Nord nach Süd bis Agadir
+läuft, ist sie schroff ins Meer abfallend. Bei Agadir ist offenbar der
+beste natürliche Ankerplatz, aber vollkommene Sicherheit haben auch hier
+die Seeschiffe nicht. Von hier an weiter nach dem Süden bewahrt die Küste
+wieder ihren Dünencharakter, die Berge treten nicht mehr bis unmittelbar an
+den Ocean hinan.
+
+An bedeutenden, bis ans Meer hineinragenden spitzen Vorgebirgen hat man im
+Mittelmeer das Cap Tres Forcas oder Ras el Deir; westlich von Melilla
+gelegen, hat diese Landzunge eine Länge von ungefähr zwanzig Kilometer auf
+circa sieben Kilometer Breite, und die nordwestliche hat noch auf den
+Seekarten den speciellen Namen Cap Viego. Das weltbekannte Cap Espartel
+oder Ras el kebir[13] streckt sich nach Europa hin, während die
+nordöstliche Landspitze bei Ceuta, Cap Almina, unserm Erdtheile noch näher
+liegt. An der langen atlantischen Küste des Landes haben wir nur das Cap
+Gher, nordwestlich von Agadir, zu verzeichnen. Es ist hier der Punkt, wo
+die Haupt-Atlaskette sich ins Meer stürzt. Alle übrigen auf den Karten
+verzeichneten Vorgebirge, wie Cap Blanco und Cap Cantin nördlich vom
+Gher-Vorgebirge, oder Cap Nun südlich davon, spielen in der Formation
+der Küste keine Rolle.
+
+ [Fußnote 13: Auf den Karten auch Ras Idjberdil genannt.]
+
+Ein gewaltiges Gebirge, der Atlas, durchzieht Marokko von Südwest nach
+Nordost. Wir würden zu irren glauben, wenn wir die Gebirge Algeriens zum
+grossen Atlas rechnen wollten; mögen die französischen Geographen dort
+immerhin ihre der Küste parallel laufenden Gebirge als _grossen_ und
+_kleinen_ Atlas bezeichnen, mögen die Franzosen für die Gebirge
+Algeriens den Namen Atlas beanspruchen--wer beide Länder bereist hat, wird
+finden, dass Algerien nur ausgedehnte Hochebenen mit davorliegenden
+Gebirgsketten besitzt, der _grosse_ Atlas ist nur in Marokko, und in
+dieser Beziehung gilt auch das Zeugniss der Alten, welche den
+_grossen_ Atlas beim Cap Gher entspringen und beim heutigen Cap Ras el
+Deir enden liessen, oder umgekehrt.
+
+Im Grossen, kann man sagen, hat der Atlas eine hufeisenförmige Gestalt.
+Geöffnet nach Nordwesten, ist die Spitze seines einen Schenkels das
+Vorgebirge Ras el Deir, die Spitze des andern das Vorgebirge Gher. Der
+Atlas bildet eine Hauptkette, welche durchschnittlich nach dem Nordwesten,
+d.h. also nach der dem eigentlichen Marokko zugekehrten Seite durch breite
+Terrassen allmälig ins Tiefland sich hineinzieht. Nach dem Südosten zu
+senkrecht und steil abfallend, zweigt sich indess auf ungefähr 31° N. B.,
+12° O. L. von Ferro eine bedeutende Kette nach Süd-Südwest ab und läuft
+demnach fast mit der Hauptkette des Atlas parallel. Der Abzweigungspunkt
+giebt dem Sus Ursprung. Etwas weiter von diesem Punkte haben wir überhaupt
+den eigentlichen Knotenpunkt des grossen Atlas, den "St. Gotthard" dieses
+Gebirges. Wie bei den Schweizeralpen ist aber auch hier nicht der höchste
+Gebirgspunkt, dieser scheint im Südwesten zu liegen, etwa südlich von der
+Stadt Marokko.
+
+Südlich von dieser Stadt haben wir den von Washington gemessenen Djebel
+Miltsin mit 11,700 Fuss. [3475 Meter.] Höst berichtet von diesem Berge,
+dass nur Einmal innerhalb eines Zeitraumes von zwanzig Jahren sein Schnee
+geschmolzen sei, obschon Humboldt für diese Breite die Grenze des ewigen
+Schnees höher angiebt. Es ist dies um so auffallender, als man gerade hier
+erwarten sollte, die Schneegrenze höher zu finden. Es ist also wohl
+anzunehmen, dass Washington's Rechnung nicht ganz richtig gewesen ist. Der
+Etna z.B. bei einer Höhe von 10,849 Fuss und fast 7° nördlicher gelegen,
+hat nie Schnee im Sommer (das, was in einigen Felsspalten liegen bleibt,
+ist kaum zu rechnen und zum Theil künstlich von den Bewohnern Catania's
+zusammengetragen, um im Sommer benutzt zu werden). Nach den Aussagen der
+Bewohner dortiger Gegend verlieren die höchsten Atlaspunkte den Schnee nie.
+Bei der Uebersteigung des grossen Atlas, die ich selbst später zwischen Fes
+und Tafilet, und etwas westlich vom Knotenpunkt des Gebirges ausführte,
+erlaubte mir mein mangelhaftes Aneroid nicht, auch nur annähernd richtige
+Messungen zu machen. Zu der Zeit verstand man bloss Aneroide zu
+construiren, mit denen man höchstens bis 1000 Meter messen konnte; das
+meine zeigte nicht einmal so hoch. Wenn ich aber bedenke, dass dasselbe
+schon auf dem ersten Absatz, auf der Terrasse südlich von Fes und Mikenes,
+zum Gebiete der Beni-Mtir gehörend, den Dienst versagte, dass ich dann
+aber, mehrere Tage nach einander immer steigend, verschiedene Terrassen und
+Plateaux zu überwinden hatte, so glaube ich, dass die höchste Passhöhe auf
+dieser Strecke, "Tamarakuit" genannt, kaum unter 9000 Fuss sein dürfte.
+Aber wie hoch thürmten sich daneben und nach allen Seiten hin die
+schneeigen Spitzen des Atlas selbst auf! Späteren Zeiten und späteren
+Forschern muss dies zu erforschen vorbehalten bleiben.
+
+Von diesem Knotenpunkt aus werden noch einzelne Ketten nach dem Osten und
+Süden gesandt, im Ganzen hört aber der Charakter als Kette nach diesen
+Richtungen auf: das Gebirge erweist sich mehr als ein Gewirr von einzelnen
+schroffen Felsen und zerklüfteten Bergen. Aber die Hauptkette des Atlas ist
+erhalten, sie geht mittelst der Djebelaya (Gebirgsland) und dem Djebel
+Garet direct nach Norden, um mit dem Cap Ras el Deir am Mittelmeer zu
+enden. Vorher jedoch, etwa auf dem 14° O. L. von Ferro und 34° 40' N. B.
+entsendet diese Hauptkette einen Zweig gegen Nordwesten; es ist das
+Rifgebirge, welches an der Strasse von Gibraltar sein Ende erreicht.
+Ausserdem schickt der grosse Atlas zahlreiche kleinere Zweige in das von
+ihm umschlossene Dreieck zwischen Ras el Deir und Ras Gher. So sind die
+Gebirge bei Uesan, die Berge nördlich von Mikenes nur Ausläufer des
+nördlichen Riesengebirges, welches selbst weiter nichts als ein Zweig des
+Atlas ist, während das sogenannte Djebel el Hadid ein directer Zweig des
+_grossen_ Atlas ist, obschon Leo sagt:[14] "Der Berg Gebel el Hadid
+genannt, gehört nicht zum Atlas; denn er fängt gegen Norden am Gestade des
+Oceans an und dehnt sich nach Süden am Flusse Tensift aus." Von den Höhen
+des Rif-Gebirges sind nur die vom Meere aus gemessenen Punkte bekannt,
+deren es bis zur Höhe von circa 7000 Fuss[15] giebt; weiter nach dem Süden
+dürften in dieser Kette Berge von noch bedeutenderer Höhe sein und diese
+mindestens dem Djurdjura-Gebirge in Algerien gleichkommen.
+
+ [Fußnote 14: Leo, Uebersetzung von Lorsmann.]
+
+ [Fußnote 15: Stielers Atlas und Petermanns Mittheilungen, 1865, Taf.
+ 6.]
+
+Haben wir somit durch Zeichnung der Hauptlinien der Gebirge von Marokko ein
+Bild gewonnen, so bleibt uns nur übrig zu sagen, dass _alles_ Land von
+der nördlichen Kante des Atlas bis zum atlantischen Ocean und Mittelmeer
+vollkommen culturfähig ist. Der Ausdruck "Tel" für culturfähiges Land ist
+in Marokko _nicht_ bekannt. Solche Gegenden und Unterschiede davon,
+existiren nur in Algerien, durch die Bodenbeschaffenheit bedingt. Der
+einzige Strich nördlich in Marokko, d.h. auf der Abdachung nach dem
+Mittelmeere zu, der nicht die Fruchtbarkeit des vollkommen culturfähigen
+Landes besitzt, ist das sogenannte Angad, südlich vom Gebirge der
+Beni-Snassen und vom mittleren Laufe der Muluya durchzogen. Aber
+keineswegs ist dieser Boden hier wüstenhaft, steril und vegetationslos,
+ebensowenig, wie es die Hochebenen Algeriens südlich von Sebda, Saida
+oder Tiaret sind. Wenn nur der feuchte Niederschlag reichlich ist und
+zur rechten Zeit erfolgt, sehen wir überall den Boden in Acker
+umgewandelt. So im Angad auch, eine Landschaft, die seit dem
+unglücklichen Versuch Ali Bey's el Abassi, durchzureisen, als
+vollkommene Wüste verrufen, aber nichts weniger als vegetations- und
+wasserlos ist. Sie wird durchflossen von einem der mächtigsten Ströme
+Marokko's, ist das nicht schon bezeichnend genug?
+
+Marokko, auf diese Art ausgezeichnet, ist das Land von Nordafrika, welches
+den breitesten Gürtel von culturfähigem Lande hat, und dies nicht nur
+nördlich vom grossen Atlas, sondern auch das lang gezogene Dreieck südlich
+von demselben, durch diesen und seine nach Südsüdwest gesandten Zweige
+eingeschlossen: das ganze Sus-Thal ist zum Anbau geeignet.
+
+Wie Algerien und Tunis, so hat auch Marokko seine Vorwüste. Wir verstehen
+für Marokko unter diesem Namen den Raum, der sich hinerstreckt vom
+atlantischen Ocean bis zur Grenze von Algerien einerseits, vom Südabhange
+des Atlas bis zu den Breiten, welche durch die Südpunkte der grossen Oasen
+gehen, andererseits. Wir schliessen jedoch Tuat von dieser Vorwüste aus,
+beanspruchen diese Oase im Gegentheil für die _grosse_ Wüste. Auch
+diese Vorwüste, oder, wie die Franzosen in Algerien das entsprechende
+Terrain benennen, "petit desert", ist keineswegs ohne Cultur und nach
+rechtzeitigem Regen sieht man auch hier manchmal Getreide aus dem Boden
+sprossen, wo vordem der Wanderer jede Cultur für vollkommen unmöglich
+gehalten haben würde.
+
+Wie der ganze Norden von Afrika, d.h. besonders die Berberstaaten in
+Bodenformation dasselbe Gepräge zeigt, wie wir es in den übrigen um das
+Mittelmeer gruppirten Ländern finden, so zeigen auch die Flüsse Marokko's
+einen Lauf, der nicht abweichend ist von dem der anderen Länder, d.h. sie
+sind nicht unverhältnissmässig lang, haben zahlreiche Krümmungen und eine
+starke Verästelung nach der Quelle zu. Jene langgezogenen Wasserläufe, ohne
+Nebenflüsse, wie sie der übrige weite Norden von Afrika so häufig
+aufzuweisen hat, und deren Bilder wir am besten im Draa, Irharhar und Nil
+wiedergegeben sehen, giebt es im eigentlichen Marokko nicht.
+
+Einer der bedeutendsten Ströme von Nordafrika (Nil natürlich ausgenommen)
+unter denen, die dem Mittelmeer tributär sind, ist die Muluya. Ungefähr
+beim östlichen siebenten Längengrad von Ferro auf der Ostseite des grossen
+Atlas entspringend, bekommt die Muluya ausser vielen Nebenflüssen ihren
+Hauptzustrom vom Süden, dem Ued-Scharef, ein Gewässer, fast so mächtig, wie
+die Muluya selbst. Dicht bei der algerischen Grenze, etwa 10 Kilometer
+westlich davon, und etwa 10 Kilometer östlich von Cap del Agua, welches
+gerade südlich von den spanischen Inseln Djafarin liegt, ergiesst sieh die
+Muluya ins Mittelmeer. Die Länge dieses Stromes auch nur annähernd in
+Zahlen ausdrücken zu wollen, wie Hemsö das gethan hat, ist jetzt, wo noch
+von Niemandem die Quelle des Flusses erforscht wurde, ein vollkommen
+überflüssiger Versuch. Wir wollen nur erwähnen, dass die Länge der Muluya
+etwas geringer als die des Chelif zu sein scheint, und dass die Muluya
+ungefähr ein gleiches Gebiet beherrscht wie der spanische Fluss
+Guadalquivir.
+
+Auf der oceanischen Seite haben wir, von Norden anfangend, den Ued Kus[16]
+oder el Kus. Dieser Fluss, der die fruchtbarsten Ebenen in zahllosen
+Krümmungen durchzieht, woher sein Name, geht bei L'Araisch ins Meer,
+empfängt aber dicht vor seiner Mündung den Ued el Maghasen, bekannt durch
+die Drei-Königs-Schlacht; beide Flüsse kommen vom Rif-Gebirge und dessen
+Ausläufern.
+
+ [Fußnote 16: Bei Renou Loukous, bei Höst Luccos, Stieler Aulcos,
+ Jackson el koss und Luccos, Maltzan Aulcus.]
+
+Weiter der Küste folgend, kommen wir sodann auf den bedeutenden Ued Ssebú.
+Mit zwei Armen gleichen Namens, von denen der eine vom grossen Atlas
+anderthalb Grad südlich von Fes, der andere aber vom grossen Atlas östlich
+von Tesa entspringt, haben diese Arme, welche sich ungefähr eine Stunde
+nördlich von Fes vereinigen, verschiedene Nebenflüsse, beide ändern auch
+häufig den Namen, um den alten vielleicht später wieder aufzunehmen. Von
+Osten her erhält sodann nach seiner Conjunction der Ssebú auf seinem
+rechten Ufer den bedeutenden Uargha vom Rif-Gebirge und vom Südosten her
+auf seinem linken Ufer den Bet. Der Ssebú, welcher sich bei Mamora[17] ins
+Meer ergiesst, würde leicht bis zu dem Punkte, wo sich der Uargha mit ihm
+vereint, schiffbar gemacht werden können. Die Länge seines Laufes ist
+ebenso bedeutend, als die der Muluya.
+
+ [Fußnote 17: Auf den meisten Karten so verzeichnet, Ort, der von den
+ Marokkanern Mehdia genannt wird.]
+
+Der von den vorderen Terrassen des grossen Atlas kommende, aber
+unbedeutende Fluss Bu Rhaba[18], in nordwestlicher Richtung fliessend, ist
+nur erwähnenswerth, weil an seiner Mündung die bedeutenden Städte Rbat und
+Sla liegen.
+
+ [Fußnote 18: Der auf den Karten verzeichnete Name Buragrag dürfte
+ falsch sein; die Marokkaner nennen ihn Bu Rhaba, Vater des Waldes,
+ d.h. waldreich. Bu-Rgag oder Rgig würde heissen der "Vater der
+ Enge", Bu-Rhaba "Vater des Gehölzes".]
+
+Der Fluss Um-el-Rbea (Mutter der Kräuter, oder der Kräuterreiche)
+entspringt mit einem mächtigen Geäste aus dem grossen Atlas, fliesst seiner
+Hauptrichtung nach nach Nordwest, um bei Asamor, einer bedeutenden Stadt,
+den Ocean zu erreichen. Renou nennt ihn den bedeutendsten Fluss vom Norden
+Afrika's (natürlich der Nil immer ausgenommen) und stellt ihn auf gleiche
+Stufe mit der Garonne und Seine. Auch dieser Strom ist leicht schiffbar zu
+machen.
+
+Merkwürdigerweise hat der grosse Tensift, der ebenfalls mit vielen
+Nebenflüssen aus dem Atlas entspringt, an seiner Mündung, die zwischen Asfi
+und Mogador liegt, keine Besiedelung. Gerade weil er vorher der von jeher
+bedeutenden Stadt Marokko Wasser zuführt, sollte man denken, an seiner
+Mündung auch eine Stadt zu finden. Obgleich von bedeutender Breite, kann
+der Fluss bei Ebbezeit an der Mündung durchwatet werden.
+
+Mit Ausnahme der Muluya entspringen alle diese Ströme am Nordwestabhange
+des Atlas; übersteigt man sodann die Ausläufer dieses Gebirges und das
+Gerippe, welches im Cap Gher endet, so erreicht man die Mündung des Sus,
+ungefähr 30° 20' N. B. Der Sus hat fast vollkommen östliche Herkunft und
+entspringt in dem Winkel, den der grosse Atlas und der von ihm nach
+Westsüdwest entsandte Zweig bilden.
+
+Weiter nach dem Süden zu kommt sodann, auf den meisten Karten verzeichnet,
+der Ued Nun. Der Name Ued Nun bedeutet aber weiter nichts als eine
+Landschaft oder Provinz, wie wir aus den neuesten Forschungen von Gatel
+ersehen können. Der dort existirende Strom heisst Ued Asaka, und es ist
+dies der Fluss, dessen Nun-Mündung auf den Petermann'schen Karten als
+Aksabi verzeichnet steht, was dasselbe ist.
+
+Wir haben sodann eines echten Wüstenstromes Mündung, die des Draa[19] zu
+verzeichnen. Mit kleinem Geäste aus dem grossen Atlas entspringend,
+ungefähr unter dem 13° O. L. von Ferro geht dieser Strom direct und ohne
+nennenswerthe Nebenflüsse zu erhalten bis zum 29° N. L. nach Süden, schlägt
+dann aber westliche Richtung ein, um unter 28° 10' in den Ocean zu fallen.
+Dieser lange Lauf, ein Sechstel mindestens länger, als der des Rheins von
+der Quelle bis zur Mündung, hat beständig Wasser, auch im Hochsommer bis zu
+dem Punkte, wo der Strom von der Südrichtung eine westliche Richtung
+einschlägt. Die Wassermenge, die der Draa fortschwemmt, ist in den oberen
+Theilen des nordsüdlichen Stückes dennoch nicht bedeutender, als etwa
+diejenige der Spree bei Berlin; sie wird dann am südlichen Ende des von
+Nord nach Süd fliessenden Theiles, nachdem der Strom sogar mehrere Male
+verschwindet und viel Wasser durch Irrigiren verbraucht ist, so gering,
+dass man diesen grossen Strom, wie er sich zur Herbstzeit, kurz vor dem
+Eintritt der Regenperiode auf dem Atlas präsentirt, hinsichtlich der
+Wasserarmuth kaum einen Bach nennen kann.
+
+ [Fußnote 19: Wir erwähnen der Ssegiat el Hamra, weil sie auf den
+ meisten Karten als _Fluss_ verzeichnet ist, als in die Mündung des
+ Draa einfliessend. Der Name Ssegiat hat aber immer etwas Künstliches
+ in sich und Gatel auf seiner Karte verzeichnet sie nicht.]
+
+Dass überhaupt noch so viel Wasser bis zum Umbug Jahr aus Jahr ein
+herabkömmt, nachdem der heisse Wind der Sahara im Frühjahr und im Sommer
+mit Macht daran gezehrt hat, nachdem Tausende von Feldern und Gärten, die
+sich längs der Ufer hinziehen, Tag und Nacht vom Wasser des Draa berieselt
+werden, das eben spricht für die Möglichkeit der Schneelage des Atlas, aus
+welchem der Fluss gespeist wird.
+
+Ob aber ein stets Süsswasser haltender See, der Debaya, auf seinem weiteren
+Laufe nach dem Westen zu vom Draa durchflossen wird, möchte sehr zu
+bezweifeln sein. Allerdings sendet gleich nach der Regenzeit auf dem Atlas
+der Draa seine Wasser fort bis zum Ocean, aber in der trockenen Jahreszeit
+trocknet der ganze untere Theil des Flusses aus. Nicht weit von dem Orte,
+wo der See sein sollte, sagten mir die Bewohner, ein solcher existire
+nicht. Ein Sebcha, d.h. ein salziger Sumpf, wie ihn Petermann auf seinen
+neuesten Karten verzeichnet hat, könnte indess wohl vorhanden sein. Renou
+spricht sogar dem Debaya eine dreimalige Grösse des Genfer Sees zu.
+
+Als ebenfalls vom Südostabhange des Atlas kommend und nach der Sahara
+abfliessend, haben wir dann den Sis zu nennen; ein echter Wüstenfluss ohne
+alle Nebenflüsse, und nur in seinen ersten zwei Dritteln oberirdisch
+verlaufend, tränkt er unterirdisch noch die ganze grosse Oase Tafilet, um
+südlich davon den Salzsumpf Daya el Dama zu bilden, der nach starken
+Regenergüssen zu einem See sich gestaltet. Von Nordwesten her hat der Daya
+el Daura noch Zuflüsse durch den Ued-Chriss.
+
+Einen ebenso langen, wenn nicht noch längeren Lauf hat der Fluss, der die
+Oase von Tuat speist, aus verschiedenen Zweigen, von denen einige unter dem
+33° N. B. entspringen, zusammengesetzt. Ich verfolgte den Fluss fast bis
+zum 26° N. B., ohne dass ich bei Taurhirt schon sein südlichstes Ende
+erreicht hätte. Dieser Fluss, den man l'ued Tuat nennen könnte, setzt sich
+aus dem Ued Gher, Ued Knetsa und einigen minder bedeutenden zusammen,
+erhält nach der Vereinigung den Namen Ued Ssaura, und sobald er das
+eigentliche Tuat betritt, den Namen Ued Mssaud. Von Osten soll er südlich
+von Tuat durch den Fluss Acaraba verstärkt werden. Da er schon bei seinem
+Entspringen aus dem Gher und Knetsa gar nicht oberirdisch Wasser hält, so
+ist es nicht wahrscheinlich, dass er dem Draa oder dem Ocean zugeht, wie
+Duveyrier meint, ebensowenig aber glaube ich, dass die von mir früher
+mitgetheilte Nachricht der Eingeborenen, der Mssaud ergösse sich nach sehr
+starken Anschwellungen bis zum Niger, auf Wahrheit beruht.
+
+Da wir den oben angeführten Debaya vorläufig trotz Renou nicht als See
+anzuerkennen brauchen, ja nicht einmal mit Bestimmtheit behaupten können,
+ob ein Salzsumpf dort ist, so haben wir eigentlich gar keine nennenswerthen
+Seen in Marokko zu verzeichnen, denn der von Leo erwähnte See unterhalb der
+"grünen Berge", den er mit dem See von Bolsena in der Nähe von Rom
+vergleicht, ist nirgends zu finden, es möchte denn der kleine auf der
+Beaumier'schen Karte verzeichnete Salzsee sein, Zyma genannt, der ungefähr
+so gross wie der See von Bolsena zu sein scheint. Der einzige von mir
+entdeckte kleine Süsswassersee, Daya Sidi Ali Mohammed genannt, ungefähr 3
+Stunden lang und 1/2 Stunde breit, liegt auf der Höhe des grossen Atlas
+zwischen Fes und Tafilet.
+
+Erwähnenswerth ausser dem Daya el Daura, südlich von Tafilet ist nur noch
+der grosse Salzsumpf von Gurara im Norden von Tuat, ungefähr zehn deutsche
+Meilen lang und an seiner dicksten Stelle fünf deutsche Meilen breit,
+endlich der Sigri Sebcha (Salzsumpf), ungefähr zehn Meilen südwestlich von
+Schott el Rharbi gelegen, dessen südwestliche Hälfte nach dem Frieden von
+1844 zu Marokko, die östliche dagegen zu Algerien gerechnet wird.
+
+Ohne Widerrede befürchten zu müssen, kann man behaupten, dass Marokko von
+allen Staaten Nordafrika's das gesundeste Klima besitzt. Der Grund davon
+ist zum Theil in der bedeutenden Erhebung des Landes zu suchen, in den
+erfrischenden Winden vom Mittelmeere und vom Ocean, in der Abwesenheit
+sumpfiger Niederungen[20], wie man sie in Algerien so häufig beim Anfange
+der Besiedelung durch die Franzosen antraf; dann in den reichen Waldungen
+der Stufen des Atlas, welche die Hitze mildern und zugleich den Flüssen in
+Verbindung mit dem Schnee der Gipfel im Sommer das Wasser constant
+erhalten; endlich in der Abwesenheit jener Schotts oder flachen Seen und
+Sümpfe, wie sie Algerien und Tunis von Westen nach Osten durchziehen.
+
+ [Fußnote 20: Die wenigen Sümpfe bei L'Araisch kommen zum grossen
+ Ganzen nicht in Betracht.]
+
+Im Allgemeinen kann man sagen, dass in ganz Marokko ein mildes warmes Klima
+herrscht; denn wenn auch die Tekna- und Nun-Gegenden mit Rhadames und den
+südlichsten Oasen Algeriens, was Breite anbetrifft, correspondiren, so
+wirken die constanten Seewinde doch so lindernd, dass die Temperatur
+bedeutend kühler ist als in diesen Strichen. Und wenn auch die Spitzen der
+Atlasberge, die wie der Milstin mit einer Höhe von 3475 Meter, der
+Alpenhöhe von 2300 Meter entsprechen, oder auch dem Meeresniveau von
+Norderney, wenn diese Berge des Atlas eine mittlere Jahres-Temperatur von
+nur 0° haben, so würden wir nicht fehl zu greifen glauben, wenn wir sagen,
+die Summe der mittleren Temperaturen Marokko's würde 18° R. betragen.
+
+Der Atlas bildet die natürliche Scheide in den Temperaturverhältnissen.
+Während nördlich am Atlas die Regenmonate im October beginnen und bis Ende
+Februar anhalten, ist der Regenfall südlich vom Atlas nur im Januar und der
+ersten Hälfte des Februar und erstreckt sich landeinwärts etwa bis zum 10.
+Längengrad östlich von Ferro, so dass die Draa-Provinzen in ihrem südlichen
+Theile nicht davon berührt werden. In der Oase Tafilet ist Regenfall schon
+äusserst selten, und in Tuat regnet es höchstens alle 20 Jahre ein Mal.
+Eine Regenlinie wäre also südlich vom Atlas etwa so zu ziehen: vom 10° O.
+L. von Ferro und 29° N. B. in schräger nordöstlicher Linie mit dem Atlas
+parallel zu den Figig-Oasen. Der feuchte Niederschlag ist in den nördlich
+vom Atlas gelegenen Theilen sehr bedeutend, ebenso auf dem Atlas selbst,
+südlich davon nur mässig.
+
+In der Zeit von October bis Februar herrschen fast nur Nordwestwinde und am
+wechselvollsten ist der Februar, wo an einem Tage sechs bis sieben Mal
+Winde mit einander kämpfen. Im März sind Nordwinde vorherrschend und dann
+von diesem Monat an bis Ende September Ost, Südostwinde und Süd. An den
+Küsten des Oceans in den Sommermonaten von 9 Uhr Morgens an ein stark
+kühlender Seewind bis Nachmittags, wo der Südost wieder die Oberhand
+gewinnt; indess ist dieser Wind so kühlend, dass Lempiere Recht hat zu
+sagen: "Mogador, obschon sehr südlich gelegen, hat eine ebenso kühle
+Temperatur als die gemässigten Klimate von Europa." Die Südost- und
+Südwinde führen oft Heuschreckenschwärme mit sich, so in den Jahren 1778
+und 1780. Indess scheint der Atlas ein wirksamer Damm gegen diese
+Eindringlinge zu sein, da sie im Norden des Gebirges nur vereinzelt
+beobachtet werden.
+
+Bestimmte Beobachtungen für die mittlere Temperatur einzelner Orte liegen
+nur wenige vor. Tanger hat nach Renou eine mittlere Temperatur von 18°
+(Celsius), was aber vielleicht 2° zu viel sein dürfte. Für Fes kann man bei
+einer Erhebung von 4-500[21] Meter + 16-17° (Celsius) rechnen. Uesan,
+welches circa 250 Meter hoch liegt, dürfte eine mittlere Temperatur von 18°
+(Celsius) haben. In der Stadt Marokko kann die mittlere Temperatur
+höchstens + 20° (Celsius) sein, da die Datteln nicht reifen, diese brauchen
+mindestens + 22° Durchschnittswärme. In Tarudant, wo die Datteln schlecht
+reifen, dürften vielleicht + 21° Durchschnittswärme sein. Hemsö führt noch
+an, dass im Winter weder in einem Hafen noch in irgend einer Stadt je das
+Thermometer unter + 4° R. sinkt. In Uesan beobachtete ich eines Tages im
+December leichten Schneefall, und die Leute sagten mir, es käme dies
+alljährlich vor, aber der Schnee bleibt nie liegen. Aus Gatel's
+Beobachtungen ist in Tekna das Thermometer in dem Wintermonaten December
+1864, Januar und Februar 1865 durchschnittlich um 7 Uhr Morgens + 13°
+(Celsius) gewesen, "es kam nie unter + 6° und stieg nicht höher als + 18°
+(Celsius)". In den Monaten September und October beobachtete ich in Tuat
+eine mittlere Temperatur von + 19° vor Sonnenaufgang. Diese Oase des
+Kaiserreichs Marokko würde also ungefähr dieselbe Durchschnitts-Temperatur
+wie Fesan haben.
+
+ [Fußnote 21: Nach Renou; da aber Fes wohl niedriger liegt, wird auch
+ die Temperatur wohl um einige Grade höher sein.]
+
+Kleiden wir noch einmal als Ergebniss das marokkanische Klima in Worte, so
+möchten wir das anführen, was Hemsö sagt: "Il clima di tutta questa regione
+è di più salubri e di più belli di tutta la superficie del globo
+terrestre."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+3. Bevölkerung.
+
+ * * * * *
+
+Für ein Land, in dem nie statistische Untersuchungen angestellt worden
+sind, auch nur annähernd richtig die Zahl der Einwohner angeben zu wollen,
+ist äusserst schwer, und wenn für ganz Afrika in dieser Beziehung die
+abweichendsten Angaben herrschen, so noch speciell für Marokko. Während
+z.B. Jackson die übertrieben grosse Zahl von 14,886,600 Einwohnern angiebt,
+hat Klöden in seiner neuesten Geographie nur 2,750,000, während Daniel
+3-5,000,000 annimmt.
+
+Durch Vergleich kann man am ersten auf annähernde Wahrheit kommen, und den
+besten Vergleich können wir machen mit Algerien, wo bei ähnlicher
+Bodenbeschaffenheit und bei fast gleichen klimatischen Verhältnissen eine
+ungefähr gleiche _Dichtigkeit_ der Bevölkerung besteht, die sich (im
+Jahre 1867) auf 2,921,246 Seelen beläuft. Da nun Marokko mindestens noch
+ein Mal so gross als Algerien ist, ausserdem grosse Oasen (Draa, Tafilet
+und Tuat) besitzt, endlich südlich vom Atlas grosse und furchtbare
+[fruchtbare] Provinzen (Sus und Nun) längs des atlantischen Oceans hat, so
+glauben wir nicht zu übertreiben, wenn wir die Bevölkerung von Marokko auf
+6,500,000 Einwohner schätzen.
+
+Wir können jetzt mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, dass, noch ehe die
+Phönizier nach Nordafrika kamen, noch bevor die Libyer oder Numider
+Nordafrika bevölkerten, ein anderes Volk dort hauste. Berbrügger, Desor
+u.A. haben die Existenz von Dolmen in Algerien nachgewiesen, man findet
+dolmenartige Grabmäler in Fesan, und dolmenartige Hügel konnte ich
+wenigstens in Einer Gegend Marokko's constatiren, an einem Bergabhange
+östlich von Uesan. Ungefähr zwei Stunden von der Stadt entfernt, führte uns
+in Begleitung des Grossscherifs eines Tages eine Jagd dorthin. Leider war
+es bei der dortigen Furcht, Gräber zu verletzen, und sollten sie selbst von
+Ungläubigen herrühren, vollkommen unmöglich, eine nähere Untersuchung
+anzustellen, oder gar die Grabhügel zu öffnen. Ob nun diese Dolmen auf
+Kelten, Tamhu oder andere Ureinwohner zurückzuführen sind, müssen spätere
+Zeiten entscheiden; auch Marokko wird den Zeitpunkt erleben, wo es dem
+europäischen Forscher gestattet sein wird, frei und ungehindert seine
+Studien dort anzustellen.
+
+Die Punier legten zahlreiche Colonialstädte dort an; Hanno selbst gründete
+bei seiner Umschiffung Hafenplätze, von denen uns die Namen erhalten sind.
+Aus den Schriften von Ptolemäus und Plinius ersehen wir ziemlich genau, wo
+die einheimischen Stämme--Mauri, Maurenses, Numidae--alles dies ist nur
+eine verschiedene Benennung für dasselbe Volk--ihr Gebiet haben. Von diesen
+sind als die hauptsächlichsten die Autolalen, die Sirangen, die Mausoler
+und Mandorer hervorzuheben; alle diese, wie die weiter im Innern wohnenden
+Gaetuler sind das im Norden von Afrika einheimische Berbervolk[22].
+Römische, vandalische und gothische Berührung mit diesem Volke fand statt,
+hat aber auf den eigentlichen Bewohner Nordafrika's wenig Einfluss gehabt,
+da die Vermischung jener mit den Numidern nur ausnahmsweise vor sich ging.
+
+ [Fußnote 22: Siehe Mannert und das interessante Schriftchen von
+ Knötel.]
+
+Wichtiger für Nordafrika's Bevölkerung, mithin auch für Marokko wurde der
+Einbruch der Araber. Wir haben eine zweifache Invasion, die eine direct von
+Osten kommend, die andere weit später vor sich gehend: die
+Zurückvertreibung der Araber aus Spanien, denn wenn auch nach Spanien
+gemeinsam Araber und Berber unter Mussa und Tarik gezogen waren, so kamen
+nur Araber von dort zurück. Es versteht sich wohl von selbst, dass damit
+nicht gemeint ist, die Berber seien in Spanien zurückgeblieben. Die
+Thatsache erklärt sich so, dass beide Völker dort im fremden Lande in
+einander aufgingen, in Spanien waren sie Angesichts der Christen nur
+Mohammedaner, und die Gemeinsamkeit der Sitten, und namentlich der Religion
+führte dort rasch die Berber zur Annahme der arabischen Sprache. Der
+Spanier kannte denn auch nur los Moros oder los Mahometanos. Die
+Sesshaftigkeit beider, sowohl der Araber als auch der Berber trug noch mehr
+zu einer Verschmelzung bei, so dass, als sämmtliche Mohammedaner aus
+Spanien vertrieben wurden, Berber und Araber sich selbst nicht mehr
+unterscheiden konnten; aber die Araber hatten vermöge ihrer geistigen
+Ueberlegenheit, vermöge der Religion, deren Träger sie besonders waren,
+äusserlich in jeder Beziehung die Berber absorbirt.
+
+Nicht so in Marokko selbst. Bis auf den heutigen Tag hat sich dort das
+Urvolk, die alten Numider, von den Arabern fern und unvermischt erhalten.
+Allerdings kommen wohl in den Städten und grösseren Ortschaften Heirathen
+zwischen beiden Völkern vor, auch giebt wohl der Schich einer grossen
+Berbertribe dem Sultan oder einem Grossen des Reiches seine Tochter zur
+Frau, oder sucht sich selbst eine solche unter den Töchtern der Araber, im
+Ganzen stehen sich aber heute Araber und Berber so fremd gegenüber, wie zur
+Zeit der ersten Invasion.
+
+Der Unterschied der meisten Reisenden zwischen reinen Arabern und
+Halbarabern, zwischen Mauren, Mooren etc., ist ein vollkommen
+willkürlicher, auf Nichts basirter; ebenso ist der Name Beduine in Marokko
+vollkommen unbekannt, selbst die in den Hafenstädten sesshaften Europäer
+wenden den Ausdruck nicht an. Die Araber nennen sich in Marokko Arbi, d.h.
+Araber; wollen sie ihr specielles jetziges Heimathsland damit in Verbindung
+bringen, so nennen sie sich (in diesem Falle aber ist es einerlei, ob der
+Redende Araber oder Berber, Jude oder auch Neger ist) "Rharbi" oder
+"Rharbaui" (der vom Westlande), oder auch "min el bled es Sidi Mohammed"
+(vom Lande des Herrn Mohammed). Was die Berber anbetrifft, so nennen sie
+sich "Masigh" oder "Schellah"; das Wort "Berber" ist ihnen aber keineswegs
+unbekannt, namentlich südlich vom Atlas. Aber als ob sie sich des
+Ursprunges des Wortes bewusst seien, hören sie sich nicht gerne so
+bezeichnen und nennen _sich selbst_ nie so. Was die Juden anbetrifft,
+so nennen sie sich und werden "Jhudi" genannt. Die Europäer werden "Rumi"
+oder "Nssara" und die Schwarzen im Allgemeinen "Gnaui" und ihre Sprache
+"Gnauya" genannt. Das Spanische der Juden, die verschiedenen Sprachen der
+Europäer fasst man im Lande unter dem gemeinsamen Namen "el adjmia"
+zusammen.
+
+Wir haben es also heute nur mit zwei Hauptvölkern in Marokko zu thun, mit
+dem ursprünglich in Nordafrika einheimischen, dem Berbervolke, und mit dem
+von Asien her eingewanderten, dem Arabervolke. Renou und Jackson, die
+versucht haben, die verschiedenen Stämme aus Triben aufzuzählen, zum Theil
+sogar versucht haben, ihnen bestimmte Wohnsitze oder Provinzen zuzutheilen,
+sind indess weit von der Wahrheit entfernt geblieben. Der eine führt einen
+Stamm als irgendwo sesshaft an, wo er vielleicht seiner Zeit war, aber
+jetzt nicht mehr ist; der andere führt Berber-Triben als Araber auf. So
+sagt Renou in seinem "L'Empire de Maroc", p. 393: "Die Berber bestanden
+ursprünglich aus fünf Zweigen: S'enbâdja, Ma'smouda, Haouâra, Znâta und
+R'mâra oder R'amra; aber alle diese Abtheilungen, welche den Römern
+unbekannt geblieben sind, hatten viele Unterabtheilungen" etc. Renou
+schöpft aber nur aus Leo's Berichten. Wenn dann Renou noch auf derselben
+Seite seines angeführten Werkes sagt: "Gegenwärtig sind die Berber in
+verschiedene grosse Fractionen getheilt, die keineswegs den ursprünglichen
+fünf Abtheilungen entsprechen. In Marokko sind es die Chevlleuh' und die
+Amazir' etc.", so kann ich versichern, dass man in Marokko von dieser
+Abtheilung nichts weiss. Für Algerien nimmt Renou sodann "die Kbail und im
+Aures die Châouïa, wovon ein Zweig in der marokkanischen Provinz Temsena
+existirt", in Anspruch. Aber was bedeutet denn in Algerien der Name Kbail,
+Kabyl? Weiter nichts als Bergbewohner, und dieselbe Bedeutung hat er in
+Marokko auch; der Einwohner von Uesan, von Fes nennt die umwohnenden Leute
+der Gebirge, _einerlei_, ob sie Berber oder Araber sind: Kbail. Selbst
+wenn man im Stande wäre, heute mit Genauigkeit angeben zu können, ein
+gewisser Stamm habe irgend ein Gebiet inne, würde das wohl morgen immer
+noch der Fall sein? Ich selbst konnte in Marokko constatiren, wie ein Stamm
+den andern verdrängt. Unter diesen Völkern findet heute noch immer eine
+Völkerwanderung im Kleinen statt. Ausgebrochene Feindseligkeiten,
+eingetretene Dürre eines Weideplatzes, Heuschreckennoth, oft auch ganz
+unbedeutende Gründe veranlassen ganze Stämme zum Wandern, um sich
+begünstigtere Gegenden aufzusuchen.
+
+Was Zahl und Ausbreitung beider Völker anbetrifft, so finden wir in
+Marokko, dass die Berber nicht nur bedeutend zahlreicher, sondern auch über
+einen viel grösseren Raum des Landes verbreitet sind. Ganz rein arabisch
+sind nur die Landschaften Rharb und Beni Hassan südlich davon, endlich
+Andjera und der Küstensaum vom Cap Espartel bis Mogador. Denn selbst die
+Landschaften Schauya, Dukala und Abda haben theils arabische, theils
+berberische Triben. Mit Ausnahme der grossen Städte und Ortschaften, in
+denen die Araber überall das überwiegende Element bilden, kommen sie sodann
+nur noch sporadisch vor. So findet man einzelne Arabertriben im grossen
+Atlas, im Nun- und Sus-Gebiete, in der Draa-Oase finden wir zahlreiche
+_nur_ von Arabern bewohnte Ortschaften (später gaben mir die
+Draa-Bewohner an, dass die nördliche Hälfte des Draa-Thales, also von
+Tanzetta bis zum Atlas, _ausschliesslich_ von Arabern bewohnt sei, was
+ich aber bezweifeln möchte), ebenso in Tafilet, ausserdem in beiden
+Oasen den grossen in Palmenhütten lebenden Araber-Stamm der
+Beni-Mhammed. In Tuat sind die Araber nur ganz vereinzelt, die grosse
+Mehrheit der dortigen Bevölkerung ist berberisch. Man kann also fast
+behaupten, dass an Land die Berber vier Fünftel besitzen, gegen ein
+Fünftel, welches auf Araber kommt. Der Zahl der Bewohner nach dürfte das
+Verhältniss so sein, dass zwei Drittel Berber, ein Drittel Araber sind.
+
+Dass die Völker, welche eine Zeitlang im heutigen Marokko sesshaft gewesen
+sind, Spuren zurückgelassen haben, ist unleugbar. Nur so können wir
+zwischen vorwiegend schwarzhaariger und schwarzäugiger Bevölkerung uns die
+helläugigen und blondhaarigen Individuen erklären. Indess kommen
+dergleichen Typen bedeutend seltener bei den Arabern vor, was sich
+hinwiederum daraus erklären lässt, dass nach der einmal erfolgten Invasion
+der Araber, ein Eindringen blonder Völker in Westafrika nicht mehr
+stattfand. Es beruht das auf dem Princip der Erblichkeit. So sieht man denn
+auch häufig in Familien, wo Vater und Mutter beide schwarzhaarig und
+schwarzäugig sind, helläugige und blondhaarige Kinder. Vielleicht war
+irgend einer der Vorfahren dieser Familie ein Nichtberber oder Nichtaraber
+derart ausgestattet gewesen, welche Eigenthümlichkeit dann später oder
+früher, oft vereinzelt, oft bei allen Nachkommen wieder hervortritt.
+Bemerkt muss hier werden, dass die sogenannten Kuluglis, Nachkommen der
+Araber und Türken, nirgends in Marokko zu finden sind, weil eben die Türken
+westlich von Tlemcen oder von der Muluya nie ihre Grenzen ausgedehnt haben.
+
+Was die Sprache der Araber in Marokko anbetrifft, so ist bekannt, dass von
+den vier hauptsächlichsten Dialekten dieser Sprache, hier der
+maghrebinische gesprochen und geschrieben wird. Vordem ist aber auch, wie
+aus Münzen und Inschriften hervorgeht, Kufisch geschrieben worden. Was das
+heutige Schreiben anbetrifft, so unterscheidet es sich von dem Uebrigen nur
+darin, dass das Qaf oben statt zweier Punkte einen, dass das Fa statt eines
+Punktes _oben_, einen solchen _unten_ hat. Was die Aussprache
+anbetrifft, so zeichnen sich die Araber in Marokko dadurch aus, dass sie
+fast gar nicht die Vocale aussprechen, oder doch so wenig wie möglich
+hervorheben. In der gewöhnlichen Schreibweise der Araber werden die aus
+Strichen und Punkten bestehenden Vocale weggelassen, und fast könnte man
+sagen, dass der marokkanische Araber diese Regel auch in der Aussprache
+anwendet, d.h. das Wort so kurz wie möglich ausspricht; z.B. in der
+Redensart: "wie heisst Du, asch ismak", sagt der Marokkaner "sch-smk".
+Natürlich wird für den Fremden das Erlernen des Sprechens dadurch
+außerordentlich erschwert. Ausserdem hat in Marokko der Araber sich
+zahlreiche berberische und aus romanischen Sprachen herkommende Ausdrücke
+zu eigen gemacht, sogar zum Theil auch Constructionen aus diesen Sprachen
+herübergenommen, z.B. die romanische Form des Genitivs, welche man in
+Marokko so häufig angewendet findet, um das Genitivverhältniss zwischen
+zwei Substantiven auszudrücken.
+
+Die von den Berbern gesprochene Sprache, "tamasirht" oder "schellah"
+genannt, ist im Grunde, wie aus Sprachvergleichungen hervorgeht, eine und
+dieselbe. Es ist eben die, welche die Tuareg temahak im Norden und
+temaschek im Süden nennen, und der wir in Audjila und noch ferner im
+äussersten Osten in der Oase des Jupiter Ammon begegnen. Jackson freilich
+behauptet, dass die Sprache der Siuaner eine vollkommen verschiedene sei;
+heutzutage aber wissen wir, dass Marmol vollkommen Recht hat, wenn er sagt,
+dass das Siuahnisch nur Dialekt der weit verbreiteten Berbersprache ist.
+Allerdings sind die Unterschiede der verschiedenen Dialekte dieser Sprache
+äusserst gross, wie das ja auch nicht anders sein kann bei einer Sprache,
+welche über einen Raum verbreitet ist, welcher ungefähr den vierten Theil
+von Afrika ausmacht. Dennoch aber sind sie nicht so gross, um nicht leicht
+eine Verständigung zwischen den verschiedenen, berberisch redenden Völkern
+zu ermöglichen. Kommt der Berber, der im fernen Westen am Nun ansässig ist,
+auf seiner Pilgerreise nach Mekka zu demjenigen, der in der Oase Siuah
+wohnt, so ist nach einer kurzen Uebung zwischen diesen Leuten gleichen
+Stammes eine Unterhaltung leicht hergestellt, und als vor einigen Jahren
+mehrere Schichs der Tuareg nach Algier zum Besuche kamen, ward es ihnen
+keineswegs schwer, sich mit den Berbern des Djurdjura-Gebirges, also mit
+Leuten, die am Mittelmeere wohnen, zu verständigen. Die Berber in Marokko
+haben und kennen keine Schriftzeichen wie ihre Brüder, die Tuareg. Die
+einzigen berberischen Schriftzeichen, die ich in Marokko vorfand, befinden
+sich in Tuat, und rühren jedenfalls von Tuareg her, die früher vielleicht
+weiter nach dem Norden hinauf kamen, als dies heute der Fall ist. Ob aber
+überhaupt mit berberischen Lettern geschriebene Bücher oder auch nur
+längere Gedichte und Geschichten unter den Tuareg bestehen, ist trotz der
+Versicherung der Tuareg sehr zweifelhaft. Einer der intelligentesten
+Tuareg, Si Otman ben Bikri, hat wiederholentlich sowohl gegen Duveyrier als
+auch gegen mich dies geäussert, er hatte sogar Duveyrier versprochen, ein
+solches Buch später nach Algier zu bringen oder doch einzuschicken, aber
+bis jetzt hat Si Otman sein Versprechen nicht erfüllt, obschon er nach
+seinem Begegnen mit Henry Duveyrier wiederholentlich in Algier gewesen ist.
+Das Eigenthümliche bei den berberischen Buchstaben, sie so schreiben zu
+können, dass sie bald nach rechts, bald nach links offen sind, bald diese,
+bald jene Seite offen haben, dass man von oben nach unten, von rechts nach
+links, oder von links nach rechts schreiben kann, muss eine so grosse
+Verwirrung herbeiführen, dass die Existenz ganzer Bücher in berberischer
+Schrift kaum glaublich erscheint.
+
+Was die Berber am entschiedensten von den Arabern trennt, ist eben die
+Sprache, denn obschon die Berber natürlich viele Worte aus der arabischen
+Sprache aufgenommen haben, wie die marokkanischen Araber solche dem
+Berberischen entlehnten, unterscheidet sich im Grunde das Berberische
+derart vom Arabischen, dass die Sprachforscher, welche sich mit dem
+Berberischen beschäftigt haben, und unter diesen vorzugsweise H.A.
+Hannoteau, nicht wagen, es den semitischen Sprachen beizuzählen. Ja, in der
+jüngsten Zeit war der französische General Faidherbe, welcher ebenfalls
+sich viel mit dem Berberischen beschäftigt hat, geneigt, Berber und ihre
+Sprache für die Arier zu vindiciren. Spätere genauere Untersuchungen,
+namentlich wenn alle verschiedenen Dialekte der Berber bekannt sind, werden
+hoffentlich zu einem Resultate führen, ebenso wird man sodann wohl
+erfahren, ob im Berberischen Wörter vorhanden sind, welche auf andere
+ältere Sprachen zurückführen.
+
+Unterscheiden sich nun Araber und Berber so sehr durch die Sprache, so sind
+die übrigen Unterschiede äusserst gering. Derselbe Körperbau auf dem
+Flachlande wie im Gebirge (wegen der vielen Wanderungen), d.h. schlanker,
+sehnigter Wuchs mit stark ausgeprägtem Muskelbau, gebräuntem Teint,
+kaukasischer Gesichtsbildung, stark gebogener Nase, schwarzen feurigen
+Augen, schwarzem schlichtem Haare, spitzem Kinne, etwas stark
+hervortretenden Bakenknochen, spärlichem Bartwuchse--alles dies haben
+Berber und Araber gemein. Allerdings sind im Allgemeinen die
+Gebirgsbewohner heller, aber das gilt sowohl für die berberischen Bewohner
+des Rif-Gebirges, wie für die arabische Bevölkerung der Gebirge der
+Andjera-Landschaft. Bei den Frauen beider Völker muss allerdings auffallen,
+dass das Weib des Arabers durchschnittlich kleiner sein dürfte, als das des
+Berbers. Im Uebrigen sind auch sie nicht äusserlich zu unterscheiden. Man
+kann von beiden sagen, dass sehr früh entwickelt, sie in der Jugend hübsche
+volle Formen haben, meist regelmässige Gesichtszüge besitzen, aber schnell
+alternd und durch unzulängliche Nahrung äusserst mager werdend, sie im
+Alter wegen ihrer überflüssigen Hautfalten die hässlichsten Hexen werden.
+
+Hervorzuheben ist, dass bei den Berbern die Stellung der Frauen eine
+bedeutend hervorragendere ist als bei den Arabern. Indess ist das Lied der
+meisten Reisenden, als sei die Frau bei den Arabern weiter nichts als eine
+Magd, ein blosses Werkzeug, ein auf oberflächlicher Anschauung beruhendes.
+Bei dem Araber ebensogut wie bei uns schwingt die Frau den Pantoffel. Liegt
+der Mann die grösste Zeit des Jahres auf der Bärenhaut, so hat das seinen
+Grund darin, weil eben für ihn keine häusliche Beschäftigung vorhanden ist.
+Oder soll etwa der Mann das Wasser für den täglichen Bedarf holen, soll der
+Mann den Mühlstein drehen, oder das Korn zu Mehl zerreiben, oder ist es
+Sache des Mannes das Kind auf dem Rücken zu tragen, oder Reisig zum Feuer
+zu holen oder Kuskussu zuzubereiten, und die heimkehrenden Heerden zu
+melken? Sind nicht dergleichen Geschäfte in der ganzen Welt Sache der Frau.
+Für einen europäischen Reisenden muss es allerdings hart erscheinen, wenn
+er den ganzen Tag den Mann ausgestreckt liegen oder am Boden hocken sieht,
+während die Frau sich abmüht, oft stundenweit das Wasser herbeischleppt und
+dann mühsam stundenlang den Stein dreht, um Mehl zu gewinnen. Kommt aber
+die Zeit der Arbeit für den Mann heran, dann ist der Berber sowohl wie der
+Araber bei der Hand: das Feld wird von den Männern bestellt, das Einheimsen
+des Getreides besorgen die Männer, ebenso die Abwartung der Gärten, wo
+solche vorhanden sind, das Hüten der Heerde, das Abschlachten des Viehes,
+kurz alle schwerere Arbeit, wie sie eben auch bei anderen Völkern von der
+stärkeren Hälfte verrichtet wird.
+
+Die hervorragende Stellung der Frauen bei den Berbern datirt jedenfalls
+noch aus den vormohammedanischen Zeiten. Denn Mohammed, obschon ein so
+grosser Verehrer von Frauen, dass er sich nicht scheute manchmal ins Gehege
+seines Nächsten einzudringen[23], hat im Ganzen den gläubigen Frauen eine
+etwas stiefmütterliche Stellung angewiesen. Indess haben die Berberinnen,
+obschon auch sie Mislemata wurden, ihren Rang beizubehalten gewusst. Bei
+manchen berberischen Triben offenbart sich dies in der Erbfolge, wo nicht
+der älteste Sohn nachfolgt, sondern der Sohn der ältesten Tochter oder der
+Schwester. Ja, in einigen Stämmen kann sogar eine Frau herrschen. Südlich
+vom eigentlichen Marokko fand ich mitten unter Berbern, dass die Sauya
+Karsas, eine religiöse Corporation, und eine geistliche Oberbehörde für den
+ganzen Gehr-Fluss nicht vom allerdings vorhandenen männlichen Chef Namens
+Sidi Mohammed ben Aly befehligt wurde, sondern dass factisch seine Frau,
+eine gewisse Lella-Diehleda, die geistlichen Angelegenheiten besorgte. In
+allen wichtigen Sachen hat die Berberfrau mitzureden, und mehr wie bei
+anderen Völkern fügen sich die Männer dem Ausspruche der Frauen.
+
+ [Fußnote 23: Siehe darüber die 33. Sure des Koran, worin Mohammed die
+ Vorwürfe, die man ihm darüber machte, seinen Sklaven Said gezwungen
+ zu haben, ihm seine Frau abzutreten, damit zurückwies, dass er für
+ sich allein, den anderen Gläubigen voraus, göttliche Natur, d.h.
+ Unfehlbarkeit beanspruchte.]
+
+Die mohammedanische Religion hat aber in jeder Beziehung dazu beigetragen,
+die Verschiedenartigkeiten der Sitten und Gebräuche nicht nur zwischen
+Arabern und Berbern auszugleichen, sondern auch die Eigenthümlichkeiten der
+einzelnen Stämme unter sich zu verwischen. Es soll hier nur die Rede sein
+von den Bewohnern des Landes, welche allein treu und wahr ihre alten
+Ueberlieferungen beibehalten haben. Die Landbevölkerung[24] gegen die
+Städtebevölkerung gehalten, ist in Marokko so überwiegend, dass wenn man
+von jener spricht, damit der Kern des Volkes bezeichnet wird.
+
+ [Fußnote 24: Jackson in seinem Account of Marokko kommt freilich zu
+ dem Resultate von 895,600 Einw. für die Städte und von diesen hat er
+ Fes mit 380,000, Marokko mit 27,000 und Mickenes mit 11,000 Einw.]
+
+Vor allem muss daher bemerkt werden, dass nur Einweiberei in Marokko
+herrscht, sowohl bei den Arabern als auch bei den Berbern; die wenigen
+Ausnahmefälle, wo ein reicher oder hochgestellter Araber sich einen Harem
+hält, kommen kaum in Betracht, und ein Berber, mag er eine noch so hohe
+Stellung einnehmen, noch so reich sein, heirathet _nie_ mehr als Eine
+Frau. Freilich durch die Religion begünstigt kommen häufig genug
+Scheidungen vor, was dann oft zu unerquicklichen Verhältnissen führt: ein
+Mann trennt sich nachdem er schon ein Kind mit der Frau gehabt von dieser,
+heirathet wieder, die Frau auch; sie zeugt mit dem neuen Mann nochmals ein
+Kind, wird abermals verstossen, heirathet vielleicht zum dritten Male und
+hat dann manchmal drei Familien Kinder gegeben. Es ist äusserst selten,
+dass sich ein unverheiratetes Mädchen einem Manne hingiebt, auch Ehebruch
+kommt fast nie vor. Desto ungebundener leben die Frauen, welche Wittwen
+sind, diese glauben ihrer Sittlichkeit, namentlich wenn sie merken, dass
+die Hoffnung auf Wiederverheirathung vorbei ist, "keine Schranken"
+auferlegen zu müssen. Ueberhaupt zeichnen sich Mädchen und Frauen in
+Marokko durch unanständige Gangart aus. Es scheint sich dies von den
+Araberfrauen den Berberweibern mitgetheilt zu haben (vielleicht ist es aber
+auch diesen eigenthümlich), denn alle semitischen Frauen scheinen an einer
+unanständigen Allure Gefallen zu haben. Schon Jesaias Cap. 3, 16. wirft den
+israelitischen Frauen ihren buhlerischen und herausfordernden Gang vor,
+ebenso Mohammed im Koran Sure 24. den arabischen Frauen.
+
+Es ist hier nicht der Ort die Ceremonien einer Verheirathung zu schildern,
+mehr oder weniger gleichen sich alle bei den Mohammedanern, und oft genug
+sind sie beschrieben worden. Hervorgehoben soll aber werden, dass in der
+Regel die Heirath eine zwischen Eltern oder Verwandten für die betreffenden
+Personen abgemachte Sache ist, doch auch häufig genug Liebesheirathen
+vorkommen. Es hat dies seinen Grund darin, weil alle Frauen und jungen
+Mädchen (ich spreche immer von der Landbevölkerung) unverschleiert gehen,
+mithin hat der Freier Gelegenheit seine Zukünftige kennen zu lernen. Solche
+Liebesheirathen gelten meist für Lebzeiten, während die Ehebündnisse,
+welche aus Convention geschlossen sind, gemeiniglich keine Dauer haben. Ein
+eigentlicher Kauf der Frauen, obschon die meisten Reisenden sich so
+ausdrücken, findet nicht statt; der betreffende Bräutigam erlegt nur dem
+zukünftigen Schwiegervater die Geldsumme, welcher dieser für die
+Anschaffung der Kleidungsstücke und Schmucksachen seiner Tochter nöthig
+hat, der gewöhnliche Preis hierfür ist auf 60 französische Thaler normirt.
+Giebt die Frau Grund zur Scheidung, oder aber beantragt sie die Scheidung,
+so muss das Geld zurückbezahlt werden, verstösst aber der Mann seine Frau,
+so bleibt sie Eigenthümerin ihrer Sachen und ihr Vater behält obendrein das
+Geld.
+
+Beschneidung ist durchweg eingeführt, doch giebt es einige
+_Berberstämme_, welche sie nicht üben. In Marokko hält man die
+Beschneidung als nicht unbedingt erforderlich für den Islam. Die
+Berberstämme, welche nicht Beschneidung üben, leben sowohl im Rif-Gebirge,
+als auf den Gehängen der nördlichen Seite des Atlas. Ueberhaupt haben die
+Berber Eigenthümlichkeiten bewahrt, die bei den Arabern nicht zu finden
+sind, so essen _sämmtliche_ Rif-Bewohner das wilde Schwein trotz des
+Koran-Verbotes. Alle Berber rechnen nach Sonnenmonaten und haben dafür die
+alten von den Christen herrührenden Benennungen; ja südlich vom Atlas haben
+auch die dort hausenden Araber diese Zeitrechnung angenommen.
+
+Das Leben in der Familie ist ein patriarchalisches und man hält
+ausserordentliche Stücke auf Verwandtschaft und Sippe; eigenthümliche
+Familien-Namen nach unserem modernen Sinne haben weder Araber noch Berber,
+Familien-Namen werden nur von der ganzen Sippschaft oder dem Stamme
+geführt, z.B. die grosse Familie der Beni Hassan in Marokko, die von einem
+gewissen Hassan abstammen. Oder bei den Berbern die zu einem grossen Stamme
+herangewachsene Familie der Beni Mtir[25], welche von einem gewissen Mtir
+abstammen. In diesen Stämmen setzt dann Jeder den Namen seines Vaters,
+manchmal auch den seines Grossvaters und Urgrossvaters hinzu (äusserst
+selten den der Mutter), z.B. Mohammed ben Abdallah ben Yussuf, d.h.
+Mohammed Sohn Abdallah's, Sohn Yussuf's. Will er aber noch näher sich
+bezeichnen, so sagt er z.B. "von den uled Hassan". Letzteres ist
+gewissermassen der Familien- oder Zunamen. Bei den Arabern haben wir fast
+nur biblische und koranische Namen, sowohl bei den Männern als Frauen. Die
+beliebtesten in Marokko sind Mohammed (mit den verschiedenen Variationen),
+Abdallah, Mussa, Isssa [Issa] oder Aïssa, Edris, Said, Bu-Bekr und Ssalem.
+Die Frauen findet man fast unabänderlich Fathma, Aischa oder Mariam
+benannt. Die Berber haben sich auch hierin apart gehalten und fahren fort
+heidnische oder berberische Namen zu führen, z.B. Humo, Buko, Rocho, Atta
+etc.[26], obschon natürlich arabische Namen vorwalten.
+
+ [Fußnote 25: Was "Uled und Beni", d.h. Söhne, Abkömmlinge bei den
+ Arabern bedeutet, drücken sonst in der Regel die Berber durch das
+ Wort "ait" aus.]
+
+ [Fußnote 26: Berberische Frauennamen liegen mir gerade nicht vor.]
+
+Eine eigentliche Erziehung wird den Kindern nicht gegeben, die ganz jungen
+Kinder bleiben circa zwei Jahre auf dem Rücken ihrer Mütter, welche
+dieselben wenigstens zwei Jahre stillen. Allerdings hat jeder Tschar (Dorf
+aus Häusern), jeder Duar (Dorf aus Zelten), jeder Ksor (Dorf einer Oase)
+seinen Thaleb oder gar Faki, der die Schule leitet, aber die Meisten
+bringen es kaum dazu die zum Beten nothwendigen Korancapitel auswendig zu
+lernen, geschweige dass sie sich ans Lesen und Schreiben wagten. Aber jeder
+Marokkaner weiss doch das erste Capitel des Koran auswendig, wenn auch die
+meisten besonders unter den Berbern den Sinn der Verse nicht kennen.
+
+Beim Heranwachsen stehen die Töchter den Müttern in der häuslichen
+Beschäftigung bei, während die männliche Jugend zuerst zum Hüten des Viehes
+verwandt wird, in der Pflanzzeit den Acker mit bestellen helfen muss, und
+schliesslich nach einer kurzen Arbeitszeit im Jahre, die liebe lange Zeit
+mit Nichtsthun hinbringt. Obschon überall Taback und Haschisch in Gebrauch
+und namentlich letzterer ganz allgemein ist, kann man kaum sagen, dass der
+Marokkaner einen unmässigen Gebrauch davon macht. Der Taback wird auf alle
+drei Arten genommen, man findet Stämme, wo geraucht wird, andere welche
+kauen, und das Schnupfen ist ganz allgemein, namentlich machen die
+Gelehrten Gebrauch davon. Haschisch wird in Marokko entweder geraucht oder
+pulverisirt mit Wasser hinuntergeschluckt. Der Gebrauch des Opium ist mit
+Ausnahme der Städte, und der Oase Tuat, nicht eingebürgert. Desto
+allgemeiner ist in der Weinlesezeit und kurz nachher der Genuss des Weines.
+Marokko ist ein an Weinreben ungemein reiches Land, namentlich producirt
+der kleine Atlas, die Provinz Andjera, die Gegenden von Uesan, Fes und
+Mikenes derart viele und gute Weintrauben, dass die Leute von selbst darauf
+fallen mussten Wein zu bereiten. In allen diesen Gegenden sind denn auch
+viele Leute Weintrinker, ohne Unterschied ob sie Araber oder Berber sind.
+Aber unmässig wie Araber und Berber immer beim Essen und Trinken sind,
+sobald dies in Hülle und Fülle vorhanden ist, haben sie ihre Weintrinkezeit
+nur für einige Wochen. Der schlecht zubereitete Wein, man gewinnt ihn
+mittelst Kochen, würde sich auch wohl nicht lange halten. Die Marokkaner
+thun ihn in grössere oder kleinere irdene Gefässe, manchmal antik wie eine
+Amphore geformt, die enge Oeffnung wird mit Thon zugeklebt. Reiche Leute
+und Schürfa[27], welche ihn längere Zeit bewahren wollen, giessen oben auf
+den Wein eine Schicht Oel und sodann wird die Krugöffnung mit Thon
+verkittet. Von Geschmack ist der Wein nicht übel, das Aussehen desselben
+aber meist trübe. Es ist gefährlich zur Zeit der Lese durch jene Gegenden
+zu reisen, weil ein grosser Theil der Bevölkerung dann stets betrunken ist,
+und da, je roher ein Mensch ist, die Intoxicationsäusserungen des Rausches
+auch um so unmanierlicher sind und oft viehisch ausarten, so vermeidet
+derjenige, der die Gegenden nicht unumgänglich besuchen _muss_,
+dieselben.
+
+ [Fußnote 27: Die Schürfa, d.h. die Nachkommen Mohammeds sind die
+ hauptsächlichsten Weintrinker.]
+
+Ueberhaupt zeichnet sich das ganze marokkanische Volk durch eine gewisse
+Rohheit und durch wenig edle Gefühle und wenig sanfte Neigung aus. Bei den
+Berbern namentlich am Nord-Abhange des Atlas streift die Rohheit sogar an's
+Thierische. Ich wusste nicht, wofür ich es halten sollte, ob für kindliche
+Unschuld, mit der junge und erwachsene Mädchen den Spielen vollkommen
+nackter Jünglinge zusahen, oder ob es ein rohes Interesse war. Der
+entsetzlich verdummende Einfluss der mohammedanischen Religion, der
+Fanatismus, die _eitle Anmassung nur den eigenen Glauben für den
+richtigen_ zu halten, schliessen aber auch jede Besserung aus.
+
+Wie unmanierlich ist die Art und Weise zu essen! So wie man zur Zeit
+Abrahams ass, so wie die Juden in Palästina, aus Einer Schüssel am Boden
+hockend, assen, so isst noch heute der Marokkaner. Morgens nach
+Sonnenaufgang wird nur saure Milch mit hineingebrocktem Brode, oder eine
+mässige Suppe genommen. Die zweite Mahlzeit ist gegen Mittag: Bröde d.h.
+eine Art von Mehlkuchen, welche auf eisernen Platten oder erhitzten Steinen
+gebacken sind, heisse Butter (in diese tippt man die Brodstücken und
+verfährt recht haushälterisch; nur die Reichen geben harte Butter) bilden
+dies zweite Mahl, zu dem auch wohl noch Datteln, oder im Sommer andere
+Früchte, wie die Jahreszeit und die Gegend sie bietet, gegeben werden.
+Abends nach Sonnenuntergang ist die Hauptmahlzeit, welche aus Kuskussu
+besteht. Aber Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein, kommt dies Gericht auf die
+Erde (auf den Tisch kann ich nicht sagen, da der Marokkaner ein solches
+Möbel nicht kennt) und mittelst der Hand, die Marokkaner kennen noch nicht
+den Gebrauch der Messer und Gabeln, wird das Gericht rasch in den Magen
+befördert. Auch der Gebrauch der Löffel ist nicht überall eingebürgert. Am
+atlantischen Ocean vom Cap Spartel südlich bis nach der Mündung des Sus,
+vielleicht noch weiter südlich, bedienen sich sämmtliche Leute statt eines
+Löffels einer austerartigen Muschel, wie sie der Ocean dort an den Strand
+wirft. Die Männer essen getrennt von den Frauen, diese essen mit den
+Kindern des Hauses. Selbst bei den Berbern hat der Islam dies durchzusetzen
+gewusst. Oder sollten auch die Berber schon _vor_ der Einführung des
+Islam ohne ihre Frauen ihre Mahlzeiten eingenommen haben? Fleisch wird von
+den Bewohnern auf dem Lande nur bei Gelegenheit eines Festes gegessen und
+auch dann nur in geringer Quantität. Wenn nicht manchmal ein Stück Wild
+erlegt wird, bekommt manche arme Familie oft jahrelang kein Fleisch zu
+sehen, und wenn nicht der Genuss von Eiern, von Butter und Milch die
+animalische Kost ersetzte, könnte man mit Recht sagen, die Marokkaner sind
+der Mehrzahl nach Vegetarianer. Der in den marokkanischen Städten so sehr
+beliebte Thee wird auf dem Lande nur noch bei vereinzelten Vornehmen und
+Reichen gefunden; das allgemeine Getränk ist Wasser. Nirgends kennt man in
+Marokko die Bereitung von Busa oder Lakby, d.h. ersteres ein gegohrenes
+Getränk aus Getreide, letzteres der den Palmen abgezapfte Saft. Es würde
+den Marokkanern ein grosses Verbrechen sein, eine Dattelpalme derart für
+das Tragen der Früchte unbrauchbar zu machen oder gar zu tödten. Ebenso ist
+in den marokkanischen Oasen, sowohl in den grossen wie in den kleinen, der
+Lackby vollkommen unbekannt, und dennoch giebt es in der ganzen Sahara
+keine Oasen, die sich an Palmenreichthum, und auch was die Güte der Palmen
+anbetrifft, mit den marokkanischen Oasen messen können. Der Gebrauch die
+Palmen anzuzapfen beginnt erst in den südlich von Tunesien gelegenen Oasen.
+
+Indessen müssen wir doch auch einer guten Eigenschaft der Marokkaner
+gedenken, der Gastfreundschaft, welche ohne Prunk, ohne Ceremonie als etwas
+Selbstverständliches in Marokko überall geübt wird. In den meisten Duar, in
+fast allen Tschar's giebt es eigene Häuser oder Zelte, Dar und Gitun el
+Diaf genannt, welche für die Reisenden bestimmt sind. Der Fremde hat
+dagegen keinerlei Verpflichtung. Kommt er zu einem Duar und hat sich
+glücklich durch die kläffenden und bissigen Hunde hindurchgearbeitet, so
+weisen ihm die Leute nach dem Gastzelte. Man bringt Früchte, wenn sie die
+Jahreszeit und Gegend bietet, sonst Brod oder Datteln, und wenn Abends die
+Zeit des Hauptmahls ist, werden die Fremden _zuerst_ bedient. In
+einigen Gegenden besteht die Sitte, dass die einzelnen Familien tageweise
+der Reihe nach die Fremden zu verpflegen haben, in anderen kommen Abends
+die Familienväter mit vollen Schüsseln in das Fremdenzelt und das Mahl wird
+gemeinschaftlich verzehrt. In anderen Gegenden existirt ein Gemeindefond
+zur Speisung der Fremden, oder eine Sauya, d.h. eine religiöse
+Genossenschaft besorgt dies Geschäft. Nie wird dafür irgend eine Vergütung
+vom Fremdling beansprucht. Im Gegentheil, wird man nicht ordentlich
+verpflegt, so hat man das Recht Beschwerde zu führen. Natürlich wird man
+bei dieser Gelegenheit von Allen über Alles ausgefragt, denn Zurückhaltung
+und Schweigsamkeit kennt in dieser Beziehung der Marokkaner nicht. Die
+grosse Gastfreundschaft erklärt sich nun zum Theil dadurch, dass sie auf
+Gegenseitigkeit beruht: der, welcher heute Gastgeber ist, beansprucht
+vielleicht am nächsten Tage von einem Anderen freie Bewirthung. Es verdient
+hervorgehoben zu werden, dass die arabischen Stämme bedeutend liberaler
+sind, als die berberischen.
+
+Barth und von Maltzan haben ausgesprochen, dass in Nordafrika je weiter
+nach dem _Westen_, desto kriegerischer und muthiger die Bewohner seien
+und dass man in Marokko den grössten Sinn der Unabhängigkeit träfe. Es
+scheint mir dies nur in sofern richtig zu sein, als man die Eigenschaft der
+Freiheitsliebe, den kriegerischen Sinn stärker bei den Gebirgsvölkern
+ausgeprägt findet. Die Bewohner der Cyrenaica sind heute noch ebenso
+freiheitsdurstig und unabhängig wie die Rif-Bewohner in Marokko, bis jetzt
+sind sie von den Türken noch nicht vollkommen unterworfen. Die Bewohner des
+Gorian-Grebirges in Tripolitanien sind bedeutend kriegerischer, als die
+_westlich_ davon wohnenden Stämme. Das Djurdjura-Gebirge oder die
+grosse Kabylie wurde zu _allerletzt_ von den Franzosen unterworfen,
+nachdem schon jahrelang der ganze _Westen_ von Algerien, d.h. die
+Provinz Oran unterworfen war. Endlich sind die im äussersten Westen von
+Marokko wohnenden Stämme, die der Schauya, Abda und Dukala die
+geknechtetsten von allen, und seit Jahren wissen sie nicht mehr was
+Freiheit und Unabhängigkeit ist.
+
+Die Bevölkerung von Marokko hat keinen eigentlichen Adel in unserem Sinn.
+Die vornehmste Classe sind die Schürfa, d.h. Abkömmlinge Mohammeds,
+selbstverständlich sind diese arabischen Stammes. Da sie sich unglaublich
+vermehrt haben, giebt es ganze Ortschaften, die fast nur aus Schürfa
+bestehen; man erkennt sie daran, dass sie vor dem Namen das Prädicat "Sidi"
+oder "Mulei", d.h. "mein Herr" führen. Die gegenwärtige Dynastie von
+Marokko besteht aus Schürfa. Das Sherifthum ist _nicht_ erblich durch
+die Frau heirathet z.B. ein gewöhnlicher Marokkaner eine Sherifa, so sind
+die Kinder keine Schürfa. Aber ein Sherif kann eine Frau aus jedem Stande
+nehmen und die aus der Ehe entspringenden Kinder werden alle Schürfa. Sogar
+eines Sherifs Heirath mit einer Christin oder Jüdin, (die in ihrer Religion
+verbleiben können) oder mit einer Negerin (eine solche muss aber den Islam
+angenommen haben) hat auf das Sherifthum der Kinder keinen vernichtenden
+Einfluss, ebenso sind die im Concubinate erzeugten Kinder vollkommen
+gleichberechtigt mit den in gültiger Ehe erzeugten.
+
+Die Schürfa werden überall in Marokko als eine besonders bevorzugte
+Menschenclasse angesehen. Sie haben das Recht, andere Leute zu insultiren,
+ohne dass man mit gleichen Waffen antworten darf. Der Mohammedaner schimpft
+_dann_ am stärksten, wenn er Beleidigungen auf die Vorfahren oder
+Eltern des zu Beschimpfenden häuft. Der Sherif darf zu einem Nicht-Sherif
+sagen "Allah rhinal buk" odes [oder] "Allah rhinal djeddek", "Gott
+verfluche deinen Vater", "Gott verfluche deinen Grossvater". Der
+Nicht-Sherif darf dies nicht erwidern, denn den Vorfahr oder Vater eines
+Nachkommen des Propheten beleidigen, wäre ein Verbrechen gegen die
+Religion. Er hat aber das Recht, die Person des Sherif selbst zu schimpfen,
+und gegen ein "Allah rhinalek" "Gott verfluche Dich" kann in einem solchen
+Falle als Entgegnung, der Sherif nicht klagen. Ich habe selbst oft
+Gelegenheit gehabt, so zu antworten; wenn in Uesan die jungen Schürfa sich
+darin gefielen, meinen Grossvater und Vater zu verfluchen und zu
+verbrennen, verbrannte und verfluchte ich sie selbst in meiner Antwort:
+"Allah iharkikum"--"Allah rhinalkum"[28], dagegen konnten sie nichts
+machen. Entschieden aber glaubten sie stets einen Sieg über mich
+davongetragen zu haben, da ich ihren Eltern und Vorfahren nichts nachsagen
+durfte.
+
+ [Fußnote 28: Gott soll euch verbrennen, Gott verfluche euch!]
+
+Die sogenannten Marabutin, heilige Personen oder Nachkommen solcher
+Heiligen, stehen in Marokko in bedeutend geringerem Ansehen, sie werden zu
+sehr von den Schürfa verdunkelt. Selbst Chefs grosser Stämme, in deren
+Familien seit langer Zeit Kaid oder Schichthum nebst Reichthümern und Macht
+erblich sind, verschwinden an der Seite der Schürfa.
+
+Ueber die geistige Begabung der Marokkaner lässt sich wenig sagen.
+Hervorragende Männer hat die Neuzeit nicht hervorgebracht, und bei der
+Verdummung, welche die Religion herbeigeführt hat und worin das Volk zu
+erhalten, der Sultan und die Grossen ihr Interesse sahen, wird hierin auch
+aus ihnen selbst heraus keine Abhülfe kommen. Kunst und Handwerke findet
+man nur noch in den Städten und auch da kümmerlich genug. Edlerer Regungen
+ist der Marokkaner kaum fähig; das Gute zu lieben und zu thun blos um des
+Guten willen, das kennt man fast bei diesen Leuten nicht. Höchstens
+schwingt sich der Marokkaner auf den Standpunkt, deshalb gut zu handeln,
+weil es die Religion vorschreibt, weil er sonst der zukünftigen Freuden des
+Paradieses verlustig ginge, oder sich wohl gar die Strafen der Hölle
+zuziehen könne.
+
+Indess ist die Unmoralität beim Volke lange nicht so schlimm wie in den
+Städten. Ausschweifungen, eheliche Ueberschreitungen oder andere Laster
+hört man im Volke fast nie vorkommen. Diebstahl, Lug und Betrug kommen zwar
+oft genug vor, namentlich einer Tribe gegen die andere, indess wird dies
+kaum als sündhaft betrachtet. Lügen ist überhaupt den Arabern und Berbern
+so eigen, dass es wohl kaum ein Individuum giebt, das die Wahrheit spricht.
+Und professionsmässige Lüge hat wohl immer Betrug und Diebstahl im Gefolge.
+Das Faustrecht, der Raub und Mord sind in all den Theilen des Landes, die
+nicht von der Armee des Sultans erreicht werden können, an der
+Tagesordnung, und Niemand findet auch etwas Ausserordentliches darin. Dass
+der Gastfreund den Marokkanern eine geheiligte Person sei, ist eine Farce,
+in vielen Gegenden respectiren die Bewohner nicht einmal die Schürfa.
+
+Soll ich einen Vergleich wagen zwischen Berbern und Arabern, so möchte ich
+sagen, die Zukunft gehört den ersteren. Bis jetzt haben die Araber der
+Neuzeit sich der Civilisation am wenigsten geneigt gezeigt, sie sind die
+echten Römlinge des Islams und mit Stolz bekennen sie sich als die Träger
+und Stützen dieser fanatischen Religion. Der Berber ist in dieser Beziehung
+bescheidener, er hängt weniger an Religion, und die Leute lassen sich
+weniger von der Religion beherrschen. In Algerien haben denn auch die
+Franzosen schon die Erfahrung gemacht, dass die Berber weit empfänglicher
+für Civilisation sind, _als die nur für und durch ihre Religion lebenden
+Araber_.
+
+Was die Juden in Marokko anbetrifft, so habe ich an anderen Orten
+Gelegenheit, von ihrer miserabelen Stellung gegenüber den Mohammedanern zu
+sprechen. Zum Theil sind sie direct aus Palästina hergewandert, zum Theil
+aus Europa zurück vertrieben. Ich glaube nicht, wie einige Schriftsteller
+annehmen, dass von den jetzt noch im grossen Atlas und in den Oasen der
+grossen Wüste existirenden Judengemeinden, diese Abkömmlinge[29] der
+Ureinwohner Nordafrikas also Berber ihrer Herkunft nach sind. Wenn man auch
+annimmt, dass Berber vor der arabischen Invasion zum Theil das
+Christenthum, zum Theil das Judenthum angenommen hatten, so mussten höchst
+wahrscheinlich Christen und Juden den Islam annehmen. Man behauptet, diese
+eben erwähnten Juden haben gleiches Aeussere, gleiche Sitten und Gebräuche
+mit den Berbern. Es ist das ein Irrthum. Ich habe jüdische Gemeinden des
+grossen Atlas und fast sämmtliche jüdische Ortschaften der Draa- und
+Tafilet-Oasen besucht, aber immer gefunden, dass sie sich auszeichneten von
+der sie umgebenden mohammedanisch-berberischen Bevölkerung, sowohl in der
+Sprache, als auch durch anderen Körperbau, andere Gesichtsbildung und
+Sitten. Im Allgemeinen sind die Juden schöner und kräftiger als die Araber,
+aber der entsetzliche Schmutz, den sie zur Schau tragen, die nachlässige
+und ärmliche Kleidung, der sie sich bedienen müssen, entstellt sie mehr als
+es unter anderen Umständen der Fall sein würde. Die Jüdinnen namentlich
+zeichnen sich durch Schönheit der Körperformen und reizende Gesichtszüge
+aus, müssen dafür aber auch oft genug, sind sie in der Nähe eines Grossen
+und Vornehmen, in dessen Harem wandern.
+
+ [Fußnote 29: Die Angaben von Richardson und Davidson über die frei im
+ Atlas lebenden Juden, die berechtigt seien Waffen zu tragen, beruhen
+ auf trügerischer Information. Aus _eigener_ Anschauung weiss ich,
+ dass die Juden im Atlas und in den grossen Oasen der Sahara ebenso
+ miserabel leben, wie nur in Fes oder irgend einer anderen Stadt des
+ Landes.]
+
+Die direct von Palästina hergekommenen Juden finden sich auf dem Atlas und
+in der Sahara, auch in den Städten Uesan, Fes, Tesa, Udjda giebt es deren.
+Sie reden kein Spanisch, sondern nur Arabisch und in rein berberischen
+Gegenden Schellah oder Tamasirht.
+
+Aber eigenthümlich! Der Jude scheint nirgends die Landessprache erlernen zu
+können. Wir wissen alle, dass der echte Jude in Deutschland gleich an
+seiner lispelnden Sprache zu erkennen ist, ebenso die Juden aller übrigen
+europäischen Länder, die stets die Sprache des Landes anders sprechen als
+die christlichen Bewohner. So auch in Nordafrika. Selbst wenn nicht durch
+Tracht und Physiognomie verschieden von dem Araber, würde man unter
+Hunderten den Juden gleich an der Sprache herauskennen. Nichts lächerlicher
+als einen Juden arabisch schmunzeln zu hören, und die unter den Berbern
+ansässigen Israeliten, die berberisch sprechen, schmunzeln das Tamasirht,
+wie der Jude überhaupt in allen Sprachen schmunzelt.
+
+Man wird wohl kaum übertreiben, wenn man die Zahl der in Marokko lebenden
+Juden auf circa 200,000 Seelen angiebt. Der grösste Zuschub von Aussen trat
+1492 bei der Vertreibung aus Spanien ein, dazu kamen 1496 die aus Portugal
+vertriebenen Juden. Aber früher schon hatten andere europäische Länder ihr
+Contingent gestellt, 1342 fand in Italien eine Judenvertreibung, 1350 in
+den Niederlanden und 1403 in England und Frankreich statt[30]. Alle diese
+unglücklichen Israeliten fanden in Nordafrika und vorzugsweise in Marokko
+eine Zuflucht. Und wie unglücklich und gedrückt ihre Stellung auch dort
+ist, bis auf den heutigen Tag haben sie ausgehalten und sich vermehrt.
+
+ [Fußnote 30: Don Serafin Calderon, Cuadro geografico de Marrueccos,
+ Madrid 1844.]
+
+Auch die schwarze Race ist in Marokko vertreten und zwar sind es
+vorzugsweise Haussa-, Sonrhai- und Bambara-Neger, die man antrifft. Sie
+haben dazu beigetragen, das arabische Element kräftig zu durchsetzen,
+obschon auf dem Lande die Mischung mit den Schwarzen seltener ist als in
+den Städten. Es ist weniger im arabischen _Volke_ Sitte eine Negerin
+zu nehmen, als bei den _Grossen_. Die ganze Familie des Sultans, alle
+ersten Familien der Schürfa haben heute eben so viel Negerblut in ihren
+Adern als rein arabisches. Die Berber mischen sich nie mit den Schwarzen,
+sie würden glauben sich dadurch zu degradiren. Als Sklaven werden die
+Schwarzen in Marokko gut behandelt und fast immer nach kürzerer oder
+längerer Zeit in Freiheit gesetzt. Die Zahl der Schwarzen in Marokko,
+welche stets durch neue Zufuhren aus Centralafrika erneuert wird, dürfte
+sich auf circa 50,000 beziffern.
+
+Die in Marokko sich aufhaltenden Renegaten verdienen kaum einer Erwähnung.
+Es ist meist der Abschaum der menschlichen Gesellschaft,
+Galeerensträflinge, die aus den spanischen Praesidos von Ceuta, Melilla,
+Alhucanas und Peñon de la Gomera entflohen sind. Und die Aussicht auf
+Begnadigung ist ihnen dadurch, dass sie die mohammedanische Religion
+angenommen haben, vollkommen abgeschnitten, sie würde auch nutzlos für sie
+sein, da sie im Falle einer Begnadigung, _dem Rächerarm der allliebenden
+katholischen Kirche anheimfallen würden_. Die katholische
+alleinseligmachende Religion in Spanien und die mohammedanische
+alleinseligmachende Religion in Marokko stehen sich noch ebenso feindlich
+gegen einander, wie zur Zeit Ferdinand des Katholischen.
+
+Es mögen einige Hundert Renegaten in Marokko sein, fast alle Spanier, mit
+Ausnahme von drei oder vier Franzosen; alle sind verheirathet, die meisten
+sind Soldaten und alle leben in einer sehr verachteten Stellung. Selbst die
+Kinder und Nachkommen solcher Oeludj[31] haben noch zu leiden von der
+tiefverachteten Stellung, die ihre Eltern einnahmen.
+
+ [Fußnote 31: Oeludj pl. von Oeldj heisst man in Marokko den
+ ehemaligen christlichen Sklaven und ebenso auch die Renegaten.]
+
+Europäer, oder wie die Marokkaner sie nennen: Christen, trifft man nur in
+den Häfen. Im Ganzen beträgt ihre Zahl jetzt wohl 2000; sie zeigt also eine
+grosse Zunahme gegen früher. Tanger und Mogador haben das grösste
+Contingent aufzuweisen. In den übrigen Küstenstädten, wie Tetuan,
+L'Araisch, Rbat, Darbeida, Dar-Djedida und Saffi findet man nur einzelne
+Familien. Die Häfen von Sla, Asamor und Agadir haben _keine europäische
+Bevölkerung_.
+
+Ueber Zu- oder Abnahme der Bevölkerung in Marokko liegen natürlich keine
+Angaben vor. Was die Städte anbetrifft, so hat in der neuesten Zeit Fes
+durch Cholera bedeutend an der Einwohnerzahl verloren. Dass die Stadt
+Marokko ehedem viel bedeutender bevölkert war als jetzt, dass ein Gleiches
+in Mikenes, Luxor (Alcassar) und Tarudant der Fall gewesen ist, habe ich
+selbst beobachten können. Die grossen Gärten innerhalb der Stadtmauern, die
+vielen leerstehenden Häuser, meistens schon Ruinen, endlich die grosse
+Anzahl unbenutzter Moscheen, zu gross für die jetzige Population, deuten
+darauf hin, dass die Bevölkerung dieser Städte bedeutend abgenommen hat.
+Zunahme sehen wir nur in den Hafenstädten, namentlich in denen, welche
+hauptsächlich den Handel mit dem Auslande vermitteln; aber auch hier ist
+die Zunahme mehr unter der fremden, europäischen Bevölkerung zu bemerken,
+als unter den Eingeborenen. Viele Hafenstädte, welche ehemals bewohnt
+waren, sind in der Neuzeit sogar gänzlich entvölkert und verlassen worden.
+
+Ebenso kann auf dem Lande von einer merklichen Zunahme der Einwohner nicht
+die Rede sein; es kann sein, dass einzelne Triben sich vermehren, durch
+locale Einflüsse begünstigt, während aber andere dafür sich vermindern oder
+ganz aussterben. Constante Zunahme der Bevölkerung und fast möchte ich
+sagen Uebervölkerung findet man nur in den Sahara-Oasen, namentlich im Draa
+und Tafilet. Es scheint, dass diese gesegneten Inseln, wie sie Treibhäuser
+für Pflanzen sind, auch ebenso günstig auf die Menschen einwirken. Dazu
+kommt, dass in den grossen Oasen eine verhältnissmässig grosse Sicherheit
+des Lebens und Eigenthums ist, dass Kriege und Raubzüge dort seltener sind,
+und Beraubungen und Vexationen durch die marokkanische Regierung dort nicht
+vorkommen.
+
+Hauptgründe aber der Abnahme der Bevölkerung Marokko's (höchstens kann man
+sagen, dass diese bleibt wie sie ist) sind vor allem mangelhafte Nahrung.
+Die Faulheit und Sorglosigkeit der Bewohner ist derart; dass trotz des
+reichen und jungfräulichen Bodens oft Missernten erzielt werden. Nicht zur
+rechten Zeit eingetretener Regen, Hagelwetter oder Heuschrecken führen
+häufig Hungersnoth herbei. Vorräthe anlegen kennt der Marokkaner nicht.
+Aber selbst bei reichlichen Ernten, in Jahren, wo Marokko Getreide
+ausführen kann, ist die Nahrung wegen der Einförmigkeit keine die
+Gesundheit fördernde. Wie schon angeführt worden ist, kommt beim
+Landbewohner das ganze Jahr keine Fleischkost vor. Unmässigkeit, wenn
+Nahrung reichlich vorhanden ist, hat dann Krankheit im Gefolge. Das
+weibliche Geschlecht entkräftet sich durch zu langes Säugen der Kinder.
+Fortwährende Kriege und Raubzüge fordern Opfer unter den kräftigsten
+Männern. Die willkürliche Regierung, die dem Volke den letzten Blutstropfen
+aussaugende mohammedanische _Geistlichkeit_, endlich die grassirenden
+Krankheiten, alles dieses sind Ursachen, welche auf die Entwickelung des
+marokkanischen Volkes hemmend und hindernd einwirken.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+4. Die Religion
+
+ * * * * *
+
+Will man die Religion eines Volkes richtig beurtheilen und richtig
+erfassen, so muss man sich ausserhalb einer jeden Religion stellen; ein
+Christ wird über jede andere Religion immer, fasst er dieselbe von seinem
+_christlichen_ Standpunkte auf, ein falsches Urtheil voller
+Vorurtheile abgeben; eben so wenig genügt es, die Religion, über welche ein
+Urtheil abgegeben werden soll, zur eigenen zu machen (obschon, um in das
+Wesen derselben einzudringen, dies vollkommen nothwendig ist), sondern muss
+nachdem das geschehen, wieder heraustreten, um für die Kritik ohne Fessel
+dazustehen.
+
+In allen Ländern ist die Religion der Grund des moralischen Volkszustandes,
+und derjenige, welcher Länder durchforscht und in das Leben des Volkes der
+Länder eindringen will, muss daher vor allem sich angelegen sein lassen,
+die Religion des Landes einer eingehenden Betrachtung zu unterwerfen.
+
+Von den drei für semitische Völker gemachten Religionen hat keine so
+gewirkt, das freie Denken, die _bewusste_ Vernunft einzuschränken, wie
+der Islam. Und rechnen wir die Inquisitionszeiten, die Verbrennungen der
+Hexenprocesse ab, hat keine der semitischen Religionen so viele
+Menschenopfer gekostet, als die mohammedanische. Auch ihr ist ureigen,
+unter der Firma der Nächstenliebe, unter der Maske religiöser Heuchelei
+jede Freiheit des Gedankens als Sünde hinzustellen; ihr ist ureigen, nur
+die _eigene Anschauung_ des Propheten oder Macher der Religion als
+allein wahr hinzustellen und den _Glauben_ zum unumstösslichen
+_Gesetz_ erhoben zu haben.
+
+Der Grund der mohammedanischen Religion liegt in dem Satze: "Es giebt nur
+Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter." Wir sehen hier ausdrücklich,
+dass, wie in den anderen beiden semitischen Religionen, die Einheit Gottes
+vor allen Dingen betont wird, aber ohne den Glauben, dass Mohammed
+"Gesandter"[32] Gottes ist, gilt die ganze Lehre nichts.
+
+ [Fußnote 32: Gesandter ist wohl zu unterscheiden von Prophet, deren
+ die Mohammedaner viele anerkennen, ein Prophet aber wie Moses oder
+ Jesus bekommt nie den Beinamen "Gesandter".]
+
+Mohammed, von einem als Beduinen gekleideten Engel gefragt: "worin besteht
+das Wesen des Islam?"--antwortete: "zu bezeugen, es giebt nur einen Gott
+und ich bin sein Gesandter; die Stunden des Gebets innehalten, Almosen
+geben, den Monat Ramadhan beobachten, und wenn man es kann, nach Mekka
+pilgern."--"Das ist es," erwiederte der Engel Gabriel, indem er sich zu
+erkennen gab.
+
+Mit der christlichen Religion hat die mohammedanische das gemein, dass sie
+die _unbedingteste_ Herrschaft über alle Menschen anstrebt, wenn aber
+jene Herrschaft der christlichen Kirche erst im Mittelalter verloren ging
+durch die Reformation oder Revolution eines Luther[33], so sehen wir in der
+mohammedanischen Kirche schon 755 ein Schisma. Es bildet sich nach der
+Verlegung des Kalifats von Damaskus nach Bagdad ein eigenes vollkommen
+unabhängiges _westliches_ Kalifat, welches im Anfange in Cordova
+seinen Sitz hatte. Ausser den vielen anderen Religionssecten und Parteien,
+welche dann den Islam spalteten, wir erwähnen nur der Kharegisten, der
+Kadarienser, der Asarakiten, der Safriensen, sind in der
+_rechtgläubigen_ mohammedanischen Welt heute diese beiden Kalifate
+noch zu erkennen.
+
+ [Fußnote 33: Die krankhafte Anstrengung des Papstthums, diese
+ Herrschaft bei den Katholiken jetzt wieder herzustellen, darf,
+ wenigstens was die germanischen Völker anbetrifft, als verfehlt und
+ zu spät angesehen werden.]
+
+Der Sultan der Türkei erkennt sich als den rechtmässigen Nachfolger des
+Kalifats von Bagdad und Damaskus, und da dies Kalifat überhaupt nie als
+gleichberechtigt bestehend das westliche Kalifat von Spanien und den
+Maghreb anerkannt hat, so glaubt er der Alleinherrscher aller Mohammedaner
+zu sein. Es versteht sich von selbst, dass eben so wenig wie Protestanten,
+Griechen und andere christliche Bekenner von Rom für _rechtmässige_
+Christen gehalten werden, auch die übrigen Bekenner des Islam, die
+Schiiten, Aliden, Choms, für rechtgläubige Mohammedaner angesehen werden.
+
+Der Sultan von Marokko als Nachfolger des Kalifats von Cordova erkennt aber
+keineswegs die Oberherrschaft des Sultans der Türkei an, und eben so wie
+die Kalifen von Spanien ihre Unabhängigkeit von den Abassiden aufrecht zu
+erhalten wussten, hat _nie_ irgend ein marokkanischer Herrscher des
+Sultans der Türkei Oberherrlichkeit anerkannt. Im Gegentheil, die jetzige
+Dynastie der Kaiser von Marokko, die sogenannte _zweite_ Dynastie der
+Schürfa, proclamirt laut und feierlich, dass sie die allein rechtmässigen
+Herrscher _aller_ Gläubigen seien, eben weil sie Abkömmlinge Mohammeds
+sind. Der Sultan von Marokko betrachtet den Sultan von Constantinopel als
+einen Usurpator, der nicht einmal arabisches Blut, geschweige das "unseres
+gnädigen Herrn Mohammed" in seinen Adern habe.
+
+Der echte Marokkaner, wenn er auch das arabische Volk als das bevorzugte,
+das von Gott auserwählte und besonders beschützte betrachtet, erkennt
+keineswegs _Nationen_ an. Für ihn giebt es nur Mohammedaner, oder wie
+er selbst in römischer Ueberhebung sagt, "Rechtgläubige Moslemin", Juden,
+Christen und Ungläubige. Zu den letzteren rechnet er alle solche, die kein
+"Buch", d. h. die keine göttliche Offenbarung bekommen haben.
+
+Da nun aber von solchen, die ein "Buch" haben, im Koran nur die Juden und
+Christen erwähnt sind, so werden die Wedas der Inder, die Kings (Bücher des
+Confucius) der Chinesen und andere als nicht vorhanden betrachtet, und in
+Marokko gar hat man die Vorstellung, dass die durch "Tausend und eine
+Nacht" bekannten Länder Hind (Indien) und Sind (China) ausschliesslich den
+Islam bekennen.
+
+Von den vier rechtmässigen und gleichberechtigten Bekennern des Islam, den
+Hanbaliten, Schaffëiten, Hanefiten und Malekiten, huldigen die Marokkaner
+wie in Afrika _alle_ Mohammedaner mit Ausnahme der Aegypter, dem
+malekitischen Systeme. Für diejenigen, welche weniger mit dem
+Mohammedanismus bekannt sind, führe ich hier an, dass man schon gleich nach
+dem Tode des Propheten einzusehen angefangen hatte, dass der Koran
+unmöglich allein allen religiösen Anforderungen, allen Rechtsfragen
+entsprechen konnte. Im Anfange der mohammedanischen Religion begnügte man
+sich damit, zweifelhafte Fälle durch Mohammed selbst oder seine Jünger
+entscheiden zu lassen. Nach des Propheten Tode, nach dem seiner Jünger,
+sammelte man dann die mündlichen Ueberlieferungen; es ist das die Sunnah,
+welche im ersten Jahrhundert nach der Hedjra entstand.
+
+Da nun aber noch keineswegs Koran und Sunnah ein regelmässiges System
+boten, so fühlte man die Notwendigkeit, für Theologie und Jurisprudenz
+einen solchen festen Anhalt zu bilden, und vier Schriftgelehrte unternahmen
+diese Arbeit. Jeder lieferte eine Abhandlung über die religiösen
+Ceremonien, über die Grundsätze, wonach der Moslim sein häusliches Leben
+einzurichten hat, und sie sonderten die Scheria, d. h. das von Gott selbst
+gegebene unabänderliche Gesetz, von dem, welches nach dem Willen und
+Gutdünken der Menschen abgeändert werden kann. Die Abhandlungen dieser vier
+Schriftgelehrten, obschon sie in vielen äusserlichen Sachen von einander
+abwichen, wurden alle als orthodox anerkannt und sie bekamen den Namen nach
+ihren Urhebern.
+
+Der _Malekitische Ritus_ nun (Malek ben Anas wurde 712 in Medina
+geboren, woselbst er 795 starb) verdrängte im Westen von Afrika gegen das
+Ende des achten Jahrhunderts den Hanefitischen Ritus, und dieser hat sich
+dort bis auf unsere Zeit erhalten. Neben Malek und hauptsächlich als bester
+Erklärer der Malekitischen Schriften gilt das Werk von Chalil ben Ischak
+ben Jacob, der 1422 starb, und aus einer Menge anderer Schriften über
+Malekitischen Ritus seine Werke zusammengesetzt hat. Sehr hoch gehalten
+werden in Marokko auch die Schriften des Buchari, der 200 Jahre nach
+Mohammeds Tode schon die Ueberlieferungen sichtete und von 7275 für wahr
+gehaltenen und 2000 zweifelhaften mehr als über 2000 falsche ausstiess.
+
+Der Unterschied der Malekiten von den übrigen drei rechtgläubigen Parteien
+beruht nur auf Aeusserlichkeiten, so namentlich in der Verrichtung bei den
+Ablutionen, in den Bewegungen beim Gebet, endlich hat Malek vor seinen
+gelehrten Collegen den Vorzug, dass er denen, die seine Religionsregeln
+befolgen, entschiedene Erleichterungen gewährt.
+
+Das Sultanat von Marokko als solches wurde gegründet nach dem Untergange
+des Königreichs von Granada am 2. Januar 1492, als Ferdinand auf der
+Alhambra die Fahne von Castilien und des heiligen Jacob aufziehen konnte.
+Das westliche Kalifat war nun begraben, aber als Erben desselben
+betrachteten sich von dem Augenblicke an die Sultane von Marokko. Wenn dann
+noch später bis zur eigentlichen Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien
+ein inniger Zusammenhang mit den afrikanischen Glaubensgenossen blieb, so
+hatte doch jeder politische Zusammenhang, wie früher schon oft, seit 1492
+gänzlich zu existiren aufgehört. Marokko selbst hatte auch freilich nicht
+die Grenzen, welche es jezt [jetzt] inne hat, seine Ausdehnung wechselte je
+nach der Macht der regierenden Sultane. Einzelne dehnten ihre Oberhoheit
+durch die Sahara bis Timbuctu und Senegambien hin aus, und Mascara und
+Tlemçen haben häufig genug die Oberherrlichkeit derselben anerkannt.
+Oftmals aber regierten drei Könige oder Sultane neben einander, daher die
+Namen Königreich Fes, Tafilet, Marokko. Nie aber, wir betonen es,
+namentlich weil _jetzt_ die Pforte auch die Souveränetät über Marokko
+beanspruchen zu wollen scheint, ist im eigentlichen Marokko, d. h. westlich
+von der Muluya, irgend wie oder irgend wo ein türkischer Pascha als Regent
+seines Herrn, des Sultans der Türken, gesehen worden.
+
+Im Allgemeinen sind die Begriffe des Volkes von der mohammedanischen
+Religion äusserst oberflächlich und verworren. Der gemeine Mann giebt sich
+auch gar keine Mühe, in das Wesen des Islam einzudringen, und was die Faki
+und die Tholba, d. h. die Doctoren und Schrifgelehrten [Schriftgelehrten],
+anbetrifft, so sind diese in Marokko auf einer bedeutend tiefer stehenden
+Stufe der Gelehrsamkeit, als in den meisten anderen Ländern, wo der Islam
+herrscht.
+
+Die Lehre von der _Prädestination_ zieht sich auch in Marokko durch
+die ganze religiöse Anschauung hin: "Es stand geschrieben," dass an dem
+Tage der und der sterben muss, "es stand geschrieben," dass der und der das
+Verbrechen beging etc. Es würde indess lebensgefährlich sein, einem Thaleb
+zu sagen: Da Gott _allmächtig_ ist und _Alles_ erschaffen hat, so
+hat er doch auch den Teufel geschaffen; oder, der Teufel als gefallener
+Engel hat doch nur mit _Wissen_ und _Willen_ Gottes fallen
+können. Man würde in Gefahr sein, verbrannt zu werden, wenn man einem Faki
+sagte: Da Gott _Alles_ geschaffen hat, so muss er doch auch das
+_Böse_, die _Sünde_, geschaffen haben; wie erklärst Du das mit
+der _Allgute_ Gottes, Gottes, welcher doch nur der Inbegriff _alles
+Guten_ sein soll? Ein marokkanischer Geistlicher würde nicht antworten
+"mit unerforschlichen Geheimnissen", die wir nicht zu ergründen vermögen,
+sondern gleich mit "Feuer und Schwert".
+
+Gott mit "hundert guten Eigenschaften", als "grösster", "allbarmherziger",
+"allmitleidiger", denkt sich der marokkanische Mohammedaner als ein
+persönliches Wesen. Obschon der Name Gottes "Allah" immer mit besonderer
+Betonung und recht sonor ausgesprochen wird, so hat doch das _häufige_
+Anrufen desselben eine völlige Missachtung nicht nur des Namens, sondern
+Gottes selbst herbeigeführt. Die eigene Lehre Mohammed's trägt Schuld
+daran. Während die jüdischen Lehrer vor allen Dingen darauf hielten, den
+Namen Gottes so wenig wie möglich im Munde zu führen, "Du sollst den Namen
+des Herrn, Deines Gottes, nicht unnützlich führen; denn der Herr wird den
+nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht", und die Israeliten
+hierin so weit gingen, dass der Name Jehovah nur von den Priestern im
+Tempel ausgesprochen werden durfte, und man für Gott Eloah oder Adonai, d.
+h. "Herr" im gewöhnlichen Leben, sagte, lehrte die mohammedanische
+Religion, es ist _verdienstvoll_, den Namen Gottes _so viel als
+möglich_ auszusprechen.
+
+Bei aussergewöhnlichen Versammlungen von Religionsgenossenschaften kann man
+daher sehen, wie manchmal die Versammelten mit nichts Anderm sich
+beschäftigen, als wiegend mit dem Körper den Takt zu geben, und jedesmal
+das Wort "Allah" auszusprechen. Eine Versammlung der religiösen
+Genossenschaft der Mulei Thaib in Rhadames, der ich dort beiwohnte,
+behauptete, am selben Abend das Wort "Allah" 70,000 Mal ausgerufen zu
+haben. Wenn dies nun auch nicht genau dem Worte nach genommen werden muss,
+denn die Zahlen in grösseren Zusammensetzungen sind überhaupt den
+Marokkanern ziemlich unbekannte Grössen, so kann ich doch versichern, dass
+ich sicherlich eine nachhaltige Heiserkeit würde davon getragen haben, wenn
+ich mit gleicher Regelmässigkeit und Vehemenz eben so oft Allah
+mitgeschrien hätte.
+
+Allah wird deshalb eigentlich weder geliebt, noch gefürchtet und kaum
+verehrt, denn wenn auch das Chotba-Gebet Freitags wie die täglichen Gebete
+an Gott gerichtet sind, so wendet sich doch der Marokkaner, um irgend eine
+Gunst zu erlangen, um irgend etwas durchzusetzen, an irgend Jemand sonst,
+nur nicht an Gott.
+
+Wie hat es aber auch anders sein können? Es liegt dem Menschen so nahe,
+dass er das, was er immer zur Hand hat, was er täglich braucht, anfängt
+nicht zu beachten, und die Nichtbeachtung ist immer der erste Schritt zur
+Verachtung. Und in Marokko wird das Geringste, das unbedeutendste Geschäft,
+ja Dinge, die nach den Gesetzen aller Menschen sündhaft sind, um nicht noch
+mehr zu sagen, mit der Anrufung Gottes "Bi ism' Allah, im Namen Gottes"
+begonnen. Mit dieser Redensart steht der Marokkaner auf, ergreift seine
+Kleidungsstücke, falls er sich derselben ausnahmsweise Nachte entledigt
+hätte, unternimmt Waschungen, betritt die Strasse, geht damit zur Arbeit,
+prügelt damit seine Lehrlinge durch, ohrfeigt seine Gattin, empfängt damit
+ein Almosen, ersticht damit seinen Feind, schwört damit einen falschen Eid,
+betritt damit die Moschee, legt sich damit schlafen, um in der Regel damit
+auch seinen letzten Hauch von sich zu geben.
+
+Die Vorstellung, welche man sich von Engeln macht, ist im Wesentlichen der
+der anderen semitischen Lehre nachgebildet. Die Engel haben einen feinen
+und reinen Körper; sie essen und trinken nicht, sind geschlechtslos und
+werden als specielle Diener Gottes betrachtet. Die Befehle Gottes, der
+unumschränkter Gebieter des Weltalls ist, werden durch die Engel
+vermittelt. So beginnt die 35. Sure[34]: "Lob und Preis sei Gott, dem
+Schöpfer des Himmels und der Erde, der die Engel zu seinen Boten macht, so
+da ausgestattet sind mit je zwei, drei und vier Paar Flügeln." Als
+vornehmster wird _Gabriel_ betrachtet, der manchmal auch als "Geist
+Gottes" erwähnt ist; _Michael_, der Engel der Offenbarung,
+_Azariel_ der Todesengel, _Israful_ der Engel der Auferstehung.
+Man glaubt sodann an Geister, _Djenun_ (Plural von Djin), welche als
+aus gröberer Materie gemacht gedacht werden und am jüngsten Tage einem
+Gerichte unterliegen.
+
+ [Fußnote 34: Der Koran von Dr. Ullmann. Bielefeld.]
+
+Man kann nicht sagen, dass in Marokko ein _Teufelcultus_ bestände, und
+als ob man sich überhaupt etwas aus dem Teufel mache. Er wird nicht so oft
+in den Mund genommen, wie Allah, und ist dem zufolge den dortigen
+Mohammedanern ziemlich zur Nebensache geworden. Wie bei den meisten
+Völkern, wird auch hier dem Teufel Alles in die Schuhe geschoben und
+_"Allah rhinal Schitan, Gott verfluche den Teufel!"_ kann man täglich
+hören. Stösst einer aus Versehen an, schneidet sich einer in den Finger,
+fällt einer zur Erde, zerbricht aus Versehen ein Gefäss, beschmutzt durch
+eigene Unvorsichtigkeit sein Gewand, so wird unabänderlicherweise der
+Teufel verflucht. Als eigenthümlich beobachtete ich, dass, sobald _ein
+Esel_ seine musikalischen Töne ausstösst, es zum guten Ton gehört, sich
+mit Abscheu wegzuwenden und "Gott verfluche den Teufel" auszurufen. Der
+Teufel wird _Iblis_ oder _Schitan_ genannt, und nach der Meinung
+der Mohammedaner wird er deshalb als gefallener Engel angesehen, weil er
+sich weigerte, Adam anzubeten[35].
+
+ [Fußnote 35: An anderen Orten und Surat 2 im Koran: "Darauf sagten
+ wir zu den Engeln: Fallet vor dem Adam nieder, und sie thaten so,
+ nur der hochmüthige Teufel weigerte sich, er war ungläubig."]
+
+Als Lohn wird den Menschen nach dem irdischen Tode ein Aufenthalt entweder
+im _Paradiese_ oder in der _Hölle_ zu Theil. Indess kommen die
+Abgeschiedenen keineswegs sofort dorthin; sondern erst _nach_ dem
+jüngsten Gericht. Höst[36] sagt S. 197, und dieser Glaube ist auch heute
+noch in Marokko: "Wenn ein Maure gestorben ist, so glauben die Anderen,
+dass er gleich im Grabe von zwei Engeln befragt wird, die sie Munkir und
+Nakir nennen; und wenn er dann als ein echter Moslim zu ihrer Zufriedenheit
+antwortet, so ruhet der Leib ungestört bis zum Gerichtstage; wo nicht, so
+schlagen sie ihn mit eisernen Keulen an die Schläfe, und er wird von
+giftigen Thieren gebissen und übel behandelt. _Die Seelen der Märtyrer
+verbleiben im Halse der grünen Vögel des Paradieses_ bis an den Tag des
+Gerichts; aber die anderen rechtgläubigen Seelen, die durch den Engel
+Azariel mit Gelindigkeit vom Körper getrennt werden, halten sich um die
+Gräber herum auf, ob sie gleich gehen könnten, wohin sie wollen. Für
+diejenigen Seelen hingegen, die verdammt werden, wissen sie keinen Platz,
+denn weder Himmel noch Erde will sie annehmen."
+
+ [Fußnote 36: Nachrichten von Marokko und Fes, Ton G. Höst.
+ Kopenhagen 1781.]
+
+Endlich naht der _jüngste_ Tag, dessen Ankunft durch "Zeichen"
+angekündigt wird. So soll am Abend vorher die Sonne aufgehen, der zwölfte
+Imam, der Mehedi verkündet aufs Neue und zuletzt den Islam, und Jesus
+Christus, die Lehre Mohammed's bekennend, erscheint aufs Neue. Nach dem
+Glauben der Mohammedaner haben sowohl Moses als auch Christus den wahren
+Islam gepredigt, nur wir Christen und die Juden haben unsere, respective
+ihre Bücher gefälscht. Die Mohammedaner verweisen auf verschiedene Stellen
+des Alten und Neuen Testaments, von denen sie glauben, dieselben enthielten
+eine Weissagung, einen Bezug auf Mohammed.
+
+Die Trompete erschallt, die Sonne wird verfinstert, die Sterne fallen zur
+Erde, es herrscht Chaos. Ein zweiter Trompetenstoss ertönt, und Alles auf
+Erden, was Leben hat, stirbt. Ein 40 Jahre anhaltender Regen soll zum neuen
+Keimen und Leben rufen, und dann werden die Engel Gabriel, Michael und
+Israful zuerst erweckt (an anderen Koranstellen lässt Mohammed sie nicht
+sterben, wie überhaupt die grössten Widersprüche herrschen). _Letzterer
+sammelt die Seelen in seiner Trompete_, und beim letzten Schall
+entfliegen sie derselben, um den Raum zwischen Erde und Himmel auszufüllen.
+Die Länge des jüngsten Gerichtstages wird im Koran verschieden, im 30.
+Capitel zu 1000, im 70. Capitel zu 50,000 Jahren angegeben.
+
+Nachdem die Menschen von den Engeln Munkir und Gabriel gefragt sind, wiegt
+Gabriel in einer Waage, die so gross ist, dass sie Himmel und Erde zugleich
+enthalten kann, die Thaten der Menschen. Ueberwiegen die guten Thaten auch
+nur _Ein Haar_ die bösen, so ist der Eingang in das Paradies
+gesichert. Ein Mohammedaner, der einem andern Unrecht gethan hat, muss
+übrigens einen Theil seiner guten Thaten demselben abgeben, hat er gar
+keine, so übernimmt er dafür des Anderen Sünden. Obschon die Verdammung an
+vielen Stellen als eine _ewige_ geschildert wird, so glaubt man doch
+nach anderen Andeutungen, wenigstens für die Rechtgläubigen auf eine
+_zeitweise_ Strafe rechnen zu können, "nachdem die Haut 1000 Jahre
+lang zu Kohle verbrannt ist".
+
+Bei der _Auferstehung_ sind die Frommen bekleidet mit Leinwand, die
+Gottlosen erstehen nackt, und jene, welche unrechtmässig Reichthümer
+erworben haben, werden als Schweine auferstehen; die, welche Zinsen nehmen,
+werden Kopf und Füsse verkehrt tragen. Um einer solchen Strafe zu entgehen,
+leiht man in Marokko nie auf Zinsen, aber man umgeht das unentgeltliche
+Darleihen dadurch, dass man z.B. 100 Metkal ausleiht, aber gleich zur
+Bedingung macht, nach so und zo [so] langer Zeit das _verdoppelte_
+oder _verdreifachte_ Capital zurückzubekommen. Nur so konnte ich mir
+selbst später am Tsadsee vom Mohammedaner Mohammed Sfaxi 200
+Maria-Theresia-Thaler verschaffen; es war Bedingung, 400
+zurückzuerstatten; Zeit war hierbei nicht angegeben, aber man verlangte
+Zahlung auf Sicht in Tripolis, und da die Karavane gleich darauf abging
+nach dieser Stadt und etwa neun Monate Zeit gebrauchte, so konnte der
+Darleiher gewiss zufrieden sein.--Die ungerechten Richter, die Mörder,
+Diebe etc., Alle werden in eigenen Gestalten erscheinen, um ihre Strafe
+anzutreten. Das Gericht wird lange dauern und Gott wird in Person
+richten, Mohammed wird Fürbitter sein, Adam, Noah, Abraham und Jesus
+weisen das Amt der Fürbitte von sich. Auch die Engel, die Geister und
+die Thiere werden zur Rechenschaft gezogen.
+
+Die Auferstandenen haben, um in den für sie bestimmten Aufenthalt zu
+kommen, die _Siratbrücke_ zu passiren, die so fein wie ein Haar und so
+schneidig wie ein Messer ist; die frommen Seelen kommen mit telegraphischer
+Geschwindigkeit hinüber, die Gottlosen stürzen in die Tiefe.
+
+Ehe man ins Paradies gelangt, kommt man zu einer _Mauer_, welche Hölle
+und Paradies trennt. Diese Mauer wird zugleich als neutrales Gebiet
+betrachtet und dient als Aufenthalt für Solche, die gleichviel Gutes und
+Böses, oder überhaupt weder Böses noch Gutes gethan haben.
+
+Das mohammedanische _Paradies_ mit den rieselnden Bächen von Milch und
+Honig, den schwarzäugigen Huris, deren Leib aus duftendem Bisam besteht,
+dem Weine, der nicht berauscht, und den 80,000 Sklaven, die jeder
+Rechtgläubige zur Verfügung hat, ist hinlänglich bekannt, und der
+Marokkaner schmückt sich nach seiner Art die Versprechungen, die ihm
+Mohammed im Koran davon gemacht hat, noch mehr aus. So wird er dort immer
+seine Haschischpfeife haben, und der Haschisch wird ihn nicht schlaftrunken
+machen; er wird nicht schwarzäugige Huris als Dienerinnen haben, sondern
+_blauäugige, blondlockige Engländerinnen_, welche nach der Meinung der
+Marokkaner diesen Vorzug verdienen. Das Paradies befindet sich über den
+sieben Himmeln, unmittelbar unter dem Throne Gottes; was aber räumlich
+_über_ Gott selbst ist, darüber nachzudenken ist dem Marokkaner nicht
+erlaubt.
+
+Nach der Beschreibung der die Hölle vom Paradiese trennenden Mauer sollte
+man denken, dass dieses letztere sich auf gleichem Niveau befände mit der
+Hölle. Aber wie bei den übrigen semitischen Religionen und wie bei fast
+allen Völkern ist mit der _Hölle_ der Begriff des "Tiefen,
+Unterirdischen" verbunden. Deshalb sagt man auch, die Bösen _fallen_
+von der Siratbrücke. Man stellt sich sodann die _Hölle mit sieben
+Stockwerken_ vor; im obersten wohnen jene Mohammedaner, die auf Fürbitte
+des Herrn Mohammed nach einigen tausend Jahren Eintritt ins Paradies
+bekommen können. Es ist sodann ein Aufenthalt für die Christen, für die
+Juden, für Sabäer, Magier, Ungläubige überhaupt vorhanden. In das unterste
+Stockwerk werden die Heuchler kommen, d.h. Solche, die äusserlich eine
+Religion, vornehmlich die mohammedanische, bekannten, aber innerlich nicht
+daran glaubten. Die Qualen der Hölle werden eben so erfinderisch
+beschrieben, wie bei den übrigen Völkern, so dass es eine wahre Lust ist,
+sich daneben den _allbarmherzigen_ Gott zu denken, wie er im Paradiese
+in seiner ewig _allgütigen_ und _allmitleidigen_ Natur auf diese
+_seine_ Geschöpfe hinabschaut, ohne dass es ihm einfällt in seinem
+unerforschlichen Rathschlusse, die von ihm verhängten und nach seiner
+Vorherbestimmung (nach der Lehre Mohammed's ist ja Alles vorherbestimmt)
+erfolgten Qualen zu lindern oder gar zu beendigen.
+
+_Feuer_ spielt natürlich eine Hauptrolle in der Hölle; die Anzüge sind
+von Feuer, in den Eingeweiden brennt Feuer, Feuer verkohlt die Haut,
+Feuerschuhe bekleiden die Füsse; ebenso heisses Wasser (22. Cap.). "Es soll
+auf ihre Köpfe gegossen werden, wodurch sich ihre Eingeweide und ihre Haut
+auflösen." Genug von den Freuden des mohammedanischen Paradieses und den
+Leiden der mohammedanischen Hölle.
+
+Unter dem Schutze des Grossscherifs von Uesan, der mir ein unwandelbarer
+Freund war, wagte ich einst, einem Thaleb, der mit glühenden Farben die
+Köstlichkeiten des Paradieses der Gläubigen mir ausmalte, zu erwiedern:
+"wenn aber Ihr Marokkaner Alle Anspruch macht, ins Paradies zu kommen, so
+will ich lieber nach dem Orte kommen, der den Christen angewiesen wird." Da
+mein Beschützer zu lachen anfing, lachten Alle pflichtschuldigst über die
+Abfertigung, die der Thaleb erhalten hatte, mit. Ich konnte mir damals in
+Uesan eine solche Aeusserung erlauben, weil ich nach den Worten Mohammed's
+als _übergetretener_ Christ den Vortritt vor den übrigen Moslemin
+hatte. Wenn Mohammed von Vortritt spricht, meint er darunter den in das
+Paradies.
+
+Folgendes ist die unwandelbare Lehre, wie sie von Gott durch die Propheten
+den Menschen vermittelt worden ist; sind Juden und Christen später von
+diesem Islam abgewichen und haben die Bücher verfälscht, so war es die
+Hauptaufgabe Mohammed's, die reine Lehre wieder herzustellen. Mohammed
+lässt verschiedene Offenbarungen zu seit der Erschaffung der Welt, und
+unter den Propheten giebt es verschiedene Rangstufen. Zu den ersten gehören
+Adam, Noah, Abraham, Moses und Jesus. Es kommen sodann Patriarchen und
+Propheten, welche vollkommen heilig und sündlos auf Erden lebten. Nach der
+Meinung der Marokkaner giebt es 104 heilige Schriften[37], von denen auf
+Adam 10, auf Seth 50, auf Edris oder Enoch 30, auf Abraham 10, auf Moses 1,
+auf David 1, auf Jesus 1 und auf Mohammed 1 kommen. Bis auf die vier
+letzten sind alle anderen verloren gegangen, und bis auf das letzte, den
+Koran, die drei noch übrig gebliebenen gefälscht. Damit der Koran nicht
+gefälscht werde, darf er nur _geschrieben_ und in arabischer Sprache
+verbreitet werden. Ein gedruckter Koran ist daher in Marokko schlecht
+angesehen; gleichwohl machte ich dem Grossscherif einen solchen sowie ein
+Altes und Neues Testament in arabischer Sprache zum Geschenk, und er nahm
+sie gern an. Aus demselbsn [demselben] Grunde, d.h. um den Koran verstehen
+zu können, müssen aller _nichtarabischen_ Völker Schriftgelehrte
+Arabisch lernen. Ein Versuch, den die Marokkaner selbst machten, den Koran
+ins _Berberische_ zu übersetzen, da die überwiegende Mehrzahl der
+Marokkaner Berber sind, scheiterte vollkommen an dem Fanatismus der
+arabischen Tholba; die schon übersetzten Exemplare wurden verbrannt.
+
+ [Fußnote 37: Siehe Jackson, Account of Marocco, p. 197.]
+
+Unter den Propheten erkennt Mohammed Jesu den ersten Platz zu; er glaubt,
+dass Jesus der Sohn Mariä sei und dass diese auf wunderbare Weise empfangen
+habe. Er glaubt weiter, dass die Juden Jesum nicht kreuzigten, sondern eine
+andere Person unterschoben. Die Auferstehung und die Höllenfahrt werden
+also vollkommen von den Mohammedanern geleugnet. Indess glauben sie, dass
+Jesus lebendig gen Himmel empor gestiegen sei; und ebenfalls wird er, wie
+schon erwähnt, zum jüngsten Gericht zurück erwartet.--
+
+Ein Haupterforderniss ist das _Gebet_; aber kein Gebet ist gültig,
+wenn nicht vorher eine Abwaschung des Körpers, d.h. eine bestimmte
+Ceremonie, vorgenommen worden ist. Man unterscheidet in Marokko wie
+überhaupt bei den Mohammedanern die _grosse Abwaschung_, el odho el
+kebir[38]; die _kleine_, el odho el sserhir; _die Abwaschung mit
+Sand_, el timum, und das blosse _Fingiren des Waschens_, el chofin.
+Diese Abwaschung wird in verschiedener Weise bei den vier rechtgläubigen
+Riten vorgenommen, aber nach einer der vorgeschriebenen Normen _muss_
+die Ablution verrichtet werden. Würde man z.B. zuerst das _linke_ Auge
+auswaschen, wenn es erforderlich ist, dass vorher das rechte gewaschen
+werden soll, dann ist die ganze Ablution _batal_, d.h. umsonst, und es
+kann nicht gebetet werden. Würde man z.B. um den Mund auszuspülen, dies mit
+der linken statt mit der vorgeschriebenen rechten Hand thun, so _taugt
+die ganze Ablution_ nichts. Jeder Körpertheil kommt nach
+_vorgeschriebener_ Ordnung an die Reihe, und je nachdem wird die
+_rechte_ oder _linke_ Hand zum Abwaschen benutzt. Die grosse
+Abwaschung unterscheidet sich von der kleinen dadurch, dass man bei jener
+den _ganzen_ Körper einer Reinigung unterzieht, bei dieser indess nur
+die Theile des Körpers abwäscht, welche man, ohne sich der Kleidungsstücke
+zu entledigen, einer Wäsche unterziehen kann. Bei der Waschung mit Sand
+reibt man sich natürlich nicht buchstäblich mit Sand ab, sondern legt die
+Hände auf den reinen Erdboden und _fingirt_ die Waschung. Auch hier
+muss streng die _Reihenfolge_ der abzuwaschenden Theile inne gehalten
+werden. Bei _unreinem_ Boden und wenn kein Wasser vorhanden ist,
+berührt man irgend einen Gegenstand, eine Wand, einen Stein, und fingirt
+dann die Ablution; es ist dies was man _el chofin_ nennt. Malek, der
+überhaupt duldsamer als die übrigen drei mohammedanischen Gelehrten ist,
+erlaubt auch das _timum_ und _el chofin_ da, wo _Wasser_
+vorhanden ist; deshalb findet man in den meisten marokkanischen Moscheen,
+namentlich in allen Djemen der Oasen, _Steine_, welche umfasst werden,
+nach welcher Umfassung sodann die Ablution vor sich geht.
+
+ [Fußnote 38: Höst S. 204 sagt: Die grosse Abwaschung heisst Ergasel.
+ Es ist dies ein Irrthum; Ergasel bedeutet jede beliebige Abwaschung,
+ aber keine _religiöse_; wenigstens habe ich in Marokko dies Wort nie
+ in diesem Sinne gebrauchen hören, obschon ich selbst täglich die
+ Ceremonien mitzumachen hatte.]
+
+Das Gebet der Marokkaner ist keineswegs ein solches nach dem Sinne solcher
+Christen, welche darunter vorzugsweise einen freien Herzenserguss, einen
+selbständigen Gedankenausfluss, eine aus eigenem Herzen entspringende Bitte
+an Gott sehen, sondern vielmehr ein bestimmt auswendig Gelerntes, und eine
+mit _bestimmt_ vorgeschriebenen Ceremonien verknüpfte Handlung. Es
+kann daher bei den Marokkanern nach christlicher Auffassung von keinem
+eigentlichen Gebet die Rede sein, sondern nur von Gebets_übungen_, von
+Gebetsceremonien; und so muss man es wohl für alle Mohammedaner auffassen,
+indem die dabei vorkommenden Ceremonien und Verbeugungen für Alle
+_bestimmt vorgeschrieben_ sind. Fehlt eine dieser Ceremonien, würde
+man z.B. sich statt nach Mekka nach einer andern Richtung wenden, oder
+würde man es unterlassen; sich nach der und der Stelle zu Boden zu werfen,
+so ist das Gebet ungültig; es steigt dann nicht zu Gott auf.
+
+Man unterscheidet das _Morgengebet, essebah_, das _Mittagsgebet,
+eldhohor_, das _Nachmittagsgebet, elassar_, das _Abendgebet, el
+maghreb_, und das _Nachtgebet, elascha_. Die so häufige
+Wiederholung der Gebetsübungen ist im Anfange des Islam auf zähen
+Widerstand gestossen, später gewöhnte man sich daran, so wie sich der
+Soldat an Disciplin gewöhnt. Und dadurch, dass Mohammed überall das Beten
+erlaubt, und das Gebet auf der Strasse oder im freien Felde für ebenso
+verdienstvoll gilt, als das in der Moschee, und vom Gebet im "stillen
+Kämmerlein" im Koran nirgends die Rede ist, dadurch hat sich nach und nach
+ein Pharisäismus in die mohammedanische Religion eingeschlichen, der
+anderen Leuten ganz ungeheuerlich vorkommen muss. Namentlich in Marokko hat
+sich _unter dem Systeme der Unfehlbarkeit des Sultans_ eine
+entsetzliche Scheinheiligkeit und Heuchelei aller Classen bemächtigt. Der
+gewöhnlichste Marokkaner versteht es, sich beim Beten derart den Schein der
+Andacht, der Heiligkeit zu geben, er weiss seiner Stimme derart einen
+näselnden Ton, einen feierlichen Klang beizulegen, er wendet derart seine
+Augen gen Himmel und scheint überhaupt so sehr seinen ganzen Körper dem
+nichtigen, irdischen Dasein zu entrücken, dass man glauben sollte, er
+zerflösse vor Heiligkeit. Und doch ist er nichts weniger als fromm; die
+Worte, die er an Allah richtet, versteht er kaum, falls er nicht sehr
+gebildet ist. Das koranische Arabisch unterscheidet sich vom Neuarabischen
+und namentlich vom Magrhebinischen eben so sehr, wie das Lateinische von
+den neueren romanischen Sprachen. Man hält in Marokko darauf, beim Beten
+_gesehen_ zu werden, man hält in Marokko auch darauf, recht _laut
+die vorgeschriebenen_ Worte auszusprechen, damit man ja, falls man
+übersehen wird, gehört werde. Da es nicht nöthig ist, genau die Zeit des
+Gebetes inne zu halten, die Gebete aber nachgeholt werden müssen, so trifft
+man allerorts, auf allen Plätzen, auf allen Strassen, in allen Moscheen
+Leute, die ihre Gebetsübungen verrichten. Besucht man einen Marokkaner, so
+kann man sicher sein, dass unter hundert neunundneunzig den Gast einen
+Augenblick zu warten bitten, "damit ein nachzuholendes Gebet erst
+verrichtet werde." Man will damit documentiren, dass man fromm sei! Recht
+eifrige Leute, namentlich Brüder einer religiösen Innung, pflegen ausser
+den vorgeschriebenen Gebetsceremonien noch andere zu bestimmten Tageszeiten
+abzuhalten, z. B. vor dem Morgengebet das Morgenrothgebet _Fedjer_; um
+die Zeit des _Dhaha_, d.h. zwischen dem Morgen- und Mittagsgebete, das
+Dhahagebet; das _eschefah-_ und _uter-_Gebet nach dem _el
+ascha_ etc.
+
+In den Städten wird von den Thürmen der Moschee die Gebetsstunde durch
+Aufziehen einer weissen am Freitage zum Chotbagebet einer
+_dunkelblauen_ Fahne angekündigt, ausserdem ruft der _Muden_ von
+den Thürmen zum Gebet auf. Auch dieser Aufruf ist bestimmt vorgeschrieben
+und beginnt nach Osten, um durch Süden, Westen und Norden wieder gen Osten
+beendigt zu werden. Die Worte lauten: "Gott ist der Grösste, Gott ist der
+Grösste, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, es giebt nur
+Einen Gott, Mohammed ist sein Gesandter, Mohammed ist sein Gesandter[39];
+kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, kommt in den Tempel, kommt in den Tempel,
+Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, es giebt nur Einen Gott!"
+
+ [Fußnote 39: Vor dem Morgengebet werden die Worte "das Gebet ist
+ besser als der Schlaf" eingeschaltet.]
+
+_Das Gebet selbst_ zerfällt in Anrufung, verschiedene Rikats und
+Gruss[40] und wird folgendermassen bei den Malekiten abgehalten:
+
+ [Fußnote 40: Siehe Ali Bey el Abassi, Voyage en Afrique etc. I, p.
+ 153.]
+
+_Die Anrufung_: Körper gerade und beide Hände erhoben bis zur Höhe der
+Ohren, "Gott ist der Grösste!"
+
+Erstes Rikat und erste Position: Aufrecht, die Hände fallen herab, und man
+sagt das erste Capitel des Koran her. "Lob und Preis dem Weltenherrn, dem
+Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen,
+und zu Dir wollen wir flehen, auf dass Du uns führest den rechten Weg, den
+Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über
+welche Du zürnest, und nicht den der Irrenden."--Es folgt jetzt ein
+Koranvers, z.B. "Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und
+ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich."
+
+Zweite Position: Man verbeugt sich, die Hände auf die Knie stützend, und
+ruft: "Gott ist der Grösste!" Dritte Position, sich wieder aufrichtend:
+"Gott hört, wenn man ihn lobt." Vierte Position, niederknieend berührt man
+mit beiden Händen, mit der Stirn und Nasenspitze die Erde und ruft: "Gott
+ist der Grösste!" Fünfte Position: Man setzt sich auf die zurückliegenden
+Waden, legt die Hände auf die Schenkel und ruft: "Gott ist der Grösste!"
+Sechste Position: Man berührt abermals mit Händen, Stirn und Nasenspitze
+den Boden und ruft: "Gott ist der Grösste!" Siebente Position: Man richtet
+sich auf und ruft stehend! "Gott ist der Grösste!"
+
+_Zweites Rikat_: Die ersten sechs Stellungen werden wiederholt, nach
+der sechsten bleibt man sitzen und spricht: "Die Nachtwachen sind für Gott,
+wie auch die Gebete und Almosen; Gruss und Friede sei Dir, o Prophet
+Gottes; Gottes Mitleid und Segen ruhe auf Dir. Heil und Friede komme auf
+uns und alle Diener Gottes, die gerecht und tugendhaft sind. Ich bezeuge,
+es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, dass Mohammed sein Diener und
+Gesandter ist!" Hat das Gebet nur zwei Rikats, so fügt man noch hinzu,
+indem man in derselben Stellung bleibt und dabei immer den rechten
+Zeigefinger kreisförmig bewegt: "Und ich bezeuge, Er war es, der Mohammed
+zu Sich rief, und ich bezeuge die Existenz des Paradieses, die der Hölle,
+die des Sirat (Brücke), die der Wage und die des ewigen Glückes, welches
+denen gewährt werden soll, welche nicht zweifeln und die wahrhaftig Gott
+aus dem Grabe erwecken wird. O, mein Gott, giesse Deinen Segen auf Mohammed
+und Mohammed's Nachkommen aus, wie Du Deinen Segen auf Abraham ausgegossen
+hast; segne Mohammed und die von Mohammed Stammenden, wie Du Abraham und
+die von Abraham Stammenden gesegnet hast. Die Gnade, das Lob und die
+Erhebung zum Kuhme sind in Dir und bei Dir."
+
+_Der Gruss und Schluss_: Man bleibt sitzen, wendet das Gesicht erst
+links, dann rechts, erhebt etwas die Finger beider auf den Schenkeln
+ruhenden Hände und ruft: "Friede sei mit Euch!"
+
+Fedjer und Esebah haben zwei, Dhohor und l'Asser vier, Magrheb drei,
+l'Ascha vier, l'Eschefa und l'Uter drei Rikats. Recht fromme Leute,
+namentlich solche, die sich gern beten sehen und hören lassen, die sich den
+Ruf eines "Heiligen" erwerben wollen, machen ausserdem fünf, sechs und noch
+mehr Rikats.
+
+Der Freitagsgottesdienst, das Chotbagebet, wird in der Regel eine Stunde
+nach Mittag verrichtet. Nach vorhergegangener Ablution geht Jeder in die
+Moschee und betet für sich ein aus zwei Rikats bestehendes Gebet und setzt
+sich. Es dauert nicht lange, so erscheint ein Fakih, besteigt den Mimbr,
+ein Gerüst, ähnlich einer Treppe, und beginnt mit näselnder Stimme eine Art
+Predigt _abzulesen_. In seiner Rechten hat er einen langen Stock, aber
+auch nur in diesem Augenblicke des Treppenbesteigens, denn sobald er
+dieselbe verlässt, wird der der Moschee zugehörende übrigens werthlose
+Stock in eine Ecke gestellt. Die Fakihs und Tholba (Schriftgelehrten) der
+Marokkaner unterscheiden sich keineswegs in der Kleidung von ihren übrigen
+Glaubensgenossen. Da überhaupt Jeder, der lesen und schreiben kann,
+_Thaleb_, Jeder, der den Koran lesen und interpretiren kann,
+_Fakih_, d.h. _Doctor_ ist, so halten die Tholba und Fakih, die
+sich speciell mit der Bedienung der Moscheen befassen, es nicht für
+nothwendig, sich durch besondere, z.B. _schwarze Tracht_
+auszuzeichnen; sie würden es auch nicht wagen, da in Marokko sich Jeder
+wenigstens eben so fromm und von Gott geliebt glaubt, als sein Nächster,
+_innerlich_ sogar Jeder sich wohl für am frömmsten hält. Es mag
+anderen unbefangenen Menschen dies unglaublich vorkommen, aber die
+fanatische Dummheit in Marokko ist so gross, dass man der festen
+Ueberzeugung lebt, jedwede Sünde begehen zu können, wenn man nur mit dem
+Munde bereut und mit dem Munde durch Gebete seine Reue kund thut.
+
+Wirkliche Gebete, d. h. improvisirte, selbstgemachte, von Herzen kommende
+Anreden an Gott, meistens Wünsche und Bitten enthaltend, giebt es auch.
+Erfleht der Marokkaner etwas, so hält er beide Hände zumal offen gen
+Himmel, als ob er etwas empfangen wollte; auf dieselbe Art wird auch der
+Segen erfleht. Selbst ein Scherif, d. h. ein Abkömmling Mohammed's,
+erflehet den Segen für sich oder für die Menge derart, d. h. die Hand offen
+haltend. Der Mohammedaner würde es als grosse Sünde ansehen, wenn ein
+Mensch sich vermässe, die Hand umzudrehen, um den Segen zu ertheilen, wie
+es bei den Christen Sitte ist.
+
+Aber "das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die Fasten fuhren uns vor die
+Thore seines Palastes und das Almosen verschafft uns Einlass."
+
+Es giebt verschiedene den Mohammedanern vorgeschriebene _Fasttage_, in
+Marokko werden sie indess nur von aussergewöhnlich fromm sein wollenden
+Leuten gehalten, jeder aber ist verpflichtet, den ganzen Monat Ramadhan zu
+fasten: _Bruch wird mit dem Tode bestraft_. Sobald der Neumond von
+zwei des Lesens und Schreibens kundigen Leuten in einem Orte gesehen
+worden, ist für _den_ Ort der Ramadhan angegangen. Da nun manchmal der
+Himmel an einigen Stellen bewölkt ist, so treten dort die Fasten einen Tag
+später ein; da die Marokkaner wie überhaupt die Mohammedaner, _was das
+Religiöse anbetrifft_, nach Mondsmonaten rechnen, so muss, falls
+_immer_ der Himmel bewölkt bliebe, nach Ablauf von 30 Tagen des
+vorhergehenden Monats der 31. der erste Tag des Rhamadhan sein.
+
+Von Morgens bis Abends, d.h. sobald man in der Morgen- oder Abenddämmerung
+einen weissen von einem blauen Faden unterscheiden kann, ist sodann jeder
+materielle Genuss untersagt. Nicht nur dass man nicht essen, trinken,
+rauchen oder schnupfen darf, muss auch in dieser Zeit der Umgang mit
+Frauen, überhaupt jeder Sinnengenuss gemieden werden. Ja in Marokko geht
+man so weit, das Riechen an eine Blume, das Ergötzen des Auges an einer
+schönen Landschaft und das Anhören von Musik für Sünde zu erklären. In
+diesem Monat erhielt Mohammed den Koran vom Himmel, und zwar am 27. des
+Monats. Diese Nacht wird daher besonders gefeiert. Es giebt Einzelne, die
+sich derart kasteien, dass sie Tag und Nacht in der Djemma bleiben, sich
+Nachts nur etwas Brot und Wasser bringen lassen. Solche Heilige nennt man
+Elatkaf. Man kann sich denken, dass namentlich in der ersten Zeit des
+Ramadhan, wo der Magen sich noch nicht an eine solche Ordnung gewöhnt hat,
+diese ganze Lebensweise Einfluss auf das Gemüth des Menschen hat.
+Streitigkeiten, Processe, Prügeleien und Ehescheidungen sind immer am
+häufigsten in der ersten Hälfte des Ramadhan.
+
+Der Reiche entbehrt übrigens gar nichts, er führt nur eine umgekehrte
+Lebensweise; denn Nachts entschädigt er sich durch Essen und Trinken
+reichlich. Nachts sind überhaupt alle Genüsse erlaubt, indess pflegen
+manche Schnapstrinker während des Ramadhan sich geistiger Getränke zu
+enthalten; Opiumesser, Haschisch- und Tabacksraucher können, übrigens ohne
+dass man Anstoss daran nimmt, ihren Leidenschaften fröhnen. Nachts dürfen
+auch Hochzeiten im Ramadhan gefeiert werden, obschon auch dies selten
+vorkommt. Die Moscheen sind um die Zeit hell erleuchtet, die Buden und
+Gewölbe in den Strassen ebenfalls, die Kaffeehäuser stark besucht; überall
+hört man ausgelassenen Lärm, und besonders in der Nacht des 27. Ramadhan.
+
+Bricht einer aus Versehen den Ramadhan, d.h. er wäre z.B. ins Wasser
+gefallen und hätte dabei einen Schluck Wasser getrunken, so muss er
+nachfasten. Es brauchen den Ramadhan nicht zu halten schwangere Frauen,
+solche, die säugen, Kinder unter 13 Jahren, alte Leute, Kranke und
+Reisende. Ebenfalls ausgenommen sind die Wahnsinnigen. Kranke und Reisende
+sind verpflichtet, die Fasten nachzuholen, was aber in der Regel
+unterbleibt. Früher wurde der Anfang und das Ende der täglichen Fasten
+durch Hornsignale von den Thürmen der Djemma dem Volke mitgetheilt, heute
+geschieht dies in den meisten marokkanischen Städten wie im Orient durch
+einen Kanonenschuss.
+
+Im zweiten Capitel des Koran heisst es an verschiedenen Stellen, wo vom
+Almosen die Rede ist: "O, Ihr Gläubigen, gebet Almosen von den Gütern, die
+Ihr erwerbet, und von dem, was wir aus der Erde Schooss wachsen lassen;
+suchet aber nicht das Schlechteste zum Almosen aus, solches, was Ihr wohl
+selbst nicht annehmet, es sei denn, Ihr werdet getäuscht." Und etwas weiter
+hin: "Machet Ihr Eure Almosen bekannt, so ist's gut, doch wenn Ihr das, was
+Ihr den Armen gebet, verheimlicht, so ist es besser; dies wird Euch von
+allem Bösen befreien. Gott kennt, was Ihr thut! Was Ihr den Armen Gutes
+thut, wird Euch einst belohnt etc." Diese und sehr viele andere Stellen des
+Koran (fast in jedem Capitel ist die Rede davon) zeigen, wie grosses
+Gewicht Mohammed auf die Mildthätigkeit legte, und wenn der unparteiische
+Mensch auch Vieles in der Lehre Mohammed's findet, was gegen die allgemein
+von civilisirten Völkern angenommenen Sitten verstösst, so muss man ihm
+dies hingegen hoch anrechnen. Norm ist in Marokko, den zehnten Theil aller
+der Güter den Armen abzugeben, welche von Ländereien hervorgebracht, oder
+aus Waaren erlöst sind, die man über ein Jahr im Besitz hat. Viehheerden
+gehören ebenfalls hierher. Dieser Zehnte wird vom Sultan von Marokko
+eingefordert. Die Armen bekommen nichts davon, wenn nicht dahin zu rechnen
+ist, dass der Sultan den Schürfa (Scherifen) von Tafilet und Mekka jährlich
+Geschenke macht, aber diese Schürfa sind keineswegs hülfsbedürftig. Man
+nennt diese Almosen _el-aschor_. Eine andere Art Almosen wird
+_Sakat_ genannt und besteht darin, dass man am ersten Tage des Monats
+Schual am Feste des _aid el sserir_ vor Sonnenaufgang den Armen je
+nach seinen Kräften Gerste, Weizen, Datteln etc. zum Geschenk macht, damit
+auch sie das Fest würdig begehen können. Die gewöhnliche Art, Almosen zu
+geben, _Ssadakat_ genannt, besteht, wie bei uns, in täglichen Gaben,
+die man Hülfsbedürftigen und Bettlern giebt, welche den Vorübergehenden im
+Namen irgend eines Heiligen anrufen, oder auch selbst von Haus zu Haus
+gehen.
+
+Das letzte Erforderniss des Islam, _das Pilgern nach Mekka_, ist nicht
+unumgänglich nothwendig und wird in Marokko im Ganzen selten ausgeführt.
+Die Pilger bekommen nach vollführter Wallfahrt den Titel _el Hadj_,
+d.h. Pilger, und sind dann sehr geachtet. Man kann übrigens für Geld einen
+Andern für sich pilgern lassen; so lassen die Sultane von Marokko stets für
+sich einen andern Mann nach Mekka wallfahrten. Stirbt ein reicher Mann, ehe
+er Mekka gesehen, so miethen die Nachkommen bisweilen einen Mann, der
+nachträglich das Geschäft für Geld besorgen muss. Manchmal bemächtigt sich
+unter diesem Vorwande der Kaid oder Bascha eines grossen Theils der
+Hinterlassenschaft eines reichen Mannes, um von _Amtswegen_ das
+nachträgliche Pilgern besorgen zu lassen.
+
+Die grossen _Karawanen_, welche ehemals von Fes aus nach Mekka
+fortzogen, haben jetzt ganz aufgehört, nur in Tafilet sammelt sich noch ein
+Häuflein, um den weiten beschwerlichen Marsch durch die Sahara, wobei fast
+immer die Hälfte zu Grunde geht (ein solcher Tod auf der Pilgerschaft ist
+aber sehr verdienstvoll und verschafft directen Eintritt ins Paradies),
+zurückzulegen. Jetzt fahren die meisten Marokkaner mit Dampfschiffen nach
+Djedda, und allmälig gewöhnt man sich daran, eine solche Wallfahrt mit
+Dampf für eben so heilig und verdienstvoll zu halten, als eine zu Fuss
+zurückgelegte. Es würde hier zu weit führen, die endlosen Ceremonien einer
+solchen Wallfahrt zu beschreiben, uns genüge diese kurze
+Auseinandersetzung. Wir wollen noch weiter in Marokko selbst die
+Entwickelung der mohammedanischen Religion verfolgen.
+
+Was die _religiösen Festtage_, die Feiertage Marokko's, anbetrifft, so
+gelten im Allgemeinen dieselben Regeln, wie in den übrigen mohammedanischen
+Ländern. Indess ist nirgends Zwang, irgendwie an einem Feiertage die Arbeit
+einzustellen, oder Handel und Wandel zu beschränken. So sehen wir
+namentlich, dass Freitags, welcher Tag bei dem Mohammedaner dem Sabath der
+Juden, dem Sonntage der Christen entspricht, Niemand daran denkt, irgend
+wie seine Arbeit einzustellen, seinen Verkaufsladen zu schliessen, oder
+sonst seine tagtägliche Beschäftigung zu unterlassen. Nur während der Zeit
+des Chotbagebetes liegt Alles still in den Städten, weil jeder Städter aus
+_eigenem Antriebe_[41], dann auch weil das Gesetz es erheischt, diesem
+Gebete in der Djemma beiwohnt.
+
+ [Fußnote 41: Aus eigenem Antriebe, d.h. wer ohne Grund Freitags das
+ Chotbagebet zweimal hinter einander versäumt, muss der Djemma, zu
+ der er gehört, Strafe zahlen; dies gilt natürlich nur für Städter.]
+
+Die Feste religiöser Art, welche in Marokko gefeiert werden, sind im Monat
+Rebi-el-ual das Geburtsfest Mohammed's, _Mulud_ genannt, am 12. des
+genannten Monats. Dies Fest dauert sieben Tage, aber nur der erste Tag wird
+durch einen besondern Gottesdienst in der Djemma gefeiert. Gefastet wird
+nicht, aber viel Musik gemacht, Pulver verschwendet und Phantasia geritten.
+
+Das kleine Fest, _aid el sserir_, beendigt den Fastenmonat Ramadhan;
+es findet vom 1. bis zum 7. Schual statt. Bei diesem Feste werden, wie
+schon erwähnt, grosse Almosen gegeben, und man hält sodann ein grosses
+öffentliches Gebet im Freien. Zu dem Ende hat jede Stadt in Marokko
+ausserhalb des Weichbildes einen gemauerten, weiss angekalkten Gebetsplatz,
+_Emssala_ genannt. Eine 5 bis 6 Fuss hohe crenelirte Mauer, 20 Schritt
+lang, hat in der Mitte einen steinernen _Mimbr_, d. h. eine Treppe,
+die für den Fakih, der die Predigt hält, bestimmt ist. Darf man Ali Bey
+Glauben schenken, so wohnte er einem solchen Gottesdienste bei, wo zu
+gleicher Zeit 250,000 Menschen sich vor Gott zur Erde beugten; es war dies
+in Fes zur Zeit der Regierung des Sultans Sliman. Ich wohnte in Uesan einem
+solchen religiösen Feste zweimal bei; der Grossscherif, Sidi-el-Hadj
+Abd-es-Ssalam, war die Hauptperson dabei; im Ganzen mochten 20,000
+Menschen anwesend sein. _Nach der Predigt_ und nach dem Gebete war
+ein grosses _lab-el-barudh_, d. h. ein _Pferdewettrennen_ mit
+Flintenschüssen. Dies Fest findet am 1. Schual statt; die übrigen sechs
+Tage zeichnen sich nur dadurch aus, dass man aussergewöhnlich grosse
+Quantitäten Nahrung zu sich nimmt und dem süssen Nichtsthun huldigt.
+
+Am 10. Dulhaja ist das grosse Fest oder _aid el kebir_ zur Erinnerung
+des Opfers Abraham's; zugleich ist es jetzt für die, welche nicht nach
+Mekka pilgern, eine Mitfeier des dort stattfindenden grossen Festes.
+Dasselbe dauert drei Tage. Man verrichtet zuerst sein Gebet in der Moschee
+und geht sodann nach Hause, um ein Schaf zu opfern, d. h. zu schlachten und
+zu verspeisen. In nicht reichen Familien hält man für genügend, ein Schaf
+für Alle zu schlachten, in reichen Familien aber opfert jedes männliche
+Mitglied ein Thier. Der ganz arme Mann holt sich sein Viertel bei dem
+Reichen, kurz, an dem Tage ist Niemand ohne Fleischkost in Marokko. Höst
+meint, dass an jenem Tage in Fes 40,000, in Maraksch 20,000 Schafe
+geschlachtet werden, und nach der Zahl zu urtheilen, die in Uesan geopfert
+wurden (Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam z. B. liess von einem seiner Duar 500
+Schafe zum Opfern bloss für seinen Haushalt nach Uesan kommen), möchte ich
+glauben, dass jene Zahlen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen seien. An
+diesem Tage werden dem Sultan ebenfalls grosse Geschenke gemacht, von jeder
+Stadt und jeder Ortschaft. Die beiden folgenden Tage zeichnen sich
+ebenfalls durch Schmausereien aus, und Unverdaulichkeit, allgemeines
+Kranksein und Unfähigkeit, irgend etwas zu thun, sind immer Folge dieser
+Feier, namentlich für solche, die so wenig an animalische Kost gewöhnt
+sind, wie die Marokkaner.
+
+Ein halb religiöses, halb weltliches Fest ist das _aid el tholba_, das
+Fest der Schriftgelehrten. Es findet im Frühjahr zur Zeit der Tag- und
+Nachtgleiche statt; sämmtliche Tholba und Fakih ziehen zur Stadt hinaus und
+lagern während einer Woche unter Zelten. Obschon Koranlesen und Beten der
+ursprüngliche Zweck dabei sein soll, konnte ich davon in der heiligen Stadt
+Uesan, aber vielleicht gerade _weil_ Uesan eine heilige Stadt ist,
+nichts merken; im Gegentheil, bei Tage beschäftigten sich die Doctoren und
+Schriftgelehrten damit, Almosen zu empfangen in Gestalt von Geld, Thee,
+Zucker, Lebensmitteln aller Art und leckeren Gerichten, welche die
+andächtigen Frauen aus der Stadt heraussandten. Inzwischen wurde enorm
+gegessen, und wenn Abends profane Blicke der Bauern aus der Umgegend nicht
+zu befürchten waren, gab man sich fleissig dem Wein und Schnaps hin. War am
+andern Morgen ein Doctor oder Schriftgelehrter durch Trunkenheit oder
+Katzenjammer unfähig, sich irgend wie vernünftig mit Almosen bringenden
+Leuten aus dem Gebirge und der fernen Umgegend zu unterhalten, so _wuchs
+sein Ruf_, man glaubte, er habe sich durch Nachtwachen derart in einen
+überreizten und heiligen Zustand versetzt, dass er dem gewöhnlichen
+Erdenleben entrückt sei.
+
+Wir haben oben bemerkt, dass in Marokko nur rechtgläubige Mohammedaner
+malekitischen Bekenntnisses sind, denn die wenigen _Choms_ (eine nicht
+den vier orthodoxen Secten huldigende fünfte Partei) im Gebirge sind kaum
+erwähnenswerth. Aber in dieser malekitischen Sekte haben sich nun wieder
+zahlreiche _religiöse Genossenschaften_ gebildet, religiöse Innungen,
+so dass man fast sagen kann, ein jeder Marokkaner gehört einer solchen an.
+
+In gewisser Beziehung haben solche religiöse Verbindungen Aehnlichkeit mit
+den christlichen, besonders insofern, als ihnen speciell eine gewisse
+Verpflichtung obliegt, gewisse Privatgesetze gemein sind, Viele noch
+besondere additionelle Gebete verrichten, gewisse Fasten halten, mancher
+Speise insbesondere sich enthalten. Sie unterscheiden sich aber am
+deutlichsten von christlich-religiösen Genossenschaften dadurch, dass jedes
+Mitglied einer solchen Innung[42] verheirathet ist, weil Mohammed das
+Heirathen an und für sich als verdienstlich und gut hinstellt. Leute unter
+den Mohammedanern, die nicht verheirathet sind, werden daher unter allen
+Umständen verächtlich angesehen.
+
+ [Fußnote 42: Mir wurde in ganz Marokko nur von einer religiösen
+ Genossenschaft Kunde gegeben, deren Mitglieder _unverheiratet_ sein
+ mussten, diese nannten sich _Fokra el mulei Abd Allah el Scherif_ in
+ Uesan. Diese Brüderschaft war äusserst schwach, die Mitglieder waren
+ alle gelehrt und (dem Anscheine nach) sittenreine Leute. _Leo_, Bd.
+ I, S. 251, Ausgabe von Loosbach, spricht aber von den sogenannten
+ Romiti (Marabuten), welche ebenfalls nicht heirathen dürfen, aber
+ deren Lebenswandel nach seiner Beschreibung eben nicht sehr
+ erfreulich und tugendhaft gewesen sein soll.]
+
+Die verschiedenen religiösen Genossenschaften zu beschreiben werde ich
+andernorts Gelegenheit haben, hier genüge, dass die vornehmste religiöse
+Innung die der _Muley Thaib_ in Uesan ist, die ausgebreitetste im
+ganzen Nordwesten von Afrika. Es kommt sodann die Corporation der _Sidi
+Hammed ben Nasser_ mit dem Centralsitze von Tamagrut in der Draa-Oase;
+die der _Sidi Abd-es-Ssalam-ben-Mschisch_ mit der Hauptstadt Sauya, im
+Djebel Habib, südöstlich von Tanger; die von _Sidi Mussa_ in Karsas,
+und viele andere. Ohne religiöses Centrum, Sauya[43], sodann ist der Orden
+der _Aissauin_, d. h. der Jesuitenorden, zu erwähnen. Da wir gleich
+auf letztere etwas näher eingehen wollen, erwähne ich nur, dass alle
+übrigen religiösen Genossenschaften als alleinigen Zweck haben, _sich die
+Menschen zu unterwerfen und dieselben auszubeuten_. Indem sie vorgeben,
+dass wer ihrem Orden beitrete, d. h. die und die Ceremonie mitmache, dies
+oder jenes Gebet ausserdem verrichte, an die Fürbitte dieses oder jenes
+Heiligen besonders glaube, den oder jenen Festtag extra halte und, worauf
+es besonders ankommt, freiwillige oder bestimmte Gaben der Sauya oder dem
+Oberhaupte darbiete, suchen sie sich mehr oder minder der Herrschaft über
+die Geldbeutel und damit über die Leute selbst zu bemächtigen. Aeusserlich
+unterscheiden sich die Genossen einer religiösen Innung von denen einer
+andern nicht, höchstens findet man einen Unterschied im Rosenkranz. Die
+Mohammedaner haben mit den Katholiken gemein die Hantirung eines
+Rosenkranzes, der aus hundert Perlen besteht. Die Mohammedaner beten
+freilich nicht bei jeder der Hand entgleitenden Kugel ein Ave oder
+Paternoster, sondern rufen bloss Gott an (es ist vorhin gesagt, wie
+verdienstvoll es ist, den Namen Gottes auszusprechen), bei jeder Perle z.
+B. "Gott ist gross" oder "Gott ist allbarmherzig" etc. Als Unterschied von
+übrigen religiösen Orden haben die Brüder des Mulei Thaib einen grossen
+Messingring am Rosenkranz, die des Sidi Hussa in Karsas eine grosse Perle
+von Bernstein, und andere ähnliche Abzeichen.
+
+ [Fußnote 43: Das Wort _Sauya_ bedeutet Kloster, Pilgerort, Schule,
+ Asyl zusammengenommen. Da aber, wie schon gesagt, die Mitglieder
+ einer religiösen Genossenschaft fast immer verheirathet sind, so hat
+ eine Sauya ein ganz anderes Aussehen als ein Kloster. Wichtigkeit
+ haben Sauya besonders, wenn sie Centralstelle eines religiösen
+ Ordens sind, wenn sie todte oder lebendige Heilige haben, wenn sie
+ durch Tradition ein unverletzliches Asylrecht besitzen. Letzteres
+ wird aber dennoch manchmal durch die _Unfehlbarkeit_ irgend eines
+ Sultans, _dem ja keine Ueberlieferung heilig ist_, gebrochen.]
+
+Die vorhin erwähnten _Aissauin_ oder Brüder vom Orden Jesu (Aissa
+heisst Jesus) sind eine der merkwürdigsten Verbindungen. Sie haben kein
+bestimmtes _lebendes_ Oberhaupt, keine bestimmten Ordensregeln, keine
+Sauya, sie leben nur vom Aberglauben und dadurch, dass sie die
+Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen täuschen. Ihren Namen haben sie vom
+Propheten Jesus angenommen, den sie auch als geistiges, unsichtbares
+Oberhaupt anerkennen, und sie behaupten auch, ihre Wunderkraft von ihm
+ererbt zu haben. Sie fussen dabei auf die Worte Mohammed's im Koran, "dass
+ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu thun, nicht verliehen gewesen sei,
+dass aber Jesus sie gehabt habe." Die Aissauin sind sehr zahlreich, und
+nicht nur in Marokko zu finden, sondern in der ganzen mohammedanischen
+Welt.
+
+Manchmal sind die Kunststücke, welche ihre wunderthätige Heiligkeit darthun
+sollen, sehr einfacher Art, z. B. dass sie einen Scorpion in die Hand
+nehmen, Schlangen auf dem Körper herumkriechen lassen; manchmal aber erregt
+es Entsetzen, wenn man sieht, wie diese Leute Schlangen lebendig verzehren,
+zerhackte Nägel, gestossenes Glas, scharfkantige Steine und glühende Kohlen
+hinunterschlucken, wie sie unter Anrufung von "Gott und Jesus" ihren Körper
+wund schlagen, dass er blutrünstig wird (ähnlich wie die Flagellanten der
+Christen etc.), und ausserdem nicht nur gegen ihren _eigenen_ Körper
+Verbrechen begehen, sondern oft _öffentlich_ und _ungestraft_
+gegen die Sittlichkeit mit anderen Menschen und Thieren sich versündigen,
+dass dergleichen in anderen Ländern als Wahnsinn bezeichnet, oder wollte
+man es berichten, als erlogen betrachtet würde. Ich unterlasse es deshalb,
+Beispiele ihrer religiösen Tugend, die ich selbst gesehen, anzuführen,
+verweise dafür auf Leo Africanus I, S. 253 oder Lempriere's Reise durch
+Marokko und auf fast alle anderen Schriftsteller, welche über Marokko
+berichtet haben.
+
+Wie in der christlichen Kirche, so hat sich auch im Mohammedanismus ein
+_Heiligenstand_ entwickelt und namentlich in Marokko steht derselbe in
+Blüthe. Die mohammedanische Religion spricht aber nicht durch ein
+bestimmtes Organ, wie z. B. bei den Christen durch den Papst, heilig; ein
+solches hat die gesammte mohammedanische Religion überhaupt nicht, sondern
+in einzelnen mohammedanischen Ländern, wie Marokko, wo der Sultan Papst,
+der Papst Sultan ist, besorgt es das ganze Volk, welches nie Heilige genug
+haben kann. Die mohammedanische Religion hat nun den Vortheil, dass
+Menschen schon bei Lebzeiten heilig gehalten oder gesprochen werden, und da
+jeder Mohammedaner heirathet, _so ist die Erblichkeit in das Heiligsein
+gekommen_, d. h. die Nachkommen eines solchen Heiligen werden auch als
+heilig betrachtet. Ja, im Laufe der Jahrhunderte hat sich dies so
+eigenthümlich herausgestaltet, dass die Heiligkeit nicht nur erblich,
+sondern _wachsend_ geworden ist, derart, dass der Nachkomme eines
+Heiligen stets für heiliger gehalten wird, als er selbst. So sehen wir,
+dass z. B. in Uesan der directeste Sprössling Mohammed's jetzt für viel
+heiliger und unfehlbarer gehalten wird, als Mohammed selbst.
+
+Wenn meistens bei Christen und anderen der Glaube obwaltet, es sei um
+Mohammedaner zu werden, unumgänglich die Beschneidung nothwendig, so ist
+dies irrthümlich. Im Koran ist für den Moslim die Beschneidung nicht
+gesetzlich gemacht, und so giebt es denn, namentlich unter den
+Berberstämmen Marokko's, verschiedene, welche _nie die Beschneidung bei
+sich eingeführt haben_. Trotzdem zweifelt Niemand an dem Islam dieser
+Stämme. Ueberdies wird die Circumcision erst im siebenten oder achten
+Lebensjahr vorgenommen, und falls die Beschneidung _wesentlich_ zum
+Islam gehörte, wären sodann Kinder, die jenes Alter nicht hätten, keine
+Mohammedaner. Es werden nur Knaben in Marokko beschnitten.
+
+Ziehen wir schliesslich einen Vergleich, so finden wir, dass gleiche Lehren
+und gleicher Glaube auf das Volk dieselbe Wirkung haben. Die
+_Unfehlbarkeit eines Einzelnen_, die in Marokko schon seit der
+Regierung des Sultans Yussuf Ben Taschfin's besteht, hat die grenzenloseste
+Dummheit des Volkes, den kolossalsten Aberglauben, die grösste
+Scheinheiligkeit und den Ruin der Nation und des Landes zur Folge gehabt.
+So hat auch in der jüdischen, der ersten semitischen Religion, die
+Unfehlbarkeit der Bundeslade, des Hohenpriesters, Jerusalems, d. h. das
+starre, eiserne Festhalten eines überlebten Grundsatzes Scheinheiligkeit,
+Aberglauben, Heuchelei, Selbstüberschätzung und dann den Ruin des Volkes
+zur Folge gehabt. Und bei den Christen sehen wir, dass das feste Anklammern
+an abgelebte Ideen, das Wiederaufrichten vorweltlicher Lehren, der
+eingebildete Wahn, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, oder die
+allein unfehlbare Oberkirchenbehörde zu sein, schliesslich zur
+"Unfehlbarkeit" eines einzelnen Menschen selbst führte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+5. Krankheiten und deren Behandlung.
+
+ * * * * *
+
+Eine der ersten Ursachen, weshalb die Bevölkerung in Marokko so wenig
+zunehmend ist, vielmehr stationär bleibt, sind die vielen im Lande
+herrschenden Krankheiten, und die schlechte und unrationelle Behandlung
+derselben. Ein Land, dessen Bewohner eben nur "Jenseits-Candidaten" sind,
+falls es sich um Unglücksfälle handelt, die ihr gewöhnlicher durch die
+mohammedanische Religion erstickter Geist nicht ergründen kann, das Volk
+eines solches Land _muss_ zu Grunde gehen. Und in Marokko wird eine
+jede Krankheit als eine Heimsuchung "Allah's" bezeichnet, und die besten
+Mittel dagegen sind "Gebetsübungen" und "Amulette."
+
+Von den Lehren der grossen Doctoren, welche einst in Spanien und Marokko
+gelebt, ist heut zu Tage keine Spur mehr vorhanden. Man müsste ihre Werke
+herausholen aus den Bibliotheken Fes' oder Uesan's, um nur den Namen
+derselben zu erfahren.
+
+Kein marokkanischer Arzt, geschweige ein gewöhnlicher Marokkaner weiss,
+dass Abu-el-Kassem-Calif-ben-Abbes (Albucasis) ihr Landsmann ist, dass er
+der Erfinder der Lithotomie[44] war.
+
+ [Fußnote 44: Portal, Histoire de Panatomie et de la chirurgie.]
+
+Der im Dienste des marokkanischen Sultans (Yussuf [Yussuf] ben Taschfin
+gewesene Arzt Aven-Zoar (Abu-Meruan-ben-Abd-el-Malek-b-Sohr), der es wagte
+gegen die Vorurtheile seiner Zeit, Chirurgie und Medicin zu vereinigen,
+welcher zuerst die Idee der Bronchotomie hatte, ist in Marokko verschollen.
+Weder der ältere noch jüngere (Aven-Zoar's Sohn), der gleichfalls Arzt war,
+sind auch nur dem Namen nach bekannt. Verschollen ist der noch berühmtere
+Arzt und Philosoph Averoës (Abu-Uld-Mohammed-ben-Rosch), ein Schüler des
+älteren Aven-Zoar, welcher unter des Sultans Almansor Regierung nach
+Marokko berufen wurde und dort starb. Kein Grabstein, kein Andenken solch
+berühmter Männer ist im Lande zu finden, und wenn die Marokkaner kein
+Gedächtniss haben für so berühmte Männer, welche einst unter ihnen lebten,
+wie ist es da zu verwundern, dass auch von anderen minder berühmten jede
+Spur ausgelöscht ist.
+
+Die heutigen Aerzte von Marokko verdienen in jeder Beziehung die
+untergeordnete Stellung, die sie einnehmen. Nur dann stehen sie in Ansehen,
+wenn sie zu gleicher Zeit Tholba, d. h. Schriftgelehrte oder Faki, d. h.
+Doctoren der Theologie sind. Und noch höher ist ihr Einfluss und ihr Ruf
+verbreitet, wenn sie zugleich Schürfa, d. h. Abkömmlinge Mohammed's sind.
+In dieser Eigenschaft liegt zugleich, der Meinung des Marokkaners nach,
+ärztliche Natur. Und so sieht man denn auch häufig genug Leute zu einem
+Scherif kommen, um seine Hülfe gegen irgend eine Krankheit zu erflehen, sei
+es nun, dass diese in einem Gebete oder Segen, in einem Amulet, oder
+geschriebenen geheimnissvollen Zauberspruche, oder auch in wirklicher
+medicinischer Substanz besteht.
+
+Solche Leute, die sich nur mit Ausübung innerer Heilkunde beschäftigen,
+ohne Thaleb, Faki oder Scherif zu sein, giebt es daher sehr wenige in
+Marokko, eher schon stösst man auf Chirurgen von Profession, die es durch
+Uebung in irgend einem Zweige der Wundarzneikunde zu einem mehr oder
+weniger verdienten Rufe gebracht haben.
+
+Meinen grossen ärztlichen Ruf in Marokko verdankte ich denn auch nicht dem
+Umstände, dass ich Medicin studirt hatte, oder Militärarzt des Sultans,
+später sogar dessen Leibarzt war, sondern es hatte das seinen Grund darin,
+dass ich vorher Christ gewesen war. Nach dem Glauben der Mohammedaner ist
+Jesus der grösste Arzt gewesen, und sie meinen, er habe den Christen eine
+Menge wunderthätiger Heilmittel hinterlassen. So wurden denn oft zu mir die
+verzweifeltesten Fälle gebracht. "Der Sohn des Jesus (uld ben Aissa) wird
+uns schon helfen können," meinten sie. Ebenso giebt es nirgends eigentliche
+Apotheken oder Pharmacien. Der Arzt bereitet immer selbst seine Arzneien
+und giebt sie dann dem Kranken. Ist er unbekannt und die erkrankte
+Persönlichkeit eine einflussreiche, so muss er unabänderlich von der Arznei
+vorher kosten, oft sogar die Hälfte geniessen. So hatte ich die
+Unannehmlichkeit, mich eines Tages mit dem Bascha von Fes, Ben-Thaleb
+purgiren zu müssen. Derselbe hatte ein Abführungsmittel verlangt, ich
+brachte ihm eine Schale mit aufgelöstem Bittersalz, aber um sicher zu sein
+nicht vergiftet zu werden, musste ich die Hälfte vor seinen Augen
+austrinken; vorher davon unterrichtet, hatte ich die Dose stark genug
+gemacht, um für uns beide eine Wirkung zu erzielen, im entgegengesetzten
+Falle würde mein Ruf gelitten haben.
+
+Indem wir hier nur die am häufigsten in Marokko vorkommenden Krankheiten
+vorführen, beginnen wir mit der, welche am verbreitetsten ist, so
+verallgemeinert, dass heute fast keine Familie in Marokko nördlich vom
+Atlas existirt, welche von dieser Krankheit unberührt geblieben wäre:
+Syphilis.
+
+Unter Syphilis verstehen die Marokkaner vom Ulcus syphiliticum an alle jene
+Krankheiten, welche wir als Syphilis universalis, constitutionelle Syphilis
+und ihre Producte bezeichnen. Der Marokkaner nennt diese Krankheit "die
+grosse," Mrd-el-kebir, oder die "Frauenkrankheit," Mrd-el-nssauïn. Einzelne
+Formen, z.B. das Ulcus syphiliticum nennt er Grah, ohne aber diese, wie
+andere syphilitische Erscheinungen, z.B. Bubonen, Ulcerationen im Schlunde,
+Ausschläge herpetischer Art, für Syphilis zu halten; ebensowenig rechnet
+der Marokkaner zum Mrd-el-kebir die Krankheiten der Harnröhre und Scheide.
+Also unseren secundären und tertiären Erscheinungen entspricht das
+Mrd-el-kebir, um so mehr tritt dies heraus, als selbst nicht sichtbare,
+sondern nur fühlbare Erscheinungen, die nächtlichen Knochenschmerzen
+(satar) von dem Marokkaner zum Mrd-el-kebir gerechnet werden.
+
+Es giebt in der That fast kein Individuum in Marokko, das sein Leben ohne
+diese Krankheit zubrächte. Leo[45] schon meint, dass nicht der zehnte Theil
+der Einwohner der Berberei dieser Seuche entgehe. Leo behauptet ferner,
+diese Krankheit sei ehedem nicht in Afrika bekannt gewesen, selbst nicht
+dem Namen nach; er sagt: "sie fing dort zu der Zeit, als König Ferdinand
+(der Katholische) die Juden aus Spanien verjagt hatte, an; viele von
+denselben waren angesiechet, und das Gift steckte die wollüstigen Mauren,
+die mit Jüdinnen nach ihrer Ankunft in Afrika zu vertraut umgingen, auch
+an, und griff nach und nach so um sich, dass wohl keine Familie in der
+Berberei gefunden wird, die das Uebel nicht gehabt hätte, oder noch hätte.
+Sie halten es für unleugbar, dass es aus Spanien herkomme, und nennen es
+folglich auch die spanische Krankheit." Wie dem nun auch sein mag, ob diese
+Krankheit in Marokko erst nach der Judenvertreibung aus Spanien bekannt
+wurde, oder schon _vorher_ grassirte, heute ist sie unter dem Namen
+"spanische Krankheit" in Marokko _nicht_ bekannt. Aber Alle, die in
+Marokko gewesen sind, constatiren das _allgemeine_ Verkommen. So sagt
+Jackson in seinem Account p. 190: "they call it the _great disease_
+and it had now spread itself into so many varieties, that I am persuaded,
+there is scarcely a moor in Barbary who has not more or less of the virus
+in his blood."
+
+ [Fußnote 45: Leo Africanus, Uebersetzung von Lorsbach.]
+
+Es giebt wohl keine Form der syphilitischen Krankheit, welche in Marokko
+unbekannt wäre, und da sie keine gründlichen Heilverfahren dagegen in
+Anwendung bringen, so wird dies Uebel erblich durch ganze Triben
+fortgesetzt. Häufig genug hört man ein Individuum sagen, "mein Vater war
+ganz gesund, und ohne Ursache bin ich vom Mrd-el-kebir befallen," forscht
+man aber nach, so erfahrt man bald, dass mütterlicherseits oder von
+grosselterlicher Seite her die Krankheit existirte und bei den Eltern nur
+latent war oder so schwach auftrat, dass sie nicht beachtet wurde.
+
+Als Mittel gegen den Mrd-el-kebir wenden die Marokkaner mit bestem Erfolg
+die heissen Schwefelquellen von Ain-Sidi-Yussuf an. Da ich nicht selbst
+jenes bei Fes gelegene, wahrscheinlich das zu den Römerzeiten schon unter
+dem Namen Aquae Dacicae bekannte Bad besucht habe, so kann ich weder über
+die Temperatur noch über die Bestandtheile desselben berichten. Nach den
+Aussagen der Araber ist aber unzweifelhaft Schwefel Hauptbestandteil und
+ist das Wasser so heiss, dass darin Badende das Bassin, welches die
+eigentliche Quelle enthält, nicht betreten können, dort soll das Wasser
+fast siedend sein. Die Badebassins befinden sich in einiger Entfernung
+davon, nachdem das Wasser auf Umwegen eine Abkühlung erhalten hat. Die das
+Wasser Gebrauchenden baden in grossen gemeinschaftlichen Bassins, Frauen
+von den Männern getrennt.
+
+Eine Kur dauert mit täglichem Baden, wobei mau oft stundenlang im Bassin
+hockt, so lange bis man geheilt ist, oder die Unwirksamkeit glaubt erprobt
+zu haben. Jahrelanges Baden ist nichts Seltenes, und weniger als eine
+dreimonatelange Kur wird wohl nie versucht. Die Marokkaner trinken das nach
+faulen Eiern riechende Wasser nicht. Man kann sich denken, welche Vollheit
+immer in Ain-Sidi-Yussuf ist, indess campiren alle Leute, für
+Badeeinrichtung ist nämlich gar nicht gesorgt und auf einem wöchentlich
+Einmal abgehaltenen Markte ebendaselbst, werden die Lebensmittel und
+Vorräthe eingekauft. Eine besondere Diät wird bei der Kur nicht beobachtet,
+was bei der einfachen marokkanischen Kost auch nicht nothwendig ist.
+
+Vom Gebrauche dieser Bäder habe ich die überraschendsten Erfolge gesehen,
+manchmal nach kurzem (d.h. nach 5-6monatlichem, täglichem, meist
+zweimaligem Baden, wobei die Leute behaupteten, jedesmal zwei Stunden im
+Bade zugebracht zu haben), manchmal nach längerem Gebrauche. Indess ist
+dies Bad wie alle Schwefelbäder kein specifisches Mittel und nicht nur
+kamen oft genug Rückfalle, Wiederausbruch der Syphilis vor, sondern sehr
+oft zeigt sich das Bad vollkommen wirkungslos. Der Marokkaner sagt
+natürlich nie, dass das Wasser des Bades die Heilung bewirkt: Sidi Yussuf
+oder dessen Segen bewirken die Genesung.
+
+Mercur wird äusserst selten gebraucht, und fast nur in den Städten. Man
+kennt dort, wo europäische Apotheken sind, die einfache Mercurialsalbe und
+macht örtliche Einreibungen. Auch Juden in den Städten des _inneren_
+Landes präpariren und verkaufen Ung. mercuriale cinerum. Am häufigsten wird
+das Quecksilber angewandt, indem man es in seiner wahren Gestalt in eine
+stark erhitzte Pfanne schüttet und dann die Quecksilberdämpfe einathmet.
+Aber wenn auch manchmal sowohl von den örtlichen Einreibungen, wie von den
+Inhalationen Besserung erfolgt, so unterliegen dann aber die Meisten den
+Folgen der Mercurialvergiftung. Jod und seine Verbindungen sind gänzlich
+unbekannt. Am gebräuchlichsten ist noch die Sarsaparilla, nicht nur das
+Decoct der Wurzel, sondern auch diese selbst im pulverisirten Zustande wird
+genossen. Aber nur Wenige in Marokko sind im Stande, eine durchgreifende
+Kur mit diesem für dortige Verhältnisse recht kostspieligen Medicament,
+welches die Portugiesen importiren, machen zu können. Man hält sodann
+ausserordentlich viel auf Ortsveränderung, Diät und Schwitzen, d.h.
+Ortsveränderung wird nur insofern gepriesen, als die Leute dabei in
+heissere Gegenden gehen, meist südlich vom Atlas. Die dann erfolgende
+grössere Transpiration soll manchmal Heilung bewirken. Entziehung der
+Nahrung bringt indess nach den Aussagen der Marokkaner nur Stillstand der
+Krankheit herbei. Jackson erzählt, dass zur Zeit, als er in Agadir war, der
+dortige Bascha, Namens Hayane, seine schwarzen Soldaten dadurch von der
+Krankheit heilte, dass er sie schwere Lasten bergauf tragen liess, welches
+eine mächtige Schweissbildung hervorbrachte. Innerlich giebt man an einigen
+Orten auch eine Abkochung der Rinde von Coloquinthen (Cucumis colocynthis).
+Dieses drastische Purgirmittel soll das Gift des Mrd-el-kebir aus dem
+Körper entfernen, aber nie habe ich gehört, dass es irgend gewirkt hätte.
+
+Ebenfalls giebt man diese Decoction gegen blennorrhoïsche Affectionen, in
+der Regel aber werden diese durch eine Abkochung von Melonenkernen
+behandelt, welches unschuldige Mittel innerlich gegeben wird. Injectionen
+bei dieser Krankheit werden nie angewandt. Es braucht kaum gesagt zu
+werden, dass nebenher Amulette und Zaubersprüche hier wie bei _allen_
+Krankheiten in Anwendung sind. Kleine Zettelchen mit Koran- oder anderen
+Sprüchen werden in die Kleidungsstücke oder in kleine lederne Säckchen
+genäht und diese umgehangen, oder ein solches beschriebenes Papierchen wird
+in einer Tasse mit Wasser abgewaschen und dies dem Patienten zu trinken
+gegeben, oder endlich das Amulet selbst wird als Medicin hinabgeschluckt;
+man denke sich, welche Wirkung es haben muss, wenn der Kranke einen
+Koran-Spruch gegessen hat.
+
+Fälle von constitutioneller Syphilis, die ich selbst behandelte mittelst
+Jodkali und Mercur, hatten die überraschendsten Erfolge. Aeusserlich wandte
+ich die Inunctions-Kur, innerlich Jodkali an, mit 0,5 anfangend, bis zu 3
+oder 4 Gr. auf einmal täglich, in Wasser gelöst, gegeben. Aus Mangel an
+Medicamenten musste ich indess auch bald zu den Amuletten greifen.
+
+Intermittirende Fieber[46] kommen in den Niederungen längs der Flüsse, in
+den sumpfigen Ebenen beständig und zu jeder Jahreszeit vor. Der Marokkaner
+wird ebenso gut davon befallen wie der Europäer, und das krankhafte
+Aussehen von Kindern und Frauen der Rharb-Provinzen deuten genug an, dass
+diese hauptsächlich dieser Krankheit unterliegen. Der Grund liegt darin,
+dass der Mann durch häufigen Ortswechsel seine Gesundheit leichter wieder
+herstellen kann. Meist ist das Fieber das gewöhnliche, alle 48 Stunden
+auftretende, sehr häufig beobachtet man auch Febr. quartanae, und die damit
+Behafteten werden ihr Fieber fast nie wieder los. Man kennt in Marokko den
+Segen des Chinin nicht, das erste Mittel, zu dem man greift (ausser den
+Amuletten und Zaubersprüchen), ist eine starke Purganz, die aber natürlich
+keine Heilung bewirkt. In den marokkanischen Städten, namentlich in den
+Hafenstädten, hat man in letzterer Zeit angefangen trotz des hohen Preises
+Chinin zu kaufen.
+
+ [Fußnote 46: Fieber: el Homma.]
+
+Weit verbreitet sind Leberleiden und Gelbsucht[47], gegen welche man das
+Kraut des Kümmel (Cuminum cyminum L.) anwendet, arabisch Schemssuria
+genannt; als gerühmtes Mittel wird dagegen auch Schih (Art. odorif.)
+genommen. Häufige Magenbeschwerden, Folgen grosser Unmässigkeiten, die
+namentlich nach den Festlichkeiten beobachtet werden, und alle die
+Krankheiten, wie Rheumatismus, Gicht, Kopfschmerz[48], halbseitiger
+Kopfschmerz, der oft beobachtet wird, alle Arten von Entzündungen, versucht
+man durch äusserliches Bestreichen mit heissem Eisen zu heilen. Gegen
+Durchfall, Ruhr, Dysenterie wendet man Gummi arabicum, in Substanz
+gegessen, dann eine Pflanze "Kebbar" (Capparis spinosa) an, deren Holz
+gestampft und abgekocht wird, endlich auch rohes Opium.
+
+ [Fußnote 47: Gelbsucht, Bu-Sfor, d.h. wörtlich: Vater des Gelben.]
+
+ [Fußnote 48: Alle diese Krankheiten, welche bei uns mit Schmerz
+ endigen (arabisch udja), drückt der Marokkaner ebenso aus, z.B.
+ Kopfschmerz udja el ras u.s.w.]
+
+Es ist unglaublich, wie besondere Freunde die Marokkaner von der Feuerkur,
+überhaupt von allen recht schmerzhaften Heilverfahren sind. In Fes giebt es
+daher auch eigene Special-Feuerärzte. Man sieht sie auf der Hauptstrasse,
+welche Neu-Fes mit Alt-Fes verbindet, auf dem Boden hocken. Vor sich haben
+sie einen kleinen eisernen Topf mit einem Rost darin, worauf sich ein gut
+unterhaltenes Kohlenfeuer befindet. Nebenan steht ein Körbchen mit
+Holzkohlen, daneben liegt auch ein Ziegenschlauch, der zum Anblasen dient.
+Ein Kranker erscheint, er hat Nachts ohne Zelt zubringen müssen, es hat
+geregnet, und Folge davon war, dass er sich einen Hexenschuss geholt. Er
+präsentirt sich beim berühmten Feuerdoctor Si-Edris, um so berühmter, da er
+lesen kann, Thaleb ist: ein dicker neben ihm liegender Foliant, einziges
+Buch, das er besitzt, bezeugt es. Trotzdem Doctor Si-Edris nur das eine
+Buch besitzt, hat er es, obschon er sechzig Jahre alt ist, noch nicht ganz
+durchgelesen. Ist es so schwer zu verstehen? Keineswegs! Aber das hat seine
+Gründe, erstens hat Doctor Edris es im Lesen keineswegs zu einer grossen
+Fertigkeit gebracht, er verfährt dabei so rasch wie bei uns ein sechs- oder
+siebenjähriges Kind, sodann ist der Inhalt des Buches, wenn auch für den
+Mohammedaner sehr gewichtig und zu wissen nothwendig, doch äusserst
+langweilig. Das Buch enthält nämlich von hinten bis vorn nichts Anderes als
+die Phrase: "Lah illaha il Allah Mohammed resul ul Lah", oder: "es giebt
+mir einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter"[49].
+
+ [Fußnote 49: Als die Spanier die Stadt Tetuan einnahmen, fiel ihnen
+ ein Buch in die Hand, welches von Anfang bis Ende nur die Worte
+ "Gottlob", "Hamd-al-Lahi" enthielt.]
+
+Mittlerweile hat unser Specialarzt mehrere Eisenstäbe, zwei Fuss lang und
+mit sonderbaren Knöpfen, Haken und anderen Formen am heisszumachenden Ende
+versehen, in das vor ihm stehende Feuer geschoben. Mit dem Schlauche facht
+er die Gluth besser an, endlich ist das Eisen weiss. Der Kranke hat sich
+unterdessen auf den Bauch gelegt, seine Kleidungsstücke in die Höhe
+schiebend, und die Vorbeigehenden, welche sehen, dass einer "das Feuer
+bekommen" soll, bilden einen dichten Haufen. Der wichtige Augenblick ist
+da, der Doctor ergreift ein Eisen und mit dem Ausrufe "Bi ism Allah" macht
+er bedächtig mit demselben auf dem Rücken und der Kreuzgegend einige
+Striche, es zischt und ein unangenehmer Geruch von verbrannter Haut zieht
+den Umstehenden in die Nase. Der Patient zeigt bei dieser Operation, welche
+Si-Edris mit wundervoller Langsamkeit vornimmt, weil er glaubt zu grosse
+Eile schade seinem Ansehen, die grösste Ausdauer und Standhaftigkeit, er
+beisst die Zähne zusammen und allein die stark ausbrechenden
+Schweisstropfen verrathen seinen Schmerz.
+
+Wie vernichtet bleibt er nach beendeter Operation eine Zeit lang auf dem
+Boden liegen, aber keine Klage berührt das Ohr der Umstehenden, die den
+Rosenkranz durch die Finger laufen lassen und mit den Lippen Gott und
+Mohammed preisen. Aber was geschieht? Der Patient, der wohlhabend sein
+muss, dreht seinen Kopf: "Si-Edris, Si-Edris," ruft er.--"Malk, was willst
+du?" ist die kurze Antwort des berühmten Arztes.--"Masal-en-nar, noch ein
+Feuer!--" "Mlech attini haki, gut, gieb mir mein Honorar",[50] erwiedert
+der Doctor. Unter Seufzen und Aechzen holt der Kranke aus irgend einer
+Falte eines Kleides eine Mosona (ungefähr einen viertel Groschen), reicht
+sie dem Doctor und die Feuerkur beginnt aufs Neue. Si-Edris lässt sich wie
+alle marokkanischen Aerzte immer im Voraus sein Honorar zahlen; sein
+grosser Ruf hat ihn übrigens übermüthig gemacht, er lässt nicht mit sich
+dingen. Während alle anderen Aerzte und auch die Feuerdoctoren, immer mit
+sich handeln lassen, thut dies Si-Edris nicht, von dem festen Preise: für
+ein einmaliges Feuer eine Mosona zu nehmen, ist er seit Jahren nicht
+herabgekommen.
+
+ [Fußnote 50: Wörtlich: gieb mir mein Recht.]
+
+Der grosse Ruf, dessen sich als Heilmittel in Marokko das Feuer erfreut,
+liegt eben darin, dass in vielen Fällen recht gute Erfolge erzielt werden.
+
+Aber welche Revolution brachte ich unter Fes' Aerzte, als sich auf ein Mal
+das Gerücht verbreitete, ich habe "en-nar-bird" _kaltes Feuer_ und der
+Segen des kalten Feuers sei bedeutend grösser. Ich fürchtete, da, alle
+Patienten zu mir kamen, um sich mit _kaltem Feuer_[51] brennen zu
+lassen, dass meine Collegen irgend etwas gegen mich unternehmen würden, und
+obschon ich noch Vorrath von _Höllenstein_ hatte, gab ich vor, das
+kalte Feuer sei zu Ende, und schickte von da an alle Kranke, die sich
+brennen lassen wollten, zu meinen würdigen Collegen.
+
+ [Fußnote 51: Lapis infernalis.]
+
+Ebenso erzielte ich später mit spanischem Fliegenpflaster wenn nicht
+Erfolge, so doch das grösste Renommé. Der Marokkaner liebt es sich selbst
+zu quälen mit starken Mitteln, und wenn ein Zugpflaster nach
+vierundzwanzigstündigem Liegen auf dem Rücken, auf dem Bauche oder auf dem
+Kopfe (der Marokkaner trägt den Kopf ganz glatt rasirt) eine mächtige mit
+Wasser gefüllte Blase bildete, war er zufrieden, einerlei ob er geheilt war
+oder nicht. Merkwürdig genug, obschon überall in Marokko die spanische
+Fliege[52] käuflich zu haben ist, so kennt der Marokkaner die _guten_
+medicinischen Eigenschaften derselben nicht. Sie dient nur dazu Begierden
+anzustacheln, indem Cantharidenpulver mit anderen Gewürzen und Haschisch
+durch Honig oder Zucker zu einer Paste verbunden wird, Madjun genannt,
+welche sie angeblich gegen Impotenz einnehmen oder auch um die Potenz zu
+erhöhen. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, welch' entsetzliche Folgen oft
+aus dem Genuss dieses Madjun entspringen.
+
+ [Fußnote 52: In den sumpfigen Niederungen von L'Areisch kommt die
+ spanische Fliege häufig vor.]
+
+Lungenkrankheiten, namentlich Tuberculose sind in Marokko fast ganz
+unbekannt, leichtere Affectionen dieser Art werden nur durch Amulette
+geheilt, d.h. man lässt die Natur walten.
+
+Ein allgemeines Uebel ist noch Wassersucht in ihren verschiedenen
+Vorkommnissen. Die Ursache dazu liegt wohl zum Theil in der mangelhaften
+Kleidung, wo bei plötzlich eintretender Kälte oder schnell wechselnder
+Witterung, die Hautausdünstungen nicht mehr regelrecht vor sich gehen
+können und Unterdrückung des Schweisses stattfindet. Zum Theil ist, und
+dies gilt namentlich von den Städtern, durch die vielen heissen Bäder die
+Haut äusserst empfindlich geworden. Syphilitische Einflüsse mögen zur
+Häufigkeit der Hydropsie auch noch mit beitragen. Viele Eingeborene
+schreiben auch einer bestimmten Oertlichkeit und deren Trinkwasser die
+Ursache zu; so steht das Trinkwasser von Tanger im Rufe, Wassersucht zu
+erzeugen, ob mit Recht, lasse ich dahin gestellt sein. Vernünftig genug
+wendet man in diesem Falle Purgantien an, ohne indess allein mit diesen
+eine Heilung herbeiführen zu können. Diuretica sind nicht gebräuchlich.
+Ebensowenig ist die Paracentese bekannt.
+
+Eine Abzapfung, die ich in Tafilet bei einer alten Frau mit einer
+gewöhnlichen Schusterahle und eigends dazu angefertigten Cannule aus Blech
+machte, hatte den besten Erfolg: mehrere Moschee-Eimer Flüssigkeit würden
+abgezapft, und ich galt als der erste Arzt der Welt. Als ich ein Jahr
+später den Ort wieder besuchte, hatte indess eine neue Wasseransammlung die
+Frau getödtet. Da die Einwohner aber nur Gedächtniss für den
+augenblicklichen, für sie überraschenden Erfolg bewahrt zu haben schienen,
+so war ich dort nach wie vor als ein wahrer Wunderdoctor von Kranken aller
+Art überlaufen, so dass ich wirklich froh war, als ich dem Orte für immer
+Lebewohl sagen konnte.
+
+Die levantische Pest, die in früherer Zeit oft genug in Marokko auftrat,
+wahrscheinlich eingeschleppt durch die Mekka-Pilger, und welche der
+Marokkaner mit dem bezeichnenden Worte "er ist befallen", oder "davon
+betroffen" "medrub" ausdrückt, scheint jetzt seit Langem nicht mehr
+beobachtet worden zu sein. Die letzte bedeutende durchs ganze Land
+verbreitete Pest war im Jahre 1799, im April dieses Jahres starben daran
+zuerst Leute in Fes und die Krankheit soll derart gewüthet haben, dass
+allein in dieser Stadt 65000(?) Menschen, wenn man Jackson trauen darf,
+gestorben sind. Wenn aber eine solche Seuche auftritt, erniedrigt sich der
+dünkelhafte Mohammedaner soweit, dass er demüthig den "Rabiner" bittet, in
+den Medressen der Juden öffentliche Gebete zum Aufhören der Krankheit
+abzuhalten, und gemeinsam durchziehen Mohammedaner und Juden die Strassen,
+um Gott und die Heiligen um Schonung zu bitten. Der Jude muss hinterher
+allerdings büssen, der glaubensstolze Mohammedaner erinnert sich, dass er
+sich so weit erniedrigte, mit Juden gemeinschaftliche Sache gemacht zu
+haben, und wehe dem Juden, der sich dann unter Mohammedaner wagt. Mittel
+sind keine in Gebrauch, man kennt nur das resignirte Sichdreingeben.
+
+Merkwürdigerweise kommt Typhus nur selten und an bestimmte Oertlichkeiten
+gebunden, Hundswuth aber nie vor. Typhus, Ruhr, Dysenterien, die der
+Marokkaner kaum von einander unterscheidet, werden stets mit Olivenöl,
+innerlich getrunken, behandelt. Fehlt das Oel, so wird es durch ungesalzene
+flüssige Butter ersetzt. Man zwingt den Kranken, Oel hinabzutrinken bis zu
+zwei Flaschen des Tags. Wirklich habe ich nach diesem Mittel manchmal
+Heilung eintreten sehen; wage aber nicht zu sagen, ob es die Natur oder das
+Oel waren, welche Heilung bewerkstelligt hatten.
+
+Dass die Hundswuth bei den Hunden in Marokko noch nie beobachtet worden,
+ist wieder eine Bestätigung, dass rohes Fleisch fressende Hunde nicht
+spontan von dieser Krankheit befallen werden.
+
+In neuerer Zeit ist mehrfach Cholera in Marokko beobachtet worden, so noch
+im Jahre 1860, wo sie in verschiedenen Städten des Innern zahlreiche Opfer
+forderte. Der Marokkaner hat keinen Namen für diese Krankheit und man sagte
+mir, es sei eine Art vom medrub (Pest). Man begnügt sich damit, sobald man
+von der Krankheit befallen ist, zu sagen: "Gott ist der Grösste" oder "es
+stand geschrieben".
+
+Gemüths- und Geisteskrankheiten kommen in Marokko selten vor: im ganzen
+Lande ist nur ein Gebäude, um Tobsüchtige aufzunehmen. Leichte Fälle von
+Gemüthskranken lässt man frei umherlaufen, sie werden als Heilige verehrt.
+Und die Tobsüchtigen, d.h. solche, welche ihre Mitmenschen schädigen,
+werden, sind sie in oder in der Nähe der Hauptstadt in ein eigenes Gebäude
+in Fes eingesperrt, von einer medicinischen Behandlung ist aber nicht die
+Rede; das Haus ist weiter nichts als ein Gefängniss für jene Unglücklichen.
+
+Die durchnarbten Gesichter der Marokkaner allein geben hinlänglich
+Zeugniss, wie mächtig in diesem Lande zu Zeiten die Blattern (Djidri
+genannt) herrschen. Für diese hat man nur Amulette in Gebrauch.
+
+Prophylaktisch übrigens kennen die Marokkaner die Kuhpockenimpfung, welche
+Heilart, wie die Marokkaner behaupten, ihre arabischen Vorfahren schon von
+ihrer Heimathsinsel mit hergebracht haben. Die Vaccination wird leider in
+Marokko gar nicht regelmässig vorgenommen, der Mohammedaner ist viel zu
+sehr Fatalist, als dass er, ohne dazu gezwungen zu sein, aus freiem
+Antriebe zu einem solchen Schutzmittel greifen sollte. In den arabischen
+Triben, wo man vaccinirt, wird folgendes Verfahren angewandt: Mit einer
+geschärften Kante eines Feuersteins werden die Zwischenräume der Finger an
+deren Wurzeln geritzt, gewöhnlich nimmt man nur die rechte Hand, weil die
+linke an und für sich als unrein gilt. Die Lymphe wird direct von der Kuh
+genommen, und man hat Acht, dieselbe wohl einzureiben. Uebertragen der
+Lymphe von dem Menschen auf den Menschen kennt man nicht.
+
+Wie in früheren Jahren die Pest öfter in Marokko und zwar bedeutend
+allgemeiner auftrat, so auch der Aussatz. Lepra orientalis, bekannt in
+Marokko unter dem Namen Djidam, kommt in den nördlichen Theilen von Marokko
+fast gar nicht vor. Allerdings begegnet man in Fes, Mikenes und anderen
+nördlichen Städten Leuten mit Elephantiasis; ob aber diese Krankheit immer
+Folge des Aussatzes ist, wage ich nicht zu behaupten. Die mit Elephantiasis
+Behafteten leben überdies nicht abgesondert von der übrigen Menschheit,
+sondern verheirathen sich mit Gesunden. Meistens aber wird dann beobachtet,
+dass von den Kindern einer solchen Ehe, eines oder das andere angeborene
+Elephantiasis besitzt.
+
+Die Leprösen dürfen aber nur unter sich heirathen, sie dürfen keine Stadt
+bewohnen, sondern müssen sich immer im Freien aufhalten.[53] Da Niemand
+etwas von ihnen kaufen würde, treiben sie kein Handwerk oder Gewerbe, sie
+leben von den Almosen ihrer Mitmenschen. Man findet sie einzeln oder in
+Familien am Wege, schon von Weitem rufen sie dem Vorbeikommenden "Medjdum",
+d.h. ein mit Aussatz Behafteter, zu, stellen ein Tellerchen an den Weg und
+das Almosen in Geld oder in Lebensmitteln wird hinein geworfen. Einzelne
+grössere aussätzige Familien besitzen sogar Heerden und ackern.
+
+ [Fußnote 53: Bei der Stadt Marokko ist ein eigenes Dorf für
+ Aussätzige und die Insassen dieses Dorfes heirathen freilich nur
+ unter sich, im Verkehr haben sie übrigens die grösste Freiheit mit
+ den übrigen Bewohnern.]
+
+Was das Aeussere dieser ausgestossenen Menschen anbetrifft, so zeigen sie
+manchmal über den ganzen Körper die widerlichsten weissen Flecke, anderen
+fehlen einige Partien, die Nase, die Ohren, Augen, noch andere zeigen
+Jauchen absondernde Wunden, von wulstiger und verdickter Haut umgeben,
+Krusten und hart anzufühlende Beulen bedecken oft den ganzen Körper. Oft
+aber ist bei einem Aussätzigen von alle dem nichts zu sehen, man bemerkt
+keine einzige der angegebenen Erscheinungen, er hat äusserlich vollkommen
+das Aussehen eines gesunden Menschen.
+
+Nach der Meinung der Marokkaner verursacht der Genuss des Arganöls (Oel vom
+Baume des Elaeodendron Argan, der auf den westlichen Abhängen des grossen
+Atlas wächst) diese Krankheit oder begünstigt dieselbe. Ob dies der Fall
+ist, wage ich nicht zu bestätigen. Die in Mogador und Asfi lebenden
+Europäer haben nichts von einer solchen Wirkung dieses Oels gemerkt; und
+was dagegen spricht, ist das, dass in der Provinz Abda und Schiadma, wo
+doch hauptsächlich der Arganbaum wächst, gar keine Lepröse anzutreffen
+sind, während andererseits in Haha, wo ebenfalls der Argan vorkommt, die
+meisten Aussätzigen anzutreffen sind. Auffallend ist, dass die Kranken als
+Linderung ihrer Schmerzen innerlich einen Absud der Arganblätter nehmen,
+und auch äusserlich auf offene Wunden zerstampfte Arganblätter legen. Ein
+Teig aus Henne-Blättern[54] mit Erde gemischt wird ebenfalls zu Verband bei
+den offenen Geschwüren gebraucht.
+
+ [Fußnote 54: Lawsonia inermis, L.]
+
+Krätze kommt überall vor, aber weniger, als man bei dem entsetzlichen
+Schmutze, an dem diese Völker Gefallen finden, denken sollte. Aus Krätze
+wird nicht viel Wesen gemacht, und Heilung wird erzielt durch kräftige
+Einreibung von brauner Schmierseife und Sand; Schmierseife wird überall in
+Marokko fabricirt, zu halben Theilen von beiden eingerieben, habe ich
+selbst Heilung bei verschiedenen Fällen erfolgen sehen.
+
+Eine ungleich widerlichere Krankheit und äusserst verbreitet ist der
+Kopfgrind. Meistens sind die Knaben damit behaftet, im Alter von zwanzig
+Jahren verliert er sich von selbst. Ob die Tinea in Marokko Folge des
+Rasirens ist (jeder männliche Marokkaner trägt den Kopf von frühester
+Jugend an, rasirt), ist wohl anzunehmen. Der Reiz, der dadurch entsteht bei
+ganz jungen Kindern, monatlich und noch öfter mit halbscharfem Messer die
+Haare dicht über der Wurzel zu entfernen, oft abzureissen, kann wohl
+Veranlassung zu einer solchen Krankheit geben. Bei den Mädchen beobachtet
+man Grind sehr selten. Man braucht gegen diese Krankheit gar nichts, und
+sie ist so allgemein, dass Niemand in der Gesellschaft eines Grindigen
+Abscheu oder Ekel empfindet. Nach dem zwanzigsten Jahre sind die Meisten
+der Mühe, ihren Kopf zu rasiren, überhoben, da die Krankheit im Kindesalter
+sie ihrer sämmtlichen Haare beraubt hat.
+
+Von Parasiten kommen nur Kopf- und Kleiderläuse vor, beide haften an jeder
+Frau, während die männliche Bevölkerung nur den Pediculus vestimenti[55]
+cultivirt, da sie in der Regel kein Kopfhaar hat, diejenige männliche
+Jugend indess, welche einen Zopf trägt, hat auch Kopfläuse. Der Pedic.
+pubis ist nirgends anzutreffen, weil sich Alle, sowohl die männliche als
+die weibliche Bevölkerung, diejenigen Partien des Körpers, wo derselbe
+vorzukommen pflegt, rasirt erhalten.
+
+ [Fußnote 55: Von dem Pedic. vestimenti existiren in Marokko mehrere
+ Arten.]
+
+Wurmkrankheiten sind selbstverständlich auch im Lande. Obschon die
+Lebensweise und Nahrung sehr förderlich für diese Entozoen sein muss, hört
+man doch selten darüber klagen. Spul- und Madenwürmer, eine häufige
+Erscheinung, werden behandelt durch eine Abkochung von Sater (Thymian[56])
+und Kelil (Rosmarin[57]), denen noch andere starkduftende Kräuter zugesetzt
+werden. Aber auch durch eine Decoction der Wurzel der Rtemwurzel (Genista
+Saharae). Genannte beide bilden indess Hauptbestandteile. Taenia Solium,
+der auch vorkommt, wird (nach den Aussagen der marokkanischen Collegen)
+erfolgreich derart behandelt, dass man zuerst eine Portion Haschisch
+(Cannabis ind.) geniesst und später, wenn der Wurm berauscht ist, ihn durch
+irgend ein Purgirmittel abtreibt. Als Dose wurde angegeben ein Esslöffel
+voll pulverisirten und gedorrten Haschichkrautes [Haschischkrautes] [58],
+und als Abführungsmittel haben sie eine Zusammensetzung aus Sennesblättern
+(wächst wild im südlichen Marokko), Schwefel und Aloës, welches innerlich
+gegeben wird. Der Guineawurm kommt äusserst selten vor, und dann nur von
+Schwarzen aus dem Süden eingeschleppt. Die Behandlung desselben, sowie sie
+von den Schwarzen in Centralafrika practicirt wird, ist in Marokko nicht
+bekannt.
+
+ [Fußnote 56: Thymus hyrtus, Willd.]
+
+ [Fußnote 57: Rosmarinus offic.]
+
+ [Fußnote 58: Allerdings eine starke Dosis.]
+
+Nicht nur der ungeheure Schmutz, in dem sich alle nordafrikanischen Völker
+gefallen, sondern auch Oertlichkeiten und Klima haben Augenkrankheiten von
+je her in Marokko begünstigt. Und je mehr man nach dem Süden kommt, desto
+häufiger werden dieselben, bis man in den Oasen der grossen Sahara die
+Bevölkerung derart von Augenleiden aller Art afficirt findet, dass ein
+Individuum mit beiden gesunden Augen schon zu _Ausnahmen_ gehört. Wie
+der Staub auch sein mag, ob ihn der Gebli oder Samum aufwirbelt, ob er im
+Norden mehr mit animalischen oder vegetabilischen Atomen, im Süden des
+Atlas mit anorganischen, mikroskopisch kleinen Theilen geschwängert ist,
+immer wirkt er gleich schädlich auf die Augen.
+
+Es hat dies zur Folge, dass Hornhautkrankheiten alltägliche Erscheinungen
+sind. Chronische Hornhautentzündung nennt der Marokkaner Bu Tillis, d.h.
+den Vater des Schleiers. Manchmal heilen sie derartige Fälle im Entstehen
+dadurch, dass sie Feuer im Nacken, an den Schläfen, hinter den Ohren
+örtlich anwenden. Meist aber enden alle Augenkrankheiten mit Erblinden.
+Citronensaft und Wasser gemischt und in die Augen getröpfelt, wird häufig
+genug angewandt. Auch Antimon (Kohöl) ist in vielen Gegenden Gebrauch; es
+wird dies im Atlas gefundene Metall, dessen sich alle Frauen nicht nur
+Marokko's, sondern ganz Nordafrika's als Schönheitsmittel bedienen, und das
+auch unsere Theaterdamen, um den Glanz der Augen zu erhöhen, anwenden, oft
+mit Erfolg gebraucht. Man bestreicht mit Kohöl die Augenlider, mittelst
+eines feinen Holzspatels und unzweifelhaft hat dies Mittel gute
+Präservativeigenschaften bei dort herrschenden Augenkrankheiten. Als
+Arzneimittel wird es deshalb auch vielfach von den Männern gebraucht. Die
+Wirksamkeit des Spiesglanzes als Präservativmittel erhellt schon daraus,
+dass bei weitem mehr Männer von Augenkrankheiten betroffen werden als
+Frauen. Als äusserstes Mittel gegen Augenkrankheiten[59] führe ich noch an,
+dass in einigen Orten pulverisirter Pfeffer in die Augen geblasen wird.
+
+ [Fußnote 59: Ich bediene mich dieses allgemeinen Ausdrucks, da der
+ Marokkaner nicht unterscheidet, ob die Hornhaut, die Lider, der
+ Augapfel, die Liderhaut etc. erkrankt ist, sondern alles dies
+ Augenkrankheit, Mrd-el-aiun, nennt.]
+
+Von inneren Mitteln gegen Augenkrankheiten ist natürlich keine Spur
+vorhanden, als ich einige Male versuchte durch Calomel, innerlich gegeben,
+oder durch Purgantien Ableitungen herbeizuführen, wurde mir ernstlich
+gesagt, mit solchen Mitteln aufzuhören: "nicht der Bauch sei erkrankt,
+sondern die Augen".
+
+Schwarzer und grauer Staar sind unter einer Bevölkerung, bei der fast jedes
+Individuum augenkrank ist, nichts Seltenes, und merkwürdig genug, giebt es
+in Marokko einige Familien, die sich damit beschäftigen, Staaroperationen
+und zwar mit Erfolg auszuüben. Diese Familien sind vorzugsweise auf dem
+_grossen_ Atlas ansässig, die Fähigkeit den Staar zu stechen geht vom
+Vater auf den Sohn über, der natürlich bei jenem in die Lehre geht. Die
+beiden Doctoren-Staarstecher, die ich kennen lernte, waren Berber ihrer
+Abkunft nach. Ohne sich mit anderen Krankheiten zu beschäftigen,
+verschmähten sie es sogar, andere Augenkrankheiten als Staarerblindungen in
+Behandlung zu nehmen. Sie machten für dortige Verhältnisse gute Geschäfte
+und man würde sie wirklich als gute Specialärzte haben hinstellen können,
+wenn sie die Fähigkeit gehabt hätten, irgend wie eine Diagnose zu stellen,
+geschweige von einer Prognose zu reden. Aber da kam es oft genug vor, dass
+irgend eine andere Krankheit der inneren Theile des Auges, wohl gar Gutta
+serena mit Gutta opaca verwechselt wurde. Da ich nicht selbst der Operation
+eines Staares beigewohnt habe, so kann ich nur anführen, dass mittelst
+eines glattgeschliffenen nadelförmigen Instruments der Einstich, nach
+Aussage der Staardoctoren, _seitwärts_ gemacht wird, dass nach der
+Beschreibung sodann die Linse zerstückelt wird, um später resorbirt zu
+werden. Eine Extraction oder Depression der Linse war offenbar diesen
+Leuten nicht bekannt.
+
+Sehen wir, wenn es auf eine chirurgische Operation ankommt, wie bei der
+Staarstechung, die Heilkunde auf einer bedeutend höheren Stufe als bei
+_inneren_ Krankheiten, so ist das im Allgemeinen in der Chirurgie auch
+der Fall. Es ist dies auch ganz natürlich. Bei Verwundungen, bei äusseren
+Verletzungen kennt auch der gewöhnliche Mensch gemeiniglich die
+_Ursache_, er kann es dann bedeutend leichter unternehmen, eine
+Heilung zu versuchen. Und nicht nur in ganz uncivilisirten Ländern, oder in
+halbcivilisirten wie Marokko, auch in den am weitesten in der Cultur
+vorgeschrittenen findet man, dass die Chirurgie auf einer höheren Stufe
+steht als die Heilkunde innerer Krankheiten.
+
+Reine Hiebwunden, die durch das fast überall geübte Faustrecht so häufig
+unter den Bewohnern Marokko's vorkommen, werden entweder mit einem Teig
+verbunden, der aus Henne (Lawsonia inermis) und Chobis (Malva parviflora)
+geknetet wird, oder man verbindet die Wunden mit geschmolzener salzloser
+Butter, in welche vorher, sobald die Butter siedend ist, ein Säckchen mit
+Schih (Artemisia odorif.) getaucht worden ist. Hierdurch bekommt die Butter
+einen starken aromatischen Gehalt, nimmt einen fast Kölnischem Wasser
+gleichenden Geruch an, der später selbst nicht vom übelstriechenden Eiter
+verdrängt wird. Wunden auf diese Art behandelt, nehmen fast immer einen
+guten Verlauf. In vielen Gegenden verbindet man die Wunden mit Rinderkoth,
+namentlich nomadisirende Stämme glauben an die Heilkraft der verdauten
+Kräuter.
+
+Verwundungen, welche die Knochen verletzen, einerlei ob sie durch Kugeln
+oder Hiebwunden herrühren, werden auf gleiche Art rationell behandelt. Ist
+eine vollkommene Knochenzerschmetterung vorhanden, so wird ein
+_fester_ Verband angelegt, um die Heilung der zerschmetterten Knochen
+mittels Callusbildung herbeizuführen. Man kümmert sich nicht um
+Herausziehen der Knochensplitter oder Kugelstücken[60], so schnell wie
+möglich wird der Verband angelegt. Eine aus Ziegen- oder Schafleder
+bestehende Binde, die ihren Halt durch kleine Rohrstäbchen, die
+hineingenäht werden, bekommt, wird um die verletzten Theile gelegt und das
+Ganze dann mit Thon umkleistert. Ein solcher Verband soll nach den Regeln
+der dortigen Chirurgie 28 Tage liegen bleiben. Das einzige Misslingen bei
+diesem Verbande liegt darin, dass nicht gehörig für Eiterabfluss gesorgt
+wird, und dadurch für den Patienten oft missliche Zustände eintreten.
+
+ [Fußnote 60: Man ladet meistens mit zerhacktem Blei.]
+
+Fracturen werden ebenfalls durch festen Verband geheilt, ohne dass man aber
+vorher einrichtet. Natürlich werden dabei meist schiefe Heilungen erzielt,
+und oftmals sieht man Röhrenknochen die Weichtheile durchbohren, und es
+entstehen dann für immer offene Wunden. Nie fällt es ein irgend wie zu
+amputiren. Der Marokkaner hält das für sündhaft. Die durch die
+Gerechtigkeit abgehauenen Hände oder Füsse werden sorgfältig vergraben,
+weil sie sonst am Auferstehungstage fehlen könnten, und die Stümpfe werden
+in siedende Butter oder kochendes Oel getaucht, um die Blutung zu stillen.
+Verrenkungen einrichten kennt man nicht, so dass gewöhnliche Folge eine
+schmerzhafte Entzündung mit oft bösem Ausgang ist. Natürlich ist selbst bei
+schwersten Verwundungen von einer inneren Behandlung nie die Rede, aber
+Amulette, Zaubersprüche u. dergl. m. sind auch hier an der Tagesordnung.
+
+Was die Geburtshülfe anbetrifft, so ist es schwer darüber nur das Geringste
+anzugeben, da nur Frauen als Beistand geduldet werden. Die Wendung sowie
+die Zange sind unbekannt, einzelne Praktiken, die mir erzählt wurden, sind
+zu abgeschmackt, als dass ich sie hier wiedergeben sollte. Nur so viel kann
+ich bezeugen, dass einst meine Hauswirthin in einer kleinen Oase der Wüste,
+Nachts mit einem Kinde niederkam und am andern Morgen trotzdem ihre
+gewöhnliche Beschäftigung verrichtete.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+6. Uesan el Dar Demona.
+
+ * * * * *
+
+Es giebt Bücher genug, die über Marokko handeln, und keine Geographie
+älteren oder neueren Ursprungs unterlässt es, irgend ein Capitel diesem
+Reiche zu widmen; aber wie Afrika im Allgemeinen noch heute ein Terra
+incognita für uns ist, so ist von all den Staaten, welche an den Küsten
+liegen, namentlich an den Küsten des Mittelmeers, kein Land so wenig
+bekannt wie Marokko und von allen Städten in Marokko ist Uesan die
+unbekannteste. So sehen wir denn auch, dass ein Hemsö, Ali Bey, Richardson
+und Renou nur ganz oberflächlich des Ortes Uesan im Vorübergehen erwähnen.
+
+Ali Bey verlegt Uesan auf den 24° 42' 29" N. Br. und 7° 55' 10" L. von
+Paris, Renou, der die Breite gelten lässt, glaubt aber Uesan die Länge von
+7° 58' geben zu müssen. Dieselbe Position finden wir auch auf Petermanns
+trefflichen Karten von Marokko[61]. Bis genauere Messungen an Ort und
+Stelle angestellt sind, können wir uns auch einstweilen recht gut daran
+halten. Die Stadt Uesan liegt etwa 900 Fuss über dem Meeresspiegel, erfreut
+sich also unter diesen Breiten eines äusserst günstigen Klimas.
+
+ [Fußnote 61: Mittheilungen, Jahrg. 1865.]
+
+Vortheilhafter wird die Lage noch dadurch, dass die Stadt am Fusse des
+mächtigen und zweigipfligen Berges Bu-Hellöl aufgebaut ist. Dieser
+herrliche Berg, dessen ganze Nordseite von der Stadt an bis zum Gipfel zum
+Theil mit Oliven, zum Theil mit immergrünen Eichen und Wachholder bewaldet
+ist, hält wirksam die heissen Südwinde ab, während er zugleich den
+regentragenden Nord- und Nordwestwinden einen Damm entgegensetzt.
+
+Der ganze Gebirgscomplex, der sich um Uesan herumzieht, steht im innigen
+Zusammenhange mit dem sogenannten kleinen Atlas. Ersteigt man den
+Bu-Hellöl, so sieht man über die Rharbebenen hinweg die blauen Fluthen des
+atlantischen Oceans, während andererseits nach Norden und Osten der Blick
+eine vollkommen zusammenhängende Gebirgslandschaft vor sich hat bis zu den
+zackigen Berggipfeln, der Habib, der Srual, der Schischauun und in erster
+Nähe der Erhona.
+
+Es scheint, dass Uesan von einem Nachkommen Mulei Edris, Namens Mulei
+Abd-Allah Scherif, etwa um das Jahr 900 n. Chr. als Sauya gestiftet
+wurde. Da nun Edris der Gründer der Stadt Fes als der directeste
+Nachkömmling des Propheten angesehen wird, so ist seine männliche
+Nachfolge in erster Linie noch heute in demselben Ansehen. Aus diesem
+Grunde sind die Schürfa von Uesan, d.h. die Edrisiten, bedeutend
+heiliger gehalten als die übrigen von Mulei Ali stammenden, wozu die
+Familie des Sultans gehört.
+
+Dennoch haben aber diese Vorrechte genug, und was der kaiserlichen Familie
+an Heiligkeit directer Abkunft abgeht, ersetzt sie eben dadurch dass sie
+die regierende ist. Bei den Mohammedanern nun ist aber das Heiligsein ganz
+anders als bei uns Christen.
+
+Mein seltsamer Anzug, halb christlich, halb mohammedanisch, hatte rasch
+einen Haufen Neugieriger herbeigezogen, mein Begleiter und ich wurden
+umdrängt und befragt, wer ich sei, was ich wolle, woher ich komme, wohin
+ich wolle u. dergl. unverschämte Fragen mehr. Es ist vollkommen falsch,
+wenn man glaubt der Mohammedaner sei schweigsam, ernst und nicht neugierig;
+in Afrika habe ich überall das Gegentheil erfahren. Manchmal freilich mag
+der Vornehme, der Mann vom "grossen Zelte," sich gegen Christen so
+zurückhaltend benehmen, aber nie gegen seines Gleichen. Und man erinnere
+sich, dass ich als Mohammedaner reiste.
+
+Nachdem die Neugier befriedigt und nachdem namentlich die Menge beruhigt
+war über meinen Glauben, d.h. nachdem ich auf ihre Aufforderungen zum
+"Bezeugen" mehrere Male "es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein
+Gesandter" geantwortet hatte, sagten sie aus, "Sidi" befände sich mit den
+Schürfa und Tholba im Rharsa es Ssultan, so hiess man Garten und Gartenhaus
+des Grossscherifs.
+
+Man kann sich denken, mit welcher Spannung ich der ersten Zusammenkunft mit
+diesem Manne, der in den Augen der meisten Marokkaner höher als Gott, ja
+höher als der Prophet gehalten wird, entgegen sah.
+
+Meine Begleiter und ich gingen also nach seinem Landsitze, der sich bald,
+er liegt nur ca. 5 Minuten ausserhalb der Stadt, unseren Blicken zeigte.
+Wie erstaunt war ich, ein Haus halb im neuitalienischen, halb im maurischen
+Style zu erblicken. Dort ist Sidna,[62] sagte man mir. Aus den Fenstern des
+oberen Stockes sah ich eine Menge Neugieriger herabgucken, vorne stand ein
+junger Mann in französischer Capitäns-Uniform mit dem Degen an der Seite,
+ein langes Fernrohr in der Hand. Jetzt rasch durch ein hohes gewölbtes
+Steinthor in den Garten tretend, befanden wir uns bald vor der Hauptthür,
+welche direct auf eine enge und so niedrig gebaute Treppe ging, dass jeder
+nur etwas grosse Mann sich bücken musste, um hinaufzuschreiten. Oben
+angekommen, riefen uns mehrere uniformirte Sklaven ein "Okaf" (Halt)
+entgegen, das aber gleich vom lauten "sihd" (marokk. Ausruf, bedeutend
+"tritt näher") des Grossscherifs übertönt wurde.
+
+ [Fußnote 62: Der Titel Sidna, d.h. "unser Herr," kommt eigentlich nur
+ dem Sultan zu. Jeder Scherif hat den Titel sidi oder mulei, was
+ "mein Herr" bedeutet Tholba, d.h. Schriftgelehrte, Standespersonen,
+ Beamte, haben den Titel "sid," was Herr bedeutet. Der Plural von
+ mulei, muleina, wird nur Gott und dem Propheten gegeben.]
+
+Mein Begleiter prosternirte sich, küsste die gelben Stiefel
+Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's, und berichtete dann über mich. Ich selbst
+begnügte mich, seine dargebotene Hand (der Grossscherif sass auf einem
+Teppich in einer Ecke des Zimmers) zu ergreifen, und sodann führte ich
+die meine an Stirn und Mund. Unter der Zeit hatte ich Musse, ihn und
+seine Umgebung zu betrachten.
+
+Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam-ben-el-Arbi-ben-Ali-ben-Hammed-ben-Mohamméd-ben-
+Thaib[63], wie sein ganzer Titel lautet, war (1861) etwa 31 Jahre alt; von
+fast zu hoher Statur, wurde das Ebenmaass seines Körpers durch eine
+angenehme Wohlbeleibtheit hergestellt. Sein Teint ist stark gebräunt, und
+auch etwas dick aufgeworfene Lippen deuteten auf Negerblut, wie denn in der
+That seine Mutter aus Haussa stammte. Eine gerade Nase, ein feurig
+schwarzes Auge, im Ganzen ein längliches Gesicht, so präsentirte sich der
+Mann, dem von fast der ganzen mohammedanischen Welt eine abgöttische
+Verehrung gezollt wird. Seine Bekleidung bestand in einer weiten
+skendrinischen[64] rothen Tuchhose, einem französichen [französischen]
+Waffenrock mit französischen Epauletten, auf dem Kopfe hatte er einen
+tunesischen Tarbusch mit schwerer goldener Troddel. An der Seite trug er
+einen äusserst schön gearbeiteten Degen, wie ich später erfuhr, ein
+Geschenk vom General Prim.
+
+ [Fußnote 63: In seinen Briefen titulirt sich Abd-es-Ssalam bis zum
+ Grossvater, Thaib, seines Urgrossvaters Hammed hinauf, weil Mulei
+ Thaib der Erneuerer der religiösen Gesellschaft der Thaib gewesen
+ ist, in ganz Nord-Afrika die allergrösste religiöse Genossenschaft.
+ Seines marokkanischen Ahnen Mulei Edris, oder des Gründers der Sauya
+ Uesan, Mulei Abd Allah Scherif, wird in den Briefen nicht Erwähnung
+ gethan.]
+
+ [Fußnote 64: Skendrinischen = Alexandrinischen.]
+
+Eine goldene Schärpe, die er um hatte, enthielt zugleich einen Revolver vom
+System Lefaucheux, der überdies mittelst einer rothseidenen Schnur um den
+Hals befestigt war. "Merkwürdig," dachte ich, "den Mohammedanern ist durch
+den Koran verboten, Gold und Seide auf ihren Kleidern zu tragen, und nun
+sehe ich den directesten Sprössling des Propheten damit überladen.["] Die
+übrigen Anwesenden bestanden zum Theil aus nahen Anverwandten, also
+ebenfalls Abkömmlingen Mohammed's, dann aus Tholba, endlich aus vielen
+Fremden von vornehmer und geringer Herkunft. Ueberdies ging es ohne
+Unterlass aus und ein, da ging kein Mann oder keine Frau aus dem Gebirge
+vorbei (das Gartenhaus lag an einer sehr frequenten Strasse), ohne rasch
+heraufzuspringen, um den Grossscherif zu küssen und um einige Mosonat[65]
+niederzulegen. Da kamen Processionen von Ferne, um den uld en nebbi (Sohn
+des Propheten) zu besuchen, von diesen wurde nur der "Emkadem" (geistige
+Vorsteher und Hauptgeldeinsammler) vorgelassen, die anderen aber
+einstweilen fortgeschickt, um in die für Fremdenaufnahme eingerichteten
+weiten Hallen der Sauya in Uesan einquartiert zu werden und um später en
+bloc den Segen zu empfangen.
+
+ [Fußnote 65: Mosona, eine imaginäre marokkanische Münze, besteht aus
+ 6 flus, pl. von fls. Ein fls. ist ungefähr gleich einem
+ französischen Centime.]
+
+Sidi winkte; gleich darauf brachte ein kleiner uniformirter Neger Namens
+Zamba eine silberne Platte, darauf stand ein silberner Theetopf, eine
+Schale mit grossen Stücken Zucker, eine Theebüchse, und, ausser den sechs
+üblichen kleinen Theetassen, ein Glas, woraus Sidi seinen Thee nehmen
+sollte. Alles dieses wurde vor den Sidi zunächstsitzenden Scherif, einen
+schon älteren Mann, Namens Sidi el Hadj Abd-Allah, gesetzt, und dann ging
+die Bereitung des Thees vor sich.
+
+Der Hadj Abd-Allah nahm eine tüchtige Hand voll grünen Thees, warf ihn in
+den Topf, während ein anderer kleiner Neger, Ssalem, schon das siedende
+Wasser in Bereitschaft hielt; der erste geringe Aufguss diente nur dazu,
+den Thee zu reinigen. Sodann wurde eine tüchtige Portion Zucker in den Topf
+geworfen, und nun derselbe mit kochendem Wasser gefüllt. Unter der Zeit
+hatte der Hadj auch schon einige aromatische Kräuter in Bereitschaft, als
+Minze, Wermuth und Luisa, die noch obendrein hineingeworfen wurden. Nach
+einiger Zeit wurde sodann für Sidi ein Glas gefüllt, nachdem jedoch vorher
+der Hadj Abd-Allah mehrere Male durch Kosten sich überzeugt, dass der Thee
+genug gezuckert sei. Sodann wurden die übrigen sechs Tassen gefüllt, und
+sie den Gästen von den beiden kleinen Sklaven präsentirt; da wohl 30 Leute
+anwesend sein mochten, ohne die vielen Besucher, die ab- und zugingen, die
+meisten auch drei Tassen tranken, wie es die Sitte erheischt, so kann man
+sich denken, dass es ziemlich lange dauerte, ehe Alle, da nur sechs Tassen
+vorhanden waren, befriedigt wurden. Es versteht sich von selbst, dass die
+Theekanne verschiedene Male wieder nachgefüllt wurde.
+
+Unter der Zeit wurden die verschiedensten Gespräche geführt, Sidi wollte
+vor allem von den politischen Zuständen in Europa unterrichtet sein, und
+ich merkte, dass es ihn ärgerte, dass einige ältere Schürfa mich fragten,
+wann, wo und wie ich zum Islam übergetreten, ob ich auch vollkommen
+überzeugt sei, dass die mohammedanische Religion besser sei als die
+jüdische und christliche, ob ich auch ordentlich "bezeugen" könne etc.
+
+Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam, der wohl merkte, wie unangenehm mir solche
+Fragen sein mussten, sprang auf und winkte zu folgen. Alle erhoben sich, da
+er aber auf mich speciell gedeutet hatte, so blieb die ganze Versammlung im
+Zimmer und setzte sich wieder, während er und ich, begleitet von seinen
+beiden Günstlingen und einigen Dienern, die einen Teppich, ein Fernrohr,
+Doppelflinte etc. trugen, in den Garten hinabgingen.
+
+Diese beiden Günstlinge, Ibrahim und Ali, die den ganzen Tag nicht von der
+Seite des Grossscherifs wichen, waren Ssalami[66], d.h. jüdische Renegaten!
+Der eine, aus Fes gebürtig, war Schriftgelehrter, und aus freiem Antrieb
+übergetreten, Ali aber, aus Uesan gebürtig, war, wegen Diebstahls verfolgt,
+in die Sauya geflüchtet, und hatte sich dann, um der Strafe zu entgehen,
+mohammedanisirt. Beide trugen französische Capitäns-Uniform mit weiten
+Hosen und rothem Tarbusch. Sie waren beide verheirathet und wohnten sogar
+beide im Hause von Sidi, der ihnen je einen Flügel abgesondert angewiesen
+hatte. Sie waren zu der Zeit die Personen, die Sidi gar nicht entbehren
+konnte, Alles ging durch ihre Hände.
+
+ [Fußnote 66: Ein vom Judenthum zum Islam Uebertretender bekommt in
+ Marokko den Namen Ssalami, d.h. Gläubiger, ein vom Christenthum
+ Uebertretender bat den Namen Oeldj, d.h. wörtlich christlicher
+ Sklave.]
+
+Im Garten angekommen, gefiel sich Sidi darin, mir seine europäischen
+Einrichtungen zu zeigen; hier war auf einem Bassin ein Schiffchen mit
+Rädern, eine Nachahmung der europäischen Dampfschiffe, dort kostbare Blumen
+aus Europa und Amerika, Gewächse feinerer Art, wie sie im übrigen Marokko
+unbekannt sind, zwischen denen künstliche Springbrunnen auf verschiedenste
+Art Wasserstrahlen auswarfen, sogar eine kleine Eisenbahn mit Wagen, welche
+durch ein Radwerk in Bewegung gesetzt wurde.
+
+"Der Sultan, die Grossen und auch die Schürfa," fing Sidi an, "wollen
+nichts vom Fortschritt wissen, deshalb sind wir auch von den Spaniern
+geschlagen; wenn ich nur könnte, ich würde Alles einführen wie es bei den
+Christen ist, d.h. vor allem eine feste Gesetzgebung und regelmässiges
+Militair."--"Aber, wenn du nur willst, Sidi," erwiederte ich, "so wird der
+Sultan auch wollen und müssen."--"Der Sultan und ich sind beide vom Volk
+abhängig, und dass ich mich christlich kleide, was doch die Türken jetzt
+auch thun, nimmt man gewaltig übel." Unter diesen Gesprächen waren wir
+durch einen blühenden Rosengarten, wo Jasmin und die köstlich duftende
+Verbena Luisa mit Heliotropen und Veilchen ihre Wohlgerüche der Luft
+spendeten, zu einem prächtigen Orangenhain gekommen. "Diesen ganzen Garten
+hat mir der Sultan geschenkt," sagte Sidi, "oder eigentlich
+zurückgeschenkt, denn mein Grossvater, Ali, schenkte ihn seinem Vater."
+Nach dem Orangengarten kamen ausgedehnte Olivenpflanzungen, wir drangen bis
+dahin durch, kehrten dann zurück, wo wir die Schürfa und Tholba noch im
+Zimmer versammelt fanden.
+
+Gleich nach der Rückkehr Sidi's stellten sich Sklaven ein mit Schüsseln auf
+dem Kopf. Alles nahm Platz, da wurde zuerst eine Maida (kleiner Tisch) vor
+Sidi gestellt, und, nachdem Sklaven ein messingenes Becken und eine Kanne
+gebracht, die Hände abgewaschen. Ein Handtuch, vielleicht hatte es schon
+einmal als Hemd gedient, war für Alle zum Abtrocknen bereit. Es bildeten
+sich Gruppen: Sidi ass aus einer Schüssel mit 5 oder 6 Schürfa, hier sass
+wieder eine Gruppe, dort eine andere, ich selbst wurde eingeladen, an der
+Schüssel der beiden Günstlinge Ali und Ibrahim, zu der ausserdem noch zwei
+Vettern von Sidi zugezogen waren, theilzunehmen. Man ass, mit Ausnahme des
+Tisches, an dem Sidi sass, mit grosser Hast, um ja nicht zu kurz zu kommen.
+Die Speisen waren gut, gebratenes Fleisch, gebratene Hühner, und bei jeder
+Schüssel lagen fünf oder sechs Brode, die vorher gebrochen wurden. So,
+dachte ich, ass man zur Zeit Jesu aus einer Schüssel und mit den Händen.
+
+Sidi, der in Frankreich gewesen, konnte es nicht lassen ein paar Mal
+herüberzusehen: "Mustafa (diesen Namen hatte ich angenommen), hast du schon
+oft mit der Hand gegessen?" fragte er. "Gott erbarm dich!" rief ein
+graubärtiger Scherif, "essen denn die Christenhunde nicht mit der Hand?"
+"Nein," erwiederte der Grossscherif, "als ich auf der französischen
+Fregatte nach Mekka reiste, ass ich mit einer Gabel." "Gott sei meinem
+Vater gnädig," erwiederte jener, "unser Herr Mohammed hat mit der rechten
+Hand gegessen, Mohammad ist der Liebling Gottes, und der Segen Gottes ruht
+auf seinen Nachkommen." Sidi, wohl um ein religiöses Gespräch
+abzuschneiden, rief einen Sklaven, gab ihm ein saftiges Stück Fleisch, das
+er vom Knochen abgelöst hatte: "gieb das Mustafa." Von dem Augenblick, d.h.
+seitdem ich aus der Hand Sidi's einen Bissen erhalten hatte, wurde ich als
+sein erklärter Günstling angesehen.
+
+Nach beendetem Essen wurde Kaffee herumgereicht, und nachdem man noch eine
+Zeitlang gesessen und darauf in Gemeinschaft das l'Asser Gebet abgehalten
+war, befahl Sidi sein Pferd. Er bestieg einen ausgezeichneten Fuchs, die
+beiden Günstlinge Ali und Ibrahim hatten nicht minder schöne Pferde zur
+Verfügung, und nun ging's heimwärts. Vor den Thoren des Gartens lauerten
+Haufen von Menschen, alte und junge, Männer und Weiber, die sich bemühten,
+seinen Fuss oder den Saum des Burnus zu berühren, oder auch nur sein Pferd,
+denn diesem wird dadurch, dass der Sohn des Propheten es besteigt,
+ebenfalls eine Heiligkeit mitgetheilt, und man kann den Segen herausziehen.
+
+
+Einige von den Schürfa bestiegen ebenfalls Pferde oder Maulthiere, die
+meisten folgten zu Fuss. Unter ihnen war ich; einer der Emkadem[67] Sidi's
+hatte sich meiner Hand bemächtigt, als ob ich nicht allein gehen könnte,
+oder um ja ein von Sidi ihm anvertrautes Gut nicht zu verlieren: "ich soll
+für dich sorgen," sagte er, und so betraten wir Uesan el Dar Demana.
+
+ [Fußnote 67: Emkadem, Verwalter oder Intendant.]
+
+Eine enge Strasse führte uns gleich in die eigentliche Sauya, d.h. das
+heilige Viertel, das Sidi bewohnt, welches von der übrigen Stadt durch
+Mauern und Thore geschieden ist. Denn wenn auch die ganze Stadt (Uesan el
+dar demana heisst: Uesan das Haus der Zuflucht) ein geheiligtes Asyl ist,
+so ist doch speciell das Stadtquartier, welches Sidi bewohnt, heilig und
+unverletzlich. In diesem Quartier, gleich unterhalb seiner Hauptwohnung,
+bekam ich im "Rheat"[68] einen Pavillon als Wohnung angewiesen, der
+einstmals reizend gewesen sein musste, jetzt aber etwas vernachlässigt
+aussah.
+
+ [Fußnote 68: Rheat heisst eigentlich Blumengarten, Blumenterrasse.]
+
+Dieser Rheat war zur Zeit Sidi-el-Hadj-el-Arbiis, des Vaters des jetzigen
+Grossscherifs, ein üppiger Garten gewesen; künstlich vom Djebel Bu Hellöl
+hergeleitete Wasser tränkten die Orangen- und Granatbäume, hübsche Veranden
+und Kubben im reinsten maurischen Style erbaut, aufs prächtigste geschmückt
+mit Stucco-Arabesken, mit echten Slaedj[69] von Fes, standen an den
+schönsten Punkten, und von einer jeden hatte man eine unvergleichliche
+Aussicht auf die gegenüberliegende Gebirgslandschaft. Sie dienten dazu, die
+zahlreichen Pilger aufzunehmen, eine einzelne Kubba enthielt manchmal
+hundert solcher frommer Leute, die monatelang auf mühevollste Art gereist
+waren, um Uesan und den Sohn des Propheten zu sehen: hier auf den Terrassen
+der Kubben, im Schatten der Arkaden einer Veranda ruhten sie aus von ihren
+entbehrungsvollen Wegen, sie schauten auf das Bild zu ihren Füssen, sie
+bewunderten die Bauten, vor allem aber priesen sie Gott, dass er ihnen die
+Gnade erzeigt habe, Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam sehen zu können, dass er
+ihnen die Gunst gewährt habe, seine Nahrung geniessen zu können, denn alle
+Pilger, mochten auch 1000 vorhanden sein, werden zweimal täglich aus der
+Küche Sidi's gespeist.
+
+ [Fußnote 69: Slaedj sind kleine Fliesen von Thon verschiedenfarbig
+ glasirt, man benutzt sie um den Fussboden damit zu belegen.]
+
+Zwischen dem Rheat und dem Hauptgebäude befindet sich eine grosse
+Djema[70], die auch Freitags zum Chotba benutzt wird; ein freier Platz, auf
+dem die Pferde Sidi's angebunden stehen, führte dann aufs Hauptgebäude.
+Dies zeigt nach aussen die Thür, welche zu den Küchenräumen führt, eine
+Schule, worin die Söhne Sidi's mit vielen anderen Altersgenossen ihren
+täglichen Unterricht erhalten, und eine andere sehr niedrige Thür, welche
+zur eigentlichen Wohnung des Grossscherifs führte.
+
+ [Fußnote 70: Marokkanischer Ausdruck für Moschee.]
+
+Man kommt zuerst in einen von zwei Orangenbäumen beschatteten Hof, auf
+diesen Hof öffnen sich eine Veranda und eine reizende Kubba[71], deren eine
+Seite ebenfalls nach dem Hofe zu offen war. In diesen Räumlichkeiten
+empfängt Sidi, und namentlich nach dem Freitagsgebet findet hier immer ein
+grosses Essen statt, woran, alle die Theil nehmen, die mit Sidi
+gemeinschaftlich das Chotba-Gebet verrichtet haben. Das eigentliche
+Wohngebäude, welches an diesen Hof stösst, besteht aus mehreren
+Abtheilungen. Zuerst kommen verschiedene Zimmer, zu denen man mittelst
+einer niedrigen Thür und einer Treppe hinangelangt und welche die
+Bibliothek Sidi's enthalten, dann folgen einige auf europäische Art
+eingerichtete. Ausser seinen beiden kleinen Söhnen, seinen Günstlingen, Ali
+und Ibrahim, und einigen Sklaven, die Nachts vor seiner Thür schlafen, hat
+der Grossscherif diese Zimmer von Niemand betreten lassen, für seine
+Frauen, für seine nächsten Verwandten sind sie ein vollkommenes Harem. Da
+ich die Beschreibung der Zimmer gegeben habe, brauche ich wohl kaum zu
+sagen, dass es mir ebenfalls vergönnt war, sie zu betreten: ich musste
+mehrere Male auf einem Harmonium spielen, welches in einem dieser Zimmer
+seinen Platz hat. Von diesen Räumen gelangt man in die Häuser seiner
+Frauen: das Harem. Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam hatte im Anfang der sechziger
+Jahre drei rechtmässige Frauen.
+
+ [Fußnote 71: Mit dem Worte Kubba bezeichnet man eine viereckige
+ Räumlichkeit mit gewölbtem oder nach oben spitz zulaufendem Dache.]
+
+Mittelst eines Thores gelangt man aus dieser Sauya in die eigentliche Stadt
+Uesan; eine enge Strasse windet sich den Berg hinan, überall kleine Läden,
+hier findet man siedende Sfindj (in Oel gebackene Kuchen), dort werden
+Kiftah (Leber und Fleischstückchen) über Kohlenfeuer geröstet, hier werden
+Fische gebacken, dort liegen flache Brode aus: es ist dies die
+Garküchenstrasse, sie geht allmälig in die Gasse der Oelhändler über,
+welche zugleich Butter und braune Schmierseife (diese wird in Marokko
+bereitet), eingemachte Oliven und Chlea (in Butter eingeschmortes Fleisch)
+verkaufen. Grosse Thorwege der auf die Strasse mündenden Häuser zeigen uns
+Fonduks (marokkanische Gasthöfe), und die zahlreichen Esel, Maulthiere und
+Kameele, die man im Innern erblickt, sagen, dass hier viel Leben und
+Treiben herrscht.
+
+So ist es auch in der That! Die grossen Schaaren von Pilgern, welche
+täglich in Uesan zusammenströmen, ziehen viele Kaufleute herbei. Die
+Pilger, die in der Sauya eine dreitägige Gastfreundschaft geniessen,
+bleiben oft noch länger, sie haben Waaren oder Kleinigkeiten zum Verkauf
+mitgebracht, andererseits wollen sie Uesaner Gegenstände erhandeln. Man
+kann sich denken, dass Alles was von Uesan kommt für besonders gut gilt,
+die Frau zu Hause will Brod vom "dar demana" haben, oder ein Stück Zeug,
+der Sohn muss eine hölzerne Schreibtafel vom ssuk es Uesan (Markt von
+Uesan) haben, dann prägt er sich die Koransprüche viel leichter ein, der
+Grossvater muss einen neuen Rosenkranz von Mulei Thaib haben und die echten
+werden nur in Uesan verkauft.
+
+Zahlreiche kleine Kaffeehäuser, mit heimlichen Zimmerchen, wo "Kif"[72]
+geraucht wird, liegen allerorts zerstreut und meist an den schönsten
+Punkten der Stadt, welche übrigens, wohin man sieht, über paradiesische
+Gegenden das Auge schweifen lässt. Viele dieser Kaffeehäuser, wie überhaupt
+die meisten Buden, gehören Sidi zu, der sie vermithet oder auch an seine
+Günstlinge temporär zum Ausnutzen überlässt.
+
+ [Fußnote 72: Kif heisst eigentlich Ruhe, Wohlergehen, wird aber von
+ den Marokkanern auf das Kraut Cannabis indica übertragen, welches
+ jene Ruhe, mit der ein starker Rausch verbunden ist, hervorbringt.]
+
+In einigen dieser Kaffeehäuser wird sogar zur Traubenzeit Wein, und fast zu
+allen Zeiten Schnaps, der von Gibraltar her importirt wird, verkauft. Denn
+auch hierin offenbart Uesan seine Aehnlichkeit mit andern religiösen
+Städten, dass es ein Ort der Laster und Schwelgerei ist. Wie häufig sah ich
+Schürfa, die nächsten Anverwandten Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalams in einem
+total betrunkenen Zustande. Aber ebensowenig wie die grössten
+Ausschweifungen, die gröbsten Verstösse gegen Sitte und Religion, je Rom
+den Charakter einer heiligen Stadt genommen haben, ebensowenig leidet der
+Ruf Uesans darunter. Der Grossscherif selbst hat bei Lebzeiten seines
+Vaters der Flasche fleissig zugesprochen, und ob er nicht noch manchmal im
+Innersten seines Hauses, an der Seite seiner Günstlinge dem Bacchus opfert,
+wer wollte darauf mit Gewissheit Nein sagen? Oeffentlich freilich ist er
+jetzt die Enthaltsamkeit selbst, er raucht nicht, er schnupft nicht, er
+nimmt weder Kif noch Opium (beides, obschon ebenso religionswidrig wie
+Weintrinken, wird in Marokko keineswegs für sehr sündhaft gehalten),
+kurzum, äusserlich lebt er sehr streng nach den Vorschriften des Islam, wie
+duldsam er aber ist, geht daraus hervor, dass er, sobald ich mit ihm und
+seinen Günstlingen allein war, uns erlaubte, in seiner Gegenwart zu
+rauchen.
+
+Kommt man noch weiter in die Stadt, so hat man die Kessaria vor sich, d.h.
+die Strassen, wo Kleidungsstücke Tuche, Baumwollenzeuge und Wollfabrikate
+verkauft werden. Hier sieht man auch jene schönen in ganz Marokko bekannten
+Djelaba Uesania ausbieten, Ueberwürfe aus feinster weisser Wolle gewebt.
+Man durchschreitet die Atharia, d.h. die Strassen, wo Gewürze, Essenzen und
+Kramwaaren feil geboten werden, und befindet sich nun vis à vis der grossen
+Moschee von Mulei Abd-Allah Scherif.
+
+Diese Djemma ist eine der berühmtesten im ganzen marokkanischen Reiche,
+hier liegt der Gründer Uesans, der Stifter der Sauya, die heute dar demana,
+d.h. Zufluchtsort fürs ganze Reich[73] ist, begraben. Wie alle
+marokkanischen Moscheen bildet ein grosser Hofraum, dann verschiedene
+Säulenreihen, deren Gallerien man Schiffe nennen kann, die architektonische
+Anordnung. Ausser Mulei Abd-Allah liegt der Hadj el Arbi, der Vater des
+jetzigen Grossscherifs, in der Moschee begraben. Ein kostbarer Sarkophag
+mit Tuch überhangen, birgt in einer Nebencapelle die irdischen Reste dieses
+grossen Heiligen. In der That war kein Abkömmling des Propheten so
+wunderthätig wie der Vater Sidi's, namentlich soll er die Gabe gehabt
+haben, die Fruchtbarkeit der Weiber zu vermehren. Er selbst hatte freilich
+nur einen Sohn, den jetzigen Grossscherif, der ihm im späten Lebensalter
+von einer Sklavin geboren wurde.
+
+ [Fußnote 73: Häufig entfliehen Leute ans den Gefängnissen des
+ Sultans, gelingt es ihnen Uesan zu erreichen, wo sie sich entweder
+ in das Grabgewölbe eines Heiligen flüchten, oder zu den Füssen des
+ Pferdes des Grossscherifs legen, so werden sie immer begnadigt.
+ Schwere Verbrecher dürfen aber die Sauya nicht mehr verlassen, sonst
+ sind sie vogelfrei.]
+
+Wie gross aber von jeher Macht und Ansehn der Schürfa von Uesan gewesen
+ist, geht am besten aus einer Beschreibung von Ali Bey hervor T.I. p. 269:
+Je parlerai ici des deux plus grands saints qui existent maintenant dans
+l'empire de Maroc: l'un est Sidi Ali Ben-Hamet qui réside à Wazen (dies ist
+der Grossvater Sidi's und Wazen ist englische Schreibart für Uesan) etc.
+Ferner p. 270: J'ai déjà remarqué que ce don de sainteté était héréditaire
+dans certaines familles (A. Bey bestätigt hier meine oben angeführte
+Thatsache von der mohammedanischen erblichen Heiligkeit). Le père de Sidi
+Ali était un grand saint, Ali l'est à présent et son fils aîné commence à
+l'être aussi.
+
+Ausser diesen Hauptstadttheilen sind dann noch verschiedene Strassen, wo
+Handwerke betrieben werden: hier werden gelbe Pantoffeln, dort rothe
+Frauenschuhe verfertigt, hier arbeiten Sattler, dort sind Schmiede, hier
+wird gedrechselt, dort wird geschneidert; überall halten sie die
+verschiedenen Handwerke beisammen. Auch eine Mälha, d.h. ein Judenquartier,
+giebt es, und warum auch nicht, hatte nicht Rom auch sein Ghetto? Es giebt
+keine marokkanische Stadt, ja es giebt keine marokkanische Oase in der
+Sahara, wo nicht Juden wären[74].
+
+ [Fußnote 74: In Tuat, welches politisch zu Marokko gerechnet wird,
+ sind allerdings keine Juden, Tuat aber liegt geographisch ausserhalb
+ Marokko's, es gehört seiner Lage nach zu Algerien.]
+
+In Uesan unter dem milden Scepter Sidi's lebten die Juden ziemlich
+erträglich, aber in anderen Städten Marokko's Israelit sein, heisst die
+Hölle hier auf Erden haben. Dennoch dürfen sie auch in Uesan keinen rothen
+Tarbusch tragen, sondern nur einen schwarzen, sie dürfen die Oeffnung des
+Burnus nicht wie die Muselmanen nach vorn tragen, sondern müssen dieselbe
+auf der Seite haben, sie dürfen keine gelbe oder rothe Pantoffeln, sondern
+nur schwarze und auch diese nur in ihren Häusern und in der Mälha tragen.
+Sie müssen, sobald sie einem Gläubigen begegnen, links ausweichen, endlich
+sind ihnen verschiedene Strassen, wie bei der Hauptmoschee oder bei den
+Grabstätten der Heiligen vorbei, gänzlich untersagt. Sie dürfen ausserdem
+in den Städten und Oertern nie ein Pferd besteigen und müssen jeden
+Mohammedaner mit "Sidi," d.h. "mein Herr," anreden. Man könnte Seiten
+vollschreiben, wollte man all die Vexationen, die Erniedrigungen und
+Demüthigungen, welchen die Juden in Marokko unterworfen sind, aufschreiben.
+
+v. Augustin[75] sagt p. 129: "Auf dem Markte müssen sich die armen Juden
+die empörendsten Erpressungen von den Marokkanern gefallen lassen, und
+unter ihren Bedrückern stehen obenan die Garden des Sultans, welche sich
+alle möglichen Frechheiten erlauben. Nicht selten reisst ein solcher
+Halbmensch dem Juden eine Waare aus den Händen, welche dieser eben einem
+Käufer vorzeigt, und hat dieser selbst nicht die feste Absicht sie zu
+kaufen und wehrt sich gegen solche Eingriffe, so schreitet jener
+unbekümmert und laut lachend mit seinem Raube fort, trotz des
+Jammergeschreies, welches ihm von dem Beraubten nachtönt, welcher aber
+dennoch seine Bude nicht verlassen darf, um den Räuber zu verfolgen, weil
+sie sonst in wenigen Augenblicken rein ausgeplündert wäre. Wagte er es
+aber, sich thatsächlich zu widersetzen, so kann er sich versichert halten,
+halbtodt geschlagen zu werden, oder man führt ihn zum Kadi, wo er Unrecht
+bekommen muss, da kein Jude einen Mohammedaner schlagen darf."
+
+ [Fußnote 75: Marokko in seinen geographischen etc. Zuständen, von
+ Frhrn. v. Augustin, Pesth 1845.]
+
+Man kann die Bevölkerung von Uesan auf 10,000 Einwohner rechnen, wenn man
+die der Dörfer Rmel und Kascherin, die mit Uesan zusammenhängend sind,
+hinzurechnet. Von diesen sind etwa 800 bis 1000 Juden. An manchen Tagen
+vermehrt sich die Bevölkerung um einige 1000 Pilger, namentlich zur Zeit
+der grossen Feste.
+
+Die Tendenz des jetzigen Sultans von Marokko, Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rahman,
+ist darauf aus, den Einfluss der Schürfa so viel wie möglich
+einzuschränken, und so hat er es denn auch durchgesetzt, dass gegenwärtig
+ein Kaid und einige Maghaseni (Reiter von der regelmässigen Cavallerie des
+Sultans, die in Friedenszeiten auch zu Polizeidienst gebraucht werden),
+welche die Regierung des Sultans repräsentiren sollen, in Uesan wohnen. Ihr
+Einfluss ist aber gleich Null, und sie selbst sind angewiesen, in wichtigen
+Sachen die Entscheidung Sidi's einzuholen. Wie einflussreich beim
+marokkanischen Gouvernement der Grossscherif von Uesan ist, geht allein
+schon daraus hervor, dass kein marokkanischer Kaiser anerkannt wird, wenn
+er vorher nicht gewissermassen die Weihe vom Grossscherif von Uesan
+erhalten hat. Als nach dem Tode des Sultans Mulei-Abd-er-Rahman-ben-Hischam
+verschiedene Bewerber um den Thron von Fes auftraten, und namentlich der
+älteste Sohn des Sultan Sliman, ein gewisser Mulei-Abd-er-Rahman-ben-Sliman,
+mit viel grösseren Rechten zur Nachfolge hervortrat, verdankte Sidi
+Mohammed seine rasche Besteigung des Thrones nur dem Umstände, dass
+Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam ihm nach Mekines entgegen reiste und durch seine
+Anerkennung (er stieg von seinem Pferde und führte das edle Ross dem Sultan
+zu Fuss entgegen, der es bestieg und dann sein Pferd dem Grossscherif zum
+Geschenk machte) alle Mitbewerber aus dem Felde schlug.
+
+Der Einfluss des Grossscherifs ist indess nicht bloss deshalb so gross,
+weil er der directe Nachkomme Mohammeds, sondern weil er der reichste Mann
+im ganzen Kaiserreich Marokko ist. Es giebt in Marokko keinen Tschar,
+keinen Dnar, keinen Ksor[76], in dem der Grossscherif nicht eine
+Filialsauya oder einen Emkadem hätte. Die Emkadem sind angewiesen, in ihren
+Sprengeln jährlich Geld zu sammeln, das, wie der Peterspfennig nach Rom, in
+die Gasse Sidi's nach Uesan fliesst. In der ganzen Provinz Oran, in der
+Oase Tuat sind fast alle Mohammedaner "Fkra," d.h. "Anhänger" Mulei Thaib's
+von Uesan. Der reelle Einfluss geht bis Rhadames im Osten, bis Timbuktu im
+Süden. Aber selbst in Alexandrien, in Aegypten, in Mekka, in Arabien, sind
+Sauya des Grossscherifs von Uesan.
+
+ [Fußnote 76: Ksor, Ortschaften in den Oasen.]
+
+Um den Glauben der Mohammedaner, d.h. die Opferwilligkeit, wach zu halten,
+werden jährlich zahlreiche Schürfa, die nächsten Verwandten Sidi's in die
+ganze mohammedanische Welt geschickt, um die Wunder und Herrlichkeit Uesans
+zu verkünden. Sidi beklagte sich bitter, dass die Franzosen in letzter Zeit
+den Schürfa von Uesan verboten hatten, in Algerien ihre Rundreisen zu
+machen. Es hat dies aber seinen guten Grund, zum Theil wollen damit die
+Franzosen verhüten, dass so viel Geld ausser Landes geht, zum Theil aber
+hatten die Schürfa sich in Politik gemischt, die Gläubigen gegen ihre
+ketzerischen Herren aufgereizt, was die algerische Regierung sich natürlich
+nicht gefallen lassen konnte.
+
+Während der ganzen Zeit meines Aufenthalts erfreute ich mich der grössten
+Zuneigung und Gastfreundschaft des Grossscherifs.
+
+Ich musste fast den ganzen Tag mit ihm zubringen, von Morgens früh, wo er
+mich rufen liess, Kaffee mit ihm und seinen Günstlingen zu trinken, bis
+Abends, wo er sich in seine Wohnung zurückzog. Wenn ich manchmal Zeuge war,
+wie er im selben Augenblicke den Leuten, die soeben ihr Geld, ihre
+Kostbarkeiten ihm geopfert hatten, mit ernstester Miene den Segen
+ertheilte, und dann, sobald sie den Rücken gekehrt hatten, sich über sie
+lustig machte, auch wohl sagte: "was für Thoren sind diese Leute, mir ihr
+Geld zu bringen", so dachte ich den aufgeklärtesten Mann vor mir zu haben,
+andererseits sah ich aber so viele Thatsachen, wo er von seiner eigenen
+Macht, von seinem besseren "Sein" überzeugt war, dass es mir schwer wurde,
+diese Widersprüche zu erklären.
+
+Aber Alles dient in Uesan dazu, von Jugend auf dem Grossscherif
+einzuprägen, dass nicht nur die Mohammedaner, die vor Gott allein
+Gläubigen, sondern dass unter den Mohammedanern die Araber (der Koran darf
+z.B. bei allen mohammedanischen Völkern nur arabisch gelehrt werden) das
+auserwählte Volk sind, dass im auserwählten Volk die Schürfa als Nachkommen
+Mohammeds den vorzüglichsten Platz einnehmen, und dass unter den Schürfa
+wieder der directeste Nachkomme der von Gott am meisten Bevorzugte ist. In
+dieser Art und unter dieser Auffassung wird der Sohn Sidi's erzogen.
+Dieser, Namens Sidi-el-Arbi, entwickelte denn auch zu der Zeit schon ganz
+den Stolz und Eigendünkel, den eine solche Lehre hervorbringen muss. Dass
+trotzdem bei Sidi sowohl als auch, wie es den Anschein hatte, bei seinem
+ältesten Sohne, Sidi-el-Arbi, Herzensgüte und eine gewisse Bescheidenheit
+nicht unterdrückt werden konnte, ist wohl darin zu suchen, dass immer
+fremdes Blut in die Familie kommt, wie denn Sidi's Mutter, wie schon
+gesagt, eine Haussa ist. Es beruht dies auf dem Gesetz der Erblichkeit,
+denn während Hochmuth, Eigendünkel etc. väterlicherseits mitgebracht wird,
+können andererseits die Eigenschaften, welche von mütterlicher Seite in die
+Familie kommen, nicht unterdrückt werden.
+
+Dass aber der spanische Krieg auch keineswegs nachhaltend civilisatorisch
+auf den Grossscherifs wirkte, sah ich daraus, dass er, als ich später
+wieder Uesan besuchte, seine christliche Militairuniform abgelegt hatte,
+und dafür sich mit einer Djelaba wie die übrigen Schürfa kleidete. Er
+mochte, wohl recht haben; auf meine Frage nach dem Beweggrund, erwiederte
+er: sein Ansehen leide, und er müsse, um die Gelder reichlich fliessen zu
+machen, dem Volke in seinen Vorurtheilen nachgeben.
+
+Die Haltung des Grossscherifs hat aber natürlich auf das ganze Leben und
+Treiben in Uesan den grössten Einfluss. Und wenn wir auch Fortschritte in
+Tanger und Mogador constatiren können, wo die grössere Frequenz mit Europa
+neben Hotels in ersterer Stadt sogar Dampffabriken ins Leben gerufen hat,
+wo man angefangen hat, den Christen heute mit den Gläubigen eine
+gleichberechtigte Stellung einzuräumen, so braucht man solche Fortschritte
+von Uesan nicht zu fürchten. Sollte es einem Europäer heute gelingen, nach
+dieser heiligen Stadt hinzukommen, er kann sicher sein, Uesan el dar demana
+so zu finden, wie es geschildert ist, d.h. auf demselben Standpunkte der
+Bildung, auf dem es sich seit Jahrhunderten schon befunden hat: man glaubt
+sich ins volle Mittelalter zurückversetzt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+7. Eintritt in marokkanische Dienste.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb nicht lange in Uesan, trotzdem "Sidi" wollte, ich sollte ganz bei
+ihm bleiben; als er dann aber mich fest zum Weitergehen entschlossen sah,
+stellte er auf liebenswürdige Art ein Maulthier zur Disposition, und
+empfahl mich einem Kaufmann aus Uesan, der ebenfalls nach Fes reisen
+wollte. Abends vorher, ehe ich Uesan verliess, musste ich im Hause dieses
+Kaufmanns zubringen, um die Zeit nicht zu verschlafen; der Hadj Hammed, so
+heisst der Mann, war ein grosser Freund von Musik und hatte als
+Abschiedsfest verschiedene Freunde geladen, die auch alle musikalisch
+waren. Man kann sagen, dass eine Art Soirée musicale abgehalten wurde, denn
+Hadj Kassem, ein alter graubärtiger Musikus aus Lxor, berühmt in Marokko
+wegen seiner Spielfertigkeit auf dem Alut, wie Liszt bei uns auf dem
+Klavier, war auch zugegen, andererseits war sein Schüler, ein Neger Ssalem,
+ein fast ebenso bedeutender Künstler auf der Violine wie weiland Paganini,
+auch anwesend. Man denke aber ja nicht in Marokko an Flügel, Klaviere,
+Harmonium oder dergleichen, denn wenn auch Sidi sich solche Instrumente
+hatte kommen lassen, wenn auch beim Sultan dergleichen zu finden sein
+möchten, so kennt das Volk sie nicht. Ich glaube kaum, dass das
+marokkanische Volk für unsere Musik Verständniss haben würde; wenn es
+musikalisch denken könnte, wenn es überhaupt ein Urtheil abgeben könnte,
+würde es vielleicht unsere Musik mit "Zukunftsmusik" bezeichnen.
+
+Ich konnte an dem Abend sämmtliche Instrumente, deren sich die Marokkaner
+bedienen, kennen lernen. Eingebürgert von europäischen Instrumenten hat man
+Guitarre, Violine und Violoncell, welch letzteres in Marokko als Bass
+dient. Ausser diesen hat man ähnliche abenteuerlicher Art, und im Lande
+selbst angefertigte Instrumente![77] Da ist das Saiteninstrument "Alut",
+eine Art Guitarre, nur mit gewölbtem Boden, es hat auf den vier Saiten die
+Laute g, e, a, d. Da ist ein Streichinstrument mit zwei Saiten, "Erbab"
+genannt, von dem der Hals auch hohl und resonirend ist, es hat die
+Grundlaute d, a; der Fiedelbogen dazu besteht aus einem Bogen so gross wie
+eine Hand, und die Streiche dazwischen haben nur eine Spannung von etwa 4
+bis 5 Zoll. Endlich hat man noch eine grössere Art "Kuitra" mit drei
+Saiten, dem Cello entsprechend, mit den Tönen d, h, g. Als Blasinstrumente
+besitzen die Marokkaner das "Schebab", eine kurze Flöte mit verschiedenen
+Löchern; die "Rheita", ein kleines Instrument mit clarinetartigen Tönen,
+endlich eine grosse Posaune, "El-Bamut" genannt. Trommeln verschiedener
+Form und Grösse, Schellen u. dgl. vervollständigen die Liste der
+Instrumente. Dass ein Unterschied in der Anwendung der Instrumente Seitens
+der Araber, Juden und Neger bestände, wie Höst bemerkt haben will, ist mir
+nie aufgefallen. Von allen Instrumenten ist die "Rheita" allein das,
+welches einen angenehmen Ton hervorbringt. Unsere europäischen Instrumente,
+Violine, Guitarre u.s.w. werden von ihnen auf ohrzerreissende Art
+behandelt. Das eigentliche Nationalinstrument der Marokkaner ist aber die
+"Gimbri", ein kleines zweisaitiges Instrument, eine Guitarre oder Violine
+im Kleinen. Der Resonanzkasten ist gemeiniglich nicht grosser als 4 oder 5
+Zoll Durchmesser, irgend eine trockne Kürbisschale oder auch ein aus Holz
+geschnitztes Becken ist gut dazu, ein Stück dünnes Leder oder Pergament
+wird darüber gespannt, ein Stiel daran befestigt und die Saiten aufgezogen.
+Jeder verfertigt es selbst, meist ist e und a Grundton. Die "Gimbri" wird
+nicht gestrichen, aber auch nicht einfach mit den Fingern geknipst, sondern
+man bedient sich dazu eines Hölzchens, wie bei uns es die Klavierstimmer
+haben, um über die Saiten dieses Instrumentes zu fahren. Bei grösseren
+Concerten findet übrigens die Gimbri keine Anwendung.
+
+ [Fußnote 77: Siehe Höst p. 260, der Abbildungen von verschiedenen
+ marokkanischen Instrumenten giebt.]
+
+Wenn _uns_ nun aber auch Alles wie Katzenmusik vorkommt, so muss man
+doch keineswegs glauben, dass die Marokkaner ganz ohne musikalisches Gefühl
+sind, nur sind eben ihre Empfindungen für Musik anders als unsere. Was für
+uns Harmonie und Consonanz ist, hören sie als Dissonanz, ohne aber deshalb
+in ihrer eignen Musik gewisser Regeln zu entbehren.
+
+Der Abend ging angenehm hin; hatte ich auch keinen musikalischen Genuss, so
+war doch Alles neu. Mit dem Spielen der Stücke war immer Gesang verbunden.
+Und auffallend war es mir, dass je mehr Jemand näselte oder Fisteltöne
+hervorbrachte, er desto mehr bewundert wurde.
+
+Früh am andern Morgen wurde aufgesessen, ich ritt ein gutes Maulthier. Wie
+Spanien ist Marokko das Land der Maulthiere, die meist braun oder grau von
+Farbe sind. Die guten Maulthiere sind theurer als die guten Pferde, aber
+nicht so theuer wie die besten Pferde. Man kann schon für 30 bis 40
+französische (Fünffranken-) Thaler ein gutes Pferd kaufen, aber unter 60
+bis 80 Thaler kein starkes gutes Maulthier bekommen. Edle Pferde, wie sie
+der Sultan besitzt oder vornehme Schürfa und Kaids, werden aber selbst in
+Marokko bis 1000 Thaler geschätzt. Dies ist die Summe, welche mir als die
+höchste angegeben wurde.
+
+Zu Pferde oder Maulthier braucht man von Uesan nach Fes anderthalb Tage,
+aber da die Hitze jetzt immer grösser wurde, die Wege sehr schlecht waren,
+und weil Hadj Hammed unterwegs allerlei Geschäfte abzuschliessen hatte,
+brauchten wir drei Tage. Er machte Einkäufe, oder auch bekam hier ein
+Töpfchen mit Butter, dort einige Eier zum Geschenk, was zur Folge hatte,
+dass zuerst sein, dann auch mein Maulthier so beladen war, dass wir beide
+zu Fuss gehen mussten. Man kann sich einen Begriff von der Macht und dem
+Reichthum Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's machen, wenn ich anführe, dass fast
+alles Land bis dicht vor Fes _sein persönliches Eigenthum_ ist.
+Dennoch glaube ich kaum, dass er viel baares Vermögen besitzt, da die
+grosse Zahl der Pilger, welche in Uesan auf liberalste Weise bewirthet
+werden, wieder Alles verausgaben macht.
+
+Die ganze Gegend, welche man durchzieht, ist gebirgig und aufs reichste
+angebaut, Getreidefelder von Weizen und Gerste wechseln ab mit
+Olivenwaldungen, Gärten bestanden mit Orangen, Granaten, Aprikosen,
+Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und Weinreben, lachen am Wege. Man hat
+zwei bedeutende Wasser zu überschreiten, den Ued Uerga, ungefähr auf halbem
+Wege zwischen Uesan und Fes, circa sieben Stunden von letzterer Stadt
+entfernt, und den Sebu. Beide waren so bedeutend angeschwollen, dass wir
+mit einer Fähre übersetzen mussten. Die Fähren waren ebenfalls Eigenthum
+des Grossscherifs von Uesan.
+
+Abends 5 Uhr des dritten Tages waren wir endlich vor Fes, der Hauptstadt
+des Landes. Mich überwältigte fast der Anblick der ausgedehnten
+Häusermasse, aus denen hier und da hohe Sma (Minarets) hervorragten. Wir,
+zogen rasch durch die lange Strasse dahin und ich wurde derart zur
+"Mhalla", d.h. der Zeltlagerung der Soldaten geführt. Für einen Obersten
+der Armee, Hadj Asus, hatte ich ein Empfehlungsschreiben des Grossscherifs.
+Nicht nur wurde ich gut aufgenommen, sondern Hadj Asus, dessen Zeltgenosse
+und Gast ich bleiben musste, versprach mir schon für den folgenden Tag eine
+Anstellung.
+
+Am andern Tage war grosse Revue vor dem Sultan; die ganze regelmässige
+Armee, circa 4000 Mann, musste in ziemlich guter Ordnung vor dem unter
+einem Baldachin sitzenden Sultan vorbeidefiliren; sobald eine Abtheilung in
+unmittelbare Nähe des Sultans kam, riefen sämmtliche Soldaten "Allah ibark
+amar Sidna", "der Herr segne die Seele unseres gnädigen Herrn". Die
+Anführer selbst präsentirten die Säbel, prosternirten sich und küssten den
+Boden. Sobald die Abtheilung des Hadj Asus herankam, defilirt und gerufen,
+und dann Hadj Asus seinen Gruss verrichtet hatte, wurde er in die Nähe des
+unbeweglich dasitzenden Sultans gerufen. Ursache war, dass ich mich seinem
+Zuge angeschlossen hatte, und mit Offizieren und Soldaten den Parademarsch
+mitmachte. Natürlich musste meine Erscheinung Aufsehen erregen, denn ich
+hatte einen ziemlich langen schwarzen Ueberrock an, der bis auf die Kniee
+reichte, darunter guckte die Unterhose kaum hervor, gelbe, recht abgenutzte
+Pantoffeln und ein rother Fes, das war meine übrige Bekleidung. Hadj Asus
+kam freudestrahlend zurück.
+
+Der Sultan hatte sich in der That über meine Persönlichkeit informirt; Hadj
+Asus hatte ihm gesagt, ich sei zum Islam übergetreten, habe vom
+Grossscherif eine Empfehlung gebracht und wünsche in die Armee als Arzt
+einzutreten: ein "Achiar" (Fi el cheir, d.h. das ist gut) war die Antwort
+des Sultans gewesen, und Hadj Asus war den ganzen Tag über ausser sich über
+das Glück, vom Sultan angeredet worden zu sein.
+
+Nach der Parade wurde ich sodann dem Kriegsminister vorgestellt, einem
+Schwarzen, Si Abd-Allah genannt, der besondere Meldungen unter einem
+schirmartigen Zelte sitzend entgegennahm. Er war sehr zufriedengestellt
+über meine Antworten und sagte, dass ich am folgenden Tage meine Anstellung
+zu erwarten habe. Am folgenden Tage wurde ich denn auch benachrichtigt, ich
+sei zum obersten Arzte der ganzen Armee seiner Majestät ernannt.
+
+Als Obliegenheit wurde mir bezeichnet, alle Soldaten, die sich krank
+meldeten, zu untersuchen und zu behandeln. Die Medicamente hatten sie von
+mir zu bekommen, mussten aber dafür zahlen, da mir überhaupt von der
+Regierung auch keine zur Disposition gestellt wurden. Mein Gehalt war
+täglich auf 2-1/2 Unzen angesetzt, ungefähr 3 bis 4 Groschen. So klein das
+nun auch klingt, so sind doch die Verhältnisse in Marokko derart, dass man
+damit recht gut existiren konnte, zumal mir volle Freiheit blieb,
+Privatpraxis zu treiben, wo und soviel ich wollte. Man kümmerte sich
+überdies nicht viel um mich. Mein Quartier hatte ich vorläufig beim Hadj
+Asus behalten; wenn ich aber den ganzen Tag von der "Mhalla" abwesend war,
+fragte Niemand danach. Ich sollte ein Pferd, Maulthiere, Diener zur
+Disposition erhalten, habe dieselben doch nie bekommen. Meine Nahrung hatte
+ich mir selbst zu beschaffen, es war das freilich meine wenigste Sorge,
+heute war ich Gast bei diesem, morgen bei jenem. Wenn gerade keine
+Hungersnoth in Marokko ist, hat ein lediger Mann dafür nicht zu sorgen.
+
+Nach einigen Tagen liess der Baschagouverneur von Fes, Ben-Thaleb, mich
+rufen. Er hatte von der Ankunft eines europäischen Arztes gehört, und
+selbst an chronischem Asthma leidend, bat er mich ihn zu behandeln, zu
+gleicher Zeit aber auch bei ihm Wohnung zu nehmen. Ich nahm diesen
+Vorschlag mit Freuden an. Hadj Asus hatte nichts dagegen, dass ich beim
+Bascha wohnte; dieser, einer der reichsten und einflussreichsten Beamten
+des ganzen Kaiserreiches, hatte wohl Anspruch auf seine Rücksicht.
+
+Um die Zeit kam denn auch Joachim Gatell, der vorhin erwähnte Spanier, der
+den Namen Smaël angenommen hatte, nach Fes. Er wurde Si-Mohammed-Chodja,
+einem andern Commandanten der regelmässigen Truppe zugetheilt, und erhielt
+bald darauf ein selbstständiges Commando über die Artillerie. Später
+sollten wir genauer mit einander bekannt werden, als es jetzt der Fall war.
+Denn der Sultan hatte nach Verlauf von ungefähr vier Wochen Befehl zum
+Aufbruche gegeben. Es war die Zeit des Residenzwechsels gekommen und der
+Sultan beschloss, das Hoflager und die "Mhalla" nach Mikenes zu verlegen.
+Natürlich durfte ich nun auch nicht in Fes bleiben, da alle Truppen mit
+Ausnahme derer, welche den beiden Gouverneuren beigegeben waren, mit dem
+Sultan fort mussten.
+
+Schwer würde es sein, ein richtiges Bild von diesem eigenthümlichen
+Ausmarsche zu entwerfen. Alles lief bunt durcheinander. Da waren die
+sogenannten regelmässigen Soldaten, in Begleitung ihrer Weiber (fast jeder
+Soldat ist verheirathet), Kinder und Sklaven. Kaufleute drängten sich
+dazwischen, hier bot einer Brod feil, hier Zwiebeln, dort hatte ein anderer
+ein Brettchen mit verschiedenen Fächern und Schachteln darauf; eine
+ambulante Gewürzkrambude, Zimmt, Pfeffer, Nelken u. dgl. war da zu haben.
+Hier bot einer Fleisch, dort Fische feil. Und da kam der Sultan selbst
+daher, ein grosser glänzender Haufe, die Minister, die höchsten Beamten des
+Landes umgaben ihn, ein langer, langer Tross beladener Maulthiere und
+Kameele folgte. Dann der Harem, über hundert Frauen und junge Mädchen,
+dicht verschleiert auf Maulthieren daherreitend, diese allein eine
+geschlossene Masse bildend, denn auf schnellen Pferden hielten die Eunuchen
+diese Lieblingsweiber des Herrschers zusammen. Es war dies gewissermassen
+der ambulante Harem des Sultans, die schönsten, jüngsten und fettesten
+Frauenzimmer der vier Harems von Fes, Mikenes, Arbat und Maraksch, meist
+Kinder von 12 bis 15 Jahren. Endlich kam die grosse Abtheilung der
+Maghaseni, der unregelmässigen jedoch besoldeten Cavallerie; es mochten
+wohl 10000 Pferde zugegen sein. Man denke sich nun diesen Menschen- und
+Thierknäuel ohne Ordnung und einheitliche Leitung in Bewegung, der eine
+schnell, der andere langsam, der hier marschirend, der dort, dieser hier
+laufend, jener langsam seinen Weg fortsetzend, wie ein Jeder es eben für
+gut fand.
+
+Als wir, ich befand mich unter den Ersten, Mikenes erreichten, war der
+ganze Weg zwischen Fes und Mikenes noch mit Menschen und Thieren
+überschwemmt, denn als die ersteren in letzterer Stadt eintrafen, waren
+noch lange nicht alle von Fes aufgebrochen. Zwei Tage dauerte es, bis die
+ganze Armee, vielleicht in allem etwa 40,000 Menschen, eingetroffen waren,
+und das Terrain zwischen beiden Städten ist derart eben und schön, derart
+ohne alle Hindernisse, dass man fortwährend mit mehreren Armeen, fast
+möchte ich sagen im Frontmarsche von einer Stadt zur andern marschiren
+kann. Die Armee lagerte an der Aussenseite der Stadt, der Sultan selbst
+bezog sein Palais.
+
+Was mich anbetrifft, gebunden, da zu sein, wo die Armee ist, hatte ich
+andererseits Freiheit genug, wohnen zu können wo ich wollte, und miethete
+deshalb in einem Funduk der Stadt ein Zimmer zum Wohnen, während ich
+andererseits ein "Hanut", Bude, in der belebtesten Strasse in Gemeinschaft
+mit einem Franzosen, Namens Abd-Allah bezog. Ich prakticirte oder hielt ein
+Polyclinicum ab. Meine Medicamente bestanden wie die der marokkanischen
+Aerzte aus einem grossen Kohlenbecken, mit Eisenstäben zum Weissglühen, aus
+grossen Töpfen mit Salben, Kampheröl, Brechpulver, Abführungsmitteln und
+verschiedenen unschädlichen gefärbten Mehlpulversorten für Hypochonder und
+hysterische Kranke. Und was nie und nirgends in Marokko gesehen war: ich
+hatte ein grosses Aushängeschild; darauf hatte Smaël (Joachim Gatell) mit
+grossen und schönen Buchstaben gemalt: "Mustafa nemsaui tobib ua djrahti",
+d.h. Mustafa der Deutsche, Arzt und Wundarzt. Es ist kaum zu glauben, welch
+Aufsehen es erregte in einem Lande, wo die Annoncen, Anzeigen,
+Aushängeschilde noch nicht etwa in der Kindheit liegen, sondern wo sie noch
+gar nicht geboren sind, ein solches Schild zu führen. Von Morgens früh bis
+Abends spät stand Jung und Alt, Vornehme und Geringe, Männer und Weiber vor
+der Bude, und buchstabirten (lesen kann Niemand in Marokko, aber
+buchstabiren können alle Städter) die langen arabischen Buchstaben, welche
+zwei grosse Bogen Papier einnahmen. Der Erfolg war vollständig.
+
+Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich mich mit einem Franzosen Namens
+Abd-Allah zusammengethan hatte, weil ich allein nicht die Miethe für die
+Bude von Anfang an zu Stande bringen konnte. Dieser Franzose, ein
+ehemaliger Spahisoffizier, war vor ungefähr zwanzig Jahren mit der Casse
+seiner Compagnie nach Marokko entflohen, hatte bei dem vorletzten Sultan
+Muley-Abd-er-Rahman gute Aufnahme gefunden, sein Geld (wie er selbst
+angab 20,000 Franken) mit liederlichen Dirnen in Saus und Braus, aber in
+einigen Jahren durchgebracht. Hernach hatte er sich dem Hofe
+angeschlossen, hatte natürlich geheirathet und lebte nun von
+mechanischen Fertigkeiten. So behauptete er, der Introducteur des
+soufflets in Marokko zu sein, und seine damalige Beschäftigung bestand
+darin, neue Püster anzufertigen, alte auszubessern. Von Zeit zu Zeit
+pflegte er nach irgend einem Hafenplatz zu gehen, von wo er sich neue
+Vorräthe holte. Ohne besonderes Wissen, trotzdem er darauf pochte,
+französischer Offizier gewesen zu sein, war er ein harmloser Mensch, was
+man nicht immer von den übrigen Renegaten sagen kann. Er war übrigens
+vollkommen durch seinen langen Aufenthalt in Marokko marokkanisirt, und
+liess den Rosenkranz auf ebenso scheinheilige Art und Weise durch die
+Finger gleiten, wie der beste Thaleb oder Faki es nur kann.
+
+Aber sonderbar genug sah unsere Bude aus, auf der einen Seite arbeitete der
+Franzose Püster, auf der andern Seite quacksalberte ich, denn so muss ich,
+wenn ich aufrichtig sein will, meine ärztliche Praxis in Marokko nennen.
+
+Das ausgehängte Plakat, dann überhaupt die Ankunft eines europäischen
+Arztes, hatten indess viel Lärm gemacht, und der Ruf davon war bis zu den
+Ohren des ersten Ministers, Si-Thaib-Bu-Aschrin, gedrungen. Eines Abends
+kamen einige seiner Diener und ergriffen meine Hand; ich hatte kaum noch
+Zeit, den Franzosen Abd-Allah zu bitten, als Dolmetsch mit zu kommen, und
+fort ging's. Wir trafen Si-Thaib gerade beim Nachtmahl mit mehreren anderen
+Beamten des Hofes, die seine Gäste waren. Im äussersten Winkel des Zimmers
+spielten drei Musikanten auf einer Rheita, Kuitra und Erbab. Si-Thaib lud
+uns beide gleich ein, mit an die Maida (kleiner flacher Tisch) zu rücken,
+aber Abd-Allah dankte für sich und mich, und wir zogen uns, während die
+hohen Würdenträger von einer Schüssel zur andern übergingen, in ein
+Nebenzimmer zurück, und bald darauf brachten uns Sklaven die angebrochenen
+Schüsseln, worin allerdings noch reichliche und recht gut zubereitete
+Speisen sich befanden, die mir aber widerlich zu berühren waren, weil jene
+Würdenträger, so hoch sie nun auch in Marokko sein mögen, mit ihren kaum
+gewaschenen Händen darin herum gerührt hatten. Anstandshalber _musste_
+ich aber einige Bissen von jeder Schüssel nehmen, und dabei nicht
+vergessen, die Grossmuth Si-Thaib's und die Güte der Speisen zu preisen.
+Abd-Allah sagte mir dann auch, es würde sehr unschicklich gewesen sein,
+hätten wir die Einladung Si-Thaib's, mit ihm zu essen, angenommen, er würde
+aber jetzt über unsere Bescheidenheit und unser Savoir-vivre hoch erfreut
+sein.
+
+Das Zimmer, worin Si-Thaib sich aufhielt, war eine sogenannte Mensa,
+d.h. ein Gemach im ersten Stocke. Lang, wie alle marokkanischen Zimmer,
+war es elegant möblirt, d.h. durch das Zimmer zog sich ein weicher
+Beni-Snassen-Teppich, und der hohen ogivischen Thür gegenüber waren noch
+andere Teppiche auf diesem. Hierauf lagen sodann wollene Matratzen und
+Kissen. Mehrere Lampen von Messing, alterthümlich gestaltet, hingen von
+der Decke des Zimmers und auch einige silberne Leuchter mit
+Stearinkerzen brannten in den Nischen. Der Plafond des Zimmers war bunt
+bemalt, und an den Wänden desselben Arabesken in Gyps.
+
+Als auch wir abgegessen hatten, wurden wir ins Zimmer gerufen und durften
+am Thee theilnehmen, der nur in kleinen aus sehr feinem Porzellan
+bestehenden Tässchen herumgereicht wurde. Si-Thaib hielt mir sodann seine
+Füsse hin und fragte mich, was Krankes daran sei. Abd-Allah, der Franzose,
+hatte mir vorher schon mitgetheilt, der Minister leide an Podagra ich hatte
+also eine leichte Mühe, ihm seine Krankheitserscheinungen zu sagen. Dennoch
+befühlte ich die Füsse vorher genau, fragte nach einigen anderen Umständen,
+um der ganzen Sache mehr Ansehen zu geben, und als ich ihm dann
+schliesslich sagte, er hätte die Ministerkrankheit (mrd el uïsirat wird in
+Marokko das Podagra genannt), war er höchst erfreut, dass ich seiner
+Meinung nach aus blossen äusseren Kennzeichen seine Krankheit erkannt
+hatte.--Er fragte mich sodann, ob ich Anhänger der heissen oder der kalten
+Mittel sei (nach Meinung der Marokkaner haben die Medicamente entweder
+erhitzende oder abkühlende Eigenschaften), und als ich mich für die ersten
+erklärte, fand ich, dass ich auch darin seinen Geschmack getroffen hatte.
+
+Si-Thaib entliess uns huldvollst und fügte beim Abschied hinzu, ich solle
+am andern Tage eine seiner Wohnungen beziehen, um ihn an seinem Podagra zu
+behandeln. Aber es sollte anders kommen, schon am folgenden Tage früh kamen
+Maghaseni vom Dar es Ssultan (Palast des Sultans) mit der Weisung, rasch
+dahin zu kommen; kaum liess man mir Zeit, die Pantoffeln anzuziehen und den
+Burnus umzuhängen. Dort angekommen, erklärte mir ein Beamter des Sultans,
+Ben Thaleb, der Gouverneur von Alt-Fes, habe an den Sultan geschrieben, ob
+ich nicht zurückkehren dürfe, um ihn zu behandeln, der Kaiser habe diese
+Bitte gewährt und ich habe auf der Stelle abzureisen. Mein Protest, nach
+Hause zurückkehren zu müssen, um meine Sachen zu holen, um die Medicamente
+mitzunehmen, um den Bekannten Lebewohl zu sagen, alles das half
+nichts; die Antwort war immer: "der Sultan hat gesagt, du solltest
+_gleich_ abreisen, also _musst_ du auch _gleich_ abreisen". Ein
+gesatteltes Maulthier stand bereit, ein Maghaseni zu Pferde war als
+Begleiter da, und so musste ich fort, wie ein Packet ohne eigenen Willen.
+Da der Sultan befohlen hatte, selben Abends noch in Fes anzukommen, wurde
+scharf geritten, und vor Sonnenuntergange war die Hauptstadt erreicht und
+bald darauf war ich wieder beim Gouverneur der Alt-Stadt.
+
+Ich hatte indess einen guten Tausch gemacht, Ben-Thaleb sorgte dafür,
+einen Dolmetsch kommen zu lassen, einen eingeborenen Algeriner Thaleb,
+Namens Si-Abd-Allah, der leidlich gut Französisch verstand, ich bekam
+eine gute Wohnung, Pferde, Maulthiere, Diener zur Disposition; Essen und
+der dazu gehörende Thee wurden vom Bascha geschickt, und ich hatte dafür
+weiter keine Verpflichtung, als mich täglich eine oder zwei Stunden mit
+dem Bascha zu unterhalten. Dass ich bei diesem mehrmonatlichen
+Aufenthalt in Fes hinlänglich Gelegenheit hatte, die Stadt kennen zu
+lernen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+8. Die Hauptstadt Fes
+
+ * * * * *
+
+Die Hauptstadt des Sultans von Marokko ist nur von wenigen Europäern
+besucht worden, ebenso dürftig sind die Nachrichten, welche Augenzeugen
+davon gegeben haben. Am ausführlichsten, fast weitschweifig, handelt Leo
+von Fes, nächst ihm giebt eine auf eigener Anschauung beruhende
+Beschreibung der spanische General Badia (Ali Bey-el-Abassi). Alle anderen
+Berichte über Fes beruhen nur auf Kundschaft und Hörensagen.
+
+Ob der Ort, wo heute Fes steht, von den Römern bewohnt war, ist nach so
+wenigen Untersuchungen schwer zu entscheiden, aber höchst wahrscheinlich.
+Die Lage ist so ausgezeichnet, so für eine Stadt in jeder Beziehung
+anlockend, dass eine so günstige Position den Alten gewiss nicht entgangen
+ist. Ueberdies haben wir in der Nähe Punkte, welche wir mit Sicherheit als
+von den Römern bewohnte kennen. Wir erkennen die Stadt Volubilis im
+heutigen Serone, eine Stadt, die zur Zeit Leo's Gualili oder Walili hiess,
+und von der er sagt, dass sie ausser dem Grabmale vom älteren Edris nur
+drei oder vier Häuser habe. Heute nun ist Walili oder, wie sie jetzt
+genannt wird, Serone, ein Städtchen von 4-5000 Einwohnern, und das Grabmal
+Mulei Edris-el-Kebir, wie der Vater des Gründers der Stadt Fes genannt
+wird, ist noch immer ein berühmter Wallfahrtsort. Wir haben sodann in den
+Aquae Dacicae einen sicheren Anhaltepunkt in der Nähe von Fes; können wir
+uns genau auf das Itinerarium Antonini verlassen, so würden wir nicht
+anstehen, Fes das alte Volubilis zu nennen, denn die Entfernung, 16 Mill.,
+stimmt genau mit den berühmten heissen Schwefelquellen von Ain
+Sidi-Yussuf[78], die sich nördlich zu West von Fes befinden. Die Aquae
+Dacicae sollen nach dem Itinerarium Antonini 16 Mill. nördlich von
+Volubilis gelegen sein. Die alten Aquae Dacicae, jetzt Ain-Sidi-Yussuf
+genannt, sind heute noch die berühmtesten Thermalen von Marokko.
+
+ [Fußnote 78: ain = Quelle.]
+
+Die heutige Stadt Fes wurde nach Leo im Jahr 185 der Hedschra von Edris
+gegründet, dieser war ein naher Verwandter von Harun-al-Raschid und ein
+noch näherer von Mohammed selbst, denn Edris war Enkel von Ali, dem
+Schwiegersohn Mohammed's. Edris' Vater selbst ist jener
+Edris-ben-Abd-Allah, der aus Jemen gekommen war und sich in Walili
+niedergelassen hatte, sein Sohn wurde ihm erst nach seinem Tode von
+einer gothischen Sklavin geboren. Renou giebt an, Edris habe die Stadt
+793 n. Chr. gegründet, welches Jahr mit dem 177. Jahre der Mohammedaner
+correspondirt Marmol lässt Fes an Jahre 793 n. Chr. erbaut werden,
+stimmt aber irrthümlicher Weise dieses Jahr mit dem 185. Jahre der
+Hedschra. Während noch Andere für das Gründungsjahr von Fes 808 n. Chr.
+ansetzen, verlegt Dapper es auf das Jahr 801 n. Chr. Es geht hieraus
+hervor, dass wir nicht ganz mit Bestimmtheit das Jahr angeben können,
+sondern uns damit begnügen müssen, zu wissen, dass die Stadt gegen das
+Ende des 8. oder im Anfange des 9. Jahrhunderts gegründet wurde.
+
+Ebenso unbestimmt sind die Angaben, woher der Name Fes kommt. Leo leitet
+den Namen davon her, weil bei den ersten Grabstichen die Gründer Gold,
+Silber (Fodda oder Fedda) gefunden hätten; Andere meinen, die Stadt habe
+den Namen vom Flüsschen gleichen Namens, was die Stadt durchschneidet, noch
+Andere leiten den Namen der Stadt von Fes her, was im Arabischen eine
+"Hacke" bedeutet. Was die Schreibart anbetrifft, so finden wir ebensowenig
+Uebereinstimmung; Einige schreiben Fes, Andere Fas, noch Andere Fez, und
+doch dürfte Fes die alleinig richtige sein, wenn wir die arabische Schreib-
+und Aussprechungsweise zu Grunde legen.
+
+Fes liegt nach Ali Bey auf dem 34° 6' 3" nördl. Breite, dem 7° 18' 30"
+östl. Länge von Paris, und da bis jetzt keine anderen Bestimmungen
+vorliegen, so müssen wir diese festhalten.
+
+Es herrscht eine grosse Confusion über die örtliche Lage von Fes. So sagt
+Leo: "Die Stadt besteht fast ganz aus Bergen und Hügeln; nur der mittelste
+Theil ist eben, und Berge sind auf allen vier Seiten." Ali Bey: "Die Stadt
+Fes ist auf den Abhängen verschiedener Hügel gelegen, welche die Stadt von
+allen Seiten, mit Ausnahme von Norden her, umgeben." Thatsache ist, dass
+Fes, als Ganzes betrachtet, denn die Stadt besteht aus zwei vollkommen
+getrennten Städten, von allen Seiten, mit Ausnahme vom Süden her, von
+Bergen umschlossen ist. Ebenso werden die die Stadt durchziehenden Gewässer
+unter verschiedenen Namen aufgeführt, und es hat dies zum Theil seinen
+Grund darin, dass die Araber in sehr vielen Fällen für einen und denselben
+Fluss verschiedene Benennungen haben, je nach seiner Quelle, nach seinem
+mittleren oder unteren Laufe. So hat denn das kleine Flüsschen, welches
+südwestlich von Fes etwa 20 Kilometer entfernt entspringt, zuerst den Namen
+Ras-el-ma, ändert aber den Namen, sobald es die Stadt erreicht, in Ued-Fes
+um; es verbindet sich dieses Flüsschen mit einem stärkeren, aus Südost
+kommenden Flusse zwischen Neu- und Alt-Fes, und beide durchströmen nun die
+Stadt ebenfalls unter dem Namen Ued Fes, um später Ued Sebu genannt zu
+werden. Der grössere Fluss, der von Süd-Süd-Ost in Neu-Fes eindringt,
+heisst aber oberhalb der Stadt, wie ich auf meiner zweiten Reise in Marokko
+constatiren konnte, ebenfalls Ued Sebu. Wenn noch andere Namen aufgeführt
+werden für diese Wässer, als von Renou Oued el Kant'ra (Brückenfluss), von
+dem Renou glaubt, es sei dies der von Edris genannte Fluss Ued S'enhâdja,
+oder von Graberg von Hemsö Vad-el-Gieuhari und Vad-Matrusin, oder von
+Marmol Ouad-el-Djouhour (Perlenfluss), so muss ich gestehen, dass diese
+Namen mir während meines Aufenthalts in Fes nicht bekannt geworden sind.
+
+Die Stadt präsentirt sich also derart, dass sie fast mit von Norden nach
+Süden (mit etwas von Nordwest nach Südwest geneigter) gerichteter Achse
+gelegen ist und aus zwei Städten besteht, Fes-el-bali[79], Alt-Fes, und
+Fes-el-djedid, Neu-Fes. Beide Städte aber liegen keineswegs dicht neben
+einander, sondern sind durch eine zwei Kilometer lange Strasse, aufs
+dichteste von Häusern bestanden, verbunden, so dass es, von oben gesehen,
+das Aussehen hat wie zwei getrennte Städte, welche communiciren durch eine
+eng gebaute Strasse. Alt-Fes bildet den nördlichen Theil und ist mit
+Ausnahme von Süden her von Bergen umschlossen, zum Theil namentlich nach
+Osten zu an die Bergwand hinaufgebaut, Neu-Fes bildet den südlichen
+Stadttheil und liegt vollkommen in einer Ebene. Nördlich von Neu-Fes
+verbinden sich der Sebu und das von Ras-el-ma[80] kommende Wässerchen, um
+Alt-Fes zu durchfliessen, Alt-Fes wird so in zwei Hälften getheilt, durch
+sechs steinerne Brücken mit einander verbunden, die westliche Seite ist die
+kleinere. Beide Städte sind mit 30-40 Fuss hohen Mauern umgeben, welche von
+etwa 500 zu 500 Schritt mit viereckigen hervorspringenden Thürmen versehen
+sind. Die Mauern sind an der Basis zwei Meter und mehr dick, verjüngen sich
+nach oben zu einem Meter, und haben auf der Zinne einen Umgang, geschützt
+durch eine etwa 5 Fuss hohe und 1-2 Fuss dicke crenelirte Mauer. Die Thürme
+selbst sind eingerichtet, Geschütze aufnehmen zu können.
+
+ [Fußnote 79: Fes-el-bali sollte eigentlich Fes-el-kedim heissen, denn
+ das Wort kedim entspricht genau unserm "alt", während "bali" mehr
+ das "abgenützt" in sich schliesst.]
+
+ [Fußnote 80: Ras-el-ma heisst eigentlich weiter nichts als Kopf des
+ Wassers d.h. Quelle.]
+
+Die Mauer von Alt-Fes sowie die Thürme befinden sich in äusserst
+mangelhalftem Zustande, die von Neu-Fes ist besser erhalten, und ist an
+manchen Stellen eine doppelte, so namentlich nach Südwesten und Süden zu,
+wo die äussere Mauer ausserdem 80 Fuss hohe Thürme hat.
+
+Die Mauern sowohl wie die Thürme sind aus einer gegossenen oder vielmehr
+gestampften Masse aufgeführt, welche zwischen Brettern eingestampft wird
+und an der Luft, mit Kalk und Cement vermischt, eine grosse Härte erlangt.
+Die Ecken, Bogen, Seiten der Thore sind indess aus behauenen Steinen
+hergestellt, denn die Masse, so widerstandsfähig sie im grossen Ganzen auch
+ist, so leicht zerbröckelt sie doch an den Ecken und Kanten. Aus eben
+dieser Masse sind auch die meisten grossen Gebäude hergestellt, viele aber
+auch aus im Feuer gebrannten Ziegeln; gerundete Dachziegel endlich sind das
+Material, das man zur Bedeckung der Moscheen genommen hat; die Wohnhäuser
+verlangen solche nicht, da alle platte Dächer haben.
+
+Wenn auf diese Art die Stadt gegen Landesfeinde vollkommen geschützt
+erscheint--denn so sehr die Mauern auch Verfall drohen, würden sie dennoch
+Schutz gegen regellose Angriffe gewähren--, so wenig haltbar würde sich Fes
+einem Angriffe irgend einer europäischen Macht gegenüber zeigen. Selbst die
+beiden Forts ausserhalb der Stadt tragen nichts zum Schutze gegen einen
+Angriff von aussen her bei, weil sie selbst von anderen Anhöhen von
+nächster Nähe aus beherrscht sind. Das eine dieser Forts liegt im Südosten
+der Stadt auf einer Anhöhe und ist ein mit vier Bastionen versehenes
+Viereck, offenbar von ehemaligen europäischen Renegaten nach Vauban'schem
+System recht gut angelegt. Im Westen der Stadt auf der nächsten Anhöhe
+befindet sich eine Lunette, diese letztere, nach der Stadt zu in ihrer
+Kehlseite nur durch Pallisaden geschlossen, ist wie das vorhin erwähnte
+Quadrilatär aus behauenen Steinen erbaut, und beide sind überdies mit
+tiefen Gräben versehen. Ob diese Steine, welche grosse Quadern aus
+Sandstein sind, eigens zu diesen Bauten gehauen worden sind oder von alten
+Römerwerken herstammen, konnte ich nicht erfahren; wäre letzteres der Fall,
+so wäre das ein Beweis mehr, an der jetzigen Stelle von Fes eine alte
+Römerniederlassung, vielleicht Volubilis, suchen zu müssen. Keines der
+beiden Forts hatte Kanonen im Jahr 1861/62, und beide waren auch ohne jede
+Bewachung.
+
+Die Stadt Fes wird in 18 Quartiere getheilt, von denen zwei auf die
+Neustadt, die übrigen auf Alt-Fes kommen, davon hat Alt-Fes sieben Thore,
+inclusive des nach der Neustadt zu führenden, während Neu-Fes nur drei hat,
+von denen das eine auf Alt-Fes gerichtet ist. Der Länge nach wird die Stadt
+von einer Strasse durchschnitten, welche hinlänglich breit ist, denn
+überall können vier oder fünf Menschen neben einander gehen, oft auch noch
+mehr. Die Gässchen aber, die sich von dieser Hauptstrasse in die
+verschiedenen Quartiere hinschlängeln, sind äusserst schmal, manchmal so
+eng, dass zwei sich Begegnende sich an einander vorbeidrücken müssen. Es
+sind dann zahlreiche Plätze vorhanden, aber kein einziger mit Ausnahme des
+grossen Platzes in Neu-Fes, der sich vor dem Palaste des Sultans befindet,
+welcher mehr als 500 Menschen aufnehmen könnte, wenn sie dichtgedrängt bei
+einander stehen. Hierdurch erlangt die Stadt ein äusserst düsteres
+Aussehen, was noch dadurch vermehrt wird, dass kein einziges Haus nach der
+Strassenseite Fenster hat, und fast alle zwei oder drei Stockwerke hoch
+sind.
+
+Ein grosser Uebelstand ist auch der, dass man gar keine Pflasterung in Fes
+kennt, man ist im Sommer einem entsetzlichen Staube ausgesetzt und hat im
+Winter die grösste Mühe, durch den tiefen Schmutz fortzukommen. Gegen
+diesen haben allerdings die Bewohner eine eigene Art Holzschuhe erfunden
+mit 2-3 Zoll hohen Absätzen unter dem Hacken und den Fussspitzen, aber oft
+reichen selbst diese nicht aus. Auch in Tunis, wo ähnliche Verhältnisse
+während der nassen Jahreszeit sind, hat man diese Holzunterschuhe, die
+unter dem gewöhnlichen Schuhzeuge befestigt werden, und wie alt ihr
+Gebrauch ist, geht daraus hervor, dass schon Leo ihrer erwähnt.
+
+Das Innere der Häuser ist oft sehr hübsch eingerichtet, obgleich man
+natürlich an Möbel, wie sie bei uns in Gebrauch sind, nicht denken muss.
+Der Marokkaner will gar keinen Fortschritt, so wie seine Väter gelebt
+haben, will auch er leben, und Neuerungen einführen, ist die grösste Sünde.
+So sind denn auch alle Einrichtungen so, wie sie vor Hunderten von Jahren
+gewesen sind. Gelangt man durch eine starke, meist dick mit Eisen
+beschlagene Thür durch einen umgebogenen Gang[81] in das innere einer
+Wohnung, so kommt man zuerst auf einen mehr oder weniger grossen nach oben
+offenen Hofraum, der meist viereckig von Form ist. Bei Reichen und Armen
+ist dieser Raum gepflastert, oft mit Marmorfliessen (weche [welche] von
+Spanien und Portugal kommen), meist aber mit Sleadj. Es sind dies kleine
+Fliesse mit bunt glasirter Farbe, und da sie in allerlei Formen hergestellt
+werden, sternartig, dreieckig, viereckig etc., so legen die Erbauer die
+hübschesten Muster damit zusammen. Eine einzelne Sleadj ist nicht grosser
+als 1-2 Zoll Seitenlänge; man verfertigt sie in Fes selbst. Auch die
+Zimmerböden sind meist aufs reizendste mit diesen Sleadj ausgelegt.
+
+ [Fußnote 81: Ein gerader Gang darf von der Strasse nicht ins Innere
+ des Hauses führen, weil sonst, bliebe ja einmal aus Versehen die
+ Hausthür offen stehen, der Blick eines Fremden in den Hofraum fallen
+ könnte.]
+
+In der Mitte des Haushofes befindet sich ein springender oder jedenfalls
+fliessender Quell, auch in der ärmsten Wohnung fehlt er nicht. Bei den
+Reichen befinden sich zu dem Ende meist hübsche Marmorbecken, welche
+ebenfalls aus Europa bezogen werden, im Hofe. Die Vertheilung des Wassers
+in der Stadt ist nämlich so ausgezeichnet, dass Canäle weit oberhalb der
+Stadt von den Flüssen abgeleitet sind, und so auch die höchsten Stadttheile
+mit reinem Wasser versorgen. In Neu-Fes hat man an einem Canal sogar grosse
+Räder erbaut, welche, wie in Italien die Bewässerungsräder, mittelst ihrer
+eigenen vom Wasser bewirkten Umdrehung Wasser auf die Höhe schaffen. Nach
+Leo sollen diese Wasserräder schon 100 Jahre vor seiner Ankunft in Fes
+gewesen sein und von einem Genueser herrühren.
+
+Ebenso gut ist für die Abführung der Unreinigkeiten aus den Häusern
+gesorgt, das lebendige Wasser führt allen Unrath mittelst kleiner
+unterirdischer Canäle in den Ued Fes[82].
+
+ [Fußnote 82: Leo giebt an: es seien über 150 öffentliche Latrinen in
+ Fes, und sämmtliche wurden durch fliessendes Wasser von selbst
+ reingehalten. Ob so viele in Fes sind, kann ich nicht behaupten,
+ jedenfalls wird, da man in allen marokkanischen Städten, auch in den
+ Oasen, öffentliche Latrinen findet, auch wohl in Fes dafür gesorgt
+ sein. Man findet sie übrigens nicht nur mit Moscheen verbunden,
+ sondern häufig auch ganz unabhängig von solchen.]
+
+Die Zimmer der Häuser, von denen sich in der Regel drei oder vier auf den
+Hofraum öffnen, sind stets sehr lang, sehr hoch, aber auch nie breiter, als
+dass ein grosser Mensch der Breite nach darin liegen kann. Grosse und hohe
+Thüren, wie immer mit hufeisenförmigen Bogen führen zu den Zimmern; im
+Sommer und bei gutem Wetter sind sie offen, im Winter verschlossen, und man
+gelangt durch eine kleine Thür, eine Art Schlüpfthür (Poterne), welche sich
+in jeder grossen befindet, ins Zimmer. An beiden Seiten der Thür sind
+manchmal kleine viereckige, oder auch ogivische stark vergitterte Fenster,
+Glasscheiben hat man erst in letzter Zeit angefangen einzuführen, Möbel
+nach unserem Sinne sind nirgends vorbanden. Bei den Reichen findet man
+Teppiche, Wollmatratzen, feine Matten, und auch die Wände der Zimmer 3-4
+Fuss hoch mit hübschen Matten ausgeschlagen; auch manchmal Betten an den
+Enden der Zimmer auf europäischen Bettstellen, aber diese werden mehr als
+Luxus, als Schmuck betrachtet, es würde nie Jemandem einfallen, darin zu
+schlafen.
+
+Die Wände der Zimmer sind weiss ausgekalkt, aber unterhalb des Plafond
+laufen manchmal Arabesken herum, oft in Form von Koransprüchen.
+
+Die Plafonds der Zimmer sind bunt bemalt, oft azur mit Gold, oft aber auch
+mit Holzschnitzerei bedeckt oder mit Holzstückchen ausgelegt. In den Wänden
+sind häufig nischenartige Vertiefungen angebracht, welche als Schränke
+dienen; ebenso findet man bei der wohlhabenden Classe Holzschränke, oft aus
+sehr hübschen Holzschnitzwerken gearbeitet, oder mit Perlmutterstückchen,
+Elfenbein oder Ebenholzstückchen ausgelegt.
+
+Während im Hofe rings um die inneren Wände ein durch steinerne Säulen
+getragener Bogengang läuft, der zugleich Schatten gegen die senkrechte
+Sonne gewährt, dient dieser Bogengang für das zweite Stockwerk als
+Vorplatz, von dem aus man in die Zimmer gelangt; und ist noch ein drittes
+Stockwerk vorhanden, so gehen die Gallerien ebenfalls höher. Die oberen
+Zimmer unterscheiden sich in der Anordnung durch nichts von den unteren;
+ganz oben auf dem platten Dache, welches aus gestampfter und cementirter
+Erdmasse besteht, befindet sich manchmal noch ein Zimmer, Mensa genannt;
+hier geben die Frauen vorzugsweise ihre Gesellschaften. Der Zugang nach
+oben geschieht mittelst Treppen, die immer sehr schmal, und, wenn im Innern
+des Hauses, niedrig angelegt sind; aber so sehr man darauf sieht, den Raum
+in Breite und Höhe bei der Treppe zu beschränken, so wenig sieht man
+darauf, die Absätze selbst kurz zu machen; im Gegentheil, diese sind so
+hoch, dass manchmal ein ausserordentlicher Kraftaufwand erforderlich wird,
+um einen Absatz zu ersteigen.
+
+Von aussen werden die Häuser bisweilen durch anstrebende Pfeiler verstärkt
+oder durch Bogengänge auseinandergehalten; es trägt dies keineswegs dazu
+bei, die ohnehin schon schmalen Gassen passirbarer zu machen, und wo man ja
+einmal eine etwas breitere Strasse antrifft, kann man sicher sein, dass die
+Anwohner dies derart durch Ueberbauen der zweiten und dritten Etage benutzt
+haben, dass die breiteren Strassen hiedurch fast zu den dunkelsten gemacht
+sind.
+
+Nachts werden nicht nur die Stadtthore geschlossen, sondern auch die Thore,
+welche die verschiedenen Quartiere von einander trennen, und da die
+Quartiere gemeiniglich durch mehrere Strassen mit einander communiciren, so
+kann man sich denken, wie viele Thore alle Abende verschlossen werden
+müssen. Man sagt: es sei dies eine Sicherheitsmassregel, und hauptsächlich
+sei dieselbe gegen Diebe gerichtet. In der That wird dadurch alle
+Communication Nachts aufgehoben; nach dem l'Ascha (das letzte Gebet) ist es
+unmöglich, aus seiner Strasse oder seinem Quartier herauszukommen. Während
+des Chotba-Gebetes am Freitag werden ebenfalls alle Thore abgeschlossen,
+nicht nur in Fes, sondern in allen Städten Marokko's, ja im ganzen Rharb
+(die arabischen Geographen rechnen alles Land westlich vom Nil zum Rharb,
+d.h. dem Westen, alles östlich davon zum Schirg, d.h. dem Osten) herrscht
+diese Sitte, wie ich später in Rhadames, Tripolis, Bengasi, Tunis und
+anderen Städten zu erfahren Gelegenheit hatte. Es soll dies deshalb
+geschehen, weil einer alten Sage zu Folge sich um die Zeit des
+Chotba-Gebetes die Christen der mohammedanischen Städte bemächtigen
+würden. Wahrscheinlich ist es aber ein alter Brauch der Regierungen, die
+sich dann mit ihrer ganzen Macht in den Moscheen befinden und sich so
+gegen ihr eigenes Volk sichern wollen.
+
+An öffentlichen Gebäuden der Stadt sind die Paläste des Sultans, die
+Moscheen, die Funduks, Bäder und Grabstätten hervorzuheben.
+
+Der grosse Palast des Sultans nimmt den ganzen südwestlichen Theil von
+Neu-Fes ein; von dem Innern dieses Gebäudes kann ich nur wenig
+berichten, da ich hier nicht dem Leser die übertriebenen Beschreibungen
+der Bewohner von Fes wiedergeben mag, die mehr nach Fabeln aus 1001
+Nacht klingen, als auf Wirklichkeit beruhen. Grossartige Ruinen deuten
+allerdings auf einstige grossartige Bauten hin, aber _alle_ Bauten der
+Mohammedaner haben das Eigenthümliche, dass sie meist schon _gleich_
+nach dem Entstehen ein ruinenhaftes Aussehen bekommen. Der Palast
+besteht eigentlich aus weiter nichts als vielen grossen mit Arkaden
+versehenen Höfen mit Springbrunnen, auf welche sich die Zimmer öffnen,
+Pferdeställe, Bedientenstuben, Wachtzimmer, Empfangshöfe--diar el
+meshuar genannt--wechseln damit ab. An der südöstlichen Ecke, durch hohe
+Mauern von den übrigen Theilen des Palais getrennt, befindet sich das
+Harem, welches Platz für mehr als 1000 Frauen hat. Zwischen der
+kaiserlichen Wohnung und der südwestlichen Stadtmauer befindet sich ein
+grosser Garten, in welchen ich mehrere Male Zutritt bekam. Man findet
+hier fast alle feineren europäischen Gemüse, auch Blumenkohl,
+Artischocken und dgl. Von langen geraden Gängen durchschnitten, sind
+diese an den Seiten eingefasst von Beeten mit Rosen, Jasmin und Luisa,
+und fast alle Wege sind zu Tunnels und Laubengängen umgeschaffen, wo die
+rankenden Weinreben kühlenden Schatten gewähren. Eine kleine Veranda,
+vor einem Theil des Palais gelegen--und davor ein besonderes
+abgeschlossenes Gärtchen, worin nur Blumen gezogen werden, dienen zum
+Privatgebrauche des Kaisers.
+
+Ein zweiter Palast des Sultans ist zwischen Neu- und Alt-Fes gelegen und
+hat den etwas sonderbaren Namen Bu-Djelud[83]. Es ist dies, abgesehen von
+dem halbverfallenen Aussehen, ein hübsches Gebäude, und,
+eigenthümlicherweise im Renaissancestyl, vermischt mit maurischer
+Architektur errichtet, was wohl daher rührt, dass europäische Renegaten die
+Erbauer waren. Es gelang mir leider nicht (da der Sultan in Mikenes war),
+in das Innere zu kommen; ebenso war mir auch der Garten verschlossen,
+welcher damit verbunden ist, und dessen herrliche Baumgruppen, aus denen
+schlanke Palmen hervorragten, ich oft im Vorübergehen bewunderte. Dieser
+Garten war den Damen des Harems reservirt.
+
+ [Fußnote 83: Bu-Djelud heisst Vater der Felle; wahrscheinlich befand
+ sich hier am Flusse--denn dieser Palast liegt hart am Ued-Sebu--eine
+ Gerberei. Eine ähnlich sonderbare Benennung hat ja auch der Palast
+ der französischen Herrscher in Paris: Tuilerie.]
+
+Eine halbe Stunde von Neu-Fes entfernt, nach dem Süden zu, befindet sich
+eine sultanatliche Wohnung, von einem äusserst grossen und mit hoher Mauer
+umringten Garten umgeben; in diesem Gebäude hält sich der Sultan manchmal
+auf, um die Sommerfrische zu geniessen; zum Theil wohnen sodann die
+Minister, die Grossen des Reichs, die Gouverneure der Provinzen, welche zum
+Besuch anwesend sind, mit in dem weitläufigen Gebäude, zum Theil campiren
+sie in ihren Zelten ausserhalb des Gartens.
+
+Zwischen diesem Landsitz in Neu-Fes ist auch gewöhnlich die Mhalla, d.h.
+der Lagerplatz des Heeres. Dieses muss immer da sein, wo der Sultan sich
+aufhält; und da in Neu-Fes für die Truppen, welche der Sultan immer um sich
+hat, nicht hinlänglich Platz ist, so campiren sie hier unter Zelten. Von
+Weitem gesehen, sieht dieses Zeltlager, inmitten der grünen Wiesen,
+durchschlängelt vom Ued-Fes, sehr malerisch aus, aber im Innern herrscht
+die grösste Unreinlichkeit und Verwirrung.
+
+Die stehende Macht des Sultans bestand 1862 aus etwa 4000 Infanteristen,
+welche aufs bunteste costümirt sind. Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman,
+jetziger Sultan und derselbe, dem zu Lebzeiten seines Vaters eine so
+empfindliche Niederlage durch den Marschall Bugeaud bei Isly[84]
+beigebracht wurde, war im Feldzuge gegen die Spanier nicht glücklicher
+gewesen. Indess hatte er so viel Einsehen bekommen, dass er begriff, mit
+seinen regellosen Schaaren nicht gegen europäische Streitkräfte kämpfen zu
+können.
+
+ [Fußnote 84: Am 14. August 1844. Der jetzige Sultan entkam seiner
+ Gefangennahme nur dadurch, dass er beim Eindringen der Franzosen in
+ sein Zelt dieses mit dem Säbel schlitzte, und aufs Pferd sich
+ schwingend, von diesem aus dem Bereich der Feinde getragen wurde.]
+
+Er glaubte nun ein regelmässiges stehendes Heer zu haben, wenn er Leute auf
+europäische Art uniformiren liess, und so sah man hier Uniformstücke
+sämmtlicher Nationen, gemeinsam ist allen nur der rothe Fes und die gelben
+Pantoffeln; auch hatte man angefangen, kurze bis an die Knie gehende Hosen
+einzuführen, da es den Berbern und Arabern unmöglich schien, lange Hosen zu
+tragen. Diese Infanterie ist in vier Theile oder Bataillone getheilt, je
+von einem "Agha" commandirt, untergetheilt sind sie wieder in vier
+Abtheilungen, denen ein Kaid (Hauptmann) vorsteht, und noch kleinere
+Abtheilungen werden von Califat-el-kaid (Lieutenants) und Mkadem
+(Unterofficier) commandirt. Die Mannschaft selbst besteht aus Berbern,
+Arabern, Negern und spanischen Renegaten, welche letztere Sträflinge von
+Ceuta, Penon oder Mellila her desertiren. Diese Renegaten sind vorzugsweise
+Hornisten, Tamboure oder bei der Capelle angestellt. Denn da die englische
+Regierung die Instrumente geschenkt hat, so hat der Sultan eine Capelle
+einrichten lassen, welche aber auf noch viel haarsträubendere Art deutsche
+Walzer oder italienische Stücke zum Besten giebt, als die türkischen
+Regimenter. Die Capelle hat 24 Mitglieder, während der Hornisten und
+Tamboure für jede Compagnie je zwei vorhanden sind. Die Trommeln sind
+ähnlich wie die des deutschen Heeres, die Hörner sind gleich denen der
+Engländer.
+
+Die Bewaffnung besteht aus alten französischen Steinschlossgewehren, fast
+alle mit der Jahreszahl 1813. Der Sultan, hat diese im Preise von 40 Fr.
+das Stück kaufen lassen (er hätte dafür auch Zündnadeln bekommen können),
+aber die Zwischenhändler haben ihr Profitchen dabei gemacht. Das Commando
+geschieht in türkischer Sprache, was den Uebelstand für den Soldaten hat,
+dass derselbe das Commando nur mechanisch verstehen lernt. Jede Compagnie
+hat eine Fahne, jedes Bataillon (ich nenne so die vom "Agha" commandirte
+Atheilung [Abtheilung]) eine etwas grössere, die Farben der Fahnen sind
+roth, gelb, blau, je nachdem der Chef Vorliebe für diese oder jene Farbe
+hat.
+
+Der gemeine Soldat bekommt sechs Mosonat Löhnung, und muss sich hierfür
+Alles halten, was bei den billigen Verhältnissen in Marokko auch recht gut
+angeht, zumal die Kleidung vom Sultan geliefert wird. Die höheren Stellen
+sind allerdings nicht besonders bezahlt, so bekommt ein Agha,
+Bataillonschef, nur ein Metcal täglich (= 40 Mosonat oder etwa = 2 Francs).
+Da diese aber ausser den Pferderationen Korn, Aecker und Vieh vom Sultan
+bekommen, überdies die Gelder der beurlaubten Soldaten zum grössten Theil
+in ihre Tasche fliessen, so stehen sie sich nicht schlecht. Denn von 1000
+Mann, die ein Agha commandirt, sind höchstens 800 zur Stelle, die 200
+fehlenden werden aber geführt, und der Sold davon täglich vom "Amin el
+Lascari," d.h. dem Zahlmeister, bezogen.
+
+Man kann sich einen Begriff von dieser regelmässigen Armee, welche aus den
+grössten Taugenichtsen des ganzen Reiches zusammengesetzt ist, machen, wenn
+ich einige kurze Personalnotizen der Befehlshaber, mit denen ich bekannt
+wurde, hier gebe.
+
+Der Agha des einen Bataillons war ehedem ein Verkäufer von roher Seide und
+Seidengarn in Fes, Namens Hadj-Asus, er verdankte seine Stellung bloss dem
+Umstande, dass er Hadj, d.h. Pilger nach Mekka war. Marokko, welches so
+weit von Mekka entfernt liegt, hat verhältnissmässig nur wenig Pilger
+aufzuweisen, und obgleich die Dampfer jetzt die frommen Gläubigen auf
+erstaunlich billige Weise von Tanger nach Alexandria und von da nach Djedda
+schaffen, so hat dadurch keineswegs die Zahl der Pilger zugenommen, weil
+eine Dampfschifffahrt nicht als so verdienstlich angesehen wird[85] wie
+eine Pilgerfahrt zu Fusse. Und die grosse Landpilgerkarawane, welche früher
+jährlich von Fes, Maraksch und Tafilet abging, hat für die ersten beiden
+Orte zu existiren aufgehört.
+
+ [Fußnote 85: Eine Dampfwallfahrt bei den Christen wird ebenfalls
+ bedeutend geringer angerechnet, als wenn man den Wallfahrtsort auf
+ Erbsen rutschend erreicht, wir dürfen uns also keineswegs hierin
+ über die Mohammedaner wundern oder gar lustig machen.]
+
+Der zweite Agha, ein gewisser Si-Hammuda, geborener Algeriner, hat sich
+dadurch seine Stellung erworben, weil er ein französischer Proscribirter
+ist; seinem Stande nach schwang er, ehe der Sultan das Schwert ihm in die
+Hand gab, die Elle. Der dritte Agha, ein gewisser Si-Mohammed-Chodja, ein
+geborener Tunesier, weiss wohl selbst nicht, wie er zum Militärstande
+gekommen ist, er ist von Haus aus Thaleb, d.h. Schriftgelehrter. Der vierte
+und letzte Agha ist ein gewisser Ben-Kadur; von Haus aus Kaid einer
+Bergtribe, sind diesem letzteren wenigstens nicht kriegerische
+Eigenschaften abzusprechen, aber vom eigentlichen europäischen Militärwesen
+hat er ebensowenig einen Begriff wie die übrigen. Ich könnte, da ich
+Gelegenheit hatte, alle Kaids kennen zu lernen, so fortfahren, aber dies
+wird genügen.
+
+Indess sei noch erwähnt, dass zwei wirkliche französische Officiere,
+Eingeborne der Tirailleurs indigènes, es nie weiter bringen konnten als zum
+Lieutenant, weil sie im Verdachte standen Christen zu sein, während ein
+anderer, ein "Sussi", Herumstreicher (Eingeborne aus der Provinz Sus),
+gleich zum Hauptmann oder Kaid ernannt wurde. Da diese Ernennung während
+meiner Anwesenheit in Fes erfolgte, so kann ich hier anführen, dass sie aus
+dem Grunde geschah, weil dieser "Sussi" vor den Augen des Sultans in
+Seiltänzerkunststücken sich ausgezeichnet hatte. Er hatte ehedem einer
+Gesellschaft angehört, wie sie häufig aus dem Sus kommen, und mit dieser
+nicht nur die ganze mohammedanische Welt, sondern auch ganz Europa
+durchzogen; so behauptete er auch in Deutschland gewesen zu sein, und da er
+mir mehrere Städte Deutschlands mit Namen nennen konnte, musste ich es wohl
+glauben, denn welcher andere Marokkaner hätte eine deutsche Stadt
+namentlich gekannt; das geographische Wissen der grössten marokkanischen
+Gelehrten, soweit es Europa betrifft, beschränkt sich auf Baris (Paris),
+Lundres (London), Manta (Malta), Blad Andalus (Spanien), Bortugan
+(Portugal), Musgu (Russland), Nemsa (Deutschland) und Stambul
+(Konstantinopel). Kann ein Thaleb oder Faki der Reihe nach diese Namen
+auskramen, so glaubt er wenigstens ein Humboldt oder Ritter zu sein.
+
+Manövrirt wird denn auch nie mit dieser oben geschilderten "regelmässigen"
+Truppe, und die Exercitien beschränken sich auf Parademärsche, auf ssalam
+dur (präsentirt das Gewehr) und einige andere Griffe. Ein grosser
+Uebelstand ist, dass die meisten Soldaten verheirathet sind und Kinder
+haben, viele auch Sklaven besitzen, kurz man kann sagen, dass der Sultan
+mit seiner bunt nach aller Herren Länder Art uniformirten Truppe sich
+keineswegs eine regelmässige Armee oder nur den Kern dazu geschaffen hat.
+Aber die seit Jahrhunderten bestehende Unfehlbarkeit des Sultans hat dazu
+geführt, dass diese Persönlichkeiten anfangen sich selbst für unfehlbar zu
+halten, und der Sultan glaubt in der That mit der Ernennung irgend eines
+Menschen zum Bataillonschef wirklich dadurch einen tüchtigen Chef gemacht
+zu haben.
+
+Besser ist die Cavallerie organisirt (nach Sir Drummond Hay 16000 Mann
+stark), weil sie auf einheimische Verhältnisse basirt ist. Die
+Cavalleristen bekommen zwei Mosonat täglich mehr, als die Infanteristen,
+haben aber dafür ihre Pferde zu unterhalten. Sie sind eingetheilt in kleine
+Truppen von 50-60 Pferden, welche einem Kaid untergeben sind. Das Commando
+ist hier arabisch. Der Cavallerist hat eine lange Steinschlossflinte und
+einen ziemlich geraden Säbel als Bewaffnung; wer sich selbst 1 oder 2
+Pistolen anschafft, glaubt dann aufs vollkommenste ausgerüstet zu sein. Der
+Säbel wird an einer seidenen oder baumwollenen Schnur von der rechten
+Schulter zur linken Seite herabhängend getragen. Die Sättel sind jene mit
+hohen Lehnen nach hinten, mit hohem Knaufe nach vorne versehenen und
+allgemein unter Arabern und Berbern gebräuchlichen. Von Exercitien und
+Manövern ist bei der Cavallerie noch weniger die Rede, die ganze Kunst des
+Cavalleristen beschränkt sich darauf, im schnellsten Laufe das Pferd
+fortzureiten und während des Rittes die Flinte abzufeuern. Da die grossen
+Steigbügel sehr kurz hängen und so eingerichtet sind, dass der ganze Fuss
+darin Platz hat, so _stehen_ beim schnellen Reiten meistens die
+Cavalleristen. Auf diese Art wird auch der Angriff gemacht, man saust mit
+Windeseile heran, schiesst ohne zu zielen das Gewehr ab, und das dann von
+selbst wendende Pferd trägt den Angreifer zurück. Die Cavallerie hat nur
+Hengste.
+
+Seit dem Kriege mit Spanien hat der Sultan von Marokko auch Feldartillerie
+angeschafft, aber eben so unglücklich berathen wie in Beschaffung seiner
+Uniformstücke, hat er wohl kein einziges Geschütz, welches dem andern
+gleich wäre. Die Artilleristen, welche diese Kanonen zu bedienen haben,
+sind fast alle spanische Renegaten; auch einen Franzosen fand ich dort, der
+Hauptmann war, und einen Deutschen, der in der Heimath Maurergeselle
+gewesen, die Kelle mit der Kanone vertauscht und von Sidi Mohammed, dem
+Hakem el mumenin (Beherrscher der Gläubigen), dem er verschiedene Arbeiten
+in seinem Palais aufgemauert hatte, zum Kaid el Tobdjieh, d.h. zum
+Artillerie-Hauptmann war ernannt worden. Ich brauche wohl kaum
+hinzuzufügen, dass alle diese Renegaten dort verheirathet sind, mithin
+factisch und für immer sich zu marokkanischen Bürgern erklärt haben. Einem
+einzigen Europäer gelang es jedoch, sich eine achtenswerthe Stellung in
+Marokko zu erringen. Freilich war auch dieser nur zum Schein Mohammedaner
+geworden, und, zugleich mit mir die Hauptstadt Fes betretend, hat er jetzt
+seit langem Marokko den Rücken gekehrt. Es ist dies der Spanier Joachim
+Gatell, der in Marokko den Namen Ismael angenommen hatte. Da in seiner
+Beschreibung "L'ouad Noun et el Tekna" eine interessante Schilderung des
+marokkanischen Kriegslebens enthalten ist, so lasse ich sie hier übersetzt
+aus den Bulletins de la Société de Geographie de Paris folgen.
+
+Auf der 279. Seite erzählt Gatell: "Im Jahr 1861 war so eben der Krieg
+zwischen Spanien und Marokko beendet. Die Erzählungen, welche man zu der
+Zeit vom marokkanischen Volke machte, von den Sitten, vom Muthe, den
+barbarischen Gebräuchen, dem Fanatismus der Bewohner, erregten in mir die
+Idee in das Innere des Landes einzudringen, trotz der Fährlichkeiten, denen
+ich dabei ausgesetzt sein konnte. Ich reiste also nach Fes ab, wo sich der
+Hof befand, und, um besser meine Absicht zu erreichen, trat ich in die
+regelmässige Armee des Sultans. Obschon ich nur äusserst wenig vom
+Waffenhandwerk verstand, wurde ich gleich zum Officier befördert." Nach
+einer Schilderung der Campagne gegen die Beni Hassen, wobei Gatell zum Chef
+der "Garde-Artillerie" des Sultans ernannt wurde, fährt er fort die
+Expedition gegen die Rhamena zu schildern: "Wir hatten 29 Stück, einen
+Mörser eingeschlossen; aus den Magazinen von Arbat nahmen wir 55 Centner
+Pulver in Fässern, und ausserdem eine Menge fertiger Munition in Kisten
+mit, und fingen so an die Aufständischen zu verfolgen.["] Ein Theil der
+Seragua-Kabylen vereinigte sich so eben mit den Rhamena, nichts desto
+weniger ging auch jetzt die kaiserliche Armee mit marokkanischer Würde und
+Langsamkeit vorwärts: es schien, als wenn wir einen Spaziergang im
+Sonnenschein zu machen, keineswegs aber den Feind anzugreifen hätten. Die
+Hauptstadt war bedroht, aber um eine solche Kleinigkeit kümmern sich dort
+die Leute nicht. "--Wir werden zeitig genug ankommen, und wenn nicht, so
+ist es Gottes Wille. Die marokkanische Majestät darf nie Eile zeigen, oder
+auch nur den Anschein haben sich zu sehr um den Gang der Ereignisse zu
+kümmern." Gatell erzählt sodann, wie man nicht den Bewohnern den Krieg
+machte, sondern den Getreidefeldern, welche angezündet wurden, und als sie
+endlich vier Stunden von Marokko im Angesichte der Rhamena waren, die
+Aufständischen auseinandergesprengt wurden; hiebei feuerte die Artillerie
+15 Schüsse ab und warf 8 Bomben.
+
+Was die sogenannte schwarze Garde des Sultans von Marokko anbetrifft, die
+"Buchari," die unter den früheren Kaisern, namentlich unter Mulei Ismael
+eine so grosse Rolle spielte, so ist dieselbe heute sehr
+zusammengeschmolzen; kaum einige hundert Mann stark, dient sie jetzt nur zu
+Prunkaufzügen, und scheint gegen den Feind nicht mehr verwendet zu werden,
+wenigstens nahmen die Buchari am Kriege gegen Spanien keinen Antheil. Dem
+ganzen Heere steht ein Schwarzer, Namens Abd-Allah, als Kriegsminister vor,
+er hat das Verdienst ehemals als Sklave mit dem jetzigen Sultan auferzogen
+worden zu sein. Unter ihm stehen verschiedene "Amin," welche für die
+geldlichen und sonstigen Angelegenheiten der Armee zu sorgen haben. Nach
+diesem Besuche bei der Armee wenden wir uns wieder zur Stadt Fes zurück.
+
+Von den übrigen erwähnenswerthen Gebäuden haben wir nur zwei Moscheen zu
+nennen. Es ist dies zunächst die Djemma Karubin (die den Cherubim gewidmete
+Moschee). Diese Moschee ist wohl die grösste in ganz Nordafrika. Die
+Bewohner Fes' behaupten, sie ruhe auf mehr als 360 Säulen, ja Einige
+sprachen von 800; ich konnte mich natürlich nicht daran machen sie zu
+zählen, aber wenn man von dem Hofe der Moschee ins Innere sieht, glaubt man
+einen Wald von Säulen vor sich zu haben. Wenn man der Beschreibung von Leo
+trauen darf, so hat die Djemma 31 grosse Thore, das Dach ruht auf 38 Bogen
+der Länge und 20 Bogen der Breite nach; es würde dies schon über 900 Säulen
+ergeben. Ali Bey giebt 300 Säulen an.
+
+Die Moschee Karubin liegt ziemlich im Mittelpunkt von Alt-Fes, und ist wie
+fast alle Moscheen derart gebaut, dass sie aus einem grossen, von hohen
+Mauern und Arkaden umgebenen Hofraum und aus einem bedeckten Theile
+besteht, der eigentlichen Moschee. Ganz aus überkalkten Ziegeln erbaut, ist
+das Dach, oder vielmehr sind die Dachreihen ebenfalls mit Ziegeln à cheval
+gedeckt, und nicht glatt. Das ziemlich hohe Minerat ist, wie überall in
+Marokko, äusserst plump und vierseitig aufgeführt. Im Hofe des Gebäudes
+springen aus zwei reizenden und grossartigen Marmorfontainen
+Wasserstrahlen, überhaupt sind die Wasseranlagen, die kleinen Häuschen,
+worin die vor dem Gebete nothwendigen Ablutionen verrichtet werden,
+ausgezeichnet und zahlreich.
+
+Der verdeckte Theil der Moschee hat wie alle diese Gebäude vollkommen
+nackte gegypste Wände, der ganze Fussboden ist aber zum Theil mit kostbaren
+Teppichen, und überall wenigstens mit feinen Matten belegt. Auch an den
+Wänden und um die Säulen ziehen sich halbmannshoch hübsche Strohmatten
+hinauf. Wie in allen Moscheen des Rharb ist an und in der östlichen Wand
+die Nische, welche die Gebetsrichtung "Kibla" angiebt. Gleich links davon
+ist eine Treppe, von welcher herab Freitags das Chotba-Gebet abgelesen
+wird. Der erste Priester der Moschee tritt nach einem kurzen Gebet, mit
+einem langen Stock in der rechten Hand versehen, auf die dritte Stufe (die
+Treppe enthält fünf oder sechs Stufen), und liest dann mit einförmiger
+Stimme das Freitagsgebet ab, der Schluss ist immer von einem Gebete für den
+jemaligen Regenten begleitet; im ganzen Rharb, d.h. Marokko, und
+auch in den südalgerischen Ortschaften bezieht sich das Gebet auf
+Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman, im Osten aber, incl. Tunis und Aegypten, auf
+Abd-ul-Asis-Chan. Ob die Mohammedaner in Algerien, wie früher für den
+Türkensultan, heute noch für denselben Fürsten den Segen herabflehen,
+oder für den jemaligen französischen Regenten, kann ich nicht sagen.
+
+Die Moschee Karubin hat das Eigenthümliche, dass _mehrere_ Mimber oder
+Gebetstreppen vorhanden sind. Freitags zum Chotba-Gebet wird allerdings nur
+die eine links von der Gebetsnische befindliche benutzt, aber die übrigen
+dienen als Lehrstühle, von denen aus zu sonstiger Zeit den Gläubigen
+gepredigt und gelehrt wird. Wenn aber Ali Bey meint, nur die Karubin, habe
+den Vorzug eine besondere Abtheilung für Frauen zu haben, und es sei dies
+zu verwundern, weil Mohammed den Frauen im Paradiese keinen Platz zuerkannt
+habe, so kann ich entgegnen, dass die Frauen in allen Moscheen Zutritt
+haben. Für gewöhnlich gehen die mohammedanischen Frauen allerdings Behuf
+des Gebetes nicht in die Moschee, keineswegs aber ist den Frauen die
+Moschee verboten, ebensowenig wie den Frauen das Mekka-Pilgern verboten
+ist. Es ist ein Irrthum zu glauben Mohammed habe den Frauen das Paradies
+verschlossen, in der 17. Sure heisst es wörtlich[86]: "die in Geduld
+ausharren, werden wir mit herrlichem Lohn ihr Thun belohnen. Wer
+rechtschaffen handelt, _sei es Mann oder Frau_, und sonst gläubig ist,
+wollen wir ein _glückliches Leben_ geben, und ausserdem noch mit
+_herrlichem Lohn_ sein Thun vergelten." Und an vielen anderen Stellen
+im Koran, namentlich noch in der 13. Sure erwähnt Mohammed der Frauen als
+Theilnehmer der zukünftigen Paradiesesfreuden.
+
+ [Fußnote 86: Uebersetzung des Koran von Dr. Ullmann, Bielefeld,
+ 1867.]
+
+Was die Architektur der grossen Karubin anbetrifft, so ist dieselbe
+keineswegs eine schöne zu nennen. Zumal von aussen, wo dies grosse Gebäude
+eingepfercht zwischen Buden und Häusern sich befindet, nimmt es sich höchst
+unvortheilhaft aus, überdies lassen sich immer nur einzelne Partien, da wo
+Thore sind, überblicken. Aber selbst wenn die Karubin frei stände, würde
+sie sehr unharmonisch aussehen, da die einzelnen Theile in gar keinem
+Verhältniss zum Ganzen stehen. Die Höhe der Moschee, die Höhe der Säulen,
+etwa 20 Fuss hoch, ist viel zu gering zur kolossalen Baute, um einen guten
+Anblick zu gewähren. Der Hof würde einen vorteilhaften Eindruck machen,
+erhöht durch die beiden herrlich skulptirten Marmorfontainen (diese sind
+nach den Aussagen der Bewohner von Fes von europäischen Renegaten
+gemeisselt), wenn nicht hier dieselben Missverhältnisse zu Tage träten.
+Dazu kommt noch, dass der Mohammedaner, und namentlich der Araber, der
+geschworenste Feind von Symmetrie ist. Hier stehen zwei Säulen 8 Fuss, dort
+7 Fuss auseinander, hier ist eine Säule 21 Fuss hoch, dort 20 oder 22 Fuss.
+Hier ist eine einfache, dort eine Doppelsäule, hier hat eine Säule, dort
+keine ein Capitäl. Dazu sieht das Ganze so gedrückt aus, als wenn Alles
+halb in den Boden hinein versunken wäre.
+
+Es ist in keiner Zeichnung bis heute den Arabern gelungen etwas
+Symmetrisches zu schaffen, und im Grossen wie im Kleinen, in der Baukunst,
+in der Weberei, in ihren Arabesken, in ihren Holzschnitzereien, in ihrer
+Plafondirung, in ihrer Parquetirung, überall tritt uns die
+Unregelmässigkeit störend entgegen. Es giebt keinen einzigen von Arabern
+gewebten Teppich, dessen Muster so wie es angefangen zu Ende geführt ist,
+es giebt kein Zelt, welches aus gleichmässig gewebten Stücken vollendet
+ist, ein arabischer Haik (d.h. Tuch) hat sicher, falls an der einen Seite 3
+Streifen als Einfassung sind, an der anderen 2 oder 4, es giebt keine Thür,
+die eine vollkommen durchgeführte Holzschnitzerei aufzuweisen hätte, und es
+giebt keinen einzigen Bau, der einen vollkommen durchgeführten Plan
+erkennen liesse. Ich kann, nicht umhin hier anzuführen, dass wir da, wo die
+Araber allein gebaut haben, nirgends ein vollkommen schönes Product der
+sogenannten maurischen Architektur vorfinden. An der ganzen Nordküste von
+Afrika finden wir nirgends eine Baute, die sich durch vollkommene Schönheit
+auszeichnete, in ihrem eigenen Vaterlande noch weniger. Aus den Abbildungen
+von Niebuhr ersehen wir, dass die Moscheen von Mekka und Medina plumpe,
+rohe Gebäude sind. Vollkommen schöne maurische Gebäude finden wir nur da,
+wo die Araber mit Christen untermischt sesshaft waren: in Spanien und
+Syrien. Möglicherweise mögen christliche Architekten, christliche
+Handwerker und Sklaven mehr ihre Hand dabei im Spiele gehabt haben, als wir
+heute wissen. Es könnte nach vier- oder fünfhundert Jahren mit den
+Prachtbauten, die von Mohammed Ali Pascha bis auf Ismael Pascha in Aegypten
+errichtet werden, ebenso ergehen, d.h. kämen unsere Nachkommen nach einer
+solchen Spanne Zeit nach Aegypten, so würden sie sagen, dass die Aegypter
+unserer Tage es wohl verstanden hätten, in der maurischen Architektur
+Prachtbauten zu errichten. Heute aber haben wir glücklicherweise feste und
+tägliche geschichtliche Aufzeichnungen, wir wissen, dass die Moscheen und
+Paläste in Aegypten, die in diesem Jahrhundert dort erbaut wurden, nicht
+von Arabern oder Aegyptern herrühren, sondern von europäischen Architekten
+und Handwerkern errichtet worden sind; ich nenne unter ersteren bloss Hrn.
+Franz von Darmstadt und den verewigten v. Diebitsch von Berlin.
+
+Mit der Karubin ist ein Gebäude verbunden, welches die ziemlich bedeutende
+Bibliothek, natürlich nur aus Manuscripten zusammengesetzt, enthält; nach
+einer oberflächlichen Schätzung, die ich machte, sind wenigstens
+fünftausend Bände vorhanden. Der ganze Bücherschatz befindet sich übrigens
+in einem sehr verwahrlosten Zustande, und es ist ein Wunder, dass Staub und
+Motten nicht schon grössere Verwüstungen angerichtet haben. Es ist ziemlich
+leicht Bücher von der Bibliothek zum Lesen zu bekommen, auch ist es
+gestattet Abschriften zu nehmen (natürlich nur den Gläubigen), es ist aber
+streng untersagt, irgendwie ein Buch zu entlehnen, um es mit nach Hause zu
+nehmen, und da die dortigen Bibliotheken mit unseren Einrichtungen,
+Katalogen, Scheinen und dergleichen nicht bekannt sind, ist diese Massregel
+sehr nothwendig.
+
+Es wird heutzutage noch immer in der Karubin gelehrt, obgleich von der
+einst so berühmten Schule nur noch ein schwacher Schatten übrig ist. Man
+legt den Koran aus, d.h. disputirt über äussere Kleinigkeiten, denn am
+eigentlichen Dogma darf nicht gerüttelt werden; wer nur im Geringsten
+zweifelte an irgend einem Glaubenssatze, würde gleich als Ketzer
+beschuldigt werden, würde des Abfalls vom Islam geziehen werden, und da in
+Marokko noch wie ehedem bei uns für dergleichen Zweifler die Todesstrafe
+blüht, so hütet sich wohl Jeder irgendwie an einem Worte des Buches,
+welches vom Himmel herabgekommen ist, zu rütteln. Dagegen hört man die
+gelehrtesten Erklärungen über Formen und Aeusserlichkeiten, z.B. ob
+Mohammed am Feste nach dem ersten Ramadhan ein _schwarzes_ oder
+_weisses_ Lamm geopfert habe, wie gross die Hölle sei, ob im Paradiese
+auch die und die Speise würde verabreicht werden, und dergleichen
+Albernheiten mehr. Es werden sodann die vier Species gelehrt, aber nur auf
+nothdürftige Art und Weise; ich bemerke hiebei, dass der Marokkaner, mit
+Ausnahme der Addition, bei dem Abziehen, Vervielfältigen und Theilen ganz
+andere Verfahren in Anwendung bringt, als wie wir sie in unseren Schulen zu
+erlernen pflegen. Auch geographischer Unterricht wird ertheilt, oder soll
+vielmehr gelehrt werden, denn in einem Lande, wo man von Erdbeschreibung so
+wenig Kenntniss hat, dass man die Vorstellung hegt, Portugal sei grösser
+als Frankreich, sieht es gewiss traurig mit der Kenntniss der Erde aus. So
+glauben denn auch die Marokkaner, dass ihr Land das grösste und ihr Volk
+das erste und mächtigste der Welt sei.
+
+Auch Astronomie wird getrieben, aber nur in Verbindung mit Astrologie.
+Einige der gelehrten Marokkaner stehen auf dem Ptolemäischen Standpunkte,
+sie haben eine Idee von den grossen Planeten; dass die Erde sich um die
+Sonne dreht, darf übrigens nicht gelehrt werden, wenn man sich überhaupt zu
+einer solchen Vorstellung emporschwingen könnnte [könnte], es steht das im
+Widerspruch mit dem Koran. Es giebt sodann Geschichtslehre und im ganzen
+kann man dieser Lehrabtheilung noch den grössten Beifall zollen. Ich hörte
+interessante Vorlesungen derart mit an, welche die Geschichte der Araber im
+Bled Andalus (Spanien) zum Gegenstand hatten. Endlich ist eine Abtheilung
+für Djerumia, d.h. arabische Grammatik vorhanden, die aber auch aus dem
+Gewöhnlichen nicht herauskommt.
+
+Alle diese Fächer werden in der Karubin selbst gelehrt, so dass man hier zu
+jeder Tageszeit auf Lehrer und Schüler stösst. Die Lehrer sind aus dem
+Fonds der Moschee besoldet und zum Theil die Schüler auch, alle haben
+wenigstens freies Logis und freie Kost. Die Karubin wird für eine der
+reichsten Moscheen gehalten, ein Drittel der Läden oder Gewölbe in Fes
+gehören ihr zu, die Aecker und Gärten sind zahlreich, und wenn manchmal
+auch die früheren Machthaber von Fes sich aller Einkünfte der Moschee und
+ihrer Güter bemächtigten, so machten dafür andere dies doppelt wieder gut.
+Die mohammedanische Geistlichkeit hat ebenso gut einsehen gelernt wie
+andere, dass die Macht der Geistlichkeit auf _Geld und Grundbesitz_
+beruhe, und, eigenthümlich genug, obschon auch Mohammed lehrt wie Jesus
+Christus, "ihr sollt kein Gold und Silber in euren Taschen tragen," "ihr
+sollt dem Mammon nicht dienen," sehen wir, dass die mohammedanische
+Geistlichkeit nicht weniger darauf bedacht ist Schätze anzusammeln, um zu
+Macht zu kommen, als die aller anderen Religionen.
+
+Wie reich die Karubin schon zur Zeit Leo's war, geht aus seiner
+Beschreibung hervor: "die tägliche Einnahme macht 200 Ducaten [87] aus, in
+der Nacht zündet man 900 Lampen an, ausserdem giebt es grosse Leuchter, von
+denen jeder Platz für 1500 Lampen hat etc." Jene grossen Leuchter müssen
+wohl im Laufe der Zeit verschwunden sein; aus christlichen Glocken, wie Leo
+erzählt, geschmolzen, dienten sie einem Sultan vielleicht später dazu, in
+Kanonen umgegossen zu werden. Die zahlreichen übrigen Oellämpchen und
+grossen Krsytallkronleuchter [Krystallkronleuchter] sind aber noch
+vorhanden. In einem anstossenden Zimmer befinden sich noch verschiedene
+grosse Uhren, Compasse, Magnete u. dergl., ohne dass ich eigentlich wüsste,
+dass man sich dieser Sachen bediene.
+
+ [Fußnote 87: "Ducaten" in der deutschen Uebersetzung Leo's von
+ Lorsbach, ist wohl dahin zu verstehen, dass Ducaten = einem Metkal,
+ also ungefähr = 1 Fr. 25 C. ist, aber immerhin würde die tägliche
+ Summe 250 Fr. für damalige Zeit eine grosse Summe sein.]
+
+Die andere Moschee, welche wegen ihrer eigenthümlichen Bauart einerseits,
+dann wegen ihrer Berühmtheit als Asyl zu nennen ist, ist die, welche den
+Namen und die irdischen Reste des Gründers der Stadt trägt, die Djemma el
+Mulei Edris. Sie ist dicht bei der vorigen gelegen, nur durch eine schmale
+Gasse davon getrennt. Sie zeigt sich eigentlich auch nur von dieser Gasse,
+Bab es ssinsla[88], Kettenthor genannt, mit einem grossartigen und hübschen
+Portale in Hufeisenform, alle anderen Seiten sind ummauert. Die Mulei Edris
+Moschee unterscheidet sich dadurch von allen übrigen kirchlichen Gebäuden
+Marokko's, dass sie keinen Hof hat, denn eine kleine Arkadenreihe ist
+offenbar erst später angelegt. Es deutet dies auf das hohe Alterthum des
+Gebäudes hin, wobei man die Nachahmung des christlichen Tempels noch
+wahrnehmen kann.
+
+ [Fußnote 88: Bab es ssinssla oder ssilsla = Kette, weil sie mit einer
+ eisernen Kette querüber abgeschlossen ist, jedoch so dass man zu
+ Fusse an beiden Seiten vorbeigehen kann. Aber hier in dieser
+ heiligen Strasse, bei dem Portale Mulei Edris' vorbei, darf kein
+ Jude (Christen kommen ja ohnedies nicht nach Fes) sich zu zeigen
+ wagen, Tod oder sein Uebertritt zum Islam würde unmittelbare Folge
+ einer Ueberschreitung des Verbotes sein. Aber auch Gläubige dürfen
+ in dieser Strasse nicht rauchen oder sich dem Opium- und
+ Haschisch-Genusse hingeben.]
+
+Das Hauptgebäude, welches auf einen kleinen von Arkaden eingeschlossenen
+Vorhof folgt, besteht in einem einzigen nach Osten gerichteten Schiffe;
+fast viereckig von Form, ohne Säulen wird das Ganze von einem sehr hohen
+achteckigen Dache bedeckt, welches inwendig aus Holzskulpturen besteht,
+dessen äussere Seite jedoch Ziegel zeigt. Diese Dachziegeln sind bei allen
+monumentalen Gebäuden immer selber Art und auf selbe Art gelegt, wie in
+Italien und Spanien. Dicht bei der Kibla-Nische befindet sich das prächtige
+Grabmal Mulei Edris', dessen kostbare Tuchdecken alle Jahre erneuert
+werden. Das Innere der Moschee enthält ausserdem viel Gold und Silber,
+Geräthe, Offranden, was eigentlich gegen die Satzungen des Koran streitet.
+Auch an der Aussenwand der Djemma el Mulei Edris befindet sich eine
+silberne Tafel mit massiv goldenen und erhabenen Buchstaben, welche eine
+Legende der Erbauung der Moschee enthält. Diese Tafel ist, um der Witterung
+vollkommen widerstehen zu können, unter Glas.
+
+Die Moschee, welche Asyl ist, d.h. wo geflüchtete Verbrecher vor der
+Verfolgung weltlicher Gerechtigkeit sicher sind, ist ausserdem Sauya.
+Freilich ist mit dieser Sauya kein religiöser Orden verbunden, der
+eigentliche religiöse Orden Mulei Edris befindet sich in Uesan, aber sonst
+hat sie nicht nur Einrichtungen, um Pilger zu beherbergen und zu bewirthen,
+sondern auch eine grossartige Schule ist damit verbunden.
+
+Alle übrigen Moscheen von Fes, obschon noch sehr grosse vorhanden, so
+namentlich eine von Mulei Sliman in Neu-Fes errichtete, sind gegen diese
+beiden gehalten kaum der Beschreibung werth. Es befinden sich im ganzen
+jetzt in Fes eilf Moscheen, in welchen Freitags das Chotba-Gebet gehalten
+wird, welchen man also gewissermassen den Rang unserer christlichen
+Pfarrkirchen zuerkennen könnte. Im übrigen giebt es aber noch eine sehr
+grosse Anzahl Moscheen, manche grösser an Umfang als jene, worin Chotba
+gelesen werden, obschon die Zahl von 700, welche Leo anführt, heute nicht
+mehr existirt und auch wohl zu seiner Zeit übertrieben war.
+
+Ebenso existiren heute nicht jene zwei Collegien für Studenten, von denen
+Leo so grossartige Berichte giebt; ausser den Lehrstühlen an der Karubin
+hat Fes nur niedrige Schulen, Medressa, worin den Schülern nothdürftig und
+mechanisch lesen und schreiben gelehrt wird. Solcher Schulen giebt es eine
+grosse Anzahl, vielleicht über hundert.
+
+Hospitäler hat Leo auch aufgeführt, es sind dies aber keine Hospitäler nach
+unserem Sinne, d.h. Krankenhäuser, sondern vielmehr Hospitäler (Gasthäuser)
+im wahren Sinne des Wortes. Schon die Beschreibung, die Leo davon giebt,
+deutet darauf hin, dass man es zu seiner Zeit ebenso wenig mit Hospitälern
+oder Lazarethen nach unserem Sinne zu thun hatte. Es sind dies Stifte, wo
+Pilger, Reisende, müde Wanderer ausruhen können, und während einer gewissen
+Zeit unentgeltlich Kost und Logis erhalten. Es war dieser Brauch, in den
+Städten solche Stifte zu haben, nicht nur in mohammedanischen Ländern
+heimisch, sondern zur Zeit, als das Gasthofleben noch nicht so ausgebildet
+war wie jetzt, auch in allen christlichen Ländern zu finden. In vielen
+europäischen Städten existiren noch jetzt solche Einrichtungen, z.B. in
+Savoyen, in Frankreich und Italien. Eigentliche Hospitäler, d.h.
+Krankenhäuser, giebt es in Fes nicht.
+
+Indess besitzt Fes eine Anstalt, wie sie keine andere Stadt Marokko's
+aufzuweisen hat; eine Irrenanstalt oder vielmehr ein Narrenhaus. Man denke
+sich aber keineswegs eine Anstalt, welche Heilung oder Wohlbehagen dieser
+unglücklichen Geschöpfe im Auge hätte, mit dergleichen Versuchen plagt sich
+der Mohammedaner nicht. Man findet in diesem Gebäude, in dem zur Zeit als
+ich es besuchte etwa 30 Individuen sein mochten, nur Tobsüchtige oder Irre,
+die durch ihr Wesen dem Nebenmenschen sich gefährlich gemacht haben;
+gutmüthige Narren, Idioten u.s.w. lässt man ruhig laufen, ebenso die
+religiös Wahnsinnigen, die noch obendrein als Heilige verehrt werden.
+
+Der Zustand in diesem Narrenhause ist ein entsetzlicher, und es gleicht
+dasselbe mehr einer Gefängnisshöhle als sonst einem Gebäude. In langen
+Zimmern, worin auf dem blossen Steinboden im grössten Schmutze
+halbverhungerte Gestalten mit dicken eisernen Ketten an die Wände
+festgemauert sind, fast alle nackt, ohne jegliche Pflege und Sorgfalt,
+verbleiben diese Unglücklichen hier, um die Welt nie wieder zu betreten.
+Die Anstalt selbst wird durch Vermächtnisse unterhalten.
+
+Erwähnt zu werden verdienen sodann die vielen Bäder, welche zum Theil
+Privaten gehören, zum Theil Eigenthum der Regierung oder der Moscheen sind.
+Eingerichtet sind sie wie alle warmen Bäder im Orient, in Aegypten oder den
+übrigen Berberstädten, so dass ich eine specielle Beschreibung nicht für
+nothwendig halte. Der Luxus der algerinischen oder ägyptischen Bäder ist
+hier aber nicht bekannt, Handtücher zum Abtrocknen werden nicht gereicht,
+dafür sind sie aber auch so billig, dass selbst der Aermste sich häufig den
+Genuss einer gründlichen Reinigung gewähren kann. Die Bäder geringster
+Sorte kosten nur 3 Flus, die theuersten nicht ganz 2 Mosonat.
+
+Gasthäuser oder Fenaduk (pl. von Funduk) giebt es zweierlei Art in Fes. Es
+möchte auffallen, dass bei der Anwesenheit von Sauyat bei der Einrichtung
+der eben erwähnten Hospizen, ausserdem noch Gasthöfe nothwendig sind,
+namentlich wenn man in Erwägung zieht, dass der Marokkaner der gastfreieste
+Mensch der Welt ist. Und dennoch ist dem so. Die Gastfreiheit ist auf dem
+Land eine fast möcht' ich sagen unbegrenzte; aber in den Städten, wo
+täglich ein so grosser Zusammenfluss von Fremden ist, wird sie natürlich
+nicht geübt. In den Sauyat und Hospizen ist es Regel, einen Fremden nicht
+länger als drei Tage zu behalten. Man hat also, um die Fremden, welche
+einen längeren Aufenthalt nehmen wollen, zu beherbergen, Gasthöfe
+einrichten müssen. Die grosse Zahl solcher Gebäude spricht für den grossen
+Fremdenverkehr in Fes, obschon die Zahl von 200, die Leo angiebt, wohl
+übertrieben ist.
+
+Es giebt Fenaduk, welche gebaut sind, Menschen und Vieh zu beherbergen, und
+solche die nur Platz für Menschen und allenfalls für ihre Waaren haben.
+Erstere haben in der Regel eine entsetzliche Einrichtung. Ein grosser,
+meist viereckiger und ungepflasterter Hofraum, wo sich Pferde mit Kameelen,
+Maulthiere mit Eseln um den Platz streiten, wird von allen Seiten von
+kleinen Zimmern umgeben, die nur Zugang und Licht durch eine kleine
+niedrige Thür bekommen. Meist sind diese Zimmer selbst nicht grösser, als
+dass man ausgestreckt darin liegen kann. Von Aufwartung ist natürlich keine
+Rede, der Neuangekommene muss, hat er überhaupt Sinn für Reinlichkeit, den
+Schmutz, den sein Vorgänger als Andenken im Zimmer zurückgelassen
+hat, eigenhändig hinauskehren. Ein Portier, der meist kauadji
+(Kaffee-Ausschenker) ist, steht dem Ganzen vor, oft ist er Besitzer, oft
+Verwalter, oft bloss Miether. Die Gebühren stehen natürlich mit der
+schlechten Einrichtung im Einklange, für ein Zimmer zahlt man
+durchschnittlich täglich nur eine Mosona, für ein Thier ebenso viel.
+
+Viel besser sind die Fenaduk eingerichtet, wo man nur Reisende aufnimmt,
+die ohne Thiere sind. Diese sind meistens mitten in der Stadt gelegen,
+einige sogar in der eigentlichen Kesseria, dem Handelscentrum, der "Börse"
+könnte man fast sagen, von Fes. Grosse mehrstöckige Gebäude, sind die
+Zimmer dieser Gasthöfe geräumig, haben oft, ausser der Thür nach dem Hofe
+oder nach den Gallerien zu, noch vergitterte Fensteröffnungen. Die Zimmer
+sind gut ausgeweisst, der Fussboden mit "Slaedj" belegt, sonst aber ist von
+Möbeln natürlich nichts zu finden; aber der bemittelte oder reiche Kaufmann
+hat auch sein ganzes Meublement bei sich: eine gute Matratze, ein Teppich,
+einige Matten und Kisten vervollständigen dasselbe. Es fehlt auch der
+grosse Messingteller, ssenia, nicht mit dem Theetopf aus Britannia-Metall
+und sechs kleinen Theetassen. Ein Bochradj, d.h. ein Kessel zum Sieden des
+Wassers, ist auch unentbehrlich. Die Miethe von solchen Zimmern variirt von
+vier Mosonat bis zu sechs und mehr per Tag. Die Kaffeebuden, welche sich am
+Eingang oder im Innern eines solchen Funduk befinden, gehören zu den
+besten.
+
+Solche Wirthshäuser, wie Leo sie beschreibt, als von unanständigen Wirthen,
+sog. el kahuate bewohnt, wo auch lüderliche Weibspersonen sich
+herumtreiben, giebt es jetzt in Fes nicht mehr, vor den Thoren ist
+allerdings ein Viertel, welches in dieser Hinsicht in schlechtem Rufe
+steht; eigentliche Prostitution aber findet man überhaupt in Marokko nur in
+Mikenes.
+
+Dagegen giebt es zahlreiche Kaffeehäuser, wo Kif, d.h. das getrocknete
+Kraut vom indischen Hanfe (Can. indica) geraucht und gegessen wird, auch
+Opium wird in diesen Kaffeehäusern gegessen; die Sitte des
+_Opiumrauchens_ kennt man im Rharb nicht. Die Polizei oder Regierung
+thut gegen diese schädlichen Genüsse nichts, wie denn auch Haschisch und
+Opium mit Taback zusammen nur von solchen Kaufleuten in der Stadt verkauft
+wird, die sich dazu einen Schein von der Regierung gekauft haben. Es
+herrscht also--denn nicht nur in Fes ist dies der Fall, sondern in allen
+binnenländischen marokkanischen Städten--für die Städte eine Art Taback-,
+Opium- und Haschisch-Regie.
+
+Anständige Leute hüten sich indess wohl, in solche Kaffeehäuser zu gehen,
+obschon fast Jeder in Fes dem Genüsse des Haschisch fröhnt, aber nur
+heimlich und im Innern der Wohnung. Desto strenger ist dagegen der Verkauf
+von Schnaps und Wein verboten, obschon beides in Fes für Geld und gute
+Worte zu haben ist; ersterer wird von den Juden destillirt aus Feigen,
+Rosinen oder Datteln, wird wohl auch von Gibraltar her eingeschmuggelt;
+letzterer wird in der Lesezeit von Juden sowohl wie von Mohammedanern
+bereitet.
+
+Es würde zu weit führen, wollten wir alle Handwerke, Industrien,
+Manufacturen und Handelszweige einzeln aufführen. Es genügt, wenn wir hier
+vorzugsweise das nennen, wodurch Fes heut excellirt, und wenn wir
+hervorheben, dass selbst heute Fes noch immer den ersten Rang unter allen
+Handelsstädten vom ganzen Rharb einnimmt.
+
+Um letzteres zu erhärten, führe ich nur an, dass mir während meines
+Aufenthaltes in Fes manchmal Facturen gezeigt wurden, von französischen,
+englischen oder spanischen Handlungshäusern herstammend, die sich auf
+50,000 Frcs. beliefen. Man kann in der That also wohl behaupten, dass Fes
+auch Engros-Handel besitzt, wie es denn wirklich vornehme Kaufleute genug
+dort giebt, welche mit Marseille, Gibraltar, Cadix oder Lissabon
+Auseinandersetzungen haben, welche die eben angeführte Summe jährlich noch
+übersteigen. Es versteht sich von selbst, dass dieser Handel meist durch
+Vermittlung abgeschlossen wird; aber auch oft genug kommt es vor, dass ein
+Fessi auf der Pilgerfahrt nach Mekka Station in Marseille macht, dass er in
+Gibraltar längeren Aufenthalt hat, ja ich lernte Kaufleute in Fes kennen,
+die direct, bloss um Waaren zu kaufen oder um Handelsbeziehungen
+anzuknüpfen, eine Reise nach Cadix oder Lissabon unternommen hatten.
+
+Alle diejenigen, welche in den berberischen Staaten gewesen sind, welche
+sich in den leichter zugänglichen Städten Bengasi, Tripolis, Sfax, Tunis
+und anderen Orten aufgehalten haben, wissen, wie gross das Vertrauen
+europäischer Kaufleute ist; den Eingebornen werden oft Waaren von sehr
+bedeutendem Werth auf Credit verabfolgt. Man borgt selbst Kaufleuten aus
+dem fernen Innern, wo jede Reclamation, falls man betrogen würde, unmöglich
+wäre. Und doch kommt es sehr selten vor, dass irgend Jemand sich eines
+Betrugs schuldig macht. Von Timbuctu, Kano, Bornu, Mursuk und Rhadames
+sehen wir Kaufleute auf Credit in Tunis, Tripolis oder Kairo Waaren
+entnehmen; sie ziehen damit in ihre Heimath, jahrelang bleiben sie manchmal
+verschollen, aber nachdem sie ihre Waaren verkauft haben, laufen immer
+Gegenwaaren oder Gelder ein, und der europäische Kaufmann wird befriedigt.
+
+So machen es die Fessi auch; die Waaren, welche sie sich en gros von Europa
+holen, bestehen vorzugsweise in roher und verarbeiteter Seide, in
+Baumwollenstoffen, Tuchen, Papier, Waffen, d.h. langen Flinten und Säbeln,
+Pulver, Thee, Zucker, Droguen und Gewürzen. Es giebt überhaupt jetzt fast
+keinen Artikel, den man in Fes nicht fände.
+
+Die Engros-Händler haben ihre Waaren bei sich im Hause, die meisten aber
+haben zugleich ein Hanut, d.h. ein Verkaufsgewölbe, wo sie entweder selbst
+verkaufen oder verkaufen lassen. Der Punkt, wo der Haupthandelssitz ist,
+heisst die Kessaria; derselbe liegt im Centrum von Alt-Fes, dicht bei der
+Karubin- und Mulei-Edris-Moschee, die zum Theil von der Kessaria umgeben
+sind.
+
+Leo will das Wort Kessaria vom lateinischen Caesar ableiten; zur Zeit der
+römischen Herrschaft hätten in den mauritanischen Städten einige ummauerte
+Centren bestanden, damit die kaiserlichen Beamten hier ihre Zolle erhöben,
+und wo zu gleicher Zeit dann die innewohnenden Kaufleute die Verpflichtung
+gehabt hätten, mit ihren eigenen Gütern das Eigenthum der kaiserlichen
+Regierung zu beschützen. Man findet übrigens den Ausdruck Kessaria als
+Marktplatz in allen Städten Nordafrika's.
+
+In dieser Kessaria finden wir alle feineren und vorzugsweise die von Europa
+kommenden Waaren. Die Kessaria besteht aus einem grossen Complex von nicht
+für Thiere zugänglichen Strassen, zum Theil durch Häuser, zum Theil aber
+auch nur durch Gewölbe gebildet. Alle Strassen sind überdacht. Wir haben
+hier Gänge mit Buden wo Specereien, andere wo Essenzen, andere wo Thee und
+Zucker[89], andere wo Porzellan, d.h. vorzugsweise Vasen, Gläser, Tassen
+und Teller, andere wo Tuche, andere wo Seidenstoffe, andere wo Lederwaaren
+verkauft werden. Auch Uhrläden, zwei oder drei, ja sogar eine Pharmacie ist
+vorhanden, wenn man so eine Ansammlung fast aller Medicamente, worunter
+auch Chinin, Tartarus stib. und Ipecacuanha, nennen kann. Ein gewisser
+Djaffar hat sich diese Medicamente von Lissabon geholt, und ein
+Verzeichniss in portugiesischer Sprache zeigt zugleich die zu gebende Dose
+an und die Krankheit, wogegen die Medicin gegeben wird.
+
+ [Fußnote 89: Thee und Zucker wird in ganz Marokko als eine
+ zusammenhängende Waare verkauft, wenigstens hält es sehr schwer Thee
+ allein zu bekommen. Auf ein halbes Pfund Thee werden fünf Pfund
+ Zucker gerechnet. Der Thee selbst, von Engländern importirt, ist von
+ der grünen Sorte und schlechter Qualität.]
+
+Tritt man aus der Kessaria heraus, so kommt man ins eigentliche
+industrielle Leben hinein. Hier eine lange Reihe von Buden, wo gelbe, rothe
+und buntfarbige Pantoffel verarbeitet werden, dort dicht dabei Gerber,
+welche das buntgefärbte weiche Corduan, Marocain- und Saffian-Leder
+verkaufen. Zeigt schon der Name an, dass zuerst die Kunst, das Schaf- und
+Ziegenleder zu jener schönen Weiche, mit der grössten Zähigkeit verbunden,
+zuzubereiten, von den Mohammedanern in Cordova erfunden wurde, später aber
+die berühmtesten Gerbereien in Marokko selbst und noch später in Saffi
+(Asfi) sich befanden, so scheinen heute die schönsten Leder in Fes bereitet
+zu werden, wenigstens sind in ganz Nordafrika die Leder von Fes als die
+feinsten und dauerhaftesten gerühmt.
+
+Aber man kommt nicht gleich aus der Kessaria in die labyrinthischen
+Handwerkerstrassen, man hat, wenigstens auf dem Wege nach Neu-Fes hin,
+zuerst die Blumenbuden zu durchwandern, und es bilden die Blumen einen
+hübschen Uebergang von der Industrie zum Handel. Es ist eigenthümlich,
+welche Vorliebe von jeher die Bewohner von Fes vor den übrigen Marokkanern
+für Blumen gehabt zu haben scheinen, wie denn auch die Cultur derselben in
+Gärten überall hervortritt.
+
+Das Haus, welches der Bascha-Gouverneur von Fes mir als Aufenthalt
+angewiesen hatte, lag am Abhange der östlichen Hügel. Von einem Arme des
+Ued Fes durchflossen, waren ausser Orangen, Feigen, Oliven, Aprikosen,
+Pfirsichen und Granaten, überall blühende Rosenstöcke, grosse Büsche
+Jasmin, Nelken, Veilchen und stark duftende Kräuter.
+
+Diese findet man denn auch vorzugsweise in der Blumenabtheilung, hier sind
+Jasmin, Basilik, Nelken, Hyazinthen, Rosen, Narcissen, Pfefferminze,
+Absinth, Thymian, Majoran, dort sind ganze Blumenbouquets, Meschmum en nuar
+genannt, zu haben. Gemüse und Obstbuden schliessen sich daran.
+
+Von solchen Gewerken, worin Fes noch heute vorzugsweise glänzt, nenne ich
+ferner die Töpferwaaren. Grosse Schüsseln, kleine Leuchter und Lampen und
+dergleichen Gegenstände werden aus einem porcellanartigen Thone sehr schön
+hergestellt. Nach Art unserer alten deutschen Thonwaaren sind sie mit
+groben blauen Figuren bemalt und glasirt.
+
+Hieran schliessend, erwähne ich der "Slaedj," kleine Fliesen von bunten
+Farben, die ebenfalls in Fes fabricirt werden. Wenn einst die
+Waffenschmiede in diesen Ländern berühmt waren, so sieht man jetzt in den
+Gewölben nur europäische Fabrikate ausgestellt. Ebenso haben die früher so
+bekannten rothen Mützen (daher der Name "Fes," den wir jetzt noch den
+rothen Mützen geben) sich nicht auf ihrer einstigen Höhe halten können,
+nicht nur die von Tunis sind jetzt bedeutend besser, sondern selbst in
+Livorno werden sie billiger und schöner hergestellt. Besonders hervorheben
+müssen wir sodann die Manufacturwaaren von seidenen Schärpen, 3-4 Fuss
+breit, 40-50 Fuss lang; es sind diese seidenen von Gold durchwirkten Stoffe
+das Kostbarste, was Fes auf den mohammedanischen Markt bringt, und
+heutzutage das Einzige, worin es unübertroffen dasteht.
+
+Von allen übrigen Handwerken finden wir in Fes nichts, was die Stadt
+vorzugsweise auszeichnete, aber alle sind in so grosser Menge vertreten,
+dass man auf den ersten Blick sieht, es wird hier nicht bloss für die
+Bedürfnisse der Stadt gearbeitet, sondern für das ganze Land.
+
+Die lange Strasse, welche Alt-Fes mit Neu-Fes verbindet, ist denn auch
+weiter nichts als ein Bazar, und es herrscht hier natürlich die grösste
+Frequenz, nicht nur weil alle Leute vorzugsweise diesen verhältnissmässig
+breiten Weg benutzen, um von einer zur andern Stadt zu kommen, sondern auch
+weil ein Hauptkarawanenweg hier durchführt, auf dem sich beständig lange
+Reihen von beladenen Kameelen, Maulthieren und Eseln fortbewegen. Verfolgt
+man diesen Weg weiter nach Neu-Fes hinein, so findet man sich gleich darauf
+vor dem ummauerten Stadttheile der Juden, der Melha. Die Juden aber dürfen
+_nur_ in Neu-Fes und hier abgesondert von den Gläubigen in einem
+ummauerten Viertel, das gleich an das kaiserliche Palais stösst, wohnen.
+Und sie sind gern hier, denn so sehr sie auch den Vexationen und
+Erpressungen der Regierung des Sultans ausgesetzt sind, so haben sie doch
+längst einsehen gelernt, dass es besser ist unter dem Schutze selbst der
+despotischsten Herrschaft zu wohnen, als der Willkür eines dummen und
+fanatischen Volkes preisgegeben zu sein. Im Judenviertel herrscht übrigens,
+was Handel und Wandel, was Industrie und Handwerke anbetrifft, eben das
+geschäftliche und rege Treiben, wie in der Kessaria und den Strassen von
+Alt-Fes.
+
+Vorzugsweise sieht man Gold- und Silberarbeiten in den Händen der Juden,
+die Nadeln, welche dazu dienen, das Haar der Frauen oder ihre Kleider zu
+befestigen, Fingerringe, Arm- und Fussbänder (auch die marokkanischen
+Frauen tragen oberhalb der Knöchel schwere kupferne oder silberne Ringe)
+werden fast ausschliesslich von den Juden hergestellt. Ebenso ist die
+Secca, d.h. Münze, nur von den Juden bedient. Es ist dies ein ziemlich
+ansehnliches Gebäude, welches Theil des Palastes des Sultans ist und
+unmittelbar an die Melha anstösst.
+
+An einheimischen Münzen haben die Marokkaner jetzt nur den Fls (pl. flus),
+eine kleine Kupfermünze, welcher auf einer Seite das Salomon'sche Siegel,
+d.h. das bayerische Bierzeichen (zwei durcheinandergehende Dreiecke), und
+auf der anderen Seite Jahreszahl und Prägungsort (auch in Tetuan befindet
+sich eine Münze) zeigt, dann zwei Flus-Stücke, udjein genannt, ebenfalls
+geprägt. Sechs Flus bilden die imaginäre Münze, Mosona genannt: eine Mosona
+giebt es nicht geprägt. Sie ist ungefähr gleich einem Sou.
+
+Vier Mosonat bilden sodann eine Okia, d.h. Unze, ebenfalls nur ein
+Ausdruck, aber acht Mosonat oder zwei Unzen ist die kleinste, und 10
+Mosonat oder 2-1/2 Unzen die grösste _geprägte_ Silbermünze. 10 Unzen
+bilden die imaginäre Münze Metkal. Und die einzige _geprägte_
+Goldmünze, Bendki genannt, besteht aus 2-1/2 Metkal. Im übrigen gelten die
+französischen und die spanischen Silbermünzen im ganzen Lande, und
+französisches, spanisches und englisches Geld überall nördlich vom Atlas.
+Der einst so beliebte spanische Bu-Medfa-Thaler, so genannt von den beiden
+Herkulessäulen, welche die Marokkaner für Kanonen halten, ist fast ganz aus
+dem Handel verschwunden, dagegen hat der französische fünf Francs-Thaler
+Platz gegriffen. Frankreich lässt für Marokko auch silberne 20
+Centimes-Stücke schlagen[90], welche in Marokko im Werthe einer Unze
+cursiren. Der österreichische Maria-Theresien-Thaler, der sonst in ganz
+Afrika ohne Nebenbuhler herrscht, wird in Marokko äusserst selten
+gefunden.
+
+ [Fußnote 90: Wenigstens muss man so annehmen, da man in Frankreich
+ selbst die 20 Cent.-Stücke fast gar nicht sieht, hingegen in Marokko
+ sie äusserst zahlreich und von allen Jahrgängen vertreten findet.]
+
+Die Maasse und Gewichte sind in Marokko fast für jede Stadt
+_verschieden_, für die Länge hat man die Elle, Draa mit Brüchen als
+Unterabtheilung, dann Zoll, für das Gewicht das Pfund, Unze, Metkal
+(letzteres für Goldstaub) für flüssige und trockene Sachen, endlich
+verschiedene Maasse.
+
+Administrirt wird die Stadt von zwei Gouverneuren, von denen der eine den
+Titel "Bascha" hat und Alt-Fes vorsteht, während der andere "Kaid" genannt
+wird und über Neu-Fes herrscht. Es scheint hieraus hervorzugehen,
+einestheils dass die Regierung des Sultans beide Städte als vollkommen
+getrennt betrachtet, und andererseits Neu-Fes mehr als eine Festung
+angesehen, während Alt-Fes als wichtiger gehalten wird, dadurch dass man es
+von einem Bascha administriren lässt. In den Wohnungen des Bascha und Kaid
+wird zu gleicher Zeit täglich Recht gesprochen. Der Kadi jeder Stadt findet
+sich dort täglich ein, und alle Rechtsfälle werden auf der Stelle zur
+Entscheidung gebracht. Es kann sodann an den Bascha oder Kaid appellirt
+werden, und von diesen an den Grosswessier oder Sultan selbst.
+
+Es kommt gar nicht selten vor, dass Kläger sich von dem Kadi an den Bascha
+und von diesem an den Sultan wenden. Gegen Stockstrafe oder Knutenhiebe
+wird fast nie remonstrirt, wohl aber gegen Geldbusse. Der Kadi and Bascha
+haben Strafvermögen in unbegrenztem Masse, indess werden selten Knutenhiebe
+über 300 an der Zahl ausgetheilt, die Geldbussen aber so hoch wie möglich
+hinaufgetrieben. Grösserer Diebstahl hat immer das Abhacken zuerst der
+linken, dann beim Rückfall das der rechten Hand zur Folge. Hat man keine
+Hände mehr zum Abschlagen, so kommen die Füsse an die Reihe, oft bei
+grossen Diebstählen oder gravirenden Umständen werden auch gleich die Füsse
+abgehauen. So wurden einem Landbewohner, der im Sommer, als ich mich in Fes
+befand, ein Pferd des Sultans gestohlen hatte, der rechte Fuss und die
+linke Hand abgehackt. Das aus der Altstadt nach Neu-Fes zu führende Thor
+hat immer eine Menge solcher Trophäen auszuweisen, auch Köpfe von
+hingerichteten Verbrechern haben hier ihren Ausstellungsort, während meiner
+Anwesenheit in Fes sah ich indess keinen Kopf ausgestellt.
+
+Das Recht wird übrigens vollkommen willkürlich gesprochen, und Bestechungen
+sind an der Tagesordnung.
+
+In Neu-Fes war in den ersten sechziger Jahren ein Schwarzer, ein ehemaliger
+Sklave Namens Faradji Kaid. Dieser hatte schon seit mehr als 50 Jahren
+diesen Posten inne, und galt als ein Phänomen. Er hatte unter Sultan Sliman
+die Stelle bekommen, sie unter Abd-er-Rhaman behauptet, und war auch von
+Sidi Mohammed, dem jetzigen Sultan, bestätigt worden. Im ersten Jahre der
+Regierung des jetzigen Kaisers wurde Faradji verläumdet, man machte den
+Sultan auf seine ungeheuren Reichthümer aufmerksam, man deutete darauf hin,
+dass Faradji, der doch ehemals nur Sklave gewesen, diese grossen
+Reichthümer wohl nur durch Erpressung, Bestechung oder gar dadurch, dass er
+sich am Eigenthum des Sultans selbst vergriffen, habe erwerben können. Der
+Sultan liess Faradji kommen, und befahl ihm, da er gehört habe Faradji habe
+_fremdes_ Eigenthum, er überdies ja als ehemaliger Sklave nichts
+besessen habe, das fremde Eigenthum, und namentlich das was ihm, dem
+Sultan, zukomme, von seinem zu sondern. Der schlaue Faradji erwiederte
+nichts, ging in den Pferdestall des Sultans, entledigte sich seiner
+Kleidungsstücke, zog einen alten wollenen Kittel über, und fing an den
+Stall zu kehren. Der Sultan fragte einige Zeit später nach Faradji, und war
+erstaunt als derselbe im ärmlichsten Anzüge vor ihm erschein. Befragt,
+warum dies, erwiederte er: "Ja Herr, Du befahlst meine Habe von der
+Deinigen zu trennen! Als ich von Deinem Grossoheim Mulei Sliman gekauft
+wurde, hatte ich nichts als diesen wollenen Sklavenkittel, den ich zum
+Andenken meiner Herkunft aufbewahrt habe, und auch dieser gehört ja, streng
+genommen, nicht einmal mir, wie konnte ich also mein Eigenthum von Deinem
+trennen, bin ich nicht noch immer Dein Sklave? Lass von Deinem Diener alles
+nehmen, alles was ich verwaltete, ist Dein rechtmässiges Eigenthum."
+
+Man kann sich denken, dass der auf diese Art die Grossmuth des Sultans
+anrufende Faradji leichtes Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi
+Mohammed, und Faradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde eingesetzt, und
+ihm alle seine Güter gelassen. Als der Sultan von Neu-Fes nach Mikenes
+übersiedelte, besuchte ich mehreremal Faradji, er war immer sehr freundlich
+und zuvorkommend, pflegte den ganzen Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor
+dem Magazin (es ist dies der officielle Ausdruck für das Palais des
+Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Regierung) zuzubringen. Faradji
+war ein stattlicher schwarzer Greis mit intelligenten Gesichtszügen und
+schönem, wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner eigenen Meinung
+nach war er 1863 neunzig Jahre alt, was wohl eher zu wenig als zu viel sein
+dürfte, da er schon unter Sultan Sliman[91], also zur Zeit als Ali Bey
+Marokko besuchte, Kaid war.
+
+ [Fußnote 91: Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali
+ genannt, weil der Gründer Mulei Ali ans Tafilet (der Bewohner
+ Tafilets heisst ein Filali) stammt. Dessen Sohn Mulei Mohammed wurde
+ von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne gestürzt, und dieser, der
+ von 1664-1672 regierte, war nach Jussuf ben Taschfin der mächtigste
+ Monarch. Die Grausamkeit dieses Sultans wurde von den raffinirten
+ Grausamkeiten Mulei Ismaëls, der sein Bruder war und ihm 1672
+ folgte, noch übertroffen. Ismaël, jetzt einer der grössten Heiligen
+ von Marokko, regierte bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi,
+ vierter Sohn Ismaëls, regierte jedoch nur bis 1729; sein Bruder
+ Mulei-Abd-Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi
+ Mohammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador gründete.
+ Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi el Tisid und Mulei
+ Haschem regierten nach einander zusammen nur zwei Jahre. Mulei
+ Sliman behauptete sodann den Thron von 1792-1822, und nach ihm
+ regierte Mulei Abd-er-Rhaman ben Hischam bis 1859, und dessen
+ zweiter Sohn, Sidi Mohammed, behauptet heute noch den Thron.]
+
+Si Mohammed ben Thaleb, der Bascha von Alt-Fes, dessen Gast ich während der
+ganzen Zeit meines Aufenthalts in Fes war, hatte freilich ein ganz anderes
+Schicksal. Er war ein Mann von rechtlichem Charakter und vollkommen
+vorurteilsfrei, was in Marokko viel sagen will; ich finde in meinem
+Tagebuch sogar die Notiz: "Ben Thaleb war der einzige wirklich ehrliche und
+durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko kennen lernte." Gebürtig aus
+Ain Tifa, einem Orte etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt
+Marakisch gelegen, war er fast unabhängiger Herrscher über eine dortige
+Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage nach sieben Hauptstämme
+umfasste. Mächtig und reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr.
+Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss lieber in seiner Stellung als
+Berberchef geblieben, wie er überhaupt nie fröhlicher und vergnügter war,
+als wenn seine Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in Fes besuchten
+und er mit ihnen Schellah oder Tamashirt reden konnte. Aufstände, wie sie
+so häufig in Marokko vorkommen, verwickelten seine Berberstämme im Jahre
+1846 gegen die kaiserliche Regierung; Ben Thaleb selbst betheiligte sich
+jedoch nicht daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum Sultan. Der
+Aufstand endete, wie in der Regel, mit der Niederlage der Rebellen, der
+Sultan Abd-er-Rhaman aber, um einen so mächtigen Stamm für immer an sein
+Haus zu ketten, ernannte ihren Schich Ben Thaleb zum Bascha-Gouverneur von
+Fes, welche Stelle als die erste nach dem Uïsirat (Ministerium) im ganzen
+Reich betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine so schmeichelhafte
+Auszeichnung, die seinem Chef widerfuhr, vollkommen zum Sultan
+hinübergezogen, und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr als jeder
+andere abwirft, zuerst nicht ungern angenommen zu haben.
+
+Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Rhaman's war Ben Thaleb wiederholt
+um seinen Abschied eingekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein
+Gouverneur von Alt-Fes, der reichsten Stadt des Landes, nie eines
+natürlichen Todes stürbe. In Marokko haben nämlich die Beamten eine ganz
+andere Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie denn dort Staat
+und Sultan noch eins sind, oder vom Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie
+im Gegentheil der Regierung, oder der Casse des Sultans, Gelder abliefern.
+Sie können allerdings dafür von ihren Schutzbefohlenen so viel erpressen,
+wie sie wollen. Da nun jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu
+füllen, ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen hat, so kann man
+sich denken, wie schlecht das Volk dabei fährt, und meistens sind
+Uebersteuerungen und willkürliche Erpressungen die Ursachen der so häufigen
+Revolten. Es ist dieses System auch andererseits Ursache der schlechten
+Cultur des Bodens; abgesehen davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas
+im Ackerbau geleistet haben, giebt sich kein Mensch Mühe, den Boden so
+ergiebig wie möglich zu machen, weil er weiss, dass die Erzeugnisse der
+Regierung verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch gelähmt, der reiche
+Kaufmann von Fes sieht mit Bangen dem Tage entgegen, wo die Regierung sich
+seiner Ersparnisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner Stadt,
+in keinem Ort Jemand, der nicht seinen geheimen Schatz hätte, der in der
+Regel vergraben ist.
+
+Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich Fes betrat, die Stadt seit
+13 Jahren. Da er seinen Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekommen
+konnte, tröstete er sich mit den Gedanken, diesem bei seinem
+Regierungsantritt den wichtigsten Dienst geleistet zu haben, und rechnete
+auf seine Erkenntlichkeit.
+
+Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei dem Tode
+Mulei-Abd-er-Rhaman's grosse Unruhen und Fehden um die Nachfolge
+ausgebrochen. Es war vor allen der älteste Sohn des Sultan Sliman,
+Namens Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman, der mit Hülfe der Franzosen
+hoffte, den Thron seines Vaters wieder zu gewinnen, aber trotzdem er
+seinen Sohn Hülfe bittend an den gerade mit der Niederwerfung der Beni
+Snassen beschäftigten französischen General Martimprey schickte, konnte
+er nicht aufkommen. Da war ferner der erste Sohn des verstorbenen
+Sultans und älterer Bruder des jetzt regierenden, auch er wurde aus dem
+Felde geschlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Tafilet
+verbannt[92]. Der jetzt regierende Sultan Sidi Mohammed verdankte seine
+schnelle Installirung hauptsächlich dem Umstande, dass sich Sidi el
+Hadj-Abd-es-Ssalam von Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei
+Lebzeiten des Vaters Califa, d.h. Stellvertreter des Sultans gewesen und
+grosse Schätze angesammelt hatte, und dass sich Ben Thaleb, der
+Gouverneur von Fes, sofort zu seiner Partei bekannte.
+
+ [Fußnote 92: Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863,
+ lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko behauptet,
+ die Regierung habe sie dorthin verbannt. Die Lage ist aber derart,
+ dass, wenn der Sultan seines Bruders und Vetters habhaft werden
+ könnte, er sie sicher würde hinrichten lassen.]
+
+Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht so leichtes Spiel, denn wenn
+auch Faradji, der Gouverneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultans Panier
+ergriff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug zu thun, um das
+Palais des Sultans und Neu-Fes vor Plünderung und Angriff zu schützen. Ben
+Thaleb hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) nur von seinen
+eigenen, mit Flinten bewaffneten Berbern vielleicht 50 Mann zur Verfügung.
+Der jetzige Sultan war mit der Armee noch fern von der Hauptstadt.
+
+Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das der Djemma Mulei Edris,
+vorzugsweise von Schürfa (Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich
+nun sofort nach dem Tode Abd-er-Khaman's und rief den ältesten Sohn des
+Sultan Sliman zum Nachfolger aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's
+eiserne Energie gerechnet: er liess fast vom ganzen Quartiere die
+erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der vornehmsten Schürfa wurden dem
+Boden gleich gemacht, und alles was am Leben blieb, wurde seines Eigenthums
+beraubt. Diejenigen nun, welche wissen was es heisst, einen Scherif in
+Marokko beleidigen, strafen oder gar tödten, können sich denken, welche
+Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, der nicht einmal Araber,
+geschweige Scherif, sondern nur ein Brebber[93] war. Aber der Berber-Schich
+war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, andererseits vertheilte
+er den anderen Quartieren der Stadt je 2000 Metkal, ein ganz artiges
+Sümmchen für 17 Quartiere. So brachte er durch Strenge und Güte es dahin,
+dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte, und als der Vetter des
+Sultans mit seinem Heere vor die Hauptstadt rückte, wurde er von den
+Bewohnern von Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen,
+feindselig empfangen; er musste fliehen, als Sidi Mohammed herbeirückte,
+diesem wurden die Thore geöffnet, und damit hatte Marokko einen Sultan,
+
+ [Fußnote 93: Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus,
+ dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische Volk
+ sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. Es trug
+ dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes bei, wie denn
+ auch die Juden den Dünkel das auserwählte Volk Gottes zu sein
+ schwer genug haben büssen müssen.]
+
+Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem Dolmetsch, welcher Hauptmann der
+regelmässigen Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Privatmoschee
+des Bascha's gehörte, welche gleich neben seiner Amtswohnung gelegen ist.
+Mit zunehmender Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald
+unerträglich, und als eines Tages der Bascha fragte, wie ich mit meiner
+Behandlung zufrieden sei, machte ich ihn auf die unerträgliche Hitze
+aufmerksam. Er rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Wohnung in
+der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben sei; dieser bezeichnete einen
+reizenden Sommersitz, welcher, obschon in der Stadt gelegen, einen hübschen
+Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an die Wohnung des Bascha
+anstiesse, "aber, fügte er hinzu, der Scherif, dem es gehört, hat seinen
+Sommeraufenthalt schon darin genommen." "Geh' auf der Stelle und sage ihm,
+ich brauche seine Wohnung," war des Bascha's kurze Antwort "Und du
+Mustafa,"[94] fuhr er fort, "kannst heute noch umziehen, und wirst nun
+gewiss zufrieden sein." Der Scherif schien indess nicht grosse Eile zu
+haben; vielleicht glaubte er auch, weil er Scherif (Abkömmling Mohammed's)
+sei, dem Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden Tage Ben
+Thaleb besuchte und er sich nach meiner Wohnung erkundigte, musste ich
+gestehen ich sei, weil der Eigenthümer sich noch immer in seinem Hause
+befände, noch in meinem Moschee-Zimmer. Aber kaum liess der Bascha mich
+vollenden; ein Diener wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den
+Scherif mit seinem beweglichen Eigenthum auf die Strasse zu setzen; so
+geschah es, und an demselben Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts
+genützt haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den Eigenthümer
+aus seinem Besitze zu vertreiben, protestiren wollen, Niemand würde ein
+solches Benehmen verstanden haben, da das _unfehlbare Benehmen_, d.h.
+willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf seine Beamten übertragen
+hat.
+
+ [Fußnote 94: Es war dies mein in Marokko angenommener Name.]
+
+Folgendes nun wirft auch Licht auf das summarische Gerichtsverfahren in
+Marokko und Fes überhaupt, und ich schreibe die hier folgenden Zeilen
+wörtlich aus meinem damals geführten Notizbuch ab.
+
+Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein Stockwerk und ist nicht nach Art
+der Wohnhäuser in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regeln erbaut.
+Mitten im Garten liegend, fliesst unter dem Hause der kleine Ued Fes, der
+hier in den Garten tritt und in einer 4' tiefen und 6' breiten gemauerten
+Rinne läuft, bis er an eine dem Hause gegenüberliegende Veranda kommt, und
+unter dieser in einen andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine
+geräumige Veranda, einen Salon und ein Zimmer, das alkovenartig (eine Art
+von Kubba) hinten angebaut ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt
+liessen; ebenso wurde das platte Dach selten benutzt. Der mir als Dolmetsch
+beigegebene Offizier schlief mit mir im hintern alkovenartigen Zimmer; in
+der einzigen Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener zwei
+andere in der Veranda, und zwei waren in der gegenüberliegenden Veranda, wo
+wir der Bequemlichkeit halber auch unsere Pferde stehen hatten. So bewacht,
+dachten wir nicht im entferntesten an Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil
+die einzelnen Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen sind,
+die grosse Communication ganz aufgehoben ist.
+
+Eines Abends hatten wir, der Kaid oder Hauptmann und ich, auf unserem
+Teppich liegend, spät Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, am
+Rande des vorbeiplätschernden Flüsschens, unter duftenden Orangenbäumen
+hatten wir die Zeit vergessen, und der Muden ilul (das erste Avertissement
+zum Gebet wird im Sommer schon um 1 Uhr Morgens von den Minarets gegeben)
+ertönte, als wir schlafen gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde
+geschlafen haben, als einer der Diener "Sserakin, Sserakin" (Diebe, Diebe)
+rief. Alle liefen wir hinaus mit Gewehren bewaffnet, aber nichts war zu
+finden. Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell hinauskommen
+können: an drei Seiten hatte der Garten fast 20 Fuss hohe Mauern, und die
+vierte Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss hohen
+Mauerwand in einen anderen Garten, unmöglich konnte er hier
+hinuntergesprungen sein. Indess fanden wir, nach unserer Behausung
+zurückgekehrt, dass wirklich ein Dieb dagewesen sein musste, es fehlten von
+meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, Pantoffeln, dann
+der Turban des Hauptmanns, ferner ein erst Tags zuvor angebrochener Hut
+Zucker, endlich unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. Eine
+genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb unter der Gartenthür sich
+durchgewühlt, und wahrscheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte.
+
+Auf unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige wurden von Ben Thaleb
+sämmtliche umwohnenden Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in
+Gemeinschaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 "Real" (so nennt man die
+französischen fünf Francs-Stücke) Caution erlegen, bis der Dieb von ihnen
+selbst ermittelt wäre. Mit Erlegung der 20 Reals erlangten sie zwar ihre
+Freiheit wieder, aber ich glaube kaum, dass sie je wieder zu ihrem Gelde
+gekommen sind, sollte es ihnen auch gelungen sein den Dieb zu ermitteln.
+Ich bemerke hiebei, dass ich einige Jahre später in Leptis magna von der
+türkischen Behörde eine ganz ähnliche Justiz üben sah, als einem meiner
+Diener aus dem Zelt ein Revolver Nachts gestohlen wurde.
+
+Ausser den beiden Gouverneuren der Stadt giebt es sodann Vorsteher der
+einzelnen Quartiere, Vorsteher der Moscheen, Einsammler der Gelder,
+Marktvögte, einen Marktkaid der Kessaria, und einen Marktkaid des grossen,
+einmal in der Woche ausserhalb der Stadt abgehaltenen Marktes. Die
+Marktvögte und der Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit
+Streitigkeiten zu schlichten und Ordnung zu halten. An jedem Thore findet
+man einen Kaid el Bab, der die Thore zu öffnen und zu schliessen, sowie den
+Zoll zu erheben hat, es ist sodann eine Hauptzollamt in der Stadt, endlich
+sind als Behörden noch die Zunftmeister zu nennen, da jedes Handwerk zu
+einer Zunft verbunden ist, welcher ein Meister, der den Titel Kebir hat,
+vorsteht.
+
+Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, Osten und Westen die
+blühendsten Gärten, die man sich nur denken kann, im Südwesten sind
+Vorstädte; fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und Gottesäcker
+hin, von denen einige äusserlich recht stattlich aussehende grössere
+Grabmonumente aufzuweisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen
+Grabmonumenten eine gewisse Einförmigkeit, alle haben viereckige Form,
+darüber eine achteckige oder viereckige oder auch ganz runde Bedachung. Im
+Innern findet man in der Regel einen Sarkophag, oft mit Tuch überzogen, oft
+aber auch nur aus einem hölzernen Gestell bestehend. Neben einem solchen
+Hauptgrabe findet man manchmal zwei bis sechs und noch mehre kleinere
+einfache Gräber; entweder waren es Kinder der hier begrabenen Fürsten oder
+manchmal auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen hohe Geldsummen das
+Recht erwarben, sich an der Seite ihres Sultans begraben lassen zu können.
+Von der jetzt _regierenden_ Dynastie ist niemand in oder ausserhalb
+Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in Mikenes.
+
+Ein grosser und für uns Europäer fast unerträglicher Uebelstand ist, dass
+dicht vor den Thoren sich verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, von crepirten
+Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, jedes todte Vieh, allen
+Unrath vor die Thore der Stadt zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind
+diese verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus der Stadt
+heraus und in dieselbe hinein zu kommen.
+
+Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden und Nordwesten sich um
+dieselbe herumzieht, heisst Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter
+absolute Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Bascha Ben Thaleb suchen zu
+wollen, bekam ich eines Tages Erlaubniss hinauf zu reiten; durch einen
+breiten Gürtel lachender Feigen- und Orangengärten, wo ausserdem Pfirsiche,
+Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen gezogen werden, gelangt man in
+Oelwaldungen, das zweite Drittel ist von immergrünen Eichen, von Lentisken
+und anderen das Laub nicht verlierenden Bäumen bestanden, das letzte
+Drittel hat nur Buschwerk und Zwergpalmen. Oben auf dem Berge, von dem aus
+man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, über die Ebene bis zum
+grossen Atlas und über das nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat,
+traf ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren in einer Höhle
+auf dem Ssala-Berge lebend. Im Rufe grosser Heiligkeit, lebt er von den
+Gaben der Pilger, hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem
+Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und sogar Gärten und
+Ackerbau.
+
+Was die Bevölkerung von Fes anbetrifft, welche wir auf 100,000 Seelen
+schätzen können und die vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 mehr
+betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus Arabern und Berbern.
+
+Während aber auf dem Lande die Mischung von Berbern und Arabern bedeutend
+seltener ist, kommt sie in den Städten häufiger vor, indess doch nicht der
+Art, dass man sagen könnte, ein Volk habe das andere absorbirt. Aeusserlich
+unterscheiden sich die Bewohner von Fes, wie die der übrigen Städte von den
+Landbewohnern durch grosse Weisse der Haut, es hat dies aber einzig seinen
+Grund darin, dass sie fast nie der Sonne ausgesetzt sind, da selbst, wenn
+sie auf die Strassen gehen, diese so eng sind, dass sie nur auf kurze Zeit
+von der Sonne beschienen werden. Der Grund der häufigen Corpulenz bei den
+Männern ist denn auch nur darin zu suchen, dass sie wenig Uebung, wenig
+Bewegung bei verhältnissmässig kräftiger Kost haben. Im allgemeinen sind
+trotz des sehr hellen Teint die Leute von Fes sehr hässlich, namentlich
+häufig findet man wulstige Lippen und krauses, obschon langes Haar.
+Negerblut ist hier unverkennbar, wie denn überhaupt in ganz Marokko viel
+Negerblut unter die Arabern gekommen ist. Fes vor den übrigen Städten des
+Landes zeichnet sich noch dadurch aus, dass mit den arabischen und
+berberischen Elementen sich stark das jüdische gemischt hat. Nicht etwa
+durch freiwillige Heirathen, sondern dadurch, dass hübsche Jüdinnen
+gezwungen werden, in den Harem des Sultans oder eines Grossen des Reichs zu
+treten oder durch gezwungene Uebertritte, durch Kinderraub; so pflegen denn
+auch die übrigen Bewohner des Landes von den Familien in Fes zu sagen: die
+Hälfte derselben habe jüdisches Blut in ihren Adern.
+
+Die Zahl der Juden in Fes, welche, wie alle marokkanischen, zum Theil
+direct von Palästina eingewandert, zum Theil von Spanien zurückvertrieben
+sind, mag sich auf 8-10,000 belaufen. Sie leben hier ebenso unglückselig
+wie in den übrigen marokkanischen Städten. Der verstorbene Sultan
+Abd-er-Rhaman glaubte es durchsetzen zu können, den Juden eine Art
+Emancipation zu verschaffen, und gestattete den Juden gleiche Tracht mit
+den Moslemin. Der erste Unglückliche, der es wagte seine Melha (den
+Juden-Ghetto) mit rothem Fes, mit gelben Pantoffeln zu verlassen, kehrte
+nie zurück: er wurde gesteinigt. Der Sultan hatte, trotz seiner
+Unfehlbarkeit, nicht die Macht den religiös-fanatischen Wuthausbruch
+seiner Unterthanen zu dämpfen.
+
+Der religiöse Fanatismus, der ja allen semitischen Religionen innewohnt,
+ist überhaupt eine der schlimmen Seiten der Bewohner von Fes. Wie oft habe
+ich selbst mich von irgend einem Lumpen auf der Strasse angehalten gesehen,
+der mir mit den Worten "Scha had," d.h. bezeuge, den Weg vertrat, und er
+und die sich rasch ansammelnde Menge liessen mich sicher nicht eher
+passiren, als bis ich "Lah il Laha il Allah" gesagt hatte, bekanntlich die
+Glaubensformel der Mohammedaner.
+
+Die Tracht der Bewohner von Fes ist die der übrigen Städter, d.h. es kann
+hier nur von der Kleidung der Reichen die Rede sein, da ein Armer nur
+seinen Haik, d.h. ein langes weiss wollenes Umschlagetuch und ein
+cattunenes Hemd darunter zum Anziehen hat, sonst aber barfuss und barhaupt
+daherkommt. Im Winter wird freilich der wollene Burnus darüber gezogen, der
+manchmal aus schwarzer, manchmal aus weisser Wolle besteht.
+
+Der Anzug des wohlhabenden Bewohners von Fes ist indess viel reichhaltiger.
+Auf dem Kopf trägt er einen hohen spitz zulaufenden rothen Fes, Saschia
+genannt, um den ein weisser Turban, Rasa, gewickelt wird. Ueber ein langes
+weissbaumwollenes Hemd, Camis, vervollständigen eine Tuchweste mit vielen
+Knöpfen, und bis oben eng anschliessend und zugeknöpft, Ssodria, dann ein
+Tuchkaftan aus schreienden Farben und eine weite Hose, Ssrual, den Anzug,
+gelbe Pantoffel bilden die Fussbekleidung. Die meisten Jünglinge und Männer
+tragen Fingerringe aus Silber mit werthlosen Steinen, einige haben Ringe
+mit Steinen, welche man im Wasser auflösen kann (nach der Aussage des
+Besitzers), und welche Auflösung alsdann ein Mittel gegen Vergiftung ist.
+Einen solchen Ring besass Ben Thaleb auch, dennoch entging er nicht seinem
+Tode.
+
+Sehr unangenehm ist die entsetzliche Unreinlichkeit, welche überall
+herrscht; die Kleider werden nie gewechselt, sondern, wenn einmal
+angezogen, immer Tag und Nacht, so lange auf dem Körper getragen, bis man
+neue Kleidungsstücke anschafft. Allerdings spricht Leo von grossen
+öffentlichen Waschanstalten in Fes; ich konnte leider solche zu meiner Zeit
+nicht mehr constatiren. Der reiche Bewohner kauft sich einmal, wohl auch
+zweimal, im Jahr einen neuen Anzug, bei Gelegenheit eines grossen Festes.
+Das altgewordene bekommen sodann die Kinder, Verwandten, Diener, oder auch
+arme Freunde zum Weitertragen. Der Arme kauft sich, nachdem er lange darauf
+gespart hat, einen Anzug, legt ihn dann aber nie wieder ab, bis er absolut
+unbrauchbar geworden ist. Freilich findet _einmal_ im Jahr eine grosse
+Kleiderreinigung, eine allgemeine Wäsche, statt: am Tage vor dem
+aid-el-kebir, dem grossen Bairain der Türken. Da an diesem Tag Jeder
+geputzt erscheint, wer es kann sich ein neues Kleid kauft, und wer
+nicht, doch darauf hält so rein als möglich zu erscheinen, so sehen wir
+denn am Tage vor dem aid-el-kebir alle Welt, Jung und Alt, Männer und
+Frauen den Wasserplätzen zueilen; man entledigt sich der Kleidungsstücke
+und wie besessen tanzt und springt Jeder auf seinem Zeuge herum, um mit
+den Füssen den jahrelangen Schmutz herauszustampfen: eine einfache
+Handwäsche würde dazu nicht genügen.
+
+Die Nationalspeise der Fessi ist ebenfalls Kuskussu--ein Mehlgericht,
+welches aus geperltem Weizen- oder Gerstenmehl bereitet und mittelst Dampf
+gekocht wird. Der nahe Sebu liefert indess ausgezeichnete Fische, die man
+in einer gepfefferten und durch Tomaten rothgefärbten Oelsauce stets fertig
+auf dem Marktplatze bekommen kann. Hammel-, Ziegen- und Schaffleisch ist
+gleichfalls billig zu haben, und in Fes wird wohl mehr animalische Nahrung
+consumirt, als im ganzen übrigen Lande, die Städte ausgeschlossen,
+zusammen.
+
+Wie alle Marokkaner, sind auch die Fessi grosse Liebhaber von Thee, der vor
+dem Essen gereicht wird; die Manier zu essen ist aber eben so unsauber bei
+den vornehmsten Fessi, wie im ganzen Lande. Mehrere Personen hocken um eine
+irdene Schüssel, die in einem niedrigen Tischchen, etwa zwei Zoll hoch,
+Maida genannt, aufgetragen wird. Alles kauert auf der Erde, in solcher
+Stellung, wie Jeder sie nehmen will; nachdem ein Sklave oder einer der
+Gesellschaft Wasser zum Abwaschen der Hände herumgereicht hat, spült man
+sodann diese ab, und ein _gemeinsames_ Handtuch bei den Reichen dient
+zum Trocknen, bei Unbemittelten trocknet man sich einfach die Hände mit dem
+Zipfel seines Burnus. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, greift mit dem Worte
+"Bi' Ssm' Allah" (Im Namen Gottes) ein Jeder mit der Rechten in die
+Schüssel, um den erhaschten Bissen zum Munde zu führen. Alle befleissigen
+sich einer ausserordentlichen Eile, um nicht zu kurz zu kommen, nur bei
+sehr Reichen wird langsam gegessen, weil da mehrere Schüsseln folgen. Es
+gehört übrigens zum guten Ton für die Frauen, Diener und Kinder, oder auch
+für die herumlungernden Armen, Anstandsbrocken in der Schüssel zu lassen.
+Eine grosse Auszeichnung aber ist es jedenfalls für einen Fremden, wenn der
+Wirth selbst mit seiner schmutzigen Hand in die Schüssel fahrt, einen
+Lockina, d.h. Bissen oder Mundvoll, hervorholt und ihn dem Gast in den Mund
+schiebt. Obschon ich nicht lange Zeit brauchte um mich an diese Art des
+Essens zu gewöhnen, denn Hunger überwindet Alles, so hatte ich doch längere
+Zeit nöthig zu lernen _geschickt_ und _anständig_ zu essen, denn
+es gehört Geschicklichkeit dazu die oft halb flüssigen Bissen mit Eleganz
+an den Mund zu befördern, namentlich, wenn man nicht zu kurz kommen will.
+
+Ein Trunk Wasser, eine abermalige oberflächliche Handabspülung und ein nie
+unterlassenes "Hamd ul Lah" (Lob sei Gott) beschliesst jedes Mahl.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+9. Mikenes und Heimreise nach Uesan.
+
+ * * * * *
+
+Ben Thaleb hatte geglaubt, auf die Dankbarkeit des Sultans rechnen zu
+können, der seine Thronbesteigung gewissermassen ihm zum Theil verdankte.
+Verschiedene Male war Ben Thaleb um seinen Abschied eingekommen, er hatte
+nun seit mehr als 13 Jahren der reichsten Stadt des Landes vorgestanden.
+Vielleicht hoch in den Fünfzigen, hoffte er seine letzten Lebensjahre ruhig
+in seiner Heimath, inmitten seiner treuen Berbertribe beschliessen zu
+können. Da starb er eines Tags, plötzlich, ohne vorher auch nur ernstlich
+unwohl gewesen zu sein.
+
+Dem Sultan musste der Tod des Bascha's äusserst erwünscht sein. Er hatte
+gerade jetzt Kriegsentschädigung zu zahlen. Spanien verlangte für
+Zurückziehung der Truppen aus Tetuan 23 Millionen spanische Thaler. Woher
+das Geld nehmen? Den grossen Schatz, der in Mikenes sein soll, wollte oder
+konnte er nicht anbrechen. Wie froh musste der Sultan sein, dass Ben Thaleb
+in diesem Augenblick ihm den Gefallen that, zu sterben; er war somit Erbe
+seines ganzen baaren Vermögens geworden.
+
+Sobald der Tod Ben Thaleb's ruchbar geworden war, kamen seine Diener,
+Sklaven und Maghaseni vor meine Wohnung unter dem drohenden Geschrei, ich
+habe den Bascha vergiftet, und man müsse mich tödten. Glücklicher Weise für
+mich war der älteste Sohn des Bascha's da, um mich zu beschützen. Noch am
+Abend vorher waren wir bei seinem Vater, dem Bascha, gemeinsam zum Thee
+gewesen, derselbe hatte, genesen von einem leichten Unwohlsein, noch am
+Abend einen Ochsen, als Opfer und Geschenk an die Moschee Mulei Edris
+geschickt, und noch am selben Abend äusserte sich der Bascha in Gegenwart
+dieses Sohnes, dass Mustafa (mein angenommener Name) stets sein volles
+Vertrauen gehabt habe, und dass ich ihn bei seinem leichten Unwohlsein
+stets zur Zufriedenheit behandelt habe. "Und," fügte er hinzu, als ob er
+ein Vorgefühl seines nahen Todes habe, "wenn Gott mein Dasein verkürzen
+sollte, so beschütze Mustafa, der mein Gast gewesen ist."
+
+Eingedenk der Worte seines Vaters, trieb Si-Hammadi (so hiess der Sohn)
+seine Leute auseinander, und schon nach zwei Tagen befahl er, mit ihm nach
+Mikenes zu reisen, zum Sultan. So sagte ich denn Fes Lebewohl, um es nie
+wieder zu betreten.
+
+Si-Hammadi, von einer glänzenden Suite umgeben, dann mein Dolmetsch
+Si-Mustafa und ich mit unserem Tross, endlich eine Reihe von wenigstens
+200, mit schweren Kisten bepackten Maulthieren und vielleicht 100
+Kamelen ebenso beladen, von Maghaseni escortirt, das war unsere
+Karavane. Ich wusste nicht, was aus diesem gleichartig gepackten Zuge
+machen, seine Gepäckthiere hatte Si-Hammadi ausserdem noch, bis ich
+erfuhr, dass dies das vom Bascha hinterlassene Baarvermögen sei,
+ungefähr zwei Millionen spanische und französische Thaler. Die Summe
+mochte nicht übertrieben sein, in Anbetracht, dass ein Maulthier mit
+leichter Mühe hundert Pfund Silber = 2000 französische Thaler, ein Kamel
+aber ohne Beschwerde das Dreifache tragen konnte. Ohne Anhalt erreichten
+wir in einem Tage das nahe Mikenes.
+
+In Mikenes angekommen, verabschiedete ich mich von Si-Hammadi und nahm im
+Funduk el Attarich in der Stadt Logis, ging Abends noch ins Lager hinaus,
+um meine militärischen Bekannten zu begrüssen, welche sich ebenso sehr
+wunderten, mich jetzt plötzlich wieder zu sehen, als sie vorher erstaunt
+gewesen waren, eines Morgens mein Hanut mit dem schönen Aushängeschild ohne
+Arzt zu finden, und erst später nach und nach inne wurden, ich sei auf
+allerhöchsten Befehl nach Fes zurückgeschickt worden.
+
+Anderen Tages machte ich bei dem Grosswessier einen Besuch, er war schon
+von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte, als ob ich selbst nichts dabei
+zu sagen hätte, schon Befehl gegeben, für mich Zimmer einzurichten, in
+einem Hause, welches neben dem seinigen lag. Ich hatte Abends vorher Ismael
+(Joachim Gatell) im Lager gesehen, wie kläglich er dort unter den
+thierischen Soldaten die Zeit verbrachte, und war daher froh, mich von der
+Armee fern halten zu können. Die mir von Si-Thaib zur Verfügung gestellte
+Wohnung war neu und geräumig und ich lud Ismael ein, dieselbe zu theilen.
+Da er dies Anerbieten gern annahm, hatten wir beide jetzt eine angenehme
+Zeit vor uns, wir konnten unsere Erlebnisse und Enttäuschungen uns
+mittheilen, wieder einmal europäisch denken und fühlen. So viel merkte ich
+wohl, dass Ismael von seiner Lage noch weniger erbaut war, wie ich, der ich
+fern von den marokkanischen Soldaten gelebt hatte.
+
+Aber auch sein Unangenehmes hatte der Aufenthalt bei Si-Thaib für mich. Der
+erste Minister hatte nicht aus Uneigennützigkeit mir seine Wohnung
+angeboten, sondern nur um mich zur Hand haben, Krankenwärterdienste bei ihm
+zu verrichten. Jeden Mittag, wenn, er vom Maghasen (Palais des Sultans und
+Sitz der Regierung) zurückkam, wurde ich gerufen. Ich hatte dann die
+unangenehme Pflicht, ihm seine kranken Füsse mit Kampherspiritus zu reiben.
+Nur auf diese Art glaubte er Linderung in seinen Podograschmerzen zu haben,
+versprach sich sogar Heilung davon. Und dies Geschäft war keineswegs ein
+angenehmes, beim Beginn der Operation unterhielt er mich meist über
+Politik, wobei er die verrücktesten Ansichten auskramte, auch Religion
+wurde aufgetischt, nach einer halben Stunde pflegte er zurückgelehnt auf
+seiner Matratze einzuschlafen. Ich durfte aber nicht etwa das Reiben
+einstellen, sonst erwachte er sogleich und befahl fortzufahren; oft habe
+ich mit dieser Verrichtung zwei bis drei Stunden zubringen müssen.
+
+Si-Hammadi, der Sohn des Bascha's von Fes, hatte dann bei Ablieferung der
+Gelder einen so günstigen Bericht über mich gemacht, dass ich eines Tags
+durch die Botschaft überrascht wurde, ich sei zum Leibarzt des Sultans
+ernannt und habe von jetzt an alle Tage die Frauen des Sultans zu
+behandeln. Vorher beschenkte mich Si-Hammadi noch mit einem meergrünen
+Tuchanzug, grosse Auszeichnung als Belohnung für die Dienste bei seinem
+Vater.
+
+Es kamen nun jeden Morgen zwei Maghaseni aus dem Harem, um mich zu rufen.
+Dort angekommen, nahm mich der Oberste der Eunuchen, Herr Kampher, in
+Empfang und bald darauf wurde ich in ein Vorgemach geführt, wo ich die
+Damen vorfand, welche sich behandeln lassen wollten. Im Anfange wollten
+sich die Frauen nicht entschleiern, als ich aber darauf bestand, ging Herr
+Kampher, der sowie einige andere Eunuchen als Herr Moschus[95], Herr Atr'
+urdi (Rosenessenz) etc., natürlich immer zugegen war, ins Harem zurück,
+meldete dies dem Sultan, kam aber dann mit dem Bescheid: "Unser Herr
+(Sidna) sagt, da du ja doch nur ein Rumi und eben erst übergetretener
+Christenhund bist, brauchen sich die Frauen deinetwegen nicht zu geniren."
+Somit fielen die Umschlagetücher (eigentliche Schleier werden weder in
+Marokko, noch sonst wo von mohammedanischen Frauen zum Verdecken des
+Gesichtes benutzt) und ich hatte alle Tage Gelegenheit, die Reize der
+Frauen des Sultans bewundern zu können. Man glaube übrigens nur nicht, dass
+irgendwie besondere Schönheiten im Harem wären, oder diese müssten sich
+nicht gezeigt haben, meistens waren es sehr junge Geschöpfe mit recht
+vollen Formen. Die oft kostbaren Anzüge und die vielen Schmucksachen waren
+mit Schmutz überladen, and in der Regel an den Kleidern irgend etwas
+zerrissen. Die meisten schienen nur aus Neugier zu kommen, um den
+"Christenhund" zu sehen. Alle aber, abgesehen von ihrem albernen und
+läppischen Wesen, waren recht freundlich und hätte ich nicht die Vorsicht
+gebraucht, Herrn Kampher zu sagen, die und die, nachdem sie zwei oder drei
+Mal zur Visite gekommen war, nicht wieder vorzuführen, so wäre wohl nach
+einiger Zeit der ganze Harem herausgekommen. Sie schienen das Krankmelden
+als einen angenehmen Zeitvertreib zu betrachten, eine ernstlich Kranke habe
+ich in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes nicht gesehen. Ich hütete mich
+denn auch sehr, irgend wie selbst Medicin zu geben, obschon mir jetzt die
+dem Sultan von der Königin Victoria geschenkte Arzneikiste zur Verfügung
+stand. Ich beschränkte mich auf diätetische Anordnungen und culinarische
+Recepte, die oft grosse Heiterkeit hervorriefen, aber, wie mir Herr Kampher
+sagte, immer streng befolgt wurden, da die Marokkaner jedem Extraessen
+(d.h. alles was nicht Kuskussu ist) irgend eine besondere Heilkraft
+beilegen.
+
+ [Fußnote 95: Alle Eunuchen haben stets stark duftende, aromatische
+ Namen.]
+
+Von meinem Gehalt hatte ich seit meiner Reise nach Fes nichts mehr zu sehen
+bekommen, wahrscheinlich regalirte sich Hadj Asus damit, auch nach der
+Ernennung zum Leibarzte war von meiner Gehaltsauszahlung oder Erhöhung
+desselben keine Rede. Allerdings sagte mir Si-Thaib mehrere Male, ich solle
+nur zum Amin (Schatzmeister) des Sultans gehen, der Sultan habe Befehl
+gegeben, ich solle jetzt täglich 5 Unzen Silber, also ca. 8 Sgr. beziehen,
+ich enthielt mich aber dessen. Des Hofes war ich so müde, dass ich nur
+daran dachte, wie ich fortkommen könne. Ueberdies fehlte es nicht an Geld,
+die Grossen des Reiches glaubten alle verpflichtet zu sein, weil ich Arzt
+des Sultans war, sich von mir behandeln zu lassen, und irgend ein
+Bittsteller, der bei Si-Thaib erschien, kam sicher auch um sich von mir
+behandeln zu lassen. Und weil er glaubte, ich gehöre mit zum Hause des
+Ministers, hielt er sich verpflichtet, auch mir ein Geschenk zu machen;
+indem er Medicin dafür verlangte, meinte er auf diese Art zwei Fliegen mit
+einer Klappe zu fangen.
+
+Ich war daher so beschäftigt, dass ich nur die Abende für mich hatte, bekam
+daher von Mikenes wenig zu sehen. Freitags hatte ich jedoch Zeit, eine oder
+die andere Moschee zu besuchen, die, welche den Namen Mulei Ismael hat, ist
+jetzt die berühmteste, und da der "blutdürstige Hund" Mulei Ismael längst
+einer der berühmtesten Heiligen von Marokko geworden ist, hat die Moschee,
+in der sich das Grabmal Mulei Ismaels, Mulei Sliman's, Mulei
+Abd-er-Rhaman's und noch anderer Sultane dieser Dynastie befindet,
+Asylrecht erhalten. Die Berühmtheit dieser Moschee als Asyl Verbrecher
+gegen das Gesetz zu schützen, scheint durch die Leichen der eben
+genannten Herrscher Marokko's fast eben so gross geworden zu sein, wie
+die der heiligen Moschee Mulei Edris Serone, und die des Mulei Edris in
+Fes.
+
+Eines Tages war ich Zeuge, dass verschiedene Artilleristen, welche wegen
+nicht erhaltener Löhnung revoltirt hatten, in die Djemma Mulei Ismael's
+flüchteten. Sie blieben dort mehrere Tage, sogar während eines
+Freitag-Gebetes, an welchem Tage der Sultan selbst in dieser Moschee das
+Chotba zu hören pflegt, und erst die positive Zusage vollkommener
+Straflosigkeit machte sie aus ihrem Zufluchtsorte hervorkommen. Ob diese
+später gehalten worden ist, weiss ich nicht, glaube es aber, da dem
+Sultan natürlich daran liegt, die Heiligkeit des Ortes, worin seine
+Vorfahren begraben liegen, aufrecht zu erhalten und zu erhöhen.
+
+Die Zahl der Einwohner wird von allen Schriftstellern über Marokko
+verschieden angegeben, Höst nennt über 10,000 Einwohner, Hemsö 56,000 Ew.,
+Leo 6000 Feuerstellen, Marmol 8000 Ew., Diezo de Torres 5000 Ew., Jackson
+110,000 Ew. Das Wahre dürfte auch hier in der Mitte liegen, wenn man eine
+ungefähre Zahl von 40,000-50,000 Seelen annimmt. Marmol, Höst und Hemsö
+haben das alte Silda des Ptolemaeus in Mikenes sehen wollen. Nach
+Walsin-Esterhazy[96] wurde Mikenes von einer Abtheilung der Znata, der
+Meknâca, gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts gegründet. Der eigentliche
+Gründer der Stadt war aber Mulei Ismael, der hier beständig residirte,
+und unter dem sie ihre Berühmtheit erlangte und von der Zeit eine der
+vier Residenzen des Reiches geblieben ist. Einige Stunden südwärts vom
+Abhange des Berges Mulei Edris Serone gelegen, hat die Stadt die
+reizendsten Gärten, die man sich denken kann. Schon Leo hebt die
+kernlosen (?) Granaten und wohlriechenden Quitten hervor, und dass die
+Stadt einen grossen Oliven-Reichthum hat, bekundet das Beiwort
+Meknas-el-situna, d.h. das olivenreiche. Zum Theil liegen die Gärten
+innerhalb der Mauer.
+
+ [Fußnote 96: Siehe: Renou pag. 254.]
+
+Das heisst die eigentliche Stadt mit der Kasbah und dem Palais des Sultans,
+ist durch eine sehr gut erhaltene, von hohen viereckigen Thürmen flankirte
+Mauer umgeben, und innerhalb dieser hohen Mauer befindet sich auch der
+prächtige Garten des Sultans. Dann zieht sich eine Stunde entfernt eine
+andere, niedrigere, an manchen Stellen zwiefache Mauer um die Stadt, um die
+nächsten Gärten zu schützen.
+
+Mikenes hat fast durchweg eine Bevölkerung, die in irgend einer Beziehung
+zum Hofe oder zum Heere steht. Die von Hemsö angeführte und dem Leo
+nachgeschriebene grosse Eifersucht der Männer auf ihre Frauen dürfte wohl
+nicht grösser sein, als in den anderen marokkanischen Städten, besonders
+schön fand ich die Frauen nicht. Mikenes ist die einzige Stadt in Marokko,
+wo öffentliche Prostitutionshäuser sind. Im Uebrigen sind die Strassen
+gerader, reinlicher, die Häuser in einem besseren Zustande, als in irgend
+einer anderen Stadt des Reiches. Sogar der Palast des Sultans zeichnet sich
+dadurch aus, obschon der Theil, den Mulei Ismael mit Marmorsäulen, die er
+von Livorno und Genua kommen liess, schmückte, in Ruinen liegt. Diese
+schönen Monolithen liegen als Zeugen jüngst vergangener Grösse im Staube.
+Kein anderes Gebäude zeichnet sich irgendwie aus, selbst die Moschee Mulei
+Ismaels, welche doch Begräbnissstelle der jetzigen Dynastie ist, liegt halb
+in Verfall. Die Stadt wird durch eine ausgezeichnete Wasserleitung mit
+Wasser versorgt, irre ich nicht, von einem in den Ued Bet gehenden Bache
+aus, der nordwärts von der Stadt entspringt.
+
+Erwähnen muss ich eines Abstechers nach Mulei Edris Serone, einer ungefähr
+3 Stunden nördlich von Mikenes gelegenen Stadt; indess kann ich von diesem
+reizend gelegenen Orte nichts weiter anführen, als was ich bei Beschreibung
+der Stadt Fes schon mitgetheilt habe. Trotzdem ich Leibarzt des Sultans
+war, im Hause des ersten Ministers wohnte, alle Gebräuche und Sitten der
+Mohammedaner aufs Genaueste mitmachte, war ich dennoch immer mit
+misstrauischen Augen angesehen. Nach irgend einer Oertlichkeit direct
+fragen, ging schon gar nicht. Man würde gleich gesagt haben, ich sei ein
+Spion.
+
+Glücklicher Weise trat ein Ereigniss ein, was mich aus des Sultans Dienste
+befreite, eine englische Gesandtschaft wurde in Aussicht gestellt, und nach
+einigen Wochen traf auch Sir Drummond Hay mit zahlreichem Gefolge und
+escortirt von einer starken Abtheilung Maghaseni in Mikenes ein. Man kann
+sich denken, wie gross meine Freude war. Seit über einem Jahre, so viel
+Zeit war nun verflossen, hatte ich nichts von Europa gehört, hatte weder
+einen Brief noch eine Zeitung gehabt, und erhielt nun auf einmal Bücher,
+Zeitungen, und konnte mich mit gebildeten Herren unterhalten. Im Anfange
+hatte ich grosse Schwierigkeit zu Sir Drummond Hay zu gelangen, da die
+marokkanische Regierung den strengsten Befehl ausgegeben hatte, keinen
+Renegaten auf die Gesandtschaft zuzulassen. Nur durch eine List verschaffte
+ich mir Einlass, indem ich Si-Tbaib sagte: ich müsse seiner Krankheit wegen
+mit dem der englischen Gesandtschaft beigegebenen Arzte sprechen. Das wurde
+bewilligt und ich durfte dann, von meinem ehemaligen Dolmetsch begleitet,
+die Gesandtschaft betreten.
+
+Sir Drummond bewohnte eines der schönsten Häuser der Stadt, worin es sogar
+an europäischen Möbeln nicht fehlte, da der Sultan alle dergleichen
+Utensilien besitzt, sie aber für seine Person nicht gebraucht. Ueberhaupt
+wurde die Gesandtschaft mit einer Zuvorkommenheit und Artigkeit behandelt,
+wie sie Sir Drummond Hay, dem eigentlichen geheimen Herrscher von Marokko,
+zukommt. Auf den Strassen, vom Volke, überall wo die Gesandtschaft sich
+zeigte, wurde sie aufs respectvollste begrüsst. So gut wie der Sultan,
+fühlt das Volk, dass nur England eine wirkliche Hülfe gegen die Spanier und
+Franzosen ist. Es versteht sich von selbst, dass Sir Drummond sich mit
+aller Freiheit bewegen konnte, ebenso die übrigen Herren der Gesandtschaft.
+
+Was mich anbetrifft, so gab mir Sir Drummond ein Schreiben (arabisch
+ausgefertigt) und sagte mir, dasselbe durch den ersten Minister dem Sultan
+vorzeigen zu lassen. In diesem Schreiben war betont, die marokkanische
+Regierung solle mich nicht mit den übrigen Renegaten verwechseln und mir
+meine Freiheit wiedergeben. Das Blättchen Papier wirkte Wunder. Als
+Si-Thaib mir dasselbe nach einigen Tagen wieder einhändigte, fügte er
+hinzu, der Sultan habe das Blatt gelesen, und gesagt, ich könne thun was
+ich wollte, sei vollkommen frei, Mikenes zu verlassen, ja ich dürfe
+überall im "Rharb" reisen und mich aufhalten, wo ich es für gut fände.
+Wer war froher als ich. Jetzt aber war auch der Wunsch das eigentliche
+Land Marokko zu durchreisen, erst recht wachgerufen, und namentlich
+fühlte ich einen starken Trieb von nun an weiter in das Innere Afrika's
+einzudringen. Aber ich war mir nun auch erst recht bewusst geworden, wie
+viel noch abging, solche gefährliche Reisen ohne Mittel ausführen zu
+können. Wenn auch einestheils gerade diese Mittellosigkeit ein grosser
+Schutzbrief für mich war, so hatte ich andererseits im Arabischen wenige
+Fortschritte bis dahin gemacht. Der Umstand, dass ich fortwährend einen
+Dolmetsch zur Seite gehabt, machte, dass ich kaum mehr von dieser
+Sprache verstand als beim Beginn meiner Reise. Auch war ich mit den
+Sitten und Gebräuchen des eigentlichen Volkes noch zu wenig vertraut.
+Ebenso wenig wie man diese z.B. in London was das englische Volk, in
+Berlin was das deutsche Volk anbetrifft, in Erfahrung bringen kann, zu
+dem Ende vielmehr das eigentliche Land selbst besuchen muss, ebenso
+wenig ist dies in Marokko in der Hauptstadt der Fall, und bislang war
+ich eigentlich nur in Fes und Mikenes gewesen.
+
+Ich beschloss nun nach der heiligen Stadt Uesan zurückzukehren. Wo konnte
+ich besser Sitten, Gewohnheiten und auch die Sprache des Volkes kennen
+lernen, als in dieser grossen Pilgerstadt, wo täglich Hunderte, oft
+Tausende von Pilgern aus ganz Nordafrika, ja oft noch von weiter her
+zusammenströmen. Und es traf sich nun sehr glücklich für mich, dass gerade
+zwei von den nächsten Anverwandten des Grossscherifs in Mikenes waren.
+Diese hatten in der Besoffenheit einen Maghaseni des Sultans ums Leben
+gebracht, und waren selbst nach Mikenes gekommen, um sich deshalb beim
+Kaiser zu entschuldigen. Sie wurden nicht nur nicht gerügt oder gar
+bestraft für ihre im Trunk begangene Handlung, sondern der Sultan
+betrachtete es als einen besonderen Act der Höflichkeit, dass solche
+heilige Leute und noch dazu wirkliche Vettern des Grossscherifs, keinen
+Anstand nahmen, sich wegen einer solchen Kleinigkeit bei ihm selbst zu
+entschuldigen, und im Grunde genommen sah er es wohl nur für einen Vorwand
+an, Geschenke von ihm zu bekommen. Die erhielten sie denn auch beide. Sidi
+Mohammed ben Abd-Allah und sein Bruder, Sidi Thami, verliessen reich
+beschenkt die kaiserliche Residenz.
+
+Si Thaib Bu Aschrin hatte die Güte mir einen Brief für die beiden Schürfa
+zu geben, welche direct nach Uesan zurückreisen wollten. Und so sagte ich
+denn dem Hofe des Sultans Lebewohl, nur Trauer empfindend, dass Ismael
+(Joachim Gatell), der die ganze Zeit bei mir gewohnt hatte, jetzt wieder
+ins Lager zurück musste, und da er nicht, wie ich, die Protection der
+englischen Gesandtschaft genoss, nicht daran denken durfte, so bald seine
+Befreiung zu bekommen.
+
+Den folgenden Morgen begab ich mich mit meinem Gepäck zur Wohnung der
+Schürfa, und bald war Alles gepackt und wir sattelfest. Sidi Mohammed, ein
+fetter junger Mann von dreissig Jahren, und sein einige Jahre jüngerer
+Bruder, Sidi Thami, waren noch von zwei alten Schürfa begleitet und hatten
+mindestens 30 Diener als Gefolge. Wir verliessen gegen 8 Uhr Morgens
+Mikenes durch das Nordthor, zogen den Bergen entgegen, indem wir die Stadt
+Serone etwas östlich liegen liessen. Die Reisen zu Pferde oder Maulthier
+sind in Marokko keineswegs unangenehm, die mit hohen Lehnen versehenen
+Sättel, vorn mit einem Knauf, worauf man die Hände legen, die grossen
+Steigbügel, in welche man den ganzen Fuss schieben kann, lassen die
+Ermüdung weit später erfolgen, als bei europäischem Reitzeuge. Freilich
+muss ein Europäer sich die Mühe nehmen, den Sattel durch wollene Decken
+etwas zu polstern, denn wenn sich die Härte desselben schon ertragen
+liesse, ist er doch sehr uneben, was auf die Dauer unbequem ist.
+
+Wir waren ohne Rast den ganzen Tag unterwegs, da Sidi Mohammed Ben
+Abd-Allah wohl besonderen Grund haben musste so schnell zu reisen, denn
+sonst pflegen die Grossen in Marokko nur, kleine Tagemärsche zu machen.
+Als ich mich in der Höhe der Berge von Mulei Edris etwas entfernte von
+unserer Karawane, wurde ich der Gegenstand einer Ovation, die in der
+Nähe wohnenden Leute, die von der Durchkunft von Schürfa von Uesan
+gehört hatten, wohl im Glauben ich sei auch ein Scherif, kamen
+haufenweise herbei, mir die Hand und den Saum der Djilaba küssend. Sie
+verlangten auch das Foetha (Segen), das ich glücklicherweise auswendig
+wusste. Hoffentlich haben sie eben soviel Nutzen von meinem Segen
+gehabt, als von dem eines wirklichen Scherifs! Aber wenn sie es gewusst
+hätten, ich sei ein zum Islam Uebergetretener, wie würden sie mich
+verflucht haben. Gut, dass wir in den Zeiten leben, wo Fluch und Segen
+von Menschen gesprochen, den Zauber ihrer Allmacht verloren haben.
+
+Bei Sonnenuntergang hielten wir bei einem dem Grossscherif von Uesan
+gehörenden Duar (Zeltdorf). Da ich kein Zelt hatte, luden die beiden
+Schürfa mich ein, das ihrige mit zu theilen. Das Zelt eines Grossen von
+Marokko zeichnet sich durch Geräumigkeit aus. Aus starkem weiss und
+blaugestreiften Leinenzeug bestehend, ist es inwendig weiss und mit
+verschiedenartig zusammengenähtem bunter Tuch gefüttert. Meist von nur
+einer Stange getragen, kann die rund ums Zelt gehende gerade aufstrebende
+Seitenumfassung abgenommen werden, was namentlich bei Sonnenschein und
+grosser Hitze eine grosse Annehmlichkeit gewährt, da das Dach des Zeltes,
+gewissermassen ein grosser Schirm, frei stehen bleibt und dem kühlenden
+Winde der Durchlass offen steht.--Ich war froh, als der Koch der Schürfa
+sogleich ein Mahl auftrug, da ich den ganzen Tag nichts genossen hatte, als
+ein Stückchen Brod und Trauben. Gegen Mitternacht kam denn auch der Mul' el
+Duar oder Dorfvorsteher, mehrere Schüsseln voll Kuskussu verschiedener Art,
+und andere mit gebratenem Fleisch wurden niedergesetzt. Meine Müdigkeit war
+indess so gross, dass ich vorzog weiter zu schlafen, trotz der wiederholten
+Aufforderungen am Mahle theilzunehmen.
+
+Frisch gestärkt erweckte man mich am anderen Morgen mit einer Tasse Kaffee
+(die Schürfa von Uesan trinken auch Kaffee) und sodann kam wieder ein
+reichliches Mahl der Leute des Zeltdorfes, welche dafür mit Thee bewirthet
+wurden. Wie am vorhergegangenen Tage war die Gegend hügelig, wohlangebaut
+und zahlreiche Duar deuteten auf eine verhältnissmässig dichte Bevölkerung.
+Bald nach dem Aufbruche am zweiten Tage passirten wir die Flüsse Sebu und
+Uarga, letzteren etwas oberhalb der Stelle, wo er in den Sebu einfällt.
+Ueberall wie am ersten Tage waren die Schürfa der Gegenstand der grössten
+Verehrung, im ganzen Lande gelten die Schürfa Uesan's als die grössten
+Heiligen. Die Sitte will es, dass ein Vornehmer nie seinen Einzug Abends
+hält, so wurde denn auch an dem Tage schon um 5 Uhr Nachmittags Halt
+gemacht in einem Duar, der Sidi Abd-Allah selbst gehörte. Nur noch einige
+Stunden am anderen Morgen, und wir hatten den Berg Bu-Hallöl vor uns, an
+dessen anderer Seite Uesan gelegen ist.
+
+Sobald wir den Berg umgangen, kamen uns die Verwandten und Bekannten der
+Schürfa entgegen, die durch den jüngeren Bruder, der am Abend vorher noch
+die Stadt erreicht hatte, waren benachrichtigt worden. Sidi Thami hatte
+auch dem Grossscherif schon meine Zurückkunft mitgetheilt.
+
+Ich konnte indess nicht direct nach der Wohnung des Grossscherifs gehen, da
+ich vorher bei Sidi Abd-Allah frühstücken musste. Ein naher Verwandter von
+Sidi el Hadj Abd es Ssalam, ist er, was Reichthum und Macht anbetrifft, von
+den Uesaner Schürfa der dritte, denn Sidi Mohammed ben Akdjebar, obschon
+entfernterer Linie, hat nach dem Grossscherif den grössten Einfluss und den
+grössten Reichthum. Die übrigen Schürfa, fast die ganze Stadt besteht aus
+Abkömmlingen Mohammed's, haben in Uesan selbst gerade keinen Einfluss, da
+ihrer zu viele sind.
+
+Gleich darauf ging ich dann, nachdem ich meinen meergrünen Anzug angelegt
+hatte, zum Grossscherif, den ich von einer zahlreichen Menge umgeben in
+seinem Landhause antraf. Aufs freundlichste aufgenommen, liess er sogleich
+eine Wohnung für mich einrichten, und mich ein über das andere Mal
+willkommen heissend, sagte er, ich solle mich von nun an ganz wie zu seinem
+Hause gehörig betrachten.
+
+Ehe ich nun meine Erlebnisse in Uesan schildere, möchte ich Einiges über
+die derzeitigen politischen Zustände in Marokko sagen, und knüpfe daran
+zugleich einige Worte über die sonstige und jetzige Stellung der
+christlichen Consuln.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+10. Politische Zustände
+
+ * * * * *
+
+Marokko hat eine Regierung so despotisch und tyrannisch eingerichtet, wie
+man sie eben nur da findet, wo zu gleicher Zeit geistige und weltliche
+Herrschaft in _einer_ Person vereint ist, und der Grund zu diesem
+absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im Charakter des arabischen
+oder berberischen Volkes, einzig und allein die _mohammedanische
+Religion_ ist Schuld daran.
+
+In allen Ländern, auf welche sich der Islam ausgedehnt hat, ist es ähnlich.
+In der Türkei, in Persien, in Aegypten, in Tunis, überall die absoluteste
+monarchische Herrschaft, ja sogar in Centralafrika hat die mohammedanische
+Religion in den Staaten, von denen sie Besitz ergriffen hat, dem jeweiligen
+Fürsten unbeschränkte Macht verliehen, so in Uadai, Bornu, Sokoto und
+Gando.
+
+_Vor_ dem Islam lebten die Araber in kleinen Triben unter
+patriarchalischen Herrschern, und wenn die Berber Nordafrika's es zuweilen
+vermochten, sich zu Königreichen zu vereinigen, so war dennoch die
+Gemeindeabtheilung, kleine von einander unabhängige Republiken, ihre
+Urregierungsform. So finden wir in Nordafrika die Araber und Berber noch
+da, wo sie sich unabhängig von den grossen Staaten zu erhalten gewusst
+haben.
+
+Nach der Entstehung des Islam folgte es von selbst, die politische
+Autorität mit der des obersten Priesters in einer Person zu vereinigen.
+Nach unten giebt es im Mohammedanismus keine Hierarchie, keine
+Priesterkaste, keine privilegirten Menschen, mit Ausnahme derer, welche
+Mohammed selbst als bevorzugt bezeichnete: das sind seine eigenen
+Nachkommen.
+
+Freilich die vollkommene Unbeschränktheit, wie sie jetzt die Sultane von
+Marokko gemessen, "absolute Unfehlbarkeit," kam erst dann zu Stande, als im
+Anfange des 16. Jahrhunderts Sultane aus der Familie der Schürfa auf den
+marokkanischen Thron kamen. Seit der Zeit hat im eigenen Lande der
+Marokkaner die Macht und _Unfehlbarkeit_ der Herrscher immer mehr
+zugenommen, das Wohl, die Bildung und der Fleiss des Volkes aber von dem
+Augenblick an auf merkwürdige Weise abgenommen.
+
+Der Sultan von Marokko nennt sich "Beherrscher" oder auch "Fürst der
+Gläubigen," Hakem el mumenin, oder will er politisch als Herr des Landes
+sich bezeichnen, schreibt er Mul' el Rharb el Djoani[97].
+
+ [Fußnote 97: Alle anderen Titel, wie z.B. bei Lempiere: "Emperor of
+ Africa" (die Marokkaner wissen gar nicht was Afrika ist), "emperor
+ of Marokko, King of Fes, Suz and Gago, Lord of Dara and Guinea and
+ great Sherif of Mohamet" (?), sind Erfindungen der Europäer selbst.]
+
+Von seinen Unterthanen wird er "Sidna," unser Herr, oder auch "Sultan,"
+"Sultana," Sultan, unser Sultan genannt. Andere Ansprachen sind nicht
+üblich. Seine erste Frau, die nicht nothwendig ein weiblicher Scherif zu
+sein braucht, hat den Titel Lella-Kebira, und gebiert sie einen
+Thronfolger, so hat sie für immer das Recht den Harem zu regieren und bei
+der Wahl der übrigen Weiber eine gewichtige Stimme. Der älteste Sohn
+bekommt den Titel Sidi el Kebir oder Mulei el Kebir, denn Sidi und Mulei im
+Singular wird immer gleichbedeutend gebraucht, während Muleina, der Plural,
+nur auf den Propheten angewendet wird. Wie alle Mohammedaner, hat der
+Sultan gleichzeitig nur vier rechtmässige Frauen, die nach Belieben
+fortgeschickt oder erneuert werden; wie viele unrechtmässige, d.h. nicht
+angetraute junge Mädchen und Frauen in den vier Harems sind, weiss der
+Sultan, _trotz seiner Unfehlbarkeit_ wohl selbst nicht.
+
+Ein Gesetz über Erbfolge giebt es bei den Mohammedanern nicht, also
+existirt darin auch keine Regel für Marokko. Der augenblicklich auf dem
+Thron sitzende Fürst ist der zweite Sohn des verstorbenen Sultans, und
+dieser selbst war Neffe seines Vorgängers. Er heisst Sidi Mohammed ben
+Abd-er-Rhaman und ist im Jahre 1805 geboren. Wenn schon unter seinen
+Vorgängern, Sultan Sliman und Abd-er-Rhaman, Vieles anders am
+marokkanischen Hof geworden ist, so wechselte noch mehr unter der
+Regierung des jetzigen Herrschers, und trotzdem dieser nicht wie sein
+Vater Gelegenheit gehabt hat, mit Europäern auf gleichem Fuss zu
+verkehren und sie so besser kennen zu lernen, schätzt doch gerade Sidi
+Mohammed mehr als einer seiner Vorgänger die Christen. Der Vater
+Mohammed's war nämlich vor seiner Thronbesteigung Bascha in Mogador
+gewesen, hatte dort viel mit den Consuln verkehrt und somit europäische
+Gewohnheiten und Gebräuche kennen gelernt. Sidi Mohammed war aber
+fortwährend Bascha von der Stadt Marokko gewesen, ehe er Sultan ward.
+
+Die Regenten von Marokko haben keinen eigentlichen Divan oder Midjelis, und
+die Etikette am Hofe ist äusserst streng. Es giebt aber gewisse Leute, die
+den Vorzug haben, sich setzen zu dürfen, z.B. die Prinzen, Gouverneure der
+Provinzen, vornehme Schürfa, während die gewöhnlichen Sterblichen vor dem
+Kaiser nur hocken oder knieen dürfen. Vorgelassene Bittsteller dürfen nur
+von weitem ihr Anliegen vorbringen in knieender Stellung, und nachdem sie
+vorher den Erdboden geküsst haben. In Gegenwart des Sultans darf das Wort
+"gestorben" nicht ausgesprochen werden, damit er nie an den Tod erinnert
+werde. Man umschreibt dies, z.B. mit: er hat seine Bestimmung erfüllt,
+ebenso darf nie die Zahl "fünf" vor dem Sultan ausgesprochen werden, man
+sagt dafür "4 und 1" oder "3 und 2". Dieser sonderbare Brauch[98] erklärt
+sich wohl daraus, weil fünf die Zahl der Finger das Symbol der Hand, der
+despotischen Macht ist. In allen mohammedanischen Landen wird man auch
+häufig an den Häusern eine rothangemalte Hand oder einfach den Abdruck
+einer Hand oder mehrerer finden, man glaubt dadurch Gewalt und Einbruch
+abhalten zu können, das Haus wird hiemit unter die unsichtbare Macht einer
+starken Hand gestellt.
+
+ [Fußnote 98: S. Jackson, Account]
+
+Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem Juden, so wird vorher
+"Verzeihung" gebeten, "Haschak," weil die Juden für unrein gehalten werden.
+Früher galt das auch von den Christen, aber schon unter Abd-er-Rhaman kam
+diese Unsitte ab. Es versteht sich von selbst, dass Niemand mit Pantoffeln
+vor dem Sultan erscheint, doch haben die hohen Beamten die Erlaubniss, ihre
+gelben ledernen Stiefelchen anbehalten zu dürfen. Decorationen giebt es in
+Marokko nicht, indess dachte man im Jahre 1864 daran, einen Orden zu
+stiften, den vom Sultan Salomon (dem jüdischen König). Modelle waren
+angefertigt, ähnlich wie die, welche König Theodor von Abessinien hatte
+machen lassen. Die grösste Auszeichnung, die der Sultan von Marokko
+gewährt, ist die, wenn er selbst seines Burnus sich entledigt, und ihn
+einem der Anwesenden schenkt. Vornehme Personen werden zum Handkusse
+zugelassen, seine Kinder, seine Brüder und die allernächsten Günstlinge
+dürfen auch die _innere_ Fläche der Hand küssen[99].
+
+ [Fußnote 99: S. Aly Bei el Abassi.]
+
+Der vom Sultan gemachte Aufwand ist verhältnissmässig gering und besteht
+hauptsächlich in schönen Waffen, herrlichen Pferden und einem grossen
+Harem, bewacht von einer glänzend gekleideten Schaar von Eunuchen. Die
+einflussreiche Stellung, welche diese unglücklichen Geschöpfe unter den
+früheren marokkanischen Fürsten hatten, hat indess jetzt ganz aufgehört und
+beschränkt sich lediglich darauf, unbeschränkt in dem Theile des Palastes
+zu herrschen, in den auser [außer] dem Sultan keine Mannsperson eintreten
+darf. Aehnlich gekleidet wie die marokkanischen Maghaseni oder Reiter,
+haben sämmtliche Eunuchen silbergestickte Leibgürtel. Alle haben einen
+stark riechenden duftenden Namen; so hiess in Mikenes der Eunuchenoberst
+"Kaid Kampher", andere hiessen Moschus, Amber, Thymian etc. Ein Theil des
+Harems ist stets mit dem Sultan unterwegs, dieser besteht aus den
+Lieblingsfrauen, Quintessenz der vier Harem von Fes, Mikenes, Rbat und
+Marokko. Marschirt der Sultan, so hat er zwei grosse Zelte, ein jedes
+umgeben von einer äusseren vom Hauptzelte unabhängigen Zeltwand. Beide
+Zelte sind durch einen Zeltgang verbunden: das eine bewohnt der Sultan, das
+andere ist für die Frauen. Im äusseren Umgang des für die Frauen bestimmten
+Zeltes halten sich die Eunuchen auf.
+
+Die Regierung des jetzigen Sultans besteht aus dem ersten Minister, der vom
+Volke Uisir el Kebir genannt wird, sonst aber den Titel "Ketab el uamer",
+Schreiber des Fürsten, hat. Dieser ist der allmächtigste Mann im Reiche,
+ehemaliger Lehrer des Sultans, und sein Einfluss, namentlich in allen
+äusseren Angelegenheiten, ist entscheidend; sein Name ist
+Si-Thaïb-Bu-Aschrin-el-Djemeni. Der unmittelbare Verkehr mit den
+europäischen Consuln findet in Tanger statt, durch den dortigen
+Gouverneur, der den Titel Uisir-el-uasitha hat, und der seine
+Instructionen in dieser Beziehung vom Uisir-el-Kebir oder auch direct
+vom Sultan bekommt.
+
+In allen despotischen Staaten, und vorzugsweise in
+mohammedanisch-despotischen Staaten, wird manchmal der niedrigste und
+dümmste Mann durch eine Laune des _unfehlbaren_ Herrschers zum obersten
+Posten hinaufgehoben. Wer sollte sich dem auch widersetzen? In Marokko
+Niemand; allerdings giebt es fast allmächtige Kaids, unabhängig in ihren
+Provinzen regierend; allerdings giebt es die Classe der Schürfa, der
+Abkömmlinge Mohammeds, die sich wohl erdreisten, fern vom Sultan in
+Gegenwart des ganzen Volkes zu sagen: "Ich bin auch Scherif, und der
+Sultan hat kein besseres Blut in seinen Adern als ich;" allerdings ist
+da der Grossscherif von Uesan, der sagt, er stamme directer von
+Mohammed, als der Sultan selbst, und dieser allein wagt auch manchmal zu
+trotzen--aber sonst ist Niemand im Lande, der in Gegenwart des
+unfehlbaren Herrschers nicht von seiner eigenen Nichtigkeit und
+Unbedeutendheit überzeugt wäre.
+
+So ist denn auch der zweitmächtigste Mann im Reiche, Si-Mussa, den ich
+gewissermaßen "Minister des kaiserlichen Hauses" tituliren möchte, weiter
+nichts, als ein ehemaliger Sklave, ein Neger von Haussa. Er hat nur das
+Verdienst, mit dem jetzigen Sultan aufgewachsen zu sein, und leitet
+augenblicklich alle inneren Palast-Affairen. Sein Bruder, Si-Abd-Allah,
+ebenfalls ein Haussa-Neger und ehemaliger Sklave, ist dermalen
+Kriegsminister.
+
+Wichtiger Posten am Hofe von Marokko ist der des Mschuar. Der Kaid el
+Mschuar hat das Amt, Bittende, Fremde, Besuchende dem Sultan vorzuführen.
+Da man nur ausnahmsweise, um vom Sultan empfangen zu werden, sein Gesuch
+durch einen andern Minister anbringen lassen kann, ist dieser Posten sehr
+einträglich, folglich auch einflussreich. Denn jedes derartige Gesuch muss
+erst durch ein Geschenk, angemessen nach dem Reichthum des Petenten,
+unterstützt sein. Ebenso werden Consuln, wenn sie in Gesandtschaft zum
+Sultan kommen, oder auch in Rbat in gewöhnlicher Audienz empfangen werden,
+durch den Kaid el Mschuar eingeführt. Wie viele Plackereien damit für
+Europäer verbunden sind, wie vom Kaid el Mschuar abwärts Jeder, der ein
+Aemtchen hat, seinen Fremden auszubeuten bestrebt ist, davon hat Maltzan
+eine anziehende Schilderung gegeben.
+
+Der, welchen man in Marokko den Minister des Innern nennen könnte, der aber
+zugleich auch Gross-Siegelbewahrer ist, der Mul-el-taba oder Kaid-el-taba,
+ist derzeit auch eine vollkommen aus dem Staub, oder, wie der Marokkaner
+sich viel kräftiger ausdrückt, aus dem Dr. ... "Sebel" heraufgekommene
+Persönlichkeit. Der Mul-el-Taba beräth mit dem Sultan die Besetzung der
+Kaid- oder Gouverneurstellen in den Provinzen und Städten.
+
+Es giebt keinen eigentlichen Schatzmeister in Marokko, oder gar einen
+Finanzminister, denn den Schlüssel zur Hauptcasse, welche in Mikenes sein
+soll, hat der Sultan selbst. Dass eine Hauptabtheilung des dortigen
+Palastes, von aussen einen vollkommen viereckigen steinernen Würfel
+darstellend, "el dar-el chasna," oder "bit el mel", Schatzhaus heisst, kann
+ich aus eigener Anschauung bestätigen; anscheinend hat dieses massive
+Gebäude von aussen gar keinen Zugang, indess liegt eine Seite nach dem
+Harem zu, von wo aus der Eingang wohl sein wird. Die Marokkaner behaupten,
+der Zugang zum Schatz sei unterirdisch vermittelst eines Tunnels. Das
+Innere wird beschrieben als eine ausgemauerte Höhlung, in deren Innerem
+wieder ein gemauertes Gemach enthalten sei[100]. Alles dies ist wohl Fabel,
+denn Niemand, auch nicht der Kaid-etsard oder Schatzmeister, hat wohl je
+einen Blick ins Innere gethan. Ebenso sind die Summen, welche im Schatzhaus
+angehäuft liegen sollen, wohl lange nicht so bedeutend, als Manche
+herausgerechnet haben. Französische Schriftsteller haben die Ersparnisse
+der marokkanischen Regenten auf 300 Millionen Franken, ja auf eine
+Milliarde veranschlagt, ohne zu bedenken, dass das, was der eine Sultan
+zurückgelegt hatte, oft vom folgenden, der durch Usurpation und
+Gewaltmittel auf den Thron kam, in einem Tage der Plünderung preisgegeben
+wurde. Als z.B. an Spanien jene 22 Millionen spanische Thaler
+Kriegsentschädigung gezahlt werden mussten, fand es sich, dass der
+Staatsschatz leer war. Oder durfte und wollte der Sultan ihn nicht
+angreifen? Das Nichtvorhandensein des Geldes ist das Wahrscheinlichere.
+
+ [Fußnote 100: S. Höst p. 221, der die Höbe des damaligen Schatzes auf
+ 50 Millionen Thaler angiebt.]
+
+Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, der Sultan als unfehlbar
+vereinigt Papst, Cultusministerium oder oberste Synode, wie man bei den
+Christen dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person.
+
+Ich unterlasse es, auf niedere Aemter am Hofe von Marokko einzugehen, werde
+jedoch einige derselben, wie sie jetzt noch existiren, erwähnen: den
+Mundkoch Mul' el tabach, den Sonnenschirmträger Mul' el schemsia,
+Säbelträger Mul' el skin, den Theeservirer Mul' el atei, Speiseträger Mul'
+el taam. Alle diese Aemter werden meist von Sklaven versehen, viele aber
+auch, und es giebt derer noch fünfzig, von freien weissen Leuten. Für die
+kleinste Handthierung ist ein besonderer Angestellter vorhanden, z.B. für
+den, der die Pantoffel des Sultans umdreht, damit er sie beim Anziehen
+gleich wieder fussgerecht vor sich hat. Um den Steigbügel zu halten, um
+eine Schale mit Wasser zu bringen, um die ausgetrunkene Theetasse in
+Empfang zu nehmen, um die Serviette zu reichen, um das Waschbecken zu
+präsentiren, für jeden kleinen Dienst hat der Sultan einen besonderen
+Angestellten. Man glaube aber nicht, dass alle diese Leute besoldet sind.
+Ziemlich gute Kleidung, oft die, welche der Sultan oder die Prinzen
+abgelegt haben, und die sieh von der fürstlichen Tracht durch nichts
+unterscheidet, als durch grössere Fadenscheinigkeit--dann Nahrung, das ist
+Alles, was dieses Heer von Bedienten und Beamten bekommt. Aber keineswegs
+sind sie deshalb ohne Geld, von Jedem, der nach Hofe kommt, wissen sie
+etwas zu erpressen; gehen sie in die Stadt auf die Märkte, so entlocken sie
+bald hier einem unglücklichen Juden, dort einem leichtgläubigen Landmann
+eine Mosona, wer würde der Bitte oder der Drohung eines Ssahab sidna
+widerstehen? Es ist das officieller Name aller Beamten und Diener. Der
+erste Minister des Sultans, wie sein letzter Sklave, schämt sich dieses
+Titels nicht, was wiederum seinen Grund daher hat, weil in den Augen des
+Sultans der höchste Beamte keinen grösseren Werth hat als der letzte
+Sklave. Vor der marokkanischen Unfehlbarkeit verfällt mit derselben
+Leichtigkeit das Haupt des rechtschaffensten Beamten dem Schwert, wie das
+eines Verbrechers, der es wirklich verdient hat. Eigentlich kann daher
+Unfehlbarkeit nur in einem solchen Lande vollkommen blühen und existiren
+wie in Marokko, d.h. in einem Lande, wo das Gesetz nichts gilt, sondern
+Alles sich der Laune eines schwachköpfigen Fanatikers fügen muss.
+
+Es giebt kein höchstes Justizamt in Marokko; vom Kadi einer einzelnen
+Provinz oder einer Stadt, oder eines kleinen Ortes kann nur an den Uisir
+oder an den Sultan appellirt werden, welche letztere nach ihrem Gutdünken
+das gefällte Urtheil bestätigen oder verwerfen.
+
+Die einzelnen Provinzen und Ortschaften werden manchmal von Kaids und
+Schichs regiert, die direct, wenn es sich um Provinzen und um grössere
+Städte handelt, vom Sultan ernannt werden. So wie wir auf den meisten
+Karten die verschiedenen Provinzen abgegrenzt finden, existiren sie in
+administrativer und gerichtlicher Beziehung nicht. Die Kaid stehen einem
+Kaidat vor, das manchmal aus einer Stadt mit verschiedenen Triben oder
+Dörfern besteht. Oft ist ein Kaid direct vom Sultan abhängig, oft hat ein
+Kaid oder Schich 40 oder gar 100 Kaids, die unter ihm stehen. Ein Kaid hat
+manchmal nur einen Duar[101], einen Tschar[102], eine Tribe zu commandiren,
+manchmal deren 20, 50 und noch mehr. Ein Kaid commandirt z.B. vielleicht zu
+einer Zeit die beiden Rhabprovinzen mit den Triben darin, oder wie zur Zeit
+des jetzt regierenden Sultans sind sie getheilt, und werden von zwei Kaids
+regiert. Der Titel "Kaid" ist der allein officielle, sowohl für die Beamten
+einer grossen Provinz, wie für die einer kleinen Ortschaft. Gleichbedeutend
+ist der Name "Schich", den man vorzugsweise in den Gegenden von
+überwiegender Berber-Bevölkerung antrifft. Der Titel "Bascha" wird nur
+einzelnen besonders hervorragenden Gouverneuren, z.B. dem von Alt-Fes,
+verliehen. Der Titel "Chalifa" schliesst immer eine Stellvertretung in
+sich, so hat z.B. der älteste Sohn des Sultans unter der Regierung des
+jetzigen Kaisers, sobald dieser nach Marokko übersiedelt, den Titel
+"Chalifa von Fes" als seines Vaters Stellvertreter. Kehrt der Sultan nach
+Fes zurück, hat einer der Brüder des Sultans, Mulei Ali, in der Hauptstadt
+Marokko den Titel "Chalifa". Es ist dies die einzige Erinnerung daran, dass
+ehemals Fes und Marokko getrennte Königreiche waren.
+
+ [Fußnote 101: Zeltdorf.]
+
+ [Fußnote 102: Bergdorf aus Häusern.]
+
+Es würde unmöglich sein, genau die Grenzen der verschiedenen Provinzen
+Marokko's angeben zu wollen, da überhaupt je nach den Launen der Regierung
+heute eine Provinz vergrössert, morgen verkleinert oder gar entzwei
+geschnitten wird, heute eine Tribe dieser, morgen jener Provinz einverleibt
+wird, manchmal mit den Provinzen eine geographische Bezeichnung für immer
+verbunden ist, manchmal auch nicht.
+
+Auf der Abdachung des Atlas nach dem Mittelmeer und Ocean, umfasst von der
+Gebirgskette, welche zwischen Cap Gehr und Cap el Deir hinzieht, haben wir
+im Norden die Andjera und Rif-Provinz, südlich von Andjera die beiden
+Rharb-Provinzen, und dann längs des Oceans von Norden Beni-Hassen, Schauya,
+Dukala, Abda, Schiadma und Haha. Südlich vom Rif die Hiaina, und südlich
+von der Hiaina die Provinz Fes. Auf den Stufen des Atlas liegen östlich von
+Haha die Ahmar und die Erhammena, dann Maroksch (District der gleichnamigen
+Stadt), und nördlich von Maroksch, Temsena und östlich Scheragna. Diese
+soeben aufgeführten Districte, die aber keineswegs alle eine besondere
+Regierung haben, und deren Grenzen nicht genau bestimmt sind, dürften die
+Benennungen für die bezeichneten Oertlichkeiten sein. In denselben, sind
+indessen Districte enthalten, die ebenso gut den Namen Provinz führen
+könnten. Die östliche Partie des Garet, welche Provinz westlich mit dem Rif
+zusammenhängt, ist in den letzten Jahren als Beni-Snassen bekannt geworden,
+ein eigener politisch begrenzter District, mit eigenem Kaid. Südlich von
+der Provinz Fes, von Scheragna, Maroksch und Erhammena sind Atias aufwärts
+noch die verschiedensten Districte bis zum Kamme des Gebirges, aber die
+Namen derselben zum Theil unbekannt, zum Theil wissen wir nicht mit
+derselben Sicherheit anzugeben, wohin sie setzen. Von Fes in südöstlicher
+Richtung könnte ich constatiren den District der Beni Mtir und der Beni
+Mgill.
+
+Südlich vom Cap Gehr längs des Oceans sind die Provinzen Sus und Nun (mit
+Tekna), der Staat des Sidi Hischam existirt nicht mehr[103]. Die Provinz
+Draa kommt natürlich nur soweit hier in Geltung, als sie bewohnt ist, das
+ist bis zum Umbug des Flusses nach Westen. Es folgt sodann östlich vom Draa
+Tafilet mit seinen verschiedenen Districten, und nordöstlich von Tafilet
+die verschiedenen kleinen Oasen am südöstlichen Atlasabhange, die
+bedeutendste davon ist Figig. Endlich die südöstlichste Provinz von Marokko
+ist Tuat.
+
+ [Fußnote 103: Per Name "Dschesula" oder, wie Renou auf seiner Karte
+ hat, Gezoula, existirt nirgends südlich vom Atlas, vielleicht soll
+ er auf den Karten bloss die Gaetuler der Alten in Erinnerung
+ bringen.]
+
+Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Sultans von Marokko lässt sich nichts
+Bestimmtes sagen, da keine Staatsbücher darüber existiren, die Einkünfte
+dem Zufall unterworfen und der Laune der einzelnen Kaids anheimgegeben
+sind, oft auch andere Umstände eintreten, die ganz unvorhergesehen sind.
+
+Im Jahre 1778 veranschlagte Höst, auf Koustroup fussend, die Einnahme auf
+eine Million Piaster[104], hervorgegangen aus Zoll, Schutzgeldern,
+Thorsteuern, Judenabgaben, Monopolen, Miethen, Strassenzöllen und
+ausländischen Geschenken, letztere figuriren allein mit 250,000 Piastern.
+An Ausgaben giebt er nur 300,000 an, so dass 700,000 Piaster für den Schatz
+geblieben wären. Da der zu der Zeit regierende Sultan im Jahr 1778 zwei und
+zwanzig Jahre regierte, meint Höst den Schatz in der Bit el mel auf 13
+Millionen Piaster veranschlagen zu können.
+
+ [Fußnote 104: Ein spanischer Piaster ungefähr 1 Thlr. 13 Sgr.]
+
+Im Jahr 1821 giebt Hemsö die Einkünfte auf 2,600,000 Thaler an, darunter an
+Geschenken für 225,000 Thaler. Die Ausgaben berechnet er auf 990,000
+Thaler, und wie Höst schliessend, dass Sultan Soliman seit seiner
+Thronbesteigung im Jahre 1793 jährlich eine Ersparniss von 1,600,000 Thaler
+gemacht habe, meinte er, müsse in der Bit ei mel nach einer Regierung von
+34 Jahren zum mindestens die Summe von 50 Millionen Thaler sein.
+
+Neuere Nachrichten liegen über den Staatshaushalt nicht, vor, denn Jules
+Duval in der Revue des deux Mondes von 1859 hat einfach von Hemsö
+abgeschrieben, die Zahlen für die neuesten ausgegeben, ohne der Quelle
+dabei auch nur zu gedenken; ebenso wenig verdienen Calderons Angaben
+Glauben.
+
+Auch über Gesammtausfuhr und Einfuhr, über Handel und Wandel liegen keine
+statistischen Nachrichten vor. Ueber verschiedene Häfen besitzen wir in
+dieser Beziehung gar kein Material. Agadir mit sehr bedeutender Importation
+von Naturalien aus Sudan, der Sahara, Nun, Draa und Sus hat, wie Asamor,
+keine Consuln irgend eines Staates. Und Asamor ist eine der bedeutendsten
+Städte. Aus einzelnen Häfen jedoch liegen über ein- und ausgelaufene
+Schiffe, Tonnengehalt, Aus- und Einfuhrartikel, Nationalität der Schiffe
+etc. genaue Angaben vor[105].
+
+ [Fußnote 105: Siehe Richardson Vol II, p. 316.]
+
+Serafin Calderon schätzt den Gesammtwerth des Handels auf 50,000,000
+Thaler. England vermittle davon zwei Drittel, das dritte vertheile sich auf
+Spanier, Portugiesen, Franzosen, Belgier etc. Beaumier giebt die
+Handelsbewegung von Marokko mit einem jährlichen Mittel von etwa 40
+Millionen Franken an, und was die Wichtigkeit der daran theilnehmenden
+Häfen anbetrifft, stellt er Mogador mit 5/8 voran, während L'Araisch,
+Tanger, Rbat, Casablanca und Masagan je mit 1/8, und Tetuan und Saffy mit
+je 1/16 im gleichen Verhältniss daran Theil nehmen[106].
+
+ [Fußnote 106: Siehe Beaumier, Déscription sommaire de Maroc, p. 31.]
+
+Obschon nun verschiedene Tractate mit den christlichen Nationen geschlossen
+sind über Zoll bei Einfuhr und Ausfuhr, so hebt sie der Sultan manchmal
+ohne besonderen Grund auf, weshalb sollte er auch nicht? Braucht er, der
+unfehlbare Herrscher der Gläubigen, Sklave seines Wortes zu sein? ist er
+nicht Herr und uneingeschränkter Gebieter aller Leute, die im Rharb sich
+aufhalten, folglich auch der Christen, so lange wie sie dort wohnen? Giebt
+es überhaupt einen Fürsten, der sich mit ihm messen kann? Freilich regiert
+der Sultan von Stambul die andere Hälfte[107] der Gläubigen, aber das ist
+von Gott so geschrieben. Freilich schlugen die Franzosen bei Isly den jetzt
+regierenden Sultan aufs Haupt, aber das war auch Mektub Allah (von Gott
+geschrieben); freilich nahmen die Spanier Tetuan, aber auch das war Mektub
+Allah; einige alte Wahrsager sagen sogar, die Christen werden einst in
+Mulei Edris (Fes) einrücken, und man antwortet in Marokko: "Gott verfluche
+sie, aber vielleicht ist es _geschrieben_."
+
+ [Fußnote 107: Anschauungsweise der Marokkaner.]
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+11. Consulatswesen.
+
+ * * * * *
+
+Kein einziger Staat auf der ganzen Erde hat sich so in seiner
+Abgeschlossenheit zu erhalten gewusst wie Marokko. Während die Türkei schon
+seit langer Zeit in diplomatischem Verkehr mit allen europäischen Mächten
+steht, in allen europäischen Ländern Gesandte und Consuln unterhält;
+während China, wenn es auch noch keine Agenten in Europa hat, doch
+fortwährend in diplomatischer Verbindung mit den christlichen Mächten steht
+und das Reich der Mitte jetzt den Europäern geöffnet ist, bleibt der
+äusserste Westen, el-Rharb-el-Djoani, geheimnissvoll verschlossen.
+
+Weder die Schlacht von Isly oder des Prinzen von Joinville Bombardement von
+Tanger und Mogador, noch die Einnahme von Tetuan haben vermocht, irgendwie
+eine Veränderung herbeizuführen. Mit Ausnahme einer einzigen Macht,
+Englands, sind die Beziehungen Marokko's zu allen übrigen Mächten förmlich
+und kalt; sie beschränken sich eigentlich auf Differenzen der Mohammedaner
+und Christen in den marokkanischen Hafenstädten.
+
+Es haben indess früher wohl bessere Zeiten existirt, wir wissen, dass nach
+den heftigsten Feindseligkeiten der Christen mit den Mohammedanern Spaniens
+und Marokko's Pausen eintraten, in welchen beide vereint den Wissenschaften
+oblagen. Die erste Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien, endlich die
+letzte im Jahre 1609, legte Grund zu jenem unauslöschlichen Hasse, den die
+Norwestafrikaner [Nordwestafrikaner] von nun an gegen alles Christliche
+kund geben. Dazu kamen auf den Thron von Marokko neue Dynastien, die erste
+der Filali oder Schürfa, dann zu Anfang des 17. Jahrhunderts die zweite
+Dynastie der Schürfa.
+
+Marokko wetteiferte um diese Zeit mit den übrigen Raubstaaten im Capern
+christlicher Schiffe, keine Macht war sicher, und hatte je ein europäisches
+Schiff das Unglück an der gefährlichen Küste, die sich von der Strasse
+Gibraltars bis zur Sahara hinerstreckt, zu stranden, so waren das Schiff
+und was es enthielt unbedingt Beute der umwohnenden Völker, die Bemannung
+aber wurde gemordet, verstümmelt, geschändet, im besten Fall aber ins
+Innere geschleppt, um dort als Sklaven mittelst härtester Arbeit das Leben
+zu fristen.
+
+Und haben diese Verhältnisse vielleicht Besserung erfahren? Keineswegs!
+Allerdings hat schon Sultan Soliman, oder Sliman, wie ihn die Marokkaner
+nennen, die Aufhebung der christlichen Sklaven decretirt, und erleidet
+jetzt ein Schiff irgendwo an der marokkanischen Küste Schiffbruch, so wird
+die Mannschaft nicht mehr verkauft, sondern gemeiniglich nach langen Leiden
+ausgeliefert. Werden unter der Zeit einige davon gemordet, werden, falls
+Frauenzimmer dabei sind, diese nicht respectirt, so hat das noch nie Folgen
+gehabt. Eigenthum wird aber auch heutigen Tages noch nie geachtet; der
+Schiffsladung beraubt, des persönlichen Eigenthums bestohlen, so werden die
+armen Verunglückten dem betreffenden Consul überhändigt. Sicher verlangt
+der mit der Uebergabe Betraute vom christlichen Consul noch ein bedeutendes
+Geschenk, möglicherweise wird auch noch eine Rechnung für Verpflegung
+eingereicht. Und die Consuln zahlen und danken.
+
+Im selben Jahr 1852, als der englische Admiral Napier marokkanische
+Unbilden, gegen englische Unterthanen begangen, rächen wollte, aber nur
+unnützerweise seine Flotte angesichts der marokkanischen Küste spazieren
+führte, im selben Jahre wurde die preussische Brigg Flora an der Rifküste
+geplündert. Vier Jahre später wurde Prinz Adalbert von Preussen, der
+jetzige Admiral des Deutschen Reiches, an der nämlichen Küste beim
+Wassereinnehmen verrätherisch angegriffen und verwundet. Marokko hat nie
+Satisfaction dafür gegeben, gegen Preussen liess es sich durch den
+schwedischen General-Consul damit entschuldigen (wie mir später der
+marokkanische Grosswessier Si Thaib Bu Aschrin selbst bestätigte): der
+Sultan habe keine Gewalt über die Rif-Bewohner, und lehne daher jede
+Verantwortung für dergleichen Acte ab, und mit England wurden die guten
+Beziehungen dadurch wieder hergestellt, dass das stolze Königreich dem
+Sultan Geschenke machte.
+
+Um die Politik Englands zu verstehen, müssen wir bis zum Jahr 1684
+zurückgehen, zu welcher Zeit England die Stadt Tanger, welche Karl II. von
+seiner portugiesischen Gemahlin Katharina zwanzig Jahre früher bekommen
+hatte, freiwillig aufgab. Dieser unkluge Streich, einen Stützungspunkt am
+Eingange des Mittelmeers freiwillig zu verlassen, wurde für die englische
+Regierung dadurch neutralisirt, dass schon 20 Jahre später der kaiserliche
+Feldmarschall Prinz Georg von Hessen-Darmstadt Gibraltar für England
+eroberte, und Grossbritannien ist seitdem im stetigen Besitze dieser Veste
+geblieben.
+
+War es nun in früheren Zeiten England hauptsächlich darum zu thun, mittelst
+Gibraltars die dortige Meerenge beherrschen zu können, dort am Eingange des
+Mittelmeeres einen sichern Punkt für eine Kriegsflotte zu besitzen, so hat
+die Dampfschifffahrt hierin eine vollständige Veränderung hervorgerufen.
+Seitdem ein Dampfschiff in einer Stunde 15, ja ausnahmsweise 20 Knoten
+zurücklegen kann, beherrscht der Fels von Gibraltar die Meerenge nicht
+mehr. Ueberdies lässt sich mit den weittragendsten Kanonen die ganze
+Passage bis zum afrikanischen Ufer nicht bestreichen. Für England aber wird
+Gibraltar immer Wichtigkeit behalten wegen der Nähe von Marokko und als
+Sammelplatz für eine Flotte. Aber weit wichtiger in dieser Beziehung würde
+für England der Besitz von Ceuta sein. Was die Lage dieses Ortes
+anbetrifft, so ist sie ebenso günstig wie die von Gibraltar, in Beziehung
+zu Marokko aber bedeutend günstiger. Und insofern ist es wohl zu verstehen,
+dass in jüngster Zeit immer wieder das Gerücht auftauchte, England
+beabsichtige Gibraltar gegen Ceuta auszutauschen.
+
+Das Interesse nun, welches England an Marokko bindet, liegt zum Theil
+darin, weil der englische Handel, die englischen Producte fast
+ausschliesslich den marokkanischen Markt beherrschen, dann in Eifersucht
+gegen fremde Mächte, vorzugsweise Spanien und Frankreich. Und diese
+Eifersucht entspringt hauptsächlich wieder daraus, dass England fürchtet
+von eben diesen Mächten vom marokkanischen Markte verdrängt zu werden. Wir
+wollen nicht zurückgreifen, und daran erinnern, wie England der Staat war,
+der die Eingeborenen Algeriens und namentlich Abd-el-Kader thatsächlich
+gegen Frankreich unterstützte, wir wollen bei den letzten Ereignissen
+stehen bleiben.
+
+Als am 25. März 1860 Mulei Abbes und O'Donnell Frieden schlossen, hatte
+bald darauf der spanische General Kos de Olano, von seinen Soldaten
+Abschied nehmend, vollkommen Recht zu sagen: "Wir haben einen für uns
+neuen, ja einzigen Krieg in seiner Art beendigt, in welchem, nach meinem
+Urtheile, wir bei jeder Action siegreich gewesen sind, aber dennoch die
+Campagne verloren haben."
+
+Olano hatte vollkommen Recht so zu sagen, denn gewonnen haben die Spanier
+in diesem Feldzuge nichts. Das Versprechen Agadir abzutreten ist nicht
+gehalten worden, im Gegentheil, im Jahr 1862 konnte ich mich überzeugen,
+dass der Sultan Sidi Mohammed aufs eifrigste damit beschäftigt war, diesen
+Ort, der früher nur mangelhaft befestigt war, durch neue und gut
+ausgeführte Befestigungen zu schützen. Eine Mission in Fes und Mikenes
+einzurichten, daran haben die Spanier bis jetzt nicht denken können,
+trotzdem, dass auch dies beim Friedensschluss verabredet war. Tetuan musste
+wieder herausgegeben werden, und die Kriegskosten sind noch lange nicht
+bezahlt, und werden es auch, wenn es so fort geht, nach eigener spanischer
+Berechnung in hundert Jahren noch nicht sein.
+
+Und wer brachte diesen für Spanien so ungünstigen Frieden zuwege? Wer
+verhinderte die Spanier von Tetuan nach Tanger zu marschiren, wer
+verhinderte das Bombardement von Tanger, Mogador und anderen marokkanischen
+Hafenplätzen? Nur England! Sidi el Hadj Abd es Ssalam, Grossscherif von
+Uesan, erzählte mir sogar ein Jahr später, dass englische Soldaten als
+Marokkaner verkleidet, an den Batterien in Tanger gestanden haben, um die
+Kanonen zu bedienen, falls die Spanier dennoch einen Angriff wagen würden.
+Natürlich kann ich nicht einstehen für die Wahrheit dieser Aussage, sie
+bekundet aber, wie innigen Antheil England derzeit an Marokko nimmt.
+
+Die ersten regelmässigen Beziehungen Spaniens mit Marokko fanden im Jahr
+1767 und 1798 statt. Wie die übrigen christlichen Nationen verstand auch
+Spanien sich zu einem jährlichen Tribut, der sich indess nur auf etwa 1000
+Thlr. belief. Freilich mussten bei einem jeden Consulatswechsel 12,000
+Thlr. extra bezahlt werden. Spanien betonte übrigens in dem 1798
+abgeschlossenen Vertrage, die Geschenke nur deshalb leisten zu wollen,
+damit die in Mikenes, Marokko, L'Araisch und Tanger bestehenden Klöster
+ohne Hinderniss ihre Religion ausüben könnten. Die Klöster im Innern waren
+hauptsächlich errichtet, christliche Sklaven freizukaufen und ihnen in
+Krankheit Beistand zu leisten, namentlich auch sie in der christlichen
+Religion zu stärken und zu erhalten. Höst in seinem 1781 erschienenen Werke
+erwähnt noch dieser Klöster. Aber da der religiöse Fanatismus in Marokko
+bis jetzt immer noch wachsend gewesen ist, sah sich Spanien genöthigt,
+schon Ende des vorigen Jahrhunderts die Klöster von Mikenes und Marokko
+aufzuheben; das von L'Araisch wurde 1822 geschlossen.
+
+Augenblicklich lebt der spanische Generalconsul in Tanger mit der Regierung
+von Marokko auf gutem Fusse, spanische Agenten theilen mit denen des
+Sultans sämmtliche Hafeneinkünfte aller Häfen, damit Spanien so zu seiner
+Kriegskostenentschädigung komme.
+
+Der einzige Staat, der es verschmäht hat, je Verbindung mit Marokko
+anzuknüpfen oder gar Tribut zu zahlen, ist Russland, und eigenthümlich,
+Russland ist in Marokko am meisten gefürchtet, den Namen "Muscu" spricht
+jeder Marokkaner mit einer gemessenen ehrfurchtsvollen Scheu aus.
+
+Frankreich behauptet[108], schon 1577 Consuln in Fes gehabt zu haben, ob
+dem so ist, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Die ersten
+diplomatischen Beziehungen waren der Vertrag vom 3. Sept. 1630, vom 17. und
+24. Sept. 1631, vom 16. Jan. 1635 und vom 29. Jan. 1682[109], endlich 1693
+zur Zeit Louis XIV. Letzterer trat erst 1767 in Kraft. Frankreich bezahlte
+keine bestimmte jährliche Summe, aber die jährlichen Geschenke giebt Hemsö
+auf mehr als 100,000 Thlr. an.
+
+ [Fußnote 108: Jules Duval, Rev. des deux mondes 1859.]
+
+ [Fußnote 109: Du Mont, Corps diplomatique t. V. VI. u. VII.]
+
+Von dem ersten Tage der Eroberung Algeriens an hat Frankreich beständig mit
+Marokko auf dem qui vive gestanden. Die Schlacht von Isly, durch den jetzt
+regierenden Sultan Sidi Mohammed verloren, das Bombardement von Mogador und
+Tanger haben keineswegs dazu beigetragen, die Franzosen beliebt zu machen.
+1844 als Friede und ein neuer Vertrag geschlossen wurde, konnte
+Abd-er-Rhaman sich nicht dazu verstehen, den französischen Gesandten in
+Fes zu empfangen, er ging eigens zu dem Ende nach Rbat.
+
+Seit der Zeit hat Frankreich keine ernste Streitigkeiten mit Marokko
+gehabt, die Expedition gegen die Beni-Snassen war lokal und geschah mit
+Genehmigung des Sultans, andere Differenzen, z.B. manchmal Auslieferungen
+algerinischer Verbrecher und Revolteure, wurden immer dadurch beigelegt,
+dass Marokko wo es nur konnte aufs schnellste Frankreichs Wünsche erfüllte.
+Denn England wird in Marokko geliebt, Spanien gehasst, aber Frankreich
+gefürchtet. Das ist die eigene Aussage des marokkanischen ersten Ministers.
+
+Obgleich England nicht zu den Mächten gehört, welche die ältesten Tractate
+mit Marokko geschlossen haben, so sehen wir doch schon, dass zur Zeit der
+Regierung der Königin Elisabeth englischer Handel sich an der
+marokkanischen Küste entwickelte. Am 2. Januar 1718 wurde der erste[110]
+und unter Georg II. und Sultan Mulei Hammed el Dahabi im Juni 1729 ein
+zweiter Vertrag geschlossen. Von den Sultanen Sidi Mohammed 1760, von Mulei
+Yasid 1790, und von Mulei Sliman 1809 wurde dieser Vertrag bestätigt[111].
+Denn die Sultane von Marokko anerkennen die Acte ihrer Vorgänger nur, wenn
+sie dieselben ausdrücklich bestätigt und erneuert haben, namentlich solche
+mit den christlichen Mächten. Ein Hauptgrund zu einem solchen Verfahren
+ist, dass bei einer Vertragserneuerung die betreffenden Staaten bedeutende
+Geschenke an den Sultan und seine Regierung zu machen haben. In einer 1815
+vom englischen Parlament veröffentlichten Liste ersehen wir, dass Marokko
+mit einer jährlichen Liste von 16,177 Pfd. St. von 1797 bis 1814 figurirt
+als Kriegsunterstützung[112]. Ausserdem hat die grossbritannische Legation
+in Marokko über jährliche 10,000 Piaster zu Geschenken zu verfügen, und
+versorgt zum Theil Marokko gratis mit Munition[113] und Waffen wegen der
+Erlaubniss, nach Gibraltar Vieh und Getreide so viel es braucht ausführen
+zu können.
+
+ [Fußnote 110: Du Mont, Corps diplom. T. VIII.]
+
+ [Fußnote 111: Gråberg di Hemsö, p. 232.]
+
+ [Fußnote 112: Revue des deux mondes 1844. Maroc, ses moeurs et
+ ressources.]
+
+ [Fußnote 113: S. Calderon.]
+
+Die grössten Erfolge verdankt England jedoch seinem jetzigen Repräsentanten
+in Marokko, Sir Drummond Hay. Um Männer zu haben, die genau mit den Sitten
+und mit der Sprache des Volkes bekannt sind, hat England zu seinen
+Vertretern in Marokko nur solche Leute genommen, die dort im Lande geboren
+sind. So auch Sir Drummond, der wie kein anderer das Land kennt, und mit
+Hoch und Niedrig umzugehen weiss. Am 9. December 1859 schloss Sir Drummond
+mit Abd-er-Rhaman einen neuen Handelsvertrag, und traf Bestimmungen, von
+denen alle christlichen Mächte profitiren sollten. Indess beanspruchte im
+Vertrage von 1861, der, was das Commercielle anbetrifft, revidirt wurde,
+England für sich eine Ausnahmestellung.
+
+So heisst es z.B., Englands Consuln dürfen residiren, in welchem Hafen oder
+in welcher Stadt[114] es Grossbritannien für gut findet, während für die
+Consuln der übrigen Mächte nur die Hafen erwähnt sind. Andererseits ist
+anzuerkennen, dass England in diesem Vertrage zum erstenmal für alle
+europäischen Agenten das Recht erlangte, die Fahne da aufzuhissen, wo man
+es wollte, und nicht bloss wie früher im "unreinen Ghetto" der Juden. Und
+vor allen Dingen ist hervorzuheben, dass England den Protestanten volle
+Freiheit bei Ausübung ihres Cultus zusicherte. Im Jahre 1862 war Sir
+Drummond selbst in Mikenes während eben der Zeit wie ich dort war, und ich
+konnte mich selbst überzeugen, wie allmächtig sein Einfluss, mithin der
+Englands in Marokko ist, und irre ich nicht, so hat Drummond Hay im Jahre
+1867 sogar in Fes den Sultan besucht. Derjenige, der weiss, wie sehr
+schwierig es ist, mit den marokkanischen Monarchen in Person zu verkehren,
+namentlich in einer der Hauptstädte des Landes selbst, wird ermessen
+können, welch grosses Zutrauen der derzeitige Sultan zum jetzigen
+grossbritannischen Consul hat.
+
+ [Fußnote 114: Um Marokko nicht zu verletzen, würde übrigens England
+ wohl nie darauf bestehen, im Innern des Landes Consuln zu halten.]
+
+Aber die englische Regierung, die weiss, dass solchen Völkern hauptsächlich
+durch Glanz, Reichthum und Macht imponirt wird, hat in Tanger ein
+Consulatsgebäude herstellen lassen, das seiner Zeit mehr als 70,000 Thaler
+kostete, der Generalconsul und Ministerresident bezieht einen Gehalt von
+mindestens 50,000 Francs; ausserdem stehen dem englischen Minister zur
+Seite ein bezahlter Viceconsul, ein Arzt, Prediger, verschiedene
+Dolmetsche, Cavassen und Diener, alle gleichfalls hoch besoldet. In
+Mogador, Asfi, Darbeida, Dar-Djedida, Rbat, L'Araisch, Arsila und Tetuan
+unterhält England ebenfalls bezahlte Consulate, Viceconsulate und
+Agenturen.
+
+Im Anfang der 60er Jahre vertrat England ausserdem das Königreich Dänemark,
+Oesterreich und die deutschen Hansestädte.
+
+Die Hanseatischen Städte zahlten auch Tribut. 1750 musste Hamburg 50
+Lafetten liefern, ausserdem 300 Centner Pulver etc.[115].
+
+ [Fußnote 115: Pacy, La piraterie musulmane, Revue africaine. 1858.]
+
+Am 18. Juni 1753 (Höst, p. 284) schloss Dänemark einen Tractat mit Marokko;
+da die meisten älteren Tractate ähnlicher Art sind, heben wir daraus
+hervor: § 6 und 10. Jeder Däne kann im Lande reisen und hat Sicherheit (?).
+Keine andere Nation ist der dänischen bevorzugt. § 9. Kein dänisches
+schiffbrüchiges Schiff darf beraubt, oder die Mannschaft davon misshandelt
+werden (?). Kein Maure darf den Dänen zwingen, seine Waare unter dem Werthe
+zu verkaufen. Kein Matrose darf mit Gewalt von einem dänischen Schiffe
+genommen werden. § 12. Wenn ein dänisches Schiff einige von seinen in einem
+marokkanischen Hafen bereits verzollten Waaren nach einem anderen Hafen in
+Marokko bringen möchte, so soll kein Zoll aufs neue von den an Bord
+befindlichen Waaren erlegt werden, die anderwärts hin bestimmt sind. Von
+Munition und Schiffsbaumaterialien wird kein Zoll bezahlt.--Dänemark
+bezahlte dafür (Hemsö p. 235) jährlich 25,000 Thaler, und auserdem
+[ausserdem] für die Erlaubniss, eine Handelscompagnie an der Küste von Sla
+bis Asfi anzulegen, ein Annuum von 50,000 Thlrn.
+
+Im Jahre 1844 hat Dänemark erst aufgehört Tribut an Marokko zu zahlen,
+während Schweden, welches im Jahr 1763 den ersten Vertrag mit Marokko
+unterzeichnete, hierfür dem Sultan einen jährlichen Tribut von 20,000
+Thalern gab. Vorher bestanden die Geschenke Schwedens in Naturalien: Holz,
+Tauwerk, Munition etc. 1771 unter Gustav III. wurde ein neuer Vertrag
+vereinbart, wonach Schweden jährlich zweimal einen Gesandten mit Geschenken
+zu schicken hatte, aber 1803 derselbe alte Vertrag wieder erneuert, wonach
+Schweden 20,000 Thaler leistete, und noch die Demüthigung erfuhr, dass
+dieses Geschenk _öffentlich_ durch den Consul überreicht werden
+musste. Unter Bernadotte wurde der Tribut dann gänzlich aufgehoben; der
+schwedische Generalconsul hatte die Annuität von 20,000 Thalern eines
+Jahres zum Bau eines Consulatsgebäudes[116] benutzt, und später die Zahlung
+nicht weiter geleistet. Zur Zeit, als ich in Marokko anwesend war, vertrat
+Schweden und Norwegen zugleich Preussen.
+
+ [Fußnote 116: Siehe von Maltzan: "Drei Jahre im Nordwesten von
+ Afrika."]
+
+Oesterreich, das sich jetzt auch durch England vertreten lässt, schloss,
+nachdem der Kaiser Rudolph II. im Anfange des 17. Jahrhunderts einen
+Gesandten an Sultan Abu Fers geschickt hatte, einen Vertrag mittelst des
+Engländers Shirley; im Jahre 1783 am 17. April, also ungefähr 150 Jahre
+später (Schweighover, Staatsverfassung von Marokko und Fes), erneuerte es
+den Vertrag. Zu der Zeit hatte Sidi Mohammed einen Gesandten an Joseph II.
+geschickt, Namens Mohammed Abd-el-Malek, der mit dem Rath von Jenisch den
+Vertrag erneuerte und besiegelte. Im Jahre 1815 verpflichtete sich Kaiser
+Franz gegen Marokko für Venedig einen jährlichen Tribut von 10,000 Sequinen
+zu zahlen, wozu sich 1765 die Republik verpflichtet hatte. Im selben Jahre
+jedoch brach Oesterreich jede Verbindung mit Marokko ab, und hörte, wohl
+von allen europäischen Staaten der erste, auf, Tribut zu zahlen.
+Oesterreich verwies seine Unterthanen an Spanien. Die vielen Vexationen,
+die Sultan Abd-er-Rhaman aber gegen Oesterreicher ausübte, zwangen diesen
+Staat zu einer militärischen Demonstration. 1829 bombardirte der
+österreichische Admiral Bandierra einige Küstenstädte, aber ohne grossen
+Erfolg. Unter Dänemarks Vermittelung kam am 12. Februar 1830 ein Vertrag
+mit Marokko zu Stande, von dem nur bekannnt [bekannt] ist, dass Oesterreich
+sich nicht zu Geschenken oder Tribut verpflichtete. Die Vertretung blieb
+Dänemark und später England überlassen.
+
+Mit dem Sultan Sliman hatte im Jahr 1817 Preussen versucht ebenfalls einen
+Vertrag abzuschliessen, der aber nicht zu Stande kam, und seit der Zeit
+blieb, wie angeführt, die Vertretung dieses Landes Schweden überlassen. Im
+Anfange dieses Jahrhunderts hatte denn auch Hamburg versucht, einen Vertrag
+zu Stande zu bringen, da ein Hamburger Artikel früher wie auch jetzt
+(wenigstens dem Namen nach), nämlich weisser Kattun, "Amburgese" genannt,
+sehr gesucht war; auch dieser kam nicht zu Stande; Hamburg liess sich dann
+später durch Portugal vertreten, und zuletzt mit den übrigen Hansestädten
+durch England.
+
+1825 schloss Sardinien mit Marokko einen Vertrag und verpflichtete sich,
+bei jedesmaliger Erneuerung des Consulats 25,000 Frcs. in Geschenken zu
+erlegen.
+
+Die durch die kleinen italienischen Staaten abgeschlossenen Verträge, von
+Sardinien (und vordem von Genua), von Toscana, vom Königreich beider
+Sicilien, wurden 1859 durch einen neu zwischen Gesammt-Italien und Marokko
+vereinbarten Tractat aufgehoben. Mau hat im letzten Jahre von Differenzen
+gehört, die zwischen Marokko und Italien ausgebrochen waren. Italien hat
+ebenfalls ein Generalconsulat in Tanger, und in den meisten Hafenplätzen
+Agenturen.
+
+Die Niederlande, die am frühesten mit Marokko in Rapport waren, der erste
+Vertrag wurde am 5. Mai 1684, dann später einer 1692 am 18. Juli (von Du
+Mont, t. VII.) geschlossen, zahlten jährlich dem Sultan 15,000 Thaler.
+Schon 1604 hatte Sultan Abu Fers einen Gesandten nach Holland geschickt,
+der dort starb. Im Jahr 1815 schickte Wilhelm, König der Niederlande,
+eigens einen General nach Marokko, um dem Sultan zu notificiren, er sei
+nicht mehr tributär. Die Holländer, heute durch England vertreten, besitzen
+eines der schönsten Consulatsgebäude in Tanger.
+
+Portugal unterhält wie England, Frankreich und Spanien einen Generalconsul
+und Ministerresidenten. Seitdem 1769 der Sultan Mohammed Masagan den
+Portugiesen genommen hat, sind die Beziehungen gut gewesen. Und Portugal
+ist der einzige Staat, von dem man sagen kann, Marokko behandle ihn auf
+gleichem Fuss, denn die jährlichen Geschenke, welche der Sultan von Marokko
+an den König von Portugal schickt, sind allerdings nicht so werthvoll, wie
+die, welche er empfängt, deuten aber doch die Achtung vor der
+portugiesischen Macht an.
+
+Selbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika konnten dem Tribute nicht
+entgehen, den fast alle christlichen Staaten die Feigheit begingen, Marokko
+jährlich zu entrichten. 1795 wurde mit Mulei Sliman ein Vertrag auf 50
+Jahre geschlossen, also bis 1845; in diesem verpflichteten sich die
+Amerikaner zwar nicht zu einer bestimmten jährlichen Summe, indess die
+Zwangsgeschenke betrugen alle Jahre ungefähr 15,000 Thaler. 1845 wurde eine
+neue, diesmal für Amerika günstigere Uebereinkunft getroffen. Amerika hat
+in Tanger ein Generalconsulat.
+
+Brasilien und einige kleinere amerikanische Staaten haben ebenfalls in
+Tanger und den übrigen marokkanischen Hafenorten Vertretung.
+
+Heute ist die Stellung der europäischen Consuln in Marokko eine ganz
+verschiedene, aber dennoch ist die Macht derselben weit entfernt von der,
+welche die christlichen Consuln in der Türkei haben. Für das Innere gelten
+auch heute alle Verträge und Bestimmungen nicht, sobald sie Europäer
+betreffen; das Ansehen eines europäischen Consuls ist im Innern gleich
+Null. Tribut zahlt heute kein einziges Consulat mehr, aber die mehr als
+königlichen Geschenke, die vor und nach namentlich England und Spanien an
+Marokko geleistet haben, habe ich selbst bewundern können; und so erfordert
+es ausserordentliche Klugheit und Gewandtheit für einen Consul mit den
+Marokkanern zu verkehren. Wenn Fälle wie ehedem auch wohl nicht mehr
+vorkommen, wo europäische Consuln willkürlich auf ein Schiff gepackt und
+fortgeschickt wurden[117], falls sie den Marokkanern nicht gefallen, so
+verweigerte doch 1842 der Sultan dem französischen Consul Pelissier in
+Mogador das Exequatur, bloss weil es Sr. marrokkanischen Majestät so
+gefiel. Leon Roche musste von Tanger abberufen werden, weil er zu genau die
+marokkanischen Interessen und Zustände kannte, und England und Marokko dies
+nicht dulden wollten. Nach 1844 ist zwar Frankreich ganz anders
+aufgetreten.
+
+ [Fußnote 117: Die marokkanische Regierung kann dies heute schon
+ deshalb nicht mehr, weil sie kein einziges Schiff zur Disposition
+ hat.]
+
+Was Marokko selbst anbetrifft, so hat es nie daran gedacht sich im Auslande
+vertreten zu lassen, oder aus eigenem Antriebe diplomatische und
+commercielle Verbindungen mit fremden Mächten anzuknüpfen. Die
+verschiedenen Gesandtschaften, welche die Regenten Marokko's nach Europa
+schickten, hatten alle nur den Zweck Geschenke flüssig zu machen und Gelder
+zu erpressen. Eine möchten wir ausnehmen: die von Mulei Abbes, Bruder des
+jetzigen Sultans, nach Spanien im Jahre 1860/61. Sie hatte natürlich nicht
+im Auge Gelder oder Geschenke zu bekommen, es handelte sich darum eine
+Ermässigung der Entschädigungsgelder für Marokko zu erlangen, und auch
+diese wurde nicht aus freiem Antriebe entsandt. Spanien hatte ausdrücklich
+erklärt über diesen Gegenstand nur mit dem Bruder des Sultans im eigenen
+Lande verhandeln zu wollen. Und Marokko erlitt die Demüthigung, dass,
+nachdem man Mulei Abbes durch Spanien spazieren geführt hatte, kein Deut
+von den Kosten erlassen wurde.
+
+An Consuln besitzt Marokko nur einen[118]. Es ist dies der Hadj Said
+Guesno, der in Gibraltar gewissermassen das ganze Consulatswesen seines
+Monarchen gegenüber den Christen repräsentirt. Was für eine Art dieser
+Consul ist, davon kann sich der Leser am besten einen Begriff machen aus
+dem Briefe eines Freundes in Gibraltar, datirt vom 18. Mai 1871: "Mein
+marokkanischer College, ein Ex-Slave, jetzt Pantoffelnfabrikant und schwarz
+wie ein Teufel, würde sehr staunen, wenn ich fragen würde, ob er mir einige
+Aufklärungen geben könnte über diesen oder jenen Stamm, ob er arabischen
+oder berberischen Ursprungs sei--er würde mich gar nicht verstehen, erstens
+weil er über solche Dinge wohl nie nachgedacht hat, und zweitens weil sich
+sein ganzes Sinnen und Trachten auf seine gelben Pantoffeln
+concentrirt[119]."
+
+ [Fußnote 118: Der ehemals in Genua residirende marokkanische Consul
+ existirt dort seit Jahren nicht mehr.]
+
+ [Fußnote 119: Ich hatte diesen Freund gebeten, mir vom marokkanischen
+ Consul einige Noten über marokkanische Stämme zu erbitten.]
+
+Dies ist der einzige würdige Repräsentant seiner unfehlbaren marokkanischen
+Majestät im Auslande.
+
+Es tritt nun noch die Frage auf, wäre es wünschenswerth für das _deutsche
+Reich_ eine Vertretung in Marokko zu haben? Wir müssen dies auf alle
+Fälle bejahen. Unsere politischen Interessen sind in Marokko so ziemlich
+identisch mit denen Englands, das ausserdem seine wichtigen commerciellen
+Angelegenheiten zu wahren hat. Wir stimmen insofern mit den Ansichten
+Englands vollkommen überein, dass Frankreich seine Herrschaft nicht auf
+Marokko ausdehne. Allein schon die Nähe der französischen Colonie macht es
+für uns nothwendig in Marokko Vertreter zu haben.
+
+Da natürlich eine Consulatseinsetzung in Marokko nicht so ohne weiteres vor
+sich gehen kann, so müssten vor allen Dingen erst Unterhandlungen
+angeknüpft werden, entweder vermittelst eines schon in Marokko bestehenden
+und anerkannten Consulats oder direct mit der Regierung des Sultans. Wählt
+man das erstere, so würde jedenfalls das grossbritannische Generalconsulat
+am geeignetsten sein, es ist die Persönlichkeit Sir Drummond Hay's, des
+englischen Ministers, die in Marokko beliebteste und geachtetste. Wählt man
+den Weg einer directen Verständigung, so würde jedenfalls das Beste sein
+den Zeitpunkt abzuwarten, wo der Sultan, der ganze Hof und die Regierung
+sich in Rbat befinden, dort den Abgesandten des deutschen Reiches durch
+einige Kriegsschiffe hinbegleiten zu lassen, damit dadurch zugleich Marokko
+eine _sichtbare_ Vorstellung von der Macht unseres Landes bekäme.
+Natürlich müsste mit der Anknüpfung diplomatischer Beziehungen ein Geschenk
+verbunden sein, aber einige 1000 Chassepots, dem Sultan gegeben, würde ein
+ebenso angenehmes Geschenk für ihn wie ein für uns erpriessliches
+[erspriessliches] sein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+12. Aufenthalt beim Großscherif von Uesan.
+
+ * * * * *
+
+Ein volles Jahr verlebte ich nun in Uesan unter, im Ganzen genommen,
+angenehmen Verhältnissen. Und die Zeit verbrachte ich hauptsächlich damit,
+recht viel unter die Leute zu gehen, um mich mit ihren Eigenthümlichkeiten
+vertraut zu machen. Dabei fehlte es keineswegs an Unterhaltung, Gatell
+hatte mir einen Theil seiner Bücher geliehen, so dass, wenn ich allein war,
+ich durch Lectüre meinen Geist auffrischen konnte.
+
+Ueberdies wurde der Aufenthalt in Uesan durch verschiedene kleinere Touren
+unterbrochen, die ich theils allein, theils in Gesellschaft des
+Grossscherifs machte. So unternahm ich von hier einen Abstecher nach L'xor,
+um einige Medicamente zu kaufen, die in Uesan, wo man nur mit Amuletten
+heilt, nicht zu haben waren. Merkwürdigerweise schien, was seine Person und
+seine Familie anbetraf, Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam nicht sehr an die
+Wunderkraft seiner Unfehlbarkeit zu glauben, da ich mehrere Male sowohl ihm
+selbst als auch seinen beiden kleinen Söhnen Medicin verabfolgen musste.
+Der Grossscherif hatte so viel Zutrauen zu mir, dass er nicht das vorherige
+Kosten der Medicamente verlangte.
+
+Es fiel in später Herbstzeit ein Besuch, den der Grossscherif dem Sultan in
+Arbat machte, wohin er von Mikenes übergesiedelt war, und auf welcher Reise
+ich ihn begleitete. Und gerade auf Reisen wird das Ansehen und der Einfluss
+des Grossscherifs am anschaulichsten. Man hat keine Idee davon, wie weit in
+Marokko der Menschencultus getrieben wird. Sidi-el-Hady Abd-es-Ssalam reist
+entweder zu Pferde oder in einer Tragbahre, die fast wie eine verschlossene
+vergitterte Kiste aussieht, und die so niedrig ist, dass man nur darin
+liegen kann. Zwei Maulthiere, von denen eines vorne, das andere hinten
+geht, tragen die Bahre. Es würde vergeblich sein, die Zahl der sich
+herandrängenden Leute schätzen zu wollen, das ganze Land scheint
+herbeizuströmen, aus weitester Ferne kommen ganze Stämme an den Weg, den
+der Grossscherif durchzieht. Man sucht ihn selbst zu berühren, oder die
+Tragbahre, das Pferd oder irgend einen anderen dem Grossscherif gehörenden
+Gegenstand. Man glaubt aus einer solchen Berührung den göttlichen Segen
+ziehen zu können. Oft genügen die bewaffneten Diener nicht, mit der flachen
+Klinge den andringenden Haufen fern zu halten, und es müssen dann förmliche
+Angriffe gemacht werden, die Leute auseinander zu treiben.
+
+Die Gouverneure der Provinzen, die durchzogen werden, nahen sich immer
+schon von weitem ehrerbietig, und natürlich nie mit leeren Händen, sie
+betrachten es als eine besondere Gunst, wenn Sidi bei ihnen absteigt, um
+ein Mahl einzunehmen, oder wenn er gar in der Nähe ihrer Residenz seine
+Zelte aufschlägt.
+
+Der Grossscherif reist immer nur in kleinen Etappen, und mit einem
+zahlreichen Gefolge, welches nie aus geringerer Zahl als hundert Personen
+zusammengesetzt ist. Alle einflussreichen Schürfa, die nächsten Verwandten,
+seine Tholba (Schriftgelehrten) müssen mit. Alle haben, ausser dass jeder
+beritten ist, Maulthiere für ihr Gepäck und ihre Zelte, welche vom
+Grossscherif gestellt werden. Dieser Lagertrain marschirt immer voraus, so
+dass man, wenn man ankommt, das Lager schon aufgeschlagen findet. Der
+Grossscherif selbst hat für seine Person drei grosse Zelte, eins, in dem er
+die Nacht zubringt, eins zum Empfang bestimmt, und eins, worin er nur seine
+nächsten Freunde empfängt.
+
+Sobald er installirt ist, d.h. auf den weichen Teppichen, welche die
+Beni-Snassen[120] verfertigen, und von denen ein einziger 4 Centner
+(eine Kameelladung) wiegt, Platz genommen hat, kommen aus Nah und Fern
+die Bittenden. Hier bringt einer ein Schaf, und verlangt, dass seiner
+Frau ein Sohn geboren werden soll, dort bringt einer Korn, und fleht um
+Segen für seinen Acker, da fragt einer ob er sein Pferd verkaufen soll,
+ob er Glück dabei habe, das und das Haus zu kaufen; hier will ein
+Blinder sehend gemacht werden. Der Grossscherif hilft Allen, und je mehr
+die Bittsteller Geld und Gaben bringen, desto wirksamer ist der Segen.
+
+ [Fußnote 120: Berbervolk an der Oranischen Grenze.]
+
+Manchmal kommen die komischesten Scenen dabei vor. So einstmals als ich mit
+dem Grossscherif im festverschlossenen Zelte sass, die Diener und Sklaven
+aber strengen Befehl hatten, Niemand ans Zelt herankommen zu lassen, sie
+jedoch dem andrängenden Publikum nicht gewachsen sein mochten, rissen
+plötzlich die Gurten, das Zelt wurde gewaltsam geöffnet, und herein wälzte
+sich der Haufen: alte schmutzige Weiber, starkriechende Kinder, Männer und
+Greise, alle fielen über mich her und bedeckten mich mit ihren fanatischen
+Küssen. Im Halbdunkel hatten sie mich als auf dem Teppich sitzend (der
+Grossscherif sass in dem Augenblick auf einem Stuhl) für den Abkömmling
+Mohammed's genommen. Und während ich unter Geschrei und Streiten ihnen klar
+zu machen suchte, ich sei nicht der Grossscherif, sass dieser auf seinem
+Stuhle, lachte aus vollem Herzen und rief: "Mustafa hennin", d.h.
+Wohlbekomm's. Ich musste nachher eine Extrareinigung mit mir und meinem
+Anzüge vornehmen, um die greulichen und fühlbaren Andenken dieser heiligen
+Umarmungen loszuwerden.
+
+In Arbat blieben wir nur wenige Tage, nahmen indem wir auf dem Hinwege den
+Weg durch das Gebiet der Beni-Hassen genommen hatten, den Rückweg längs des
+Meeres bis zur Mündung des Ssebu. Von hier gingen wir stromaufwärts bis
+fast zu dem Punkte, wo der Ordom-Fluss den Ssebu vergrössert, und von da
+aus direct nordwärts nach der Karia ben Auda. Die Karia ben Auda, eine Art
+befestigter Häuserhaufen, liegt an den westlichsten Vorbergen der südlich
+von Uesan streichenden Berge, die Karia selbst jedoch in vollkommener
+Ebene. Sie ist Residenz des Bascha's vom Rharb-el-fukani oder dem oberen
+Westen, wie diese Statthalterschaft heisst, dicht um die Karia liegen noch
+die von hohen Cactushecken umgebenen Dörfer. Die Häuser sind wie im ganzen
+Rharb von Steinen und Lehm gebaut und mit Strohdächern gedeckt, so dass man
+von Weitem ein deutsches Dorf zu sehen glaubt. Der vorzügliche Reichthum
+des Landes besteht in Viehheerden, hier wie in Beni-Hassen vorzugsweise in
+grossen Rinderheerden; Schafe und Ziegen hingegen werden in diesen
+Provinzen verhältnissmässig in geringerer Zahl gezüchtet. Die
+marokkanischen Rinder halten aber keineswegs einen Vergleich auch nur mit
+den schlechtesten in Europa aus. Klein von Statur giebt eine marokkanische
+Kuh kaum mehr Milch als eine gute europäische Ziege. Der Grund davon ist
+die Sorglosigkeit, mit der überhaupt die Viehzucht in Marokko betrieben
+wird, und dann auch die mangelhafte Nahrung im Winter. Es fallt keinem
+Marokkaner ein, daran zu denken Vorrath von Heu zu machen, wie denn
+überhaupt Wiesen zum Heumachen nirgends existiren. Natürlich giebt es hier
+und da längs der Flüsse, dann auch in den feuchten Niederungen namentlich
+der Kharbprovinzen und Beni-Hassen ausgezeichnete Wiesen und Wiesengründe,
+aber das Gras wird nur grün benutzt, und ist, ohne dass Jemand daran denkt
+es zu mähen oder zu schneiden, Mitte Juli verbrannt von der Alles
+austrocknenden Sonne. Im Winter sind daher Rinder und auch Schafe und
+Ziegen auf die vertrockneten, kraftlosen Kräuter angewiesen, welche sie
+draussen finden. Für die Pferde dient im Winter Stroh von Gerste oder
+Weizen.
+
+Wir waren kaum Angesichts der Karia, als der Kaid Abd-el-Kerim, von seinen
+Brüdern begleitet, auf uns zugesprengt kam, und uns zu einem Frühstück
+einlud. Das konnte nicht ausgeschlagen werden, und so zog der ganze Tross
+nach seiner Wohnung, wo wir ein reichliches Mahl schon vorbereitet fanden.
+Und der Kaid, der den Titel Bascha hat, bat Sidi so inständig einen Tag zu
+bleiben, dass Befehl gegeben wurde, Zelte zu schlagen.
+
+Es waren dies förmliche Essschlachttage, denn je höher man in Marokko einen
+Gast ehren will, desto mehr Speisen setzt man ihm vor. Abends kam der Kaid
+ins Zelt des Grossscherifs, wo er nun gleichfalls mit vielen Schüsseln
+bewirthet wurde, aber kaum war er fort, als er eine noch grössere Anzahl
+Gerichte zurück schickte, und am anderen Morgen, als wir eben unser
+reichliches Frühstück genossen hatten, kam auch schon der Kaid, um uns zu
+einem, zweiten Mahle abzuholen, ausschlagen durfte man nicht, kurz während
+der Zeit unseres dortigen Aufenthaltes hatte der Magen kaum eine Stunde
+Ruhe. Als wir uns verabschiedeten, legte der Kaid dem Grossscherif noch
+einen Beutel mit 5000 Frcs. zu Füssen, wofür er natürlich einen recht
+langen Segen erhielt.
+
+So langweilig, was Natur anbetrifft, die Gegend in den Rharb- und
+Beni-Hassen-Districten ist, wo Ebenen von Zwergpalmen, Lentisken und
+Lotusbüschen bestanden mit Kornfeldern und Wiesen wechseln und
+allerdings das Bild des fruchtbarsten Bodens zeigen, aber auf die Dauer
+einförmig erscheinen, so sehr ändert sich dies, wenn man das Gebirge
+erreicht. Gewiss giebt es keine romantischere Umgegend, als die der
+heiligen Stadt Uesan. Die dicht bewachsenen Berge der nächsten Umgebung,
+im Hintergründe die zackigen Felsen der Rifberge, die strotzende
+Fruchtbarkeit des Bodens, der dem Auge überall das saftigste Grün der
+verschiedenen Bäume und Stauden bietet, wie sie überhaupt die Länder um
+das Mittelmeer in so grosser Mannichfaltigkeit hervorbringen, alles dies
+verursacht, dass die Zeit und wenn auch der Weg beschwerlich und
+ermüdend ist, rasch verläuft.
+
+Gegen Mittag wurde im Westen der Stadt Halt gemacht, da der Einzug am
+anderen Tage stattfinden sollte. Aber Abends hatten wir schon viel Besuch
+von Uesan, unter anderen kamen auch die kleinen Söhne des Grossscherifs,
+von denen der eine 9, der andere 7 Jahre haben mochte, mit ihrem Lehrer
+herangeritten, so dass der Abend recht munter und vergnügt verbracht wurde.
+
+Vor Sonnenaufgang am folgenden Tage weckten mich schon die Flintenschüsse
+und die schrecklichen Klänge der unvermeidlichen Musik, es war dies nur die
+Einleitung zur statthabenden Feierlichkeit. Nachdem wir in aller Eile den
+Kaffee (ich genoss immer die Auszeichnung zum Kaffee in des Grossscherifs
+Zelt gerufen zu werden, sowie ich dort auch mit essen musste) getrunken und
+gefrühstückt, stiegen wir zu Pferde und unter knatterndem Feuer, dem Lärm
+der Musikanten, dem Lululu der Weiber setzte sich der Zug in Bewegung. Aber
+obschon wir nur eine Stunde von der Stadt entfernt waren, erreichten wir
+dieselbe erst gegen Mittag. Alle Augenblick kam eine neue Musikbande mit
+ihren abscheulichen Instrumenten und es wurde Halt gemacht, oder es kamen
+mit Flinten bewaffnete Abtheilungen, und gaben eine Salve dicht vor den
+Füssen des Grossscherifs, man bildete Kreise und dann, wie die Teufel
+herumspringend, schossen sie ihre Flinten in den Boden und warfen sie
+darauf hoch in die Lütt, um sie hernach geschickt wieder aufzufangen.
+Reiter organisirten sich, und im gestreckten Galopp auf uns losjagend,
+schossen sie dicht vor uns die Flinten ab und schwenkten dann mit ihren
+Pferden zu beiden Seiten auseinander. Ich war froh, als wir endlich die
+Stadt erreichten, aber hier war uns das Entsetzlichste noch vorbehalten,
+gewissermassen der Triumphbogen, durch den der Grossscherif den Einzug in
+seine getreue und heilige Stadt Uesan halten sollte.
+
+Es nahten sich ungefähr zwanzig der Secte der Aissauin. Unter zitternden
+convulsivischen Bewegungen, unter einförmigen Tönen: "Allah, Allah" tanzten
+sie heran; jeder hatte eine Lanze, einige waren ganz nackt, andere hatten
+nur die unentbehrlichsten Lumpen um. Die Lanze trugen sie in der einen
+Hand, in der anderen einen Rosenkranz. Die Verwundungen, welche sie sich
+selbst beigebracht hatten, verursachten, dass der ganze Körper mit Blut
+bedeckt war, einige schlugen sich auf die Nase, dass das Blut in Strömen
+herausschoss, andere schlitzten sich die Lippen zu Ehren Sidi's, andere
+zerkrazten sich die Brust und Gesicht, Gott zu Ehren und um dem
+Grossscherif, dem Abkömmling des "Liebling Gottes", ihre Hingebung zu
+bezeugen. Dabei steigerte sich ihr Allah, Allah zu einem wahren Geheul,
+einigen traten die Augen aus dem Kopfe, sie schienen wahnsinnig zu werden,
+andere schäumten, die von Gott am meisten Inspirirten wollten sich vor die
+Füsse des Pferdes des Grossscherifs werfen, um überritten zu werden, nur
+ein schneller Spornstich drückte rasch das Pferd in die Menge, welche dicht
+zu beiden Seiten war. Ich sah, wie es auch dem Grossscherif schauderte, und
+er war wohl eben so froh als ich, als die eigentliche Sauya, das
+Allerheiligste von Uesan, erreicht war.
+
+Auch der Winter wurde nicht unangenehm verbracht; ob schon die Spitzen der
+Rif-Berge alle mit dickem Schnee überzogen, merkte man in Uesan nicht viel
+von der Kälte. Eine Einrichtung zum Heizen hat natürlich Niemand, bei
+grosser Kälte, d.h. wenn das Thermometer Morgens auf +6 oder +4° R.
+herabsinkt, oder gar wohl einmal unter Null ist (es soll vorkommen, ich
+habe es indess nicht erlebt), lässt man sich ein Becken mit glühenden
+Kohlen ins Zimmer bringen. Und diesmal war der Winter so milde, dass die
+Gesellschaft, welche der Grossscherif täglich bei sich empfing, in einer
+Art von Veranda seines Hauses empfangen wurde, keineswegs aber in einem
+geschlossenen Zimmer.
+
+Bald darauf, im Januar 1862, trat ein anderes Ereigniss ein, welches
+abermals eine Reise des Grossscherifs nothwendig machte, und weil es
+charakteristisch für die politisch-socialen Zustände des Landes ist,
+verdient, hier erzählt zu werden. Es hatte sich eine Art von Gegen-Sultan
+gebildet.
+
+Man erfuhr zuerst in Uesan gerüchtweise von einem Marabut oder Heiligen,
+der in der Nähe der Stadt sich aufhielt, und vorgab alle Kranke gesund
+machen zu können; er predigte zugleich den heiligen Krieg gegen die
+Ungläubigen (der Krieg gegen Spanien hatte den alten Fanatismus der
+Gläubigen gegen die Christen recht wieder ins Leben gerufen) und
+proclamirte die Stunde des Sultans habe geschlagen, es würde ein neuer
+kommen, der bestimmt sei die gesunkene Macht der Gläubigen wieder
+aufzulichten, und der mit erneuerter Kraft und Herrlichkeit den Islam der
+ganzen Welt auferlegen werde. Es strömte ihm natürlich viel Volks zu, da
+der spanisch-marokkanische Krieg Räuber und Strolche genug herangebildet
+hatte, und überdies, je unwahrscheinlicher eine Prophezeiung ist, sie um so
+leichter bei den Marokkanern gläubige Anhänger findet, namentlich wenn den
+Leidenschaften und religiösen Eitelkeiten des Volkes geschmeichelt wird.
+
+Der Grossscherif verhielt sich äusserst ruhig bei diesem Treiben, da seiner
+Macht und seinem Einfluss kein Abbruch geschehen konnte, weil der
+Weltverbesserer kein Scherif seiner Herkunft war, nicht einmal ein Thaleb,
+d.h. ein der Schrift kundiger Mann. Nach einigen Wochen, während der Zeit
+Sidi Djellul (er hatte sich den Scheriftitel angemasst) einen Haufen von
+einigen Tausenden von Taugenichtsen um sich versammelt hatte, beging er
+indess die Frechheit, dem Grossscherif einen Brief zu schreiben, d.h.
+schreiben zu lassen, ihm zu sagen, er (Sidi Djellul) sei der Mann der
+Stunde (mul' el uogt, d.h. der erwartete Messias), der Grossscherif habe
+sich Angesichts dieses Briefes zu ihm zu begeben, und in Gemeinschaft
+wollten sie sodann gegen den Sultan und die grossen Städte ziehen.
+Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam würdigte ihn natürlich keiner Antwort; sandte
+aber sofort an den Sultan einen Courier, um ihn auf die Gefahr dieses
+Abenteurers aufmerksam zu machen.
+
+Mittlerweile wuchs der Anhang Sidi Djellul's in grossen Proportionen. Seine
+Genossen lebten von Raub und Plündern, und grössere Raubzüge stellte er in
+Aussicht: "Die grossen Städte, wie Fes, Mikenes, müssten ganz verschwinden,
+die Bewohner hätten ihr Geld durch Handel mit den Christen gewonnen, daher
+sei es ein gutes Werk sich dieser in den Städten angehäuften Schätze zu
+bemächtigen."--Merkwürdigerweise rührte sich nach mehreren Wochen die
+Regierung noch immer nicht, denn es hält ungemein schwer, den Sultan zu
+irgend einem entscheidenden Schritt zu bringen.
+
+Im Anfange Februar desselben Jahres wagte er sich schon an befestigte
+Punkte; mit seinem ganzen Anhang, von denen einige mit Flinten, die meisten
+aber nur mit Knütteln und Lanzen bewaffnet waren, zog er gegen die
+Karia-ben-Auda, und nach einer dreitägigen stürmischen Belagerung
+bemächtigte er sich derselben mit Gewalt, und enthauptete denselben
+Bascha Abd-el-Kerim, der vor Kurzem dem Grossscherif eine so grossartige
+Gastfreundschaft erwiesen hatte. Die 16 oder 20 Mann Maghaseni, eine
+ebenso grosse Anzahl Diener des Bascha's wurden ebenfalls ermordet, die
+Bewohner der um die Karia gelegenen Dörfer entflohen zum Theil nach
+Uesan, zum Theil gingen sie zu Sidi Djellul über.
+
+Der Bascha wurde übrigens vom Volke kaum betrauert, seine Habsucht und
+Grausamkeit hatten ihn zum Feinde aller deren gemacht, denen er als
+Gouverneur vorstand. Was Sidi Djellul anbetrifft, so stieg nach der
+Einnahme der Karia sein Einfluss von Tage zu Tage, und obschon er durch den
+Bascha, der sich in der Karia hinter hohen Mauern gut vertheidigt
+hatte[121], einigen Verlust erlitten hatte, so behauptete das
+leichtgläubige Volk, alle die mit Sidi Djellul zögen seien kugelfest, und
+namentlich er selbst unverwundbar. Während 14 Tagen schwelgten die Räuber
+sodann auf der Karia, ihr Chef erliess Proclamationen, worin er verkündete
+mit allen Baschas so verfahren zu wollen, und namentlich auch mit dem
+Sultan.
+
+ [Fußnote 121: Er musste sogar Revolver und Lefaucheux'sche Flinten
+ gehabt haben, da der Grossscherif später von Leuten mehrere
+ derartige Waffen geschenkt bekam, und die als in der Karia gefunden
+ bezeichnet wurden.]
+
+Endlich rührte sich der Sultan; sein Bruder Mulei Arschid hatte Befehl
+bekommen mit 1000 Mann Soldaten, ebenso vielen Reitern und 4 Kanonen über
+Media, an der Mündung des Ssebu gelegen, nach der Karia zu marschiren, und
+Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam war gebeten worden zum Heere zu stossen, um
+durch seine Anwesenheit der Sache des Sultans in den Augen des Volkes
+grösseres moralisches Gewicht zu geben. Der Grossscherif leistete der Bitte
+des Sultans Folge und mit grossem und kriegerischem Trosse wurde auf die
+Karia-el-Abessi marschirt, die wir in zwei Tagemärschen erreichten, am
+selben Tage, an welchem von der anderen Seite der Bruder des Sultans, Mulei
+Arschid anlangte. Der Eindruck, den das Erscheinen des Grossscherifs
+hervorbrachte, war ein ausserordentlicher. Die ganze Rharbprovinz war im
+offenen Aufruhr gewesen, Mulei Arschid hatte sich von Media nur mit Gewalt
+einen Weg bis zur Karia-el-Abessi bahnen können. Wir selbst aber waren dort
+ohne auf irgend feindselige Leute zu stossen angekommen, und die Leute,
+welche zurückgeblieben waren, sagten aus: Sidi Djellul habe sich mit seinem
+Anhang durch die Berge nach Sidi Kassem, einem südlich gelegenen Orte,
+geflüchtet. Mit Ausnahme derer, die keine Heimath hatten und fest zu Sidi
+Djellul standen, war damit der eigentliche Aufstand gedämpft; d.h. die
+beiden Rharbprovinzen waren durch die Anwesenheit des Grossscherifs bei der
+Armee Mulei Archid's vollkommen beruhigt und hatten sich ohne weitere
+Zwangsmassregeln unterworfen.
+
+Merkwürdigerweise wurde nun aber Sidi Djellul nicht durch einen raschen
+Marsch auf Sidi Kassem beunruhigt und er selbst mit seinen Anhängern
+vernichtet oder gefangen gebracht. Wir lagerten bis Mitte März ruhig bei
+der Karia-el-Abessi. Aber der Anhang Sidi Djellul's verlor sich nun immer
+mehr, freilich hatte er auch den Ort Sidi Kassem noch überrumpeln und
+plündern können, die Behörde war mit den meisten Bewohnern schon vorher
+geflohen, es war dies aber sein letztes Heldenstück. Von fast Allen
+verlassen, versuchte er es das Grabmal von Mulei Edris el Akbar in Serone
+zu erreichen, wo er eine sichere Zufluchtsstätte gefunden haben würde. Aber
+gleich beim Eintritt in die Stadt, wurde er erkannt und von den Schürfa
+gefangen genommen. Diese, ohne weitere Umstände, enthaupteten ihn,
+schnitten dem Rumpfe Hände und Füsse ab, und diese Trophäen wurden dem
+Sultan geschickt. Sidi Mohammed, der Sultan, befahl den Rumpf ans Stadtthor
+von Serone zu nageln, der Kopf wurde zur Ausstellung nach Maraksch
+geschickt, und die übrigen Extremitäten den anderen Städten zur Ausstellung
+überlassen. Die Schürfa aber, die eigenmächtig getödtet hatten, bekamen vom
+Sultan ein Geschenk von 3000 Mitcal (c. 5000 frcs.), ein für Marokko sehr
+ansehnliches Geldgeschenk. Von seinen Parteigängern wurden viele gefangen
+genommen, einfach enthauptet, einige aber auch, die etwas Vermögen hatten,
+eingekerkert, um erst ihrer Habe beraubt zu werden. So endete der Versuch
+eines Marokkaners den Thron des Sultans umzustürzen und eine andere
+Regierung einzusetzen. Nicht immer aber sind solche Revolten ohne Frucht
+geblieben, namentlich wenn der Empörer ein Scherif war, und am Hofe selbst
+schon Ansehen hatte, endete oft genug eine aus ebenso kleinen Anfängen
+entsprungene Revolution damit, dass der regierende Sultan das Feld räumen
+musste, oft sogar das Leben verlor.
+
+Uebrigens war damit das Land keineswegs ganz beruhigt, die Hiaina, die
+Beni-Hassen, die Rifprovinzen waren in Gährung, man wusste nicht ob die
+Rifbewohner das Gebiet um Melilla abtreten wollten; der zu dem Ende vom
+Sultan an die Gebirgsstämme entsandte Scherif von Uesan, Sidi Mohammed ben
+Akdjebar, kehrte unverrichteter Sache zurück.
+
+Endlich verliessen wir mit der Armee die Karia-el-Abessi, und in östlicher
+Richtung marschirend, zogen wir über den Ued-Teine und den Ued-Ardat, und
+campirten an einem Orte Had genannt. Hier blieben wir wiederum einige Tage
+liegen, und marschirten dann längs des Ardatstroms aufwärts, um bei einem
+Orte Arba zu campiren. Das Wort Arba bedeutet Mittwoch, und an dem Orte
+wird Mittwochs Markt abgehalten. In ganz Marokko stösst man überall auf
+Oertlichkeiten, die manchmal ohne alle Bewohner, die Bezeichnung Had
+Sonntag, Tnein Montag, Tleta Dienstag, Arba Mittwoch, Chamis Donnerstag,
+Djemma Freitag und Sebt Samstag führen. Solche Oertlichkeiten dienen als
+Marktplätze, und es giebt ihrer Hunderte im ganzen marokkanischen Reich.
+
+Das Land war in dieser Gegend durchaus gewellt, überall gut angebaut, und
+das Erdreich, schwarzer Humus, sehr fruchtbar. Wie man an den Ufern der
+Flüsse sehen konnte, hat die Humusschicht meistens eine Dicke von 5-6
+Meter. Von hier aus zogen wir nach einigen Tagen nach dem Ued-Uarga und
+lagerten südlich, Angesichts der Bergkette der Uled-Aissa. Das Lager war
+hier in reizender Gegend aufgeschlagen, die schönen Ufer des Flusses, von
+20 Fuss hohen Oleanderstauden und Tamarisken dicht bestanden, die Gebirge
+mit zahlreichen Dörfern, die aus ihren Oliven- und Feigengärten
+herauslugten, im Südosten der eigenthümlich geformte Berg Mulei Busta,
+geben der ganzen Landschaft eine grosse Abwechselung. Aber der Ramadhan war
+angebrochen, und da wir im Lager waren, musste ich natürlich aufs strengste
+die vorgeschriebenen Fasten mitmachen, was bei der grossen Hitze, wir waren
+jetzt Ende April, keineswegs angenehm war.
+
+Endlich kam ein Danksagebrief vom Sultan an den Grossscherif, wir
+verabschiedeten uns von Mulei Arschid und erreichten, rasch heimwärts
+ziehend, in anderthalb Tagen Uesan. Mulei Arschid aber vereinigte sich mit
+dem Sultan, der von Arbat aus mit der ganzen übrigen Armee gegen die
+Beni-Hassen ins Feld gerückt war. Da wir ganz unerwartet in Uesan
+eintrafen, so war natürlich auch kein Empfang.
+
+Nachdem der Ramadhan vorüber, das Aid-el-Sserir mit grossem Gepränge
+gefeiert worden war, und ich mich von den Anstrengungen des mehrere Monate
+dauernden Feldzuges erholt hatte, brach ich von Uesan auf, um Tetuan zu
+besuchen. Reichlich mit Medicamenten versehen und unter dem Titel "ssahab
+Sidi", d.h. Freund, Diener oder Anhänger des Grossscherifs, wollte ich es
+wagen, allein die Gegenden zu durchstreifen, es sollte dies gewissermassen
+als Versuch und Vorbereitung zu meiner Abreise dienen. Ein Spanier, schon
+seit 15 Jahren in Uesan ansässig und dort verheirathet, begleitete
+mich[122].
+
+ [Fußnote 122: Einige Monate später wurde er, als er allein von Uesan
+ ins Gebirge reiste, ermordet.]
+
+Von Uesan aufbrechend, ich hatte ein eigenes Maulthier und einen vom
+Grossscherif geliehenen starken Esel, ging es über Tscheralia nach L'xor,
+und nach einem mehrtägigen Aufenthalt auf dem Westabhange der Rif-Berge,
+welche man von L'xor aus in einigen Stunden erreicht, nordwärts. Vom Orte
+Arba el Aiascha gingen wir nach Had bei Arseila, wo ich mein Maulthier
+verkaufen wollte, da es sich, als nicht besonders stark, schlecht bewährt
+hatte. Aber wegen zu schlechten Wetters, welches uns zwang, einen ganzen
+Tag in einem Duar zuzubringen, war der Markttag des Had verpasst worden,
+und dicht bei dem Sanctuarium Mulei Abd-es-Ssalam ben Mschisch, einer
+berühmten Sauya und sehr besuchtem Wallfahrtsorte vorbeikommend, zogen wir
+dann durchs Gebirge Tetuan entgegen.
+
+Bis jetzt waren wir überall gut aufgenommen worden, aber je näher wir
+Tetuan kamen, desto misstrauischer zeigten sich die Bergbewohner, und eines
+Abends wollten Tholba eines Dorfes, wo wir zu übernachten beschlossen
+hatten, uns nur gegen Erlegung von einigen Metkal Quartier geben, "dann
+würden wir überdies ihres Segens theilhaftig werden." Auf meine
+Erwiederung, der Segen des Grossscherifs von Uesan, dessen Freund ich sei,
+genüge mir, zogen sie sich drohend zurück, indessen schienen sie später
+ihre Gesinnungen geändert zu haben, denn sie brachten ein reichliches
+Nachtessen. Auf dem Wege von Tanger nach Tetuan angekommen, brachten wir
+dann eine Nacht in dem Caravanserai zu, bekannt geworden durch den letzten
+Krieg der Spanier. Hier erblickte ich in den Gebirgsschluchten zum ersten
+Male die deutsche Eiche wild wachsend, welche mir sonst nirgends mehr in
+Marokko aufgestossen ist. Sonst hat man in Marokko in den Ebenen
+vorzugsweise die Korkeiche und auf den Abhängen der Berge die immergrüne
+Eiche und die Cerriseiche.
+
+Im Caravanserai oder Funduk hatten wir für nächtliches Unterkommen, d.h.
+für eine leere Zelle und Hofraum fürs Vieh, einige Mosonat zu zahlen, für
+Geld bekamen wir auch etwas Brod, Milch und einige Eier. Am anderen Morgen
+erreichten wir gegen 10 Uhr die Stadt Tetuan oder Tetaun, wie die
+Marokkaner sie nennen. Die Spanier waren gerade beim Abmarsch, denn Tetuan
+liegt bekanntlich nicht unmittelbar am Meere, so dass die Truppen nicht
+direct eingeschifft werden können. Ich unterlasse es eine Beschreibung
+dieser von reizenden Orangengärten umgebenen Stadt zu geben, sie ist
+hinlänglich aus dem letzten Kriege bekannt.
+
+Nach einigen Tagen Aufenthalt kehrte ich Tetuan den Rücken, und begab mich
+mit einer grossen Karavane nach Tanger. Der Weg wird gewöhnlich in zwei
+Tagen gemacht, wir brauchten indess nur Einen. Sehr belebt war er durch
+heimkehrende Tetauni (Bewohner Tetuans), welche während der spanischen
+Besatzung die Stadt verlassen hatten, und die nun zurückkehrten, um von
+ihren Immobilien wieder Besitz zu nehmen. Nachdem ich sodann in Tanger mein
+Maulthier verkauft hatte, trat ich den Rückweg nach Uesan an, zuerst längs
+des Strandes.
+
+Man muss indess nicht glauben, dass ein eigentlicher Weg längs des Meeres
+läuft, davon ist keine Spur vorhanden. Aber der Strand ist so breit,
+besteht aus so festem Sande, dass er, ausgenommen für Wagen, vollkommen
+eine macadamisirte Chaussee ersetzt. Man muss aber die Ebbezeit wählen,
+weil bei Fluth das Meer bis dicht an die Dünen oder Felsen hinantritt. Man
+kann hier sehen, wie der Atlantische Ocean, dessen breiteste Stelle hier
+ist, selbst nach tagelangen Windstillen, dennoch immer grosse Wellen
+schlägt, und alle Zeit ist die Brandung oder das Rauschen der den Sand
+hinaufrollenden Wellen weit im Innern des Landes zu hören.
+
+Man kann recht gut, längs des Strandes reisend, in einem Tag Arseila
+erreichen, aber wir hatten ein Hinderniss an der Mündung des Ued-Morharha,
+worüber ein ganzer Tag verging. Zu breit und tief an der Mündung, um
+durchwatet werden zu können, hat man für Fahr-Einrichtung gesorgt, das Boot
+aber lag auf der anderen Seite, und kein Fährmann war zu finden oder durch
+Rufen herbeizulocken. Wir zogen, nachdem wir vergeblich versucht hatten,
+hindurch zu schwimmen, flussaufwärts, ohne eine Furt zu finden, auf das
+Bereden der Leute eines Duars kehrten wir um, und diesmal war denn auch der
+Fährmann an Ort und Stelle, und wir wurden hinüberbefördert. Ehe man
+Arseila erreicht, hat man dann noch die Mündung des Ued-Aiascha zu
+passiren.
+
+Arseila, von den Alten Zilia. Zelis und Zilis genannt, wird von einigen
+Schriftstellern, darunter Hemsö, Höst und Barth, Asila genannt. Wenn nun
+aber auch die Herleitung des Namens von Zilis unzweifelhaft ist, so ist
+heute doch nur die Schreibweise mit einem r die einzig richtige, und ist es
+wohl seit Jahrhunderten gewesen, da Leo, Marmol, Lempriere, Jackson und die
+meisten Schriftsteller so schrieben. Ohne Zweifel von den Eingeborenen
+gegründet, später im Besitze der Carthager, der Römer, der Gothen, wurde
+nach Leo Arseila 712 n. Chr. von den Mohammedanern erobert und 200 Jahre
+von ihnen behauptet. Dann sollen die Engländer (nach Leo) eine Zeitlang die
+Stadt besessen haben, und später wieder im Besitze der Mohammedaner wurde
+sie 1471[123] von den Portugiesen erobert und bis zum Jahre 1545 behauptet.
+Seit der Zeit ist die Stadt im Besitze der Marokkaner geblieben.
+
+ [Fußnote 123: Nach Leo 1477.]
+
+Ob das alte Zilis übrigens genau an der Stelle des heutigen Arseila gewesen
+ist, ob es nicht vielmehr an der Mündung des Ued-Aiascha einige hundert
+Schritte weiter im Norden gelegen hat, möchte wohl erst noch festzustellen
+sein. Jedenfalls ist die heutige Stadt so gelegen, dass sie nie besonders
+durch Handel und Wandel blühend gewesen sein kann. Am Strande ziehen sich
+allerdings rechtwinkelig ins Meer hinein Felsblöcke, aber angenommen, sie
+hätten ehemals einen Hafen gebildet, so würde dies Bassin kaum gross genug
+gewesen sein 12-16 Fischerböte aufzunehmen. Ueberdies sind die Blöcke so
+klein, dass sie bei halber Fluth schon vom Wasser bedeckt sind. Die Mündung
+des Ued-Aiascha, wo man ebenfalls Mauerüberreste bemerkt hat, muss in
+früherer Zeit ein guter Hafen gewesen sein. Plinius sagt überdies: "Zilis
+juxta flumen Zilia", welcher Fluss wohl kein anderer sein kann, als der
+ebenerwähnte Aiascha.
+
+Arseila, in der Gegend von Hasbat gelegen, liegt unmittelbar am Meere. Ein
+rechtwinkliges Oblongum, von halbverfallenen Mauern und Thürmen umgeben,
+mit zwei Thoren, von denen das eine nach Norden, das andere nach Osten
+sieht, hat Arseila c. 500 Einwohner mohammedanischer und israelitischer
+Confession. Man findet in Arseila wie in allen Seestädten Marokko's
+zahlreiche Spuren christlicher Herrschaft an den alten Bauwerken. Einige am
+Boden liegende Säulen, ebenso Säulen, die jetzt im Innern der Djemma sind,
+dürften vielleicht römischen Ursprungs sein. Ein Djemma, ein elendes Funduk
+sind die öffentlichen Gebäude, ein marokkanischer Jude versieht das
+englische Consulat. Arseila besitzt nicht einmal Fischernachen, geschweige
+grössere Schiffe. Trotz der nächsten sandigen Umgebung haben die Bewohner
+es verstanden, leidlich gute Gärten anzulegen und Feigen, Melonen, Pasteken
+und die Rebe gedeihen vortrefflich. Aber kein Ort ist so theuer, was
+Lebensmittel anbetrifft, wie Arseila, und selbst Früchte, die in anderen
+Theilen von Marokko fast umsonst zu haben sind, kosten hier
+verhältnissmässig viel Geld.
+
+Die ganze Stadtbevölkerung fanden wir unter Zelten auf einer grünen Wiese
+dicht am Meere gelagert, da der Sultan für sein ganzes Reich eine
+dreitägige Festlichkeit angeordnet hatte aus Freude über den glücklich
+bewältigten Aufstand Sidi Djellul's. Wie der Juden Laubhüttenfest, werden
+alle derartigen Feierlichkeiten der Marokkaner im _Freien_ abgehalten,
+wie ja auch bei den grossen religiösen Festen, Aid el kebir, aid sserir und
+Molud die gottesdienstliche Ceremonie nicht in der Moschee, sondern
+draussen auf freiem Felde celebrirt wird. Zwischen Tanger und L'Araisch
+können auch Christen in christlicher Tracht längs des Meeres reisen, ohne
+befürchten zu müssen belästigt zu werden. So traf denn auch am selben
+Abend, wo wir in Arseila waren, ein spanischer Kaufmann ein (Christen giebt
+es sonst keine im Städtchen), der in eben dem Funduk die Nacht zubrachte,
+welches uns beherbergte.
+
+Von Arseila, das wir am anderen Morgen verliessen, bis L'Araisch hat man
+längs des Meeres, dessen Ufer immer denselben Charakter beibehält, nur
+einen halben Tagemarsch, und man muss, um in die Stadt zu gelangen, die
+Mündung des Ued-Kus übersetzen. Ohne uns aufzuhalten, erreichten wir immer
+durch einen schönen Korkeichenwald reisend, am selben Tage L'xor. Und auch
+hier war kein Aufenthalt für uns, da uns die Kunde wurde Sidi-el-Hadj
+Abd-es-Ssalam beabsichtige eine Reise nach Marokko. Zwei Tage darauf
+waren wir wohlbehalten in Uesan nach einer Abwesenheit von drei Wochen.
+
+Der Grossscherif, der mich wie immer sehr freundlich empfing, sagte mir,
+allerdings habe er eine Einladung vom Sultan erhalten, ihn nach Maraksch zu
+begleiten, aber später habe der Sultan in einem anderen Briefe den Wunsch
+ausgedrückt, nicht zu kommen, da seine Anwesenheit in der Nähe des Rharb,
+dessen Bevölkerung eben erst eine Revolution durchgemacht hätte,
+notwendiger sei, als in Maraksch.
+
+So glaubte ich denn auch, dass die Zeit gekommen sei, mein Geschick von dem
+des Grossscherifs zu trennen, dessen liebenswürdige und uneigennützige
+Gastfreundschaft ich nun seit einem Jahre genoss; zudem fühlte ich, dass
+ich der arabischen Sprache täglich mächtiger wurde, denn hat man die ersten
+Schwierigkeiten überwunden, so ist diese Sprache als Umgangssprache nicht
+schwer. Und wenn man ausgerechnet hat, dass ein europäischer Landmann, ein
+englischer Bauer z.B. in seinen gewöhnlichen Lebensverhältnissen nur ca.
+400 Wörter braucht, mit deren Hülfe er alle seine Ideen seinen Mitmenschen
+mittheilen kann, so hat man sicher in Marokko auch nicht mehr nöthig.
+
+Die ganze Lebensart ist so einfach, der Gegenstände, die der Mensch dort
+nöthig hat, sind so wenige, die Unterhaltung ist so stereotyp und dreht
+sich so ziemlich immer um dieselben Gegenstände, dass, wenn man einmal erst
+mit der Construction der marokkanischen Redeweise vertraut ist, und den
+nöthigen Wörtervorrath im Gedächtniss angesammelt hat, das Reden ganz von
+selbst geht. Hauptsache ist dabei, immer Gott und Prophet im Munde zu
+haben, von Paradies und Hölle zu sprechen, den Teufel nicht zu vergessen,
+und dabei andächtig mit dem Munde murmelnd den Rosenkranz durch die Finger
+gleiten zu lassen. Fällt einem dann auch nicht gleich eine Redewendung ein,
+hat man ein Wort plötzlich vergessen, und sagt statt dessen: "Gott ist der
+Grösste", oder "Mohammed ist der Liebling Gottes", oder "Gott verfluche die
+Christen", so findet das kein Marokkaner, auch wenn diese Redensarten gar
+nicht dahin passen, auffallend, und er wird selbst den Satz ergänzen, oder
+das gesuchte Wort finden.
+
+Ehe ich indess Uesan verliess, bot sich mir Gelegenheit dar, mit einem
+"Emkadem", Intendant, des Grossscherifs nach der kleinen zwischen Fes und
+Udjda gelegenen Stadt Tesa zu reisen; derselbe war abgeschickt worden,
+rückständige Gelder für die Sauya Uesan einzukassiren. Den ersten Tag
+verfolgten wir den von Uesan nach Fes führenden Weg und lagerten am
+Ued-Ssebu an einer Oertlichkeit, Manssuria genannt, welche aus einigen
+Hütten bestand und einem Duar, beides Eigenthum des Grossscherifs.
+Merkwürdig ist diese Gegend dadurch, dass in der Nähe von Manssuria
+ein steinigtes Feld ist, aus dem beständig Schwefeldämpfe und nach
+den Aussagen der Eingeborenen mitunter auch kleine Flammen
+emporsteigen[124]. Es ist dies die mir einzig in Marokko bekannte
+Oertlichkeit, wo vulkanische Erscheinungen heute noch in Thätigkeit
+sind. Am zweiten Tage, im Thale des Ssebu aufwärts gehend, das die
+zahlreichen Krümmungen abgerechnet von Osten herkommt, blieben wir noch
+eine Nacht in einem Tschar (Bergdorf) und erreichten am dritten Tage das
+malerisch am Berge gelegene Städtchen Tesa.
+
+ [Fußnote 124: Vielleicht das Pyrron Pedion, dessen Ptolemaeus in
+ Mauritania Tingitana erwähnt.]
+
+Nach Ali Bey liegt Tesa auf dem 34° 9' 32" N. B. und 6° 15" W. L. v. P. auf
+dem Unken Ufer des Ued-Asfor (gelber Fluss, wie hier der Ssebu heisst),
+jedoch fast eine halbe Stunde von ihm entfernt. Ausserdem wird die Stadt
+vom kleinen Ued-Tesa durchströmt, der vom Süden kommt. In der Lage, d.h.
+am Abhange eines Berges gelegen, hat Tesa eine ausserordentliche
+Aehnlichkeit mit Uesan. Leo giebt der Stadt 5000 Feuerstellen, was
+jedenfalls jetzt viel zu hoch ist, denn sie dürfte kaum mehr als 5000
+Einw. haben, von denen ca. 800 Seelen jüdischen Bekenntnisses sind.
+Hemsö wagt die Vermuthung, dass Tesa das Babba der Alten ist.
+
+Die Stadt, mit einer einfachen Mauer umgeben und einer Kasbah, hat eine
+beständige Garnison von 500 Maghaseni, eine Auszeichnung, die sie nur noch
+mit Udjda theilt, welches eine ebenso grosse Besatzung hat, während in
+allen anderen Städten des Reiches nur ca. 20 Soldaten dem Gouverneur zur
+Verfügung stehen. Die Lage der Stadt, die Nähe der unruhigen Hiaina, und
+der anderen vollkommen unabhängigen Bergvölker im Osten und Süden der Stadt
+machen eine so starke Besatzung sehr nothwendig. Tesa ist Hauptmittelpunkt
+des Handels zwischen Algerien, resp. Tlemçen und Fes. Aber östlich von Tesa
+ist die Gegend so unsicher, dass jede Karavane von einer Abtheilung
+Maghaseni begleitet sein muss. Stark besuchte Karavanenwege führen
+ausserdem von Tesa nach dem Figig und Tafilet. Die Häuser im Innern der
+Stadt bekunden Wohlhabenheit der Einwohner, die grosse Moschee, mit antiken
+monolithischen Säulen im Innern, deutet darauf hin, dass einst die Stadt
+noch bedeutender gewesen ist, als jetzt, und was die Gesundheit der Luft,
+die Reichhaltigkeit der Fruchtbäume und die wunderbar schöne Gegend
+anbetrifft, so kann man nur mit Leo übereinstimmen, der sagt: "Billig
+sollte dieser Ort, wegen der gesunden Luft, die im Winter sowohl als im
+Sommer hier stattfindet, die königliche Residenz sein."
+
+Wir waren in Tesa in der Sauya der Tkra Mulei Thaib abgestiegen, und wurden
+selbstverständlich gut bewirthet. Nach zwei Tagen Aufenthalt, als der
+Emkadem seine Gelder einkassirt hatte, gingen wir auf demselben Wege nach
+Uesan zurück, da der directere aber durch die Hiaina führende Weg nicht
+genug Sicherheit bot, selbst für den Emkadem des Grossscherifs.
+
+In Uesan wieder angekommen, waren meine Tage gezählt; es handelte sich nur
+darum, die Erlaubniss zur Abreise zu bekommen. Ich durfte nicht daran
+denken, dem Grossscherif zu sagen, dass ich ihn für immer verlassen wollte,
+da er sich einmal vollkommen mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, ich
+würde immer bei ihm bleiben. So bekam ich denn endlich die Erlaubniss eine
+kleine Reise machen zu dürfen, und sagte der Stadt Uesan für immer (wie ich
+damals glaubte, später kam ich aber doch noch wieder nach Uesan) Lebewohl.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+13. Reise längs des atlantischen Oceans
+
+ * * * * *
+
+Nach Tanger aufbrechend, deponirte ich ein Kästchen mit Papieren bei Sir
+Drummond und zog längs der Küste, denselben Weg bis L'Araisch weiter. Als
+Ausrüstung hatte ich weiter nichts als einen Esel mit zwei Schuari
+(Seitenkörben), welche einige Vorräthe enthielten; ein spanischer Renegat,
+der gewissermassen mein Gefährte, Diener, Eselwärter und Doctorgehülfe war,
+hatte sich angeschlossen. Ehe wir weiter zogen, blieben wir noch einige
+Zeit in der Stadt.
+
+L'Araisch liegt auf der äussersten Seite des linken Ufers des Ued-Kus
+derart, dass eine Seite nach dem Flusse, die andere nach dem Ocean Front
+macht. Ungefähr 4 K.-M. stromaufwärts des Ued-Kus am rechten Ufer lag das
+alte Lya der Punier oder wie es später von den Griechen und Römern genannt
+wurde Lina, ehedem die bedeutendste Niederlassung an dem atlantischen
+Ocean. Etwas weiter stromaufwärts fallt dort der Ued-Maghasen in den Kus.
+
+Die Ruinenstätte ist von Sir Drummond Hay und Barth besucht worden, ohne
+dass jedoch Beide besondere Entdeckungen gemacht hätten, die auch wohl kaum
+ohne Reinigung des Bodens und Ausgrabungen zu machen sind. Von Drummond Hay
+werden die Ruinen Schemmies genannt. Barth will aus den Grundmauern bei der
+Kasbah erkannt haben, dass auch auf dem heutigen Boden der Stadt L'Araisch
+eine alte libysche Stadt gelegen habe, was durch Scylax's Aussage bestätigt
+würde.
+
+Von der von den Alten als in der Mündung des Lixos liegend erwähnten
+Hesperiden-Insel ist heutzutage keine Spur vorhanden. Allerdings taucht bei
+tiefer Ebbe eine etwa 1 K.-M. haltende Sandbank, in der beutelartigen
+Mündung des Flusses auf, und möglicherweise, man braucht nur eine
+allgemeine Senkung der atlantischen Küste anzunehmen, war dies die einst so
+fruchtbare Hesperiden-Insel. Diese Mündung, im Norden durch hohe Sandberge
+geschützt, könnte, wollte man sich die Mühe geben die Barre wegzubaggern,
+zu einem trefflichen Hafen eingerichtet werden. Jetzt können bei Fluth
+höchstens Schiffe von 150 Tonnen Gehalt einlaufen; als wir in L'Araisch
+waren, befanden sich sechs europäische Schiffe im Hafen, ausserdem
+verfaulten am Strande die beiden letzten Kriegsschiffe der Marokkaner, zwei
+elende Brigantinen. Und doch hatte Marokko vor noch nicht hundert Jahren
+die Frechheit, mit seiner elenden Seemacht die ganze Welt herauszufordern.
+
+Der Name L'Araisch ist nach Hemsö entstanden aus dem Worte
+el-araisch-ben-Aras, d.h. der Weinspalier der Beni Aros. Nachdem die
+Stadt wechselsweise im Besitze der Marokkaner und Portugiesen gewesen
+war, bemächtigte sich 1689 nach einer fünfmonatlichen Belagerung Mulei
+Ismaïl derselben. Seit der Zeit ist L'Araisch von den Europäern noch oft
+angegriffen worden, so im Jahre 1785 von den Franzosen, 1829 von den
+Oesterreichern, die dabei der marokkanischen Flotte den Gnadenstoss
+versetzten.
+
+Man bemerkt in L'Araisch an den Gebäuden der Stadt noch deutlich den
+christlichen Einfluss. So ist der hübsche Marktplatz ein regelmässiges
+Rechteck mit gewölbten Arcaden versehen, die Säulen sind Monolithen aus
+Sandstein. Die Hauptmoschee, die ebenfalls nach dem Marktplatze zu Front
+macht, muss eine christliche Kirche gewesen sein, die Façade ist in dem
+sogenannten Jesuitenstyl gehalten. Ausserdem befindet sich noch ein anderes
+stattliches und mehrstöckiges Gebäude, mit hohen schönen Fenstern versehen,
+am Marktplatze. Vielleicht war es ehemals Gouvernementsgebäude, vielleicht
+ein Kloster, denn erst im Jahre 1822 musste eine hier bestehende spanische
+Mission aufgegeben werden. Heute steht das Haus leer und unbenutzt da, und
+der durch die Fenster streichende Wind, und die fressende Atmosphäre wird
+bald das ihrige thun, um das Gebäude zu einer Ruine zu machen.
+
+Ausser recht gut erhaltenen aber widerstandslosen Mauern ist die Stadt
+durch ein mit vier Bastionen versehenes Fort, christlicher Anlage und
+ursprünglich aus gutem Material erbaut, geschützt. Dieses Fort liegt auf
+der westlichsten Spitze der Stadt nach dem Meere zu. Im Inneren dieses
+Forts ist ein Schloss, dessen runde Kuppeln man schon von Weitem sehen
+kann. Das Schloss soll vom Sultan Mulei Yasid erbaut sein. Unterhalb des
+Forts nach dem Hafen zu sind zwei gemauerte Strandbatterien. Nach S.-O. zu
+die Stadt beherrschend, befindet sich die Kasbah, ein Fort von viereckiger
+Form, an den vier Ecken mit sehr scharfwinkligen Bastionen versehen. Die
+Mauern der Kasbah, welche auch wohl eine Baute der Portugiesen oder Spanier
+ist, sind gut erhalten, aber trotz aller Vertheidigungsanstalten wird
+L'Araisch einem Angriffe der Europäer nicht lange Widerstand entgegensetzen
+können, einerlei ob er vom Ocean aus oder vom Lande her unternommen wird.
+Sonst hat L'Araisch keine merkwürdigen Gebäude, wenn nicht eine kleine
+Grabstätte in den Gärten südlich von der Stadt, der Lella-Minana gewidmet,
+einer Sherifa, die dort begraben liegt. Bei Lebzeiten soll sie Wunder
+gethan haben, und auch jetzt noch sollen die in der Grabcapelle der
+Lella-Minana betenden Frauen von Unfruchtbarkeit geheilt werden: zwei
+fromme in der Nähe wohnende Einsiedler öffnen den Frauen gegen eine
+kleine Gabe die Thür zum Grabmal und unterstützen sie im Beten.
+
+Die Stadt hat ca. 5000 Einwohner, von denen wohl 1200 Juden sein mögen,
+welche letztere, wie alle Juden in den Hafenstädten Marokko's, sich der
+spanischen Sprache bedienen. Die wenigen Europäer, vielleicht 30 oder 40
+Individuen stehen unter dem Schutze ihrer Consuln, deren es hier mit
+Ausnahme eines deutschen von allen Nationen giebt.
+
+Der Handel der Stadt ist nicht unbedeutend und umfasst dieselben Artikel,
+die in Tanger zur Aus- und Einfuhr kommen, d.h. ausgeführt werden besonders
+Wolle, Thierhäute, Wachs, Oel, Butter, Früchte: als Mandeln, Orangen,
+Citronen und Feigen, getrocknete Oliven, Eier, Federvieh (anderes Vieh
+auszuführen ist verboten), Getreide und Hülsenfrüchte. In L'Araisch kommt
+noch hinzu die Rinde der Korkeiche, die in Europa verarbeitet wird. Gummi
+und Kupfer wird aus Marokko nach Europa nicht mehr ausgeführt, da man
+Kupfer in Europa und Gummi von Senegal billiger beziehen kann. Blutigel
+werden ebenfalls von L'Araisch ausgeführt, doch mehr noch von Tanger und
+Mogador. Einfuhrartikel sind: Baumwollenstoffe, Tuche, rohe und gefertigte
+Seide, Papier, Waffen, Metalle, wie Eisen, Blei, Quecksilber, Schwefel,
+Alaun, Salpeter, Colonialwaaren, darunter besonders Thee und Zucker, und
+verschiedene Gegenstände, schlechte Schmucksachen, Porzellan und
+Glaswaaren, Spiegel u. dergl. m. Die eben angeführten Gegenstände sind so
+ziemlich in allen Häfen des Landes im Handel dieselben.
+
+Der Weg zwischen L'Araisch und Media oder Mehdia läuft ununterbrochen auf
+einer Sandzunge hin, zwischen dem Meere einerseits, den Sümpfen und
+Landseen andererseits gelegen. Auf der ausgezeichneten Karte von A.
+Petermann, Mittheilungen Jahrgang 1865, Taf. 4, dann auch auf der Karte von
+Renou ist dies recht deutlich zur Anschauung gebracht. Nehrungen und Haffe
+können nur an flachen, sandigen Küsten entstehen, und so ist es ganz
+natürlich, dass, wo die übrigen Bedingungen zur Haff- und Nehrungbildung
+vorhanden sind, diese entstehen. Wie der Sand Product des Meeres ist, so
+sind die Nehrungen, die aus Sand bestehen, immer nur an flachen Küsten mit
+vielem Sande zu beobachten. Es giebt nun Nehrungen, die an beiden Seiten
+noch mit dem Festlande zusammenhängen, oder solche, die am Meere
+durchbrochen sind. Erstere können entstehen dadurch, dass hohe Dünen bei
+ausserordentlichen Fluthen nicht durchbrochen werden, vom Ocean aber Wasser
+durchlassen, welches Wasser dann hinter den parallel mit dem Meere
+laufenden Dünen einen See bildet, oder es sammelt sich landwärts der Dünen
+das Wasser von kleinen Flüssen an, bildet einen See, das Wasser, ist aber
+nicht stark genug, die Nehrung zu durchbrechen, oder auch das Wasser aus
+dem Landsee ergiesst sich unter der Nehrung in den Ocean. Nehrungen werden
+durchbrochen dadurch, dass sich die Flüsse einen Ausgang bahnen, oder durch
+den Ocean selbst, in beiden Fällen sind Haffe hergestellt.
+
+An verschiedenen Stellen von Afrika hat man Nehrungen und Haffe, so vor dem
+Delta des Nil in Aegypten, die bedeutender sind, als unsere deutschen in
+der Ostsee, oder an der Küste von Guinea; die Nehrung an der Küste von
+Marokko zieht sich von L'Araisch bis Rbat hin, hat also eine Länge von fast
+17 deutschen Meilen.
+
+Landeinwärts von der Nehrung ist im Winter ein 2-3 Meilen breiter See, der
+im Sommer zum Sumpf wird, daher im Norden bei Mulei Bu Slemm der Name
+Mordja[125] Ras el Daura, und südlich von Mehdia, Mordja el Mehdia. Gleich
+unmittelbar östlich vom See oder Sumpf stösst jener ausgedehnte
+Korkeichenwald, der nördlich bei L'Araisch beginnend im Süden bei Rbat
+endet.
+
+ [Fußnote 125: Mordja heisst Sumpf]
+
+Zahllose Wasservögel, Enten, Pelicane, Ibisse und andere halten sich hier
+auf, und im Sommer kommen Hyänen, Schakale und Wildschweine aus dem
+Korkeichenwald, um im feuchten Sumpfe zu jagen. Die ganze Nehrung selbst
+ist bewohnt von Arabern. Meistens haben sie ihre Zelte auf der Landseite
+und zwar nie kreisförmig, sondern, als ob sie gewissermassen der langen
+Form der Nehrung sich anpassen wollten, immer in einer langen Reihe
+aufgeschlagen. Die Dünen sind zum Theil gut bewachsen, meist mit Lentisken,
+aber auch Grasfutter für Rind- und Schafheerden ist reichlich vorhanden.
+
+Gewöhnlich legt man den Weg bis Mehdia längs des Wassers in zwei
+Tagemärschen zurück, der grossen Hitze wegen, und weil wir uns häufig damit
+aufhielten, im Ocean zu baden, brauchten wir vier Tage. Ueberall fanden wir
+übrigens ausgezeichnete Gastfreundschaft, und die herrlichen Wassermelonen,
+welche die Nehrung hervorbringt, haben mir nirgends besser gemundet als
+hier. Zwei hübsche Grabstätten sind unmittelbar am Meeresstrande erbaut:
+Mulei Bu Slemm[126], eine Tagereise südlich von L'Araisch, aus mehreren
+Domen bestehend, dann Mulei Hammed bel Cheir, gleich vis-à-vis von Mehdia
+auf einer kleinen Anhöhe. Gegen 3 Uhr Nachmittags am vierten Tage
+erreichten wir Mehdia, am linken Ufer des Sebu gelegen.
+
+ [Fußnote 126: Die meisten Geographen halten Mulei Bu Slemm für das
+ alte Mamora, Mamora antica, und doch glaube ich kaum, dass jemals
+ bei Bu Slemm dieser Ort gestanden hat.]
+
+Um überzusetzen mussten wir aber erst eine ziemlich weite Strecke ca. ein
+K.-M. stromaufwärts gehen, wo sich die Fähre befand, sodann kehrten wir auf
+das linke Ufer zurück und erklommen den Pfad, der auf den steilen 417 Fuss
+(nach Barth) hohen felsigen Hügel führt, auf dem Mehdia liegt. In einem
+sehr schlechten Funduk fanden wir Unterkommen. Mehdia ist ein kleines
+elendes Dorf, von vielleicht zweihundert Einwohnern, wegen seiner
+beherrschenden Lage war es einst wichtig und könnte am schiffbaren Sebu,
+dem Flusse, an dem Fes liegt, leicht wieder zu einer blühenden Stadt
+gemacht werden. Die Mündung des Sebu ist jedoch nicht breiter als
+vielleicht 1000 Schritt, aber sehr tief unmittelbar unterhalb der Stadt.
+Der Sebu ergiesst sich aber nicht in gerader Linie in den Ocean, sondern,
+schief nach Norden geneigt. Eine starke Barre sperrt den Fluss ab.
+
+Als ich von Aussen den Ort besichtigte, fand ich unterhalb desselben ein
+Labyrinth von Mauern, 4 Fuss dick und 20 Fuss hoch aus massiven Steinen
+aufgeführt; ein Netz von viereckig gemauerten Räumen darstellend. Die
+darüber befragten Bewohner wussten keine Auskunft zu geben, aber in Leo
+finden wir vollkommenen Aufschluss darüber:
+
+Von Jacob el Mansor, der von 1184 bis 1199 regierte, erbaut, als
+Vertheidigungsfeste des Eingangs des Sebu, wurde Mehdia später zerstört und
+im Jahre 1515 schickte Don Manuel von Portugal eine Flotte dahin ab, um
+dort eine Festung anzulegen. Kaum im Bau begriffen, kam aber der zu der
+Zeit in Fes regierende Sultan Mohammed ben Oatas mit einem Heere und
+überfiel Soldaten und Arbeiter. Leo, der als Augenzeuge diesem Ueberfalle
+beiwohnte, giebt davon eine ergreifende Schilderung. Die Portugiesen wurden
+alle getödtet, die Schiffe verbrannt. Von 6-7000 Mann Besatzung, durch
+Verrath zur Streckung der Waffen bewogen, wurden die Meisten niedergemacht.
+Aus der Mündung des Sebu soll der König von Fes hernach 400 Kanonen
+herausgefischt haben.
+
+Später, am 6. August 1614, nahmen die Spanier noch einmal Mamora (wie die
+Europäer und auch Leo Mehdia nannten), errichteten ein Fort, welches aber
+am 2?. April 1681 [? unlesbar in der gedruckten Ausgabe] von Mulei Ismail
+überfallen und zerstört wurde. Seit der Zeit ist Mehdia, was es jetzt ist,
+ein elendes Dorf.
+
+Was nun die eben erwähnten Constructionen anbetrifft, so sagt Leo[127]
+davon: "Die Portugiesen fingen gleich nach ihrer Ankunft den Bau an; alle
+Fundamente waren schon gelegt, mit den Mauern und Bastionen war ein Anfang
+gemacht etc." Einen solchen _unfertigen_, nicht aber _zerstörten_
+Eindruck machen denn auch die Bauten bei Mehdia. Was Mamora antica
+anbetrifft, so dürfte dasselbe am anderen Ufer des Sebu zu suchen sein,
+oder vielleicht der Hügel der Stadt, der ebenfalls befestigt war,
+"Alt-Mamora", die am Strande von den Portugiesen errichteten Bauten
+dagegen "Neu-Marmora" gewesen sein. Aber in dem entfernten Mulei Bu
+Slemm Alt-Mamora suchen zu wollen ist vollkommen unstatthaft, weil
+"Mamora" immer einen felsigen Hügel bedeutet in Tamasirht-Sprache, ein
+solcher aber bei Bu Slemm nicht vorhanden ist.
+
+ [Fußnote 127: Uebersetzung von Lorsbach, p. 185.]
+
+Barth fügt noch hinzu, dass keineswegs, wie die meisten Geographen
+anzunehmen geneigt seien, hier Banasa gestanden habe (Hemsö meint, Banasa
+habe gelegen, wo jetzt Mulei Bu Slemm ist, eine Oertlichkeit, die gar
+nichts Einladendes zur Gründung einer Stadt hat), welches eine Binnenstadt
+am oberen Laufe des Sebu gewesen, sondern dass in Mamora die vom Ptolemaeus
+erwähnte Stadt Subur zu erblicken sei. Ich füge noch hinzu, dass im Lande
+bei den Eingebornen der Name Mamora vollkommen unbekannt ist.
+
+Wir blieben in Mehdia nur Nachts, am anderen Morgen früh aufbrechend, waren
+wir Mittags in Sla, setzten gleich über und blieben in Rbat in einem
+Funduk. Der Weg bot nichts Neues, Nehrungformation war auch hier, nur
+müssen die hiesigen Dünen älter sein, denn sie waren nach der Landseite
+dicht mit Eichen, welche eine ausserordentlich zart- und süssschmeckende
+Frucht tragen, bestanden, ausserdem waren Korkeichen, Lentisken und wilde
+Oliven sichtbar.
+
+Die Stadt Sla auf dem rechten Ufer des Bu Rgak oder Bu-Raba[128] gelegen,
+ist ein Ort, welcher von Aussen gesehen das allerregelmässigste Ansehen
+hat. Fast viereckig ist die Stadt von hohen aber widerstandslosen Mauern,
+welche ausserdem viereckige Vertheidigungsthürme haben, umgeben. Mit ca.
+10,000 Einwohnern, dürfen bis auf den heutigen Tag in Sla keine Christen
+und Juden wohnen, der Grund davon ist, dass die Bevölkerung sich
+hauptsächlich aus aus Spanien vertriebenen Mohammedanern bildete, somit den
+glühendsten Hass gegen Juden und Christen bewahrt hat. Am Ende des vorigen
+Jahrhunderts war Sla, das sich den marokkanischen Herrschern gegenüber fast
+als Republik gerirte, der berüchtigtste Seeräubersitz am atlantischen
+Ocean. Im Hafen von Sla und Arbat, oder in der Mündung des Sebu, fanden die
+Piraten vor den verfolgenden Kriegsschiffen der Christen sichere Stätten.
+
+ [Fußnote 128: Buragrag bei Leo und Maltzan.]
+
+Sla ist offenbar, wenn auch nicht genau der Lage nach, doch was den Namen
+anbetrifft, das alte Sala. Ptolemaeus verlegt Sala südöstlich von der
+Mündung des Flusses, also da wo Arbat heute steht. Ebenso Plinius, der Buch
+V, 1 sagt: "Die Stadt Sala am Flusse gl. N. gelegen, schon nahe der Wüste,
+und durch Elephantenheerden, noch mehr aber durch den Stamm der Autolalen
+unsicher gemacht, durch welche der Weg zum Atlasgebirge führt" etc. Dass
+nun Arbat heute nicht den Namen Sla, sondern Arbat hat, erklärt sich wohl
+aus dem Umstände, dass nach der Zerstörung des alten Sala, die neue Stadt
+auf dem rechten Ufer des Bu Raba angelegt wurde, während gegenüber die
+Stadt Rbat um 1190 von Jacub el Mansor neu gegründet wurde, und nach
+Delaporte den Namen Rbat el Ftah, d.h. Wahlstätte des Sieges erhielt. Es
+ist also nicht nöthig um das alte Sala im heutigen Rbat wiederzufinden, wie
+Barth es thut, auf die Grabmäler der Beni-Merin bei der Mssala von Arbat
+hinzuweisen, welchen Ort Barth: "Schaleh", Hemsö: "Scella, Seialla" und
+Marmol: "Mensala" aussprechen hörten. Ich habe an anderen Orten gezeigt,
+dass jede grössere marokkanische Stadt ihr Mssala hat, wo bei grossen
+religiösen Festen die Gebete abgehalten werden[129].
+
+ [Fußnote 129: Maltzan sagt B. IV, p. 129: In der Nähe von Rabat liegt
+ auf demselben Ufer des Flusses ein kleiner Ort esch = Schaleh
+ genannt. Dieser Ort hat eine auffallend grosse Aehnlichkeit mit dem
+ des antiken "Sala". Es sind dies aber weiter nichts als Hütten und
+ Häuser, und Grabmäler um die "Mssala" gebaut, wie das auch bei Fes,
+ Uesan etc. vorkommt.]
+
+Die Stadt Sla ist von ihrem einstigen durch Piraterie erworbenen Reichthum
+sehr heruntergekommen, so dass auch die Häuser der Einwohner, die sich
+Slaui nennen, sehr klein und unansehnlich sind. Als ich mit dem
+Grossscherif in der Stadt war, fand sich kein einziges Gebäude gross genug
+ihn aufzunehmen, wir campirten daher am Strande in unseren Zelten.
+Innerhalb der Mauern ist die Hälfte der Stadt jetzt unbebaut. Die beiden
+Moscheen sind gross und geräumig, aber sonst zeichnen sie sich durch nichts
+weiter aus. Der Markt oder Bazar, Kessarieh, ist überdacht wie in den
+meisten Städten, wie zur Zeit Leo's findet man hier auch heute noch eine
+grosse Kammfabrikation aus Lentiskenholz.
+
+Rbat, sowie es jetzt steht, eine Stadt von ca. 30,000 Einwohnern, hat ein
+fast modernes südeuropäisches Aussehen, namentlich von der Westseite her.
+Hier haben sich hauptsächlich Christen und Juden Häuser gebaut, und
+besonders letztere sind in Rbat zahlreich vertreten, da sie wie auch die
+Christen in Sla nicht wohnen dürfen. In der Mündung des Flusses könnten
+Rbat und Sla einen guten Hafen haben, wenn nicht eine gefährliche Barre auf
+der Rhede wäre, und wenn für eine gehörige Ausbaggerung gesorgt würde.
+Jetzt kann der Hafen nur Schooner und kleine Briggs aufnehmen. Der Handel
+ist indess ziemlich lebhaft, denn eigentlich ist Rbat jetzt der natürliche
+Hafen für Mikenes sowohl, als auch für Fes. Man exportirt hier vorzugsweise
+Oel, Häute und Kork. Als eigne Fabrikation betreibt man in Rbat
+hauptsächlich die Verfertigung wollener Teppiche, an Güte und
+Dauerhaftigkeit kommen sie den syrischen gleich, im Muster und in den
+Farben stehen sie allerdings zurück. Ferner sind Schuhe, Burnusse und
+Matten gerühmt.
+
+Rbat auf dem bedeutend höher gelegenen linken Ufer des Flusses gelegen, hat
+ein Castel auf seiner äussersten nach dem Meere gerichteten Seite, mit
+sogen. bombenfesten Gewölben, und dicht dabei eine ziemlich grosse Djemma
+(Moschee) mit einem sehr hübschen Smah (Minaret). v. Maltzan taxirt den
+Thurm auf 180' und zieht ihn der Giralda von Spanien vor. Dieser Sma-Hassan
+ist wie die Moschee selbst von Sultan Mansor erbaut. Leo sagt von ihm: "Vor
+dem Süderthor liess er auch einen Thurm, dem zu Marokko ähnlich, errichten,
+er hat aber viel breitere Treppen, worauf 3 Pferde nebeneinander
+hinaufkommen können. Ich (Leo) rechne diesen Thurm in Rücksicht auf seine
+Höhe zu den bewundernswürdigen Gebäuden."--Für Marokko, welches in keiner
+einzigen Stadt einen nur irgend bedeutend hohen Minaret hat, ist dieser
+Thurm des Hassan allerdings eine ausnahmsweise hohe Baute, aber im Orient
+trifft man bei den Mohammedanern bei Weitem höhere Minarets.
+
+Der Palast des Sultans ausserhalb der Stadt Rbat im Süden und fast hart am
+Meere gelegen, ein vollkommen neues Gebäude, und irre ich nicht, erst vom
+jetzigen Sultan erbaut, zeichnet sich nur durch Kasernenhaftigkeit aus. Es
+ist ein ziemlich unbedeutendes Gebäude, mit einer Beletage, hat viele
+Fenster, die aber nicht Glasscheiben besitzen, sondern durch hölzerne
+Jalousien verschlagen sind. Vor dem Schlosse nach dem Strande zu befinden
+sich Erdschanzen auf europäische Weise errichtet; einige Kanonen sind
+ebenfalls darin.
+
+Der von Maltzan erwähnte "römische Aquaduct" ausserhalb der Stadt, dessen
+Ruinen noch heute vorhanden sind, ist indess nicht römischen Ursprungs,
+wenn man anders den Aufzeichnungen von Leo Glauben schenken kann. Derselbe
+sagt p. 177: "Weil in der Nähe der Stadt kein sonderlich gutes Wasser war,
+so liess Sultan Mansor eine Wasserleitung von einer Quelle, die ungefähr 12
+Meilen von der Stadt entfernt ist, hier anlegen; sie besteht aus schönen
+Mauern, welche auf Bogen ruhen, gleich denen, die man hier und da in
+Italien, vornehmlich um Rom sieht. Diese Wasserleitung theilet sich in
+viele Theile: einige führen Wasser in die Moscheen, andere in die Schulen,
+andere in die Paläste des Königs, andere in die öffentlichen Brunnen,
+dergleichen für alle Districte der Stadt gemacht wurden. Nach Mansor's Tode
+nahm die Stadt allmälig so ab, dass nicht ein Zehntel mehr übrig ist. Die
+schöne Wasserleitung ist in den Kriegen der Meriniden gegen Mansor's
+Nachfolger zerbrochen worden." So Leo. Ich muss indess bekennen, dass nach
+Besichtigung der Ruinen dieser Wasserleitung ich ebenfalls geneigt bin mit
+Maltzan sie für römischen Ursprungs zu halten, da nirgends anderswo, soviel
+ich das Land habe kennen lernen, die Marokkaner selbst irgend ähnliche
+Bauten aus massiven Quadersteinen errichtet haben.
+
+Heutzutage entbehrt Rbat sehr dieser Wasserleitung, die Einwohner behelfen
+sich zum Theil mit dem Wasser ihrer Cisternen, zum Theil holen sie weither
+ihr Trinkwasser in Schläuchen. Nirgends ist daher auch das Trinkwasser
+theurer als in Rbat. In allen grösseren marokkanischen Städten durchziehen
+Wasserverkäufer mit einem grossen Schlauch auf dem Rücken, in der einen
+Hand eine Glocke, in der anderen einen Becher haltend, die Strassen und
+verkaufen dem Durstigen für einen Fls. den Labetrunk, der dann so bemessen
+ist, dass der Käufer so viel trinken kann, wie er Durst hat. In Rbat aber
+muss ganz genau das Maass inne gehalten werden.
+
+Im Uebrigen hat die Stadt nichts Merkwürdiges, nur will ich nicht
+unterlassen auf die unvergleichlich schönen Gärten aufmerksam zu machen,
+die sich längs des linken hohen Flussufers hinziehen. Was nur das
+glückliche Klima des Mittelmeeres hervorbringt, findet man hier blühen und
+grünen.
+
+Ich blieb nur kurze Zait [Zeit] in Rbat, und durch die lang ausgedehnte
+jetzt leere Stätte der Mhalla (die Armee des Sultans), welche südwärts der
+Stadt sich befand, dahin eilend, zog ich dem Süden weiter entgegen. Ich
+hatte nun vollkommen unbekanntes Land vor mir, bis Rbat, wo ich auch früher
+schon gewesen war, hatte ich fast alles Land kennen gelernt, was im
+Bereiche des "civilisirten Marokko" lag. Einsam ohne Karavanen zogen meine
+Begleiter und ich längs des Strandes dahin, den grauen Esel vor uns
+hertreibend. Der Weg längs des Strandes bleibt auch hier einförmig und
+langweilig. Indess so wenig die Natur bietet, so belebt ist andererseits
+dieser Weg durch Menschen, denn bis Asamor ist hier die Hauptroute von Rbat
+nach Marokko, von Asamor verlässt die Strasse das Meer, um ins Innere sich
+hineinzuziehen.
+
+Längs der Küste ziehen sich eine Menge Kasbahs hin, zum Theil in leidlichem
+Zustande, zum Theil verfallen; sie erinnern lebhaft an die Befestigungen in
+Spanien und Italien, deren Küsten ebenfalls überall mit Thürmen und
+Festungen garnirt sind. In diesen Kasbahs kann der Wanderer Schutz vor
+schlechter Witterung finden, oder übernachten, sonst bieten sie aber in der
+Regel nichts, und die meisten sind ohne Insassen. Wir gingen bis
+Mitternacht und nächtigten sodann in der Kasbah Scharret, am Flüsschen gl.
+N. gelegen. Diese Kasbah bildet zugleich eine Cavalleriekaserne, es
+befanden sich etwa 200 Reiter mit ihren Pferden in derselben. Wir konnten
+von diesen Reitern unser Abendbrod kaufen, eigentliche Kaufleute waren aber
+nicht vorhanden.
+
+Zwischen Rbat und Asamor finden sich eine Menge von kleinen Flüssen, die
+von Osten kommend alle das Meer _mit Wasser_ erreichen, und auch das
+ganze Jahr Wasser halten. So passirten wir am folgenden Tage den
+Ued-Bu-Steka und drei andere kleine Flüsse, und befanden uns Mittags am
+Ued-Mansuria, der an seiner Mündung, zur Fluthzeit, nicht zu passiren
+ist. Nach langem Suchen fanden wir endlich stromaufwärts gehend eine
+Furth, die uns durchliess. Der auf den Karten angegebene Ort Mansuria
+_existirt nicht_. Auf dem linken Ufer des Flüsschens befinden sich die
+Trümmer der Kasbah Mansuria. Der Ort Mansuria soll nach Leo auch nicht
+am Ocean, sondern zwei Meilen stromaufwärts am Flüsschen, das er Guir
+nennt, gelegen sein. Aber schon zu Leo's Zeiten war das genannte
+Städtchen nur noch ein Trümmerhaufe.
+
+Wir gingen selben Tags noch bis zur Mündung des Flusses Ued-el-Milha, an
+dessen linkem Ufer die Kasbah Fidala liegt. Ob Fidala nach der Meinung
+Gosselin's das alte Kerne[130] gewesen sei, wage ich nicht zu entscheiden;
+eine Insel ist in der Mündung des Flusses nicht, wohl aber ist auch hier
+eine Nehrung. Im Innern der sehr geräumigen Kasbah lagerte ein ganzer Stamm
+unter Zelten, aber auch feste Wohnungen waren da. Namentlich zeichnete sich
+die in der Mitte der Burg liegende Djemma durch Sauberkeit der Arbeit und
+gute Conservirung aus. Die Tholba (Schriftgelehrten) luden uns freundlichst
+ein, in derselben die Nacht zuzubringen. Die meisten Häuser, die in Fidala
+sind, liegen in Ruinen, der edle Styl derselben, die Abwesenheit des
+maurischen Schwibbogens an Fenstern und Thüren sagen uns mit Sicherheit,
+dass diese Gebäude von Europäern erbaut wurden. Renou behauptet indess,
+dass Fidala 1773 von Sultan Mohammed gegründet sei. An vielen der Fenster
+waren sogar noch Balcons.
+
+ [Fußnote 130: Kerne möchte eher beim heutigen Agadir zu suchen sein,
+ obgleich auch dort in der Bucht keine kleine Insel sich befindet,
+ aber keineswegs, wie Knötel meint, die Insel im Rio do Ouro sein.]
+
+Am folgenden Morgen passirten wir eine lange über den schmalen Fluss
+Ued-Dir führende Brücke, derselbe soll jedoch manchmal weit austreten.
+Die Gegend bleibt immer dieselbe, rechts das Meer, und links die nicht
+enden wollende Gegend der Provinz oder Landschaft Temsena, nur einmal
+unterbrochen durch den grossen längs der Küste sich hinziehenden Sumpf
+Um-Magnudj. Die gut bevölkerte Gegend bringt hauptsächlich Mais hervor,
+der den Leuten als Hauptnahrung dient, indem sie ganz wie die Italiener
+eine Polenta davon bereiten. Man kann sagen, dass an der ganzen Küste
+von L'Araisch bis Asamor nicht die zu Kuskussu verarbeitete Gerste,
+sondern der Mais oder türkische Weizen die Nationalkost ist. Auch wird
+davon viel nach Spanien und Portugal exportirt.
+
+Am selben Abend noch waren wir in Dar-beida (Weissenstadt und von den
+Spaniern Casa bianca übersetzt), wo wir bald bei einem Kaffeehausbesitzer,
+den ich von Fes her kannte, ein gastliches Unterkommen fanden. Dar-beida
+bildet eine Art befestigten Vierecks, dessen Mauern jedoch ausser Stande
+sind, den geringsten Widerstand gegen Europäer zu leisten. Sowie von
+Masagan und Safi wird auch von hier aus bedeutend exportirt, und
+hauptsächlich sind es Wolle, Oel, Mais, Weizen, Mandeln und Felle, welche
+die Eingeborenen den Europäern zu Markte bringen. Die Einwohnerschaft von
+Dar-el-beida beläuft sich auf ca. 300 [3000] Seelen, unter denen sich
+eine zu den übrigen Hafenstädten Marokko's verhältnissmässig grosse Zahl
+von Europäern befindet. Ich fand es höchst auffallend, dass alle
+Lebensmittel hier so theuer waren, vielleicht ist die Concurrenz der
+Europäer daran Schuld. In der Meeresbucht befanden sich sieben grössere
+europäische Fahrzeuge, im Begriffe, ihre Ladungen einzunehmen. Sie
+kommen meist ohne Waaren an, wenn man anders nicht die Silberthaler
+(spanische und französische) als Importationsartikel rechnen will. Aber
+der Vortheil, den die Europäer auf die eben angeführten
+Exportationsartikel machen, ist ein sehr grosser. Deutschland betheiligt
+sich gar nicht daran. An Merkwürdigkeiten hat die Stadt nichts
+aufzuweisen.
+
+Maltzan nimmt an, dass Dar-beida oder Dar-el-beida die Stadt Anfa Leo's
+sei. Es ist auch wohl nicht daran zu zweifeln, aber Leo's Angaben über die
+Entfernung Anfa's sind höchst ungenau, er sagt: "Anfa ist eine grosse von
+den Römern erbaute Stadt am Ufer des Oceans, ungefähr 60 Meilen vom Atlas
+gegen Norden, ungefähr 60 Meilen von Azemur gegen Osten und ungefähr 40
+Meilen von Rabat gegen Westen gelegen." Leo scheint die Stadt gleich nach
+der Zerstörung derselben durch die Portugiesen besucht zu haben, er fand
+sie ganz verödet und von Einwohnern verlassen. Nach Maltzan wurde sie erst
+1750 von Mulei Ismaïl unter dem Namen Dar-el-beida wieder aufgebaut. Nach
+Renou wiedererbaute sie Sultan Mohammed, was wahrscheinlicher ist, da
+Ismaïl von 1672-1727 regierte. Von Dar-beida nach Asamor brauchte ich zwei
+Tage. Der auf fast allen Karten Marokko's angegebene Ort Mediona, der an
+der Küste liegen soll, existirt dort nicht, wohl aber ca. 3 Meilen
+landeinwärts; Mediona ist weiter nichts als eine von einigen Duar umgebene
+Kasbah.
+
+Endlich war die weite Mündung des Um-Rbea, oder wie man gewöhnlich sagt
+Mrbea erreicht. Der Fluss ist so tief, dass er selbst zur Ebbezeit nie
+durchwatet werden kann, aber eine gute Fähre ist vorhanden, mit der man
+übergesetzt wird. Der Fluss Um-Rbea, vom Atlas entspringend, hat auf seinem
+linken Ufer die bedeutende Stadt Asamor; aber so bedeutend dieselbe ist,
+ich schätze die Einwohnerzahl auf 30,000 [3000] Seelen, so wird ihrer
+selten in den geographischen Handbüchern gedacht. Der Name Asamor
+bedeutet aus der Tamasirht-Sprache übersetzt, die Oelbäume, und
+eigentlich hat die ganze Stadt den Namen Asamor-es-Sidi-Bu-Schaib, d.h.
+die Oelbäume des gnädigen Herrn Bu-Schaib. Ursprünglich war hier nämlich
+weiter nichts als ein Sanctuarium dieses Schaib's, dessen kleine
+"Kubba", in der er begraben liegt, sich noch heute in Asamor befindet
+und die in naher Umgegend als ein grosses Heiligthum gilt. Die
+Zahlenangaben über den Angriff von Asamor durch die Portugiesen sind bei
+Maltzan nicht genau. Erst 1508 begannen die Portugiesen zu belagern,
+jedoch ohne Erfolg, aber im Jahre 1513 wurde die Stadt erobert, zerstört
+und nach einem zweiunddreissigjährigen Besitze von den Christen
+freiwillig aufgegeben[131].
+
+ [Fußnote 131: Siehe darüber Leo, Dapper und Renou.]
+
+Asamor, auf einer ca. 150' hohen Anschwellung des Erdbodens gelegen, wird
+merkwürdigerweise von Arlett mit nur 700 Einwohnern angegeben. Andere aber,
+die doch auch gute Notizen über die Stadt hatten oder auch Asamor selbst
+gesehen haben, sind darüber auch anderer Meinung, so nennt Dapper sie
+"überaus volkreich", Lempriere "ein grosser Ort." Die Sache ist nämlich
+die, dass von allen Häfen, Asamor und Agadir die einzigen sind, wohin
+Europäer selten kommen. In _allen_ marokkanischen Hafenstädten, so
+klein sie auch sein mögen, giebt es Consuln und Consularagenten. So in
+Arseila, in L'Araisch, in Masagan etc., aber in der Stadt Asamor und Agadir
+sind weder christliche Consuln noch Europäer. Allerdings sind in Sala auch
+keine Consuln, aber der Grund liegt mehr in der Nähe von Neu-Sala oder
+Arbat, als in einer anderen Ursache.
+
+So ist denn auch Asamor eine vollkommen marokkanische Stadt, der ganze
+Handel, die Industrie hat etwas urwüchsig Marokkanisches an sich. In dieser
+schönen Flussmündung, welche meilenweit nach oben hin noch salziges
+Meerwasser hinauftreibt, sieht man nie europäische Schiffe. Der ganze
+Handel von Asamor mit dem Binnenlande beruht auf eigner Production und
+Manufactur. Man verfertigt namentlich Haike, Burnusse, Matten, Schuhe und
+Töpfergeschirr. In der Nähe der Stadt ist bedeutender Gemüsebau, aber die
+Früchte werden mehr nach aussen hin, nach Dar-beida und Masagan exportirt,
+als in der Stadt selbst aufgebraucht.
+
+Ich durfte nicht unterlassen "den berühmten Heiligen Mulei Bu-Schaib zu
+besuchen", so sagt man in der That in Marokko, einerlei ob der Heilige noch
+lebt oder todt ist. Man redet dann auch einen solchen Heiligen wenn er
+gestorben ist so an, als ob er noch lebte: "es ssalamu alikum ia Mulei
+Bu-Schaib" etc. Als ich eintrat in den kleinen Grabdom, war denn auch
+das ganze Mausoleum voller Bittsteller, alle umhockten oder Umlagen den
+Sarkophag, d.h. ein hölzernes mit rothem Tuch und reich mit Seide
+gesticktes umhangenes Holzgestell. Den grössten und eigentlichen Segen
+hatten indess nur die Schriftgelehrten des Mulei Bu-Schaib, die von
+jedem Betenden eine Gabe zu erpressen wussten. Als höchst merkwürdig
+fiel mir auf, dass diese Tholba (Schriftgelehrte) durch besondere Tracht
+sich auszuzeichnen suchten von ihren Mitgläubigen, wie die Pharisäer der
+Bibel. Bei den übrigen Marokkanern unterscheidet sich aber, wie schon
+angeführt, der Schriftgelehrte von seinen Mitgläubigen nie durch Tracht,
+und wenn er auch der erste Faki der Djemma Mulei Abd Allah Scherif von
+Uesan wäre. Sowie durch eigne Tracht, so zeichneten sich denn auch diese
+Tholba durch grosse Selbstgefälligkeit und religiöse Eitelkeit aus.
+
+Ehe ich von Asamor aus weiter zog, muss ich eines kurzen Abstechers
+erwähnen, den ich von hier aus mit einer Karavane nach der Stadt Marokko,
+von den Eingebornen Marakesch genannt, machte. Es war nur eine kleine
+Karavane aus lauter Eseltreibern bestehend, welche Töpferwaaren ins
+Innere des Landes führten, dabei bis Marokko wollten, um von dort andere
+Waaren zurückzubringen. In Gesellschaft dieser Leute war es vollkommen
+unmöglich irgendwie nur Aufzeichnungen zu machen. Die Gegend sah zu der
+Zeit sehr traurig aus, da es Herbst war und die ersehnten Regen wollten
+sich nicht einstellen, so dass man hatte glauben können in der Vorwüste zu
+sein. Und doch muss diese Landschaft im Winter und Frühling ein ganz
+verändertes Aussehen haben. Die kahlen Lotusbüsche bekleiden sich dann mit
+frischen hellgrünen Blättern, die einförmige Zwergpalme sendet neue Fächer
+aus der Erde und reift ihre kleinen äusserlich der Weintraube nicht
+unähnlichen Beeren, Zwiebeln und Gräser spriessen aus der Erde und die
+Heerden kehren von den immergrünen Weideplätzen der Atlasstufen zurück.
+
+Wir marschirten den ersten Tag sehr anstrengend, um zur rechten Zeit auf
+dem Markte el Had (Sonntag) zu sein, und noch denselben Tag wieder
+aufbrechend, überzogen wir sodann einen niederen Gebirgszug von Nordwest
+nach Südost streichend, der an der Gegend, wo wir ihn überschritten, den
+Namen Dj. Ssara führte. Sobald man den Kamm dieser Hügel, welche zugleich
+die Wasserscheide zwischen dem Mrbea und Tensift bilden, überschritten hat,
+erblickt man die schneeigen Gipfel des grossen Atlas. Aber so nahe die
+Berge zu sein scheinen, so fern sind sie noch; ehe man nur die Stadt
+Marokko erreicht, hat man noch drei Tagemärsche.
+
+Der Sultan war zu der Zeit mit der ganzen Armee dort; er hatte sich den
+Eintritt in die zweite Hauptstadt seines Landes erkämpfen müssen. Die
+Stämme der Rhammena, südwestlich von Marokko auf den Abhängen des Atlas
+heimisch, hatten sich kurz vor seiner Ankunft empört und hielten die Stadt
+umschlossen. Aber die Rhammena hatten nicht auf die Kanonen des Sultans
+gerechnet, trotzdem sie sich ziemlich hartnäckig bei der Sauya-ben-Sassy
+südlich von der Stadt vertheidigten. Sobald die Kanonen erdröhnten, wurden
+sie leicht bewältigt, und nachdem so und so viel Köpfe waren abgeschnitten
+worden, welche als Warnung an sämmtliche Städte des Reiches vertheilt
+wurden, nachdem sie aller Habe waren beraubt worden, war wieder Ruhe im
+Lande.
+
+Ich blieb nur zwei Tage in Marokko und verliess das Funduk (Gasthaus) nur
+Abends, um nicht Bekannten zu begegnen. Denn trotzdem der Sultan durch
+Vermittelung des englischen Gesandten mir beim Weggange von Mikenes
+freigestellt hatte, im Lande zu bleiben und überall frei hingehen zu
+können, fürchtete ich, falls er erführe, ich sei in Marokko, festgehalten
+zu werden.
+
+Die Stadt Marokko ist nach Beaumier's Beobachtungen mit einem
+holosterischen Barometer 408 Meter über dem Meere gelegen. Die Einwohnezahl
+[Einwohnerzahl] der Stadt ist, sehr wechselnd, je nachdem der Sultan
+anwesend ist oder nicht. Sir Drummond Hay, der zuverlässigste Gewährsmann,
+und der von allen Europäern am besten die Städte des Innern kennen lernte,
+nimmt 70,000 Einwohner an. Zur Zeit, als er dort den Sultan besuchte, ist
+das auch wohl richtig gewesen, in gewöhnlichen Zeiten sind aber wohl nicht
+mehr Bewohner in der Stadt, als wie Maltzan, Beaumier und Lambert annehmen:
+50,000.
+
+Nach Leo und den meisten Geographen soll Marokko von Yussuf-ben-Taschfin
+erbaut sein, Renou, sich auf Cooley stützend, giebt das Jahr 1073 als
+Erbauungsjahr an. Es ist indess wohl genauer, wenn wir mit Sedillot
+festhalten, dass der Feldherr Abu-Bekr, ein Partisan von
+Abd-Allah-ben-Taschfin, einige Jahre früher die Stadt anlegte. Von der
+Bedeutung aber, wie Marokko unter Yussuf, unter seinem Sohne Ali gewesen
+ist, von welcher Epoche Leo sagt, die Stadt habe hunderttausend Häuser
+gehabt, davon hat dieselbe nur den grossen Umfang behalten. Nach Lambert
+sollen die jetzigen Mauern der Stadt, die aus Tabi (d.h. einer Mischung
+aus Thon, Kalk und kleinen Steinchen, welche Masse zwischen Brettern
+gestampft und gepresst wird) bestehen, und die wie die Umfassungsmauern
+aller marokkanischen Städte von Entfernung zu Entfernung flankirende
+Thürme haben, vom Sultan Mohammed ben Abd-Allah (1757-1790), dem
+fähigsten und bedeutendsten marokkanischen Kaiser der Neuzeit, gegründet
+sein.
+
+Ganz entgegengesetzt zu Fes hat die Stadt Marokko mit wenigen Ausnahmen nur
+einstöckige Wohnungen, und an den Seiten der _breiten_ Gassen findet
+man oft grosse Gärten. Nur im Handelscentrum der Stadt verengen die
+engstehenden Häuser die Strassen. Im Uebrigen hat die Stadt ihre Kessaria
+(eine ganz neu erbaute für fremde Artikel ist nach Lambert kürzlich
+hinzugekommen), ihre Ataria, ihre grossen und kleinen Funduks, ihre
+Marktplätze, auf denen der bedeutendste Markt vor der Djemma el Fanah und
+der andere ausserhalb der Stadt vor dem Thore "Chamis" abgehalten werden.
+Auch ein Narrenhaus, Morstan, befindet sich in Marokko mit ähnlicher
+Einrichtung wie in Fes.
+
+An öffentlichen Gebäuden ist die Stadt arm, der Palast des Sultans, obschon
+äusserst umfangreich, zeichnet sich durch nichts aus. Die berühmteste
+Moschee ist die Kutubia, so genannt von den Adulen (Schreibern) und Ketabat
+(Büchern), welche dort, erstere ihr Handwerk treiben, letztere ebenda zu
+kaufen sind. Der hohe Thurm der Kutubia soll nach Lambert ca. 250 Fuss,
+nach Maltzan ca. 210 Fuss hoch sein, und v. Maltzan schätzt die Architektur
+auch dieses Thurmes höher als die der Giralda von Sevilla, welche doch von
+Lübke in seiner Geschichte der Architektur als eines der schönsten
+Baudenkmäler spanisch-maurischer Architektur hervorgehoben wird. Was die
+innere Anordnung der Djemma anbetrifft, so gleicht sie fast der grossen den
+"Erzengeln" gewidmeten Moschee in Fes. Auch hier die grosse Zahl von
+Säulen, die von Spanien hergeholt sein sollen, auch hier die reizenden
+Springbrunnen, die aber oft genug kein Wasser spenden. Denn die einst so
+schönen Wasserleitungen der Stadt, weiche von den Bergen Misfua und Mulei
+Brahim das Wasser der Stadt zuführen, liegen in verwahrlosetstem Zustande.
+Von den übrigen Moscheen ist wenig zu berichten. Das grösste Heiligthum der
+Stadt ist die Sauya des Sidi-bel-Abbes, im Norden der Stadt gelegen.
+Sidi-bel-Abbes ist zugleich der Schutzpatron der Stadt, er liegt dort in
+einer kleinen Kubba begraben. Alle Fremde, namentlich Pilger, werden
+hier unentgeltlich drei Tage lang verpflegt; es versteht sich, dass
+diese Sauya auch Zufluchtsort für Verbrecher und unrechtmässig Verfolgte
+ist.
+
+Das Ghetto der Juden, wie in allen marokkanischen Städten "Milha" genannt,
+d.h. der gesalzene Ort, wird nach Lambert häufig Spasses halber von den
+Mohammedanern "Messus", d.h. der "salzlose Ort" genannt; man schätzt die
+Zahl der Juden auf 6000 Seelen. Moses Montefiori, der im Jahre 1864 in
+Marokko war, um beim Sultan eine verbesserte Lage für seine unglücklichen
+Glaubensgenossen herbeizuführen, hat dies trotz seiner reichen Geschenke
+keineswegs zu Wege bringen können, sie leben dort heute noch in derselben
+unglücklichen und unterdrückten Art, wie bisher. Für die Christen scheint
+aber dort ein Umschwung eingetreten zu sein. Beaumier konnte mit seiner
+Frau, freilich in seiner Eigenschaft als Consul, im Jahre 1868 unbehindert
+die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen, und der schon mehrere Male
+genannte Hr. Lambert bewohnt Marokko seit Jahren. Um dies zu können, muss
+man aber vor allem der Sprache vollkommen mächtig sein, und man muss es
+verstehen, Demüthigungen und Vexationen, ähnlich wie sie von den
+Mohammedanern den Juden täglich auferlegt werden, zu ertragen. Aber
+keineswegs möchte ich doch empfehlen, wie Hr. Lambert das am Ende seines
+der Pariser geographischen Gesellschaft überreichten Berichtes thut: "die
+Touristen einzuladen, statt nach oft besuchten Gegenden zu gehen, nach
+Marokko zu kommen, um Ausflüge in die Umgegend zu machen". Solche sichere
+Zustände herrschen heute im Innern dieses Landes noch nicht[132].
+
+ [Fußnote 132: Die Folge eines solchen französischen Berichtes
+ verursachte auch den Tod von Alexandrine Tinne. Sie berief sich
+ stets auf die zwischen Colonel Mircher und den Tuareg vereinbarten
+ Verträge, als man ihr rieth nicht ins Land der Tuareg zu gehen;
+ Obschon sie wissen musste, dass diese Verträge nur auf dem
+ französischen Papiere existirten, da von Seiten der mächtigen und
+ besitzenden Tuaregfürsten Niemand erschienen war mit Oberst Mircher
+ zu unterhandeln.]
+
+Ausser diesen vereinzelten Christen und den der Zahl nach genannten Juden
+besteht die Bevölkerung von Marokko aus Berbern, Arabern und Schwarzen.
+Letztere, vorzugsweise wie in ganz Marokko aus Haussa- und Bambara-Negern
+zusammengesetzt, fasst man auch hier unter dem Namen Gnaui zusammen, sie
+sind alle Bekenner des Islam, haben aber viele von ihren einheimischen
+Sitten beibehalten. Dadurch, dass man fast mehr Schellah als Arabisch in
+Marokko reden hört, könnte man versucht sein zu glauben, die
+Berberbevölkerung sei überwiegend. Das ist aber nur anscheinend und
+namentlich an den Markttagen, wo die ganze Landbevölkerung in die Stadt
+hereinkommt, der Fall. Der eigentliche Städter ist arabischer Herkunft, hat
+zwar oft viel fremdes Blut, pocht aber darauf, für einen Araber gehalten zu
+werden. Wie in den übrigen Städten Marokko's findet man auch hier viele
+Bewohner aus den übrigen grossen Ortschaften Nordafrika's, die manchmal
+einzelne Jahre lang, andere auch für immer sich fixiren, oder auch noch im
+Alter, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in die Heimath
+zurückkehren.
+
+Für die Aussätzigen hat man im Norden der Stadt ein eignes Dorf,
+Harrah[133] genannt; diese, die nur unter sich heirathen, dort eine eigene
+Djemma (Gotteshaus) und eigne Medressen (Schulen) haben, deren Vorstände
+ebenfalls Aussätzige sind, dürfen nie die Stadt betreten. Dagegen sieht man
+dieselben den ganzen Tag vor dem Thore "Dukala" herumlungern, um Almosen zu
+erflehen. Es giebt übrigens auch Begüterte unter ihnen, denn sie treiben
+Industrie, haben ihren eignen Grund, auf dem sie ackern und Gärten bebauen,
+und die übrigen Marokkaner scheuen sich nicht, mit ihnen zu handeln; wenn
+aber Lambert sagt, die Furchtlosigkeit vor den Aussätzigen würde so weit
+getrieben, dass die Stadtbewohner mit den Leprösen aus einer Schüssel
+assen, oder in einem Zimmer schliefen, so ist das wohl übertrieben. In
+diesem Harrah giebt es eine Milha für die aussätzigen Juden.
+
+ [Fußnote 133: Mit diesem Worte bezeichnet man in den östlichen
+ Städten Nordafrika's das Judenquartier.]
+
+Der Handel von Marokko ist gegen den von Fes gehalten gering, es fehlt den
+Marokkanern die Geschicklichkeit und der Unternehmungsgeist. Die einst so
+hoch berühmten Gerbereien von Leder (Corduan, Maroquin, Safian) liegen im
+Verfall, allerdings existiren noch ganze Strassen, wo man nur gelbe und
+rothe Leder, oder davon fabricirte Schuhe kaufen kann, aber das schönste
+Leder wird heute in Fes bereitet. Hauptwichtigkeit hat Marokko im Handel
+für die südwärts gelegenen Atlastheile und die grosse Oase des Ued-Draa. So
+beziehen denn auch sämmtliche Arabertriben, die den beschwerlichen Weg über
+den Atlas scheuen, ihre Dattelvorräthe von Marokko, und die Marokkaner
+holen ihren Vorrath vom Draa.
+
+Schon am dritten Tage Morgens verliessen wir die Stadt wieder. Was mich
+anbetrifft, so hatte ich von derselben höchstens ein Bild gewonnen, so wie
+es der jetzige Reisende mit nach Hause bringt, wenn er die Eisenbahn
+verlässt, um sich in irgend einer Stadt am Wege einen Tag lang aufzuhalten.
+Aus eigner Anschauung hatte ich nur die Märkte bei Abend, die Kutubia und
+die Sauya Sidi-bel-Abbes kennen gelernt.
+
+Der Rückweg wurde auf dieselbe Art gemacht, nur für mich auf angenehmere
+Weise, da einige reiche marokkanische Kaufleute sich der Karavane
+angeschlossen hatten, welche Zelte hatten, und die sich ausserdem täglich
+den Luxus einer Tasse Thee erlaubten, und wenn wir in der Nähe eines Duars
+lagerten, dafür sorgten, dass die ganze Karavane auf ihre Kosten Fleisch
+bekam. Es ist sehr häufig, dass in diesem Lande, wo das Alleinreisen mit
+der grössten Gefahr verbunden ist, sehr reiche Kaufleute sich mit
+Maulthierkaravanen zusammenthun, und dass sie unter dem "Aman", Schutz
+einer solchen "Gofla", Karavane weite Reisen zurücklegen.
+
+Wieder angekommen in Asamor, trennten wir uns, der reichere Theil der
+Karavane zog nach dem Norden, der grösste Theil blieb im Ort selbst, oder
+in der Umgegend, und wir beide zogen längs des Oceans weiter, nachdem wir
+noch einige Tage Rast in der Stadt gemacht hatten. Bis zum nächsten Orte el
+Bridja, d.h. kleine Burg, von den Europäern Masagan genannt, ist gerade
+eine deutsche Meile Weges.
+
+El Bridja, ein länglichtes ummauertes Viereck, wird fast nur von Europäern
+und Juden bewohnt, und der Handel, der in Asamor sein sollte, wird hier
+betrieben. Die Mohammedaner begnügen sich damit ausserhalb der Stadtmauer,
+die übrigens halb in Ruinen ist, in Hütten und Zelten zu wohnen. In el
+Bridja, Masagan, oder wie sie drittens von den Gläubigen genannt wird: Dar
+djedida, d.h. Neustadt[134], ist denn auch ein bedeutender Export-Handel,
+den Beaumier auf 1/8 der Gesammtausfuhr vom Lande anschlägt. Ich traf dort
+über 20 europäische Schiffe auf der Rhede, und wie lebhaft der Handel dort
+florirt, geht am besten daraus hervor, dass in diesem kleinen Orte, wo 1864
+sicher nicht mehr als 1000 Einwohner waren, alle europäische Nationen einen
+Vertreter hatten.
+
+ [Fußnote 134: Diese kleine Stadt scheint sich durch den Reichthum an
+ Namen auszuzeichnen, man hört sie auch El-Maduma, d.h. die
+ Zerstörte, nennen.]
+
+Wir verliessen Masagan und wieder längs des Meeres ziehend, kehrten wir
+Nachts bei Arabern in einem Duar (Zeltdorf) gelagert, ein. Ein neues
+Unglück sollte mich hier erreichen, der Spanier mein Begleiter war Nachts
+mit dem Esel aufgebrochen und hatte das Weite gesucht. Er hatte mir nichts
+zurückgelassen, als was ich auf dem Leibe trug, und ein kleines
+Ledertäschchen, welches ich als Kissen unter dem Kopfe hatte, und worin
+glücklicherweise etwas Geld war. Die Hauptsumme aber, alles was ich an
+Kleidung besass, hatte er aufgepackt und war damit verschwunden.--Es wäre
+unnütz gewesen hinterdreinlaufen zu wollen, zumal ich annehmen musste, dass
+die Leute des Zeltdorfes wohl mit ihm im Einverständnisse gehandelt hatten,
+denn ohne ihr Wollen hätte er sich unmöglich Nachts allein aus dem Duar
+entfernen können. "Mktub er Lah", es war von Gott geschrieben, sagte ich
+nach Sitte der Marokkaner, verliess das Zeltdorf, und erreichte ziemlich
+früh Ualidia.
+
+Dies ist jetzt ein kleines Dorf ohne alle Bedeutung, scheint aber früh eine
+ziemlich bedeutende Stadt gewesen zu sein. Ein Theil der Stadtmauern und
+der Thore sind noch vorhanden. An der Küste befindet sich, südlich vom
+Dorfe, der beste Hafen des ganzen marokkanischen Ufers, wenn derselbe auch
+nicht gross ist. Es ist dieser Hafen lagunenartig, haffartig
+eingeschnitten, der Art, dass die davorliegende Nehrung von Felsen gebildet
+ist. In früheren Zeiten soll dieser Hafen auch benutzt worden sein, jetzt
+liegt derselbe unbeachtet und fast unbekannt da. Verschiedene Reisende,
+welche die Küsten Marokko's besucht haben, haben auch auf die
+Vortrefflichkeit des Hafens von Ualidia aufmerksam gemacht, unter ändern
+Frejus.--Nach Jackson wird Ualidia so genannt, weil es vom Sultan Ualid
+erbaut worden ist.
+
+Ich blieb in diesem Orte nur um zu frühstücken, das Essen wurde mir auf
+zuvorkommende Weise von den Schriftgelehrten der Djemma angeboten, und alle
+erflehten auf mich den Segen Allah's herab, um mich für meinen Verlust zu
+trösten, und zugleich verfehlten sie nicht den Vater des Diebes und ihn
+selbst (in Gedanken und mit Worten) zu verbrennen, zu verfluchen und auf
+ewig zu verdammen. Leider bekam ich dadurch meinen Esel nicht wieder, und
+ihr Segen befreite mich auch nicht vom Fieber. So musste ich Nachmittags
+schon wieder Zuflucht in einem Zeltdorfe suchen, da ich von wahren
+Schüttelfrosten befallen wurde. Am anderen Tage früh aufbrechend, erreichte
+ich nach einem für mich recht anstrengenden Tagesmarsch spät Abends Saffi.
+
+Saffi, wie die Europäer die Stadt, Asfi, wie sie die Eingeborenen nennen,
+liegt in einer weiten nach Westen offenen Bucht, deren äusserster Nordpunkt
+vom Cap Cantin gebildet wird. Die Stadt liegt unmittelbar am Ocean, ist von
+Mauern umgeben, besitzt an der Nordseite ausserdem eine Kasbah und hat ca.
+3000 Einwohner, darunter einige Hundert Juden und ca. 50 Christen. Asfi
+wurde 1508 von den Portugiesen erobert, und sie blieben im Besitze der
+Stadt bis 1541, in welchem Jahre sie dieselbe freiwillig aufgaben. Chénier
+führt an mehreren Stellen an, die Portugiesen hätten Asfi 1641 verlassen,
+was aber wohl irrthümlich ist, wenn man anders nicht nachweisen kann, dass
+sie es zum zweiten Male genommen. Das beim Cap Cantin anfangende oder
+endigende Gebirge Dj. Megher tritt, Asfi umgehend, zurück, sendet aber
+kleine Ausläufer bis dicht zur Stadt, dadurch wird die Ufer-Gegend weniger
+einförmig, und das Gebirge selbst muss seines reichen Baumschmuckes halber
+je näher man kommt desto romantischer sein.
+
+Ich fand in Asfi alle Funduks besetzt, fand aber bei einem Juden
+Unterkommen. Mein erster Gang war zum englischen Consul Mr. Carstensen,
+denn so sehr ich sonst auch mied, mit Europäern in Berührung zu kommen, so
+zwang mich andererseits mein Zustand, mich auf alle Fälle wieder in den
+Besitz von Chinin zu setzen. Ich fand selbstverständlich den freundlichsten
+Empfang, nicht nur fand ich das ersehnte Medicament, auch mit einer kleinen
+Geldsumme half Hr. Carstensen (die ich ein Jahr später die Freude hatte,
+ihm persönlich in Tanger zurückerstatten zu können) auf edelmüthige Art
+aus. Ehemaliger dänischer Officier, hatte Mr. Carstensen später in dem
+Krimkriege unter den Engländern Dienste genommen, und war durch
+Verheirathung in die englische Consulatscarrière gekommen. Seine Einladung,
+auf dem Consulate zu logiren, schlug ich indess wohlweislich aus, ebenso
+verführten mich auch nicht die Anerbietungen des französischen Consuls,
+dessen beiden Söhne, obschon Christen, auffallenderweise immer in
+marokkanischer Tracht gingen. Aber das Essen, welches mir Hr. Carstensen
+nach meinem Judenquartier während meines Aufenthaltes schickte, Teller,
+Messer und Gabeln, Servietten und Wein fehlten auch nicht, liess ich mir
+herrlich schmecken. Seit zwei Jahren das erste Mal, dass ich das Essen
+nicht direct mit _den Fingern_ in den Mund zu bringen brauchte.
+
+Ich blieb zwei Tage in dieser regen Handelsstadt, auf welche nach Beaumier
+1/8 des gesammten Seehandels kommt. Auf der Rhede lagen auch hier mehrere
+europäische Kauffahrer.
+
+Der Weg von Asfi bis zum Fluss Tensift ist äusserst beschwerlich; wenn
+Fluth ist, tritt das Wasser nämlich dicht an die Felsen, und über diese
+muss man dann bergauf bergab klettern, da das Gebirge gegen das Meer hin
+sich durch zahllose Rinnsale zerklüftet. Man braucht von der Hauptstadt der
+Landschaft Abda, d.h. von Asfi bis zum Ued-Tensift, der zugleich die Grenze
+der Landschaft Schiadma ist, 6 Wegstunden.
+
+Obschon die Mündung des Tensift sehr breit ist und hohe abschüssige Ufer
+hat, kann man sie zur Zeit der Ebbe durchwaten. Aber die Eingebornen müssen
+zur Hand sein, um die Stelle zu zeigen. Das äusserste rechte Ufer wird
+gebildet durch den südlichen Vorsprung des Megher-Gebirges, welches
+eigentlich mit dem Hadid-Gebirge Eins ist, denn am linken Ufer des Tensift
+zeigen die Gesteinmassen des Dj. Hadid so vollkommene Uebereinstimmung mit
+dem Megher-Gebirge, dass man zur Annahme berechtigt ist, der Ued-Tensift
+habe diesen Gebirgszug durchbrochen, um das Meer zu gewinnen. Einen Ort
+Rabat el Kus, wie er im Maltzan und auf verschiedenen Karten an der Mündung
+des Tensift angegeben ist, fand ich nicht. Hingegen stiess ich (das
+Uebersetzen hatte viel Zeit weggenommen) auf dem linken Ufer auf die kleine
+Sauya Sidi el Hussein, in der ich freundliche Aufnahme fand und nächtigte.
+Höchst romantisch nahmen sich von hier ca. 1 Stunde entfernt, im Osten die
+Ruinen einer alten Burg, Namens Kasbah Hammiduh, aus. Mitten im Walde auf
+schroffem Felsen gelegen, hatte es ehemals wohl die Aufgabe, die Einfahrt
+in den Tensift zu vertheidigen.
+
+Die Gegend wird jetzt immer abwechselnder, tiefe Buchten, welche das Meer
+macht, bewaldete Bergabhänge, entschädigen für den langweiligen Marsch auf
+dem weissen Sande des Strandes. Ich nächtigte noch einmal bei einer
+Grabkapelle Sidi Abd Allah Bettich und erreichte sodann am dritten Tage
+nach meiner Abreise von Asfi am Morgen früh die Stadt Ssuera oder Mogador.
+
+Mogador ist eine Schöpfung neuester Zeit. Ob der Ort Tamusiga des
+Ptolemaeus oder, wie Knötel will, Suriga hier gelegen hat, lasse ich dahin
+gestellt sein. Letzterer meint, der Name Ssuera sei von Suriga abgeleitet.
+So ähnlich nun auch beide Namen sind, so dürfte die Etymologie de Laporte's
+die richtigere sein. Er leitet Ssuera von Ssura Bildniss her, Ssuera würde
+dann kleines Bild bedeuten, und da in Marokko manchmal mit dem arabischen
+Diminutiv etwas Hübsches, Niedliches, verbunden gedacht wird, so würde
+Ssuera "liebliches Bildchen" bedeuten. Diese Herleitung des Wortes Ssuera
+von Ssura hat um so mehr Wahrscheinlichkeit, als die Berber die Stadt
+Tassurt nennen und dies bedeutet in der Berbersprache ebenfalls ein
+hübsches Bildchen.
+
+Der Name Mogador kommt ohne Zweifel vom Grabmal des Heiligen Sidi Mogdal
+oder Mogdur her, dessen Kapelle sich südlich vom jetzigen Orte in nicht
+weiter Ferne befindet. Wenn übrigens die Stadt Mogador erst 1760 vom Sultan
+Mohammed-ben-Abd-Allah gegründet, und wie eine noch am Hafen befindliche
+Inschrift bekundet 1184 (1773 nach J.C.) vollendet wurde, so wissen wir aus
+den Berichten der Väter der Provinz Touraine, dass der Name Mogador, den
+sie auf die vor Mogador liegenden Inseln anwenden, schon bedeutend früher
+vorkommt; ja, man findet Hafen und Insel Mogador schon auf der
+catalanischen Karte von 1375 eingetragen[135].
+
+ [Fußnote 135: Renou p. 43.]
+
+Die Stadt liegt auf einer kurzen, flachen und nach Südwest ins Meer sich
+senkenden Landspitze. Vor der Bucht, welche so gebildet wird, zieht sich
+dann eine grössere Insel hin, und weiter nach Süden und dem Lande näher,
+noch vier kleine Eilande. Die grosse Insel ist durch ein Fort befestigt,
+das aber jetzt nur marokkanische Sträflinge enthält, und seit dem
+Bombardement des Prinzen Joinville am 14. August 1844 nur äusserst
+nothdürftig wieder hergestellt ist. Eine der kleineren flachen Inseln hat
+ebenfalls eine Fortification. Die Stadt, selbst, fast viereckig von Form,
+ist eigentlich nach der Seeseite zu befestigt, denn die Mauern nach der
+Landseite zu, etwa 20' hoch sind kaum 6' dick und aus dem schlechtesten
+Material erbaut. Nach der Wasserseite aber ist die Kasbah mit ca. 30' hohen
+Mauern und Bastionen, und diese Kasbah, worin der Gouverneur, die Consuln,
+vornehme Christen und Juden wohnen, ist auch von der eigentlichen Stadt
+durch eine gleich hohe Mauer getrennt. Diese hat breitere und vollkommen
+gerade Strassen und nur einstöckige Wohnungen, während in der Kasbah die
+Strassen zwar auch gerade, aber eng sind, was noch um so mehr hervortritt,
+weil die Häuser der Kasbah meist mehrere Stock haben. Der Marktplatz des
+Ortes hat Säulengänge, ähnlich wie in L'Araisch.
+
+Die Zahl der Bevölkerung dürfte 10-12000 Seelen incl. der Juden und
+Christen betragen. Dass Mogador, obschon am entferntesten von Europa
+gelegen, bislang von allen marokkanischen Häfen den bedeutendsten Handel
+hatte, verdankt es nicht allein den Anstrengungen der marokkanischen
+Regierung, sondern zum Theil seinem reichen Hinterlande; dann auch weil
+Agadir den Europäern verschlossen worden ist, und somit alle Producte der
+Landschaften südlich vom Atlas, ja von einem Theile des Sudan her, hier
+zusammenströmen. Indess dürfte Tanger, was Werth und Menge der Aus- und
+Einfuhr anbetrifft, wohl bald Mogador überflügeln. Importirt werden hier
+besonders Baumwollenstoffe und Thee aus England, Zucker aus Belgien und
+Frankreich, Tuche, Wachszündhölzchen und Stearinlichte aus Frankreich
+(letztere, sowie auch Salonzündhölzchen, ebenfalls aus Wien), Bretter aus
+Oesterreich, Stahlwaaren und Waffen aus England und Deutschland, endlich
+eine Menge kleinerer Sachen aus Deutschland, welche aber nur durch
+Zwischenhandel dahin gelangen. Exportirt wird Getreide, hauptsächlich
+Weizen, Gerste und Mais, trockne Hülsenfrüchte, besonders Saubohnen,
+Thierfelle, Schafwolle, und an Früchten Mandeln, Datteln, Oliven; aus dem
+Sudan werden Federn und Elfenbein gebracht, Gummi kommt heute in Mogador
+wohl kaum mehr zum Export. Ebenso hat die Sclavenausfuhr von hier, die in
+den dreissiger Jahren auch von deutschen Schiffen unter dem Namen von
+"Ebenholzhandel" stark betrieben wurde, ganz aufgehört.
+
+Mogador hat wirkliche Consuln aller Mächte, mit Ausnahme des Deutschen
+Reiches.
+
+Ich hatte mir in einem Funduk ein leidliches Zimmer zu verschaffen gewusst
+und blieb einige Tage in der Stadt, um meine Gesundheit wieder etwas
+herzustellen. Der englische Consul versorgte mich mit Chinin.
+
+Und dann sagte ich mit Mogador dem letzten Hauche der Civilisation
+Lebewohl; ich wusste, weiter nach dem Süden zu sei kein Christ mehr
+anzutreffen, ich wusste sogar, dass weiter nach dem Süden zu mir die
+arabische Sprache mit Ausnahme in den Städten, nichts mehr nützen
+würde.--Sobald man die Stadt verlässt, befindet man sich in grossen
+Sandpartien neueren Ursprunges, in Dünen, welche in jüngster Zeit aus
+dem Meere ausgeworfen sein müssen. Ich wanderte zum südlichen Thore
+hinaus, ganz ohne Begleitung. Einige, besonders Juden und Christen,
+hatten mir den Weg bis Agadir sehr gefahrvoll vorgestellt; andere,
+Mohammedaner, meinten, ich habe nichts zu fürchten. Nachdem man eine
+halbe Stunde von der Stadt entfernt die Kubba Sidi-Mogdal's passirt hat,
+des Heiligen, welcher der Stadt den Namen gegeben hat, und der besonders
+bei der weiblichen Bevölkerung in grosser Verehrung steht, erreicht man
+zwei halb vom Sande verschlungene Schlösser des Sultans.
+
+Der Weg, der sich Anfangs gen Süden längs des Meeres hinzieht, wendet sich
+bald darauf nach Osten und die Dünen erreichen ihr Ende. Statt dessen kommt
+man in einen dichten 10-12' hohen Binsenwald. Die Bewohner flechten Matten
+und Körbe aus diesen Binsen, die jedoch bei Weitem nicht so dauerhaft sind,
+wie jene aus den Blättern der Zwergpalme oder aus Halfa. Dieser Binsenwald
+ist 3 Stunden breit, dann erreichte ich Mittags eine gut ummauerte Quelle
+mit herrlichem Trinkwasser.
+
+Von hier an nahm nun die Gegend einen ganz anderen Charakter an; wilde
+Oliven, immergrüne Eichen, Lentisken- und Lotusgebüsche wurden immer
+seltener, dagegen trat aber ein Baum, der Argan, welcher in den
+Landschaften von Dukala, Abda, Schiadma nur vereinzelt auftritt, hier
+derart seine Herrschaft an, dass man wohl annehmen muss, diese Landschaft
+Haha, welche die westlichsten Ausläufer des Atlas in sich begreift, sei die
+eigentliche Heimath dieses nützlichen Baumes. Eigenthümlich genug, findet
+sich dieser Argenbaum nur in diesen Gegenden, sonst _nirgendwo_ auf
+der Erde. Der Elaeodendron Argan hat in der Regel die Grösse unserer
+Obstbäume, mit dem Oelbaume hat er aber, obschon andere Reisende ihn damit
+verglichen haben, keine Aehnlichkeit. Das helle saftgrüne Blatt gleicht
+vielmehr den Myrtenblättern. Die Frucht selbst, von der Grösse einer Olive,
+sieht, wenn vollkommen reif, hochgelblich aus und hat einen widerlich
+süssen Geschmack, für Menschen ist sie vollkommen ungeniessbar. Aber desto
+mehr wird sie von den auf den Bergabhängen weidenden Ziegen und Schafen
+aufgesucht. Und da der Baum das ganze Jahr hindurch nach und nach Früchte
+zeitigt, so hat man hier die fettesten und schönsten Heerden. Der braune
+faltenreiche Stein der Frucht, länglich von Gestalt und so gross wie ein
+Aprikosenkern, schliesst einen weissen Kern ein, der äusserst bitter
+schmeckt, aber ein sehr gutes Oel liefert, das in diesen Gegenden allgemein
+von den Eingeborenen zur Speisebereitung benutzt wird. Auch in Mogador wird
+das Oel von den Eingeborenen benutzt, von den Europäern aber nicht. Ich
+selbst habe es natürlich immer essen müssen, und fand, hat man sich erst
+etwas an den eigenthümlich angebrannten oder räucherigen Geschmack gewöhnt,
+das Oel vollkommen geniessbar. Der Arganbaum erreicht bisweilen die Höhe
+und den Umfang, dass seine Stämme als Nutzholz verwerthet werden können.
+Für die Zukunft, d.h. wenn Marokko in den Kreis der Civilisation wird
+gezogen worden sein, dem es sich auf die Dauer ebenso wenig wie ein anderes
+Land wird entziehen können--wird dieser Baum der Landschaft Haha eine
+grosse Rolle spielen. Leider denken jetzt die Eingeborenen so wenig daran,
+materiell ihre Lage zu verbessern, dass sie es verschmähen, die Früchte des
+Arganbaumes, von dem es ausgedehnte und dichte Waldungen giebt, zu sammeln
+und zu Markte zu bringen, sondern es vorziehen, sie meist auf dem Boden
+verfaulen zu lassen.
+
+Ich übernachtete in einer Sauya, wo nur der Thaleb Arabisch verstand, alle
+übrigen, Berber ihrer Nationalität nach, sprechen und verstanden nur
+Schellah. Es war hier das letzte Dorf, wenn man einige Hütten und Zelte,
+die sich um die Sauya herum gruppirt hatten, so nennen will. Denn wenn die
+Gegend schon dadurch einen eigenthümlichen Reiz bekömmt, dass der im
+herrlichsten Grün prangende Arganbaum so vorwiegend sein Reich hier inne
+hat, so wird man andererseits, je weiter man in Haha nach dem Süden zu
+vordringt, durch die eigenthümliche Bauart, durch das merkwürdige Wohnen
+der Eingebornen berührt. Im Norden vom Atlas, im eigentlichen Marokko
+(Rharb el Djoani) wohnen alle Eingeborenen, einerlei ob Berber oder Araber,
+entweder in Häusern aus Stein zu Städten und Dörfern _vereint_, oder
+in Zelten zu Zeltdörfern _vereint. Einzelne_ Wohnungen,
+_einzelne_ Zelte findet man fast nie. Hier ist nun Alles anders. Man
+glaubt sich plötzlich ins Mittelalter zurückversetzt, die kleinen Berge und
+fast jeden Hügel sieht man von einer grossen kastellartigen Burg gekrönt.
+Sei es nun, dass es von jeher diesen Berbern gefallen hat so zu wohnen, sei
+es, dass die grosse Unsicherheit der Gegend, die steten Feindseligkeiten
+der einzelnen Stämme und Familien, ein solches _befestigtes_
+Wehrsystem nothwendig machte, gewiss ist es einzig in seiner Art. Denn die
+Städte, Dörfer, Zeltdörfer oder _unbefestigte einzelne_ Wohnungen
+fehlen ganz und gar. Vier, fünf oder noch mehr Familien bewohnen solche
+kastellartige Schlösser, welche meist viereckig von Form eine Höhe von 20
+bis 30 Fuss haben. Fast alle haben an zwei Ecken hohe flankirende Thürme,
+und fast alle haben oben auf der Umfassungsmauer Zacken. Sie sind aus
+soliden Steinen mit Mörtel aufgeführt, haben einen schmalen Graben,
+besitzen nur Ein Thor, welches in der Regel durch eine Zugbrücke von dem
+umgebenden Terrain erreicht wird.
+
+Im Innern dient der ganze untere Raum, sowie der grosse Hof fürs Vieh, die
+Menschen haben in der zweiten Etage, die einen gewölbten Boden hat, ihre
+Stätte, zu der man mittelst einer Leiter, die man im Nothfalle nach sich
+ziehen kann, hinaufkömmt; jede Familie hat nur ein Zimmer.
+
+Da die hier vom grossen Atlas entspringenden Flüsschen alle nur im Winter
+Wasser fortschwemmen, so haben die Eingeborenen für Cisternen gesorgt, die
+man manchmal am Wege, manchmal an irgend einer Oertlichkeit, die den
+Erbauern günstig schien, eingerichtet findet. Diese Cisternen sind ganz in
+der Art und Weise gebaut, wie die der Römer. Es sind 15 bis 20 Fuss lange,
+5 bis 10 Fuss breite, 20 Fuss tiefe und aus behauenen Steinen ausgemauerte
+Gruben, die oben _überwölbt_ sind. Durch ein kreisrundes Loch wird
+mittelst eines Eimers das Wasser heraufgeholt, welches selbst, aus
+Regengüssen oder aus einem Rinnsale gesammelt, mittelst eines anderen
+Loches hineinfliesst. Cisternen mit mehreren Abtheilungen sind mir nicht zu
+Gesichte gekommen, indess mögen sie auch vielleicht existiren. Einzelne
+dieser Wasserbehälter, und dieses sind die schlechteren, scheinen aus
+verhältnissmässig neuer Zeit herzustammen, die Mehrzahl aber trägt ein sehr
+altes Gepräge an sich.
+
+Am zweiten Tage hielt ich der grossen Strasse (d.h. man muss dabei an
+marokkanische Strassen denken) folgend durchaus südliche Richtung, es ging
+bergauf bergab, denn ich hatte alle die unzähligen, oft breiteren, oft
+schmäleren westlichen Abhänge des Atlas zu übersteigen. Dabei war man
+fortwährend im herrlichsten Arganwald, und hin und wieder tauchten
+Schlösser und Burgen, oder auch nur die hohen Wartthürme derselben vor
+meinen erstaunten Augen auf. Mittags desselben Tages hatte ich noch
+Gelegenheit, in einem solchen Schlosse einer Hochzeit beizuwohnen. Schon
+von Weitem hörte ich durch den Wald die Musik, vorzüglich das Trommeln und
+das Ui-Ui-Ui der alten Weiber. Ich ging dem Lärm nach, und kaum hatte mich
+die lustige Gesellschaft erblickt, als ich mit "Willkommen, Willkommen"
+begrüsst wurde. Die Berber halten es für ein gutes Zeichen, wenn wirkliche
+Fremde von weither zu einer Hochzeit sich einstellen. Man war am zweiten
+Tage; die Braut, das Kind einer fremden Burg, war noch nicht geholt; es
+geschieht das erst am dritten Tage. Dagegen amusirten sich die
+beiderseitigen Anverwandten auf Kosten des Vaters des Bräutigams ungeheure
+Quantitäten von Nahrung zu vertilgen, dabei wurde getanzt (von Sclavinnen,
+mit denen sich die Berber nicht nach Art der Araber vermischen), musicirt
+und allerlei Allotria getrieben. Der Bräutigam selbst, ein junger hübscher
+Mann von etwa 25 Jahren vom Stamme der Ait-Ischar, sass in einem neuen
+Gewande, schweigend auf einer Erhöhung. Mit Ausnahme einiger Redensarten
+verstand Niemand Arabisch, selbst ihr Schriftgelehrter sprach die
+Religions- und Schriftsprache nur sehr mangelhaft. Es war daher sehr schwer
+für mich, mich mit ihnen näher einzulassen. Sie hatten übrigens bald genug
+herausgebracht, dass ich grossen Hunger hatte, und ein reichliches Mahl von
+Kuskussu, von Brod, Butter und Honig half dem ab. Aber wahrscheinlich hatte
+ich der Mahlzeit auf zu berberische oder arabische Weise gehuldigt, d.h.
+meinen Magen überladen (ich hatte seit dem Abend vorher nichts genossen);
+denn kaum hatte ich meine Wanderung südwärts wieder angetreten, als ich vom
+heftigsten Fieber abermals überfallen wurde.
+
+Nur mit Mühe ging es vorwärts, aber da ich mitten im Walde war, musste ich
+Abends ein Unterkommen zu erreichen suchen. Gerade als die Sonne untergehen
+wollte, entdeckte ich ein stattliches Schloss, wanderte den Hügel hinauf,
+und obschon die Leute kein Wort von dem verstanden, was ich wollte, merkten
+sie doch, ich wünsche nur ein Unterkommen, und das gaben sie mir.
+
+Am anderen Morgen befand ich mich bedeutend besser, ich hatte eine grosse
+Gabe Chinin genommen, und das Fieber war endlich gewichen. Der Weg hielt
+dieselbe Richtung, die Berge wurden nun immer wilder und höher, aber die
+Gegend gleich gut bevölkert und reich mit hellgrünen Arganbäumen bewaldet.
+Das leere Bett des Ued-Tamer wurde durchstiegen, der stärkste und längste
+Gebirgsausläufer des Atlas, der Dj. Ait-Uakal (Cap Gher) erreicht, und
+sobald ich den Kamm dieses Höhenzuges überschritten hatte, wandte sich der
+Weg nach Westen und bald darauf hatte ich das Meer erreicht. Es war
+Nachmittags, als ich es endlich zu Wege gebracht hatte, die steile Küste
+hinabzuklimmen, mit grösstem Staunen aber bemerkte ich, wie gleich darauf
+ebenfalls eine Karavane, aus beladenen Eseln und Maulthieren bestehend,
+diesen Weg herabklomm. Hatte ich gewollt, so würde ich wohl noch am selben
+Tage Agadir erreicht haben, aber meine Schwäche nöthigte mich Zuflucht in
+einer dicht am Meere gelegenen Burg zu suchen.
+
+Am anderen Morgen längst des Meeres weiter gehend, erreichte ich gegen 10
+Uhr Fonti, das Dorf, welches am Fusse des Berges gelegen ist, auf dem sich
+Agadir oder Santa-Cruz befindet. Das Dorf Fonti hat seinen Namen von einer
+Quelle, die sich auf dem Berge von Agadir etwas unterhalb der Stadt
+befindet, die Portugiesen nannten die Quelle Fonte, woraus die Eingebornen
+Fonti machten und dies Wort auch auf das Dorf am Strande ausdehnten. Ich
+war anfangs der Meinung diese Oertlichkeit sei die Stadt Agadir, da wegen
+des starken Nebels, welcher die ganze obere Partie des Berges einhüllte,
+nichts von Gebäuden zu erblicken war.
+
+Fonti selbst ist nur ein ärmliches Nest aus kleinen Hütten, ist aber
+dennoch auf gewisse Art befestigt. Nach der Landseite zu wird es durch den
+Berg von Agadir und zwei Mauern, die sich längs des Berges hinaufziehen,
+geschützt, nach der Seeseite war der Ort offen, weil er der Aermlichkeit
+selbst wegen keinen Angriff zu fürchten hatte. Nach dem Kriege mit Spanien
+scheint aber Sultan Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman anderer Meinung
+geworden zu sein.
+
+Irren wir nicht, so existirte ein geheimer Vertrag in den Friedensartikeln,
+wonach die Marokkaner diesen Ort, d.h. Agadir, den Spaniern abtreten
+sollten, oder jedenfalls war die Rede davon, dass die europäischen Mächte
+wieder das Recht haben sollten hier Consuln zu installiren. Aber nach Sitte
+der Marokkaner dachte man nicht daran sein Wort zu halten. Aufs Eifrigste
+war man deshalb beschäftigt den Ort Fonti durch massiv steinerne Batterien
+auf europäische Weise zu befestigen, und leider waren es spanische
+Renegaten, die sich zu diesen Arbeiten hergaben. Auch bei der
+_Quelle_, Fonti wurden neue Batterien errichtet.
+
+Ob nun aber diese Befestigung dennoch hinlänglich sein wird, auch nur ein
+einziges Kanonenboot vom Bombardement und von der Zerstörung der Werke
+abzuhalten, möchte ich bezweifeln. Sonst hat der untere Ort, dessen
+Einwohner ausschliesslich vom Fischfange leben, noch Bedeutung als
+Zollstation, alle Waaren, die aus dem Sus, dem Nun und südlich davon
+gelegenen Districte kommen, müssen hier ihren Eingangszoll zahlen, so dass
+bei Agadir die eigentliche politische Grenze des Kaiserreiches ist. Sobald
+die Sonne die Nebel zertheilte, zeigte sich hoch oben auf dem Berge Agadir,
+und ich machte mich auf, den steilen Berg zu erklimmen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+14. Reise südlich vom Atlas nach der Oase Draa
+
+ * * * * *
+
+Die eigentliche Stadt liegt auf einem nach allen Seiten fast gleich
+abschüssigen Berge, der eine Höhe von 800 Fuss[136] über dem Meere haben
+mag. Sie bildet ein längliches Viereck, dessen schmale Seite dem Meere
+zugewandt ist. Die hohen krenelirten Mauern sowie die Bastionen, die jene
+unregelmässig flankiren, sind, obgleich in gutem Zustande was das Aeussere
+anbetrifft, doch aus schlechtem Material aufgeführt, so dass sie die Stadt
+fast ohne Widerstand gegen einen Angriff der Europäer lassen würden. Ebenso
+sind die wenigen Kanonen, die sich in den Batterien befinden, ihres Alters
+wegen fast unbrauchbar.
+
+ [Fußnote 136: Nach Arlett 198 Meter.]
+
+Die Stadt Agadir wurde um 1500 von einem portugiesischen Edelmann[137]
+gegründet. Man nannte die Stadt Santa-Cruz, während die Berber den Ort
+Tigimi-Rumi, die Araber ihn Dar-Rumia nannten. Einige Zeit später erwarb
+der König von Portugal die Veste, und liess den Namen Santa-Cruz bestehen.
+Zur Zeit Leo's war der Ort noch im Besitze von Portugal, Leo nannte den Ort
+Gargessem. Im Jahre 1536 wurde die Festung vom Scherif Mulei Ahmed erobert,
+und blieb seitdem immer im Besitze der Marokkaner. Schon 1572 liess Mulei
+Abdallah eine Batterie bei den Quellen "Fonti" errichten.
+
+ [Fußnote 137: Siehe Renou p. 36.]
+
+Der Name Agadir, der offenbar gleich nach Eroberung der Stadt durch die
+Marokkaner gang und gäbe wurde, bedeutet in der Tamasirht-Sprache
+"Umfassungsmauer," auch "Festung". Renou p. 38 fügt noch hinzu: "Da Agadir
+ein generischer Name ist, sollte man noch einen zweiten, um denselben zu
+vervollständigen, erwarten. In der That nennt sich die Stadt, die uns
+angeht, Agadir-n-Ir'ir, die Festung des Ellenbogen, d.h. des Vorgebirges"
+etc. etc.
+
+Was das Innere der Stadt anbetrifft, so sind alle Häuser, ausgenommen das
+der Regierung, welches der Kaid bewohnt, sowie die Djemma, die sich in
+gutem Zustande befindet, halb oder ganz verfallen. Ich glaube die
+Einwohnerzahl schon zu gross anzugeben, wenn ich sie auf 1000 Seelen
+schätze[138]. Gråberg di Hemsö glaubt kaum 600 Einwohner annehmen zu
+dürfen. In neuerer Zeit hat sich der Ort aber etwas gehoben, so dass jetzt
+vielleicht gegen 1000 Menschen in Agadir und Fonti leben mögen.
+
+ [Fußnote 138: Davidson sagt, Agadir habe bloss 47 Muselmanen und 62
+ Juden.]
+
+Der zweimalige Markt, der in der Woche ausserhalb vor dem einzigen Thore
+der Stadt abgehalten wird, führt derselben einigen Handel zu, und es sind
+hauptsächlich die Juden, die für die kleinen Bedürfnisse der Stadt sowohl
+als auch des umliegenden Landes Sorge tragen.
+
+Die Stadt liegt auf der südwestlichsten Seite des Atlas, und während nach
+Osten und Norden hin das Auge Nichts wahrnimmt, als sich übereinander
+häufende Berge, verliert sich nach dem Süden zu die Aussicht in die
+unendliche Ebene, die den Ued-Sus vom Ued-Nun trennt. Der Ued-Sus selbst
+ergiesst sich eine halbe Stunde südlich von der Stadt in die Meeresbucht.
+Diese ist die vortrefflichste von ganz Marokko. Gråberg di Hemsö sagt: "Der
+Hafen von Agadir ist der schönste der ganzen Küste, und der werthvollste
+für den Handel mit Innerafrika, namentlich wenn er in Händen einer
+europäischen Macht sich befände, die denselben sehr leicht erwerben und
+davon immer mehr Vortheile würde ziehen können." So sehr wir mit Hemsö, was
+die Geräumigkeit der Bucht anbetrifft, übereinstimmen, so sehr möchten wir
+bezweifeln, dass es heute leicht sein würde den Hafen käuflich von Marokko
+zu erwerben, obschon auch wir überzeugt sind, dass für den Handel kein
+Hafen erbiebiger [ergiebiger] sein würde als Agadir.
+
+Gleich beim Eintritt in die Stadt wurde ich überrascht, indem ich über dem
+Thore neben einer arabischen Inschrift eine mit lateinischen Buchstaben
+geschriebene bemerkte; ich war so glücklich sie später unbemerkt copiren zu
+können. Sie lautet:
+
+ VREEST . GOD . ENDE
+ EERT DEN KONING
+ 1746.
+
+Man darf wohl annehmen, dass diese Inschrift von einem Renegaten, der
+wahrscheinlich Maurer oder Steinhauer von Profession war, verfertigt wurde.
+
+In Agadir angekommen, begab ich mich zuerst nach einem Kaffeehause, um dort
+nach dem Funduk Erkundigungen einzuziehen; zu meinem Erstaunen erfuhr ich,
+dass ein solches nicht vorhanden sei, und auch dies deutet genugsam die
+Unbedeutendheit des Ortes an. Der Abkömmling eines Spaniers hatte indess
+die Liebenswürdigkeit, mir seine Tischlerwerkstätte als Wohnung anzubieten,
+was ich dankbarlichst annahm. Ausserdem was Kleidung, Gebräuche und Sitten
+anbetrifft ganz Marokkaner geworden, war er der gastfreundlichste Mann, und
+schickte täglich aus seiner Wohnung einige Speisen. Aber ich hatte nicht
+nöthig in dieser Beziehung dem guten Manne zur Last zu fallen, denn der
+Kaid der Stadt sandte mir täglich zu essen oder ich speiste in seiner
+Wohnung.
+
+Derselbe hatte nämlich kaum meine Ankunft in Erfahrung gebracht, als er
+mich rufen liess. Ich glaubte schon, es gälte ein Examen zu bestehen: wer
+ich sei, wes Landes, wohin ich wolle, was ich treibe u. dgl. m.
+
+Aber davon war keine Rede. Der arme Mann war stark erkrankt, und da sollte
+Rath geschafft werden. Glücklich für mich konnte ich Linderung bringen, und
+von dem Augenblicke an war ich in Agadir ein gern gesehener Gast.
+
+Meine eignen Fieberanfälle stellten sich aber wieder ein, wohl
+hervorgerufen durch die starken Nebel, die um diese Jahreszeit täglich dort
+herrschten. Es ist auffallend, wie kalt die Luft in Agadir war, selten
+durchdrang die Sonne den Nebel vor Mittag und die Leute versicherten, dass
+selbst im hohen Sommer diese starken Nebel selten vor Mittag zerstreut
+würden.
+
+Ich blieb sieben Tage in Agadir und konnte mich hinlänglich erholen. Vom
+Verlassen des Ortes, um spazieren zu gehen, konnte nicht die Rede sein, da
+die ganze Gegend äusserst unsicher ist. Unsicherer wird sie noch dadurch,
+dass Schmuggler in den Gebirgsabhängen oberhalb von Agadir ihr Wesen
+treiben. Der Ort Fonti am Meere ist nämlich, wie gesagt, das eigentliche
+Eingangsthor für die directen Karavanen vom Sudan, wenigstens für die,
+welche den Weg über Nun eingeschlagen haben.
+
+Ich schloss mich sodann einer durchpassirenden Karavane an, um mit ihr nach
+Tarudant zu gelangen. Denn wenn man auch von hier noch nicht Wassermangel
+zu befürchten hat, so herrscht das Faustrecht dennoch so sehr, dass es
+gerathen schien in Gesellschaft zu reisen. Gerade am selben Tage hatte ich
+in Fonti noch Gelegenheit mich zu überzeugen, wie wenig fremdes Eigenthum
+respectirt wird: zwei Fremde kamen vollkommen ausgeplündert, sogar ihrer
+sämmtlichen Kleider beraubt in die Stadt geflüchtet. Gewiss ist hier nur
+die reine Raubsucht der Berber der Beweggrund zu solchen Handlungen,
+keineswegs aber Mangel. Man könnte den Rlnema am Ued-Ssaura entschuldigen,
+wenn er ein Räuber ist, weil er in einer der ärmsten Gegenden der Welt
+lebt, aber das Land am Sus ist eins der reichsten in ganz Marokko.
+
+Wir brachen Nachmittags von Fonti auf, und machten Abends nach
+Sonnenuntergang Halt in einem Dorfe; Duar, d.h. Zeltdörfer, findet man in
+diesem Theile südlich vom Atlas nicht, die ganze Bevölkerung ist sesshaft.
+Und gleich hier am ersten Tage unserer Reise sollten wir einen recht
+greiflichen Beweis der Räubereien dieser Völker haben: es wurde uns Nachts
+ein Kameel gestohlen. Wenn man nun bedenkt, dass die Kameele Nachts mit
+fest zusammengebundenen Vorderbeinen im Kreise lagen, so kann man sich
+einen Begriff von der Schlauheit und Kühnheit der Diebe machen. Ich sah das
+Thier forttreiben im schnellsten Galopp, wir machten uns gleich auf, man
+schoss, aber Alles war bei der Dunkelheit der Nacht vergebens. Als am
+anderen Morgen die Eigenthümer der Karavane beim Schich der Oertlichkeit
+klagten, der würdige Mann hiess el-Hadj-el-Arbi, versprach er Alles zu thun
+die Diebe ausfindig zu machen, aber weitere Erfolge wurden nicht erzielt.
+Zum Glück für die Besitzer des verlorenen Kameels waren die anderen Thiere
+stark genug, um die Ladung des verlorenen, die aus 4 Centner Zucker
+bestand, aufnehmen zu können. Mit dem Kameele waren aber 90 Metkal = 170
+Fres. verloren.
+
+Ich wurde nun zum ersten Male recht in das Karavanenleben eingeweiht, das
+einfache Frühstück aus Sesometa (geröstete Gerste, die grob gemahlen in
+Schläuchen mitgeführt wird, man geniesst sie, indem man Salz, Arganöl oder
+Olivenöl zusetzt, ganz arme Leute setzen bloss Wasser zu), das Treiben der
+Kameele, Abends das Brodbacken, oder erreicht man ein gastliches Dorf,
+Bewirthung durch die Bewohnerschaft--das ist der gewöhnliche Gang der
+Sus-Karavanen.
+
+Der Weg, der sich fortwährend in östlicher Richtung hinzieht, und meist dem
+Flusse parallel ist, gehört zu einem der schönsten, was die Reichhaltigkeit
+der Natur anbetrifft, den man sich nur denken kann. Als Lempriere diese
+herrliche Natur durchzog, er giebt die Distanz von Santa-Cruz (Agadir) nach
+Tarudant auf 44 engl. Meilen an, muss er sehr übler Laune gewesen sein. Er
+sagt davon weiter nichts: ich hatte einen schönen, aber langweiligen Weg,
+da wir nichts als Haiden und Waldungen zu durchwandern hatten. Und doch
+kann man diese herrlichen Ebenen nur mit der lombardisch-venetianischen des
+Po vergleichen. Freilich fehlt der mächtige Strom, aber wie entzückend
+schlängelt sich der stets Wasser führende Sus durch die Oliven und
+Orangengärten hin. Und im Norden der stolze Atlas, zeigt er auch nicht so
+hohe schneegipflige Spitzen, wie der Montblanc und andere Riesenberge der
+Schweiz und Tirols, so hatten die Alten doch keineswegs ganz Unrecht das
+kolossale Atlasgebirge als Träger des Himmels zu bezeichnen. Das Thal des
+Flusses ist ein wahrer Garten, ein Dorf, ein Haus neben dem anderen, Oel-,
+Feigen-, Stachelfeigen-, Granaten-, Pfirsich-, Mandel-, Aprikosen-,
+Orangenbäume und Weinreben bilden ein liebliches Durcheinander.
+
+Aber so entzückend die Gegend ist, so unheimlich fallt es auf, dass alle
+Welt nur bis an die Zähne bewaffnet ausgeht. Jeder Mann hat seine lange
+Flinte auf dem Rücken, sehr häufig sieht man hier auch schon Doppelflinten,
+welche vom Senegal hierher dringen: ausserdem hat Jeder seinen krummen
+Dolch mit meist aus Silber gearbeiteter Scheide.
+
+Ich hatte eigentlich die Absicht nach dem Nun-District vorzudringen, aber
+die fortwährenden Fieberanfälle, dann das Verlangen wieder unter
+civilisirte Menschen zu kommen, endlich die Schilderung, die man in Agadir
+von einem gewissen Scherif Sidi-el-Hussein, der in der Sauya
+Sidi-Hammed-ben-Mussa residiren sollte und über dessen Gebiet ich kommen
+müsse, liessen mich davon abstehen. Man erzählte in Agadir die
+scheusslichsten Grausamkeiten von diesem Menschen, der sogar seinen
+eignen Bruder und Sohn hatte köpfen und vor Kurzem noch zwei spanische
+Renegaten hinrichten lassen. Das hinderte natürlich nicht, dass er im
+Rufe der grössten Heiligkeit steht, und gerade um die Zeit, als ich in
+Agadir mich befand, war die Hauptperiode der Wallfahrt nach seiner
+Sauya, man nennt diese Wallfahrtszeit "Mogor". Tausende von Leuten aus
+der ganzen Umgegend zogen nach der Sauya-Sidi-Hammed-ben-Mussa, um dem
+Abkömmling Mohammed's ihre Ersparnisse zu überbringen, wofür sie sodann
+den Segen und Ablass für ihre Sünden bekommen.
+
+Ich vermuthe, dass Sidi-Hammed-ben-Mussa der auf der Petermann'schen Karte
+angegebene Ort Wesan ist oder, wie wir Deutschen ihn schreiben würden,
+Uesan. Denn häufig pflegten die Pilger zu sagen, sie zögen nach Uesan, und
+als ich dann meinte, da hätten sie doch einen weiten Weg, denn Uesan läge
+weiter entfernt und jenseits Fes', erwiederten sie, nicht nach Uesan Mulei
+Thaib's, sondern nach Uesan Sidi-Mohammed-ben-Mussa's wollten sie pilgern.
+Gatell, der nach mir bis zum Nun vordrang, erwähnt dieses Ortes nicht.
+
+Wir hätten sicher am zweiten Tage die Stadt Tarudant erreichen können, da
+wir aber mit Nachforschungen nach dem gestohlenen Kameel viel Zeit
+verbrachten und erst Mittags aufbrachen, übernachteten wir noch ein Mal.
+Und an dem Tage wäre ich selbst fast ausgeplündert oder gar ermordet
+worden. Ich hatte mich etwas von der Karavane entfernt, als auf einmal zwei
+bewaffnete Männer mich anhielten, und während der eine fragte, was es Neues
+in Agadir gäbe, spannte der andere den Hahn seines Gewehres; sie hatten
+unstreitig die Absicht mich auszuplündern, als glücklicherweise zwei Leute
+der Karavane, auch bewaffnet und die ebenfalls zurückgeblieben waren, zu
+mir stiessen und mich so der Gefahr meiner Kleidungsstücke beraubt zu
+werden, überhoben. Zugleich bekam ich einen derben Verweis von ihnen, und
+sie verboten mir, mich wieder von der Karavane zu entfernen, da der Kaid
+von Agadir die Karavane verantwortlich gemacht für meine glückliche
+Ueberkunft nach Tarudant.
+
+Das Gebirge wird immer höher, je weiter man nach Osten vordringt, obgleich
+man fortwährend in der Ebene bleibt. Unendlich viele leere Flussbetten, die
+nur im Frühjahr Wasser schwemmen, ziehen sich vom Atlas in den Sus hinein,
+aber nur ein einziger (auf der Petermann'schen Karte richtig eingetragen)
+einige Stunden westlich von Tarudant hat das ganze Jahr hindurch Wasser.
+Dieser Fluss ist wahrscheinlich der von Gatell erwähnte Ued-Eluar. Zu der
+Zeit, als ich ihn durchwatete, konnte ich seinen Namen nicht erfragen.
+
+Abends machten wir Halt bei einem Hause, das zufälligerweise von Arabern
+bewohnt (die ganze Sus-Gegend hat durchaus Berberbevölkerung) war, die
+wenig oder gar nicht Schellah verstanden. Welch ein Unterschied im
+Empfange! Während uns am Abend vorher, als wir in einem grossen Dorfe
+übernachteten, Niemand etwas zu essen brachte, sondern wir gezwungen waren,
+uns selbst zu beköstigen, versorgte hier der Hausherr die ganze Karavane
+mit Speise auf die freigebigste Art. Und hier hatten wir wieder einen
+Beweis, dass Araber gastfreundlicher als Berber sind.
+
+Am folgenden Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang wieder unterwegs, wir
+hatten heute nur einen halben Marsch zu machen, da wir Mittags in Tarudant
+eintreffen mussten. Rechts auf der linken Flussseite tauchte jetzt auch
+eine Bergkette auf, die, von Nordosten kommend, sich nach Südwesten
+hinzieht. Je näher wir der Stadt kamen, desto angebauter fanden wir die
+Gegend, obgleich vom ganzen Lande, wie überall, kaum der zwölfte Theil des
+Bodens nutzbar gemacht wird. Kurz vor Mittag fragten mich meine Gefährten,
+ob ich die Stadt nicht sähe; auf meine Verneinung zeigte man mir einen
+nahen Palmwald, hinzufügend: das sei die Stadt, aber die Gebäude könne man
+wegen der hohen Palmen und buschigen Olivenbäume nicht sehen. So war es
+auch in der That, fortwährend in einem Oelbaumwald fortmarschirend,
+befanden wir uns plötzlich vor den Thoren, ohne vorher das Geringste von
+den Gebäuden der Stadt wahrgenommen zu haben. Es war gerade Mittag, als wir
+das Stadtthor durchzogen; ich trennte mich hier von den freundlichen Leuten
+der Karavane, um ein Unterkommen zu suchen, und war auch so glücklich in
+einem Funduk ein Zimmerchen zu finden. Die Thür dieser Zelle war aber so
+niedrig, dass ein grosser Jagdhund kaum ohne zu schlüpfen, würde Eingang
+gefunden haben, und wenn ich auch der Länge nach mich ausstrecken konnte,
+so betrug die Breite doch kaum mehr als halbe Körperlänge. Statt der Möbeln
+bestand der Fussboden aus gut gestampftem Lehm.
+
+Tarudant, zwei kleine Tagemärsche vom Ocean, fast am Fusse des südlichen
+Atlasabhanges[139], dessen südliche Vorberge bis fast zur Stadt stossen,
+liegt auf dem rechten Ufer des Sus, ca. eine Stunde vom Flusse selbst
+entfernt. Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so vergleicht Renou dieselbe
+mit der von Tanger oder Lxor, Hemsö giebt dieselbe auf ca. 22,000 Seelen
+an, Lempriere, der selbst längere Zeit in Tarudant lebte, spricht sich
+nicht darüber ans. Die Stadt könnte indess wohl 30-40,000 Einwohner haben.
+Nach Renou erlangte die Stadt erst Wichtigkeit im Jahre 1516, zu welcher
+Zeit Schürfa sie neu aufbauten und beträchtlich vergrösserten. Aber auch
+hier machte ich wieder die Erfahrung, wie wenig man sich auf die Aussagen
+der Eingebornen verlassen kann. Man hatte mir Tarudant geschildert als eine
+Stadt, die man nur mit Fes oder Marokko vergleichen könne, sowohl was
+Grösse, als auch was die Einwohnerzahl anbeträfe. Ich fand den Umfang der
+Stadt nun allerdings gross, grösser als den von Fes, reichlich so gross wie
+den von Marokko, jedoch ist fast Alles, was innerhalb der Stadtmauer sich
+befindet, Garten. Diese Stadtmauer, in sehr verfallenem Zustande, hat
+durchschnittlich eine Höhe von 20 Fuss und an der Basis 4 oder 6 Fuss, ihre
+Breite ist oben da, wo sie noch die ursprüngliche Höhe bewahrt hat, 2 Fuss.
+Sie bildet eine unregelmässige Linie, ohne Plan und Kunst angelegt. Alle 50
+Schritte werden die Zickzacke von Thürmen flankirt, die jedoch nicht höher
+als die Mauer selbst sind. Was das Material anbetrifft, aus dem sie sowie
+alle Häuser erbaut sind, so besteht dasselbe aus mit Häckerling gemischtem
+und zwischen zwei Brettern gegossenem Lehm, kann also europäischen
+Geschützen, keinen Widerstand leisten; auch Gräben sind nicht einmal
+vorhanden.
+
+ [Fußnote 139: Leo, Marmol und Lempriere drücken die Entfernung der
+ Stadt vom Atlas in Zahlen aus, ohne bedacht zu haben, dass der Fuss
+ des Gebirges bei Tarudant nicht steil, sondern allmälig sich
+ absenkt, man also auch sagen könnte, Tarudant liege unmittelbar am
+ Fusse des Gebirges.]
+
+Die Stadt ist ein einziger grosser Garten, nur nach dem Centrum drängen
+sich die Häuser, welche meist nur aus einem Erdgeschoss bestehen, mehr
+zusammen, und hier befinden sich auch die Buden und Gewölbe, wo man
+arbeitet und verkauft, hier sind auch die Funduks. Moscheen giebt es eine
+grosse Anzahl, grössere jedoch, die ein Minaret haben, nur fünf. Die
+Hauptmoschee, Djemma-el-Kebira schlechtweg genannt, zeichnet sich durch
+nichts Besonderes aus. Den inneren grossen Hof derselben, in den man
+Orangen gepflanzt hat, umgeben ungemein plumpe Säulen, die eben so
+unförmliche Bogen tragen. Die zweite Hauptmoschee, fast eben so gross, ist
+dachlos, von den übrigen ist keine bedeutend. Ebenso habe ich in der ganzen
+Stadt kein einziges nur etwas geschmackvolles Gebäude gefunden.
+
+Einen eigentlichen besonderen Handelszweig hat die Stadt nicht, man lobt
+die Lederarbeiten und Färbereien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerei, indess
+beschränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine Geschirre und Sachen, wie
+sie von den Eingebornen hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt
+diese Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn ich anführe, dass
+diese kupfernen Geschirre bis Kuka, Kano und Timbuktu ausgeführt werden.
+Und wie ergiebig müssen erst die Kupferminen in der Nähe von Tarudant sein,
+wenn man bedenkt, auf wie primitive Art die Eingebornen dort eine solche
+Mine ausbeuten. Nach der Aussage der Eingebornen soll nicht nur dies
+Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magneteisenstein in grosser
+Menge vorkommen. Alle übrigen Landesproducte sind wie in Agadir und im
+ganzen Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 2 Mosonen bezahlt,
+für eine Mosona erhält man 6-10 Eier und im Frühjahr noch mehrere.
+
+Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht unerwähnt lassen, dass die
+einst so berühmten Zuckerplantagen heute nicht mehr existiren. Indess
+findet man in Marmol und Diego de Torres so glaubwürdige Angaben, dass an
+der einstigen Existenz der Zuckercultur nicht gezweifelt werden kann.
+
+Als im 16. Jahrhundert die Dynastie der Schürfa Marokko neu umgestaltete,
+suchten sie vor allen Dingen sich in Tarudant festzusetzen. Es wurde Zucker
+um Tarudant gepflanzt und um einen Ausgangshafen für das Product zu
+gewinnen, unternahm der Scherif Mohammed die Belagerung von Santa Croce,
+damals den Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den Händen der
+Gläubigen. Ein Slami oder übergetretener Jude hatte unter der Zeit Mühlen
+in Tarudant errichtet und von dem Augenblick an war der Handel mit Zucker,
+wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der ergiebigste von allen
+marokkanischen Handelszweigen.
+
+Auch christliche Sklaven wurden nun zur Fabrikation von Zucker verwandt,
+und nicht nur aus Marokko oder aus den Sudanländern kamen Leute nach
+Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten sich ein, sobald sie
+erfuhren, dass man sie gut behandle. Der Ertrag ergab für den Sultan
+jährlich 7500 Metkal, eine für damalige Zeit grosse Summe.
+
+In welcher Zeit der Verfall des Zuckerbaues vor sich ging, habe ich nicht
+ergründen können, vielleicht wurden bei einer der so häufig in Marokko
+stattfindenden Revolten die Zuckergärten zerstört und nachdem nicht wieder
+angebaut. Aber die Erinnerung vom einstigen Zuckerreichthum in der Provinz
+existirt in Marokko heute noch.
+
+Ich musste mehrere Wochen in Tarudant bleiben und überstand während dieser
+Zeit eine förmliche Krankheit, da ich fortwährend von Wechselfiebern
+geschüttelt war.--Den zweiten Tag nach meiner Ankunft liess mich der Kadi
+der Stadt rufen. Er unterwarf mich einem langen Examen, woher ich komme,
+warum ich in Tarudant sei, wohin ich gehen wolle, warum ich Mohammedaner
+geworden sei, u.s.w. Ich glaubte schon, da er immer sehr ernsthaft blieb,
+dass er mich trotz meiner genügenden Antworten, als Sohn eines Christen ins
+Gefängniss senden würde, als er plötzlich die Unterhaltung auf die Medizin
+brachte und ein Mittel gegen Gichtschmerzen von mir verlangte. Zugleich
+wurde Thee servirt und ein gut zubereitetes Frühstück hereingetragen. Das
+Gespräch ging dann hauptsächlich auf die christliche Civilisation über, und
+ich sah mit Erstaunen im Kadi einen dem Fortschritte huldigenden Mann vor
+mir. Nach beendigtem Frühstücke verabschiedete er mich, und sagte, er würde
+mich rufen lassen, damit ich in seiner Gegenwart die Medizin bereite.
+
+Am folgenden Tage gegen Abend musste ich zu ihm gehen, und da ich nichts
+Anderes zu thun wusste, so bereitete ich eine Kamphersalbe und liess ihn
+Einreibungen damit machen. Ich musste wieder Thee mit ihm trinken und zu
+Abend essen; beim Abschiede gab er mir ausserdem einen grossen Korb mit
+Datteln und einen kleineren mit Mandeln, dann eine Schüssel mit süssem
+Backwerke, das sehr gut zubereitet war und sich fast jahrelang hält.
+Obgleich die Datteln und Mandeln von der letzten Ernte und von
+ausgezeichneter Güte waren, so verkaufte ich doch den grössten Theil
+derselben. Ich bekam für das Pfund Mandeln den für dortige Gegend hohen
+Preis von 6 Mosonat; es war Missernte für die Mandeln gewesen, denn in
+guten Jahren erhält man für Eine Mosona mehrere Pfunde.
+
+Am vierten Tage stellte sich mein Fieber heftiger als je ein, ich glaubte
+schon vom Typhus befallen zu sein; acht Tage musste ich meine Höhle hüten.
+Ich nahm die letzte mir übrig gebliebene Dosis Chinin, genoss die ganze
+Zeit hindurch bloss Wasser und Brod und alle Tage einige Granatäpfel, die
+mir der Fundukbesitzer aus seinem Garten brachte.
+
+Mit einer ziemlich grossen Karavane brach ich sodann auf. Sie setzte sich
+aus etwa 20 Mann und 30 Stück beladenen Maulthieren und Eseln zusammen. Die
+Leute selbst waren aus der Oase Draa. Vom Thaleb des Kadi war ich ihnen
+empfohlen und deshalb gut bei ihnen aufgenommen worden. Diese Art Karavanen
+rechnen von Tarudant acht Tagemärsche, welche aber sehr stark sind; das
+Vieh wird dabei von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der
+grösstmöglichsten Eile vorwärts getrieben. Es war also eine harte Tour für
+mich, da ich von den Fiebern mitgenommen, sehr erschöpft war, und manchmal
+dafür, dass ich mitgenommen wurde, und was Nahrung anbetrifft von den
+Eigenthümern des Viehs freigehalten wurde, das Vieh mit treiben helfen
+musste.
+
+Den ganzen ersten Tag folgten wir dem Ued-Sus, der an beiden Seiten
+lachende Gärten bildet. Rechts und links hatten wir hohe Berge, doch ist
+die Kette im Norden wenigstens noch einmal so hoch, als die nach Südwesten
+streichende, welche überdies nur ein Zweig vom grossen Atlas ist. Gegen
+Mittag, wir marschirten immer in östlicher Richtung, machten wir bei einem
+Dorfe der Beni-Lahia Halt; es wurde dort Markt abgehalten, und die Leute
+unserer Karavane wollten nun noch Getreide einkaufen, um es mit in ihre
+Heimath zu nehmen. Nach beendetem Einkauf ging es weiter. Ich weiss nicht,
+durch welchen Zufall es kam, dass der Theil der Karavane, bei dem ich mich
+befand, von dem anderen sich trennte, kurz, wir verloren den Weg und es
+war, glaube ich, Mitternacht, als wir das Dorf erreichten, wo die Anderen
+seit Abends campirten. Dazu hatten wir elende Wege gehabt, da das ganze
+Land von breiteren und schmäleren Rinnsalen, welche zur Bewässerung des
+Bodens dienen, durchschnitten ist, in der Dunkelheit geriethen wir nun alle
+Augenblick in ein solches Wasser, oder auch ein Esel versank in den Schlamm
+und sein Herausziehen konnte nur mit Mühe und Zeitverlust bewerkstelligt
+werden.
+
+Desto kürzer war der folgende Tagesmarsch, wir mussten sehr bald in einem
+Dorfe Halt machen, weil vor uns zwei Volksstämme sich bekriegten und
+dadurch die Gegend unsicher gemacht war. Sieben Tage mussten wir in diesem
+Orte liegen bleiben, fanden jedoch die gastlichste Aufnahme daselbst. Ich
+war mit vier Anderen in einem grossen Bauernhofe einquartiert und so war
+die ganze Karavane vertheilt. Endlich schienen die feindlichen Parteien
+Frieden gemacht zu haben und wir konnten aufbrechen, der Weg war offen. Wir
+folgten dem Ued-Sus, bis fast an seine Quelle, welcher Landestheil, wie
+überall, den Namen Ras-el-Ued hat, und schlugen von da an eine südöstliche
+Richtung ein.
+
+So scharf markirt der südwestlich vom Atlas sich abzweigende Gebirgszug,
+vom Sus-Thale gesehen, sich ausnimmt, so wenig ist er es in der That, man
+kömmt südöstlich fortgehend in keinen Gebirgszweig, sondern in ein
+zerrissenes Gebirge. Obschon man nun auch aus dem eigentlichen überall
+culturfähigen Lande heraus ist, hat man doch noch die eigentliche Sahara
+nicht erreicht. Allerdings sind die Berge nackt und kahl, aber die Gegend
+ist äusserst abwechselnd, Wasser nicht selten und kleine Oasen auf Schritt
+und Tritt. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir eine Oase, die erste echte
+Palmpflanzung, die ich zu sehen bekam (den Palmen in Marokko und Tarudant
+merkt man gleich an, dass sie eigentlich für den dortigen Boden und das
+Klima noch fremd sind), einige Dörfer lagen darin versteckt. Wir lagerten
+von jetzt an nie mehr im Dorfe, sondern immer im Freien, und suchten dann
+zu dem Ende ein zwischen Felsen liegendes sicheres Versteck auf. Auf diese
+Art marschirten wir 4 Tage immer in südöstlicher Richtung fort. Die Gegend
+bewahrte ihren eigenthümlichen Charakter, nackte, kahle Felsen, von Bergen
+eingeschlossene Ebenen, ohne Vegetation, nur von Steinen bedeckt, hie und
+da eine Oase, welche sich schon von Weitem durch die hohen Palmen
+ankündigte, manchmal auch noch grosse Strecken mit Schih (Artemisia)
+bedeckt, Zeichen, dass wir die eigentliche Sahara noch nicht erreicht
+hatten, solche Bilder waren stets vor unseren Augen.
+
+Am fünften Marschtage kamen wir, nachdem wir verschiedene Ebenen
+durchschritten hatten, an einen Bergpass, wie ich noch nie einen gesehen
+habe, und auch wohl kein ähnlicher auf der Erde existirt. Mit diesem
+Bergpass, oder vielmehr mit dieser Schlucht, die ebenfalls durchschnittlich
+in unserer Marschrichtung war, hatten wir zugleich das eigentliche Gebirge
+hinter uns. Diese Schlucht war etwa 5 Schritt breit, an beiden Seiten von
+senkrechten Marmorwänden gebildet, und in derselben rieselte ein kleiner
+Bach mit reizenden grünen Ufern. Am Austritte der Schlucht gab der Bach
+Veranlassung zu einer Oase. Der Marmor, der sich in der Sonne spiegelte und
+stellenweise so glatt war, als ob er künstlich polirt wäre, glänzte in
+allen möglichen Farben.
+
+Was das Interesse dieser einzigen Schlucht noch erhöhte, war, dass sich am
+Austritte oder am südöstlichen Ende derselben eine kohlensaure Quelle
+befand. Ich glaube, es giebt wohl kaum ein zweites an Kohlensäure so
+reiches Wasser, wie dieses; dicke Blasen steigen fortwährend auf, und beim
+Trinken prickelte es Einem im Munde, als ob man Champagner tränke. Das
+Land, worin sich diese Schlucht und Quelle befindet, heisst Tassanacht, und
+die vom Flüsschen gebildete Oase, Tesna[140]. Die Gegend war hier, wie auch
+sonst fast überall, äusserst metallreich, ich fand auf dem Wege bei Tesna
+offen zu Tage liegend, Antimon-Stücke von 1-1/2 Zoll Dicke, reines,
+unvermischtes Metall.
+
+ [Fußnote 140: Siehe Petermann's Mitteilungen 1865, Tafel 6.]
+
+Die nächsten Tage gingen vorüber, ohne dass sich etwas Besonderes
+ereignete, ich hatte jedoch grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche
+mitzumachen, zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die ungewohnte
+Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die Leute mischten nämlich Mehl mit
+gestampften Datteln zu einem Teige, gossen etwas Oel hinzu, und roh wurde
+dies genossen, oder man ass auch, bloss mit Wasser vermischt, gestampfte
+Datteln. Dazu kam, dass wir manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn
+die Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man für Wasser keinen
+Platz hatte. Die schlimmste Strecke war die letzte. Wir waren noch einen
+guten Tag vom Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden Thale. Um den
+Ued-Draa am folgenden Tage früh zu erreichen, brachen wir um Mitternacht
+auf. Unglücklicher Weise waren meine Schuhe gänzlich unbrauchbar geworden,
+die Sohlen waren abgefallen. Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus
+den Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit Riemen an den Füssen
+befestigt wurden. Ueberhaupt tragen südlich vom Atlas fast alle Leute
+Sandalen. Für Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber ein
+qualvolles Schuhzeug, da die Riemen gleich tief einschneiden. In der
+dunklen Nacht stiess ich nun jeden Augenblick gegen einen Stein, und es
+schien mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als endlich der Tag
+anfing und wir frühstückten, hatten wir kaum das nöthige Wasser, aber die
+Aussicht, noch wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, ohne
+Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. Gegen Mittag war mein
+Gaumen ganz trocken, und als wir endlich von Weitem die Palmen sahen, mit
+dem lachenden Grün der Orangen, Feigen, Granaten, Pfirsichen und Aprikosen
+darunter, glaubte ich, sie nicht erreichen zu können; erst um 4 Uhr
+Nachmittags waren wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute unserer Karavane
+zu Hause waren. Mein Erstes war, meinen brennenden Durst zu löschen, ich
+trank wenigstens 3 Liter Wasser auf ein Mal.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+15. Die Draa-Oase. Mordversuch auf den Reisenden. Ankunft in Algerien.
+
+ * * * * *
+
+Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der Ued-Draa, der längste der
+marokkanischen Ströme, Veranlassung zu einer der schönsten Oasenbildungen
+gegeben, wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. Denn nur da, wo
+überirdisch immer rieselndes Wasser ist, bildet sich so üppige Vegetation
+und gedeihen die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des
+Mittelmeerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach tagelangen Märschen durch
+die steinigte und vegetationslose brennende Wüste, jenes lachende Grün
+erblickt, wie es sich frisch unter dem schirmenden Dache hochstämmiger
+Palmen entwickelt, dann vergisst man fast die Mühen und Beschwerlichkeiten
+einer Fussreise durch die Wüste, denn man glaubt eine der Inseln der
+Glückseligen erreicht zu haben.
+
+Der bewohnteste und fruchtbare Theil des Ued-Draa ist das vom Gebirge nach
+dem Süden zu laufende Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt,
+d.h. etwa unter dem 29° N. B. fängt er an unbewohnt und unfruchtbar zu
+werden. Es hat das seinen Grund darin, weil die vom Atlas kommenden
+Gewässer _ständig_ nur bis zu dem Punkte fliessen, den atlantischen
+Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der _grossen_ Schneeschmelze des
+Gebirges, erreichen. Ist der Draa-Fluss aus dem sonderbar geformten
+Gebirgslande, welches südwärts vom Atlasgebirge, unabhängig von diesem,
+liegt, heraus, dann durchströmt er sein mehr oder weniger breites Thal,
+welches er sich selbst geschaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und
+Bänke des ursprünglichen Flussthales manchmal so hoch, so sonderbar
+geformt, dass man, vom Flussbette aus gesehen, sie für zwei nach Süden
+streichende paralell laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar
+ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden laufenden Flusses erhebt
+sich aber ein wirklicher Berg, der Sagora, auf dem _linken_ Ufer des
+Ued-Draa. Dass der grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und nur
+zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich Renou und Delaporte
+gegenüber aufrecht zu erhalten. Renou sagt p. 180: "ce grand lac d'eau
+clouce est remplie de poissons et les indigènes naviguent dessus et y font
+la pêche d'après Mr. Delaporte."--Ich will nicht in Abrede stellen, dass
+der Debaya sich ein Mal im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht
+bezweifeln, dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass er mit Schiffchen
+befahren werde, aber das dauert nur eine kurze Zeit, vielleicht nur einige
+Wochen; so rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, so rasch
+und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und wenn diese ausserordentlichen
+Schwemmungen den Debaya nicht mehr erreichen, so trocknet er rasch aus,
+wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als eine grosse
+Einsenkung.
+
+Es liegen ausserordentlich wenig sichere Nachrichten über die Draa-Gegend
+vor. Freilich als solche wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber
+darauf, dass man die Draa Landschaft _nennt_, höchstens noch eine
+Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich auch Alles. Leo hebt nur den
+Ort Beni-Sabih hervor, offenbar die grosse von mir besuchte Ortschaft
+Beni-Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt die Stadt Quiteoa
+(offenbar Ktaua) an, er nennt auch Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta
+ist. Ferner nennt er die Oerter Taragale, Tinzulin (die Provinz Tunsulin
+von mir), Tamegrut, Tabernost, Afra und Timesquit (wohl Mesgeta).
+Delaporte kennt ebenfalls Quiteoa. Mouette nennt einen Berg, den Lafera
+oder den höhlenreichen Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale oder
+Taragalt, und es ist dies jedenfalls der Berg, der mir von den
+Eingebornen als der Dj. Sagora bezeichnet wurde[141]. Es ist das das
+Hauptsächlichste, was vom Draalande bekannt war, denn Caillié streifte
+auch nur die südöstlichste Umbugsecke des Thales, beim Orte Mimmssina.
+
+ [Fußnote 141: Siehe Renou, Empire de Maroc, p. 175 u.f.]
+
+Das Draa-Land zerfällt vom Norden nach dem Süden (ich spreche immer nur von
+dem bewohnten Theile, der sich nach Süden bis zu dem Punkte erstreckt, wo
+der Draa nach dem Westen umbiegend seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen:
+die nördlichste Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), drittens
+Ternetta, viertens Fesuoata und endlich die südlichste und grösste Provinz
+Ktaua. Obschon in der Provinz Ternetta ein Kaid des Sultans residirt, also
+eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, so existirt dieselbe bloss
+als nominal. Das Ansehen des Kaid und seiner Maghaseni geht wohl nicht über
+seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Draa-Gebiete ist derart, dass
+jede einzelne Ortschaft unabhängig von der anderen ist, und jede Gemeinde
+durch ihren Schich dem die Djemma, (Versammlung der ältesten und
+angesehensten Männer) zur Seite steht, regiert wird. Selbst nicht einmal
+die einzelnen Provinzen haben eine eigene gemeinsame Regierung. Als
+Hauptort oder Hauptstadt des Draa-Landes kann man Tamagrut bezeichnen, aber
+auch nur insofern, als hier eine berühmte religiöse Genossenschaft, eine
+Sauya sich befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine officielle
+Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwohnerzahl anbetrifft die erste. Die
+grösste Ortschaft im Draa-Thale ist die in Ktaua gelegene Stadt Beni-Sbih.
+
+Sämmtliche Ortschaften sind mit einer hohen Thonmauer umgeben, einzelne
+haben auch noch mehr oder weniger breite und tiefe Gräben. Alle haben
+wenigstens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die Häuser, von
+gestampftem Thon erbaut, haben im Innern einen meist geräumigen Hofraum,
+haben alle ein flaches Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stockwerk.
+Im Erdgeschoss verwahrt man das Vieh, und oben halten sich die Menschen
+auf. Die Strassen in den Ortschaften sind schmal, staubig und voller
+Unrath, obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall öffentliche
+Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die Palmgärten, welche alle wohl
+eingefriedigt sind durch hohe Thonmauern, erhalten ihre Berieselung durch
+den ewig strömenden Ued-Draa, und da das Wasser sehr reichlich vorhanden
+ist, so hat man keine Zeitbestimmung über die Vertheilung des Wassers zu
+treffen nöthig gehabt. Die Datteln, welche in der Draa-Oase producirt
+werden, gehören zu den vorzüglichsten der ganzen Sahara, und da sie kein
+anderes Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das überdies noch von
+Tafilet und Tuat und anderen kleinen Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so
+sind sie äusserst billig, in guten Jahren verkäuft [verkauft] man eine
+Kameelladung (ca. 3 Centner) für einen halben Thaler. Der Getreidebedarf
+muss indess von aussen bezogen werden, das was die Eingebornen bauen,
+reicht nicht hin sie zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch
+gepflanzt und geerntet wird. Es kommt das deshalb, weil ein groser
+[grosser] Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, Kohl, Rüben, Carotten,
+Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und
+weil die grösste und schönste Provinz, Ktaua, derart von Süssholz
+(Glycirrhiza) überwuchert ist dass dies fast den ganzen fruchtbaren
+Boden unter den Palmen einnimmt.
+
+Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das Schaf ist in den südlichen
+Provinzen von Ternetta an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen
+sind gut und von derselben Art wie in Marokko, Rinder sind sehr selten. Von
+Vögeln hat man wild die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden
+kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend, aber mit buntem
+Gefieder und hübscher Stimme. Die Eingebornen nennen ihn Marabut (der
+Heilige) und man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder Oase
+südlich vom grossen Atlas.
+
+Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 250,000[142] Seelen sich
+belaufen kann, so nennt man sie Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber:
+die Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in Ksors. Zu erwähnen
+sind noch die in Palmhütten lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer
+Abkunft nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in kleinen
+Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. Auch einige Berberstämme
+haben diese Art des Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche diese
+Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa, Marabutin und vom Stamme der
+Beni-Mhammed sind, gehören die Berber fast alle der grossen Fraction der
+Ait-Atta an.
+
+ [Fußnote 142: In Petermann's Mittheilungen ist die Zahl der
+ Bevölkerung in meinem Berichte zu 25,000 angegeben: ein
+ Schreibfehler meines Manuscriptes.]
+
+Der Neger, der natürlich auch zahlreich vertreten ist, hat auf die
+_grosse_ Menge der Bevölkerung wenig Einfluss gehabt, aber der
+Draaberber, wenn er es auch nicht liebt, sich mit dem Schwarzen zu
+vermischen, hat doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben Sonne und
+Staub das Ihrige dazu beigetragen der Hautfarbe eine dunkle Färbung zu
+gehen. Die Schwarzen, welche man im Draa antrifft, sind meistens von Haussa
+und Bambara, auch Sonrhai-Neger sind nicht selten.
+
+Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier nicht in derselben
+unterdrückten und ausgestossenen Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie
+auch hier sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie sind hier
+weniger dem Handel zugethan, vertreten hingegen mehr den eigentlichen
+Handwerkerstand. Büchsenschmiederei, Blechschlägerei, Tischlerarbeit,
+Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten Beschäftigungen. Und
+eben weil sie durch diese Handwerke den Draa-Bewohnern unentbehrlich
+geworden sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen Ort Tamagrut
+dürfen sie indess nicht hinkommen, nicht einmal den dort _ausserhalb_
+der Stadt abgehaltenen Wochenmarkt besuchen. Aber damit sie die Strenge
+dieser Maassregel weniger fühlen, hat man doch die Rücksicht gehabt, den
+Markttag für Tamagrut auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden
+ohne das untersagt ist zu handeln und zu verkaufen.
+
+Ausser der Sprache bemerkt man, was das Aeussere (abgesehen natürlich von
+den Schwarzen) anbetrifft, zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre
+dieser nicht, würde man glauben, das Land sei von einem Volke bewohnt. Die
+Lebensweise der Bewohner ist äusserst einfach. Morgens wird eine dünne
+heisse und stark gepfefferte Mehlsuppe mit Datteln gegessen, Mittags und
+Nachmittags Datteln, wozu die Reichen ungesalzene Butter nehmen, auch
+Buttermilch dazu trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk hat, und
+Abends ist Kuskussu die allgemein übliche Kost. So lebt der Draui täglich
+und Jahr aus Jahr ein.
+
+Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle Ortschaften durch eine hohe
+Mauer umgeben und befestigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa
+(Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, und ausserhalb von
+Alt-Tanzetta ist eine Milha (Judenviertel). Eine halbe Stunde südlich
+von Tanzetta liegt der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei
+erhebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa-Bewohnern sehr
+berühmte Berg Sagora, berühmt, weil er eine Höhle enthält, in welcher in
+der Vorzeit die Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den bis
+jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet gerade die Mitte des
+Draa-Landes oder Draa-Thales (d.h. des von Nord nach Süd laufenden
+Stromtheiles), und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Erhöhung
+des Ufers.
+
+Nach einem Aufenthalte von acht Tagen brach ich von Tanzetta nach dem Süden
+auf, um nach dem berühmten Hauptorte, dem heiligen Tamagrut, Oertlichkeit,
+die nur eine kleine Tagereise südlich von Tanzetta liegt, zu kommen. Ich
+hatte Begleitung, was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der
+berberischen Bevölkerung gar nicht verständlich machen konnte. Da eine
+ausserordentliche Hitze herrschte, machten wir den Weg in zwei Tagen, und
+blieben am ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbern bewohnt, Namens
+Alaudra. Der Weg folgte nicht den Krümmungen des Flusses, sondern lief
+gerade südwärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, bald in
+einem lachenden Thale. Mittags erreichten wir am anderen Tage Tamagrut, das
+sich nur durch seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt darin
+gehalten wird, von den übrigen Ortschaften unterscheidet. Die Sauya, nach
+Sidi-Hammed-ben-Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen
+habe.
+
+Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Heiliger, aber kein Nachkomme
+Mohammed's. Dafür hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen Sprache
+der Thiere mit den Thieren sich unterhalten zu können (nach dem Glauben der
+Marokkaner konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun al Raschid und
+Djaffer sein Minister); aber leider hat diese grosse Gabe auf seine
+Nachkommen sich nicht vererbt. Wenigstens kann ich constatiren, dass die
+Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde oder anderen Thieren
+sich unterhalten konnten.
+
+Ich habe an anderer Stelle entwickelt, dass die Mohammedaner einen grossen
+Vorzug vor uns Christen haben: dass ihre Heiligen schon häufig _bei
+Lebzeiten_ heilig gesprochen werden, dass ihre Heiligen heirathen
+dürfen, dass die Kinder und Nachkommen solcher Heiligen _auch_ für
+heilig erachtet werden, ja, dass das Heiligsein bei den Mohammedanern
+_wachsend_ ist, d.h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für heiliger
+erachtet werden, als die Vorfahren selbst.
+
+Aber hat man im Christenthum nicht ganz dasselbe. Sind auch die Päpste
+nicht fleischliche Nachkommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als
+geistiger Erbe, und verfolgt man vom ersten Bischof in Rom, die zunehmende
+Macht und Heiligkeit bis zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott
+gleich gestellt hat durch seine Unfehlbarkeit, so findet man, dass wir doch
+nicht so sehr hinter der anderen semitischen Schwesterreligion
+zurückstehen. Und ist es in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht
+ebenso?
+
+Der derzeitige Besitzer der Sauya, Si-Bu-Bekr, ein Ur-Ur-Enkel des
+erwähnten Heiligen, wurde denn auch für viel heiliger gehalten, als der
+Vorfahr selbst. Seine Familie war übrigens eine, die sich von jeher durch
+Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit in den Schriften, aber auch durch
+Glaubenseifer ausgezeichnet hatte.
+
+Ich begab mich sogleich in die Sauya, wo man mich zu Sidi Bu-Bekr führte.
+Es war gerade die Zeit des öffentlichen Empfanges, der ehrwürdige Greis
+nahm daher bei der Menge der Leute, die von allen Seiten herbeigeströmt
+waren, wenig Notiz von mir, sondern gab bloss Befehl mir ein Zimmer
+anzuweisen. Desto zuvorkommender empfingen mich seine beiden Söhne, ich
+musste mehrere Wochen bei ihnen bleiben und täglich überhäuften sie mich
+mit Aufmerksamkeiten aller Art. Als ich Sidi[143] Bu-Bekr einige Tage
+später meine Aufwartung machte, entschuldigte er sich, dass er mich nicht
+zuvorkommender empfangen, indem er nicht verstanden habe, dass ich von
+Europa (Blad-el-Rumi) käme; er fragte, ob ich mit Allem zufrieden sei, und
+gab seinen Söhnen den Auftrag für mich zu sorgen.
+
+ [Fußnote 143: Im eigentlichen Marokko würde man nur Si, nicht Sidi
+ zu ihm sagen.]
+
+Diese Sauya kam mir gerade wie ein Kloster vor; die grossen von Bogengängen
+umgebenen Höfe, in welche die Zimmerchen oder vielmehr die Zellen münden,
+die von länger verweilenden Reisenden, oder von Studenten und
+Schriftgelehrten, die hier ihren Studien obliegen, bewohnt werden; das
+ewige Beten und Ablesen des Koran, die wallfahrenden Leute, die täglich
+kommen, um das Grab Sidi Hammed-ben-Nasser's zu besuchen, und ihre Gaben,
+die in Geld oder Sachen aller Art bestehen, zu den Füssen des Marabuts
+legen, alles dies erinnert an unsere Klöster, nur ist hier die Prälatur in
+einer Familie erblich, und zwar geht bei den Marabutin die Würde nur auf
+den ältesten Sohn über, während die übrigen Söhne, einmal aus dem
+elterlichen Hause ausgeschieden, in den gewöhnlichen Bürgerstand
+zurücktreten. Bei den Schürfa geht die Würde auf Söhne und Töchter über,
+ist dann nur erblich durch die Söhne.
+
+Ehe ich weiter reiste, begab ich mich nach Ktaua, um einige Notizen über
+den Handel mit dem Sudan zu erhalten. Ktaua, diese grosse selbstständige
+Oase, hat allein für sich gegen 100 Ksors, die von Berbern, oder auch von
+Araber-Schürfa oder vom Stamme der Beni-Mhammed bewohnt sind. Ich ging
+zuerst nach dem grossen Orte Aduafil, ausschliesslich von Schürfa bewohnt.
+Von hier aus wird der hauptsächlichste Handel mit dem Sudan betrieben. Gold
+(in geringer Qualität), Elfenbein, Leder und Sklaven sind die
+hauptsächlichsten Gegenstände, welche man von dorther holt. An eignen
+Producten liefern indess die Draui den Schwarzen Nichts, sie können ihnen
+nur europäische Producte zuführen, denn das Kupfer, welches sich von
+Tarudant aus nach dem Sudan verbreitet, geht wohl zumeist über Tekna und
+Nun. Die Sklaven kauft man im Sudan zu den billigen Preisen von 15-20
+Thaler, junge hübsche und hellfarbige Mädchen sind jedoch theurer. In Fes
+und Marokko werden sie dann mit bedeutendem Gewinne abgesetzt, zu 100 bis
+150 Thaler. Von Aduafil bis Timbuktu brauchen die Karavanen ca. 8 Wochen,
+die längste wasserlose Strecke soll 10 Tage (nach Aussage der Eingebornen,
+jedoch halte ich das für übertrieben) betragen.
+
+Ich blieb in Aduafil 14 Tage, und besuchte von hier aus auch die wichtigen
+Handelsplätze und Märkte Beni-Haiun und Beni-Sbih südlich gelegen. Dann
+begab ich mich nach Beni-Smigin, Ort, der am nördlichsten in Ktaua liegt,
+und nahm die Gelegenheit wahr, mit einer Karavane von hier nach Tafilet zu
+gehen.
+
+Während man auf dem Wege von der Provinz Ternetta nach Tafilet die grosse
+Oase Tessarin antrifft, hat man von Ktaua aus nur wüstes Land. Man braucht
+fünf Tage und hält immer Nordost-Richtung. Die Wüste ist indess auch hier
+nicht aller Vegetation bar, man trifft hin und wieder auf Akazien. Ich war
+froh, als ich am fünften Tage Nachmittags von einer Felsanhöhe die Palmen
+Tafilets erblickte. Vom Orte Beni-Bu-Ali, dem östlichsten Ksor, auf den wir
+trafen, begab ich mich direct nach dem Hauptorte der Oase Abuam, und da ich
+ohne Bekannte war, ging ich direct in die grosse Moschee. Ich hatte mich,
+müde wie ich vom Wege war, schlafen gelegt, fand mich aber unangenehm
+erweckt durch einen Fusstritt. Vor mir stand ein Scherif, er fragte, wer
+ich sei, wie ich hiesse, was ich wolle. Wie gewöhnlich antwortete ich, ich
+sei ein zum Islam übergetretener Deutscher, Namens Mustafa (ich machte nie
+Hehl daraus, dass ich übergetreten sei, und konnte das auch nicht, da ich
+zu der Zeit das Arabische noch sehr mangelhaft sprach). Für uns Deutsche
+haben die Marokkaner das durch die Türken den Arabern zugebrachte und aus
+dem Slavischen entlehnte Wort Nemsi. Aber mit dieser Erklärung war der
+Scherif nicht zufrieden. Wie überhaupt durch die drohende Nähe der
+Franzosen in Algerien, die Filali (Bewohner Tafilets) bedeutend
+misstrauischer gegen Fremde sind, so schien Misstrauen, Glaubenseifer,
+Religionsdünkel und jesuitischer Fanatismus in diesem Scherif personificirt
+zu sein. Die übrigen Tholba wurden herbeigeholt, man wollte einen
+sichtbaren Beweis meines Islams haben, und als sie nach einigem
+Kopfschütteln erklärten, dass man in dieser Beziehung mir nichts vorwerfen
+könne, fingen sie trotzdem an, meine Kleider zu durchsuchen. Und um mein
+Unglück voll zu machen, fanden sie einen alten Pass, den ich aufbewahrt
+hatte.
+
+Mit fanatischem Geheul wurde ich nun von diesen Zeloten nach Rissani, der
+officiellen Hauptstadt, wo der Kaid des Sultans residirt, geschleppt, und
+ich glaubte schon mein letztes Stündchen sei gekommen, denn was ist gegen
+fanatische Glaubenseiferer zu machen. Fortwährend brüllten sie: "er ist ein
+Spion, er ist ein Sendling des christlichen Sultans", womit sie den Kaiser
+Napoleon der Franzosen meinten, "er ist gekommen, um unser Land
+auszukundschaften, zu verrathen und zu verkaufen."--So dumm sind nämlich
+diese fanatischen Leute, wie ja überhaupt Dummheit und Fanatismus immer
+Hand in Hand mit einander gehen, dass sie überzeugt sind, ein einzelner
+Christ könne nur so ohne Weiteres ihr Land verkaufen.
+
+Glücklicherweise aber traf ich im Kaid des Sultans einen Mann, der schon
+irgendwo einen Pass gesehen haben musste, oder doch wusste, welche
+Bewandniss es damit hatte, aber auch er würde wohl kaum den wutschnaubenden
+Volkshaufen haben besänftigen können, wenn nicht zur rechten Zeit ein
+marokkanischer Prinz, nach der Meinung Vieler der rechtmässige Sultan von
+Marokko, herbeigekommen wäre: Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman.
+
+Als nämlich Sultan Sliman gestorben war, folgte nicht sein Sohn, sondern
+sein Neffe Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, und als dieser im Jahre 1859
+starb, hätte nach dem Herkommen der Aelteste der Familie und zwar Mulei
+Abd-er-Rhaman-ben-Sliman folgen müssen. Sultan Abd-er-Rhaman hatte aber bei
+Zeiten dafür gesorgt, dass sein Sohn Sidi Mohammed nachfolgen würde, und in
+der That fand im Herbste 1859 Abd-er-Rhaman-ben-Sliman den Thron besetzt.
+Da er sich bis dahin 16 Jahre in der Sauya Sidi Hamsa's, nördlich von
+Luxabi gelegen, verborgen aufgehalten hatte, um dem Dolche und Gifte seines
+Vetters zu entgehen, brach er Ende 1859, von einigen wenigen Getreuen
+begleitet, auf nach Fes, um sich des Thrones zu bemächtigen. Aber schon
+hatte sich Bascha ben Thaleb und Kaid Faradji von Fes für den jetzigen
+Sultan erklärt, der lange Zeit vorher dort Chalifa gewesen war und sie
+durch reiche Geschenke an sich gezogen hatte. Wenig fehlte, so wäre der
+Sohn Sliman's mit seinen einigen hundert Reitern gefangen genommen.
+
+Dieser Mulei Abd-er-Khaman-ben-Sliman lebte jetzt in Tafilet, und ihm, in
+seiner Eigenschaft als Prinz und seinem unfehlbaren Charakter als
+Scherif--ihm war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. Es
+könnte befremdend erscheinen, dass dieser geächtete und vom Throne
+ausgestossene Prinz so friedlich an der Seite des Kaids des Sultans
+stand, aber man muss bedenken, dass die Regierung von Marokko südlich
+vom Atlas nur eine Scheinregierung ist, und namentlich dieselbe in
+Tafilet gar keine Autorität besitzt.
+
+Der Prinz fasste für mich Freundschaft, und diese wuchs noch, als sich
+herausstellte, dass ich in der Campagne der Franzosen gegen die
+Beni-Snassen 1859 schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls
+Abd-er-Rhaman hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war dahin gekommen,
+um die Hülfe des französischen Generals Martimprey gegen seinen
+Verwandten, der den Thron von Fes usurpirt hatte, anzurufen; Martimprey
+lehnte selbstverständlich jede Einmischung in die inneren
+Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere Zeit bei dieser
+gastfreundlichen Familie, die für gewöhnlich in Marka, Provinz Ertib der
+Oase Tafilet[144], wohnt, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise
+zu vollenden.
+
+ [Fußnote 144: Die Beschreibung von Tafilet ist in "Uebersteigung des
+ Atlas etc.", Bremen Kühtmann, 2te Auflage, und in Petermann's
+ Mittheilungen, Jahrgang 1865.]
+
+Ich hatte im Laufe der Zeit durch Prakticiren wieder einiges Geld
+zusammengebracht, allerdings durch mühsames Sparen, denn die ärztliche
+Praxis muss in Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen ganz
+anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich muss sich der Arzt, der
+keine starke Sippe oder Verwandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem
+Patienten eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, denn hat er
+das Unglück sodann einen Kranken durch den Tod zu verlieren, so ist
+entweder die Medicin, oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits
+hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar nicht einmal den erhofften
+Erfolg, denn gesundet ein Kranker, dann haben weder die Medicin noch der
+Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl Mohammed, in
+seltneren Fällen Gott[145], dies Wunder bewirkt. Es ist daher am besten die
+Praxis so auszuüben, wie es landesüblich ist: durch Feuer und Amulette.
+
+ [Fußnote 145: In dieser Beziehung haben die Mohammedaner viel
+ Aehnlichkeit mit den Katholiken: bei einem Wunder denken sie
+ zumeist an einen Heiligen, seltener an ihren Propheten, in den
+ seltensten Fällen an Gott.]
+
+Mit einer Karavane machte ich mich sodann auf den Weg und zwei Tage nach
+unserem Aufbruche von Ertib erreichten wir die nordöstlich davon gelegene
+Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, und am folgenden Tage Abends
+erreichten wir die Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls in
+nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Mit einem Empfehlungsbriefe vom
+obengenannten marokkanischen Prinzen für den Schich der Oase versehen,
+kehrte ich bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. Der Schich
+hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah.
+
+Zehn Tage lang war ich sein Gast, und täglich assen wir aus Einer Schüssel.
+Ich hatte dort einen so langen Aufenthalt, weil Thaleb Mohammed der Meinung
+war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane weiter reisen, da je näher
+der algerinischen Grenze, desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun
+lebte ich noch in den Illusionen, wie man dieselben so häufig durch Bücher
+solcher Reisenden genährt bekommt, die nur einen oberflächlichen Blick in
+das Leben der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, wer mit einem
+Muselman aus Einer Schüssel gegessen habe, für heilig und unverletzlich
+gehalten werde. Zu der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des
+Gastrechtes. Und hierdurch unvorsichtig gemacht; liess ich eines Tages mein
+Geld sehen. Im Ganzen mochte ich ca. 60 französische Thaler haben. Aber
+auch für einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, welches ich
+den Schich bat, gegen französisches umzutauschen, da ich wusste, dass
+ersteres in Algerien keinen Cours hatte.
+
+Thaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augenblick an musste er auch schon
+den Entschluss gefasst haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die
+Rede davon eine Karavane abzuwarten, er meinte nun, mit Hülfe seines
+Dieners, der ganz gut als Führer würde dienen können, könne ich auch ohne
+Karavane die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa erreichen. Er fügte
+noch hinzu, ich könne mich vollkommen auf seinen Diener verlassen, und der
+Preis für das Führen, 8 Frcs., wurde von mir im Voraus bezahlt.
+
+Mit Freuden war ich auf den Voschlag [Vorschlag] eingegangen, denn nach
+mehr als zweijähriger Anwesenheit unter diesen durch ihre Religion
+verthierten Menschen hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter
+Civilisation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht auffällig, als Thaleb
+Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, da man in der Sahara ja so häufig
+die Nacht zu Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um vom Durste
+minder gequält zu werden.
+
+So machten wir uns Abends auf den Weg, der Führer, ein Diener und ich. Es
+hatte sich nämlich vom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der gegen
+Kost, aber sonst ohne Lohn, in ein Dienstverhältniss zu mir getreten war.
+Nach einem Marsche von etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines
+kleinen Flusses und machten von trocknen Tamarisken-Aesten ein hoch und
+hell loderndes Feuer an, welches der Führer besonders gut im Brennen
+unterhielt, um damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir gelagert wären.
+Mein Diener und ich beim Feuer ausgestreckt, waren bald eingeschlafen,
+ebenso schien der Führer sich der Ruhe hinzugeben. Ausser dass ich eine
+Pistole trug, hatte der Diener und ich keine Waffen, der Führer hatte einen
+Karabiner. Wie lange ich geschlafen, erinnere ich nicht. Als ich erwachte,
+stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende
+Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte
+aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern
+nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff mit der Rechten meine
+Pistole zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel meine rechte
+Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem
+linken Arm in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. Mein Diener
+rettete sich durch Flucht.
+
+Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit 9 Wunden,
+denn auch noch, als ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen,
+um mich ihrer Meinung nach vollkommen zu tödten, auf mich geschossen und
+eingehauen haben. Meine sämmtlichen Sachen, mit Ausnahme der
+blutdurchtränkten Kleider, hatten sie weggenommen. Obgleich das Wasser
+nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu
+entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles
+vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste.
+
+In dieser hülflosen Lage blieb ich zwei Tage und zwei Nächte. Halb war mein
+Zustand wachend, halb ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten
+Visionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und strengte nun alle Kräfte
+an, um sie herbeizurufen, aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte
+ich vollkommen abgeschlossen. Hauptsächlich quälte mich die fürchterlichste
+Angst von Hyänen oder Schakalen angefallen und lebendig verzehrt zu werden.
+Denn diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das Gebiet dieser
+feigen Raubthiere. Ich wäre ihnen eine vollkommen hülflose Beute geworden.
+
+Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen. War es diesmal Wirklichkeit,
+oder wieder Täuschung? Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein
+schwaches Rufen durch Winken, mit der Stimme. Es waren Marabutin der
+unfernen kleinen Sauya Hadjui. Ihre Freude mich lebend anzutreffen, war
+fast grösser als die meine. Ich stammelte nur "el ma, el ma!" (Wasser).
+Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude auch aufrichtig? Sie hatten eiserne
+Hacken auf der Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, aber
+hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand hergezogen, der jedenfalls
+ruchbar geworden war: nämlich dass man mir meine Kleidungsstücke gelassen
+hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer noch ein sehr kostbarer
+Gegenstand.
+
+Und nun erklärten sie zwar freundlichst mich retten zu wollen, aber sie
+müssten nach dem zwei Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf
+meines Transportes ein Maulthier zu holen. So entfernten sie sich wieder,
+und jetzt durchlebte ich erst die entsetzlichste Zeit.
+
+Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, kamen mir vor, wie eine
+nie enden wollende Ewigkeit. "Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben
+zu lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner Kleidungsstücke zu
+bemächtigen", das war der Gedanke, der fortwährend durchgedacht wurde,
+nachdem ich soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem Leben
+gekommen war. Wie konnte ich überhaupt nach einem solchen Mordversuche noch
+Glauben zu den dortigen Menschen haben.
+
+Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den Kopf zu erheben, ich sah
+ein starkes Maulthier, getrieben von mehreren Menschen, sich nähern, meine
+Retter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich auf das Thier, was
+keine Kleinigkeit war, da mein linker Arm nur noch an Haut und Muskeln
+hing, meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter Oberschenkel
+ebenfalls durchschossen war. Das Bluten hatte schon längst von selbst
+aufgehört, es mussten sich Pfröpfe gebildet oder die Ohnmachten das bewirkt
+haben.
+
+Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von Hadjui auftauchen sah, und
+doch wusste ich nicht, wie ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde
+aushalten können. Und die wenigen Palmen, die wenigen armseligen
+Häuser[146] schienen mir ein Paradies zu sein.
+
+ [Fußnote 146: Die Oase Hadjui ist nur eine ganz kleine von circa 100
+ Palmen bestandene Insel, mit etwa 50 Wohnungen.]
+
+Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der Oase gebracht. Das Haus
+Sidi-Laschmy's war aber keineswegs gross, es bestand aus einem
+Vorzimmer, Aufenthaltsort für das Maulthier, für einen Esel und zwei
+Ziegen, dann kam ein grösseres Gemach, das als Wohnzimmer für die ganze
+Familie und zugleich als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zimmer,
+Vorrathskammer, endlich waren oben zwei Mensa, d.h. Räumlichkeiten, die
+auf dem flachen Dache gebaut waren, und worin die beiden Brüder, denn
+Sidi-Laschmy bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd-er-Rhaman,
+mit ihrer resp. Frau schliefen. Man machte mir dicht neben der
+Feuerstelle mein Lager. Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas
+Mehlsuppe genossen hatte, nach einem Messer, und als man ein solches
+brachte, bat ich Sidi-Laschmy, mit einem herzhaften Schnitt meinen
+herabhängenden Arm abzuschneiden.
+
+Aber da kam ich schlecht an. "Das kann bei euch Christen Sitte sein," sagte
+der Marabut, "aber wir schneiden nie ein Glied ab, und da du, der Höchste
+sei gelobt, jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm behalten."
+Mittlerweile hatten sie auch schon aus Ziegenfell eine Binde genäht, in
+welche Stäbe aus Rohr, um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. Diese
+Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, und so eine Art festen Verbandes
+hergestellt. Der Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte man nicht
+vergessen gehabt, den Verband zu fenstern, so wäre er vollkommen gewesen.
+Die übrigen Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, welche von
+Butter, in welche man vorher Artemisia getaucht hatte, um sie aromatisch zu
+machen, durchtränkt war.
+
+Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als ich mich unter Dach und Fach
+wusste, zwar hart gebettet, denn ich lag auf Stroh und war nur mit
+Teppichen bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht wieder
+hergestellt zu werden und noch leben zu können. Man hatte mir meine
+Kleidung vom Leibe geschnitten, um das Blut heraus zu waschen, aber während
+der Zeit befand ich mich in Adam's Kleidern, denn die Leute waren so arm,
+dass sie mir keine anderen verschaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui
+einer der dürftigsten Oerter zu sein, die Leute der Oase waren aber auch
+die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so arm, dass sie in der ganzen
+Ortschaft nicht einmal Weizen hatten, aber im Glauben, ich dürfe ihre
+schwere Kost aus Gerstenmehl nicht geniessen, wurde für mich auf
+Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase gekauft. Auch Butter wurde für
+mich auf Gemeindekosten geholt, und die jungen Leute mussten dann und wann
+hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder wo möglich einen Strauss zu
+erlegen, damit ich animalische Kost bekäme. Es war rührend, wie die jungen
+Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir frisch aufgesprossene Gerste zu
+bringen. In dieser an Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Rüben, Zwiebeln
+und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Gartentrüchten [Gartenfrüchten]
+gerechnet werden, verschmäht man es nicht, das zarte Gras der Gerste zu
+geniessen.--Ja, fast erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre Güte:
+von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse Blutverlust nur durch grosse
+Quantitäten von Nahrung zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen
+beständig zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir grosse Klumpen
+Kuskussu in den Mund zu schieben, und ich, des Gebrauches meiner beiden
+Hände zu der Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen.
+
+Endlich nach langem Schmerzenslager, um so unangenehmer deshalb, weil ich
+keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise
+antreten. Die Wunden am Körper, an den rechten Hand, der Schuss durchs
+rechte Bein waren geheilt, der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar
+durch Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmknochen Festigkeit
+gewonnen, aber die Wunden waren offen und von Zeit zu Zeit eiterten
+Splitter[147] heraus.
+
+ [Fußnote 147: Erst im Jahre 1868 war der Arm vollständig geheilt,
+ nachdem ich stets mit offenen Wunden, die Reise nach dem Tschad-See
+ und die Expedition nach Abessinien damit zurückgelegt hatte.]
+
+Wir nahmen Abschied von einander und Sidi-Laschmy liess es sich nicht
+nehmen, mich bis zur grossen Ortschaft Knetsa zu begleiten. Auf dem Wege
+dahin haben die Beni-Sithe Minen mit Blei und Antimon, die sie bearbeiten.
+Knetsa mit einer Einwohnerschaft von ca. 5000 Seelen ist eine für dortige
+Gegend berühmte Sauya, indess ebenfalls nicht von Schürfa, sondern nur von
+Marabutin gegründet. Die Schichs Sidi Mohammed-ben-Abd-Allah und Sidi
+Ibrahim sind die ansehensten. Da ersterer sich in Fes befand, stieg ich bei
+letzterem ab, für beide hatte ich Empfehlungsschreiben von Mulei
+Abd-er-Rhaman-ben-Sïiman von Tafilet. Merkwürdigerweise hatte mir
+nämlich der Schich Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah von Boanan auf Bitten
+der Marabutin von Hadjui nicht nur meine Empfehlungsbriefe, sondern auch
+einen Theil meines Tagebuches zurückerstattet. Aber hartnäckig den
+Mordanfall läugnend, behauptete er, diese Gegenstände dort gefunden zu
+haben, leider waren Croquis, sowie Notizen über Einwohner, Einwohnerzahl
+der Ortschaften und eine ganze Reihe von Berge-, Flüsse- und Orts-Namen
+unwiederbringlich verloren.
+
+Ich wurde gut in Knetsa aufgenommen, aber auf meine Klage, mich zu
+unterstützen gegen Thaleb Mo-hammed-ben-Abd-Allah, erwiederte Sidi Ibrahim,
+Nichts thun zu können, da sie keine obrigkeitliche Regierung hätten. In der
+That ist in diesen Gegenden von Regierung und Obrigkeit keine Spur
+vorhanden, das Faustrecht in der ganzen primitiven Bedeutung des Wortes
+herrscht überall. Knetsa selbst liegt in einem breiten Ued gleichen Namens,
+der meist oberirdisch ohne Wasser ist, indess stöst [stösst] man in
+geringer Tiefe auf eine Schicht desselben.
+
+Nach einigen Tagen Aufenthalt vernahm ich, dass eine Karavane von Tafilet
+nach Tlemçen den westlich einen Tagemarsch entfernt sich erstreckenden
+Ued-Gehr passiren würde; mit mehreren Gefährten brachen wir also von
+Knetsa auf. Unsere Richtung war den ganzen Tag über westlich, und nach
+einem für mich entsetzlich mühevollen Marsche erreichten wir spät Abends
+den Gehr. Hätten an dem Tage die Gefährten mich nicht unterstützt, so
+wäre ich auf halbem Wege liegen geblieben; mein Schuhzeug war ganz
+zerrissen, meine Kräfte aber so wenig hergestellt, dass ich alle paar
+hundert Schritt ausruhen musste. Und am Gehr angekommen, erfuhr ich, die
+Karavane würde gar nicht nach Tlemçen gehen, sondern nach dem
+Ued-Ssaura. Ich musste also nach Knetsa zurück, aber bald darauf traf
+ich denn auch Leute, die nach der Oase Figig reisen wollten.
+
+Sobald man Tafilet hinter sich hat, hört die eigentliche Sahara auf. Man
+hat alle Tage Wasser, Flüsse, Brunnen und Ortschaften. Aber nirgends hat
+die Gegend einen eigenthümlicheren, wild durch einander gemischten
+Charakter wie hier. Selbst in Abessinien, obschon dort die Berge mächtiger
+und bedeutend höher sind, man aber nur Berge hat, giebt es kaum
+wunderlichere Formen. So sieht man auf dem Wege zwischen Hadjui und Knetsa
+einen Berg, der vollkommen die Gestalt einer Kirche mit daneben stehendem
+Thurm hat, senkrecht aus der Ebene hervorragen. Als ich von Weitem diese
+eigenthümliche Formation erblickte, glaubte ich zuerst, es sei eine alte
+kolossale Baute ehemaliger Christen. Hier ist denn auch die Heimath der
+Antilopen, Gazellen und Strausse, grössere reissende Thiere sind sehr
+selten, Hyänen, Füchse und Schakale häufig.
+
+Man braucht von Knetsa nach Figig drei Tagemärsche, die aber tüchtig
+gemessen sind. Meine Gefährten gingen indess nur bis zum Orte
+Bu-Schar[148], einer kleinen Oase am Flusse gl. N., von den Uled Djerir
+bewohnt. Die Bu-Schar-Oase hat ausserdem noch zwei kleinere Ksors. Ich
+glaubte schon zu einem längeren Aufenthalte verdammt zu sein, als sich
+ein Mann erbot, mich nach Figig bringen zu wollen, gegen den geringen
+Lohn von einem (französischen) Thaler. Er hatte den Empfehlungsbrief des
+Scherif-Prinzen von Tafilet an Schich Humo-ben-Taher von Figig gelesen
+und meinte, der würde den Thaler zahlen. Mit diesem guten Manne, der
+noch dazu einen Schlauch Wasser und einige Lebensmittel trug, brach ich
+auf. Nach zwei harten Tagemärschen sahen wir die dichten Palmwälder der
+Oase Figig vor uns. Es ist dies die letzte Oase nach dem Norden zu,
+deren Datteln noch gesucht werden; alle von hier an nördlich gelegenen
+Oasen produciren wohl noch Datteln, jedoch von geringerer Güte. Renou t.
+IX, p. 120 führt nach Carette noch Figig als eine von "Berbern bewohnte
+Stadt mit 400 bis 500 Häusern oder 2000 bis 2500 Einwohnern" an. Figig
+ist kein Ort oder keine Stadt, sondern eine ziemlich grosse, 3 bis 4
+Stunden im Umfange haltende sehr fruchtbare Oase, mit acht Ksors, die
+alle befestigt sind, und fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den
+auswärtigen Ortschaften oder unter sich selbst sind. Der Hauptort heisst
+Snaga, im SO der Oase gelegen, hier residirte auch Schich
+Humo-ben-Taher. Von den anderen Orten kann ich Maise, dann
+Hammam-Tachtani und Hammam-Fukkani (oberes und unteres Bad) nennen. Der
+Name deutet schon an, dass hier Thermalen sind, denn unter Hammam
+versteht der Araber immer "heisses Bad." Es dürfte wohl nicht
+übertrieben sein, wenn wenn [wenn] man die Gesammtbevölkerung der Oase
+Figig auf 10,000 Seelen annimmt. Auch Juden wohnen in Snaga und Maise.
+Die Oase producirt ausser der Dattel sämmtliche Früchte der
+Mittelmeerzone. Der Handel ist sehr lebhaft, Araber-Nomaden, besonders
+aus Algerien bringen Butter, Oel, Felle, Wolle, Schafe, Ziegen und
+Getreide, und holen dafür Pulver, Kleidungsstücke, Datteln, Waffen und
+Sklaven.
+
+ [Fußnote 148: Ort, von Moula-Ah'med auf seiner Pilgerreise erwähnt.
+ S. Renou.]
+
+Leider konnte ich mein Versprechen, dem Führer einen Thaler zu geben, nicht
+halten. Schich Humo-ben-Taher nahm mich zwar sehr freundlich auf, aber
+einen harten Thaler für mich auszugeben, dazu war er nicht zu bewegen.
+Statt dessen rief er den armen Kerl, und ertheilte ihm seinen Segen, er
+meinte der Segen würde besser sein, als Geld. Betrübt schlich der arme Mann
+von dannen, er nahm selbst Abschied von mir ohne Fluch und Verwünschung,
+meinte nur, wenn ich das Geld gehabt hätte, würde ich ihn wohl belohnt
+haben. Und darin hatte er nicht Unrecht, denn als ich später auf meiner
+zweiten Reise in der heiligen Stadt Uesan mit ihm zusammentraf, konnte ich
+ihm reichlich sein mir erwiesenes Gute zurückerstatten.
+
+Von Figig bis zur französischen Grenze hat man noch einen starken
+Tagemarsch, nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Snaga brach ich mit einer
+grossen Karavane von Algerinern auf und mit Isch hat man die Grenze des
+Gebietes, das dem Namen nach zu Marokko gehört, hinter sich, und bald
+darauf ist man auf französischem Grund und Boden.
+
+Ehe ich aber über Ain-Sfran, Schellala etc. und durch zahlreiche Duars
+nomadisirender Araber kommend, Géryville, die südwestlichste von den
+Franzosen besetzte Stadt, erreichte, vergingen noch saure, mit starken
+Anstrengungen verknüpfte Tage.
+
+Mit Géryville aber hatten meine Leiden ein Ende. Herr Burin, Commandant des
+Ortes, dann der dortige Militairarzt, nahmen mich mit der offensten
+Gastfreundlichkeit auf, wochenlang wurde ich dort aufs liebevollste im
+Hospitale der Garnison verpflegt, und bald darauf bekam ich Briefe aus der
+Heimath, mein ältester Bruder Dr. Hermann schickte die Mittel zur
+Weiterreise, und als ich dann, kurze Zeit später, in Algier selbst
+anlangte, brachte nach einigen Tagen der Dampfer eben diesen Bruder, der
+die weite Reise von Bremen nicht gescheut hatte, "den Wiedergefundenen" an
+sein treues Herz zu drücken.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mein erster Aufenthalt in Marokko und
+Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet., by Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFENTHALT IN MAROKKO ***
+
+***** This file should be named 15890-8.txt or 15890-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/5/8/9/15890/
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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