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+Project Gutenberg's Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band., by Emil Holub
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band.
+ Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von
+ den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879).
+
+Author: Emil Holub
+
+Release Date: May 7, 2005 [EBook #15787]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIEBEN JAHRE IN SÜD-AFRIKA. ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide and the Online Distributed
+Proofreading Team. This file was produced from images
+generously made available by the Bibliothèque nationale
+de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
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+
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+[Anmerkung des Bearbeiters: Die folgenden Ersetzungen wurden für
+diakritische Zeichen im Originaltext vorgenommen:
+
+a mit Makron: [=a]
+o mit Makron: [=o]
+ng mit Breve: [)ng]
+e mit Breve: [)e]]
+
+
+
+Sieben Jahre in Süd-Afrika.
+
+Erster Band.
+
+[Illustration: Emil Holub.]
+
+Sieben Jahre in Süd-Afrika.
+
+Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den
+_Diamantenfeldern_ zum _Zambesi_ (1872-1879).
+
+Von
+
+_Dr. Emil Holub._
+
+Wien, 1881.
+
+Alfred Hölder,
+k. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler
+Rothenthurmstraße 15.
+
+ * * * * *
+
+Mit 235 Original-Holzschnitten und vier Karten.
+
+ * * * * *
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+Seiner
+
+_Apostolischen Majestät_
+
+dem Kaiser und Könige
+
+_Franz Josef I._
+
+in tiefster Ehrfurcht gewidmet
+
+vom
+
+Verfasser.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+Mein Scherflein zu dem großen Werke der Erschließung und Durchforschung
+Afrika's beitragen zu können, war mein seit früher Jugend gehegter und
+stets genährter Wunsch. Als ich während meiner Studienjahre bei der
+Lectüre der Reisewerke über den dunklen Erdtheil so selten den Namen
+österreichischer Reisenden begegnete, traten die Umrisse meines
+Reiseplanes immer schärfer hervor und als ich im Jahre 1872 an der
+Schwelle der Verwirklichung meines sehnlichsten Wunsches stand, war mein
+Entschluß gefaßt. Süd-Afrika war das Feld, auf dem ich der Wissenschaft
+und meinem Vaterlande ersprießliche Dienste zu leisten hoffen durfte.
+
+Wie wechselvoll auch die Schicksale waren, welche mich während meines
+siebenjährigen Aufenthaltes in Süd-Afrika trafen, ich behielt unverwandt
+die mir selbstgestellte Aufgabe im Auge und was die beschränkte Kraft
+und die Mittel eines Einzelnen vermochten, habe ich zu leisten redlich
+mich bemüht. Dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen einer Reihe
+hochherziger Männer gelang es mir, manches Hinderniß glücklich zu
+besiegen, meine Sammlungen durch manches werthvolle Object zu
+vervollständigen.
+
+Zum dritten Male aus dem Innern Süd-Afrika's in die Diamantenfelder
+zurückgekehrt, wurde ich wiederholt von meinen südafrikanischen Freunden
+um die Veröffentlichung meiner Reise-Erlebnisse ersucht. Da ich mich
+jedoch mit aller Kraft der Ausübung meiner ärztlichen Praxis zuwenden
+mußte, um die Mittel für meine Rückkehr nach Europa zu gewinnen, war es
+mir nicht möglich, die Bearbeitung meines Materials für das Erscheinen
+in Buchform in Angriff zu nehmen. Ich mußte mich vielmehr darauf
+beschränken, in mehreren südafrikanischen Zeitungen fragmentarische
+Mittheilungen über die bereisten Gegenden zu veröffentlichen.
+
+Nach Europa zurückgekehrt, wurde ich schon in London um die Publication
+meiner Arbeiten angegangen und so war es meine Absicht--nachdem ich die
+Heimat wiedergesehen--meine Gesammt-Erfahrungen, sowohl die
+Reise-Erlebnisse als auch die wissenschaftlichen Resultate (letztere
+unter Beihilfe von Fachmännern) herauszugeben, wobei mir die Form des
+Werkes über die Novara-Reise als Richtschnur vorschwebte.
+
+Um jedoch diesen Plan selbst in beschränkterem Umfange durchzuführen,
+hätte es eines mindestens dreijährigen Aufenthaltes in Europa bedurft,
+während ich mich aus mehrfachen Gründen veranlaßt sehe, noch im Laufe
+dieses Jahres nach Afrika zurückzukehren und meine Forschungen
+fortzusetzen. Dies bewog mich, den Wünschen zahlreicher Freunde
+nachzugeben, die wichtigeren Erlebnisse während meines siebenjährigen
+Aufenthaltes in Süd-Afrika in diesem Buche dem Leser vorzuführen und
+dabei nur hie und da wissenschaftliche Gebiete zu berühren, während die
+specielle Bearbeitung des in diese gehörigen reichen Materials im
+Vereine mit hervorragenden Fachmännern erfolgen soll.
+
+Ich kann es nicht unterlassen, _meinem geschätzten Verleger_ an dieser
+Stelle für die eben so reiche und würdige Ausstattung meines Buches und
+die dafür gebrachten Opfer meinen wärmsten Dank zu zollen. Auch halte
+ich es für meine Pflicht, meinem lieben Freunde Dr. _Chavanne_ für seine
+Mitwirkung, sowie Herrn _Ronniger_ für die meinem Werke gewidmete
+Sorgfalt auf das Herzlichste zu danken.
+
+An den Wunsch, daß mein Werk dazu beitragen möge, das Interesse für die
+Erforschung und Erschließung des »schwarzen Continents« in Europa zu
+mehren, knüpfe ich die Hoffnung, daß es mir gegönnt sein werde, nach
+Jahren dem Leser weitere Schilderungen aus Süd-Afrika, wie auch Neues
+über diesen »Continent der Zukunft« zu bieten.
+
+Wien, Pavillon des Amateurs, September 1880.
+
+Emil Holub.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+I. Auf der Fahrt nach dem Cap.--Die Capstadt.--Port Elizabeth
+
+II. Meine Reise nach den Diamantenfeldern
+
+III. Die Diamantenfelder.
+
+Leben und Freuden in meiner ärztlichen Praxis.--Ein nächtlicher
+Ueberfall.--Dutoitspan und Kimberley.--Diggerverfahren.--Panorama der
+Kopje.--Morgenmarkt.--Meine erste Pavianjagd.--Vorbereitungen zur ersten
+Reise.
+
+_Meine erste Reise in das Innere von Süd-Afrika._
+
+IV. Von Dutoitspan nach Lekatlong.
+
+Meine Reisebegleiter.--Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter
+Zugthiere.--Aufbruch aus den Diamantenfeldern.--Trostloser Zustand der
+Wege.--Südafrikanischer Vorspann.--Old de boers-Farm.--Bismarcks
+Retreat.--Der Vaal-River und sein Thal.--Ein Besuch in Korannadorfe
+bei Pniel.--Bauart der Korannahütten.--Sociale Zustände
+unter den Koranna's.--Vorschläge und Mittel zur Besserung
+derselben.--Freimaurerthum unter den Koranna's.--Ein gefährlicher
+Nachtmarsch zum Vaal-River.--Klipdrift.--Racenunterschiede zwischen
+Koranna's und Betschuana's.--Das Innere der Korannahütten.--Die
+River-Diggings am Vaal.--Die Fauna des Vaal-Thales.--Eine
+Krankenordination in Klipdrift.--Gong-Gong, Waldeks-Plant und der
+Fly-Dyamond.--Eine desolate Straße.--Die Holitzer Schlucht.--Die Cobra
+capella und ihre Gefährlichkeit.--Ringhalsschlangen.--Im Schlamme des
+Harts-River versunken.--Ankunft in Lekatlong.
+
+V. Von Lekatlong nach Wonderfontein.
+
+Batlapinenleben.--Webervögel und ihre
+Nester.--Zuckerrohr-Pflanzungen.--Spitzkopf.--Mitzima's Dorf.--Schlauheit
+der Batlapinen-Weiber.--Termitenbauten.--Reisende Batlapinen.--In
+Lebensgefahr.--Springbockfontein.--Transvaal-Emigranten.--Gassibone und
+seine Residenz.--Tauschhandel.--Wanderheuschrecken.--Ein seltsamer
+Labetrunk.--Am Vaal-River.--Wasser- und Land-Leguane.--Christiana, die
+westlichste Transvaal-Stadt.--Einfache Rechtspflege.--Landschaftlicher
+Contrast der beiden Vaalufer.--Bloemhof.--Ein gefährlicher Nachtmarsch
+bei Gewittersturm.--Waidmanns Eldorado.--Königskraniche.--Gnu
+und Bläßbock.--Romberg's Farm.--Von schwarzen Gnu's
+überrascht.--Hühnervögel.--Klerksdorp.--Potschefstroom.--Das
+Moi-Riverthal.--Geognostische Entdeckungen.--Wonderfontein und seine
+Grotten.
+
+VI. u. VII. Rückreise nach Dutoitspan.
+
+Wolmaran's Farm.--Ein junger Boer.--Tabakbau im Moi-Riverthale.--Ueppige
+Vegetation.--Optische Täuschung.--Transportkosten und
+Schwierigkeiten.--Gestörte Mahlzeit.--Ein Hinterhalt.--Farm
+Rennicke.--Eine Vogel-Colonie.--Gildenhuis.--Eine Löwenjagd an den
+Maqwasi-Höhen.--Gekränkte Hottentotten-Ehre.--Auswanderer nach den
+Leydenburger Goldfeldern.--Hallwater Farm und Saltpan. (Vermeintliche
+Ruinen von Monopotapa.)--Batlapinen-Gerichte.--Eine unliebsame
+Entdeckung.--Hebron.--Ostersonntag im Vaal-River.--Ankunft in
+Dutoitspan.
+
+_Zweite Reise in das Innere von Süd-Afrika._
+
+Nach Musemanjana--Moschaneng--Molopolole--Schoschong--und Rückkehr über
+Linokana nach den Diamantenfeldern.
+
+VIII. Von Dutoitspan nach Musemanjana.
+
+Vorbereitungen und Ausrüstung zur Reise.--Meine diesmaligen
+Reisegefährten.--Aufbruch von Dutoitspan.--Klipdrift.--Platberg in
+Gefahr.--Diamantenfund.--Afrikanische Wegmauth.--Hebron.--Wassermangel.
+--Ein Grasbrand auf der Hochebene.--Hartebeest-Antilopen.--Ein theuerer
+Labetrunk.--Gassibone's Kraal.--Nigers Abenteuer mit einer Cobra.--Taung.
+--Ein holländischer Schmied.--Reverend Brown und die Missionsstation
+in Taung.--Maruma.--Monkey's Freuden und Leiden.--Eine dornenvolle
+Jagd.--Billige Diamanten.--Von Pavianen genarrt.--Unser Empfang in
+Musemanjana.
+
+IX. Von Musemanjana nach Moschaneng.
+
+Aufbruch nach Moschaneng.--Quaggaflats.--Hyänenjagd bei
+Mondschein.--Makalahari-Reiter.--Konana.--Barolongenstolz.--Acht
+Löwen.--Eine Begegnung mit Löwen am Setlagole.--Thierleben auf der
+Hochebene.--Gnujagd bei Nacht.--Boly verirrt sich.--Zebrajagd.
+Skeletthügel.--Eine abenteuerliche Gansjagd.--Südafrikanischer
+Frühling.--Am Ufer des Molapo.--Molema's Town.--Rev. Webb und die
+Mission daselbst.--Chef Molema.--Kranken-Ordination.--Siedelsperlinge.
+--Huß-Höhe.--Ankunft vor Moschaneng.--Hohe Gäste.
+
+XI. Von Moschaneng nach Molopolole.
+
+König Montsua und das Christenthum.--Die Wesleyan-Mission in
+Moschaneng.--Besuch am Wagen.--Meine ärztliche Praxis in
+Moschaneng.--Merkwürdige Termitenbauten.--Ein Intermezzo bei unserer
+Abreise.--Das Banquaketse-Hochland.--Anzeichen tropischer
+Vegetation.--Hyänenhunde.--Pittoreske Landschaftsscenerien an den
+Naprstek-Höhen.--Beleuchtungseffecte auf der Hochebene.--Ruinen von
+Mosilili's Stadt.--Klippdachsjagd.--Grasbäume.--Ein Thari.--Molopolole.
+
+XI. Von Molopolole nach Schoschong.
+
+Malerische Lage der Stadt.--Rev. Price und Williams.--Die
+Kotla.--Ausflug in die Molopolole-Schlucht.--Ein Festtag für
+Molopolole.--Missionärs-Laufbahn in Süd-Afrika.--Empfang bei
+Seschele.--Die Bakwena's.--Geschichte des Bakwena-Reiches.--Königin
+Ma-sebele und Kronprinz Sebele.--Religiöse Vorstellung
+derselben.--Raka's, Linjaka's und Moloi.--Heilmethode und Heilmittel
+derselben.--Beschwörung Khama's.--Regenmacher.--Aufbruch
+von Molopolole.--Ein dornenvoller Marsch.--Eingeborne
+Postboten.--Wassernoth.--In Lebensgefahr.--Barwa's und
+Masarwa's.--Abergläubische Gebräuche dieses Sclavenstammes der
+Betschuana.--Ihre Jagdlist.--Neujahrsfeier in der Wildniß.--Im
+Bakwena-Lande verirrt.--Von Masarwa's gerettet.--Ein merkwürdiger
+Fund.--Begegnung mit Leoparden.--Ein besorgter Vater.--Einzug in
+Schoschong.
+
+XII. Von Schoschong zurück nach den Central-Diggings.
+
+Lage und Bedeutung Schoschongs.--Unser Empfang daselbst.--Rev. Mackenzie
+und die Mission der London Missionary Society.--Geschichte der
+Bamangwato's und ihres Reiches.--Sekhomo und Khama.--Sekhomo's
+Rath.--Sitten und Gebräuche der Betschuana (Schluß).----Die Circumcision
+und Boguera.--Die Kotla in Schoschong.--Die Breiprobe.--Aufbruch von
+Schoschong.--Das Fasanhuhn.--Khama's Salzsee.--Elephantenspuren.--Die
+Buffadder.--Die Dornfelder im Limpopothale.--Ein Löwe und die
+Hundemeute.--Ein seltener Anblick.--Zu Tode erkrankt.--Tschune-Tschune.
+--Die Dwarsberge und der Schweinfurth-Paß.--Brackfontein.--Eine
+sonderbare Elephantenjagd.--Linokana.--Rev. Jensen und die Hermannsburger
+Mission.--Die Baharutse und ihr Ackerbau.--Zeerust und der
+Marico-District.--Das Hooge Veldt.--Potschefstroom.--Die Elephantenjäger
+David Jakob und Viljeon.--Die Quarzitwälle am Klip-Port.--Trennung von
+meinen Gefährten.--Ankunft in Dutoitspan.
+
+XIII. Dritter Aufenthalt in dem Diamantenfeldern
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Inhalt des Anhangs.
+
+
+ 1) Museum in Capstadt und botanische Gärten Süd-Afrika's
+ 2) Der Hafen Port Elizabeth, Ausfuhr und Zoll-Einnahmen
+ 3) Grahamstown
+ 4 und 5) Cradock
+ 6) Colesberg
+ 7) Jagersfontein
+ 8) Anlage eines kleinen Thiergartens
+ 9) Salzpfanne an der Hallwaterfarm. Vermeintliche Ruinen von Monopotapa
+10) Heilung einer Kehlkopfwunde
+11) Gassibone und sein Gebiet
+12) Die Batlapinen und die Boers
+13) Mankuruana's Reich
+14) Diebstähle in den Diamantenfeldern
+15) Ethnographische Verhältnisse zwischen dem Harts- und Vaal-River
+16) Konana
+17) Carossen
+18) Aerztliche Praxis in Moschaneng
+19) Der Caracal
+20) Ruinen von Mosilili's Stadt
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Karten.
+
+
+_Uebersichtskarte_ von Dr. Holub's Reisen in Süd-Afrika.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Verzeichniss der Illustrationen.
+
+
+ Porträt des Verfassers (Titelbild)
+ 1. Ansicht von Funchal
+ 2. Capstadt
+ 3. Schlucht am Abhange des Tafelberges
+ 4. Elephantengruppe, Nachts am Zondags-River
+ 5. Termitenhaufen
+ 6. Euphorbiaceen-Bäume
+ 7. Springbockjagd bei Colesberg
+ 8. Antilopenfalle
+ 9. Gegend bei Cradock
+ 10. Fahrt in die Diamantenfelder
+ 11. Hotel am Riet-River
+ 12. Nächtlicher Ueberfall
+ 13. Platz in Dutoitspan
+ 14. Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871
+ 15. Fördermaschinen in den Diamantengruben
+ 16. Kimberley
+ 17. Kaffer, Schafe hütend
+ 18. Trunk aus einer Sumpflache
+ 19. Pavianjagd
+ 20. Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872
+ 21. Vorspann in Süd-Afrika
+ 22. Korannagehöfte im Hart-Riverthale
+ 23. Koranna
+ 24. Inneres einer Korannahütte
+ 25. Kranken-Ordination in Klipdrift
+ 26. Batlapinenknaben den Kiri werfend
+ 27. Batlapine
+ 28. Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta)
+ 29. Mamba auf der Lauer
+ 30. Im Schlamme des Harts-River versunken
+ 31. Ackerbau bei den Batlapinen
+ 32. Tauschhandel am Wagen
+ 33. Nest des Webervogels
+ 34. Reisende Batlapinen
+ 35. Unfall im Hart-Riverthale
+ 36. Mein Gesandter bei König Gassibone
+ 37. Batlapinen bei der Arbeit
+ 38. Gefährlicher Nachtmarsch
+ 39. Lager am Bamboesspruit
+ 40. Rückkehr von der Gnujagd
+ 41. Von schwarzen Gnu's überrascht
+ 42. Nachtlager
+ 43. Felsentrichter
+ 44. Grotte von Wonderfontein
+ 45. Junger Boer
+ 46. Jagd auf Zibethyänen am Klipspruit
+ 47. Verlassener Jagdplatz
+ 48. Eine Vogel-Colonie
+ 49. Löwenjagd in den Maqwasibergen
+ 50. Hallwater-Farm
+ 51. Koranna
+ 52. Von der Arbeit heimkehrende Batlapinen
+ 53. Ostersonntag im Vaal-River
+ 54. Aus den Diamantenfeldern heimkehrende Basuto's begegnen dahinwandernden
+ 55. Schlußvignette
+ 56. Titelbild zur zweiten Reise in das Innere von Süd-Afrika
+ 57. Ein Broddieb
+ 58. Platbergs Befreiung aus dem Schlamme des Vaal
+ 59. Grasbrand auf der Hochebene
+ 60. Hartebeest-Gazellen
+ 61. Kopf der Hartebeest-Gazelle (Antilope caama)
+ 62. Ersehnter Labetrunk
+ 63. Niger und Cobra
+ 64. Bei Taung um Branntwein bestürmt
+ 65. In Dornen gefangen
+ 66. Billige Diamanten
+ 67. Von Pavianen überrascht
+ 68. Erschreckte Paviane
+ 69. Musemanjana
+ 70. Empfang in Musemanjana
+ 71. Barolongmädchen Heuschrecken sammelnd
+ 72. Hyänenjagd
+ 73. Von acht Löwen überrascht
+ 74. Jochom-Makalahari einen Bläßbock jagend
+ 75. Erzählender Barolonge
+ 76. Der Betschuana findet seinen zerfleischten Bruder
+ 77. Wild auf den Quaggaflats
+ 78. Gnujagd bei Nacht
+ 79. Verlassener Jagdplatz der Barolongen
+ 80. Barolongen Zebra's jagend
+ 81. Pürsch auf egyptische Wildgänse
+ 82. Feldapotheke
+ 83. Die Ueberbringer der Arznei
+ 84. Nest des Siedelsperlings
+ 85. Auffangen von Regenwasser
+ 86. Wald am Fuße der Malau-Höhen
+ 87. Königliche Besucher
+ 88. Barolongfrauen aus Moschaneng
+ 89. Klippdachsjagd
+ 90. Naprstek-Höhen
+ 91. Wolfshyänen eine Viehheerde überfallend
+ 92. Afrikanischer Luchs
+ 93. Termitenhügel
+ 94. Bei König Seschele
+ 95. Regenbeschwörer
+ 96. Die Beschwörung Khama's
+ 97. Pit, der Griqua, entdeckt Leopardenspuren
+ 98. Eingeborne Postboten
+ 99. Scene aus dem Leben der Masarwa's
+100. Flüchtender Leguan
+101. Trocknen von Giraffenhäuten
+102. Masarwa's am Feuer
+103. Anschleichende Masarwa's
+104. Neujahrstafel im Urwalde
+105. Verirrt
+106. Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl
+107. Trinkende Masarwa's
+108. Begegnung mit einem Leoparden
+109. Bamangwatoknabe
+110. Frauenschürzen der Bamangwato's
+111. Bamangwatohütten in Schoschong
+112. Kotla in Schoschong
+113. Bamangwatohaus
+114. Sekhomo und sein Rath
+115. Flucht auf die Berge
+116. Korngefäße der Bamangwato's
+117. Staatskleid eines Bamangwato
+118. Züchtigung der Knaben
+119. Bamangwatomädchen zur Boguera bekleidet
+120. Khama's Salzsee
+121. Löwe von Hunden umringt
+122. Elephant und Boer
+123. Buysport, Felsenthor im Bushveldt
+124. Baharutse Wasser schöpfend
+125. Scene aus dem Leben der Baharutse
+126. Südafrikanische Trappe
+127. Tschukuru, Häuptling der Baharutse
+128. Missionshaus in Molopolole
+129. Koles-Kopje im Jahre 1875
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Errata.
+[Anmerkung des Bearbeiters: Die Errata wurden in diesem Text korrigiert.]
+
+
+Seite 12 Zeile 1 von oben lies 16 statt 6.
+" 14 " 2 " " " Salt-River statt Liesbeekfluß.
+" 18, 20, 21, und 28 " Bakensfluß statt Bakerfluß.
+" 48, Zeile 5 von oben " Steinhäuschen statt Holzhäuschen.
+" 52, 56, und 73 " Jagersfontein statt Sagersfontein.
+" 69 Zeile 5 von unten " flea statt flie.
+" 71 " 4 " " " Botlaros statt Botlaris.
+" 74 " 16 " " " Diggers statt Diggings.
+" 83 " 2 " " " buyers statt keepers.
+" 89 und 92 " Krichofarm statt Krikofarm.
+" 113 Zeile 7 von oben " Nomansland statt Normannsland.
+" 134 " 14 " unten " 3 statt 83.
+" 136 " 14 " oben " Alluvial Periode statt Kreideperiode.
+" 136 und 137 Zeile 2 von unten lies Cobra statt Mamba
+" 138 Zeile 8 und Seite 139 Zeile 14 von oben lies Cobra statt Mamba.
+" 142 " 12 " 17 von oben lies Harts-River statt Vaal-River.
+" 144 lies: Im Schlamme des Harts-River statt Vaal-River.
+" 149 Zeile 1 von unten lies Fingo's statt Betschuana's.
+" 141 " 5 " oben " Kafirkorn statt Kaffee, Korn.
+" 151 " 2 " unten " 12-25 Ctm. statt 12-15 Ctm.
+" 173 " 2 " " " Schalenüberreste statt Schneckenüberreste.
+" 188 " 3 " " " Waggonhoutbaumes statt Waggonboutbaumes.
+" 199 " 11 " " " Bluebusches statt Bluebustes.
+" 200 " 3 " " " Jadgspruit statt Sagospruit.
+" 231 " 3 " oben " banje statt lantsch.
+" 235 " 13 " unten " dreiseitig statt vierseitig.
+" 334 " 7 " oben " (Tukans) statt (Zulies).
+" 460 " 6 " " " unbedeutend statt ziemlich.
+" 465 " 7 " " " ersteren statt letzteren.
+" 469 " 6 " " " Banquaketse statt Bakwena.
+" 521 " 16 " unten " Geologie statt Geschichte.
+" 521 " 4 " " " 1/10 Gramm statt ½ Gramm.
+" 521 " 3 " " " Tinctura Aconiti Napellus statt Aconiti a
+ Napellus.
+" 523 " 13 " " " dieser Reiche statt dieses Reiches.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+I.
+
+Auf der Fahrt nach dem Cap.--Die Capstadt.--Port Elizabeth.
+
+
+Neues frisches Leben durchrieselt unser ganzes Sein, alle körperliche
+und geistige Lethargie ist mit einem Zauberschlage regster Beweglichkeit
+gewichen, wenn nach mehrwöchentlicher Seefahrt, von Southampton nach
+Süd-Afrika, und mag sie auch noch so glatt und angenehm verlaufen, der
+Capitän des Schiffes uns die frohe Botschaft von der Nähe des erwarteten
+Landes in wenigen trockenen Worten verkündet. Nicht ein, nein, zahllose
+Male stürmen wir aus dem comfortablen und luxuriös eingerichteten Salon
+der ersten Cajüte des imposanten Dampfers[1] auf das Deck, unsere Wangen
+sind geröthet, in unserem Auge scheint sich die Spannkraft des ganzen
+Nervensystems zu polarisiren, und mit fieberhafter Ungeduld spähen wir
+an den fernen Horizont, denn jeden Augenblick kann der Marsgast aus dem
+Mastkorbe das Erlösungswort »Land« auf das Deck herabrufen. Schon
+glauben wir den Gipfel eines hohen Berges über der Scheidelinie zwischen
+Ocean und dem unendlichen Luftmeere auftauchen zu sehen--doch nein--es
+ist die Mastspitze eines uns entgegen segelnden Fahrzeuges. Eine
+Täuschung, die durch die hochgespannte Erwartung doppelt bitter
+erscheint. Endlich ist es unläugbare Wahrheit, am südsüdöstlichen
+Horizonte zeichnet sich auf einer hellen, leichten Bank von Federwolken
+ein bläulicher, flacher Streifen ab, der von Minute zu Minute immer
+höher aus den Tiefen des Oceans aufsteigt. Es ist die Krone einer
+imposanten Felsenburg, jener steinerne Herold Afrika's der in der
+Entdeckungsgeschichte unseres Erdballs einen ewig denkwürdigen
+Wendepunkt bildet--der Tafelberg.
+
+ 1: Die Ueberfahrtsdauer von Southampton über Madeira nach der
+ Capstadt mit den Dampfern der beiden Concurrenz-Gesellschaften
+ »Union Steam Ship Company« und »Donald Currie & Cie.« ist in den
+ letzten Jahren bis auf 20 und 18 Tage abgekürzt worden.
+
+Dieses Gefühl der Sehnsucht nach festem Boden, es steigert sich aber bis
+zur peinlichsten Ungeduld, wenn das Schiff auf seiner langen Fahrt mit
+all' den Launen und Tücken des Ocean's zu kämpfen hat; wenn der Neuling
+zur See, anstatt alle jene originellen, wunderbaren Phänomene des
+Meeres, die prächtige unvergleichliche Erscheinung des Sonnen-Auf- und
+Untergangs, das Spiel in der Färbung des Himmels und Wassers, das
+possirliche Treiben der Delphine und fliegenden Fische zu bewundern,
+einem Gefangenen gleich in der engen Cajüte Schutz vor Sturm und Wetter
+suchen muß; wenn an Stelle der scheidenden Sonne, welche den weiten Plan
+mit leuchtenden Bändern flüssigen Feuers durchsetzt--ein Bild, das sich
+dem für Natur-Erscheinungen empfindlichen Gemüthe mit unauslöschlichen
+Zügen einprägt--die Windsbraut, dunkle regengeschwängerte Wolkenmassen
+in rasender Eile dahinjagt, wenn das Meer, anstatt in leicht
+gekräuselten, kosenden Wellen am Bug des Schiffes sich brechend, sich in
+seinem ganzen majestätischen Zorne zeigt, im Kampfe mit dem Erbfeinde
+die Wogen aufthürmt zu mächtiger Höhe und diese donnernd
+zusammenbrechen, daß fast dem Sturme davor bangt, wenn das mächtige
+Fahrzeug in allen Spanten und Fugen ächzt und stöhnt.
+
+So aber zeigte sich mir der Ocean: Von sechsunddreißig an Bord des
+»Briton« auf der Fahrt von Southampton über Madeira nach der Capstadt
+verlebten Tagen--26. Mai bis 1. Juli 1872--hatten wir mehr denn dreißig
+Tage stürmisches Wetter, volle vier Wochen litt ich an einer heftigen
+Dysenterie, welche meine Kräfte derart herabgebracht hatte, daß ich kaum
+mehr zu hoffen wagte, das Gestade Süd-Afrika's lebend zu erreichen. Bei
+einem solchen Körper- und dem damit verbundenen Seelenzustande werden es
+die geehrten Leser wohl leicht begreiflich finden, daß ich vor Begierde
+brannte, festen Boden unter mir zu fühlen, war doch dieser Boden mein
+heiß ersehntes Ziel, die Stätte, an der ich in jahrelanger Thätigkeit
+der Wissenschaft meine Kräfte zu widmen gedachte. Obwohl todtmüde,
+fühlte ich neue Kraft in meine Glieder dringen, als der Ruf »Land« in
+der zweiten Cajüte bekannt wurde, unverwandt prüfte ich den Horizont und
+wich nicht früher vom Platze, bis nicht der Tafelberg und seine beiden
+Genossen, der Löwenkopf zur Rechten und der Teufelsberg zur Linken,
+sowie die sich nach Süden dieser Gruppe anschließenden zwölf Apostel in
+ihrer ganzen Massenhaftigkeit mir vor Augen lagen.
+
+[Illustration: Ansicht von Funchal.]
+
+Bevor wir das Deck des »Briton« verlassen und den Fuß auf afrikanische
+Erde setzen, sei es mir gestattet, mit einigen Worten eines Erlebnisses
+an Bord desselben zu gedenken, das mir einen Vorgeschmack all' der
+Gefahren und Mühsale bot, die meiner auf meinen Reisen in Süd-Afrika
+harrten. Wir befanden uns am 20. Juni 1872 auf der Höhe von St. Helena,
+schon mehr als drei Wochen hindurch verfolgte uns ein so schlechtes
+Wetter, daß es schwer hielt, sich auf Verdeck zu erhalten. Durch die
+erwähnte Krankheit war ich sehr herabgekommen und je schwächer ich
+wurde, um so gedrückter schien mir die Atmosphäre in dem beengten Raum
+der zweiten Cajüte zu sein (meine Mittel erlaubten es mir nicht, einen
+Platz in der ersten Cajüte zu miethen). Als sich nun am genannten Morgen
+auffallende Athembeschwerden einstellten, nahm ich mir vor, mich mit
+Anwendung aller Kräfte (der Schiffsarzt lag am Delirium tremens
+darnieder und war mir somit ohne Nutzen) auf Verdeck zu schleppen, um
+die frische Luft einzuathmen. Mit unsäglicher Mühe erreichte ich das
+Vorderdeck (Vordercastell), mehrmals von dem Gischt der hoch
+aufschäumenden an den Bug des Schiffes unter Donnergetöse sich
+brechenden Wogen durchnäßt; die Erleichterung, welche die Luft der
+frischen Brise meiner Brust bot, war aber so verlockend, daß ich es
+nicht scheute, mich weiteren solchen Sturzbädern auszusetzen.
+
+Nach wenigen Minuten sah ich jedoch ein, daß hier nicht meines Bleibens
+war; von einer überschlagenden Sturzwelle auf's Neue überrascht und ganz
+durchnäßt erhob ich mich und über den Bug in die aufgeregte See
+blickend, überlegte ich eben, ob es wohl nicht gerathener schien, in die
+Cajüte zurückzukehren; in diesem Momente begegnete mein Auge aber schon
+einer Riesenwoge, die sich mauerartig vor dem Schiffe aufthürmte. Bevor
+ich mich noch bergen hätte können, hatte sich das Schiff in die Woge
+gebohrt, und während der Schiffsrumpf bei dieser Sturzwelle bis in's
+Innerste erbebte, begruben die überstürzenden Wassermassen für einen
+Augenblick das ganze Vorderdeck; in diesem kritischen Momente griffen
+meine Finger instinctiv in den gitterartig durchbrochenen Boden des
+Vordercastells und suchten dort Halt zu gewinnen, allein wie ein Span
+von der Kraft des niederstürzenden Wassers gehoben, wurde ich über Bord
+geschleudert. Da ich jedoch im Falle an die untere Querstange anschlug,
+wurde die Wucht desselben geschwächt, und statt hinaus in's Meer
+geworfen zu werden, fiel ich senkrecht an der Schiffswand herunter; das
+Symbol der Hoffnung, der mächtige Schiffsanker, wurde meine Rettung. Ich
+blieb zwischen einem seiner Arme und der Schiffswand hängen und konnte
+von dem herbeieilenden Hochbootsmann aus meiner immer noch sehr
+gefährlichen Situation befreit werden.
+
+Und nun zurück zum Tafelberge, der Hochwarte des Caplandes. Auf wenigen
+anderen Punkten des Küstenumfanges der einzelnen Continente ist die
+Bergform so bezeichnend für die Gestalt des ganzen Binnenlandes als
+hier. Am Fuße der drei zusammenhängenden Berge, des Tafel-, Teufel- und
+Löwenberges, dem Scheine nach an der gebogensten Stelle, einem der
+sichersten Plätzchen der Welt, gleichsam im Schutze dieser drei
+mächtigen Riesen lag mein erstes Reiseziel, breitet sich die Metropole
+Süd-Afrika's, die bevölkertste Stadt südlich des Zambesi, und die
+zweitbedeutendste Handelsstadt der englischen Colonien in Afrika aus.
+Obwohl ihr die Anmuth der Lage des sich an einer Berglehne
+terrassenförmig aufbauenden Hauptortes von Madeira, Funchal, den wir auf
+unserer Fahrt bewundern konnten, abgeht, bietet sie doch dem Fremden ein
+recht anziehendes Gesammtbild. Unwillkürlich bemächtigt sich des
+Fremdlings ein behagliches Gefühl der Sicherheit, wenn er, langsam dem
+Strande der Tafelbai folgend, sich der Capstadt nähert. Diese
+weißgetünchten, aus dem Grün der Straßenalleen und Gärten
+hervorgrüßenden Gebäude, hie und da von schlanken Thürmchen überragt,
+scheinen dem Fremdling Ruhe und Frieden nach den Stürmen des Meeres,
+ebenso wie nach jenen des Lebens zu bieten! Ein Ort des Friedens scheint
+es wie dazu erkoren. Allein wie so oft im Leben das dem Anscheine nach
+zweckmäßig Erscheinende sich oft bei näherer Untersuchung als das
+Gegentheil erweist, so ist auch dieser so geschützt erscheinende Ort,
+die Stadt wie die Bucht, zu manchen Jahreszeiten den heftigsten, rasch
+sich wiederholenden Stürmen ausgesetzt, welche die Stadt in eine
+Staubwolke hüllen; selbst bei ruhigem Wetter steigen durch den regen
+Verkehr aufgewirbelt dichte Staubmassen in die Höhe, daß man kaum auf
+hundert Schritte vor sich hinsehen kann, so daß alle halbwegs
+Vermögenden nur des Tags und ihrer Geschäfte halber sich in der Capstadt
+aufhalten, ihre Wohnungen jedoch außerhalb derselben in den am Fuße des
+Löwen- und Teufelsberges erbauten Ortschaften gewählt haben.
+
+Dieser Uebelstand, an dem die Capstadt leidet, dürfte wohl noch geraume
+Zeit ihr anhaften bleiben, da einerseits eine Abhilfe gegen die aus der
+Simonsbai hereinbrechenden Südoststürme nicht durchführbar ist,
+andererseits aber die Pflasterung der Straßen der Capstadt bisher noch
+nicht versucht wurde. Gegen die Tücken des Oceans, von deren
+erbarmungsloser Herrschaft die am Strande der Tafelbai zerstreuten
+Wracktheile stumme Zeugen sind, hat man sich besonders in den letzten
+sieben Jahren unter der Verwaltung des Gouverneurs Sir Bartle Frère
+durch die Anlage großer Hafen- und Schutzbauten zu wahren gewußt.
+
+Doch kehren wir zu meiner Ankunft zurück. Vorsichtig wurde unser Schiff
+in den damals (im Jahre 1872) noch ziemlich beengten Hafen mit Tauen
+hineinbugsirt. Am Ufer harrte eine dichte Menschenmenge, denn blos
+zweimal in einem Monate besuchte damals ein Postdampfer die Küste
+Süd-Afrika's--kein Wunder, daß ein von der am Fuße des Löwenkopfes
+erbauten Signalstation signalisirter Sendbote aus dem Mutterlande stets
+ein freudig erwartetes Ereigniß war (gegenwärtig gehen die Postdampfer
+wöchentlich nach der Colonie ab). Jene, die ihre Verwandten erwarteten,
+sowie Postbeamte mit einem Troß von Bedienten, um sofort die Post in
+Empfang zu nehmen, nebst einer großen Anzahl von Farbigen: Malayen,
+Hottentotten, Kaffern u.s.w., und zahlreiche Vertreter aus allen diesen
+Racen zusammengewürfelter Bastardtypen, die als Handlanger dem
+Ankommenden ihre Dienste anbieten, hatten sich am Hafendamme eingefunden
+und bildeten in ungezwungener Weise ein dichtes Spalier. Noch einige
+Minuten und der Dampfer hatte beigelegt; obwohl wir nur zwei Tage in
+Capstadt verbleiben sollten, um am dritten unsere Fahrt nach Port
+Elizabeth fortzusetzen, so eilte doch ein Jeder an's Land, um in dieser
+kurzen Zeit so gut als möglich die Capstadt kennen zu lernen. Der Hafen
+ist nach der Landseite von einer Mauer umgeben, innerhalb welcher ich in
+dunkelgraue Tuchkittel gehüllte und von bewaffneten Aufsehern überwachte
+Sträflinge die schweren Arbeiten, »hard labour«, zu denen sie
+verurtheilt waren, verrichten sah. Die schweren Ketten an den Füßen der
+meisten unter ihnen, schienen wohl unternommener Fluchtversuche wegen
+eine Verschärfung der Strafe zu sein.
+
+Nach einigen hundert am Strande zurückgelegten Schritten stoßen wir am
+Eingange in die Capstadt auf den Fischmarkt, dessen Eigenart schon aus
+beträchtlicher Entfernung penetrante Dünste verrathen und die es wohl
+gerathen hätten, den Fischmarkt in größerer Entfernung vor der Stadt
+anzulegen. Eine artenreiche Zahl von Seefischen wird hier mit Ausnahme
+des Sonntags von den malayischen Fischern täglich aufgestapelt, von
+Hummern wahre Berge, deren ganze Masse auch stets willige Abnehmer
+finden. Wer sein Geruchsorgan gegen die Ausdünstung des Marktes
+unempfindlich zu machen wüßte, hätte hier ein dankbares Feld für Studien
+nach jeder, insbesondere aber ethnographischer Richtung. Die seit
+Decennien eingewanderten Malayen sind ihrer mitgebrachten Tracht und
+ihren Gebräuchen treu geblieben. Sie kamen als Fischer, Maurer,
+Schneider und sind es auch geblieben, selbst zu gediegenen Rosselenkern
+haben sie sich in der neuen Heimat gebildet. Mit rothen Tuchlappen, die
+älteren mit riesengroßen, kegelförmigen aus Stroh, Schilf und
+Bambusgeflecht erzeugten Hüten gegen die Sonnenstrahlen geschützt und
+meist in weitbauschige Leinenhosen und -Hemden gehüllt, sehen wir die
+dunkelbraunen Gestalten der Männer in ihren Booten mit dem Ausleeren
+ihrer Fangbeute in Körbchen eifrig beschäftigt. Der Gesichtstypus ist
+flach, wenig ansprechend, doch das Auge verräth die tropische Heimat,
+namentlich ist es bei den Frauen groß und schön. Die Frauen, den Männern
+behilflich und lachend bald in der eigenen, bald in der holländischen
+Sprache den Beutezug besprechend, tragen grellfarbige Kopftücher und
+ebenfalls bauschige weiße Hemden und eine große Zahl von Röcken, deren
+Umfang an die Crinolinen-Mode erinnert. Zwischen den eifrig
+beschäftigten Männern und Frauen tummelt sich ihre schwarzköpfige
+Nachkommenschaft; die Mädchen, niedlichen Puppen gleich, in weißes
+Linnen, die Knaben in kurzen Jäckchen und Hosen gekleidet. Kaum halb
+erwachsen, sind sie schon bemüht, in ihrer Weise und nach besten Kräften
+die Eltern zu unterstützen und größere Fische nach dem Markte zu
+schleifen.
+
+[Illustration: Capstadt.]
+
+Wir verlassen den Fischmarkt und begeben uns durch eine der vielen
+parallel die Stadt durchkreuzenden Straßen nach dem durch Pinien
+umsäumten Paradeplatz. Im Innern der Stadt werden wir weniger von der
+Bauart der Häuser, von denen noch viele den alten holländischen Styl
+zeigen, als vielmehr von dem Treiben in den Straßen gefesselt, in denen
+die Eingebornen, welche hier jedoch als Mischrace überwiegen, das meiste
+Interesse des Fremden erregen. Sie sind als Lastträger, als Kutscher und
+Diener an jeder Ecke, in jedem Geschäfte und Hause vertreten. Malayen,
+Kaffern und Mischlinge liegen friedlich an derselben Ecke und suchen, wo
+sich ihnen ein »Job« (eine Arbeit) darbietet, das Höchste
+herauszuschlagen. Hat sich im Verlaufe meines siebenjährigen
+Aufenthaltes Manches im Aeußern der Stadt zum Vortheil geändert und ist
+auch für die Hebung der allgemeinen Bildung viel gethan worden, diese
+Schichte der Bevölkerung ist sich gleich geblieben in ihrer Rohheit,
+gewonnen haben ihre Mitglieder nur an Verschmitztheit und
+Unverschämtheit in ihren Forderungen. Malayen und jene der Mischlinge,
+die durch Vermögensverhältnisse oder in Bildungsanstalten eine bessere
+Erziehung erwerben konnten, machen einigermaßen eine Ausnahme.
+
+Die Mischlinge zeigen die mannigfachsten Nüancen der Hautfarbe, von
+einem leichten Stiche in's dunkle bis zu dunkelbraun; die schwarzen
+Gesichter gehören Kaffern und Eingebornen, die von der Ost- und
+Westküste und von St. Helena eingewandert sind.
+
+Capstadt ist der Sitz der höchsten englischen Behörde für Süd-Afrika,
+des _Commissioner for the Possessions and Dependencies in South Africa_,
+des ihm zur Seite stehenden Ministeriums, sowie des aus dem Ober- und
+Unterhause bestehenden Parlaments, ferner der Sitz eines anglikanischen
+katholischen Bischofs, die Stadt zählt sechzehn Kirchen (Bethäuser mit
+eingerechnet) und unter den Bewohnern, deren Mehrzahl Farbige sind,
+finden sich Bekenner aller erdenklichen Confessionen. Unter den Weißen
+überwiegt das holländische Element über die übrigen Vertreter
+europäischer Nationen, deren Rechte durch Consuln gewahrt werden; es
+sind dies meist Kaufleute, welche die Consulargeschäfte nebenbei
+besorgen. Nur Frankreich und Portugal sind durch _Consuls de carrière_
+vertreten.
+
+An der Spitze der jetzigen Regierung steht ein Mann, der sich das
+vollkommene Vertrauen der Colonisten erworben und zu den edelsten und
+einsichtsvollsten Gouverneuren gehört, die England je mit der Verwaltung
+seiner südafrikanischen Colonien betraut hatte. Viele der von Sir Bartle
+Frère eingeführten Neuerungen werden sich namentlich in der Zukunft
+ersprießlich erweisen.
+
+Von den öffentlichen Gebäuden können wir namentlich die Stadthalle, die
+Kirchen, das Gouvernements-Gebäude, das _Sailors Home_, die
+Militärgebäude, die Eisenbahnstation erwähnen; vor Allem aber verdient
+das Museumsgebäude mit dem Monumente Sir Grey's und mit dem angrenzenden
+botanischen Garten, von den, die Stadt nach der Seeseite hin schützenden
+Befestigungen, namentlich das terrassenförmig angelegte, steinerne
+Castell, in dem der Chef der Militärbehörde der Capstadt residirt, und
+welches gegenwärtig dem Zulukönig Ketschwaio zum provisorischen
+Aufenthalte angewiesen worden ist, erwähnt zu werden.
+
+Eine detaillirte Beschreibung der größten Stadt Süd-Afrika's würde zu
+weit führen und ich will mich nur auf einige wenige Objecte beschränken,
+und damit von der Metropole scheiden (siehe Anhang 1). Von den
+Bildungsanstalten der Hauptstadt ist namentlich das _South African
+College_ zu nennen, an dem Männer vortragen, die bereits als Gelehrte
+europäischen Ruf erlangt haben. Von den wissenschaftlichen
+Gesellschaften nimmt die _Philosophical Society_ den ersten Rang in
+Süd-Afrika ein. Sie hat Originalforschungen auf dem Gebiete aller
+Wissenschaften zum Zwecke. Der gegenwärtige Präsident der Gesellschaft
+ist der wohlbekannte Astronom Prof. Gill.
+
+Und nun wollen wir einen Blick auf die Umgebung der Capstadt werfen,
+deren Scenerie, sowohl dem von der See als auch aus dem inneren
+Hochlande Kommenden den freundlichsten Eindruck macht und der Hauptstadt
+einen besonderen Reiz verleiht. Nähern wir uns der Stadt von der hohen
+See, so fallen uns schon aus großer Entfernung zahlreiche weiße
+Pünktchen auf, welche sich am Fuße des langgestreckten Löwenkopfes längs
+der See hinziehen, sie entpuppen sich in der Nähe als Villen, die aus
+den im prächtigsten Grün strotzenden Gärten hervorlugen und sich am Fuße
+der hier mit einem Grasteppich bedeckten Hügel, dort schroff abfallenden
+Felsenhöhe ungemein reizend und malerisch ausnehmen. Ein Tusculum der
+wohlhabenden Bewohner der Capstadt, besonders der Handelsherren,
+verbindet eine Pferdebahn, welche von 6 Uhr Morgens bis 10 Uhr Nachts in
+Betrieb gesetzt ist, diese Vorstadt mit der Metropole. Der von der Stadt
+entfernteste, nach der hohen See zu liegende Theil dieser Vorstadt wird
+Sea-Point, der näherliegende, mit ihr zusammenhängende Green-Point
+genannt. Da, wo sie sich vereinigen, finden sich die Friedhöfe, von
+denen jener der Europäer den stillen Cypressengärten Madeira's gleicht,
+während die höher am Bergabhange liegenden Friedhöfe der Eingebornen,
+namentlich die Begräbnißstelle der mohamedanischen Malayen mit ihren
+zahlreichen mit Inschriften versehenen Grabsteinen für den Ethnographen
+großes Interesse bieten. Neben den auf dunklen Schiefertafeln
+eingegrabenen Inschriften sind diese Gräber blos mit aus Papier
+geschnitzten und von Zeit zu Zeit erneuerten Blumen geschmückt.
+
+Gewährt schon der Fuß des Löwenkopfes mit den schönen Villen einen
+reizenden Anblick, so gilt dies in erhöhtem Grade von dem untersten
+Hange des Teufelsberges. Hier reiht sich auf Meilen hin Dorf an Dorf,
+Garten an Garten, die einzelnen nett und sauber gehaltenen Gehöfte oft
+durch dichte Nadel- oder Eichengehölze von einander getrennt und
+überschattet. Von hundert zu hundert Schritt taucht hier immer ein neues
+anziehendes Bild auf, das zuweilen ausnehmend schön genannt werden kann,
+wie z.B. die über diesem Punkte sich erhebende Partie des Teufelsberges
+hier als eine interessante Felsenformation, dort als Gehölze oder
+blühende Erikawiesen den Hintergrund bildet. Eine über 100 Meilen
+landeinwärts führende Eisenbahn verbindet diese Vorstädte mit der Stadt.
+Züge gehen in der Regel stündlich ab. Ein besonderes Interesse bietet
+die dritte Station dar, sie führt der königlichen Sternwarte wegen, die
+etwas abseits gegen den Salt-River zu auf einer zu einem Lustgarten
+umgewandelten Sanddüne erbaut ist, den Namen »Observatory Road«. Unter
+der Leitung Prof. Gill's stehend, hat die Sternwarte durch Herschel
+junior's epochemachende Arbeiten Weltruf errungen. Auch der gegenwärtige
+Leiter und seine Gemahlin sind in den englischen Kreisen wohl bekannt,
+sie namentlich durch das von ihr veröffentlichte Werk: _»Sechs Monate
+auf der Insel Ascension«_, welche Zeit sie auf dieser öden vulkanischen
+Insel in Gemeinschaft mit ihrem Mann zubrachte, mit astronomischen, dem
+Durchgange des Mars gewidmeten Beobachtungen beschäftigt.
+
+Der bedeutendste und anziehendste der drei die Capstadt so bezeichnenden
+und mit der Stadt selbst berühmt gewordenen Berge ist der schon mehrmals
+erwähnte 1082 Meter hohe Tafelberg (Table-mountain).
+
+Mehr als ein Drittel der ganzen Höhe des Massivs nimmt der theils mit
+angebauten Wiesen, theils mit Gras, Buschwerk und mannigfaltigen
+Haidekräutern bewachsene Riesensockel ein, aus dem fast perpendiculär
+die mächtige, zerklüftete, doch oben vollkommen abgeflachte Kuppe
+aufsteigt. Stunden vergehen, bevor man auf die mit Felsenblöcken
+bedeckte Hochfläche, die dem Berge den Namen gab, gelangt, und oben
+angekommen, erheischt es die größte Vorsicht, um nicht irre zu gehen! Es
+ist daher angezeigt, sich der Führung eines Bewohners der Capstadt
+anzuvertrauen, an solchen bereitwilligen Führern fehlt es aber nicht,
+denn die Bewohner der meisten Städte Süd-Afrika's zeichnen sich durch
+ihre Freundlichkeit, ihre Gastfreundschaft und ihr biederes
+Entgegenkommen aus. Namentlich ist für jene, welche schöne
+Felsen-Scenerien bewundern wollen, das Besteigen des Tafelberges von
+hohem Interesse; allein der Genuß, den diese hie und da durch die
+natürlichen, oft so grotesken Felsenformen und eine reiche tropische
+Vegetation fesselnden und die Mühe des Besteigens so reichlich
+entlohnenden Bergeslehnen bieten, wird noch von der schönen Aussicht
+überboten, die den Besucher erwartet, wenn er müde von dem
+beschwerlichen Aufstieg an der flachen Kuppe angelangt, den Blick rund
+herum über den Horizont schweifen läßt. Vor uns dehnt sich scheinbar
+endlos nach Westen und Norden der Spiegel des Oceans aus, die tief in
+das Land einschneidende Tafelbai verräth uns jetzt noch das durch
+Jahrtausende thätige Bestreben des Meeres, den schmalen Felsenriegel,
+der die Tafelbai von der Kalk- und Simonsbai im Süden trennt, zu
+durchbrechen. In der Tafelbai selbst aber erblicken wir die flache,
+durch einen Leuchtthurm und Häusercomplexe gekennzeichnete Robbeninsel,
+auf der sich gegenwärtig ein Asyl für Irrsinnige und ein Staatsgefängniß
+für angesehene politische, den dunklen Racen angehörige Sträflinge
+befindet.
+
+Unter uns der im farbenreichen Grün strotzende Fuß des Tafelberges und
+zwischen ihm und der Bai, in der zahllose, theils im sicheren Hafen,
+theils außerhalb auf der freien Rhede liegende Schiffe von regem Handel
+zeugen--die hellschimmernden Gebäude der Stadt, durch die sich
+kreuzenden geraden Straßen als ein Complex von Rechtecken hervortretend,
+deren Monotonie hie und da oasenförmig durch das Grün der Gärten und
+Alleen angenehm unterbrochen erscheint. Dort drüben am Abhange des
+Löwenberges die stillen Ruheorte der Malayen und der Farbigen überhaupt,
+weiter nach dem Green point-Leuchtthurm zu, die mit hohen Cypressen
+bewachsenen Friedhöfe der Bleichgesichter. Doch lassen wir das Bild des
+Vergehens und wenden wir unsere Blicke zur Rechten und zur Linken, wo
+sich die beiden Genossen des Tafelberges erheben. Da wo der Löwenkopf
+sein steiles Haupt erhebt, verbrüdert er sich mit einem der zwölf
+Apostel, die an ihrem steilen Fuße von den Wogen des Oceans bespült,
+stolz ihre zackigen spitzen Höhen in den blauen Aether erheben. Schweift
+der Blick zur Rechten und hat er sich an allen die Phantasie erregenden
+Formen, an den Felsenschluchten, Klüften, Felsenmauern, Terrassen und
+Riesenblöcken des Teufelsberges gesättigt, so blickt das Auge weiter
+hinaus auf eine mit Gebüschen, Wäldern und Haidekräutern bewachsene
+Ebene, auf grüne, glänzenden Teppichen gleichende Wiesen und angebaute
+Fluren, in denen sich Villen und Farmhäuser anmuthig bemerkbar machen,
+und die der Wohlhabenheit und Emsigkeit der Ansiedler das beste Zeugniß
+geben. So bietet die Umgebung der Metropole Süd-Afrika's, mögen wir sie
+von dem ehrwürdigen Haupte des Tafelberges, oder von den beiden anderen
+Höhen betrachten, mögen wir ihr von der See aus, von dem schaukelnden
+Boote unsere Aufmerksamkeit widmen, uns immer ein anziehendes,
+wechselndes Bild! Vom letzteren Standpunkte aus betrachtet, wird das
+Bild ungleich interessanter, indem eine scharf nach oben abgegrenzte
+Wolkenschichte in der Regel die obere Hälfte der beiden höheren Berge so
+verhüllt, daß das spitze Haupt des einen und das flache des andern über
+die Wolkenbank hinausragen und dadurch einen effectvollen Anblick
+gewähren.
+
+[Illustration: Schlucht am Abhange des Tafelberges.]
+
+Nach zweitägigem Aufenthalte in der Capstadt verließ der »Briton« die
+Tafelbai und wandte den Kurs um das Cap der Guten Hoffnung nach Osten,
+nach der Algoabai, um in der zweitgrößten Stadt der Colonie, dem
+wichtigsten Handelsorte Süd-Afrika's, woselbst die Mehrzahl seiner
+Passagiere an's Land zu gehen beabsichtigte, zu landen.
+
+Die Fahrt längs der steilen bergigen Küste ist eine gefährliche und
+manches Schiff, selbst in jüngster Zeit, fand an den verborgenen
+Felsenriffen, welche die Küste säumen, sein Verderben.
+
+»Ich versichere Sie,« äußerte sich einer der Stewarts[1] an Bord des
+»Briton«, »unter fünf Shillingen werden Sie nicht an das Land
+gelangen.«--Fünf Shillinge für eine Bootfahrt von etwa 1000 Schritt
+Länge? Unmöglich! So tönte es als Antwort in allen möglichen Sprachen
+zurück. Die Forderung schien unvergleichlich hoch. Eine halbe Stunde
+später und wir zögerten nicht, für dieselbe Leistung das Zweifache, d.h.
+zehn Shillinge zu geben, denn unter diesem Preise wollte keiner der
+Bootsleute einen Passagier an's Land bringen. Für mich war dieser an und
+für sich geringe Betrag eine harte Contribution, betrug ja mein ganzes
+Vermögen in diesem Momente nur 3½ £ St. und damit stand ich erst an der
+Schwelle des Landes, dessen Erforschung meine Aufgabe war!
+
+ 1: Kellner.
+
+Algoabai ist gleich den übrigen Buchten der Küste Süd-Afrika's eine
+weite, jedoch offene und deshalb den Stürmen ausgesetzte Bucht; die eine
+Seitenbucht der Simonsbai bildende Kalkbai ausgenommen, hat die ganze
+Südküste der Cap-Colonie keinen sicheren Hafen aufzuweisen, gewiß ein
+nicht zu unterschätzender Uebelstand, ein Hinderniß für die Entwicklung
+des Imports und Exports, denn abgesehen von der umständlichen und
+zeitraubenden Lösch-Manipulation der Ladung zwischen den zumeist in 500
+bis 700 Schritten Entfernung von der Küste ankernden Schiffen und
+dieser, werden Fracht und Transport durch diesen Uebelstand ungewöhnlich
+vertheuert, andererseits nöthigten die Gefahren der offenen Rhede zu
+kostspieligen experimentalen Hafenbauten, deren Ausführung bedeutende
+Summen verschlingen, die sonst der Colonie zu Gute kommen würden.
+
+Ein Gang entlang dem Strande der Algoabai, entrollt uns ein neues Bild
+des zürnenden Oceans, und beweist uns die Richtigkeit der zweiten
+Benennung des Cap der guten Hoffnung als Cap der Stürme. Hier aus der
+kahlen Düne, dort über den nackten zerrissenen Felsen, ragt ein Wrack
+empor, ob sein Rumpf auch eisengepanzert war, die Wuth des Sturmes und
+die Klippen des Strandes, sie kannten keinen Unterschied. Zerschellt
+liegt es neben dem einfachen Holzbaue an der öden, unwirthlichen Küste.
+
+Jene--und weil meist zur Nachtszeit sich abspielend--um so furchtbareren
+trüben Episoden, wo wüthende Südoststürme schäumende Riesenwellen nach
+dem Ufer der Algoa-Bai schleuderten und ein Fahrzeug nach dem andern,
+oft bis neun in wenigen Stunden, an den Felsen zerschmetterten oder auf
+die Sandbänke warfen--sind in der Geschichte des neuen Hafenortes der
+zweitgrößten Stadt Süd-Afrika's ebenso wichtige und ereignißvolle als
+höchst traurige Gedächtnißtage geworden. Doch zurück zu meiner Ankunft
+im Weichbilde der Stadt![1]
+
+ 1: Siehe Anhang 1.
+
+Auf einem etwa 200 Fuß hohen, felsigen Abhange erbaut, dehnt sich Port
+Elizabeth über eine Fläche von zwei englischen Meilen Länge und ¼ bis 1
+Meile Breite aus; entbehrt die Lage der circa 20.000 Einwohner zählenden
+Stadt auch landschaftlicher Schönheit, so ist ihre Bedeutung als
+Handelsstadt ein Ersatz hiefür, indem sie für ganz Süd-Afrika südlich
+des Zambesi die Rolle einer Handels-Metropole übernommen hat.
+
+Namentlich wird die östliche Provinz der Cap-Colonie, der
+Oranje-Freistaat, die Diamantfelder, theilweise auch der Transvaal-Staat
+und das Innere Süd-Afrika's von diesem Hafenort aus versehen. Die
+Handelsinteressen werden von einer Gewerbekammer gewahrt, welche die
+bedeutendsten Kaufleute der Stadt zu ihren Mitgliedern zählt. Längs dem
+Abhange, an der 1½ englische Meilen langen Main-(Haupt-)straße von der
+sich wieder kleinere Straßen nach dem Meeresufer abzweigen und andere
+diesen unteren mit dem oberen Stadttheil auf der flachen Höhe
+verbinden--meist in eleganten und in großem Maßstabe aufgeführten
+Geschäftslocalen haben die bedeutendsten Handelshäuser Port Elizabeths
+ihre aus allen Welttheilen herrührenden Waaren aufgespeichert. Die
+Handelsherren selbst haben es sich oben am »Hill«, auf der Höhe, in
+luxuriös eingerichteten Wohnungen bequem gemacht, wo man eine Aug und
+Herz erfreuende Fernsicht auf's Meer und die frische Luft der Algoabai
+genießt. Hier haben sie in einem Clubhause eine elegante Ressource
+eingerichtet, wo sie sich namentlich an Mittwochen zu einem
+gemeinschaftlichen Diner einzufinden pflegen.
+
+Ein kleiner schlammiger Fluß scheidet die Stadt in einen südlichen
+kleineren und einen größeren nördlichen Theil, ersterer wird meist von
+malayischen Fischern bewohnt. Nicht weit von dem Bakensfluß, am
+südlichen Ende der oberwähnten Mainstraße findet sich der Marktplatz,
+von dem prächtigsten Rathhause Süd-Afrika's an seiner südlichen Seite
+begrenzt. Sein Centrum ist von einer Granitpyramide geziert und man
+gelangt zu ihm unmittelbar von dem in's Meer auslaufenden Pier,[1] so
+daß er den Fremden, der sich durch die etwas monotone Ansicht der Stadt
+vom Meere aus, nicht viel verspricht, mit seinen schönen Gebäuden und
+den einer europäischen Großstadt ähnlichen, luxuriös ausgestatteten
+Verkaufslocalen auf das Angenehmste überrascht. Zwischen dem Meere und
+diesem Marktplatz, wie auch bis zur Mündung des Bakensflusses, ziehen
+sich riesige Speicher, in denen die Wolle zur Ausfuhr aufgestapelt und
+die eingeführten Güter, bevor sie in die Stadt gebracht werden,
+lagern.--Der Anblick der Stadt von der See aus wird in seiner
+Einfachheit einigermaßen durch die zahlreichen schönen Kirchen etwas
+gehoben. Oben am Hill findet sich auch ein sehr gut eingerichtetes
+Hospital und etwa eine halbe Meile davon landeinwärts, sowie unmittelbar
+unter den Höhen am nördlichen Ende der Stadt je ein botanischer Garten.
+In der Stadthalle finden wir eine sehr gute Bibliothek und ein leider
+vollkommen verwahrlostes Museum, auf das ich noch später zurückkommen
+werde.
+
+ 1: Ich nenne Pier, die in's Meer auslaufenden, bei Hafenbauten
+ errichteten Holzbrücken.
+
+Nachdem ich gelandet, suchte ich ein Hotel auf, doch nicht mit der
+Unbefangenheit des wohlausgerüsteten Reisenden, denn meine Barschaft
+war, nachdem ich die zu entrichtende Waffensteuer (1 £ St. für meinen
+Gewehrlauf, zehn Shillinge für meinen Revolver) geleistet, bis auf zehn
+Shillinge zusammengeschmolzen und selbst diese dankte ich nur dem
+Umstande, daß die meinen Hinterlader enthaltende Kiste nicht mit auf dem
+»Briton« verschifft worden war. Ein deutscher Kaufmann, Hermann
+Michaelis, an den ich einen Empfehlungsbrief hatte, wies mich an den
+österreichischen Consul, Herrn Adler, und diesem Manne habe ich es zu
+danken, daß mir Port Elizabeth zu einem angenehmen Aufenthaltsorte
+wurde. Ich kann es nur herzlich wünschen, daß die Vertreter
+Oesterreich-Ungarns, auch in anderen Weltgegenden solch' regen Eifer für
+das Wohl der ihrem Schutze Empfohlenen an den Tag legen, in so
+energischer und unermüdlicher Weise die Interessen ihres Staates wahren
+möchten, als ich es in Port Elizabeth gefunden. Sowohl Herr Adler, der
+damalige Consul, als auch seine beiden Nachfolger, die Herren Allerberg
+und Mosenthal, der gegenwärtig Oesterreichs Interessen vertritt,
+bewiesen sich mir als solche.
+
+Herr Adler führte mich bei den Honoratioren der Stadt ein und bald hatte
+ich die Freude und Genugtuung, einige Patienten meiner Obsorge
+anvertraut zu sehen. Um jedoch die freien Stunden wo möglichst zu
+benutzen, machte ich täglich Ausflüge in die Umgegend, die ich in
+Folgendem zu schildern versuchen will. Schon nach vierzehntägigem
+Aufenthalte in Port Elizabeth wurde mir von einem der Großhändler der
+Stadt der Antrag gestellt, mich gegen ein Jahreshonorar von 600 £ St. in
+der Stadt als Arzt niederzulassen. So ehrenvoll der Antrag für mich auch
+war, und so sehr seine Annahme mich von allen Lebenssorgen befreit
+hätte, ich konnte ihn aus noch näher anzuführenden Gründen nicht
+annehmen.
+
+Zu meinen Ausflügen erkor ich mir einerseits das südliche Meeresufer,
+eine breite, theils mit dichtem tropischen Gebüsch bewachsene, theils
+meilenweit mit Sanddünen bedeckte Landzunge, die an ihrer äußersten
+Spitze ein Leuchthaus trägt (7 Meilen von Port Elizabeth entfernt),
+anderseits das nördliche Meeresufer nach der Mündung des Zwartkop-River
+zu, sowie auch das Thal des Baker-River, das mir viel des Interessanten
+darbot.--Zu diesen Gängen wählte ich mir in der Regel (nach beendeten
+ärztlichen Visiten) den Morgen und kehrte am Nachmittag heim. Mit allen
+Hilfsgeräthen eines Sammlers ausgerüstet, verließ ich dann das Hotel und
+eilte an den Wollspeichern vorüber nach der über den Bakensfluß
+führenden Brücke zu. Auch an diesen großen Wolllagerplätzen konnte ich
+nie vorübergehen, ohne nicht ein halbes Stündchen das Treiben an der
+sich zwischen dem Meer und den Gebäuden etwa 250 Schritt breit
+erstreckenden Düne zu verfolgen. Diese bietet dem Besucher einen, Port
+Elizabeth charakterisirenden und gewiß sehr anziehenden Anblick dar. Auf
+einer etwa 500 Schritt langen und 250 Schritt breiten, sandigen Fläche
+finden wir alle möglichen Schiffsartikel aufgestapelt. Da liegen an's
+Land gezogene Kähne und an ihnen gelehnt, schmauchen zahlreiche
+Theerjacken ihr Thonpfeifchen--so gemüthlich und phlegmatisch--für alle
+Welt vergessen, wie es die »getreuesten« ihres Schlages an den Ufern
+Alt-Englands zu thun pflegen! Förmliche Barrikaden von Fässern, Kisten,
+Eisendrahtrollen etc., riesige Anker und Ketten sowie verschiedene
+Schiffsreste sind über die Fläche zerstreut aufgethürmt. Ein reges Leben
+herrscht in diesem Labyrinthe von Kisten, Fässern und Rollen, ein stetes
+Auf- und Abladen, hier in die großen Waaren-Lagerhäuser, dort
+unmittelbar auf die großen, ochsenbespannten Capwägen, deren
+Bestimmungsort viele hundert englische Meilen landeinwärts liegt. Das
+Amt der Custom-Officers (Zollbeamten) ist denn auch hier kein leichtes,
+ihre Thätigkeit eine angestrengte.
+
+Einen anziehenden Anblick bietet auf der Düne, das Landen der Kutter,
+welche die Waaren von den Schiffen bringen, das Ausladen derselben durch
+hunderte von schwarzen, nackten Hünengestalten. Die Seefahrzeuge, deren
+oft mehr denn 30 in der Bucht liegen (die Dampfschiffe etwa der Mündung
+des Baker-River gegenüber) können nicht bis zum Ufer gelangen, die
+riesigen Stein- und Pallissadenbrücken (Piers), die man in's Meer
+hinausgebaut, um das Anlegen der Schiffe zu ermöglichen, erweisen sich
+nutzlos, da sie einesteils nicht den hinreichenden Schutz bieten, theils
+zur Versandung führten, so daß noch immer jene überseeischen Fahrzeuge
+weit auf offener Rhede ankern müssen. Namentlich von der Höhe aus
+gesehen, bieten die Fahrzeuge wie sie sich auf der dunklen Fluth hin-
+und herwiegen, einen interessanten Anblick, oft kann man die mit vollen
+Segeln auslaufenden Segelschiffe, die großen oceanischen Dampfer aus-
+und einlaufen sehen, ein Anblick, der den Beobachter unwillkürlich mehr
+denn als Viertelstunden zu bannen vermag. Von den Schiffen werden die
+Waaren in unbeholfen aussehende, einmastige Kutter geladen und in den
+letzteren nach der sandigen Uferstelle, den Lagerhäusern gegenüber,
+gebracht. In einem »Nu« ist der Kutter von einem Schwarm Schwarzer
+umringt, die an ihm emporkletternd sich die Waaren reichen; es währt
+nicht lange und die Ladung ist gelöscht, d.h. in die Lagerhäuser
+getragen. Den geräuschvollen, allein so manch' Anziehendes darbietenden
+Ort verlassend, überschreiten wir die Bakerbrücke, um, die Ansiedlung
+der Malayen durchschreitend, das freie Meeresufer zu gewinnen. An der
+Mündung des genannten Flusses hatte man solch' einen Pier (Brücke)
+angelegt, was eine Versandung des vermeintlichen Hafens, den das kleine
+Flüßchen nicht auszuwaschen die Kraft und nöthige Strömung besaß, nach
+sich zog.
+
+Das südliche Seeufer ist ein einziges bis zum Leuchthause reichendes
+terrassenförmig in die Tiefe absteigendes Felsenriff, hie und da
+mitunter durch Anbau verschiedener Seethierchen, namentlich
+Korallenthierchen incrustirt. Kürzere und längere Stellen sind mit Sand,
+doch blos am Ufer selbst, bedeckt, ohne daß der Sand tief in's Meer
+reichen würde, wie es nördlich von der Stadt gegen den Zwartkop-River
+der Fall ist. Was ich nun in der Ebbezeit in den künstlich von den
+Seethieren gebildeten Grotten an solchen auffischen, fangen und an vom
+Südoststurme ausgeworfenen Korallen und Algen habhaft werden konnte, das
+habe ich damals treu heimgeschlepppt. Auf meiner Rückreise aus dem
+Innern, während meines letzten Besuches der Stadt, konnte ich allerdings
+mit größerem Erfolge und im weiteren Umfange diese Sammlungen betreiben.
+Von meiner kleinen schwarzen Dienerin Bella und 4-5 gemieteten Schwarzen
+gefolgt, arbeitete ich mehrere Stunden hindurch an der Küste und kehrte
+mit reicher Beute zur Stadt zurück. Viel Vergnügen machte uns der Fang
+der Nautilus-Männchen, die in den Grotten zurückgeblieben waren. Mit
+einem aus Eisendraht verfertigten Haken stöberten wir in den noch mit
+Seewasser gefüllten Felsenlöchern umher; war einer jener Cephalopoden
+daselbst zurückgeblieben, so fuhr er sofort wild nach dem metallenen
+Eindringling, der es uns ermöglichte, ihn von dem Felsen, an dem er sich
+oft sehr fest geklammert, loszulösen. Fiel er dabei an eine trockene
+Stelle, so bewegte er sich rasch, indem er die Fangarme anzog, nach der
+Seeseite zu; fiel er auf loses Gestein, so hoben wir ihn in der Regel
+mit fünf bis zehn oft faustgroßen Steinen auf. Die größten dieser Thiere
+hatten eine Länge von 5 Zoll und bis 24 Zoll lange Fangarme; sie werden
+häufig von den Malayen aufgesucht und genossen, und sind unter dem Namen
+der Katfische bekannt. Oft trafen wir an einzelnen Stellen junge Männer
+und Frauen, welche mit Hämmern große Schnecken, Napfschnecken und
+Austern losschlugen, um selbe in der Stadt zu verkaufen, doch begegneten
+wir auch weißen Knaben, welche in, unseren Schmetterlingsnetzen
+ähnlichen Säckchen, kleine Palämons fingen, die in Port Elizabeth von
+Vielen als Delicatesse angesehen werden. Taucher und Möven beleben die
+seichteren Partien, erstere fliegen niedrig und spät auf, so daß mein
+Hund Spot mehrere erbeutete.
+
+Ich erwähnte, daß dieses Ufer eine Art breite Landzunge bildet, welche
+etwa zur Hälfte eine einzige öde Sanddüne ist, während die andere
+Hälfte, meist an der Seite von Port Elizabeth und der Theil nach dem
+Leuchthause zu mit Ausnahme der äußersten Spitze, mit einer üppig
+wuchernden Vegetation bewachsen ist; und doch hat diese nur in dem
+Dünensande festen Fuß gefaßt, gewiß staunenswerth, um so mehr, als der
+Forscher auf dieser Strecke wenigstens 1000 Pflanzenarten finden dürfte.
+Vor Allen ist die fleischig-blättrige Mittagsblume in sehr vielen Arten
+vorhanden, deren eine hie und da mit schönen, citronenfarbigen,
+handgroßen Blüthen frisch aus dem dunklen Grün ihrer in Büscheln
+stehenden, fingerförmigen, dreikantigen Blätter hervorleuchtet. Einige
+Schritte vor uns, am Fuße eines dichten Gebüsches prangt eine zweite und
+dritte Art, die eine mit kleinen orangefarbenen, die zweite mit
+dunkelrothen Blüthen und während wir uns zu ihnen hinbeugen, überrascht
+das Auge aus einem niederen Binsendickicht zur Rechten ein dichtes Lager
+von einer dunkelblättrigen Art mit prachtvollen, Doppelthaler großen,
+hellrothen Blüthen. Wir haben uns noch nicht entschieden, welche wir
+zuerst in unsere Büchse aufnehmen sollen, als bei dem nächsten Tritte
+das Ausgleiten des Fußes zur Vorsicht mahnt, und als wir nach der
+Ursache unseres Falles forschen, finden wir, daß ihn ein zierliches
+Mittagsblümchen verschuldete, das theilweise von dem Rasen gedeckt, mit
+seinen weißen Blüthenscheiben friedlich da unten vegetirte. In der
+Betrachtung dieses Blüthenflors übersieht das Auge fast die Menge von
+Zwergbüschen, die vielen Binsen- und Euphorbia-Arten.
+
+Der Entstehungsweise entsprechend, bildet diese sandige Unterlage für
+Meilen hin kleine, seichte, wiesenbedeckte Parallelthälchen und
+bebuschte Erhebungen, die letzteren etwa 30-50 Fuß über der
+Meeresfläche, die Thälchen 10-20 Fuß tief, 100-900 Schritte lang.
+Namentlich reich an Vegetation ist das westliche Ufer, d.h. jenes vom
+Leuchthaus nach Westen zu, an dem auch mehrere Farmhäuser liegen und
+unzählige Quellen zu dem hier eine einzige, zerrissene Felsenklippe
+bildenden Meeresufer hinabrieseln. Die Sümpfe sind hier mit zahlreichen,
+den Moorboden liebenden Gewächsen überwuchert, farbenprächtige Blumen
+und mehrere Schilfrohrarten säumen die offenen Tümpel ein; diese Sümpfe
+bedecken die Abhänge zum Meere, während die niedrigen, oben abgeflachten
+Höhen in seichten doch breiten Thälern hier mit unzähligen, oft kaum
+wahrnehmbaren, dort bis vier Fuß hohen buschartigen Erica-Arten
+überreich bedeckt sind; einem Botaniker geht das Herz über, wenn er so
+in diesen Schätzen nach Muße schwelgen kann. Diese Erica-Arten zeigen
+nicht allein mannigfache Blüthenformen, sondern auch alle möglichen
+Farben in den zarten Blüthen; weiß und grau meist die hohen
+strauchförmigen, gelblich bis ockerfärbig die kleineren, doch auch roth
+in allen Nüancen und violett bis zu noch dunkleren Tönen.
+
+Der südwestliche Theil der Cap-Colonie ist durch seine Erica-Flora
+charakterisirt, die in einem jedoch nicht tief in's Land reichenden
+Gürtel den südlichsten Vegetations-Typus von Afrika bildet; die Umgegend
+von Capstadt und Port Elizabeth weisen die meisten Arten auf.--Außer den
+schon genannten findet der Forscher zu allen Jahreszeiten gewisse
+Liliaceen in der Blüthe, namentlich schönfarbige--feuer- und
+carminrothe--auch schlanke Schwertblumen sind ziemlich häufig
+anzutreffen, ihr schönes Roth mahnt an jenes der Aloëspecies, die wir so
+häufig an den Abhängen der Zuurberge etc. vorfinden. Von Cryptogamen
+sind namentlich Moose auf den überwucherten Dünen zu finden. Wenn man
+durch dieses Blumeneden schreitet, wähnt man, daß außer den Insecten und
+einigen wenigen Singvögeln kein lebendes Wesen diese Strecken bewohne.
+Und doch sind sie von so manchem Thiere bewohnt, von Thieren jedoch, die
+in den undurchsichtigen, wenn auch niederen Gebüschen vor den Menschen
+Schutz suchen, und nur Nachts sich aus denselben wagen. Es ist eine
+zierliche, kaum einen halben Meter Höhe erreichende Gazellenart, dann
+Hasen und Springhasen, graue Wildkatzen, Genettkatzen, Mäusehunde etc.,
+die Nachts ihr Wesen in den Büschen und den wiesigen Niederungen
+treiben. Der Leuchtthurmwächter fängt so manche in Eisen, mit denen er
+seinen Miniaturgarten, den er sich in einem Thälchen angelegt, umgab.
+
+[Illustration: Elephantengruppe, Nachts am Zondags-River.]
+
+Ja, das Leben in diesem Leuchtthurme an der Sanddüne, von drei Seiten
+vom tobenden Meere umspült, zeigte mir eine der reinsten Idyllen, die
+ich je beobachtet. Doch ich muß befürchten, daß es mir hier an Raum
+gebricht, ihm eine längere Schilderung, die er verdienen würde, zu
+widmen. Der Wächter fühlt sich in seiner Oede vollkommen glücklich.
+Monatlich einmal geht er nach der Stadt, um seinen Gehalt zu beziehen,
+während wöchentlich ein zweirädriger Karren ihm seine Bedürfnisse von
+der Stadt zuführt. Er lebt mit seiner Familie und einem Gehilfen in
+einem steinernen Gebäude unter dem Leuchtthurm und hat jedes Schiff, das
+von der hohen See in die Algoabai einlaufen will, oder das die Bucht in
+sichtbarer Ferne passirt, nach der Stadt zu signalisiren. »Ich habe
+einen Tag den Dienst, den anderen mein Gehilfe, damit ich jedoch etwas
+im Gärtchen arbeiten kann, habe ich meiner Tochter telegraphiren
+gelernt, die mir nun im Dienste recht behilflich ist,« erklärte er mir.
+Ich kann es mir nicht versagen, hier eines Erlebnisses des
+Leuchtthurm-Castellans zu erwähnen, das er mir erzählte.
+
+»Während einer stürmischen, dunklen Nacht verirrte sich der Capitän
+einer »Barke«, sah unser Licht für das von Port Elizabeth an (er hatte
+unzureichende Seekarten zu Gebote und war noch nicht in diesen Gewässern
+bekannt) und steuert auf uns los; als wir das Schiff erspäht hatten,
+sahen wir auch, daß dasselbe glücklich in einem durch Klippen
+gefährdeten Kanal Anker geworfen hatte. Ich telegraphirte nach Port
+Elizabeth, gegen den Morgen kam die »Tug« (Schleppdampfer), die es
+glücklich aus seiner unbequemen Lage herausbugsirte; etwa 20 Minuten
+nachher trat die Fluth ein, eine Verspätung um diese Zeit und das Schiff
+wäre rettungslos an den Felsen zerschellt worden.« Die Wachsamkeit des
+Wächters fand auch ihren Dank.
+
+Lohnend waren meine Ausflüge an die Ufer der beschriebenen Landzunge
+während meines letzten Besuches von Port Elizabeth, ich erbeutete
+namentlich Seefische, Krabben, Cephalopoden, Würmer, Schnecken,
+Patellen, Seeraupen, Seehasen, Muscheln, Korallen, Schwämme etc., Algen
+und mehrere Arten Haifischeier.
+
+Außer diesen Ausflügen nach dem südlichen Ufer der Bucht unternahm ich
+welche in entgegengesetzter Richtung nach dem nördlichen, gegen die
+Mündung des Zwartkop-Flusses. Das Ufer ist hier meist sandig, bis tief
+in's Meer hinein, noch die glücklichste Stelle, an der ein Schiff, wenn
+ihm der Südoststurm die Ankerketten bricht, stranden kann. Das Meer gab
+mir auf diesen Ausflügen namentlich interessante Muschelarten, an der
+Mündung des Flusses schwärmen Haifische und der Fluß selbst liefert dem
+Forscher zahlreiche Seefische, während seine Ufer, namentlich das linke,
+reichhaltige Petrefacten aus der Kreideperiode und im Alluvialboden
+Ueberreste von jetzt noch in der See lebenden muschelartigen Thieren und
+interessante schraubenförmige Gypsformationen zeigt. Hier finden wir
+(das Ufer ist flacher als das südliche) auch riesige Lagunen sich in's
+Land hinein erstrecken, die dem Ornithologen so manch' schönen
+Regenpfeifer, Strandläufer und Hammerkopf versprechen. Wir finden hier
+viele neue Species von Blumen, namentlich Aloë, Wucherblumen, Ranunculus
+und eine fleischige, nur hier anzutreffende Winde.
+
+Ich kehrte gewöhnlich landeinwärts nach der Stadt zurück, die zwischen
+dem Fluß und der Stadt liegende Salzpfanne (kleiner salzhaltiger und
+zeitweilig im Jahre mit Wasser gefüllter, etwa 500 Schritt langer und
+200 Schritt breiter See) berührend. Hier fand ich wieder neue Blumen,
+einige interessante Käfer und Schmetterlinge. Diese »Saltpan« liegt auf
+einer Grasebene, die nach Westen von dem Abhange, an dem die Stadt
+erbaut ist, begrenzt wird. Auch diese Ebene weist andere meist niedrige
+Pflanzen auf, ebenso der steinige Abhang, der überdieß in den
+Frühlingsmonaten August und September, an Schlangen, Eidechsen,
+Scorpionen, Spinnen und Insecten eine sehr reiche Ausbeute liefert; ich
+fing an diesem Abhange allein 34 Schlangen. Um diese Zeit (in den
+genannten Monaten) beginnt die Winterkälte nachzulassen, die Reptilien
+und Käfer verlassen ihre Löcher und Schlupfwinkel, die Morgen und Nächte
+sind jedoch noch so kalt, daß sie sich unter die größeren Steine
+zurückziehen. Hier liegen sie so ein bis zwei Wochen in einem
+halberstarrten Zustande, der es ermöglicht, die Thiere, ohne sie stark
+zu schädigen, zu bemeistern und der Spiritusflasche einzuverleiben.
+
+Auch die landeinwärts unternommenen Ausflüge, welche mich gewöhnlich
+durch das Thal des Bakensflusses führten, ermangelten nicht ihres
+besonderen Reizes. Schroffe Felsenwände, riesige terrassenförmig sich
+aufthürmende Blöcke charakterisiren das Thal an seinem Unterlaufe,
+hochgrasige, blumenreiche Triften die Abhänge seiner mittleren Partien,
+Alles deutet darauf hin, daß wir uns in der Nähe des Meeres befinden,
+die über das Thal zerstreuten Niederlassungen und Gehöfte, die üppig
+wuchernde Vegetation von tropischen Büschen, Schlingpflanzen und Farren,
+die jede feuchte Stelle verräth und besonders an den Ruinen verlassener
+Wohngebäude lustig emporrankt. Einige hundert Schritte von der in einer
+Thalbucht erbauten Dampf-Wollwäscherei fand ich unter dem Gesteine ein
+Vipernpärchen eingerollt; da sie neben einander in einer wohl von einer
+großen Spinne herrührenden Vertiefung lagen, erfaßte ich mit der Zange
+zuerst die eine und beförderte sie rasch in meine mit den
+verschiedensten Kriech- und Kerbthieren zum größten Theile gefüllte
+Sammelflasche; ohne Schwierigkeit gelang es mir auch, das ahnungslos des
+Männchens beraubte Weibchen zu fangen, so daß das Pärchen nun wieder
+vereint war. Meine Excursion fortsetzend, hielt ich die Schlangen nach
+mehreren Minuten für hinreichend betäubt, um die Flasche öffnen zu
+können und um neue Funde rasch in Sicherheit zu bringen. Das offene
+Gefäß in der einen Hand, sammelte ich eifrig weiter, als mich plötzlich
+ein eigentümliches Rieseln an meiner Hand aufschreckte; ein Blick zeigte
+mir, was geschehen,--unwillkürlich ließ ich die Flasche mit ihrem ganzen
+Inhalt fallen, der Fluchtversuch der Schlangen mißlang jedoch, denn
+nachdem ich meine Fassung wieder erlangt, fing ich die Ausreißer wieder
+ein, diesmal mit aller Vorsicht die Flasche verschließend.
+
+[Illustration: Termitenhaufen.]
+
+Eines Tages lud mich Herr Michaelis ein, mit ihm zu einem Freunde auf
+die Hochebene zu fahren, um »Bienen auszunehmen«; es war ein kleiner,
+etwa einen halben Tag in Anspruch nehmender Ausflug, der mir viel Freude
+machte. Wir fuhren in einem zweirädrigen gedeckten Karren hinauf auf den
+»Hill« und dann östlich auf die sich nach Nordost ausbreitende Ebene
+hinaus. Mit niedrigem Grase bewachsen ist dieses Hochplateau von
+Tausenden von meist halbkugelförmigen, einen Meter im Durchmesser
+haltenden und ½ bis 2/3 Meter hohen, rothbraunen Termitenhaufen bedeckt.
+Die noch bewohnten haben eine glatte, die verlassenen, deren es einige
+gab, eine rauhe, durchlöcherte Oberfläche. Ein Termitenbau wird nur dann
+verlassen, wenn seine Königin umkommt. Diese verlassenen waren eben die
+Stellen, wo meine Freunde nach dem Honig fahnden wollten. Während man in
+dem waldigen Innern Afrika's den Honigvogel als Führer zu den Nestern
+der wilden Bienen benützt, war es in unserem Falle in Port Elizabeth ein
+halbnackter, mit einer rothen, wollenen Zipfelmütze bedeckter Fingo,
+der, neben dem Karren einherlaufend, die verlassenen Termitenhaufen mit
+Kenneraugen prüfte. Es währte auch nicht lange, so winkte er uns zum
+Stillstande, er hatte gefunden, was wir suchten; aus einem der
+zahlreichen verlassenen Termitenhaufen sah man Bienen ein- und
+ausfliegen. Rasch war das Gefährt versorgt und bald hatten die
+Rauchwolken eines Feuerbrandes die Bienen in ihrem Baue betäubt. Nun
+ging's an's Wegräumen des Termitenbaues, in dessen früherer Höhle wir
+mehrere parallel zu einander befestigte Honigkuchen fanden, die theils
+von duftendem Honig, theils von junger Brut strotzten; ich konnte es mir
+nicht versagen, den ganzen Bau mit einigen Strichen in meinem Notizbuche
+zu verewigen. Die Zerstörung des Erdhaufens brachte auch zwei
+Scapsteeker (Schlangen) in meine Gewalt, die meiner stetig anwachsenden
+Sammlung einverleibt wurden. Mit solchen und ähnlichen Ausflügen waren
+vier Wochen meines Aufenthaltes in Port Elizabeth rasch verflossen, und
+nun hieß es, an den Aufbruch in das Innere denken.
+
+Ich habe bereits im Vorhergehenden eines Antrags gedacht, der mir von
+Seite eines Großhändlers in Port Elizabeth gemacht wurde, so verlockend
+er war, ging ich darauf nicht ein, da mir einestheils von einem
+Kaufmanne aus Fauresmith im Oranje-Freistaat weit günstigere
+Verhältnisse in Aussicht gestellt waren, und andererseits mir Alles
+daran lag, dem Ziele näher zu kommen, und verläßliche Nachrichten über
+das Innere erlangen zu können, dazu aber war Fauresmith, mehr denn 60
+geographische Meilen nördlich von Port Elizabeth gelegen, geeigneter als
+dieses selbst.
+
+Herr Michaelis setzte mich nicht nur durch ein freundlich gewährtes
+Darlehen in den Stand, nach Fauresmith zu reisen, sondern erbot sich
+selbst, mich zu begleiten. Nur ungern schied ich von Port Elizabeth und
+allen während meines kurzen Aufenthaltes hier gewonnenen Freunden, deren
+herzliches Entgegenkommen ich nicht genug rühmen kann.
+
+
+
+
+II.
+
+Meine Reise nach den Diamantenfeldern.
+
+
+So verließ ich denn in den ersten Tagen des August 1872 Port Elizabeth,
+um über Grahamstown, Cradock, Colesberg und Philipolis, Fauresmith zu
+erreichen.
+
+Von vier kleinen Pferden gezogen, legten wir die 86 englische Meilen
+betragende Strecke nach Grahamstown, der drittgrößten Stadt der
+Cap-Colonie, in einem zweirädrigen Karren in 11 Stunden zurück.
+
+Diese Strecke ist in Bezug auf die Schönheit der Scenerie und der
+Vegetation gewiß die anziehendste. Heute gelangt man nach jenem Orte
+mittelst Bahn, auch diese führt durch reizende Partien, wenn ich ihnen
+auch jene, die man früher per Achse passirte, vorziehe. Der größte Theil
+des Weges führt längs den Abhängen der Zuur-Berge, welche bebuscht und
+bewaldet mit ihren Schluchten und Thälern, mit den eingeschlossenen
+Lagunen und den begrenzenden Bergwiesen, dem Künstler wie Naturliebhaber
+viel des interessantesten Stoffes bieten. Ich möchte sagen, daß wir auf
+dieser Strecke den mannigfachen Typen größerer Landstriche aller
+Welttheile begegnen. Weite Ebenen, zum Theil mit hohem Grase bedeckt,
+erinnern uns lebhaft an eine Pußta, nur daß die bekannten, unbeholfenen
+Ziehbrunnen fehlen; kurzbegraste Flächen rufen uns ein Bild der Steppe
+in's Gedächtniß, während einige wenige mit spärlichem Graswuchs
+bewachsene Sandflächen an die Wüste mahnen. Mancher hochbegraste Abhang
+gewährt mit den hunderten ihn bedeckenden riesigen und armleuchterartig
+geformten Euphorbien ein fesselndes Bild, doch den anziehendsten Anblick
+bieten die bebuschten und mit Niederwald bedeckten Partien.
+
+Die Gebüsche stehen bald gruppenweise, auf Wiesenpartien dichte Knäuel
+bildend, ein Vegetationsbild, das namentlich weiter im Innern
+Süd-Afrika's ganze Landstriche charakterisirt; doch bei weitem der
+größte Theil der Strecke Port Elizabeth-Grahamstown ist von einem
+sozusagen undurchdringlichen Gebüsche bedeckt, das theils von
+eigentlichen Büschen, theils von Zwergbäumchen gebildet wird. Manche
+derselben scheinen wahre Riesen an Alter zu sein, während andere wieder
+von gewissen Insectenarten befallen, in kurzer Zeit absterben und
+unaufhaltsam der Fäulniß unterliegen.
+
+Oft führte uns der Weg an Abhängen vorüber, deren weißberindete Bäumchen
+mit Schüssel- und Baumflechten über und über bedeckt, einen
+eigenthümlichen Anblick darboten und an niederschlagreiche Gegenden
+mahnten; besonderen Reiz und eine anmuthende Erinnerung an die Wälder
+des Nordens gewährte das massenhafte Auftreten einer Bartflechte
+(Usnea), welche mit ihren grau-grünen, fußlangen und dichten Zotten,
+einer Draperie gleich, die Queräste der Bäume schmückt und ihnen einen
+ehrwürdigen Anblick verleiht. An anderen Stellen wieder überschaut das
+Auge auf Meilen hin mit Zwergbüschen bedeckte Abhänge, aus denen uns
+sofort mehrere Arten der rothblüthigen Aloë, riesige baumartige,
+zahlreiche strauchartige und krautartige Wolfsmilcharten, mit ihren
+wundervollen, meist cactusförmig gebildeten Formen auffallen
+und das Herz eines Botanikers hoch entzücken. Zahlreiche
+Solanum-(Nachtschatten-)Species, bald niedrig, bald strauchartig an den
+Bäumchen emporrankend, mit gelben, weißen, violetten und blauen Blüthen
+beladen, gestalten mit anderen üppigwuchernden Schlinggewächsen
+einzelne, durch hochstämmigere Bäumchen ausgezeichnete Partien zu einem
+förmlich undurchdringlichen Dickicht, während vor Allem die Menge von
+Gras und Binsen, Erica- und Ranunculusarten unser Staunen erregt.
+
+[Illustration: Euphorbiaceen-Bäume.]
+
+Den kaleidoskopartig wechselnden Landschaftsbildern entspricht auch die
+Vegetation; kahle, niedrige, oder aber mit Hochgras bestandene Flächen,
+Busch- und Miniaturhaine, marschige Stellen, Sümpfe, Bergabhänge und
+Ebenen zeigen uns immer wieder neue Liliaceen, Papilionaceen und
+Mimosen.
+
+Hie und da finden wir eine Farm in der Mitte einiger Acker bebauten
+Landes, an der Wegseite ein aus galvanisirtem Eisen oder aus Backsteinen
+erbautes Hotel; Hotel heißt es immer, ob es den Namen eines solchen
+verdient oder blos aus zwei Zimmern und einem Krämerladen besteht.
+
+Nicht minder artenreich als die Flora ist die Fauna auf dieser Strecke.
+Wir finden hier ein mannigfaltigeres Thierleben, als selbst im ganzen
+Raume der nächsten zehn Breitengrade nach Norden, also gegen das Innere
+Süd-Afrika's. Auf den kahleren, grasarmen Ebenen tummeln sich
+Scharrthierchen und Erdeichhörnchen; beide Thiere leben in
+gemeinschaftlichen Bauen, und solche Stellen sind dann etwas erhaben und
+zeigen bis zwanzig Ein- und Ausgangslöcher, so breit, daß man bequem
+eine Faust einführen könnte. Wo die Erdeichhörnchen hausen, da finden
+sich auch zahlreiche große Spitzmäuse vor. (Die Gewohnheiten dieser
+Thiere will ich hier nicht beschreiben, aber späterhin bei der
+Schilderung meiner drei Reisen in's Innere Afrika's, wo einzelne der
+eben noch zu nennenden Thiergattungen bestimmte Landstriche bewohnen,
+ihrer dann ausführlicher gedenken.) Die hochbegrasten Gegenden zeigen
+uns zahlreiche Bauten von Maulwürfen, des Schabrakenschakal, des
+Mäusehundes (das afrikanische Stinkthier), von Springhasen und
+Stachelschweinen, Blindmäusen, dem interessanten Erdferkel und
+kurzschwänzigen Schuppenthier. An den Moorstellen beobachten wir
+Fischottern, eine Wieselart und mehrere Rattenarten. Die felsigen
+Abhänge weisen zahlreiche Pavianheerden, Rohrrüßler, schwarzgefleckte
+Genetta's, Tharikatzen, Karakal's, Springmäuse, eine besondere
+Kaninchenart, röthliche Roibockgazellen und zahlreiche Klippschliefer
+auf. An hochbegrasten Strecken, wo sich, wie schon erwähnt, stellenweise
+gruppenförmig dichte Gebüsche vorfinden, finden wir nebst den schon
+bisher erwähnten Zahnarmen (Edentata), Deuker und Steinbockgazellen.
+Dichte, niedere, meilenweite Flächen bedeckende Gebüschstrecken
+beherbergen die gestreifte und gefleckte Hyäne, sowie den Strandwolf
+(Hyëna brunea) und unter zahlreichen Nagethieren eine riesige Wühlmaus;
+ferner zwei Arten von Gazellen, darunter namentlich den schönen
+Buschbock. Hochstehende, die weiten Abhänge bekleidende Büsche, sowie
+der Niederwald dienen Pavianen und Meerkatzen, grauen Wildkatzen und
+Füchsen und dem Leoparden, der Kudu-Antilope, dem Buschsark und
+Blacksark, dem Büffel und dem Elephanten (der größten von den drei
+afrikanischen Varietäten) sowie einem auf Bäumen lebenden Hyrax (einer
+besonderen Art) zum Aufenthaltsorte.
+
+Die Leoparden sind in diesen Gegenden gefährlicher als in den
+menschenleeren Gegenden des Innern, wo sie weniger an den Knall des
+Feuerrohres gewohnt sind. Da sie als Feinde, namentlich wenn verwundet,
+sehr gefährlich werden, tödtet man sie in diesen bewaldeten Gegenden
+meist mit Gift, oder fängt sie in Eisen. Die Elephanten sind durch ein
+Gesetz vor den Nachstellungen geschützt, so daß wir in der Cap-Colonie
+noch einige wilde Heerden[1] (je zu etwa 20-30 Stück) zählten, während
+sie im Oranje-Freistaat, den Transvaal- und in den südlichen
+Betschuanaländern schon vollkommen ausgerottet sind. Weil sie jedoch
+nicht gejagt werden, sind diese Thiere recht übermüthig geworden, was
+uns sofort auffällt, wenn wir sie mit ihren Brüdern im nördlichen
+Süd-Afrika und in Central-Afrika vergleichen. Dort bringt ein Schuß
+(wenn er auch in einer Entfernung von 2-3 englischen Meilen abgefeuert
+wurde) eine Elephantenheerde sofort zur schleunigen Flucht und die
+Thiere legen dann meistens 20-30 englische Meilen zurück, bevor sie sich
+eine Rast gönnen; daß dort ein Elephant ungereizt den Menschen angreifen
+würde, gehört zu den größten Seltenheiten, trotzdem in den letzten
+zwanzig Jahren allein von den Europäern mehr denn 7500 Elephanten erlegt
+wurden. Hingegen muß man in den Gegenden zwischen Grahamstown und Port
+Elizabeth, wo sich die Elephanten aufhalten, vorsichtig sein, um nicht
+den hin- und herwandernden Kolossen zu begegnen. Bevor ich auf der
+Heimreise Port Elizabeth erreichte, ereignete sich eben ein trauriger
+Fall in dem Niederwalde am Zondags-River, der theilweise die genannten
+Waldpartien durchfließt. Ein farbiger Diener war von seinem Herrn
+ausgeschickt worden, um einige Ochsen zu suchen, welche sich verirrt
+haben mochten; da der Mann nicht wieder heimkehrte, forschte man nach
+ihm, fand aber blos seinen verstümmelten Körper. An den Spuren ringsum
+konnte man sehen, daß ihn eine vorbeipassirende Elephantenheerde
+ausgewittert, sich von ihrem Pfade ab auf ihn gestürzt und ihn zertreten
+hatte. Nur mit Erlaubniß des Gouvernements ist man berechtigt, eines der
+Riesenthiere zu erlegen.
+
+ 1: Siehe Seite 25.
+
+Von den Vögeln die mannigfachen Species zu erwähnen, würde zu weit
+führen. Ein etwa sechsmonatlicher Aufenthalt würde hier dem Ornithologen
+eine reichhaltige Sammlung verschaffen. Ich will nur bemerken, daß dem
+Jagdliebhaber mehrere Trappenarten, Perlhühner, Reb-, Hasel- und
+Steppenhühner, Schnepfen und Regenpfeifer, Wildenten und Wildgänse,
+sowie Taucher und Schlangenhalsvögel täglich seine und seines Dieners
+Jagdtasche füllen können. Bewundern wir auf der Jagd oder auf einem
+Ausfluge in dieser Gegend die, die verschiedenen Strecken
+charakterisirende Pflanzenwelt, so sind es namentlich die Vögel und
+Insecten, welche den schönen, oft wundervollen Pflanzenformen doppelten
+Reiz verleihen. Da sind es langschwänzige Kolibris und Honigsucher,
+welche bald in den prächtigen kelchförmigen Schwertblüthen, bald in den
+weithin schimmernden carminrothen Aehrenblüthen der Aloëarten nach
+Insecten haschen. Dort wiederum winken uns die hellglänzenden
+dunkelgrünen Blätter eines Zwergstrauches, wir fühlen nicht den
+leisesten Windhauch, der sie bewegen würde--und immer nicken die zarten
+Aestchen wie mit Befriedigung einander zu. Doch siehe da, ein ganzer
+Schwarm kleiner, gelblich-grünlicher, unserem Goldhähnchen nicht
+unähnlicher Singvögel tummelt sich emsig in der Krone des Strauches
+umher, um Käferchen von der Innenseite der Blätter aufzupicken.
+
+Von der Spitze des Waggonbaumes halten Falken und zahlreiche schön
+gefiederte Würger ihre Rundschau--ein jeder hat ein kleines Reich um
+seinen hohen Wohnsitz eigen--und hat jener eine Blindschleiche oder ein
+Mäuschen, dieser einen summenden Käfer erspäht, stürzt er sich auf die
+arglose Beute herab und da schnellt sich immer wieder das Aestchen, auf
+dem er saß und mit ihm die nächsten Zweige, rasch empor, scheinbar froh,
+von der Bürde befreit zu sein. Die reichblättrigen Mimosen, mit
+hellglänzenden Insecten bedeckt, locken gar manchen Vogel an, doch auch
+die schilfigen Partien sind nicht weniger reich an befiederten Bewohnern
+der Lüfte. Rohrsänger, gelbe und feuerrothe Finken und Webervögel halten
+die schlanken Rohrstengel in fortwährender Bewegung, während die kleinen
+Thälchen von ihrem Gezwitscher wiederhallen.
+
+Von den Reptilien finden wir den Wasserleguan (riesige Eidechsen) in
+jedem fließenden Gewässer; von Schildkröten eine reiche Auswahl auf dem
+Lande und eine Art in stehendem und fließendem Wasser, von Schlangen
+sehr viele und sehr giftige Species, namentlich Bussadern, Cobras,
+Hornvipern, Korallenschlangen etc. etc. und von Wasserschlangen schöne
+harmlose grüne Species, doch auch sehr giftige Seeschlangen, die
+manchmal vom Meere aus die Flüsse heraufzuschwimmen pflegen.
+
+Spät in der Nacht desselben Tages, an dem ich Port Elizabeth verließ,
+gelangten wir nach Grahamstown, und verließen es schon zeitlich am
+nächsten Morgen. Wir stiegen in einem Hotel ab; die gewöhnlichen
+Logispreise waren und sind geblieben 2 Shillings und 6 Pence für ein
+Bett und ebensoviel für ein jedes Mahl.
+
+Grahamstown liegt malerisch an den Abhängen einiger Sandsteinhöhen, dem
+Quellgebiete des Kowie-Rivers, es hat seinen eigenen doch offenen Hafen
+an der Mündung dieses Flusses, Port Alfred genannt.[1] Ich bemerkte
+schon, daß wir hier den besten der botanischen Gärten in Süd-Afrika
+antreffen, indem außer afrikanischen Pflanzen meist Bäume aus
+Australien, Acacien und Eucalyptusarten, sowie Kasuarinen, ferner
+Gewächse aus Mauritius, Madagascar und Süd-Amerika mit dem besten
+Erfolge gepflegt werden. Von einheimischen Gewächsen sah ich namentlich
+schöne Exemplare des wundervoll geformten »Elephantenfußes« und mehrere
+Encephalartos-Arten sehr gut gedeihen. In dem geräumigen Glashause fand
+ich unter andern Prachtformen riesige Exemplare südafrikanischer
+Farrenbäume.
+
+ 1: Siehe Anhang 3.
+
+Nach zwei Tagen angenehmer Fahrt in einer bequemen amerikanischen
+Kalesche hatten wir die 25 geographische Meilen lange Strecke zwischen
+Grahamstown (The Town of the Settlers) und Cradock zurückgelegt. Die
+durchreiste Strecke war zu Beginn schluchten- und waldreich, wie jene
+zwischen Grahamstown und Port Elizabeth, hierauf ein Hochplateau, das
+mit zahlreichen isolirten Tafel- und Spitzbergen besäet, von Bergkämmen
+und Höhenzügen im fernen Nordost und Nordwest begrenzt war. Die ersteren
+erhoben sich 200 bis 500 Fuß über das sie umgebende Flachland und sind
+meist mit niederem Gebüsch, namentlich dem Nahrung spendenden Speckbaume
+bewachsen. Die Thäler zeigen Dornenbäume und Sträucher, die Warte-bichi,
+den Heckenstich und andere Mimosenarten im Ueberfluß, welche
+Thalbewaldung weiter nach Norden über Cradock hinaus abnimmt und erst
+wieder gegen den Vaalfluß und von da nach Norden zu, häufiger auftritt.
+Auf dieser Strecke nach Cradock beobachtete ich auch zuerst jene großen
+Ebenen, die zur feuchten Jahreszeit ein unabsehbarer hellgrüner (wenn
+von Gras), dunkelgrüner (wenn von dem Kapbusche gebildet) Teppich, zur
+Zeit der Dürre ein einförmiger brauner oder röthlicher Wüstenstrich
+sind, wie wir sie in der westlichen Cap-Colonie, dem Freistaate, im
+westlichen Griqua-Lande, der Transvaal-Colonie und dem Batlapinenlande
+vorfinden, und welche den Zwergtrappen, den Spring- und Blaßbockgazellen
+sowie dem schwarzen Gnu zum Aufenthaltsorte dienen. Da wo diese Thiere
+wenig gejagt werden, finden sie sich noch zu Tausenden. Auf meiner Reise
+nach Cradock beobachtete ich nur die erstgenannten, doch die
+zierlichsten unter den größeren Gazellen. Sie nehmen auf den Ebenen nach
+Norden zu ab, und ich beobachtete sie nicht über das Salzseebecken im
+centralen Süd-Afrika hinaufreichend, während sie längs der Westküste bis
+zu den portugiesischen Besitzungen ausschwärmen.
+
+Die Springbockgazelle (A. Euchore) gehört unstreitig zu den schönsten
+Gazellenarten, die wir kennen. Sie besitzt außer allen Vorzügen einer
+Gazelle eine seltene Sprungkraft in ihren stählernen Muskeln und ihr
+edles zierliches Köpfchen schmückt ein so schönes, lyraförmig
+geschwungenes Hörnerpaar, daß man ihr wohl den Vorzug unter den
+mittelgroßen ihrer Familie einräumen muß. Dieses ungewöhnlich reizende
+Thier hat so graziöse Bewegungen, namentlich wenn es spielt, oder
+aufgescheucht die Flucht ergreift, daß man in Verlegenheit geräth, selbe
+zu beschreiben. Selbst wenn sie gejagt wird und in Angst dahinfliegt,
+scheint sie es darauf angelegt zu haben, durch ihre Coquetterie des
+Jägers Mordlust zu beschwichtigen. Leider findet sie für ihre Schönheit
+abgestumpfte Nimrode in mehr als hinreichender Zahl und dies namentlich
+unter den holländischen Farmern und den Eingebornen, welche dafür
+sorgen, daß sie täglich seltener wird. Ihre Sprünge ähneln dem
+Ausschnellen einer Uhrfeder. Sie läßt namentlich gewöhnliche Jagdhunde,
+mit Ausnahme der Windspiele, ziemlich nahe kommen; sie schaut die
+anrennenden, laut kläffenden Köter so gleichgültig an, wie wenn sie
+geduldig erwarten würde, bis sie zu ihr gekommen und ihr Alles gesagt,
+was sie zu sagen hätten. Plötzlich, wenn nach ihrer Berechnung die Zeit
+zur Flucht gekommen, schnellt sie sich wie eine losgelassene Uhrfeder in
+die Höhe, um etwa 6-8 Fuß weiter die Erde mit ihren zarten, spitzen
+Klauen zu berühren, allein kaum daß dies geschehen, so ist sie schon
+wieder über derselben, und so macht sie fünf bis zehn Sprünge sehr rasch
+hintereinander und dem Emporschnellen eines auf harten Boden
+auffallenden Gummiballes nicht unähnlich; es scheint, als ob sie die
+Erde gar nicht berühren würde, kaum senkt sich der Körper zur Erde, hat
+er sich auch schon wieder emporgeschnellt. So in einem überraschend
+kurzen Zeitraume von dem Verfolger weit entfernt bewegt sie sich
+plötzlich eine Minute langsam im Schritte vorwärts, wiederum dem Hunde
+Zeit gönnend sich zu nähern, dann wiederholen sich die Sprünge, und so
+neckt das Thier seine Verfolger mehrmals, bis es endlich, gleichsam des
+Spielens müde geworden, in weiten, großen Sätzen, in wilder Flucht
+davonjagt, bis es sich vollkommen sicher glaubt, und man sie in einigen
+Augenblicken in der weitesten Entfernung auf der Ebene als winzigen,
+weißlichen, beweglichen Punkt wahrnimmt, welcher dem Jäger die Richtung
+angibt, in der das schnellfüßige Thier seinen Lauf, oder besser gesagt,
+seinen Flug genommen. Allein selbst seine fabelhafte Schnelligkeit
+rettet es nicht vor dem Tode. Die Entdeckung der Diamantenfelder hat
+Tausenden dieser Thiere, wie auch ihren Verwandten, dem Bläßbock und dem
+schwarzen Gnu, Verderben gebracht. Die holländischen Farmer als Besitzer
+der Striche, auf welchen die edlen Thiere weiden, und als vortreffliche
+Schützen, sind ihre ärgsten Feinde. Sie kamen periodisch auf die
+Diamantenfelder und immer mit reicher Beute versehen. Ich hatte während
+meines dortigen Aufenthaltes beobachtet, daß in den Wintermonaten von
+Mai bis September ganze Wagenladungen mit solchen erlegten Thieren zu
+Markte gebracht wurden; doch auch sonst ist dies Wildpret nicht selten
+zu haben. Namentlich sind es der öffentliche Auctionsmarkt, der jeden
+Morgen in Kimberley und Dutoitspan abgehalten wird, wo sie an den
+Meistbietenden überlassen werden. Da liegen sie vor uns, der Köpfe und
+Füße beraubt, oft zu Dutzenden nebeneinander in langen Reihen! Der Preis
+wechselt je nach der Jahreszeit und der Größe des Thieres zwischen 3-7
+Shillinge.
+
+Nicht uninteressant ist die Jagdweise dieser Thiere. Man jagt sie zu
+Pferde, erlegt sie auf dem Anstande und hetzt sie mit Windhunden zu
+Tode. Die gewöhnlichste ist jene zu Pferde. Der Jäger setzt im stärksten
+Galopp den Thieren nach; die auf jenen begrasten Ebenen geborenen und an
+die Löcher der vielen Erdthiere sowie die niedrigen Termitenhaufen
+gewöhnten Pferde eilen im schnellen Laufe in der ihnen angegebenen
+Richtung dahin, so daß sie dem Jäger wenig Mühe verursachen, ihm
+vielmehr gestatten, seine ganze Aufmerksamkeit den fliehenden Gazellen
+zuzuwenden. Etwa zweihundert bis hundert Schritte nach einem 1½-2
+Meilen (engl.) langem Ritte den Thieren nahe gekommen, bringt oft schon
+ein leichter Druck mit den Knieen das im wilden Galopp dahinjagende
+Pferd zum plötzlichen Stillstand, der Jäger springt ab, legt an und
+schießt. Es sind namentlich holländische Bauern, welche in dieser
+Jagdweise Unglaubliches leisten. Ich habe Fälle beobachtet, wo der Jäger
+mit seinem Hinterlader zwei fliehende Gazellen mit einem Schusse
+erlegte, auch Fälle, wo die ersten beiden Schüsse fehl gingen oder sonst
+etwas dem Jäger seinen zweiten Schuß so spät abzufeuern erlaubte, daß
+die Gazellen erst nachdem sie 600 bis 800 Schritt weit abgekommen waren,
+stehen blieben. Während sie dann nach dem Jäger zurückblickten kniete
+dieser nieder, wies sich umwendend mit den Worten: »det rechte kantsche
+bock, Mynheer« auf eines der Thiere und streckte eben das bezeichnete
+mit der Kugel seines Carabiners nieder.
+
+Die zweite Art, die Springböcke zu jagen, ist jene auf dem Anstande. In
+der Nähe der Wassertümpel, zu welchen die Gazellen trinken kommen, oder
+auch an den Lachen in einem bis auf diese ausgetrockneten Flußbette,
+gräbt man muldenförmige Gruben, in der Tiefe von 1½-3 Fuß und 3 Fuß im
+Durchmesser haltend. In diese Grube kauert sich der Jäger und schießt
+die zur Tränke kommenden Thiere nieder. Diese Jagdweise ist
+namentlich in trockenen Wintern sehr üblich, wo es nur wenige
+Wasserstellen gibt, an denen die armen Thiere ihren Durst stillen
+können. Die südlichsten der Betschuanen, die Batlapinen und Barolongen,
+lieben eine ähnliche Jagdweise, welche jedoch mehr eine Treibjagd
+genannt werden muß. Sie thun dies auch, weil sie als schlechte Schützen
+sonst dem Wilde nicht gefährlich werden könnten. Mehrere Männer legen
+sich in das etwa 2 Fuß hohe Gras, welches die Ebenen zwischen dem
+Hart-River und dem Molapo bedeckt, oder hinter die Termitenhügel platt
+auf die Erde, und da sie in der Regel nur gewöhnliche Musketen (_Pavion
+boute_) besitzen und somit der Erfolg von _einem_ Schusse abhängt,
+700-900 Schritte windabwärts von einer grasenden Springbockheerde, und
+zwar jeder Schütze etwa 50, wenn es nur wenige sind, etwa 200 Schritte
+von einander entfernt. Hier warten sie oft stundenlang, bis ihre
+zahlreichen Genossen im weiten Bogen die Heerde umgangen, und sie
+halbmondförmig einschließend, nach den Schützen zu gedrängt haben. Sind
+es nur wenige Eingeborne, die sich auf eine solche Jagd begaben, so
+warten sie ruhig einen ganzen Tag im Grase liegend, bis sich das
+grasende Wild ihnen allmälich genähert. Ich beobachtete Fälle, wo sechs
+Schützen auf ein Thier anlegten, sechs Donnerbüchsen (denn ihre Musketen
+sind wahre Donnerbüchsen) ließen die Erde erzittern und als sich der
+Rauch verzog, da schauten hoch aufgerichtet ebensoviel dunkle Gestalten
+verwundert, eine flüchtige Springbockgais schnellfüßig das Weite
+suchend--alle Schüsse waren fehl gegangen.
+
+[Illustration: Springbockjagd bei Colesberg.]
+
+Mir selbst geschah etwas Aehnliches. Auf dem Anstande stundenlang in
+einer kurzgrasigen Ebene, nahe an einem Salzsee drei Springbockgazellen
+erwartend, sah ich endlich die schönen Thiere einige 20 Schritte vor
+mir, allein mir schien's ein Verbrechen, ihnen ein Leid anzuthun; nur
+der Gedanke, daß wir Nahrung brauchten, brachte mich dahin, von meinem
+_Snider-rifle_ Gebrauch zu machen; allein die Hand zitterte--ich konnte
+mich nicht des Gedankens erwehren, daß ich einen Mord begehe, möglich,
+daß man in größerer Entfernung hartherziger ist--und so legte ich die
+Hand an den Drücker und die Thiere, erschreckt durch den plötzlichen
+Knall, flogen in weiten Sätzen von dannen. Livingstone erwähnt in seinen
+südafrikanischen Reiseberichten, bei Gelegenheit als er die Jagd auf
+Gazellen bei den Betschuanen beschreibt, der sogenannten Hopofalle. Ich
+sah sie nicht mehr im Gebrauch, sie ist auch heutzutage nicht mehr gut
+möglich. Zu seiner Zeit war das Wild in jenen Gegenden weniger scheu und
+in größeren Massen vorhanden.
+
+[Illustration: Antilopenfalle.]
+
+Die dritte Jagdweise auf den Springbock ist die von den Engländern
+eingeführte und besteht darin, daß man das Thier, ohne sich des
+Feuergewehrs zu bedienen, mit Windhunden zu Tode hetzt. Die
+Jagdgesellschaft jagt den Thieren mit verhängten Zügeln auf guten,
+allein weniger an das Terrain gewöhnten Pferden nach, bis es entweder
+den Hunden gelingt die Gazellen einzuholen, oder die letzteren einen
+solchen Vorsprung gewinnen, daß die Verfolger, müde geworden, die
+Verfolgung aufgeben müssen.
+
+Auch in Cradock[1] währte unser Aufenthalt nur einen Tag.--Cradock liegt
+am linken Ufer des Fish-River, eines Flusses, der oft monatelang bis auf
+einzelne Tümpel versiegt. Treten jedoch starke Regengüsse ein, so
+genügen einige Stunden, um das Flußbett mit chokoladfärbigen
+Wasserfluthen zu füllen, die mit tausendfachen Trümmern bedeckt,
+Verderben und Entsetzen auf beiden Ufern verbreiten. Kommt man zur Zeit
+der Dürre zu einer der großen Brücken, von denen auch eine bei Cradock
+das Flußbett überspannt, so konnte man leicht versucht sein, die
+Zweckmäßigkeit derselben zu bezweifeln, wir erfahren aber, daß selbst
+diese große Brücke im Jahre 1874 von dem tückischen Gewässer zertrümmert
+wurde, und der neue Brückenträger um mehr als 6 Fuß höher gelegt wurde
+als der frühere. Die solide und schwere Eisen-Construction war von den
+Pfeilern gehoben und weggespült, die Pfeiler gleichfalls arg mitgenommen
+worden.[2]
+
+ 1: Siehe Anhang 4.
+
+ 2: Siehe Anhang 5.
+
+[Illustration: Gegend bei Cradock.]
+
+Am zweiten Tage nachdem wir Cradock verlassen, langten wir in der Stadt
+Colesberg an, da wir aber mit Windeseile vorwärts ritten, fand ich kaum
+mehr die Muße, die Physiognomie der Landschaft in's Auge zu fassen. Auf
+meiner sieben Jahre später erfolgten Heimreise, auf der ich mit einem
+Ochsengespann der Dürre wegen langsam reisen mußte, hatte ich
+Gelegenheit, die Strecke theilweise geologisch zu durchforschen und
+dabei einige recht interessante vom Wege abseits liegende Partien kennen
+zu lernen. Gegen Colesberg zu nehmen die isolirten, tafelförmigen
+Erhebungen allmälich an Zahl und Höhe ab, dagegen geht das Land nach
+Norden zu in ein Hochplateau über. Eine der schönsten Partien ist
+New-Port, ein Paß, an dem sich die Wasserscheide der nach dem Süden
+fließenden Gewässer und der Nebenflüsse des Oranje-River befindet. Die
+Höhen im Colesberg- und Cradockdistrict beherbergen viele Pavianheerden,
+mehrere kleine Gazellenarten, kleinere katzenartige Raubthiere, sowie
+Leoparden, und bei Cradock auf den flachen Häuptern einiger Tafelberge
+finden sich noch mehr denn 50 der eigentlichen Quaggas, ich glaube die
+einzige Art, die wir noch in Süd-Afrika antreffen. Mit Freuden
+beobachtete ich, daß sie von einigen der Farmer geschont werden; vor
+etwa zehn Jahren waren sie schon bis auf 15 Stück herabgeschmolzen.[1]
+
+ 1: Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jenen einsichtsvollen
+ holländischen Farmern von Seite zoologischer Gesellschaften und der
+ Thierschutzvereine einige Anerkennung zukommen zu lassen, damit sie
+ nicht nur bei ihrem vernünftigen Entschlusse verharren, sondern auch
+ ihre Freunde in der Umgegend die Thiere schonen und ihre
+ Berufsgefährten in den anderen civilisirten Theilen Süd-Afrika's
+ bezüglich anderer auch schon stark abnehmender, unschädlicher
+ Vierfüßler ein Gleiches beobachten mögen. Und wenn es auch nur
+ einfache Belobungsdecrete wären, sie würden eine gute Wirkung nicht
+ verfehlen.
+
+Der Cradocker-, Colesberger- und der benachbarte District von
+Graaf-reynet sind ausgezeichnet durch Lager fossiler Ueberreste,
+namentlich Dicynodonlager und der dieser Periode angehörenden fossilen
+Flora.
+
+Colesberg selbst ist durch einen gleichnamigen Berg ausgezeichnet, an
+dem wir die Schichtung der einzelnen Gesteine, welche den District
+charakterisiren, vor uns aufgethürmt sehen. Die Stadt ist etwas kleiner
+als Cradock und liegt in einem ziemlich engen Felsenthale. Die Höhen,
+die sie umschließen, sind meist nur mit Gras und so kleinen Zwergbüschen
+bedeckt, daß sie dem Beschauer fast von aller Vegetation entblößt
+erscheinen. Die meist kahlen Blocke, welche sie bedecken, werden zur
+Sommerszeit gewöhnlich so ausgeglüht, daß sie die zwischen ihnen
+liegende Stadt zu einem förmlichen Backofen, und den Aufenthalt daselbst
+nicht besonders angenehm machen.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 6.
+
+Auf meiner Weiterreise von Colesberg nach Norden zu, gelangten wir nach
+zweistündigem Ritte zu dem Oranjeflusse, welcher die Grenze zwischen dem
+Oranje-Freistaat und der Cap-Colonie bildet. Wir übersetzten den an
+Wassergehalt der Elbe gleichkommenden Strom in einer Fähre, welche die
+Communication der beiden Ufer vermittelte und noch vermittelt; doch
+steht schon heute einige hundert Schritte stromaufwärts eine
+Eisenbrücke, und drei andere erleichtern den Verkehr zwischen beiden
+Staaten stromauf- und abwärts. Der erste Tag, den ich in der Republik
+verlebte, wollte mir nicht recht gefallen, und ich erinnere mich noch
+heute lebhaft aller jener kleinen Zwischenfälle, die ich auf der Strecke
+vom Oranjefluß bis Fauresmith erlebte. Der Weg zum Flusse bis Philipolis
+wurde in etwa zwei Stunden zurückgelegt. Hier mußten wir der
+Passagierkutsche Valet sagen und hatten den Rest des Weges nach
+Fauresmith in einem Postkarren zurückzulegen. Philipolis bot einen
+äußerst traurigen Anblick. Die Winterdürre hatte das Gras im Thale
+ringsum, sowie an den umliegenden Höhen verbrannt, so daß die ganze
+Gegend braun und kahl erschien; ebenso traurig war das Bild einiger
+sechzig viereckiger, flachgedeckter, in der Mehrzahl nicht
+eingefriedeter Häuser; nur an einer mit einigen seichten Wasserlachen
+bedeckten Schlucht, dem Rinnsale eines jetzt ausgetrockneten Bächleins,
+standen einige Bäume, deren fahles Laub den traurigen Anblick des
+Städtchens nicht zu heben vermochte. Die Oede desselben wurde noch durch
+die Stille des Ortes verschärft, kaum daß das Auge einem lebenden Wesen
+begegnete, denn die Mehrzahl der Häuser war unbewohnt.
+
+Da wir hier einige Stunden auf den Postkarren warten mußten, nahm ich
+mit meinem Freunde, Herrn Michaelis, in dem Postgebäude Zuflucht. Es war
+zugleich der Sitz der politischen Behörde und des Polizei-Commissariats
+des Districts Philipolis. Denken wir uns ein kleines, etwa 14 Meter
+langes und 6 Meter breites Steinhäuschen, durch eine dünne Bretterwand
+in einen dem öffentlichen Dienste gewidmeten und Privatraum getheilt,
+von welchem letzterer nicht nur die Kanzlei der politischen Behörde (des
+Landdrostes), sondern zugleich das Amtslocale des Sheriffs (der
+Polizeibehörde) und des Postmeisters bildet. Ein mit einem Tuche
+behangener Tisch auf einem Podium, ein Stuhl dahinter, zwei Holzbänke
+und ein mit Latten abgesonderter, etwa einen Quadratmeter umfassender
+Raum vor demselben das ganze Meublement des ersterwähnten Raumes
+bildend, läßt uns dessen Bestimmung als Gerichts-, Sitzungs- und
+Wahlversammlungs-Saal des Districts errathen. Die Schilderung des
+Posthauses dürfte die geehrten Leser auch mit der Natur der Postkarren
+vertraut machen.[1]
+
+ 1: Der Postdienst ist in Süd-Afrika zumeist an Privatleute vergeben,
+ welche gegen eine fixe Subvention die Verbindung zwischen den
+ einzelnen Städten (ein- bis dreimal die Woche) herzustellen sich
+ verpflichten.
+
+[Illustration: Fahrt in die Diamantenfelder.]
+
+In dichter bewohnten Gegenden, wo der Posthalter auf Passagiere rechnen
+kann, sind diese Karren gedeckt und mit Polstersitzen versehen, wo er
+jedoch auf diesen Nebenverdienst verzichten muß, sind dieselben sehr
+primitiver Natur; ein roher, viereckiger, gelbangestrichener und auf
+zwei hohen Rädern ruhender Holzkasten. Die Wohlthat eines solchen
+Vehikels mußten wir nun durch drei Stunden rascher Fahrt genießen.
+Selbst auf einer glatten, asphaltirten Chaussee, bei herrlichem Wetter
+einer Folterstrafe zu vergleichen, war unsere Fahrt mit einem solchen
+Vehikel bei dem damaligen Zustande der Straße ein waghalsiges Beginnen.
+Wir kamen in Verlegenheit, für den Weg von Philipolis nach Fauresmith
+selbst in Mexico und anderen durch den erbärmlichen Zustand der Straßen
+bekannten Ländern eine Analogie zu finden. Dazu beliebte es dem Kutscher
+die Schnelligkeit seiner Pferde im günstigsten Lichte zu zeigen.
+
+Es bedurfte des Aufwandes aller Kraft und Balancirkunst, um bei dieser
+tollen Fahrt über einen von hunderten von Rinnsalen und Felsadern
+durchsetzten, mit Blöcken und Wasserlöchern überreich bedeckten Weg (oft
+ist derselbe das natürliche Rinnsal des abfließenden Wassers einer
+größeren Fläche des Hochlandes) nicht vom harten Sitze herabgeschleudert
+zu werden und bei dem durch die Fahrt verursachten Getöse nicht
+unbemerkt in Verlust zu gerathen. Fälle, wo Kutscher und Passagiere
+lebensgefährliche Verletzungen davontragen, sind nicht selten.[1]
+
+ 1: So geschah es, daß vor wenigen Jahren in der Nähe von Cradock ein
+ Postbote mit vier Pferden ertrank und in einer Schlucht zwischen
+ Cradock und Grahamstown ein Anderer umwarf, wobei die meisten seiner
+ Passagiere umkamen. In beiden Fällen hatten Regenfluthen und der
+ schlechte Weg das Unheil verschuldet. Leider wird diesem Uebelstande
+ noch für lange Zeit in vielen Theilen der südafrikanischen Colonie
+ nicht abgeholfen werden, da man trotz der großen Opfer, die man
+ schon gebracht, noch nicht so viel Capital verwenden konnte, um die
+ langen Strecken gegen die Einflüsse der plötzlichen Regengüsse zu
+ schützen. Es ist jedoch zu hoffen, daß der Eingeborne in Süd-Afrika
+ sich mehr an die Arbeit gewöhnt, als es jetzt der Fall ist, und daß,
+ wenn dann ausgiebige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, alle diese
+ Arbeiten auch viel leichter und mit geringeren Kosten ausgeführt
+ werden können.
+
+Unsere Lage war noch dadurch erschwert, daß wir auch noch unser Gepäck
+ängstlich behüten mußten; da saßen wir drei auf einer ungefähr einen
+Meter langen und einen halben Meter breiten Fläche. Ein eisiger Wind
+wehte uns entgegen, so daß unsere Hände bald erstarrten. Zudem ging es
+langsam bergan und doch mußten die armen Thiere zum scharfen Trabe
+angehalten werden. Zum Ueberflusse fing es, als wenn sich Alles gegen
+uns verschworen hätte--eine Seltenheit in jenen Gegenden--zu schneien
+an. Wir hatten etwa zwei Drittel der Strecke in diesem eisigen
+Schneegestöber zurückgelegt, weiter, das fühlte ich, konnte diese
+Marterfahrt nicht ausgedehnt werden, denn Mensch und Thier waren der
+Erschöpfung nahe.
+
+Lieblichste Musik däuchte uns in dieser Lage das Gebell eines Hundes,
+denn er bedeutete die Nähe einer Wohnstätte und Ruhe. Die elendeste
+Kaffernhütte wäre uns willkommen gewesen und mein Begleiter schwur, ein
+£ St. für ein Nachtlager, wenn auch nur in einer geräumigen Hundehütte,
+bieten zu wollen.
+
+Wir waren auf das Freudigste überrascht, anstatt einer dürftigen Hütte
+die erleuchteten Fenster eines Farmhauses zu entdecken. Wir fanden eine
+überaus freundliche Aufnahme und, als wenn sich auch der Himmel mit uns
+aussöhnen wollte, ließ, bevor wir noch die Pferde ausgespannt hatten,
+das Gestöber etwas nach. Bald saßen wir am gastlichen Tische des
+holländischen Farmers und hatten alle ausgestandene Pein vergessen, so
+vollständig, daß ich, als wir nach einer Weile vor die Thüre tretend, um
+nach dem Wetter zu sehen, kreischende Vogelstimmen hörten, mich
+entschloß, mein Jagdglück zu versuchen. Der Himmel hatte sich etwas
+aufgeklärt und ließ das Licht des Mondes matt durchscheinen. Nach
+Südosten hing es noch dunkel; es war die Richtung des abziehenden
+Unwetters. Mir war schon, während wir bei Tische saßen, das hundertfache
+Vogelgeschrei aufgefallen und auf meine Anfrage antwortete mir mein
+freundlicher Wirth, daß es von »Det grote springhan Vogl« herrühre. Die
+Holländer nennen nämlich den grauen, südafrikanischen Kranich (C.
+Stanleyi), von welchem ich ein Exemplar dem Prager Stadtpark widmete, ob
+seines großen Nutzens, den er durch das Vertilgen der Wanderheuschrecken
+bringt, den großen Heuschreckenvogel; zum Unterschiede von einer anderen
+Art, welche sie den kleinen Heuschreckenvogel nennen, der in großen
+Schwärmen diesen Insecten folgt, während die südafrikanischen Kraniche
+ihre ständigen Quartiere nicht verlassen.
+
+Langsam schlich ich mich an, allein ich machte die Erfahrung, daß diese
+Thiere sehr wachsam sind, denn die ganze Gesellschaft erhob sich
+kreischend in die Lüfte; da ich nicht in den ganzen Schwarm feuern
+wollte, zog ich mich wieder zurück. Später machte ich die Beobachtung,
+daß diese Vögel, so wie die Kronenkraniche (_Balearia regulorum_), auch
+Reiher und mehrere Storcharten, zur Nachtzeit stehende Gewässer
+aufsuchen und hier übernachten. Dieser Aufenthalt schützt sie vor den
+Nachstellungen der Hyänen, Schakale, Füchse, dem Hyänenhund (_Canis
+pictus_) und verschiedenen Katzenarten. Man findet oft große Heerden
+vermiedener Abarten dieser Stelzenvögel in den genannten Gewässern
+versammelt, bei Anbruch der Dunkelheit stellen sie sich in langen Zügen
+ein und erst bei Sonnenaufgang verlassen sie das schützende Versteck.
+Was mir besonders bei meinen häufigen nächtlichen Jagdausflügen zu den
+Salzseen und in der Nähe ähnlicher doch süßwasserhaltiger Gewässer in
+Süd-Afrika auffiel, war, daß sich die Vogelschaaren in den Gewässern
+nicht außer aller Gefahr hielten. Sie haben Wachen ausgestellt, welche
+sie von Zeit zu Zeit ablösen. Diese Wachen erheben etwa viertel- und
+halbstündlich ein kurzes Geschnatter, etwas ähnliches beobachtete ich
+auch im Transvaalstaate bei den gewöhnlichen und schwarzen Störchen, bei
+den grauen Fischreihern am Molapoflusse, bei den kleinen weißen
+Reiherarten in den Sümpfen des Limpopothales, bei dem Riesenreiher im
+Sibananie-Walde und den Purpurreihern und Sporngänsen im Zambesithale.
+
+Nach einer beschwerlichen Fahrt von mehreren Stunden erreichten wir,
+nachdem wir die gastliche Farm verlassen, die Stadt Fauresmith. Sie
+zeigte den Charakter aller Städte des Freistaates; obschon sie kaum 80
+Häuser zählte, dehnte sie sich doch über eine beträchtliche Fläche aus;
+die reinlich getünchten Häuser mit ihren flachen Dächern, aus den sie
+theilweise umgebenden Gärten hervorlugend, gewährten uns einen
+freundlichen Anblick. Fauresmith ist der Sitz eines Landdrosten und im
+Allgemeinen eine der bedeutenden Städte der Republik. Der gleichnamige
+District, dessen einzige Stadt eben Fauresmith ist und der zu den
+reichsten des ganzen Freistaates zählt, verdient weiters noch durch
+seine Pferdezucht und den nahe der Stadt gelegenen Diamanten-Fundort
+»Jagersfontein«, in dem der Abbau etwas rationell betrieben wird,
+besondere Erwähnung.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 7.
+
+Fauresmith, sowie die meisten südafrikanischen Städte, bieten viermal
+des Jahres, wenn die holländischen Farmer zur Andachtsübung und
+Erfüllung ihrer religiösen Pflichten (hauptsächlich um das heilige
+Abend- und Nachtmahl, wie es hier genannt wird, zu empfangen) und auch
+zur Besorgung ihrer En gros-Einkäufe und Abrechnung mit ihren
+Geschäftsfreunden nach der Stadt kommen, ein ungewöhnlich belebtes Bild,
+das zur gewohnten Stille und Einsamkeit einen grellen Contrast bildet.
+Eine Unzahl der bekannten südafrikanischen Riesenwägen durchzieht dann
+die Straßen und campirt theils in denselben, theils außerhalb der Stadt.
+Im Gefolge der Wagen fanden wir immer einige Reiter, theils
+Farmerssöhne, theils farbige Diener. Die bemittelteren der Farmer
+besitzen ihre eigenen Häuser in der Stadt und wo es die künstliche
+Bewässerung erlaubt auch ein Gärtchen dazu; die weniger wohlhabenden
+miethen sich von den letzteren für die Zeit ihres Aufenthaltes ein bis
+zwei Zimmer, oder wohnen--was jedoch nur die Aermsten thun--außerhalb
+der Stadt für die kurze Dauer ihres Besuches in ihren großen Wägen.
+Diese Besuche der holländischen Farmer sind für die dortigen
+Geschäftsleute heiß ersehnte Tage und erinnern in mancher Hinsicht an
+die europäischen Messen. Auch der Arzt findet in dieser Zeit eine
+vermehrte Beschäftigung, da die Farmer sehr oft bei allen nicht
+besonders gefährlichen Krankheiten mit ihrer Consultation bis zum
+Besuche der Stadt warten. Unter der nicht besonders zahlreichen
+Bevölkerung dieser Städte bilden die Prediger, der Landdrost, der Arzt,
+die Kaufleute und der Notar die Crême der Gesellschaft.
+
+Ich erwähnte bereits, daß ich meine Reise nach Fauresmith mit den
+schönsten Hoffnungen und in gehobener Stimmung antrat. War ich doch hier
+dem ersehnten »Innern« viel näher als in Port Elizabeth, konnte ich doch
+über den Umfang und die Details meiner nöthigen Ausrüstung belehrt
+werden, endlich sollte ich hier die Gelegenheit finden, mir die
+Geldmittel zu meinen geplanten Reisen in das Innere zu verschaffen. Dies
+Alles war mir von dem Fauresmither Geschäftsmann so leicht, in solch'
+schönen Farben geschildert worden, daß ich es ja glauben mußte, und ich
+vertraute um so zuversichtlicher, als ich mich so alleinstehend, so
+fremd und weil mittellos, so verlassen in dem mir fremden Welttheile
+fühlte. Ein Ertrinkender faßt mit ganzer Kraft und Zuversicht nach dem
+schwächsten Zweige, der ihm erreichbar ist, von ihm erhofft er seine
+Rettung; wäre er am Ufer, er würde allerdings solche Hoffnungen thöricht
+schelten.
+
+Enttäuschung ist wohl einer jener so oft im Leben wiederkehrenden, wenig
+angenehmen Momente, die den Menschen zum Sammeln aller seiner Kräfte und
+Fähigkeiten zwingen, wenn er nicht muthlos verzagen will. Dieser
+ungebetene Gast sprach aber bei mir so oft vor, daß er mich heute nicht
+mehr überraschen würde. Wir haben ihn gewiß alle ohne Ausnahme kennen
+gelernt, vielleicht bin ich jedoch häufiger mit ihm zusammengekommen,
+als Andere. Kannte ich ihn doch schon aus meiner frühen Jugend, aus den
+Anfängen meiner »Forschungsreisen« im Mittelgebirge und im Egerthale,
+aus meinen Universitätsstudien in Prag, aus dem Beginne und aus der
+Entwickelung meines Unternehmens.
+
+Alle Hoffnungen, die ich auf den Aufenthalt in Fauresmith gesetzt hatte,
+zerrannen in wenigen Tagen; ich hatte wahrgenommen, daß ich auch dem,
+der mich zur Reise hierher bewogen, zur Last fiel; er kam mit seinem
+älteren Freunde, einem in Fauresmith wohnenden Arzte, meinethalben in
+Collision, schließlich siegten seine älteren Sympathien über die mir
+zugedachte Gewogenheit, doch gab er mir den wohlmeinenden Rath, die
+Diamantenfelder aufzusuchen, in welchen ich, wie er sich ausdrückte, am
+rechten Platze und der rechte Mann wäre. Mir blieb nichts übrig, als
+diesem »wohlmeinenden« Rathe zu folgen und so brach ich wieder auf. Ich
+hatte kaum die nöthigsten Kleider auf dem Leibe, meine Fußbekleidung war
+in Brüche gegangen und da meine Mittel nicht hinreichten, mir neue
+Kleider zu kaufen, mußte ich versuchen, sie creditirt zu erhalten. Dies
+gelang mir, und so zog ich weiter, mein Stolz verbot es mir, den Mann,
+der in Port Elizabeth den guten Willen gezeigt hatte, mir zu helfen, an
+sein Versprechen zu erinnern. Wie von Port Elizabeth nach Fauresmith, so
+war auch von Fauresmith nach den Diamantenfeldern Herr Hermann Michaelis
+mein guter Helfer. Für jene Strecke hatte er mir das nöthige Geld
+vorgestreckt, auf dieser nahm er mich als seinen Gast mit, da er eben
+auch nach den Diamantenfeldern gehen und sie besichtigen wollte. Wir
+fanden nun noch einen Reisegefährten in Herrn Rabinsvitz, dem
+Oberrabbiner für Süd-Afrika, der mir ein sehr freundliches
+Entgegenkommen bewies. So schied ich denn von Fauresmith, ohne Groll und
+muthig der Zukunft entgegenblickend. Dem Kaufherrn in Fauresmith sei
+hier für die gewährte Gastfreundschaft mein Dank ausgesprochen.
+
+Die Gegend zwischen Fauresmith und den Diamantenfeldern ist recht
+eintönig. Nur die Strecke längs des Riet-River und im Thale des
+Modder-River, welches wir zu durchkreuzen hatten, bot eine etwas
+anziehendere Scenerie dar. Hier zeigte sich mir auch eine günstige
+Jagdgelegenheit, und ich benützte die wenigen freien Minuten während
+einer Ruhepause, nach eingenommenen Mahle, die nächste Umgebung zu
+durchstöbern. Der Riet-River floß in einem tiefen Bette als ein dünner
+Faden nach Nordwest, um sich mit dem Modder- (Sumpf-, Schlamm-) River zu
+verbinden. Wie in den meisten Flüssen Süd-Afrika's zur Trockenzeit
+(Winter) hatten sich auch hier mehrere die ganze Breite des Flußbettes
+einnehmende, bis drei Meter tiefe, fischreiche Tümpel gebildet.
+
+Der großen Mannigfaltigkeit von Landschaftstypen entspricht auch eine
+große Mannigfaltigkeit von Thierformen, namentlich Vierfüßlern, und
+selbst in den zur Trockenzeit wüstenartig erscheinenden Gegenden bietet
+sich dem Zoologen wie dem Jäger ein reiches Arbeitsfeld. Diese
+Mannigfaltigkeit ist besonders bei den niederen Thierformen ausgeprägt,
+und ich fand schon in der Cap-Colonie viele Schmetterlings- und
+Käferarten oft auf kleine, durch zwei parallel laufende Flüsse begrenzte
+Striche beschränkt.
+
+Mit einzelnen interessanten Arten von Federwild wurde ich eben jetzt in
+dem mit Trauerweiden (_Salix babylonica_) dicht bewachsenen
+Riet-Riverthale näher bekannt. Mein Jagdglück versuchend, war ich
+thalaufwärts vorgedrungen und wollte mich eben durch ein dichtes Gebüsch
+drängen, um eine bessere Rundschau über die Tümpel im Flußbette zu
+gewinnen, als ein wohl hundertstimmiges Geschrei und ein leises Rascheln
+in den überhängenden Zweigen mir die befiederte Gesellschaft verrieth.
+Zurücktretend, scheuchte ich die Thierchen vollends auf, welche mit
+lautem Gezwitscher in ein nahegelegenes Dorngebüsch einfielen. Es waren
+die zierlichen, beschopften und durch lange schmale Schwänzchen
+ausgezeichneten Wiriwa (Colius leucotis), von denen ich später noch zwei
+weitere Arten kennen lernte. Eines der Thiere hatte auf dem höchsten
+Zweige Posto gefaßt, wohl um den fremden Ruhestörer im Auge zu behalten,
+die übrigen hatten sich in das Innere des Busches zurückgezogen, so daß
+sie meinen Blicken vollends entzogen waren. Es sind sehr muntere Thiere,
+doch schwer in Gefangenschaft zu erhalten, die einzig lebenden fand ich
+in Grahamstown, wo sie ein Vogelliebhaber mit Finkenarten in einem
+großen Käfig gefangen hielt und sie mit Orangen ernährte.
+
+Das Gros der Vogelwelt im Riet-Riverthale bildeten die Vertreter zweier
+Arten von Turteltauben, der eigentlichen südafrikanischen,
+bläulichgrauen Turtur und der Lachtaube, welchen wir bis zum Zambesi und
+darüber hinaus begegnen, Vögel, die jeder Thierfreund, wenn er sie in
+der Nähe beobachten kann, liebgewinnt. Ich hatte mir mehrere derselben,
+die ich im Fluge leicht angeschossen, jahrelang erhalten, und mir damit
+manche vergnügte Stunde verschafft. Schon um 3 Uhr Morgens ließen sich
+die Männchen mit ihrem Girren und dann mit ihrem Silbergelächter hören;
+und als sie so ihren Morgengruß den neben ihnen sitzenden Täubchen
+gespendet, da antworteten diese, allein so leise und zart, daß es wie
+aus der Ferne, doch äußerst melodisch und lieblich herüberklang. Leider
+fielen sie der Nachlässigkeit eines meiner schwarzen Diener zum
+Opfer.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 8.
+
+Auf der Ebene an den beiden Flußufern fand ich als das gewöhnlichste
+Wild Süd-Afrika's eine Zwergtrappenart, den Knurhahn, dessen Geschrei
+uns vom ersten bis zum letzten Tage, so lange wir in der Karroo im
+Freistaate[1] und Transvaalstaate reisen, begleitet und selbst einem
+minder geübten Schützen täglich gute Mahlzeiten sichert. Bemerkt diese
+Trappe den Jäger, so bewegt sie ihren Kopf neugierig nach allen Seiten,
+duckt sich plötzlich nieder und hebt sich mit lautem, kreischendem,
+weithin hörbarem Geschrei in die Lüfte, setzt ihren unbeholfenen Flug
+etwa bis 200 Meter fort, um langsam mit eingezogenen Flügeln und
+herunterhängenden Beinen sich wieder niederzulassen. Ihr Obergefieder
+ist schön braun melirt, das Gesicht, mit Ausnahme je eines weißen
+Streifens an den Wangen, Kehle und Unterleib schwarz, die Füße gelb. Ihr
+Verbreitungsbezirk endigt in den waldbedeckten, nördlicheren Gebieten
+Süd-Afrika's; gleich den vorhergehenden Repräsentanten der Vogelwelt ist
+auch sie nur sehr schwer in der Gefangenschaft zu erhalten.
+
+ 1: Es ist damit stets der Oranje-Freistaat gemeint.
+
+[Illustration: Hotel am Riet-River.]
+
+Unser Weg führte uns nun weiter im Thale des Riet-Rivers über
+Coffeefontein, nächst Jagersfontein bei Fauresmith, die zweite
+Diamanten-Fundgrube des Freistaates, woselbst kleine aber schöne und
+weiße Brillanten gefunden werden. Spät am Abend des ersten Tages unserer
+Reise gelangten wir zu der Furth des genannten Flusses, die wir
+benützten, und übernachteten in einem am jenseitigen Ufer stehenden
+Hotel.
+
+Der pompöse Ausdruck Hotel wird bei den geehrten Lesern leicht
+irrthümliche Vorstellungen erwecken. Die folgende Skizze wird am besten
+diesem Irrthume vorbeugen. Denken wir uns zwei mit Segeltuch überspannte
+Bretterhäuschen, die zugleich als Wohnstätte und als Geschäftslocal
+dienen, einige auf der Erde ausgebreitete Ziegen- und Schaffelle und wir
+haben ein Bild der äußeren und inneren Ausstattung des sogenannten
+Hotels. Ein ungemüthlicher Aufenthalt fürwahr, besonders da ein heftiger
+Wind, durch die Fugen eindringend, die in Fetzen herabhängenden Reste
+einer Stofftapete, deren Aussehen kaum mehr ihre Provenienz errathen
+ließ, in schwingende Bewegung versetzte und uns mit einem dichten
+Staubregen bedeckte; dazu eine empfindliche Kälte während der Nacht, die
+mich in Versuchung führte, die Tapetenlappen vollständig abzureißen und
+sie als Decke zu benützen.
+
+An Schlaf war in dieser angenehmen Situation nicht zu denken, und so
+erhob ich mich zeitlich des Morgens, nahm ein Gewehr und schlich mich
+in's Freie, die Richtung nach dem nahen Flusse einschlagend. Kaum
+angelangt, hörte ich stromaufwärts das mir schon bekannte,
+weithintönende Geschrei der Kraniche; ein Zug kam den Fluß abwärts
+geflogen. Es war mir leid, auf eines der Thiere anzuschlagen, allein die
+Aussicht, einen schönen Balg zu gewinnen, den ich vielleicht in den mir
+Tags zuvor als nahe bezeichneten Diamantenfeldern präpariren konnte,
+besiegte alle Bedenken. Als die Schaar mir beinahe über dem Kopfe
+hinflog, sandte ich eine Schrotladung hinauf, die Thiere wichen rechts
+und links aus dem Zuge, nur einer schien mir zu schwanken, senkte sich,
+und im nächsten Augenblick fiel er an einer seichten Stelle todt in den
+Fluß herab. Da war auch schon der kalte Morgen vergessen, rasch
+entledigte ich mich der Stiefel und watete in den Fluß, um mir meine
+Beute zu holen.
+
+Von einem Rudel heißhungriger Köter begleitet, die der Schuß aus dem
+Hotel und den nahen Hütten der Koranna's herbeigelockt, kehrte ich, die
+Jagdbeute hochhaltend, zum Hotel zurück. Nach beendetem
+Morgenimbiß--einigen auf Kohlen gerösteten Fleischstücken und
+Zwieback--brachen wir auf, froh, diesem wenig einladenden Hotel den
+Rücken gekehrt zu haben. Nachmittags hatten wir das Städtchen Jakobsdaal
+erreicht, das mit seinen 25 ärmlichen, über eine von der Hitze
+ausgetrockneten Ebene zerstreuten Häuschen ein trostloses Bild bot.
+Schon am folgenden Morgen verließen wir auch dieses letzte der
+Freistaat-Städtchen und erreichten nach mehrstündiger Fahrt die
+Central-Diamantenfelder. Je näher wir denselben kamen, desto trauriger
+wurde die Gegend, die Büsche schwanden zusehends, blos hie und da war an
+den niedrigen Höhen zu beiden Seiten des Weges etwas trockenes Gras zu
+erspähen. Ich muß eingestehen, daß mir der Tag, an dem ich die
+Diamantenfelder erblickte, unvergeßlich bleiben wird. Wir fuhren mit
+unserem vierspännigen Karren rasch die Höhen von Scholze's Farm herab;
+mein Gefährte wies auf eine, etwa zwei Stunden vor uns liegende kahle,
+nur im Osten in der Entfernung von bläulichem Gebirge begrenzte Ebene
+und bedeutete mir, daß sich unter dem auf ihr ruhenden, uns sichtbaren
+Dunstkreise meine neue Heimat befinde. Ein kalter Wind strich von den
+Höhen nach der Ebene hin und ließ uns in dem luftigen, hohen Karren,
+trotzdem, daß wir uns in unsere Mäntel gehüllt hatten, den
+südafrikanischen Winter recht unangenehm empfinden. So weit der Himmel
+reichte, hingen an ihm dichte, graue Wolken, welche die ohnehin
+trostlose und wenig anmuthende Landschaft noch trauriger erscheinen
+ließen. Unser Wagen rollte schnell nach dem gepriesenen Eldorado von
+Tausenden aus aller Herren Länder, welche der Reiz eines reich
+entlohnenden Erwerbszweiges angezogen. Je näher wir kamen, desto mehr
+sank mein Muth, einen so deprimirenden Eindruck übte die trostlose
+Gegend auf mich. Der graue Dunstkreis, den wir früher von der Höhe
+erblickt, war endlich erreicht und Gesicht und Geruch des Besuchers
+konnten ihn nur zu leicht analysiren. Es waren dies dichte Staubwolken,
+die der Westwind aus dem röthlich-gelben Sande, der den Boden auf der
+Ebene bedeckt, aufwirbelte, und der sich mit den losen Theilchen der
+überall zwischen den primitiven Wohnungen und um die Diamantengruben
+angehäuften kalkhaltigen Erdmassen mischend, die Atmosphäre erfüllten,
+so daß es keiner besonders erregten Phantasie bedurfte, um sich in das
+Wüthen eines Sandsturmes in der Sahara zu versetzen. Der Zeltstadt nahe
+gekommen, jagte uns der Sturmwind eine so dichte Staubwolke entgegen,
+daß wir uns vorsichtshalber, da wir auf 30 Schritt nicht sehen konnten,
+nur langsam vorwärts bewegen mußten. Bald waren Gesicht und Kleider grau
+incrustirt, kein Wunder, daß wir uns--wie alle Neulinge--in dieser
+Atmosphäre, bevor wir das Geschäftslocale des Fauresmither Kaufmannes
+(er hatte in einem der Fundorte eine Geschäftsfiliale), das noch etwa
+1000 Schritt im »Camp« entfernt lag, erreicht hatten, sehr unwohl
+fühlten; selbst die Pferde schnaubten und schienen dem reichsten
+Minendistrict der Erde keinen Geschmack abgewinnen zu können. Die aus
+dem eisen- und kalkhaltigen Sande bestehende Wolkenmasse schien die
+beiden Ortschaften in den Diamantenfeldern Bultfontein und Dutoitspan
+förmlich zu bedecken und erfüllte bis zu einigen hundert Fuß Höhe die
+Luft, alles in ein undurchdringliches Dunkel hüllend. Hie und da
+erblickte ich, rechts und links von uns--so weit es eben die
+staubgeschwängerte Atmosphäre erlaubte, einfache runde und längliche
+Zelte, Zelthäuser und aus geripptem Eisenblech errichtete, doch
+geschlossene Verkaufslocale. Die Zeltstangen bogen sich unter der Gewalt
+des Sturmwindes, der so heftig an den Stricken zerrte, daß man jeden
+Augenblick befürchten mußte, die luftigen Behausungen im Sturmwinde
+verschwinden zu sehen. Von den Dächern der eisernen Häuschen halb
+losgelöste Blechplatten kreischten mit dem heulenden Sturme um die Wette
+und vervollständigten den entmuthigenden Anblick. Gewiß ein seltsamer
+Willkommengruß für den Ankömmling! Hie und da hatten sich die Pflöcke,
+mit denen die Zelte zur Erde gehalten werden, losgelöst oder die Oesen
+hatten sich ausgerissen und das halbe Zelt flatterte wie eine Fahne
+lustig im Winde, hie und da lugten einige dunkle Körper aus dem
+Hintergrunde des flatternden Zelthäuschens hervor, die sich bei näherer
+Besichtigung als auf der Erde liegende, schlafende oder ausruhende
+halbnackte Gestalten der in den Diamanten-Fundorten arbeitenden
+Eingebornen entpuppten.
+
+
+
+
+III.
+
+Die Diamantenfelder.
+
+Leiden und Freuden in meiner ärztlichen Praxis.--Ein nächtlicher
+Ueberfall.--Dutoitspan und Kimberley.--Diggerverfahren.--Panorama der
+Kopje.--Morgenmarkt.--Meine erste Pavianjagd.--Vorbereitungen zur ersten
+Reise.
+
+
+Es war nicht allein die trostlose Gegend, der höchst unfreundliche
+Anblick der Städte (Diamanten-Fundorte) und das rauhe stürmische Wetter,
+welches täglich in den verschiedensten, aber immer gleich unangenehmen
+Variationen uns seine Wuth fühlen ließ, was mich so niedergeschlagen
+machte. Meine Verhältnisse waren auch trostlose. Im Vertrauen auf die
+Versprechungen des Kaufmannes in Fauresmith hatte ich es versäumt, mir
+von Herrn Adler in Port Elizabeth Empfehlungsbriefe für die
+Diamantenfelder zu erbitten und meine Baarschaft war auf fünf Shillinge
+reducirt, ein Betrag, kaum hinreichend, um die Kosten einer Mahlzeit zu
+decken. Ich sollte hier entweder »diggen«, d.h. nach Diamanten graben,
+oder unter der aus aller Herren Ländern zusammengewürfelten, theilweise
+mehr als zweifelhaften Gesellschaft ärztliche Praxis ausüben, um meine
+Existenz fristen, sowie um mir die Mittel zur Weiterreise verschaffen zu
+können. Meine Lage war um so schlimmer, als ich weder der englischen,
+noch der holländischen Sprache mächtig war, die wenigen Redephrasen, die
+ich mir früher aneignen konnte, reichten kaum hin, um mich nothdürftig
+über die allereinfachsten Dinge zu verständigen, geschweige denn mit
+einem Kranken zu verkehren. Die Wahl zwischen dem »Diggen« und
+»Prakticiren« war bald entschieden, zu dem ersteren brauchte ich ein
+Capital--das ich nicht besaß--zum letzteren blos eine mitleidige Seele,
+welche mir auf einige Wochen ein Zelthäuschen und einige Möbelstücke
+lieh. Der Zufall war mir hold.
+
+Ich hatte nämlich einen Brief in der Tasche, der mir als
+Empfehlungsbrief dienen, zugleich aber auch dem Adressaten mehr als ein
+solcher sein sollte. Dieser war nämlich kränklich und wollte, da er in
+den Diamantenfeldern keine Besserung erreichen konnte, nach Europa
+reisen, um hier von den Aerzten Heilung seiner Krankheit zu suchen.
+Glücklicherweise war dieser Mann der deutschen Sprache mächtig, und als
+ich ihm meinen Empfehlungsbrief übergab, aus welchem er entnahm, daß er
+einen Arzt vor sich habe, wollte er es noch mit mir versuchen, ehe er
+die beabsichtigte Fahrt nach Europa antrat, ein Entschluß, der
+angesichts der hohen Kosten einer solchen Reise dem praktisch angelegten
+und sparsamen Mann nicht schwer fiel. Es gelang mir denn auch, denselben
+in acht Tagen so weit herzustellen, daß er seine Reise definitiv aufgab,
+und sich meiner Behandlung vollends anvertraute. In dem Maße aber als
+mein Patient praktisch war, fehlte mir diese Tugend, ich unterließ es,
+meine Forderungen zu fixiren, und nahm mit Dank gleichsam als
+Abschlagszahlung für meine Dienste das an, was er mir bot. Er stellte
+mir nämlich ein altes, morsches Zelthäuschen zur Verfügung, lieh mir
+großmüthig 5 £ St., eine Gefälligkeit, um welche er von dem Kaufmanne in
+Fauresmith ersucht worden war, und einige der nothwendigsten, allein
+nichts weniger als comfortablen Möbelstücke. In meiner Lage sah ich
+jedoch all' dieses als eine sehr große Gefälligkeit an, und hatte meine
+herzliche Freude, den »Herrn Gönner« unter meinen Augen genesen zu
+sehen.
+
+Dieses etwa 3½ Meter breite, ungefähr 3 Meter lange und 2 Meter hohe
+Zelthäuschen bestand aus Fichtenlatten, die mit einfacher Segelleinwand
+überzogen waren. Die Leinwand war durch Staub und Regen so morsch
+geworden, daß sie weder vor Wind noch vor den eindringenden Staubmassen
+schützte, die Latten knarrten bei jedem Windstoß und wäre nicht ein
+hölzernes Waarenhaus zur Seite gestanden, das dem Zelthause einigen
+Schutz verlieh, ich glaube die heftigen Südwinde, welche ihm oft eine
+völlig windschiefe Form gaben, hätten diese Ruine schon längst von der
+Erde gefegt. Auch der Zugang war recht bequem. Die Hütte stand nämlich
+knapp an der nach Kimberley (dem Hauptorte der Diamanten-Fundstätten)
+führenden Straße, und es kostete immer einen beherzten Sprung über den
+Straßengraben, wenn man den Eingang erreichen wollte. Die Thüre stellte
+ein beweglicher, mit Segeltuch überzogener Holzrahmen dar; um halbwegs
+sicher zu sein, stemmte ich Nachts von Innen eine Eisenstange vor, die
+ich in meinem »Grund und Boden«, den natürlichen Parquetten meines
+luftigen Palastes, gefunden. Statt des Fensters war eine bewegliche
+Leinwandklappe angebracht, welche bei dem geringsten Windstoße auf- und
+zuflog. Ein grüner Tuchlappen theilte den Innenraum in zwei Gemächer.
+
+Das erste Gemach war mein Consultations-, mein Arbeitszimmer und die
+Apotheke; sein Meublement bestand aus einem alten, unangestrichenen
+Tische, zwei gleichen Stühlen und zwei Kisten, von welchen die eine zur
+Aufbewahrung meiner Medicamente, die zweite als Bücherschrank diente;
+war der Krankenbesuch zahlreich, und dies geschah, wenn eine ganze
+holländische Farmerfamilie mir in's Haus fiel, so stellten diese Kisten
+so etwas wie Fauteuils im Ordinationszimmer meiner etwas comfortabler
+eingerichteten europäischen Collegen vor. Die zweite und etwas kleinere
+Hälfte meines Zelthauses war meine Küche, meine Speisekammer und
+Schlafzimmer, sowie das für die Arbeiten meines Dieners bestimmte
+Local--Arbeiten, die ich mir vorderhand, bevor sich noch ergiebigere
+Einnahmen eingestellt hatten, nolens volens selbst verrichten mußte.
+Eine ähnliche splendide Ausstattung hatte mein Lager, auf welchem ich
+mich ohnehin meistens schlaflos vor Kälte zitternd, zusammenkauerte. Das
+eleganteste europäische Möbelstück war noch mein von der Reise arg
+hergenommenes Kofferchen.
+
+Um die zu einer Reise in's Innere nöthigen Mittel möglichst bald zu
+erwerben und den Verpflichtungen, unter denen namentlich die Holitzer
+Sparcasse mit 300 fl., Herr Hermann Michaelis mit 16 £ St. etc.
+figurirten, gerecht zu werden, nahm ich mir vor, mich auf das Möglichste
+einzuschränken und so lebte ich auf Monate hin--als ich auch später eine
+Wohnung nehmen mußte, in der größten Einfachheit und Zurückgezogenheit;
+da mich die Theuerung in den Diamantenfeldern sehr erschreckte und mir
+der geringe Werth des Geldes--denn damals herrschten noch gute Zeiten in
+jenen Districten--auffiel, besorgte ich mir selbst die Küche. Sobald es
+dunkel geworden war und die Straßen menschenleer erschienen, besorgte
+ich meine Einkäufe und versah mich mit dem nöthigen Wasservorrath für
+den nächsten Tag, theilweise zur Herstellung der Arzneien, größtentheils
+aber, um allen gewöhnlichen Ansprüchen--und diese waren, wie sich leicht
+denken läßt, ziemlich mannigfaltige--zu genügen; mußte ich doch das Amt
+der Waschfrau und Köchin versehen--daß ich mein eigener Leibschneider
+war, brauche ich nicht weiter hervorzuheben.
+
+Ich will die geehrten Leser nicht weiter in die Details meiner
+Wirthschaft einführen, sondern nur bemerken, daß ich all' dies sehr
+geheim halten mußte, da das Bekanntwerden dieser Details mir in meinem
+Ansehen als Arzt sehr geschadet hätte. Mit der Zeit hatte ich nach und
+nach eine ganz respectable Praxis erworben, deren Ertrag mich schon zu
+Beginn des Monats October 1872 (ich war am 26. August in den
+Diamantenfeldern angelangt) in den Stand setzte, meine Verpflichtungen
+in der Heimat zu tilgen.
+
+Allmälich konnte ich mich auch aus meiner Zurückgezogenheit hervorwagen,
+mir eine kräftigere Kost gönnen, wenn auch meine Wohnung noch für lange
+hin ein Zelthäuschen verblieb, was wohl etwas unbequem war und manches
+Ungemach im Gefolge hatte, allein mir in meinem »öffentlichen« Auftreten
+zu jener Zeit keinen Abbruch that. Meine Praxis war mir dadurch
+bedeutend erleichtert worden, daß viele Deutsche, die von dem neu
+angekommenen, deutschsprechenden Arzte hörten, zu mir pilgerten. Damit
+war auch beiden Parteien geholfen, ich hatte aber noch den Vortheil,
+meine Kenntnisse in der holländischen Sprache in überraschend kurzer
+Zeit zu erweitern.
+
+Zu der Zeit meines ersten Besuches waren die Diamanten-Fundorte noch
+nicht von allen den unreinen Elementen so gesäubert, wie es gegenwärtig
+der Fall ist; viele Abenteurer hatten sich da eingefunden und da die
+Engländer in dem erst kürzlich zuvor erworbenen Lande noch nicht alle
+Reformen durchzuführen Gelegenheit gehabt hatten, war die Sicherheit des
+Eigenthums und selbst des Lebens noch ziemlich problematisch. Den
+Uebelthätern konnte man aber um so weniger beikommen, als die meisten
+nach vollbrachter That das Weite suchten und in einer halben Stunde, von
+den Central-Diamantenfeldern (Dutoitspan, wo ich mich niedergelassen,
+bildet den östlichen Theil derselben) aus, den Oranje-Freistaat
+erreichten, wo sie vollständig geborgen waren, da die Regierung des
+Freistaates den Engländern noch immer ob der Annexion von
+West-Griqua-Land (d.h. eben der Diamantenfelder) grollte und sich
+deshalb auch nicht bemüssigt hielt, der englischen Polizei hilfreich die
+Hand zu bieten. Seitdem aber England die Ansprüche des Freistaates auf
+diese Provinz mit 90.000 £ entschädigte, haben sich diese Verhältnis
+selbstverständlich zum Besseren verändert. Unter jenen Abenteurern gab
+es viele, die sich darin getäuscht sahen, ohne jede Anstrengung in dem
+Diamanten-Eldorado Reichthümer zu erwerben, und da sie schwere Arbeit
+scheuten, bildete sich aus ihnen eine lichtscheue Bande, die auch unter
+der schwarzen Bevölkerung Rekruten und Helfershelfer fand. Gelang es nun
+auch, einen oder den anderen dieser Wegelagerer dingfest zu machen, so
+bot die nichts weniger als solide Bauart der Gefängnisse keine
+Sicherheit gegen Fluchtversuche; die Loslösung einer oder mehrerer
+Platten der Blechbedachung war keine schwierige Leistung, auf dem Camp
+gab es genug frei grasende Pferde, nichts leichter daher, als eine
+Flucht, die nach einem viertelstündigen scharfen Ritte in ein
+schützendes Asyl führte.
+
+[Illustration: Nächtlicher Ueberfall.]
+
+Wie sehr Vorsicht im Umgange mit den Bewohnern der Diamantenfelder am
+Platze war, erfuhr ich leider selbst an einem im nahen (zwei englische
+Meilen entfernten) Kimberley wohnenden Landsmann, in dem ich einen
+Freund zu finden glaubte. Gleich vielen seiner Genossen hatte auch er
+gehofft, hier in kurzer Zeit Schätze zu sammeln, und war Digger
+geworden. So freundlich er sich mir aber im Verkehr zeigte, so
+hinterlistig und ehrlos manövrirte er hinter meinem Rücken und trieb
+länger denn zwei Jahre dieses Doppelspiel, bis mir Briefe aus der Heimat
+die Augen öffneten.
+
+Es mag vielleicht unglaublich erscheinen, aber thatsächlich war Neid die
+Triebfeder seines ganzen Benehmens; er, der sich dazu ausersehen wähnte,
+Afrika als Vertreter Oesterreichs zu erforschen, suchte mich, seinen
+Nebenbuhler, zu verdächtigen.
+
+Mit den Leistungen der vorerwähnten Strauchritterbande sollte ich früher
+als mir lieb war, bekanntwerden. Von einem Besuche in Kimberley eines
+Abends heimgekehrt, bemerkte ich, als ich eben mein primitives Lager
+aufsuchen wollte, daß die Zeltwand in der hinteren rechten Ecke gerade
+oberhalb der Stelle, wo mein Bettgestell stand, von oben bis unten
+zerschnitten war. Ich hielt sofort unter meinen Mobilien und Schätzen
+gründliche Nachschau, überzeugte mich aber, daß alles auf seinem Platze
+stand, woraus ich schloß, daß der freundliche Besucher, welcher in
+meiner Abwesenheit durch die Zeltwand hindurch bei mir vorsprechen
+wollte, an der Ausführung seines Vorhabens durch irgend einen Zufall
+gehindert worden war. Ich muß gestehen, daß ich diese Nacht nicht zu den
+angenehmsten zählen konnte, da ich sie im Dunkeln mit dem Revolver in
+der Hand durchwachen mußte. Bei reiflichem Nachdenken über den mir
+zugedachten Besuch hielt ich es für das Beste, meine Visiten nach
+Kimberley vorläufig einzustellen, um abzuwarten, ob sich derselbe nicht
+vielleicht wiederholen würde. Ich sollte darüber nicht lange im Zweifel
+bleiben; schon in der nächsten Nacht wurde ich darüber belehrt. Um den
+nächtlichen Besucher an meiner Wachsamkeit irre zu führen, hatte ich
+absichtlich den am Zelthäuschen verursachten Schaden nicht ausgebessert.
+Ich löschte rechtzeitig mein Lieht aus, warf mich mit meinem
+sechsläufigen Freunde auf meine Lagerstätte und wartete der Dinge, die
+da kommen sollten. Es ist begreiflich, daß ich jedem, auch dem
+unbedeutendsten und leisesten Geräusche in der Nähe meiner luftigen
+Residenz meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Als es in den Straßen
+stille geworden war, glaubte ich Jemanden sich meinem Zelte von
+rückwärts nähern zu hören, geräuschloser, als es ein Vorübergehender
+thun würde, und was mir auffiel, nach der Stelle zu, wo Nachts zuvor der
+Einbruch versucht worden war; ich erhob mich so sachte als möglich von
+meinem Lager, und da der Lehmboden meine Tritte dämpfte, war es mir
+möglich, dem von außen das Zelt Umgehenden Schritt für Schritt zu
+folgen, bis wir beide an der Thüre angelangt waren. Bald vernahm ich den
+Versuch, die Thüre aufzudrücken, ein Augenblick genügte, um die
+vorgeschobene Eisenstange geräuschlos zu beseitigen und so dem
+Ankommenden den Versuch, die Thüre zu öffnen, zu erleichtern. Im
+nächsten Augenblicke riß ich die Thüre auf und der Eindringling, der
+sich gegen dieselbe gestemmt, wäre fast in das Zelt hineingetaumelt. Den
+Strolch bei der Kehle fassen und ihm den Revolver an die Brust zu
+setzen, war das Werk eines Augenblickes. Nun sah ich bei dem schwachen
+Schimmer des halb von Wolken bedeckten Mondes, daß ich einen halbnackten
+Kaffer, der so schwarz wie ein Bewohner der Hölle war, gefaßt hatte. Der
+Eindringling war durch das plötzliche Nachgeben der Thüre und durch den
+Zusammenstoß, jedoch noch mehr durch die unsanfte Berührung seiner Kehle
+und den Anblick der Waffe derart verwirrt, daß er an keinen Widerstand
+dachte, kaum einige Worte, wahrscheinlich eine Entschuldigung, lallen
+konnte, und dann flehentlich bat, ihn freizulassen. Wir waren in dieser
+Weise über den Straßengraben in die Mitte der für ihn glücklicherweise
+menschenleeren Straße gekommen, ein Allarm hätte wohl den Kerl um sein
+süßes, schwarzes Dasein gebracht; ich schüttelte ihn weidlich durch,
+ließ meinen Revolver noch etwas vor seinen Augen verheißungsvoll blitzen
+und warf ihn dann in den Straßengraben zurück, aus dem er sich
+blizschnell aufraffte und eiligst die Flucht ergriff. Als ich am
+folgenden Tage meinen Patienten von dem nächtlichen Besuche erzählte,
+bedauerten sie allgemein, daß ich den Strolch nicht niedergeschossen
+hatte. Mein energisches und kluges Abwehren dieses Einbruchversuches
+hatte den gewünschten Erfolg, ich wurde später nicht weiter belästigt,
+und habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß dieses Diebsgelichter es
+scheut, einen mißglückten Versuch zu wiederholen.
+
+Daß mein Heim nichts weniger als einbruchsicher war, ist damit wohl zur
+Evidenz erwiesen, daß es dem Regen und Winde freies Spiel ließ, habe ich
+bereits erwähnt; ich sollte aber noch erfahren, daß der ganze Bau sich
+der Elementargewalt des Windes gegenüber mehr als nachgiebig bewies.
+Bevor noch die Katastrophe mit meinem Zelte eintrat, die ich in
+Folgendem schildern will, sei es mir erlaubt, einer Episode aus meiner
+Praxis zu erwähnen. Eben mit einem Patienten beschäftigt, sah ich einen
+Fremden in meinen Ordinationssalon eintreten, und gedachte ihn zu
+ersuchen, noch einige Augenblicke sich auf der Straße zu gedulden, als
+ich an seiner Stimme einen meiner ersten Kunden erkannte. Es war ein
+Deutscher, Namens Oppermann, ein Mann, den ich an einer Lungenentzündung
+behandelt, und der durch einige Tage in Lebensgefahr geschwebt hatte.
+Während wir unter der gegenwärtigen Behandlung gewöhnliche, meist durch
+Verkühlung verursachte Fälle der Pneumonie (Lungenentzündung) in den
+gemäßigten Strichen des europäischen Continentes meist in kurzer Zeit
+gebessert und auch bald geheilt sehen, gehörten die Pneumonien in den
+Diamantenfeldern, namentlich als noch die Zelthäuschen und die Zelte
+überwogen und die Erkrankten gegen die Unbill des Wetters nicht den
+geringsten Schutz fanden, zu den gefährlichsten Krankheiten. Auch diesen
+meinen Klienten hatten dessen Freunde aufgegeben und erklärten mir, so
+oft ich ihn besuchte, daß alle meine Mühe vergebens sei, der Mann müsse
+doch sterben. Ich that dennoch mein Möglichstes, ihn gegen den
+eindringenden Staub und die Kälte zu schützen, denn daß mein Erfolg in
+diesem Falle für mich und die Zukunft meiner ärztlichen Praxis von
+größter Tragweite sein mußte, ist wohl selbstverständlich.
+
+Zu einem Ausgange in die freie Luft hätte ich den Mann noch nicht fähig
+gehalten und war daher überrascht und erstaunt, ihn bei mir zu sehen.
+Ohne auf meine Widerrede zu achten, bestand er, der hier in den
+Diamantenfeldern Schiffbruch an seiner ganzen Habe gelitten, darauf,
+mich für meine Mühewaltung zu entschädigen, und schloß seine Ansprache
+mit den Worten: »Nun, Doctor, nur noch einige Worte: Sie wissen wohl
+selbst, daß Sie mir das Leben gerettet haben, und da ich Ihnen wirklich
+mit dem kleinen Geldbetrage nie meine Dankbarkeit hinreichend darthun
+kann, erlaube ich mir, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn Sie
+mich als Begleiter auf Ihren Reisen brauchen könnten; ich werde gewiß
+Alles thun, um mir Ihre Zufriedenheit zu erringen.« So hatte ich meinen
+ersten Begleiter auf meine Reisen in das Innere gewonnen.
+
+Und nun zum seligen Ende meines Zelthäuschens. Von einem Krankenbesuche
+zurückkehrend, war ich nicht wenig erstaunt, trotz alles Suchens mein
+afrikanisches Heim nicht mehr wiederzufinden; verblüfft blieb ich
+stehen, sah mich nach allen Seiten um, die Staffage war dieselbe
+geblieben wie immer, von einem Zelte aber keine Spur; während ich jedoch
+noch darüber nachgrübelte, was da vorgefallen sein mochte, trat einer
+meiner nächsten Nachbarn, ein Kaufmann, an mich heran und sagte
+lächelnd: »Sie suchen wohl Ihr Haus, der Wind hat es weggeblasen; sehen
+Sie, dort liegt es.« Und damit wies er auf einen etwa 150 Schritte
+weiter liegenden Haufen von Leinwandstücken, zwischen denen einige
+meiner Karten lustig im Winde flatterten. Ehe ich mich noch recht
+besinnen konnte, führte mich der Kaufmann zu den Ruinen und dann in sein
+Verkaufslocale und zeigte mir in einer Kiste die Ueberreste meiner Habe,
+die er freundlichst gerettet hatte. Mir blieb keine lange Zeit zum
+Nachdenken übrig, nachdem ich noch Manches aus den Trümmern gerettet,
+was dem Kaufmann vielleicht überflüssiger Ballast scheinen mochte,
+beeilte ich mich, da der Abend bereits angebrochen war, ein neues Zelt
+zu suchen. Nach langem Suchen und Fragen war ich so glücklich, dem
+Magistratsgebäude gerade gegenüber ein kleines Zelthäuschen vermiethet
+zu erhalten. Dasselbe war von gleicher Beschaffenheit wie das eben vom
+Wirbelwinde dagegen nicht so sehr vom Wind und Regen mitgenommen, auch
+befand es sich in der Reihe der übrigen Segeltuch- und Eisenhäuschen,
+welche die Hauptstraße von Dutoitspan bildeten, und war dadurch vor der
+Wuth des Sturmwindes etwas geschützt. Als Miethe mußte ich monatlich 3½
+£. St. bezahlen, und da der Besitzer desselben die Wissenschaft der
+Hauseigenthümer gründlich studirt hatte, wurde mir diese Miethe im Laufe
+eines Jahres auf 5 £. St. erhöht.
+
+Ich hatte mich bald davon überzeugt, daß ich mit meiner neuen
+Acquisition aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Während der heißen
+Jahreszeit mußte ich stets im Innern meines Hauses den Schirm
+aufgespannt erhalten, um mich der durchdringenden Sonnengluth zu
+erwehren, bei Regenwetter war ohne Schirm noch weit weniger zu bestehen,
+denn das Wasser rann in feinen Fäden herab, dazu war der Raum so
+beschränkt, daß ich namentlich bei meinen Kochversuchen in die ärgsten
+Verlegenheiten gerieth.
+
+Die Situation wurde aber eine in hohem Grade komische, wenn mich meine
+Patienten consultirten, denn dann wurde ihnen das Vergnügen zu Theil,
+den Schirm über uns beide emporzuhalten; glücklicherweise nahmen es
+dieselben nicht so genau, waren an die rauhe Witterung und das rauhe
+Leben in den Diamantenfeldern gewöhnt und so konnte ich auf
+Entschuldigung der vielfachen Gebrechen meines Empfangssalons rechnen.
+Eine der unangenehmsten Seiten meiner, sowie aller der Wohnungen mit
+ungedielten Fußböden war, daß sie von allem möglichen Ungeziefer
+strotzten. Mir wurde dieses in meiner neuen Wohnung zu einer wahren
+Tortur und erst als ich sie nach etwa zehn Monaten mit einer anderen
+vertauscht hatte, welche von dem Straßengetümmel abseits lag, fühlte
+ich, was ich in der Mainstraße ausgestanden und war um eine Centnerlast
+erleichtert.
+
+Das ganze Arsenal von Vertilgungsmitteln, das mir zu Gebote stand,
+Pulver, Carbolsäure, brachte nicht die mindeste Besserung zu Stande;
+ergötzlich waren oft die Scenen, die sich unwillkürlich bei dieser
+Sachlage während meiner ärztlichen Ordinationsstunden abspielten. Da
+eines Tages wurde ich mitten in der Berathung mit den Worten
+unterbrochen: »Please pardon, my Doctor, but you have a large flea
+sitting on your left cheek.« Ja, mein aufmerksamer Patient ging noch so
+weit, daß er, über diese Landplage der Diamantenfelder losziehend, den
+Unverschämten von meiner Wange entfernte. Doch damit waren die
+nächtlichen Ruhestörungen nicht erschöpft, es gehörte nicht zu den
+außerordentlichsten Seltenheiten, des Morgens sich von einigen Kröten
+angestaunt zu sehen, oder gar durch ein eigenthümliches Rascheln am
+Boden aus dem Schlafe gerissen zu werden, und mit dem Licht in der Hand
+im tiefen Negligé sich plötzlich entsetzt einer Cobra capella gegenüber
+zu finden, die hochaufgerichtet, mit breit aufgeblähtem Halse den
+Zelt-Insassen laut anzischte. Gewiß eine erfreuliche Bescheerung!
+
+Werfen wir nun einen Blick in das Straßenleben der
+Diamantenfelder-Städte. Es ist Mittag, die belebteste Stunde; von allen
+Seiten strömen die durch den grauen Staub der Diamantengruben fast zur
+Unkenntlichkeit entstellten Digger von der Arbeitsstätte nach ihren
+Wohnungen, um hier für kurze Zeit Ruhe und Erholung zu suchen. Diese
+Digger (Diamantengräber) sind--dies verräth ihr ganzes Benehmen und
+Auftreten--theils selbstständige Besitzer kleiner Claims (Gruben),
+welche die Arbeit in diesen selbst beaufsichtigen, oder Aufseher
+(Overseer), welche im Dienste einer Gesellschaft oder eines reichen
+Claimbesitzers stehen.
+
+Ein Troß von Eingebornen aller Farben-Nuancen, bald schreiend und
+lärmend oder sogar tanzend, bald stille wie eine gedrillte Truppe, folgt
+den Diggern, ihren Herren; die verschiedenen Hautschattirungen
+verschwinden für den flüchtigen Blick unter der monotonen grauen
+Staubkruste, die alle gleichmäßig bedeckt, nur das äußere Costüm läßt
+hie und da auf die innern Neigungen des Einzelnen schließen.
+
+In das Gewühl der bunten Menge von Passanten mischt sich ein Troß von
+Fuhrwerken aller Art, hier zwei- und mehrspännige, zweirädrige
+Scotchkarren mit der diamantenhältigen Grubenerde beladen, dort die von
+8-10 Ochsenpaaren gezogenen Ungeheuer von Capwägen--alle diese Vehikel,
+zwischen welchen die leichten zweirädrigen Kaleschkarren mit
+bewunderungswürdiger Geschicklichkeit sich durchwinden, bilden oft einen
+dichten Knäuel, dessen Entwirrung kaum möglich scheint. In das Gejohle
+der Grubenarbeiter mischen sich dann die gegenseitigen höflichen
+Complimente der Fuhrleute in allen europäischen und südafrikanischen
+Sprachen.
+
+Dieses rege Leben erklärt sich aber nicht nur aus der Natur und dem
+leitenden Motiv der Beschäftigung in den Diamantenfeldern, sondern auch
+aus der Zahl der Beschäftigten. In den auf einer verhältnißmäßig
+engbegrenzten Fläche sich ausbreitenden vier wichtigsten Fundorten
+Kimberley, Old de Beers, Dutoitspan und Bultfontein finden außer den
+häuslich und in Waarengeschäften bediensteten Eingebornen sechs- bis
+zwanzigtausend Schwarze, Hottentotten, Griqua, Koranna, Betschuana und
+Zulu lohnende und dauernde Beschäftigung.
+
+Verlassen wir nun die Straßen der luftigen Zelt- und Eisenstadt und
+folgen wir den nach den Gruben zurückkehrenden Diggern und ihrem
+schwarzen Arbeiterheere, es erwartet uns ein für den ersten Augenblick
+sinnverwirrender Anblick. Bevor wir uns jedoch mit dem bunten,
+aufregenden Treiben in den Diamanten-Fundstätten vertraut machen, sei es
+mir erlaubt, in Kürze eine geographisch-historische Skizze der
+Diamantenfelder zu entwerfen.
+
+Die Diamantenfelder Süd-Afrika's liegen zum überwiegenden Theile in der
+englischen Provinz Griqualand-West,[1] ein Landstrich, der mit der
+Entdeckung seiner unterirdischen Schätze zum Zankapfel aller eingebornen
+Fürsten wurde. Der Griquakönig Waterboer, die Batlapinenhäuptlinge
+Jantje und Gassibone, sie alle stritten sieh um den Alleinbesitz,
+obschon jeder von ihnen nur einen Theil des Gebietes sein Eigen nannte;
+Waterboer besaß die Hauptmasse des Landes, zu beiden Seiten des unteren
+Vaal- und Modder-Rivers, Jantje den nördlichen Theil an der
+Hart-Rivermündung, Gassibone den nordöstlichen zwischen dem Vaal- und
+Hart-River und die Koranna das Thal des Vaalflusses von Fourteen stream
+bis zur Einmündung des Hart-Rivers.
+
+ 1: Die gegenwärtige Provinz Griqualand-West ist in drei Districte
+ getheilt; einen nördlichen, am mittleren Vaal und am unteren
+ Hart-River, das frühere Gebiet der westlichen Koranna's und jenes
+ des Batlapinenfürsten Jantje in sich begreifend und »the Division of
+ Barkly« (zu Ehren des früheren Gouverneurs der Cap-Colonie Sir Henry
+ Barkly) genannt, einen mittleren District am linken Vaalufer
+ zwischen dem südwestlichen und dem obengenannten gelegen, »the
+ Division of Kimberley« (zu Ehren des gewesenen englischen
+ Colonial-Ministers) genannt und einen südwestlichen an der
+ Vereinigung des Vaal- und Oranje-Rivers gelegen »the Division of
+ Hay« (zu Ehren des Generals gleichen Namens). Dieser war Waterboer's
+ Stammland. Sein Hauptort, in welchen die Hauptmacht der westlichen
+ Griqua's concentrirt ist, hieß früher Griqua-Town, nun Hay; in der
+ mittleren Provinz ist Kimberley (früher New-Rush genannt) und im
+ nördlichen Districte ist Barkly, früher Klipdrift, am rechten
+ Vaalufer, der Berliner Missionsstation Pniel gegenüberliegend, der
+ Hauptort. Im Süden bildet der Oranjefluß die Grenze gegen die
+ Cap-Colonie, im Osten verläuft die Grenze zwischen der Provinz und
+ dem Oranje-Freistaat nach einer von Colonel Warren und einer
+ Freistaat-Commission bestimmten Linie, welche in ihrer nördlichen
+ Fortsetzung die Provinz von der Transvaalprovinz (dem früheren
+ Gebiete Gassibone's) trennt, nach Westen ist die Grenze noch nicht
+ festgestellt--tief in's Kalahari-Bushveldt greifend--und nach Norden
+ zu wurde die früher gezogene Scheidelinie durch den Krieg mit den
+ Botlaros bis zu den südlichsten Viehposten der westlichen Barolongen
+ vorgeschoben. Früher wurde dieser Landstrich von der Cap-Colonie aus
+ verwaltet, seit den letzten sieben Jahren hat die Provinz ihre
+ eigene Regierung, einen Gouverneur, dem ein »executive Council« zur
+ Seite steht.
+
+[Illustration: Platz in Dutoitspan.]
+
+Die Auffindung der ersten »Kieselsteine«, wie die Diamanten anfänglich
+von den Boers spöttisch genannt wurden, erregte in ihnen allen die
+Ländergier und als später die Annexion der Diamantenfelder durch die
+Engländer eine erbitterte Streitfrage zwischen diesen und der Regierung
+des Oranje-Freistaates hervorrief, hielten sich beide Theile als die
+allein berechtigten Besitzer kraft der ihnen von den vorerwähnten
+Eingebornenfürsten eingeräumten Concessionen.
+
+Wie überall mußte auch hier nach kurzem Besitze der schwächere Theil,
+der Oranje-Freistaat, aus dem Felde weichen; er erklärte sich dennoch
+für den allein rechtmäßigen Besitzer, und alle Versuche Englands,
+zwischen der neuen Provinz und der Republik, die, civilisirten
+Grenzstaaten zum gemeinschaftlichen Wohle gereichenden Gesetze anerkannt
+zu sehen, blieben fruchtlos, bis das mächtige England, ob als
+»großmüthiger« Nachbar oder dem »Gerechtigkeitsgefühl« folgend, jedweden
+Anspruch des Freistaates auf den Landstrich Griqualand-West mit 90.000 £
+St. ablöste, und sich nebenbei verpflichtete, weitere 15.000 £ St. zum
+Ausbau einer Bahn beizusteuern, welche den Anschluß des Freistaates an
+eine der Eisenbahnen in der östlichen Cap-Colonie herstellen sollte.
+
+Die gesammten Diamantenfelder, sowie die Diamanten-Fundorte im engeren
+Sinne des Wortes lassen sich in drei Districte eintheilen. Die ältesten
+sind die am Vaalflusse, von dem Transvaal-Städtchen Bloemhof bis zur
+Vereinigung des Hart- und Vaalflusses sich erstreckenden »River (Fluß)
+Diggings«; ihnen folgen die in der Division Kimberley im engsten
+Umkreise um diese Stadt gelegenen »Dry-Diggings« (so genannt, weil man
+früher hier die Diamanten ohne die Erde zu waschen durch Sieben und
+Sortiren der diamanthaltigen Erde auf trockenem Wege gewann) und endlich
+die außerhalb der englischen Colonie Griqualand-West im
+Oranje-Freistaate gelegenen Fundorte bei Sagers- und Coffeefontein als
+dritten District.
+
+Die Niederlassungen der »River-Diggings« wuchsen--wie es leicht
+begreiflich und wie wir es ähnlich in Californien beobachten können--wie
+aus der Erde empor. Das der Missionsstation Pniel gegenüberliegende
+Klipdrift, welches sich ungemein rasch entwickelte, wurde der Hauptort
+dieser Diamanten-Fundorte, ja zu ihrem Centralpunkte; seit den letzten
+neun Jahren hat Kimberley (das früher New-Rush hieß) ihm diesen Vorrang
+abgerungen.
+
+Im Thale des Vaalflusses, wo vor der Entdeckung der »wasserhellen
+Steinchen« nur der eitle und müßige Koranna sein Dasein zu verträumen
+gewohnt war, reihten sich schon ein Jahr nach dem Bekanntwerden der
+Entdeckung ganze Colonnen von luftigen Zelten aneinander. Ganz
+Süd-Afrika schien wie vom Fieber befallen, Jung und Alt, Gesunde und
+Kranke, Lords und Diener, Landleute und Städter, entlaufene Matrosen und
+Soldaten, Boers mit ihren ganzen Familien wanderten nach dem gepriesenen
+und gelobten Lande. In überraschend kurzer Zeit verwandelten sich diese
+Zeltlager in Städte von drei- bis fünftausend Einwohnern, denn nach
+Bekanntwerden der aufregenden Nachrichten aus Süd-Afrika, namentlich
+seitdem der »Stern von Süd-Afrika«, ein 83½ Karat schwerer,
+wasserheller Diamant gefunden war, brachte jeder Dampfer aus Europa
+hunderte und wieder hunderte von Glücksjägern aus aller Herren Länder.
+
+So entstanden neben Klipdrift die Städte Hebron, River-Town, Gong-Gong,
+Blue-Jacket, New-Kierks-Rush, Delpoortshope, Waldecks-Plant und andere.
+Doch ihr Wachsthum, ihre Blüthezeit, war ebenso schnell verflossen, als
+es begonnen, denn kaum war die Nachricht von der Entdeckung der
+Diamanten auf der Ebene der Farm Dutoitspan unter den River-Diggers am
+Vaalflusse verbreitet, und die Fama ließ die Diamanten hier in Massen
+auf der Erdoberfläche zu Tage treten, als Alles diese Orte verließ und
+nach den viel reicheren Dry-Diggings eilte.
+
+Groß war die Zahl derer, die, durch das Glück begünstigt, sich in kurzer
+Frist Vermögen erwarben, groß aber auch die Zahl jener, welche es ebenso
+schnell entschwinden sahen und weitaus die Mehrzahl verkamen hier, denn
+die Fundstätten waren sehr bald Lasterhöhlen jeglicher Art.
+
+Im Vaalflusse werden die Diamanten in dem _angeschwemmten_ Geröll
+(Partien im Flußbette wie im Thale oder im Geröll an den höheren
+Thalpartien) gefunden. Dieses Geröll besteht aus Grünsteinblöcken,
+welche schöne mandelartige Chalcedons und Achate, bald bis faustgroß und
+milchquarzartig, bald rosa- oder carminroth und zahlreich und klein,
+bald bläuliche und gelbliche, kleine und größere einschließen, und
+welches Gestein als »Vaalgestein« namentlich die Strecken von Bloemhof
+bis Hebron bedeckt, ferner aus Bruchstücken der die Gegend von Hebron
+bis zur Hart-River-Mündung, doch auch die meisten Höhen in der östlichen
+Cap-Colonie, dem Oranje-Freistaat und Griqualand-West charakterisirenden
+Trap-Dykes, aus ausgewaschenen mannigfarbigen größeren und kleineren
+Achatstücken, Milchquarz- und Thonschieferfragmenten, titaneisenhaltigem
+Sand und zahlreichen, früher für Rubin und Granaten gehaltenen Pyropen
+(letztere in kleinen, Hirse- bis Maiskorn großen Stückchen vorhanden),
+auch Bruchstücke des die Gegend zu beiden Seiten des Vaalflusses, doch
+nicht im unmittelbaren Thale, bedeckenden Kalkgesteins, in dem ich
+jedoch keine Fossilien nachweisen konnte.
+
+Die Diamantengräber holten das diamantenhaltige Gerölle aus den ihnen
+von der Behörde oder nach Uebereinkunft abgesteckten Gruben »Claims«,
+fuhren bis zum Flusse herab, um es durch Sieben von den gröberen
+Steinstücken zu befreien, und dann in einfachen, 2-4 Fuß lange, 1-1½
+Fuß breite Wiegen »Craddles« zu waschen, worauf dann im feinen und von
+dem Lehmgrund befreiten Rückstand nach den Brillanten gesucht wurde. Man
+fand kleine Steine, selten einen größeren, doch die meisten waren
+schöne, weiße und reine, sogenannte Glassteine, so daß man seither
+die schönsten und werthvollsten der in den beiden anderen
+Diamanten-Districten vorgefundenen Brillanten als »wahre
+River-(Fluß-)Stones« bezeichnet.
+
+Von den genannten Städten und Städtchen der River-Diggings hat sich nur
+Klipdrift als der Sitz der Obrigkeit und kleine unbedeutende
+Handelsstation--das jedoch als solche Hoffnung hat, wieder zu
+gewinnen--als nennenswerth erhalten, mehrere massive, zur Zeit seiner
+Blüthe aufgeführte Gebäude weisen noch auf seine frühere Bedeutung hin.
+
+Der zweite und bis jetzt der wichtigste Diamanten-District ist der von
+mir »The Central-Diggings« oder früher die Dry-Diggings benannte; es ist
+Kimberley mit seiner Umgebung aus vier Fundorten in zwei Gruppen
+bestehend, die nordwestliche Gruppe, die Kimberley und das damit an
+seiner Ostseite zusammenhängende Old de Beers, und die östliche, welche
+Dutoitspan und das sich südlich und westlich daran schließende
+Bultfontein in sich begreift. Die letztere Gruppe liegt von Kimberley
+zwei, von Old de Beers etwas über eine englische Meile, und Kimberley
+selbst circa 22 englische Meilen von dem oberwähnten Klipdrift in
+südöstlicher Richtung entfernt. Der wichtigste der vier genannten
+Diamanten-Fundorte ist Kimberley; hier werden die meisten Diamanten in
+allen Qualitäten, sowie reiner Krystallbildung gefunden, Dutoitspan ist
+durch seine zahlreichen großen, hell und bis in's weingelbe spielenden
+gelblichen und Bultfontein durch seine kleinen, aber schönen den
+Riverstones ebenbürtigen Brillanten bekannt.
+
+Diese vier, die Central-Diggings bildenden Niederlassungen stellen aus
+Segelleinwand, aus Brettern, aus galvanisirtem Eisenblech, auch (in der
+Minderzahl) aus gebrannten und ungebrannten Backsteinen und einige
+wenige aus Trapdykes (Gebirgsformation) errichtete Städte dar, in deren
+Mitte sich Krater und muldenförmige Vertiefungen befinden--die
+jeweiligen Diamantengruben. Diese Niederlassungen liegen auf einer schon
+von Osten und Süden in einer Entfernung von etwa neun englischen Meilen
+von Höhenzügen begrenzten und durch eine unmerkliche Bodenerhöhung in
+zwei Abschnitte gesonderten Ebene. Diese steinige Erhebung »the rise«
+scheidet auch die beiden oberwähnten Gruppen von einander.
+
+Die Diamantengruben haben 45-200 Fuß Tiefe, 200-760 Schritte im
+Durchmesser; sie heißen »Diggings« oder »Kopjes« und jede ist in eine
+Anzahl Quadrate oder Parallelogramme, 10 Fuß breit und 30 Fuß lang, oder
+30 Fuß lang und 30 Fuß breit (dies war die ursprüngliche übliche Größe
+derselben) in »Claims« eingeteilt. Ein Digger (Gräber) kann einen oder
+mehr, bis zu 20 solcher Claims besitzen, allein er muß sie bearbeiten
+und monatlich eine gewisse, in der Regel 20 fl. übersteigende Grund- und
+Wassersteuer (für das Herauspumpen des Wassers) an die Regierung und den
+Mining-Board (ein Ausschuß von Diamantengräbern, der über die Interessen
+derselben wacht) entrichten; in Dutoitspan und Bultfontein gesellt sich
+hierzu noch die Abgabe an den Proprietär, d.h. die Eigenthümer der
+Farmen, während in der anderen Gruppe Kimberley und Old de Beers die
+Regierung dieses Eigenthumsrecht von der Firma Ebden & Co. erstanden
+hat.
+
+Ich halte diese Gruben für Oeffnungen von Schlammkratern, glaube aber
+nicht, daß diese vier Diggings sich von einem gemeinschaftlichen
+Kraterkanale abzweigen, nur die in Old de Beers und Kimberley zu Tage
+geförderten Steine zeigen eine gewisse Aehnlichkeit und geben der
+Vermuthung Raum, daß diese beiden Diggings unterirdisch communicirende
+Kraterbecken sind. Was die River-Diggings anbetrifft, so glaube ich, daß
+irgendwo in der Nähe des Flußbettes oder vielleicht an seinem Rande,
+doch oberhalb Bloemhof, sich eine oder mehrere Kratermündungen befanden.
+
+[Illustration: Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871.]
+
+Die Jahre 1870 und 1871 waren die Glanzperiode der Diamanten-Diggings,
+waren jene Zeit, wo es vorgekommen ist, daß sich zuweilen ein
+übermüthiger Digger mit einer Fünfpfund-Note seine kurze thönerne
+Tabakspfeife anzündete, und wo es einem ärztlichen Gehilfen möglich war,
+1100 £ in sieben Monaten zu verdienen. Man kann nicht sagen, daß die
+Ausbeute gegenwärtig geringer sei, allein die Steine sind seit 1871
+stetig im Werthe gesunken, und so werden die Einnahmen die gleichen
+geblieben sein; dagegen haben sich die Auslagen mehr denn verzehnfacht
+und trotz des Sinkens der Preise hat sich der Werth der Gruben bedeutend
+erhöht. Bei der Entdeckung der Kimberley-Kopje konnte man für 10 £ einen
+Voll-Claim von 900 Quadrat-Fuß Fläche erlangen, freilich hatte man die
+bloße Oberfläche der Kopje vor sich, gegenwärtig ist man bis 200 Fuß
+tief gegangen und der Werth mancher der reicheren Gruben ist 12- bis
+15.000 £ Sterling. Diese Thatsache beweist zur Genüge, daß sich die
+Verhältnisse in den Diamantenfeldern nicht so verschlechtert haben, als
+man es vielleicht erwartet hätte, weil, wie an ähnlichen stabilen
+Goldgruben, das zügellose, gierige Rennen und Jagen nach plötzlichem
+Reichthum einem besonnenen und erfolgreichen Streben nach Erwerb Raum
+gemacht hat.
+
+Man erkennt dies an Allem und überall. Die Regierungsorgane handhaben
+mit Strenge und Unparteilichkeit die Gesetze, die socialen Verhältnisse
+haben sich gebessert. Ein flüchtiger Blick auf die Wohnhäuser belehrt
+uns darüber. An Stelle der windschiefen, jeden Augenblick dem
+Zusammensturz nahen Bretterbuden und Hartebeest-Häuschen, nothdürftig
+aus einigen mit Schilfrohr belegten, mit rother Thonerde und
+eisenhaltigem Sand angeworfenen Pfählen bestehend, finden wir jetzt
+solide Eisen- und Ziegelhäuser erbaut, deren innere Einrichtung den
+verfeinerten Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht, während die
+früheren Hausgeräthe des Diamantengräbers von ehemals sich kaum noch in
+einer Rumpelkammer vorfinden oder höchstens als Curiosität auf den
+»Morning Market« erscheinen dürften; die Zelte, die häufigste Behausung
+des Diggers in früheren Jahren, werden jetzt zu 95 Percent nur noch von
+den schwarzen, gemietheten Grubenarbeitern bewohnt.
+
+Wie ich schon erwähnt, haben sich die Verhältnisse im Allgemeinen,
+sowohl jene für die Sicherheit der Person und des Eigenthums, als auch
+die gesellschaftlichen und endlich die Beziehungen zu anderen Staaten
+bedeutend und wesentlich zum Vortheile der Colonisten gebessert. Es
+besteht jetzt dort, wo früher ziemliche Willkür herrschte, wo man sich
+nicht viel um behördliche Verfügungen und Anordnungen gekümmert und die
+wenigen bestehenden respectirt hatte, eine feste, zielbewußte Regierung.
+Ihre Aufgabe ist keine leichte; denn auf der kleinen Fläche, welche die
+Central-Diggings bedecken, sind die verschiedensten Elemente, Vertreter
+aller Eingebornenstämme Süd-Afrika's zusammengewürfelt. Die
+gesellschaftlichen Verhältnisse gleichen jenen in einem civilisirten
+Staate, trotzdem daß hier die Eingebornenfrage Schwierigkeiten bereitet,
+die ein europäischer Staat nicht kennt und alle Industrie-Erzeugnisse,
+deren sich die Civilisation nicht entschlagen kann, hunderte von Meilen
+weit hergeschafft werden müssen.
+
+Im Laufe der Jahre nahm der Betrieb des Diamantensuchens immer
+complicirtere Formen an; in den Jahren 1870 und 1871 schafften die
+Digger die Erde aus den in Parzellen getheilten Gruben mit Hilfe der als
+Arbeiter verwendeten Eingebornen, meist Kaffern, Hottentotten und
+Betschuanen heraus, ein oben am Rande der Grube in die Erde
+eingelassener Pfahl, an welchen eine Holz- oder Eisenrolle befestigt
+war, womit der diamantenhaltige Grund in Eimern mit den Händen
+herausgezogen wurde, war der ganze Apparat und galt für Gruben mit
+senkrechter Wand; da, wo sie mehr oder weniger geneigt, oder wo man etwa
+100 Schritte weit her, über andere Arbeitende hin den Grund herausheben
+mußte, schlug man unten in der Grube einen, oben drei Pfähle ein,
+zwischen zweien bewegte sich ein Holzcylinder von 2-3 Fuß Durchmesser
+oder ein großes Rad; ein oder zwei Eingeborne setzten dieses auf beiden
+Seiten mit Drehkurbeln in Bewegung, so daß sich an demselben das Seil
+»ab-« und von demselben »aufrollte«, und die mit Grund gefüllten oder
+leer nach abwärts laufenden Eimer befördert wurden. Von dem dritten
+Pfahle lief ein Hanfstrick, ein starker Eisendraht oder ein schwaches
+Drahtseil zu dem in der Grube eingeschlagenen Pfahle und an diesem
+bewegten sich zwei eiserne mit einer Rinne versehene Stäbchen, welche
+ein mit einem Haken zur Aufnahme des Eimers versehenes Eisengestell
+trugen. Später als die Gruben etwas tiefer wurden und namentlich die
+Digger ihren Besitz auf mehrere Claims erweiternd, größere Mengen der
+diamantenhaltigen Erde, und weil sie mit größeren Kosten arbeiteten,
+auch in kürzerer Zeit herausholen wollten, wandte man zur Erleichterung
+dieser Arbeit hölzerne Fördermaschinen an, welche mittelst Pferdekraft
+in Bewegung gesetzt wurden. Von diesen sind gegenwärtig noch viele gang
+und gäbe, allein die reichen Grubenbesitzer, sowie die in neuerer Zeit
+gebildeten Gesellschaften haben bereits zu Dampfmaschinen ihre Zuflucht
+genommen.
+
+[Illustration: Fördermaschinen in den Diamantengruben.]
+
+Am besten konnte man dies an der Kopje zu Kimberley bemerken. Da diese
+den kleinsten Rauminhalt hat, allein, weil die reichste, die meisten
+Diamantengräber zählt, war es diesen nicht möglich, ihre in der ersten
+Zeit mit Handarbeit betriebenen Aufzüge nebeneinander aufzustellen.
+Deshalb wurden riesige Gestelle aus schwedischen Fichtendielen
+errichtet, diese in drei Stockwerke getheilt, und so drei Aufzüge
+übereinander auf einer Fläche von etwa 2 Quadrat-Meter errichtet. Diese
+Gestelle standen in Gruppen, von welchen jede 18-30 Diggern das
+Heraufholen der Diamantenerde ermöglichte. Gegenwärtig ist der
+dammartige Rand der Grube von großen durch Pferdekraft betriebenen
+Fördermaschinen und aus England eingeführten Dampfmaschinen bedeckt;
+auch ist es jetzt nicht mehr gestattet, den diamantenhaltigen Grund nahe
+an der Ausholungsstelle zu sortiren, wie es früher geschah, und viele
+Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Der Besitzer muß ihn auf seinen
+Grund und Boden oder auf eine dazu außerhalb der Stadt gemietete Stelle
+verführen, um ihn zu durchsuchen. Die letztere Prozedur ist gegenwärtig
+auch viel schwierigerer Natur.
+
+[Illustration: Kimberley.]
+
+Früher wurde die diamantenhaltige Erde mit Hilfe verschiedener Siebe von
+den gröbsten Bestandtheilen befreit, dann der feinere Rückstand auf
+einen flachen Tisch ausgeschüttet und mit Hilfe eines Eisenblechstückes
+oder eines kleinen Holzbrettchens sortirt. Bei einem solchen Verfahren
+konnte man aber viele, namentlich kleine Steine übersehen, so daß der
+früher schon durchsuchte Boden um die Kimberley-Kopje als
+diamantenhaltig verkauft wurde und als solcher die Mühe des Käufers
+reichlich lohnte. Man bedient sich (unbemittelte Diamantengräber durch
+Handarbeit in Bewegung gesetzter, wohlhabendere mit Pferdekraft
+getriebener, von den bedeutenderen Claimbesitzern auch mit Dampfkraft
+bewegter) complicirter Waschmaschinen, in denen die diamantenhaltige
+Erde von ihren lehmigen Bestandtheilen befreit, blos die körnerartigen
+Steinchen zurückläßt, welcher Rückstand, nochmals in Wasserfässer
+geworfen, die letzten ihm noch anhaftenden erdigen Bestandtheile
+verliert, gewöhnlich allabendlich mit Sieben herausgeschöpft, etwas
+durchgeschüttelt und dem Aufseher oder Claimbesitzer zur Ansicht auf
+eine Tafel vorgelegt wird. Finden sich Diamanten in der Lage, so sinken
+sie bekanntlich unter dem körnigen kleinen Gestein der diamantenhaltigen
+Erde als die schwereren Körper bis an das dichte Drahtnetz des Siebes,
+so daß sie beim Umstürzen des Inhaltes des letzteren obenauf zu liegen
+kommen, und gleich in's Auge fallen.
+
+Im selben Maße aber als das Betriebsverfahren und die hierbei
+verwendeten Maschinen verbessert wurden, stiegen auch die Kosten
+desselben. Zur Zeit erfordert das Diamantengraben schon eine ziemlich
+ansehnliche Capitalsanlage, dadurch ist auch der Betrieb ein ruhiger und
+geschäftsmäßiger, das Heer der Glücksjäger bedeutend gelichtet worden,
+auch die Gesetze, welche das Diamantengraben behandeln und die Rechte
+der Digger sowie jene der Diamantenhändler schützen, sind geregelter
+geworden.
+
+Unter der Bevölkerung der Diamantenfelder sind namentlich die
+Diamantengräber, die Diamantenkäufer, »The Diamond-buyers oder
+merchants« und die Kaufleute im allgemeinen stark, die Kanteenkeeper
+(Besitzer von Localen, in denen blos Spirituosen verkauft werden)
+zahlreich vertreten. Bei der großen Menge der schwarzen Diener und dem
+Werthe des gesuchten Artikels ist es leicht erklärlich, daß
+Veruntreuungen, namentlich von Seite der Eingebornen häufig vorkommen
+und in raffinirtester Weise ausgeführt werden, zur Steuer derselben
+wurden sowohl gegen die Verkäufer als auch Käufer verheimlichter und
+veruntreuter Steine drakonische Gesetze erlassen. Nebstdem wurde ein
+eigenes Detectiv-Korps errichtet, welches zur Säuberung der
+Diamanten-Districte von den diese Gesetze noch umgehenden Elementen
+beitragen soll. Die dagegen Handelnden werden mit Gefängnißstrafe
+(verbunden mit hard labour, d.h. schwerer Arbeit auf öffentlichen Orten)
+mit Geldstrafen bis zu 300 und 500 £ St. und in manchen Fällen mit
+körperlichen Strafen (der neunschwänzigen Katze) belegt.
+
+Der Anblick, der sich uns bietet, wenn wir eine der größeren
+Diamantengruben von dem Kamme der ringsherum aufgetürmten Thonwälle aus
+betrachten, ist ein so seltsamer, daß Worte kaum hinreichen, ihn
+naturgetreu zu beschreiben. Die Kopje läßt sich zutreffend mit einem
+großen Kraterkessel vergleichen, der vor der Abarbeitung bis zum Rande,
+an dem wir stehen, mit vulcanischen Auswurfstoffen, hier der grünen, aus
+zerfetztem Tuff begehenden, bröckligen, diamantenführenden Erde
+ausgefüllt war, nunmehr aber tief ausgehöhlt ist. Die zu ungleicher
+Tiefe abgebauten viereckigen Claims füllen nun diesen großen
+Kraterkessel mit einer chaotischen Menge von Erdmassen, die hier als
+Pfeiler, Thürme, Plateaus, dort als Schächte, Wälle, Gräben, Treppen
+erscheinen, und es bedarf keiner erregten Phantasie, um in diesem
+Labyrinth sich das Bild einer vor Jahrhunderten versunkenen, nunmehr
+aber an das sonnige Tageslicht hervorgezauberten Stadt zu
+vergegenwärtigen, namentlich aber in der Abenddämmerung oder gar wenn
+des Vollmonds fahles Licht die Tiefen durchfluthet.
+
+Die Illusion wird jedoch zerstört, wenn unser Auge das lebhaft
+pulsirende Leben, die geräuschvollste, emsigste Thätigkeit am Grunde
+dieses tiefen, dunklen Kessels erblickt, und sich uns der Vergleich mit
+einem zerstörten Ameisenhaufen unwillkürlich aufdrängt. Die unabsehbare
+Menge von Drahtseilen, die den Raum über dem dunklen Grunde wie mit
+einem riesigen Spinngewebe überzieht, an denen, glänzenden Knoten
+gleich, die zahllosen Fördereimer auf- und abrollen, verwirren die
+Sinne, dazu vermag das Ohr des Fremden das Geräusch der zahlreichen
+knarrenden Winden, das Summen der Drahtseile, das Getöse fallender
+Massen, alles noch übertönt von dem Rufen, Singen und Schreien der
+Arbeiter und von dem Klappern der das Wasser aus den Gruben entfernenden
+Saugpumpen auf die Dauer nicht zu ertragen. Fast betäubt verlassen wir
+diese, ein neues Weltwunder bergende Stätte.
+
+Bevor ich diese in allgemeinen Zügen gehaltene Skizze der
+Diamantenfelder beschließe, will ich noch einiger eigentümlicher
+Scenerien des Straßenlebens in den Städten der Diamantenfelder gedenken.
+Vor Allem sind es die täglich mit Ausnahme Sonntags auf dem Markte zu
+Dutoitspan und Kimberley abgehaltenen _Morning-markets_ (öffentliche
+Auctionen). Ein von der Regierung angestellter _Morning-master_
+(Auctionär), der jedoch auch Privatauctionen abhalten kann, versieht
+dieses, wenn auch die Lunge über die Zuträglichkeit anstrengende, dafür
+aber sehr lucrative Amt. Dieser alltägliche Morgenmarkt bietet ein
+höchst interessantes Schauspiel. Der ganze, von eisernen und leinenen
+Häusern umgebene, ungepflasterte Marktplatz ist in den Morgenstunden von
+6-8 Uhr mit einer fast unabsehbaren Masse der bekannten Ochsenwagen
+förmlich bedeckt, die Mehl, Früchte, Gemüse, Kartoffeln, Mais, Schlacht-
+und Federvieh aller Art, aber auch Brennholz, Fourage, Schilfrohr zur
+Bedachung u.s.w. zuführen. Der Verkauf geschieht ausschließlich durch
+Auction. Von dem Markterlös erhält der Staat 5 Percent, der Marktmeister
+2 Percent. Die Preise der Waaren sind ungemein schwankend und hängen
+ganz von der Größe der Zufuhr ab, der Preis eines Sackes Kartoffeln
+schwankte auf dem Markte in Kimberley zwischen 15 Shillingen und 3 bis 4
+£ St.
+
+Außer diesen _Morning-markets_ werden noch an allen Orten und Ecken mit
+Ausnahme der Feiertage, in dazu errichteten Hallen, sowie Abends in den
+Cantinen öffentliche Versteigerungen von Privatsachen sowie anderer
+sonst unverkäuflicher Geschäftsartikel abgehalten. Um die Kauflust
+anzufachen, wird auf riesigen Plakaten nebst den zur Veräußerung
+gelangenden Artikeln hervorgehoben, daß während der Versteigerung
+liquors gratis an das kauflustige Publicum abgegeben werden.
+
+Die Mehrzahl der Cantinen waren die ersten Jahre hindurch zumeist nur
+wahre Lasterhöhlen und bildeten eine der traurigsten Schattenseiten der
+Diamantenfelder; in letzterer Zeit macht sich indessen eine starke
+Abnahme dieser Locale bemerkbar. Die hie und da in den Straßen oder am
+Rande der Niederlassungen errichteten hohen Ziehbrunnen mit dem sie
+umkreisenden bunten Gewirre sind eine andere Specialität. Das
+Heraufziehen der Wasserkübel wird von Kaffern oder Pferden besorgt, das
+Wasser aber verkauft. Hunderttausende von Gulden werden jährlich in den
+Central-Diggings für dieses so notwendige, namentlich auf den
+Sortirplätzen unentbehrliche Element verausgabt.[1]
+
+ 1: Zum Betriebe der Waschmaschinen und weil der diamantenhaltige
+ Grund aus den Kimberley-Gruben erst längere Zeit der Atmosphäre
+ ausgesetzt und mit Wasser benetzt werden muß, bevor er
+ waschungsfähig ist. Gegenwärtig ist man darauf bedacht, die
+ Grubenstädte aus dem etwa 15 Meilen entfernten Vaalflusse mit Wasser
+ zu versorgen.
+
+An Vergnügungen und Belustigungen fehlt es in den Diamantenfeldern
+keineswegs, dem Freunde lärmender Schauspiele bieten sie sich im
+Theater, auf Bällen u.s.w., wenn auch die Kosten solcher Vergnügungen
+exorbitante sind; wer zurückgezogen bleiben will und hier nur die
+Gelegenheit sucht, sein angelegtes Capital rasch zu verdoppeln oder
+überhaupt Ersparnisse zu machen, findet in den zwischen Kimberley und
+Old de Beers angelegten öffentlichen Gärten manche Zerstreuung. Wie
+indeß in den californischen Goldgruben ist auch hier Alles, selbst die
+luxuriösesten Dinge--allerdings zu fabelhaften Preisen--zu haben. Die
+hohe Fracht von der Küste bis hierher vertheuert eben alle Artikel
+europäischer Industrie in ungewöhnlichem Maße, besonders gilt dies von
+Metallartikeln, Maschinenbestandtheilen, Holzarbeiten u.s.w.
+
+Unter den Unannehmlichkeiten, welche der Aufenthalt in den
+Diamantenfeldern mit sich bringt, sind die Unbilden des Wetters
+hervorzuheben, namentlich die in der trockenen (Winters-) Jahreszeit
+täglich daherbrausenden Staubstürme, welche eine den Athmungsorganen,
+Augen und Ohren wenig zusagende, mit allem möglichen Unrath gemischte
+Atmosphäre erzeugen, in die Häuser dringen und hier in kurzer Zeit Alles
+verderben. An meisten jedoch leiden jene unter dieser Unbill des
+Wetters, welche den Tag über unausgesetzt in den Diamantengruben
+arbeiten, oder sich als Karrentreiber etc. in den Straßen bewegen
+müssen.--Wird dann das Land im Sommer, während der Regenzeit, von
+heftigen Regengüssen überfluthet, wo sich die am Südende von Dutoitspan
+in einer 1/8 englischen Meile im Durchmesser haltenden Bodenvertiefung
+befindliche große aber seichte Brackpfanne (einer der bekannten,
+seichten, jährlich austrocknenden Salzseen) oft in einem Tage füllt, so
+werden die Straßen so sehr aufgeweicht, daß es namentlich bei dem regen
+Verkehr in Kimberley kaum für den Fußgänger möglich ist, sie zu
+passiren. Die neue Munizipalität war jedoch bemüht, diesem Uebelstande
+abzuhelfen, indem sie Abzugscanäle herstellen und die Straßen schottern
+ließ.
+
+Wir nehmen nun vorläufig von den Diamantenfeldern Abschied, ich werde
+jedoch noch wiederholt Gelegenheit finden, manch' interessante Episoden
+und Scenen aus dem socialen Leben daselbst zu schildern.
+
+Ich will nun noch eines dreitägigen Jagdausfluges gedenken, den ich in
+Gesellschaft von Pavianjägern zur Weihnachtszeit des Jahres 1872 von den
+Diamantenfeldern aus nach den nahen Höhen im westlichen Theile des
+Oranje-Freistaates unternahm.
+
+Nachdem ich meine Patienten besucht und ihren Zustand derart gefunden
+hatte, daß ich sie auf einige Tage verlassen durfte, brach ich am ersten
+Weihnachtstage in den ersten Stunden des Nachmittags bei einer wahrhaft
+tropischen Hitze von Dutoitspan auf, um mich mit der Thierwelt der den
+Horizont im Osten begrenzenden Höhen im Oranje-Freistaat bekannt zu
+machen. Welch' großer Contrast zwischen jetzt und einst! Unwillkürlich
+stieg die Erinnerung an die in der Heimat verlebten Abende der
+Weihnachtszeit vor meiner Seele auf; anstatt in der gemütlichen, warmen
+Stube die Feier des Tages zu begehen, schritt ich jetzt unter
+afrikanischer Sonnengluth dahin, ohne durch irgend etwas an die Weihe
+des Tages gemahnt zu werden. In meiner Gesellschaft befanden sich ein
+junger deutscher Kaufmann, der hier mehr als in der Heimat zu Ausflügen
+Muße fand, ein junger Pole aus Posen, den sein Hang zum Abenteuerlichen
+nach den Diamantenfeldern verschlagen hatte, und ein Fingo, der mit den
+Reise-Utensilien beladen, die Wohlthat eines Dampfbades im Freien zu
+genießen verurtheilt war. Ich und der junge Pole waren jagdgerecht
+bewaffnet.
+
+Wir zogen anfänglich über eine mit niedrigen, kaum 12-18 Zoll hohen
+Zwergbüschen (Scapbusch) bewachsene Ebene, auf welcher nur hie und da
+die tiefer liegenden Einsenkungen das saftige Grün eines Rasens, die
+höheren mit Felsblöcken besäeten Partien hohes Gras zeigten, die weite
+Fläche war von einem ungezählten Heere von Insecten bevölkert,
+unter welchen uns verschiedene, schön gefärbte Species von
+Heuschrecken--manche mit hervorgehenden stacheligen Schildern wie
+gewappnet--in dichten Schaaren die Milkbüsche (Euphorbiacea) occupirend,
+besonders auffielen.
+
+Die 2-3 Zoll langen Thiere mit ihrem walzenförmigen Körper, hell bis
+dunkelgrün gefärbten und roth umsäumten Flügeldecken saßen in großer
+Menge träge an den Büschen und fielen bei der Berührung anscheinend todt
+zur Erde nieder. Bei dem großen Heere ihrer Feinde aus der gefiederten
+Welt (vom Adler bis zur Wildgans herab) fiel mir ihre Menge und
+Verwegenheit, sich auf die exponirtesten Stellen der Büsche zu wagend
+schon auf meiner Reise von Port Elizabeth nach den Diamantenfeldern auf,
+hier wurde mir das Räthsel durch mein Geruchsorgan gelöst. Diese
+Heuschrecken sondern nämlich einen äußerst penetranten und
+übelriechenden Saft aus, von dessen »Parfüm« wir uns nur mit Mühe nach
+längerem Reiben der Hände mit Sand befreien konnten. Außer diesen
+Heuschrecken fanden wir mehrere Käferarten--einige Sandkäfer, zwei große
+Laufkäfer und an den Büschen in schönen metallisch schillernden Farben
+prunkende Blattkäfer. Die artenarme und von der Sonnengluth gedörrte
+Vegetation erklärte uns den Mangel an Tagfaltern, deren Stelle
+zahlreiche Mottenarten einnahmen.
+
+Von Vierfüßlern beobachteten wir nur ein hellrothes Scharrthier
+(Rhyzaena) und ein Erdeichhörnchen mit seinen Gesellschaftern, den
+großen Spitzmäusen, am Rande ihrer unterirdischen Bauten hoch auf ihren
+Hinterfüßen aufgerichtet und neugierig die Ankommenden anblickend. Das
+Scharrthier leise knurrend, die Eichhörnchen mit einem schrillen Pfiff,
+verschwanden bei unserer Annäherung.
+
+Von Vögeln fiel uns der bekannte, kleine südafrikanische
+dunkelgefiederte Steppenstaar auf, der sich auf die zahlreichen
+Termitenhaufen schwingt oder die Spitzen vereinzelt stehender
+Dornenbüsche aufsucht und neugierig den Fremden zu mustern scheint. Er
+ist ein dreistes und munteres Thierchen, welches oft die verlassenen
+Höhlen der Scharrthiere und Erdeichhörnchen bewohnt, und sich, wenn
+verfolgt, namentlich aber wenn verwundet, dahin flüchtet.
+
+[Illustration: Kaffer, Schafe hütend.]
+
+Nach etwa 1½stündigem Marsche befanden wir uns am Rande einer jener
+kleinen viereckigen »Pfannen«, welche den Charakter der größeren,
+Süd-Afrika namentlich in seiner Längsachse charakterisirenden, seichten
+Salzseen zeigten. Nahe dabei befand sich (die Salzpfanne war trocken)
+eine kleine mit grünlichen. Wasser gefüllte Regenlache, deren Inhalt mit
+einem Löffel »Brandy« gemischt, genießbar war. Wir trafen hier auch
+einen Schafe hirtenden Kaffer, der, nachdem wir durch ein Stückchen
+Tabak seine Zuneigung gewonnen, uns über die weiter nach Osten liegenden
+Farmen belehrte; die sogenannte Krichofarm (auch _Kuudu-place_ genannt)
+war die Stelle, die wir uns zu unserem Feldlager ausersehen hatten. Von
+hier wollten wir dann unsere Ausflüge nach den Höhen unternehmen.
+
+Gegen Abend erreichten wir die ersten von Süden nach Norden sich
+erstreckenden Ausläufer der Freistaathöhen. Die Vegetation war hier
+schon üppig, wir fanden zahlreiche Büsche und die von den
+Diamantenfeldern als dunkle Punkte sichtbaren Stellen entpuppten sich
+uns als Kameeldornbäume, deren breite niedere Kronen und große, flache,
+graubewollte Samenschoten ihren Mimosen-Charakter verriethen. Seit der
+Zeit sind schon die meisten der Axt zum Opfer gefallen und in den
+Diggings zu Asche verwandelt worden. Was uns an diesen Bäumen, die bis
+zu zwei Schuh stark, den knorrigen Stamm mit dunkelgrauer zerrissener
+Rinde bedeckt, ein sehr hartes Holz liefern, auffiel, waren ihre bis
+drei Zoll langen und oft an ihrer Basis fingerstarken, je paarweise
+sitzenden, doch mit den Spitzen divergirenden Dornen und die an ihnen
+hängenden Vogelnester, von denen wieder zwei besonders erwähnenswerth
+waren. Es waren dies die Nester einer kleinen Kolonie von
+Siedelsperlingen (_Philetaerus socius_). Die Bauart dieser Nester ist
+eine höchst merkwürdige; haben diese Bienenfleiß entwickelnde Thierchen
+ein geeignetes Stämmchen gefunden und den Bau ihrer Nester begonnen, so
+verfertigen sie gemeinschaftlich das allen dienende Dach. Jedes Pärchen
+baut sein eigenes Nest aus trockenem Gras und bedacht es, aber eines so
+dicht neben dem andern, daß man nur ein einziges von einem großen, 2-5
+Fuß Durchmesser und 1-3 Fuß Höhe haltenden Dache bedecktes Nest
+erblickt, zu dem von unten unzählige kreisrunde Löcher führen. Oft
+brechen die unter der Last dieser Nester sich biegenden Aeste, deren
+Kronen über das kegelförmige und steil abschüssige Dach herausragen.
+Obgleich die Eingänge zu diesen Nestern sich an der unteren Seite
+befinden und man doch denken würde, daß die munteren Thierchen durch ihr
+abschüssiges Dach nicht nur gegen Regenschauer, sondern auch gegen ihre
+Feinde geschützt wären, ist dies doch nicht der Fall; ich beobachtete,
+daß sich namentlich größere Schlangen, wie die Cobras, daran wagen, und
+habe selbst einige Jahre später einen solchen Räuber an einem Baume auf
+der Oliphantfontein-Farm erlegt, als er sich in einem Nestbau dieser
+Siedelsperlinge verkrochen und Verderben unter seinen Bewohnern
+angerichtet hatte. Die Vögel, welche die Schlange im Neste überraschte,
+waren von ihr gebissen und die Leichen herausgeworfen, die Jungen und
+die Eier verschluckt und die aufliegenden Eltern durch Fauchen
+verscheucht, die Muthigeren durch Bisse getödtet worden. Da ich durch
+einen Schuß nicht die vielleicht noch lebenden Jungen in den Nestern
+tödten wollte und auch nur den Schwanz der Schlange sah, brachte ich sie
+durch einen wohlgezielten Steinwurf zur Erde, um dann der davon Eilenden
+mit einem Doppelschusse den Garaus zu machen.
+
+Am Abend nachdem wir die Ausläufer der felsigen Höhen erreicht hatten,
+befanden wir uns auf einer bis zu den gegenüberliegenden, etwa drei
+englische Meilen entfernten Höhen reichenden Grasebene. Unter einer
+nahen felsigen Erhebung standen zwei Zelttuchhäuschen, in denen ein
+Eingeborner eine kleine Cantine hielt, ein Beweis, daß wir auf den von
+den Diamantenfeldern nach dem Freistaate führenden Weg gestoßen waren.
+Aus einer nahen umfriedeten und bebuschten Stelle schlug das Meckern
+einiger Ziegen an unser Ohr.--Ein Geschenk von einigen österreichischen
+Zigarren billiger Sorte zauberte auf das Gesicht des Cantinenwirthes ein
+freundliches Lächeln und rief in seiner Seele eine wohl seltene
+Anwandlung von Freigebigkeit wach, denn als Gegendienst bewirthete uns
+der krausköpfige Schwarze mit Brandy, denselben vorsichtig in kleinen
+Gläschen credenzend. Ein befriedigendes Schmunzeln, mit dem er wieder
+in's Häuschen zurücktrat, überzeugte uns, daß er sich nicht zu viel
+zugemuthet und sein Vorrath an Brandy durch die eben bewiesene
+Gastfreundschaft nicht sehr gelitten hatte. Die Freigebigkeit unseres
+Wirthes brachte auch das Gespräch etwas in Fluß und bald zeigte er sich
+noch freigebiger, als er erfuhr, daß ein Farmer, den ich in den
+Diamantenfeldern behandelt hatte, und den er kannte, auf der Krichofarm
+wohne. Er glaubte wohl sich seinem Freunde erkenntlich zu zeigen, wenn
+er dessen Arzt in seinem kleinen Heim bewirthete. Seinen uns
+anstaunenden, im tiefen Negligé und barfuß erschienenen Kindern
+bedeutete er, den Fremden eine Christmaßboox zu bieten. Wir alle
+verstanden jedoch nicht, was er damit meine, bis die beiden größeren
+Knaben, mit drei Tassen schwarzen, duftenden Kaffee's und einem Teller
+Kuchen erschienen, eine Gabe, die von uns dankbar angenommen wurde. Nach
+dem Kaffee lud uns unser Wirth ein, die Nacht in seinem Häuschen
+zuzubringen, doch ich wollte noch desselben Tages an Ort und Stelle sein
+und so dankten wir herzlich für die Christmaßboox und die Bewirthung und
+setzten durch tiefen Flugsand watend, unsern Weg fort. Es war dunkel und
+deshalb gewagt, quer durch das hier dicht bebuschte Thal zu schreiten,
+das viele Schlangen zu beherbergen schien.
+
+[Illustration: Trunk aus einer Sumpflache.]
+
+Spät Abends langten wir bei der Krikofarm an, ich entschloß mich im
+Freien zu übernachten, und da wir auch sehr durstig geworden waren,
+folgten wir dem Schimmer eines kleines Wassers, der uns zu einem halb
+ausgetrockneten Teich brachte, und wählten uns nahe an demselben eine
+ebene Uferstelle zu unserem Nachtlager aus. Unser Nachtimbiß war bald
+fertig, die tagsüber erlegten rothfüßigen Kibitze, sowie einige kleinere
+Trappen (eine von den Boers Patluperken genannte Art) mundeten nicht
+minder wie eine Tasse Thee, zu welcher wir das Wasser aus dem Teiche
+genommen hatten; bei Tage hätte uns wohl nur der peinlichste Durst dazu
+gebracht, dieses Wasser zum Munde zu führen, denn es schillerte im
+Feuerschein in allen Farben des Regenbogens und wurde selbst von den
+Rindern der Farm verschmäht.
+
+Während wir um das Feuer sitzend die Erlebnisse des Tages besprachen,
+wurden wir durch den Besuch dreier Korannas beehrt. Vom Feuer angelockt,
+waren sie von dem etwa 100 Schritte entfernten Farmhause herangekommen
+und mochten uns wohl für arbeitsuchende Basutos (ein im Westen vom
+Oranje-Freistaat wohnender Eingebornenstamm) halten, die sich hier ein
+Nachtlager ausgesucht. Sie wunderten sich nicht wenig Weiße hier
+campiren zu sehen. Bald nachdem uns die neugierigen Besucher verlassen
+und das Gekläffe der Farmhunde verstummt, herrschte in unserer Umgebung
+tiefe Stille, nur durch das monotone Zirpen einer kleinen Grillenart
+unterbrochen. Nach so vielen in der Staubatmosphäre von Dutoitspan
+verlebten Tagen waren wir froh, hier in frischer, gesunder Luft zu
+athmen, und waren bald in tiefen Schlaf versunken.
+
+Zeitlich des Morgens durchstöberten wir die nächste Umgebung der Farm.
+Dieselbe liegt in einem breiten Thale, in welches, nahe der Farm, einige
+Querthäler münden, die von den isolirten Hügelketten gebildet sind.
+Diese Höhen fallen ziemlich steil, oft sogar perpendiculär ab und zeigen
+Riesenblöcke der Trapdykes. Es that unserem Auge wohl, an den Abhängen
+dieser Hohen eine ziemlich reiche Vegetation zu finden, selbst die
+flachen Kuppen waren mit kleinen, baumartigen Mimosen bewaldet. Außer
+einer Menge gestreifter Mäuse fanden wir keine Säugethiere, dagegen eine
+Menge Turteltauben, Kibitze, Wiedehopfe, langschwänzige, weiß und
+schwarz gescheckte Würger, die gemeinen braunen Aasgeier oben auf den
+Felsen hockend, die von ihrem Unrath so weiß getüncht waren, daß man
+diese Stellen 15 englische Meilen weit erblicken konnte, ferner kleine
+Rothfalken und schöne braune Gabelweihen, uns die günstigste Gelegenheit
+bietend, unsere Jagdtasche zu füllen und den Mittagstisch mit manch'
+leckerem Bissen zu versorgen. Auch unsere Spiritusflaschen füllten sich
+mit Fröschen, Chamäleons, Eidechsen, riesigen Spinnen und zahlreichen
+Insecten. Zu unserem Lagerplatz zurückgekehrt, trafen wir den Farmer.
+Meine Frage, wie wohl den die Höhen bevölkernden Pavianen beizukommen
+sei, ließ ihn sehr gesprächig werden.
+
+»Hier,« meinte er, »hausen in der Nachbarschaft zwei Pavianheerden, eine
+kleinere und scheuere geht in der Regel Vormittags in der nahen
+Bergschlucht zur Tränke, die große Heerde wagt sich täglich an den
+zweiten Teich in unserer Nähe.« Der Farmer klagte nun sein Leid über die
+Frechheit dieser Affen; sie waren eine große Plage, denn kaum, daß sie
+durch ihre auf den Felsen ausgestellten Wachen entdeckten, daß Feld und
+Garten verlassen waren, so war die Heerde auch schon bald über den Zaun
+eingebrochen und der Garten verwüstet, besonders schädlich aber wurden
+sie den weidenden Schafen. Geschah es, daß der hütende Hirt auch nur für
+kurze Zeit eingeschlafen, oder die Thiere aus einem anderen Grunde
+unbewacht blieben, so konnte der Farmer gewiß sein, einige Lämmer mit
+zerrissenem Körper zu finden. Die Paviane folgen den Thieren auf den
+Höhen, während die Schafe im Thale weiden und stürzen, sobald sie selbe
+unbeschützt sehen, auf sie herunter und reißen mit ihrem furchtbaren
+Gebiß den Thieren den Bauch auf, um zu dem Milchinhalt des Magens zu
+gelangen; haben sie diesen entleert, so lassen sie die zuckenden Körper
+liegen, um dasselbe an anderen der blöde hin- und herrennenden Lämmer zu
+versuchen. (Ich fand dies später oft bestätigt.) Nun begriffen wir wohl
+des Farmers zufriedenes Schmunzeln, als er unser Vorhaben, einige der
+Thiere zu erlegen, erfuhr. Des Farmers Redseligkeit bewog mich, ihn über
+die weiteren Absichten bei dieser Jagd zu unterrichten, daß ich gerne
+einige schöne Bälge zum Ausstopfen und einige Kopfskelette erlangen
+wollte. Diese Mittheilung machte ihn stutzen. Etwas ähnliches hatte er
+doch noch nicht vernommen »_Allmachtag_ (Allmächtiger) _wat will ye
+dun_?«[1] und kopfschüttelnd ging er zu seiner Frau, um ihr das
+»_wonderlijke_« Vorhaben des »albernen« Doctors mitzutheilen, der einen
+»_Babuin_« todtschießen und das Fell, ja sogar das Kopfskelett nach
+»_Duitsland_« schicken wollte.
+
+ 1: Das in der Regel von den Farmern gesprochene Holländisch in
+ Süd-Afrika ist nicht das reine Holländisch, wie wir es in Europa
+ hören, sondern ein Gemisch von vielen Sprachen, englisch,
+ plattdeutsch, französisch etc., dagegen sprechen die gebildeten
+ Holländer der Capstadt, in Bloemfontein und in der Nachbarschaft
+ anderer Städte ein sehr reines Holländisch.
+
+Viele der Freistaatfarmer sind einfache, gute, oft wahrhaft herzensgute
+Leute, denen nur die nöthige Bildung fehlt, um sie als beständige
+Gesellschafter zu wünschen. Ich habe nie dankbarere Patienten gekannt
+als sie.
+
+Gegen die Mittagsstunde verließen wir die Farm und brachen nach den
+Felsenhöhen im Osten derselben auf, um noch zur Tränkezeit der kleinen
+Heerde auf dem Platze zu sein. Wir passirten einige von Korannas und
+Basutos, Dienern des Farmers bewohnte Hütten. Die Basutos kommen von
+ihrem im Osten gelegenen Lande und verdingen sich mit ihren Frauen an
+die Farmer, sie werden jährlich mit einer bestimmten Anzahl von Schafen,
+ein oder zwei Kühen und Ochsen, hie und da auch noch mit einer Mähre
+oder einem Fohlen bezahlt und bekommen nebstdem die nöthige Nahrung;
+außerdem wird ihnen gestattet, sich nach einem fruchtbaren Stück Land
+umzusehen, wo sie sich Korn (Sorghum-Art), Mais, Kürbisse, Tabak etc.
+anbauen können. Auf meinen späteren Reisen beobachtete ich, daß
+namentlich wohlhabende Farmer, wie Mynheer Wessels, auf dessem Gebiet
+auch jene auf unserem Marsche berührte Cantine lag und dessen Farmen
+einen Umfang von mehreren Meilen hatten, von welcher Fläche aber nur
+etwa 1/36 angebaut war, mehrere kleine Basutodörfer ihr eigen nennen,
+deren Bevölkerung sich in der obbeschriebenen Weise auf mehrere Jahre
+verdingt. Es sind meist mittellose Leute aus dem dicht bevölkerten
+Basutolande am Caledon-River, welche durch jahrelange Trockenheit um
+alle ihre Ernte-Erwartungen gebracht, genöthigt waren, aus der Heimat
+auszuwandern und günstigere Gebiete aufzusuchen.
+
+An der Bauart der Hütten konnten wir sofort den ethnographischen
+Unterschied zwischen beiden Stämmen deutlich wahrnehmen; während die
+Hütten der Basuto's, aus Baumästen in cylindrischer Form (circa 3 Meter
+im Durchmesser haltend) gebaut und von einem kegelförmigen Dache
+bedeckt, das auf dünnen Pfählen ruhte und mit dürrem Grase überdeckt
+war, hatten die Koranna's halbkugelförmige Hütten, welche aus dürren
+Aesten erbaut und mit Matten lose überdeckt waren.
+
+Wir hatten die Ehre, von einer der schwarzen Damen gemustert zu werden;
+sie war vor den Zaun getreten und blos mit einem grauen kurzen Kaliko
+(Unterrocke) bekleidet. Stirn, Wangen und die Brüste waren mit einem
+bläulich-schwarzen Ocker mit Wellenstrichen bemalt; an einer der
+Korannahütten stand ein europäisch gekleideter Mann, dem eben ein
+ältliches Weib, ebenfalls in schmutzige europäische Fetzen gekleidet,
+aus der Hütte einen mächtigen Feuerbrand brachte. Ich war neugierig, was
+sie wohl damit thun wolle, und siehe, er blieb ohne eine Miene zu
+verziehen, gleichgiltig vor sich hinstarrend stehen, die ältliche Frau
+jedoch hob das brennende Holz, von dem eine wahre Rauchsäule
+emporwirbelte, auf, legte die glühende Spitze desselben sachte an ihres
+Mannes kurze Pfeife, der nun mit seiner Rechten nachzuhelfen sich
+bemühte. Hervortretend fragte ich nach dem besten Aufgang auf die Höhe
+und erhielt von dem braungelben Phlegmatiker eine artige, meinem
+Ansuchen entsprechende Antwort. Eine halbe Stunde später erreichten wir
+die Kuppe der Höhe, die eine mit Busch bewachsene, wellenförmige, mit
+Steinblöcken besäete Ebene bildete. Nachdem wir sie in ihrer Länge von
+Süden nach Norden durchschritten und uns der vom Farmer erwähnten
+Schlucht genähert hatten, vernahmen wir von dem gegenüber liegenden
+Abhange derselben, etwa 300 Schritte vor uns, ein heiseres,
+mehrstimmiges Gebelle. Hinblickend sahen wir sieben, darunter vier
+erwachsene Paviane mit Sprüngen die Höhe erreichen, auf der kleinen
+Tafelebene noch einmal nach uns umsehen und dann wieder in einer weiter
+rechts liegenden Schlucht verschwinden. Wir folgten ihnen rasch,
+erkannten auch an den frischen Spuren am Boden der Schlucht, daß sie
+erst vor kurzem die Tränkstelle verlassen haben mußten. Um nicht die
+größere Heerde zu versäumen, folgten wir der Schlucht, die in unser Thal
+mündete, füllten auch unsere Waidmannstaschen mit einigen Taubenpaaren,
+die am Feuer geröstet, uns einen guten Imbiß lieferten.
+
+[Illustration: Pavianjagd.]
+
+Während wir beim Mahle saßen, ließen wir alle unwillkürlich die Blicke
+auf die zu beiden Seiten und vor uns liegenden Abhänge schweifen, um
+vielleicht einen der gesuchten Vierfüßer zu erspähen, allein vergebens.
+Da erscholl plötzlich ein lautes Geschrei von der Farm her, welches sich
+uns zu nähern schien, allein bald verstummte. Gegen diese hin standen
+hohe Mimosenbäume, zwischen denen nur durch eine schmale Lichtung ein
+Theil des Hauses sichtbar wurde, rechts von uns erhob sich der etwa 12
+Fuß hohe steinerne Damm des Teiches, an dessen Ufer wir campirt hatten,
+so daß uns von unserem Standpunkte aus der Blick über die Ursache des
+Geschrei's nicht belehren konnte. Scherzweise warf ich hin, daß, während
+wir uns hier gütlich thaten die Paviane wohl die Mittagszeit benützend,
+dem Farmer einen Besuch abgestattet haben konnten. Ich hatte kaum
+ausgesprochen, als ich aufbringend auf die etwa 250 Schritte von uns
+entfernte Höhe zur Linken wies. »Seht, ist das nicht ein Affe?«--und
+richtig ein Pavian, ein zweiter--eine ganze Heerde lief den Abhang
+hinan, allein nicht sehr eilig und von Zeit zu Zeit auf einem Felsblock
+hocken bleibend; am Fuße der Höhe erschienen schon die Leute, der Farmer
+und die farbigen Diener mit Knütteln und Stocken bewaffnet und laut
+schreiend. In einem Nu waren wir unter der Höhe, bogen etwas nach
+rechts, wohin sich auch die Affen, den höheren Partien zustrebend, zu
+wenden schienen und meine Gefährten zur Vorsicht mahnend, stiegen wir
+empor. Ich schlug vor, in stille wie möglich uns aufwärts zu bewegen,
+damit die Aufmerksamkeit der Thiere sich auf die übrigen, ungefähr 200
+Schritte mehr zur Linken langsam emporklimmenden, laut schreienden
+Verfolger richten möge.
+
+Da der eine meiner Gefährten nur mit einem Schrotgewehr, der andere nur
+mit einem Stock bewaffnet war, hieß ich beide, in meiner Nähe bleiben,
+um ihnen, im Nothfalle beistehen zu können, denn ein erzürnter,
+erwachsener Pavian ist als Feind gefährlicher als ein Leopard. Wir
+hatten bereits den Abhang zur Hälfte erstiegen und noch immer war keiner
+der Flüchtigen zum Schuß gekommen. Endlich erschien einer über mir, doch
+hoch oben von Block zu Block springend, bald deckte ihn ein Busch, bald
+ein Felsen, so daß kein Schuß mit Erfolg anzubringen war. Das Thier
+verschwand als es die Höhe erreicht hatte und wir mußten, höher
+klimmend, trachten, es noch auf der flachen Kuppe zu treffen, oder
+vielleicht einen seiner Genossen zu erspähen. Meine Hoffnung wurde nicht
+getäuscht, denn schon 40 Fuß höher entdeckte ich ein erwachsenes
+Weibchen. Doch alle Mühe, zum Schuß zu kommen, war vergebens, einmal
+stand der schwarze Diener des Farmers mir in der Schußlinie, und die
+zweite günstige Gelegenheit verdarb mein Gefährte, der, als sich das
+Weibchen uns bis auf fünf Schritte genähert hatte, mit lautem Schrei in
+die Höhe sprang und damit das Thier in die Flucht jagte. Obwohl wir
+athemlos die steile Höhe emporklommen, um das Thier nicht gänzlich aus
+dem Auge zu verlieren, war es zu spät. Auf der Kuppe angelangt, war
+nirgends mehr eine Spur von den Affen zu entdecken.
+
+Wir stiegen herab, gewiß nicht in der rosigsten Laune und gaben nicht
+allein jeden Gedanken auf, noch am selben Tage einen Pavian zu sehen,
+sondern hatten auch nicht die geringste Ahnung, daß uns mit derselben
+Heerde noch ein ähnliches Mißgeschick begegnen würde. Unten angelangt,
+hörten wir nun von den Koranna's, daß die Paviane einen Versuch gemacht
+hatten, in den Schafkraal (Umzäunung) zu gelangen, zu dem einige
+blökende Lämmer die Affen hingezogen hatten. Sie wurden jedoch zeitig
+bemerkt und damit sie ihren Raubzug nicht zu bald wiederholten, nicht
+nur verscheucht, sondern auch verfolgt. Man versicherte uns jedoch, daß
+sie gewiß noch einmal zur Tränke an den andern, uns schon früher
+bezeichneten nahen Teich kommen würden; alle Müdigkeit war bei dieser
+Nachricht vergessen und wir begaben uns sofort auf die bezeichnete
+Stelle. Ein kleiner von Regenwasser gefüllter Teich lag im Thale, zur
+Linken, etwa 300 Schritte entfernt zogen sich die Höhen hin, die wir
+eben verlassen hatten, zur Rechten, ihnen gegenüber, in der Entfernung
+einer Meile eine zweite Reihe von Höhen. Der Teich war an drei Seiten
+eingedämmt, nach dem Hause zu war der Damm aus Steinen errichtet und lag
+der freien Einflußstelle des Wassers gegenüber. Diese Stelle war sandig,
+zur Linken bildete das trübe, gelbliche Wasser eine kleine Bucht, zur
+Rechten fiel dem Beschauer ein dichtes, niederes von der schon erwähnten
+strauchartigen Euphorbia gebildetes Gebüsch auf. An der Sandseite des
+Dammes wuchsen aus den Steinspalten einige Sträucher hervor. Hinter
+einem derselben, ihn als Deckung für den Kopf benützend, hatte ich
+Stellung genommen.
+
+Wir hatten kaum unsere Stellungen bezogen, als uns der Knabe des Farmers
+auf zwei dunkle auf dem Abhange des Hügels zur Rechten sichtbar werdende
+Punkte aufmerksam machte; in der That konnten wir eine größere Anzahl
+beweglicher dunkler Körper wahrnehmen. Sie bewegten sich bergab und als
+sie auf etwa 900 Schritte nahe gekommen waren, erkannten wir die
+Pavianheerde. »Sie kommen zum Wasser!« meinte der Knabe. Zu unserer
+Verwunderung schienen sich die Affen nicht von der Stelle rühren zu
+wollen, es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde und noch immer war
+der Haufen auf derselben Stelle--da auf einmal, wie aus der Erde
+herausgezaubert, erschienen uns gegenüber an dem freien Ende des
+seichten, kaum 60 Schritt langen Teiches zwei riesige Männchen, keiner
+unserer Gesellschaft hatte ihre Annäherung beobachtet, ob sie in einem
+Bogen quer über das Thal oder durch das Gras geraden Weges von der
+Heerde zu uns gekommen waren, konnten wir uns nicht aufklären. Da ich
+die Thiere beobachten und mich dessen vergewissern wollte, ob sie zu
+jener Heerde, die unter den niedrigen Mimosenbäumen spielte, gehörten,
+kam ich von dem Entschlusse, sofort eines der Thiere zu erlegen, ab und
+wartete mit Spannung der weiteren Dinge. Nun sprangen sie vom Damme zum
+Wasser, beugten sich nieder und tranken; sich wieder emporrichtend,
+verließen sie recht gravitätisch auf allen Vieren einherschreitend das
+Wasser und schlugen die Richtung nach der Heerde ein; sie gehörten ihr
+also thatsächlich an und waren die ausgesandten Kundschafter. Zu den
+Ihren gekommen, setzte sich die ganze Truppe sofort in Bewegung; kurze
+Zeit darauf waren schon alle am Teiche. Da gab es Mütter mit Säuglingen
+und halb erwachsenen Thieren, der erwachsenen Männchen nur drei oder
+vier. Die Thiere kamen einzeln heran, tranken und kehrten unverweilt
+zurück; nachdem etwa zehn in dieser Weise ihren Durst gelöscht hatten,
+kamen mehrere auf einmal, während die übrigen sich auf dem Sande ringsum
+mit Sprüngen und Herumrollen ergötzten. Bald wären wir jedoch um alle
+weiteren Betrachtungen gekommen, denn vom Hause her näherten sich zwei
+Korannafrauen, Töpfe auf den Köpfen tragend, um Wasser aus dem Teiche zu
+holen, an dem wir lagen. Durch Gesticulationen hielten wir glücklicher
+Weise die Frauen ab, näher zu kommen, allein es war auch die höchste
+Zeit, zum Schusse zu kommen. Eben waren, wie ich mir einbildete,
+dieselben Männchen, welche so geschickt das jenseitige Ufer
+ausgekundschaftet, zum zweiten Mal an's Wasser getreten, sie setzten
+sich auf jede Seite der kaum zwei Fuß hohen Einbuchtung und beugten sich
+mit dem Vorderkörper zum Saufen nieder. Diesen Moment wollte ich
+benützen, um mein Glück zu versuchen. Wie wir später an den Spuren
+ersahen, hatten sich die beiden Thiere so gegeneinander vorgebeugt, daß
+blos ein Raum von nicht ganz vier Zoll zwischen den gesenkten Köpfen
+frei blieb. Da donnerte meine Büchse--wie wir uns später überzeugten,
+hatte die Kugel, zwischen den Köpfen der Thiere durchfliegend, etwa drei
+Fuß hinter denselben eingeschlagen. Hoch sprangen sie beide auf, wie auf
+ein Tempo mit den Händen nach der Schnauze greifend, und unmittelbar
+darauf eilte die ganze Heerde bellend, die größeren Thiere etwas
+zurückbleibend und sich oft umdrehend, von dannen.----Obgleich wir bis
+zum Abend liegen blieben und sogar unser Nachtlager hierher verlegten,
+sahen wir nichts mehr von den Affen, deren heiseres Gebell wir noch die
+halbe Nacht hindurch von den Bergen herab deutlich vernahmen. Wir
+blieben noch einen Tag, allein die Thiere, die uns von den Höhen
+bemerken konnten, behielten uns im Auge, und wollten sich von den
+Felsenhängen, wo sie Herren der Situation waren, nicht herabwagen.
+
+Meine Begleiter waren in der dem mißglückten Jagdtage folgenden Nacht in
+tiefen Schlaf versunken, während mich das Gebell der Paviane in steter
+Spannung erhielt. Allein außer ihren heiseren Tönen konnte ich auch
+nichts Anderes vernehmen. Selbst der leise Wind war eingelullt und ließ
+von seinem Spiele mit den zarten Blüthen der Mimosen ab. Solch' stille
+Nächte--unter südafrikanischem Himmel--üben auf den Fremden einen
+mächtigen, lange hin nachklingenden Reiz aus. Die Atmosphäre war rein,
+der Himmel so dunkel und zwischen ihm und der Erde unzählige Wölkchen in
+solch' lebendigen Schattirungen zwischen milchfarben und grau, daß ich
+mich nicht entsinnen konnte, je etwas Aehnliches zuvor beobachtet zu
+haben.
+
+[Illustration: Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872.]
+
+Nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt, nahm ich wieder meine
+Berufsthätigkeit auf, die immer ausgebreiteter wurde, und es mir
+erlaubte, zur Verwirklichung meiner weitgehenden Pläne manches Pfund
+Sterling bei Seite zu legen. Nachdem ich schon im Laufe des Jänner mir
+einen der bekannten Wagen angeschafft hatte, also im Besitze des
+wichtigen Reisemittels war, hielt ich zu Beginn des Februar 1873 die
+Zeit für gekommen, um meine erste größere Reise, gewissermaßen eine
+Recognoscirung, zu unternehmen.
+
+
+
+
+Meine erste Reise in das Innere von Süd-Afrika.
+
+
+
+
+IV.
+
+Von Dutoitspan nach Lekatlong.
+
+Meine Reisebegleiter.--Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter
+Zugthiere.--Aufbruch aus den Diamantenfeldern.--Trostloser Zustand der
+Wege.--Südafrikanischer Vorspann.--Old de boers-Farm.--Bismark's
+Retreat.--Der Vaal-River und sein Thal.--Ein Besuch im Korannadorfe
+bei Pniel.--Bauart der Korannahütten.--Sociale Zustände
+unter den Koranna's.--Vorschläge und Mittel zur Besserung
+derselben.--Freimaurerthum unter den Koranna's.--Ein gefährlicher
+Nachtmarsch zum Vaal-River.--Klipdrift.--Racenunterschiede zwischen
+Koranna's und Betschuana's.--Das Innere der Korannahütten.--Die
+River-Diggings am Vaal.--Die Fauna des Vaal-Thales.--Eine
+Krankenordination in Klipdrift.--Gong-Gong, Waldeks-Plant und der
+Fly-Diamond.--Eine desolate Strasse.--Die Holitzer Schlucht.--Die _Cobra
+capella_ und ihre Gefährlichkeit.--Ringhalsschlangen.--Im Schlamme des
+Vaal River Versunken.--Ankunft in Lekatlong.
+
+
+Meine Vorbereitungen waren beendet, die Ausrüstung besorgt; es blieb mir
+nur noch die für Reisen in Afrika wichtige und folgenschwere Wahl meiner
+Begleitung zu treffen. Von der Idee, mich blos mit eingebornen Dienern
+zu umgeben, kam ich bald ab und entschied mich in Begleitung von Weißen
+zu reisen. Meine Wahl fiel auf jene beiden jungen Männer, deren ich eben
+vorher auf meinem Ausflüge nach dem Freistaate erwähnte und als dritten
+Gefährten lud ich Herrn Friedrich Eberwald aus Thüringen ein, einen
+biederen Charakter, der später einer meiner herzlichsten Freunde wurde
+und mir auch auf der zweiten Reise treu zur Seite stand. Ein
+unwiderstehlicher Drang, fremde Länder mit eigenen Augen zu schauen,
+hatte ihn, nachdem er einen großen Theil von Europa, Kleinasien, Nord-
+und Südamerika gesehen, nach den Diamantenfeldern geführt, um hier sein
+Glück als Diamantengräber zu versuchen, doch war ihm dieses nicht
+besonders günstig. (Ich kam auch nach meiner letzten Reise mit ihm
+zusammen und bat ihn, mit mir nach Europa zurückzukehren, doch
+vergebens.)
+
+Vor meiner Abreise galt es noch, jedem meiner Begleiter sein specielles
+Arbeitsressort zu bestimmen; mein Freund Eberwald legte sich die
+freiwillige Pflicht auf, uns, so weit es mit dem Schrotgewehr anging,
+mit Wildgeflügel zu versorgen und über den Wagen zu wachen. K., der
+zweite meiner Gefährten nahm die Küche auf sich, während der dritte, F.,
+mir im Jagen und Sammeln behilflich sein sollte. Diesen letzteren hoffte
+ich mir zu einem steten Begleiter für künftige Reisen heranzubilden.
+Meine Mühe scheiterte jedoch an seinem ganzen Wesen; nicht nur, daß er
+sich gänzlich unfähig zeigte, er war auch böswillig und blieb
+verstockt--und obwohl ich mich von seinem Charakter bereits auf der
+ersten Reise überzeugt hatte, ließ ich mich verleiten, ihn auf der
+zweiten Reise mit mir zu nehmen, auf welcher er alle meine Geduld mit
+schwärzestem Undank lohnen sollte.
+
+Der Zweck der ersten Reise war, mich durch einen mehrwöchentlichen
+Aufenthalt im Freien dem afrikanischen Klima anzupassen, einen Begriff
+vom Reisen im Innern zu gewinnen und namentlich durch eine solche
+Versuchsreise den Umfang der Ausrüstung für eine größere Forschungsreise
+nach dem Innern kennen zu lernen. Die endlich zur Abreise anberaumte
+Frist war schon verflossen, allein mein Wagen konnte sich noch immer
+nicht von der Stelle rühren. Man rieth mir, Ochsen als Gespann zu
+wählen, ich jedoch dachte einen Versuch mit jenen stillen,
+selbstzufriedenen Geschöpfen zu wagen, welche schon im grauen Alterthume
+durch mehrere ihres Gleichen, wie jenen, der durch Bileam's
+»Dressursinn« sprechen lernte, hochgeehrt waren und in dieser Absicht
+durch die Behauptung der Eingebornen bestärkt, daß die südafrikanische
+Race »tsetsefest« sei. Ich fand unter meinen Patienten einen im Besitze
+von zwölf solchen Stilldenkern und schloß den Kauf ab, 3 £ St. per
+Stück. Als jedoch der Tag der Abreise kam und wir auf den Farmer
+warteten, erschien er nicht, auch nicht den folgenden, sondern erst den
+dritten Tag und nun erst mit der traurigen Nachricht, daß sich seine
+zwölf »Grubh« in ihrem Wissensdrang nach neuen (newe d.h. frisch)
+Kräutern und Gras verlaufen hätten. »Vergebens habe ich sie überall
+gesucht und, heute heimgekehrt vernommen, daß sie etwa 30 Meilen von
+hier in der »Pound« seien.« To keep in Pound heißt das Recht,
+aufsichtslose Hausthiere, vom Pferde bis zur Ziege, wenn diese von dem
+Besitzer einer Farm auf seinem Grund und Boden angetroffen und von
+diesem an dazu gesetzlich bestimmte Stellen, d.h. Farmen, abgeliefert
+wurden--auf einen Monat zu behalten und zu überwachen. Eine solche Farm
+heißt eine Pound, der dazu gesetzlich bestimmte Farmer ist ein
+Poundmaster. Werden die so eingebrachten Thiere, die in den
+Districtsblättern genau beschrieben werden, nicht binnen vier Wochen
+(vom Tage des Einfangens) von ihrem rechtmäßigen Besitzer gegen
+Entrichtung eines verhältnißmäßig geringen Betrages ausgelöst und
+abgeholt, so werden sie in einer öffentlichen Auktion, die vom
+Poundmaster gehalten und in den Districtsblättern annoncirt wird,
+feilgeboten. Der Ertrag kommt dem Staatssäckel zu Gute.
+
+[Illustration: Vorspann in Süd-Afrika.]
+
+Es blieb mir nun nichts übrig, als mich nach einem behörnten Gespann
+umzusehen, machte hierbei jedoch die Erfahrung, daß es unmöglich war,
+sofort gute Zugthiere zu erlangen und ich hätte einige Wochen auf solche
+warten müssen. Dies war noch schlechter, es blieb mir also keine andere
+Wahl, als mich mit Pferden zu versehen, trotzdem der Preis eines
+Pferdegespanns das Zweifache eines Ochsengespanns betrug und es
+angesichts des herannahenden ersten Reifes, zu welcher Zeit eine
+bösartige Pneumonie in Süd-Afrika alljährlich Hunderte von Pferden
+vernichtet, sehr gewagt war, Pferde zu nehmen. Da F. prahlte, ein
+geübter Rosselenker zu sein, nahm ich mir vor, ihm nicht allein das
+Lenken des Gespanns, sondern auch dessen Ankauf zu übergeben. Allein der
+Preis, den man für die Pferde forderte, überstieg meine Berechnungen und
+ich wäre gezwungen gewesen, meine Reise doch noch aufzugeben, wenn mir
+nicht mein Gefährte K. mit der nöthigen Summe ausgeholfen hätte.
+
+[Illustration: Korannagehöfte im Hart-Riverthale.]
+
+So schieden wir denn--vier Weiße mit fünf Pferden und fünf Hunden auf
+einige Wochen aus der staubigen Atmosphäre der Diamantenfelder. Ich
+wollte mich direct nach Klipdrift begeben und im Thale des Vaalflusses
+abwärts bis zu der Mündung des Hart-River, sodann im Thale des
+Hart-Rivers nach Nordost vordringen, um einige der Batlapinenstämme
+kennen zu lernen und nachdem ich diesen Zweck erreicht, in mein neues
+Heim zurückkehren. Der mir berichtete schlechte Zustand der einzigen
+Straße nach Klipdrift und mein Sammeleifer bewogen mich, querfeldein
+über die bebuschte Ebene zu reisen. Wir schlugen daher eine nordöstliche
+Richtung nach der Riet-Farm, einer der von allen Seiten die
+Diamantenfelder umgebenden Pounds, ein. Diese ist wie die meisten der
+übrigen, ein höchst unbeholfen aussehendes, viereckiges Farmhaus, an das
+ein ebenso einfacher Wagenschuppen angebaut war; ein aus Dornbüschen
+gebildeter Kraal für die eigenen und eingefangenen Thiere zur Linken war
+Alles, was von der einst blühenden und durch die Entdeckung der
+Diamantenfelder im Werthe so hoch gestiegenen Farm übrig geblieben war.
+Nicht ein Stückchen Garten war zu sehen; unsere Aufmerksamkeit erregten
+nur zwölf gezähmte, junge Strauße, welche den sie beaufsichtigenden
+Korannajungen willig folgten.[1]
+
+ 1: In den letzten Jahren hat sich die Straußenzucht in Süd-Afrika so
+ bedeutend gehoben, daß man gegenwärtig wohl über 100.000 Strauße in
+ den Colonien hält.
+
+Auch in der eben eingeschlagenen Richtung zeigte sich der Boden derart
+aufgeweicht, daß kaum an ein Fortkommen zu denken war; wir schlugen
+deshalb die Richtung nach Westen gegen die Old de boers-Farm zu, ein.
+Neues Mißgeschick! Auch hier stand das Land unter Wasser, nur ein
+schmaler Streifen am Fuße eines, einen künstlichen Teich umsäumenden
+Dammes schien passirbar; nahe gekommen, fanden wir selbst diesen Engpaß
+morastig. Mit vereinten Kräften gelang es, das Gefährt bis zur Mitte des
+Weges zu bringen, hier aber versanken die Räder bis zur Achse im
+morastigen Grunde und alle weiteren Anstrengungen waren nutzlos. Selbst
+als eine diese Strecke passirende Frau uns das Gespann ihres Karrens zur
+Hilfeleistung überließ, konnten wir keinen Erfolg erzielen. Ermüdet
+gaben wir jeden weiteren Versuch auf.
+
+Auf einer etwa 50 Schritte vom Wagen entfernten freieren, aber leider
+nassen Sandstelle, breiteten wir unsere Decken aus und schlugen unser
+Nachtlager auf. Von Schlaf war keine Rede, ein leiser Regen, ein kalter
+durchdringender Wind und unzählige Mosquito's hielten uns die ganze
+Nacht wach. Wie es aber so oft geschieht, daß man über das Unglück eines
+Armen, trotz der eigenen erlittenen Unfälle noch lacht und spöttelt, so
+geschah es am Morgen des nächsten Tages dem armen F., als wir sein
+Antlitz von vielen Insectenstichen verunstaltet sahen. Das Gesicht
+stellte eine einzige dunkelrothe mit zwei feuerrothen Wülsten (den
+Lippen) geschmückte Kugelfläche vor, an der man von der Nase nicht viel,
+statt der Augen blos zwei Spalten bemerkte.
+
+Eine sehr schwache Lösung von Salmiakgeist brachte Linderung und zu
+Mittag war er bereits wohlauf. Vier prächtige Ochsen und zwei Diener aus
+der nahen Farm, deren Besitzer uns schon tagsvorher Hilfe zugesagt
+hatte, stellten sich gegen Mittag beim Wagen ein und bald war derselbe
+aus dem »Modder« befreit. Kaum dieser Misère glücklich entronnen, fing
+der Himmel durch ein von Westen heranziehendes Gewitter sich zu
+verdunkeln an und wir mußten eilen, um noch vor dem Sturme die nahe Old
+de boers-Farm zu erreichen. Als wir eben die steinige Farmhöhe
+hinanfuhren, da brach das Ungewitter über uns herein und bald darauf
+begegnete uns schon ein gelblicher Strom, der von der Ebene
+herabfließend, den Weg als Abflußgraben benützte, und uns zum Stillstand
+nöthigte. Der kaum halbstündige, heftige Gewitterregen hatte den Weg so
+tief versandet, daß wir nun wieder verurtheilt waren, den Wagen aus dem
+Sande förmlich herauszugraben. In der Farm endlich angelangt, waren wir
+froh, für die kommende Nacht Ruhe und ein schützendes Dach finden zu
+können. Ich gewann jedoch auch die Ueberzeugung, daß wir von der
+Fortsetzung des bisher eingeschlagenen Weges absehen mußten und
+beschloß, die Pferde nach Kimberley zurückzusenden und sie gegen
+kräftige Maulesel umzutauschen. Der Tausch kam indessen nicht zu Stande
+und so waren wir genöthigt, auf dem morastigen Wege nach Klipdrift
+weiter zu reisen. Die Abwesenheit des Farmers, von dem ich zwei
+Ochsengespanne zu erhalten hoffte, nöthigte uns noch zu weiterem
+Aufenthalte, den wir durch einen Jagdausflug ausfüllten.
+
+Unter der Beute dieses Jagdausfluges fanden sich auch zwei Exemplare
+jenes schon von Livingstone beschriebenen, südafrikanischen
+Riesenfrosches »Motla metlo«, die ich meiner Sammlung einverleibte.
+Diese Thiere verbringen die Zeit der Dürre in einer Art Halbschlummer
+unter der Erde, meist in verlassenen Erdlöchern, und kommen nur nach
+heftigen Regengüssen zum Vorschein.
+
+Nachdem wir noch unsere Vorräthe auf der Farm ergänzt, brachen wir auf;
+es war dunkle Nacht geworden, als wir die einige Meilen nordwärts
+gelegene Bredekam's Farm und das in der Nähe derselben befindliche Hotel
+erreichten. Auch diese Farm, obwohl sie einem Manne angehörte, der in
+den Diamantenfeldern reich geworden, war blos ein dürftiger, zur Noth
+seiner Bestimmung entsprechender Bau. Das Hotel bestand aus zwei mit
+Eisenblech gedeckten Segeltuchhäusern; es war von einem Deutschen
+gehalten, von dem es »Bismarck's Retreat« (Erholungsplätzchen) genannt
+wurde. Trotzdem, daß derselbe dieser Stelle Berühmtheit und sich selbst
+ein gutes Stück Geld erwerben wollte, und deshalb mit Wort und Inserat
+einige der vielen, Süd-Afrika charakterisirenden, salzhaltigen Quellen
+als eminente Heilquellen ausposaunte, war es ihm nicht vergönnt, aus
+Bismarck's Retreat ein Eldorado zu schaffen.
+
+Nach mancherlei unangenehmen Zwischenfällen erreichten wir endlich die
+Höhen, welche von Hebron ab das Ufer des Vaal-River säumen, und
+begrüßten hocherfreut und aufathmend das uns entgegenschimmernde Grün
+des Thales; bald weidete sich unser Auge am Anblicke des in ziemlicher
+Fülle hingleitenden Stromes, an dessen südlichem Ufer wir die
+zerstreuten Häuschen der Berliner Missionsstation Pniel und ein kleines
+Korannadorf erblickten.
+
+Von den Pnielhöhen herabfahrend, passirten wir am Wege die Ruinen eines
+Missionsgebäudes, in dem ein Korannaschmied mit seinem aus Schafhäuten
+verfertigten Blasebalg den zahlreichen hier nistenden grauen
+Fledermäusen Gesellschaft leistete. Wir machten nahe am Vaalflusse Halt,
+und während meine Begleiter Anstalten zur Bereitung des Mittagsmahles
+trafen, nahm ich das Gewehr, um die Gegend zu durchstreifen. Im Bette
+einer ausgetrockneten Regenschlucht, die hier in den Vaalfluß
+einmündete, beobachtete ich zahlreiche Spuren von Wasserleguanen und
+Fischottern, und erlegte nebst mehreren Mäusevögeln und Turteltauben
+einige große Regenpfeifer, welche mich mit ihrem lauten Tip-Tip
+angelockt hatten. Der Vaal, der bedeutendste Nebenfluß des Oranje, ist
+an dieser Stelle, wo ihn der von Kimberley nach Klipdrift Reisende
+zuerst trifft, etwa 100 Schritte breit, sehr schlammig und durch seine
+unzähligen Stromschnellen charakterisirt, welche von einander durch
+tiefe schlammige Stellen geschieden sind und an welch' letzteren der
+Fluß eine fast gleichmäßige bis 200 Schritt messende Breite zeigt. Seine
+Ufer sind gleichfalls auf weite Strecken hin schlammig, und dadurch
+unnahbar; Hausthiere können nur an den in den Fluß reichenden
+Felsenbänken oder an den Stromschnellen zur Tränke geführt werden;
+durstige fremde Thiere, die hier ausgespannt und nicht gut bewacht zum
+Wasser hinabeilen, büßen einen solchen Versuch meist mit dem Leben.
+
+Ein Besuch im Korannadorfe bot uns einen trostlosen Anblick und gab mir
+die Ueberzeugung, daß bei keinem anderen Eingebornenstamm, etwa mit
+Ausnahme der Matabele, die Missionsthätigkeit so geringe Erfolge
+aufzuweisen hat, als bei den Koranna's. Ihre socialen Zustände und
+Verhältnisse, ihre Bildungsstufe, bewiesen mir, daß sie nur die Laster
+der Civilisation angenommen, für die Lichtseiten derselben aber wie
+vorher unempfindlich geblieben waren. Krankheiten und Trunksucht mit
+ihren verderblichen Folgen herrschen auch hier unter den Koranna's.[1]
+
+ 1: Zu Anfang des Jahres 1877, habe ich in einer Brochüre die
+ Eingebornenfrage in Süd-Afrika zu besprechen mir erlaubt und der
+ englischen Regierung angerathen, diesen Koranna's gegenüber, welche
+ zum Theile im Vaalthale von Fourteen-Stream bis zur
+ Hart-Rivermündung als englische Unterthanen wohnen, ferner am
+ mittleren Hart-River um die Stadt Mamusa ein kleines selbstständiges
+ Reich bilden, und auch unter den nördlicher wohnenden Barolongen in
+ der Stadt Koranna leben, den Verkauf spirituoser Getränke zu
+ sistiren, um sie zum Ackerbau anzuhalten, sowie durch wöchentliche
+ Inspicirung durch Polizisten sie zur Reinlichkeit und Instandhaltung
+ ihrer Dörfer und Gehöfte zu gewöhnen. Man kann sich keinen
+ widerlicheren Anblick denken, als diese in europäische Fetzen
+ gekleideten, von Schmutz und Unreinlichkeit im höchsten Grade
+ strotzenden Gestalten. Es freut mich, in der letzten Zeit vernommen
+ zu haben, daß der gegenwärtige Gouverneur Colonel Warren von
+ Griqualand-West, die Ausfuhr von Spirituosen in die nachbarlichen
+ Eingebornenreiche verboten und auf seine Provinz beschränkt hat. Ein
+ voller Erfolg, eine gründliche Verbesserung in den socialen
+ Verhältnissen der Koranna's, wird aber erst dann eintreten, wenn das
+ Gesetz noch bis zur vollkommenen Verweigerung der genannten Getränke
+ verschärft sein wird.
+
+Unter allen Stämmen Süd-Afrika's verwendet dieses Volk die geringste
+Mühe auf den Aufbau und die Instandhaltung ihrer Wohnungen. In der wohl
+auch durch das Klima beförderten Indolenz und Energielosigkeit
+übertreffen die Koranna's und Griqua's diese beiden Bruderstämme der
+Hottentottenrace, selbst die übel beleumundeten Buschmänner, welche die
+Felswände ihrer früher bewohnten natürlichen Höhlen mit einfachen mit
+Ocker übertünchten Zeichnungen bedeckt und die Gipfel der von ihnen
+bewohnten Höhen, d.h. die diese bedeckenden dunkeln Felsenblöcke mit
+Ausmeißelungen von thierischen und menschlichen Gestalten und anderen
+Objecten geschmückt hatten. Wenn der Koranna sich aus der ihm
+eigenthümlichen Trägheit, dem Mangel an Streben und Ausdauer
+herausreißt, um als Diener Anderer zur Arbeit zu greifen, so geschieht
+dies nur, weil ihm dadurch die Möglichkeit geboten ist, sich dem
+heißersehnten Branntweingenusse hinzugeben.
+
+Hier am Abhange eines kahlen Höhenzuges, dort am Flußufer oder am Rande
+einer Salzpfanne, hie und da auch in den Felsenschluchten des
+Vaalflusses, finden wir eine oder mehrere, etwa 1½ Meter Höhe und 3-3½
+Meter im Durchmesser haltende halbkugelige, jeder Umzäunung bare Hütten,
+die augenscheinlich nur dem Nothbehelf dienen, weder geräumig, noch
+symmetrisch gehalten, mehr thierischen Strohbauten gleichen. Die
+Herstellung ist denn auch, dem Aussehen entsprechend, eine höchst
+primitive. Wenn die Frauen, denen die Herstellung der Wohnung obliegt,
+die oberen Enden etwa zwei Meter langer, dünner, im Kreise aneinander
+gereihter und gesteckter Baumzweige in einem Mittelpunkte
+zusammengebunden und das Gerippe mit Binsenmatten überdeckt haben, ist
+auch schon das Wohnhaus in der Hauptsache hergestellt. Eine Oeffnung,
+hinreichend groß, um einem Menschen in kriechender Stellung Einlaß zu
+gewähren, bildet die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die im
+Nothfalle durch eine von innen vorgeschobene Matte abgesperrt wird. Das
+Innere der Hütte entspricht dem Aeußern, es läßt sich kaum etwas
+Trostloseres und zugleich Unreinlicheres denken als das Innere einer
+Korannahütte. In der Mitte eine schüsselförmige Vertiefung als
+Feuerherd, einige niedrige mit Querhölzern verbundene Holzgabeln,
+behangen mit den Ueberbleibseln einstiger europäischer Kleidungsstücke,
+einige Ziegen- oder Schaffelle, weiters einige Töpfe, und die Einrichtung
+ist damit fertig. Eine von dürren Mimosenzweigen nothdürftig umzäunte
+Stelle zwischen oder vor den Hütten, beherbergt die Rinder- oder
+Ziegenheerde, und wo nicht die Hyäne und der Leopard oder andere
+Raubthiere auf ihren nächtlichen Schleichwegen zu fürchten sind,
+bezeichnet blos ein Düngerhaufen den Sammelplatz des Vieh's.
+Bezeichnende Stille herrscht über dieser trostlosen Scenerie, nur
+nachdem Branntwein die Gemüther erhitzt, den einer der Insassen von der
+Stadt gebracht, oder den ein vorüberfahrender Händler ihnen überlassen,
+geht es lärmend zu, sonst aber unterbricht nur des Morgens und Abends,
+wenn die nackten Kinder die Heerden auf die Weide treiben, einige
+Bewegung die Monotonie im trägen Leben der Hütteninsassen.
+
+Nur hie und da, wo wohlhabende Koranna's sich den Luxus einiger
+Makalahari und Masarwa, Diener und Sklaven, gönnen können, wurde im
+beschränktesten Maße Ackerbau versucht, für dessen Entwickelung an
+vielen Stellen des Landes die natürlichen Bedingungen vorhanden sind,
+und welche Versuche selbst bei der genannten Beschränktheit den
+günstigsten Erfolg hätten, wenn man Dämme aufzuwerfen oder hie und da
+den Hart-River oder Vaal-River abzuleiten versuchen würde.
+
+[Illustration: Koranna.]
+
+Wie die Hottentottenrace überhaupt, die eigentlichen, die Cap-Colonie
+bewohnenden Hottentotten, die Griqualand-West an der Einmündung des
+Vaals in den Oranje und jene, Neu- oder Ost-Griqualand oder das
+sogenannte Nomansland um Kockstadt herum bevölkernden Griqua's, sind
+auch die Koranna im Aussterben begriffen, ihre Zahl hat sich beinahe um
+50 Percent, ihr Besitz um 25-75 Percent verringert. Arbeitsscheu und
+unrein, hinterlistig und in der Mehrzahl der Fälle untreu, rachsüchtig
+und nur für den Moment lebend, ohne auf das Morgen zu denken etc., sowie
+fähig, alle möglichen Verbrechen zu begehen, um sich nur den Branntwein
+zu sichern, boten sie mir ein abschreckendes Bild. Da sie jedoch als
+Rosselenker und Gespanntreiber im nüchternen Zustande (nur in der
+Wildniß, wo ihnen kein Europäer das Feuerwasser reichen kann) besser als
+die Kaffern etc. zu verwenden sind, so versuchte ich es auch mit ihnen
+und trachtete nach Möglichkeit, sie nüchtern zu erhalten--vergebliche
+Mühe, ich mußte den Versuch sehr bald aufgeben.
+
+In England herrschen gegenwärtig unter den Gebildetsten bezüglich der
+Eingebornenfrage irrige Ansichten; dieses Mißverständniß beruht
+hauptsächlich darauf, daß die betreffenden Persönlichkeiten sich nicht
+selbst von dem Stand der Dinge überzeugt haben. Wenn einzelne
+Menschenfreunde oder ganze Gesellschaften etwas für die Eingebornen
+Süd-Afrika's thun wollten, wenn sie sich selbst ein Denkmal setzen und
+den Farbigen die größte Wohlthat erweisen wollten, so wäre es nöthig
+gewesen, daß sie die gegenwärtige Bewegung in Süd-Afrika, jene der
+Good-Templers in re unter den Eingebornen unterstützt hätten, welche auf
+Grund von namentlich in den Diamantenfeldern gesammelten, sehr bitteren
+Erfahrungen den Verkauf von Spirituosen an die Schwarzen zu hemmen
+suchten. Kriege mit den Eingebornen können denselben nicht so viel
+materiellen Schaden an Körper und Habe (die Habe des Einzelnen
+schmälernd) verursachen, als ein jahrelanger ungestörter Genuß des
+Feuerwassers und dies namentlich bei Stämmen, die schwach in ihren
+geistigen Anlagen, sich leicht durch alles Glänzende, kleinen Kindern
+gleich, bethören lassen. Ja, ich bin dessen vollkommen sicher, daß viele
+meiner hohen Gönner in England, denen die Eingebornenfrage Süd-Afrika's
+am Herzen liegt, nie einen solchen Anblick vergessen würden, wie er sich
+den Bewohnern vieler Capland-Städte noch darbietet, in den
+Diamantenfeldern jedoch ein alltäglicher war: daß der weiße Mann
+betrunkene Korannafrauen, wild fluchend, von Schmutz halb verzehrt, in
+den staubigen Straßen herumwanken sah, bis sich ihrer ein Wachmann
+erbarmte. Der Anblick eines unreinen, im Schlamm sich wälzenden Thieres
+könnte nicht mehr anwidern als jener. Wenn ich aber hinzufügen darf, daß
+in den Diamantenfeldern, in der Provinz Griqualand-West selbst, in
+dieser Beziehung ein lobenswerther, ein bedeutender Fortschritt geschah,
+daß die Regierung, um die materielle Lage ihrer farbigen Bevölkerung zu
+verbessern, die Summe von 3000 £ St. in Kantinenlicenzen
+(Kantinensteuern) aufopferte und sonst bemüht ist--obgleich gegen eine
+starke Opposition ankämpfend--den Verkauf des Brandy an Eingeborne zu
+beschränken, wird dies jeden einsichtsvollen Mann gewiß befriedigen.
+Unstreitig wird sich die materielle Lage der Eingebornen bessern, und
+sie als kleine Steuerzahler, den der Regierung durch jene Maßregel
+verursachten Schaden wieder gut machen.
+
+Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Jahren so vollkommen
+zerrütteten Verhältnisse, das über alle Begriffe demoralisirte
+Familienleben der Koranna's sich verbessern und sie namentlich als
+Viehzüchter und Ackerbauer etwas Bedeutendes leisten können. Einen
+kleinen Preis müßte die Regierung ausschreiben für jene, welche an ihren
+Hütten den einfachen europäischen Styl nachahmend, ihre Wohnungen sich
+selbst errichten, welche das meiste Feld bebauen, welche die schönsten
+Feldfrüchte gewinnen oder das beste Vieh aufziehen; so aufmunternd,
+edlere Gefühle in der bis jetzt nur noch von blinden thierischen
+Regungen erfüllten Brust zu wecken trachten. Die Koranna's könnten in
+der Holzschnitzerei und Steinschneiderei manches Gute leisten, wären
+also auch hier zu unterstützen.
+
+Durch den moralischen Verfall der Koranna's im letzten Jahrzehnte haben
+dieselben die meisten ihrer früheren erwähnenswerthen Gebräuche außer
+Acht gelassen, ja ich möchte sagen; vollkommen vergessen; was sich
+jedoch noch bei ihnen erhalten hat, das ist eine Art Freimaurerthum. Die
+Mitglieder dieser Gesellschaft erkennen sich an einem äußeren Abzeichen,
+in der Regel drei auf der Brust ausgeführte 1-1½ Zoll lange (vernarbte)
+Schnitte. Ein Mitglied dieses Bundes findet überall, wo er zu
+Seinesgleichen hinkommt, die freundlichste Aufnahme, sowie er dem
+Hausherrn die Narben auf der Brust gewiesen, oder dieser, dem Besucher
+das Hemd an der Brust öffnend, das Zeichen erblickt hat. Solch' ein
+Freimaurer wird nun von dem Bruderhausherrn auf das Freundlichste
+aufgenommen, bewirthet, und einem Verwandten oder Familiengliede
+gleichgehalten. Will ein Koranna diesem geheimen Bunde beitreten, so
+macht er, da das Erkennungszeichen ziemlich bekannt unter dem Stamme
+ist, einem seiner Nachbarn, an welchem er ein solches beobachtet, seinen
+Entschluß bekannt, daß er beitreten wolle. Hat sich der Angesprochene
+überzeugt, daß der Antragsteller im Stande ist, die Kosten der
+Einweihungs-Ceremonie zu tragen, so meldet er es den in demselben Dorfe
+oder ringsherum Wohnenden, und wenn sich keine in der Nähe aufhalten,
+sondern weitab wohnen, so wird um diese gesendet und nachdem sie sich
+versammelt, die Einweihungs-Ceremonie vorgenommen, welche darin besteht,
+daß man dem neuen Bruder die gegenseitigen Unterstützungspflichten
+bekannt macht, und wobei er, von dem Aeltesten der Anwesenden mit den
+drei Schnitten gekennzeichnet, das Gelübde, jenen Verpflichtungen
+nachzukommen, abgibt und dies mit dem gewöhnlichen Schwure »so wahr als
+ich eine Mutter habe« bekräftigt. Eine Orgie beschließt diese Ceremonie,
+wobei einige Stück Rindvieh, Schafe und Ziegen geschlachtet werden und
+die Gesellschaft nicht eher scheidet, als bis alles consumirt ist.
+
+Ich werde noch mehrfach Gelegenheit finden, diese in allgemeinen Zügen
+gehaltene Charakteristik dieses Stammes zu vervollständigen.
+
+Nach einem fast dreistündigen Aufenthalte verließen wir Pniel, der Weg
+führte nun über bebuschte Hochebenen, welche von zahllosen rothen
+Flugsanddünen durchzogen waren, die unseren Zugthieren die größten
+Schwierigkeiten bereiteten. Wir mochten etwa zwei Drittel des
+Dünengürtels durchmessen haben, als unsere Thiere, erschöpft, nicht mehr
+von der Stelle zu bringen waren, und wir hier auf vorbeiziehende
+Batlapinen warten mußten, welche nach den Diamantenfeldern Holzhandel
+treiben. Wir waren schon mit der Herstellung unseres primitiven
+Nachtlagers beschäftigt, als uns der bekannte gedehnte Knall der
+Ochsenpeitsche (eines Monstrums in seiner Art) auf ein ankommendes
+Gefährte aufmerksam machte. Es waren, wie ich vermuthet, von Klipdrift
+kommende Holzfuhrleute; die Unterhandlungen über die geforderte
+Entlohnung waren bald beendigt, und der Wagen in kürzester Zeit aus der
+mit Dünen besäeten Ebene auf festem Boden in Sicherheit. Eine neue bange
+Sorge verursachte uns die Beischaffung des nöthigen Trinkwassers für
+unseren persönlichen Bedarf und zum Tränken der durstigen Thiere. Die
+Nacht war sehr dunkel, ein kalter Nordwind durchdrang unsere Kleider,
+nur ein ungewöhnliches Wetterleuchten am westlichen Horizonte erhellte
+zuweilen die tiefe Finsterniß.
+
+Die Wegrichtung zum Strom war uns wohl bekannt, allein in der
+Dunkelheit, die uns kaum erlaubte, auf 40 Schritte hin deutlich zu
+sehen, war es uns unmöglich, uns über die Stelle zu orientiren, auf
+welche wir lossteuerten; es konnte ein steiler Abhang oder eine
+schlammige Uferpartie sein, beides gleich gefährlich.
+
+Ich mein Reitpferd, meine weißen Gefährten je ein Paar der Zugthiere
+führend, steuerten wir, unseren zurückbleibenden Wagen allen Göttern
+empfehlend, in die Dunkelheit hinaus, von »Nigr« begleitet, der sich um
+die Dunkelheit wenig zu kümmern schien und vorwärtseilend durch lautes
+Bellen seine Befriedigung über den nächtlichen Ausflug kundgab. Anfangs
+ging es über eine kurz begraste Ebene, die nach dem öfteren Ausgleiten
+zu urtheilen, mit vielen breitblättrigen Liliaceen bedeckt zu sein
+schien, dann kamen wir an zahllose vom Regenwasser aufgewühlte Rinnsale,
+deren erstes uns ein Schrei meines Begleiters F. ankündigte, der bis zu
+den Hüften darin versank. Wir brachen von den unseren Weg säumenden
+Gebüschen Aeste ab, um damit das Terrain vor uns zu sondiren, doch half
+dies nicht viel, namentlich als wir uns dem Flusse nähernd, den Abhang
+heruntergingen. An den zahlreichen Mimosenzweigen blieb so manches
+wollene Wahrzeichen unseres kühnen Nachtmarsches zurück, der den Koranna
+unwillkürlich Achtung abringen mußte.
+
+Am Flusse angelangt, war eine sichere Tränkstelle nicht anders zu
+entdecken, als daß wir selbst mit Stöcken den schlammigen Ufergrund
+sondirend, nach einer solchen suchten. Unsere Bemühungen waren über
+alles Erwarten glücklich, nur wenige Schritte unterhalb unserer
+Haltstelle stieß mein Begleiter F. auf einen vorzüglichen Tränkplatz.
+Nachdem die Pferde mit aller Vorsicht einzeln getränkt waren, hieß es,
+den Rückweg zum Lagerplatze auf der Hochebene antreten. Dies war nichts
+Leichtes, denn wir hatten uns bald überzeugt, daß wir beim Abstieg zu
+sehr vom directen Wege abgekommen waren. In der herrschenden
+undurchdringlichen Finsterniß war unser Beginnen nicht ohne Gefahr, nach
+wenigen Schritten, die wir vom Ufer ab zurückgelegt hatten, versperrte
+uns eine dichte Gebüschbarriere den Weg, wir mußten also versuchen,
+stromaufwärts freieres Feld zu gewinnen, ein in den letzten Zügen
+flackerndes Feuer in der Entfernung von etwa 600 Schritten wies uns auf
+die richtige Fährte. Vor Kälte zitternd (das Thermometer zeigte blos 7
+Grad Reaumur) langten wir endlich am Wagen an, der heftige Wind und ein
+vom Blitz und Donner begleiteter Regenschauer machten alle Versuche, ein
+tüchtiges Feuer zu entzünden, zu Schanden. Obwohl auf das Aeußerste
+ermüdet, wollte dennoch kein Schlaf unsere Glieder stärken, die durch
+das Unwetter unruhig gewordenen Pferde zerrten ununterbrochen an unserer
+»Arche« und vereitelten dadurch jeden Versuch, Morpheus an uns zu
+fesseln, mit Gewalt. Da sich die Pferde durchaus nicht beruhigen ließen,
+vermutheten wir, daß sie durch herumschleichende Hyänen beängstigt wären
+und durchstreiften die nächste Umgebung, indeß ohne etwas Verdächtiges
+wahrzunehmen.
+
+Gegen Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir weiter gegen Klipdrift
+auf. Kleine in unsern Weg mündende Thälchen und mit hohem Busch
+bestandene Ebenen brachten in die bisherige Monotonie einige Abwechslung
+und waren durch Deuker und Steinbockgazellen belebt, auch die graue
+Zwergtrappe tummelte sich zwischen den in kleinen, dichten Gruppen
+stehenden, 6-12 Fuß hohen Büschen. Beide Gazellen halten sich tagsüber
+in dem niedrigen und dichten Gebüsch im Versteck, die Steinbockgazelle
+(_Tragalus rupestris_) verläßt dieses nur zur Nachtzeit oder bei
+annähernder Gefahr. Ich glaube auch darin, daß sie des Tageslichtes
+entwöhnt ist, den Grund des Erblindens der in der Gefangenschaft
+gehaltenen Thiere (zu 90 Percent) zu finden. Im minderen Grade ist das
+bei dem Deuker (_Cephalolophus mergens_) der Fall, da er auch zuweilen
+tagsüber der Nahrung nachgeht. Geübte Schützen jagen beide Thiere mit
+dem Riflestutzen; unter allen Umständen erfordert das Erlegen der
+zierlichen, kaum 20 Zoll hohen Gazelle auf 200-400 Schritte Entfernung
+eine meisterhafte Handhabung der Waffe.
+
+»Sportsmänner« jagen die schönen Thiere mit Windhunden; ähnliche
+Thierquälerei, einem der unschuldigsten Thiere gegenüber, hat der Weiße
+auch in allen anderen Welttheilen eingeführt. In Süd-Afrika war es
+bisher nur unter den Eingebornen im Gebrauch, _schädliche_ und
+namentlich des _Pelzwerkes halber nützliche Thiere_ mit Hunden zu jagen
+und selbst bei diesen verkürzte man thunlichst die Dauer der Verfolgung.
+Dazu gehören die südafrikanischen Schakale (_Canis mesomelas_ und
+_cinereus_), der Kamafuchs, sowie der Erdwolf (_Proteles Lalandii_), die
+Genettkatzen und das Scharrthier.
+
+Der Steinbock, von den Boers »Steenbuck« genannt, sowie der Deuker oder
+Ducker sind in den dichtbebuschten und bewaldeten Partien am Abfalle des
+süd- und centralafrikanischen Hochplateau's nach der Küste zu durch den
+Grysbock (_Tragalus melanotis_) und den kleinen Blaubock (_Cephalolophus
+coerula_), nach Norden hin durch den auf den Ebenen des
+Salzpfannengebietes paarweise, jenseits des Zambesi in kleinen Heerden
+lebenden Orbecki vertreten.
+
+Die Fahrt über die bebuschten Hügelpartien nahm unsere ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch, denn der Weg glich dem trockenen Bette eines
+mit Geröll übersäeten Wildbaches, der Wagen kam in die bedenklichste
+Situation, seine Schwankungen kosteten einem unserer Hunde, der sich
+unvorsichtiger Weise zu nahe gewagt, das Leben. Endlich war die
+Vaal-Fähre erreicht und wir alle gegen zehn Shillinge Entlohnung über
+das Wasser gesetzt.[1]
+
+ 1: Zur Trockenzeit benützen die Wägen eine unterhalb der Fähre
+ befindliche Furth.
+
+Am rechten Ufer des Vaal angelangt, schlugen wir in unmittelbarer Nähe
+von Klipdrift, am Fuße einer Anhöhe unser Lager auf. Mit anderen
+südafrikanischen Orten verglichen, verdient Klipdrift ein hübsches
+Städtchen genannt zu werden. Aus etwa 150 theils steinernen, theils
+Eisenblechhäusern (die Ueberreste des früher 5000 Einwohner zählenden
+Hauptortes der River-Diggings) bestehend, liegt es am Abhange niedriger,
+kaum 80 Fuß das Niveau des Flußbettes überragender, mit unzähligen
+dunkelbraunen Felsblöcken (Trapdykes) bedeckter Höhen; der aus Südsüdost
+kommende Fluß macht hier eine Biegung nach West. Kleine, theils kahle,
+theils begraste, hie und da mit Bäumen bedeckte Inseln in dem ober- und
+unterhalb Klipdrift über Felsenblöcke rauschenden Strome verleihen
+dieser Ansiedlung einen nicht geringen Reiz. Zur Zeit meines Besuches
+schmückten hohe Bäume beide Ufer des Flusses, von denen das linke höher
+als das rechte ist.
+
+Lange Zeit besaß Klipdrift eine architektonische Merkwürdigkeit, nämlich
+das einzige aus Steinen erbaute einstöckige Haus, das Kanzleigebäude der
+»Standardbank«, eines Institutes, dessen Noten vollen Goldwerth haben.
+Am Ostende von Klipdrift schließt sich die _native location_ (die
+Niederlassung) der farbigen Eingebornen an, damals von Koranna's
+Batlapinen und Barolongen bewohnt, von welchen gegenwärtig nur noch die
+beiden ersten Stämme vertreten sind. Das Aeußere dieser
+Eingebornen-Niederlassung erhält durch ein buntes Gemisch verschiedener
+Baustyle (Korannahütten, Basutohütten und in europäischem Style
+aufgeführte Holz- und Lehmhäuschen) einen eigentümlichen Charakter.
+
+[Illustration: Inneres einer Korannahütte.]
+
+Die Bewohner, Männer sowohl als Frauen, entwickeln regen Arbeitssinn,
+während sich die ersteren im Taglohn oder zu anderen Arbeiten (Jobs)
+verdingen, steuern auch die Frauen (besonders die Kaffern- und
+Betschuanafrauen) durch ihren Verdienst als Wäscherinnen zu den Kosten
+der Haushaltung bei. Ihre Thätigkeit belebt die Scenerie am Flusse.
+
+Ein flüchtiger Blick genügt, um die beiden Racen zu unterscheiden, und
+ohne Zaudern werden wir den Vertretern der Betschuanarace, den
+Batlapinen und Barolongen den Vorzug angenehmerer Gesichts- und
+Körperbildung einräumen. Von mattschwarzem bis dunkelbraunem Teint, sind
+ihre Gesichtszüge weder schön noch häßlich, während das gelblich-braune
+Gesicht des Koranna direct häßlich zu nennen ist. Die kleinen Augen
+liegen in tiefen Höhlen, das kurze und schmale Gesicht zeigt kaum einen
+deutlichen Nasenansatz, die unnatürlich vorgehenden Kinnbacken und
+wulstigen Lippen sind die Hauptmerkmale der vorderen, ein kleiner,
+länglicher Schädel jener der hinteren Kopfbildung. Der Körper der Frauen
+wird durch jene bekannte Sattelbildung der unteren Wirbelsäule, welche
+ihren Gang schwerfällig erscheinen läßt, nicht wenig verunstaltet. Viele
+Korannafrauen hatten Wange und Stirne mit rothem Ocker überschmiert,
+oder blau bemalt, und zwar mit vom Ohre zu den Augen, Nase, Mund und
+Kinn laufenden geraden oder nach oben zu concaven Linien. Häufig fand
+ich die Wangen und Stirne auch braun und schwarz bestrichen, was ihnen
+das Aussehen von gekleideten Affen verlieh.
+
+[Illustration: Kranken-Ordination in Klipdrift.]
+
+Bei einem meiner Besuche im Eingebornenviertel trat ich in eine der
+Korannahütten. Es bot sich mir da ein eigentümliches Bild dar. In einer
+schüsselförmigen Vertiefung in der Mitte der Hütte lag in glühender
+Asche ein wolliger Gegenstand; bei näherer Besichtigung erkannte ich,
+daß es ein Lämmchen war, das gebraten wurde. Zwei Frauen, den Oberkörper
+vollkommen entblößt, beide gemüthlich rauchend, saßen auf Matten,
+während einige nackte Kinder, deren gelblich-graue, lichte Körperfarbe
+durch Unreinlichkeit schwarz übertüncht war, herumspielten. Das
+Familien-Oberhaupt, in abgetragene europäische Lappen gekleidet, saß
+unmittelbar am Heerde und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit das
+Garwerden des Bratens, das ein lautes Schnalzen mit der Zunge
+anzukündigen schien. Dies betätigte mir auch die Entfernung des
+Stückchens Kautabak, das der Koranna nur während des Mahles weglegt. Es
+währte nicht lange, so war der Lammsbraten von der glühenden Asche
+befreit, der verkohlten Wolle entledigt, in Stücke geschnitten und
+zertheilt. Während die Kinder fest und gierig darauf losbissen,
+schnitten sich der Mann und die Frauen, indem sie das eine Ende eines
+Fleischstückes mit den Zähnen, das andere mit der Hand festhielten,
+jeden Bissen mit dem Messer unmittelbar an den Lippen ab. Außer Fleisch,
+wobei sie namentlich die Eingeweide und das Hirn der Thiere vorziehen,
+genießen die Koranna's häufig Mehlbrei, gekochte Kürbisse und Milch, nur
+Fische, Krebse, Muscheln und Aehnliches verabscheuen sie wie die meisten
+afrikanischen Völker im Innern des Erdtheils, während wir überall längs
+der Seeküste Spuren von Menschen finden, welche sich durch eine sehr
+lange Periode nur von Fischen genährt haben mußten.
+
+In geringer Entfernung von dem Eingebornenviertel in Klipdrift liegen
+die in früheren Jahren bearbeiteten River-Diggings. Welcher
+Unterschied--wie unscheinbar gegen die Dry- (Central) Diggings. Eine
+Unzahl zwei bis acht Quadratmeter großer, bis zwei Meter tiefer,
+theilweise mit Gerölle, namentlich calcedonartigen Steinen und
+kopfgroßen Grünsteinblöcken gefüllter Gruben, einem durchstöberten
+Friedhof nicht unähnlich, war Alles, was von den einst von Tausenden
+emsiger und mit Fieberhast arbeitender Menschen belebten
+Diamanten-Fundstätten übrig geblieben, seit Dutoitspan entdeckt worden
+war. Obwohl die Gruben keine besondere Tiefe hatten, mußte trotzdem das
+Diamantensuchen in diesem steinigen Boden sehr beschwerlich gewesen
+sein; ich traf jetzt nur zwei Digger, welche im Schweiße ihres
+Angesichts nach den kleinen, glänzenden Kieseln und allem Anscheine nach
+mit wenig Erfolg fahndeten; ein Engländer, der mit zwei Batlapinen
+arbeitete, und eine abgemagerte, etwa dreißigjährige weiße Frau, in
+deren Zügen Krankheit und Noth nur zu deutlich zu lesen waren; in ihrer
+Gesellschaft ein kleines Kind, welches mit farbigen Steinen spielte.
+Ihre sorgenschweren Mienen flößten mir Mitleid ein und ich konnte die
+Frage nach dem Erfolge ihrer Bemühungen nicht unterdrücken; ihre Antwort
+entrollte mir eines jener traurigen Bilder, an denen das Diggerleben in
+den Diamantenfeldern trotz der kurzen Zeit, die seit ihrer Entdeckung
+verflossen, überreich ist. Vor mir stand eine junge Frau, welche ihrem
+diamantensuchenden Gemahle nachgereist war, um ihn in sterbendem
+Zustande wiederzufinden und nun selbst allen tückischen Wechselfällen
+des aufregenden und aufreibenden Diggerlebens preisgegeben zu sein.--Ich
+werde später noch Gelegenheit finden, die Geschichte manches Opfers der
+Diamantenfelder zu erzählen.
+
+Die mit üppiger, durch einige tropische Species charakterisirte
+Vegetation bewachsenen, kleinen Bergthäler, sowie einige morastige
+Wiesen in der Nähe des Flusses, hauptsächlich aber seine dichtbebuschten
+und belaubten Ufer und sein bald felsiges, bald schlammiges Bett,
+beherbergen als vorzüglich geeignete Schlupfwinkel, eine artenreiche
+Thierwelt. Ich bedauere, daß ich Klipdrift und seine nächste Umgebung
+stets nur flüchtig, meist auf dem Durchmarsche berühren konnte; bei
+längerem Aufenthalte winkt hier dem naturwissenschaftlichen Sammler
+reichliche Ernte, wie denn überhaupt der Ort wie eine Oase aus der
+eintönigen Oede des südafrikanischen Hochlandes hervorsticht. Doch
+selbst während meines kurzen Aufenthaltes fand ich von Falken und
+Sperbern manche interessante Art, graue Uhu's, Berg-, Baum-, Sumpf-,
+sowie auch Zwergeulen ziemlich vertreten; mehrere Krähenarten und
+namentlich in den Buschdickdichten der Ufer, sowie in der Nähe der
+Gehöfte fünf Staararten, von denen ich den kleinen, und den schönen
+großen, langschwänzigen Glanzstaar besonders hervorheben will. Zahlreich
+sind die Würger, doch noch zahlreicher die körnerfressenden Singvögel
+vertreten, von den letzteren fielen mir mehrere langschwänzige
+Finkenarten auf, doch fehlen auch Drosseln und andere Insecten fressende
+Singvögel nicht, namentlich Bachstelzen, Schnapper, Rohrfänger etc. Von
+spechtartigen Vögeln traf ich nur zwei, dagegen mehrere Arten Colibri's
+und eine Art des Bienenfängers, sowie zwei Eisvögel- und Kukuksarten an.
+Auch der schon erwähnte langschwänzige kleine Mäusevogel, mehrere
+Schwalben und eine Ziegenmelker-Species gehören zu den häufigeren
+Erscheinungen, in entsprechendem Verhältnisse sind auch die übrigen die
+Fauna Süd-Afrika's charakterisirenden Vogelarten vertreten, vor Allem
+aber Tauben, Zwergtrappenarten, Stelzenvögel, Enten und Taucher. Unter
+den Reptilien waren namentlich drei Species von Landschildkröten, neben
+einer im Wasser lebenden, häufig zwischen den Felsenblöcken an den Höhen
+anzutreffen. Die gewöhnliche Schildkröte, die gemeine südafrikanische
+Landschildkröte, und eine flache Art mit viereckigen grünlichen
+Zeichnungen in den Centren der oberen Schilder. Von Fischen beobachtete
+ich fünf Species, von welchen ich eine nordwärts bis über den Zambesi
+hinaus in allen Gewässern sowohl im Süßwasser, als auch in den
+Salzpfannen und Salzflüssen vorfand. Es ist der südafrikanische Wels mit
+schildförmigem Kopfe.
+
+Erst hier, in der unmittelbaren Nähe von Klipdrift, gelang es mir, meine
+vier Pferde gegen die tauglicheren Zugochsen einzutauschen; obgleich ich
+dabei in pecuniärer Beziehung Einbuße erlitt, ging ich hocherfreut auf
+den Tausch ein, denn schon war in der Umgegend die alljährlich
+grassirende Pferdekrankheit ausgebrochen und in unserer Nähe sonnten
+sich bereits mehrere Pferdecadaver. Mein Gespann bestand nun aus sechs
+Zugochsen, von welchen leider zwei äußerst störrisch und unlenksam
+waren, während der Verkäufer mir alle als äußerst zahm, gefügig und
+Thiere par excellence anpries. Hätte nicht die grassirende
+Pferdekrankheit bereits so deutliche Beweise ihres mörderischen
+Auftretens in unserer Nähe gegeben, so wäre ich beim Tausche wohl besser
+weggekommen; so aber schien der Mann nur zögernd das Geschäft
+abschließen zu wollen. Mit der Vermehrung meines Gespanns erwuchs mir
+auch die Sorge, wenigstens zwei farbige Diener zu miethen; einen als
+»Leader«, um das vorderste Paar der hintereinander gespannten Zugthiere
+zu leiten und einen »Driver«, der das Gespann mit der Peitsche anzujagen
+hatte. Auch dieser Bedarf war bald gedeckt; bei einem Besuche des
+Korannadörfchens hatte Freund F. einen hier lebenden Deutschen
+angetroffen, den ich nun ersuchen ließ, uns unter seinen Nachbarn zwei
+rüstige, junge Männer auszusuchen und auf einige Wochen als Diener zu
+miethen. Noch am selben Tage brachte uns dieser einen echten
+Korannajüngling von ungefähr 16 Jahren und einen Korannabastard mit
+Namen Gert, welche sich beide geneigt zeigten, gegen einen wöchentlichen
+Lohn von 8 Shillingen und 6 Pence in meine Dienste zu treten.
+
+Zu meiner nicht geringen Ueberraschung erbat sich der deutsche Ansiedler
+als einzigen Gegendienst einen Besuch bei seiner kranken Frau. Gern
+folgte ich ihm und fand mich bald darauf in einem kleinen, halb in
+europäischem, halb im Style der Korannahütten ausgeführten kleinen
+Gebäude, wo der Mann in Gesellschaft einer Bastardfamilie wohnte. Auch
+seine Frau gehörte zu diesen Mischlingen. Sie war in elende, doch
+reinliche Lappen gekleidet und der erste Blick belehrte mich über die
+Natur ihrer Krankheit; die Aermste war in Folge drückendster
+Nahrungssorgen gänzlich entkräftet; ich fand leider erst später
+Gelegenheit, ihr stärkende Arzneien senden zu können. Während ich noch
+mit der Frau sprach, hatte sich uns ein kleines, etwa sechsjähriges
+Mädchen mit wahrhaft feinen und schönen Gesichtszügen und kurzgelocktem,
+dunkelblondem Haare genähert. Es trug keine Spuren des dunklen Teints
+seiner Mutter an sich. Ueber meine Frage: wie es der Mann über sich
+bringen konnte, sich hier unter den Farbigen niederzulassen, erhielt ich
+die Antwort: »Wohne nicht lange hier, habe über 300 £ St., die ich mir
+durch langjährige Arbeit in der Colonie erworben, in jenen verlassenen
+Diamantengruben dort drüben eingebüßt; nun muß ich Taglöhnerarbeit
+verrichten, und in allen diesen Mühen, Sorgen und Enttäuschungen fand
+ich an diesem farbigen Weibe ein so treues, aufopferndes und
+mitfühlendes Wesen, daß ich mich nicht leicht von ihr trennen könnte.«
+
+Trotz häufiger Regenschauer, welche sich während unseres Aufenthaltes in
+Klipdrift eingestellt hatten, dachten wir nicht daran, unser bisher
+gewohntes Nachtlager unter dem Wagen aufzugeben; unser Erfindungsgeist
+fand bald eine entsprechende Abhilfe. Dem Nachtlager war aber auch nicht
+ein gewisser origineller und phantastischer Zug abzusprechen. Unsere
+Diener schienen nicht nur in der Mythologie Süd-Afrika's wohl bewandert
+zu sein, sondern auch unter den Göttern des Alterthums so manchen Gönner
+zu haben, vor Allem schien Bacchus ihr Schutzpatron und Morpheus ihr
+Liebling zu sein. Wenn wir sie nicht zur Arbeit angehalten hätten, wären
+sie im Stande gewesen, sechs Stunden des Tages dem Dienste des ersteren,
+und den Rest des Tages dem Letzteren zu widmen. Ja, Gert trieb es so
+weit, daß er oft während des Mahles einschlief.
+
+Nachdem wir uns mit etwas Provision, namentlich Mehl, Thee und Zucker
+versorgt, verließen wir Klipdrift und brachen nach Norden zu, gegen die
+Vereinigung des Hart-River mit dem Vaal-River, in die von den westlichen
+Batlapinen bewohnten Landstriche auf, wobei ich noch einige der
+flußabwärts liegenden, verlassenen River-Diggings und zunächst das auf
+halbem Wege liegende Gong-Gong berühren wollte. Die durchreiste Gegend
+war ein mäßig hügeliges, nach Westen zu dem Vaalfluß' steil abfallendes,
+nur stellenweise dichter bebuschtes Hochplateau, auf welchem einige
+Niederlassungen der Koranna's und Batlapinen zerstreut lagen.
+
+Für den Jäger wie Naturforscher hat das Land zwischen dem unteren Hart-
+und Vaal-River insoferne besonderes Interesse, als man von Süden her
+hier zuerst das von den holländischen Farmern »blaues Wildebeest«, von
+den Betschuana's »Kokon« genannte, gestreifte graue Gnu (Catoblepas
+Gorgon) rudelweise antrifft. Es breitet sich von hier und von den
+nördlichen Gegenden des Oranje-Freistaates nach Norden zu bis über den
+Zambesi aus und ist größer als das schwarze oder gemeine Gnu, dabei auch
+minder wild. Seine Hörner unterscheiden sich auch wesentlich von jenen
+des gemeinen Gnu, sie sind nämlich nach vorne und innen gebogen und
+ähneln denen mancher unserer kurzhörnigen Rindviehracen.
+
+Die Jäger unterscheiden beide Arten nach der Farbe der Schwanzhaare,
+indem das schwarze durch einen weißen, das auf bläulich-grauem Grunde,
+namentlich am Vorder- und Oberkörper schwarz gestreifte Gnu durch einen
+schwarzen Schwanz schon aus großer Ferne erkennbar ist. In den baumlosen
+Ebenen von den westlichen Theilen der Cap-Colonie bis zum 23. Grad
+nördlicher Breite ist es neben den Springbock- und den Bläßbockgazellen
+das häufigste Wild.
+
+In später Nachmittagsstunde bogen wir in eine kleine Schlucht ein, an
+derem Ausgange im Vaalthale einige Segeltuchhäuschen und Zelte sichtbar
+wurden; es waren die Reste des einst so blühenden Gong-Gong, das
+anmuthig aus dem dunklen Grün üppiger Laubbäume hervorlugte. Auch
+fehlten einige Koranna- und Betschuanahütten nicht, die auf dem felsigen
+und niedrigen Abhange des Plateau's zwischen den Steinblöcken erbaut
+waren. Gegenüber von Gong-Gong liegt das noch ärmlicher aussehende
+Waldeks-Plant.
+
+Wir schlugen im Dörfchen selbst auf einer einladenden Rasenstelle unser
+Lager auf. Ein Wagen war für Gong-Gong und Waldeks-Plant etwas nicht
+Alltägliches und so waren wir bald Gegenstand der allgemeinsten
+Aufmerksamkeit geworden.
+
+Die Diamantengruben von Gong-Gong lagen auf dem Abhange; jene im Thale,
+unmittelbar am Flusse und im alten Flußbette waren schon seit Langem
+verlassen. Mehr Leben fand ich in Waldeks-Plant, welches sich auch durch
+den Fund zweier schönen Steine in einer und derselben Grube einen Namen
+errang. Es war ein gelblicher Stein, der 288¼ Karat wog und ein zweiter
+weißlicher, der in seiner Mitte einen schwärzlichen Fleck zeigte, einer
+Fliege nicht unähnlich und deshalb auch der »Fly-(Fliegen-)Diamond«
+genannt wurde. Ihr Finder wollte einst nach langer fruchtloser Arbeit
+seinen Claim verkaufen, doch Niemand fand sich, der auf seine Forderung
+eingegangen wäre; um nicht müßig zu sein, entschloß er sich allein, ohne
+Beihilfe schwarzer Diener, das Graben und Suchen fortzusetzen. Das
+bishin treulose Glück lächelte ihm nun zu und er fand zuerst den großen,
+kurze Zeit darauf den Fly-Diamond und ward über Nacht ein »gemachter
+Mann«. Der Werth des großen Steines wurde damals mit 10.000 £ St.
+angegeben und ich erinnere mich, daß er nach meiner Rückkehr von der
+ersten Reise in den Central-Diggings längere Zeit hindurch gegen 1
+Shilling Entrée ausgestellt war.
+
+[Illustration: Batlapinenknaben den Kiri werfend.]
+
+Von Gong-Gong schlugen wir eine nördliche Richtung nach dem Hart-River
+ein; einige weiße, aus der Ferne entgegenschimmernde Punkte an den zum
+Vaal sich steil herabsenkenden Felsenhügeln bezeichneten uns die
+Stellen, wo noch vor wenigen Jahren die blühenden River-Diggings
+New-Kierke-Rush u.a. lagen. Die Strecke von Gong-Gong bis Delportshope
+(dieses nicht ganz eine Meile von der Hart-Rivermündung entfernt) gehört
+gewiß zu den unbequemsten, die ich je mit einem Wagen passirte. Ich
+konnte es nicht fassen, wie zur Zeit der Blüthe der River-Diggings auf
+solchen Verkehrspfaden die Bedürfnisse von Tausenden von Menschen
+mittelst der Achse herbeigeschafft wurden. Auf der ganzen
+zurückzulegenden Strecke glich der als Fahrweg benützte Erdstreifen
+einem von Wasserfluthen ausgewaschenen Geröllboden. Die Fahrt über diese
+Chaussee war, wie leicht denkbar, eine martervolle; kaum war das eine
+Hinterrad aus einem der zahllosen wassergefüllten Löcher durch die
+vereinten Anstrengungen der Thiere und die virtuose Handhabung der
+riesigen Peitsche von Seite des Korannatreibers herausgefördert, als
+schon wieder eines der Vorderräder über einen fast fußhohen Block
+hinaufgezerrt wurde. Um das Maß voll zu machen, begannen die des Joches
+ungewohnten Zugthiere in störrischester Weise ihre Dienste zu versagen.
+
+Kein Wunder, wenn diese Fahrt die dreifache Zeit in Anspruch nahm. Ein
+Blick auf die zu beiden Seiten des Weges zerstreut umherliegenden
+Wagentrümmer gewährte uns einen, wenn auch schwachen Trost; wir waren
+nicht die einzigen, die unter diesen Qualen zu leiden hatten. Leider
+waren dieser Fahrt alle meine Thermo- und Barometer zum Opfer gefallen.
+Die Begegnung mit einem Batlapinen, der an einem Kiri, einer bei den
+Zulu und Betschuana beliebten Waffe, ein Häschen trug, nahm mein ganzes
+Interesse in Anspruch. Die Waffe ist aus Holz (bei den nördlichen
+Bamanquato auch aus dem Horne des Rhinoceros) gearbeitet, 20-90
+Centimeter lang und läuft an einem Ende in eine hühnerei- bis
+faustgroße, einfache oder geschnitzte Kugel aus. Im Handgemenge ist der
+Kiri eine sehr wirksame Waffe, auch findet er auf der Jagd Verwendung
+und einige Stämme werfen ihn mit wahrhafter Virtuosität. Bei den
+Matabele ist der Kiri jene furchtbare Waffe, mit welcher diese Zulu's
+die Schädel der männlichen, erwachsenen Bevölkerung der rebellirenden
+Makalakadörfer einschlugen.
+
+[Illustration: Batlapine.]
+
+Nebst dem Hasen trug der Mann auch ein Paar aus gegerbtem Leder
+gearbeitete, mit Thiersehnen sauber zusammengenähte Unaussprechliche,
+welche ich ihm sammt der Jagdbeute und der Waffe abkaufen wollte.
+»Nein,« antwortete er, im gebrochenen Holländisch, »det brüke« (die
+Betschuana's haben in ihrer Sechuana[1] keine Benennung für viele der
+von den Europäern eingeführten Artikel, darum nehmen sie das dafür im
+Holländischen oder Englischen gebräuchliche Wort, es natürlich
+verunstaltend, oder sie umschreiben es durch mehrere ihrer eigenen
+Sprache), »bring' ich zu meinem »Bas« (Herrn) nach Klipdrift,« den
+Hasen, meinte er, könne er selbst gut brauchen und den Kiri könne er uns
+schon gar nicht überlassen, da er seiner zum Schutze gegen die Phyci
+(Hyäne) bedürfe. Wie der in der Colonie wohnende Kaffer auf seinen
+Wanderungen stets seine beiden, in der Regel aus Eisen oder Assagaiholz
+gearbeiteten Stöcke mit sich führt, so nimmt auch der Betschuana und
+Zulu seinen Kiri mit. Hat er auf der Weide oder im hohen Grase eine
+Zwergtrappe bemerkt, so sucht er sich so nah' als möglich
+anzuschleichen, erhebt sich dann plötzlich, um den Vogel zum Auffliegen
+zu bringen und in diesem Momente saust sein kleiner, am Ende verdickter
+Stock durch die Lüfte. Er thut dies ebenso geschickt, wie er sich als
+Schütze ungeschickt benimmt. Das Wild auf den unabsehbaren Ebenen
+zwischen dem mittleren Hart-River und dem oberen Molapolaufe ist durch
+diese Ungeschicklichkeit äußerst scheu geworden.
+
+ 1: Die Sprache der Betschuana's.
+
+Nach und nach senkte sich das Land gegen den Hart-River, dessen Thal
+breit und offen erschien, und im Norden aus der Ferne durch den
+»N'Kaap«, den bebuschten und felsigen Abfall des Hochlandes begrenzt
+wird. Die Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers wurde mir immer als ein
+besonders schönes Landschaftsbild geschildert, ich fand dies blos als
+Gegensatz zu dem an schönen Naturscenerien so armen Gebiete
+Griaqualand-West bestätigt.
+
+Von Süden kommend, breiten sich hier die vorher über Stromschnellen
+dahin rauschenden Gewässer des Vaalflusses in einem geräumigen
+schlammigen Bett aus, wo sie ruhig dahinfließend sich gleichsam etwas
+Rast gönnen um unmittelbar vor der Mündung des aus Nordost kommenden
+Hartflusses eine plötzliche Wendung nach West zu machen, und nachdem sie
+diese Richtung für eine kurze Strecke verfolgt, eine entschieden
+südsüdwestliche zu nehmen. Das linke Vaalufer an der Biegung ist
+sumpfig, mit hohen Bäumen bestanden und birgt so manche Wildkatze,
+Luchse und ähnliches Raubgethier, sowie einige Heerden verwilderter
+Schweine.
+
+Die südliche Partie des rechten Ufers, in den oberen Schichten aus
+Humus, in den unteren aus Lehm gebildet, ist eine fruchtbare, nur
+unmittelbar an der Flußmündung mit hochstämmigen Bäumen bewachsene
+Ebene. Das jenseitige Ufer des Hartflusses ist viel höher, steigt auch
+zu einer Felsenhöhe empor, die von Schieferlagern gebildet und von
+petrefactenarmem Kalk überlagert, jene oben erwähnte nach dem N'Kaap
+hinziehende Hochebene bildet. Diese Höhe fällt unmittelbar am Vaalflusse
+oberhalb der Biegung steil ab, und wird von einer hier einmündenden
+Schlucht getheilt, welche ich manches interessanten Fundes halber
+(meiner Vaterstadt zu Ehren) die Holitzer Schlucht nannte und die kaum
+300 Schritt von der Hart-Rivermündung entfernt liegend, mit der von
+Hübner entdeckten Klippdachsgrotte nicht zu verwechseln ist. Beide Ufer
+des unteren Hart-River gehörten früher zum Besitze des 3 englische
+Meilen entfernt am rechten Ufer in der »Stadt« Lekatlong wohnenden
+Batlapinenfürsten Jantsche, der gegenwärtig als englischer Unterthan
+eine jährliche Subvention von 200 £ St. erhält.
+
+Der Abstieg von der hohen Ebene von Gong-Gong in das Hart-Riverthal
+führte uns an dem im bereits bekannten südafrikanischen Styl erbauten
+Gehöfte eines Store-Keepers (Kaufmannes) vorüber. Der freundliche
+Empfang, den wir bei diesem fanden, brachte uns bald näher und so erfuhr
+ich, daß er ein Deutscher sei, der an eine holländische Frau
+verheirathet, im nahen Delportshope sein Glück im Diggen versuchte,
+dabei aber noch ein kleines Tauschgeschäft mit den Batlapinen des
+unteren Hart-Riverthales betrieb und das Holz der Kameeldornbäume, die
+hier das jenseitige Ufer des Vaal dicht bedeckten, auf dem Markte in
+Kimberley verkaufte.
+
+Seine uns bewiesene Gastfreundschaft und das Bestreben, sich uns
+gefällig und nützlich zu erweisen, hätte bald ein Menschenleben
+gefordert. Als er meine naturhistorischen Sammlungen, all' die von ihm
+so verabscheuten Reptilien und das giftige Gewürm in theurem Spirit of
+wine (Spiritus) präparirt sah, war sein Erstaunen nicht gering, da er
+aber bemerkte, welchen Werth ich auf die Acquisition schöner Exemplare
+dieses »Gut« (spr. Chut) legte, war er bemüht, mir solches zu
+verschaffen. Besondere Freude glaubte er mir durch den Fang einer
+Fischotter[1] zu bereiten. Da es schwer hielt, die scheuen Thiere
+lebendig zu fangen, wollten er und seine Freunde mir mindestens zu
+einigen Bälgen verhelfen. Ein junger Holländer hatte deshalb sein altes
+Schrotgewehr geladen, jedoch zu stark, beim Schusse barst das
+Gewehr--glücklicherweise ohne den Schützen oder Jemanden seiner Umgebung
+zu verletzen.
+
+ 1: Ich beobachtete drei Fischotterarten in Süd-Afrika, eine in den
+ Strömen der südlicheren Partien und zwei im Limpopo- und
+ Zambesi-Gebiete. Wenn die eine auch größer als die unsrige ist, hat
+ doch keine der drei Arten einen gleich werthvollen Pelz.
+
+In der durch Jahrtausende hindurch thätige Erosion ausgewaschenen
+Felsenmulde der Holitzer Schlucht, machte ich bei näherer Besichtigung
+derselben die interessante Entdeckung, daß dieselbe ein wahres
+schützendes Asyl für die artenreiche niedere Thierwelt und ein
+natürliches Treibhaus für die Vegetation sei. Während ich an den offenen
+Ufern des Vaal körner- und insectenfressende Singvögel nur in kleinen,
+mehrere Pärchen zählenden Colonien vorfand, wiederhallten hier die
+dichtbebuschten, bald terrassenförmig, bald steil abfallenden Wände der
+Schlucht von dem tausendstimmigen Gezwitscher der verschiedenartigsten
+Sänger. Die Bezeichnung »schützendes Asyl« ist eine um so zutreffendere,
+wenn wir die Lage und Umgebung der Schlucht näher in's Auge fassen. Die
+Schlucht--offenbar nur die Fortsetzung, d.h. das durch das Wasser
+muldenartig ausgewaschene Ende eines seichten Wiesenthales der
+Hochebene--ist an ihrem oberen Rande derart von dichten und dornigen
+Büschen eingerahmt, daß nur sehr kleine Thiere ungehindert Zu- und
+Ausgang finden; nach unten ist sie vom Flusse aus begrenzt, dessen
+steiles und hohes Felsufer, eine wirksame Schutzwehr gegen mordlustige
+Eindringlinge bildet.
+
+Am Grunde der Schlucht, unter dem Schatten breitstämmiger,
+dichtbelaubter Bäume, erfreut uns das dunkle, saftige Grün eines üppigen
+Rasens; hier konnten wir das muntere Treiben der Springhasen, kleiner
+Gazellen, des Klippdachses und der Wildenten belauschen, während aus dem
+dichten Laube der Bäume das Geschnatter einer hier in Ruhe nistenden
+Chenalopex (Gansart) heraustönte. Den Reiz dieses verborgenen
+Erdenwinkels erhöhte das Rauschen eines von den dichten beerenbehangenen
+Büschen fast völlig verdeckten Wasserfalles im oberen Theile der
+Schlucht, dessen Ufer (von einer Kalksteinlage überdeckter Sandstein)
+grottenähnlich ausgehöhlt sind. Zur Trockenzeit versiegt nun allerdings
+das die ganze Scenerie belebende Rauschen des Bächleins. Mein Entzücken
+über dieses aus der anmuthslosen Umgebung edengleich hervorstechende
+Plätzchen war vollständig, als ich am Boden der Schlucht eine dichte
+Lage von Fossilien der letzten Alluvial Periode, darunter auch eine
+Tigerschneckenart entdeckt hatte.
+
+An einem der zahlreichen, sein Geäste über die Schlucht ausbreitenden
+Bäume entdeckte ich einen mächtigen Nestbau, den ich für den eines Affen
+hielt, jedoch später erkannte, daß er einem der größten befiederten
+Nestkünstler, dem Hammerkopf angehöre. Dieser etwa 18 Zoll hohe, durch
+ein schön braunes Gefieder und einen langen Schopf am Hinterkopfe
+ausgezeichnete Vogel baut zwischen den Gabeln starker Aeste meist
+solcher Bäume, welche Abgründe und Flüsse überhängen, oder zwischen
+steilen Felsenklüften sein 18 Zoll bis 3 Fuß hohes im oberen Umfange 6-8
+Fuß haltendes, nach unten spitzig zulaufendes Nest, das einem
+abgestutzten, oben umgekehrten Kegelkörper nicht unähnlich ist. Das
+Ganze stellt einen soliden, oben gedeckten und eine geräumige Kammer
+enthaltenden Bau dar; in die Kammer führt eine viereckige 8-10 Zoll im
+Quadrat messende Oeffnung. Der Bau, in dem eine Menge von Knochen
+anzutreffen sind, ist meist aus Reisig aufgeführt.
+
+Doch auch dieses Eden, vielleicht nicht unrichtig mit einem im tauben
+Flußgerölle verborgenen Diamanten zu vergleichen, hatte seine Schlangen.
+Ich fand in der Holitzer Schlucht nicht weniger als sieben Arten, unter
+diesen zwei Species der in ganz Süd-Afrika wohl bekannten Cobra. Das
+erste Thier erblickte ich in dem Momente, als ich Insecten suchend,
+einen schweren Stein aufhob. Anfangs bemerkte ich nur, daß sich unter
+demselben in einer mäßigen Vertiefung die Reste eines Mausnestes
+befanden; der durch das Laubdickdicht dringende Sonnenstrahl ließ mich
+aber sofort die glitzernde Haut einer Schlange erkennen. Da ich keine
+geeignete Angriffswaffe bei mir hatte, blieb ich unbeweglich stehen, um
+nach der Flucht der Schlange das Nest nach kleinen Insecten durchstöbern
+zu können. Ich hatte auch nicht lange zu warten; durch die warmen
+Sonnenstrahlen geweckt, löste sich aus dem weichen Wollbettchen ein über
+vier Fuß langer Knäuel auf. Beim Emporrichten erblickte mich die
+Schlange sofort und schon fauchte sie, wie es die Cobras[1] thun, mit
+dem vorderen Drittel ihres Körpers aufgerichtet, nach mir herüber. Dabei
+blähte sie den dunkelgefärbten, ringförmigen, etwa zwei Zoll breiten
+Halstheil auf und züngelte lebhaft mit der gespaltenen dunklen Zunge.
+Meine Haltung mußte in ihr die Besorgniß einer drohenden Gefahr erweckt
+haben, denn sie verschwand bald darauf im dichten Gebüsch.
+
+ 1: Obgleich ich während meines siebenjährigen Aufenthaltes mehr als
+ 200 Schlangen erlegte, beobachtete ich in Süd-Afrika außer den drei
+ Mambaarten keine Schlange, die ungereizt den Menschen angreifen
+ würde.
+
+[Illustration: Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta).]
+
+Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, hatte ich eines
+Tages, als ich mit meinem Gefährten F. zwischen den Gesteinen auf den
+Ebenen zwischen Dutoitspan und Kimberley nach Insecten und Echsen
+fahndete, eine über 5 Fuß lange Cobra angetroffen; es war ein Exemplar
+von seltener Schönheit, und da ich keine bessere Waffe zur Hand hatte,
+griff ich schnell entschlossen nach einem der zahlreich umherliegenden
+Ochsenskelette, brach eine Rippe davon ab und verfolgte das Reptil. In
+die Enge getrieben, wendet sie sich plötzlich um und richtete sich fast
+hart vor mir hoch auf; ich war aber schon zu weit vorgebeugt, um
+zurückweichen zu können, ein minutenlanges Zagen und ich war verloren,
+doch meine Geistesgegenwart verließ mich nicht, ein kräftig und sicher
+geführter Hieb in den Nacken und das schöne aber gefährliche Thier war
+mein; mit triumphirender Miene trugen wir das um die Rippe gewickelte
+Reptil heim.
+
+Unter allen südafrikanischen Giftschlangen halte ich die Mambaarten,
+eine grüne, eine schwarze und eine gelbliche Species für die
+gefährlichsten. Mir sind Fälle bekannt, daß Mamba's (von den beiden
+ersten Arten, welche die wärmeren Buschpartien an der Küste bewohnen)
+nach dem Erblicken eines Menschen sofort zum Angriffe übergingen. Ich
+will hier nur eines solchen gedenken. Einige Kaffernkinder, die sich in
+den nur einige hundert Schritte vom Hause entfernten Büschen spielend
+ergötzten, wurden einer aus diesen hervorschleichenden Mamba gewahr; die
+Gefährlichkeit des Thieres kennend, wandten sie sich sofort auf der
+nahebei vorüberführenden Straße zur Flucht; nach einer Weile im Laufe
+innehaltend, blickten sie hinter sich und mäßigten nun, nachdem sie das
+Thier nicht mehr erblickten, ihre Schritte. Wenige Minuten darauf aber
+schrie plötzlich eines der Kinder laut auf, die Schlange hatte
+ihrerseits deren Verfolgung nicht aufgegeben und nun eines derselben in
+die Ferse gebissen. Eine Viertelstunde später war das Kind eine Leiche.
+
+Die schmutzig-ockergelbe Mamba der wärmeren, nördlichen Partien des
+centralen Süd-Afrika, gibt auf eine andere, in den Mapaniwäldern der
+Sibanani-Ebene häufig zu beobachtende Weise den Rach- und Mordsinn[1]
+ihrer Familie zu erkennen. Auf Wildpfaden, da wo diese zum Wasser führen
+und wo sich zwei brüchige und hohle Mapanibäume einander
+gegenüberstehend mit ihren dichten, doch nicht breiten, unscheinbaren
+Kronen berühren, wird man diese Mamba finden. Sie liegt in dem Geäste
+und zwischen dem dichten ölhaltigen Laube der Bäume auf der Lauer;
+nähert sich ein Geschöpf, so rollt sie sich mit dem Schwanze um einen
+Ast und läßt sich mit dem Vorderkörper nach abwärts, hier aus dem
+Gezweige zwischen den zwei Stämmen nach dem Pfade zu wie ein Assagai
+herunterhängend. Da sie keine auffallende Farbe besitzt, wie ihre grüne
+und schwarze Schwester, so wird sie namentlich von dem Europäer gar
+nicht bemerkt und kann so bei der Heftigkeit ihres Giftes leicht sehr
+gefährlich werden.
+
+ 1: Ich schreibe ihr ausdrücklich Mordlust zu, denn sie ist nie im
+ Stande, die von ihr getödteten Thiere zu verschlingen.
+
+Am selben Tage als ich in der Holitzer Schlucht jener Cobra
+gegenüberstand, wurde auch einer meiner farbigen Diener nicht wenig
+durch eine ähnliche Schlange erschreckt. Eben damit beschäftigt, ein
+angeschossenes Täubchen aus dem Dickicht des Uferabhanges
+herauszusuchen, sprang er plötzlich mit einem lauten Schrei aus den
+Gebüschen und eilte mit dem Rufe »Sir a Slang« zu mir. Alle Eingebornen,
+mit Ausnahme der unter den Zulus als Zauberer bekannten Medicinmänner,
+fürchten sich ähnlich wie die Affen, ungemein vor diesen Reptilien. Zwei
+Tage später erschoß ich am Grunde der Schlucht eine jener kurzen,
+schwarzen, von den holländischen Farmern ob ihres weißen, die untere
+Halspartie kennzeichnenden Fleckens Ringhals benannten Schlangen. Der
+früher erwähnte Kaufmann, dem ich mein Zusammentreffen mit dieser
+Schlange mittheilte, wußte mir etwas mehr über diese Schlangenart zu
+erzählen; eines Vorfalls, von dessen Wahrheit ich mich nur zu sehr durch
+andere ähnliche in der Folgezeit beobachtete Thatsachen überzeugen
+konnte, sei hier gedacht. Einige Monate vor meiner Ankunft fiel es dem
+Farmer auf, daß eine seiner täglich am jenseitigen Ufer weidenden Kühe
+regelmäßig durch mehr denn zwei Wochen um ein bis zwei Stunden später
+als die übrigen Thiere der Heerde in's Gehöfte zurückkehrte. Da es in
+der Nähe keine gefährlichen Raubthiere gab, ließ man die Thiere ohne
+Hirten auf die Weide gehen. Als nun dem Besitzer das eigenthümliche,
+tägliche Ausbleiben des einen Thieres auffiel, sandte er einen seiner
+Diener aus, um die Ursache dieser auffälligen Verspätung zu erforschen.
+Schon nach kurzer Zeit hörte der Farmer den Ruf des Dieners: »Bas, Bas,
+fat det rur[1] (Herr, fasse das Gewehr) und komm, schnell herüber, ein
+Ringhals säugt an Deiner Kuh.« Aeußerst begierig den Vorfall zu sehen,
+rief der Farmer seine Freunde zusammen und eilte nach dem Flusse. Unweit
+des Flusses sah er die Kuh gemächlich niedergekauert grasen, und um ihre
+Hinterfüße zur Hälfte geschlungen hielt sich ein Ringhals aufrecht an
+einem der Euter begierig saugend. Er war schon vollgesogen und hatte
+ganz das Aussehen eines riesigen Blutegels; der schwer angeschwollene
+Leib glitt fortwährend ab. Bevor die erstaunten Zuseher noch in die Nähe
+gelangt waren, verschwand die Schlange spurlos in den Büschen. Am
+folgenden Tage gelang es den Farmerleuten, sich ganz leise dem Busche zu
+nähern und das vollgesogene Reptil gefahrlos zu erlegen.
+
+ 1: Geschrieben wie es ausgesprochen wird.
+
+[Illustration: Mamba auf der Lauer.]
+
+Etwas Aehnliches ereignete sich einige Jahre vor meinem Besuche
+Süd-Afrika's in dem Freistaat-Städtchen Philipolis. Einer meiner
+Freunde, Mr. K., den ich in den Diamantenfeldern kennen lernte, war
+daselbst in dem Geschäfte eines Herrn H. thätig und wohnte in dessen
+nächster Nähe, in einem etwas höher als das Niveau der Straße stehenden,
+aus Backsteinen solid erbauten Hause. Er war eines Nachmittags mit
+einigen Boers beschäftigt, als ihn seine Magd mit der Nachricht abrief,
+daß sein kleines Kind in Lebensgefahr schwebe. Ohne Ahnung, was diese
+Nachricht zu bedeuten habe, ließ der Mann Waare und Käufer im Stich und
+eilte nach Hause. Heimgekommen findet er seine Frau vor Schrecken
+wortlos im Vorhause, während ihm sein Töchterchen in kindlicher
+Harmlosigkeit erzählte, daß eine lange schwarze Katze aus Baby's Flasche
+die Milch trinke. Mr. K. eilte in die Kinderstube und findet sein
+kleines Kind schlafend, auf der Erde die halbgeleerte, mit einem
+Gummisauger versehene Milchflasche. Unterdessen hatte sich die Frau
+einigermaßen von dem tödtlichen Schrecken erholt und begann den Vorfall
+zu erzählen. Als ihr das kleine Töchterchen von einer schwarzen, langen
+Katze erzählte, da war sie sofort zum Baby geeilt; ein ihr Mutterherz
+mit Entsetzen erfüllender Anblick bot sich ihr; eine schwarze Schlange,
+die neben dem Säugling zusammengerollt lag und aus der halbliegenden
+Flasche, die dem schlafenden Kinde aus dem Munde entschlüpft war, Milch
+sog. »Mit einem Schrei stürzte ich heraus und das mußte wohl das Reptil
+so erschreckt haben, daß es herunterfiel, oder sich irgendwo im Bettzeug
+versteckte, ich hörte auch die Flasche fallen, dann fühlte ich ein
+solches Zittern, daß ich nicht mehr das Zimmer betreten konnte.« Mr. K.
+sah sich erst im Zimmer nach der Schlange um, und der erste Blick, den
+er unter das Bett warf, überzeugte ihn, welchen gefährlichen Gast das
+Zimmer beherberge. Um die Schlange anzulocken und sie sicher zu treffen,
+schob er die Flasche mit dem Sauger nach dem Reptil zu unter den Rand
+des Bettes, während ihm seine Frau einen Kiri brachte. Die Schlange
+konnte dieser Lockung nicht widerstehen, doch im nächsten Augenblicke
+zerschmetterte ein einziger Schlag Schlange und Flasche. Nach Jahren
+erst erfuhr Baby[1] in welcher Gefahr sie geschwebt und welch'
+wunderliche, schwarze Katzen es früher in Philipolis gab.
+
+ 1: Baby nennt man ein kleines, unmündiges Kind, und zwar stets das
+ Jüngste.
+
+In geographischer Hinsicht war es mir von großem Interesse, die Tiefen
+der von mir überschrittenen und besuchten Flüsse kennen zu lernen, und
+ich war, wo dies nur immer anging, und nicht Krokodile ein solches
+Beginnen vereitelten, bemüht, diesbezügliche Messungen anzustellen; in
+Ermanglung eines Bootes und anderer Apparate mußte ich die Tiefe an
+meiner Person selbst erproben. Ein Unfall im Harts-River, der mich näher
+als ich ahnte, an den Rand des Grabes brachte, verleidete mir für die
+Folge solch' gewagte Experimente immer mehr, bis ich sie schließlich
+ganz aufgab.
+
+Es sei mir hier gestattet, diesem Unfall einige Worte zu widmen. Um eine
+passende Uebergangsstelle für meinen Wagen zu finden, mußte ich die
+Tiefe des nahe unserem Lagerplatze 6-8 Meter breiten Harts-Rivers
+untersuchen. Ich fand endlich eine mir günstig scheinende Stelle, die
+hohen und trockenen Ufer, die geringe Wassertiefe von 14-16 Zoll in
+dessen Nähe, bestärkten mich in der Hoffnung, die richtige Furth
+gefunden zu haben. Nachdem ich mit einem kühnen Wurfe den nothwendigsten
+Theil meiner Garderobe an das jenseitige Ufer befördert, ging ich daran,
+den Fluß zu übersetzen; schon nach dem ersten Schritt versanken meine
+Füße in tiefem Schlamm, langsam und vorsichtig den Grund prüfend, hatte
+ich etwa die Mitte der Flußbreite erreicht, ich stand in zwei Fuß tiefem
+Schlamm und ebenso tiefem Wasser. Jeder weitere Schritt zeigte mir, daß
+die Schlammschichte an Tiefe zunehme, ich wollte nur noch einen Schritt
+nach vorwärts versuchen und wenn die Tiefe nicht abnahm, umkehren, doch
+dazu kam es nicht mehr; ich sank immer tiefer und tiefer. Dabei fühlte
+ich, wie der Schlamm immer zäher und consistenter wurde.
+
+Ein Hilferuf hätte kaum Erfolg gehabt, denn der Wagen war zu weit
+entfernt. Meine Lage war, ich muß gestehen, eine mich im höchsten Grade
+beängstigende. Schon umspülte das Wasser mein Kinn, und ich schien
+rettungslos verloren, als ich im Bewußtsein der eminenten Gefahr,
+vielleicht instinctmäßig den Oberkörper mit einem gewaltsamen Ruck nach
+vorwärts bog und mit den Händen die Bewegungen des Schwimmens versuchte.
+Ich kam so, nachdem die Brust die dünne oberste Schlammlage zertheilt
+hatte, mit Gesicht und Brust unter das Wasser, flach auf den Schlamm zu
+liegen; ein mit aller Kraft unternommener Versuch, den einen Fuß aus dem
+zähen Schlamm zu befreien, glückte. Doch nun drohte mir der
+Erstickungstod im Wasser und ich mußte wieder den Kopf über Wasser
+halten, um Athem zu schöpfen. Es war indeß kein Moment zu verlieren,
+wollte ich nicht den errungenen Vortheil opfern; ich wiederholte den
+vorerwähnten Versuch und endlich fühlte ich den zweiten Fuß aus seiner
+Umklammerung befreit. Ein zweiter Ruck nach vorwärts und es gelingt mir,
+meine Hände in den festen Schlamm des jenseitigen Ufers einzugraben. Ich
+war gerettet. Es bedarf wohl keiner weiteren Worte um meine Stimmung,
+meinen Körperzustand zu schildern, als ich wieder festen Boden unter mir
+fühlte.
+
+Ich hatte mich kaum von der natürlichen Aufregung in Folge des mir
+zugestoßenen Unfalls erholt, als mir schon am folgenden Tage eine
+andere, höchst empfindliche Ueberraschung erwuchs und ich den bei vielen
+afrikanischen Stämmen so hoch entwickelten Diebssinn kennen lernte. Mein
+Reitpferd war plötzlich verschwunden, vergeblich alle unsere vereinten
+Bemühungen, eine Spur der Diebe zu entdecken. Erst nach sieben Jahren,
+gelegentlich eines Ausfluges, den ich aus den Diamantenfeldern nach dem
+Vaal machte, erfuhr ich von dem bereits mehrfach erwähnten Kaufmann, daß
+Jantsche's Leute das Pferd gestohlen hatten.
+
+Nach mehrtägigem Aufenthalte an dieser mir in lebhafter Erinnerung
+bleibenden Stelle setzten wir unsere Reise im Thale des Hart-Rivers
+aufwärts fort.
+
+Ab und zu verengt oder erweitert sich das Thal, je nachdem die es zu
+beiden Seiten begrenzenden, zumeist parallel laufenden Felsenhöhen näher
+aneinander oder weiter auseinander rücken, und behält diesen Charakter
+bis in die Nähe des Hauptortes des freien Batlapinenreiches, Taung. Von
+der Fruchtbarkeit des Bodens gaben die durchschnittlich ¼-½ Aere
+Flächeninhalt messenden und gut bebauten Felder Zeugniß, deren
+Gesammtausdehnung ich zu 1000 Schritt Länge und 2-400 Schritt Breite
+schätzte. Etwa hundert einzeln oder in kleinen Gruppen die Parzellen
+dieser bebauten Fläche bearbeitende Frauen belebten diese Strecke. Hier
+war eine Gruppe damit beschäftigt, die reifen Maiskolben abzubrechen,
+dort wieder das Feld auszujäten, andere wieder bearbeiteten mit äußerst
+primitiven Hauen den Ackerboden. Manche der Maispflanzen standen noch
+sehr niedrig, dagegen waren bereits Kürbisse und Wassermelonen in der
+Reife so weit vorgeschritten, daß den arbeitenden Frauen das Vergnügen
+vom Gesichte abzulesen war. Unter den Frauen bemerkten wir auch Mädchen
+und Greisinnen, denen die leichten Arbeiten, namentlich das Grasjäten
+und das Zusammentragen der Maiskolben oblag. Mehrere der Frauen trugen
+einen Säugling in einem Ledersacke am Rücken befestigt, oder hatten ihn
+auf einer auf der Erde liegenden kleinen Carosse gebettet, umgeben von
+mehreren bereits den Kinderschuhen entwachsenen Vertretern der
+hoffnungsvollen Jugend von Lekatlong, welche sichtlich bemüht waren, den
+kleinen Schreihälsen die Zeit und die quälenden Fliegen zu vertreiben,
+welches letztere sie theils mit Blättern, theils mit aus Thierschwänzen
+verfertigten und auf Holzstäbchen befestigten Wedeln mit wechselndem
+Erfolge zu Stande brachten. Manche der Frauen hatten blos einige Lappen
+(meist die Mädchen), andere eine kurze bis zu den Knieen reichende,
+glatt gegerbte Carosse um die Hüften geschlungen, andere wieder ein
+kurzes, viereckiges Fell als Vorder- und ein größeres, mit eingenähten
+schwarzen Lederringen geschmücktes als Rückenschürze benützt. Von der
+Stirn perlender Schweiß gab Zeugniß, daß sie wacker zur Arbeit hielten.
+Als Schmuck trugen die meisten Schnüre von großen blauen Glasperlen am
+Halse, aus Messingdraht geflochtene Ringe an den Armen und aus einem
+ähnlichen Material gearbeiteten Ohrschmuck, der jedoch bei den ärmeren
+nur aus rundlichen Holzpflöckchen bestand. Den Kopf hatten beinahe alle
+mit einem kegelförmigen aus Stroh oder aus Binsen und Gras geflochtenen,
+tief in's Gesicht fallenden Hute bedeckt, der ihnen unter ein »pund« (£
+St.) nicht feil war.
+
+[Illustration: Im Schlamme des Harts-River versunken.]
+
+[Illustration: Ackerbau bei den Batlapinen.]
+
+Das heitere und spöttische Lachen der schwarzen Schönen galt besonders
+unserem Begleiter F., dessen herausforderndes Benehmen das Hauptziel
+ihrer Witze bildete,--diese fröhliche Stimmung der Batlapinen
+erleichterte auch den lebhaften Tauschhandel, der sich an unserem
+Reisewagen entwickelte und bei welchem wir gegen einige Stückchen
+Transvaaltabak und einige färbige Taschentücher unseren Bedarf an
+Melonen und Kürbissen einhandelten.
+
+
+
+
+V.
+
+Von Lekatlong nach Wonderfontein.
+
+Batlapinenleben.--Webervögel und ihre Nester.--Zuckerrohr-Pflanzungen.
+--Spitzkopf.--Mitzima's Dorf.--Schlauheit der Batlapinenweiber.
+--Termitenbauten.--Reisende Batlapinen.--In Lebensgefahr.
+--Springbockfontein.--Transvaal-Emigranten.--Gassibone und
+seine Residenz.--Tauschhandel.--Wanderheuschrecken.--Ein seltsamer
+Labetrunk.--Am Vaal-River.--Wasser- und Landleguane.--Christiana, die
+westlichste Transvaal-Stadt.--Einfache Rechtspflege.--Landschaftlicher
+Contrast der beiden Vaalufer.--Bloemhof.--Ein gefährlicher Nachtmarsch
+bei Gewittersturm.--Waidmann's Eldorado.--Königskraniche.--Gnu
+und Bläßbock.--Romberg's Farm.--Von schwarzen Gnu's
+überrascht.--Hühnervögel.--Klerksdrop.--Potschefstroom.--Das
+Moi-Riverthal.--Geognostische Entdeckungen--Wonderfontein und seine
+Grotten.
+
+
+Die Hauptstadt des südlichsten der Batlapinenstämme, Lekatlong (der Name
+bedeutet Vereinigung, wohl in Bezug auf die beiden Flüsse), die Residenz
+des Fürsten Jantsche, bestand aus circa 160-200 Hütten, welche drei
+größere Gehöftgruppen bildeten, in welchen je 2-4 Hütten zu einem Gehöft
+vereinigt waren. Die einzelnen Gehöfte waren von einem 4-6 Fuß hohen,
+aus dürren Zweigen hergestellten Zaune umgeben. Die Hütten der mittleren
+Gehöftgruppe zeigten die emsigste Arbeit, auch reichte die Gruppe bis an
+den Fluß. In ihrer Mitte standen auf einem freien Platze die Ruinen
+eines Missionsgebäudes, welches einige Jahre zuvor abgebrannt war. Zur
+Zeit meines Besuches hielt sich hier kein Missionär auf, in neuerer Zeit
+soll jedoch von der »London Missionary-Society«, in deren Wirkungsbezirk
+Lekatlong gehört, ein solcher dahin delegirt worden sein. In einiger
+Entfernung vom Missionshause erhob sich die Kirche, ein längliches, aus
+ungebrannten Backsteinen aufgeführtes, unscheinbares Gebäude, dessen
+Giebeldach mit dürrem Grase gedeckt war.
+
+Vom rechten Ufer aus gesehen bot die Stadt mit ihren regelmäßig
+aneinander gereihten Gehöftgruppen einen ganz netten Anblick. In den
+Straßen, d.h. den freien Räumen zwischen den einzelnen Gehöften
+herrschte reges Leben, hier sah man Frauen, welche, große thönerne
+Gefäße auf dem Kopfe tragend, zum Flusse eilten, dort wieder Frauen, die
+unter der Last großer schwerer Bündel dürren Grases oder Gestrüppe
+seufzend nach Hause gingen, während eine Schaar nackter Kinder sich
+spielend am Flußufer ergötzte, andere wieder mit den ihrer Obhut
+anvertrauten Heerden auf die Weide zogen. Zu diesem Bilde emsiger
+Thätigkeit der Frauen contrastirte das dolce far niente der Männer
+auffällig, man sah sie allerorts müßig auf der Erde liegen, sich einer
+gesättigten Schlange gleich im Freien sonnend und von den Anstrengungen
+des eingenommenen Mahles erholend.
+
+[Illustration: Tauschhandel am Wagen.]
+
+Einige der Männer hatten aus europäischen Stoffen, andere aus
+weichgegerbten Fellen gearbeitete Jacken und Hosen an; ihre Köpfe
+bedeckten kleine, aus Gras oder Binsen gearbeitete Hütchen. Die Männer
+waren meist von Mittelgröße, ihr Wuchs war aber weder so schön wie jener
+der Zulu's, noch so kräftig wie jener der Fingo's, auffallend hell
+schien mir ihre Hautfarbe. Ihre Gesichtszüge waren durch eine anormale
+Breite der Nase nicht wenig verunstaltet--eine Mißbildung, welche durch
+den Gebrauch kleiner, die Stelle des Taschentuchs vertretender
+Eisenlöffel hervorgerufen wird. Ihr Ruf als notorische Faullenzer war
+wohl begründet, denn obwohl ihr Gebiet sehr fruchtbar ist, verwendeten
+sie sehr wenig Mühe auf den Anbau von Cerealien und waren auch auf dem
+Markte von Kimberley seltene Gäste.
+
+In moralischer Hinsicht war der Ausgang des letzten Krieges zwischen den
+Engländern und einem Bruderstamme dieser Batlapinen, den Botlaros, von
+wohlthätiger Wirkung. Vor dem Kriege, besonders aber zur Zeit der
+Entdeckung der River-Diggings kannten Jantsche's Hochmuth und seine
+Prätensionen keine Grenze, seine Unterthanen verübten zahlreiche
+Einfälle in die Provinz und ließen die berittene englische Polizei am
+Vaalflusse nie zur Ruhe kommen. Diesem Allen machte der Sieg der
+Engländer ein schnelles Ende.
+
+Nachdem wir das Weichbild der Stadt Jantsche's verlassen hatten,
+betraten wir wieder einsamere Partien des Hart-Riverthales, in welchen
+erst in größerer Entfernung flußaufwärts zwei bedeutendere
+Eingebornenstädte liegen. Es sind dies Taung (nach dem früheren
+Herrscher »Mahura's Stadt« genannt), circa 70 Meilen von der Mündung des
+Hart-River's entfernt, und Mamusa, die Residenz eines freien
+Korannafürsten. Zur Zeit meiner ersten Reise (auf welcher ich jedoch die
+Stadt nicht besuchte) regierte daselbst ein Greis, der Maschon hieß, von
+den Boers jedoch Tibusch, d.h. Zerbusch genannt wurde, und welcher nach
+einer Version 112, nach einer andern 130 Jahre alt war. Mamusa liegt
+gegen 40 engl. Meilen flußaufwärts von Taung entfernt, welches, nebenbei
+erwähnt, der Sitz des unabhängigen Batlapinenfürsten Mankuruane ist.
+Außer diesen beiden Städten finden wir zwischen Lekatlong und Mamusa
+zahlreiche Eingebornendörfer, welche zu 90 Percent von Batlapinen,
+zwischen Taung und Mamusa auch von Barolongen und nur ostwärts und
+gegenüber von Mamusa von Koranna's bewohnt werden. Diese Dörfer sind mit
+Ausnahme der von Koranna's bewohnten zumeist auf den Gipfeln der
+niedrigen, an den Hart-River herantretenden und begrasten Höhen oder
+unmittelbar unter dem Gipfel dieser Höhen erbaut und bestehen gewöhnlich
+aus zwei bis acht Gehöften. Nur wenige, darunter das größte dieser
+Dörfer, Mitzima genannt, liegen im Thale; dieses zählt etwa 30 Hütten.
+Die von den Bewohnern dieser Dörfer bebauten Felder und Gärten liegen
+theils im Flußthale, theils an den Abhängen. Außer Kafirkorn und Mais
+wird auf diesen Grundstücken auch Zuckerrohr gebaut, dessen Schaft 7-8
+Fuß Höhe erreicht.
+
+Wir setzten im Thale des Hart-Rivers unsere Reise fort; die zahlreichen,
+unseren Weg kreuzenden, tiefen Schluchten nöthigten uns zu zeitraubenden
+Umwegen und bereiteten uns mancherlei Schwierigkeit. Einige Meilen
+hinter Lekatlong sah ich mich genöthigt Rast zu halten; es währte nicht
+lange, so kamen aus dem nahen Gehöfte ein Junge und ein Greis, welche
+mit uns Makoa (Weißen) in Tauschhandel traten. Ich war über ihre hohen
+Forderungen überrascht, fand aber bald die Erklärung; die Eingebornen
+kannten hier bereits den Werth des englischen Geldes.
+
+Auf der Weiterreise fanden wir in den reichbebuschten und mit hohem Gras
+bedeckten Thalpartien nicht minder wie in den Ufergebüschen, günstige
+Jagdgelegenheiten. In den letzteren trafen wir vier Arten von Trappen,
+darunter zwei Zwergtrappenarten und eine Art von seltener Größe, die
+beiden ersteren in größeren Gruppen, die beiden größeren Arten nur
+paarweise aus den Büschen auffliegend; in der Nähe der niedrigen
+Dornbüsche fanden wir das große Cap-Perlhuhn paarweise in der Erde
+scharrend. An sandigen Uferstellen und mit Flugsand bedeckten Partien
+der Thalabhänge sonnten sich Steppenhühner, die dicht beschilften Ufer
+des Flusses, das Versteck großer Schwärme von Wildenten, lieferten uns
+manche Beute. Die freieren Uferstellen waren zumeist mit den
+herabhängenden Aesten der Mimosen überhangen, deren dünne Endzweige von
+den schönen gelben, mit einem schwarzen Flecke an der Kehle geschmückten
+Webervögeln entblättert waren, und an welchen diese ihre kunstvollen
+Nester erbaut hatten, welche herabhängenden Früchten ähnelten. Sie waren
+platt gedrückt, hatten einen elliptischen Querdurchmesser von 6-10 und
+12-15 Centimeter und eine Höhe von 12-25 Centimeter. Der Eingang befand
+sich an der unteren, ebenen Seite des Nestes.
+
+[Illustration: Nest des Webervogels.]
+
+Diese Eingangsöffnungen haben eine halbmondförmige Gestalt und sind nur
+so groß, daß ein Thier hineinzuschlüpfen vermag. Die obere Nestfläche
+läuft kegelförmig zu, so zwar, daß das Nest mit der Kegelspitze an den
+Zweigen befestigt ist. Die Nester waren aus frischem biegsamen Grase
+gewoben. Die Bauart des Nestes ist eine kunstreiche zu nennen, die
+einzelnen Grashalme sind sehr geschickt ineinander verwoben und der Bau
+so fest, daß er allen Stürmen vollkommen Widerstand zu leisten vermag.
+Bei dem leisesten Winde fingen die schönen Nester zu schaukeln an und
+diese Bewegungen spiegelten sich in der ruhigen, durch zarte, in der
+Tiefe wuchernde Algenformen verdunkelten Fluth treu wieder, ein Bild,
+das dadurch noch an Anmuth gewann, daß sich einer der einfliegenden
+Vögel zuweilen längere Zeit an der Oeffnung festklammernd schaukelte.
+Dann erschien am Wasserspiegel ein sich hin- und her wiegender schön
+gelbgefärbter Punkt, der wie ein schimmernder Edelstein über die hellen
+und dunklen Grottenpartien am Grunde des Flusses zu gleiten schien.
+Diese Webervögel zeigten nicht die geringste Scheu, so daß wir sie
+namentlich gegen Abend leicht im Neste fangen konnten. Hatten wir uns
+von dem Neste entfernt, und waren die bei unserer Annäherung entflohenen
+Sänger wieder nach ihren Wohnungen zurückgeflogen, so beobachteten sie
+mit anmuthiger Neugierde längere Zeit hindurch jede unserer Bewegungen.
+
+[Illustration: Reisende Batlapinen.]
+
+Am dritten Tage unserer Reise erblickten wir im Osten einen aus Süden
+hervortretenden, in das Thal des Hart-Rivers tief eindringenden
+Höhenzug, der uns als zum Gebiete des Chefs Mitzima gehörig bezeichnet
+wurde. Den äußersten vorgebirgsartigen Ausläufer dieses Höhenzuges
+nannten die Boers Spitzkopf. Die von uns durchzogene Ebene glich auf
+weite Strecken hin einem carminrothen Teppich, welcher bei näherer
+Besichtigung aus einer Unzahl mehrblüthiger Lilien bestand. An anderen
+Stellen der Ebene trafen wir schöne, dunkelgrüne, auf der Erde wuchernde
+Blätter einer anderen Liliacee, welche mit verschiedenen
+Rüsselkäfer-Species förmlich bedeckt waren.
+
+In der Nähe einer Zuckerrohrpflanzung begegneten uns vier arbeitende
+Frauen--ich benützte diese Gelegenheit, um noch vor unserem Eintreffen
+in Mitzima's Stadt unsern Milchbedarf zu decken und sprach die Frauen in
+dieser Absicht an. Sie zeigten sich überaus gefällig, ihre Hauen im
+Stiche lassend, eilten sie lachend und schreiend ihren mehr denn 300
+Schritte entfernten Hütten zu und es währte nicht lange, so waren sie
+wieder da, zwei von ihnen mit irdenen Töpfen, die dritte, ein altes
+hageres Weib mit einem großen Holzgefäße, gefüllt mit köstlich frischer
+Milch. Als Kaufpreis forderten auch sie ein Stück Tabak, mein Erstaunen
+wuchs, als sie mir durch Gert, meinen Dolmetscher, zu verstehen gaben,
+daß sie leidenschaftliche Consumenten von Schnupftabak wären. Um mir
+jeden Zweifel zu benehmen, machten sie die Pantomime des Zerreibens und
+ließen mit dem Rufe »Monati« (d.h. das ist schön) den Tabak in den
+breiten Höhlen ihrer Nasen verschwinden.
+
+Am Nachmittag fuhren wir an einem aus drei Hütten bestehenden Gehöfte,
+dessen Sauberkeit mir sogleich auffiel, vorüber. Auch auf meiner zweiten
+Reise unter den verschiedenen Batlapinenstämmen fand ich kein zweites,
+das sich mit ihm hätte messen können. Die Hütten waren geräumig und aus
+starken Pfählen erbaut, auch stand in einem aus Schilfrohr gearbeiteten
+Schuppen ein gut erhaltener schwerer Lastwagen und im Hofe ein
+kleinerer, an dem eben, was mir noch mehr auffiel, der Hausherr mit
+einem Diener Verbesserungen vornahm. Außerdem fehlte auch ein Pflug
+nicht--im Batlapinenlande war dies im Jahre 1873 noch eine große
+Seltenheit--und ein halbes Dutzend der ledernen Milchsäcke hing an der
+für das Vieh bestimmten Umfriedung. Im Schatten des Wagenschuppens saßen
+zwei andere Batlapinen, damit beschäftigt, aus Segeltuch ein neues
+Wagendach zusammenzunähen; ich habe nie wieder Leute dieses Stammes so
+eifrig an der Arbeit gesehen als diese beiden.
+
+Im geräumigen Hofraume des Gehöftes tummelten sich 15 muntere
+dunkelgefärbte Kinder umher, welche bis auf ein kaum blattgroßes
+Lederschürzchen splitternackt waren. Den größeren oblag es, die Heerden
+an den Ufern des hier eine englische Meile entfernten Hartflusses zu
+hüten. Alles zeigte den Segen und die Früchte der Arbeit und des
+Wohlstandes.
+
+Im Laufe des Nachmittags hatten wir uns den am Morgen erblickten Höhen
+genähert. Sie sind die nördlichsten Ausläufer des bei Hebron am rechten
+Vaalufer beginnenden Höhenzuges; ich fand sie namentlich durch die Form
+der sie bildenden Felsen interessant. Bald sind es senkrechte Blöcke,
+Menschengestalten nicht unähnlich und säulenartig aneinander gereiht,
+bald liegen sie stufenförmig übereinander und erwecken die Vorstellung
+einer gigantischen Treppe.
+
+Als wir das diesseits vom Spitzkopf liegende Mitzima erreichten, waren
+wir, kaum angelangt, von den Neugierigen umringt, deren größtes
+Contingent das schöne Geschlecht und die hoffnungsvolle zarteste Jugend
+des nach seinem gegenwärtigen Besitzer genannten Eingebornendorfes
+stellten. Sie setzten sich in der nächsten Umgebung des Wagens
+gemüthlich nieder und begannen zuerst die Makoa (die Weißen) selbst,
+dann den Wagen und unsere ganze Ausrüstung auf das lebhafteste zu
+kritisiren. Ihr von oft höchst komischen Gesticulationen begleitetes
+Gespräch erregte die Lachlust unserer Diener im höchsten Grade, während
+wir im Zweifel waren, ob das Mienen- und Geberdenspiel Bewunderung oder
+abfällige Kritik zum Ausdruck bringe. Mein Begleiter K., dem böse Zungen
+Eitelkeit zum Vorwurfe machten, hielt es für das erstere, wofür auch die
+Thatsache sprach, daß F. ihn mehrmals mit dem Pennyspiegel in der Hand
+überraschte.
+
+Während F., der die Kinderschuhe noch nicht abgelegt hatte, in das
+Lachen und das Mienenspiel mit einstimmte, behauptete E., wie immer,
+sein Pfeifchen schmauchend, stoische Ruhe. Seine Miene und sein ganzes
+Benehmen zeigten Verachtung, deren Ausdruck ihn aber zur besonderen
+Zielscheibe der Spötteleien des schönen Geschlechtes machte, während
+manch' wohlwollender Blick auf den netten K. gerichtet war.
+
+Die anwesenden Frauen waren sämmtlich, wahrscheinlich um den Weißen
+ihren Reichthum zu zeigen, in Kattunröcken erschienen und hatten Brust
+und Hals mit zahlreichen Perlenschnüren geschmückt. Unter ihnen stachen
+zwei Mädchen durch bemerkenswerthe Häßlichkeit der Gesichtszüge hervor,
+die durch die rothen Ockerstriche im Gesichte keineswegs gemildert
+wurde.[1]
+
+ 1: Im Allgemeinen gebrauchen die Batlapinenfrauen jedoch nicht so
+ viel Ocker, um sich Gesicht, Hals und Brust zu beschmieren, als die
+ Frauen der Hottentottenrace und der in der Cap-Colonie wohnenden
+ Kaffernstämme.
+
+Das schöne Geschlecht, der passiven Haltung müde, ging bald zum Angriff
+über und eine der Frauen ließ uns durch Gert bedeuten, unsere Waaren zur
+Schau auszulegen, da sie uns für reisende Händler hielten. Die mit
+ausgestreckter Hand uns entgegen gehaltenen Schnupftabakdosen waren eine
+stumme aber directe Aufforderung, dieselben zu füllen. Da wir keine
+Miene machten, ihren Wünschen nachzukommen, beschlossen einige unter den
+Frauen einen neuen Angriff, dessen Ziel unsere beiden Begleiter F. und
+K. waren, deren Lächeln sie den Frauen als die Zugänglichsten erscheinen
+ließ. Nach abgehaltener Berathung trat die Häßlichste und Aelteste der
+Frauen zu F. heran und machte ihm eine so aufrichtige und herzliche
+Liebeserklärung, daß es Gert, der hierbei als Dolmetsch fungirte, kaum
+möglich war, seine Lachmuskeln im Zaume zu halten. Die Scene rang uns
+Allen ein helles Lachen ab, während es F. in Wuth versetzte.
+
+Um unseren Neckereien zu entgehen, wagte er die Behauptung, es sei
+Mitzima's jüngstes Weib, die hübscheste des ganzen Dorfes gewesen.
+
+Als die Frauen bemerkt hatten, daß aller Minne Mühe vergeblich war,
+entfernten sie sich vom Wagen und legten den Rückweg tanzend zurück; im
+eigentlichen Sinne des Wortes war es kein Tanz, sie hüpften vielmehr,
+sie bewegten sich dabei in kleineren Gruppen zuerst in einem Halbkreise
+nach links, dann in einem Halbkreise nach rechts, dann machten sie einen
+etwa zwei Schritte langen Doppelsprung nach vorne, drehten sich um, und
+begannen die Bewegung von Neuem.
+
+Wir waren froh, der lästigen Besucher los geworden zu sein--unsere
+Freude war aber leider nicht von Dauer, denn bald kam eine noch größere
+und zudringlichere Gruppe und umstellte den Wagen. Diesmal half uns eine
+List aus der Noth, ich erstieg den Wagen und begann das Schrotgewehr zu
+reinigen. Beim Anblick desselben machten die Angekommenen eine
+unwillkürliche Bewegung nach rückwärts, und ehe ich es vermuthete, war
+das Feld geräumt.
+
+In später Nachmittagsstunde verließen wir Mitzima's Dorf, das Passiren
+mehrerer Schluchten nahm so viel Zeit in Anspruch und ermüdete die
+Zugthiere derart, daß wir noch diesseits des Spitzkopfes, in 1½ Meilen
+Entfernung von Mitzima, in der Nähe von drei kleinen Batlapinengehöften,
+Halt machen mußten.
+
+Ein in unserem Rücken aufsteigendes Gewitter hatte uns auf dieser Straße
+bange Sorge gemacht, denn ein halbstündiger Platzregen hätte genügt, um
+jede dieser Schluchten, die zu überwinden wir große Anstrengungen machen
+mußten, in einen reißenden und gefahrbringenden Regenstrom zu
+verwandeln. Unsere Ankunft bei den erwähnten Gehöften war trotz
+vorgerückter Abendstunde nicht unbemerkt geblieben, es stellte sich auch
+bald Besuch ein.
+
+Die Nacht, die wir hier zubrachten, war eine besonders helle und schöne,
+aber auch empfindlich kalte. Die Felsenbildungen am Abhange der Höhen
+glichen phantastischen Gestalten, deren dunkle Schatten weit in die
+Ebenen hinausragten. Der niedrige Spitzkopf schien einem Riesen gleich
+über uns Wache zu halten, aus der Nähe und Ferne klangen die hellen Töne
+der Batlapinengesänge zu uns herüber.
+
+Am nächsten Morgen tauschten wir von dem Ortsvorstande der naheliegenden
+Gehöfte einige Kürbisse ein und brachen weiter nach Norden auf. Je
+weiter wir den Hart-River hinaufzogen, desto fruchtbarer schienen mir
+die Gefilde des Batlapinenlandes zu sein. Namentlich erregten die
+kleinen Zuckerrohr-Pflanzungen auf den Feldern und in den Gärtchen mein
+Erstaunen. Was mir aber besonders auffiel, war, daß die Eingebornen
+diese Zuckerrohrart nicht anders benützen, als daß sie den unteren und
+mittleren saftreichen Theil des Stengels in kleine Stücke schneiden und
+zerkauen.
+
+Wir durchschritten zunächst eine baum- und buschlose Ebene, auf welcher
+mir namentlich ganz eigenthümlich geformte Termitenbauten auffielen.
+Diese Termitenbauten stellen statt der gewöhnlichen, manche der
+südafrikanischen Ebenen zu Tausenden bedeckenden halbkugel- und
+brodlaibförmigen bis 4 Fuß hohen Hügel, an dessem Rande zwei bis drei
+kleine Eingangslöcher in das Innere führen--eine aus der Erde
+hervorstehende bis zu 6 Fuß hohe und 3-10 Zoll im Durchmesser haltende
+gebrechliche, aus Thonerde und Sandkörnern mit Hilfe des Speichels der
+Thiere zusammengekittete Röhre dar. Wir beobachteten den Boden in einem
+Umkreise von 10-48 Fuß etwas wenig gehoben und meist kahl; aus der Mitte
+einer solchen Stelle erhoben sich in der Regel eine oder drei, doch auch
+mehrere nach oben zu offene Röhren, während im weiteren Umkreise die
+Anfänge zu solchen Röhren lagen, die oft in großer Menge als kleine
+kegelförmige nach oben zu geschlossene Erdaufwürfe zu Tage treten.
+
+Gegen Mittag hielten wir in der Nähe des Flusses und mußten uns mit dem
+sehr trüben Wasser begnügen, das wir in einigen Lachen in seinem Bette
+vorfanden, welches überdies durch das Eintreiben der Heerden von Seite
+der Eingebornen sehr verunreinigt worden war. Auch das mit diesem trüben
+Wasser bereitete Mahl wollte nicht munden. Während unseres Mahles kamen
+hoch auf gehörnten Saumthieren einige Batlapinen von einem der nahen auf
+einem kleinen Höhenrücken zu unserer Rechten gelegenen Dörfchen
+herbeigeritten. Sie sprangen ab und machten sich's in der Nähe unseres
+Feuers bequem. Die Saumthiere blieben, kaum abgesattelt, wie an die Erde
+angewurzelt stehen. Man kann sich des Lachens nicht erwehren, wenn man
+eine solche Batlapinengruppe heranziehen sieht; ohne angetrieben zu
+werden, eilen die Ochsen dahin, wie wenn sie miteinander um die Wette
+liefen. Die Nasenscheidewand ist an den Nüstern durchbohrt und ein
+Holzpflöckchen durchgesteckt, an welches, an beiden Enden
+eingeschnitten, ein etwa 2 Meter langer Riemen, der Zaum, befestigt ist.
+Ueber den Rücken des Thieres ist in der Regel ein Sack oder eine Decke,
+oder ein Stück Leder geworfen, welches den Sattel vorstellen soll. Zu
+beiden Seiten hängen Riemen mit eisernen oder ledernen Steigbügeln. Die
+Ankömmlinge zeigten sich sehr freundlich und einer derselben antwortete
+auf meine Frage, wie weit es noch nach Springbockfontein sei, schnell
+gefaßt, indem er auf die über uns stehende Sonne wies: »Wenn Ihr jetzt
+diese Stelle mit Eurem Wagen verlaßt, so werdet Ihr zur Zeit, wenn sich
+jener Gebieter da droben zur Ruhe gelegt, mit der klaren Fluth des
+Wassers, in dem die Springböcke ihren Durst stillen, auch Eure
+Wassergefäße füllen können.«
+
+Die nahen Mais- und Kürbißfelder boten mir Gelegenheit, meine Sammlungen
+zu bereichern, namentlich durch einige schöne Species von Sandkäfern
+(Cicindelidea). In meinem Eifer bemerkte ich nicht, daß ein Gewitter
+bereits dem Ausbruche nahe war, und erst als ein tüchtiger Regenschauer
+mich durchnäßte, eilte ich zum Wagen. Ein Blitzstrahl fuhr in diesem
+Momente einige hundert Schritte thalabwärts in einen der Maisgärten
+nieder; am Wagen angekommen, fand ich, daß meine Begleiter es
+unterlassen hatten, einige zum Trocknen an die Sonne gesetzte
+Pflanzenpräparate, sowie auch die an einem nahen Busche angelehnten
+Gewehre vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Der fremden Besucher
+saßen nur noch drei am halberloschenen Feuer, doch rückten sie nun, um
+etwas Schutz gegen den Regen zu suchen, auch näher an den Wagen heran.
+In den Wagen springend ersuchte ich meine Freunde, mir rasch die
+Pflanzen und dann die Gewehre zu geben.
+
+[Illustration: Unfall im Hart-Riverthale.]
+
+Einer meiner Begleiter hatte mir die ersteren gereicht, und war eben
+daran, mir auch die Gewehre zu übergeben, als ein Blitzstrahl in
+unmittelbarer Nähe hinter dem Wagen zur Erde niederfuhr. Ich hatte in
+diesem Momente das Gewehr mit der linken Hand am Laufende erfaßt, um es
+im Innern des Wagens an die gehörige Stelle zu legen (die Gewehre sind
+stets an der Innenwand des Wagens gebrauchsbereit angeschnallt). Durch
+den plötzlichen nahen Donnerschlag außer Fassung gebracht, ließ mein
+Freund das Kolbenende fallen, dabei hatte sich der eine Hahn (es war ein
+Doppellauf) an der Deichsel aufgespannt und als ich eben mit der
+Absicht, das Gewehr im Wagen zu bergen, dasselbe an mich heranzog,
+entlud sich der mit Hasenschrot geladene rechte Lauf. Ich weiß mich nur
+noch zu erinnern, daß in dem Augenblicke, wo der Blitzstrahl die ganze
+Umgebung grell beleuchtete, eine heftig auflodernde, von starker
+Detonation begleitete Feuererscheinung unmittelbar folgte. Ich fühlte
+heftigen Schmerz in der linken Augengegend, und theils durch den
+Schreck, theils betäubt von dem Schusse, verlor ich das Gleichgewicht
+und fiel vom Wagen herab. Meine Freunde hielten mich im ersten
+Augenblicke für todt, glücklicher Weise war meine Verwundung keine
+tödtliche. Die Schrote waren durch die linke Hohlhand von unten nach
+aufwärts gegangen und hatten die linke Schläfe so gestreift, daß sie die
+Hutkrämpe durchbohrt und die so erzeugten Löcher in derselben mit meinen
+Haaren ausgefüllt hatten.
+
+Da jedoch der Schuß in solcher Nähe der linken Gesichtshälfte abgefeuert
+worden war, so war auch das Aeußere des linken Auges bedeutend verletzt.
+Ich blieb auf zwei Tage auf diesem Auge vollkommen blind und litt noch
+vierzehn Tage an einer äußeren Augenentzündung. Unmittelbar nach dem
+Schusse waren auch die Eingebornen aus ihrem Verstecke gesprungen und
+wunderten sich nicht wenig über das Ereigniß, das sich vor ihren Augen
+abgespielt hatte. Im Momente desselben war ein Batlapinengreis zu dem
+Wagen herangekommen, der bei seiner Annäherung auch ein Zeuge dieser
+Scene gewesen. Bevor meine Freunde noch eingespannt hatten, um
+wenigstens noch an diesem Tage Springbockfontein zu erreichen, kamen
+noch einige Eingeborne zu Besuch, wovon einer, der Anrede nach zu
+schließen, der Sohn des alten Mannes zu sein schien, und von diesem
+folgende weise Ermahnung erhielt: »Sieh hinein in den Wagen, dort liegt
+ein todter »Bas« (Gebieter, Meister). Mein Herz sagt es mir, daß es ein
+sehr böser Mann gewesen sein mußte, denn als er vorne am Wagen stand,
+und seine Freunde, die ihm langsam die Gewehre reichten, mit lauten
+zornigen Worten schalt, da schlug ihn »Morena« (der Herr der Wolken) mit
+Donner und Blitz, so daß er vom Wagen herabrollte, und wenn er nicht
+schon todt ist, gewiß nicht mehr lange Mais essen und das Zuckerrohr
+aussaugen wird.«
+
+Obwohl Springbockfontein nicht mehr weit entfernt war, mußten wir es mit
+Rücksicht auf meinen Zustand aufgeben, denselben Abend noch hinzukommen.
+Die Erschütterungen des Wagens verursachten mir die heftigsten
+Schmerzen. Nach zweistündiger Fahrt machten wir auch Halt.
+
+Am folgenden Vormittage erreichten wir die sogenannte Ansiedelung der
+Weißen, welche aus mehreren Zelten und Schilfhütten bestand und von vier
+holländischen Familien, Flüchtlingen aus der Transvaal-Republik, bewohnt
+waren, die wahrscheinlich Schulden halber ihre früheren Wohnsitze
+verlassen hatten.
+
+Ich fand ähnliche Ansiedelungen auch in den anderen Betschuanaländern,
+deren Bewohner sich meist theils durch die Jagd, theils als Gerber,
+Holzschläger oder als Händler ernähren. Im Allgemeinen führen diese
+Menschen ein elendes Dasein und gehören wohl zu dem ungebildetsten
+Theile der holländischen Bevölkerung in Süd-Afrika. Ihre Lage ist
+furchtbar, wenn sie, von Krankheiten heimgesucht, ohne Rath und Mittel
+darnieder liegen.
+
+Die Springbockquellen sind sehr schwach und durchfließen einen kleinen
+Morast, bevor ihr Wasser den Hart-River erreicht; in dem kleinen Moraste
+fand ich die gewöhnliche südafrikanische Wasserschildkröte zahlreich
+vertreten.
+
+Am folgenden Morgen, als ich mich etwas besser fühlte, verließen wir den
+Ort und zogen thalaufwärts weiter; ich hatte im Sinne, das Gebiet des
+damals noch unabhängigen Batlapinenfürsten Gassibone zu bereisen; leider
+hatten uns die an den Quellen wohnenden Holländer eine falsche Richtung
+angegeben, was wir erst spät Abends von zwei vorübergehenden Eingebornen
+erfuhren. Unsere Reise an diesem Tage war eine recht beschwerliche, wir
+zogen theils durch sehr dichtes Buschland, theils über sandigen Boden,
+und mußten sehr oft halten und den Thieren Rast gönnen. Je weiter wir
+nach Nordosten vordrangen, desto waldreicher schien die Gegend, d.h. das
+Land war mit schwachen Beständen von Kameeldornbäumen bedeckt.
+
+Nach und nach hatten wir uns vom Hart-River entfernt und mußten, nachdem
+wir von den beiden vorübergehenden Eingebornen die wahre Richtung von
+Gassibone's Stadt erfahren, denselben Weg bis zu dem Hart-River
+zurückgehen; reichliche Jagdbeute entschädigte uns indeß für diesen
+Zeitverlust.
+
+Wir schlugen nunmehr eine ostsüdöstliche Richtung ein und zogen quer
+durch den Wald nach der das Hart-Riverthal im Osten begleitenden
+Höhenkette, an welcher der Hauptkraal Gassibone's liegen sollte. Der Weg
+war einer der beschwerlichsten, die wir auf der ganzen Reise
+zurückzulegen hatten, und erheischte die größte Vorsicht, um Wagen und
+Gespann vor Schaden zu behüten. Anfangs führte derselbe durch ein
+monotones Buschland, später durch einen Mimosenwald, in dem uns einige
+Batlapinen, Unterthanen Gassibone's, begegneten, die uns in freundlicher
+Weise den kürzesten Weg nach des Häuptlings Kraal zeigten. Ueber eine
+tiefe Einsattelung im Höhenrücken gelangten wir nun in ein
+kesselförmiges Thalbecken; im Hintergrunde, da wo mehrere Höhenzüge
+sternförmig zusammenstießen, lag theilweise in dem Hauptthale, theils in
+einem der einmündenden Querthäler, die Stadt Gassibone's. Das Hauptthal,
+vor dessen Eingang wir standen, war ziemlich gut angebaut.
+
+Der lange beschwerliche Ritt hatte uns alle ziemlich abgespannt, ich
+beschloß daher, da der Kraal des Häuptlings noch ziemlich entfernt lag,
+hier das Nachtlager aufzuschlagen.
+
+Früh Morgens ließen wir die Thiere grasen und dann ging es aufwärts nach
+Gassibone's Residenz. In den Maisgärten waren schon die Frauen emsig
+beschäftigt und die Jungen trieben nach allen Richtungen hin die Heerden
+in die Berge auf die Weide. Es war ein schöner warmer Morgen und die
+gesammten Mitglieder der Expedition (Weiße und Farbige) im besten
+Humor.--Der volle Titel des Königs dieses Batlapinenlandes, der sich
+zwei Jahre später der Transvaal-Republik freiwillig unterwarf,
+gegenwärtig aber, seit der Annexion derselben durch die Engländer, ein
+englischer Unterthan wurde, ist Morena Botlazitse Gassibone. Seinem
+Charakter nach ist er ein Mann, der vielen Lastern, besonders aber dem
+Trunke ergeben ist. Die Häuser der Stadt zeigten denselben Charakter wie
+jene Lekatlongs, die Stadt mochte ungefähr 2500 Einwohner zählen. Meine
+Absicht war, von der Stadt aus eine südliche Richtung nach dem
+Vaal-River zu nehmen und dann nordöstlich nach der Transvaal-Provinz
+vorzudringen. Da in dieser Richtung kein Weg nach derselben führte, so
+sandte ich zum König um einen Wegweiser und betraute mit dieser Mission
+den hoffnungsvollen F., der überdies den Auftrag erhielt, vom König
+einige Töpfe Milch zu erstehen. Um dem Ueberbringer meiner Botschaft
+mehr Ansehen zu verleihen, wurde ihm ein Revolver um den Leib gehängt
+und ein Paar hohe Stiefel angezogen. F. fühlte sich durch die Mission so
+geehrt, daß sein ganzes Gesicht mit dunkler Röthe überzogen war und
+seine Augen leuchteten, seine imponirende Haltung flößte nicht nur den
+Eingebornen, die ihm begegneten, demuthsvolle Scheu ein, sondern gewann
+ihm auch das zuvorkommendste Benehmen Seiner schwarzen Majestät, so daß
+dieser nicht nur seiner Bitte um Ueberlassung einiger Töpfe Milch zu
+willfahren versprach, sondern sich auch noch erbot, mir für einen
+zweiten Shilling einen Führer zur Verfügung zu stellen, der uns durch
+die Schluchten auf die freie Ebene bringen sollte. Ja der Fürst ging
+noch so weit, um dem martialisch aussehenden Jüngling einen Ausdruck
+seines besonderen Wohlgefallens zu geben, daß er ihm von dem Gerichte
+anbot, mit dem eben eine seiner Königinnen ihren Batlapinen-Appetit
+stillte.
+
+Die cylindrische, etwa 5 Meter im Durchmesser haltende und bis zum
+Giebel des kegelförmigen Daches etwa 3 Meter hohe Hütte war durch einen
+Mimosenbaum gestützt, der bis zur Höhe des Daches reichte. Am Fuße
+dieser Säule saß die erwähnte schwarze Schönheit in ein europäisches
+Kattunkleid gehüllt und auf ihrem Schooße hielt sie eine Holzschüssel,
+gefüllt mit einem beliebten Batlapinengerichte. Unser wackere Herold
+wollte, nachdem er des Königs Antwort durch meinen Diener, der ihm als
+Dolmetsch beigegeben war, erfahren, vom Anerbieten Gebrauch machen, und
+griff mit voller Hand zu. Erschreckt zog er die Hand zurück, denn die
+Schüssel enthielt getrocknete Heuschrecken, nach deren Genuß es unserem
+Freund durchaus nicht gelüstete. Zum Wagen zurückgekehrt, versicherte
+F., ähnliche Gesandtschaftsdienste zu anderen Betschuanakönigen nicht
+mehr annehmen zu wollen.
+
+Die königliche Hütte war inwendig mit Thonerde überschmiert und der
+Boden glatt cementirt, an den Wänden hingen ringsum auf Pfählen aus den
+Fellen des Proteles, des grauen Fuchses, des Schabrakenschakals und der
+schwarzgefleckten Genetta gearbeitete Carossen. Dem Eingange gegenüber
+hing an der Säule ein amerikanischer Hinterlader; auf der Erde längs der
+Wand lagen Schaf- und Ziegenfelle ausgebreitet--die primitiven
+Ruhebetten. Während des Gespräches mit F. hatte Gassibone sich
+entschuldigt, daß die Kürbisse auf den Feldern noch nicht reif seien,
+und daß er mir auch kein Fleisch übersenden könne, weil seine Heerden
+der Wassernoth halber am Vaal-River weideten. Ich konnte mich auch
+späterhin überzeugen, daß es zu jener Jahreszeit im Jahre 1873 zwischen
+dem Vaal- und Hart-River kein trinkbares Wasser gab. Selbst in
+Gassibone's Stadt floß die Quelle so spärlich, daß sie fortwährend von
+Batlapinenfrauen umlagert wurde und blos eine nach der andern zum Wasser
+gelangen konnte. Als unser Diener zur Quelle kam, wurde er von den
+Frauen so angeschrieen, daß er es vorzog, sich schleunigst mit dem
+leeren Eimer zurückzuziehen. Uns blieb nichts übrig, als uns welches von
+den Eingebornenfrauen zu kaufen oder uns mit einer entsprechenden Menge
+einer mispelartigen, wildwachsenden Obstart zu versehen, um unseren
+Durst zu stillen.
+
+Im Allgemeinen schien es mir, daß diese Batlapinen ihr Oberhaupt nicht
+besonders respectiren. In den letzten Jahren (seit dieser ersten meiner
+Reisen) kam es zwischen Gassibone einerseits und Mankuruan und Jantsche
+andererseits zu Reibungen, welche größtentheils auf zwei Gründen
+beruhten: erstens behauptete Gassibone wie Mankuruan, daß jeder der
+Paramontchief (oberster Fürst oder der eigentliche König) der Batlapinen
+sei, zweitens bewies sich Jantsche wie Mankuruan den Engländern und
+Missionären gewogen, während Gassibone gegen dieselben eingenommen, den
+Holländern stets gewogen war. Darum trat er auch sein Land an die
+Transvaal-Republik ab, als Mankuruan daran dachte, sich der englischen
+Regierung zu unterwerfen. Als nun die Transvaal-Republik von den
+Engländern annectirt wurde, belästigte er die holländischen Boers, die
+er nunmehr als englische Unterthanen haßte, derart, daß gegen ihn ein
+Commando abgesendet werden mußte, dem gegenüber er sich ebenso feig als
+vorher prahlerisch bewies.
+
+[Illustration: Mein Gesandter bei König Gassibone.]
+
+[Illustration: Batlapinen bei der Arbeit.]
+
+Wie in allen Eingebornendörfern hatten wir auch hier eine Belagerung von
+Seite der Eingebornen auszuhalten, die an Lärm nichts zu wünschen übrig
+ließ; es wurde geschrieen, gesungen und gelacht, dabei Tauschhandel
+getrieben, alte und frische Raubthierfelle, Ziegen- und Ochsenhäute,
+Holzlöffel und stumpfe unbrauchbare Assagayen, Mais und unreife
+Kürbisse, geröstete Heuschrecken und Honig zum Kaufe angetragen. Der
+Eine bettelte, der Andere bat, ein Dritter klagte, daß ihm alles
+mögliche fehle, dazwischen kreischte eine weibliche Stimme, ob ich auch
+ein Medicinmann sei, wie ihr einer meiner Diener berichtet, sie wolle
+eine Medicin kaufen, welche ihr zu einem Kinde verhelfen würde; sie
+hätte weder Sohn noch Tochter. »Ich habe aber einen Mann und mehrere
+andere Frauen wohnen in demselben Gehöfte und die haben Kinder, aber ich
+keine.« Je bereitwilliger man sich aber diesen Leuten gegenüber zeigt,
+desto ärger und unverschämter werden sie in ihren Forderungen; je
+zurückhaltender man ist, ohne jedoch barsch mit den Leuten zu verfahren,
+desto bessere Resultate erzielt man.
+
+Nachdem wir etwas Mais von den Leuten erstanden, machten wir uns auf den
+Weg. Unsere Frage, ob wir unsere Fässer mit Wasser füllen sollten,
+verneinte der uns vom Könige mitgegebene Führer mit der Bemerkung, wir
+würden an vielen Stellen des Wegs hinreichend Wasser antreffen. Da wir
+den Mann als Führer erhielten, glaubten wir ihm vollkommen trauen zu
+dürfen, allein wir wurden bitter enttäuscht. Wir fanden auf der ganzen
+Strecke zum Vaalflusse kein Wasser, und hatten, da wir diesen und den
+folgenden Tag in brennender Sonnenhitze reisen mußten, viel Durst zu
+leiden. Das Land zwischen Gassibone's Stadt und dem Vaalflusse ist eine
+einzige Hochebene, theilweise bewaldet und bebuscht, theilweise, und
+namentlich in feuchten Jahren, hochbegrast.
+
+Auf dieser Ebene dahinziehend, fiel uns ein eigenthümlicher grauer sich
+rasch nähernder Wolkenstreifen auf, der den westlichen Horizont
+bedeckte. Je näher er kam, desto mehr ähnelte er von der Erde
+aufsteigenden, stellenweise dichteren Rauchsäulen. Es war eine
+Heuschreckenwolke. Diese Wanderheuschrecken erscheinen oft während der
+südafrikanischen Sommerszeit in meilenlangen Schwärmen, alles Grün in
+der Vegetation vernichtend, wo sie einfallen. Ihr Flug ist aber ein
+ununterbrochenes Einfallen, d.h. während sich der eine Theil zum Fraße
+niederläßt, fliegen die bereits gesättigten Thiere über die Ersteren
+hinweg, so lange, bis sie der Hunger zum abermaligen Niederlassen
+zwingt.
+
+Unser Führer bezeichnete uns in der grasreichen Ebene, in der ich zehn
+Monate später durch einen Brand beinahe eine aeronautische Excursion
+unternommen hätte, eine binsenreiche, durch einen hohen Kameeldornbaum
+gekennzeichnete Stelle in genau südlicher Richtung, wohin wir gegen
+Sonnenuntergang kommen und Wasser finden sollten. Als wir jedoch am
+Nachmittag an Ort und Stelle waren, fanden wir eine sehr seichte, bis
+auf einige wenige, kaum je einen Becher Wasser enthaltende Stellen,
+vollkommen ausgetrocknete Regenlache. Wasser konnte man es eigentlich
+nicht nennen; es war vielmehr ein grünlich-dickes reichlich mit
+Kaulquappen, Insectenlarven und Infusorien versetztes und stark nach
+Ammoniak riechendes, wässeriges Fluid. Es bedarf wohl keiner besonderen
+Versicherung, daß uns bei dem bloßen Gedanken an den Genuß dieses Fluids
+anfänglich Ekel erfaßte, allein der Durst besiegte schließlich alle
+Bedenken. Die Flüssigkeit wurde aus einigen der Löcher mit einem Löffel
+geschöpft und damit eine Serviette gefüllt, in der sicher Millionen von,
+dem bloßen Auge unsichtbaren und eine Unzahl von handgreiflichen
+thierischen Gebilden herumtummelte, und das Wasser mühselig
+durchfiltrirt. Das ganze Experiment ergab etwa 1½ Becher einer
+dicklichen Flüssigkeit, welche Menge in fünf gleiche Theile getheilt
+wurde.
+
+Nach einer zweistündigen Rast, während welcher wir trotz brennenden
+Durstes keinen zweiten Filtrirungsversuch machten, brachen wir wieder
+auf. Im selben Maße als wir uns dem Vaalflusse näherten, schwanden die
+Büsche und Bäume, das Gras wurde niedriger--ein ausgezeichneter
+Weideplatz für große Heerden. Wir sahen nichts von den Gnu's und
+Gazellen, die wir nach der Angabe der Bewohner von Gassibone's Residenz
+auf der genannten Strecke hätten finden sollen; wir begegneten nur
+wenigen Batlapinen, welche blos mit Stöcken bewaffnet und von mehreren
+afrikanischen Windhunden begleitet, auf Niederwild jagten.
+
+Tags darauf, als sich die Sonne bereits hinter dem bewaldeten
+Freistaatufer des Vaalflusses zu bergen begann, wurden wir von einem
+kleinen Batlapinenjungen, der auf der weiten Grasebene Ziegen hütete,
+auf die bewaldeten Hügel aufmerksam gemacht, hinter welchen sich der
+Fluß hinschlängelte. In der angegebenen Richtung sahen wir einige
+Hütten, wo Gassibone's Viehhüter wohnten, welche Früh und Abends die auf
+der Ebene weidenden Rinder nach dem Flusse zur Tränke zu führen hatten.
+
+Der Vaal-River gehört unstreitig zu einem der trügerischesten Flüsse
+Süd-Afrika's. Seine Ufer, weniger sein Bett, sind so schlammig, daß die
+zur Tränke gehenden Zugthiere einsinken und eines elenden Hungertodes
+sterben; und dies namentlich ältere Thiere, welche der längs des Flusses
+fahrende Gespann- und Wageninhaber (Rider) wegen Abmattung an einer oder
+der anderen Stelle bis zu seiner Rückkehr von der eben unternommenen
+Geschäftsreise oder bis zu einem vielleicht mehrere Monate später
+erfolgenden Besuche zurücklassen muß. Auch ich machte mehrmals bittere
+Erfahrungen in dieser Hinsicht.
+
+Während sich meine Begleiter daran machten, die Tränkestelle der
+Batlapinenrinder aufzusuchen, wandte ich mich mit dem Gewehre
+stromabwärts, um einige Wildenten für unsern Nachtimbiß zu erhaschen. Es
+wurde allmälich dunkel. Ich trat so leise wie nur möglich, auf den
+härteren Bodenstellen blos mit den Fußspitzen auf, und wo ich vor mir
+trockene Büsche an dem steilen Uferabhange zu berühren glaubte, da
+beugte ich mich nieder, um sie zu beseitigen und so jedes Geräusch durch
+ein Zertreten derselben zu vermeiden. Da, ein lautes Geschnatter--mir
+schon bekannt--zu meiner Linken, dann ein schwerer Flügelschlag und über
+das Wasser stromabwärts bewegten sich zwei der ersehnten Wildgänse
+(Chenalopa). Unwillkürlich knieete ich nieder, um desto besser sehen und
+dem Flügelschlage lauschen zu können; die tiefe über dem schönen hier so
+ruhig, so langsam dahinfließenden Strome herrschende Stille durch einen
+Schuß zu unterbrechen, schien mir ein Frevel zu sein. Der breite Fluß
+schimmerte matt vor mir nach dem Westen zu, wie ein riesiges, glänzendes
+Band; und in der Seele tauchte--unbewußt und ungesucht--ein ähnlich Bild
+aus weiter, weiter Ferne auf! Ein schönes, fast ähnliches Band, das den
+Fuß des Mittelgebirgs umsäumt, und an dem ich so manchen Abend und
+manche Nacht fischend durchgeträumt! In seiner Nähe, aus einem kleinen
+bescheidenen Häuschen, pflegte ein Licht in die dunkle Nacht mir
+entgegen zu schimmern!--Schimmert es nun auch jetzt,--wo ich hier in der
+Abendstille am Ufer eines afrikanischen Stromes weile? O, theures
+Vaterherz, o, liebe Mutter denkt ihr meiner?--Zürnet nicht, daß ich euch
+verlassen, ich komme wieder und dann ist ja Alles gut!--Und so saß ich
+stundenlang unter den hohen Weiden am Ufer des Garip. Nur undeutlich
+hoben sich die schattigen Bäume am Horizonte des jenseitigen Ufers ab.
+
+Ich machte mich endlich auf den Heimweg. Die Dunkelheit erschwerte mir
+diesen Versuch mehr als ich dachte. Oft stieß ich mit dem Kopfe an einen
+quer gegen den Fluß reichenden Ast der Trauerweide oder ich stolperte
+über ihre Wurzeln. Einige Eulen schienen wohl am jenseitigen Ufer eine
+Meerkatzenheerde aufgeschreckt zu haben, denn zuerst plötzlich und
+mehrstimmig, dann nur in Pausen scholl das kurze, schwache Geschrei der
+Meerkatzen zu mir herüber, welche die Gipfel der höheren Bäume zu ihrem
+Nachtlager gewählt haben mußten. Mehrmals überraschte mich auch ein
+plötzlicher Fall in's Wasser, es waren flüchtende Wasserleguane
+(Polydaedalus), riesige, fünf Fuß und darüber lange Eidechsen, welche
+die Uferlehnen nach Mäusen, Kerbthieren etc. durchsuchend, geräuschlos
+bei meiner Annäherung bis an das Wasser geschlichen und dann plötzlich
+untergetaucht waren. Diese Riesenechsen wählen sich meist ein stetig
+oder wenigstens periodisch fließendes Gewässer zu ihrem Aufenthaltsorte,
+sowohl in der Nähe menschlicher Wohnungen als auch in der Wildniß. Ihr
+Gebiß ist für Thiere, die größer als ihr Schlund sind, ungefährlich,
+allein sie haben eine gewaltige Kraft in ihren Kiefern und eine noch
+bedeutendere in ihrem langen Ruderschwanze, der ihnen namentlich beim
+Fange von Wasserthieren von sehr großem Nutzen ist. Ein solcher Leguan
+wartet in der Regel am Rande eines Baches, flach auf der Erde oder auf
+einem überhängenden Baumstamme platt liegend, wie ein Stück Holz, so daß
+man ihn kaum bemerkt, und oft stundenlang unbeweglich auf Beute. Nichts
+verräth in dem dunkelbraunen Thiere, dessen Schuppenleib von zahlreichen
+grünen und gelblichen Querstreifen bedeckt ist, Leben, als die winzigen
+Augen, die sich ununterbrochen öffnen und schließen, bis sie eine
+nahende Beute erspäht und dieser ihre Aufmerksamkeit zollen. Mäuse,
+Frösche und Kerbthiere und alles was er bewältigen kann--also was unter
+Säugethieren die Größe einer Ratte, unter Vögeln die Größe eines Huhnes
+etc. erreicht--wird seine Beute. Eine besondere Vorliebe scheint er für
+Krabben und Eier zu haben. Doch glaube ich, daß jene Vorliebe für das
+Krabbenessen, die wir häufig beobachten konnten, eigentlich nur ein
+Gebot der Nothwendigkeit ist und daß die Echse nur aus Mangel an anderer
+Beute dieses durch ganz Süd-Afrika und auch weit nach dem Norden zu
+vorkommende Krustenthier aus seinen Löchern herausholt. An solchen
+Bächen und Flüssen werden wir eine Menge der zerkauten Schalenüberreste
+gewahr, so daß wohl eine beträchtliche Zahl von Krabben für die
+täglichen Mahlzeiten des schuppigen Wasserbewohners nothwendig sein mag.
+An fließenden Gewässern mit hochbegrasten Ufern liegende Gehöfte haben
+von den Leguanen viel zu leiden, weil sie nur zu gerne die Hühnerställe
+besuchen und dem Menschen das Einsammeln der Eier ersparen. Ja, sie
+gehen in dieser Vorliebe auch so weit, daß sie sogar hohe Bäume
+erklettern, um nach Vogelnestern zu fahnden, wie ich dies in der
+Missionsstation Limkana am Matebe-Flüßchen beobachtete. Doch werden sie
+im Baumklettern von ihren nahen Verwandten, den Landleguanen, bedeutend
+übertroffen. Ich fand die Wasserleguanen von der südlichen Meeresküste
+bis in das Marutse-Reich verbreitet. In Flüssen, wo sich Krokodile
+vorfinden, bewohnen sie die Stromschnellen, weil diese von den ersteren
+gemieden werden.
+
+Nächst dem Wasserleguan finden wir auch in Süd-Afrika eine ähnliche,
+doch nie im Wasser lebende Species, den schon nebenbei erwähnten
+Landleguan. Diese Art ist breiter gebaut, unbeholfener, hat einen
+bedeutend kürzeren Schwanz als jene und wird im Ganzen 4-5 Fuß lang. Man
+findet sie auf grasarmen wie auf hochbegrasten Ebenen, in Felsenpartien,
+in Gebüschen, wie auch in Wäldern. Sie suchen kleine Vögel, Mäuse,
+Ratten, Asseln und Insecten zu ihrer Nahrung auf, auch das Nestausnehmen
+ist ihnen eine beliebte Sache und die Bäume sind für sie das, was für
+die Polydaedalus das flüssige Element ist. Wittern sie Gefahr, so
+klettern sie rasch auf ihren luftigen Wohnsitz und legen sich dann flach
+auf einen der Queräste nieder; sind sie jedoch am Boden, so verkriechen
+sie sich rasch in ein verlassenes Erdthierloch, oder wenn sie diese
+Zufluchtsstätte nicht finden, versuchen sie es, sich an den Boden
+anzuschmiegen und bewegungslos zu verharren. So wie man sie jedoch
+berührt, kommt plötzlich Leben in die anscheinend schlafenden Thiere.
+Sich aufrichtend, strecken sie sich, fauchen laut, und schreiten langsam
+und gravitätisch--man möchte sagen, blos auf ihren Nagelspitzen einher;
+ebenso dick als sie uns früher, auf der Erde liegend, erschienen, ebenso
+dünn und zu wahren Gerippegestalten werden sie nunmehr. Im Unterleibe
+dieses Pachysauriers trifft man eine reiche lappige Fettansammlung,
+welche von mehreren südafrikanischen Eingebornenstämmen als Heilmittel
+für verschiedene Krankheiten gebraucht wird.
+
+Erst gegen Mitternacht war ich wieder zu meinen Begleitern am Wagen
+zurückgekehrt, welche durch mein langes Fernbleiben beunruhigt,
+wachgeblieben waren.
+
+Am folgenden Morgen brachen wir, nachdem wir uns die Wohlthat eines
+Bades im Vaalflusse gegönnt, in ostnordöstlicher Richtung nach der
+Transvaal-Republik auf. Eher als ich es erwartet, stießen wir schon nach
+zweistündiger Fahrt auf einige Gebäude am rechten Vaalufer. Näher
+kommend fanden wir ein längliches Ziegelhaus mit Eisenblech bedeckt,
+einen zweiten aus Erde und Pfählen aufgeführten Kunstbau, der jeden
+Augenblick einzustürzen drohte und ein drittes aus gebrannten
+Backsteinen erbautes Häuschen mit flachem Dache. Diese an drei
+verschiedenen Enden der ausgemessenen, zukünftigen Stadt aufgeführten
+»Gebäude«, 2 Zelte und 13 Korannahütten, bildeten im Jahre 1872 das
+Häusermeer der westlichsten der Städte der Republik, das später durch
+die Unruhen im Lande Gassibone's und unter den nahe anwohnenden
+Koranna's in Süd-Afrika ziemlich bekannt gewordene Christiana. Das
+erstgenannte Haus war die Wohnung des Landdrostes und zugleich das
+Comptoir der höchsten Civil- und Militärgewalt des Districtes Bloemhof,
+in dem zweiten kleinen, mit flachem Ziegeldach bedeckten war ein
+Kaufmannsladen und in dem baufälligen Hause wohnten, wenn ich nicht
+irre, der Sheriff, ein Notar etc. In dem einen Zelte die dem Sheriff
+unterstehende Polizeiarmee für die Städte Christiana und Bloemhof und
+für den ganzen District--in Summa _ein_ Schwarzer. In dem zweiten Zelt
+hatten sich ein paar Maurer einlogirt, welche ein öffentliches Gebäude,
+ich glaube ein fensterloses Gefängniß, errichten sollten.
+
+Seit jener Zeit meines ersten Besuches der Transvaal-Provinz hat sich
+auch in Christiana viel und zum Bessern verändert, so daß das Städtchen
+gegenwärtig an Bedeutung mit Bloemhof rivalisirt, welches im Jahre 1876
+etwa 30 Häuser zählte. Die rasche Entwickelung Christiana's ist,
+abgesehen von der günstigen Lage der Stadt auf der aus Griqualand nach
+der Transvaal-Provinz führenden Straße, wesentlich ein Verdienst seines
+Landdrostes, dessen Bekanntschaft ich zu machen später das Vergnügen
+hatte, und ich kann nur sagen, daß er unter der Republik seiner
+schwierigen Stellung als Grenznachbar mehrerer unruhiger
+Eingebornenstämme in der besten Weise gerecht wurde, so daß er selbst
+nach der Annexion von Seite der Engländer in seinem Amte belassen wurde.
+
+Als ich damals, im Jahre 1873, dem mich am Wagen besuchenden Kaufmann
+(Kaufmann, Großhändler, Waffenschmied, Hotelbesitzer, Fleischer und
+Bäcker zugleich) mein Erstaunen an den Tag legte, daß sich in Christiana
+die Gesetzeskraft blos auf einen Polizisten stützen könne und man auch
+kein »Arrestlocal für gemeingefährliche Individuen« besäße, antwortete
+mir der Mann (der Nationalität nach ein Deutscher), daß man kein
+Gefängniß brauche, da es keinen Sträfling gebe. Die Einnahmen des
+Landdrostamtes von Christiana waren damals noch so klein, daß man schon
+an und für sich nicht darauf erpicht war, »Gefangene« zu machen; aber
+hätte man auch einen »Vogel« ertappt, wo hin mit ihm? Der Herr Notar
+konnte ihn unmöglich zu sich in sein Zimmer nehmen, er theilte es ja mit
+dem Sheriff, aus dem Zelte wäre er mühelos entwischt, ihn im Hause des
+Kaufmannes unterzubringen, ging auch nicht an, hier wäre ihm die
+Versuchung zu nahe gelegen, sich für die Flucht noch mit Proviant gratis
+zu versehen. Das waren alles wichtige Momente, die man berücksichtigen
+mußte, zudem hatten die Boers es gewöhnlich dem Herrn Landdrost
+erleichtert, daß sie den Schuldigen unter ihrem »Volke« (schwarzen
+Dienern) den Schambock (Hippopotamos-Peitsche) zu verkosten gaben,
+sobald sich einer eines Diebstahls etc. zu Schulden kommen ließ, und
+wobei jede Mühe (das Transportiren des Diebes zum Gerichte und die
+Tagfahrten) sowie Geld (all' die mit dem gerichtlichen Verfahren
+verbundenen Kosten) erspart wurden.
+
+Wir hatten unser Lager unmittelbar am Ufer des Vaal aufgeschlagen, das
+hier ziemlich hoch ist und einen guten Einblick in die zahlreichen
+Inseln und Stromschnellen des Flusses gewährt. Unstreitig ist die
+Flußscenerie bei Christiana recht interessant und für den Ornithologen
+ein Besuch der Inseln sehr lohnend. Ich habe hier die prachtvollen,
+langschwänzigen Mandelkrähen an ihrer südlichsten Verbreitungsgrenze
+beobachtet.
+
+Auch in Christiana wurden Diamanten gesucht, doch nur spärlich gefunden.
+
+Am nächsten Tage (13. März 1873) verließen wir die »Stadt« und zogen
+weiter flußaufwärts nach Bloemhof. Die zwischen beiden Städten sich
+erstreckende Gegend gehört zu den kahlsten und ödesten des
+Transvaal-Gebietes und trägt ganz den Charakter einer Karoo-Ebene. Zu
+dem trostlosen Anblicke des Transvaalufers bildet das jenseitige
+Freistaatufer einen scharfen Contrast. Dichte Kameeldornbäume bedecken
+das Ufer auf weite Strecken hin und in den Fluthen des Vaal spiegeln
+sich zahlreiche Farmen ab, welche seine Gelände säumen.
+
+[Illustration: Gefährlicher Nachtmarsch.]
+
+Von Wild sahen wir blos drei flüchtige Springbockgazellen, einige der
+kleinsten Zwergtrappen und an den kahleren, felsigen Stellen
+Erdeichhörnchen und Scharrthiere (Rhyzaena), die letzteren in großer
+Menge, 15-20 je einen Bau bewohnend. Kaum hatten sie das Wagengerassel
+gehört, eilten sie schon von ihren nicht weit vom Baue unternommenen
+Ausflügen, die ersteren um nach Wurzeln, die letzteren um nach Käfern,
+Larven, Scorpionen etc. zu graben, zu ihrem Baue zurück. Sie sind nicht
+besonders behend im Laufen und können leicht von einem Hunde, wenn sie
+auch vor ihm einen bedeutenden Vorsprung haben, eingeholt werden. Beim
+Laufen halten sie in der Regel den Schweif hochgehoben, die Eichhörnchen
+ihre Fahne entfaltet: letztere kehren sich nicht eher um, als bis sie
+über ihren Löchern sitzend, noch einmal nach dem Störenfried ausschauen,
+während die Scharrthiere sich oftmals umsehen, stehen bleiben und dabei
+verdrießlich knurren. Während die ersteren scheue und furchtsame Thiere,
+sind die Rhyzaena als Raubthiere muthig und vorsichtig. Von jenen
+beobachtete ich nur eine, von den letzteren mehrere Arten. Da, wo ich
+die Erdeichhörnchen auf der Reise nach Norden zu vermissen begann und wo
+die prairienartigen Ebenen dem Walde wichen, wurden diese Thierchen
+durch eine kleine, gelbbräunliche, auf Bäumen lebende Art ersetzt. Die
+Eingebornen, mit Ausnahme der Hottentotten, essen das Fleisch beider
+Thiere.
+
+Am Nachmittag des 15. März gelangten wir nach Bloemhof, welches damals
+blos aus einer Straße bestand und das uns zu keinem Aufenthalte
+einladend erschien; die Scenerie ringsum bot ein dürftig-trauriges Bild,
+seitdem jedoch hat das Städtchen zusehends gewonnen.
+
+Seitdem wir Klipdrift verlassen hatten, war uns fast ausnahmslos
+heiteres schönes Wetter hold gewesen, doch kaum hatten wir Bloemhof im
+Rücken, als sich der Horizont immer mehr zu umwölken begann. Mit der
+zunehmenden Dunkelheit wurde es durch das inzwischen losgebrochene
+Unwetter rings um uns so schwarz, daß wir auf 20 Schritte nicht sehen
+konnten und ich bedauern mußte, nicht im Weichbilde der Stadt
+übernachtet zu haben. Anfangs gingen wir vor dem Gespann, da der das
+Leitpaar am Riemen führende Koranna behauptete, den Weg vor sich von dem
+gleich dunkel aussehenden Boden zu beiden Seiten nicht hinreichend
+unterscheiden zu können. Der heftige Regen, der uns durchnäßte, im
+Verein mit dem kalten Winde, trieb uns jedoch in den Wagen hinein;
+hundert Schritte weiter und die Zugthiere blieben stehen; sie glitschten
+fortwährend aus, was mich auf den Gedanken brachte, daß wir vielleicht
+vom Wege abgekommen, auf einen Abhang gelangt waren, und dann konnte
+dies nur nach dem Flusse zu sein. An eine Fortsetzung des gefährlichen
+Nachtmarsches war unter solchen Umständen nicht zu denken, wir mußten
+hier das Morgengrauen abwarten.
+
+Die Recognoscirung unseres unfreiwilligen Lagerplatzes führte zu einer
+Entdeckung, die mich tief erschreckte. Als ich den Wagen im strömenden
+Regen zum zweiten Male, diesmal in einem etwas größeren Radius umging,
+schien es mir, als wenn sich etwa 20 Schritte vor den Zugthieren eine
+dunkle Stelle befände. Mir däuchte es ein Erdloch, und so holte ich den
+»Triber« (sprich Trajbr) herbei, um gemeinschaftlich bei der Helle des
+nächsten Blitzes die Stelle zu untersuchen. Das erwünschte natürliche,
+elektrische Licht blieb auch nicht lange aus und wir sahen zu unserer
+Ueberraschung eine Regenschlucht, die zu dem Flusse führen mußte. Wären
+wir noch 20 Schritte weiter gegangen, wir hätten es theuer gebüßt. Am
+Morgen zeigte sich eine Schlucht mit schroff abfallenden, etwa 16 Fuß
+hohen Lehmwänden.
+
+Es war eine äußerst ungemütliche Nacht, die wir hier zubrachten, der
+Regen durchdrang selbst die Leinwandhülle des Wagens, der kalte Wind
+ließ uns erstarren und führte uns die Thatsache zu Gemüthe, daß wir uns
+4000 Fuß ober dem Meere, auf dem Plateau des südlichen Transvaalgebietes
+befanden. Nur David und Gert ließen sich durch das Unwetter nicht im
+Mindesten in ihrer Vorliebe für Morpheus stören, unbekümmert darum, daß
+sie förmlich in einer Regenlache schwammen, waren sie bald in tiefen
+Schlaf verfallen, aus dem sie nur am kommenden Morgen (das Unwetter
+hatte sich nach Mitternacht verzogen) die warmen Strahlen des
+Tagesgestirns weckten.
+
+Das jenseitige Freistaatufer ist durch eine sandige, mit Mimosenbäumen
+stellenweise spärlich, stellenweise ziemlich dicht bewaldete und
+bebuschte Bodenerhebung gebildet. Viele der vermögenden Farmer, die
+südlich vom Flusse wohnen, haben sich hier Farmen, d.h. je etwa 3000
+Morgen Land gekauft, um in der trockeneren Jahreszeit daselbst ihr Vieh
+zu halten. Sie klagten mir über bedeutende Verluste, die sie durch
+Hyänen (H. crocuta) erlitten, welche Fohlen, Kälber und Maulesel
+getödtet hätten, so daß die Farmer Strychnin zu Hilfe nehmen mußten und
+damit tüchtig unter den nächtlichen Räubern aufräumten. Dem Sohne des
+Farmers Wessel hatten die Raubthiere in einem Winter 18 Stück Hausthiere
+getödtet und unter seinen Notizen halte ich namentlich einen Fall
+nennenswerth. Sein Diener hatte, um ein leichtes Ueberwältigen der
+Maulesel zu verhüten, zwei derselben mit einem Riemen zusammengekoppelt;
+als man sie nach einiger Zeit suchte, fand man den einen neben der
+Leiche seines Gefährten, beide noch mit dem Riemen verbunden und nach
+den zahlreichen Spuren mußte man schließen, daß einer derselben von den
+Hyänen getödtet und halb abgenagt worden war, während sich der
+Ueberlebende, durch stete, jedoch fruchtlose Versuche sich loszureißen
+müde geworden, wohl in sein Schicksal ergeben haben mußte. Seit jener
+Zeit ließ man nur Rinder und erwachsene Pferde ohne Hirten auf die
+Weide.
+
+Einige Stunden östlich von Bloemhof erreichten wir eine große seichte,
+schon aus der Ferne weiß schimmernde Salzpfanne, an der eine Farm lag.
+Wie immer war eine Stelle des Ufers der Pfanne von einem Hügel überragt,
+während die anderen, mit Gras überwachsenen, fruchtbaren und moorigen
+Stellen zum Ackerbau wohl geeignet sein mochten.
+
+Ich sammelte einige, der mit Salz incrustirten Steine und
+vegetabilischen Stoffe, während sich meine Gefährten daran machten, die
+zahlreichen, am reinen Kiesgrunde der Pfanne reichlich aufliegenden,
+hirse- bis erbsengroßen Salzkrystalle zu sammeln. Wir betraten nunmehr
+das eigentliche südwestliche Wildrevier des Transvaal-Gebietes, das sich
+von den Ufern des Bamboesspruit bis zum Schoenspruit über eine
+ununterbrochene, im Süden vom Vaal-River, im Norden von den Maqwasihöhen
+begrenzte und von mehreren meist von Norden nach Süden oder Südosten
+laufenden periodisch fließenden Spruits und einem Flusse
+durchschnittene, hochbegraste Ebene erstreckt.
+
+Seit meinem Besuche dieser Gegend im Jahre 1873 hat das Wild bedeutend
+abgenommen, doch ist zu hoffen, daß die neue Regierung zu seinem Schutze
+die nöthigen Maßregeln ergreifen wird. Bei einer vernünftigen Jagdweise
+kann sich das übrig gebliebene rasch vermehren und dennoch den Farmern
+einen ergiebigen Ertrag sichern.
+
+Während meiner ersten Reise beobachtete ich das gemeine schwarze Gnu in
+Heerden von 5-30 Stück, Bläßböcke in Heerden von 15-300 Stück,
+Springböcke, Deuker und Steinböcke von 10-150 Stück, nahe an den
+bebuschten Partien nur paarweise; ferner eine Menge von den
+rothlöffeligen Hasen, eine Unzahl von Springhasen und Stachelschweinen,
+Schuppenthiere und Erdferkeln--doch fehlten auch Raubthiere und Hyänen,
+Schakale und Proteles, an den Spruits Fischottern und im hohen Ufergras
+Wildkatzen nicht; während mehrere Trappenarten, Wildenten und Gänse,
+Wachteln (eine kleine Art) und in den bebuschten Partien Perlhühner
+zahlreich vertreten waren.
+
+Bevor wir noch den Bamboesspruit (18. März) erreichten, erblickten
+wir zuerst einige einzelne, später eine kleine Heerde von
+Bläßbock-Antilopen, so genannt, weil sie auf ihrer Stirne eine weiße
+»Bläße« zeigen, die gut zu der dunkelrothbraunen Behaarung des Körpers
+paßt. Die Hörner sind nach hinten geneigt, gegen die Spitzen
+auseinanderlaufend, weder so zierlich noch so schön wie jene der
+Springbock-Antilopen, wie denn auch der Bläßbock, im Ganzen stärker
+gebaut und eine längere Verfolgung, ohne dabei zu großen Sprüngen seine
+Zuflucht zu nehmen, auszuhalten im Stande ist.
+
+Zahlreiche Kranichheerden jagten im hohen Grase nach Heuschrecken. Nahte
+man ihnen, so flogen sie nach einem kurzen Anlaufe auf, um knapp über
+dem Grase hinreichend, einige hundert Schritte weiter wieder
+einzufallen. So wie sie aufflogen, ließen sie ihre prächtige, weithin
+hörbare Stimme ertönen.
+
+Heftige Regenschauer nöthigten uns, schon in den ersten
+Nachmittagsstunden an einer Regenpfütze, einige Meilen östlich vom
+Bamboesspruit, Halt zu machen. Dazu trat noch eine allgemeine Ermattung
+der ganzen Expedition ein, in Folge der letzt erlebten Nacht und des
+Genusses von Salz aus der vorerwähnten Salzpfanne.
+
+Der heftige Regen und unser Unwohlsein ließ uns eine recht unangenehme
+Nacht zubringen, erst gegen Morgen ließ der Regen etwas nach und wir
+versuchten etwas Schlaf unter dem Wagen, da die Ausdünstung der in dem
+Wagen naß gewordenen Gegenstände nicht einladend war.
+
+Während der Nacht ließen sich Hyänen und Schakale oft nahe am Wagen
+vernehmen, allein wir konnten weder in der Dunkelheit hinreichend klar
+sehen, noch wollten wir uns auch in dem feuchten Wetter unserer in
+Lederhüllen aufbewahrten Gewehre bedienen. Das Liegen auf dem feuchten
+Grase wurde uns jedoch bald unbehaglich und so waren wir schon vor
+Sonnenaufgang bereit, die Weiterreise anzutreten.
+
+Während sich meine Gefährten nun im Feueranmachen versuchten, hielt ich
+eine Rundschau über die nur nach Norden in der Ferne von Höhen begrenzte
+Grasebene, konnte jedoch nichts erspähen; am Himmel hingen noch schwere,
+dunkle und tiefgehende Wolken, der Tag versprach so trübe zu werden, wie
+es die Nacht gewesen. Während ich noch Rundschau hielt, hörte ich vor
+mir--es schien von zwei, circa 600 Schritte vor mir vorüberfliegenden
+storch- oder kranichartigen Vögeln zu kommen--schöne, melodische,
+harfengleich klingende, sich mehrmals wiederholende Töne, welche auch
+die Aufmerksamkeit meiner Begleiter auf sich zogen. »Das ist
+schön!«--»o, prachtvoll!«--»hört Ihr die Aeolsharfe!«--so zollte ein
+Jeder von uns seine Bewunderung, kaum daß jene Töne verklungen waren.
+
+Nur Gert, der edle Korannajüngling, schien ungerührt. Von uns Allen um
+Auskunft bestürmt--wobei er recht erschrocken von seinem
+Frühstückstöpfchen auffuhr--woher diese Laute kämen, ob von Vögeln,
+anderen Thieren, oder was sie sonst erzeuge, schaute er über die Ebene
+hin, konnte aber nichts sehen, dann beugte er sich nieder, um längs der
+Grasspitzen besser in die Ferne sehen zu können, plötzlich faßte er mich
+bei der Hand, zog mich zu sich herab und sagte:
+
+»Siehst Du, Bas, dort fern von hier fliegen zwei Vögel, da--da setzen
+sie sich nieder, das sind, das mußten die Schreier gewesen sein, sie
+sind solche Vögel wie die »groten Springhanvogels« (graue Kraniche),
+allein sie haben schön weißrothe Flügel und auf dem schwarzen Kopfe
+tragen sie schöne gelbliche Kronen und diese Kronen«--dabei war er, als
+er das Erstaunen in unseren Mienen gemerkt, aufgestanden und hatte sich
+zur Stärkung nach seiner diesmal so ungewöhnlich wortreichen Rede mit
+einem neuen Stückchen Kautabak gelabt--»ja, diese Kronen sind nicht
+Federn, sondern lange, gelbe steife Haare. Alle Menschen kennen sie in
+Afrika und viele Farmer im Oranje-Freistaat und der Transvaal-Provinz
+halten sie zahm auf ihren Höfen.«--»Und ihr Name?« fragte
+ich--»M[=a]-hems, Sir, nennt man sie.«
+
+Nun waren wir so klug wie zuvor. Stelzenvögel waren es wohl, allein
+wohin sie einreihen, wußte ich nicht, bis ich zwei Tage darauf das Glück
+hatte, drei davon auf einer Farm lebend zu finden. Es waren die
+gekrönten oder Königskraniche (Balearia regulorum), von denen ich ein
+Pärchen auch heimbrachte. Seine kaiserliche Hoheit, unser
+durchlauchtigster Kronprinz Rudolph, erwies mir die hohe Ehre, das
+Pärchen gütigst anzunehmen und die Vögel dem kaiserlichen Thiergarten zu
+Schönbrunn einverleiben zu lassen.
+
+Auf der durch mehrere kleine, trockene Salzpfannen charakterisirten
+Ebene tummelten sich auch zahlreiche große Trappen. Wir überschritten
+den Bamboesspruit, welcher nur an sehr wenigen Stellen in seinem
+schlammigen Bette kleine Wasserlachen zeigte und zogen weiter ostwärts
+gegen den zu ihm parallel laufenden und stetig fließenden Maqwasi-River.
+Das Land stieg etwas nach dieser Richtung hin und war auch stellenweise
+mit kleinen Beständen von Mimosen, zumeist Kameeldornbäumen bedeckt.
+
+Am Rande des ersten kleinen Gehölzes blieben wir über Mittag liegen und
+da meine Freunde mit dem Trocknen der durch den letzten Regen naß
+gewordenen Sachen die Hände voll zu thun hatten, ergriff ich ein Beil,
+um Holz für unsere Küche herbeizuschaffen. Da meine linke Hand noch von
+dem Unfall mit dem Gewehre her nicht völlig geheilt war, fiel mir die
+Arbeit schwer, und mein Ungeschick brachte mir nur eine neue
+schmerzhafte Wunde am Schienbein des rechten Fußes ein. Wenige Minuten
+darauf schwebte ich wieder in ernster Lebensgefahr.
+
+Um nicht unverrichteter Dinge zu meinen Gefährten zurückkehren zu
+müssen, trachtete ich, wenigstens die trockene Rinde von den
+abgestorbenen Stämmen abzulösen. Bei diesem Beginnen sah ich plötzlich
+etwas vor meinen Augen glitzern und im selben Momente verspürte ich ein
+Gefühl von Kälte an meinem linken Unterarme. Eine Viper hatte sich, wie
+dies häufig vorkommt, unter der Baumrinde verkrochen und war mir nun in
+den linken Aermel gefallen. Mit dem Verhalten in solchen Fällen
+vertraut, blieb ich unbeweglich, um das Thier nicht zum Bisse zu reizen.
+Die Schlange hatte sich nun ausgestreckt, und dabei ragte glücklicher
+Weise das Schweifende aus dem Aermel heraus. Rasch entschlossen ergriff
+ich dieses und schleuderte das Thier weit von mir.
+
+Die folgende Nacht war ebenso unangenehm wie die vorhergehende. Es
+regnete so stark, daß wir an Schlaf nicht denken konnten, wozu übrigens
+das Hyänen- und Schakalconcert nicht ermuntern konnte.
+
+[Illustration: Lager am Bamboesspruit.]
+
+Am 19. März verließen wir unser Nachtlager. Nach etwa zweistündiger
+Fahrt hörten wir ein deutliches Brausen, wie von einem Bergstrome
+herrührend, welches vor uns aus einer durch einen langen von Norden nach
+Süden sich hinziehenden, durch einen Baumstreifen gekennzeichneten
+Vertiefung zu kommen schien. Wir fanden dies auch bestätigt und in jener
+engen 20-35 Fuß messenden Tiefe drängte sich der durch die in der
+gleichnamigen Hügelkette gefallene Regenmenge angeschwollene
+Maqwasi-River. Sein Bett ist meist steinig und steil, so auch seine
+Ufer, und zeigt oft, wie unterhalb der von uns benützten Furth,
+anmuthige Scenerie, wenn auch im beschränkten Maßstabe, wie es ein enges
+Flußbett und ein ebenso enges Thal nur bieten kann; der Fluß ist durch
+mehrere der Wintermonate bis auf einige der tieferen, felsigen Löcher
+trocken und ziemlich fischreich. Seine Ufer, und dies gilt namentlich
+von den felsigen, zerklüfteten Partien, sind von Fischottern,
+Wildkatzen, einer Wieselart, der Genetta und anderen kleinen
+Raubthieren, den Rohrrüßlern und auch von Wasserleguanen bewohnt. An der
+Furth, welche durch die steile Ab- und Auffahrt schwer zu passiren war,
+fanden wir das Wasser etwa drei Fuß hoch; am rechten Ufer trafen wir
+einige Transportwägen, welche Waaren im Gewichte von 6-7000 Pfund
+aufgeladen hatten, deren Fuhrleute den angeschwollenen Fluß nicht zu
+durchfahren wagten und das Fallen des Wassers in einer in der Nähe
+liegenden Cantine abwarteten. Ich entschloß mich jedoch, den Versuch zu
+wagen, der auch bis auf einen kleinen Unfall, der uns einen Theil
+unseres Kochgeschirres kostete, gelang.
+
+[Illustration: Rückkehr von der Gnu-Jagd.]
+
+Noch bevor die Sonne im Zenith stand, hatten wir die hier vom Norden
+nach Süden vorbringenden Maqwasihöhen an ihrem südlichsten Abhange
+erreicht, welche nicht nur dem Botaniker, sondern auch dem Mineralogen
+eine höchst lohnende Ausbeute, letzterem prachtvolle Quarzit-Porphyre
+bieten. Hasen und Trappen fanden sich auf der Ebene nach dem Süden,
+während der nahe Teich des Farmers, der sich am Fuße der Höhen
+angesiedelt hatte, von schwarzen Blaßhühnern, von Tauchern, Wildenten,
+Ibissen und Fischreihern wimmelte.
+
+Am Nachmittage machte uns der Sohn des Farmers einen Besuch und ich
+staunte über die Fertigkeit, mit welcher dieser Mann meinen Revolver zu
+handhaben wußte. Schuß auf Schuß traf das Ziel. Gegen Abend verließen
+wir die Farm und zogen über eine weite Ebene, welche von zwei Fuß hohem,
+üppigem Graswuchs bedeckt, zahlreiches Wild beherbergte. Etwa sechs
+englische Meilen von unserem mittägigen Lagerplatze entfernt, am Abhange
+der Höhen, mußten wir anhalten, strömender Regen hinderte uns an der
+Weiterfahrt. Wir befanden uns in einem kleinen isolirten
+Mimosenwäldchen, das eine Farm umgab. Der außerordentliche Reichthum der
+Ebene an mancherlei Wild gab uns Veranlassung, hier einen ganzen Tag zu
+verweilen.
+
+Bei Tagesanbruch wurde ich durch einige in der Nähe gefallene Schüsse
+aus meinem kurzen Schlummer gerissen. Die Schüsse schienen auf der Ebene
+nach Süden abgefeuert worden zu sein. Später, als wir beim Frühstücke um
+unsere Eisentöpfe saßen, wurde uns die Erklärung dazu geboten. Zwei
+Holländer kamen auf unscheinbaren, allein sehr ausdauernden Ponies
+herbeigeritten, und nachdem sie uns gefragt, ob der »Bas« (Hausherr)
+daheim sei, eine Frage, auf die wir keine Antwort hatten, ritten sie auf
+das mit Stroh gedeckte Häuschen zu, um sich hier vom Nachbarn, »Ohm«
+(gewöhnlicher Titel eines holländischen Farmers), einen Wagen zu
+entlehnen, mit dem sie die zwölf diesen Morgen auf seiner Farm erlegten
+Antilopen (Spring- und Bläßböcke) nach ihren, einige Meilen abliegenden
+Farmen schaffen konnten.
+
+Jene holländischen Bauern, welche nahe an Städten wohnen, bringen die
+erlegten Thiere, meist nachdem sie dieselben ausgeweidet, und ihnen die
+Köpfe abgeschnitten, die sie draußen im Felde den Schakalen und Geiern
+überlassen, aufgeschnitten zu Markte. Jene, die entfernter wohnen,
+zerstückeln ihre Beute, nachdem sie selbe abgehäutet und die Häute zum
+Trocknen auf der Erde ausgespannt haben. Von Springböcken werden die
+Felle von den Farmern blos getrocknet, viereckig zugeschnitten und 8-12
+solcher Häute zu Fußdecken zusammengenäht, eine Arbeit, in welcher sie
+von den Eingebornen weitaus übertroffen werden.
+
+Die Felle des Bläßbockes und des in den Wäldern oder auf den bebuschten
+Höhen wohnenden Kudu werden in ähnlicher Weise ausgearbeitet und zu dem
+hinteren stärkeren Vorschlag (dem Achterschlag) der aus Giraffenhaut
+verfertigten Peitsche benützt. Auch gerben sie in sehr primitiver Weise
+die Bläßbock-, Gnu- und Quaggafelle, und verkaufen das so gewonnene
+Leder den in Städten ansäßigen oder herumziehenden Kaufleuten. Zum
+Gerben benützt man die Rinde mehrerer auf Höhen wachsenden Bäume, so
+z.B. des Waggonhout-Baumes und anderer, und wo diese mangeln, einiger
+der gewöhnlichen, doch größeren, meist an Flußufern wachsenden
+Mimosenarten. Solche, die das Gerben als Nebengewerbe betreiben, kaufen
+gewöhnlich die ungegerbten Felle den Jägern ab, bezahlen in der Regel
+3-4 Shillinge für ein Bläßbockfell und verkaufen es gegerbt um 10
+Shilling.
+
+Aermere Farmer, die bei Freunden oder Verwandten wohnen, bereiten aus
+den halbgegerbten Gnufellen die Sohlen, aus Bläßbock-, Kudu-,
+Hartebeest-Fellen etc. das Oberleder zu einer unscheinbaren, allein auf
+Reisen in Süd-Afrika sehr bequemen Fußbekleidung, den sogenannten
+Feldshoen, welche an Ort und Stelle mit 6-8, bei den städtischen
+Kaufleuten mit 10-14 Shillingen verkauft werden.
+
+Das Fleisch des Wildes wird in lange Stückchen geschnitten, etwas
+eingesalzen oder bei mäßiger Tageshitze auf Riemen aufgehangen
+getrocknet und als Beltong steinhart auf den Tisch gebracht. Zubereitet,
+d. h. abgerieben und dann in Butter gesotten, gibt es einen delicaten
+Imbiß. Ein Pfund von diesem getrockneten Fleische wird mit 6 Pence bis 1
+Shilling bezahlt und von manchem Farmer in größeren Mengen auf den Markt
+gebracht.
+
+Der große Wildreichthum der Umgebung des Gehölzes verhalf auch unserer
+Küche zu manchem Leckerbissen und meiner Sammlung zu schönen Bälgen.
+Unter Anderem gewann ich einen prächtigen Uhu, einen Hühnergeier, zwei
+Falken, eine Zwergeule, einen Wiedehopf, kleinere Spechte u.s.w.
+
+Mein Enthusiasmus wurde indeß plötzlich abgekühlt, als der Farmer mich
+plötzlich mit seiner unmelodischen und schnarrenden Stimme zur Rede
+stellte. Es war ein vollbärtiger Boer, der grimmigen Blickes mich und
+meinen Gefährten F. frug, wo wir »del manier« gelernt hätten, »Finks,
+Falke, Eule und mar all det Vogels dot to skeuten« ohne daß man erst
+»will Mynheer permittiere« angesucht hätte. Die Entrüstung des Farmers
+hatte sich jedoch bald gelegt, als er erfuhr, daß ich ein Doctor sei,
+denn ein solcher ist dem holländischen Farmer stets ein willkommener
+Gast; ja er wurde später sogar noch so liebenswürdig, uns für einen
+Shilling eine reichliche Quantität frischer Milch zu überlassen.
+
+Am folgenden Tage verließ ich das Gehölz und zog weiter nach Osten. Die
+Strecke von diesem Gehölze bis zum Estherspruit ist durch
+außerordentlichen Wildreichthum ausgezeichnet. Ich zählte zu beiden
+Seiten des Weges nicht weniger als zwanzig Antilopenheerden (Springböcke
+und Bläßböcke). Zahlreiche Aasgeier hatten sich in geringer Entfernung
+unseres Weges über einen angeschossenen Bläßbock zum Fraße
+niedergelassen; daß es an solchen Gelegenheiten auf dieser weitläufigen
+Ebene nicht fehle, bewies uns ihre große Zahl.
+
+Wir kamen nach einiger Zeit zu einem nach Süden sich hinziehenden
+grabenartigen Spruit, an welchem aus dem Dickicht eines kleinen
+Mimosengehölzes in der Ferne ein weißgetünchtes Farmhaus uns
+entgegenschimmerte. Hier wohnte ein Holländer, Namens Rensburg, ein
+freundlicher, ältlicher Mann, den wir später kennen lernten.
+
+Am Ufer der Spruit machten wir Halt. Während wir uns beim Mittagsmahle
+gütlich thaten, näherte sich uns ein eigenthümliches Gespann, das unsere
+Aufmerksamkeit für einige Zeit gänzlich in Anspruch nahm. Zwei
+bewaffnete Betschuana's escortirten ein Doppelgespann von Ochsen, welche
+eine aus Mimosenholz verfertigte schlittenartige, mit Aesten überdeckte
+Gabel schleppten, auf welcher ein frisch erlegter Gnu-Stier lag. Es war
+ein schwarzes Gnu, welches von den Eingebornen, die es erlegt hatten,
+ihrem Brodherrn überbracht wurde. Rensburg hielt sich mehrere
+Eingeborne, die mit ihren Familien in der Nähe seines Wohngebäudes in
+Hütten wohnten. Die Frauen halfen in der Haushaltung des Farmers, die
+dunklen Männer aber jagten für ihn. Diesen Stier hatte einer der Männer
+im Morgengrauen, nachdem er die ganze Nacht hindurch hinter einem kaum 2
+Fuß hohen Termitenbau gelauert, aus unmittelbarer Nähe erlegt. Da das
+Fell des Thieres nicht bedeutend verletzt war, gab ich ihnen den
+Auftrag, ihren »Bas« von mir grüßen zu lassen und ihn zu bitten, mir das
+Gnufell zu überlassen, um es für meine Sammlungen präpariren zu können.
+Sie versprachen es und zogen ab. Nach einiger Zeit kehrten die Männer
+mit der Botschaft zurück, der Farmer überlasse mir das Fell um den Preis
+von 5 Shillingen, ein Vorschlag, auf den ich bereitwillig einging.
+
+Der Besuch eines Boers, der, in entgegensetzter Richtung reisend, in der
+Nähe unseres Wagens Siesta hielt, verzögerte unsere Abreise und es war
+bereits ziemlich dunkel, als wir Estherspruit verließen.
+
+Die Dunkelheit machte allen Jagdversuchen ein Ende, ich wurde indessen
+durch den Fund eines Exemplares der Ringhalsschlange von seltener
+Schönheit reichlich entschädigt. So oft mich später Farmersleute
+besuchten, zeigten sie einen unverkennbaren Schrecken beim Anblicke
+dieses schwarzen giftigen Reptils.
+
+Die Straße, deren guter Zustand mich vor dem Estherspruit überrascht
+hatte, nahm bald ein Ende, wir waren plötzlich auf eine morastige Ebene
+gerathen. Alle Mühe und Anstrengung, unseren Wagenkoloß aus dem
+sumpfigen Boden herauszubringen, waren vergeblich, und so mußte ich
+denn, wenn auch mit Widerwillen, an dieser gesundheitsschädlichen Stelle
+den Morgen abwarten.
+
+Nach Mitternacht wurde es heller, so hell, daß wir die ungemein dreist
+gewordenen Schakale in unserer unmittelbaren Nähe sehen konnten. So
+gerne ich die freche Zudringlichkeit dieser argen Kläffer gezüchtigt und
+mich in den Besitz einiger schöner Schabrackenfelle gesetzt hätte, stand
+ich davon ab, da mir der Farmer am Estherspruit hievon abgerathen hatte,
+und durch die Schüsse das Wild verscheucht worden wäre.
+
+Am folgenden Morgen ging es weiter; schon nach 200 Schritten kamen wir
+zum Klipspruit, einem kleinen, damals fließenden, doch bald nach der
+Regenzeit bis auf einige Tümpel austrocknenden Flüßchen, welches nach
+heftigen Regengüssen zu einem 50-100 Schritte sich ausbreitenden Strom
+anschwillt. Wir überschritten es und schlugen auf einige Tage am
+gegenüberliegenden Ufer unser Lager auf.
+
+Es war ein herrlicher, des Waidmann's Herz entzückender Anblick, als der
+anbrechende Tag uns einen Ausblick in die Ferne nach allen Richtungen
+hin vergönnte. Wohin wir auch das Auge wenden mochten, überall erfreute
+uns der Anblick kleinerer und größerer Gazellen- und Gnuheerden, die
+nächsten etwa 400 Schritte vor uns, und manche wieder nur als dunkle
+Punkte am Horizonte, der nach Westen, Süden und Osten unbegrenzten Ebene
+erkennbar. Während die Springböcke gruppenweise grasten, hielten sich
+die Bläßböcke in langen Ketten hinter- oder neben einander grasend. Von
+mehreren Seiten klang der langgezogene Ton des Trappengeschreies zu uns
+herüber; jedes Plätzchen um uns athmete Leben. Als ich an jenem Morgen
+des 23. März 1873 die mir unvergeßliche Rundschau von meinem Wagen aus
+hielt, da kam es mir in den Sinn, mir einen größeren Landbesitz in
+diesen Gegenden zu wünschen, der umzäunt, dem von allen Seiten
+verfolgten Wilde als Hort dienen könnte; doch leider, dieser Wunsch wird
+sich wohl nie erfüllen! Nicht das Klima, der beschränkte Raum in den
+zoologischen Gärten ist einer der Hauptgründe, daß so viele Thiere der
+Gefangenschaft erliegen. Jene wandernden Menagerien werden mit der Zeit
+aufhören müssen, je mehr stabile entstehen, die sich rasch mehren, denn
+der notorischen Thierquälerei der ersteren, dem sogenannten
+Gefängnißsystem, muß einmal die sich mehr und mehr entwickelnde
+Veredelung des menschlichen Geistes ein Veto gebieten.
+
+Am Klipspruit wollte ich einen mehrtägigen Aufenthalt nehmen, nicht um
+eine Razzia unter dem Wilde zu halten, sondern, wenn möglich, zu
+beobachten und von den hervorragenden Wildspecies je ein Fell für meine
+Sammlung zu gewinnen. Leider war der Zufall selbst diesem bescheidenen
+Wunsche nicht hold und heute bin ich zufrieden, daß es so geschah. Wir
+blieben bis zum 27. März. Den ersten Tag beschäftigten wir uns mit dem
+Präpariren des erkauften Gnufelles--eine mühevolle Arbeit. Am zweiten
+verfolgten wir den Lauf des Spruit, der sich grubenartig durch die Ebene
+wand und nur stellenweise in Tümpeln Wasser aufwies, um ein geeignetes
+Versteck in seinem Bette zu finden und das Wild aufscheuchen zu können.
+
+Mehrere Wägen, die Transvaal-Farmern angehörten, welche mit Getreide
+theils nach den Diamantenfeldern zogen, theils von daselbst kamen, und
+die uns begegneten, hatten bis drei Stück Wild unter und an dem Wagen
+befestigt. Das Wild ließ denselben oft bis auf 300 Schritte Nähe
+vorüberfahren, was dann von den vortrefflichen holländischen Schützen
+benützt wurde, um auf der anderen Seite vom Wagen zu springen, sich in's
+nahe Gras zu werfen und auf die arglosen Thiere anzuschlagen. Von je
+drei Schützen traf in der Regel einer tödtlich und so bot man uns
+Springbockgazellen mit Fleisch und Haar für 1 Shilling bis 1 Shilling 6
+Pence, Bläßböcke für 2-3 Shillinge und Gnus für 7-8 Shillinge an. Ich
+erstand zwei der ersteren Thiere.
+
+[Illustration: Von schwarzen Gnu's überrascht.]
+
+Doch weder mir noch meinen weißen Gefährten war Waidmannsglück jetzt
+hold; schon waren drei Tage resultatlos verflossen, den letzten Tag (27.
+März) beschloß ich noch einmal, mein Glück zu versuchen, und unternahm
+einen Ausflug, am Spruit abwärts.
+
+Auf meinen an den früheren Tagen nach dieser Richtung hin unternommenen
+Ausflügen war mir eine Stelle in dem etwas verbreiterten Flußbette
+aufgefallen, die von dem Wilde als Tränkstelle benutzt zu sein schien.
+Neben ihr führte quer durch das sonst trockene Bett ein zu beiden Seiten
+von einem Tümpel (der Tränkstelle) umsäumter Pfad, den das Wild und
+namentlich nach den Spuren zu urtheilen, Gnu's zum Ueberschreiten des
+Bettes zu wählen schienen. Ich hielt es für das Beste, an diesem Pfade
+im Anstand zu liegen und das Herannahen des Wildes zu erwarten.
+
+Ich verließ den Wagen nach Sonnenaufgang und legte kriechend die etwa
+zwei englische Meilen entfernte Strecke zurück. Es mochte jedoch schon
+11 Uhr gewesen sein, bevor ich es zu Stande gebracht, denn stellenweise
+war das eigentliche Bett sehr seicht und ein sich in demselben vorwärts
+bewegender Mensch konnte leicht vom Wilde von der Ebene aus beobachtet
+werden. Der Pfad war eng, zu einer Seite Tümpel mit Schilf umsäumt. Der
+Fluß war, wie ich schon erwähnt, ziemlich breiter, flacher und seichter,
+als es sonst am Laufe des Klipspruit zu beobachten war. Ich mochte eine
+Stunde an dem Pfade gelegen haben, die Sonne brannte heiß und machte mir
+meine Lage recht unbequem, als von Nordosten her in weiter Entfernung
+einige Schüsse fielen; theilweise durch einen Grasbusch gedeckt, lugte
+ich nach Osten zu aus, sah jedoch nichts, außer mehreren ruhig grasenden
+Heerden von Springböcken, Bläßböcken und Gnu's. Von den letzteren fiel
+mir die eine dadurch auf, daß die Thiere, eines hinter dem andern
+trottend, eine bestimmte Richtung, und zwar gerade nach mir zu,
+eingeschlagen zu haben schienen. Ich wandte mich deshalb auch gegen
+dieses Ufer und machte mein Gewehr schußbereit. Da jedoch die Gnu's noch
+weit entfernt waren und sich langsam vorwärtsbewegten, kehrte ich meinen
+Kopf nach der entgegengesetzten Seite, wohin ich zuvor ausgelugt, und
+staunte nicht wenig, eine zahlreiche Bläßbockheerde im schnellen Laufe
+aus derselben Richtung, aus welcher die Schüsse gefallen waren,
+herannahen zu sehen. Die Thiere waren mir näher als die langsam
+schreitenden Gnu's, und da sie dieselbe Richtung, d.h. nach dem Pfade
+eingeschlagen zu haben schienen, wurde ich den letzteren untreu, kroch,
+mich flach auf den Boden legend, bis zur Mitte des Bettes; bis zum
+gegenüberliegenden flachen Rande zu gelangen war mir keine Zeit mehr
+geblieben.
+
+Nach einigen Sekunden erhebe ich ein wenig den Kopf, die Thiere mußten
+nun schon in unmittelbarer Nähe sein. Doch welche Enttäuschung! Die
+Bläßböcke mußten mich bemerkt haben, denn etwa 200 Schritte vor mir
+hatten sie sich zur Flucht gewendet. Die letzten Thiere der Heerde waren
+eine Gais und ein kleines Böcklein, das lebend zu erlangen, mein
+lebhaftester Wunsch war; ich wollte es daher versuchen, die Gais zu
+verwunden und mich dann des Böckleins zu bemächtigen. In den rechten
+Lauf geschossen, bäumte die Gais auf, hinkte anfangs, allein bald war
+sie wieder in vollem Lauf, unmittelbar von dem Böcklein gefolgt und
+hatte die enteilende Heerde eingeholt.
+
+Ich kroch nach meiner früheren Stelle zu, an den westlichen Rand, bückte
+mich nieder, um rasch noch einmal laden und einen der schönen Böcke
+erlegen zu können. Ich führte eben die Kugel ein, als ich über mir ein
+Pusten und Fauchen vernahm. Aufblickend, erschrak ich wie selten zuvor.
+Ohne mich zu bemerken, war die von mir beobachtete Gnuheerde im vollen
+Laufe nach dem Durchgangspfade herangeraunt gekommen, die bemähnten
+Köpfe tiefgesenkt, den weißen Schwanz hochgehoben, kamen sie wie ein
+Sturmwind herangebraust. Noch einige Momente und ich lag unter ihren
+Hufen. Da ich mich nach der näheren Bekanntschaft mit ihren Hörnern und
+spitzen Hufen durchaus nicht sehnte, sprang ich rasch auf, um mit lautem
+Geschrei und durch das Abfeuern des Gewehres, die Thiere zu erschrecken,
+zum Stillstand, wo möglich zur Rückkehr zu zwingen.
+
+Gesagt, gethan. Aufspringend und das Gewehr schwingend schrie ich laut
+auf. Da stutzten die Thiere. Die struppigen Köpfe richteten sich auf
+mich--ein Schuß und der vorderste Stier wandte sich, den Kopf
+tiefgesenkt und laut aufbrüllend, zweimal im Kreise herum, dann nach
+rechts, gefolgt von der Heerde, nach etwa 10 Schritten drehte er sich
+wieder um, beschrieb einen Kreis, abermals von der ganzen Heerde
+gefolgt, und dieses Manier von Zeit zu Zeit wiederholend, entfernte sich
+die Heerde mit hochgehobenen Schwänzen und laut brummend.
+
+Bevor jedoch die Thiere zum zweiten Male sich im Kreise gewendet hatten,
+sandte ich ihnen eine wohlgezielte Kugel nach, mir ein halberwachsenes
+Thier der Heerde auswählend. Trotzdem, daß ich das Geschoß einschlagen
+hörte, schien sich das Thier, ohne Schaden gelitten zu haben, zu
+entfernen. Da ich meines Schusses auf's Blatt, wie ich glaubte, sicher
+war, folgte ich den Thieren im Schweiße meines Angesichts in der
+brennenden Sonne etwa vier englische Meilen nach--doch vergebens; das
+Thier blieb wohl das letzte in der Heerde, allein die Entfernung
+zwischen mir und den Thieren wurde immer größer, auch war ich derart
+ermüdet, daß ich endlich die Verfolgung aufgeben und enttäuscht zum
+Wagen zurückkehren mußte.
+
+Nachdem ich mich etwas gestärkt, machte ich mich mit Gert auf, um der
+Spur des angeschossenen Gnu zu folgen; es war nicht schwer, sie zu
+finden, wir folgten der Spur der Heerde von der Stelle, die ich bei dem
+Anpralle der Gnu's innehatte und wohl bis zwei Meilen weiter als ich
+früher die Verfolgung aufgegeben--es waren im Ganzen fünf Stunden seit
+dieser Zeit verflossen--fanden wir, schon halb abgenagt, den Cadaver
+eines jungen Gnu-Stieres, den wir den zahlreich versammelten Geiern als
+Beute überlassen mußten. Ich wurde jedoch durch diesen Mißerfolg so
+verstimmt, daß ich am selben Tage das Lager abbrach und unsere Reise
+nach dem Innern der Transvaal-Republik fortsetzte.
+
+Als Ziel meiner Reise hatte ich mir die am oberen Moi-River gelegenen
+Wonderfonteiner Felsenhöhlen gewählt, von wo ich den Rückweg nach den
+Diamantenfeldern anzutreten gedachte. Als wissenschaftliche Ausbeute
+brachte mir der Aufenthalt am Klipspruit einen hübschen jungen
+Wasserleguan, einige Fischottern, Insecten, Skolopender und Pflanzen,
+namentlich Gramineen, und einige Grünsteinvarietäten ein.--Wir fuhren
+spät in die Nacht hinein und hielten an einer Ebene etwa vier Meilen
+nordöstlich von der Klipspruit-Furth an. Die Nacht war schön, ziemlich
+hell und während wir beim Abendfeuer sitzend unsere Erlebnisse an den
+Ufern des genannten Spruit besprachen, hörten wir wiederholt in einer
+mäßige Entfernung das Brummen der Gnu-Stiere, manchmal auch einen
+dumpfen Schlag, der sich dann einige Male wiederholte, ein Schall, der
+von den Anpralle der übermüthigen, sich mit ihren breiten Hörnern
+anrennenden Thiere herrührte. Das am Abende von allen Seiten beginnende,
+dann sich von Mitternacht an bis gegen Morgen wiederholende
+Schakalgebell und jenes langgezogene häßliche Hyänengeschrei zeigten,
+daß die wildreichen Gegenden auch zahlreiche hundeartige Raubthiere
+beherbergten.
+
+Auch die Reise am 27. März führte uns durch wildreiche Gegenden, nur daß
+jetzt die Senken, in denen sich die Spruits wanden, tiefer wurden und
+stellenweise mit Buschwerk bestanden waren. Manche der letzteren
+beherbergten die von der südlichen Meeresküste bis über den Zambesi
+hinaus verbreiteten Perlhühner.
+
+Dieser wild lebende Hühnervogel gehört unstreitig zu den
+interessantesten Erscheinungen der afrikanischen Vogelwelt und da er in
+den bewaldeten Gegenden ziemlich häufig vorkommt, mehrt er sich rasch,
+trotzdem er vielfach gejagt wird. Der liebste Aufenthalt des Vogels, der
+in Ketten zu 10-40 Stück haust, sind bebuschte und bewaldete Gegenden in
+der Nähe von Flüssen oder nie versiegenden stehenden Gewässern. Von
+unserem Perlhuhn unterscheidet er sich namentlich durch seinen
+hornartigen Auswuchs auf der Stirn. Ich will vorläufig nur der Jagdweise
+Erwähnung thun, die ihn uns bekannt machte.
+
+Am Vaal-, Hart-River und den anderen Nebenflüssen des ersteren jagt man
+diese Vögel mit dem besten Erfolge 1½-2 Stunden vor Sonnenuntergang, zur
+Zeit wo die Thiere von der Weide aus der hie und da bebuschten Ebene, in
+anderen Gegenden aus den Büschen und Wäldern zur Tränke eilen, woselbst
+sie dann gewöhnlich auf den höheren Uferbäumen übernachten. Es läßt sich
+fast mit Sicherheit die Tränkstunde auf 4 Uhr Nachmittags für alle
+Jahreszeiten feststellen. Gewöhnlich wählen die Thiere einen und
+denselben Pfad; hat man sich nahe an diesem Pfade versteckt und blickt
+man etwa um ½ 4 Uhr von dem Gewässer landeinwärts, so wird man, wenn es
+die Witterung gestattet, eine Staubwolke sich herannahen sehen, einige
+Minuten später vernimmt man die ersten Gackerlaute, ohne die Vögel
+selbst noch zu erblicken. Die Staubwolke wird dadurch erzeugt, daß die
+zur Tränke eilenden Thiere noch auf ihrem Wege unausgesetzt im Sand oder
+Thonboden nach Insecten und Samen scharren. In dichtem Grase erleichtern
+die übrigen Vögel den Hühnern die Arbeit dadurch, daß sie alle
+zeitweilig ihr Köpfchen erheben und für einige Sekunden Rundschau
+halten; ist das Gras 3 und über 3 Fuß hoch, so beobachtete ich, daß die
+Führer 10-15 Schritte weit voraus eilten und von Zeit zu Zeit aufflogen,
+richtiger gesagt aufsprangen, um sich umsehen zu können. Hatten sie
+etwas Verdächtiges gesehen, oder näherte sich ein Mensch oder ein
+Raubthier von vorne her, so ergriffen sie mit lautem Gackern die Flucht,
+und leisteten darin wahrhaft Unglaubliches. Ich kenne wenig Vögel,
+welche so schnell laufen können; es geht so rasch im Wildpfade vorwärts,
+daß der mit den Gewohnheiten dieser Thiere wenig vertraute Jäger sie
+während des ganzen Tages nicht mehr zu Gesicht bekommt. Kennt man jedoch
+ihre schnelle Flucht und sendet man ihnen Hunde nach, oder hat man sich
+versteckt gehalten und tritt man plötzlich ihnen entgegen, so fliegen
+sie auf und da sie einen schweren Flug haben, so ist es für einen
+halbwegs guten Schützen leicht, mit jedem Schusse eines der Thiere
+herunterzuholen. Von den Eingebornen droht ihnen, wie auch dem übrigen
+Wildgeflügel, keine große Gefahr. Ich beobachtete, daß blos die
+Koranna's den Vögeln einigermaßen nachzustellen pflegten, sie mit Hilfe
+ihrer Hunde aufstöberten und dann--ohne Schrot--mit den harten Körnern
+des »Blue-bushes« (eine eßbare kleine Frucht) niederschossen.
+
+Am Nachmittage des 27. März gelangten wir zum Matheusspruit. Trotz der
+regenreichen Jahreszeit war der Spruit ziemlich ausgetrocknet und neben
+dem Wege ein kleiner Damm quer über sein Bett errichtet und dadurch ein
+Teich gebildet. An einem nahen Abhange breitete sich ein dichtes Gebüsch
+aus, in dem einige verarmte Boers-Familien wohnten, welche über die
+Vorüberreisenden wie Raubvögel herfielen und sie in folgender schlauer
+Weise auszubeuten suchten.
+
+Zog ein Boer aus dem Transvaal-Gebiete nach den Diamantenfeldern, um
+seine Producte auf den Markt zu bringen, oder kehrte er zurück, oder
+waren es--damals begann schon die Auswanderung--Unzufriedene aus den
+Diamantenfeldern, welche die Leydenburger Goldfelder aufzusuchen im
+Begriffe waren, so kamen wie zufällig einer oder zwei dieser Boer's aus
+dem Gebüsche heraus und auf den Wagen zu, knüpften ein Gespräch an, und
+gaben sich den Anschein, in Tauschhandel treten zu wollen, worauf sie
+dann auf die gute Weide und auf das _schöne_ Dammwasser hinzuweisen
+nicht vergaßen und zum »Utspannen« (ausspannen) einluden; half dies
+nichts, so wußten sie die Wasserarmuth der nächsten Strecke bis
+Klerksdorp in den düstersten Farben zu schildern. Gaben die Reisenden
+nach, so waren sie bald darauf von drei und mehreren _Ohmen_, ihren
+Frauen und einem Rudel schmutziger Kinder umringt und ihre Vorräthe
+gebrandschatzt. Auch ich ging ahnungslos in die Falle.
+
+Als wir ausgespannt hatten, fanden sich nicht weniger als 17 Köpfe an
+meinem Wagen ein. Zuerst wurde um Tabak gebettelt, leider willfahrte ich
+ihrem Ansuchen und so kam dann rasch Zucker, Kaffee, Thee, Blei,
+Schießpulver etc. an die Reihe. Bevor wir noch abzogen, wurden wir noch
+daran gemahnt, daß für das Tränken unserer Thiere am Teiche ein Shilling
+zu bezahlen sei. Kaum war dies geschehen, da kam der ganze Troß zum
+zweiten Male wieder und zwar um sich ärztlichen Rath von mir einzuholen,
+nachdem sie zuvor im Laufe des Gesprächs erfahren hatten, daß ich ein
+Arzt sei. Da hatte einer kranke Augen, jenem that der Kopf weh u.s.w.
+Ich hörte sie an, ertheilte den ärztlichen Rath während wir einspannten,
+und pries den Augenblick glücklich, als Gert, der »Wagentriber«, ohne
+sich um die uns Umlagernden zu kümmern, mit einem lauten »Fatt mer«
+(fasset nun, ziehet an) das Gespann in Bewegung setzte.
+
+Vom Mattheusspruit gegen den Estherspruit war der Zustand des Fahrweges
+ein wahrhaft erbärmlicher. Theils führte er über felsigen Grund, theils
+durch derart aufgeweichten Boden, daß wir alle Augenblicke stecken
+blieben. Am 29. März erreichten wir den Estherspruit, ruhten hier in der
+Nähe einer gastlichen Farm etwas aus und erreichten am Abend desselben
+Tages den Jagdspruit. Die landschaftliche Szenerie vom Mattheusspruit
+(auch Matjesspruit genannt) bis hieher glich anfangs jener vom
+Maqwasi-River bis zu diesem Spruit, rechts und links von uns meilenweite
+Grasebenen, im Norden von den Maqwasihöhen, im Süden vom Vaalflusse
+begrenzt, von dem wir uns jedoch nach und nach so weit entfernt hatten,
+daß wir sein eigentliches Thal nicht mehr wahrnehmen konnten. Gegen den
+Jagd- (der Holländer spricht »Jach-«) Spruit zu änderte sich die
+Scenerie insofern, als die Höhen zur Linken näher Herantraten, sich
+sogar zwischen diesem Spruit und Klerksdorp (Klerksdorf) quer über den
+Weg nach dem Vaal-River ziehen und bei Klerksdorp einige interessante
+Höhengruppen bilden.
+
+Der folgende Morgen war schön und warm. Die aufgehende Sonne beleuchtete
+die Ostabhänge der felsigen Klerksdorper Höhen, welche theilweise kahl,
+theilweise mit Büschen überwachsen, die einen kegel- oder brodlaibförmig
+am Ufer des Schoenspruit isolirt, die anderen zu Hügelketten mit
+scharfen Felsenkämmen gruppirt sind. Zwischen uns und diesen Höhen
+breitete sich eine mäßige Niederung, ein etwa zwei Meilen breites
+offenes Thal aus, welches einige Meilen nach abwärts in das enge Thal
+des Schoenspruit einzumünden schien. Jenseits einer quer über den Weg
+sich hinziehenden Felsenkette sollte Klerksdorp, die älteste
+Niederlassung in der Transvaal-Provinz, liegen. Der angenehme schöne
+Morgen lud mich zu einem Spaziergange auf der Ebene ein, wobei mich
+unwillkürlich die artenreichen Kinder Flora's zum Botanisiren
+aufforderten.
+
+Schon am Wege fand ich mehrere sammelnswerth, unter diesen eine in
+Unmasse, förmlich als Unkraut wachsende Cinna mit dunkelziegelrothen
+oder rosafarbigen Blüthen; sie bildet dichte, doch kleine, 12-40
+Zentimeter hohe, meist zwei- doch auch hie und da mehrblüthige Stöcke.
+
+In einem nahen Gebüsche zur Linken fand ich reichliche Ausbeute an
+kleinen Prachtkäfern (Buprestidae), Blattkäfern (Chrysomelidae) und
+mittelgroßen Bockkäfern (Capricornia), auch an zahlreichen großen, gelb-
+und schwarzgescheckten Spinnen, welche große, unseren Kreuzspinnen
+ähnliche Gewebe zwischen den Bäumchen und Büschen ausgespannt hatten.
+Zwei Deukergazellen sprangen durch den Eindringling erschreckt auf, und
+verschwanden ebenso rasch in dem Dickicht.
+
+Von diesem kleinen Morgenausfluge zurückgekehrt, machte mich Freund E.
+auf einen großen Vogel aufmerksam, der auf unseren Wagen loszulaufen
+schien. Es war eine große Trappe; ich legte an, ziele nach dem Halse,
+der Schuß kracht und der Vogel stürzt zur Erde. Es war ein prächtiges
+Thier, und zwar eines der größten seiner Art. Kaum 30 Fuß von der
+Rohrmündung entfernt, hatte sie den ganzen Schuß in die vordere
+Brusthöhle bekommen, so zwar, daß der Balg für meine Sammlung ganz
+unbrauchbar war, hingegen war das Fleisch eine werthvolle Acquisition
+für die Küche. Außer einem noch größeren Trappenpärchen derselben Art,
+welches ich auf der dritten Reise am linken Limpopo-Ufer beobachtete,
+sah ich nie wieder ein so großes Exemplar in Süd-Afrika.
+
+Einen Gebirgssattel übersetzend kamen wir in das eigentliche Thal des
+Schoenspruit, den man füglich River nennen könnte, weil er in
+gewöhnlichen Jahren meist fortwährend fließt, nur in sehr trockenen den
+Charakter eines Spruit zeigt. Im Allgemeinen gehört dieses Flußthal zu
+den interessanteren Thälern des südafrikanischen Hochplateau's und auch
+zu einem der fruchtbarsten und bestbebauten. Im Thale des Schoenspruit
+reiht sich Farm an Farm; prachtvolle Weideplätze für das Hornvieh, längs
+den Höhen und den Abhängen zum Flusse, erhöhen noch den Werth des
+Landbesitzes am Schoenspruit und im Moi-Riverthale. Bei Entfaltung
+einiger Energie und einer rationellen Bearbeitung des Bodens könnte
+leicht das Zehnfache des gegenwärtigen Ertrages an Cerealien erzielt
+werden.
+
+Klerksdorp oder Klerksdorf bestand im Jahre 1873 aus einer Hauptstraße,
+in der ich, wenn ich nicht irre, 25 Häuser zählte; seitdem hat es sich
+vergrößert und verspricht unstreitig neben Potschefstroom die
+bedeutendste Stadt des südwestlichen Transvaal-Gebietes zu werden. An
+jedem Hause fand ich einen Garten mit Obstbäumen, namentlich Pfirsichen,
+Orangen etc. und die Zäune aus Quitten und Granatbäumchen gebildet.
+Jener Theil des Schoen-Riverthales, in dem Klerksdorp erbaut ist, gehört
+überdies zu den günstigsten, namentlich in Bezug auf Wasserfülle des
+Flusses. Das Thal ist bei Klerksdorp von beiderseits aufzeigenden Höhen
+eingeengt, und durch einen isolirt stehenden Höhenzug flußaufwärts nach
+dieser Seite hin ziemlich geschützt.
+
+Da wir mit dem Ueberschreiten des Schoenspruit eine andere
+Bodenformation betreten, welche sich bis Wonderfontein im centralen
+Transvaal-Gebiete verfolgen läßt, so will ich noch mit wenigen Worten
+der geologischen Struktur der Strecke vom Bamboesspruit bis zum
+Schoenspruit gedenken. Die Hauptmasse des sichtbaren Gesteins auf der
+Ebene bilden in Bezug auf Farbe, Consistenz und die schon in den
+Gegenden weiter vaalabwärts beobachteten mandelartigen Einschlüsse,
+verschiedene Varietäten des Grünsteins. An manchen Stellen finden wir
+ihn sehr hart und fest, riesige Platten bildend, an anderen ist er
+bröcklich und dann zeigt die Oberfläche viele quarz- (Milch- und
+Rosenquarz) und chalcedonartige Einschlüsse. Hie und da finden wir
+Thonschiefer, an andere eisenhaltige Schiefergeschiebe aufgelagert und
+manche der die Wildebene umsäumenden Höhen werden von Porphyr gebildet.
+
+Ich durchstreifte die nächste Umgebung von Klerksdorp und war namentlich
+mit der Pflanzenausbeute zufrieden. In einigen der brach liegenden
+Gärten fand ich eine Malvacee, welche in veschiedenen Varietäten
+vorkommt, deren Verbreitungsbezirk von der südlichen Meeresküste bis
+über den Zambesi hinaus reicht und schöne, große, schwefelgelbe Blüthen
+besitzt.
+
+Schon den folgenden Tag nach unserer Ankunft brach ich wieder auf, um
+meine Reise gegen Potschefstroom, der bevölkertsten Stadt der
+Transvaal-Republik, fortzusetzen. Auf dieser 34 Meilen langen Strecke
+überschritt ich drei trockene Spruits, den Kockemoer, den Matchavis und
+den Bakenspruit, welche gleich den vorhergenannten so ziemlich parallel
+von Norden nach Süden dem Vaal-River zuströmen. Das Land ist mehr
+hügelig als jenes zwischen Bloemhof und Klerksdorp; die flacheren wie
+die tieferen Thäler scheinen sehr fruchtbar zu sein. Zwischen Klerksdorp
+und den Kockemoerspruit überschritten wir eine stellenweise morastige
+Hochebene, welche unserem raschen Vorwärtskommen Schwierigkeiten
+bereitete. Zwei tief in den Modder (Morast) eingefahrene Wägen mahnten
+uns zu größter Vorsicht. An manchen Stellen mußten wir den Schlamm
+ausschaufeln, dann Steine in die so erzeugte Mulde werfen, um einen
+harten Untergrund zu gewinnen und dann rasch mit lautem Peitschengeknall
+und Geschrei die Zugthiere zum Anspannen ihrer ganzen Kräfte aufmuntern.
+An anderen Stellen hieß es, die unliebsamen Strecken zu umfahren; dies
+gelang zuweilen an einer, jedoch fanden wir an anderen den Wiesengrund
+so aufgeweicht, daß sich die Räder tief einschnitten, als wenn die
+breiten Eisenbänder mit scharfen Schneiden versehen gewesen wären.
+
+Zur Zeit meines Besuches geschah für die Communicationswege in der
+Transvaal-Republik fast nichts. In der unmittelbaren Nähe von
+Potschefstroom fand ich die Wege im schlechtesten Zustande.
+
+Am nächsten Tage führte uns der Weg am Fuße eines höheren Felsenhügels
+vorüber; die Scenerie der Landschaft auf diesem Punkte war nebst jener
+bei Klerksdorp die anziehendste auf der Gesammtstrecke meiner ersten
+Reise. In dem flachen hochbegrasten Thale des Bakenspruit war eine
+zahlreiche Heerde von grauen Kranichen mit der Heuschreckenjagd
+beschäftigt, auch einige ruhig zwischen den Vögeln grasende
+Springbockantilopen fielen uns auf. Nimrod F. versuchte sein Müthchen an
+den arglos weidenden Thieren zu kühlen, doch wie bisher ohne anderen
+Erfolg, als ob seiner staunenswerthen Ungeschicklichkeit von uns
+herzlich ausgelacht zu werden.
+
+An der etwas morastigen Furth fanden wir Tausende von Schwalben, welche
+sich auf dem nassen Grunde niedergelassen hatten. In höherem Grade als
+unsere Hausschwalben sind die südafrikanischen Species wahre
+Menschenfreunde und so zutraulich, daß sie sich nicht nur in den Gängen
+eines Hauses, die eine stets offene Communication mit Außen verbinden,
+sondern auch in bewohnten Zimmern, in denen die Fenster durch längere
+Zeit offen gelassen waren, anzubauen versuchen. Ich habe mehrere
+derartiger Fälle beobachtet. Die Nester der südafrikanischen Schwalben
+sind auch kunstvoller als jene der europäischen _Hirundo_ erbaut, indem
+sie frei an einer horizontalen Decke angeheftet, mit einem bis zwei Fuß
+langen geraden oder unbedeutend geschlängelten bedeckten Gange versehen
+sind, so zwar, daß Gang und Nest ein Ganzes darstellen. Die
+südafrikanischen Schwalben-Arten, sowie die Ziegenmelker-
+(_Caprimulgus_) Species sind zahlreicher als die europäischen vertreten,
+allein ich beobachtete bei keiner der ersteren eine so starke und doch
+so melodische Stimme, wie sie die europäische Hausschwalbe auszeichnet.
+
+Vom Bakenspruit fuhren wir über eine Felsenstraße und hatten einen
+Bergsattel zu überschreiten, von dem wir in ein Seitenthal des
+Moi-Rivers einfuhren, welch' letzteres über der Einmündungsstelle zu
+einer weiten Ebene sich ausbreitend, zum Aufbaue einer Niederlassung
+hinreichenden Raum bot, auf dem sich gegenwärtig Potschefstroom oder das
+neue Moi-Riverdorp erhebt. Die Abhänge, an denen entlang der Felsenweg
+führte, lohnten reichlich die Mühe des Botanikers und nach den
+zahlreichen in den Höhen zur Linken, von denen die höchste etwa 4000 Fuß
+über dem Meere sich erhebt, theils Vieh- und Ziegenheerden hütenden,
+theils Holz sammelnden Eingebornen dachte ich auf eine Eingebornenstadt
+in diesen westlichen Potschefstroomhöhen schließen zu müssen. Als ich
+darüber fragte, theilte man mir mit, daß daselbst eine Stadt der
+Mohavis, eines Betschuana- (Barolong?) Stammes liege.
+
+Aus dem hochbegrasten Seitenthale in das geräumige, an beiden Ufern in
+der Entfernung einiger englischen Meilen von Höhenketten und isolirt
+stehenden Höhenkuppen begrenzte Thal des Moi-Rivers--eines stets
+fließenden Gewässers--einbiegend, sahen wir Potschefstroom vor uns
+liegen. Aus der Entfernung erscheint es dem Besucher bedeutend kleiner
+als es wirklich ist, was sich wohl dadurch erklärt, daß sich die Stadt
+in einer Ebene ausbreitet, ein Parallelogramm bildet und die Straßen so
+wie die Gärten an den Häusern mit dichtbelaubten Bäumen bepflanzt sind.
+Schon zur Zeit meines Besuches im Jahre 1873 war Potschefstroom eine der
+bedeutendsten Städte Süd-Afrika's, seither hat sie sich noch bedeutend
+entwickelt und gehoben.
+
+Sie war die Gartenstadt der Republik und wird diesen Rang auch in der
+Transvaal-Colonie behaupten, so wie sie bis heutigen Tages die
+bedeutendste Handelsstadt des Landes ist und nur durch den Bau der
+Delagoa-Middleburg-Bahn von Pretoria überflügelt werden würde. Zur Zeit
+meines Besuches schätzte ich die Einwohnerzahl auf etwas über 4000
+Seelen, welche Zahl sich jedoch höher herausstellt, wenn wir das
+sogenannte alte Moi-Riverdorp, d.h. die dicht aneinander liegenden, am
+nördlichen Stadtende beginnenden und flußaufwärts im Thale des
+Moi-Rivers an beiden Ufern meilenweit sich hinziehenden Farmen in
+Betracht ziehen. Der Fluß, ziemlich stark strömend und viele
+dichtbeschilfte Sümpfe bildend, umfließt die Stadt an ihrer östlichen
+Seite. Sein Wasser ist die meiste Zeit hindurch klar und beherbergt
+zahlreiche Vaal-Riverfische und Krabben, seine Ufer Fischottern,
+Wildkatzen und Leguane. Von dem Flusse aus, und auch, wenn ich nicht
+irre, von den Höhen von Westen her versieht eine Wasserleitung die
+Gärten der Stadt, sie an ihrer westlichen Seite umfließend, von welchem
+Hauptstrome kleine Bächlein zu den zahlreichen Häusergruppen geleitet
+sind.
+
+In der Sommerszeit wuchert in den weniger bewohnten Straßen üppiges
+Gras, allein selbst in der Trockenzeit gleicht die Stadt, ob der vielen
+immergrünen, meist ausländischen und hier eingeführten Bäume,
+Cupressineen, Eucalyptusarten, Epheu etc., welche im Moi-Riverthale sehr
+gut gedeihen, mit ihren reinlich angetünchten, schmuck aus dem dunklen
+Grün hervorblickenden, theils flachdachigen, theils begiebelten Häusern,
+einem Garten, der sich namentlich aus der gelblichen Grundfarbe des
+ringsum auf dem weiten Thalboden vertrockneten Grases ausdrucksvoll
+hervorhebt. Sind jedoch--wie es zur Zeit meines ersten und zweiten
+Besuches (1873 und 1874) der Fall war--die entfernten, mäßig hohen Hügel
+und die breite Thalebene mit hohem, üppigem Gras bedeckt und haben sich
+die Ufer des Flusses in zwei, mit weißen, feuerrothen und gelben Blüthen
+bedeckte Blumenbeete verwandelt, dann ist die wahre Zeit gekommen, wo
+Potschefstroom, im schönsten Schmucke prangend, den Ehrentitel der
+Blumenstadt des Transvaal-Gebietes verdient.
+
+Die Straßen sind gerade--die Stadt ist in »Blocks« ausgemessen--mehrere
+geräumige Plätze, von denen der bedeutendste theilweise als Markt und
+Auctionsstätte dient, finden sich an der Bereinigung mehrerer Straßen.
+Unter den Kirchen bietet das englische, epheuumringte Kirchlein ein
+schönes idyllisches Bild. Sonst finden wir an öffentlichen Gebäuden
+nicht eines, das über das Niveau der gewöhnlichen, neueren
+südafrikanischen Städtebauten hervorragen würde. Die Stadt ist der Sitz
+eines Magistrats, des portugiesischen Consuls, einiger Volksschulen, und
+treibt regen Handel mit Natal; mehrere Mühlen und Lohgerbereien sind
+außerhalb der Stadt angelegt. Die Haupt-Ausfuhrartikel sind Mehl,
+Getreide, Tabak und Schlachtvieh nach den Diamantenfeldern, nach Natal
+Tabak, Vieh, Häute und Carossen, auch etwas Straußenfedern und
+gegenwärtig nur wenig Elfenbein. Ein guter Theil der Handelswaren aus
+Natal, dem Oranje-Freistaat und den Diamantenfeldern hat auf seinem Wege
+in das Innere des Landes Potschefstroom zu passiren.
+
+Ohne daß die Gebäude der Stadt durch architektonischen Schmuck
+hervorragen, sind doch sowohl die Geschäftslocale feste, ihren Zwecken
+vollkommen entsprechende, geräumige Bauten, als auch die Wohngebäude
+nett und niedlich, viele gleich eleganten Villen eingerichtet. Was
+speciell oft jedem einzelnen, ja sogar einfachen Häuschen besonderen und
+der Stadt einen allgemeinen Reiz verleiht, das sind die sie
+umschließenden Obst- und Gemüsegärten und Gärtchen, sowie die vielen,
+mit Hunderten und Tausenden, hier hellen, dort dunkelrothen Blüthen
+geschmückten dichten Rosenhecken und Zäune aus hohem Feigengebüsch oder
+solche von der in einem schönen, glänzenden, dunklen Blattkleide und mit
+feuerrothen Blüthen prangenden, späterhin mit faustgroßen Früchten
+überladenen Granatäpfelstaude gebildet. Ueberall grünt, blüht und duftet
+es und mehrere Monate hindurch winken reife Früchte an den Hecken,
+Büschen und Bäumen. Ohne große Mühe können die Gehöftbesitzer ihren
+jährlichen Bedarf an Grünzeug und Obst ziehen, ohne dabei ihrem Ländchen
+den Reiz des Blumengartens zu benehmen.
+
+An den meist von stetig fließenden Bächlein durchrieselten Straßengräben
+stehen riesige, in heißer Sonnenhitze erquickenden Schatten spendende
+Trauerweiden, welche mit dem lichteren Grün ihrer Blätter und den
+schwermüthig herabhängenden, dünnen, doch mit dichtem Blattwuchs
+beladenen Zweigen deutlich und um so anmuthiger von den dunkel
+nüancirten Kronen der Obstbäume, den noch dunkleren Eucalyptusblättern,
+den spitz zulaufenden Blättern des Lebensbaumes und dem dunklen Grün der
+Cypressenbäume abstechen.
+
+Wir hatten nicht weit von den Friedhöfen in unmittelbarer Nähe der Stadt
+ausgespannt und wechselten uns bei dem Besuche derselben ab, um den
+Wagen nicht ohne Aufsicht zu lassen. Unsere Ankunft war nicht unbemerkt
+geblieben, bald hatte sich einer der dunkelfarbigen Konstabler
+eingestellt, um sich über unsere Absichten und den Inhalt des Wagens zu
+informiren. Ihn folgte bald der Clerk (Gehilfe) des Marktmeisters, der
+auch öffentlicher Auctionär war, um nachzusehen, da er eben des Weges
+vorbeiging, ob der Besitzer des hier ausgespannten Wagens nicht
+vielleicht Schlachtochsen oder sonst andere Artikel mit sich führe,
+deren er gerne los werden wolle. »Sein Chef,« meinte er, »wäre _a
+capital Auctionar_ und er bringe die Sachen, die er verkaufen solle, so
+gut an den Mann, daß die Leute weit und breit seine Hilfe in Anspruch
+nahmen.--»Kommt wohl von den Diamantenfeldern und wollt es nun in den
+Goldfeldern versuchen?« war seine Frage. Die Goldfelder im Leydenburger
+District fingen im Jahre 1873 an, sich merklich in der öffentlichen
+Meinung zu heben, im selben Maße, als die Diamantenfelder zu sinken
+begannen; gegen das Ende des Jahres 1873 und im folgenden Jahre fand ein
+Massenauszug von den letzteren nach den Goldfeldern statt.
+
+Am Nachmittage bekamen wir neue Besucher, einige Deutsche, von denen
+einer bei der Polizei angestellt, einer ein Maurer und die anderen
+Gärtner waren. Freund E. war mit ihnen in der Stadt zusammengetroffen.
+Sie hatten in jener, in der Mitte der Fünfziger Jahre von der englischen
+Regierung in Süd-Afrika nach der östlichen Provinz des Caplandes
+eingeführten »deutschen Legion« gedient, deren Mitglieder unter dem
+Namen der Legionäre ziemlich bekannt sind. Viele derselben haben sich in
+den Districten East-London, King-Williams-Town und Queens-Town
+angesiedelt und leben daselbst als Farmer. Diese waren die ruhigeren
+Elemente der Legion. Die energischeren traten in Geschäfte als
+Handlanger, als Storekeeper ein, avancirten zu Klerks (Buchhaltern und
+Geschäftsführern) und einige haben sich zu wohlhabenden Kaufleuten
+emporgeschwungen. Eine gute Anzahl, denen das Ansiedlerleben nicht
+gefiel, und die eine vagirende Lebensweise vorzogen, zerstreuten sich
+über die Cap-Colonie, Natal, den Freistaat und die Transvaal-Provinz, um
+hier als Maurer, dort als Zimmerleute etc. zu arbeiten, wobei sie in der
+Regel den Erlös noch im Orte verjubeln, um dann wieder weiter zu ziehen,
+eine neue Arbeit aufzunehmen, wochenlang hart und anstrengend bei
+zurückgezogener Lebensweise zu arbeiten, und kaum, daß sie mit dem
+Accord fertig geworden und die 20-40 £ St. empfangen haben, diese ebenso
+wie die frühere Summe in Saus und Braus aufgehen zu lassen. Daß es bei
+solchen Trinkgelagen oft allzu lustig und lärmend herging und man sich
+zuweilen auch dabei brutal betrug, ist nicht zu verwundern; so kam es,
+daß namentlich im Freistaat und in der Transvaal-Provinz die Legionäre,
+trotzdem sie als gute Arbeiter gepriesen werden, sich sonst keines guten
+Rufes erfreuen. Wir müssen hier jedoch eine scharfe Grenze zwischen den
+in der Colonie ansäßigen, Ackerbau oder Geschäfte betreibenden und den
+herumwandernden Legionären ziehen.
+
+[Illustration: Nachtlager.]
+
+Einige mit ihren Wägen vorüberziehende Boers blieben kurze Zeit an
+unserem Wagen stehen, um der althergebrachten Sitte gemäß uns Weißen die
+Hand zu schütteln und mit einfachen Worten nach dem Ziele unserer Reise
+zu fragen. »_Uns chat nach Wonderfontein to um det wonderljike chate to
+kiek_« (Wir gehen nach Wonderfontein um die wunderlichen Höhlen zu
+sehen) war die Antwort in unserem gebrochenen Holländisch. Die sich
+Verabschiedenden meinten, die Erdhöhlen wären es werth, besichtigt zu
+werden. Je mehr ich von diesen Wonderfonteiner Felsenhöhlen hörte, desto
+begieriger war ich, sie zu sehen, und um so größer meine Enttäuschung,
+als ich sie später sah.
+
+Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, wurde ich darauf
+aufmerksam gemacht, daß sich in Potschefstroom ein Herr dem
+Insectenstudium widme und der portugiesische Consul, Herr Foßmann, sein
+Möglichstes zu der geologischen Erforschung des südlichen
+Transvaal-Gebietes beitrage, ich solle sie gewiß besuchen. Doch ich
+hatte mich auf diese erste Reise so einfach ausgerüstet, daß ich mich
+nicht im Stande fühlte Staatsvisiten zu machen. Und so hieß es, nachdem
+wir uns mit Proviant versorgt, der Stadt Valet zu sagen.
+
+Wir brachen Abends auf und schlugen eine ostnordöstliche Richtung nach
+dem Moi-River zu ein. Es war ein hartes Stück Arbeit, um--nachdem wir
+die Stadt durchfahren--die kurze, blos einige hundert Schritte lange vom
+Nordende der Stadt bis zu der damals noch sehr primitiven Moibrücke
+reichende Strecke zurückzulegen. Obwohl die Stelle ziemlich breit, war
+sie doch durch die Feuchtigkeit des Bodens und in Folge der letzten
+Regen sowie durch die Sorglosigkeit der Bürger von Potschefstroom in
+einen einzigen, stellenweise bis 1½ Fuß tiefen Morast verwandelt worden.
+Mit geringen Unterbrechungen hatten wir die nächsten Stunden hindurch
+mit immer wiederkehrenden Passage-Schwierigkeiten zu kämpfen; die
+Erschöpfung der Thiere zwang mich endlich, an einer keineswegs
+einladenden, sumpfigen Stelle Rast zu halten.
+
+Der nächste Morgen führte uns durch ein breites, nach mehreren Seiten
+hin offenes Thal, in dem eine aus mehreren Häusern bestehende und in
+gutem Zustande gehaltene, von Aeckern und Gärten umgebene Farm lag. Wir
+erstanden hier einige Kürbisse und fuhren weiter nach Osten, gelangten
+auch bald auf eine Hochebene, die gegen Süden von einer theilweise von
+Bäumen bedeckten Höhenkette umsäumt, nach Osten, Norden und Nordwest
+einen freien Einblick in das Moi-Riverthal mit seinen zahlreichen Farmen
+und den sie umgebenden dunklen Gärten gestattete. Es war einer der
+herrlichsten Anblicke die ich genoß, in weiter Ferm zeigten sich
+einzelne Höhen und Höhenrücken, der Abfall des Blue-Bank-Hochplateaus
+und am fernen Nord-Horizonte die Umrisse der Magalies-Berge.
+
+Auf der Hochebene, nach der wir unseren Weg nahmen, fielen mir
+trichterförmige, von Weitem schon durch dichten Baumwuchs auf den
+Grasebenen gekennzeichnete 25-60 Fuß tiefe Bodenvertiefungen auf. Ich
+fand später, daß solche Bodentrichter im Transvaal-Gebiete in manchen
+Strichen zwischen dem Hart-River und dem Molapo und zwischen dem unteren
+Molapo und dem Vaal-River, im Barolong- und Batlapinen-Gebiete und im
+Bereiche von Griqualand-West (im westlichen Theile der Division of Hay)
+ziemlich zahlreich verbreitet sind und ein Charakteristicum des
+Riesenbettes eines oberflächlich liegenden, seltener in dünnen Lagen
+aufliegenden, oft jedoch mächtig bis Hunderte von Fuß tief in die Erde
+eingreifenden, stellenweise von Sand und weißen, schäligem Kalksteinen,
+an anderen Punkten von Granitblöcken und Schieferlagen überdeckten
+Kalksteins bilden. Sie sind die weiten Oeffnungen von mehreren sich
+vereinigenden, den Felsen in der Tiefe spaltenden Rissen. Dieses
+Riesenbett des Kalksteins, welches deutliche, oft prachtvolle,
+wellenartige Lagerung und Schichtung besitzt, zeigt meist von außen den
+Einfluß der Einwirkung des Wassers und ist in seiner Hunderte von Meilen
+Fläche bedeckenden Masse geborsten und gesprengt, doch mußte das Gestein
+ob seiner Härte und Massen-Ausdehnung den Erdrevolutionen einen großen
+Widerstand entgegengesetzt haben, so daß 90 Percent der geborstenen
+Theile, mit Ausnahme der entstandenen Klüftungen und der daraus
+erfolgten verhältnißmäßig _geringen_ Verschiebungen, keine nennenswerten
+Umwälzungen erlitten haben.
+
+Diese unterirdischen Risse und meilenlangen Spalten dienen
+unterirdischen Gewässern zum Abfluß, welche sich dann in kleinen Spalten
+an den Abhängen tiefer, steiler Thäler, wie am oberen Molapo, nach außen
+Bahn brechen. Ein Theil des Moi-Rivers fließt in dieser Weise unter der
+Erde fort, ja er verschwindet theilweise an manchen Stellen ganz und
+kommt weiter thalabwärts wieder zum Vorschein. Diese Spalten vereinigen
+sich und an diesen Vereinigungsstellen finden sich dann jene auch schon
+erwähnten (in tieferen und höheren Partien des Hochplateaus liegenden)
+nach oben trichterförmig sich erweiternden Oeffnungen, welche an ihrer
+oberen Mündung einen Umfang von 24-180, selbst bis zu 240 Meter
+erreichen. Sie erscheinen rundlich, weil die Wand oft mit Geröll und
+Erde bedeckt ist, doch bei näherer Untersuchung zeigen sie sich
+viereckig, die Mehrzahl jedoch dreieckig. Manche dieser Felsentrichter
+besitzen kahle Felsenwände, selten sind dieselben steil, häufiger mit
+Geröll überlagert oder durch Felsenblöcke gebildet; meist sind diese
+Blöcke mit Erde bedeckt, oder die Fugen und die Zwischenräume damit
+ausgefüllt, so daß diese von einer ziemlich üppigen Vegetation,
+namentlich aber Bäumen und Sträuchern überwuchert werden und da die
+höheren Bäume dann über diese Vertiefungen auf der begrasten, wenig oder
+gar nicht bebuschten Ebene hervorragen, weithin erkennbar sind.
+
+[Illustration: Felsentrichter.]
+
+Da wo die am Boden solcher Felsentrichter sich vereinigenden oder von
+hier austrahlenden Risse entsprechend breit sind, kann man einige Fuß,
+bei manchen tief senkrecht hinabsteigen und dann oft Hunderte von Metern
+weit, die Risse als niedrige, mehr oder minder hohe und geräumige
+Spalten verfolgen. Manche der trichterförmigen Oeffnungen sind mit
+krystallklarem Wasser gefüllt und ich konnte nicht umhin, eine
+derselben, welche eine Wassertiefe von über 140 Fuß zeigte und die ich
+auf der Rückkehr von meiner dritten Reise am linken Ufer des Molapo
+untersuchte, einen Miniatur-Felsensee zu nennen.--Ohne sie gesehen zu
+haben, glaube ich, daß Herrn Hübner's Klipdachs-Schlucht in die
+Kategorie dieser eigentümlichen Bodenbildungen gehört. So fand ich, daß
+viele Flüßchen im Gebiete des Vaal, Hart-River, Molapo und Marico (wohl
+auch des oberen Limpopo) ihren Ursprung in solchen engen Felsenlöchern
+nehmen, also da, wo das unterirdische Wasser nicht abfließen konnte und
+sich durch eine der trichterförmigen Oeffnungen nach oben Bahn brach.
+Wenn wir zu Farmen kommen, in deren Nähe sich solche Quellbächlein
+befinden, so wird unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß diese
+Bächlein oft meilenweit, oft aber nur einige hundert Schritte weiter
+aufwärts, an einer marschigen Stelle entspringen und sich in deren Mitte
+neben anderen aufsprudelnden Quellen ein umschriebenes, 50 und mehr Fuß
+tiefes Loch wie im Felsen eingebohrt befindet. An allen diesen Stellen,
+selbst an solchen, welche blos unterirdischen Abfluß hatten, fand ich
+stets dieselben Fischspecies vor. Auf den wildreichen Ebenen zwischen
+dem Hart-River und dem Molapo lernte ich einen beschilften Sumpf kennen,
+der nach keiner Seite hin Abfluß zeigte und äußerst fisch- und
+vogelreich war; nach der beinahe die Mitte desselben einnehmenden größte
+Tiefe desselben zu schließen, hielt ich auch diesen für eine ähnliche
+Felsenöffnung. Der diese Felsenformation bedingende Kalkstein zeigt
+außer Quarzadern und anderen quarzhaltigen Mineralien Einschüsse von
+Blei, Kupfer, Eisen und Silber.
+
+Am dritten Tage nach unserem Aufbruche von Potschefstroom erreichten wir
+Wonderfontein, mit welchem Namen die Boers die »wonderlichen« Grotten
+und Höhlen in den Felsen bezeichnen. Es ist nicht, wie in der Regel, der
+Name einer Farm, sondern der Sammelname für eine Anzahl solcher, welche
+nahe aneinander in ausgezeichneten Weidetriften im Thale des Moi-Rivers
+liegen. Es sind meist steinerne, ebenerdige, doch hohe, luftige
+Wohngebäude mit einem angebauten Wagenschuppen und in der Regel einer
+oder zwei meist aus Schilfrohr verfertigten zum Trocknen des hier eifrig
+cultivirten Tabaks gebrauchten Hütten. Von diesen Farmen wird jene, auf
+die wir zusteuerten, d.h. in deren Nähe sich der Eingang zu den Höhlen
+befindet, das eigentliche Wonderfontein genannt.
+
+Die Ufer des Moi-Rivers, der hier einen breiten Bach darstellt und dem
+von beiden Seiten zahlreiche Quellen zuströmen, sind stellenweise sehr
+sumpfig und von Schilfrohrdickicht umsäumt, die für den Ornithologen ein
+förmlich unerschöpfliches Arbeitsfeld abgeben. Ein tausendstimmiges
+Pfeifen und Singen, Gezwitscher und Gackern tönt an unsere Ohren und
+versetzt uns in Verlegenheit, wohin zuerst unsere Schritte lenken.
+
+Mit der Erlaubniß des Farmers schlugen wir unseren Lagerplatz unter
+hohen und schattigen seinen Pfirsichgarten umsäumenden Trauerweiden auf.
+Als wir jedoch nach dem Eingange der Höhle fragten, gab man uns zu
+verstehen, daß der Eingang wohl zu finden sei, daß man sich aber leicht
+in den Höhlen verirren könnte und es darum gerathen sei, den Besuch der
+Höhlen nur mit einem Führer zu unternehmen, wozu sich uns die Söhne des
+Farmers gegen ein Honorar von 1 £ St. per Person anboten. Da ich ja
+hauptsächlich der Höhlen halber nach Wonderfontein gekommen war, ließen
+wir uns diese Erpressung gefallen und nachdem sich auch einige bei dem
+Farmer zu Besuche weilende Verwandte desselben uns angeschlossen,
+machten wir uns auf den Weg.
+
+Zwei Söhne des Farmers, die sich mit einem Bündelchen von Talglichtern
+versehen hatten, waren unsere Wegweiser. Wir überschritten das Flüßchen
+an seiner breiten, sehr seichten Furth, und hatten das rechte, felsige
+und bewaldete Ufer zu erklimmen. Nach einer Viertelstunde kamen wir zu
+einem uns entgegen gähnenden, senkrecht nach abwärts führenden
+Felsenloche, eine der engeren, doch tieferen trichterförmigen, vorher
+beschriebenen Felsenklüfte. Obgleich mir der Eintritt in die
+unterirdischen Höhlen theilweise die Berstungen im Felsen deutlich vor
+Augen führte, muß ich doch gestehen, daß ich mich schon durch diesen
+Eingang zur Höhle sehr enttäuscht fühlte. Ich dachte eine jener Höhlen
+zu finden, in welcher ich Knochenablagerungen von Thieren, der letzten
+geologischen Periode finden und so diese Lücke in der Geologie
+Süd-Afrika's ausfüllen hätte können.
+
+Aus den Wänden des Trichters hervorragende Felsenblöcke ermöglichten es
+uns, den Boden der sich nach unten bis zu einer schmalen Spalte nach
+Nordnordwest verengenden und in schräger Richtung nach abwärts gegen
+(und untere) das Flußbett fortsetzenden Felsenöffnung zu gewinnen. Wir
+drangen in das Spaltengewirre ein; anfänglich waren es enge, niedrige
+Gänge, kaum so hoch, daß wir Einer nach dem Andern auf allen Vieren
+durchkriechen konnten, später verbreiterten sich dieselben bis zu 4 und
+8 Fuß und erreichten dabei bis zu 10 Fuß Höhe. Beinahe alle verengten
+sich nach oben zu dünnen Spalten, aus denen das Wasser herabrieselnd und
+sickernd Stalaktiten erzeugte, ohne daß sich diese durch auffallende
+oder große Formen ausgezeichnet hätten. Leider hatten frühere Besucher
+schon die meisten abgeschlagen oder beschädigt, deren Bruchstücke
+bedeckten den Boden. An jenen Stellen--und deren gab es viele, denn die
+unterirdischen Felsenspalten, in denen wir uns bewegten, zeigten die
+Felsenmasse nach allen Richtungen gesprengt--wo sich zwei kreuzend
+begegneten, erhob sich über dem Beschauer eine Art Kuppe, etwas höher
+als die Zerklüftungen, doch auch nichts Bemerkenswertes bietend. Die
+Wände waren dunkelgrau, meist kahl und ziemlich glatt. Die Hälfte
+unserer unterirdischen Wanderung legten wir barfuß zurück, denn das von
+Osten nach Westen durch die Grotten strömende und plätschernde Bächlein
+floß in der Gesammtbreite des Ganges und wir konnten sein Murmeln schon
+beim Eintritte in die unterirdischen Spalten vernehmen. Je weiter wir
+nach Westen und Norden vordrangen, um so tiefer wurde das Wasser und
+gerade von jenen Gängen her schimmerten schöne, unbeschädigte
+Stalaktiten herüber, doch wir mußten das weitere Vordringen, der
+Weigerung unserer Führer wegen, aufgeben.
+
+Ohne allzugroße Mühe, könnte man die engen Stellen zwischen den
+breiteren Zerklüftungen und dem Eingange, die schräg nach abwärts
+führende Partie des unterirdischen Ganges erweitern und ein kleines,
+kurzes Boot einführen und auf diese Art möglicher Weise das Ende der
+Gänge oder vielleicht größere Höhlenräume erreichen. Mir schien es, als
+ob auf der vom Flusse abgewandten Seite weniger gangbare und meist nur
+dünne, spaltenförmig sich fortsetzende Gänge liegen, die breiteren
+dagegen nach dem Flusse zu führen würden, so daß hier das eingeströmte
+Wasser die an und für sich engen Spalten vielleicht weiter und breiter
+ausgewaschen haben mußte.
+
+[Illustration: Grotte von Wonderfontein.]
+
+Trotz unseres kurzen Aufenthaltes hatten wir in den Höhlen so manchen
+Begleiter gefunden, denn als wir sie verließen, da gaben uns diese in
+Unzahl bis zum Felsenausgang hinauf ihr treues Geleite und als Andenken
+sowohl an die Wonderfonteiner Höhlen, wie um meine Sammlung der Mamalia
+zu mehren, nahm ich zwei derselben zum nicht geringen Staunen unserer
+Führer mit, welche die flatternden Fledermäuse (Vespertiliones) nicht
+anzurühren wagten.
+
+Wonderfontein ist einer jener Orte in Süd-Afrika, an welchen der
+Forscher getrost längere Zeit verweilen kann; seine Mühe wird hier
+reichlich belohnt. Thiere, Pflanzen wie Mineralien sind hier des
+Sammelns werth. Leider war mein Aufenthalt wegen der schon erwähnten
+Gründe nur auf drei Tage beschränkt und so konnte ich nur einen Einblick
+in die Natur der nächsten Umgebung gewinnen. Große wilde Vierfüßler gab
+es hier nicht mehr, sie waren seit etwa 15 Jahren ausgerottet, doch
+fanden sich noch Caloblepas Gorgon, Antilope albifrons und Euchore in
+Menge auf den nördlich sich erstreckenden Ebenen, während im hohen
+Ufergras, in seinen Binsen und den beschilften, doch trocken liegenden
+Partien einzeln oder paarweise, die schön gelblichbraune, mit ihren nach
+vorwärts gerichteten, kurzen, etwas hakenförmig gebogenen Hörnern
+versehene Rietbockgazelle ziemlich häufig anzutreffen war.
+
+Unser Farmer bewies sich die Zeit unseres Aufenthaltes hindurch äußerst
+freundlich und lud uns mehrmals ein, seine auf die Jagd gehenden Söhne
+zu begleiten. Auf den Ebenen zur Rechten und Linken zeigten nicht selten
+frisch »eingefahrene« Löcher die Gegenwart der Schabrakenschakale, des
+Proteles und der gestreiften Hyäne, häufig waren Stachelschweine,
+Springhasen und kurzschwänzige Schuppenthiere zu finden. Zwischen dem
+Gestein bemerkte ich Genetta's und eine schwarz gestreifte Wieselart.
+Auf einem meiner mit Freund E. am jenseitigen Ufer unternommenen
+Ausflüge, als wir beide unsere Gewehre abgelegt, dem Treiben einiger
+großer Finkenarten im Röhricht unsere Aufmerksamkeit schenkten, hörte
+ich einige Schritte vor mir, dort wo eine Oeffnung im Schilfe den Blick
+auf eine Flußstelle freigab, ein Plätschern in dem klaren, murmelnden
+Gewässer. Es rührte von vier sich rasch stromaufwärts bewegenden, neben
+und hintereinander schwimmenden Fischottern her. Bevor wir unsere etwas
+hinter uns an einem Felsen angelehnten Gewehre ergreifen und benützen
+konnten, waren die Thiere im dichten Schilfe vor uns verschwunden. Die
+braunen Fischottern der südafrikanischen Flüsse sind gedrungener und
+kürzer als die europäische Art, haben ein weniger werthvolles Fell und
+halten sich an allen beschilften, fließenden Gewässern oder auch in den
+Tümpeln der Spruits auf. An den zahlreichen Stromschnellen, sowie in den
+tiefen Lachen, welche nach der Austrocknung der Flüßchen in ihrem Bette
+zurückbleiben und sehr zahlreiche Fische bergen, ist ihnen Gelegenheit
+geboten, feist zu werden, indem ihnen fast nie nachgestellt wird, außer
+wenn sie zufällig am Flusse angetroffen oder durch das Geschrei der
+Hähne zu einem Besuche menschlicher Wohnungen angelockt, von den Hunden
+angegriffen und getödtet werden, letzteres jedoch ein seltener Fall. Nur
+wo Eingeborne etwas dichter das Flußufer bewohnen, scheinen sie seltener
+zu sein, da ihnen diese, sowie deren Hunde (letztere des Fraßes halber)
+eifrig nachstellen. In den Flüssen des südlichen mittleren, westlichen
+und nördlichen Transvaal, wo selbst die Thäler der Flüsse marschig, und
+von ausgedehntem Röhricht bedeckt sind, finden die Thiere ihre besten
+Schlupfwinkel. Selten beobachtete ich sie in stabilen Wohnplätzen, meist
+jagen sie über größere Strecken, wobei ihre Jagd in den seichten Sümpfen
+nach Fischen und Crustaceen, auf dem hochbegrasten Ufer nach Mäusen und
+Ratten und in den mit Schilf dicht bestandenen tieferen Morast- und
+Flußpartien nach Vögeln äußerst lohnend sein muß.
+
+In den Schilfdickichten beobachteten wir hängende Nester von
+Rohrfängern, von zinnoberrothen, schwarz gefleckten Feuer- und von dem
+schönen langschwänzigen Königsfinken (Vidua capensis). Diese schöne und
+wohl eine der größten Finkenarten besitzt ein bräunliches Winterkleid
+und ein schön sammtschwarzes Sommergewand. Die Schultern tragen je einen
+orangefarbenen Fleck, der sich namentlich auf dem dunkelfärbigen
+glänzenden Sommergewande prachtvoll ausnimmt. Doch außer dieser
+Auszeichnung, mit der die Natur den schmucken Vogel für die Periode des
+üppigen Lebens in der südlichen Hemisphäre bedacht, hat sie ihm noch
+eine andere zukommen lassen. Während im Winter der Schwanz des Vogels
+von normaler Länge ist, wächst er mit der zunehmenden Schwärze des
+Federgewandes im Sommer zu einem Busche von bis zu 18 Zoll langen
+Federn, welche den Vogel im Fluge hindern, ihm namentlich beim windigen
+Wetter den Flug so erschweren, daß er sich windabwärts tragen lassen
+muß. Dieser schöne Finke ist wie alle die im Röhricht lebenden
+Finkenarten ein sehr munterer Vogel, oft sieht man ihn sich im oberen
+Drittel der Schilfstengel wiegen und ausäugeln oder über den Morästen
+flattern; sowie er sich unbeachtet wähnt, läßt er sich in die unteren
+Schilfpartien herab, aus denen sein Gezwitscher ertönt. Wird er durch
+etwas in Aufregung versetzt, ist es ein anderer Finke, der sich an sein
+Nest wagt, oder eine plötzlich vor ihm sich aufrichtende Schlange, oder
+wird er als Gefangener von den Menschen geneckt, so bläst er seinen Hals
+auf, faucht, richtet die schönen, melirten Halsfedern zu einer Krause
+auf und trachtet mit seinem scharfen Schnabel Hiebe auszutheilen.
+Unstreitig gehört er zu den interessantesten Erscheinungen der
+südafrikanischen Vogelwelt.
+
+Langohrige Eulen--echte Sumpfeulen fliegen auf, um sich nach kurzem
+Fluge am Rande des Sumpfes niederzulassen. Am meisten sind jedoch
+Wasservögel, Schwimm- wie Stelzenvögel, vertreten. Wir finden mehrere
+Arten der Strandläufer, Rohrdommel, kleine Silber- und gewöhnliche
+graue, doch auch Purpurreiher, eine Species Kampfhähne, ferner
+Blaßhühner, mehrere Wildentenarten und Taucher. Während der Forscher im
+Kahne nach Nestern und Eiern dieser Thiere fahnden kann, ist es den ihm
+längs der Ufer Folgenden möglich, die auffliegenden Thiere zu
+beobachten, oder die von ihm bezeichneten zu erlegen. Der reiche
+Blumenflor an den feuchteren Thalpartien begünstigt auch die
+Entwickelung einer vielartigen Insectenwelt und so sind denn die kleine
+Insecten wie Körner fressenden Vögel, Kolibris, Bienensauger und
+Schwalben zahlreich vertreten, die hier über den schönblüthigen Blumen,
+dort im Gebüsche, in den Gärten und bewaldeten Partien sich
+herumtummeln.
+
+Als der Farmer meinen Eifer bemerkte, mit dem ich den gesuchteren der
+hier lebenden Vögelspecies nachstellte, gab er mir den Rath, mich hinter
+seinem Wagenschuppen zu bergen, weil sich auf dem über diesen
+erhebenden, theilweise verdorrten Baum ein »besonderlik Vogel« zu sonnen
+pflege. Ich folgte seinem Rathe und hatte die Freude denselben, einer
+kleinen Schlangenhalsvogelart angehörend, zu erlegen.
+
+Die feuchten Wiesen bargen eine reiche Fülle verschiedenartigster
+Insecten, doch hatte das Sammeln derselben manche Schwierigkeit und
+Gefahr. Erstlich wimmelten diese Wiesen von Mosquitos, welche uns nicht
+nur Abends belästigten, sondern selbst in der Sonnenhitze Gesicht und
+Hände wund stachen; außerdem waren dieselben reich an Schlangen, unter
+denen ich eine noch nie beobachtete schwarzgraue, fast gleichmäßig
+fingerdicke, unten schwefelgelbe und etwa zwei Fuß lange Art erhaschte.
+
+Aus einem Gespräche mit dem Farmer entnahm ich, daß auch mein College
+Mauch diese Höhlen aufgesucht und sich hier eine Zeit lang aufgehalten
+hatte und im Ganzen schien der Besitzer sehr stolz auf die »wondeljike
+chate« (Höhlen) zu sein. So oft Jemand von uns im Hause vorsprach, wurde
+er sofort mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Zwieback bewirthet und
+unser freundliche Wirth bedauerte nur, daß wir zu viel det slechte Chut
+(Reptilien u.s.w.) sammelten, unsere Zeit unnützer Weise
+verschleuderten, während wir bei ihm sitzen und über die
+Diamantenfelder, Duits-land und Osteriek sprechen sollten.
+
+Manche der Farmer destilliren aus den Pfirsichen eine Art Branntwein,
+welcher namentlich im Transvaal-Gebiete als Perschke-Branntwein
+»verrufen« und bedeutend schwächer und billiger ist als jener unter dem
+Namen Cango in der westlichen Cap-Colonie aus Weintrauben bereitete.
+
+
+
+
+VI.
+
+Rückreise nach Dutoitspan.
+
+Wolmaran's Farm.--Ein junger Boer.--Tabakbau im Moi-Riverthale.
+--Ueppige Vegetation.--Optische Täuschung.--Transportkosten und
+Schwierigkeiten.--Gestörte Mahlzeit.--Ein Hinterhalt.--Farm
+Rennicke.--Eine Vogel-Colonie.--Gildenhuis.--Eine Löwenjagd an den
+Maqwasihöhen.--Gekränkte Hottentotten-Ehre.--Auswanderer nach den
+Leydenburger Goldfeldern.--Hallwater-Farm und Saltpan. (Vermeintliche
+Ruine von Monopotapa.)--Batlapinen-Gerichte.--Eine unliebsame
+Entdeckung.--Hebron.--Ostersonntag im Vaal-River.--Ankunft in
+Dutoitspan.
+
+
+Ich schied von Wonderfontein mit dem dankbarsten Herzen seinem Besitzer,
+wie der gütigen Natur gegenüber. Mit Wonderfontein war das Endziel
+meiner ersten Reise erreicht und ich begab mich auf den Heimweg nach
+Dutoitspan, bis Bloemhof dieselbe Route wie auf der Herreise benutzend.
+
+Am zweiten Marschtage bemerkte ich, daß Gert mit seltenem Eifer die
+Kaufertigkeit seiner Kinnbacken erprobte; auf meine Frage, welche
+Delicatesse er wohl erhascht, zeigte er mir eine Handvoll Gummi, von den
+Mimosen herrührend, die unseren Weg säumten, und pries die
+durstlöschende Eigenschaft desselben. Ich fand später wiederholt
+Gelegenheit, zu diesem Ersatzmittel des Wassers meine Zuflucht zu
+nehmen. Am folgenden Tage, in der Nähe von Wolmaran's Farm, begegneten
+wir einem etwa 12jährigen, von der Jagd heimkehrenden Boerjungen. Obwohl
+das Gewehr, das er nachlässig geschultert trug, beinahe größer war als
+er selbst, sprach dennoch aus allen seinen Mienen großes
+Selbstbewußtsein und er schien die Ehre einer Ansprache von Seite meines
+Begleiters F. ganz gleichgiltig hinzunehmen.
+
+Der junge Jäger hatte sich inzwischen auf sein Gewehr gelehnt und
+reichte mit einem »Guten Tag, Ohm« Einem nach dem Andern die Hand.
+Von seinem Hute hing das Schwänzchen einer frisch erlegten
+Deukergazelle.--»Und Du hast sie selbst erlegt?«--»Ja, Ohm.«--»Hast Du
+das Thier im Laufen oder Stehen geschossen?«--»Ungefähr 200 Schritte
+vor mir sprang sie auf, lief ein Stückchen, blieb stehen, ich war
+niedergeknieet und hatte das Stillstehen erwartet, so wie sie stehen
+blieb, blies ich ihr die Kugel durch den Leib.« Ohne auf unsere weiteren
+Fragen zu warten, schulterte er sein Gewehr, berührte den Hut, reichte
+wieder einem Jeden die Hand und ging seiner Wege.
+
+Um die bereits erwähnte morastige Straßenstelle jenseits der Brücke über
+den Moi-River bei Potschefstroom am nächsten Tage bei Tageshelle zu
+passiren, beschloß ich, nachdem wir Wolmaran's Farm im Rücken hatten,
+die ganze Nacht hindurch zu reisen und nur einige Stunden zu rasten.
+
+Während einer solchen Rast wurde ich durch eigentümliche volle Töne aus
+meinen Betrachtungen gerissen. F. machte mich auf ein Pärchen großer
+Vögel aufmerksam, welche kaum 100 Schritte vor uns ihre Stimme ertönen
+ließen. Die Dunkelheit ließ jedoch ihre Art nicht erkennen. Bevor wir
+uns noch anschleichen konnten, hatten uns die Thiere bemerkt und hoben
+sich in die Lüfte. Den schönen, langgezogenen und vollen, durch die
+Stille der Nacht erschallenden Ton, den sie dabei ausstießen, erkannte
+ich sogleich als den Warnungsruf des grauen südafrikanischen Kranichs.
+Dieser voll schallende Ton, der wie über einem Resonanzboden ausgestoßen
+so voll klingt und so deutlich und von großen Entfernungen her hörbar
+ist, wird durch die einigen wenigen Vogelarten (auch den Schwänen)
+zukommende Eigentümlichkeit bedingt, daß sie ein weit ausgehöhltes
+Brustbein besitzen und die Luftröhre in diese Höhlung eintritt, um,
+nachdem sie eine Curve gebildet, sich wieder nach auswärts zu wenden und
+herauszutreten.
+
+Am Abend des nächsten Tages schlugen wir wieder in Potschefstroom an der
+bereits bekannten Stelle unser Lager auf.
+
+Von einigen Bekannten, die zu unserem Wagen gekommen waren, erfuhr ich,
+daß sich Mauch mehrmals in Potschefstroom aufgehalten und in Herrn
+Foßmann einen guten und opferwilligen Freund gefunden, und daß in den
+nach Osten zu sichtbaren Bergen Versteinerungen und Pflanzenabdrücke
+anzutreffen wären. Als ich zu den Besuchern über das Innere des Landes
+sprach, meinten sie, daß hier mehrmals im Jahre mit Elfenbein,
+Straußenfedern und allerhand Häuten und Fellen beladene Wägen von der
+Stadt der Bamanquato, »Schoschong«, auf dem Wege nach Natal ankämen, die
+einem Brüderpaar, den Händlern Drake (die ich später auf meiner zweiten
+Reise in Schoschong auch kennen lernte und den einen zu behandeln
+hatte), angehörten. Sie kämen den Limpopo herab, wobei sie den Marico
+kurz vor seiner Mündung überschritten. Von denselben Besuchern hörte ich
+noch, daß sich in Potschefstroom zwei Männer aufhielten, welche
+Elephanten im Matabeleland gejagt hatten.
+
+Wie die meisten Hottentotten so sind auch die Griqua's und Koranna's
+leidenschaftliche Raucher und gleich manchen (doch meist den ärmeren)
+Holländern leidenschaftliche Tabakkauer; weil nun der im Moi-Riverthale
+angebaute Tabak ein ziemlich gutes Renommé besitzt, hatten mich Gert und
+David mehrmals ziemlich unverblümt daran erinnert, bevor ich die Stadt
+zum zweiten und letzten Male verließ, doch eine ganze Rolle (etwa 5
+Pfund) von dem »notwendigen Ding« zu kaufen. Jeden Tag verbrauchten sie
+per Mann ein fingerlanges Stückchen der daumenstarken Rollstange. Bis
+jetzt wurde--wenn ich nicht irre--der größte Theil des hier angebauten
+Tabaks im Lande selbst verbraucht, doch wird er unstreitig, in größerer
+Menge angebaut und etwas billiger auf den Markt gebracht, in nächster
+Zeit einen nennenswerthen Exportartikel bilden.
+
+Obgleich ich keine statistischen Daten bezüglich des Tabakbaues vor mir
+habe, glaube ich doch, daß von den gesammten südafrikanischen,
+civilisirten Staaten die Transvaal-Provinz den meisten Tabak producirt.
+Unter den unabhängigen, im Westen und Nordwesten dieser Colonie
+wohnenden Betschuanastämmen sind es namentlich die in dem Lande der
+Bakwena wohnenden Bakhatla, welche ihre Zeit meist als Diener der Farmer
+in der Transvaal-Provinz zugebracht und die Tabakcultur in ihrer
+primitivsten Weise nach ihrer Heimat verpflanzt haben.
+
+Die Strecke nach Klerksdorp legten wir ziemlich rasch (in zwei Tagen)
+zurück. Auf dem Wege längs eines in den Moi-River einmündenden
+Querthales auswärts gegen einen Höhensattel zu, den wir zu überschreiten
+hatten, beobachtete ich an den feuchteren, kurzbegrasten
+Partien--trotzdem, daß wir die Stelle noch keine zwei Wochen vorher
+passirt hatten, neue Amaryllisspecies und andere mir noch nicht zuvor
+bekannte Pflanzenspecies im Sprossen begriffen. Mit Leichtigkeit könnte
+man in Süd-Afrika ebenso wie die aus dem wilden Zustande in Töpfe und
+Gärten verpflanzten Zwiebelgewächse, die sehr artenreichen Staphelien
+und Euphorbiaceen verpflanzen und es wäre wünschenswerth, daß diese
+beiden ersteren als Garten- wie Zimmerschmuck so leicht zu gewinnenden
+Familien häufiger als nur bei einigen wenigen Amateurs und als die von
+Europa, Australien und Süd-Amerika eingeführten Gewächse gepflegt
+würden. Man kennt leider in Süd-Afrika im Allgemeinen mehr von
+europäischen Gartenpflanzen und von australischen und neuseeländischen
+als von den einheimischen in diese Kategorie einschlagenden
+Pflanzenproducten. Die schönen Gladiolus-, Amaryllis-, Iris- und ihnen
+verwandte Species könnten in Gärten und Töpfen sehr gut gedeihen, nicht
+minder zahlreiche zartblüthige Malvaceen, Scabiosaceen, Cinneen,
+namentlich aber die im Süden so artenreichen Ericaceen. Unzählig sind
+die Species der Bodenkriecher, die, wenn etwas cultivirt, noch bedeutend
+gewinnen würden, zahlreich sind die lianenartig sich emporschlingenden
+Gewächse. Im Süden, in den Küstendistricten, werden mit Ausnahme der
+schon erwähnten botanischen Gärten, die einheimischen Pflanzen doch nur
+von wenigen Liebhabern cultivirt, und da sind es meist nur die
+aloëartigen, Encephalartos, Strelitzien, Staphelien, Euphorbiaceen,
+Geranium-Arten, Farrenkräuter und einige wenige mehr.--Doch zurück zu
+unserer Rückreise nach Klerksdorp.
+
+[Illustration: Junger Boer.]
+
+[Illustration: Jagd auf Zibethyänen am Klipspruit.]
+
+Auf der Höhe des Bergsattels befindet sich eine kleine, weniger tiefe
+Wasserlache, welche, obgleich seicht, wegen der steinigen Unterlage,
+bedeutend länger als tiefere Lachen in der Ebene und in manchen der
+Spruits ihr Wasser hält. Diese kleinen Höhenlachen sind zuweilen ein
+nennenswerthes Charakteristicum vieler Höhen, besonders der Sattel und
+Kämme des centralen südafrikanischen Hochplateaus, der Reisende begrüßt
+sie mit freudigem Herzen und den Neuling überraschen sie nicht selten
+da, wo er sie am wenigsten erwartet. Nachdem er oft lange, ebene
+Strecken durchreist, vergebens da, wo das Land eine Neige zeigte, nach
+Wasser geforscht, fruchtlos einem trockenen Flußbett stundenlang gefolgt
+und sich mühevoll--nur um seinen und den peinlichen Durst der am Wagen
+harrenden Gefährten zu stillen--durch Schilfbrüche Bahn gebrochen, ohne
+das begehrte Element zu finden, endlich zu dem Wagen zurückkehrt, die
+Reise fortsetzt, um noch die vor ihm liegende Höhe oder die sich quer
+über seine eingeschlagene Route ziehende Bodenerhebung oder Hügelkette
+zu erreichen und von den höheren Punkten Rundschau zu halten, findet er
+unerwartet oben auf der Höhe eine, wenn auch oft trübe, so doch volle
+Wasserlache. Welch' eine beseligende Ueberraschung für den Neuling, ein
+Schatz für den Veteran, der, ohne nach rechts oder links abzubiegen,
+ohne sich durch noch so viel trocken scheinende Schluchten oder
+Flußdickichte täuschen zu lassen, gerade auf die ihm schon bekannten
+oder Wasser versprechenden Bodenerhebungen lossteuert. Zur heißen
+Tageszeit wird leider das Wasser in diesen seichten Becken bedeutend
+erwärmt, doch in der Abendkühle ist es bedeutend kälter als jenes in den
+Morästen oder Spruitlachen und wenn es nicht durch häufig hier zur
+Tränke kommende Viehheerden verunreinigt wird, bedeutend reiner und
+namentlich frei von faulenden Substanzen.
+
+Während ich auf der Reise vaalaufwärts meine Zeit meist zur Croquirung
+der Strecke verwendete, konnte ich mich nunmehr meinen Sammlungen und
+der Jagd widmen. Ich ging mit meinem treuen und bereits gute Dienste als
+Hühnerhund leistenden Niger in der Grasebene auf der einen, F. mit
+seinem Karabiner auf der anderen Seite, 2-400 Schritte vom Wagen
+entfernt, demselben als Eclaireurs voran. Die grauen und schwarzen
+Zwergtrappen (die großen Trappen Eupodotis caffra und Kori waren zu
+scheu), Rebhühner, Steppenhühner, rothfüßige Kibitze (in den Flügeln
+schwarzweiß gescheckt) und an den Flügeln bespornte Hoplopteri (an den
+feuchteren Stellen) bildeten meist unsere Beute. Niger (ein bei der
+während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern unternommenen und
+bereits geschilderten Pavianjagd erworbener Hund) that sein Möglichstes.
+
+Zwischen dem Baken- und Matschavisspruit hielt uns ein Vorfall, der zu
+den heiteren Zufällen dieser ersten Reise gerechnet werden muß, einige
+Stunden auf. Auf einer der Grasebenen zu unserer Linken erspähte Gert
+vom Bock aus, etwa zwei Meilen vom Wege entfernt, einen dunklen
+Gegenstand, der bald als ein einzelnes grasendes Thier erkannt war. Nach
+der Größe schien es ein Rind zu sein, doch war von einer Heerde oder
+einem Hirten nichts zu sehen, und so wurde der dunkle Gegenstand trotz
+den Einwendungen der beiden Diener, die uns Weißen nicht beistimmen
+wollten, für einen jener alten, von den Heerden wegen ihrer Reizbarkeit
+und Kampflust ausgestoßenen Gnu-Stiere angesehen, der allein, sein
+ferneres Dasein in der Verbannung fristen mußte. »Deinen Gefährten bist
+du nutzlos, desto eher kannst du in einem europäischen Museum paradiren,
+dachte ich und meine Freunde stimmten mit ein.« Die Vorsicht, mit der
+ich mich in die Nähe des vermeintlichen Wildes schlich, erwies sich
+jedoch bald überflüssig, denn schon auf 500 Schritte erkannte ich einen
+Bullen, der seinerseits nun mir eine größere Aufmerksamkeit zuwendete
+als mir lieb sein konnte und mit gesenkten Hörnern auf mich losging.
+Einige blinde Schüsse brachten ihn jedoch schließlich zum Nachgeben und
+verstimmt über diese Täuschung kehrte ich zum Wagen zurück. Das scharfe
+Korannagesicht hatte seine Ueberlegenheit über uns Europäer bewiesen.
+
+Ohne Unfall passirten wir die Furth über den Schoenspruit und lagerten
+bald auf dem freien, zwischen dem Flusse und der nach Klerksdorp
+führenden Wasserleitung liegenden Rasenplatze. In unserer Nähe standen
+zwei einem Transvaaler Fuhrmann (_Transportrider_) gehörende Wägen. Der
+Eigentümer derselben kam an unseren Wagen und da wir eben Kaffee nahmen,
+wurde ihm ein »Becher« offerirt. Der Transportrider führte Güter, wie er
+glaubte, Kistchen mit französischen Weinen und Brandy, rothe Kistchen
+mit holländischem Gin, große Kisten mit englischem Bisquit, ferner
+solche mit eingelegten Früchten (_Jam_), sowie Picken, Schaufeln etc. im
+Ganzen 13.000 Pfund Gewicht auf den beiden Wägen, die ihm in den
+Diamantenfeldern aufgeladen wurden und die er nach den Goldfeldern zu
+schaffen hatte.
+
+Nach der Berechnung unseres Gastes, der ziemlich geläufig englisch
+sprach, hoffte er nach Abzug aller Kosten 140 £ St. an diesem »Trip«
+(Fahrt) zu verdienen, so daß wir mit Zurechnung der Frachtauslagen von
+Port Elizabeth annehmen müssen, daß das Heraufschaffen der Güter von
+diesem Hafenorte bis Pilgrims-Rast (Leydenburger District) auf 300 £ St.
+zu stehen komme. Die Strecke von Port Elizabeth über Hope-Town,
+Kimberley (Diamantenfelder), Christiana, Klerksdorp, Potschefstroom,
+Pretoria, Middleburg und Leydenburg (Lydenburg) beträgt nahezu 1100
+englische (etwas über 255 geographische) Meilen; für den Transport von
+130 Centner war mithin die Fracht von 3450 fl. eine sehr hohe. Die
+meisten dieser sogenannten Transportrider (sprich »raider«) stehen sich
+gut, nur in trockenen Jahren und wenn sie Schneegestöber im Winter auf
+den Karoohochebenen ereilen, haben sie oft sehr viel zu leiden und
+können ihr gesammtes Zugvieh einbüßen. So weiß ich mich vor drei Jahren
+eines Falles zu erinnern, wo ein einziger Fuhrmann, der mit sechs Wägen
+nach der Cap-Kolonie fuhr, in einigen kalten Nächten 75 Stück Ochsen
+verlor. Die Weide war sehr schlecht, wenn er die Thiere auch drei Tage
+lang grasen ließ, hatten sie sich nicht genügend erholt und erfroren um
+so eher. Ich kenne auch Fälle, wo solche Fuhrleute beim Durchfahren
+größerer Flüsse, wie des Oranje-Rivers, im Flusse stecken blieben und
+bevor noch ausgiebige Hilfe ankam, war der Fluß gestiegen und der
+Fuhrmann verlor Wagen und Güter, die er ersetzen mußte, Vorfälle, die
+schon so manchen an den Bettelstab gebracht.
+
+Am nächsten Morgen verließen wir das Weichbild von Klerksdorp und
+schlugen die Richtung nach dem Estherspruit ein. Die letzten Tage hatte
+es nicht geregnet und so durften wir auf schönes Wetter hoffen, doch
+wurden die Nächte empfindlich kälter als zur Zeit, da wir uns von den
+Diamantenfeldern verabschiedet hatten.
+
+Unter dem einladenden Schatten einiger jener mehrstämmigen, hutförmigen,
+nach abwärts mit ihrem verschlungenen Kronengezweige sich neigenden
+Zwergbäumchen hielten wir am folgenden Tage Mittagsrast. Die
+beschatteten Stellen waren grasarm, beinahe nackt und kahl und zeigten
+zahlreiche Mäuselöcher. Doch ringsum in einigen unbedeutenden
+Vertiefungen wucherte um so üppiger ein dichter Graswuchs.
+
+Freund E. wollte eine hübsche Stelle für den Mittagstisch und unsere
+Sitze aussuchen, er schien endlich unter dem schattigsten der oben
+erwähnten Zwergbäumchen den gesuchten Ort gefunden zu haben, als er die
+Mäuselöcher zu zerstampfen begann. Ich wollte eben mit dem Insectennetze
+in der nächsten Umgebung eine Razzia halten, als mich Freund E.'s
+wunderliches Betragen zu der Frage veranlaßte, was er hier thue. »Sehen
+Sie, diese Löcher sind nach ihrer Umgebung zu urtheilen, verlassen und
+da gibt es keinen unbequemeren Ort, als deren Nähe sich zum Rasten
+auszusuchen, weil eben diese Löcher mit Vorliebe von Schlangen--«. »Eine
+Schlange, eine Schlange, Doctor, nehmen Sie den Schambock
+(Bileamspeitsche), passen Sie auf, sie läuft auf Sie zu!« schrie
+plötzlich aus der nächsten Vertiefung der erschreckte F., der
+hinabgestiegen war, um einige an den Grashalmen erspähte Käfer für mich
+zu erbeuten. Das »ausgesucht werden« blieb Freund E. in der Kehle
+stecken, er hatte nicht nöthig, seinen Satz zu beschließen, denn da kam
+schon pfeilschnell das Reptil hervorgeschossen, schnurstraks auf eines
+der zugestopften Löcher zueilend. Dieses und ein anderes verschlossen
+findend, wandte sich die etwa vier Fuß lange, fingerdicke Schlange nach
+dem Zwergbäumchen, wo sie mir über eine halbe Stunde harte Arbeit
+machte, bevor ich sie in dem dichten Geäste bemeistern konnte. Es war
+eine als Giftschlange in Süd-Afrika wohlbekannte Scap- (Skap-) stecker.
+
+[Illustration: Verlassener Jagdplatz.]
+
+Im blumigen Thale des Estherspruit angekommen, widmete ich am folgenden
+Morgen, wie an der letzten Raststelle, einige Stunden dem Insectenfange,
+da hier viele Doldengewächse, auch Orakelblumen und Liliaceen von
+kleinen Coleoptera-Arten strotzten. Mylabris, Cetonia Marienkäfer,
+Erdflöhe etc. fanden sich artenreich vor. Dann wurde noch ein
+allgemeiner Ausflug mit Gewehr, Pinzette und Schambock zwischen den das
+enge Spruitthal zur Linken umgebenden Felsen versucht. Das Resultat war
+der Fang einiger Echsen, zweier Schlangen, von denen sich (nach der
+Breite der Spur zu urtheilen) hier viele Buffadern aufhalten mußten. Sie
+mußten auch gut gedeihen, denn alle Bedingungen dazu waren hier in den
+geschützten Felsenlöchern vorhanden, in denen sich kleine, braune und
+große, graue, schwarz gestreifte Rohrrüßler aufhielten, während in den
+nahen Zwergbüschen gestreifte Mäuse und im nahen Thale Lurche in großer
+Zahl anzutreffen waren. Die Rohrrüßler sind kleine muthige Raubthiere,
+der Gestalt nach müßte man sie Spring-Spitzmäuse nennen. Die großen (von
+der Größe einer Ratte) leben paarweise in Löchern unter umfangreichen
+Blöcken, sind sehr wachsam und nähren sich von Insecten und
+Insectenlarven. Sie springen sehr behende und pflegen sich auf der
+Flucht zeitweilig umzusehen, was ihnen natürlich oft zum Verderben
+gereicht.
+
+Spät am Nachmittage erreichten wir den durch die bereits geschilderten
+Raubritter--jene holländischen Quälgeister, deren ich schon auf der
+Hinreise gedacht--berüchtigten Matjesspruit. Ich nahm mir vor, in dem
+Thale gar nicht zu halten, sondern noch drei Meilen darüber hinaus zu
+fahren, um nicht belästigt zu werden. Als wir ungefähr das erste Drittel
+des zum Spruit führenden Abhanges erreicht hatten, machte mich der mit
+der Peitsche neben dem Gefährte schreitende Gert auf den »Wächter« des
+in dem Gebüsche zur Rechten liegenden Raubgehöftes aufmerksam. Einer der
+Bauern stand unter einem Bäumchen auf dem Wege und lugte aus. Als wir
+auf etwa 300 Schritte nahegekommen waren, verschwand er plötzlich und
+lief buscheinwärts, um die Annäherung einer »Prise« zu melden.
+
+Wir wähnten, als von Gert angetrieben das Gespann sich in Trab gesetzt
+hatte, der drohenden Gefahr glücklich entronnen zu sein, und konnten uns
+nicht enthalten, ob der gelungenen List in ein lautes Gelächter
+auszubrechen. Doch wie gewöhnlich, wir hatten zu früh gelacht. Plötzlich
+erscheint eine schmutzige Hand an dem Seitenbrette und dann folgt ein
+bestürztes Gesicht. »Chun (guten) Dag, Mynheer, ah, ah Dokter, wart doch
+bichi--ras ni so banje (viel) mit det ow (alte) wachen (Wagen).« Dann
+erschien neben Gert ein zweiter Raubritter in zerrissenen Hemdärmeln und
+beide bemühten sich, ihn zu überreden, das Gespann zum Stehen zu
+bringen. So hatten uns doch die unbarmherzigen Quälgeister ereilt! Doch
+Gert ließ vom Peitschen nicht ab und das Gefährte eilte bis zu dem
+Flüßchen, das wir zu durchschreiten hatten. Kaum daß wir das Spruitbett
+überschritten hatten, als ein Troß von Kindern und Frauen dem Wagen
+nachgerannt kam. »Ja warum lauft Ihr denn so vorbei,« hieß es von allen
+Seiten, »bleibt doch ein bischen stehen.« Wir sprangen vom Wagen ab, um
+wenigstens der Sitte gerecht zu werden und den zwölf Anwesenden Einem
+nach dem Andern ihre nichts weniger als reinen Hände zu schütteln und
+sie zu versichern, daß wir es sehr eilig hätten und unter keiner
+Bedingung hier bleiben könnten. Da nahmen die diesmal glücklich
+zurückgeschlagenen Freibeuter zu einer anderen List ihre Zuflucht, wobei
+sie jedoch vergaßen, daß wir dieselbe schon kannten. »Aber Ihr könnt'
+nicht weiter, denn wo Ihr noch heute Nacht hinkommt, da ist kein Gras
+für Eure Ochsen, kein Wasser für Euren Thee, der Boden ist kahl
+gebrannt, ohne Gras wie dieser Weg, bleibt doch hier über die Nacht.«
+Doch es half alles nichts, wir kannten unsere Pappenheimer zu gut und so
+blieb ihnen nichts übrig, als mit leeren Händen den Heimweg anzutreten.
+
+Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als wir am folgenden Tage am
+Klipspruit (steinigen Spruit) Rast hielten. Etwa 1½ englische Meilen an
+demselben auswärts stand ein Wagen und nahebei grasten einige Pferde.
+Hinter dem Wagen schien ein Zelt zu stehen. Ich hoffte holländische
+Jäger zu finden, von denen ich, im Falle wir ohne Erfolg gejagt hätten,
+einige frisch erlegte Thiere, der Häute halber, zu erstehen gedachte.
+Wir hatten auch ganz richtig geurtheilt, denn wir fanden den Besitzer
+der Landstrecke, auf der wir rasteten und der weiter auswärts sein
+Farmhaus hatte und mit seiner Familie auf einer Erholungsreise begriffen
+war, wobei er sich seine Zeit mit Jagen vertrieb. Um den Wagen waren
+mehrere Aeste in den weichen Boden eingelassen und mit Ochsenriemen
+verbunden, an denen zahllose, längliche Fleischstücke hingen, um zu dem
+bekannten Beltong getrocknet zu werden. Auf der Erde lag ein Gnu-Stier,
+den eben ein Koranna abzuhäuten bemüht war.
+
+Wohin wir auch unsere Blicke wenden mochten, überall begegneten sie
+einem überraschenden Reichthum an Wild jeder Gattung. Wir waren Zeugen
+eines Kampfes zweier Gnu-Stiere, die mit unglaublicher Vehemenz
+aufeinander eindrangen; nichtsdestoweniger aber hatten sie ihren
+gemeinschaftlichen Gegner in uns bald gewittert und folgten der
+fliehenden Heerde rasch nach.
+
+[Illustration: Eine Vogel-Colonie.]
+
+Bei dem Präpariren des mir von dem Farmer überlassenen Gnufelles hatte
+ich mich an den spitzen Knochen des Kopfskelettes verletzt, im Eifer der
+Arbeit, zu deren Beschleunigung ein drohender Regenguß mich anspornte,
+achtete ich nicht darauf. Heftige Schmerzen und angeschwollene Hände
+belehrten mich nächsten Tages, daß ich unvorsichtig genug vorgegangen
+und das Arsenikpräparat in die Wunden eingedrungen war. Ich wurde erst
+später eindringlich an die Gefahr dieser Sorglosigkeit gemahnt.
+
+[Illustration: Löwenjagd in den Maqwasibergen.]
+
+Am nächsten Morgen verließen wir Klipspruit, überschritten den Löwen-
+und Wolfsspruit und erreichten gegen Abend die schon erwähnte Farm
+Rennicke, deren Besitzer uns auf der Hinreise anfangs ziemlich
+unfreundlich empfangen hatte. Diesmal hatte er gegen unser Vorhaben, im
+Gehölze zu jagen, nichts einzuwenden, ja er gab uns sogar seinen Jungen
+als Führer mit. Der kleine Bursche geleitete uns an den nördlichen Rand
+des Gehölzes, an dem angelangt er uns niederbeugen und ihm stille folgen
+hieß.
+
+Nach etwa 60 Schritten standen wir an einem niederen, kaum fünf Fuß
+hohen, hie und da mit Zwergsträuchern überwucherte Erddamme. Der Junge
+vor uns kroch aufwärts und sah sich um, dann hieß er uns vorsichtig
+folgen und durch eines der Büschchen gedeckt auslugen. »Kick, Ohm«
+(schau, Onkel), flüsterte er mir in's Ohr, und wies mit seiner Linken
+über den Damm. Ein unvergeßlicher Anblick bot sich uns dar. Ich wünschte
+ein Netz über diese Scene ausgespannt zu sehen und das Leben darunter
+als »Leben« zu erhalten.
+
+Der Damm, an dem wir lagen, war die südliche Umzäunung einer
+dreiseitigen, eingedämmten Vertiefung, die von Gras und Binsen
+überwachsen, nur vom Regenwasser gespeist zu sein schien. In diesem
+Gewässer watschelte, schwamm und tauchte ein Heer von Vögeln umher, Die
+auffallendsten waren die heiligen Ibise, wenigstens fünfzig, die Einen
+in ihrem schneeweißen Gefieder auf einem Fuße schlummernd, die andern
+langsam und gravitätisch ausschreitend und den kleineren Genossen (den
+Tauchern etc.) zuweilen Hiebe austheilend, während die meisten rasch hin
+und herliefen und dabei unter der Wasserfläche mit dem dunkelgefärbten
+Kopfe und dem Schnabel hin- und herfahrend fischten. Außer ihnen stand
+nach der einen Dammseite, wie aller Welt vergebend, ein graues
+Fischreiherpärchen. Zwischen dem Grase und in den Binsen gackerten graue
+und schwarzweiß gescheckte Wildenten, während unzählige Bläßhühner ihre
+tiefen Stimmen hören ließen. Dazwischen tummelten sich die kleinen
+behenden Taucher. Am Rande des schräg zu dem trüben Wasser abfallenden
+Dammes liefen laut pfeifend einige Kampfläufer (Philomachus pugnux) auf-
+und nieder, während kleine Strandläufer in dichten Schaaren von dem
+einen zum andern Ufer flogen, ohne lange auf derselben Stelle zu
+verweilen. Später fand ich die Erklärung zu dem lauten Treiben dieser an
+das flüssige Element gebundenen Vogelwelt. Ein heftiger Platzregen hatte
+eine Unmasse von Insecten und Würmern von der Ebene in die Vertiefung
+herabgeschwemmt, auch todte Eidechsen, sogar Mäuse fanden ihren Weg
+dahin; an dieser reich besetzten Tafel ließ es sich nun die befiederte
+Gesellschaft recht wohl schmecken.
+
+Einer von uns mußte wohl unvorsichtig den Kopf vorgestreckt haben, denn
+bevor ich mich dessen versah, hatten sich alle die Langstelzen mit
+lautem Geschrei in die Lüfte erhoben. Unwillkürlich und wohl auch in der
+Angst, sie alle davonfliegen zu sehen, legte ich auf einen der Ibise an
+und brachte ihn wie auch ein Bläßhuhn herunter. Auf dem Heimwege die
+Moräste berührend, erbeutete Freund E. eine Wildente.
+
+Am Wagen angekommen, erfuhr ich von Freund K., daß der Farmer mich zum
+Besuch eingeladen habe. Obgleich derselbe wohlhabend zu nennen, war doch
+sein Haus höchst einfach aus Backsteinen aufgeführt. Er klagte mir sein
+Leid über die Verluste, die er durch die herrschende Pferdekrankheit
+alljährlich erleide und bat mich um meinen Rath, da eben sein Reitpferd
+von der Krankheit befallen war.
+
+Am Nachmittage verließen wir Rennicke's Farm und langten in der
+Dunkelheit an »Gildenhuis Place« an, derselben am Südfuße der hier
+vorbringenden Maqwasihöhen erbauten Farm, welcher ich auf der Hinreise
+bereits erwähnte.
+
+Auf der dritten Reise--zwei Jahre später--traf ich weit im Innern einen
+herumwandernden Elephantenjäger, der seine Heimat an den nördlichen
+Ausläufern der Maqwasihöhen hatte, zu deren südlichem Abhange wir eben
+lagerten. Er war ein tüchtiger Jäger, und ich will im Folgenden, bevor
+ich von den Maqwasihöhen scheide, eine seiner Jagdepisoden erzählen.
+Weinhold Schmitt hielt sich in seiner Junggesellenzeit in einer an den
+Quellen des Maqwasi-Rivers liegenden Farm auf. Zu dieser Zeit waren die
+nördlichen Schluchten der Maqwasihöhen durch das Treiben von vier in der
+Regel gemeinschaftlich jagenden Löwen arg verrufen. Keiner von den in
+der Umgebung wohnenden Boer's hatte sich bisher erkühnt, den verwegenen
+Löwen an den Leib zu gehen. Da kam eines Tages der Sohn des einen
+Farmers mit der traurigen Botschaft heimgeritten, daß er die Leichen
+dreier Pferde--es waren »gesoute« (gesalzene, d.h. gegen die Pneumonie
+gefeite), welche er abzuholen hatte--vorfand, die schon halb aufgezehrt
+im Grase lagen, und an den zahllosen Spuren waren die Urheber der
+ruchlosen That nur zu deutlich zu erkennen.
+
+Diese Nachricht brachte es zu Stande, daß sich die Boer's endlich zur
+That aufrafften und gemeinschaftlich die Raubthiere zu erlegen
+beschlossen. Der Farmer und sechs Reiter fanden sich ein, der junge
+Mann, der die getödteten Pferde aufgefunden, wurde zum Führer gewählt;
+die Spur der Löwen war bald gefunden. Es ging durch ein Thal, über eine,
+über eine zweite Höhe, dann kamen sie auf eine Ebene, die leider
+kurzbegrast war; der Boden war hart und wohl auch deshalb verloren sie
+die Spur der Thiere und mußten die Verfolgung aufgeben. Es ist jedoch
+wahrscheinlicher, daß den Löwenjägern der Muth etwas gesunken war und
+daß alle nur zu sehr einverstanden waren, lieber heimzukehren, als noch,
+abgemüdet nach einer längeren Verfolgung, den Kampf mit den Raubthieren
+aufzunehmen. Auf ihrer Heimkehr trennten sich die enttäuschten Jäger
+nahe an Schmitt's Wohnung. Doch wie erstaunten er und sein Freund, als
+sie in unmittelbarer Nähe des Gehöftes ein Löwenpärchen im hohen Grase
+erblickten. Nach der Stellung, welche die Raubthiere eingenommen hatten,
+schienen sie auf der Lauer zu liegen. Beim Annähern der beiden Reiter,
+deren Pferde sich brav in der Nähe ihres Erzfeindes hielten, erhoben
+sich die Löwen, und Schmitt, um einen sichern Schuß zu gewinnen, sprang
+ab, nahm die Zügel, machte einige Schritte nach vorwärts und legte
+gerade auf den nach ihm stierenden Löwen an, als ihn sein Gefährte
+anrief; als sich Schmitt umwandte, sah er, daß ihn dieser verlassen und
+eben in einer Entfernung von 50 Schritten Posto gefaßt hatte. Dies war
+unserem Jäger sehr unangenehm. Zwei Löwen sah er vor sich, die übrigen
+durften wohl nicht ferne sein, sein Freund hatte ihn in dieser
+ungemüthlichen Situation verlassen.
+
+So blieb ihm nichts übrig als selbst an den Rückzug zu denken. Sein
+Pferd am Zügel führend wich er zurück, doch so, daß er stets die
+Raubthiere im Auge behielt. Bevor jedoch der Schütze seinen Gefährten
+erreicht hatte, wandten sich die Löwen zur Flucht nach den Höhen. Dies
+gab unsern Jägern Muth und beide galoppirten ihnen nach, Schmitt mit der
+Absicht--wie es jeder berittene und etwas erfahrene südafrikanische
+Löwenjäger in einem solchen Falle versucht--den Löwen einen Vorsprung
+abzugewinnen und ihnen den Weg zu verlegen. Es gelang ihm und die beiden
+Löwen befanden sich nun zwischen ihm und seinem Gefährten, der mit
+Geschrei und Hutschwenken die Freunde, von denen sie kurze Zeit zuvor
+geschieden und die noch nicht aus Schußweite gekommen waren, auf den
+Fund aufmerksam zu machen sich bemühte. Bevor jedoch diese--obwohl mit
+verhängten Zügeln einhersprengend--zur Stelle waren, hatte sich die
+Löwin nach links gewendet und war in einer trichterförmigen, bebuschten
+doch seichten Felsenvertiefung verschwunden, während der Löwe mit
+fletschenden Zähnen den Augenblick, wo beide Jäger dem Dickicht näher
+gerückt waren, benutzend, mit einigen Sätzen im Gestrüppe der nahen Höhe
+verschwand und--nachdem er wohl noch durch den Anblick der heranjagenden
+Menschen eingeschüchtert--seine Flucht längs der Höhe auch so eilig
+fortsetzte, daß er seinen Verfolgern nicht mehr zu Gesichte kam.
+
+Als die übrigen fünf Jäger sich zur Stelle eingefunden hatten, beschloß
+man, die Vertiefung zu umzingeln und namentlich den dem Hügel
+zugekehrten Rand derselben scharf im Auge zu behalten, weil man nach
+dieser Seite einen Fluchtversuch der Löwin befürchtete. Hier postirten
+sich auch drei der Jäger und begannen mit Geschrei und Steinwürfen die
+Löwin zu beunruhigen und zu einem Fluchtversuche zu bewegen. Die
+Steinwürfe mochten sie wohl kaum belästigt haben, umsomehr aber schien
+die Löwin über das entsetzliche »Holländisch« empört, in welchem die
+drei Jäger sich mit ihr unterhielten, denn nach einiger Zeit erschien
+sie am Rande der Vertiefung, um die Situation auszuspähen. Anstatt
+gerade nach dem schützenden Dickicht des Hügels zu halten, bog sie etwas
+nach links ein, um in einer schiefen Linie das Ziel zu erreichen. Bei
+der Ausführung dieses Vorhabens stand ihr jedoch das Unangenehme bevor,
+vor den drei Schützen vorbeidefiliren zu müssen. Sie zögerte nicht lange
+und folgte der letzterwähnten Richtung. Drei Schüsse knallten zur selben
+Zeit. Die Löwin machte einen Versuch, ihre Bahn fortzusetzen, den
+auszuführen jedoch ihre Lebenskräfte nicht mehr ausreichten. Sie war mit
+dreifach durchbohrter Brust zur Erde gesunken.
+
+»Und die anderen Löwen?« fragte ich.
+
+»Wir hatten für längere Zeit Ruhe vor den Raubthieren, sie zogen sich
+nach dem Hart-River zu und hausten da im Lande der Barolongen. Doch
+kamen sie zuweilen noch immer herüber und selbst gegenwärtig kann man in
+trockenen Wintern daselbst von Westen her zugelaufenen Löwen begegnen.«
+
+Nächsten Mittag spannten wir im Schatten einiger schöner Cameeldornbäume
+unfern der Furth des Maqwasi-River aus. Der vor wenigen Wochen hoch
+angeschwollene Fluß war nunmehr wieder zu einem dünnen in der Ebene sich
+hinschlängelnden Wasserfaden herabgesunken. Am jenseitigen Ufer standen
+einige Wägen ausgespannt. Sie waren sämmtlich mit Wein- und
+Branntweinfässern geladen, welche nach den Goldfeldern gebracht werden
+sollten. In einem nahen Ziegelhäuschen ging es sehr lärmend zu, man
+credenzte auch hier den Feuertrank, und vor dem Häuschen lagen auf der
+Erde im betrunkenen Zustande einige der zu den Wägen gehörenden
+schwarzen Diener, während zwei andere--auch unter demselben
+Einflusse--schreiend ihre Fertigkeit im Boxen an sich versuchen wollten.
+Der eine hatte seine schmutzige Jacke abgeworfen und schlug die
+Hemdärmel zurück, um sich für den Zweikampf »klar« zu machen, während
+sein Gefährte mit in der Hose steckenden Händen und mit ausgespreizten
+Beinen ihm die ärgsten Schmähworte zuschleuderte. »Du bist kein
+Hottentot nicht, nur ein elendige Boschman,« warf dieser ein. Das war zu
+viel für das erhitze Gemüth des braun-gelblichen Stammesbruders. »Ik ke
+Hottentott ni, so wahr ich eine Mutter habe (dies der gewöhnliche Schwur
+der Koranna) bin ich einer--nimm das--dafür Du drunken lap Du.« Und die
+eine der an die Brust gezogenen Fäuste traf den sich kaum im
+Gleichgewicht haltenden Gegner so dreist und wuchtig auf die
+Nasenwurzel, daß er mit einem »Allmachtag« nach rückwärts fiel und hoch
+mit den Beinen aufschlug.
+
+Auf unserer Weiterfahrt nach Bloemhof begegneten wir zwei Fußgängern
+(Weißen), die nach monatelangem, erfolglosem »Diggen« in den
+Diamantenfeldern ihr Heil in den Leydenburger Goldfeldern zu finden
+gedachten. Der eine der Männer trug zusammengerollte Decken, der zweite
+in einem Ledersack Brod etc., sowie eine Theekanne und einen Becher. In
+dieser Verfassung dachten sie die Gesammtstrecke von über 115
+geographischen Meilen Länge zurückzulegen. »Nachts schlafen wir unter
+einem Busche, polstern uns die Stelle weich mit Gras aus und überrascht
+uns ein Regen, so bleiben wir--wenn wir gerade nicht nahe an einem
+Farmhause sind, um Schutz in dem Wagenschuppen zu suchen--ruhig liegen,
+ist's ja nur Wasser, und reines Wasser, das da vom Himmel auf uns
+kommt.« Das war ein Paar jener Wettergebräunten, die man oft in den
+Diamantenfeldern begegnet und die von dem Glanze der Diamanten und des
+Goldes angezogen, die rauhesten Seiten des menschlichen Daseins kennen,
+ertragen und verachten gelernt hatten; und haben sie sich an dieses
+rauhe Leben, an dieses mit den größten Mühen und großen Kosten
+verbundene, selten oder fast nie zu befriedigende Jagen nach Reichthum
+gewöhnt, so sind sie den gesellschaftlichen Formen des Lebens
+entfremdet; außer daß sie--was ihnen jedoch in Süd-Afrika nicht leicht
+möglich ist--die eleganten Säle der Spielhöhlen besuchen.
+
+Spät am Abend langten wir am Bamboesspruit an und übernachteten am
+diesseitigen Ufer, um die Furth nicht in der Nacht passiren zu müssen.
+Wir blieben bis gegen Mitternacht um das lodernde Feuer geschaart und
+besprachen die Gladiatorscene am Maqwasi-River, der wir ohne
+Eintrittskarten gelöst zu haben, beigewohnt hatten.
+
+Am nächsten Tage legten wir die Tour durch die schon vorher erwähnten
+Grasebenen zurück, berührten die beiden an Salzpfannen liegenden Farmen
+Rietfontein und Coetzee's Farm und erreichten den folgenden Tag
+Bloemhof.
+
+[Illustration: Hallwater Farm.]
+
+Nach kurzem Aufenthalte brachen wir noch am selben Tage nach der
+Hallwater Saltpan auf, um auf diesem kürzeren Wege nach Christiana zu
+gelangen. Diese Salzpfanne war im Jahre 1872 dadurch in Süd-Afrika
+berühmt geworden, daß man daselbst die Ruinen von Monopotapa
+(Monomotapa, Motapa, Mosogra etc.), einer in einem Reiche desselben
+Namens (das vor 200 Jahren noch existirte) liegenden Stadt, gefunden zu
+haben glaubte. Aus alten Chroniken ersehen wir, daß das ganze Centrum
+Süd- und des südlichen Central-Afrika von diesem Reiche eingenommen
+wurde, daß mit seinen Bewohnern--meist durch die an der Küste wohnenden
+Eingebornen als Zwischenträger--von Seite der portugiesischen und
+holländischen Händler ein lebhafter Handel getrieben wurde und man
+glaubte auch, daß bereits portugiesische Missionäre von Osten her bei
+den Bewohnern Monopotapa's gewirkt hätten. Den Chroniken entnehmen wir
+auch, daß die Städte meist in der Nähe von Goldminen erbaut und in
+unmittelbarer Nähe der Stadt Monopotapa selbst an 3000 bearbeitete
+Erdlöcher (Minen) zu finden waren. Man hatte nun in der Nähe der
+Hallwater Salzpfanne Steine vorgefunden, welche menschliche Arbeit und
+zwar meist Bruchstücke von Säulen, ferner Gesimsstücke--jedoch nur diese
+beiden Formen--darzustellen schienen, und da die Entfernung dieses
+Fundortes von Kapstadt mit der, in den Büchern als Entfernung zwischen
+der Stadt Monopotapa und Kapstadt angegebenen ziemlich übereinstimmt,
+glaubte man Monopotapa gefunden zu haben. Ich hielt deshalb die Stelle
+eines Besuches werth, um so mehr, als sie nicht weit, nur einige Meilen
+nordwärts von meinem Wege liegen sollte.
+
+Am selben Tage, nachdem ich Bloemhof verlassen, traf ich bei der
+bezeichneten Salzpfanne ein. Obgleich nahe am Vaalflusse gelegen und zum
+Gebiete der Transvaal-Republik gerechnet, und obschon hier eine weiße
+Frau mit ihren Töchtern in einem Moodhouse wohnte, die uns sogar einlud,
+uns in ihrem Palaste niederzusetzen, fand ich, daß die Koranna's von
+Mamusa die eigentliche Herrschaft führten und diese auch bis zu Beginn
+des Jahres 1879 aufrecht zu halten wußten.
+
+Die Stelle bildete die Südspitze eines Dreieckes mit der Basis gegen
+Mamusa und dem Hart-River zu, welches von Gassibone und Mankuruan
+(damals beide unabhängig), den Batlapinenchefs, Old-David Maschon, dem
+Korannakönig von Mamusa und den Holländern beansprucht wurde; bei dieser
+Sachlage waren nur die hier angesiedelten Farmer zu bedauern, denn auf
+sie fiel die Last aller Quälereien, sie waren der Sündenbock in allen
+Streitigkeiten.
+
+In der Nähe der Salzpfanne, welche wohl das beste Kochsalz in dem
+Bloemhofer District liefert, und deshalb neben dem Graslande als Weide
+durch den Salzgewinn einen Erwerb in cash (in Baarem) abwarf, war eine
+Farm, ein besonders hervorstechender Punkt in »the disputed territory«
+(streitigem Gebiete). Außer dem aus rohem Thonboden verfertigten und
+nothdürftig mit Gras gedeckten Häuschen, das von der erwähnten Frau,
+entweder um ihr Vieh an der Pfanne weiden oder das Salz durch ihre
+Diener gewinnen zu lassen, bewohnt wurde, standen noch am Nordrande der
+Salzpfanne einige Korannahütten. Zwei etwa 12 Fuß tief in die Erde
+gegrabene Löcher lieferten einen kleinen Wasserstrahl, der durch einen
+Graben in eine Bucht geleitet, die Bewohner mit Wasser versah. An diesem
+äußerst schmutzigen Tümpel tummelten sich zahlreiche rothfüßige und
+einige Sporen-Kibitze, während im Wasser zahlreiche Wasserschildkröten
+und Frösche ihr genügsames Dasein fristeten.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 9.
+
+Die vorgehende Zeichnung der Hallwaterfarm habe ich im Jahre 1875 (zwei
+Jahre später) auf meiner dritten Reise aufgenommen. Wir sehen ein aus
+Thon aufgeführtes Häuschen und einige Hütten, in denen Koranna's
+hausten. Die Weißen hatten die Stelle bald nach meinem Abgange
+verlassen. Die Koranna's gewannen nun selbst das Salz, von dem sie 25
+Pfund für eine halbe Krone verkauften. Einem Reisenden, der nach dem
+Innern Afrika's seine Schritte lenken will, würde ich es anrathen, sich
+hier mit einer genügenden Menge Salz zu versorgen, da er beim Einsalzen
+des Wildfleisches und Präpariren der Haut großer Säugethiere viel davon
+brauchen, allein nicht leicht wieder ein ähnlich gutes auf seiner
+weiteren Reise finden wird. Die hier lebenden Koranna's ernähren sich
+von Viehzucht, halten meist Rinder und Ziegen und besitzen einige
+schadhafte Wägen, in denen sie das Salz nach Bloemhof, Potschefstroom
+und den Diamantenfeldern zum Kaufe bringen und daselbst für 1 £ St. per
+mule (d.i. 200 Pfund) feilbieten. Oberhalb der Stelle, wo die trockenen
+Bäche einmünden, könnte die nächste Umgebung der Pfanne mit einem
+niedrigen Damm versehen, und von dem so gebildeten Weiher hinreichendes
+Wasser zur Bewässerung von Feldern gewonnen werden. Doch es gehört mehr
+als Koranna-Energie dazu, um einen solchen Versuch zu wagen; vielleicht
+wird es doch möglich werden, wenn hier, wie in Griqualand-West, die
+Eingebornen nicht mehr Gelegenheit haben, ihre Gedanken und Kräfte im
+Brandygenusse verkümmern zu lassen.
+
+Während unseres ersten Aufenthaltes an der Hallwater Salzpfanne hatten
+wir auch Gelegenheit, das Batlapinengericht, »die Wanderheuschrecken«,
+zu verkosten. In der Asche gebraten wurden sie von einigen
+durchreisenden Batlapinen genossen, die Einen aßen sie mit »Haut und
+Haaren«, Einer riß die Füße und Flügel, der Klügste von Allen auch den
+Darmkanal aus; in der letzteren Verfassung versuchten wir dieses
+Gericht. Ich benützte die Gelegenheit, dieses noble Betschuana-Gericht
+allen Gourmands, wenn sie so weit gediehen sind, daß sie nichts mehr zu
+essen haben, oder daß ihnen nichts mehr pikant genug erscheint, als ein
+billiges und doch ungewöhnliches Ultimatum zu empfehlen. Wenn ich mich
+jedoch zu diesem freundschaftlichen Rath erkühne, ist es auch nöthig,
+des »Geschmacks« dieser Wildgattung Süd-Afrika's mit einigen Worten
+gedenken zu wollen. Derselbe ist jenem getrockneter, etwas ausgelaugter
+italienischer Sardellen ähnlich. Benützt wird nur die eigentliche
+südafrikanische Heuschrecke. Ich für meinen Theil fand das Thier als
+Köder zum Angeln ausgezeichnet, besser als Regenwürmer etc.; bei ihrem
+Schwärmen fallen Hunderte in die Flüsse den Fischen zur willkommenen
+Beute, sowie sie in den Lüften sowohl von dem kleinen Vogel, der sie mit
+beiden Fängen halten muß und stückweise verzehrt, bevor er mit ihnen
+fertig wird, als auch vom Adler und Kranich als besondere Leckerbissen
+angesehen und jeder anderen Nahrung vorgezogen werden.
+
+Nachdem wir die kürzere Wegrichtung nach Christiana erfahren hatten,
+nahm ich mir vor, um die Gegend kennen zu lernen, meinen Weg nach Westen
+fortzusetzen, und erst unterhalb Christiana gegen Hebron auf die Route
+einzulenken, so daß ich auf diese Weise den südlichen Theil von
+Gassibone's Gebiet von Ostnordost nach Westsüdwest durchzog. In der
+Richtung, die wir einschlugen, gab es keinen fahrbaren Weg, wir mußten
+uns durch Gebüsche und über begraste Ebenen unseren Weg bahnen. Mir war
+es hauptsächlich darum zu thun, einen Ueberblick über die Gegend zu
+gewinnen, leider war mir dies nicht gestattet und ich entschloß mich,
+wegen der Beschwerden, die uns diese Reise bereitete, lieber die
+kürzeste Strecke nach dem Vaal einzuschlagen. Im selben Verhältnisse als
+die jede Aussicht benehmenden Büsche abnahmen, traten nun leider wieder
+die Kameeldornbäume in größeren Beständen auf.
+
+Zahlreiche fahle Zwergtrappenpärchen, Deuker- und Steinbockgazellen
+wurden sichtbar, die ersteren Gazellen ruhig grasend, die letzteren nur
+wenn aus dem Gebüsch aufgescheucht, bemerkbar. Wir fanden auch Spuren
+von Hartebeest-Antilopen und solche, die den des Gnu ähnlich, doch
+wahrscheinlich jene des gestreiften Gnu's (Catoplepas Taurina, Gorgon)
+sind. Diese Spuren und die Hoffnung, das Wild selbst beobachten zu
+können, ließ uns den Wald willkommen heißen, allein um uns nicht zu sehr
+der Freude über den Wechsel im Charakter der Gegend und den damit in
+Aussicht gestellten Eroberungen genießen zu lassen, wurde unsere
+allgemeine Zufriedenheit schon während der ersten Stunden dieser,
+zwischen den wenn auch wenig dicht stehenden Bäumen unbequemen Fahrt
+durch den Umstand getrübt, daß wir kein Wasser aufzufinden vermochten.
+
+[Illustration: Koranna.]
+
+Gegen Mittag stießen wir auf einen, den Fußspuren nach zu schließen,
+ziemlich betretenen Pfad und hielten in Mitte einer Lichtung Rast. Schon
+seit einigen Tagen war mir ein penetranter Fäulnißgeruch aufgefallen,
+welcher einer Kiste entströmte, in der ich die erbeuteten und
+präparirten Felle untergebracht hatte; es waren im Ganzen zwei schwarze
+Gnu-, drei Bläßbock- und zwei Springbockfelle, ferner solche von
+Schakalen, Proteles, Springhasen, Scharrthieren, Erdeichhörnchen und
+Klippschliefern. Da in der Kiste auch die Hörner der erlegten Thiere
+obenauf lagen, so schrieb ich diesen den fatalen Geruch zu; um mich aber
+darüber zu beruhigen, machte ich mich daran, die Kiste zu öffnen. Meine
+schlimmsten Befürchtungen waren noch weit überholt, alle Mühe und Plage
+war verloren, meine Wunden an den Händen schmerzten mich bei dem
+Anblicke der aller Haare entblößten, vom Regen aufgeweichten und in
+Folge dessen in Fäulniß vergangenen Felle doppelt heftig. Es blieb mir
+nichts übrig als die Felle zu opfern und mich mit den Hörnern zu
+begnügen, die ich von den Kopfskeletten herabsägen mußte. Während dieser
+Arbeit wurden wir durch Gäste überrascht, Batlapinen, die durch den
+Rauch des Lagerfeuers angelockt, nicht wenig erstaunt waren, im Walde
+Weiße mit einem Wagen zu finden.
+
+Dem Rathe der Batlapinen nachkommend, verfolgten wir den Fußpfad und es
+währte nicht lange, so waren wir aus dem Walde heraus auf eine begraste,
+stellenweise dicht, doch niedrig bebuschte Ebene gekommen, welche ich
+für eine der an Kleinwild reichsten Stellen in Gassibone's Lande halte.
+Unter dem Kleinwild war die schmucke, kleine Steinbockgazelle
+vorherrschend, doch sahen wir auch drei Springböcke, die sich bald
+empfahlen, ohne uns auf Schußweite nahekommen zu lassen, sowie auch zwei
+gravitätisch neben einander einherschreitende Sekretäre, welche die
+weniger dicht und hochbegrasten Partien aufsuchend, eine Razzia auf
+Schlangen und Eidechsen hielten. Unter dem Federwild waren Rebhühner
+(meist paarweise) das häufigste Wild. Wir hielten einige 20 Minuten an
+der Batlapinen-»Post«, die Frauen waren mit der Herstellung einer neuen
+Umzäunung beschäftigt, die sie für ihre Ziegen aus Dornbüschen bereits
+halb aufgebaut hatten. Die Männer hatten zwei Hartebeestfelle, die
+rauhgar gegerbt waren, mit feuchter Erde überschüttet, um sie noch
+weicher und nachgiebiger zu machen und dann daraus eine Carosse
+verfertigen zu können.
+
+Da ich in der Folge rasch reisen und mich nirgends länger als
+unumgänglich notwendig aufhalten wollte, entschloß ich mich, in der Nähe
+des Vaal angelangt, noch einen Tag am Ufer desselben zuzubringen, um zu
+fischen. Wir hatten kaum am Lagerplatze Feuer angezündet, als auch schon
+aus dem kaum eine halbe englische Meile entfernten Farmhause
+(unmittelbar am Flusse gelegen) der Farmer erschien und mir bedeutete,
+daß er mir nicht gestatten könne, hier zu übernachten. Ich wäre vom Wege
+»abgefahren« und auf dieses Vergehen stünde in der Republik 5 £ St.
+Strafe.
+
+Ohne mich in weitere Unterhandlungen einzuladen, traf ich Anstalten zum
+Aufbruche. Unser Gefährte F. war noch so glücklich, vor unserer Abfahrt
+aus den Fluthen des Vaal einen etwa dreipfündigen Wels herauszufischen,
+ein Fang, der in das Menu unserer täglichen Mahlzeiten angenehme
+Abwechslung brachte.
+
+Gegen Mitternacht hatten wir Christiana erreicht und gedachten nun, uns
+an einer Tasse heißen Thee's zu erwärmen, als wir die Entdeckung
+machten, daß wir die Kiste mit dem Kochgeschirr verloren hatten. Mich
+traf dieser Verlust sehr empfindlich, denn meine Mittel waren schon
+derart zur Neige gegangen, daß sie die Neubeschaffung des notwendigen
+Geschirres nicht zuließen. Freund E. half uns aus dieser Verlegenheit.
+
+In Christiana hielten wir uns nur bis zu Mittag des folgenden Tages auf.
+Nach einer halbtägigen Fahrt erreichten wir den am Wege erbauten kleinen
+Eingebornenkraal, an dem wir, von Gassibone kommend, auf die
+Klipdrift-Christiana-Route gestoßen waren. Von hier bis nach den
+Diamantenfeldern zu hatte ich eine für mich vollkommen neue Strecke zu
+durchreisen. Den interessantesten Theil derselben bildet unstreitig die
+mittlere Partie, d. h. das Hebroner Höhennetz.
+
+Der erste Theil der Strecke bis zum Fuße der Höhen ist flach, zeigt
+einige der bekannten, doch kleinen, von Wildgänsen (Chenalopes) und
+Kranichen aufgesuchten, länger als gewöhnlich mit Wasser gefüllten
+Salzpfannen. Der Vaalfluß entfernt sich von uns nach links in einem
+weiten Bogen und wir treffen ihn erst nach einem langen Doppelmarsche,
+indem wir die Secante zu diesem Kreisabschnitte beschreiben. Das Land
+nach links, eine prachtvolle Grasebene (das Land innerhalb des vom
+Flusse betriebenen Bogens), gehörte zu der Transvaal-Republik, jenes zu
+unserer Rechten, hochbegrast, hie und da von Büschen und kleinen
+Niederwald-Complexen bedeckt, Gassibone an; jetzt gehört beides zu der
+Transvaal-Colonie. Die Grasebene zu unserer Linken war eine der von den
+schon oft erwähnten Knurrhühnern (Otis afra) am dichtesten bevölkerten
+Jagdstellen, die ich auf meinen südafrikanischen Wanderungen kennen
+gelernt, es rauschte vor uns, neben uns, in der Ferne, auf beiden Seiten
+des Weges.
+
+[Illustration: Von der Arbeit heimkehrende Batlapinen.]
+
+Unser Gefährte F. wollte, als er die Trappen so häufig auffliegen sah,
+wieder einmal Proben seiner weidmännischen Ausbildung geben und rühmte
+sich, mindestens einem halben Dutzend den Garaus zu machen. Doch bald
+kehrte er zum traulichen Herde am Wagen heim, traurig mit gesenktem
+Kopfe und--ohne Jagdbeute. Sein Gewehr war gut, sein Auge scharf, und
+die Rechte sicher wie immer, doch sein Pulver war »krumm« und warf die
+Schrote in jeder, nur nicht--wenn auch wohlgezielt--in der
+entsprechenden Richtung. Wer hätte auch dagegen ankämpfen können, wenn
+Diana neckend die Schrote zerstreute. Freund E. brachte zwei Knurrhühner
+und für mich zwei Stück schwarzweiß-gescheckte, unserer ähnlich
+gefärbten Art naheverwandte Würger.
+
+[Illustration: Ostersonntag im Vall-River.]
+
+Ich ging mit Gert in das nahe liegende Gehölz Insecten suchen und gewann
+einige Bockkäfer, sowie zwei Species der Borkenkäfer (Bostrichidae). Hie
+und da stießen wir auf Gnuschädel, ein Beweis, daß alle diese Gegenden
+vor kurzer Zeit noch von Gnu's bevölkert waren, während sie sich jetzt
+mehr im Innern von Gassibone's Lande aufhalten und sich nach Norden in
+die zwischen dem Hart- und Molapo-River liegenden Wildebenen und jene an
+der Klipspruit, die freier und gebüschlos sind und daher das
+Anschleichen erschweren, zurückgezogen haben.
+
+Von Bloemhof ab fuhren wir parallel mit dem Freistaatufer, das bis gegen
+Hebron höher als das rechte ist und an dem zahlreiche Farmen liegen.
+Ungefähr 18½ engl. Meilen von Christiana entfernt trafen wir wieder mit
+dem Vaalflusse zusammen. Hier stand eine Cantine, in der es wild zuging;
+an der Cantine theilt sich der Weg, der eine führt nach Hebron (weiter
+stromabwärts) zu, der andere nach einer Ueberfuhr über den Vaal, die
+gegenwärtig unter dem Namen Blignauts-Pont bekannt und die häufigst
+eingeschlagene Tour von den Diamantenfeldern nach der Transvaal-Republik
+bildet; sie ist die kürzeste, billigste und beste. Ich wählte die
+längere und beschwerlichere, weil ich die Hebroner Höhen, sowie die
+umliegenden verlassenen River-Diggings kennen lernen wollte. Von
+Blignauts-Pont bis gegen Delportshope (unweit der Vereinigung des Hart-
+und Vaal-Rivers), theils in dem Hauptthale, theils in den einmündenden
+Thälern wohnt in kleinen Dörfchen und in einzelnen Gehöften die Mehrzahl
+der als englische Unterthanen lebenden Koranna's. Ueberall sahen wir
+diese in europäische Kleider und Fetzen gehüllten Gestalten
+herumlungernd, oder mit ihren Hunden die Gebüsche durchstreifend,
+während die meist nackten Kinder kleine Viehheerden hüteten.
+
+Von der oberwähnten Cantine ab, wurde die Scenerie etwas interessanter,
+theilweise schon dadurch, daß wir uns dem Vaalflusse wieder genähert
+hatten, an dessen Ufer ein geübtes Auge immer eine Jagdbeute erspähen
+kann und ein Forscher reichen Stoff für seine Studien und Sammlungen
+findet. Am Fuße der Hebroner Höhen kamen wir an ein theils aus
+Eisenblech, theils aus Segeltuch und Holz aufgeführtes Hotel und
+Waarenlager--nach dem Vaal-River, der hier zahlreiche Inseln bildet und
+eine sehr anziehende Scenerie darbietet »Fourteen Stream« genannt. Von
+hier erheben sich die Hebroner Höhen, welche den Vaal bis Delportshope
+begleiten und einige Ketten nach Norden, Nordwest und Nordnordost gegen
+den Hart-River zu ausstrecken, von denen eine mit dem schon erwähnten
+Spitzkopf, andere mit den Höhen um Taung, Mankuruana's Residenz, enden,
+und die sich endlich bis gegen Mamusa hinziehen. Diese Höhen sind dicht
+bebuscht und mit Bäumen bestanden und über sie führt die Grenze zwischen
+Griqualand-West und der Transvaal-Colonie. Sie beginnen etwa acht Meilen
+oberhalb Hebron, der früheren Missionsstation, und dem verlassenen
+Diamanten-Fundorte. Die Gesteinsformation ist auch hier wieder
+Vaalgestein (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen), mit
+zahlreichen Quarzgeschieben und von eisenhaltigem, quarzkörnigem
+Thonsand bedeckt. Der Fluß hat sich über die Felsenblöcke Bahn brechen
+müssen und bildet Stromschnellen. Einen anziehenden Anblick gewährt die
+Scenerie nach Nordost in dem Momente, wenn wir Hebron erreicht haben und
+dann nach den eben überschrittenen Höhen und den Fluß aufwärts blicken.
+Zugleich breitet sich vor uns ein weites Panorama, das jenseitige
+Griqualand-West- und Oranje-Freistaat-Ufer mit einigen den Horizont
+begrenzenden Höhenzügen und dem 800 Fuß hohen abgeflachten Plattberg in
+der Ferne, mit seinen Flüßchen, Weidegründen und seinen Farmen aus.
+
+So sehr die Landschaft auf der Strecke vom Fourteen-Streams-Hotel bis
+Hebron das Auge entzückte, um so schrecklicher war der Weg, den wir zu
+überwinden hatten; es war eine wahre Felsenstraße, die von der Natur mit
+Blöcken gepflastert worden war. Das Regenwasser hatte die befahrene
+Stelle als Abflußrinne benützt, die Blöcke waren theilweise aus- und der
+Boden zwischen ihnen abgewaschen worden. Dem Wagen, der in die
+bedenklichsten Stellungen kam, drohte auf Schritt und Tritt Verderben.
+Daß solch' eine Reise den in den Kisten im Wagen geborgenen, auf der
+Reise gesammelten Gegenständen nicht zum Vortheil gereichen konnte, ist
+selbstverständlich. Keiner von uns konnte es im Wagen aushalten,
+besonders wurde derselbe jedoch herumgeschleudert, als wir die letzten
+Höhen nach Hebron zu herabfuhren. Der Abhang war steil und zeigte
+mehrere rasche Biegungen, so daß wir alles aufbieten mußten, um den
+Wagen mit den Ochsen nicht die Höhe herabrollen zu sehen.
+
+Ziemlich früh am Ostersonntag langten wir in Hebron an. Der Morgen war
+kalt, in jeder Beziehung höchst unfreundlich; der Himmel war mit dichten
+Wolken bedeckt, die von kalten Südwestwinden getrieben auf ihrer
+luftigen Bahn dahinstürmten, es war ein Tag, der das fröhlichste Herz
+trübe stimmen konnte. Der Blick auf die Ueberreste (Ruinen ist nicht der
+entsprechende Ausdruck dafür, denn das Material, mit dem das noch vor
+wenigen Jahren mehr denn 3000 Diamantendigger zählende Hebron so rasch
+aufgebaut wurde, war zu nichtig, zu vergänglich, um Ruinen hinterlassen
+zu können) dieses früher als Missionsstation wichtigen, dann als
+Diamanten-Fundort berühmt und endlich berüchtigt gewordenen und in
+diesem Zustande dahingesunkenen Ortes, war kaum geeignet, diese trübe
+Stimmung zu verscheuchen. Oede ist die Stätte, um so einsamer und
+trauriger an einem kalten, regnerischen Herbstmorgen, denn dann vermag
+selbst die schöne Aussicht, die man von dem Orte aus genießen kann und
+die uns an warmen, klaren Frühlings- und Sommertagen die Oede der Stelle
+vergessen läßt, die Gedanken nicht heiterer zu stimmen; das einstens
+belebte Hebron war auf zwei Krämerladen, ein »Hotel«, eine Schmiede, ein
+Schlachthaus und ein Gefängniß herabgeschmolzen.
+
+Planlos zerstreute, vom Regen aufgeweichte und »zerfließende« Thonwände
+etc. deuteten auf einen bedeutenden Umfang der Niederlassung, deren
+Größe uns jedoch dann erst auffiel, als wir die River-Diggings
+aufsuchten. Hunderte von seichten Erdgruben zeigten, daß hier Tausende,
+Weiße und Farbige, nach dem werthvollsten der Edelsteine gefahndet
+hatten. Tausende Tonnen Geröll sind hier mit der bloßen Hand aufgehackt,
+herausgeschaufelt und auf das Emsigste durchsucht worden; jeder der
+Steine und dort die riesigen Sandhaufen, die aus dem Gerölle durch's
+Absieben gewonnen wurden, sind durch emsige Hände gegangen und doch war
+hier der Erfolg so gering, daß wohl kaum zwei von den 3000 Diggern
+Reichthum erwarben, und der Erfolg von 150-200 anderen unter ihnen so
+viel Reingewinn abwarf, daß sie ihre Auslagen hätten decken konnen.
+
+Hebron sank so rasch als es emporgeblüht war, viel rascher als Klipdrift
+und andere Diamanten-Fundorte. In den angeschwemmten Geschieben, in
+denen die Diamanten gefunden wurden, konnte man deutlich Elemente
+nachweisen, die von den umliegenden Höhen, und solche, die weiter aus
+stromaufwärts liegenden Gegenden angeschwemmt worden waren. Nebst
+massenhaftem Grünstein, in kleinen Fragmenten wie in Blöcken, waren
+Quarzstücke als Milch- und Rosenquarz, Quarzit, Porphyr, Quarzitporphyr,
+sowie eigenthümlich kuchenartig geformte, länglich-viereckige
+Thonschieferstücke von einer gelblichen oder gelblich-grünen Farbe zu
+finden, welch' letztere durch eine schwarze Umhüllungskruste, wohl das
+Product einer Zersetzung der äußersten Lage, auffielen. An der
+Bruchfläche erschienen diese Thonschieferkuchen schön gebändert und
+zeigten concentrisch angeordnete, dunkelbraune oder röthliche
+Zeichnungen; irriger Weise wurden diese Thonschieferblöcke als
+Muttergestein der Diamanten angesehen.
+
+Als ich bei einem der Krämer meine nöthigen Einkäufe besorgt hatte und
+meine Barschaft nachzählte, gewahrte ich, daß dieselbe auf 16 Shillinge
+herabgeschmolzen war. Mit diesem Gelde mußte ich bis nach den
+Diamantenfeldern gelangen. Ich mußte unter solchen Umständen trachten,
+so schnell als thunlich Dutoitspan zu erreichen, und da der Fährmann
+sich weigerte, uns des hohen Feiertags halber über den Fluß zu bringen,
+überdies seine Gehilfen derart betrunken waren, daß wir selbst am
+folgenden Tage keine Aussicht hatten über den Vaal zu kommen, entschloß
+ich mich nach abgehaltenem Kriegsrath selbst mein Glück zu versuchen und
+den Fluß an einer Furth zu übersetzen.
+
+Mein Gefährte F., den ich auf Erkundigung ausgesandt hatte, kam bald mit
+der freudigen Nachricht zurück, eine sehr praktikable Furth gefunden zu
+haben. Wir waren bald darauf an der zwei Meilen stromabwärts
+befindlichen Stelle angelangt.
+
+So einladend zur Rast die dicht bewachsenen Ufer auch waren, mein ganzes
+Sinnen und Trachten war auf die glückliche Durchfahrt durch den
+reißenden Fluß gerichtet. Aus dem Geäste der Bäume lockte so mancher
+schöne Vogel, doch vergeblich, denn meine Hände waren von kleinen Wunden
+wie besäet und schmerzten mich auf's Aeußerste, seitdem mich noch ein
+Scorpion gestochen hatte; das Gift des Arsenikpräparats und des
+Scorpion's vereinigten sich zu doppelter Wirkung.
+
+Die Strahlen der scheidenden Sonne versprachen eine glückliche
+Ueberfahrt, doch sie zeigten sich trügerisch, der Fluß war wohl seicht,
+aber die Strömung so stark und das Bett des Flusses derart von
+Felsblöcken besäet, daß die Thiere sich entsetzlich abgemüht, bevor wir
+noch das erste Drittel der Flußbreite erreicht hatten, auch hatte die
+Strömung uns sichtlich von der Furth abwärts getrieben. Unsere Situation
+war sehr kritisch.
+
+Trotz alles Antreibens und Schreiens von Seite der farbigen Diener
+konnten die Thiere nicht mehr von der Stelle und von der Strömung
+bedrängt, begannen sie sich zu bäumen, an den Jochen und dem Ziehtaue zu
+zerren, dabei sanken die vorderen Zugthiere immer tiefer ein und waren
+in Gefahr zu ersaufen. Da war rasches Handeln nöthig, und obgleich ich
+mit meinen wunden, verbundenen Händen nicht viel ausrichten konnte, so
+sprang ich sofort von F. gefolgt in's Wasser. Doch allen unseren
+vereinten Anstrengungen wollte es nicht gelingen, Thiere und Wagen aus
+der gefährlichen Situation zu befreien, es blieb uns nichts übrig, als
+die Thiere auszuspannen und mit unendlicher Mühe an das jenseitige Ufer
+zu bringen, sodann aus dem Wagen die Kisten mit dem heiklichsten Theile
+der Sammlungen hinüber zu transportiren und den Wagen im Flusse stehen
+zu lassen, bis Hilfe nahte. Ueber dieser anstrengenden Beschäftigung,
+während welcher ich auf den einzelnen Gängen zum Wagen zuletzt erliegen
+zu müssen glaubte, senkte die Nacht ihre dunklen Fittiche auf die Scene
+herab.
+
+Es war eine traurige Nacht, die mich in steter Aufregung über das
+Schicksal unseres Wagens erhielt. Endlich dämmerte es im Osten und aus
+der Ferne vornahmen wir am jenseitigen Ufer Peitschengeknalle,--die
+ersehnte Hilfe nahte. Es waren vier je mit 6-8 Ochsenpaaren bespannte,
+von Koranna's geleitete Wägen. Ohne weiteren Aufenthalt gelangten
+dieselben an unser Ufer und gegen eine Entschädigung von 10 Shillingen
+willigten die Fuhrleute ein, unseren Wagen aus dem Flusse
+herauszubringen, was denn auch bald geschehen war.
+
+Wir fuhren noch am selben Tage bis River-Town, einem der früher
+berühmten Diamanten-Fundorte, von welchem aus die Uferhöhen als
+Fortsetzung der Hebroner Höhen sich zu entwickeln beginnen. Der Fluß
+wird hier von mehreren Felsenriffen und riesigen Felsenblöcken
+durchsetzt, von welch' letzteren, einige jener Gravirungen von Thieren
+und Gestirnen (Säugethieren, Schildkröten, Schlangen, Sonne etc.)
+zeigen, mit denen sich die Buschmänner in Süd-Afrika unsterblich gemacht
+haben. Auch an einer der nahe anliegenden Höhen finden sich ähnliche
+Producte dieses Volksstammes, auf den und auf dessen Zeichnungen etc.
+ich bei meiner Rückreise durch die Colonie noch zurückkommen werde.
+River-Town war in einem ziemlich großen Umfange ausgemessen worden, ist
+aber, bevor noch die in Zelten Wohnenden ihre Mühe in den
+Diamantengruben gelohnt fanden und zum Baue stabiler Wohnungen schreiten
+konnten, von anderen Orten überflügelt worden, so daß wir nur zwei
+Familien noch diggend am Ufer des Vaalflusses antrafen; ein geräumiges
+Hotel und eine Segeltuchcantine waren die letzten Ueberbleibsel von
+River-Towns früherer Glanzperiode. Ich blieb in River-Town über Nacht
+und reiste erst am Nachmittage ab, da ich in den tiefen »Claims« einige
+interessante quarzhaltige Mineralien und so manche Coleoptera-Species an
+den Abhängen sammeln konnte.
+
+Am nächsten Tage hatten wir einen so beschwerlichen Marsch, daß wir erst
+am folgenden in den Diamantenfeldern anlangten. Die Strecke beträgt 15
+englische Meilen, allein der bei weitem größte Theil davon wird durch
+tiefsandige Flächen, eines der größten Hindernisse auf südafrikanischen
+Reisen, gebildet. Die Ebenen zeigten kaum nennenswerthe, wellenförmige
+Erhebungen, der stark quarz- und eisenhaltige Sand war mit hohem,
+büschelförmig wucherndem Gras bewachsen. Stellenweise fand ich eine
+kleine, kaum 2 Fuß hohe, mimosenartige Pflanze, welche große braune, mit
+2-5 Körnern gefüllte Schoten trug. An Wild beobachteten wir in dem
+gruppenweise stehenden Niedergebüsch Deuker und Steinbockgazellen,
+Hasen, Tauben, Knurrhühner und Trappen; nach den vielen Löchern zu
+urtheilen, mußte es hier zahlreiche Erdthiere geben. Auch war die
+Ausbeute an Käfern trotz der Einförmigkeit der Gegend und der Vegetation
+eine recht lohnende.
+
+[Illustration: Aus den Diamantenfeldern heimkehrende Basutos begegnen
+dahinwandernden.]
+
+Am dritten Tage nach jener trüben am Vaalflusse verlebten Nacht traf ich
+wieder in Dutoitspan ein. Obgleich ich mich auf das Möglichste
+eingeschränkt hatte, betrugen die Auslagen auf dieser ersten
+Versuchsreise doch mehr denn 4000 fl. Ich hatte durch meine
+zweimonatliche Abwesenheit die Hälfte meiner Patienten eingebüßt, und
+von jenen Familien, die in der Zwischenzeit nicht zu anderen Aerzten
+Zuflucht genommen, hatte die Mehrzahl--meist holländische Farmer--die
+Diamantenfelder verlassen, um sich im Freistaate anzusiedeln. Durch die
+Behandlung einiger schwieriger Fälle konnte ich mir nach einiger Zeit
+das verlorene Terrain zurückerobern und so war es mir möglich, K. sein
+Darlehen zurückzuzahlen, der bald nach unserer Rückreise Dutoitspan
+verließ, um sich in der Colonie niederzulassen.
+
+Den Zweck und das eigentliche Ziel meiner ersten Reise, einen Ueberblick
+über die Art und Weise des Reisens, Einsicht in den landschaftlichen
+Charakter der zu durchreisenden Gegenden, Einblick in das häusliche
+Leben der Eingebornen und holländischen Farmer, einige Erfahrung über
+ihr Betragen zu Fremden u.s.w., hatte ich glücklicher Weise erreicht.
+Durch die Reise in der Spätsommerzeit und bei so unfreundlicher,
+regnerischer und stürmischer Witterung glaubte ich mich ziemlich
+acclimatisirt zu haben. Obgleich ich durch die häufigen Regengüsse
+einige der auf dieser Reise gesammelten werthvollsten Gegenstände,
+darunter die mühevoll präparirten Gnufelle etc., eine Unzahl von
+Vogelbälgen, getrocknete Pflanzen etc., eingebüßt hatte, brachte ich 30
+_anatomische Präparate_, etwa 1500 _getrocknete Pflanzen_, 1 Kiste mit
+_Mammaliafellen_, 2 Kistchen _Vogelbälge_, über 200 _Reptilien_, einige
+_Fische_, 3000 _Insecten_, einige _Fossilien_ und 300 _Mineralien_ mit,
+ungerechnet die zahlreichen Duplicate bei letzteren, die ich namentlich
+aus den Diamantenfeldern am Vaal (River-Diggings) mitnahm, um daheim
+Museen und Schulen damit zu beschenken. Daß ich auf dieser Versuchsreise
+Manches gelernt hatte, versteht sich von selbst; ich sah namentlich ein,
+daß, um die sich oft weit verlaufenden Zugthiere rasch aufzufinden und
+zurückzubringen, um eine interessant erscheinende, rechts oder links in
+der Entfernung sichtbare oder aus diesem oder jenem Grunde von den
+Eingebornen als anziehend bezeichnete Oertlichkeit näher zu untersuchen,
+ohne den Wagen aufhalten zu müssen, um nach Wasser in wasserlosen
+Gegenden zu fahnden, ohne erst mit dem Wagen planlos herumzuwandern oder
+sich zu Fuße halbtodt zu laufen und sich zu verirren, doch auch, um sich
+des Wildes leichter zu bemächtigen, ein Reitpferd unumgänglich
+nothwendig sei; auch war es mir klar, daß ich besserer Waffen bedürfe.
+
+Bezüglich meiner Gefährten machte ich die Erfahrung, daß E. auch für die
+nächste Reise mir willkommen sein würde, als Freund und Rathgeber in
+manchem kritischen Momente und herzlich gerne bereit, mir in allen
+schwereren Arbeiten nach Kräften beizustehen. Durch die reichen
+Erfahrungen auf seinen früheren Reisen in Amerika und Nord-Afrika, sowie
+durch die Erzählungen interessanter Episoden aus jener bewegten Zeit war
+er mir ein äußerst angenehmer Reisegefährte geworden.
+
+Wir blieben die ganze Zeit meines siebenjährigen Aufenthaltes in
+Süd-Afrika treue Freunde und sind es bis zur Stunde. Von F. kann ich
+leider nicht dasselbe sagen, ein 17jähriger, unerfahrener Jüngling, war
+er nur gewöhnt, das Leben von der leichtesten Seite aufzufassen--er
+hatte wohl Mitleid mit jedem Geschöpfe das in Nöthen war, er nahm stets
+einen guten Anlauf, doch dieser gute Wille war nicht von langer Dauer
+etc. etc.--trotz Allem war ich ihm dankbar für Alles, was er auf der
+Reise für mich gethan und wofür ich ihm hiermit nochmals danke.
+
+Freund E. ging wieder an das Diamantendiggen, um nochmals sein Glück zu
+versuchen, K. nahm auch sein Geschäft wieder auf und F. vermietete sich
+als Ladendiener, eine Beschäftigung, bei welcher er, wahrscheinlich um
+die Mannigfaltigkeit des menschlichen Charakters kennen zu lernen, vier-
+bis sechswöchentlich seinen Principal wechselte.
+
+Als ich die Diamantenfelder verließ, um mich auf diese erste Reise zu
+begeben, hatte ich mein kleines Zelthäuschen, dem Gerichtsgebäude
+gegenüber, in Miethe behalten und zog wieder in dasselbe ein; der Wagen
+wurde hinter das Häuschen geschoben, und die Zugthiere sofort verkauft,
+um mit dem Erlöse die zweimonatliche Miethe von 10 £ St. und je 3 £ St.
+für die Diener zu begleichen, sowie einiges Baargeld in der Hand zu
+haben, da ich von allen Mitteln entblößt nach den Diamantenfeldern
+zurückgekehrt war.
+
+Obgleich nur von sechsmonatlicher Dauer--war doch dieser Aufenthalt eine
+sehr bewegte Zeit für mich. Es gibt wenige Orte der Erde, wo der Arzt
+nicht allein als solcher, sondern auch als Freund seiner Patienten
+angesehen und angesprochen wird, und so ist es ihm ermöglicht,
+interessante psychologische Studien zu machen; die Beschränktheit der
+Räumlichkeiten, namentlich in der ersten Periode der Diamantenfelder, in
+denen die Kranken wohnen mußten--selbst bei Wohlhabenden oft eine
+zahlreiche Familie in einem Zelte--macht es ihm möglich, nolens volens
+das häusliche Glück, die edlen, schönen Seiten des häuslichen Lebens,
+doch leider auch manch' trübe und traurige, manch' herzerschütternde
+Scene zu beobachten. Und aus dem Arzte mußte der Rathgeber, aus dem
+Arzte mußte der Fürsprecher werden, zuweilen sah er sich selbst zu
+Zurechtweisungen veranlaßt, wenn es auch oft allen Muth erforderte--mehr
+Muth als im Kampfe mit einem wilden Thiere, an ein in Jahren
+vorgeschrittenes, an ein graues Haupt mahnende, warnende Worte richten
+zu müssen.--Was ich während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern
+erlebt und beobachtet, hätte mir die reichste Praxis in dem
+hundertthürmigen Prag nicht im vierfachen Zeitraume bieten können.
+
+Ein eigentümlicher Fall verhalf mir wieder zum großen Theile zu meiner
+ehemaligen Praxis. Eines Morgens, etwa um 5 Uhr wurde ich--wie es sich
+später herausstellte irriger Weise statt eines anderen Arztes--zu einem
+Unglücklichen gerufen, der sich im Delirium tremens die Kehle
+durchschnitten hatte. Meine Verlegenheit in diesem Falle war keine
+geringe, da der größte Theil meiner chirurgischen Instrumente auf der
+Reise in Folge ihrer Verwendung zu nichts weniger denn chirurgischen
+Operationen, zerbrochen oder unbrauchbar war. Doch zum Ueberlegen war
+keine Zeit, der Mann drohte zu verbluten, und so lief ich mit dem Boten
+um die Wette.
+
+Ich fand einen ältlichen Mann in seinem Blute liegend mit einer
+klaffenden, 13 Zentimeter langen Halswunde, die er sich mit einem
+Rasirmesser beigebracht hatte. Nach den zwei Schnitten hatte der Mann
+noch dreimal in die so entstandene klaffende Wunde das Messer angesetzt,
+so daß der Kehlkopf im Ganzen fünf Schnitte zeigte.[1] Meinen
+aufopfernden Bemühungen und meiner Pflege gelang es aber zu meiner
+größten Befriedigung den Mann dennoch zu retten, trotzdem er nach den
+ersten drei Tagen in einem Deliriumsanfalle sich den Nothverband
+herabgerissen hatte.
+
+ 1: Siehe Anhang 10.
+
+Da sich meine Patienten englischer Nationalität mehrten, sah ich mich
+nun genöthigt, mich mit Eifer auf das Studium der englischen Sprache zu
+werfen. Ein Drittel meiner Kunden waren Deutsche, ein Drittel machten
+die Holländer aus, ein Viertel der Patienten waren Engländer und den
+Rest bildeten Eingeborne, Halfcasts aus der Colonie, Koranna's Fingo's,
+Basuto's und Zulu's. Die Medicamente für meine Kranken bezog ich aus der
+Apotheke eines Engländers, mit Namen Anthony Davison, dem ich auch
+seiner prompten Bedienung wegen, während meines Gesammtaufenthaltes in
+den Diamantenfeldern treu geblieben bin.
+
+Die Basuto-, die Zulu- und die Transvaal-Betschuanastämme stellten
+damals das größte Kontingent zu den Tausenden der in den
+Diamantenfeldern sich als Diener verdingenden Schwarzen. Sie bekamen 7
+Sh. 6 P. bis 10 Sh. per Woche und die meisten blieben nur sechs Monate
+in den Feldern, um, nachdem sie um 3 Sh. bis 4 £ St. ein Gewehr, dann um
+15 Sh. fünf Pfund Schießpulver, etwas Blei und Kapseln, sowie eine oder
+zwei Wolldecken, oder einen Hut etc. erstanden hatten, heimzukehren und
+sich daheim eine Lebensgefährtin zu kaufen. Jeder der Diener war seinem
+Herrn durch einen, von einem eigens dazu angestellten Beamten
+ausgefüllten Schein zum Dienste verpflichtet, den er bei jedesmaligem
+Platzwechsel erneuern mußte, und ohne den angetroffen, er einer Strafe
+verfallen war. Hatte er sich gut betragen und wollte er heimgehen, so
+gab ihm sein Herr auf Ansuchen einen Zettel an die Magistratsbehörde,
+von der dann für den Diener ein Waffenschein ausgestellt, d.h. ihm die
+Erlaubniß ertheilt wurde, sich ein Gewehr zu kaufen. Auf diese Weise
+hatten sich Tausende von den sowohl in der Kolonie als in ihren eigenen,
+unabhängigen Staaten wohnenden Eingebornen Schießwaffen verschafft.
+
+Ich erwähnte der Basuto's unter den obigen Stämmen. In den Jahren 1872
+und 1873 bildeten sie wohl als Diener das größte Contingent unter ihren
+dunkelhäutigen Stammesverwandten. Es sei mir gestattet, ihnen hier
+einige Worte zu widmen, um so das allgemeine Bild der Bantufamilie zu
+vervollständigen. Ich unterscheide in Süd-Afrika drei Eingebornenracen,
+die Buschmänner, die Hottentotten und die Bantu's. Zu der ersteren
+gehören die eigentlichen Buschmänner, zu der zweiten die eigentlichen
+Hottentotten, die Griqua's und die Koranna's, zu der dritten die
+Colonial-Kaffern, die Zulu's, Basuto's, Betschuana's, Makalaka's etc.,
+mehr als 40 Stämme, doch kennen wir auch Uebergangsformen, wie zwischen
+den Buschmännern und den Bantu etc. Obgleich es dieser Stoff verdienen
+würde, gründlich behandelt zu werden, habe ich weder Raum noch Zeit, es
+hier zu thun.[1] Von den obgenannten Familien hatten wir bisher
+theilweise die Koranna und zwei Stämme der Batlapinen kennen gelernt.
+Die Basuto's (ihre Sprache heißt »Sesuto«) wohnen zum größten Theile an
+dem Cornetspruit und am Caledon-River, zwischen diesen und den
+Dracken-Bergen, also auf einem Gebiete, das vom Freistaat, vom Capland,
+Normansland und Natal begrenzt wird. Sie leben unter englischer
+Oberhoheit und dies seit ihrem Kriege mit dem Oranje-Freistaat, während
+ein zweites Bantuvolk, die südlichen Barolongen, als ihre westlichen
+Nachbarn, Unterthanen der Oranje-Republik sind.
+
+ 1: Während meines Aufenthaltes in London im Jänner bis März 1880 von
+ der Anthropological Institute of Great Britain and Ireland
+ aufgefordert, über diesen Gegenstand zu sprechen, behandelte ich
+ dieses Thema in einem speciellen Vortrage.
+
+Unter allen Bantustämmen haben es die Basuto's in Bezug auf den Ackerbau
+am weitesten gebracht. Ihnen zunächst stehen die Baharutse im
+Maricodistrict der Transvaal-Colonie, deren ich auf meiner zweiten Reise
+gedenken werde. Hunderttausende Centner Getreide werden in dem kleinen
+Ländchen in guten Jahren producirt und man muß zugeben, daß diese Stämme
+jährlich an Wohlhabenheit zunehmen. Sie besitzen auch große Heerden von
+Pferden und Rindern.
+
+Als sich letzthin der südlichste der Basutohäuptlinge, der allerlei
+unruhige Elemente, weggelaufene Diener, Diebe, aus dem letzten
+Kaffernkriege flüchtige Gaika's und Galeka's etc. bei sich aufnahm,
+gegen die Engländer erhob und den Krieg mit Diebstahl eröffnete, waren
+es die übrigen Basuto's, die freiwillig 2000 bewaffnete Reiter in's Feld
+stellten, um den Engländern beizustehen. In der Bauart ihrer Hütten und
+in den übrigen Arbeiten kommen sie bis auf wenige unbedeutende
+Abweichungen den Betschuana's gleich, und nehmen in der eigenen
+Industrie etwa die Mittelrolle unter den Bantuvölkern ein. Eines der
+wichtigsten Unterscheidungsmerkmale ihrer Industrie von jener der
+übrigen Bantustämme ist, daß sie aus Holz geschnitzte Fetische
+(Götzenbilder) verfertigen und diese meist roth und schwarz tünchen.
+Thaba Bosigo ist der bedeutendste Kraal (Stadt) des Landes und Thaba
+Unschu jener des von den Barolongen im Freistaate bewohnten Striches.
+Gegen Norden sind die Basuto's bis an die Vereinigung des Tschobe und
+Zambesi vorgedrungen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+_Zweite Reise in das Innere von Süd-Afrika_
+
+Nach Musemanjana--Moschaneng--Molopolole--Schoschong--und Rückkehr über
+Linokana nach den Diamantenfeldern.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+VIII.
+
+Von Dutoitspan nach Musemanjana.
+
+Vorbereitungen und Ausrüstung zur Reise.--Meine diesmaligen
+Reisegefährten.--Aufbruch von Dutoitspan.--Klipdrift.--Platberg in
+Gefahr.--Diamantenfund.--Afrikanische Wegmauth.--Hebron.--Wassermangel.
+--Ein Grasbrand auf der Hochebene.--Hartebeest-Antilopen.--Ein theuerer
+Labetrunk.--Gassibone's Kraal.--Rigers Abenteuer mit einer Cobra.
+--Taung.--Ein Holländischer Schmied.--Reverend Brown und die
+Missionsstation in Taung.--Maruma.--Monkey's Freuden und Leiden.--Eine
+dornenvolle Jagd.--Billige Diamanten.--Von Pavianen genarrt.--Unser
+Empfang in Musemanjana.
+
+
+[Illustration]
+
+Während meines sechsmonatlichen Aufenthaltes machte ich unter anderen
+Bekanntschaften (unter meinen Patienten) auch die dreier mit einander
+nahe verwandter deutscher Familien, welche, um mir ihre Dankbarkeit für
+einige gelungene Curen zu beweisen, mich aufforderten, mir ein Häuschen
+in ihrem Hofe zu bauen, wohl in meiner Office, wo ich bisher wohnte, zu
+praktiziren, allein in dem ersteren zu wohnen, damit ich eine bessere
+Kost etc. und andere Bequemlichkeiten genießen und mich auch besser für
+meine zweite Reise vorbereiten könnte. Ich nahm ihren gütigen Antrag an,
+und wohnte etwa zwei Monate unter ihnen, gerade die Zeit vor meiner
+zweiten Abreise in's Innere. Ich betrachtete die Sprossen dieser Freunde
+als meine Brüder und Schwestern und wir haben immer dies
+freundschaftliche Verhältniß zu einander bewahrt. Sie waren mir alle zu
+den Vorbereitungen zur Reise behilflich, und als ich, bis auf 120 £ St.,
+die gesammten Kosten (gegen 900 £ St.) für diese Reise zurückgelegt
+hatte, da wurde es mir durch die Güte des einen der drei Familienväter
+ermöglicht, Güter zu denen, die ich schon für baares Geld erkauft hatte,
+von einem der Handelshäuser in Dutoitspan im Werthe von 117 £ St.
+geliehen zu erhalten, und schon vier Wochen vor der anberaumten Zeit die
+Reise antreten zu können.
+
+Diese Güter bestanden in Schießmaterial, baumwollenen gefärbten Decken,
+Tüchern, Kleidern und Draht, und ich gedachte die Objecte als
+Tauschgegenstände zu benutzen, um uns, wenn nöthig, Nahrung zu
+verschaffen, hauptsächlich aber, um ethnographische Gegenstände und
+Carossen aus verschiedenen Thierfellen für meine Sammlungen zu erstehen.
+
+Seitdem sich die Diamantenfelder zu purificiren begannen, viele Elemente
+ausschieden und nur jene geblieben waren, die auf einen längeren
+Aufenthalt vorbereitet, sich wohnlich eingerichtet hatten, seitdem die
+gesetzlichen und socialen Verhältnisse einen Umschwung zum Guten
+erfuhren, haben sich die Central-Diggings einer europäischen Großstadt
+genähert. Früher herrschte zwar auch der Luxus der letzteren auf der
+traurigen Ebene zwischen dem Modder- und Vaal-River, allein dieser Luxus
+wohnte in Zelten und elenden Bretter- und Eisenhütten und war mehr Waare
+als Gegenstand ruhigen und praktischen Genusses.
+
+Im Jahre 1873, eben nach meiner Rückkehr von der ersten Reise, griff
+eine lebhafte Auswanderung nach den Goldfeldern im Leydenburger District
+der Transvaal-Republik um sich, und dies namentlich, weil aus dem
+letzteren Staate sehr gute Nachrichten über die Goldfelder einzulaufen
+pflegten, und die Regierung der Transvaal-Republik mit der Idee der
+Delagoa-Pretoria-Eisenbahn sich zu befassen begann. Diese Nachrichten
+ermuthigten Viele, nach Leydenburg zu pilgern und Golddiggers zu werden,
+ihnen schloß sich eine große Zahl, der aus allen Erdtheilen meist mit
+kleinen Baarschaften Zugewanderten an, die sich in den Diamantenfeldern
+arm »gediggt« oder ihre Mittel zu gutem Theile vertrunken oder verspielt
+hatten und daher begierig die Idee aufnahmen, an einer anderen Stelle
+dem in Australien, Amerika, Neu-Schottland etc. vergebens gesuchten
+Glücke wieder nachjagen zu können.
+
+Je näher die Zeit des beabsichtigten Aufbruches rückte, desto eifriger
+und umfangreicher wurden die Vorbereitungen betrieben. So wurde der
+Wagen mit neuen Eisenbändern versehen, und um das Brechen der
+Dachleisten--denn meine zweite Reise sollte mich durch bewaldete Partien
+führen--zu verhüten, ein Eisendrahtnetz zwischen drei wasserdichte
+Leinwandlagen eingelegt, was sich jedoch, sowie ein kleines
+Aussichtsthürmchen, das am Wagen angebracht wurde, später auf der Reise
+als unnöthig erwies. Ich selbst benützte die Zeit, um mich in der
+Reitkunst zu üben; an Gelegenheiten, meine Fertigkeit in dieser Hinsicht
+zu erproben, sollte es auf der zweiten Reise nicht fehlen. Die ungesunde
+Jahreszeit forderte auch bei mir ihren Tribut, ich verfiel in ein
+heftiges Fieber, von dem ich mich nur allmälig erholen konnte, und
+welches mich veranlaßte, die Abreise aus den Diamantenfeldern thunlichst
+zu beschleunigen.
+
+Freund E., der in der Old de Beers-Mine sein Glück als Diamantendigger,
+allein mit immer gleichem Mißerfolg erprobte, willigte ein, mich auch
+auf dieser zweiten Reise zu begleiten. Er wollte auch ein Stückchen mehr
+von Afrika sehen und nach seinen Worten »mir helfen wo er konnte«. Ich
+bat ihn, die Oberaufsicht über den Wagen zu übernehmen (wie auf der
+ersten Reise), was er auch that, und derselben in der besten und
+redlichsten Weise gerecht wurde.
+
+Die zweite Reise sah ich keineswegs als meine Hauptreise an, sondern als
+eine zweite, doch größere Versuchsreise, auf der ich wenigstens die
+Hälfte der Strecke zwischen den Diamantenfeldern und dem Zambesi
+zurücklegen und neue Erfahrungen für meine geplante große Reise nach
+Central-Afrika sammeln wollte.
+
+Unter meinen früheren Patienten befand sich auch ein junger Mann aus
+Preußisch-Schlesien, der gewillt zu sein schien, mich auf dieser zweiten
+Reise zu begleiten. Doch eines schönen Tages, nachdem ich für ihn bei
+seinen Gläubigern gutgestanden und einen Theil seiner Verpflichtungen
+getilgt, war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden, mir es überlassend,
+seine Gläubiger zu befriedigen. Es war dies eine der gewöhnlichen
+Erfahrungen in den Diamantenfeldern, die damals noch ein Heer
+zweifelhafter Existenzen beherbergten.
+
+Durch Freund Eberwald's Fürsprache ließ ich mich trotz aller meiner
+schlimmen Erfahrungen mit F. erweichen, ihn wieder als Begleiter auf die
+Reise mitzunehmen. Als dritten Gefährten brachte Freund E. eines Tages
+einen seiner Bekannten, Herrn Boly aus Hannover mit und sprach sehr zu
+seinen Gunsten; ich habe es später nie bereut, daß ich ihn acceptirte.
+Einer meiner Kunden hatte mir ein Gespann von acht Ochsen und einen
+Griqua als Triber besorgt.
+
+Im Allgemeinen war ich diesmal viel besser ausgerüstet als auf der
+ersten Reise, ich hatte auch einen Sextanten erstanden, in dessen
+Gebrauch mich ein gewesener Schiffsofficier unterrichtet hatte; leider
+war es mir nicht vergönnt ihn benützen zu können, da ich auf keine Weise
+ein Exemplar des »Nautical Almanach« auftreiben konnte.
+
+Am 3. November verließ ich endlich in Begleitung von Herrn Eberwald,
+Boly, F. und einem Griquadiener, sowie neun Hunden, darunter meinem
+treuen Niger, meinem Reitpferd und acht Zugthieren die Diamantenfelder.
+Von Dutoitspan nahm ich den kürzesten Weg nach Klipdrift; von Klipdrift
+jedoch wollte ich bis Hebron, im Vaal-Thale aufwärts fahren und von
+Hebron querfeldein die Richtung nach Gassibone's Stadt und dann weiter
+nach dem von mir noch nicht besuchten Taung, dem Sitz des
+Batlapinenkönigs Mankuruan nehmen. Ich wollte auf diese Weise ein Stück
+des rechten Vaalufers besuchen, das mir noch neu war und Gassibone's
+Land von Süden nach Norden durchschneiden, während ich es auf der ersten
+Reise von Westen und Ostsüdost durchzog. Unseren ersten Reisetag
+beschlossen wir an der Old de Beers-Farm.
+
+Am folgenden Morgen ausbrechend, gelangten wir zu einem Trümmerhaufen,
+einige Meilen vor den Ruinen eines Missionsgebäudes in der Nähe der
+jetzigen Pnieler Missionsstation gelegen, deren bereits Erwähnung
+geschah. Auf dieser Strecke beobachtete ich eine Niederung in dem
+Hochplateau, bevor wir noch seinen Abhang nach dem Vaal zu abzusteigen
+begannen, in einen Binnensee von etwa 1½ Meilen Länge und Breite
+verwandelt. Zahlreiche schwarze Störche und Kraniche liefen am Rande des
+Gewässers umher. Als ich mich ihnen mit Niger näherte, folgte dieser
+einer Spur in den Binsen am Ufer, blieb dann plötzlich stehen und machte
+mich durch sein Wedeln auf ein kleines Binsendickicht aufmerksam, ich
+machte mich schußbereit, gab dem Hunde das Zeichen und er sprang
+vorwärts; mit ihm zugleich sprang ein rothlöffliger Hase aus den Binsen,
+der unseren ersten Mittagstisch auf dieser Reise bereicherte. Wir
+benützten auf der Weiterfahrt die neue, unmittelbar über dem Flusse von
+den Sträflingen in den Felsen gehauene Straße und wichen so dem tiefen
+Sande auf dem Hochplateau, der uns auf der ersten Reise so viele
+Schwierigkeiten bereitet hatte, aus; Abends hatten wir jene Stelle
+erreicht, an der wir im Februar 1873 eine schlimme Nacht verlebt hatten.
+
+Am folgenden Morgen wollte ich in den Büschen der Umgebung jagen, wurde
+aber bald durch F. zurückgerufen, der mir berichtete, daß bei dem
+Tränken der Zugthiere, die zeitlich früh von Pit, unserem Griquadiener,
+auf die Weide getrieben waren, eines derselben bis zum Halse im
+Ufer-Schlamme eingesunken sei. Nur B. am Wagen zurücklassend eilten wir
+zur Stelle und fanden »Platberg«, eines unserer Zugthiere in einer
+schrecklichen Lage. Es war ein hartes Stück Arbeit, das Thier aus seiner
+mehr denn ungemütlichen Situation zu befreien, doch gelang es; der Tag
+war indeß verloren, da wir dem an den Füßen fast erlahmten Thiere
+Erholung gönnen mußten.
+
+Am nächsten Tage hoffte ich das Versäumte nachholen zu können und brach
+mit Morgengrauen auf. Die Fahrt ging flott von statten, denn zu meiner
+Ueberraschung fand ich die Straße seit meiner ersten Recognoscirungstour
+in bedeutend besserem Zustande. Nach sechsstündiger Fahrt standen wir am
+Ufer des Vaal.
+
+Bevor ich noch den Fluß in Klipdrift erreichte, hatte ich den Verlust
+zweier Hunde zu beklagen, einer war während unseres nächtlichen
+Aufenthaltes am Flusse, wohl zur Tränke gelaufen und da wahrscheinlich
+von einer Hyäne getödtet worden, der zweite kam nahe an Klipdrift unter
+das Wagenrad und wurde getödtet.
+
+Der Fährmann am Vaal verweigerte uns den Dienst, indem er bei dem
+niedrigen Wasserstande und dem Gewichte meines Wagens mit dem Boote
+aufzufahren befürchtete; er verwies uns auf eine flußabwärts befindliche
+Furth. Nach den unerquicklichen Erfahrungen des Ostersonntags, hieß es
+mit aller Vorsicht diese Furth untersuchen. Der Vaalfluß war bis auf
+eine kaum sechs Meter breite und ½ Meter tiefe Rinne ausgetrocknet,
+diese Stelle war sandig, doch der übrige Theil des Bettes ein einziges
+aus kopfgroßen und noch bedeutend größeren Grünsteinblöcken gebildetes
+Gerölle. Ohne jeglichen Unfall wurde der Fluß übersetzt und in der Nähe
+von Klipdrift gelagert. Während der Rast überraschte mich Pit mit einem
+etwa ¼ Karat schweren Diamanten. Während die Ochsen grasten, lag er
+stundenlang auf der Erde und durchsuchte den ausgesiebten Sand, der
+schon früher von den Diamantengräbern ausgebeutet worden war. So hatte
+er das Steinchen gefunden, ich nahm es an, um es meiner Sammlung
+einzuverleiben, später verlor ich es auf eine mir unerklärliche Weise.
+
+[Illustration: Platberg's Befreiung aus dem Schlamme des Vaal.]
+
+Wir brachen noch am selben Abende auf und fuhren eine steinige Höhe
+hinan, auf der oben eine, dicht von jauchzenden, d.h. betrunkenen
+Korauna's umlagerte Cantine stand. Der wiederholte Zuruf »Wach mit det
+wagon, Wach« machte uns stutzig und bewog mich, anhalten zu lassen. Es
+dauerte nicht lange und von rechts und links erschien ein durch das
+Nachlaufen, doch auch von einem nicht zu seltenen Genusse des
+gambrinischen Gebräues geröthetes Gesicht; das plötzliche Emportauchen
+der zwei fleischigen mit mehreren dunklen Punkten und Stellen markirten
+Gesichter war von einem mit heftigen Athembewegungen und
+Hustenausbrüchen unterbrochenen Redeschwall begleitet. Von der einen
+Seite klang es holländisch, von der andern englisch, was wollten
+eigentlich die beiden Kerle? Pit war der erste, der die anscheinend
+hochtönenden in Wahrheit aber unverständlichen Phrasen aufzufassen
+vermochte. Der eine war der Sheriff (Polizeibeamte), der zweite ein
+Policeman, die »Herren« kamen nachgelaufen, um 10 Shillinge
+Schadenersatz für den Mann zu fordern, dessen Grund und Boden unsere
+Zugthiere während unseres Aufenthaltes bei Klipdrift so schrecklich
+zugerichtet haben sollten. Ich müsse die 10 Shillinge begleichen, sonst
+würden sie mich nicht einen Schritt weiterziehen lassen. Obwohl ich mir
+bewußt war, daß die beiden übereifrigen Diener der Gerechtigkeit eine
+plumpe Finte gebrauchten, willfahrte ich ihren Forderungen; wir hatten
+ihnen kaum den Rücken gekehrt, als F., den das Schicksal der 10
+Shillinge beunruhigte, uns aufmerksam machte, daß die beiden Gehilfen
+der heiligen Hermandad in der Cantine verschwunden waren, um
+hochstwahrscheinlich auf das Wohl des durch unsere Thiere geschädigten
+Grundherrn ein Gläschen Brandy zu leeren.
+
+[Illustration: Grasbrand auf der Hochebene.]
+
+Wir fuhren bis spät in die Nacht hinein, wobei wir uns von dem zur
+Rechten nach Südsüdosten einen Bogen beschreibenden Vaalflusse
+entfernten. Die bereiste Gegend waren bebuschte, steinige Höhen, die oft
+von meilenlangen, ebenen Alluvialflächen gekrönt oder von solchen,
+allmälig gegen den Fluß abfallenden Strecken von einander getrennt
+waren. Zahlreiche Feuer an beiden Seiten wiesen auf Korannagehöfte hin,
+aus den näheren konnten wir das deutliche Geblöke der Böcklein und
+Ziegen hören. Diese Gehöfte schienen alle am Abhange der Höhen,
+gewöhnlich in einem Winkel, an vor Nord- und Nordwestwinden geschützten
+Stellen zu liegen. Wir begegneten noch zu solch' später Stunde zwei
+Halfcastmännern, die von der Transvaal-Republik nach Klipdrift wanderten
+und da sie uns auf zwei tiefe Regenschluchten, die wir bald zu
+durchschreiten gehabt hätten, aufmerksam machten, hielt ich es für das
+Gerathenste, nicht weiter die Götter zu versuchen, sondern hier unser
+Nachtlager aufzuschlagen. Bald loderte ein lustiges Feuer und prasselte
+und sang mit unseren aufthauenden Lebensgeistern, ja auf F. wirkte
+dieses und der duftende Mocca so mächtig ein, daß er sich während des
+Nachtimbisses feierlich erhob und den gefüllten Blechbecher hochhaltend,
+einen Toast auf die in Klipdrift weilenden Gerichtsmandarinen des 25.
+Ranges ausbrachte; in welchen die Runde, das Blaßgesicht wie der
+Schwarze einstimmte, daß die Becher hell in die stille Nacht hinein
+zusammenklangen.
+
+Am 7. November blieb die Scenerie gleich der, die wir am Abend zuvor
+beobachtet, nur hatten wir darüber zu klagen, daß kein Wasser in der
+Nähe des Weges gefunden werden konnte, die mitgenommene Quantität war am
+Abend, Morgen und Mittag verbraucht worden und wir konnten früher denn
+am Flusse auf keines hoffen.
+
+Gegen 4 Uhr langten wir in Hebron an, wo wir uns jedoch nicht
+aufhielten, sondern blos durchfuhren, um noch bei Tage zu der Stelle zu
+gelangen, wo ich den Hebron-Christiana-Weg verlassen und querfeldein
+nach Gassibone zu einhalten wollte. Seit den wenigen Monaten, die
+während meines ersten Besuches des Ortes verflossen, waren die
+Ueberreste der einst blühenden Stadt noch mehr zusammengeschmolzen. Der
+schlechte Zustand des Weges gebot uns bald Halt. Ein junger Batlapine,
+dem wir begegneten, offerirte sich uns am nächsten Morgen als Führer.
+Gegen Mittag hielten wir unter dem Schatten eines breitkronigen
+Mimosenbaumes unsere gewohnte Siesta und schlugen endlich, nach
+mehrstündigem Marsche unser Nachtlager mitten auf der Hochebene auf.
+
+Es war eine herrliche, eigentümlich anmuthende Scenerie, die sich uns
+hier bot. Nach Süden und Westen umrahmten die Hebroner Höhen und ihre
+dunklen von Purpurschimmer übergossenen Ausläufer den Horizont, der nach
+Norden und Osten die unabsehbare Ebene in wunderbar dunkler Färbung
+überlagerte, und ein sicherer Vorbote einer, wenn wolkenfreien, so
+überaus schönen südafrikanischen Nacht war. Ein leiser Windhauch bewegte
+um uns das blumenreiche, hie und da von dunkelgrünen, gruppenweise
+zusammenstehenden Büschen überschattete Gras, dessen Keime der Wind
+gesäet, das flüchtige Wild in den Boden gebettet und das im Sommer die
+unabsehbare Ebene mit einem grünen duftenden Teppich überzieht und im
+Winter kaum je von weichem flockigen Schnee gedeckt wird,--nur die
+gelblich-braune Färbung der Halme läßt uns erkennen, daß die Sonne dem
+Norden zulächelt. Bald züngelt es überall unter und zwischen dem dicht
+übereinander gelagerten trockenen Gezweige und die Flämmchen zu einer
+Flamme sich vereinigend, streben nach einer Seite hin--nach Nordnordost.
+Ob etwa nach der trauten Heimat zu? Der leise Abendwind, der sie
+angefacht, eilt heute nach jener mir liebsten, nach jener gesuchten
+Richtung hin, nach welcher so oft unwillkürlich das Auge in banger
+Sehnsucht schweift. Das Feuer, die Ebene, Gassibone's Land, Afrika, sind
+vergessen, das Ohr hört nur zeitweilig menschliche Laute, Laute, die der
+Gedanke sofort mit der fernen Heimat verknüpft. Ein schwarzer, vor dem
+mein Auge blendenden Feuer vorbeihuschender Schatten--es war der unseres
+jungen Führers--gibt mich der Gegenwart zurück. Es war ein friedlicher
+Abend, ihm folgte eine friedliche Nacht, ein Gegensatz zu der letzten,
+eine gute Rast, gleichsam eine Stärkung für das, was uns Ahnungslose am
+nächsten Tage erwartete.
+
+Die Zugthiere, die etwas abseits grasten, kamen von selbst
+herbeigelaufen und lagerten sich in des Wagens Nähe, während wir unsere
+Decken in das duftende Gras werfend, weich gebettet, und überwoben von
+den überhängenden zarten Stengeln, Rispen und Blüthen, bald in den
+wohlverdienten Schlummer fielen. Zeitlich machten wir uns nächsten
+Morgens auf den Weg. Nach des Führers Worten schätzte ich die Entfernung
+bis zur Stadt des Batlapinenkönigs auf 35 englische Meilen; was uns
+jedoch etwas erschreckte, war, daß der Führer die Wassernoth der zu
+bereisenden Gegend eingestand. Wir mußten uns auch den Tag über damit
+begnügen, Wasser für das Mittagsmahl gefunden zu haben, ein Labetrunk
+blieb ein unerreichbarer Wunsch.
+
+Oft bei Nord-Richtung verfolgend zogen wir bald weiter und mußten wohl
+den von unserem Führer bezeichneten, monatelang Regen entbehrenden
+Strich erreicht haben, denn je weiter wir zogen, desto gelblicher und
+trockener wurde das Gras. Trotz des vorgeschrittenen Frühlings konnten
+wir anfangs nur wenig, weiterhin gar keine neu aufgesprossenen Halme
+sehen, nur selten gewahrte das Auge die erste, doch in Folge der Dürre
+schon halb vertrocknete Blattanlage der Amarillys.
+
+Wir zogen allmälig bergaufwärts auf eine kleine Plateauhöhe; je höher
+wir kamen, desto seltener wurden die Büsche, desto dürrer die ganze
+Vegetation. Aus Nordwest erhob sich ein ziemlich starker Wind, der
+sausend durch die hohen Grasstengel fuhr, daß sich diese wie ein
+Saatfeld bogen und hoben, und der uns höchst willkommen war, denn er
+linderte die große Hitze und kühlte unsere brennenden Lippen. Die
+Zugthiere, die 30 Stunden zuvor zum letzen Male getrunken hatten, kamen
+nur sehr langsam vorwärts, wir konnten sie auch nicht in solcher Hitze
+antreiben, da es bergan ging; seit zwei Stunden folgten wir einem
+Fußpfade und unser Führer meinte, daß wir, auf dem höchsten Punkte des
+Plateau's angelangt, uns etwas nach rechts wenden müßten (West bei Nord)
+und da auf Wagenspuren stoßen würden, da der Morena (König) zuweilen
+jene Strecke mit Wägen befahren lasse--um Holz nach den Diamantenfeldern
+zu bringen. Wenn wir dann ohne zu halten bis in die Nacht den Spuren
+nach links folgten, würden wir zu den erwähnten Eingebornenhütten
+kommen. Das war für uns halb Verdurstete eine trostlose Aussicht.
+
+Während einer kurzen Rast am Abhange des Hochplateau's wurden wir auf
+eine dunkle, lange Zeit hindurch gleichsam unmittelbar über dem Plateau
+schwebende Wolke aufmerksam, die von meinem Diener, von dem gemietheten
+Führer, wie auch von uns allen als ein riesiger Heuschreckenschwarm
+angesehen wurde. Am Rande der Hochebene angelangt, schreckte mich
+plötzlich ein von den Gefährten im Wagen ausgestoßener Schrei aus meinen
+Träumereien.--Ein Anblick, der mir und meinen Freunden einen Schrei des
+Entsetzens entlockte, bot sich uns.--Die vor uns liegende, mit hohem,
+trockenem Gras und Gebüsch bedeckte Ebene, die wir durchziehen sollten,
+war ein Flammenmeer. Der Brand kreuzte unsere Wegrichtung und war 5-6
+englische Meilen weit entfernt, die graue Wolke, die wir eine Stunde
+zuvor erblickt, waren die aufsteigenden, nach Ostsüdost getriebenen,
+dichten Rauchmassen. Der erste, der sich erholte, war der dunkle Führer,
+der uns auf die kaum 20 Schritte entfernten Wagenspuren aufmerksam
+machte, welche nach seiner Beschreibung mitten durch das Feuer führten.
+Wir hatten uns auf 600 Schritte dem Feuer genähert, das nach rechts bis
+an einem sozusagen parallel mit denselben laufenden Höhenzuge reichte,
+das Land war nach dieser Richtung hin eben; nach links senkte sich das
+Plateau nach der rechten Feuerflanke in eine etwa 300 Schritte breite
+Mulde, an deren Ende das Feuer eben zu nagen begann; diese Mulde lag im
+Hochplateau und war nach links von einem nach Norden felsig und steil
+abfallenden, etwas bebuschten, etwa 40 Fuß hohen Hügel begrenzt, der
+zugleich den nördlichen Abfall der Plateau-Erhebung bildete, die wir
+eben erreicht hatten. Was war zu thun! Rasches, sofortiges Handeln war
+nöthig. Wir mußten dem Feuer zu entkommen, und unsere schreckliche
+Wassernoth berücksichtigend, deßungeachtet vorwärts nach dem Wasser zu
+gelangen trachten. Die Zugthiere waren auch zu müde, um einen sofortigen
+Rückzug nach Süden oder Osten nach dem Vaalflusse zu nehmen, nach Osten
+war es auch wegen dem rasch vorwärts schreitenden Feuer nicht möglich,
+um so weniger, da die Zugthiere eine Hetzjagd durch das Gras wohl auf
+eine Meile, allein kaum auf 10 oder 15 Meilen aushalten konnten, und
+eine solche wäre nach Osten unvermeidlich gewesen.
+
+Es blieb nichts übrig als vorwärts zu kommen; ja, vorwärts, allein wie,
+um dem Feuer auszuweichen, vom rasenden Elemente verschont zu werden?
+Das Gras um uns abzubrennen und so das Feuer zu erwarten war unmöglich,
+weil wir nebst einigen tausend Patronen 300 Pfund Schießpulver am Wagen
+hatten, unmöglich, weil die Wagenleinwand und das Holz durch die
+sengende Sonnenhitze erhitzt, kaum das Anlegen der Hand gestattete und
+von den vom Winde fortgetragenen brennenden Zweigen und glühenden
+Blättern leicht in Brand hätte gesetzt werden können und wir wohl
+Spiritus und Branntwein, aber kein Wasser mit uns führten. Mein Blick
+blieb an dem Hügel zur Linken hasten, wäre es möglich, da unten in der
+Schlucht durchzukommen?--Bis jetzt schien das Feuer etwa 300 Schritte
+von dem Hügel entfernt, doch es näherte sich uns wie dem Hügel, wenn
+auch dem letzteren, weil dieser etwas aus der Windrichtung lag, weniger
+schnell. Ja, wenn wir nur mit dem Wagen schon an dem Hügel in dem noch
+freien Zwischenraume angelangt wären, und so das Feuer, das etwa 100
+Schritte breit war, umfahren hätten können.
+
+Hinter dem Feuermeere breitete sich eine meilenweite, schwarze Fläche,
+das abgebrannte Feld, aus, über welche hie und da Flammen, die
+Ueberreste eines brennenden Busches aufflackerten. Meine den Gefährten
+mitgetheilte Ansicht fand einstimmigen Beifall. Der dunkle Diener
+begriff es »a Bass sol dun« und der Blick seines dunklen Auges zeigte,
+daß er sein Bestes thun wolle, um die Zugthiere in der angegebenen
+Richtung zu führen und in derselben zu halten.
+
+Nun erst, nachdem ich mich auf mein Pferd geschwungen hatte, ließ ich
+meinen Blick über die Strecke schweifen, die wir zu durchfahren,
+nein,--zu durchfliegen hatten. Ich konnte mich eines Ausrufs nicht
+enthalten, denn die circa 1000 Schritt messende Entfernung (bis an den
+Hügel) war ein mäßiger, in den unteren Partien etwas steiler, mit
+niedrigen Büschen und Gras bewachsener, und mit Felsblöcken übersäeter
+Abhang; wie, wenn ein Rad bei dem raschen Fahren an einem der braunen
+Steine zerschellen würde?--Doch ich hatte keine Zeit zum Denken, meine
+Gefährten hatten ihre Posten eingenommen, Boly schwang die Peitsche und
+gab mit dem gebräuchlichen »Fat an« das Zeichen zur schleunigen
+Flucht--dem Feuer entgegen, um dem Feuer zu entrinnen.
+
+Durch das Geschrei, Hiebe mit Peitsche und Aesten, doch auch durch den
+grauenhaften Anblick der Feuerwoge zur Rechten angetrieben, der wir mit
+jedem Schritte näher kamen, jagten die Ochsen mit ihrer Last, wie mit
+einem leeren Karren dahin. Oft wähnte ich, daß der Wagen schon auf der
+Seite liege, so hoch kam zuweilen ein Rad auf einen der Felsenblöcke,
+während die beiden Vorderräder im nächsten Momente gegen das Gestein so
+heftig anfuhren, daß die Stangenthiere durch den Anprall niedergeworfen
+wurden. Die Hitze wurde unerträglich, da wir noch immer den Wind gegen
+uns hatten, das Prasseln des trockenen Grases und der Büsche, von denen
+jedoch die meisten grünten, erfüllte die mit dichtem Qualm und
+brennenden Grasstengeln, Aestchen, Blättern etc. geschwängerte Luft mit
+einem sinnebetäubenden Getöse; das Pferd, das ich auf dieser Reise ritt,
+war kein scheues Thier, allein der Anblick zu seiner Rechten machte es
+wild und unbändig, daß ich es kaum bemeistern konnte.
+
+Doch wir rasten weiter. Mehrmals stolperte mein Reitthier an Felsen und
+fiel gegen Büsche an, denn ich mußte die Wagenleinwand im Auge behalten,
+um etwaige, sich da ansetzende Brandstücke rasch zu beseitigen und mußte
+auch noch Pit dem »Führer« und Boly dem »Lenker« die einzuschlagende
+Richtung angeben, um den größeren Blöcken vor uns, die ich von dem
+Pferde aus wahrnehmen konnte, auszuweichen. Das Schreien und das
+Antreiben der Ochsen, welche dichte Schaumflocken abgeiferten, das
+Laufen über Stock und Stein, durch die brennende Tageshitze und die
+Gluth der nahen Flamme, hatte meine Gefährten im höchsten Grade
+abgehetzt; als wir endlich die Niederung erreichten, mußten wir einige
+Minuten Athem schöpfen, alle hatten sich mehr oder minder im Gesicht und
+an den Händen verwundet, waren unzählige Male gestolpert und gefallen.
+
+In der Niederung angelangt, fanden wir, daß das Feuer sich bereits auf
+100 Schritte der Anhöhe genähert hatte, während 200 Schritte weiter ab
+es über 100 Schritte von ihr entfernt, zu erlöschen begann, es war hier
+durch eine trockene Regenschlucht gehemmt, während es nach uns zu eine
+sehr seichte Stelle derselben, über die wir ohne Mühe gesetzt,
+durchgezüngelt hatte. Mein Pferd zitterte, daß es sich kaum auf den
+Beinen erhalten konnte und die Ochsen »bliesen« (athmeten) schwer mit
+zur Erde gesenkten Köpfen und doch hatten wir noch die schwierigste
+Aufgabe zu lösen, wir mußten, nur 30 Schritte vom Feuer entfernt, etwa
+100 Schritte neben dem Brande zurücklegen, bevor wir nach links abbiegen
+konnten. So kurz auch die Strecke war, die wir zurückzulegen hatten, sie
+drohte uns sicherer Verderben zu bringen als jene, die wir von den
+felsigen Höhen herabgestürmt hatten. Ein zwischen mir und dem Feuer kaum
+15 Schritte vom Wagen entfernter, durch einen brennenden Zweig in
+Flammen gesetzter, trockener Vaalbusch wurde uns zum zweiten Losungswort
+dieser Hetzjagd.
+
+»Halloh an,« die Zugthiere legten sich in's Joch, doch nach kaum fünf
+Schritten, drängen sie von dem dichten Qualm betäubt, nach dem
+Felsenhügel, wobei sie den Wagen unwiderruflich umwerfen mußten. In
+diesem kritischen Momente setzt der neben ihnen an meiner Seite laufende
+Genosse auf die andere, die Hügelseite über, wo es ihm, den übrigen
+Genossen und dem dunklen Führer gelingt, durch Schlagen und Schreien die
+Thiere wieder auf die ebene Fläche herabzudrängen. Schlagt zu, schreit,
+sonst sind wir verloren und fliegen in die Luft! Und nun ging es durch
+den dichten Qualm, dicht herabnieselnde, von dem Winde aufgewirbelte
+Asche, durch brennende Grashalme, Rindenstücke, glühende und brennende
+Zweige--als wären wir bis auf das Gefühl der Selbsterhaltung sinnlos
+geworden--mitten durch das Verderben vorwärts, um jene freiere, nur noch
+80, 70, ja nur noch 50 Schritte entfernte, uns Rettung verheißende
+Stelle zu erreichen. Die Hize wurde so furchtbar, daß ich jeden Moment
+die Wagenleinwand aufflackern zu sehen wähnte.
+
+Nur noch 20 Schritte--ob es die Zugthiere nur aushalten, sie keuchen und
+wanken im Joche!--Endlich, Gottlob, da sind wir, zu unserer Linken ein
+freies Grasfeld, zu unserer Rechten die etwa 10 Fuß tiefe und 12 Fuß
+breite Schlucht und darüber hinaus das schwarz verkohlte Gras. Ich
+springe aus dem Sattel, nehme ihn rasch ab und lenke meine Schritte zu
+den Gefährten, die sich in's Gras geworfen hatten. Sie konnten kaum ein
+Wort hervorbringen. Ihre Gesichter sind blutroth, die Hände, von den
+knorrigen Aesten und dem häufigen Fall blutig geritzt und geschunden,
+die Augen drohen aus den Höhlen zu springen. Pit's Kleider, der mit den
+Frontochsen zuerst die Hindernisse (Büsche etc.) zu bewältigen hatte,
+sogar sein Hemd war in Fetzen zerrissen, vom Rücken und von der Brust
+tröpfelte Blut aus langen, doch glücklicher Weise nicht tiefen
+Rißwunden.
+
+Weiterziehend, trachteten wir, uns einen Anhang hinaufbewegend, die quer
+durch das Feuer nach Gassibone's Stadt führenden Wagenspuren wieder zu
+erreichen, was uns wohl gelang, obgleich wir der müden Thiere halber
+jede 200 Schritt stehen bleiben mußten. Wir folgten den Wagenspuren in
+nördlicher Richtung über ein ebenes Land, was den armen Zugthieren
+wesentliche Erleichterung bot. Der Abend war inzwischen eingetreten. Ein
+entsetzlicher Durst quälte uns, wir nahmen zum Essig unsere Zuflucht und
+netzten damit die Lippen. Ein Ausruf Pits, der voranschritt, riß uns
+alle aus dem dumpfen Hinbrüten. »Bass, kick (sieh) da so sin (sind) ye
+det Hartebeeste?« Wir alle beugten uns vor, ja, richtig, der Junge hat
+ein gutes Auge. Quer über unsere Richtung, einige 300 Schritte vor uns,
+trappten drei Hartebeest-Antilopen an uns vorüber. Doch wir waren zu
+abgehetzt, zu müde, um ihnen mehr als unsere Blicke zu widmen.
+
+In Afrika habe ich drei Hartebeest-Antilopenarten beobachtet, das
+gewöhnliche Hartebeest, das von der Colonie bis gegen den Zambesi, doch
+häufiger in den südlicheren und mittleren hochbebuschten Partien
+Süd-Afrika's gefunden wird, ferner das Sesephi oder Zulu-Hartebeest,
+welches dasselbe Terrain bewohnt, doch auch nördlich vom Zambesi
+angetroffen wird, woselbst ich auch die dritte Art vorfand, welche
+jedoch der ersten näher als der zweiten Species verwandt ist, indem sich
+die letzteren mehr dem Buntbock nähert. In Folge seines hammerförmigen
+Kopfes, sowie auch seiner winkelig gebogenen Hörner ist das eigentliche
+Hartebeest die häßlichste der Antilopenarten. Auf das Sesephi werde ich
+noch zurückkommen, dem eigentlichen Hartebeest will ich in Folgendem
+einige Worte widmen. Ich fand es am häufigsten zwischen dem Vaal und dem
+Soa-Salzsee, doch hörte ich, daß es auch im Osten und Nordosten der
+Transvaal-Colonie und im nördlichen Theile der Cap-Colonie häufig
+vorgefunden wird. Das Thier ist mehr als andere Antilopenarten
+ausgerottet und dies wohl, weil es weniger flüchtig und dreister als
+andere ist. Es lebt in kleineren Rudeln und wir finden es nicht selten
+in den von dem gestreiften Gnu bewohnten Gegenden. Daß es in dem
+nördlichen Theile des zentralen Süd-Afrika seltener als in den südlichen
+ist, hat wohl seinen Grund darin, daß es von den Bamanaquato's ob seines
+Felles anderem Wilde vorgezogen wird, und dies darum, weil sich
+der östliche Bamanaquato zu seiner kleinen Carosse, seinem
+Nationalmäntelchen, das Fell dieses Thieres gewählt hat.
+
+In den bebuschten, doch weniger bewaldeten Gegenden jagt man es zu
+Pferde; verfolgt, zeigt das Thier einen schwerfälligen Lauf, der wohl in
+seinem hohen Vorderleib und Widerrist seinen Grund hat. Ich glaube, daß
+diese Species (Antilopa caama), obwohl die gemeinste von den drei
+genannten, doch zu den Seltenheiten in den europäischen Thiergärten
+gehört und daß die transzambesische Art gar nicht in denselben vorhanden
+ist. In den Wäldern wie im Lande der mittleren Betschuana's sucht man
+sich ihnen durch Bäume und Büsche gedeckt zu nähern, an solchen Stellen
+trachten die Thiere sich womöglich am Rande einer Lichtung oder in den
+weniger bebuschten Partien aufzuhalten, um eine bessere Rundschau halten
+zu können, während sie in den waldlosen Gegenden nur hoch und
+gruppenweise bebuschte Partien und im Allgemeinen die Ebene bewohnen.
+Von weißen Jägern werden sie meist nur neben anderem Wilde, Elephanten,
+Straußen etc. gejagt und erlegt.
+
+[Illustration: Hartebeest-Gazellen.]
+
+Der entsetzliche Tag war zu Ende, unser Führer hatte Mühe, den durch den
+Brand mit Asche gefüllten und unkenntlich gewordenen Wagenspuren zu
+folgen und uns in der wahren Richtung nach der kleinen Niederlassung der
+Eingebornen zu bringen. Nicht blos die Lippen waren heiß, der ganze Mund
+schien uns wie verkohlt und die quälende Trockenheit war bis in den
+Schlund hinein zu fühlen. Wir sprachen nicht mehr und jeder suchte so
+still als möglich sein Leid zu tragen. Wir hatten auf die Kühle Nacht
+gehofft, doch diese war ausnahmsweise warm und selbst der Wind hatte
+aufgehört uns etwas Erfrischung zu spenden. Endlich vernahmen wir
+Hundegebell und bald darauf den monotonen Gesang der dunklen Mädchen,
+ein Himmelsgesang für unsere niedergedrückten Geister. Nie wieder mehr
+auf meinen späteren Wanderungen habe ich diese monotonen, diese
+einfachen, stets sich wiederholenden, mit Holzkastagnetten begleiteten
+Weisen der farbigen Mädchen mit solcher Wonne, mit solchem Nachhall in
+meinem Herzen begrüßt, wie an jenem Abend. Der Durst ist doch eines der
+schrecklichsten Gefühle, welche die menschliche Natur niederdrücken,
+abquälen können.
+
+[Illustration: Kopf der Hartebeest-Gazelle. (Antilopa caama).]
+
+Endlich erblicken wir am Abhang zu unserer Linken und etwas vor uns
+einige rothleuchtende Stellen, welche auf ebenso viele Feuer
+hindeuteten; ich ließ den Wagen stehen, mit demselben Entschlusse hatten
+meine Gefährten und der Führer ein Gleiches gethan und wir alle eilten
+nach den menschlichen Wohnungen zu. Die Köter kamen nun herangeflogen,
+während das Singen verstummte und vor uns erschien eine dunkle Gestalt,
+ein Bewohner der Häuschen, nicht wenig überrascht, um diese Zeit und an
+diesem Orte einen Wagen vorbeifahren zu sehen. So wie ich den Menschen
+vor mir sah, stürzte ich auf ihn los, faßte ihn bei den Armen und schrie
+ihm mit meiner heiseren Stimme »Meci, Meci« zu. Der so Angefallene stieß
+einen Schrei aus, wohl den Warnungsruf, denn unser Führer konnte, von
+einem Lachkrampf darob erfaßt, gar nicht zu Worte kommen. In einem
+großen Ochsenhorn brachte der Mann nach einiger Zeit eine übelriechende
+Flüssigkeit, die er als seinen ganzen Wasservorrath bezeichnete und für
+deren Ueberlassung er eine halbe Krone forderte. Weder die Menge noch
+die Qualität dieser Flüssigkeit waren jedoch hinreichend, um den
+heftigsten Durst zu löschen. Es gelang uns endlich, unsere Wünsche dem
+Manne verständlich zu machen und in kurzer Zeit darauf brachte er und
+zwei Frauen mehrere große Töpfe mit Milch gefüllt, deren Inhalt von uns
+gierig verschlungen wurde. Nun galt es auch den Hunger zu stillen und
+bald loderte ein großes Feuer, an dem eine Hammelkeule briet.
+
+Der Steppenbrand bildete natürlich das Hauptgespräch; im Süden stand
+noch immer eine hohe Röthe am Himmel, ein Beweis, daß das Feuer
+weiterschritt. Diese Brände werden zuweilen durch Unvorsichtigkeit
+verschuldet, doch in jenen Partien, wo Büsche und Bäume seltener sind,
+von Farmern oder von Eingebornen im Spätwinter angezündet und dies
+namentlich in trockenen Jahren, um, wie die Leute sagen, das Wachsthum
+des Grases zu befördern. Dasselbe thaten früher die Straußenjäger im
+Innern, um die Strauße, die das grün aufsprossende Gras mit Begierde
+aufsuchen, an solche Stellen zu locken. Diese Brände sind sehr oft in
+den von den niederen, kaum 18 Zoll hohen Büschen (Scap [Schaf-]büschen)
+bewachsenen Ebenen der Colonie und des Freistaates zu bemerken; auf etwa
+drei englische Meilen nahegekommen, sehen wir dann in dunklen Nächten
+einen oder mehrere gerade, längere oder kürzere »glühende Streifen«
+langsam über die Erde hinkriechen.
+
+Am folgenden Morgen wieder aufbrechend fanden wir uns eine halbe Stunde
+später in dem schon zu einem Wege ausgefahrenen Wagenspuren, denen wir
+im März nach der Abreise von Gassibone gegen den Vaal-River zu gefolgt
+waren. Hier verabschiedete sich unser freundlicher Führer und wir fuhren
+bergab eine der Schluchten hinunter nach Gassibone's Residenz zu. Die
+Seiten (d.h. Abhänge) der durchfahrenen breiten, sich nur nach der Stadt
+gegen ihre Mündung zu verengenden Schlucht zeigten einen
+terrassenförmigen Abfall der Gebirgsschichten, die trotz des üppigen
+Graswuchses deutlich hervortraten; die ebenen Partien dieser Terrassen
+waren von der Natur mit Mimosenbäumchen bepflanzt worden und boten so
+einen, unseren auf Berglehnen angebauten Kirschbaumgärten nicht
+unähnlichen Anblick.
+
+Gegen Mittag fuhren wir in Gassibone's Stadt ein, durchschritten
+dieselbe und lagerten unter einigen Bäumen, etwa in der Mitte des
+thalförmigen Kessels, unmittelbar an einer Regenschlucht. Der Boden des
+ganzen Kessels war ein üppiger Rasen, der, weil in der Tiefe liegend und
+durch die oben in einer Schlucht liegenden Quellen befeuchtet, sich in
+diesem Zustande erhielt. Pit trieb, von E. und F. gefolgt, die Ochsen
+nach den Quellen, allein sie fanden dieselben von mehr denn 20 Frauen
+umlagert und hatten über 1½ Stunden zu warten, bevor sie an die Reihe
+kamen.
+
+Es ist staunenswerth, unter diesen östlichen mit den Bamairen gemengten
+Batlapinen so wenig Energie zu finden. Am Tage müssen in der trockenen
+Zeit die Farmer stundenlang auf ihren Wasserbedarf harren. Wenn man die
+Quellen ausreinigen und unterhalb derselben den feuchten, marschigen
+Boden ausgraben und einen Damm errichten würde, könnte man in der so
+gewonnenen Cisterne nicht allein hinreichendes Trinkwasser für die
+Bevölkerung von Gassibone's Residenz-Kraal, sondern auch in dem
+errichteten Teiche das nöthige Trinkwasser für eine große Anzahl von
+Hausthieren gewinnen.--Inzwischen war Gassibone selbst, von seinem
+Bruder und einigen Männern begleitet, herangekommen, die meisten in
+gewöhnliche graue Baumwollkleider gehüllt, einige noch trotz der Hitze
+mit überhängenden Carossen, um zu forschen, was wir in seiner Stadt
+begehrten. Ich ersuchte ihn, mir einen Ziegenbock zu verkaufen, da ich
+auf der zwischen dieser Stadt und jener Mankuruan's am Hart-River von
+Eingebornen häufig begangenen Strecke nicht allzuviel Wild anzutreffen
+glaubte.
+
+Es würde das Ansehen Seiner königlichen Hoheit geschmälert haben, wenn
+er sofort eingewilligt hätte. Es wären keine--später meinte er--nur
+wenige Ziegen da, dann begehrte er ein Glas Branntwein, setzte sich auf
+unser Wasserfäßchen und begann den Verkauf der Ziege mit seinem Bruder
+und dem herum im Grase hockenden und an einigen Bäumen angelehnten
+Gefolge bis in's Detail zu ventiliren. Da sie die Setschuana sprachen,
+verstand ich sie nicht, vernahm jedoch unzählige Male ein und dasselbe
+Wort, welches ich später Pit mittheilte und das mir von diesem als
+Kalpater (Ziegenbock) verdolmetscht wurde. Endlich stand einer der
+Männer auf, kam auf mich zu, und meinte, indem er auf den Chef (König)
+hinwies, daß Morena Botlazitse Gassibone mir einen Bock für ein »half
+pund« überlassen wolle, ein Anbot, das ich sofort annahm. Seine
+Herrlichkeit geruhte mich noch mit einem längeren Gespräche zu beehren,
+nach dessen Beendigung wir unsere Reise fortsetzten.
+
+[Illustration: Ersehnter Labetrunk.]
+
+Als wir durch eine der Stadt gegenüberliegende Schlucht die Höhe
+erreicht hatten, waren dunkle Wolken aufgestiegen, welche auf Sturm und
+den so heißersehnten Regen deuteten. Wir hielten Kriegsrath und da Pit
+meinte, daß der Sturm sicher auf uns heranzöge, spannten wir kaum drei
+englische Meilen von der Stadt entfernt aus.
+
+[Illustration: Niger und Cobra.]
+
+Pit hatte richtig geurtheilt, die Wollen hatten sich zu dichten Massen
+aufgethürmt, welche näher und näher heranrückten und bevor eine Stunde
+verging, kam ein tüchtiges Sturzbad auf uns herabgeströmt. Was hätten
+wir tagszuvor für eine solche Wohlthat geboten! Es war einer der
+heftigsten, etwa zweistündigen Platzregen, die ich in Süd-Afrika
+beobachtet. Noch während des Regens kamen zwei halbnackte, einen höchst
+widerstrebenden Ziegenbock heranschleppende Batlapinen auf uns zu.
+
+Gegen Sonnenuntergang, als die »schäumenden« Wasser abgeflossen, nur
+noch in dünnen Stränchen der erzürnten Fluth nacheilten, verließen wir
+den Abhang und zogen weiter. Derselbe führte durch ein nur stellenweise
+erweitertes Felsenthal, das zu unserer Linken dicht bebuscht war. Niger,
+der voran eilte, fing plötzlich in dem hohen Grase zur Rechten zu bellen
+an und schien dann etwas, was wir jedoch nicht sehen konnten, über den
+Weg zu verfolgen. Ich bemerkte, wie er nachsprang und dann stets wieder
+zurückfuhr, was mich nicht wenig befremdete. Wir hielten sofort an und
+eilten Niger nach. Er stand nun an dem, einen der riesigen
+Termitenbauten--eine hohe nach oben zu offene Röhre--umgebenden Dickicht
+und bellte die darin versteckte Beute heftig an, worin ihm nun unsere
+übrigen Köter treulich halfen. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir
+eine über 7 Fuß lange, gelbliche Cobra capella, welche sich um die Röhre
+geschlungen und den Hund mit dick aufgeblasenem Halse laut anzischte,
+erblickten. Ein Dunstschuß machte ihr bald den Garaus und ich zog das
+Reptil aus dem Busche um es meiner Sammlung einzuverleiben.
+
+Gegen Abend erreichten wir ein breites Thal, verließen hier das
+Hauptthal und wandten uns längs eines Felsenabhanges nach Norden, auf
+den uns als kürzest bezeichneten Weg nach Taung zu. Kaum einige
+Wagenlängen die neue Richtung verfolgend, drang von den mit Sykomoren
+bewachsenen sandigen Felsenzinnen ein vielstimmiges, wenn auch
+verschieden modulirtes, doch in der Mehrzahl im tiefen Bariton gebelltes
+»Cha-Cha«, der Ruf der Paviane zu uns herab; unsere Hunde antworteten
+und rannten gegen den Felsen an, während wir die flüchtigen, gelenkigen
+Affen im saftigen Grün der Sykomoren und im dürren Mimosendickicht
+verschwinden sahen; wir trachteten zwar, unsere Gewehre ergreifend,
+einen Vorsprung zu gewinnen, allein sahen bald das Nutzlose unserer
+Verfolgung ein und schlugen, zum Wagen zurückgekehrt, unser Nachtlager
+auf.
+
+Ein kühler, frostiger, umwölkter Tag folgte. Wir überschritten einen
+Kessel; an einer der kahlen Berglehnen standen einige Batlapinenhütten.
+Es waren schon des neuen Herrschers Leute, Mankuruana's Unterthanen, die
+hier etwas Feld anbauten und in gewisser Hinsicht die Grenze gegen
+Gassibone's Heerden zu bewachen hatten.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 11.
+
+Wir kamen über einen Höhensattel in ein dichtbebuschtes Thal, dessen
+Abhänge mit mannigfachem Gebüsch bewachsen waren. Das Thal öffnete sich
+in einen andern weiten Kessel, der hunderte kleine, kaum 200 Schritt im
+Umfange zählende, aufgegrabene Grundstücke barg.
+
+Nach einer 1½stündigen Fahrt durch diese öden Gefilde verließen wir den
+Kessel und einige Höhen überschreitend, sahen wir das Thal des centralen
+Hart-Riverlaufes vor uns liegen. Diese Höhen um Taung bilden ein
+förmliches Netz, und obgleich sie wohl kaum 800 Fuß über das Bett des
+Flusses emporragen, sind sie die höchsten des Hart-Riverthales und
+bieten manche recht anziehende Scenerie. Wir hatten den östlichen Abhang
+der Höhen, an die wir zuerst gekommen waren entlang zu fahren und dann
+uns nach Norden zu wenden, um zu der Furth zu gelangen; Taung, oder
+Mahuras-Town, wie es auch nach dem früheren Herrscher genannt wird,
+liegt am rechten Ufer des Flusses, etwas ab von dem Flusse im Schutze
+und am Abhange einiger Felsenhöhen. Der Fluß wälzte einen Schwall
+gelblichen Wassers durch sein stellenweise mit Schilfrohr
+durchwachsenes, doch auch sehr steiniges Bett. Dem Abhange der Höhen
+entlang fahrend erblickten wir unter uns ein Eingebornendorf am Abhange
+liegen, in dem es lebendig wurde, als man den Wagen bemerkt hatte. Es
+währte auch nicht lange, als sich eine der unangenehmsten Scenen vor uns
+entrollte, die ich in Afrika unter den Wilden beobachtet habe.
+Halbnackte, in schäbige Carossen und zerfetzte europäische Kleider
+gehüllte Männer, später auch nackte Kinder und nur mit kurzen
+schmutzigen Lederschürzen versehene Frauen kamen aus den Wohnungen
+heraus und auf uns zugestürzt. Die einen hielten uns leere, schwarze
+Flaschen, andere Töpfchen entgegen, während sie »Suppy«--»Bass, verkup
+Brandwen«--andere »Brandy, Brandy« schrieen. Die Einen hielten uns ein
+Schakal- oder Deukerfell, die anderen Ochsenriemen, Peitschen, Einer ein
+Joch, sein Nachbar hölzerne Löffel, ein Greis eine Holzschüssel
+entgegen, für welche Gegenstände sie Branntwein eintauschen wollten. Als
+wir auf all' dies wie auf eine Märchenscene herabschauten und ohne uns
+um die Halbnackten zu kümmern weiter fuhren, da stellten sie sich gegen
+den Wagen, ergriffen die Ochsen an den Hörnern und suchten sie zum
+Stillstehen zu bringen, was ihnen auch gelang.
+
+»Wir haben keinen,« gaben wir allseitig als Antwort zurück. Da brachten
+Einzelne einige schmutzige Shillinge hervor und glaubten uns dadurch
+nachgiebiger zu stimmen. Inzwischen hatten einige ihren Frauen zugerufen
+und diese kamen mit Milchsäckchen, auch eine Ziege brachten zwei
+derselben geschleppt. Wir waren förmlich umlagert. Doch all' das
+Schreien, Gesticuliren und der Widerstand gegen unseren Weitermarsch
+nützte nichts. Ich gab nicht einen Tropfen des Feuerwassers her und es
+blieb ihnen nichts übrig, als Einer nach dem Andern abzutreten und uns
+ziehen zu lassen. Einige jedoch folgten uns bis zur Furth, sie dachten,
+hier würde ich ihnen, abseits von ihren Genossen, ihren Willen thun und
+boten mir fünf Shillinge für eine Flasche, doch vergeblich.
+
+Wir alle waren froh, nach einem so anstrengenden, unangenehmen Marsche
+endlich auf einige Stunden rasten zu können. Der Fluß war an der Drift
+etwa 60 Schritte breit, zeigte eine einzige steinige Insel in der Mitte,
+so daß wir gleichsam zwei Arme zu überschreiten hatten, die Strömung war
+jedoch so bedeutend, daß meine Gefährten zu warten vorschlugen. Ich
+konnte jedoch ihre Ansicht nicht theilen. Kaum einen Büchsenschuß von
+uns entfernt, im Schatten eines großen Cameeldornbaumes, stand ein Wagen
+und zwei Zelte, wie wir sehen konnten, von einer weißen Familie bewohnt,
+daneben mehrere alte, gebrechliche Wägen und ringsherum lag
+Schmiedematerial. Die Stadt war durch den Aufenthalt zweier Schmiede
+beglückt, von denen einer nahe an der Furth, der zweite weiter aufwärts
+in der am Eingange von dem Missionär bewohnten Schlucht seinen
+Aufenthaltsort genommen hatte. Der Eine hatte sich schon eine Heerde von
+Rindern und Schafen, mit denen er für seine Arbeiten bezahlt wurde,
+erworben (doch klagte er, daß sein Verdienst in der letzten Zeit ob der
+Verarmung der Leute ein karger sei), während der andere seinen Erwerb
+bei der nächsten sich ihm darbietenden Gelegenheit in Branntwein
+verjubelte. Daß natürlich diese beiden großartigen Schmiedewerkstätten,
+d.h. die Firmen und die Handwerker, in grimmiger Feindschaft lebten, ist
+selbstverständlich.
+
+Um Auskunft über die Brauchbarkeit der Furth befragt, theilte uns der
+Schmied mit, daß die Händler, die Elephanten- und Straußenjäger, sowie
+die Missionäre, wenn sie von den Diamantenfeldern kommen, kurz alle,
+welche die kürzere Tour über Kuruman einschlagen, hier durchkämen, daß
+aber ein Drittel der Reisenden an dieser »Drift« Schaden an ihren Wägen
+leide. Der Chef that nichts, um sie zu verbessern und es hätte auch
+eigentlich nicht viel geholfen, da der Fluß große Mengen Sand, Erde und
+oft große Steine herabschwemmte und auf diese Weise die Furth nach jedem
+Hochwasser ein mehr oder weniger verändertes Aussehen erhielt.
+
+Seinem Rathe folgend übersetzten wir den Fluß im Laufe des Nachmittags
+und kamen glücklich an das jenseitige Ufer, an dem wir Halt machten und
+uns dann auf den Weg nach Taung begaben. Nachdem wir einen Theil der
+Stadt der Eingebornen durchschritten hatten, kamen wir an das von einem
+Gärtchen umgebene, aus Stein erbaute und mit einem mit Gras gedeckten
+Giebeldach versehene Missionsgebäude. Wir traten in dasselbe ein und
+fanden uns einem etwa dreißig Jahre alten Manne mit langem blonden Bart
+gegenüber, der uns erstaunt, namentlich den bewaffneten F., anblickte.
+Ich stellte mich vor, legte ihm mit wenigen Worten den Zweck meiner
+Reise dar, was den Missionär, Herrn Brown, gleich freundlicher stimmte.
+Er entschuldigte sich über die Einfachheit seiner _library_
+(Studirzimmers), das ihm auch für seine Kranken als Ordinationszimmer
+diente und theilte mir mit, daß er eben an einem Setschuana-Wörterbuch
+arbeite.[1] Nachdem er mich über die Dauer meines Aufenthaltes in Taung
+befragt, lud er mich ein, um nicht von den Eingebornen des Branntweins
+halber belästigt zu werden--meinen Wagen in die Nähe seines Gehöftes zu
+bringen und daselbst mein Lager aufzuschlagen da selbst Mankuruana die
+Reisenden oft unnütz aufhielt und belästigte, war ich in der Nähe des
+Missionärs auch gegen ihn am besten gesichert. Doch er war diesmal nicht
+daheim, sondern in Kuruman bei dem Chef Mora zu Besuche, wohin auch die
+Gemahlin des Rev. Brown mit ihren Kindern abgereist war, um einige
+Wochen in der Gemeinschaft der Frauen der dortigen Seelsorge
+zuzubringen.
+
+ 1: Es ist seither veröffentlicht worden.
+
+Unter den Batlapinenstädten nimmt Taung unstreitig den ersten Rang ein,
+einesteils durch seine malerische Lage an einem der Haupt-Verkehrswege
+nach dem Innern, anderntheils durch seine Einwohnerzahl. Leider war
+seine Wohlfahrt von Jahr zu Jahr gesunken und ich glaube, daß sich Taung
+wohl jetzt, nachdem der Export von Spirituosen nach Mankuruana's Land
+von der Regierung in Griqualand-West möglichst erschwert wurde, wieder
+heben und namentlich Getreide, Vieh etc. nach den Diamantenfeldern
+exportiren wird, wozu ihm seine relativ geringe Entfernung von diesem
+Markte sehr zu Gute kommt; außerdem ist der Stadt durch ihre Lage in der
+Nähe des Hart-Rivers die Möglichkeit geboten, die bebauten Niederungen
+regelmäßig und ergiebig bewässern zu können. Die frühere Einwohnerzahl
+von Taung läßt sich mit 5-6000, die gegenwärtige (1879) mit 3500-4000
+angeben. Die Zahl variirt um 500, weil sich manche Familien
+periodenweise zu ihren Viehposten, auf denen ihre Diener das Vieh hüten,
+entfernen, die Männer oft in größerer Zahl auf Jagd ausgehen und andere
+wieder ihre Makalahari-Diener mitbringen.
+
+Um die Zeit meines Besuches und drei Jahre nachher (1877) gab es für
+Taung schlimme Zeiten, die theils durch die Aufregung während der Kämpfe
+gegen den Vasallenchef Mora und gegen Gassibone, theils durch große
+Trockenheit und deren überall fühlbare Folgen bedingt waren. Im Jahre
+1872 starben mehrere Familien in Taung Hungers, weil sie alles, selbst
+das letzte Fell, auf dem sie lagen, das Holz von den Dächern ihrer
+Hütten den Brandyverkäufern opferten.
+
+Im Jahre 1843 wurde die »London Missionary-Station in Taung« durch Mr.
+Roß eröffnet. König Mahura (der Onkel Mankuruana's) verließ jedoch die
+Stadt, um sich auf der Höhe des Mamusaberges (zwei Tagreisen
+stromaufwärts) anzusiedeln, wohin ihm, nach der Mitteilung meines
+hochgeehrten Freundes, Rev. S. Mackenzie von Kuruman, der weiße Prediger
+nachfolgte, und dort auch verblieb, als es Mahura einige Jahre später
+wieder einfiel, Taung zu seiner Residenz zu machen. Herr Roß hatte an
+beiden Orten Kirchen erbaut, die seitdem in Ruinen verfallen sind, und
+schlug dann seinen Sitz in dem auf der ersten Reise erwähnten Lekatlong
+auf.[1] Im Jahre 1858 spielte sich in Taung die Scene eines grausamen
+Kampfes ab, dessen Opfer wir noch als bleichende Gebeine in den
+Felsenklüften der Taung überragenden Höhen finden konnten. Das Schicksal
+der Mahuras-Batlapinen war um so härter, als sie unschuldiger Weise in
+diesen Krieg, der mit dem Kampfe in Taung seinen Abschluß fand,
+einbezogen wurden.[2]
+
+ 1: Herr Roß, der ein hartes, beschwerliches Leben unter den
+ Batlapinen führte, starb im Jahre 1863.
+
+ 2: Siehe Anhang 12.
+
+Die alte verfallene Kirche war durch eine neue ersetzt worden, welche
+einem unserer gewöhnlichen, ländlichen Arbeiterhäuschen nicht unähnlich,
+in Taung außer dem Missionshause das einzige im europäischen Style
+gehaltene Gebäude war und von der hiesigen Gemeinde mit nicht geringem
+Stolze angesehen wurde. In ihrer Nähe hing in einer eingepflanzten
+Baumgabel ein Glöckchen, deren Schall hinreichte, die kleine Gemeinde
+zur Versammlung aufzufordern.
+
+Der Schmied in der Schlucht, hinter dem Missionsgebäude war mit dem
+Schmieden eines jener schweren Rosenkränze beschäftigt, deren sich die
+Gerechtigkeit bedient, um Uebelthäter zu strafen und an den Ort ihrer
+Einsamkeit zu fesseln; er war für einen Cap-Bastard bestimmt, der einen
+Jungen in der Stadt erschossen, und nun an die Behörde von Klipdrift
+ausgeliefert werden sollte.
+
+Am Nachmittage des 12. November setzten wir unsere Reise in
+nordnordöstlicher Richtung und in mäßiger Entfernung vom Hart-River
+aufwärts bis zu dem von Barolongen bewohnten Kraal (Stadt) Maruma fort,
+welcher Ort unter der Oberaufsicht eines gleichnamigen Chefs stand.
+Bevor wir diese, am Abhange einiger Höhen und in einem engen in das
+Hart-Riverthal einmündenden Seitenthale gelegene Stadt erreichten,
+begegneten wir zahlreichen von der Feldarbeit heimkehrenden Frauen,
+welche sehr primitive eiserne Hauen und Holzbündel trugen.
+
+Das Thal, in dem Maruma liegt, würde dem Maler eine anziehende
+Felsenscenerie bieten und ich bedaure nur, von anderweitigen
+Beschäftigungen während des Aufenthaltes in derselben so sehr in
+Anspruch genommen worden zu sein, daß ich es selbst nicht skizziren
+konnte. Felsenthore und schroff abfallenden Ruinen nicht unähnliche
+Felsen wechseln hier ab, und durch sie einerseits, sowie durch die an
+dem gegenüber liegenden Abhange sichtbaren dunklen Eingebornengehöfte
+andererseits wird das den Boden des engen Thales schmückende Grün sehr
+gehoben.
+
+Trotz der letzten heftigen Regen war das Flüßchen des Thales bis auf
+einige in demselben gegrabene Löcher vollkommen trocken, der Regen war
+nur auf gewissen, äußerst beschränkten Partien gefallen.
+
+Bevor ich Dutoitspan verließ, hatte ich eine Meerkatze erstanden, welche
+ich der Unterhaltung halber mit mir nahm. »Monkey« hatte ihren Sitz oben
+am hinteren Wagenende und war mit einem Kettchen an eines der
+Seitenbretter gebunden. Komisch war es anzusehen, mit welcher Angst der
+Affe die Gebüsche und Bäume beobachtete, an denen wir knapp
+vorbeifuhren, und welche oft die Seiten des Wagens oder das Dach
+streiften. Er legte sich flach auf das Wagendach, um dürre Aestchen über
+sich hinwegstreichen zu lassen, während er bei stärkeren hinten auf das
+untere Wagenbrett herabsprang, um, so wie wir die vermeintliche Gefahr
+passirt hatten, seinen früheren Sitz sofort einzunehmen. Dieses
+zeitweilig recht bissige Affendämchen hatte Tag für Tag längere Zeit
+einer äußeren Besichtigung und Untersuchung des Thürmchens am Wagen
+gewidmet. Steckte Einer von uns seinen Kopf zu einem von dessen vier,
+nur mit einem Drahtnetz überzogenen Fenstern heraus, so kam sie, leise
+die Zähne aneinanderschlagend--was bei ihr eine Bitte oder
+Zufriedenheit ausdrücken sollte--heran und trachtete in das Innere des
+Wagens hineinzuschlüpfen, was wir natürlich nicht gestatten konnten, da
+unter dem Thürmchen die eine der beiden Zucker, Reis, Kaffee, Thee,
+Zwieback etc. enthaltenden Speisekisten aufbewahrt lag. Monkey wußte uns
+indeß doch zu überlisten und sehr geschickt in das Drahtnetz Bresche zu
+legen. Obgleich wir den Einbruch bemerkt hatten und das Dämchen zur
+Flucht zwangen, hatte sie sich doch schon ihre Backen mit Reis gefüllt,
+während sie mit beiden Händen ein riesiges Brodstück nachzuschleppen
+sich bemühte.
+
+Zur Mittagsstunde des 13. November verließen wir das Thal und hielten
+schon nach einer kurzen Fahrt zwischen einigen Felsenhügeln, an einer
+üppigen Weidestelle. Während der Rast erlegte ich einen schönen
+Raubvogel (Melierax canorus) und die schon früher erwähnte Art eines
+Landleguans.
+
+[Illustration: Bei Taung um Branntwein bestürmt.]
+
+An einem seichten Bache bemerkte ich einen schuppigen Gegenstand, der
+sich bei näherer Besichtigung als eine der genannten Riesenechsen
+entpuppte, welche sich bei meiner Annäherung zu verbergen suchte. Ein
+Schrotschuß tödtete sie auf der Stelle und verschaffte mir den ersten
+Balg dieser Species, dem später noch mehrere folgten. Zum Wagen
+zurückgekehrt, traf ich einige mit einem alten, dachlosen Wagen auf ihre
+Viehposten ausziehende Barolongen von Maruma. Der Wagen, dessen vier
+Räder nicht in einer und derselben Werkstätte gearbeitet waren, schien
+jeden Moment auseinanderfallen zu wollen, welcher Befürchtung ich dem
+Eigentümer desselben gegenüber Ausdruck gab; doch dieser lachte, daß
+seine Perlenzähne glänzten und meinte, der Koluj (Wagen) müsse noch oft
+den Weg hin und zurück machen. Um uns von der Reisetüchtigkeit desselben
+zu überzeugen, setzte er das Gespann vor unseren Augen in Bewegung; das
+war ein Getöse, Geklapper, Geknarre und Gepolter, jedes Rad hing anders
+und lief anders, die Seitenbretter bogen sich und die Bodenbretter
+schnellten auf und nieder zum nicht geringen Vergnügen der in einer
+dichten Gruppe auf dem Wagen sitzenden Frauen und Kinder.
+
+Wir näherten uns nunmehr der nordöstlichen Grenze des Batlapinenreiches
+und ich hoffte bald jenes schon erwähnte, kleine unabhängige Königreich
+der Mamusa-Koranna's zu erreichen.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 13.
+
+Am 14. November wandten wir uns direct nach Norden und kamen auf eine
+sehr ausgedehnte, mit hohem Buschwerk bewachsene Ebene, auf welcher
+heftige Regengüsse uns zu öfterem Stillstande nöthigten. Zwischen den
+hohen Marethwa-Büschen sprangen häufig Antilopen auf und entfachten
+meine Jagdlust. Doch diesmal war die Jagd keine leichte, ich mußte
+unaufhörlich das Pferd bald nach rechts, bald nach links wenden, um den
+gruppenförmig beisammenstehenden Büschen auszuweichen. Ich sah jedoch
+bald ein, daß ich auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen könne, ich
+mußte meine Taktik ändern und geradewegs durch die Büsche jagen. Schon
+setzt das Pferd in einen kleinen Busch, doch plötzlich hielt es an; es
+ist in ein niederes, kaum 1½ Fuß hohes, mit Doppeldornen versehenes
+Mimosengebüsch gerathen; ehe ich das Pferd zurücklenken kann, macht es,
+wohl in der Absicht um darüberzukommen, einen zweiten, einen dritten
+Satz, doch leider nur immer tiefer in den Dornbusch hinein, es fängt
+endlich an auszuschlagen--armes Thier; ich sehe zwar vor mir eine kleine
+offene Stelle in dem größeren Gebüsche, doch derart mit Wartebichidorn
+überhangen, daß ich keine Lust verspüre, den Versuch eines Durchbruchs
+zu wagen. Aufwiehernd macht das Pferd noch einen Satz, der Vorderleib
+des Thieres war nun wohl aus den Dornen, doch war mir Hut und Jacke
+zerrissen; mit den Hinterfüßen noch immer in den Dornen gefangen,
+schlägt der Rappe wieder und wieder aus und hopp--hopp--gerathe ich
+selbst immer tiefer in die Dornen hinein.
+
+[Illustration: In Dornen gefangen.]
+
+Nicht alle Kinder Flora's spenden Wohlgerüche und Honig, manche, die
+Armen, sind von ihr stiefmütterlicher bedacht worden und diese lassen
+nun ihren Unmuth, wo sie nur können, an den Sterblichen aus; Mutter
+Flora hat viele solcher Stiefkinder nach Süd-Afrika verbannt; mich haben
+sie oft geherzt und geküßt, doch wenn ich auch Afrika wieder aufzusuchen
+gedenke, nach ihnen sehne ich mich wahrhaftig nicht.--Je mehr ich mich
+der dornigen Umarmung zu entwinden suchte, desto fester wurde diese
+endlich kam der Gaul mit den Beinen aus dem niederen Dorngebüsch heraus,
+wurde ruhiger und ich konnte nun, das Gewehr auf den nächsten niederen
+Busch werfend, abzusitzen trachten. Es gelang mir schließlich, das Pferd
+durch eine schmale Spalte aus dem Gebüsche heraus zu ziehen und uns
+beide von den Dornen zu befreien. Gesicht und Nacken, Hände und Arme,
+sogar die Schenkel brannten wie Feuer; ich kam zum Wagen zurück wie ein
+Held aus einer Katzenschlacht.
+
+[Illustration: Billige Diamanten.]
+
+Ungefähr um die Mittagszeit fuhren wir in einen seichten Thalkessel ein.
+Am Abhange der Felsenhöhen erblickten wir einige Eingebornen-Gehöfte.
+Der Kessel öffnete sich nach Osten zu auf eine große, mit hohem, dürrem
+Gras bewachsene Ebene, auf der sich eine Heerde der zierlichen
+Springböcke in Neckereien erging. Als wir nach unserem Mahle und einer
+etwa zweistündigen Rast weiter ziehen wollten, sahen wir von Norden her
+einen Kafirwagen herankommen. Pit begrüßte den Eigenthümer, einen in
+einen langen Ueberrock gekleideten Batlapinen, den er von Klipdrift her
+kannte. Dieser Mann war früher arm, jetzt, meinte Pit, wäre er reich,
+hätte große Heerden und zwei Wägen und wandere unter den Barolongen
+zwischen dem Hart-River und dem Molapo, um ihnen allerlei Artikel, die
+er in den Diamantenfeldern einhandle, zu verkaufen. Als der Ankömmling
+von Pit hörte, daß wir von den Diamantenfeldern kämen, fragte er,
+welcher der Baß (der Herr) des Wagens sei. Nachdem er es erfahren,
+grüßte er mich mehrmals mit seinen kleinen listigen Augen, ging zweimal
+um den Wagen herum und dann an mich herantretend berührte er mit der
+Hand seinen Hut und sagte »Sir«. Dabei brachte er aus seiner Tasche eine
+etwa drei Zentimeter hohe und sechs Zentimeter im Durchmesser haltende
+Blechdose, wie sie in der Regel den Eingebornen als Schnupftabaksdose
+verkauft wird, zum Vorschein. Grinsend schüttelte er das Döschen. Ich
+begriff sofort, auf welche Weise der Mann reich geworden war. Mit der
+Hand nach den bei seinem Wagen stehenden Dienern weisend, meinte er, die
+hätten in den Diamantenfeldern gearbeitet und ihm dies--dabei öffnete er
+die Dose--heimgebracht. In der Dose lagen etwa 20 Diamanten, der größte
+etwa 3 Karat. Obgleich er blos 30 Shillinge für die Edelsteine
+verlangte, ging ich auf den Kauf nicht ein, denn die Steinchen waren
+jedenfalls von den Dienern des Schwarzen in den Diamantenfeldern
+gestohlen.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 14.
+
+Auf dem nachmittägigen Marsche fing ich eine größere Anzahl von
+Rüsselkäfern unter den Blättern einer lilienartigen Pflanze, sowie
+mehrere, noch nicht beobachtete Heuschreckenarten. Als wir Abends bei
+strömendem Regen unter dem Schutze eines ausgespannten Segeltuches unser
+Lager ausgeschlagen hatten, entfesselte unser Affendämchen die Lachlust
+Aller. Ich reichte ihr einige Käfer, die kleineren nahm sie in ihre
+Hände, beroch sie, und dann den Kopf ohne oder mit dem Thorax vom
+Hintertheile abreißend, verspeiste sie dieselben. Mit Heuschrecken that
+sie ein Gleiches, dagegen warf sie übelriechende Insecten, der letzteren
+Species angehörend, sowie eine Meloë weg, dasselbe that sie mit einigen
+Silpha's (Silpha). Zwei erlegte Eidechsen, die ich ihr reichte, warf sie
+vom Wagen, anders jedoch geberdete sie sich, als ich ihr eine frisch
+erlegte Buffadder gab. Im Nu war sie auf der anderen Wagenseite, dann
+lugte sie vorsichtig nach mir aus, und als ich mich ihr wieder nahte,
+lief sie das Wagendach entlang und zerrte mit voller Kraft an dem
+Kettchen.
+
+Unser Weg führte uns nächsten Tages über kurzbegraste Hochebenen, über
+welche Millionen beflügelter, großer Ameisen schwärmten. Die Regengüsse
+der letzten Tage ließen mich hoffen, überall Wasser zu finden, und
+hatten wir uns deshalb an unserer letzten Raststelle damit nicht
+versehen, noch die Thiere vor unserer Abfahrt getränkt. Leider fanden
+wir keines und mußten von Durst gequält unsere Wanderung bis zu später
+Abendstunde weiter fortsetzen. An der Abzweigung eines nach Norden
+streichenden Thales öffnete sich plötzlich eine Felsenschlucht vor uns,
+die nach Regengüssen augenscheinlich Wasser enthalten mußte. Diese
+Stelle umgehend stieg ich in das tiefe Felsenbett des nur nach Regen
+fließenden Spruits, eines Zuflusses des Mokara-Rivers, herab und fand
+hier mehrere an beiden Seiten einmündende Schluchten, und da die Wände
+dieser Schluchten theils von senkrechten nackten, theils von
+terrassenförmigen und überhängenden Felsen gebildet wurden, boten sie
+viele interessante und des Besuches werthe Punkte.
+
+Vergebens suchte ich im sandigen und steinigen Bette nach Wasser und
+wollte eben die Tiefe verlassen, als einige von der gegenüber liegenden,
+steilen Felsenwand wie mir schien herabgekollerte Steine mich aufwärts
+blicken hießen. Oben in den Bäumen, sowie an den Felsen bewegte sich
+eine Truppe von Pavianen. Da mir die Thiere mit den herabkollernden
+Steinen über meinem Kopfe nicht gefielen, dachte ich sie mit einem oder
+zwei Schüssen zu verscheuchen. Auf einen der überhängenden Bäume
+zielend, feuerte ich auf den Stamm, in dessen kleiner Krone zwei Paviane
+saßen. Die in den Stamm eindringende Kugel erschütterte den ganzen, nur
+lose in den Felsenfugen hängenden Baum und erfüllte die beiden Insassen
+desselben derart mit Entsetzen, daß der eine hoch aufsprang, der andere
+sich fest an den Stamm anklammerte. Ein altes Männchen erschien nun
+bellend am Fuße des Baumes, ergriff jedoch, nachdem es einige große
+Felsstücke losgebröckelt hatte und ein zweiter Schuß neuerdings den Baum
+traf, mit den übrigen die Flucht.
+
+[Illustration: Von Pavianen überrascht.]
+
+Der Hügel, den ich sodann bestieg, mußte den Makalahari- oder anderen
+hier vor 100 und mehr Jahren wohnenden Eingebornenstämmen zum
+Aufenthalte gedient haben, die Kuppe war nämlich von einer Unzahl
+kleiner, aus Steinen roh (ohne Zierat) ausgeführter 2-3 Fuß hoher, und
+4-8 Meter im Gevierte haltender Umzäunungen bedeckt. Manche der
+Betschuanastämme behaupten, daß diese Stellen von ihren Voreltern
+bewohnt waren, allein es scheint mir unwahrscheinlich, daß die
+Nachkommen diese Gewohnheit ihrer jüngsten Vorfahren so bald aufgegeben
+hätten.
+
+[Illustration: Erschreckte Paviane.]
+
+Wir gewannen nach und nach bis auf 15 englische Meilen Fernsicht und
+sahen, daß sich die Gegend nach Norden zu senkte. Fünf oder sechs Meilen
+vor uns sahen wir ein kleines, auf einer unbedeutenden Bodenerhebung
+erbautes Eingebornendorf; hier durfte ich doch auf Wasser hoffen. Als
+ich jedoch, in der Nähe des Dorfes angelangt, darnach fragte, wies man
+mich nach einer in nordwestlicher Richtung liegenden Vertiefung, die
+theilweise durch den Abhang, an dem ich stand, verdeckt war. Leider sah
+ich mich wieder, trotz eifrigen Suchens bitter enttäuscht und mußte, von
+Durst gefoltert, hier die Nacht zubringen.
+
+Früh Morgens wieder aufbrechend lenkten wir in ein größeres nach Norden
+sich erstreckendes Thal und erblickten ein aus etwa 40 Hütten
+bestehendes Dorf am rechten Ufer eines bis auf einige Lachen
+ausgetrockneten Flüßchens, das nach der Form der Hütten von Koranna's
+und Betschuana's, wahrscheinlich Barolongen, bewohnt sein mußte. Sobald
+die Zugthiere das Wasser witterten, hatten wir alle Mühe sie
+zurückzuhalten; auf das Ufer lossteuernd, erstaunten wir nicht wenig,
+als wir den Weg plötzlich durch ein Dutzend meist in abgetragene,
+zerfetzte europäische Kleidungsstücke gehüllte Koranna's versperrt
+sahen. Laut gesticulirend bedeutete man mir, daß da kein Thier getränkt
+werden dürfe, bevor nicht der Eigenthümer des Wagens für jedes fünf
+Shillinge Tränkegeld bezahlt hätte. Ich wies diese Forderung zurück und
+bot einen vernünftigen Geldbetrag an, der nun wieder von den Farbigen
+abgewiesen wurde; auch Pit, der seine ganze Beredsamkeit aufbot,
+vermochte die Opposition der Koranna nicht zu beschwichtigen.
+
+Die Leute sahen uns und den Thieren den Durst an und so dachten sie uns
+so hoch wie nur möglich zu schrauben; als kein vernünftiger Ausgleich zu
+erzielen war, bedeutete ich den Leuten, die Feigheit der Koranna's wohl
+kennend, daß ich um jeden Preis zum Wasser gelangen müsse. Unsere
+Opponenten dachten, daß ich dies mit den Waffen erzielen wolle und
+fingen jämmerlich zu schreien an, wobei sie ein und dasselbe Wort in der
+Begleitung verschiedener Eigennamen riefen, nach Pit's Erklärung riefen
+sie ihre Freunde zur Hilfe herbei.
+
+Diese kamen auch rasch zum Succurs herbeigelaufen, die Koranna's mit
+Musketen, die Barolongen und Makalahari mit Assagaien bewaffnet; Frauen
+brachten den meisten der uns gegenüberstehenden, deren Zahl im Nu sich
+mehr als verzehnfacht hatte, Gewehre herbei. Wie auf ein Zeichen brach
+nun der ganze wüst durcheinander rennende Haufe in ein Höllenspektakel
+aus. Die Männer (Koranna's) fluchten theils in ihrer Sprache theils
+holländisch, die Barolongen stießen Verwünschungen und Beschwörungen
+aus, am ärgsten aber schimpften die Frauen, während hinter den
+nothdürftigen Umzäunungen der Hütten der Kinder ungezählte Schaar lustig
+darauf losheulte. Daß unsere Hunde nicht ruhig zusehen konnten, sondern
+auf den Haufen losbellten und darin von den Dorfkötern auf das
+Kräftigste secundirt wurden, ist leicht begreiflich. Mir schien das
+Ganze, trotzdem ich den Ernst der Lage begriff, ein Traum. Ich zog in
+diese Länder im Frieden ein, Frieden wollte ich den Farbigen bringen,
+und als Freund von ihnen scheiden. War ich der Schuldige in diesem
+unerwarteten Falle oder meine Gefährten; oder hatte ich es mit einem'
+Auswurfe von Schwarzen zu thun, die durch den Alkoholgenuß so tief
+gesunken waren, daß sie sich seinethalben zu wahnsinnigen Forderungen,
+zu Gewaltthätigkeiten hinreißen ließen.
+
+Meine Begleiter griffen nun, angesichts der drohenden Haltung der
+Eingebornen auch zu den Waffen, was jedoch sofort unsere Gegner
+veranlaßte, ihre Gewehre auf uns anzuschlagen und die Assagaien über dem
+Kopfe zu schwingen. Unkenntniß des Koranna-Charakters hätte sich in
+diesem Augenblicke bitter gerächt--ich kannte aber die Leute zu gut, um
+mich zu voreiligen Schritten hinreißen zu lassen. Meine zwei mir
+folgenden Gefährten einige Schritte vor dem Wagen zurücklassend ritt ich
+mit meinem Rappen auf die Menge los; von den Waffen Gebrauch zu machen,
+fiel mir nicht ein, ich hielt es bei der Feigheit der Koranna's,
+trotzdem, daß der Wagen nur fünf Vertheidiger zählte, für nutzlos und
+hatte sofort erkannt, daß die Koranna's, obwohl in der Minderzahl, doch
+die Anführer waren und den Aufstand inscenirt hatten. Statt auf mich zu
+feuern, ließen die meisten die gehobenen Gewehre sinken, um jedoch nur
+heftiger zu schimpfen. Und ehe ich noch auf Wurfweite angeritten war,
+begannen schon die Vordersten sich nach rückwärts zu concentriren.
+»Kerle lup, det Kerle lup! (die Kerle laufen) schrie mir Pit nach; auch
+ich konnte nun deutlich sehen, daß die hinteren Reihen sich auffallend
+lichteten und setzte nun mein Pferd in Galopp. Die Wirkung dieses
+Manövers auf die Gegner war außerordentlich und rief in mir einen
+förmlichen Lachkrampf hervor. Der dichte Knäuel hatte sich wie auf
+Commando gelöst, die einen liefen nach links, die anderen nach
+rückwärts, um hinter den Umzäunungen ihrer Gehöfte Schutz zu suchen und
+einen den Pferdehufen weniger zugänglichen »Standpunkt« einzunehmen;
+während wieder andere gegen die Vertiefung nach rechts abbogen und in
+diese hinabsprangen, in ihr fortliefen, um erst am unteren Dorfende
+innezuhalten und aus ihr herauszulugen, und hinter den Zäunen ihrer
+Gehöfte gedeckt in ein ohrzerreißendes Geschrei auszubrechen, das mir
+wohl unverständlich, jedenfalls aber die vermeintliche Herzlosigkeit und
+Undankbarkeit der Weißen verdammen sollte. Ohne weiteren Zwischenfall
+wurden die Thiere getränkt und unser Wasservorrath ergänzt.
+
+Wir brachen nun wieder auf. Am letzten Gehöfte gab es wieder viel
+Liebesworte und da wir ohne zu erwidern vorüberzogen, wurden diese
+süßen, freundlichen Reden so laut und heftig, daß die Ochsen sich darob
+scheuten und sich plötzlich nach rechts wandten, in Folge dessen die
+Vorderachse brach. Das war ein schlimmer Zufall und uns allen entfuhr
+ein Schrei des Erstaunens, es war das Aergste, was uns hier, in diesem
+Orte passiren konnte. In diesem Augenblicke schätzte ich mich glücklich,
+ohne Drohungen und ohne wirklichen Zusammenstoß meine Absicht erreicht
+zu haben; im entgegengesetzten Falle wäre es uns jetzt schlecht
+ergangen, denn selbst der Feigste hätte hinter diesem oder jenem Zaune,
+aus dieser oder jener Hütte seine rostige Muskete auf uns abfeuern
+können, und trotzdem die Bewohner keine treffsicheren Schützen waren,
+hätte manche Kugel ihr Ziel erreicht und mir vielleicht die Gelegenheit
+benommen, diese Episode niederzuschreiben. Wenn allein Barolongen oder
+Makalahari Musemanjana bewohnt hätten, würde es nie zu einem
+Mißverständnisse gekommen sein, die Leute hätten mäßige Forderungen und
+in entsprechender Weise gestellt.
+
+Durch mein sicheres Auftreten in der Tränke-Angelegenheit hoffte ich den
+Bewohnern Musemanjana's Respect eingeflößt zu haben, und darauf baute
+ich in diesem Momente, da ich ihnen durch den Achsenbruch vollkommen
+preisgegeben war, meine Hoffnung. Lachend und schreiend, singend, die
+Mädchen und Halberwachsenen der edlen Vertheidiger Musemanjana's sogar
+tanzend, stürzten sich die Eingebornen aus ihren Gehöften, um sich uns
+von allen Seiten zu nähern. Den Gefährten, die am Bock mit den auf den
+Knien gelegten Waffen saßen, bedeutete ich, sofort die letzteren in den
+Wagen zu legen und mit in das Gelächter einzustimmen.
+
+Das machte die meisten der Schwarzen stutzen. Ich benützte diesen
+Augenblick um einen baarfüßigen, mit einer langen Kranichfeder an Hute
+geschmückten Koranna, den ich für den Häuptling des Dorfes hielt mit
+lachender Miene anzusprechen und ihm zu bedeuten, daß wir nun trotz des
+Widerstrebens der Bewohner von Musemanjana noch öfters die Thiere zur
+Tränke führen müßten. Der Angesprochene war blos der Stellvertreter des
+Chefs oder Captain, wie sie ihn zu nennen geruhten, zeigte sich
+vernünftig und forderte für die Benützung der Tränke einen Shilling, den
+ich auch gern erlegte.
+
+Nun kamen die Eingebornen bis an den Wagen und jeder gab seine Meinung
+kund, die Frauen blieben noch am längsten feindlich gesinnt. »Ja, es ist
+Euch recht geschehen, Weiße müssen nicht die Herren spielen, Schwarze
+sind die Herren von Musemanjana, und nicht Ihr, sondern Hendrick, der
+Koranna, der nach Bloemhof gefahren ist, um fette Ochsen zu verkaufen
+und Kleider und Branntwein dafür zu erstehen, ist unser Captain!« Die
+Männer wollten an der Achse die Bruchstelle untersuchen etc. etc., was
+ich jedoch ablehnte, da ich fürchten mußte, unversehens bestohlen zu
+werden.
+
+Ich dankte für ihre Hilfe und fragte wo es hartes Mimosenholz gäbe, um
+eine neue Achse zu zimmern. »Wach, Sir,« meinte der Vicechef, »mut det
+ni dun, nicht weit von hier in einer Barolongenstadt mit Namen Marokana
+lebt ein alter Mann, der bei einem Schmiede in der Transvaal-Colonie
+gearbeitet, zu dem mußt Du senden.« Ein Barolonge erbot sich auch sofort
+für ein Sixpencestück nach Marokana zu reiten, um den Schmied zu holen.
+
+Da wo sich das Hottentotten-Element mit dem der Bantu vermischt (ich
+spreche von den letzten Decennien), namentlich seitdem die Spirituosen
+in's Land Eingang gefunden hatten und wo der Häuptling der Batlapinen,
+Barolongen oder wie sie alle hießen, nicht ein einsichtsvoller Mann
+gewesen, wurden die letzteren Stämme von den alle Laster, doch nicht die
+Tugenden des weißen Mannes sich aneignenden Koranna's, Griqua's etc.
+verleitet, in Folge dessen griffen Trunkenheit, Faulheit, Arbeitsscheu,
+Diebstahl, ja sogar Mord unter ihnen immer mehr um sich. Um so
+folgenwichtiger und wie wir hoffen wollen wohlthätiger halten wir die
+von der Regierung in Griqualand-West in der letzten Zeit namentlich in
+Bezug auf die Koranna's getroffenen Maßregeln.
+
+Mit dem Vice-Captain schloß ich einen Vertrag, demzufolge ich gegen
+Entrichtung eines Shillings per Tag meinen Wasserbedarf decken konnte,
+ja seine Leutseligkeit ging so weit, daß er mir andere, klares Wasser
+enthaltende Lachen angab, die selbst von den Eingebornen nicht benutzt
+wurden.
+
+Am Nachmittage kam der alte Schmied, ein Griqua mit seinem Sohne, um den
+Schaden zu besichtigen. Als ein alter Bekannter der Koranna's im Dorfe,
+schüttelte er zuerst allen die Hände, wobei die Männer mit Bru'rs
+(Bruder) und Ohm, die Frauen mit Tante und die Jungen mit Kinders
+titulirt wurden. Der Künstler erklärte die Achse aus einem zwischen
+Marokana und Musemanjana stehenden Kameeldornbaume (Acacia giraffe)
+zimmern zu wollen, doch müsse er dies alles in Marokana thun und deshalb
+müßten wir die Räder und die gebrochene Achse mit der Deichsel nach
+Marokana befördern lassen. Als Lohn für seine Arbeit forderte er zwei
+Flaschen Branntwein und 2 £ St. und wollte unter keiner Bedingung von
+dieser Forderung abgehen und betonte besonders die Ueberlassung des
+Branntweins, dessen er zur Stärkung bedürfe.
+
+Unterdessen hatte F., der sich mancher »Eroberung« unter den schwarzen
+Schönen rühmte, die Gelegenheit benützt, um die allgemeine
+Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wohl um die an uns begangene Unbill
+zu rächen, griff er zu einem probaten Mittel, sich die Herzen der
+zahlreich versammelten Koranna-, Barolong- und Makalahari-Schönheiten im
+Fluge zu erobern und zog eine Concertina (sechseckige Handharmonika)
+hervor, um ihr die herzzerreißenden, dem Gehör der Musemanjana-Beauties
+jedoch sichtlich einschmeichelndsten Töne zu entlocken. Doch nicht
+Frauen allein, nicht blos das arme schwache Geschlecht, sondern auch die
+wackeren Herzen in der Heldenbrust der gelblich- und schwarzbraunen
+Krieger von Musemanjana waren von der Macht dieser Töne ergriffen und
+Stille--wie vielleicht noch nie--heilige, friedliche Stille herrschte
+weithin. Und der Mitleidslose, sehr geschmeichelt und von uns
+applaudirt, hätte bis zum Sonnenniedergange musicirt, wenn nicht die
+Hunde des Dorfes gegen diese himmlischen Laute einmüthig protestirt und
+den häuslichen Frieden der Familien Musemanjana's gerettet hätten.
+
+Vielleicht des Effektes wegen, den die Musik auf die Schönen des Ortes
+ausübte, vielleicht jedoch auch aus anderen unbegreiflichen Gründen
+machte einer der Koranna's unserem Künstler den schmeichelhaften Antrag,
+ihm das Musikinstrument für einen Ziegenbock zu verkaufen. Wir alle
+dachten, daß F. ob einer solchen Zumuthung, seine Concertina zu
+verkaufen, in gerechter Entrüstung auflodern werde; doch wer beschreibt
+unser Erstaunen, als F. bereitwilligst auf den Antrag einging.
+
+Am folgenden Morgen, den 17., wurde Pit mit den Rädern und der Achse
+nach Marokana gesandt und machte uns nicht wenig Sorgen, da er erst am
+Nachmittag heimkehrte.
+
+Musemanjana ist die nördlichste Besitzung des Korannakönigs von Mamusa,
+nach Norden und Osten grenzen die wildreichen Ebenen (von mir »Quagga
+flats« benannt) an, welche Montsua angehören, in denen Batlapinen,
+Barolongen, Koranna's und holländische Farmer aus der westlichen
+Transvaal-Republik oder jene, die sich mit der Erlaubniß der Fürsten der
+genannten Stämme in deren Gebiet niedergelassen haben, friedlich neben
+einander jagen. Nach Westen liegt das kleine Gebiet des
+Marokana-Häuptlings, der Montsua, den König der Barolongen als Oberhaupt
+der nördlichen und westlichen Barolongen anerkennt, allein ihm keinen
+Tribut abliefert.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 15.
+
+Die Gebirgsformation der Umgegend bestand meist aus bläulich-grauem
+Kalkschiefer in Blöcken und Platten, Quarzitfelsen im Gerölle,
+zahlreichen Quarzstücken und »Vaalgestein« (Grünstein mit mandelartigen
+Chalcedon-Einschlüssen).
+
+Am Abend besuchte mich der Schmied, um mir mitzuteilen, daß die Achse an
+der Bruchstelle schon früher geborsten war, doch in Wirklichkeit nur, um
+eine Flasche Branntwein als Abschlagszahlung zu fordern. Da ich
+befürchtete, daß der Genuß desselben den alten Mann arbeitsunfähig
+machen würde, verweigerte ich ihm denselben, worüber er sehr mürrisch
+wurde und den Rückweg antrat, nicht ohne in laute Klagen auszubrechen,
+daß ihm »_det Medicin_« verweigert wurde.
+
+Am folgenden Tag meldeten sich zwei Eingeborne, um in meine Dienste zu
+treten. Ich nahm sie gegen 8 Shillinge Wochenlohn auf (Pit bekam 10
+Shillinge), mußte mich jedoch ihrer Hauptbedingung, ihnen allabendlich
+einen Schluck Branntwein zukommen zu lassen, fügen. Der eine war ein
+Griqua, der Sohn des Schmieds, der uns bediente, klein, untersetzt mit
+sehr einfältigem Blick, der zweite eine Hopfenstange, ein Bastard und
+mit dem Häuptling Hendrik verwandt. So dumm als der erste, so
+verschmitzt sah der zweite aus. Der Schmied erschien zeitlich und wich
+nicht eher vom Platze als bis er seinen Branntwein erhalten hatte. Die
+Folgen meiner Nachgiebigkeit waren bald bemerkbar, denn er lag bald
+betrunken in des Häuptlings Hause, während der Vice-Häuptling, die Frau
+des Herrn von Musemanjana und ihre Dienerinnen, die alle vom Feuerwasser
+etwas erhascht hatten, wie besessen sangen und tanzten.
+
+[Illustration: Musemanjana.]
+
+[Illustration: Empfang in Musemanjana.]
+
+Am Abend kehrte auch Hendrik, der Häuptling des Dorfes zurück.
+Allgemeiner Jubel aller seiner Ohm's und Tanten, denn ihre Hoffnungen
+waren erfüllt. Hendrik brachte eine riesige, wenigstens 10 Liter
+fassende Flasche Feuerwasser mit. Bevor er jedoch seine jubelnde
+Umgebung damit bewirthete, kam seine Frau herangetrippelt, ihren langen
+Ehegespons am Arme führend und präsentirte ihn uns mit den Worten. »Das
+ist der Herr dieses Ortes! Das ist der Herr der vielen Schafe, die Ihr
+täglich blöken hört, und ist auch mein Mann!« Hendrik, eine schwankende
+Hopfenstange, grinste verschämt, streckte mir seine Hand entgegen und
+hieß mich willkommen.
+
+Mit Hendrik war der Häuptling eines anderen an der Mokara gelegenen
+Kraal's, angekommen. Er fiel mir auf, weil er sich an dem nun folgenden
+Saufgelage nicht betheiligte. Trotz des Unfalls murrte ich nicht mehr
+über den Aufenthalt, der mir in Musemanjana begegnete, da ich
+Gelegenheit fand, einen tiefen Einblick in das Leben und Wesen der
+Koranna, Barolongen und Makalahari zu gewinnen und bedauerte nur, daß
+ich nicht genug Geld mit mir führte, da mir der mit Hendrik angekommene
+Korannahäuptling einen vernünftigen Antrag machte. Er besah meine
+Zugthiere und hielt fünf von acht für reiseuntauglich. Er wollte mir für
+dieselben gute Zugochsen, die ich mir selbst aussuchen konnte, gegen
+eine Aufzahlung von 2 £ St. per Stück überlassen.
+
+An diesem Tage hatte ich auch Gelegenheit, das Anfertigen irdener Töpfe
+von Seite der Barolongenfrauen zu beobachten. Auf einer hölzernen runden
+Schüssel wurde die aus Thon und Humus zubereitete Masse mit den Händen
+in die natürliche ausgebauchte Topfform geknetet, stehen gelassen, um
+nach einigen Tagen im Feuer eingebrannt zu werden. Diese Gefäße, von
+7-12 Zoll Höhe und gleicher, oder noch um 2-3 Zoll größerer Breite, mit
+einer Oeffnungsweite von 5-7 Zoll und einer Wandstärke von ¼-½ Zoll
+wurden beinahe ausschließlich als Wassergefäße benützt.
+
+
+
+
+IX.
+
+Von Musemanjana nach Moschaneng.
+
+Aufbruch nach Moschaneng.--Quaggaflats.--Hyänenjagd bei
+Mondschein.--Makalahari-Reiter--Konana.--Barolongenstolz.--Acht
+Löwen.--Eine Begegnung mit Löwen am Setlagole.--Thierleben auf der
+Hochebene.--Gnujagd bei Nacht.--Boly verirrt sich.--Zebrajagd.
+--Skeletthügel.--Eine abenteuerliche Gansjagd.--Südafrikanischer
+Frühling.--An Ufer des Molapo.--Molema's Town.--Rev. Webb und die Mission
+daselbst.--Chef Meloma.--Kranken-Ordination.--Siedlersperlinge.
+--Huß-Höhe.--Ankunft in Moschaneng.--Hohe Gäste.
+
+
+Abends fand sich der Schmied mit seinem Meisterstücke ein, das kaum zur
+Noth brauchbar war. Als man im Dorfe unsere Vorbereitungen wahrnahm,
+kamen die Leute herbeigeströmt und ein Jeder begehrte ein Geschenk; nur
+die, welche uns behilflich waren, bekamen etwas Tabak und je ein
+färbiges Tuch. Als wir schon eingespannt hatten, kam noch der Chef mit
+einem Ansuchen. »Mein Kind (der ihm verwandte Schwarze) geht mit Euch,
+er war einer meiner Diener, deshalb verliere ich einen Arbeiter, ich
+kann ihn nicht ziehen lassen, bevor Ihr mir nicht 8 Shilling bezahlt,
+d.h. so viel, als Ihr ihm wöchentlich Lohn gebt!« Um nur loszukommen und
+die ausgeglichenen Differenzen nicht vielleicht im letzten Augenblicke
+durch andere erneuert zu sehen, gab ich dieser Erpressung nach und wir
+zogen ab.
+
+Unter der Führung des oben erwähnten Dieners setzten wir unsere Reise
+fort und machten erst in später Nachtstunde Halt. Beim Anzünden des
+Lagerfeuers hatten wir viel Mühe, um einen Grasbrand zu verhüten, da
+sich der Wind zu einem wahren Orkan gesteigert hatte. Dagegen war der
+folgende Morgen (21. November) schön und warm, wir begegneten einigen
+Makalahari- und Barolongfrauen, welche junge, kaum aus den Puppen
+gekrochene Heuschrecken emsig sammelten. Nach einer 3½ stündigen Tour
+erreichten wir eine seichte Vertiefung, in welcher wir in einigen
+Löchern schönes klares Trinkwasser fanden. Unsere Weiterfahrt führte uns
+in einer nordöstlichen Richtung über unabsehbare, sehr spärlich
+bebuschte Ebenen. Das trockene Gras verbreitete einen angenehmen
+Heugeruch, frisches Gras sproßte allenthalben unterhalb der trockenen
+Stengel. Der Boden war nach allen Richtungen von den Eingängen zu den
+unterirdischen Bauten der Springhasen, Stachelschweine und Erdferkeln
+durchfurcht. Doch mangelte es auch nicht an solchen der Schakale,
+während die Hyänen die von den Erdferkeln verlassenen Löcher bezogen
+hatten. In diesen von Weißen unbewohnten Gegenden werden die Schakale,
+die Kaamafüchse und die Proteleswölfe ihres Balges halber, der zu
+Carossen verarbeitet wird, von den Eingebornen häufig gejagt. In den
+wildreichen, von Weißen bewohnten Localitäten sind es wieder die Hyänen,
+die meist mit Strychnin ausgerottet werden.
+
+[Illustration: Barolongmädchen Heuschrecken sammelnd.]
+
+Nachdem wir 14 englische Meilen zurückgelegt, kamen wir in ein zweites,
+doch breiteres Thal, das wieder zahlreiche Wasserlöcher aufwies. Man
+hatte hier das Gras im September niedergebrannt, das frische stand schon
+12 Zoll hoch. In diesem Thale trafen wir auch die äußerste von Chef
+Hendriks Ansiedlungen, d.h. Viehposten, und an dieser allein zählten wir
+über 100 Rinder. Um uns nach allen Seiten hin erstreckte sich die Ebene
+bis an den Horizont.
+
+Wir betraten die Quaggaflats und damit Montsua's Gebiet. Der nächste Tag
+war schön und warm, auch hatte sich der Wind gelegt, dagegen hatten wir
+auf dem die ganze Strecke entlang morastigen Boden mit zahllosen
+Schwierigkeiten im Fortkommen zu kämpfen. Wir begegneten aus Marokana
+kommenden und auf die Jagd ausgehenden Barolongen und knüpften mit ihnen
+Verhandlungen über den Austausch einiger Zugthiere an, die indeß
+resultatslos waren, da die Barolongen in einem Athem ihre Forderungen
+hinaufschraubten und Schließlich 8 £ St. für je ein Thier begehrten.
+
+Am folgenden Tage, den 23., verließ ich, von F. und einem unserer
+Schwarzen (Boy) begleitet, den Wagen, um zu jagen. Ich beobachtete auf
+diesem Jagdausfluge, daß die Springbockgazelle ihre Kälbchen den Tag
+hindurch sich selbst überläßt, oft sich auf weite Strecken entfernt und
+erst gegen Abend zu den Kleinen zurückkehrt und dann bis gegen
+Sonnenaufgang bei ihnen verbleibt. Geht man ruhig durch das zwei Fuß
+hohe Gras jener Ebenen, so kann man sich den im Grase verborgenen
+Thieren bis auf 20-25 Schritte nähern, ohne im Geringsten ihre Gegenwart
+zu bemerken. Die schönen Thierchen bleiben, ohne sich gleich den
+Orbekigazellen, um dem Beobachter zu entgehen, flach ausgestreckt auf
+den Boden zu legen, selbst im kurzen Grase völlig unbemerkt.
+
+Nachmittags kamen wir auf einen nach Norden führenden Weg, der sich
+später als die Verbindungsstraße zwischen Mamusa und Konana
+herausstellte und dem wir auch folgten. Dieser Weg bestand in einem
+vielleicht vor drei Monaten zuletzt befahrenen Geleise und schien auch
+häufig als Fußpfad von den Eingebornen benutzt zu sein. Wir waren an den
+Rand einer von Osten nach Westen unabsehbaren, nach Norden zu in ihrer
+Mitte von Höhenkuppen begrenzten und nach dieser Richtung in der
+Entfernung einiger Meilen von isolirten Gehölzen unterbrochenen Ebene
+gelangt. Abend und Nacht waren ungewöhnlich schön, der bleiche Mond mit
+einem Nebelkreis um seine runde Scheibe lächelte so freundlich und die
+flimmernden Sternlein blickten so hell zur Erde, daß ich trotz der
+Müdigkeit stundenlang die Pracht dieser Nacht bewunderte. Meine
+Gefährten hatten einer nach dem Andern sich in Morpheus Arme geworfen.
+Nur die Hunde blieben bei mir, ich konnte mich von der dunklen, mit
+einem grauen Schimmer--dem Abglanz von Luna's Strahlen--übergossenen
+unabsehbaren Fläche und dem leuchtenden Gestirn über mir nicht trennen.
+
+Eine plötzliche Bewegung Niger's riß mich aus meinen Gedanken. Von
+»Onkel«, einem zweiten Hunde gefolgt, sprang Niger einige Schritte
+vorwärts und fing an zu knurren. Ich sollte über die Ursache dessen
+nicht lange im Zweifel bleiben. In die Stille der Nacht tönte von der
+etwas niedriger liegenden Ebene vor mir ein langgezogenes, äußerst
+unangenehmes, klagendes Geheul. Der häßliche Laut, dieses tiefe,
+entfernte Stöhnen einer gefleckten Hyäne fiel wie ein Mißton in die
+Idylle der schönen Nacht um mich. Eben im Begriffe, es meinen Gefährten
+gleichzuthun, die alle bereits im Reiche der Träume lebten, wurde ich
+durch die gesteigerte Unruhe der Hunde auf die Annäherung der Raubthiere
+aufmerksam und faßte den Entschluß, auf diese lästigen Ruhestörer Jagd
+zu machen. Ich kroch zu Pit und Boy, rüttelte sie auf und hieß sie die
+Hunde halten, holte dann Gewehr und Munition aus dem Wagen, weckte F.
+auf und ohne mich mehr nach ihm umzusehen, hielt ich nach der Richtung
+zu, von der mir das Geheul zu kommen schien. Die Hunde am Wagen gaben
+aber den Dienern tüchtig zu schaffen, da die afrikanischen Hunde die
+Hyäne stets als ihren Erzfeind betrachten und sie anzugreifen suchen.
+Theils gebeugt, theils auf Händen und Füßen vorwärts schleichend, hatte
+ich etwa 100 Schritte zurückgelegt, als mir ein dumpfes Knurren auffiel.
+Ich hielt an, legte mich flach hinter einen der niedrigen Termitenhügel
+und nachdem ich mich umgesehen, ob alles auch hinter mir in Ordnung sei,
+legte ich den Hinterlader zum Schusse bereit neben mir nieder. Das
+Knurren kam näher, doch schien es mir mehr wie ein Scharren denn ein
+Knurren--vielleicht ein Stachelschwein oder Erdferkel? »Hu--hu,« tönt es
+plötzlich vor mir, und das »Hu--hu« wiederholt sich, noch ein zweites
+und tieferes, dann ein Scharren und Knurren, alles klar und deutlich
+hörbar und doch vermag ich nichts zu sehen.
+
+[Illustration: Hyänenjagd.]
+
+Vergebens beuge ich mich mit dem halben Körper über den Hügel, ich sehe
+nichts als Termitenhügel--es wird stille. Das Knurren und Scharren hört
+auf und ich mußte annehmen, daß ich durch meine Unvorsichtigkeit die
+Raubthiere verscheucht hatte--ich hocke mich wieder hinter den Erdhügel
+nieder und verhalte mich still, um selbst die leiseste Annäherung der
+Thiere wahrnehmen zu können. Doch ich harre vergebens, einige Termiten
+machen mir das Liegen recht unbequem, ja unmöglich. Plötzlich erschallt,
+kaum einige Dutzend Schritte vor mir das Doppelgeheul und das grunzende
+Stöhnen abscheulicher wie je--doch trotz Mondscheins und der äußersten
+Anstrengung meiner Sehkraft kann ich nichts erspähen, nichts als
+Termitenhaufen starren mich an. In diesem spannungsvollen Momente
+vernahm ich ein Rauschen, ein Knurren und Fauchen hinter mir, mich
+umwendend, will ich schon losdrücken, ich sehe eben einen dunklen
+Gegenstand an mir vorübergleiten, als glücklicher Weise ein bekanntes
+Gebell mich rechtzeitig an den Irrthum mahnt, den ich mit dem
+Niederstrecken eines meiner Hunde begangen hätte. Bei dem letzten Geheul
+der Hyäne hatte sich Niger losgerissen und Boy, fürchtend, daß die Hyäne
+den Hund erwürgen könnte, hatte sofort auch dem starken Onkel die
+Freiheit gegeben, der nun in Sätzen nach Niger gesprungen kam. Sie
+jagten die Ebene weit nach abwärts, doch die Hyänen waren rechtzeitig
+geflüchtet und verdrießlich mußte ich den Rückzug antreten.
+
+[Illustration: Von acht Löwen überrascht.]
+
+Unter den südafrikanischen Raubthieren ist die gefleckte Hyäne in Bezug
+auf Lebenskraft das zäheste Thier, sowohl dem Hunger, als auch den
+schlimmsten Verwundungen setzt ihr Organismus zähen Widerstand entgegen.
+In einem Falle war einer Hyäne am Schascha-River (Matabele-Land) durch
+einen Streifschuß der Unterleib aufgeschlitzt worden, so daß die
+Eingeweide heraushingen, trotzdem lief sie noch lange, mindestens die
+doppelte Zeit als es ein anderes Säugethier ausgehalten hätte, um
+dieselbe Einfriedigung, aus welcher der Schuß gefallen war. Die in
+Gangrän übergegangene Wunde eines durch eine Löwin verwundeten
+Bamanquato hatte sie angezogen. Ich werde noch mehrmals Gelegenheit
+haben, auf diese Raubthiere zurückzukommen.
+
+Nächsten Morgens fanden wir uns am Rande eines die eben durchschrittene
+Ebene nach Norden begrenzenden Gehölzes. Wir fanden hier einige elende
+Hütten aus in die Erde eingetriebenen und mit Gras überworfenen Aesten
+errichtet, welche von Jochoms, einem Zweigstamme der Makalahari, bewohnt
+wurden. Diese Eingebogen waren Vasallen eines eine Stunde weit ab in
+einem anderen Gehölze wohnenden Barolongen, mit Namen Mokalana, beide
+Gehöftgruppen führten auch den Namen des Besitzers. Es wiederholt sich
+unter den Betschuana's häufig, daß neue Städte und Dörfer, nach dem
+Erbauer oder Besitzer benannt werden, eine Gepflogenheit, die oft zu
+Irrungen Anlaß gibt, indem ein Ort zuweilen zwei bis drei Namen, seinen
+herkömmlichen, den nach dem letzten und den nach dem gegenwärtigen
+Häuptling führt, oder daß der Häuptling seinen Wohnsitz ändert und
+einige Meilen weit ab eine zweite gleichnamige Stadt erbaut. Die Jochoms
+hatten eine Heerde Kühe und Schafe zu hüten und zugleich für ihren Herrn
+und Gebieter zu jagen. Zu letzterem Zwecke hatten sie einige Pferde zu
+Gebote und schienen sich weit besser im Sattel zu fühlen als je ein
+Betschuana.
+
+Für das Geschenk eines Taschenmessers bewog ich einen der Eingebornen zu
+dem »Baß« zu reiten und ihn zu ersuchen, mir gegen Geldentschädigung und
+Munition einige junge Ochsen gegen unsere matteren auszutauschen.
+Während unseres Imbisses sahen wir einen Makalahari hoch zu Rosse von
+der Jagd heimkehren. Der nur in glatt gargearbeitete Lederstücke
+gehüllte und mit Assagaien, die mit ihrem unteren Schaftende in eine
+Ledertasche am Steigbügel eingelassen waren, bewaffnete rothbraune Sohn
+der südafrikanischen Hochebene sah ganz stattlich aus, er ritt eine
+starke Fuchsstute und hatte vorne über seinen primitiven Sattel und den
+Nacken des Pferdes einen Bläßbock liegen. Dem von Jugend auf an die
+Ebene, ihr hohes meist in Büscheln wachsendes Gras, ihre zahllosen,
+kleinen und größeren Löcher gewöhnten Pferde die Zügel lassend, jagt der
+Reiter der flüchtigen Heerde nach (Springböcke sind zu rasch für ihn, um
+sie vollkommen einzuholen), bis er sie nach einem halbstündigen Ritte
+eingeholt, dann ist der Assagaie auch schon wurfbereit und bohrt sich in
+das Thier, an dem er vorübersaust; der Jäger begnügt sich mit diesem
+einen und verfolgt fast nie ein zweites, sondern wendet das Pferd und
+wirft seinen zweiten Wurfspeer, der dem flüchtigen Thiere meist den
+Garaus macht. Je weniger Wunden, desto gnädiger wird das Fell von dem
+Baß entgegen genommen.
+
+Da der ausgesandte Bote nicht kam, ließ ich einspannen. Kaum hatten sich
+jedoch meine Diener an diese Arbeit gemacht, als einer der Makalahari
+den von der Ferne ankommenden Genossen entdeckte. Die Antwort lautete
+dahin, daß der Baß nur ein Gespann (Zug) Ochsen hätte, die er selbst
+benöthige, daß er uns aber ein Schaf für einen Becher Schießpulver
+(etwas über ein Pfund) geben wolle. Ich nahm dieses Anerbieten an und
+erhielt einen feisten »Fettschwanz« für die geforderte Quantität
+Schießpulver, dem ich einige Kleinigkeiten (Feuerdosen, Kettchen, Nadeln
+etc.) als Geschenk beifügte, das zu entgegnen die Makalahari sich
+beeilten und mir einige Protelesfelle und einige Bläßbock- und
+Hartebeesthörner überbrachten.
+
+Der Morgen des folgenden Tages brachte mir eine sehr unangenehme
+Ueberraschung, eines der Zugthiere war verendet, es blieb mir nun nichts
+übrig, als die schwere Last des Wagens den übrigen drei Zugthierpaaren
+aufzubürden. In das Thal, das wir nun verfolgten, mündeten einige
+Querthäler, deren Sohle bebaute Felder bedeckten; nach einigen Meilen
+gelangten wir in ein von Süden nach Norden sich erstreckendes Thal, das
+uns von einigen vorübergehenden Koranna's als das des Konana-Rivers,
+welcher sich durch ein Höhenland nach dem Maretsane zuwendet, bezeichnet
+wurde. Dieses Höhenland wird von Koranna's und Barolongen sowie deren
+Vasallen bewohnt und steht unter der Gerechtsame des Häuptlings Schebor,
+der selbst wieder Montsua's Unterthan ist.
+
+[Illustration: Jochom-Makalahari einen Bläßbock jagend.]
+
+Nach einer einige englische Meilen langen Fahrt kamen wir zu dem sich in
+einem Höhensattel und am Abhange mit Bäumen bestandener Höhen
+ausbreitenden, an 1000 Einwohner zählenden Konana. Auf einer freien, von
+der Stadt nach Osten und nach dem tiefen, engen Thale des Konana-Rivers
+abfallenden Lehne sich ausbreitenden Rasenstelle hielt ich an, um mit
+meinem Wagen besser die Aufmerksamkeit der Bewohner auf uns zu lenken,
+denn ich hoffte hier einige frische Zugthiere eintauschen zu können. Es
+währte auch nicht lange und wir waren von zahlreichen Besuchern
+belagert, unter welchen die Koranna's das Hauptcontingent stellten. Ich
+hatte vor dem Wagen einige der auszutauschenden, ursprünglich für den
+Kauf von ethnographischen Gegenständen bestimmten Waaren ausgebreitet.
+Es waren ein guter Plüsch-Anzug, ein Paar Schuhe, zwei bunte Wollhemden,
+ein Hut, ein halbes Dutzend Taschentücher und eine halbe Rolle Tabak.
+Der Häuptling des Dorfes kam selbst, um die Waaren zu besehen, und trank
+eine Tasse Kaffee mit uns, doch die Leute zeigten keine Neigung, auf
+meinen beabsichtigten Tausch einzugehen. Von einem der Barolongen kaufte
+ich für ein Kalikohemd eine Holzschüssel, von einem Anderen für einen
+Becher Schießpulver zwei Kiri's und zwei Schakalfelle, von einer Frau
+zwei aus Glasperlen gearbeitete Schmucksachen. Von einigen der Besucher
+erfuhren wir, daß die umliegenden Höhen, wie auch jene am Setlagole- und
+Maretsane-Flüßchen zahlreiche Löwen beherbergen. Die Löwen waren hier so
+dreist und dies namentlich (was ich bestätigt fand), weil sie oft den
+Knall des Gewehres zu hören bekamen und an des Menschen Anblick gewöhnt
+waren. Obgleich die Umgegend von Wild wimmelte, bekundeten die Könige
+des Waldes trotzdem eine besondere Vorliebe für die Heerden des
+Menschen.
+
+Einer der Barolongen brachte mir das Fell eines nicht vollkommen
+ausgewachsenen Löwen, für das er 3 £ St. in Gold begehrte. Ich bot einen
+alten Rock dafür, doch er bestand auf dem geforderten Preis, da er schon
+früher ein anderes Löwenfell in Klipdrift für 3 £ St. verkauft hatte.
+Ich rieth ihm an, es auf den Rücken zu nehmen und damit nach Klipdrift
+zu wandern, eine Zumuthung, die den Barolongen in Aufregung versetzte.
+Um mich vielleicht nachgiebiger zu stimmen, begann sein Freund mir in
+wahrhaft mustergiltigem Holländisch zu erzählen, auf welche Art der
+schmollende Gefährte zu diesem Löwenfelle gekommen sei.[1]
+
+ 1: Ich lasse hier absichtlich den vollen Wortlaut dieser Erzählung
+ folgen, um die Umständlichkeit der Eingebornen bei solchen Anlässen
+ zu charakterisiren.
+
+»Der Mann,« meinte unser Vis-à-vis und zeigte auf den grollenden Helden,
+»hatte blos eine Kuh, die Kuh war sein, auch hat er zwei Frauen und ein
+gutes Stück Feld. Ein Hirt, der noch andere Rinder aus dem Dorfe zu
+beaufsichtigen hatte, hütete auch die Kuh. Dieser Junge kommt nun eines
+Tages gelaufen und klagt unter Heulen, daß ein Löwe die Kuh erwürgt
+hätte. Mein Gefährte lud schweigend sein Gewehr und folgte dem Jungen,
+der das Pulverhorn tragen mußte. An einer Stelle, von welcher man den
+Löwen und sein Opfer erblicken konnte, kroch mein Freund auf einen Baum,
+um Rundschau zu halten. Ja, dort sah er die Kuh liegen, aber keinen
+Löwen dabei. Mein »Bruder« näherte sich deshalb und kroch mit dem Jungen
+auf einen nahen Baum, von welchem herab er den Räuber wie eine Meerkatje
+(Scharrthier) todtschießen wollte. Mein armer »Bruder« hatte bis zum
+nächsten Morgen auf dem Baume zu sitzen, er wollte gegen den Abend
+heruntersteigen, da es ihm auf dem Dornbaume--er saß da drinnen (der
+Erzähler ahmte mit ausgespreizten Fingern eine Gabel nach)--nicht gefiel
+und sein Körper »hart« (steif) wurde, doch dachte er wieder auf die
+Abends aus den Gebüschen ausbrechenden Löwen und so blieb er mit dem
+Jungen, der, weil ihm die Füße von dem Stehen auf einem dünnen Aste
+schmerzhaft geworden waren, fürchterlich heulte. In der Nacht kamen sie,
+»_nicht einer_« (der Erzähler warf sich in die Brust), sondern viele (er
+begann von dem kleinen Finger der linken Hand nach rechts zu zählen),
+acht Löwen, he Makoa (Weißer)--acht Löwen!« Dabei sah er sich nach
+meinen Gefährten und den Dienern um, ob es wohl auch alle gehört hätten
+und wiederholte »acht Löwen«, wobei er sich etwas bückte, den Körper
+vorstreckte und beide Hände vor sich haltend mit acht Fingern die Zahl
+noch deutlicher zu verdolmetschen suchte, während sein Freund finster
+dareinblickend, noch immer ob der vorerwähnten Zumuthung beleidigt,
+unaufhörlich etwas in sich hineinmurmelte, wovon nur die Worte dree
+pund--dree pund (drei Pfund) hörbar waren.
+
+Nachdem sich der Erzähler vergewissert hatte, daß wir alle die acht
+Löwen begriffen hatten, setzte er seinen Bericht fort. »Mein Bruder am
+Baume und das Kind bei ihm wollten keinen Löwen vor Tagesanbruch
+todtschießen; erst dann schoß der Mann auf einen, dessen Haut hier liegt
+und der zu dem Baume gekommen war, um sich mit dem Schädel daran zu
+reiben. Mein Bruder hielt sich mit den Füßen auf dem Baume und nachdem
+er dem Jungen zugeschrieen, sich mit Hand und Fuß festzuhalten, um nicht
+durch den Schrecken, den in ihm der Schuß hervorrufen könnte, herunter
+zu fallen, legte er an. »Tla-bumm« (hier folgte ein tüchtiger Schnalzer
+mit den Fingern, der den Schuß versinnlichen sollte) und (der Erzähler
+ahmte nun das Fallen nach) det Leu wat dod, morsh dod (der Löwe war
+todt, mausetodt). Die Andern aber grollten und brüllten und wiesen
+meinem Bruder und dem Kinde die Zähne so grimmig, daß dieses wieder zu
+heulen begann. Allein als die Sonne warm wurde und sie die Kuh abgenagt
+hatten, liefen sie davon. Mein Freund aber sprang herab, ließ den Jungen
+als Schildwache auf dem Baume und zog die Haut des geschossenen Löwen
+ab, die er dann heimbrachte und für die er 3 £ St. bekommen mut (muß),
+weil die Löwen seine einzige Kuh erwürgt haben, er konnte nicht einmal
+ihr Fell brauchen. Zudem bekam mein Bruder 3 £ St. für das Fell eines
+Löwen, welcher _keine_ Kuh getödtet hatte.«
+
+[Illustration: Erzählender Barolonge.]
+
+[Illustration: Der Betschuana findet seinen zerfleischten Bruder.]
+
+»Und warum hat denn Dein »Bruder« nicht alle die Löwen erschossen?«--Der
+Berichterstatter wandte sich nach den nach immer grollend dastehenden
+Gefährten und dieser, der sich durch die Frage beleidigt hielt,
+antwortete in der Setschuana mit vor Zorn entstellten Zügen. »Sagte
+nicht das Kind als es zu mir kam. »Ra« (Vater, Herr), ein Löwe hat Deine
+Kuh erwürgt? Und so nahm ich _eine_ Kugel mit.« Darauf ergriff er seine
+Löwenhaut und trug sie von dannen.
+
+Auch Schebor, der später hinzutretende Häuptling, betätigte, daß die
+Löwen in den Büschen und auf den Höhen an den drei Flüssen Konana,
+Setlagole und Maretsane »schlimm« (böse) seien und ihm schon so Manchen
+seines Volkes, so manches seiner Rinder getödtet hätten. Er ermahnte
+uns, namentlich während der Auffahrt auf die gegenüberliegenden
+bebuschten Höhen vorsichtig zu sein, da diese ein besonders beliebter
+Aufenthalt der Löwen seien. Er berichtete mir folgenden traurigen Fall,
+der sich an diesen Flüssen zugetragen und der mir auch später in
+Linokana (Stadt der Baharutse) wiedererzählt wurde.
+
+Eine Schaar Eingeborner aus der Nähe von Maraba (Maraba's Stadt)
+passirte auf ihrem Wege nach den Diamantenfeldern jene Gegend. Diese
+Menschen, die oft ihre Heimat (z.B. das Makalakaland, von den
+Diamantenfeldern über 800 englische Meilen entfernt) nur mit einem
+Assagai und einem Stück Fell ausgerüstet verlassen und sich auf der
+ganzen langen Strecke bis nach den Diamantenfeldern nur von Wurzeln,
+wilden Früchten, nur hie und da vom Fleische kleinerer Wildbeute
+ernähren, bieten häufig dem Reisenden, der mit ihnen auf seiner
+Wanderung nach Norden zusammentrifft, einen Anblick, der den
+Hartherzigen erweichen müßte. Es sind förmlich zu Skeletten abgemagerte,
+oft tagelang hungernde Gestalten, die ihres Weges dahinschleichen und
+die den Hunger dadurch bekämpfen, daß sie die Leibriemen, die meist
+neben dem Stückchen Fell ihre einzige Bekleidung bilden, fester
+zusammenziehen. Eine solche Schaar war auf ihrem Marsche bis an den
+benachbarten Setlagolefluß gekommen. Wie gewöhnlich folgte Einer dem
+Andern auf dem von den Eingebornen dieser Gegend benützten Pfade. Der
+Kräftigste, noch Ungebeugteste, übernahm die Führung, die Schwächeren
+blieben zurück, der schwächste, oder ein Kranker _sich selbst
+überlassen_, gewöhnlich als letzter weit hinter seinen Genossen. Bei
+dieser Schaar befanden sich zwei Brüder, von denen der eine seit acht
+Tagen schon der »letzte« war. Am Ufer des Setlagole angekommen, wollte
+sich die Schaar etwas ausruhen und fahndete nach rübenartig geformten
+Knollen, die auf Kohlenfeuer gebraten, den ersehnten Nachtimbiß liefern
+sollten. Das Ufer des Flusses erwies sich an solchen so ergiebig, daß
+man hier zu übernachten beschloß. Der gewöhnliche Kreis schloß sich
+jedoch diesen Abend nicht vollkommen--einer der dunklen Männer fehlte.
+Sie sahen sich gegenseitig an, worauf Einer, des Vermißten leiblicher
+Bruder, aufstand, seine und des Bruders Knollen in sein kleines Fell
+nahm, das er sich von der Schulter zog, den Assagai ergriff und seinen
+Bruder suchen ging. Die Uebrigen setzten sich näher zum Feuer, schlossen
+den Kreis, verzehrten ihren Imbiß und nachdem sie mehrere Feuer
+errichtet, legten sie sich zwischen diese und ein Gebüsch zur
+wohlverdienten Ruhe.
+
+Der kranke, durch Hunger geschwächte, von wunden Füßen gequälte
+Betschuana (ein Batloka) mußte häufig ausruhen und so war er vom rechten
+Pfade abgekommen und einem gefolgt, der in einen felsigen, durch
+zahllose Kareebäume und Büsche zu einem stellenweisen Dickicht
+umgewandelten und unter den Eingebornen als Löwenhöhle notorisch
+bekannten Thalstrich führte. Unter einer blühenden, schattigen Mimose
+ausruhend, wurde der Arme durch einen plötzlichen Sprung von einem dem
+ganzen Schwarm seiner Freunde und ihm unbemerkt folgenden Löwen
+niedergeworfen und im nächsten Momente auch getödtet.
+
+Sein Bruder geht den Pfad zurück, läuft im Grase, um desto deutlicher
+die Stelle zu erkennen, an der die Fußspuren den Pfad verlassen, er
+findet die Stelle und den Irrpfad, den der Kranke eingeschlagen, doch er
+sieht auch schon des Löwen Spur im Sande. Statt umzukehren und die Hilfe
+der Genossen anzusprechen, eilt er vorwärts--er hat ja eine Waffe, doch
+was ist diese Waffe in der Hand eines Halbverhungerten gegen einen
+Löwen, der schon warmes Menschenfleisch genossen und Blut gerochen? So
+kommt er zu der Stelle wo der Bruder ohne Gegenwehr von dem Löwen
+getödtet wurde, des Bruders Stock liegt auf der Erde--die Leiche selbst
+mußte von dem Löwen fortgeschleppt worden sein--er blickt herum, geht
+einige Schritte--dort des Bruders aus Stroh geflochtener Hut und sein
+Kürbißgefäß, er springt näher, um einen Baum herum--unter diesem liegt
+die halbbenagte Leiche des Gesuchten. Ein Schrei dringt durch die Stille
+des Abends am Setlagole-Ufer. Aber auch der Löwe, der den Ankömmling
+schon lange bemerkt, hatte sich hinter ein nahes Gebüsch in Hinterhalt
+gelegt und sein zweites Opfer in dem Momente erfaßt, als es sich über
+den zerfleischten Körper seines Bruders zu werfen im Begriffe war.
+
+Am folgenden Morgen als die Batloka's aufwachten und sich zur
+Weiterreise rüsteten, vermißte man die beiden Brüder. Nichts Gutes
+ahnend, liefen erst einige zu einem, am anderen Ufer einige hundert
+Schritte abseits liegenden Barolongen-Gehöfte, um sich Hilfe, d.h.
+Männer mit Gewehren zu erbitten, die man ihnen auch bereitwilligst
+mitgab. Man folgte dem Pfade, fand die Löwenspur theilweise von den
+Fußspuren des zweiten Bruders verwischt und endlich beide Leichen; die
+Leute konnten auch deutlich wahrnehmen, daß das Raubthier erst vor sehr
+kurzer Zeit, wahrscheinlich vor den lärmenden Menschen zurückweichend,
+den Ort verlassen haben mußte. Man nahm nun seine Spur auf und folgte
+ihr 500 Schritte weit längs des Flußufers. Bei einer Biegung glaubten
+einige in den Vaalbüschen einen gelbschimmernden Gegenstand zu sehen,
+riefen die Uebrigen herbei und obgleich man den Gegenstand nicht für
+einen Löwen hielt, schlugen sämmtliche Schützen auf das kleine Gebüsch,
+respective das gelb durchscheinende Object an und drückten los. Das
+Erstaunen aber war groß, als sie einen ausgewachsen, männlichen, von
+sechs Kugeln durchbohrten Löwen todt im Gebüsche vorfanden.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 16.
+
+Drei Meilen von Konana auf dem gegenüberliegenden Abhange (nachdem wir
+den zur Zeit unseres Besuches bis auf einige Lachen trockenen Fluß
+durchschritten hatten) wählten wir uns einen Lagerplatz aus und trafen
+alle nöthigen Vorkehrungen, um etwaigen Ueberraschungen von Seite der
+Löwen vorzubeugen. Am nächsten Morgen--es war ein wahrhaft lieblicher,
+klarer Morgen--drangen die goldenen Strahlen warm durch die Zweige über
+uns und ermunterten die in diesen Zweigen sich tummelnde gefiederte Welt
+zur Eröffnung ihres Concertes. Namentlich zahlreich waren Würgerarten,
+kleinere Singvögel und Tockus plavirostris (Tukans) vertreten.--Die
+Fahrt ging sehr langsam von statten, da wir den Zugthieren oft einige
+Rast gönnen mußten und die dichtbebuschte Strecke nur vorsichtig
+durchfahren werden konnte. Ohne eines der königlichen Thiere auch nur
+ansichtig zu werden, traten wir nach einigen Stunden aus der bebuschten
+Partie des Weges heraus. Unvergeßlich wird mir und meinen Gefährten der
+Ausblick auf die Gegend bleiben, der sich uns nun darbot, als wir einen
+freien Ueberblick über die sich vor uns ausbreitende Hochebene gewannen.
+Tage wie der 26. November 1873 werden mir, als Jagdfreund, doch in
+höherem Grade als Beobachter des freien Thierlebens, mein ganzes Leben
+hindurch in frischem, unvergeßlichem Angedenken bleiben und mich manche
+bittere Erfahrung vollkommen vergessen lassen, sie mögen auch dem
+geehrten Leser meine Sehnsucht, nach jenen Gefilden zurückzukehren,
+begreiflich erscheinen lassen.
+
+Auf die Höhe des Plateaus gelangt, sahen wir eine etwa 20 Meilen lange,
+von Süden nach Norden sich hinziehende, nach Osten von einigen
+Mimosengehölzen begrenzte und hier durch freie Zwischenräume mit einer
+nachbarlichen zusammenhängende, 6-7 englische Meilen breite Grasebene.
+Dieser mit zahllosen röthlichbraunen, niedrigen Termitenhügeln bedeckte
+und von frischem, kurz zuvor aufgesproßtem und nur stellenweise, wie in
+der Nähe der Wassertümpel, aus hohem Gras gebildete, dunkelgrüne Teppich
+war durch Tausende von Thieren aller Gattungen belebt. Dunkelbraun und
+schwarz, rothbraun und hellbraun, gelblich und gescheckt waren die
+Farben der Roben, mit denen Mutter Natur die hier versammelte
+Gesellschaft bekleidet hatte. Es waren meist schwarze und gestreifte
+Gnu's, Bläßböcke und Hartebeest-Antilopen, Springbockgazellen und
+Zebra's (Quagga's). Die einen grasend, die andern einander neckend und
+spielend, dort eine Heerde Gnu's eines hinter dem andern wie in tiefes
+Nachdenken versunken gemächlich dahinschreitend. In ähnlicher Weise
+grasten mehrere Bläßbockheerden, während eine uns zunächst stehende,
+etwa 150 Thiere starke Zebraheerde, sich in weitem Bogen langsam nach
+dem Süden zu bewegte. Zahllose Hartebeeste weideten in kleineren Heerden
+und, wie immer, näher an den Gebüschen, schwarze Gnu's in Rudeln von
+10-80 Stück über die ganze Ebene zerstreut, während es zwischen ihnen
+und den Zebra's, ja überall, wohin man auch sehen mochte, von
+Springbockgazellen wimmelte. Eine artenreiche Vogelwelt brachte in
+dieses reizende Bild erhöhte Bewegung. Vor Allem waren es die großen
+Trappen Eupedotis Kaffra und Kori zwei der schon oft erwähnten
+Zwergtrappen, Chenalopes, Enten, Kibitze, Ibise, Kraniche, Fischreiher,
+Regenpfeifer und viele andere, welche durch ihr buntes Gefieder und ihre
+schlanken Gestalten, durch ihren meist nahe über den Boden
+dahinstreichenden Flug und durch ihr in allen Modulationen ertönendes
+Gepfeife und Geschnatter in die Augen sprangen.
+
+Obwohl ich auf der ersten Reise so manche Scene südafrikanischen
+Thierlebens gesehen, dieses Bild auf dem zwischen der von mir
+Jungmanns-Pfanne benannten Salzpfanne und dem Konanaflüßchen gelegenen
+Hochplateau übertraf die kühnste Phantasie, es mußte selbst den
+Gleichgiltigsten zum Naturfreunde machen. Nachdem wir uns--unsere armen,
+müden Zugthiere völlig vergessend--wohl eine Stunde lang an diesem
+Anblick geweidet hatten, beriethen wir uns über die Wahl eines
+geeigneten Lagerplatzes. Der eben genossene Anblick hatte in mir den
+Entschluß gereift, hier einige Tage zu verweilen.
+
+Diese Ebene reicht mit anderen zusammenhängenden bis gegen den oberen
+Hart-River nach Osten, bis zum Maretsane-Fluß nach Norden und bis gegen
+Mamusa nach Süden, bedeckt einen riesigen Flächenraum und gehört zum
+größten Theile zum Gebiete des Königs Montsua. Sie hat keinen merklichen
+Abfall, kaum hinreichend, daß das überschüssige Regenwasser mit Ausnahme
+der unmittelbaren Uferpartien einen Abfluß nach dem Hart-River, dem
+Maretsane, Konana und Mokara findet, daher treffen wir auf derselben
+zahlreiche größere und kleinere Salzseen und eine Unmasse seichter
+Vertiefungen, die zur Regenzeit durch Wasserlachen gefüllt sind. Diese
+Salzpfannen scheinen zum Gedeihen des Wildes wesentlich beizutragen.
+
+Eine solche Vertiefung, etwa drei Meilen von der Stelle, wo wir standen,
+wurde zum Lagerplatze auserwählt. Als wir mit unserem Wagen durch die
+Ebene zogen, waren es zuerst die Zebra's und die Bläßbockantilopen,
+welche die Flucht ergriffen; einige der zahlreicheren Heerden, wie die
+Zebra's, jagten gegen eines der Gehölze, um durch eine der vielen
+Lichtungen in demselben auf die nächste Ebene zu flüchten.
+
+Am Nachmittag machte ich mit E. und B. einen Ausflug in südlicher
+Richtung, wobei wir Gelegenheit hatten, die Gnu's ziemlich nahe
+beobachten zu können, einige der Thiere blieben ohne Scheu stehen,
+andere rannten südwärts, als wir auf der Rückkehr etwas näher an das
+eine Gehölz herantraten, setzten sich sämmtliche Thiere--eine wenigstens
+300 Stück zählende Gnuheerde--eine hohe Staubwolke aufwirbelnd, in
+Bewegung und wandten sich an uns vorbei nach Süden (windabwärts). Das
+interessante Schauspiel wiederholte sich auch am folgenden Morgen und
+war durch eine nicht weniger anziehende Fata Morgana noch erhöht, welche
+die einzelnen Thiere riesig gestaltete und die hüpfende Bewegung ihres
+Laufes in den über dem fernen Horizonte liegenden Luftschichten
+widerspiegelte.
+
+Am folgenden Abend beschlossen wir an einem der zahlreichen, von den
+Regenlachen gebildeten, seichten Löcher auf den Anstand auszugehen.
+Deutlich konnten wir das Brummen der Gnu-Stiere hören, die ihre Heerden
+nach den Lachen zur Tränke führten. Am Morgen versuchten wir im
+südlichen Theile der Ebene eine Treibjagd, doch ohne Erfolg. F. und Pit
+hatten eine falsche Richtung eingeschlagen, und das Wild benützte eine
+entstandene, etwa 360 Schritte breite Lücke, um durchzujagen.
+
+Zum Wagen zurückgekehrt fanden wir einige Barolongen, die von Konana
+kamen und auf eines der Mimosengehölze lossteuerten, in dem schon ihre
+Gefährten bei der beabsichtigten Treibjagd harrten. Sie trugen uns ihre
+Hilfe an, von der ich jedoch keinen Gebrauch machte, da ich weniger der
+Jagd als vielmehr der Beobachtung der Wildspecies obliegen wollte.
+Endlich kam der Abend und mit ihm eine Nacht, die mir ebenso
+unvergeßlich bleiben wird, wie der vorhergehende Tag, unstreitig die
+schlimmste Nacht in der ersten Hälfte meiner zweiten Reise. Bei Anbruch
+der Nacht war ich mit Boly ausgegangen, wir hielten uns nahe an unserem
+Bestimmungsorte und Jeder von uns suchte es sich in dem engen Erdloche
+so bequem wie möglich zu machen. Da ich mich kriechend einer Lache
+genähert, gelang es mir, meinen Platz einzunehmen, ohne die Vögel an dem
+Gewässer aufzuscheuchen. Dieser Vielen vielleicht unscheinbar dünkende
+Umstand ist aber für den Jäger auf den südafrikanischen Ebenen insoferne
+wichtig, als die aufgescheuchte Vogelwelt solch ein Zetergeschrei
+erhebt, daß das Wild, auf eine nahende Gefahr aufmerksam gemacht wird
+und dann die gewöhnlichen Pfade meidet.
+
+[Illustration: Wild auf den Quaggaflats.]
+
+Die Nacht war ziemlich dunkel, im Norden blitzte es unaufhörlich, ein
+Gewitter zog dort nach Osten zu. Außer dem zeitweiligen Gepfeife und
+Geschnatter in dem Gewässer vor mir war die Stille um mich nicht
+unterbrochen; einigemale schien es mir, als ob ich das Grunzen des
+schwarzen Gnu's hören würde, doch es mochte nur Einbildung sein, die
+meine Gedanken in der Erwartung dieser Thiere eben nur auf sie
+concentrirte. Einmal hörte ich deutlich das Schlürfen von Wasser,
+ähnlich wie es die Hunde thun, ich strengte mich an, den Gegenstand zu
+erkennen, doch war dies nicht möglich, es mochte wohl ein Schakal sein,
+der sich mir windabwärts genähert hatte.
+
+Ich lauschte noch in der Stille der Nacht hin, als ich plötzlich das
+erwartete Grunzen vernahm. Ich richtete mich etwas auf, um desto
+deutlicher hören zu können, richtig, ja das sind schwarze Gnu's; ich
+lege das Ohr an eine vom Gras entblößte harte Stelle und vernahm
+deutlich den dumpfen Schall, den eine auf dem Wildpfade dahinschreitende
+Gnuheerde hervorbringt.
+
+Freudig und in gehobener Stimmung ducke ich mich wieder nieder, sowie
+ich jedoch wieder aufschaue und mit dem Blicke die Richtung suche, in
+der ich die Annäherung des Wildes erwartete, blizt es ziemlich hoch am
+nördlichen Himmel auf, dort, wo ich zuvor das Gewitter beobachtet.
+
+Ich unterschied ein mehrstimmiges Brummen und etwas später erschien ein
+dunkler Gegenstand am gegenüberliegenden Ufer der Lache. Das Gnu ging um
+das Gewässer nach mir zu, kehrte um, kam wieder zurück und nun sah ich
+es von mehreren anderen gefolgt. Sie standen eine geraume Zeit, ohne
+sich zu nähern, dann trat der Leitstier von einem zweiten Thiere
+begleitet vor und kam auf das sandige Ufer zu. Da steht das Thier einige
+Schritte vor mir mit dem Kopfe nach mir zugekehrt, daß ich nur diesen
+Theil und die Lache darunter sehe. Ich ziele so wie es die Dunkelheit
+erlaubte, auf den Schädel und mit einem lauten Krach schlägt die Kugel
+ein. Ich springe auf, um meine Jagdbeute zu suchen, ohne mich weiter um
+die enteilende Heerde zu kümmern. Doch ich sehe nichts, ich reibe mir
+die Augen, mit dem Gewehrlaufe auf der Erde herumtastend, hoffte ich
+jeden Augenblick den Körper des gefallenen Thieres zu finden.--Doch
+alles war Täuschung. Der Schuß traf, trotzdem war das verwundete Thier
+noch mit den anderen geflohen. Das Aufleuchten des Blitzes am nördlichen
+Firmament brachte mich wieder zur Besinnung. Ich mußte für diese Nacht
+das Jagen aufgeben und zum Wagen zurückkehren.
+
+Boly, der mit mir auf den Anstand gezogen, war noch nicht zurückgekehrt.
+Ich ließ F. mit einem Feuerbrande etwa 200 Schritte aufwärts gehen, um
+damit den vielleicht irre Gehenden sein richtiges Ziel zu weisen. Allein
+F. schwenkte den Feuerbrand bis es zu regnen anfing und noch immer war
+von B. nichts zu hören und zu sehen. Der Wind hatte sich inzwischen
+gesteigert und bald raste ein wahrer Orkan über die Ebene hin.
+Theilweise kam uns nun--und auch später als Blitz auf Blitz auf die
+Ebene niederfuhr--unsere etwas tiefere Lage zu Gute, allein sie hatte
+auch ihre Schattenseiten. Das Wasser fiel nicht allein in Strömen, es
+floß auch in solchen von der Ebene herab in die Tiefe und machte unsere
+Lage recht unbequem. Doch es war weniger diese, die uns beunruhigte,
+Boly's Zustand machte uns Alle sehr besorgt, sogar die Schwarzen
+sprachen von nichts Anderem, als wo doch der Baß B. sein möge. Blitz
+folgte auf Blitz, kaum war der Nachhall des einen Donners verhallt,
+folgte schon ein anderes Donnergebrüll und dazwischen schlug der Regen,
+von der rasenden Windsbraut getragen, so heftig gegen den Wagen an, daß
+wir uns kaum durch Schreien einander vernehmbar machen konnten. Die
+Atmosphäre war auch bedeutend abgekühlt worden, welcher Temperaturfall
+uns nach der furchtbaren Tageshitze und bei den bis auf den Leib
+durchnäßten Kleidern durchaus nicht willkommen war.
+
+[Illustration: Gnujagd bei Nacht.]
+
+Stunde auf Stunde verrann, das Gewitter war vorübergezogen, Regen und
+Wind hatten sich gemäßigt, endlich hörte der Regen gänzlich auf. Die
+Sorge um Boly's Schicksal ließ uns kaum zwei Stunden der Ruhe pflegen,
+zu der uns die Müdigkeit zwang. Am frühen Morgen sandte ich einen der
+schwarzen Diener nach Boly aus. Schon nach einigen hundert Schritten sah
+dieser den Gesuchten kommen, er war über und über mit Koth bedeckt und
+sah recht erbärmlich aus. Sein Körper zitterte vor Kälte, doch was uns
+alle erstaunte, war, daß er das Gewehr so rein zurückbrachte wie er es
+mitgenommen. Der Aermste hatte an einem Termitenhügel zusammengekauert
+das Unwetter über sich ergehen lassen müssen und hatte überdies, um
+seine Waffe schußbereit zu erhalten, dieselbe mit seiner Jacke
+umwickelt.
+
+Am Abend fanden sich einige berittene Barolongen bei uns ein, welche uns
+ein Zebra für einen Sack Pulver (5 Pfund Gewicht) und zwei Stangen Blei
+(12 Pfund) zum Kaufe anboten. Sie hatten eine Treibjagd veranstaltet,
+dabei eine Zebraheerde »eingejagt« und von ihren Pferden eines mit den
+Assagaien so verwundet, daß das Thier zurückblieb und von den zu Fuße
+mit Gewehren nacheilenden Genossen erlegt wurde. Schon wollte ich den
+Kauf eingehen, als ich noch rechtzeitig bemerkte, daß das Fell sehr
+beschädigt und zum Präpariren ungeeignet war.
+
+Die gesammten bis nach Mamusa reichenden Ebenen sind von etwa 70, in der
+Regel 100-300 Schritte breiten, 200-800 Schritte langen Mimosengehölzen
+bedeckt. Beinahe in jedem dieser Gehölze stoßen wir auf eine
+Eingebornentruppe, welche über dem Winter oder Sommer auf den
+wildreichen Ebenen der Jagd obliegt; trotzdem wird, da die Barolongen
+und Batlapinen meist schlechte Schützen sind, höchstens alle 2-4 Tage
+ein Stück Wild erlegt.
+
+Die Formation dieser Ebene ist der harte, graue, im südlichen
+Transvaal-Gebiete erwähnte Kalkstein, dem hie und da das Vaalgestein
+aufliegt, im Gerölle sind häufig Rosenquarzstücke zu finden. An den
+Abhängen zum Konanaflusse sah ich mäßige Quarzitadern, einige Fuß hoch
+jenen Kalkstein durchbrechend, weithin in ihrer weißlichen Farbe
+schimmern.
+
+Am 29. November Morgens machte ich einen Ausflug und kehrte mit einem
+Hyänenschädel heim. Im Allgemeinen hatten wir hier eine große Anzahl von
+Gnu-, Bläßbock- und Springbock-Schädeln gesammelt. Um Mittagszeit
+verließ ich den Ort und zog nach Osten, um den vom östlichen Taung nach
+Molema's Town führenden Weg zu treffen und auf diesem meine Reise nach
+Norden fortzusetzen. Nach einer sechs Meilen langen Tour hielten wir in
+einem Mimosengehölze Rast und trafen mehrere Barolongen, außerdem sahen
+wir zahlreiche verlassene Hütten. Um diese Hütten lagen förmliche
+Knochenhügel; mit Ausnahme der Hörner waren alle Knochen zerschlagen, es
+mußte wohl unzähligen der auf den Ebenen ringsum flüchtigen Thieren das
+Leben in den letzten Jahrzehnten gekostet haben, bevor diese
+Knochenhaufen aufgestapelt werden konnten. Ich suchte unter den
+Knochenresten nach pathologischen Mißformen und fand nur zwei
+verunstaltete Hörner. Beide Hörner waren durch Kugelschüsse
+abgeschossen, die entstandene Wundfläche zugeheilt und durch neuen
+Hornüberzug bedeckt worden; ich fand außerdem ein zum Lederarbeiten von
+den Eingebogen gebrauchtes, zugespitztes und durchlöchertes, an einem
+Riemchen hängendes Hornstück.
+
+Bei einbrechender Dunkelheit schlugen wir an einem dicht bebuschten, in
+der Nähe eines Salzsees sich erhebenden Hügel, unter einigen schattigen
+Kaameeldornbäumen unser Nachtlager auf. Der sich unter uns ausbreitende
+Salzsee war trocken, allein an seinem Ufer, am Abhange des Hügels und
+der Ebene, fanden sich überall süße Quellen, die uns mit reinem
+Trinkwasser versahen. Zeitlich am nächsten Morgen machte ich einen
+kleinen Gang durch das Gehölz und fand abermals Knochenstätten und
+mehrere Gruppen verlassener Jagdhütten der Eingebornen; da ich auch
+mehrfach Hasen, Perlhühner, Rebhühner und Deukerantilopen bemerkte,
+entschloß ich mich, hier einen Tag zu bleiben. Der Tag war schön und
+lohnte meinen Aufenthalt in jeder Beziehung. Vogelbälge, zahlreiche
+Schlangen, Insecten und Krustenthiere, doch auch Pflanzen hatten am
+Abend meine Sammlungen bereichert. Meine Gefährten erbeuteten so manchen
+schönen Vogelbalg, darunter namentlich Bienenfänger, schwarze und kleine
+graue Würger, Regenpfeifer etc., während es mir gelang eine Chenalopes
+zu überlisten.
+
+Der bewaldete Hügel erhob sich über der westlichen Ecke der Salzpfanne,
+doch auch das südliche und nördliche Ufer waren von felsigen, niederen
+Höhen begrenzt. Zwischen dem ersteren und den nördlichen Höhen öffnete
+sich ein Thal und hier führte ein gegenwärtig trockener Bach von der
+Ebene das überschüssige Regenwasser herab, der vorgestrige heftige
+Regen, der uns kaum 12 englische Meilen von dieser Stelle entfernt
+überraschte, hatte hier keine Spuren hinterlassen, war also, wie immer
+in dieser Gegend, im engsten Sinne des Wortes local gewesen. Von der
+Höhe herab vernahm ich das Geschnatter mehrerer egyptischer Gänse. Durch
+einen Busch am Abhange gedeckt, übersah ich die gesammte Pfanne, folgte
+dem Ufer und doch konnte ich nirgends das schreiende Thier zu Gesicht
+bekommen. Erst nach langem Suchen erblickte ich das Thier auf dem
+hervorragenden Aste einer halbvertrockneten Mimose. Da ich nur mit
+kleinem Schrot geladen hatte, mußte ich mich näher anzuschleichen
+trachten. Hier durch einen Busch, dort durch einen Block gedeckt, war es
+mir gelungen, unbemerkt in das Thal hinabzusteigen. Das Thälchen war mit
+niedrigen, blos stellenweise höheren, schütteren Büschen und einigen
+wenigen Bäumen bewachsen, doch der Boden war steinig, und ich mußte nun
+meine Fußbekleidung zurücklassen und barfuß weiter schleichen. Der Vogel
+saß hochaufgerichtet auf dem dicken Aste, gegen den Stamm zu sah ich ein
+Nest, welches ich später als das seine erkannte. Auf 60 Schritte
+nahegekommen, feuerte ich und erlegte die Gans, deren schöner Balg
+meiner Sammlung einverleibt wurde. Die Formation um diese Pfanne, welche
+ich Jungmanns Salzsee oder Chuai Jungmann taufte, war ähnlich jener des
+Vaalgesteins bei Bloemhof, die Grünsteinblöcke bis drei Kubikfuß groß.
+
+[Illustration: Verlassener Jagdplatz der Barolongen.]
+
+Nach Sonnenuntergang setzten wir unsere Reise wieder fort. Wir
+übernachteten auf einer unabsehbaren Ebene, die deutliche Spuren von
+Regenlosigkeit trug, der Boden war zersprungen, das Gras so trocken, daß
+es bei der Berührung bröckelte, und selbst die dahinjagenden Springböcke
+wirbelten Staubwolken auf. Der Wassermangel gab uns auch Veranlassung am
+nächsten Tage tüchtig auszugreifen, so daß wir an diesem Tage 18
+englische Meilen zurücklegten. Auch das Wild war in diesem wasserarmen,
+nördlichen Striche recht spärlich geworden; zweimal trafen wir mit
+Barolongentruppen zusammen, welche Schießpulver erhandeln wollten; sie
+brachten Milch als Tauschartikel. In Folge ihrer Ungeschicklichkeit als
+Jäger und ihrer Arbeitsscheu schauten die Leute recht verhungert aus;
+wir gaben ihnen Schießpulver und etwas Beltong (getrocknetes
+Wildfleisch). Die Entdeckung einer mit reichlichem Wasser gefüllten
+Bodeneinsenkung gab das Signal, den heutigen Marschtag zu beschließen.
+
+[Illustration: Barolongen Zebra's jagend.]
+
+Am Morgen des 1. December wurden wir durch den Besuch eines Boers
+überrascht, dessen Mitteilungen uns dahin belehrten, daß wir an der
+westlichen Grenze der Transvaal-Republik angelangt waren. Der in der
+Nähe unseres Lagers angesiedelte Boer wartete auf den Besuch des
+Präsidenten Burger, von dem er endlich Abhilfe von den unausgesetzen
+Grenzstreitigkeiten mit den Barolongen erwartete. Er theilte uns auch
+mit, daß zwei seiner Söhne in das Innere auf Elephantenjagd ausgezogen
+waren und ersuchte uns, ihnen im Begegnungsfalle seine Grüße zu
+entbieten. Von dem gesprächigen Farmer scheidend, setzten wir unsere
+Fahrt in nordwestlicher Richtung fort und gelangten auf eine reichlich
+mit Mimosen bestandene Ebene, zwischen dem Molapo- und Maretsaneflusse,
+dessen Quellen wir in der verflogenen Nacht, ohne es zu wissen, passirt
+hatten.
+
+Einige der weißdornigen Mimosen waren auf dieser Ebene in voller Blüthe,
+mit hunderten und aber hunderten kleiner, grellgelber, kugelförmiger und
+duftender Blüthen behangen. Die Blüthen wie Blätter der bis zu 18 Fuß
+hohen Bäumchen waren äußerst zart und mit hunderten von
+verschiedenartigen Blumenkäfern (Cetonidae), sowie einigen
+rothgebänderten Holzböcken bedeckt; es wunderte mich, daß unter den
+zahlreichen Bäumchen blos zwei von den Insecten ausgesucht wurden,
+während an den Aesten zahlreiche weiße, über einen Zoll lange Puppen der
+großen Cicade klebten, die allenthalben ihre laute Stimme erschallen
+ließen, bei unserer Annäherung mit lautem Summen davonflogen und sich
+mit einem hörbaren Schlag auf dem nächsten Mimosenbäumchen niederließen.
+Auch buntfärbige Blattwanzen fehlten nicht und große stahlblaue
+Raubwespen zogen summend und nach Fliegen haschend um die Büsche. In
+gewohnter emsiger Weise schnurrend flogen zahlreiche Hummeln über den
+kräftig emporsprießenden Grasteppich hin, um für sich und die im nahen
+verlassenen Termitenhaufen eingenistete Brut Vorräthe zu sammeln.
+
+[Illustration: Pürsch auf egyptische Wildgänse.]
+
+Der südafrikanische Frühling war mit aller Macht in die Gegenden am
+oberen Molapo eingezogen, all' das kleine Gethier fühlte seine
+Herrschaft und war zum Leben erwacht, um ein neues Dasein zu beginnen;
+fremd, weder ersehnt noch willkommen schien er dem Menschen am oberen
+Molapo zu sein. Friede, neues Leben, vereinigtes Schaffen, Lust und
+Freude, das war um mich her an jenem Morgen auf den Fluren am Molapo der
+Hauch der verstandeslosen Natur. An Hader, Brand und blutige Thaten
+dachten, davon sprachen und damit drohten--die Herren der Schöpfung.
+
+Nach einer kurzen Fahrt am Morgen des 2. Decembers langten wir bei dem
+Dorfe der Makuben an, welches am südlichen (linken) Ufer des Molapo
+gelegen, zu Molema's Town (d.h. die Stadt Molema's, eines Bruders des
+Königs Montsua) gehörte. Das Thal des oberen Molapo ist in den ersten 15
+Meilen seiner Länge eng, von dem steilen Abfall des Hochplateaus
+eingeengt, in seinem weiteren Verlaufe ist es flach, ein mäßiger
+Einschnitt in die etwas nach Westen abfallende Hochebene. Wir hatten es
+in der letzteren Partie zu überschreiten. Das Bett des Flusses war hier
+von Kalktuff gebildet, der zahlreiche fossile Pflanzen enthält und
+deutlich darauf hinweist, daß dieser Thaleinschnitt schon vor
+Jahrtausenden als ein geräumigeres Flußbett benützt worden war. Dieser
+Kalktuff wird von dem harten, grauen Kalkstein überlagert und ist durch
+eine Unzahl kleiner Grotten, Höhlen, Löcher charakterisirt, welche die
+Tümpel der fast monatelang trockenen Flußrinne bilden. Oberhalb dieser
+Stellen und in den eingeengten oberen, wie auch in dem Bergthale ist das
+Bett schlammig und sumpfig und dieser Umstand ist wohl der Grund, daß in
+der trockenen Jahreszeit große Wassermengen verloren gehen und der Fluß
+schon nach wenigen Meilen seines Oberlaufes versiegt.
+
+In dem marschigen Theile des Thales finden sich die westlichsten, die
+sogenannten Molapo-Farmen des Marico-Districtes, deren Besitzer ihre
+Felder continuirlich irrigiren können; in dem mehr offenen Theile finden
+sich die Niederlassungen der Barolongen[1], welche ihre hie und da nach
+europäischem Vorbilde angelegten Grundstücke zu bewässern im Stande
+sind.
+
+ 1: Nach Westen erstreckt sich ihr Gebiet bis gegen Namaqualand.
+
+Den Molapo (d.h. ein Fluß) überschreitend, lagerten wir an seinem
+rechten Ufer in der Nähe einiger Wartebichi-Mimosen. Gegen
+Sonnenuntergang blickend sahen wir Molema's Town vor uns, an einem
+mäßigen Abfall der im Hintergrunde bewaldeten Hochebene; im Osten ist
+die Stadt durch zwei interessante Felsenpartien begrenzt und im Schutze
+der einen, zwischen ihr und dem Flüßchen, stand das geräumige, im Style
+der Eingeborenen ausgeführte Missionshäuschen der Wesleyan
+Missionsgesellschaft.[1]
+
+ 1: Dieselbe besitzt in Molema's Town, in Lothlakane und Poolfontein
+ (zu der Zeit meines Besuches war die eine, die sich jetzt in
+ Lothlakane befindet, in Moschaneng) je eine Station, von denen
+ früher die in Molema's Town, gegenwärtig die in Lothlakane von einem
+ weißen Missionär dirigiert wird. Außerdem ist Poolfontein auch der
+ Sitz eines Predigers der deutschen Hermannsburger
+ Missionsgesellschaft, der jedoch unter den meist der Wesleyan'schen
+ Kirche angehörenden aus der südcentralen Transvaal-Republik nach der
+ Poolfonteiner Ebene (auf Montsua's Gebiet) verpflanzten Borolongen
+ eine schwierige Stellung hat. Poolfontein liegt zwischen Lothlakane
+ und Lichtenburg.
+
+Die erwähnten Felsenpartien, das mit Bäumen bestandene Ufer des kaum
+vier bis zehn Schritte breiten Flüßchens, sowie die vielen zwischen den
+Gehöften sich erhebenden Karie-, Kameeldorn- und Weidenbäume, welche den
+ganzen Abhang des Plateaus bedecken, verleihen Molema's Town eine der
+schönsten Lagen unter den Eingebornenstädten des centralen Süd-Afrika.
+Seine Gehöfte stehen weniger dicht aneinander und sind mit Zäunen
+versehen, aus denen sich die spitzig zulaufenden mit den Stauden der
+Kalebaß-Kürbisse überwucherten Dächer der Hütten erheben.
+
+Zahlreiche Wägen zeugen von der zunehmenden Wohlhabenheit des Stammes,
+die namentlich dem Umstände zugeschrieben werden darf, daß König Montsua
+den Branntweinverkauf im Lande sistirte, eine Verfügung, welche Molema,
+der Unterchef und Gouverneur von Molema's Town, mit seiner ganzen
+Autorität zur Geltung brachte, ferner daß der früher hier ansäßig
+gewesene Missionär, europäischen Getreidearten in Molema's Town Eingang
+verschaffte.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 17.
+
+Was mich in Molema's Town besonders angenehm berührte, war das Verbot
+Molema's, der nebenbei gesagt ein Christ und Prediger ist, im Bereiche
+der Stadt keinen Baum zu fällen; wir hatten kaum unser Lager
+ausgeschlagen, als ein Eingeborner (einen Polizisten vertretend) im
+Namen des Fieldcornets (Sheriff, oberster Sicherheits-Beamter) bei uns
+erschien, um uns Weideplätze für die Zugthiere anzuweisen und das eben
+erwähnte Verbot zur Kenntniß zu bringen.
+
+Bevor ich noch meinen Entschluß, Rev. Webb aufzusuchen, ausführen
+konnte, kam aus dem Missionshäuschen ein blondbärtiger, untersetzter
+Mann, ein kleines Mädchen an der Hand führend, auf mich zu. Es war der
+Gesuchte. Wir waren bald in ein eifriges Gespräch über Molema's Town und
+die Grenzfrage verwickelt. Von Montsua, dem Herrn des Landes, erfuhr
+ich, daß er in Moschaneng, in einer im Gebiete seines königlichen
+Freundes, des Banquaketse-Herrschers Chatsitsive, erbauten Stadt wohne
+und entschlossen sei, sich in Poolfontein niederzulassen, wohin jedoch,
+wohl um den unabhängigen Barolongenfürsten zuvorzukommen, die
+Transvaal-Regierung ihr unterthane Barolongen bereits angesiedelt hatte.
+Montsua war darüber sehr verdrießlich und im Begriffe, Moschaneng zu
+verlassen und sich in seinem Gebiete eine andere Stelle zum Baue der
+Residenz auszusuchen.[1]
+
+ 1: Er hat dies auch später gethan, indem er der englischen Regierung
+ die Oberhoheit über sein Gebiet antrug.
+
+Des Missionärs Häuschen war nur auf das Nothdürftigste eingerichtet,
+denn aus den eben erwähnten Gründen betrachtete Rev. Webb seinen
+Aufenthalt nur als provisorischen, überdies war Molema selbst Prediger
+und den weißen Missionären nicht sehr gewogen. Rev. Webb und seine Frau,
+die ihrem Lebensgefährten in dieser Abgeschiedenheit treu zur Seite
+stand, riethen mir, baldigst nach Moschaneng aufzubrechen.
+
+Herr Webb begab sich hierauf zum Chef Molema, um ihm meine Ankunft
+anzuzeigen. Als er heimkehrte, kam er mit dem an Asthma leidenden alten
+Manne zurück, der mich herzlich willkommen hieß und meinte, daß außer
+dem Naka (Doctor) Livingstone noch kein Naka zu ihm gekommen sei, er
+zeigte sich über meine Ankunft sehr erfreut, denn er hoffe, daß ich ihm
+doch ein Molemo (Medicament) bereiten werde, das ihm den garstigen
+Husten benehmen und ihm ein freieres Athmen gestatten würde. Zugleich
+lud er mich ein, ihn am folgenden Morgen zu besuchen, sowie meinen
+Aufenthalt auf einige Tage auszudehnen, er wolle mir als Gegenleistung
+ein fettes Schaf senden.
+
+Am Morgen des 2. Decembers machte ich einen Ausflug thalaufwärts und
+fand dieses in allen, mächtige Humuslagen aufweisenden Partien dicht mit
+Kafirkorn angebaut. Ich war durch die ersten Anzeichen einer von
+Grahamstown bis zum Molapo vermißten tropischen Vegetation überrascht,
+welche sich durch manche Species bemerkbar machte, anderseits traf ich
+hier auch Pflanzen der gemäßigten Zone, in artenreicher Zahl, so
+Campanula Saponaria, Veronicae, mehrere der doldenblüthigen
+Euphorbiaceen und andere; auf den Wiesenflächen stand das Gras 4 Fuß
+hoch. Ich erlegte einen Fischreiher, mehrere Finkenarten, darunter zwei
+Feuerfinken und zwei Spornkibitze, die mich durch ihr lautes »Tik-Tik«
+angelockt hatten. Die auf den Feldern arbeitenden Frauen sahen bedeutend
+reinlicher als die Batlapinen aus und ich mußte auch später, als ich von
+Molema's Town schied, diesen sogenannten nördlichen Barolongen eine
+höhere Stufe als den Batlapinenstämmen und selbst als den Mokalana,
+Marokana etc. oder südwestlichen Barolongen einräumen, obgleich sie im
+Ackerbau und der Viehzucht von den südöstlichen Barolongen, die unter
+Maroka in Taba Unschu und der Umgebung dieser über 10.000 Einwohner
+zählenden Stadt wohnen, übertroffen werden; jenen kommt allerdings die
+Pferdezucht zu Gute, welche am Molapo wie in der Transvaal-Republik
+durch die grassirende Pferdekrankheit vereitelt wird.
+
+[Illustration: Feldapotheke.]
+
+[Illustration: Die Ueberbringer der Arznei.]
+
+Ich bereite für Mrs. Webb und den Häuptling einige Medicamente, darunter
+auch Pulver, bei welcher Manipulation ich von den zahlreichen uns
+besuchenden Eingebornen angestaunt und bewundert wurde. Einer der Männer
+setzte sich neben Pit am Feuer nieder und fragte hier mit gedämpfter
+Stimme, was ich da thue, Pit meinte, ich bereite ein Medicament. Der
+Fragesteller mischte sich nun sofort unter die gaffende Menge und
+verbreitete unter ihr die Nachricht, daß ich ein Naka sei und eben ein
+Molemo bereite. Das dadurch hervorgerufene Erstaunen war in den Zügen
+Aller, der Männer, Frauen, ja selbst der Halberwachsenen deutlich zu
+bemerken. Einer raunte dem Andern die Worte »Naka und Molemo« zu und man
+konnte an den Lippenbewegungen beobachten, wie es sich die Einzelnen
+wiederholten. Ich hatte damit bedeutend an Ansehen und Respect gewonnen
+und es wurde so stille um mich, daß man jedes Wort der abseits am Feuer
+sprechenden Diener vernehmen konnte. Jede, auch die geringste meiner
+Bewegungen wurde mit dem größten Interesse verfolgt, am meisten jedoch
+das Abwägen der gleichen Theile und das Einschütteln der Pulver in die
+von F. am Wagenbrette zubereiteten Papierhülsen. Als ich meine Arbeit
+beendet, frug ich, ob einer das Molemo zum Chef Molema tragen wolle;
+Alle, die Männer wie die Knaben, schrieen durcheinander, manche eine,
+manche beide Hände darnach ausstreckend. Jeder wollte der Ehre
+theilhaftig werden, des weißen Naka's Medicin dem geliebten Häuptlinge
+zu überbringen. Bei solcher Auswahl hatte ich die Laune, auch wirklich
+wählerisch zu sein, ich suchte mir den Aeltesten im Haufen aus, ein
+gebeugtes, weißhaariges Männchen, das gar nicht seinen Augen trauen
+wollte, und gab ihm die zu einem Päckchen geformten Pulver; er wollte
+sie jedoch nicht berühren, sondern bat mich, sie ihm an seinen Stock zu
+binden, den er nun vor sich hertragen wollte. Da ihm dies jedoch,
+beschwerlich fiel, so ergriff ich einen der zunächst stehenden Jungen,
+seine Peitsche fassend befestigte ich an dieser das Päckchen und hieß
+ihn dem Alten folgen, was diesem erwünscht war, und den Haufen um mich
+zu befriedigen schien, denn wiederholt hörte ich den Ausruf monati,
+monati (schön).
+
+Am folgenden Tage hatte ich den Häuptling wieder zu besuchen. Molema
+empfing mich in seinem Höfchen, stellte mir seine Frau und seine um ihn
+herum wohnenden Söhne vor. Dann ließ er für mich und Herrn Webb je ein
+hölzernes Stühlchen bringen und bat mich, ihm die letzten Ereignisse und
+Tagesneuigkeiten aus der Cap-Colonie und den Diamantenfeldern
+mitzutheilen, erkundigte sich nach den Verfügungen der englischen
+Regierung im Süden, klagte über die Anmaßungen der Boers im Osten und
+frug mich endlich, ob ich ein Engländer oder Boer wäre. Die ihm von
+Herrn Webb ertheilte Antwort, daß ich ein Böhme (Bohemian) sei, konnte
+er nicht begreifen und ließ, nachdem er noch nach meinem Namen gefragt,
+die beiden ihm so fremd erscheinenden Worte von den im Höfchen
+herumsitzenden alten Barolongen so oft wiederholen bis er sich dieselben
+eingeprägt hatte. Als ich von ihm schied, mußte ich ihm versprechen, ihn
+so oft ich in das Land der Barolongen käme, zu besuchen, ich würde ihm
+stets willkommen sein. Ich traf hier auch den Häuptling Schebor von
+Konana, der zu Molema auf Besuch gekommen war, und dieser entschuldigte
+sich, daß seine Leute, von denen wir drei Ochsen für einen Hinterlader
+eintauschen wollten, sich verspätet hatten, wodurch der Handel nicht zu
+Stande kam.
+
+Den kommenden Nachmittag verbrachten wir mit Fischfang, der ein äußerst
+ergiebiger war (wir fingen nicht weniger als 42 Welse). Als Köder
+benützten wir die überall häufigen, 1½ Zoll langen Grasheuschrecken. Das
+Wasser in den Grotten der Tufffelsen war so klar, daß man auch jedes
+größere Sandkörnchen auf eine Tiefe von 2½-6 Fuß unterscheiden konnte.
+Wir hatten kaum unsere Angeln ausgeworfen, als die dunkle Gestalt eines
+schildköpfigen Welses (Glanis siluris) aus einer der Seitengrotten
+herauskam, den Köder langsam umschwamm und dann ahnungslos verspeiste.
+Die Thiere wogen alle ¾-1 Pfund; als ich im Jahre 1875 während meines
+zweiten Besuches an derselben Stelle fischte, fand ich nur kleine,
+braune, 6 Zoll lange Thiere; die Trockenheit des Jahres 1874 hatte die
+meisten der Grotten trocken gelegt und die Fische getödtet, die neue
+Brut war mit den Regenfluthen aus den Sümpfen des oberen Molapo
+herabgekommen.
+
+Herr Webb versah mich mit zwei Briefen, an Herrn Martin, einen in
+Moschaneng wohnenden Händler, und an den König Montsua, den ihm der
+Erstgenannte vorlesen sollte. Montsua's Titel lautete: »Morena Montsua
+(Montsiwe, Montsiva) Khoschi ca Barolong.« Außerdem machte mich mein
+neuer Freund auf zwei alte, unter den Barolongen noch vor ihrer Kenntniß
+des Christenthums geläufige Sagen aufmerksam. Die eine berichtet von
+einem Chef, der nach Belieben die Gewässer eines Flusses theilen und
+durch die so entstandene trockene Stelle schreiten konnte, und die
+zweite erzählt von einem Chef, der gleich Salomon zwischen zwei Frauen
+zu entscheiden hatte, von welchen jede ihr Mutterrecht an einem und
+demselben Kinde geltend machen wollte.
+
+Am 5. brachen wir endlich auf, und zogen nordwärts am Fuße einer
+bewaldeten Erhebung. Die nächste Umgebung unserer Route bot mir
+reichlich Gelegenheit, meine Insectensammlung zu bereichern; unter
+anderen fand ich eine schöne große, mir bisher unbekannte
+Schildkäferart, deren Flügeldecken grünlichgolden und braun punktirt
+waren und die ich häufig an einer der gemeinsten Nachtschattenarten
+Süd-Afrika's antraf. Meine Aufmerksamkeit war auch auf die zahlreichen,
+den Weg säumenden Kameeldornbäume gerichtet, die mit den Nestern des
+Siedelsperlings (Philetaerus socius) dicht bedeckt waren.
+
+In einer Bodenvertiefung nahe einem nach Nordosten dem Taung oder
+Notuani-River zufließenden Bache beendeten wir unsern heutigen Marsch.
+Die zu einem förmlichen Niederwald angewachsen Kameeldornbestände
+durchziehend stießen wir am nächsten Morgen auf ein Makalaharidorf,
+dessen Insassen Hirten und Jäger Montsua's waren. Sie schilderten uns
+den weiten Weg bis nach Moschaneng in sehr düsteren Farben und meinten,
+wir würden mit den schwachen Zugthieren kaum die Königsresidenz
+erreichen. Der Weg war auch thatsächlich äußerst beschwerlich, der tiefe
+Sand ermüdete die Thiere in hohem Grade, dazu war der Wald von zahllosen
+kleinen, 1-2 Fuß tiefen Senken (in der Regenzeit Tümpel) durchsetzt; der
+von dem Sandboden aufsteigende Staub trocknete Mund und Luftröhre in
+bedenklicher Weise aus und schmerzte im Gesichte. An einer kleinen der
+eben genannten ausgetrockneten, mit frischem Gras überwachsenen Senken
+fand ich zu hunderten eine metallischblau glänzende Lytta mit einem
+rostrothen Flecke (ich traf sie später nur noch einmal und unter
+ähnlichen Verhältnissen auf meiner dritten Reise im Schescheker Walde,
+etwa 15 Meilen nordwestlich von Schescheke an), auch schoß ich einen
+über uns kreisenden Honigbussard (Pernis apivorus).
+
+Dieser Zustand des Weges blieb sich auch am folgenden Tage gleich und an
+zwei zum größten Theil trockene Salzpfannen angelangt, schien es kaum
+möglich, die mit 14 Zoll tiefem Sand bedeckten Pfannen zu passiren.
+Unter Anwendung aller erdenklichen Auskunftsmittel und mit vereinten
+Kräften gelang es nach stundenlanger Arbeit, das jenseitige bewaldete
+Ufer zu erreichen. Die nun folgende Rast war redlich verdient. In dem
+Walde fanden wir zwei eßbare Beerenfrüchte, und zwar die schon vom
+Hart-River bekannte rostrothe Beere des Blaubusches (die Samenkerne
+derselben werden von den Koranna's als Schrot verwendet) und gelbliche,
+unseren Johannisbeeren nicht unähnliche Beeren, die von den Boers wilde
+Granaten, von den Koranna's geip genannt und gerne genossen werden.
+
+Wir näherten uns am nächsten Tage einem unseren Weg kreuzenden
+Höhenzuge, der uns von vorbeiziehenden Barolongen als Malau's Höhen
+bezeichnet wurde und dessen höchste, bisher namenlose Kuppe ich Hußhöhe
+nannte. Ich hatte an diesem Tage Gelegenheit, meine Sammlungen um eine
+Zwergeule und den Balg eines Milans zu vermehren. Am Fuße der Höhen
+stießen wir auf zahlreiche Viehposten der Baharutse und Barolongen von
+Moschaneng, welche ihr Vieh an Regenlachen tränkten, während sie selbst
+ihren Wasserbedarf den natürlichen Felsencisternen entnahmen. Die
+Abhänge der Höhen waren zum größten Theile hochbegraste Triften, zur
+Viehzucht wie geschaffen. In der Nacht begegneten wir zwei mit Elfenbein
+beladenen von Schoschong, der Stadt der östlichen Bamanquato kommenden
+und von den Elfenbeinhändlern Francis and Clark nach Grahamstown
+abgesandten Wägen.
+
+[Illustration: Nest des Siedelsperlings.]
+
+Am 9. hatten wir den Sattel der Malauhöhen erreicht und lagerten
+zwischen grünen, gruppenweise zusammenstehenden mit Zaunrüben,
+Cucurbitacaeen und Lianen überspannten Büschen, auch schattige
+Kameeldornbäume fehlten nicht, in denen sich namentlich die
+langschwänzigen, schwarzweiß gescheckten Würger bemerklich machten.
+Große Turteltauben waren nicht selten und zum ersten Male vernahm ich
+hier einen Pfiff, der einem Psittacus anzugehören schien. Dem Rufe
+folgend hatte ich auch die Freude, ein Pärchen kleiner, graulicher, am
+Kopfe und den Flügelwurzeln gelb gefleckter und an der Brust schön grün
+gefärbter Papageien zu entdecken. Diese Species (Psittacus Rupelii) ist
+bis über den Zambesi verbreitet, lebt meist paarweise und nistet in
+Baumlöchern.
+
+Auf unserer Weiterfahrt fand ich neben dem Wege einen getödteten
+Schlangenadler, den wohl ein einfältiger Barolonge aus Muthwillen erlegt
+und dann abseits vom Wege in den Busch geworfen haben mochte. Wir hatten
+mehrere Thäler zu überschreiten und steile, äußerst steinige Höhen zu
+erklimmen. Auf einem der Hügel hatte Niger eine Schlange entdeckt und
+sie in einen Dornbaum gejagt; und da ich den Schlangen Süd-Afrika's,
+nachdem man mir überall von den vielen Opfern, die jährlich den giftigen
+Schlangen dieses Kontinentes anheimfallen, berichtet, ewige Feindschaft
+geschworen hatte (alle, die nicht in Spiritus untergebracht werden
+konnten, wurden abgehäutet oder wenigstens enthauptet und der Kopf
+aufbewahrt), war ich auch bald mit dem Gewehre zur Stelle, um dem Hunde
+beizustehen. Das von ihm verfolgte Reptil war mehr denn daumenstark,
+grün und über vier Fuß lang und hatte sich in ein Bäumchen (Acacia
+giraffe) geflüchtet, in dessen dichtem Geäste es sich blitzschnell auf-
+und nieder bewegte. Ein Dunstschuß betäubte die Schlange, ohne sie zu
+tödten, ich ergriff nun das Schwanzende des Thieres, um es aus dem
+Dornengeäste herauszuziehen. Ich zerrte etwas heftiger--da gibt der
+neben mir stehende Pit einen Schrei von sich, ich kehre mich nach ihm,
+als durch ein schmerzliches Gefühl an meinem rechten Daumen meine
+Aufmerksamkeit rasch zu dem Object zurückgeführt wurde. Die Schlange
+hing mit ihren Kinnladen an meinem Finger. Mir wurde recht warm um's
+Herz, ich riß an dem Schwanzende, daß ich beinahe die Schlange entzwei
+gerissen hätte, wodurch das Thier vollends getödtet zur Erde fiel.
+Sofort rief ich nach Salmiak, beugte mich jedoch gleichzeitig zu dem
+Reptil nieder, um die Art zu bestimmen. Ist das nicht ein Bucephalus
+viridis (cupensis)? Eine gift- und harmlose Schlange? Das Köpfchen
+ergreifend öffne ich die Kinnladen, kein Giftzahn zu sehen, noch zu
+fühlen. Auf F. hatte dieser Zwischenfall einen tiefen Eindruck gemacht
+und ihn zum erbitterten Feinde aller Reptilien umgewandelt; während wir
+unsere Fahrt fortsetzten, ließ er kein Akazienstämmchen unbehelligt,
+seine Rache spähte eifrig nach einem Opfer, doch stundenlang mußte er
+nur über sich selbst die Rache der Dornen ergehen lassen.
+
+»Hurrah, Halloh, Hurrah,« und ebenso viele Luftsprünge von Seite F.'s
+unterbrachen unseren Gedankenlauf; wir hielten den Wagen an, Weiß und
+Schwarz eilte auf den vor Freude übersprudelnden Jüngling zu. Da stand
+er, selbstbewußt, und wies siegesgewiß nach der Spitze des nächsten
+Busches. Doch nur einen Augenblick währte sein vermeintlicher Triumph,
+in das krampfhafte Gelächter, welches B. und E. mit den Schwarzen im
+Chorus anstimmten, mußte auch ich einfallen, als ich ein harmloses
+Chamäleon erblickt hatte. Der arme F. hatte aber auch entschiedenes
+Unglück mit seinen Anläufen zu Heldenthaten.
+
+Der Wassermangel wurde am nächsten Tage schon äußerst fühlbar und obwohl
+wir von vorbeiziehenden Barolongen einige Töpfe mit Milch erstanden, war
+unseren lechzenden Zugthieren nicht gedient. In einem breiten Thale nach
+Norden bei Osten vordringend, hatten wir endlich die bewaldeten Abhänge
+der Ausläufer der Malauhöhen erreicht, eine frische Brise fächelte uns
+Armen Kühlung zu und zu unserer größten Freude versprach ein
+aufsteigendes Gewitter das heißersehnte Naß zu spenden.
+
+Unsere Hoffnung ward nicht getäuscht, ein mäßiger Regenschauer füllte
+unsere Wassergefäße und gestattete die Thiere zur Noth zu tränken. Nun
+hieß es frisch weiterziehen, da ich die Absicht hatte, noch am selben
+Tage Moschaneng zu erreichen. Ein dumpfer Schall, der sich uns deutlich
+zu nähern schien, verzögerte unsere Abfahrt. Ueber die Ursache desselben
+wurden wir bald aufgeklärt.
+
+[Illustration: Auffangen von Regenwasser.]
+
+Es erschien ein berittener Barolonge und ihm folgte eine Heerde von
+gegen 50 Pferden, welche von zwei anderen Barolongen angetrieben und
+deren seitliches Ausweichen von je einem an jeder Seite in dem Gehölze
+galoppirenden Eingebornen verhindert wurde. Unsere Ueberraschung, hier
+eine solche Pferdetruppe zu sehen, war nicht gering. Einer der
+Nachtreiber sprang auf einen Augenblick aus dem Sattel und berichtete
+uns, daß dies Montsua's, des Barolongenkönigs, Pferde seien, die er
+jährlich zu seinem Vetter Maroka nach dem Freistaat schicke, um sie
+daselbst während der Dauer der in den Betschuanaländern grassirenden
+Pferdekrankheit weiden zu lassen. »Hat denn Dein König so viel Pferde,
+wie die Zahl derer beweist, die an uns vorbeigejagt hatte?«--O, Master.
+Morena (der König) hat mehr denn diese, in der Stadt behält er sich nur
+die gesouten (gesalzenen) Pferde, welche eben die werthvollsten sind.«
+
+[Illustration: Wald am Fuße der Malau-Höhen.]
+
+Nach einer kurzen Fahrt hielt ich eine Stunde Weges vor Moschaneng. Der
+Regen hatte hier alle Vertiefungen mit Wasser gefüllt, und die Stelle
+war ein anziehendes, gegen den Wind geschütztes, leicht bewaldetes, für
+einen zweitägigen Aufenthalt wie geschaffenes Thal, so daß ich hier von
+den Anstrengungen der Molapo-Reise auszuruhen und dann erst nach
+Moschaneng zu gehen gedachte, wo ich außerdem recht beschäftigt zu sein
+und für meine Zugthiere, der vielen in der Stadt gehaltenen Heerden
+halber, keine gute Weide zu finden glaubte.
+
+In dem Gehölze gab es schöne (von den Boers so genannte)
+Buchenholzbäume, sowie die unter dem (fälschlichen) Namen wilde Syringa
+bekannten, wilden Oliven- und Kareebäume, Mohatla- und Morethwabüsche,
+Bäume und Sträucher mit ahornartigen, geflügelten Samen, mehrere Arten
+von Mimosen (Acacia detinens, Acasia giraffe, Acacia horrida), an den
+Höhen die von Süden her bekannten (doch wie es mir schien in neuen
+Formen vertretenen) Aloën. Hier schoß ich auch einen großen, grauen Lori
+(Go-away von den Engländern, grote Mausevogel von den Holländern
+genannt), ferner eine braune Gabelweihe und zwei gelbgeschnäbelte
+Tukane. Der erstere Vogel nistet auf den höchsten Spitzen der Bäume, von
+wo er mit nach rechts und links bewegendem Köpfchen Alles ihm fremd
+erscheinende beäugelt, und dabei so oft er sein häßliches Geschrei
+go-a-wäh ausstößt, seinen Schopf hoch ausrichtet. Am 11. December machte
+ich mehrere Ausflüge in die Umgegend, die meinen Sammlungen sehr zu
+Statten kamen. Unter der Ausbeute befanden sich Papageien, sechs jener
+Lori's, Witwen, Tukane und zwei Kukuksarten, eine kleine, grün und grau
+melirte, rothbeschopfte Spechtart und Würger.
+
+Unsere Ankunft führte, da ich F. nach der Stadt entsendet hatte, um den
+dort ansässigen holländischen Schmied zu entbieten, bald mehrere
+Besucher herbei, deren erste scheu hervorgebrachte Frage dem Feuerwasser
+galt. Ihre Verlegenheit bewies mir, daß Montsua's Ruf als Gegner des
+Branntweins begründet war.
+
+Nachmittags erhielten wir einen andern Besuch aus Moschaneng, und zwar
+den ehrendsten im Lande der Banquaketsen, deren Gebiet wir (ungefähr
+unter 25° 10' südlicher Breite) etwa halben Weges zwischen Molema's Town
+und dem jetzigen, 70 englische Meilen davon entfernten Aufenthalte
+überschritten hatten. Ein gedeckter, zweirädriger mit vier Pferden
+bespannter Karren kam angefahren, bog im Gehölze um und dann gerade auf
+uns zu. Während Stephan die Pferde hielt, stiegen die Insassen, vier
+Eingeborne, aus. Zuerst ein junger Mann von etwa 25-28 Jahren, der sich
+uns als Mobili, den Sohn eines Basutohäuptlings vorstellte und der F.
+von Kimberley aus kannte, wo er ob seiner englischen Erziehung und
+seiner Fertigkeit in der englischen Sprache durch einige Zeit als
+Dolmetsch bei dem Gerichtsamt angestellt und ein Lebemann
+südafrikanischen Anstrichs war. Er war auf einer Rundreise unter den
+Betschuanahäuptlingen begriffen und eben vor wenigen Tagen vom Könige
+der Bakwena's angekommen. Mobili stellte uns nun, nachdem er mit F.
+Händedrücke ausgetauscht, die übrigen drei Personen mit den Worten vor.
+»These are two of the most distinguished Bechuana Kings (zwei der
+hervorragendsten Betschuanakönige), Montsua, jener der Barolongen, of a
+wealthy and mighty tribe (über einen wohlhabenden und mächtigen Stamm),
+hier Chatsitsive, König der Banquaketsen und dort der Hauptrathgeber
+oder der Vice-Kanzler des Banquaketse-Reiches.«
+
+Montsua, ein Mann von über 50 Jahren, wohlbeleibt mit einem stets
+lächelnden, gutmüthigen Gesicht, flößte mir sofort Zutrauen ein.
+Chatsitsive, ein großer, hagerer Mann, zeigte deutlich, wie auch sein
+Reichskanzler, daß sie ihr faltenreiches Antlitz den Umständen
+anzupassen verstanden. Alle waren europäisch gekleidet, Chatsitsive mit
+einem langen Ueberrock und Cylinder und sein Factotum mit einem
+Mentschikoff. Nachdem wir während des Gesprächs, das Mobili und Pit als
+Dolmetscher leiteten, scharf gemustert worden waren, meinte Montsua, daß
+er mich im Weichbilde seiner Stadt willkommen heiße, er wäre wohl nicht
+eigentlich auf seinem Gebiete, er lebe hier auf dem Boden seines
+Freundes Chatsitsive und habe vor langer Zeit schon den Molapo
+verlassen, weil er von den Boers bedrängt worden war; er sei nun aber
+ihres Treibens satt und wolle Moschaneng verlassen, um sich am Molapo
+oder in Poolfontein oder am Lothlakaneflüßchen eine Stadt zu bauen, dann
+müsse ich kommen und ihn besuchen.
+
+[Illustration: Königliche Besucher.]
+
+Hierauf wurde ich über Ziel und Zweck meiner Reise befragt. Als Antwort
+zeigte ich einige der Vogelbälge, welche mit Staunen betrachtet wurden.
+Mobili verdolmetschte dem König die Bearbeitung des Balges, was dieser
+jedoch nicht begreifen konnte und darüber unaufhörlich den Kopf
+schüttelte. Als ich den König zur Vorsicht mahnte, da Gift in der Haut
+des Balges enthalten sei (Mobile übersetzte es mit _molemo maschwe_,
+schlechte, böse Medicin) stieß der alte König einen leisen Schrei aus
+und ließ den Balg fallen; die Betschuana's fürchten nichts mehr als
+künstlich zubereitetes Gift, jedes Medicament, das nicht hilft und eine
+Verschlechterung des Kranken herbeiführt oder den Tod nicht verhüten
+kann, wird als Gift betrachtet »O,« seufzte Montsua, und er wie seine
+beiden Genossen besahen sich die Hände und fingen an, die Aermel ihrer
+Röcke aufzuschlagen, um sich die Finger im Sande abzureiben. Ich ließ
+Wasser und Seife bringen und holte eines meiner Handtücher, das Montsua
+noch immer mit einem besorgten Gesichte annahm und sich nicht eher
+beruhigte, als bis ich ihm durch Mobili die Wirkungslosigkeit des Giftes
+auf der menschlichen Haut erklären ließ.
+
+Größeres Erstaunen aber als der Vogelbalg, und laute Ausrufe selbst auch
+von Seite des sich den Anschein eines Gelehrten gebenden Mobili folgten,
+als ich zwei meiner mit Reptilien, Schlangen, Eidechsen, Fröschen und
+Spinnen gefüllten Flaschen vorwies. Alle vier Besucher waren dabei
+zurückgewichen und Montsua, seinen Kiristock gegen die Flasche
+vorhaltend, wollte nicht näher herantreten. Bald mich, bald die Flasche
+anstaunend beruhigte er sich erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß
+die Schlangen in dem _Butshuala a Makao_ (im Biere des Weißen)
+»schliefen« und nicht heraus konnten.
+
+Inzwischen war ein Mokka fertig geworden und die Blechbecher wurden
+herumgereicht. Unterdessen besah sich Montsua den Wagen, frug die Jungen
+(Diener), woher sie kämen und mich endlich, was sein Bruder Molema thue,
+ob er wohl sei; ich antwortete ihm, daß er an seinem alten Uebel leide
+und daß ich ihm ein Molemo gab, was ihm wohl helfen dürfe. Montsua nahm
+diese Nachricht mit beifälligem Schmunzeln auf.
+
+Sowie sich auch Chatsitsive gesetzt, frug Mobili, ob ich den »hohen
+Herren« keine andere Erfrischung zu bieten hätte. Ich verneinte, ich
+wüßte nicht, _was_ ich ihnen antragen könnte. Mobili stand auf, kam zu
+mir herüber und meinte, ich solle Pit und Stephan um Wasser schicken, er
+wollte mir etwas sagen, die Diener dürften jedoch nicht dabei sein. Ich
+that es und nun entpuppte sich das Geheimniß. Ich sollte jedem einen
+Schluck Brandy anbieten. Ich that es und Montsua meinte, daß er seinen
+Unterthanen Brandy anzubieten nicht gestatte, daß er ihn selbst nur ein
+oder zwei Mal im Jahre und dann nur zu einem halben Glas Wein trinke.
+Ich schenkte ein, Montsua trank etwa einen halben Löffel voll, griff
+aber darauf sofort nach Wasser. Chatsitsive brachte zwei Löffel voll
+hinunter, verzog aber dabei sein langes Gesicht derart, daß selbst
+Montsua (mit uns) in ein krampfhaftes Lachen ausbrach. Chatsitsive ließ
+etwa einen Löffel in dem Blechbecher übrig, reichte ihn dem
+Vize-Kanzler, und dieser leerte ihn rasch, worauf er den Rest mit dem
+Finger zu erhaschen sich bemühte. Mobili spülte den halben Becher hinab,
+ohne eine Miene zu verziehen.
+
+Nachdem die hohen Herren uns allen die Hände geschüttelt hatten, und
+sogar die Diener mit einem Kopfnicken bedachten, stiegen die Besitzer
+von einigen hundert deutschen Quadratmeilen Landes in ihren Karren,
+Mobili nahm die Zügel zur Hand, um sich zur Abfahrt fertig zu machen; da
+legte sich Montsua's Linke an seine Schulter, während er mir mit der
+Rechten noch einmal an den Karren heranzukommen winkte. Mit zwei Sätzen
+war ich an seiner Seite und der Dolmetscher frug mich in des Königs
+Namen, wo ich den für ihn bestimmten »Rumela« (Empfehlungsbrief) des
+Missionärs Webb habe. Ich holte beide Schreiben und bat nun den König,
+den zweiten an seine Adresse zukommen zu lassen, konnte jedoch nicht
+umhin, meiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß man am Hofe zu
+Moschaneng schon von der Sache vernommen hatte. Montsua lachte. »Ja,«
+meinte er, »ich weiß es seit drei Tagen, denn an Euch gingen eines
+Tages, während Ihr schliefet, zwei Barolongen von Molema's Town vorüber,
+welche mir die Nachricht von Deinem Besuche der Stadt, Deinem Thun
+daselbst und von dem Zwecke Deiner Reise, von den beiden Briefen und der
+guten Wirkung Deines Molemo an Bruder Molema zu berichten hatten.«
+
+Am folgenden Morgen besuchte mich Herr Martin, einer der besten Männer
+unter den Weißen, die ich unter den central-südafrikanischen Eingebornen
+gefunden, zugleich mit Gentuña, dem Häuptling der Baharutsestadt, welche
+den nördlichen, durch einen Bach getrennten Theil von Moschaneng bildet.
+Wir hatten eine längere Unterredung, die mir sehr willkommen war.[1] Ich
+benutzte jeden freien Augenblick zum Sammeln und war mit dem Aufenthalte
+in dem traulichen Gehölze sehr zufrieden.
+
+ 1: Kanja (Kanje) die Hauptstadt der Banquatetsen (oder
+ Ba-N'Quatetsen) und Chatsitsive's Residenz liegt neun englische
+ Meilen, Süd bei Ost, von Moschaneng; eine Tagreise weit
+ ostnordöstlich (zwischen 17 und 20 Meilen liegen die Ruinen der
+ früheren Residenz des Balwenakönigs Seschele, doch in ihrer Nähe,
+ nur durch ein Flüßchen entfernt, gegenwärtig zwei Eingebornenstädte,
+ die diesseitige, welche an Chatsitsive's Gebiet liegt von den Manupi
+ und eine zweite an Seschele's Gebiet grenzend, die von den Makhosi
+ bewohnt wird (seitdem sind die Makhosi ausgewandert). Herr Martin
+ sprach sich sehr lobend über Gentuña aus. Herr Martin hatte mit
+ einem anderen Händler auch einen Jagdzug nach dem westlichen
+ Matabeleland unternommen, dabei jedoch durch Krankheit, die Tsetse
+ und andere Unannehmlichkeiten viele Zugthiere und im Allgemeinen
+ sehr viel eingebüßt. Er war an die Tochter des vor Kurzem
+ verstorbenen Districtbeamten des Maricodistrict verheiratet und
+ seine Frau wohnte theils bei ihren Verwandten in Zeerust, theils
+ lebte sie mit ihm in einem kleinen Häuschen in Moschaneng, das er
+ mir gastlich zur Verfügung stellte.
+
+Am 14. Nachmittags setzte ich meine Reise nach Moschaneng fort. Die
+Fahrt dahin ging durch angebaute Felder und in einem offenen sich nach
+Osten ausbreitenden, nach Westen durch Felsenhöhen und zu unserer Linken
+nach Süden durch bebuschte Höhen begrenzten Thale; die letzteren
+bildeten als die nördliche Kette von Malau's Rand die Höhen von
+Moschaneng. Malau's Rand ist wiederum als der südcentrale Theil der
+Banquaketsehöhen zu betrachten, welche durch die Lekhutsa und
+Makarupuhöhen in östlicher Richtung mit dem westlichen Gebirgsknoten des
+zentralen Süd-Afrika zusammenhängen.[1]
+
+ 1: Ich unterscheide drei Gebigsknoten im centralen Süd-Afrika; einen
+ östlichen, die Magalisberge; einen westlichen, das Marico-Höhennetz;
+ und einen nördlichen, den im Matabeleland.
+
+
+
+
+X.
+
+Von Moschaneng nach Molopolole.
+
+König Montsua und das Christenthum.--Die Wesleyan-Mission in
+Moschaneng.--Besuch am Wagen.--Meine ärztliche Praxis in
+Moschaneng.--Merkwürdige Termitenbauten.--Ein Intermezzo bei unserer
+Abreise.--Das Banquaketse-Hochland.--Anzeichen tropischer
+Vegetation.--Hyänenhunde.--Pittoreske Landschaftsscenerien an den
+Naprstek-Höhen.--Beleuchtungseffecte auf der Hochebene.--Ruinen von
+Mosilili's Stadt.--Klippdachsjagd.--Grasbäume.--Ein Thari.--Molopolole.
+
+
+Der südliche Theil von Moschaneng war von Molema und seinen Barolongen
+bewohnt, und mit Ausnahme der schon verfallenen Kirche und dem Häuschen,
+in dem Herr M. wohnte, besaß es kein im europäischen Style aufgeführtes
+Wohnhaus. Die Häuschen der Eingebornen zeigten den, den Betschuana's
+eigenthümlichen Typus, nur waren sie ob des beschränkten Raumes sehr
+dicht nebeneinander erbaut, dagegen waren die Gehöfte des durch einen
+Bach und sein kleines Thälchen geschiedenen Stadttheils der Baharutse
+geräumiger. Ich schätzte die Einwohnerzahl beider Städte auf 7000,
+welche Zahl um circa 1000 auf- und abschwankt, da einestheils viele
+Bewohner längere Zeit in den Diamantenfeldern arbeiten, andere wieder
+die entfernten Felder bestellen. Des Königs Behausung, je ein Gehöft mit
+zwei Wohnungen für jede seiner fünf Frauen und sein eigenes stand in der
+westlichen Hälfte der Stadt nahe am Ufer des Bächleins.
+
+Die Verfassung unter den Barolongen und Banquaketsen ist eine im
+gewissen Sinne constitutionelle, wenn auch etwas beschränkter als unter
+den Bakwena's und östlichen Bamanquato's. Unter den Betschuanakönigen
+steht nach Khama, dem nunmehrigen Könige der östlichen Bamanquato,
+Montsua obenan. Er ist ein Heide, doch besser als der christliche
+Seschele, obwohl er anfangs, als das Christenthum in's Land drang, aus
+Unkenntniß seiner Satzungen es lebhaft bekämpfte, da er befürchtete, daß
+dasselbe seine Unterthanen von ihm abwendig machen und seine königliche
+Macht schwächen könnte und daher alles aufbot, es wieder aus dem Lande
+zu verdrängen.
+
+Wie bei den meisten Betschuanastämmen, unter denen Missionäre zu wirken
+begannen, waren es auch hier meist die jungen Leute, welche an den neuen
+Lehren Gefallen fanden, während die alten fest an ihren heidnischen
+Satzungen hielten. Montsua fiel dies auf und dies um so mehr, als sich
+die jungen Männer und Mädchen nicht in der entsprechenden Anzahl zur
+Circumcision einstellten, an den Hochzeitsorgien nicht theilnehmen
+wollten und viele andere heidnische Feste spärlich besucht waren. Unter
+den Betschuana's ist ein Tanz gebräuchlich, welcher Rohrtanz heißt,
+einem alten, heidnischen Gebrauche zu Grunde liegt und der von durch die
+Städte ziehenden, auf Schilfrohrpfeifen unaufhörlich blasenden Männern
+getanzt wird (zuweilen stirbt einer oder mehrere während des Tanzes oder
+kurz darnach an acutem Emphysem der Lungen durch das unaufhörliche
+Pfeifen hervorgerufen). Montsua stellte daher das Verlangen, daß die
+jungen Leute der herkömmlichen heidnischen Sitte gerecht werden sollten,
+und hatte unter dieser Bedingung nichts gegen die Taufe (_bathu ba
+lehuku_: nach Rev. Mackenzie das Volk des Wortes, oder das Volk, welches
+das Wort Gottes aufnimmt) einzuwenden. Durch seinen eigenen Bruder
+Molema, der das Christenthum mit vollem Herzen aufgenommen, angespornt
+und ermuntert, verweigerten es die Neubekehrten, dem Wunsche des Königs
+nachzukommen. Molema fand an Jan, dem nunmehrigen dunklen
+Barolongen-Prediger einen treuen Helfer.
+
+Von seinen Regendoctoren aufgestachelt, forderte Montsua, daß sich die
+Bekenner des neuen Glaubens an zwei mit der Regenzauberei
+zusammenhängenden Ceremonien betheiligen sollten, d.h. an der
+Letschulojagd, welche von den Regendoctoren veranstaltet wird, um von
+gewissen Wildarten bestimmte, zu ihren abergläubischen Handlungen
+gebrauchte Theile zu erlangen, sowie an dem Umgraben einer Ackerstelle,
+welche von den Regendoctoren benutzt und als geweiht angesehen, und
+tsimo _ea pulta_, d.h. Garten, dem Regen geweiht, genannt wird. Auch
+dies wurde von den Bekehrten verweigert, sie ließen jedoch dem Könige
+wissen, daß sie ihm jeden anderen Beweis ihrer Treue und ihres Gehorsams
+als Unterthanen geben wollten, allein die Gebräuche ihrer Vorväter,
+seitdem sie _bathu ba lehuku_ geworden, nicht mehr ausüben könnten.
+
+In Folge des constitutionellen Regimes und der Zahl der Anhänger des
+neuen Glaubens konnte er die sich Weigernden nicht so leicht bestrafen,
+allein er sann auf andere Mittel und fand auch bald Gelegenheit, solche
+in Anwendung zu bringen, als sich am nächsten Sonnabend Molema und Jan
+auf das Land begaben. Er ließ in der Stadt bekannt machen, daß sich am
+folgenden Tage kein Mensch in der Kirche blicken lassen dürfe. Allein
+ohne sich um diesen Befehl zu kümmern und von zwei Frauen (denn diese
+erkannten zu wohl, daß das Christenthum sie aus der Stellung der
+»Sclavinnen« in eine dem Manne ebenbürtige hob) angefeuert, fehlte auch
+nicht Einer, als die Zeit des Gottesdienstes kam, in dem kleinen
+Gebäude. Des Königs Getreue brachten ihm bald die Kunde von dem
+Geschehenen, auch konnte er aus seinem Häuschen den Gesang der Hymnen
+hören. Aufgebracht über diesen offenen Widerstand bewaffnete sich
+Montsua mit einem langen, dolchartigen Messer und eilte nach der Kirche,
+in welche er eintrat, als eben einer der Männer (in Molema's
+Abwesenheit) das Dankgebet vorlas. Sein Erscheinen brachte natürlich
+Schrecken unter die Versammelten und diese Verwirrung benutzend, befahl
+ihnen der König, sich sofort zu entfernen. Da war es eine der Frauen,
+die ihm mit den Worten entgegentrat, daß sie (die Versammelten) als
+_bathu ha lehuku_ erst ihre Andacht beenden würden. Diese Worte brachten
+den König derart in Zorn, daß er auf die Frau losstürzte und es ihm nur
+durch die Drohung, von seiner Waffe Gebrauch zu machen, gelang, die
+Anwesenden aus der Kirche zu treiben. Unter den Bekehrten befand sich
+auch eine seiner Töchter und ihr Mann. Der König verbot ihr aus dem
+Hause zu gehen, als sie jedoch von einem der Unterrichteten aus der
+neuen Gemeinde besucht wurde und mit diesem in einem Hymnenbüchlein las,
+schied sie ihr Vater von ihrem Manne, nahm sie zu sich in's Haus und
+zwang sie, der alten heidnischen Sitte gemäß sich blos mit dem
+Lederschürzchen zu bekleiden.
+
+Doch alles dies half Montsua nichts und so wurde er endlich seines
+strengen Verfahrens müde und nachdem er eingesehen, daß die Bekehrten
+sonst ebenso treue Unterthanen waren und überdies arbeitsamer und
+wohlhabender wurden, ließ er nicht allein von den Verfolgungen ab,
+sondern beförderte (ohne selbst die neuen Lehren anzunehmen) die
+Verbreitung des Christenthums in seinem Lande als Jener und Molema
+später von einander schieden, ordnete er an, daß Jan, der Barolonge, den
+um ihn Wohnenden und Molema den in Molema's Town am Molapo Weilenden
+predigen sollte.[1]
+
+ 1: Das Christenthum wurde unter die Barolongen durch die
+ Weslyanische Missionsgesellschaft gebracht, deren nördlichste
+ Station zur Zeit meines Besuches im Jahre 1875 Moschaneng,
+ gegenwärtig, nach der Uebersiedlung Montsua's nach Lothlakane,
+ Molema's Town ist. Hier wirkt noch immer Molema, während Herr Webb
+ seitdem die Stadt verließ und in Lothlakane Rev. Harris (statt Rev.
+ Webb) fungiert. Das Wirken der Missionsgesellschaft hat insofern
+ gute Früchte getragen, als es viele der Barolongen veredelte, den
+ Herrscher zu weisen Maßregeln brachte, und dadurch, daß die
+ Missionäre auch Ackerbau einführten, den Wohlstand der Eingeborenen
+ hob.
+
+Einer der ersten Besucher am Wagen war ein alter Regendoctor, der mich,
+als er von Montsua hörte, daß ich ein Naka (Doctor) sei, als Kollegen zu
+begrüßen kam. Der alte Mann fand großen Gefallen an Monkey und bat mich
+wiederholt, ihm das Thier zu verkaufen, da er es zu seinem _pula-jana_
+(Regenzauberei) gebrauche, und wunderte sich, daß ich, trotzdem ich auch
+ein Naka sei, es nicht glauben wolle. Auch Montsua kam mit Einigen
+seines Haushaltes, ein Diener trug ihm ein Stühlchen nach, worauf sich
+Seine königliche Hoheit niederließ; er erzählte mir von dem die Manupi
+beherrschenden, über 100 Jahre (105) alten Häuptling und von der Weise,
+wie die Matabele Moselikatse's Begräbniß gefeiert hatten.
+
+Was ich schon während der Reise bis hierher wiederholt befürchtet, trat
+ein, von meinen Zugthieren erkrankten nicht weniger als vier, von denen
+ich drei, Dank eines mir von Herrn Martin anempfohlenen Heilmittels noch
+retten konnte, ihre Leistung konnte aber für die nächste Zeit kaum in
+Betracht kommen. Ich stand nunmehr der absoluten Nothwendigkeit
+gegenüber, mir Ersatz zu schaffen; glücklicher Weise gelang mir dies
+leichter, als ich es je gehofft. Am nächsten Tage ließ mich Montsua zu
+sich rufen und erbat sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für
+drei seiner Frauen, von welchen er eine mir als sterbenskrank
+schilderte, meinen ärztlichen Beistand. Die von mir verabreichten
+Arzneien hatten Wunder gewirkt, alle meine Patienten fühlten sich schon
+in den nächsten Tagen bedeutend wohler. Ich sah mich in Folge dessen
+bald von Hilfsbedürftigen umlagert, des Königs Bruder, der Chef
+Chatsitsive, der Barolong-Prediger Jan Leschumo, seine Frau und sein
+Sohn und zahlreiche andere Eingeborne, darunter besonders Frauen mit
+ihren Säuglingen, drängten sich zu meinem improvisirten, unter freiem
+Himmel errichteten Ordinationssalon. Meinen ärztlichen Erfolgen hatte
+ich es zu danken, daß ich Moschaneng mit einem frischen, zugkräftigen
+Gespann verlassen konnte.
+
+Die von Molema (des Königs Bruder) vom Molapo gesandte und durch zwei
+Boten abermals bestätigte Nachricht von seiner Besserung hatte mir nicht
+allein als Empfehlung gedient, sondern mir auch das Vertrauen der Leute
+in Moschaneng im Sturm gewonnen.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 18.
+
+Montsua bewies seine Erkenntlichkeit, indem er mir 1 £ St. für die
+verabreichten Arzneien nebst vier weißen und ebensovielen schwarzen
+Straußenfedern von seltener Schönheit überreichte, von welchen er die
+weißen für meine Frau bestimmte; meine Entgegnung, daß ich noch keine
+Frau hätte, nahm er mit ungläubiger Miene auf, rieth mir aber
+schließlich, die Federn für meine zukünftige Gattin aufzubewahren. Dem
+Wohlwollen des Königs verdankte ich auch fünf kräftige Zugthiere, die er
+mir für mein Snidergewehr überließ, während Herr Martin und der Händler
+Mr. T. mir zu weiteren fünf Thieren verhalfen, so daß ich nunmehr über
+14 Zugthiere verfügen konnte und frohen, leichten Muthes der Weiterreise
+entgegensah.
+
+[Illustration: Barolongfrauen aus Moschaneng.]
+
+Ich muß hier einer interessanten Beobachtung gedenken. An der Lehmwand
+von Mr. Martin's Wohn- und Verkaufslocale sah ich Termiten von einem
+unter der Mauer, in der Erde befindlichen Baue einen Gang nach auswärts
+an der Außenseite der Wand, aus dem Anwurf mit Hilfe der
+Speichelsecretion kneten und formen. Dieser bedeckte Gang war so weit,
+daß man etwa einen Bleistift hätte einführen kennen, zeigte viel
+Abzweigungen nach rechts und links und auch Gabelungen nach oben. Aus
+einem zweiten Souterrainbau führten mehrere solcher Kanäle nach
+auswärts, aus der Ferne betrachtet schien es, als hätten Menschenhände
+an Herrn Martin's Hauswand Strauchformen durch Ankneten von röthlicher
+Thonerde nachzuahmen versucht.
+
+Der Aufenthalt in Moschaneng war auch der Vermehrung meiner
+ethnographischen und etymologischen Sammlungen sehr förderlich. In Bezug
+auf erstere erwarb ich mehrere Carossen, Kiri's, Waffen, Stöcke mit
+eingebrannten Verzierungen, zu Wassergefäßen hergerichtete Straußeneier,
+hölzerne Löffel, eine Holzschüssel, Schnupftabakdosen aus Kürbisschalen
+und Horn gearbeitet und viele Insecten. Unter den letzteren eine neue
+Cerambyx und eine dieser Familie verwandte, schwarzgelb gebänderte
+Species, zwei stahlgrüne und eine kupferfarbige Scarabidenart, sowie
+andere neue Stücke und Duplicate, im Ganzen etwa 350 Stück. Die
+trockenen Mimosenzäune waren die Rendezvousstellen zweier schöner
+Bockkäferarten.
+
+Am 17. wollte ich endlich abreisen, doch Montsua ließ es nicht zu. Ich
+müsse noch bleiben, hätte ich kein Fleisch, würde er mir welches senden
+und um Mittag wurde ich thatsächlich mit einem Ziegenbock als Geschenk
+des guten Mannes überrascht. Dann kam er selbst wieder und bat mich noch
+einen seiner Leute, einen wohlhabenden Mann, besuchen zu wollen. Als ich
+einwilligte, wurde ich sofort zu dem letzteren geführt und hatte hier
+Gelegenheit, Einblick in das Familienleben eines Betschuana's zu thun.
+
+In einem etwa 40 Schritte im Durchmesser zählenden Höfchen standen drei
+der gewöhnlichen Betschuanahütten oder Häuschen. Eine Schaar nackter
+Kinder spielte lustig umher. Ich hatte kaum Zeit, mich in dem Höfchen
+umzusehen und die riesigen aus Gras geflochtenen Körbe zu betrachten, in
+denen das Kafirkorn aufbewahrt wird, als der Bote aus dem Häuschen
+heraustrat und mir mit den Worten Bapila, Sir (Warte, Herr) ein
+primitives Stühlchen zum Sitze anbot. Dann lief er in die nächste Hütte
+und holte ein junges Weib heraus, sowie eine alte Frau, welche die
+Kinder zur Ruhe verwies. Die Frauen begaben sich sodann in das Häuschen,
+in dem der Kranke lag, brachten zuerst ein gegerbtes Ochsenfell heraus
+und dann mit Hilfe des Führers den kranken Mann, der es nicht zugeben
+wollte, daß sich der weiße Doctor in das Innere der kleinen Wohnung
+bemühen solle. Ich hatte vor mir einen noch jungen Mann. Er betrachtete
+mich mit neugierigen, etwas ängstlichen Mienen und schien seit Langem
+ein Lazarus zu sein. Um den Hals trug er ein aus Gras geflochtenes
+Schnürchen und an diesem im Abstande von 1¼-1½ Zoll kleine,
+gekerbte, Schwärzliche Holzpflöckchen, etwas ähnliches über der
+Wade--Beschwörungsmittel die ihm, um seine Krankheit zu heilen, von den
+Regendoctoren angelegt worden waren. So ängstlich wie der Kranke, sahen
+mich auch die beiden Weiber, seine Frau und seine Mutter, an. Ich fand
+den Fuß in sehr schlechtem Zustande und die meisten der Tarsusknochen
+cariös entartet. Als ich die Sonde in die Wunde einführte, schloß ihm
+die junge Frau mit ihrer rechten Hohlhand die Augen und ich sah
+deutlich, wie sich die Stirne des Mannes über der vorgehaltenen Hand und
+seine Schläfe mit dichten Schweißtropfen bedeckten.
+
+Als ich die Untersuchung der Wunde beendet hatte, sprach ich dem Kranken
+gegenüber die Hoffnung aus, ihn bei meinem nächsten Besuche Moschanengs
+besser zu finden. Er war des Holländischen nicht mächtig und richtete
+einen fragenden Blick auf den Boten. Sofort übersetzte dieser mein
+Gutachten, wobei er dreimal so viel Worte gebrauchte. Nun folgten meine
+Rathschläge, welche zwei- und dreimal so lang, meist in umschriebener,
+mit Gesticulationen verbundener Form wiedergegeben wurden. Als der Mann
+das Einspritzen von lauwarmem Wasser in die Wunden, dann jenes einer
+Lösung von Medicamenten erklärte, mußte ich alles aufbieten, um nicht in
+lautes Lachen auszubrechen. Ich hatte eine kleine Glasspritze
+mitgenommen, deren Wirkung von allen offenen Mundes angestaunt wurde;
+höchst verwundert nahm jeder der Anwesenden die Spritze zur Hand.
+
+War schon die Gebrauchsanweisung derselben von meinen Zuhörern schwer
+begriffen worden, so war dies noch im höheren Grade der Fall, als ich
+das Vorgehen bei dem Loslösen zerstörter Knochenstücke und das Herauf-
+und Herausheben der so zur Oberfläche durch die Wundkanäle getretenen zu
+erklären hatte; doch auch dies gelang, ebenso die Belehrung, täglich
+häufige Waschungen zu halten und ihm eine Medicin (Eisen und Chinin)
+dreimal und ein Pulver (Kalk-Phosphate) zweimal des Tages zu
+verabreichen. Hier mußte ein Holzlöffel geholt, Wasser eingeschüttet,
+dann das Pulver mit etwas Mehl nachgeahmt und das ganze von dem Führer
+verschluckt werden, um alles dies im Höfchen wohl begreiflich zu machen
+und dem Kranken selbst Vertrauen einzuflößen. Als ich beendet, ersuchte
+mich der Kranke, ihm meine Hand zu reichen und unter einem allseitigen
+Rumela verließ ich das Höfchen, um die Medicamente zu präpariren; mein
+Führer jedoch eilte zu dem Könige, um hier (wie ich später erfuhr) die
+ganze Scene, mein Betragen etc. haarklein zu beschreiben.
+
+Während unseres Aufenthaltes in Moschaneng wurde Pit häufig von einer
+Landsmännin besucht, welche von ihrem Vater (einem Griqua) an einen
+hiesigen Barolongen verkauft, d.h. verheirathet worden war. Sie schien
+sich vollkommen glücklich zu fühlen, ebenso daß sie einen
+»Stammesbruder« fand, mit dem sie, einen Säugling im Tuche am Rücken
+gehüllt und ein Kind an der Hand führend, stundenlang im Tage Pfeifchen
+um Pfeifchen ausschmauchen konnte. Sie schien ein weniger hartes Los zu
+haben, als es sonst die Frauen der Betschuana's ertragen müssen.
+
+Montsua machte mir den Vorschlag, mich in Moschaneng häuslich
+niederzulassen, und meinte, an Praxis würde es mir hier nie fehlen
+können, da die Leute von Kanja, Molema's Town, von Manupi u.s.w. alle um
+Molemo (Medicin) zu mir kommen und diese mit Straußenfedern, Fellen,
+Ochsen und Ziegen bezahlen würden. So wohlwollend die Einladung auch
+war, ich hatte eine andere Aufgabe vor mir.
+
+Am Morgen des 18. machte ich mich zur Abreise bereit. Alle Notabilitäten
+von Moschaneng fanden sich ein, Montsua und Herr Martin brachten noch je
+eine schöne, weiße Feder und ich mußte wiederholt dem Könige die Hände
+schütteln. Als letzten Beweis seiner Huld bot mir der König einen Führer
+nach Molopolole zu dem Könige der Bakwena's an, den ich, obwohl er nicht
+kräftig schien, mitnahm. Ein Intermezzo, das unsere Lachlust auf's
+Höchste in Anspruch nahm, beschloß unseren Aufenthalt in Moschaneng.
+Unser neuer Führer nahm Freund Boly bei seite und frug ihn, ob der Baß
+es wohl erlauben würde, daß er seine Frau und Nichte mit auf die Reise
+nehmen könne. Da Boly es verneinte, wandte er sich darauf an mich und
+über den Grund dieses seines Ansuchens befragt, gestand er, daß dieser
+Makoa (Weiße), auf B. weisend, seiner Frau und dem Kinde (Nichte) tata,
+tata (viel, viel) gefiele und sie deshalb mitreisen wollten.
+
+[Illustration: Klippdachsjagd.]
+
+Wir schlugen eine nordwestliche, dann eine nördliche Richtung ein und
+hatten zwischen der verlassenen Stadt und dem zweitnächsten Flusse, den
+Koluany, den wir zu überschreiten hatten, ein Hochland zu durchziehen,
+welches an Schönheit der Gebirgsscenerien en miniature nur von dem
+großartiger geformten Makalaka-Höhenlande (Westmatabele) übertroffen
+wird. Das Hochplateau ist theilweise Busch-, theilweise freies Grasland,
+doch hie und da auch dünn bewaldet und von einer Unzahl bis an 80 Fuß
+hohen meist pyramidenförmig geformten, aus riesigen Granitblöcken
+bestehenden Felsenhöhen übersäet. Da sich in ihrer Nähe der Boden in der
+Regel feucht erhält, sind sie von einem Mimosengürtel umsäumt und von
+üppigster Vegetation bedeckt, in welcher sich namentlich kleine
+Aloëarten und niedrige cactusförmige Euphorbiaceen, doch auch Stapelien
+bemerkbar machen und letztere mit ihren dunklen, sammtartigen, fein
+behaarten, erstere mit ihren schönen rosa- und dunkelrothen Blüthen und
+die Euphorbiaceen durch ihre Formbildung besonders hervorstechen und um
+so wirkungsvoller in das Auge fallen, als sich ihr Bild hier aus einer
+verwitterten Felsenritze, dort zwischen zwei eng aneinander gefügten
+Blöcken oder aus den grauen Felsenhöhlungen anmuthig hervorhebt. Doch
+das, was uns am meisten aus der Pflanzenwelt an diesen interessanten
+Felsenkuppen auffällt, sind die Sykomoren, welche mit hellgrauen, dicken
+wulstigen, bald breiten und flachen, bald netz- oder auch gabelförmigen
+Wurzeln senkrechte Felsenwände überziehen um in einer Höhe von 2-10 Fuß
+und darüber (von der Ritze, aus der diese Wurzeln gekommen) in den
+fleischigen, gedrungenen, mit schönen großen Blättern und einer
+schattigen Krone geschmückten Stamm überzugehen. Oxalis, Farrenkräuter
+und Moose sowie Flechten sind in artenreicher Anzahl vorhanden; auch
+beobachtete ich auf diesem Plateau neue Lepidopteren und Käfer, und fand
+von Säugethieren marder- und katzenartige Raubthiere, sowie auch den
+Klippdachs zahlreich vertreten. Nach Westen senkt sich das Hochplateau
+gegen einen nach Regen zu einem Flusse angeschwollenen und von
+Moschaneng von Norden bei Westen, dann Nordwesten und endlich Norden
+fließenden und in den Masupa-River mündenden Bach. Der Abfall ist steil,
+oben bewaldet, ein Lieblingsaufenthalt der Hyäna brunea und punctata,
+doch hauptsächlich des Caracal und des Leopard.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 19.
+
+[Illustration: Naprstek-Höhen.]
+
+[Illustration: Wolfshyänen eine Viehheerde überfallend.]
+
+Diese ausgedehnten Hochflächen sind aber besonders durch die in großen
+Rudeln auftretenden, gefürchtetsten aller südafrikanischen Raubthiere
+verrufen. Von Gestalt zwischen Proteles und Hyäne, ist dieses Thier der
+grimmigste Feind aller Viehheerden, vor ihm warnte mich sowohl Herr
+Martin als König Montsua selbst. »Du darfst nie,« meinte Montsua, »Deine
+Ochsen in der Nacht grasen, nie sie allein ohne Aufsicht am Tage weiden
+lassen, sonst wirst Du nur wenige mehr nach Molopolole bringen.« Jenes
+Raubthier ist der wohlbekannte Canis pictus (auch Lycaon pictus oder
+venaticus, in Süd-Afrika als »the wild dog« bekannt) der zu den
+räuberischsten, mit einem unauslöschlichen Vernichtungstriebe und einer
+nicht minder gierigen Freßwuth von der Natur bedachten Geschöpfen der
+Erde gehört. Von der Größe eines nicht ganz erwachsenen Wolfes, doch
+schmächtiger, wird dieses Thier großen Säugethieren wie Rindern, Eland-,
+Hartebeest-Antilopen etc., dadurch gefährlich, daß es nur in Rudeln
+jagt, niederen Thieren dadurch, daß es, sobald es eines derselben
+(Ziege, Schaf, Wildschwein) getödtet, sich auf ein zweites und drittes
+wirft und auf diese Weise unbewachten Heerden die größten Verluste
+beibringen kann. Die Länder der Eingebornen und die Grenzdistricte der
+Transvaal-Provinz werden besonders häufig von ihnen heimgesucht.
+
+Dieses Raubthier bewohnt unterirdische Höhlen und jagt in Rudeln in
+einem bestimmten Districte von seinen Höhlen aus oder über weite
+Strecken, um sich zur Frühjahrszeit in seinen alten Wohnsitzen
+einzufinden. Mit hochgehaltener Schnauze sucht es die Witterung
+aufzunehmen, ist es darin erfolglos, so läuft die Truppe zerstreut, doch
+nicht weit auseinander, durch das Gras, mit der Schnauze längs dem Boden
+hinfahrend. Aufgenommene frische Spuren von Wild und Hausthieren (sehr
+selten Pferden, die für den Canis pictus zu rasch und gefährlich sind)
+werden sofort verfolgt dann jagt die Meute dicht gedrängt, heulend und
+kläffend in der Spur, kommt ihnen außerdem die Witterung noch zu Hilfe,
+so geht ihr Lauf in ein solches Rasen über, daß manche oft gegen Büsche
+anrennen und über Gestein und Ameisenhügel kollern. Ihrer geringen Größe
+halber lassen größere Thiere, wie Rinder und Elandantilopen, sie oft
+nahe kommen, was diesen dann zum Verderben wird. Ja es geschieht sogar
+zuweilen, daß sich dieselben nicht eher zur Flucht wenden, als bis sie
+von der Meute angegriffen werden. Während sich nun das eine Rind mit den
+Hörnern gegen zwei oder drei der Austürmenden kehrt, haben sich deren
+drei bis vier andere in die Schenkel, ebenso viele in den Bauch
+verbissen--statt sich nun zu wehren, sucht sich das Thier durch die
+Flucht zu retten; manchmal gelingt dies und die Rinder kehren mit in den
+Unterleib gebissenen Löchern heim, doch wenn es stolpert, wenn es am
+Halse, oder gar an den Nüstern gefaßt wird, wenn ihm die Kniegelenke
+durchbissen werden und durch die Wunden im Unterleibe, die in der Regel
+die gefährlichsten werden, die Eingeweide herausfallen oder
+herausgezerrt werden, ist es verloren und geht nach stundenlanger Qual
+zu Grunde.
+
+Am 18. zogen wir über das Hochplateau des Banquaketse-Landes. In Folge
+des vorgeschrittenen Sommers grünte alles um die Wette, ich sah nicht
+eine trockene Mimose. Die Perle der verschiedenen, dem Auge sich
+bietenden Felsenscenerien trafen wir an den Naprstekhöhen, mit denen das
+pittoreske Landschaftsbild auch nach Norden zu seinen Abschluß findet.
+
+Gegen Sonnenuntergang fuhren wir in das mäßig tiefe Thal eines bis auf
+eine kleine Rinne trockenen Sand-Rivers, Mosupa (Masupa, Moschupa)
+genannt, der sich mit dem Taung, einem linken Nebenfluß des Notuany
+vereinigen soll. Das Bett des Flusses wie seine Ufer waren stellenweise
+mit riesigen Granitblöcken übersäet, welche am linken Ufer gewaltige
+Platten bildeten, deren ebene, etwas vertiefte, obere Flächen große von
+der Natur gebildete, seichte Wasserreservoirs zeigten. Einige hundert
+Schritte zur Rechten macht der Fluß eine plötzliche Wendung nach
+Nordosten; im inneren Winkel dieses Buges und am linken (nördlichen)
+Ufer erhebt sich ein grotesker Felsenhügel, welcher mit zwei anderen
+zusammenhängenden, doch niedrigeren, aus wahren Riesenblöcken
+bestehenden, abgeflachten Höhenkuppen durch einen Sattel zusammenhängt.
+
+Von dem Hochplateau gegen die Thalsohle herabfahrend, verwehrte uns
+üppiges Baum- und Buschdickicht den Fernblick und so öffnete sich denn
+plötzlich vor uns eine der anmuthigsten und schönsten Scenerien. Die
+glühende Sonnenscheibe berührte den Rand des nahen, bebuschten
+Hochplateaus, aus dem sich der Masupa-River den Weg nach Osten bahnt.
+Die ganze Fülle der Strahlen ergoß sich in das Thal und auf die ihm
+zugekehrten Seiten der Höhen. Während es ihnen ob der tiefen Lage des
+Flußbettes, aus dem nur hie und da der weißliche Sand und die hellen
+Felsenblöcke undeutlich herausschimmerten, nicht möglich war, in diese
+Mulde zu dringen, beschienen sie hell die riesigen Felsenplatten und
+Massen aufgetürmter Felsenblöcke am linken, jenseitigen Ufer, aus denen
+an verschiedenen Stellen die erleuchteten Oberflächen der klaren,
+natürlichen Felsencisternen nach allen Seiten riesigen Diamanten gleich
+funkelten. Hob sich der Blick nach den Höhen im Norden und Nordosten
+(den nahen Naprstekhöhen) so erschienen die schroffen und abschüssigen,
+die abgerundeten und abgeflachten Felsenblöcke derselben überall da, wo
+sie nicht eine schattige Sykomore oder anderes, helleres oder dunkleres
+Grün von Bäumen oder Sträuchern deckte, wie durch innere Hitze erglühend
+und der Reflex dieses Purpurlichtes, sowie die unmittelbar auf das Laub
+der Bäume fallenden Strahlen des untergehenden Sonnenlichtes hüllten die
+dem Westen zugekehrten Kronen in ein goldenes Gewand, welches bei der
+Bewegung der Aeste, Zweiglein und Blätter, zu flimmern schien. Von den
+so herrlich beleuchteten Punkten der vor unseren Blicken sich
+ausbreitenden Scenerie vollkommen gefesselt, hatte unser Auge die
+weniger beleuchteten Partien, wie z.B. jenen freien geschützten Raum am
+Fuße der Höhen zwischen den nördlichen und den am jenseitigen Ufer sich
+erhebenden Felsenmassen nicht gesehen. Doch als nun das goldene Gestirn
+untergegangen war, als der Purpurglanz an den Höhen und den vorragenden
+Erhebungen und Felsenformen im Thale erbleicht war und eine
+gleichmäßigere Vertheilung des Lichtes platzgriff, fiel uns jene
+oberwähnte, anfangs nicht beachtete Strecke am südlichen Fuße der Höhen,
+jener zwischen denselben von pittoresken und belaubten Felsenmauern
+umschlossene Raum auf.
+
+Hatten wir mehrere zufällig hingeblickt, oder war es die erwähnte
+gleichmäßige Lichtvertheilung, welche die Netzhaut unseres Auges in
+gleicher Weise afficirte, genug, E., ich und Pit der Griqua stießen
+unwillkürlich einen Ruf der Ueberraschung aus. Was hatten wir erblickt?
+War das ein Kirchhof--doch nein, wir sind ja im Centrum Süd-Afrika's
+unter Wilden. Ruinen sind es, Ruinen einer mit einer niedrigen
+Felsenmauer umgebenen Stadt. Der von Montsua uns mitgegebene Führer
+wußte uns darüber folgendes zu berichten: Diese Eingebornenstadt war bis
+in die letzten Jahre hin von einem Banquaketsestamm (Zweigstamm)
+bewohnt. Der Sohn des Häuptlings Mosilili, mit Namen Pilani, ein Freund
+Seschele's des Bakwenakönigs, verließ mit einer Anzahl seiner Anhänger
+seines Vaters Stadt und das Gebiet des Chatsitsive, um sich im neuen
+Gebiete des Königs Seschele in Molopolole niederzulassen, worauf
+Mosilili, ein alter Freund von Chatsitsive, die halbverlassene Stadt mit
+dem Reste ihrer Einwohner im Stiche ließ, um sich in der Nähe von Kanja
+anzusiedeln. Die Ruinenstelle ist etwa ¾ englische Meilen lang und
+stellenweise 2-600 Schritte breit. Die Mauer, die um den Kraal läuft,
+ist niedrig, blos 3 Fuß hoch, 1-2 Fuß dick und diente wohl dazu, nur das
+Vieh nahe an den Häusern zu halten. Zur Vertheidigung war sie nur dann
+von Nutzen, wenn mit Dornenbüschen 4-5 Fuß hoch überdeckt; mit einer
+ähnlichen, blos aus aneinander gelegten, kopfgroßen Gesteinen
+errichteten Mauer war auch der tiefste Einschnitt im Höhensattel
+versehen. Der nächste Tag wurde dem Besuche der Ruinen gewidmet und auf
+die zahlreichen, die Höhen bewohnenden Hyänen Jagd gemacht.
+
+[Illustration: Afrikanischer Luchs.]
+
+An den Ruinen fielen uns vor Allem die cylindrischen Mauern, Ueberreste
+der Wohnungen und Gehöft-Einfriedigungen, ferner einige noch bedachte
+Hütten, zur Rechten die Ruinen eines Missionshauses, doch vor Allem
+kegelförmige gedeckte, meist aus röthlichem Thon gefertigte, noch
+ziemlich gut erhaltene Eingebornen-Wohnungen auf.[1]
+
+ 1: Siehe Anhang 20.
+
+Auf einem längs des Flußufers unternommenen Ausfluge fand ich recht
+anziehende Partien sowohl in dem Flußbette selbst als auch an den beiden
+hohen, mit bunter Boden- und Buschvegetation dicht bewachsenen Ufern.
+Bald stufen- bald walzenförmig lagen die vom Wasser spiegelglatt
+geschliffenen Felsenblöcke übereinander und bildeten kleine Katarakte,
+die für den künftigen Besiedler des Ufers natürliche Wehren sind, um
+seine Mühle zu treiben und seine Gefilde zu bewässern. In den Dickichten
+am Flusse jagten sich Heerden der gehörnten Perlhühner (N. coronata) und
+an den lehmigen Stellen sah ich deutliche Fischotter- und Leguanspuren.
+
+Um die Mittagszeit, als wir überall auf den vorragenden Felsenblöcken
+den Klippschliefer hocken und herumhuschen sahen, machten wir uns mit
+den Hunden auf, um einigen dieser von den Engländern Rockrabbits, von
+den Boer's Dossies genannten Dickhäutern nachzustellen. Wohl weil von
+den Eingebornen häufig verfolgt, zeigten sich diese kleinsten der
+lebenden _Pachydermata_ sehr scheu; so lange wir am Wagen oder im
+Bereiche der Ruinenstadt blieben, wichen sie, meist in kauernder
+Stellung an den vorragenden Felsenblöcken--vielleicht auch als Wachen
+sitzend--sonst aber in den Büschen nach Wurzeln und Gras, auf den
+dickstämmigen Sykomoren nach Feigen suchend, nicht von der Stelle;
+sobald wir jedoch den Fuß der Höhen erreicht hatten, verschwanden sie in
+der nächsten Felsenritze.
+
+Während Freund Eberwald und F. mit Stephan auf dem östlichen Hügel
+darauf losknallten, hatte ich mich von dem westlichen steilen Abhange
+nach dem nördlichen geschlichen, um einen auf der äußersten Felsenspitze
+vollkommen apatisch und melancholisch hockenden, um seine und die
+Sicherheit seiner Kameraden unbesorgten Klippdachs anzuschleichen. Nicht
+ohne Schwierigkeiten und manchen meine Lachlust erregenden Zwischenfall
+gelang es, den steilen Abhang emporzuklimmen und eine Stelle zu
+erreichen, von welcher aus das kleine Thierchen in Schußweite lag. Mein
+Begleiter Pit wollte durchaus noch weiter klettern, ich aber ersah den
+günstigen Moment und feuerte eine Schrotladung hinauf. Der Schuß hatte
+getroffen, der Klippdachs kollerte zum Stamm einer über den Abhang sich
+erhebenden Sykomore und fiel dann einige Fuß senkrecht herab. Athemlos
+klettern wir über die großen Felsblöcke auswärts, um die Stelle am Fuße
+der Sykomore zu erreichen--doch welche Enttäuschung, die Erde war vom
+Blute des Thieres geröthet, das Thier selbst war jedoch verschwunden.
+Wir durchsuchten alle Ritzen und Löcher zwischen den Felsen--vergebens.
+
+Hyrax capensis, wohl eine und dieselbe Species oder eine sehr nahe
+Varietät des Hyrax abissinicus ist von der südlichen Meeresküste durch
+ganz Süd-Afrika über den Zambesi hinaus verbreitet und wählt sich meist
+felsige Höhen zum Aufenthaltsorte. Von seinem gewählten Schlupfwinkel
+weicht er nicht gerne und mag auch unter dem Felsen, auf den er sich
+eingenistet, ein Gehöft oder eine Stadt entstanden sein, er bleibt ruhig
+wo er war, nur daß er scheuer als in der Wildniß wird. Als kleinster der
+Dickhäuter ist er ein eigentümlicher Kauz, ein tiefer Denker, der seine
+Handlungen wohl überlegt, bevor er sie ausführt, sonst ein närrischer
+und bissiger Geselle. Etwas über Kaninchengröße, mit kurzen Ohren und
+kleinen, sehr lebendigen Aeuglein, ist er mit einem dichten, dunkel
+gelblich-braunen Pelze bekleidet, dessenthalben ihm von den Eingebornen
+eifrig nachgestellt wird. Doch auch sein Fleisch wird von vielen Weißen
+und von den Eingebornen genossen und manche der Stämme, wie die
+Makalaka's, bedienen sich mit Nägeln versehener Stöcke, um die in die
+Felsenritzen geflüchteten Klippschliefer aus diesen herauszuholen. Nebst
+dem Menschen sind es der Caracal und der südliche Luchs (Lynx pardinus)
+sowie der braune Adler, welche ihm nachstellen, doch ohne seiner großen
+und raschen Verbreitung viel Abbruch thun zu können; seiner Brut werden
+die Genetten gefährlich.
+
+Die steilsten Höhen, schroffe Abfälle, in Süd-Afrika als »Kränze«
+bekannt, sind seine Lieblings-Aufenthaltsorte. Ein kleiner Hase bewohnt
+diese Höhen und ist oft sein Gesellschafter, wenn dieser auch nicht in
+die tiefsten Spalten herabsteigt, sondern sich mehr an der Oberfläche
+aufzuhalten sucht. Der Klippdachs liebt die Wärme und sich zu sonnen ist
+neben seinen Nahrungssorgen seine wichtigste Beschäftigung. Nasse Winter
+(eine Seltenheit auf den Hochebenen) und große Kälte schaden ihm sehr.
+Gefangene, denen man nicht vollkommen das freie Herumlaufen gestatten
+konnte und die in feuchten, oben geschlossenen Localen gehalten wurden,
+erkrankten an Augenentzündungen und siechten zusehends ab; sonst sieht
+man sie häufig in Behausungen gehalten und an Schnürchen, die sie nicht
+zerbeißen, angebunden. Man kann sie hier und da für 2-5 Shilling per
+Stück erstehen.
+
+In einer der vielen trichterförmigen Kalk-Felsenhöhlen in der westlichen
+Transvaal-Republik beobachtete ich eine Art mit etwas zottigem,
+fuchsrothem Fell, ohne ihrer jedoch habhaft werden zu können und in den
+bewaldeten Partien des südlichen Theiles der Cap-Colonie, wie auch in
+Kafraria, Natal und weiter nordwärts lebt eine graue mit einem weißen
+Band geschmückte, etwas kleinere Art nur auf Bäumen, von der ich zwei
+Exemplare sah. Sie sollen ein weithin tönendes Gepfeife ausstoßen und
+sind sehr scheue, besser als ihre Stammesbrüder auf den Felsen,
+Feuchtigkeit vertragende Thierchen.
+
+Freund E. war glücklicher als ich, er brachte Turteltauben und ein
+schönes großes Rebhuhn (Francolinus gariepensis), sowie einige der uns
+bisher fremden, palmenartigen Grasbäume heim; manche derselben waren
+stark angekohlt, ein Beweis, daß die Höhen zeitweilig von Bränden
+heimgesucht werden. Wir benutzten die aus den Stammenden und an den
+armleuchterartig emporsehenden Abzweigungen hervorsprießenden, viel
+Kieselkrystalle enthaltenden Blätter, um damit unsere Eisen- und
+Stahlsachen blank zu scheuern. Ich beobachtete noch eine zweite, höhere
+und bedeutend dünnere starkverzweigte Art an einigen (immer nur an)
+Höhen im Zambesithale, eine der beiden Arten soll auch im centralen
+Transvaal-Gebiete auf den Magalisbergen vorkommen. Die Pflanze gehört
+unstreitig dem wärmeren Theile Süd-Central-Afrika's an und fesselt durch
+ihre dunklen, aus dem Grase und zwischen den grauen oder weißlichen
+Felsblöcken hervorsprießenden, 2-3 Fuß hohen und armdicken Stämmchen
+sofort die Aufmerksamkeit des Fremden.
+
+Nachdem ich die Häupter meiner Lieben gezählt und keines fehlte, brach
+ich wieder auf; unser Weg führte uns durch mehrere sandige Flußbette
+(Koluany und Mahatelve) und zahlreiche Regenmulden, deren Ufer von
+herrlich grünenden Mimosen bestanden waren. An einer dieser Regenmulden
+entdeckte unser Führer zahlreiche Hyänen- und Leopardenspuren, die uns
+zur Vorsicht mahnten. Kaum hatten wir das Schutaniflüßchen, dessen
+felsiges Flußbett den Zugthieren viel zu schaffen gab, überschritten,
+als die Hunde mit besonderer Vehemenz auf einen Busch anschlugen.
+
+Da rief Stephan plötzlich: »Bas, Bas. Sir, pass up, een chut lup nack ye
+tu« (Herr, Herr, gib' acht, ein Ding läuft auf Dich zu). Ich sprang zur
+Erde, Pit, E. und B., wir alle wandten unsere Blicke nach der
+Schallrichtung, das Hundegekläffe kam näher, entfernte sich dann aber,
+als plötzlich einige Schritte vor den Ochsen ein gelbliches,
+schwarzgeflecktes Thier, ein südlicher Luchs, Thari von den Eingebornen
+genannt (L. pardinus) über den Weg setzte und den Anhang hinablief. Es
+schien uns allen so klein, und da die Hunde, namentlich Onkel, dem
+Thiere auf den Fersen waren, dachte Niemand nach dem Gewehre zu greifen,
+alles lief dem flüchtigen Thiere nach. Ueber Busch, über Stock und Stein
+flogen und fielen wir--doch dieses spontane Wettrennen war nur von
+kurzer Dauer, denn an einem Haufen tief in die Erde eingebetteter
+Felsblöcke, vor einer tiefen, in eine Höhle führenden etwa 16 Zoll
+breiten Zerklüftung hielten die Hunde mit einem Male still und kläfften
+in die Höhle hinab, aus der das Fauchen des Raubthieres zu hören war.
+
+Wir hatten indeß keine Zeit zu versäumen und mußten, wenn auch ungern,
+zum Wagen zurückkehren. Am Lagerplatze angelangt, schärfte ich den
+Dienern die größte Wachsamkeit ein und ließ mehrere größere Feuer zur
+Abwehr der Leoparden errichten.
+
+Durch dichten Niederwald, in dem Laubhölzer zahlreich auftraten, setzten
+wir am nächsten Tage unsere Reise fort. Wir begegneten zwei Frauen,
+deren Hals und Brust über und über mit Glasperlenschnüren und Arme und
+Schenkel mit aus kleinen Glasperlen gearbeiteten fingerdicken Ringen
+bedeckt waren; ein ihnen folgender Knabe trieb einen Ochsen, der als
+Packthier das Gepäck der »Schönen« trug. Mit dem Ueberschreiten des
+Koluanyflüßchens hatten wir das Gebiet Seschele's betreten, des
+Herrschers der Bakwena's, der nächst den beiden Bamanquato-Herrschern
+das umfangreichste Landgebiet unter den unabhängigen Betschuana-Königen
+besitzt.
+
+Durch den Knall unserer Peitsche angelockt, kamen zwei Bakwenaknaben zum
+Wagen herbeigelaufen, und trugen mir eine Deukergazelle zum Kaufe an;
+ich erstand das liebe, zierliche Thierchen, das ohne Verwunderung über
+den Wechsel seines Gebieters so treu und traulich uns mit seinen
+schönen, großen Augen anblickte und sich im Wagen bald heimisch fühlte,
+für eine Bagatelle.
+
+Nachdem wir das theils felsige, theils sandige Flüßchen, Malili genannt,
+überschritten hatten und durch einen tiefsandigen Wald reisten,
+erblickten wir, während des Aufstiegs durch Bäume verdeckt, eine
+Höhenkette im Norden, welche bebuscht zu sein schien. Näher kommend,
+gewahrten wir, daß sich im Osten noch andere Höhen an die erwähnte (der
+mittlere Theil der Bakwena-Höhen) anschlossen und auf einer derselben
+hoch oben einen weißen Punkt, einem europäischen, weißgetünchten Gebäude
+nicht unähnlich. Unser Führer machte uns auf diesen weißen Punkt
+aufmerksam, es war das Wahrzeichen Molopolole's, die Residenz
+Seschele's. Der Weg zu der am Abhange eines Höhenzuges erbauten Stadt
+führte uns durch ein Kesselthal, dessen Sohle von dürftigen und
+schlechtgepflegten Feldern eingenommen wurde.
+
+Abends fuhren wir bis zu einem in der Mitte des Kessels sich
+ausbreitenden, von einer Bachschlucht durchschnitten Rasenplatz, in
+dessen Nähe drei Eingebornendörfer gruppenweise je an dem Fuße einer
+Höhe lagen und schlugen hier unser Lager auf. Gegen Osten blickend sahen
+wir in der Entfernung von circa 300 Schritt den Höhenrücken mit
+Seschele's Villa, die einige hundert Fuß hoch über dem Bette des Baches
+und dem südlichen Ende einer auf den Höhenrücken sich nach Norden
+windenden seichten Thalvertiefung, erbaut war. Diese Villa, der sieh die
+Gebäude des königlichen Haushaltes und die Kotla (der umzäunte
+Berathungsplatz der conservativen Bakwena's) wie die Gebäude der hier
+zeitweilig wohnenden Händler anschlossen, lag unter dem Schutze eines
+kleinen Felsenhügels. Unten am Rande des Thalkessels und am Fuße dieser
+Höhe lag ein anderer Theil Molopolole's (ein Eingebornendorf). Ein
+dritter Theil liegt am Fuße des isolirten südlichen Höhenrückens, der
+von den östlichen und von der lagen nördlichen, von Westen nach Osten
+sich ziehenden Höhenmasse durch eine lange Felsenenge, das von den
+Eingebogen Kobuque genannte Felsenthor, geschieden war. Auch am Fuße der
+eben erwähnten nördlichen Kette liegt ein Stadttheil neben einem in
+Ruinen verfallenen, doch nicht mehr im Thalkessel, sondern außerhalb
+desselben, an die nach der offenen Südsüdwestseite hin sich
+ausbreitenden Felder angrenzend. Eine zweite Schlucht, deren
+felsenthorartige Mündung Molopolole genannt ist und der Stadt den Namen
+gab, führt in nördlicher Richtung aus dem Thalkessel; durch sie tritt
+der Bach aus dem Bakwena-Höhennetze in den Kessel. Unter der Mündung
+dieser Schlucht im Thalkessel liegen die Gebäude der Missionäre und die
+Schule, während die Kirche oben auf dem Höhenrücken im oberen
+Stadttheile zu Anfang einer zum Thalkessel führenden Schlucht erbaut
+ist.
+
+
+
+
+XI.
+
+Von Molopolole nach Schoschong
+
+Malerische Lage der Stadt.--Rev. Price und Williams.--Die
+Kotla.--Ausflug in die Molopolole-Schlucht.--Ein Festtag für
+Molopolole.--Millionärs-Laufbahn in Süd-Afrika.--Empfang bei
+Seschele.--Die Bakwena's.--Geschichte des Bakwena-Reiches.--Königin
+Ma-sebele und Kronprinz Sebele.--Molopolole's Umgebung.--Sitten und
+Gebräuche der Betschuana's.--Religiöse Vorstellungen derselben.--Naka's,
+Linjaka's und Moloi.--Heilmethode und Heilmittel derselben.--Beschwörung
+Khama's.--Regenmacher.--Aufbruch von Molopolole.--Ein dornenvoller
+Marsch.--Eingeborne Postboten.--Wassernoth.--In Lebensgefahr.--Barwa's
+und Masarwa's.--Abergläubische Gebräuche dieses Sclavenstammes der
+Betschuana's.--Ihre Jagdlist.--Neujahrsfeier in der Wildniß.--Im
+Bakwenalande verirrt.--Von Masarwa's gerettet.--Ein merkwürdiger
+Fund.--Begegnung mit Leoparden.--Ein besorgter Vater.--Einzug in
+Schoschong.
+
+
+[Illustration: Termitenhügel.]
+
+Unstreitig bietet Molopolole von dem Thalkessel aus gesehen den
+interessantesten Anblick und die schönste Scenerie unter allen
+Betschuanastädten dar. Aus dem kleinen, grün begrasten Thalkessel, in
+dem wir stehen, erblicken wir um uns die meist in ihren oberen Partien
+oder bis zur Hälfte perpendiculär abfallenden, oder bis an ihren Fuß von
+Blöcken gebildeten, zwischen diesen aber und an den minder abschüssigen
+Abhängen dichtbebuschten, hie und da mit einer riesigen Aloëspecies
+gezierten Felsenhöhen. Zu unserer Rechten die von Norden kommende
+Schlucht mit der überaus interessanten Felsenformation des überhängenden
+Molopololefelsens und zwischen uns und dieser Schluchtmündung hohe
+Laubbäume, die Gebäude der Missionäre und ihre Gärtchen mit dem
+tropischen Pflanzenwuchse der Bananen und des Zuckerrohres geschmückt.
+Vor uns, am Fuße der östlichen steilen, und rechts von uns an dem der
+westlichen bewaldeten Höhe je ein Eingebornendorf, in dem letzteren die
+umfangreichen Gehöfte der Handelsfirma Taylor, nächst Francis und Clark
+die bedeutendste in den Betschuanaländern, und zwischen den beiden
+dringt der Blick durch das nach Süden führende Felsenthor, die
+Kobuque--und über dem Dorfe vor uns endlich nach Osten zu--hoch oben der
+von den Besten des Stammes bewohnte Stadttheil mit den königlichen
+Gehöften. Wenden wir uns nach Norden und Westen, so sehen wir den
+nördlichen Stadttheil am Fuße der nördlichen Höhenkette und außerhalb
+des Thalkessels die röthlichen Ruinen einer verlassenen Eingebornenstadt
+und die breite Ebene, von dem dunklen Grün des eben durchreisten,
+tiefsandigen Waldes nach Süden und Südwesten begrenzt. Was uns noch bei
+dieser Betrachtung auffällt, sind einige am Fuße der letztgenannten
+Höhen wie am Uferrande des Bächleins stehende Riesenbauten der
+Termiten.[1]
+
+ 1: Der eine war 9½ Fuß hoch (die Hauptpyramide) und hatte (mit den
+ Nebenpyramiden) 40 Fuß Peripherie.
+
+An Molopolole haben wir die Schönheit der Naturscenerie zu bewundern,
+ohne daß der Fleiß seiner dunklen Bewohner durch Anpflanzungen oder
+hervorragende Form im Baustyle seiner Hütten etwas dazu beigetragen
+hätte, nur die Anlage der Stadt an der von der Natur aus befestigten
+Stelle spricht zu Gunsten ihres Königs. Der gegenwärtige König Seschele,
+dem schon Livingstone einige Capitel seines Buches (»Missionary
+Travels«) widmet, und von dem ich noch ausführlicher zu reden haben
+werde, wohnte mit seinem Stamme, den Bakwena, der durch innere Reibungen
+und Kriege mit den umwohnenden Stämmen bedeutend herabgeschmolzen war,
+südöstlich von Molopolole, nahe da, wo wir jetzt die Stadt der Manupi
+finden. Ruinen bezeichnen noch die Stelle wo er gehaust; diese seine
+erste, gegen die Transvaal-Grenze zu gelegene Residenz hieß Kolobeng.
+Hier wurde er im Jahre 1842 von dem Nestor der Afrika-Reisenden besucht.
+
+Aus Kolobeng wurde Seschele von den Boers vertrieben und siedelte sich
+dann in Liteyane, 10 englische Meilen westlich von Molopolole an. Seit
+1865 residirt er in Molopolole, wo sich schon früher eine Niederlassung
+im Thalkessel befand und wohin auch Pilani aus der Mosupa-Stadt
+übersiedelte. Das Gebiet Seschele's, das nördlichste der vier erwähnten
+Betschuanareiche, grenzt nach Westen an das große Namaqualand, im Norden
+an das der westlichen oder N'Gami-Bamangwato's oder der Batowana's und
+an das der östlichen oder Schoschong-Bamangwato's, im Osten mit dem
+Limpopo und Marico an die Transvaal-Colonie und im Süden an das Land der
+Banquaketse. Die Südgrenze verläuft unter 24° 10' s. Breite von Koluany,
+an Kolobeng vorbei in südöstlicher Richtung zu den Dwarsbergen bis zum
+großen Marico. Die nördliche Grenze gegen die zwei Bamangwato-Reiche
+liegt unter 23° 30' s. Breite und folgt zum Theile dem Sirorume-River.
+Die Zahl der eigentlichen Unterthanen Seschele's schätze ich auf
+32-35.000 und jene der im Lande wohnenden, allein keinen Tribut an
+Seschele zahlenden Batloka, Bakhatla und Makhosi auf 18-20.000, während
+ich die Kopfzahl der das ganze Banquaketseland bewohnenden Stämme auf
+28-30.000, die eigentlichen Unterthanen im Lande Montsua's, des Königs
+der Barolongen auf 33-35.000 und jene in seinem Lande südlich vom Molapo
+gegen die Batlapinen zu wohnenden, allein ihm nicht Tribut zahlenden
+kleinen Barolongenstämme in der Umgebung gewisser Städte, wie Marokana
+etc. auf 30.000 veranschlagen möchte. Mankuruane, der Batlapinenkönig
+hat über 30.000 unter seinem Scepter, während sich in dem kleinen
+Mamusa-Königreiche kaum 8000 finden dürften, obwohl die Stadt Mamusa
+allein vor einigen Jahrzehnten an 10.000 Bewohner in ihrem Weichbilde
+beherbergt hatte.
+
+Als wir am 21. Abends auf dem Rasenplatze in dem Molopololekessel
+lagerten, näherten sich uns ein ärmlich gekleideter Holländer, der hier
+Schmiedarbeiten versah, und zwei Eingeborne, welche uns Weideplätze für
+die Zugthiere anwiesen. Bald adarauf erschienen die beiden Missionäre
+Price und Williams und hießen mich willkommen. Der letztere ist seitdem
+nach Europa zurückgekehrt, während Rev. Price von seiner Gesellschaft
+nach Central-Afrika beordert wurde. Durch seine zweite Verehelichung mit
+Miß Moffat ist er mit Livingstone verschwägert.
+
+Am folgenden Morgen unternahm ich einen Ausflug zu der nach Westen
+gelegenen Ruinenstadt und einen zweiten in die mit dem Molopolole-Thor
+in den Thalkessel mündende Schlucht aufwärts. In der Ruinenstadt fielen
+mir die gewölbten, aus Schilfrohr und Ruthen errichteten und cementirten
+Doppelbauten auf, wie ich sie in Mosilili's Stadt am Mosupaflusse
+beobachtet habe.
+
+Türkische Feigen und die bekannte südafrikanische violettblühende Datura
+gediehen auf diesem Platze vorzüglich.
+
+Unter den bewohnten Hütten der Baknena oder Bakwena fielen mir
+namentlich zwei Merkmale auf, durch welche sich dieselben von jenen der
+Barolongen und Batlapinen etc. unterscheiden. Sie waren im Allgemeinen
+weniger fest gearbeitet und konnten sich mit denen der Barolongenhütten
+etc. nicht messen, doch zeigten die meisten aus Thon gearbeitete
+Umzäunungen, die wir z.B. bei den östlichen Batlapinen nur noch an dem
+Feuerherde, bei den südlichen und westlichen gar nicht vorfinden. In den
+Dörfern fand ich frei zwischen den Gehöften stehende Berathungshäuschen,
+d.h. ein kegelförmiges, auf 20 und mehr Pfählen ruhendes Strohdach, die
+Oeffnungen zwischen den einzelnen Pfählen waren bis auf die
+Eingangsstelle mit einer solid gearbeiteten Rohrwand bis zur halben Höhe
+der Pfähle geschlossen und diese Wand mit einfachen Ockermalereien
+verziert.
+
+Mein Ausflug die Molopolole-Schlucht aufwärts, an den Gebäuden der
+Missionäre vorbei, war recht lohnend. Ich schoß in dem Gewässer, das
+jedoch noch im Bereiche der Stadt versiegt, mehrere Fische und fing mit
+der Angel am Felsenthore sieben Welse. Der linke Flügel des Felsenthores
+wird durch einen perpendiculären, man könnte beinahe sagen, in seinen
+oberen Partien etwas überhängenden Felsen gebildet, unter welchen sich
+eine tiefe Stelle findet, die durch theils natürliche, theils künstliche
+Abdämmung stets gefüllt ist und den Fischen auch in trockenen Jahren
+eine sichere Zufluchtsstätte bietet; diese würden sich auch in den
+oberhalb in der Schlucht befindlichen Tümpeln bedeutend vermehren, wenn
+die letzteren ob ihres geringen Umfanges nicht so leicht von den
+Fischottern und Leguanen heimgesucht wären.
+
+Mit nicht geringem Erstaunen und zugleich mit Unwillen, hörte ich von
+einer Elephantenjagd, die sich einige Monate zuvor mitten in der Stadt
+zugetragen. Der letzte Winter (die Zeit des europäischen Sommers) war im
+Lande der Bakwena's ungemein trocken. Von allen Seiten brachten die
+Barwa's und Makalahari Wildfleisch und Felle zu ihren Herren nach
+Molopolole, denn das abgemattete und durstende Wild ließ sich mühelos
+erlegen. Die Regentümpel, die Quellen (die Flußbette waren längst
+ausgetrocknet) trockneten aus, so daß man die Heerden bis an den unteren
+Marico und Limpopo zur Weide führen mußte. In Molopolole selbst war der
+Bach beinahe vollkommen versiegt und die Frauen mußten stundenlang
+warten, bevor sie ihre Töpfe füllen konnten. Die halbverdursteten
+Thiere, Eland-Antilopen, Giraffen, Säbel-Antilopen, gestreifte Gnu's,
+nebst einer Unzahl Gazellen und kleiner Antilopen schleppten sich zu den
+wenigen übrig gebliebenen Wasserstellen, um hier in den Tod zu laufen,
+denn diese waren von Jägern umstellt.
+
+Zu dieser Zeit--im Monate Juni--erscholl eines Tages ein Geschrei von
+Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf im Thale sich verbreitend und auf die
+Hohen dringend, ein Geschrei, das die Händler und Missionäre für
+Kriegsgeschrei hielten; als sie bestürzt nach der Ursache desselben
+forschten, sahen sie mitten im Thalkessel eine zehn Stück zählende, laut
+brüllende, nach den Quellen sich Bahn brechende Elephantenheerde vor
+sich. Weiße und Schwarze, alles was nur ein Kugelgewehr hatte, sprang
+herbei und die Metzelei begann.
+
+Für Molopolole war dies der größte Tag seitdem es zur Residenz des
+Königs Seschele auserkoren war. Das Auge des Bakwena, der an der Jagd,
+recte Metzelei, Theil genommen, glüht und er lacht und gesticulirt laut,
+wenn er von dem Ereignisse spricht, das sich auch bis in die Köpfe der
+Greise und der Frauen, selbst die ihrer Kinder eingeschlichen hat, wer
+von ihnen hätte auch jener glorreichen Festtage vergeben können, an
+denen man einige Tage hindurch an Fleisch ñama (njama) Ueberfluß hatte.
+Diese in Molopolole getödteten Elephanten gehörten sämmtlich (wie ich
+später von den Boers erfuhr) der größten, doch die kleinsten Zähne
+tragenden Varietät des afrikanischen Elephanten an, die Zulah oder
+Hohlkopf genannt wird.
+
+Von den beiden Predigern eingeladen, besuchte ich sie und fand, daß Rev.
+Price geschmackvoll eingerichtet jeder Bequemlichkeit sich rühmen
+konnte. Er hatte aber auch hart arbeiten müssen, bevor er es so weit
+gebracht. Er war einer der beiden Missionäre, welche die Mission im
+Lande der Makololo, d.i. in dem von ihnen mit Waffengewalt eingenommenen
+Gebiete zu errichten bestimmt worden waren und die Arbeit auch in
+Angriff genommen hatten, allein durch Mißerfolge entmuthigt, endlich
+aufgeben mußten. Rev. Price und Helmore erreichten die Stadt Linyanti am
+nördlichen Tschobe im Februar 1860 nach einer siebenmonatlichen Reise
+von Kuruman und wurden von dem Makololokönige Sekeletu freundlich
+aufgenommen, doch schon nach 14 Tagen waren beinahe Alle am Fieber
+erkrankt. Zuerst starb Malatsi, einer der Betschuana-Wagenführer--alle
+central-südafrikanischen Betschuana's mit Ausnahme der Batowana's vom
+N'Gami-See und der Makoba's am Zuga-River werden in Malaria-Gegenden vom
+Fieber decimirt--acht Tage später, als Rev. Price, der sich noch auf den
+Füßen erhielt, den Kranken die letzte Wegzehrung reichte und Einer nach
+dem Andern mit dem Tode abging, fand er das kleinste der vier neben Frau
+Helmore liegenden kranken Kinder kalt und leblos. Der Mutter, die
+bewußtlos am Fieber dalag, wurde so das Leid erspart, das erste Opfer
+unter den Ihrigen zu sehen; am 9. März starb der Säugling, dem Frau
+Price das Leben gegeben. Am 11. schied Selma Helmore aus dem Kreise der
+Niedergeworfenen und am nächsten Tage folgte ihre Mutter, den Folgen des
+schrecklichen Uebels erliegend. Selbst die Schwarzen wissen nur Gutes
+von dieser edlen Frau zu berichten, welche die Wildniß und das giftige
+Klima nicht gescheut, um dem Manne zu folgen, und mit ihm das Los seines
+Berufes zu theilen, unter einem wilden, kriegerischen Volksstamm das
+Wort Gottes zu verbreiten.
+
+Auf der Reise gegen den Tschobe, auf welcher die Reisenden mehr als
+einmal vor Durst beinahe umgekommen wären, hatte sie oft ein seltenes,
+aufopferndes Beispiel ihrer Mutterliebe gegeben, um ihre Kinder vor dem
+Tode des Verdurstens zu retten und nun, in ihre neue Heimat gekommen,
+war ihrem, einem der edelsten Leben, in wenigen Tagen Halt geboten
+worden. Doch selbst in ihren Delirien--zu einem Skelett abgemagert und
+mit entstellten Gesichtszügen--hatte ihre innige Mutterliebe ihr
+momentan die überstandenen Sorgen in's Gedächtniß zurückgebracht, denn
+oft murmelten die in Fieberhitze glühenden Lippen, daß ihrem »Henri«
+(dem ersten Opfer in ihrer Familie) dürste und baten, man möge den ihr
+zukommenden Löffel voll des rettenden Elementes dem Kinde reichen. Nach
+dem Tode der Frau besserte sich für kurze Zeit der Zustand der übrigen,
+verschlechterte sich jedoch wieder im April und am 21. erlag Helmore dem
+Fieber, nachdem schon am 11. und 19. März Tabe (sprich Teb) und Setloke,
+zwei Betschuana's (Batlapinen), gestorben waren.
+
+In dieser schweren Zeit wurde außerdem einer der Diener mit Namen Mahuse
+Verräther an den übrig gebliebenen. Den Zustand derselben wohl
+einsehend, fand er sich täglich am Hofe des Sekeletu ein und brachte ihn
+endlich zu der Ueberzeugung, daß alles, was dem Herrn Helmore gehöre,
+nur ihm, dem Könige, zufallen müsse. Daß diese und ähnliche Worte unter
+dem wilden Makololostamme und von Seite seines Königs williges Gehör
+fanden, wird man leicht begreifen. Die Makololo stahlen und nahmen was
+sie wollten und als Herr Price Linyanti verlassen wollte, da kam
+Sekeletu, nahm ihm außer einigen wenigen Kleidungsstücken alles ab und
+ließ ihn nur mit dem leeren Wagen von dannen ziehen. Bei dem später
+erfolgten Besuche Livingstone's trachtete er seine Infamie auf jede
+Weise zu beschönigen, doch sein unruhiger Geist ließ ihm keine Rast, bis
+er freiwillig einem in die Tschobe-Gegenden auf die Elephantenjagd
+ausgehenden Banquaketse, mit Namen Sebehwe, ein volles Geständniß seines
+schurkischen Betragens abgelegt hatte.
+
+Auf seiner Reise von Linyanti nach dem Süden verlor auch Rev. Price sein
+treues Weib in den Ebenen des östlichen Mahabi; sie starb am 5. Juli und
+wurde von ihrem Gemal unter dem einzigen auf der weiten Grasfläche
+sichtbaren Baum beerdigt. Er reiste langsam mit den beiden Waisen des
+Herrn Helmore weiter gegen den N'Gami-See und wurde, hier endlich
+angekommen, von dem Könige der westlichen Bamangwato's Letschulatebe,
+freundlich aufgenommen und behandelt und traf einige Tage später meinen
+geliebten Freund, Rev. Mackenzie, der auf dem Wege nach Linyanti
+begriffen war, um der Mission Proviant etc. zuzuführen.
+
+[Illustration: Bei König Seschele.]
+
+Rev. Price hatte mir bei meinem Besuche in seinen. Hause in Molopolole
+diese Episode mitgetheilt, später hörte ich sie wieder von meinem
+Freunde in Schoschong, ohne zu ahnen, daß auch die Zeit an mich
+herantreten würde, in der ich mit einem ähnlichen Ungemach zu kämpfen
+haben sollte. Doch wenn wir Beide auch aus verschiedenem Antriebe die
+Einöden Süd-Afrika's durchwanderten, er mit dem Banner der Religion, ich
+um meine geringen Kräfte der Wissenschaft zu widmen, die Sumpffieber
+haben unsern Wissens- und Thatendrang nicht zu ersticken vermocht.
+
+Obwohl er sich in Molopolole bereits eine Heimat gegründet hatte, folgte
+er willig dem an ihn ergangenen Rufe an den Tanganjika-See.
+
+Neben Rev. Price erwähnte ich Rev. Williams als seinen Brudermissionär,
+gleich den Missionären in Kuruman (Batlapinen), Taung, Kanja
+(Banquaketse) und Schoschong (östliche Bamangwato) der »London
+Missionary Society« angehörend, war er erst einige Jahre in Süd-Afrika
+und eben im Begriffe, sich ein Wohnhaus aufrichten zu lassen. Die beiden
+Herren erboten sich, mich dem Könige vorzustellen und so machten wir uns
+den zweiten Tag nach meiner Ankunft in Molopolole daran, die Felsenhöhe,
+auf der wie ein Adlernest der von den Getreuesten der Getreuen
+Seschele's bewohnte Stadtheil erbaut ist, hinanzuklimmen. An Mr.
+Williams Gebäude vorüber, hatten wir eine enge, steile Schlucht nach
+aufwärts zu verfolgen, an derem Eingange die von Mr. Price erbaute
+Kirche, ein 60 Fuß langes und 21 Fuß breites, mit einem Anbau
+versehenes, gewöhnliches, mit Gras gedecktes Gebäude steht. Von der
+Kirche gingen wir durch den südöstlichen Theil des oberen Stadttheiles
+nach der Residenz zu, doch zuvor mußten wir in die Kotla eintreten, um
+hier in formeller Weise den von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzten
+König zu begrüßen. Unter der Kotla verstehen wir die aus starken Pfählen
+und Baumstämmen geformte runde Umzäunung, wie sie in der Regel in der
+Mitte der Betschuanastädte für Berathungszwecke erbaut ist. Auf der der
+königlichen Wohnung zugekehrten Seite der Umzäunung befindet sich in
+derselben eine Oeffnung, die nach Belieben mit Baumstämmen geschlossen
+werden kann. An der den genannten Wohnungen nächsten und besonders dicht
+gebauten Stelle findet sich der Ort, wo der Herrscher, auf einem
+Stühlchen sitzend zu beiden Seiten von den Aeltesten des Stammes, oder
+den Häuptlingen, oder seinen Verwandten umgeben, die Berichte der vor
+ihm auf der Erde hockenden Boten, Jäger, Spione und die Parlamentäre
+anderer Eingebornenkönige anhört und ihnen selbst, oder durch einen der
+zunächst Sitzenden Bescheid ertheilt. Oft ist in der Umzäunung eine
+kleine gedeckte Holzhütte erbaut, in welcher in der Regel ein Feuer
+brennt, dieselbe wird während der Regenzeit als Versammlungsort benutzt.
+Diese Kotla's dienen zugleich als Forts; bei jenen, die am Fuße von
+Höhen liegen, sind namentlich die gegen dieselben gewendeten
+Umfriedungspartien aus großen und schweren Baumstämmen errichtet, um die
+Wirkung der Wurfgeschosse abzuschwächen.
+
+Seschele empfing uns stehend. Der König der Bakwena's ist hoch in den
+Fünfzigern, wohlbeleibt, von großer Statur, ein beinahe unaufhörliches
+Lächeln umspielt sein Gesicht. Es war leicht erklärlich, daß ich mich in
+meinem Urtheile über dieses eigentümliche Lächeln nicht täuschte, und
+meine Ansicht auch bestätigt fand. Es drängte sich mir unwillkürlich die
+Meinung auf, daß ich einen »Tartuffe« vor mir habe.
+
+Seschele wandte sich, nachdem er unsere Grüße erwidert, zu Rev. Price
+und ersuchte ihn, mir zu sagen, es hätte ihm noch nie ein Weißer so
+gefallen wie ich. Während mir es Price übersetzte und ich erstaunt war,
+solch' ein Kompliment von einem Eingebornen, den ich zum ersten Male
+getroffen, zu hören, und den König prüfend anblickte, sah ich, wie
+dieser mit seinem rechten Auge einen ihm zunächst stehenden Alten
+(Unterhäuptling) und seinem Sohne zuwinkte; sein Mienenspiel der rechten
+Gesichtshälfte stand mit dem mir vorhin erwiesenen Komplimente im
+offenen Widerspruche. Die Leichtigkeit, mit der er sich aber sofort, als
+er mein Erstaunen begriffen, aus der zweideutigen Lage zu helfen wußte,
+zeigte von nicht geringer Selbstbeherrschung.
+
+Er lud mich und die beiden Missionäre hierauf ein, ihn in seine
+Behausung zu begleiten und eine Tasse Thee zu nehmen. Wenige Augenblicke
+später standen wir vor seinem neuen Hause, einem reinen und schmucken
+Gebäude, neben welchem sein früheres, nur von dem ältesten Sohne
+bewohntes Häuschen stand, an das sich die übrigen von der königlichen
+Familie bewohnten anschlossen. Das neue Haus für den König von Taylor um
+den Betrag von 3000 £ St. aufgebaut und adaptirt worden, welcher Betrag
+dem Kaufmanne in Straußenfedern und Ochsen ausgezahlt wurde.
+
+Unter allen Betschuana-Herrschern ist Seschele am bequemsten und in
+europäischem Style eingerichtet. Doch bevor wir mit dem Könige das
+reine, gepflasterte Höfchen, in dem die Königin, auf unseren Besuch
+unvorbereitet, nach Bakwenasitte auf einem Rindsfelle lag, und sein
+Wohnhaus betreten, erlaube ich mir, den geehrten Leser mit Seschele
+etwas vertrauter zu machen. In Bezug auf Charakter nimmt Seschele unter
+den sechs Betschuana-Herrschern, trotzdem er sich die längste Zeit zur
+christlichen Religion bekennt, die unterste Stufe ein, während sein
+nördlicher Nachbar, der jetzige König der östlichen Bamangwato, Khama,
+am höchsten und ihm als der Nächste unser gutherziger Freund Montsua zur
+Seite steht.[1] Seschele ist ein geschickter Intriguant, ein Mann mit
+einem Doppelgesicht, seinen Intentionen entspricht die Sentenz »Der
+Zweck heiligt das Mittel«.
+
+ 1: Von Chatsitsive will ich noch nachträglich erwähnen, daß er als
+ Character zwischen Mankuruan und Montsua die Mitte hält, d.h. daß
+ ihm mehr zu trauen und zu glauben ist als dem Ersteren, ohne daß er
+ die Gutmüthigkeit und lobenswerthen Eigenschaften des letzteren
+ besäße.
+
+Sein Stamm, die Bakwena's, leiten ihren Namen von Ba (oder Ma) und Kuena
+(Kwena) her, d.h. »die Menschen des Crocodils, oder die Menschen, die
+den Tanz des Crocodils tanzen,« also Menschen, die, ohne das Crocodil zu
+vergöttern, ihm eine gewisse Achtung zollen.[1]
+
+ 1: In dieser Weise finden wir auch die übrigen Betschuanastämme
+ benannt, d.h. mit Namen, die sie sich selbst gegeben, nachdem sie
+ das centrale Süd-Afrika eingenommen und sich dann in die
+ verschiedenen Stämme getheilt hatten. So bedeutet der Name der
+ Batlapinen eigentlich die Ba-Tlapi, d.h. »die den Fische geweihten«.
+ Bakhatla (Ba-Khatla), die den Affen Geweihten; Batau = Ba-Tau
+ (Taung), dei dem Löwen Ergebenen: Makhosi oder Makosi = Ma-Khoschi,
+ Menschen, die einen Herrn (Häuptling), Banoga = Ba-noga (oder
+ nocha), die eine Schlange etc. verehren.
+
+Die Bakwena waren noch vor vierzig Jahren, nachdem sie sich bereits von
+den Banquaketse getrennt und selbst nachdem ein Theil derselben nach
+Norden auswanderte und sich näher an die Bamangwato ansiedelte, ein
+reicher Stamm, der sich meist von der Jagd und Viehzucht nährte. Der
+schwächere Theil zog nach dem Ngami-See ab, wo er zwar anfangs durch
+Fieber arg litt, der Rest aber sich nach und nach acclimatisirte und
+über die daselbst wohnenden Stämme die Oberhand gewinnend, mit ihnen
+ganz verschmolz. Die zahllosen am Notuany, am westlichen Marico-Ufer und
+den westlichen Nebenflüssen des letzteren weidenden Heerden bildeten den
+Reichthum des Stammes.
+
+Mochoasele, Seschele's Vater, machte sich eines Verbrechens à la Morena
+David schuldig, in Folge dessen er ermordet wurde und die unzufriedenen
+Häuptlinge eine andere Herrscherfamilie zu wählen beschlossen. Es
+geschah um die Zeit als Sebituane, von dem Stamme der Basuto's, mit
+seinen kriegerischen Makololo die Masse der Betschuana's durchbrechend,
+nach Norden zog, um sich jener Striche, von denen er vernommen, daß sie
+sich eines ewigen Frühlings erfreuen, d.h. der Gegenden am Tschobe und
+Zambesi zu bemächtigen. Die Freunde des getöteten Mochoasele sandten
+heimlich Boten zu Sebituane und baten ihn, dem jungen Seschele zu seinem
+Rechte zu verhelfen. Sebituane entsprach auch ihrem Wunsche und sicherte
+dem Sohne des getöteten Fürsten die Herrschaft über die Bakwena's. Diese
+Verfügung, sowie die neuerliche Loslösung einzelner Abtheilungen vom
+Hauptstamme, welche nach Nordost, Süden und Südost auswanderten,
+schwächte die Bakwena's an Zahl und Macht und verminderte ihre
+Wohlhabenheit. Auf Livingstone's Anrathen, der im Jahre 1842 Seschele
+zum ersten Male besuchte und ihm den ersten Begriff eines rationell
+betriebenen Ackerbaues, wenn auch in einfachster Form, beibrachte,
+wechselte der junge Herrscher seinen Wohnsitz und ließ sich 20
+geographische Meilen entfernt am Kolobengflüßchen nieder; so entstand
+seine erste und eigentliche Residenz Kolobeng.
+
+Der Ackerbau schien den Bakwena's Segen zu bringen und der Stamm erholte
+sich sichtlich; trotz einiger Dürre-Perioden war der Stamm derart
+erstarkt, daß er den anwohnenden Holländern, die, wie es ihr Vorgehen
+mit Mankuruan, Montsua und Chatsitsive beweist, ihre Grenzlinien nach
+Westen ausdehnen wollten, allzu mächtig zu werden schien und sie ihn
+»kleen« zu machen beschlossen. Sie beschuldigten die Bakwena's, daß sie
+Diebstähle an ihren Farmen begangen und drangen auf Züchtigung
+derselben. Mochte nun auch der Vorwurf des Viehdiebstahls gerechtfertigt
+sein, das Vorgehen der holländischen Boer's, welche im Jahre 1852
+Kolobeng überfielen und verbrannten, alles Vieh, dessen sie habhaft
+werden konnten, raubten und zahlreiche Gefangene mitschleppten, läßt
+sich in keiner Weise entschuldigen, es bleibt ein willkürlicher
+Gewaltact. Nach der Zerstörung Kolobeng's erstand Liteyane und später
+Molopolole.
+
+Seschele wurde in seiner Jugendzeit Christ, als er aber bemerkte, daß
+die Mehrzahl seines Stammes am Heidenthume hielt, sein Bruder
+Khosilintschi von dem Volke sehr geachtet wurde und durch seine
+(Seschele's) Bekehrung die von ihm aufgegebenen heidnischen Gebräuche,
+deren Leitung dem jeweiligen König zufielen und mit dem Genuß der ersten
+Feldfrüchte und der Regenmacherei etc. verbunden waren, nunmehr von
+seinem Bruder geleitet und vollstreckt wurden und dieser in der Gunst
+der Volkes stieg, entschloß sich Seschele, wohl bis zu einem gewissen
+Punkte, so z.B. den Besuch der Kirche, der Taufe seiner Kinder u.s.w.
+Christ zu bleiben, sonst aber, soweit dies mit seiner Macht als
+Herrscher zusammenhing, die heidnischen Gebräuche auszuüben und
+theilweise auch zu leiten. Die kleine, junge, christliche Gemeinde unter
+den Bakwena's sah darin nichts Arges, betrachteten das Singen,
+Kirchengehen und die Monogamie als die Hauptpflichten eines Christen,
+während die mächtige Partei der Regenbeschwörer, id est Heiden, froh
+war, den König den alten herkömmlichen Landesgebräuchen treu zu sehen.
+
+Noch einige Züge aus seinem Leben, um seine Geschichte abzurunden und
+dann, lieber Leser, wollen wir sein jetziges »Schlößchen« auf den
+Bakwenahöhen betreten. Im Jahre 1864 sandte Seschele einige Hundert
+seiner Leute aus, um Sekhomo, den damaligen König der Bamangwato,
+anzugreifen. Doch die Makalahari-Vasallen berichteten diesem rechtzeitig
+die Annäherung der Bakwena's und diese wurden im Thale des
+Schoschon-Rivers, vor der Stadt Sekhomo's, geschlagen. Diese Truppe
+wurde von Khosilintschi angeführt. Seschele entschuldigte sich, daß er
+den Raubzug auf Anrathen Matscheng's, des früheren, nun flüchtigen und
+bei ihm wohnenden Bamangwatokönigs angeordnet hatte. Einer weiteren
+Schandthat machte sich Seschele durch die Ermordung Tschukuru's im April
+1866, des Schwiegervaters des gegenwärtigen Königs der Bamangwato, Khama
+(Sekhomo's Sohn), schuldig. Bei einem der schändlichen Versuche, seine
+beiden vom Volke geliebten Söhne Khama und Khamane zu tödten, wobei
+diese sich flüchten mußten, sich später aber auf Gnade ergaben, wollte
+Sekhomo den Anhängern seiner Söhne gegenüber nicht gleiche Gnade walten
+lassen, weshalb diese, darunter auch Tschukuru, auf Seschele's Einladung
+hin, Zuflucht bei diesem nahmen. Sie kannten zwar Seschele nicht, allein
+weil ihnen ein Sohn Seschele's (ein Getaufter) mitgegeben war, ließen
+sie sich doch überreden, nach Molopolole zu wandern. In der ersten Nacht
+wurde Tschukuru unter dem Vorhaben aufgeweckt, daß ihn des Königs Bruder
+zu sehen wünsche und als er unvorsichtiger Weise dem Boten folgte, im
+Walde von Bewaffneten niedergestoßen. Seschele hatte dies angeordnet,
+weil sich Tschukuru im Kampfe gegen die Schoschong angreifenden Bakwena
+hervorgethan und dann auch, um Sekhomo, der den alten Mann haßte, einen
+Gefallen zu erweisen. Als Sekhomo durch den vertriebenen und zu Seschele
+geflüchteten Mascheng verdrängt wurde und selbst bei Seschele Zuflucht
+nahm, half dieser mit seinen Leuten den Söhnen Sekhomo's, Mascheng,
+seinen früheren Schützling, zu vertreiben.
+
+In den folgenden erneuten Kämpfen zwischen Sekhomo und seinem Sohne
+Khama bot er beiden seine Hilfe zugleich, gegen eine Summe von 2000 £
+St. in Straußenfedern und Elfenbein. Eine seiner letzten Ehrenthaten war
+das von ihm erlassene Gesetz, womit er einigen holländischen Jägern
+gegen schweres Geld Erlaubniß gab, durch sein Land zu ziehen und in
+dessen nordwestlichem Theile zu jagen, dabei aber den Makalahari, welche
+die Jagdgebiete bewohnten, sowie den Führern der Jäger verbot, diesen
+die Wasserstellen zu zeigen. Die von den Bakwena's unter Führung seiner
+Söhne im Jahre 1876 an den Bakhatla's verübten Grausamkeiten sind noch
+in frischer Erinnerung.--
+
+Bei unserem Eintritt in den Hof des königlichen Hauses wurden wir von
+der sich erhebenden Königin, einer großen starken Frau, die ein nach
+hinten zusammengebundenes Kopftuch, so wie ein großes, wollenes
+Umschlagtuch und ein Cattunkleid trug, bewillkommnet und in's Haus
+geführt. Des Königs voller Titel ist »Seschele M'Kwase Morena ea
+Bakwena.« [1]
+
+ 1: Unter den centralen Betschuana's ändert der Vater seinen Namen
+ wenn seine Familie mit mehreren Söhnen bedacht ist und diese im
+ Aufwachsen begriffen sind, indem er den Namen des ältesten Sohnes
+ annimmt, z.B. heißt der Häuptling der östlichen Bakhatla gegenwärtig
+ Ra-Piti, d.h. der Vater (Ra) des Piti (sein ältester Sohn), während
+ die Mutter den des jüngsten Sohnes annimmt, so heißt die Königin
+ oder Seschele's Frau, Ma-sebele, d.h. (Ma oder M') Mutter des
+ Sebele.
+
+Wir wurden von Seschele zuerst in das Empfangszimmer geführt, während
+Ma-sebele den Auftrag gab, uns einen Imbiß zu bereiten. Das
+Empfangszimmer (Seschele gebraucht den englischen Ausdruck
+»drawing-room«, nur daß er ihn in einer regelwidrigen Weise ausspricht)
+ist vollkommen mit europäischem Comfort eingerichtet, Stühle etc. aus
+Nußbaum, die Sitzpolster mit rothem Sammt überzogen. Ein selbstbewußtes
+Lächeln, durch die hohe Meinung über sich selbst hervorgerufen,
+besonders wenn er sich in seinem drawing-room befand, soll das ohnehin
+freundlich lächelnde Vollgesicht des Bakwena-Herrschers umspielen, so
+oft er einem Weißen das Innere seines Palastes zu zeigen in der Lage
+ist, und sich an dem Erstaunen des Fremden weiden kann--auch mir armen
+Sterblichen wurde das hohe Glück zu Theil, es zu schauen.
+
+Während wir uns niederlassen mußten, breitete sich der König erst sein
+Schnupftuch (das er jedoch nicht zu gebrauchen scheint) auf den von ihm
+erkorenen Stuhl aus, bevor er sich auf denselben niederließ. Ma-sebele
+trat später auch ein, und ließ sich auf einem Holzstuhle nieder. Durch
+meine beiden Begleiter befragte mich Seschele nach dem Zwecke meiner
+Reise, nach meiner und der Nationalität meiner Begleiter. Da er, wie die
+meisten der Betschuana's nur »Engländer« und »Boers« kannte, die ersten
+gerne sah, die letzteren »nicht liebte«, so war er sehr erstaunt zu
+hören, daß ich ein Weißer sein konne, ohne zu einer der beiden Nationen
+zu gehören. Endlich hatte er sich das Wort »Austria« eingeprägt und nun
+fragte er, an welchem Flusse ich wohne und ob in einer Stadt oder auf
+einem Viehposten, d.h. auf dem Lande. Ich nannte Prag, für ihn ein neues
+Räthsel und dies um so mehr, als ich, um die Größe der Stadt nach
+Betschuanabegriffen darzustellen, ihm mittheilte, daß Prag seine
+Residenz Molopolole zwanzig Mal an Umfang übertreffe. Er meinte, sein
+»Herz wäre voll Staunen über das große Dorf« und nachdem er die ihm
+übersetzten Worte meiner Begleiter nachgesprochen, erzählte er der
+Königin, die mich gnädig zu mustern schien, die ganze Episode mit den
+Worten: »Er (nach mir weisend) ist ein Naka (Njake, Njaga oder auch
+Njaka, d.h. Doctor) no Englishman, no Boer (er sprach Bur), sondern
+ein--hier sah er wieder fragenden, doch auch lächelnden Antlitzes Herrn
+Price an; dieser nickte auch und sagte Au--strian--O--O--stri--en,
+plapperte Seine Majestät nach und stand auf, um sich in die Brust zu
+werfen, da ihm dies gelungen.
+
+Ein neuer Ankömmling, lachend und beide Missionäre begrüßend, ward nun
+auf der Thürschwelle sichtbar, es war ein etwa 14jähriger, hoch
+aufgeschossener, mit Hemd, Weste und Beinkleidern angethaner Jüngling,
+der eine rothe, wollene Zipfelmütze trug. Er lachte zu allem was
+gesprochen wurde, namentlich als ihn seine Mutter--denn der
+schmucke Jüngling mit dem Barett auf dem wolligen Kopfe war kein
+Minderer als Sebele, der Jüngste oder Ma-sebeles _darling Baby_
+(Herzenskindlein)--mir mit den Worten _mo Sebele o Th[=o]-li[)ng]
+B[)e]b_ vorzustellen geruhte. Nach einer halben Stunde fiel es
+plötzlich dem jungen Königssohne ein, seiner Mutter mitzutheilen, daß
+der Thee im Speisesalon aufgetragen sei.
+
+Seschele eröffnete hierauf den Zug, wir folgten und Ma-sebele bildete
+den Nachtrab. Wir waren alle im besten Humor--namentlich ich und
+Tholing--, ich weil ich zum ersten Mal seit zwei Monaten, und Tholing
+Beb, weil er schon zum zweiten Mal an diesem Morgen die »Kuchen« des
+Makoa (die Kuchen des weißen Mannes) erblickte. Doch wurde ihm das Glück
+nicht zu Theil, gleich uns an der Tafelrunde zu sitzen; er war bestimmt
+die »Honneurs« zu machen, worauf er sich ziemlich gut zu verstehen
+schien.
+
+Das Speisezimmer hatte eine schöne mit weißem Linnen gedeckte Tafel, der
+Thee wurde in napfförmigen Tassen servirt, von denen die des Königs, der
+oben an der Tafel saß, mindestens einen Liter fassen mochte. Die Kannen,
+Zuckerdose und das übrige auf einem Seitentischchen stehende
+Tischgeschirr war aus Silber gearbeitet und wie ich hörte, dem Könige
+von den periodisch sich in Molopolole aufhaltenden Kaufleuten verehrt
+worden. Der Thee war gut und die Kuchen ließen nichts zu wünschen übrig.
+Unser Gespräch aus dem _drawing-room_ wurde fortgesetzt und ich über das
+Gebahren der englischen Regierung in den Diamantenfeldern und jenes der
+holländischen in Pretoria und Bloemfontein befragt.
+
+Ihre schwarze Majestät schien an unserer Conversation kein Interesse zu
+finden und fing anfangs leise und verstohlen, doch als nach und nach die
+Natur über sie die Oberhand gewann, merklicher und hörbarer, ihre durch
+unser Eintreten in's Höfchen unterbrochene Beschäftigung wieder
+aufzunehmen, d.h. zu schlummern. Der Herr Ehegemahl sah dies und da es
+ihm vielleicht etwas ungebührlich dünkte, gab er ihr erst durch ein
+Hüsteln und als dieses nichts half, zeitweilig durch eine zarte
+Berührung mit seinen Elephantenfüßchen den begangenen Verstoß gegen die
+Hofsitte zu verstehen. Ich hatte alle Mühe meine Lachmuskeln im Zaume zu
+halten und bemeisterte endlich die Versuchung, indem ich an den König
+das Wort richtete.
+
+»Morena! Als ich ein Knabe von dreizehn Jahren war und zum ersten Male
+die Bücher Naka Livingstone's las und in denselben auch Deinen Namen
+fand, dachte ich wahrlich nicht, daß ich einst Dich selbst sehen,
+sprechen, ja noch Thee und Kuchen in Deinem Hause genießen würde.«
+Seschele, der es, trotzdem er die Regendoctorei prakticirt, sehr gut
+versteht, an passender Stelle Bibelsprüche anzuführen, war auch sofort
+mit einer ebenbürtigen Erwiderung zur Hand. »Die Wege der Vorsehung sind
+wunderbar,« waren seine unmittelbar darauf folgenden Worte; doch schon
+während Mr. Williams Uebersetzung meiner Worte hatte der König, dessen
+rechte Gesichtshälfte uns, die linke seinem Weibe die nöthige
+Aufmerksamkeit zuzuwenden schien, zu seinem Bedauern beobachtet, daß
+Ma-sebele wieder eingeschlummert war und diesmal sich gefährlich nach
+der Seite neigte. Mich mit listigem Blicke betrachtend, applicirte er
+seiner Frau einen so unzarten Fußstoß, daß Ma-sebele, die arme Königin,
+mit ihrer Stirne beinahe die vor ihr stehende Tasse umgeworfen hätte.
+
+Nach Tisch machte ich mit den beiden Herren einen Spaziergang auf die
+Felsenhöhe, auf welcher Molopolole erbaut ist; diese Höhe heißt
+Mo-ra-a-Khomo, d.h. der Vater der Ochsen, so genannt nach einem einst
+hier ansässigen Bakwena-Viehzüchter und bildet mit der ihr gegenüber
+liegenden Höhe das Felsenthor Kobuque.
+
+Die früher hier ansässigen Makalahari's und Bakwena's--es geschah dies
+noch als Seschele in dem nahen Liteyane wohnte--benützten die steil
+abfallenden Wände der Moraakhomo-Höhe an dem Felsenthore, um
+altersschwache Eltern oder nahe Verwandte, deren Ernährung und
+Verpflegung ihnen lästig fiel, über dieselben herabzustürzen. Die Unthat
+wurde vom nächsten in demselben Gehöfte wohnenden Verwandten
+vorgeschlagen und mit Hilfe seiner Nachbarn im Dunkel der Nacht
+vollbracht. Die Schwachen und Hilflosen, wohl wissend, was ihnen
+unausweichlich bevorstehe, wurden ohne Widerstand an den Felsenrand
+hingebracht oder hingetragen und Hyänen oder Schakale besorgten noch in
+derselben Nacht die Bestattung der Herabgestürzten oder machten den
+Leiden der durch den Sturz nur Schwerverletzten ein Ende.
+
+Das unter dem Molopolole-Felsen, d.h. am nördlichen Felsenthore
+befindliche, von dem etwa 2½ englische Meilen auswärts in der Schlucht
+entspringenden Tschanjana-Flüßchen gefüllte, drei bis vier Fuß tiefe
+Felsenloch wird an trockenen Tagen von der dunklen Jugend Molopolole's
+als Badeort benützt. Daß jedoch Baden und Waschen keine den Betschuana
+eigentümliche Tugend ist, konnte ich an den Jungen, die sich vor mir
+badeten, und wobei natürlich Sebele, des Königs Sohn, den Anführer
+spielte, und die unsinnigsten Sprünge etc. ausführte, bemerken. Sie
+krochen wohl in's Wasser, beeilten sich jedoch, bald aus dem nassen
+Elemente herauszukommen und sich an den sengenden Sonnenstrahlen zu
+trocknen; an trüben Tagen mieden sie ängstlich das Wasser.
+
+Die freie Zeit meines Aufenthaltes in Molopolole benützte ich zu
+Ausflügen in die nächste Umgebung, auf welchen meine Sammlungen um
+manches interessante Object vermehrt wurden. Theils erstand ich, theils
+erhielt ich als Geschenk: einige Carossen, einige sehr primitiv
+gearbeitete Assagaie, d.h. Wurfspieße, deren Schaft kurz und fingerdick,
+deren Eisen stumpf und äußerst schlecht gearbeitet, deren oberes
+Schaftende mit Sehnen umflochten, oder mit einigen Stückchen einer im
+nassen Zustande umgelegten und zusammengenähten Boahaut zusammengehalten
+war, ferner Schlachtbeile, welche in dem ¾ Meter langen, hölzernen Stiel
+lose befestigt, unseren Hackbrettmessern nicht unähnlich sind, ferner
+einige gut gearbeitete Holztöpfe und einige Beschwörungsmittel, eines
+aus Rüsselkäfern, zwei aus Samen und eines aus Vogelklauen, Haut- und
+Hornstücken gearbeitet. Herr Williams verehrte mir einen aus Boababrinde
+(Andansonia) gearbeiteten Reissack, den er von den von einem Raubzuge
+aus dem Maschonalande heimkehrenden Matabele erhalten hatte.
+
+Meine zoologischen Sammlungen vermehrten sich um einen schönen Orix
+capensis-Kopf mit langen Hörnern, ein Leopardenfell und eines von
+Gueparda jubata, einige Hyraxfelle, ferner eines von Viverra Zivetia,
+welches jedoch selten zu sein scheint, und mehrere von Felis caligata.
+Herr Williams brachte mir den Cadaver eines dreijährigen Kamafuchses,
+das Thier hatte sich früher schon in einem Schlageisen gefangen, war
+jedoch nach Zurücklassung des einen Hinterfußes davongekommen, nun hatte
+es sich zum zweiten Male täuschen lassen und diesmal sein Leben
+verwirkt. Die Bakwenahöhen beherbergen auch den schönen Klippspringer;
+im Lande der Bakwena's, nördlich von Molopolole begegnen wir endlich zum
+ersten Male der Eland-(Elen-)Antilope und der Giraffe.
+
+Unter den Vögeln fiel mir die Häufigkeit mittelgroßer Raubvögel auf,
+namentlich Sperber, Falken, Bussarde und Milane; von letzteren hatte
+Herr Williams mehrere erlegt, da sie die Küchlein seiner Frau Gemahlin
+decimirten. Sonst fielen mir durch ihre Häufigkeit Eulen, Uhu's,
+Schleiereulen und Zwergkäuze auf, welche in den Felshängen ihre
+Wohnsitze aufgeschlagen hatten. In den Felsenritzen und unter den vielen
+Felsblöcken herrscht ein reges Thierleben--Säugethiere, namentlich
+Raubthiere in großer Zahl, dann Reptilien, besonders Schlangen und
+Eidechsen finden hier die besten Schlupfwinkel; an die reiche und üppige
+Pflanzenwelt, die an den Abhängen vermodernden Baumstümpfe ist die
+Existenz zahlloser Insecten, darunter Lepidoptera, Fliegen etc.
+gebunden. Meine Ausbeute an Käfern, Spinnenarten und Scolopender war
+eine sehr reiche; für einen Naturforscher ist überhaupt der Aufenthalt
+in dem Bakwena-Höhennetze in jeder Beziehung ein äußerst lohnender.
+
+Wir finden auch hier wie an den Bamangwato- und anderen auf dem
+Hochplateau des zentralen Süd-Afrika gruppenförmig ansteigenden,
+felsigen, mit dem Marico- oder Matabele-Gebirgscentrum zusammenhängenden
+Höhen, den steilen, zerklüfteten Abfall der Tafelberge oder
+tafelförmige, mit kegelförmigen, isolirten Höhenspitzen besäete
+Hochflächen. Dieses Gesammthöhennetz geht allmälig nach Norden in eine
+bewaldete und meist tiefsandige Hochebene über, um sich dann wieder
+ebenso allmälig in einer Ausdehnung von 30 bis über 100 englische Meilen
+zu einem seicht eingeschnittenen Flußbette zu verflachen, auf dessen
+gegenüber liegendem Ufer ein ähnlich beschaffenes Höhennetz, wie das
+eben beschriebene sich fortsetzt. Granit, Quarzitschiefer, Trapdykes,
+Kalkadern und eisenhaltiger, sandiger Thon bilden die Hauptformation der
+Höhen, deren Vegetation durch mehrere riesige Aloëspecies charakterisirt
+wird, welche förmliche Gehölze bilden.
+
+Bevor wir von Molopolole scheiden, sei es mir erlaubt, hier einige der
+wichtigen religiösen und lokalen Gebräuche unter den Betschuana's zu
+erwähnen. Ich verdanke die folgenden Mitteilungen der Güte der
+englischen Missionäre Herren S. Mackenzie, Hephrun, Price, Williams,
+Brown und Webb und des deutschen Missionärs T. Jensen, ferner einigen
+der hervorragendsten Trader und einigen gebildeteren holländisch und
+englisch redenden Betschuana's und fand dieselben aus eigener Anschauung
+während meiner drei in's Innere unternommenen Reisen betätigt.
+
+Religion im eigentlichen Sinne des Wortes besitzen die Betschuana's,
+d.h. die das centrale Süd-Afrika bewohnenden Stämme dieser Völkerfamilie
+nicht, doch kennen wir aus dem Umstande, daß sie bei den ersten
+Belehrungen über das Christenthum dem unsichtbaren Gott sofort den Namen
+Morimo beilegten, ohne daß das Wort eine anderweitige Verwendung fände,
+schließen, daß sie in längstvergangener Zeit einem sichtbaren oder
+unsichtbaren Wesen göttliche Verehrung gezollt haben mußten. So hat sich
+denn das Wort Morimo bei ihnen traditionell erhalten. Das
+nächstverwandte Wort zu Morimo ist Barimo, welchen Ausdruck die
+Betschuana's noch immer häufig gebrauchen und der »die Geister der
+Abgestorbenen« bezeichnet. Trotzdem sie also keine eigentliche Religion
+besitzen, hängt doch die Masse an vielen Gebräuchen, welche bei anderen
+Völkern, die Vielgötterei treiben, als religiöse Gebräuche angesehen
+werden, z.B. eine gewisse Verehrung, die sie, wie schon erwähnt,
+gewissen Thieren zollen, dieselbe ist jedoch nur darauf beschränkt, daß
+sie das Thier nicht tödten, sein Fleisch nicht genießen und sein Fell
+nicht gebrauchen. So finden wir auch, daß diese Gebräuche von
+bestimmten, dazu herangebildeten Personen gelehrt und ausgeübt werden,
+welche den König, oder ist der König ein Christ geworden, einen ihm an
+Würde zunächststehenden Heiden als ihr Oberhaupt anerkennen und auf
+diese Weise die Kaste der Priester und des Oberpriesters repräsentiren,
+welche unter den Betschuana's Naka (Njaka, Njaga) heißen. Als die
+Betschuana's ein wohl in mehrere Unter-Familien getheiltes, doch noch
+unter einem Scepter vereinigtes Volk und Reich darstellten, war das
+Königthum in der Familie Baharutse erblich. Selbst als sich später die
+Betschuana's theilten, der eine Stamm (eine Abzweigung, Unter-Familie)
+etc. nach Norden, die anderen nach Süden, Osten, Südost und Südwest
+zogen und selbstständige kleinere und größere Königreiche errichteten,
+die alte königliche Familie von den meisten ihrer Unterthanen verlassen
+auf die Unter-Familie, aus der sie entsprang, beschränkt, und machtlos
+geworden war, blieb ihr doch das Vorrecht jene abergläubischen, dem
+Hohenpriesteramte unter den Betschuana's zukommenden Gebräuche zu
+verrichten, und Mitglieder königlicher Familien, sowie Naka's aus den
+neuerstandenen Betschuana-Reichen wanderten an den Hof der Baharutse
+(Bahurutse) um von dem jeweiligen Oberhaupte diese Gebräuche verrichten
+zu sehen. Seitdem jedoch einzelne der losgetrennten Stammzweige der
+Betschuana's eigene, ziemlich mächtige Reiche errichteten und einige der
+Chefs oder Könige Christen geworden sind, hat dies beinahe völlig
+aufgehört, trotzdem aber wird von allen Betschuana's mit höchster
+Verehrung von der alten königlichen Familie gesprochen, welche seitdem
+durch des Geschickes Walten ihre Macht durch eine abermalige Theilung
+ihrer Mitglieder und der daraus folgenden Zersplitterung ihres Stammes
+völlig eingebüßt hat und gegenwärtig als Unterthanen der
+Transvaal-Colonie in und im Weichbilde der Stadt Linokana (früher zur
+Lebzeit des Häuptlings Moilo nebenbei Moilio oder Moiloa genannt) und
+als Unterthanen des Königs der Banquaketsen, Chatsitsive, die Stadt
+Moschaneng bewohnt. Der gegenwärtige Häuptling der ersteren (der
+östlichen Baharutse) und somit das eigentliche Oberhaupt der
+Betschuana's ist Kopani, ein noch junger Mann.
+
+[Illustration: Regenbeschwörer.]
+
+Zu jenen Gebräuchen, die in den einzelnen Betschuana-Reichen von dem
+Oberhaupte des Landes oder wo verschiedene Stämme ein Reich bewohnen von
+den diesen vorgehenden Häuptlingen angeordnet werden, gehört vor Allem
+der ceremonielle Genuß der ersten geweihten Feldfrüchte (meist
+Kürbisse), ferner die Ausübung der Heilkunde, das Regenmachen und das
+Bezaubern. Dem Stammes-Oberhaupte als obersten Doctor, Zauberer etc.
+stehen bei der Ausübung der Zeremonien mit Ausnahme der ersten
+obgenannten, die er nur allein verrichten kann, die Linjaka's
+(Priester), die man jedoch auch Naka (Njaka) nennt, zur Seite (wir
+wollen sie aber der Unterscheidung und ihrer untergeordneten Stellung
+halber Linjaka's nennen), welche die übrigen Zeremonien der Zauberei und
+der Regenmacherei verrichten und damit auch einige primitive Kenntnisse
+der Heilkräuter verbinden.
+
+Als Heilkünstler erkennt man sie in der Oeffentlichkeit an einem aus
+Pavianfell (Cynocephalus Babuin) verfertigten Mäntelchen, und in ihren
+Wohnungen an den aus dem Felle der Hynena crocaia (maenlaia)
+gearbeiteten Fußdecken (Teppichen), auf denen sie Audienzen ertheilen.
+Manche tragen auch um den Hals an Schnüren oder Riemchen verschiedene
+Säugethier-, Vögel- und Reptilienknochen, doch immer auch vier meist aus
+Elfenbein, zuweilen aus Horn geschnitzte, mit eingebrannten Zeichnungen
+versehene Stäbchen und Pflöckchen, welche Würfel darstellen und zur
+Diagnose benutzt werden. Diese letzteren werden auch von Menschen
+getragen, welche gegen Bezahlung des Lehrgeldes blos in dem Werfen
+dieser Dolo's unterrichtet werden, ohne daß sie wirkliche Linjaka's
+wären.
+
+Ihr Amt ist unter den Betschuana's erblich, doch werden auch
+wißbegierige junge Männer zu Doctoren gebildet. Der Aspirant hat als
+Honorar seinem Lehrer eine Kuh (gegenwärtig zumeist andere Objecte im
+gleichen Werthe), oder falls derselbe in den Diamantenfeldern Mali
+(Geld) verdient hat, 4-7 £ St. zu geben und wird darauf sofort in die
+»Lehre« genommen. Der medicinische Lehrcurs beginnt mit dem Ausgraben
+(das »Graben« bildet einen wichtigen Begriff und eine wichtige
+Manipulation bei vielen Zeremonien der Betschuana's) der Heilkräuter,
+wobei er von seinem Lehrmeister durch Wald und Flur geleitet, über die
+Species der Pflanzen, die zur Benützung gelangenden Theile, sowie über
+die Jahres- und Tageszeit, zu welcher die Pflanze ausgegraben werden
+muß, belehrt wird. Die gesammelten Pflanzentheile werden sodann
+getrocknet, geröstet oder zerstampft und dann ein Pulver oder Absud
+derselben als »Heilmittel« erklärt, wobei jedoch gewisse Sprüche und
+Formalitäten bei der Zubereitung wie bei der Verabreichung zu beobachten
+sind, welche von den Aerzten bei der Behandlung wohlhabender Leute unter
+großem Lärm inscenirt werden.
+
+Ein oft verordnetes Heilmittel sind schweißtreibende Vegetabilien und
+dies, wie das Schröpfen um locale, so jenes um innere, im ganzen Körper
+oder über größere Partien desselben verbreitete Schmerzen (Typhus,
+Dysenterie etc.) zu beseitigen, dabei wird der Kranke verhalten, sich in
+seine beste Carosse oder in eine gekaufte Wolldecke zu hüllen, und
+nachdem das Mittel seine Schuldigkeit gethan, erscheint der Doctor, um
+die Carosse oder die Decke mit dem Schweiße, dem transpirirten
+Krankheitstoffe »einzugraben«, d.h. sie in Besitz zu nehmen, während der
+Kranke froh ist, den Grund seines Uebels aus dem Hause entfernt zu
+wissen. Der Patient würde es nie wagen, dieselbe zurückzufordern, sollte
+er auch nach seiner Genesung die Frau Doctorin mit seinem Schakalmantel
+in den Straßen des Dorfes herumstolziren sehen.
+
+Den letzten Lehrcurs bildet die Belehrung über das Werfen der Dolo's.
+Neben dem Dienste der Medicinmänner haben die Linjaka's auch einen
+zweiten Dienst, den der Beschwörer oder guten Zauberer zu versehen.
+Hierher gehören: das Herbeischaffen, der Gebrauch und der Verkauf von
+Mitteln, welche an einer Schnur an der Stirne und am Halse getragen,
+z.B. den Träger einer Löwenklaue muthig und flink, seine Verfolger träge
+und ihn selbst kugelfest machen sollen. Solche Mittel sind ferner: aus
+kleinen Tarsus- und Carpusknochen gewisser kleiner Säugethiermännchen,
+verschiedener Vierfüßler, Schuppen des Schuppenthieres,
+Metatarsus-Knochen gewisser Vögel und den Klauen bestimmter Raubvögel,
+aus Schlangen- und Leguanhaut, kleinen Schildkröten, den Leibern großer
+Rüsselkäfer verfertigte Amulete; mit verschiedenen eingebrannten Zeichen
+versehene Holzpflöckchen, eingeschnittene Ziegenbockhörner und kleine
+Hörnchen der zarteren Gazellenarten etc. welche allein oder mit
+verschiedenen buntbemalten Glasperlen an eine Gras- oder
+Giraffenschwanzhaar-Schnur angefädelt als Schutz vor Krankheiten, Uebeln
+und Unfällen am Arme oder um den Hals getragen werden. In den Amtsberuf
+der Linjaka's gehört endlich der Gebrauch der Dolo's um die Zukunft oder
+z.B. den Ort zu erfahren, an welchem ein gestohlenes Gut oder ein
+Flüchtling zu finden ist etc. etc.; die Beschwörungsweisen, um böse und
+unreine Menschen und Thiere zu schrecken, und sich von den ersteren zu
+befreien: z.B. durch das Aufhängen verschiedener Artikel unmittelbar an
+oder in der Nähe der Umzäunung des Gegners, durch das Errichten von
+Feuer in seiner Nähe, welche umgangen, umtragen und über welche gewisse
+Formeln gemurmelt werden.
+
+[Illustration: Die Beschwörung Khama's.]
+
+Zur Arbeit der guten Zauberer gehört auch die Ausübung der zum
+öffentlichen Wohle gereichenden Beschwörungsgebräuche, wie das Vergraben
+von zwei Antilopenhörnern an den zu einer Stadt führenden Pfaden, das
+Aufhängen von Töpfen auf Pfählen zwischen den Gehöften, in manchen
+Hofräumen oder an den die Stadt beherrschenden Punkten, das Aufhängen
+von Pavianköpfen nahe am Eingange zur Kotla und der Köpfe größerer
+Raubthiere in der Nähe jenes Viehkraals, dessen Insassen von dem
+betreffenden Raubthiere getödtet worden waren etc.
+
+All' dieses geschieht, um damit Segen und Gedeihen über eine Stadt zu
+verbreiten, um sie gegen Feuersbrunst und feindliche Angriffe zu
+schützen, im letzteren Falle um die Heerde vor einem weiteren Unfall zu
+bewahren. Auch die Felder werden in ähnlicher Weise mit
+Beschwörungsmitteln umgeben, um eine gute Ernte zu sichern und
+Heuschrecken abzuhalten. Aus diesem Grunde werden auch diese
+_öffentlichen_ Amulete, lipeku genannt, auf die feierlichste und
+geheimnißvollste Weise bereitet (bei den Marutse am centralen Zambesi
+wurden Menschenopfer zu diesem Zwecke dargebracht) und nur die ältesten
+Linjaka's zu der Zubereitungs-Ceremonie zugelassen. Nur einige solcher
+Ceremonien sind auch Fremden zugänglich, z.B. der Khomo kho lipeku, d.h.
+der dem lipeku geweihte Ochs; zu dieser Ceremonie wird ein bishin weder
+als Zug- noch als Packthier benütztes Thier ausgesucht, diesem die
+Augenlider mit seinen Thiersehnen zugenäht und dasselbe wieder in die
+Heerde eingetrieben, dabei sorgfältig bewacht und nach einiger Zeit
+geschlachtet; hierauf wird sein Blut mit anderen Mitteln zusammengekocht
+und der Brei in kleinen Kürbisgefäßen aufbewahrt. Im Kriege beschmieren
+sich der König und die Heerführer mit diesem Brei oder behängen sich mit
+kleinen, damit gefüllten Gefäßen.
+
+Linjaka's, welche aus Rache oder Böswilligkeit, Jemandem schaden wollen,
+aber auch solche, deren Zauberschwindel eine der beabsichtigten
+entgegengesetzte Wirkung hervorbringt, erhalten den Beinamen Moloi, d.h.
+böser Zauberer und werden gefürchtet und gehaßt, so daß schon der Name
+Moloi den Ausdruck der höchsten Verachtung bezeichnet und man dem
+Betschuana keinen ärgeren Schimpf anthun kann, als ihm diesen beilegen.
+Der Moloi erscheint den Betschuana's auch mächtiger als der Linjaka, da
+ihm ohne die Ausübung seiner Zaubermittel selbst die stumme Natur
+gehorcht, er bewegt sich, klettert über Zäune und Felsen und geht über
+Flüsse, ohne gehört zu werden, Feuer schadet ihm nicht, Hunde, Schakale
+etc. hören auf zu heulen und verhalten sich stille, wenn er an ihnen
+vorbeigeht oder an sie herantritt. Mütter gebrauchen den Namen Moloi, um
+ihre schlimmen und schreienden Kinder zur Ruhe zu verweisen.
+
+Die bösen Zauberer trachten auch die Ernte zu schädigen; werden jedoch
+die Linjaka's von ihren Häuptlingen ausgesandt, dies einem Nachbarstaate
+anzuthun, so trägt nur der Auftraggeber das Odium der That, sie, die
+blos seinen Befehl ausgeführt, bleiben wie zuvor Linjaka's. Die
+Betschuana's behaupten, daß die Moloi's Leichen ausgraben, um ihnen
+gewisse Körpertheile zu entnehmen, auch daß sie Neugeborne tödten und
+aus gewissen Korpertheilen derselben Zaubermittel bereiten, doch die
+wichtigsten ihrer Mittel (d.h. die ihrer Meinung nach schädlichsten)
+behaupten die Moloi von Thieren zu gewinnen, die allgemein gefürchtet
+sind und nur schwer in die Gewalt des Menschen gelangen, so z.B. von der
+Boa, vom Krokodil und anderen. Haßt ein Mann seinen Nebenmenschen, ist
+er auf ihn eifersüchtig, so begibt er sich in der Dämmerung zu einem
+Moloi, um diesen gegen entsprechendes Honorar für seinen Plan zu
+gewinnen. Ereignet es sich nun zufällig, daß der auf der Jagd Abwesende
+oder Verreiste der bösen Macht des Zauberers erliegt und natürlichen
+Todes stirbt oder von einem Thiere getödtet wird, dann heißt es, der
+Mann sei im ersten Falle durch das Molemo (Gift), oder im letzteren
+Falle durch das vom Moloi gewonnene Thier (Büffel, Löwe etc.) getödtet
+worden.
+
+Das vorstehende Bild stellt eine Scene dar, die sich im Jahre 1866 in
+Schoschong zutrug. König Sekhomo hatte Moloi's gedungen, welche durch
+verschiedene in der Nacht vor dem Häuschen Khama's, seines beim Volke
+beliebten Sohnes, auszuführende Zaubereien diesen tödten sollten. Khama
+erwachte durch den Glanz des vor seiner Einfriedigung hell auflodernden
+Feuers, schlich sich an den Zaun und sah ruhig zu. Als sich zufällig
+einer der »Alten« nach seiner Wohnung umsah und ihn erblickte, stieß er
+einen Schrei aus; bei dem nun folgenden Tumulte suchten die Zauberer das
+Weite. Khama trat vor, zerschlug die Beschwörungsgefäße, warf den
+Beschwörungströdel in's Feuer, löschte dieses aus und erschien zum
+größten Erstaunen Sekhomo's und der von ihm gedungenen Moloi's am
+nächsten Morgen, frischer und froher wie je in der Kotla.
+
+In Uebereinstimmung mit ihrem Charakter gelten die Moloi auch als Feinde
+des Regens. Die Moloi glauben durch die frischen Zweige eines grünen
+Busches, welche unter einer Verwünschungsformel in die Flammen geworfen
+werden--den Regen bannen zu können, ferner suchen sie denselben Zweck
+durch die Verwüstung der von den Regendoctoren ausgesetzten Zaubermittel
+zu erzielen, auch glauben sie, daß das wiederholte Abfeuern von Gewehren
+die sich nähernden Wolken verscheuche.
+
+Der wichtigste Dienst, der von den Linjaka's und ihrem Oberhaupte
+gefordert wird, ist die Regenbeschwörung. Da jedoch der Mißerfolg bei
+dieser _öffentlichen_ Beschwörung nur zu leicht ersichtlich wäre,
+überträgt man zur Zeit langer Dürre-Perioden die Beschwörung des Regens
+an Linjaka's aus regenreichen Gegenden. Es sind meist die am rechten
+Ufer des mittleren Limpopo wohnenden Ma-lokwana, welche gegen ein
+Geschenk an Vieh zu dieser Arbeit gewonnen werden.
+
+In feuchten, niederschlagsreichen Jahren wird die Arbeit den heimischen
+Linjaka's überlassen; allein oder von Freiwilligen begleitet, begeben
+sich dieselben auf ein speciell dazu bestimmtes, fruchtbares Grundstück,
+um »isimo ea pula« d.h. das Feld des Regens zu graben. Dies ist eine
+allgemeine Ceremonie und geschieht zeitlich im Frühjahr. Dann folgt das
+Umgraben der Fluren durch die Frauen, nachdem noch zuvor die Männer von
+den Linjaka's durch Beschwörung gesegnete Samen (Kafirkorn, Mais,
+Kürbis, Wassermelone etc.) gekauft und diese in die vier Ecken des
+Feldchens eingepflanzt haben. An diesem Tage wird alle Arbeit
+eingestellt und erst am folgenden von den Frauen fortgesetzt.
+
+Von diesem Tage ab ist es ferner den Betschuana's verboten, die jungen
+Zweige der Bäume abzubrechen, vor Allem aber nicht jene des schon oft
+erwähnten Wart-en-bichi(bitje)-Baumes, der unter den Betschuana's
+allgemein verehrt wird. Erst zur Kafirkornreife und von den Njaka
+angeführt, versammeln sich die mit Aexten und Messern versehenen Männer
+in der Kotla, um einige Aeste von der geheiligten Accacie abzuhauen; mit
+den ersten wird der an die Kotla angrenzende königliche Viehkraal
+ausgebessert und nachdem dies geschehen, dasselbe an den übrigen
+Kraalzäunen gethan. Vor der Ernte einen abgeschnittenen Ast der Accacia
+detinens um Mittagszeit in einem Betschuanadorfe herumzutragen, käme
+einer schweren Beleidigung des Stammes gleich.
+
+[Illustration: Pit, der Griqua, entdeckt Leopardenspuren.]
+
+Zur Erntezeit müssen alle Baum- und Buschfrüchte, Straußenfedern und
+Elfenbein bedeckt aus dem Walde zur Stadt gebracht werden. Hat es in der
+Nacht geregnet und der Regen bis zum Morgen angedauert, so bebaut
+Niemand an diesem Tage die Felder, um den Regen nicht aufzuhalten und zu
+stören. Hat sich die nasse Jahreszeit eingestellt, oder, wie der
+Betschuana sagt, der Linjaka mit seinen Medicinen den Regen
+herbeigerufen, so trachten nun die letzteren auch den Regen auf längere
+Zeit zu »fesseln«. Aus diesem Grunde besuchen sie allein oder von ihren
+Schülern oder von den Besitzern der Felder begleitet einsame Orte, meist
+Höhen, pfeifen, schreien, murmeln Formeln und entzünden hie und da an
+den vorspringenden Stellen der Höhen Feuer, wobei sie zuweilen gewisse
+Ingredienzen in's Feuer werfen.
+
+Versagen alle angewendetem Zaubermittel und fällt kein Regen, dann wird
+in der Regel die Schuld auf die Masse geschoben und dieselbe irgend
+eines Verstoßes gegen die herkömmlichen Gesetze beschuldigt; meist sind
+es Witwen und Witwer, welchen der Vorwurf trifft, die vorgeschriebenen
+Reinigungen unterlassen zu haben. Die Untersuchung beginnt und findet
+sich nun ein Schuldiger oder eine Schuldige, so wird der- oder dieselbe
+verurtheilt, sich öffentlich der Reinigung zu unterziehen. Die Linjaka's
+bauen ihnen dann gegen Bezahlung außer der Stadt Grashütten, in welcher
+sie einige Zeit bleiben müssen, um sich ihre Wolle vom Kopfe abschaben
+und sich von den Linjaka's reinigen zu lassen; dann erst können sie zu
+den Ihrigen heimkehren.
+
+Hilft auch dies nichts, dann wird eine allgemeine Reinigung des Feuers
+und der Herdsteine vorgenommen. Die Linjaka's beseitigen in jedem
+Höfchen die drei Herdsteine, auf denen der Topf an's Feuer gestellt war
+und tragen sie auf einen bestimmten Punkt vor die Stadt, wo sie
+aufgehäuft und neue geweiht werden. Während der Dauer dieser Zeremonie
+müssen alle Herdfeuer im Orte ausgelöscht werden. Abends oder am
+folgenden Morgen erscheint der Unterpriester mit Reisig und einem
+geweihten brennenden Stock, um, nachdem die Feuerstelle gut abgescheuert
+worden ist, die Feuer in der ganzen Stadt anzuzünden.
+
+Sollte dies Alles noch keinen Regen zur Folge haben, ordnet man eine
+allgemeine Reinigung der Stadt an, herumliegende Fellstücke, Knochen, im
+Felde, vielleicht nahe an der Stadt zu Tage liegende Menschenreste
+werden begraben. Liegt der Ort in der Nähe der Begräbnißstelle eines
+Häuptlings, die sonst sehr geheim gehalten wird, so schlachtet man ein
+Stück Hausvieh, um damit den vielleicht erzürnten Todten zu besänftigen.
+Es werden auch ganze Jagden auf gewisse Thiere abgehalten, von welchen
+die Linjaka's gewisse Organe als Regen beschwörende Mittel gebrauchen;
+diese Jagd heißt »Letschulo« und wird unter den Auspicien der
+Regenmacher abgehalten.
+
+Obgleich das Christenthum das Loos der Frauen unter den Bekehrten etwas
+gemildert hat, konnte es ihnen doch viele der schwersten Arbeiten nicht
+abnehmen, und erst der eingeführte Pflug, dessen Gebrauch sich
+gegenwärtig immer mehr einbürgert, hat das Loos des Betschuanaweibes
+erleichtert, dadurch, daß der Mann ihn mit Hilfe der Ochsen verwendet,
+welche die Frau nie berühren darf. Einen ähnlichen guten Einfluß wird
+die Einbürgerung des Pflugs auf das allmälige Verschwinden der eben
+betriebenen abergläubischen und sinnlosen Regenbeschwörungs-Gebräuche
+nehmen.
+
+Ich schließe hiemit diese vorläufige ethnographische Skizze und kehre
+zur Schilderung meiner Reiseerlebnisse zurück.
+
+Der freundlichen Einladung Rev. Williams, die Weihnachts-Feiertage noch
+in Molopolole zuzubringen, konnte ich leider nicht willfahren.
+
+Durch das Kobuque-Felsenthor verließen wir den Thalkessel von Molopolole
+und zogen im Thale eines Tschanjanazuflusses nach Norden. Die üppigste
+Vegetation sproßte um uns her, das Ufer des Flüßchens und die unbebauten
+Thalstellen, die Abhänge an den Felsenhöhen waren mit den mannigfachsten
+Blumen und Gräsern bekleidet, stellenweise bebuscht und mit Bäumen
+bestanden, so daß die hier röthlichen, dort gelblichen, dann wieder auch
+grauen bis schwarzbraunen senkrechten Felsenmauern, stufenförmige,
+natürliche Felsenterrassen, die viereckigen und die abgerundeten, sowie
+die herabgekollerten Felsblöcke wie von einem buntgeblümten hier hellen,
+dort dunkelgrünen Teppich umrahmt schienen.
+
+Der Himmel hatte leider kein Erbarmen mit uns, in strömendem Regen
+mußten wir uns durch den tiefen Sand des Weges hindurcharbeiten. Das
+Mißgeschick dieses Tages war aber damit nicht erschöpft. Als ich nach
+des Tages Mühen ruhen wollte, fehlten die beiden schwarzen Diener
+Stephan und Dietrich, die ich von Musemanjana mitgenommen, und mit ihnen
+waren zwei meiner kräftigsten Zugthiere spurlos verschwunden. Es war mir
+schon am verflogenen Abend aufgefallen, daß die beiden Flüchtlinge mich
+wiederholt vor umherstreifenden Löwen warnten, sie hatten offenbar mich
+damit von der Verfolgung abhalten wollen. Obwohl bereits 15 englische
+Meilen von Molopolole entfernt, beschloß ich, dahin zurückzukehren, um
+Seschele zu bitten, die Diebe durch Reiter auf Chatsitsive's Gebiet
+verfolgen zu lassen. Von Boly und Pit begleitet, machte ich mich am
+nächsten Tage, nachdem der Regen etwas nachgelassen, zu Fuß auf den Weg.
+
+[Illustration: Eingeborne Postboten.]
+
+Doch schon nach fünfstündigem Marsche war ich außer Stande den Weg
+fortzusetzen, die schwere Fußbekleidung hatte meine Fuße gänzlich
+dienstunfähig gemacht; ich blieb am Rande des zum Molopololekessel
+führenden Kobuque liegen und sandte Boly und Pit zu Rev. Price und
+Seschele. Stunde um Stunde verrann, es war ein böses Omen für den Erfolg
+ihrer Mission--endlich spät Nachmittags hatten sie mich wieder erreicht,
+wie ich es geahnt, war ihr Gang vergebens.
+
+Die Rückkehr zum Wagen war für mich eine wahre Martertour. Der Regen
+hatte zahllose Samen einer Ranunculus-Species (_R. crepens_) von der
+Höhe in das Thal herabgeschwemmt, die ob ihrer stachlichen Eigenart von
+den Boers »Develkies« genannt werden. Unfähig in meiner Beschuhung den
+Rückweg anzutreten, mußte ich es barfuß thun,--das weitere bedarf keiner
+näheren Schilderung. Mitternacht war nicht fern, als wir das lodernde
+Feuer des Lagers meiner Gefährten mit einem Freudenschrei begrüßten--die
+Stunde der Erlösung war gekommen.
+
+[Illustration: Scene aus dem Leben der Masarwa's.]
+
+Wir beeilten uns am 27. zeitlich Morgens die Stätte trüber Erinnerungen
+zu verlassen und setzten die Reise durch den tiefsandigen Wald nach
+Norden fort. Die schlechte Beschaffenheit des Weges nöthigte uns zu
+öfterem Rasten; während einer solchen kam Pit, welcher die Zugthiere
+abseits des Wagens zwischen den Grasbüschen weiden ließ, athemlos auf
+mich zugelaufen und schrie von Weitem. »Teiger, Teiger, Bass!« Bei
+näherer Untersuchung fanden wir zwar keinen _Teiger_ (Leopard), jedoch
+zahlreiche Spuren desselben auf den salzhaltigen Stellen des Bodens. Ich
+hielt es daher für rathsam, den Marsch wieder weiter aufzunehmen.
+
+Die Reise am 28. führte uns theils durch einige seichte Vertiefungen,
+welche deutlich den Abfall des Bodens nach Osten zu zeigten und in
+einige in der Regenzeit dem Limpopo zufließende Bachbetten ausliefen,
+theils durch sandigen Wald, in dem ich mir, nach dem Weglaufen der
+Diener als unfreiwilliger Wagenlenker meine Sporen zu verdienen hatte.
+Von Wildspuren fanden wir jene des gestreiften Gnu, der Elandantilope,
+des kurzschwänzigen Schuppenthieres und auch solche von Hyänen zahlreich
+vor.
+
+Auch am 29. war die Fahrt recht beschwerlich, nicht allein daß der Sand
+nicht abnahm, es hob sich das Land merklich gegen Norden. Die Entfernung
+von Molopolole nach Schoschong beträgt in der kürzesten Strecke 128
+englische Meilen, doch kann man diese, häufigen Wassermangels halber,
+nicht zu allen Jahreszeiten passiren und muß deshalb zeitraubendere
+Touren wählen. Zu Fuße kann die Strecke mit Benützung der Fußpfade in
+fünf Tagen zurückgelegt werden, eine Leistung, die auch von den
+Post-Betschuana's zu Stande gebracht wird. Der im westlichen Theile des
+Marico-Districtes wohnende Missionär, Herr T. Jensen, versieht den
+Dienst des Postmeisters für das Innere, d.h. für die in den
+Eingebornenstädten wohnenden Missionäre und Händler, bei denen auch die
+Briefe, die den Jägern von den Ihrigen nachgesendet werden, aufbewahrt
+werden. Wöchentlich kommt ein Eingeborner mit den Briefen von Molopolole
+und bringt die in Linokana angekommenen nach der Balwenastadt; alle
+vierzehn Tage werden wieder zwei Bamangwato von Schoschong von dem
+dortigen Prediger nach Molopolole gesandt, um die Post, die der
+Molopololer von Linokana gebracht, nach Schoschong zu befördern. Ein
+Feuerbrand, einige Assagaien, auf welche sie rohes Fleisch spießen und
+der lederne Gurt mit den Briefen ist die ganze Ausrüstung der Postboten.
+Früher wurde je ein Mann für diesen Postdienst von Schoschong nach
+Molopolole auf sechs Monate gemiethet, er erhielt Kost und wurde mit
+einer Muskete und etwas Schußmaterial, gegenwärtig aber mit barem Gelde
+für seine Mühe entlohnt.
+
+[Illustration: Flüchtender Leguan.]
+
+Zahlreiche Löwen- und Leopardenspuren am Rande der vielen
+vegetationslosen Bodeneinsenkungen mahnten uns am folgenden Tage zur
+größten Vorsicht, auch bot der tiefe Sand, in dem die Räder bis acht
+Zoll tief einsanken, große Schwierigkeiten. Einst mochten diese eben
+durchzogenen Gegenden sehr wildreich gewesen sein, dafür sprachen die
+aufgehäuften Skelette von Antilopen, besonders des Elands und der
+Giraffe. An keinem der vielen, hier und auf der weiteren Reise nach
+Schoschong angetroffenen Giraffenschädeln beobachtete ich die kleinen
+knöchernen Stirnauswüchse gleich hoch, an manchen einen, an manchen
+beide mit Exostosen bedeckt, oder durch solche an der Stirnbasis
+brückenförmig mit einander verbunden.
+
+[Illustration: Trocknen von Giraffenhäuten.]
+
+Gegen Abend fiel mir Niger's Betragen auf, der im Grase zu unserer
+Linken hin- und herlief. Ich rief Onkel herbei--wir hatten nach und nach
+die übrigen Hunde (sieben) eingebüßt--beschleunigte meine Schritte und
+kam eben noch zur rechten Zeit, um einen riesigen Landleguan gemächlich
+auf einen Baum klettern zu sehen. Auf dem ersten horizontallaufenden,
+dicken Aste legte er sich flach nieder und dehnte sich derart, daß man
+ihn leicht übersehen hätte, wenn nicht die gelblichen Querstreifen von
+der grauen Rinde des Baumes grell abgestochen hätten. Das Thier, welches
+durch sein plötzliches Erscheinen die befiederten Bewohner des Baumes
+nicht wenig erschreckt hatte, blieb vollkommen ruhig auf dem Aste
+liegen, man sah nur die Bewegungen der Augenlider und das momentane
+Aufblitzen der kleinen schwarzen, glänzenden Augen. Ein Schrotschuß
+tötete das Thier, das meinen Sammlungen einverleibt wurde.
+
+Am 31. waren wir wieder in tiefsandigen Wald gelangt, die Gegend zeigte
+wellenförmige, geringe Bodenerhebungen, welche stellenweise bebuscht
+oder mit Bäumen schütter bestanden, stellenweise jedoch dicht bewachsen
+waren, während die seichten Vertiefungen eine äußerst üppige, wenn auch
+nicht tropische Vegetation bargen. Der Regen hatte in den letzten Tagen
+abgenommen und die südafrikanische Decembersonne ließ uns warm ihre
+Strahlen fühlen. Auf dem tiefsandigen engen Wege einherziehend, machte
+mich B. auf einen dunklen, auf einem hohen Kameeldornbaum hängenden
+Gegenstand aufmerksam. Wir fanden nähergekommen mehrere große Stücke
+trockener Giraffenhaut, die von den Jägern vor langer Zeit aufgehangen
+und vergessen worden sein mochten. In der Untersuchung derselben wurden
+wir durch einen herbeieilenden Makalahari unterbrochen, welcher durch
+seine Mittheilung, daß die Haut dem Morena Seschele gehöre, alle
+Annexionsgedanken im Keime erstickte. Er und seine im Walde wohnenden
+Gefährten waren hier stationirt, um die zeitweilig anzutreffenden
+Giraffen zu jagen. Das Fleisch gehörte ihnen, doch die Haut dem Könige.
+Die weitere Mittheilung des von mir beschenkten schwarzen Jägers, daß
+wir erst zu Mittag des folgenden Tages auf Wasser stoßen würden, trieb
+uns zur Eile an. Erst die einbrechende Nacht machte unserem Tagemarsche
+ein Ende.
+
+Am Lagerplatz angelangt, berieth ich eben mit meinen Gefährten, wie der
+Wassernoth zu begegnen sei, als die Hunde zu knurren anfingen. Aus dem
+Benehmen derselben, die, ohne die Nähe des Feuers zu verlassen, auf eine
+Stelle in's Dunkle hinblickten und dann sich nach der entgegengesetzten
+Seite kehrten, wobei es uns auffiel, daß sie einen sich um unser Gefährt
+in den Gebüschen bewegenden Gegenstand witterten, schloß Pit, daß
+diesmal Masarwa oder Makalahari (die Sclaven der Bakwena's) die
+Ruhestörer waren.
+
+Ein leises »Rumela, Sir!« das uns aus den Gebüschen entgegentönte, löste
+jeden Zweifel; nachdem Pit die Hunde zur Ruhe verwiesen hatte, traten
+zwei Schwarze an's Feuer, es waren die Postboten aus Schoschong auf dem
+Wege nach Molopolole. Der eine trug ein großes Stück Fleisch, das er in
+einem, eine halbe Tagreise entfernt liegendem Barwadorfe für eine
+Handvoll Zündhütchen erhandelt; als sie sahen, daß wir mit dem Wasser
+recht sparsam umgehen mußten, boten sie uns ihre beiden mit Wasser
+gefüllten und mit frischen Grasbüscheln zugepfropften Kalebassen an,
+leider konnten wir des starken Geruches der unrein gehaltenen
+Kürbisgefäße halber von ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch
+machen.
+
+Der Neujahrsmorgen 1874 brach recht trübe an, Tags zuvor war es glühend
+heiß gewesen, heute war der Himmel mit Wolken bedeckt und die Atmosphäre
+bedeutend abgekühlt. Gegen Mittag heiterte sich der Himmel auf und als
+wir unsere Ost bei Nord-Richtung in eine nördliche änderten, sahen wir
+in eine Vertiefung vor uns, die sich nach Osten zu ziehen und der Anfang
+eines Thales zu sein schien, sowie eine kleine Rauchsäule an der
+bebuschten Erhebung ober dieser Vertiefung. Ein Säule Gold hätte uns
+alle nicht so elektrisiren können, wie es der bläuliche, in kleinen
+Wölkchen sich emporhebende Dunst und Rauch vermochte. Nach und nach
+erkannten wir auch einige elende Grashütten, dann spielende Kinder in
+ihrer Nähe und unten in der Tiefe zwei Barwa, die auf uns zu warten
+schienen. Ich sandte Pit voraus, um nach Wasser zu fragen; als wir zur
+Gruppe gestoßen waren, theilte uns der Diener mit, daß außer einigen
+tiefen, engen Löchern, aus denen nur die Bewohner des kleinen Dörfchens
+Wasser holten und aus denen höchstens Ziegen trinken konnten, kein
+trinkbares Wasser in der Nähe sei, wohl aber gegen Sonnenuntergang,
+wohin sie uns mit der Erlaubniß ihres Herrn, eines Bakwena's, führen
+wollten.
+
+Unser Führer gehörte ebenfalls dem Bakwenastamme an. Ich glaube schon
+erwähnt zu haben, daß die Betschuana's sowie die Koranna's von Mamusa
+Diener, oder besser gesagt Sclaven besitzen, die dem Makalaharistamme
+(auch Bakalahari) angehören, welcher früher die Gebiete zwischen dem
+Zambesi und dem Oranjeflusse sein eigen nannte. Außer diesen Sclaven,
+die jedoch ziemlich mild behandelt werden, befinden sich in den sechs
+Betschuana-Reichen noch zwei andere Stämme in der Stellung von Sclaven
+den Betschuana's gegenüber, doch ist diese Stellung eine drückendere,
+denn während es zu geschehen pflegt, daß Makalahari freigelassen werden,
+und zuweilen eine Annäherung und Verschmelzung der Ma- oder Bakalahari
+und der Bakwena's etc. statthat, geschieht dies nie zwischen den
+letzteren oder anderen freien Betschuanastämmen und den beiden hart
+behandelten Sclavenstämmen, den Barwa's, die bei den nördlichen
+Betschuana's Masarwa's genannt werden, und den Madenassana's, die in dem
+nordwestlichen Gebiete der östlichen, und dem nordöstlichen der
+westlichen Bamangwato's wohnen.
+
+[Illustration: Masarwa's am Feuer.]
+
+Ich möchte die Barwa's und Masarwa's als ein Mischlingsvolk,
+hervorgegangen aus der Verschmelzung der Makalahari, d.h. eines Zweiges
+derselben, mit den Buschmännern bezeichnen. Gestalt, Teint, Gebräuche
+und die Sprache sind ebenso viele Indicien für diese beiderseitige
+Verwandtschaft und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich die Barwa's
+und Masarwa's ein Bindeglied zwischen den Buschmännern und der
+Banthufamilie nenne. Während die Makalahari etwa Leibdiener,
+hauptsächlich aber Hirten der Betschuana's sind, haben die übrigen
+Sclavenstämme Jagddienste zu versehen, in welcher Beschäftigung sie ihre
+Gebieter auch weit übertreffen. Der Bogen und der Pfeil, den
+Betschuana's fremd, sind bei den Barwa und Masarwa wie bei den
+eigentlichen Buschmännern noch immer im Gebrauch, ebenso verstehen sie
+die Thiere in Fallen, d. h. mit vergifteten Assagaien (siehe die
+Illustration Seite 44) und in Fallgruben zu fangen, als Antreiber sind
+sie--wie die ihnen bezüglich der Sprache und des Gesichtsausdrucks
+verwandten, doch sich sonst an die westlichen Eingebornenstämme
+anlehnenden Madenassana's--vorzüglich verwendbar. Nur gegen ihre
+Verschmitztheit, Untreue und ihren Hang zum Diebstahl ist es gerathen,
+sich vorzusehen.
+
+[Illustration: Anschleichende Masarwa's.]
+
+Sie bewohnen in wildreichen Gegenden kleine Dörfchen, d.h. Hütten, deren
+heuschoberähnliches Gerippe aus einigen in die Erde schief
+eingetriebenen, etwa fünf Fuß über dem Boden miteinander verbundenen
+Pfählen besteht und mit einer Lage von dürren Zweigen und Gras überdeckt
+wird. Sonst zeigt keine Umzäunung, blos einige glatte Steine, worauf
+Samen zerrieben, Knochen zerschlagen oder geschliffen werden, sowie
+einige Aschenhaufen, zahlreiche trockene Schoten von Leguminosen
+(Bäumen, Sträuchern und Pflanzen) und einige Fußpfade, daß hier Menschen
+hausen oder gehaust haben. Gewehre und Schießbedarf werden ihnen
+anvertraut, die Felle, Straußenfedern, Elfenbein und Rhinoceroshorn,
+nebstdem auch wilde Früchte, wie jene des Baobab, der Fächerpalme etc.
+müssen sie an ihre Herren abliefern. In der Regel finden wir jedoch
+einen Bamangwato oder Barolong etc., dessen Leibdiener sie sind, mit
+ihnen jagen, kehrt er heim, so übergibt er dem ältesten von ihnen das
+Commando. In jedem andern Falle müssen sie sich nach zwei bis fünf
+Monaten in der Hauptstadt einfinden und die Jagdbeute abliefern. Bei dem
+Besuche derselben ist es ihnen aber nicht gestattet, bei Tage in die
+Stadt zu treten, sie lassen sich vor der Stadt nieder, und nachdem sie
+dem nächsten besten Einwohner ihren Namen, ihren Wohnort und den Zweck
+ihres Kommens mitgetheilt und dieser es dem König hinterbracht hat, wird
+ihnen am Abend nach Sonnenuntergang ein Bote zugesendet, der sie in die
+Kotla führt. Solche, die den Besuch der königlichen Stadt zur bestimmten
+Zeit unterlassen, wenden durch einen von dem Chef ausgesendeten Boten an
+ihre Pflichten gemahnt und abgeholt.
+
+Die Masarwa's sind von mittelgroßer Statur, besitzen einen
+röthlichbraunen Teint und abstoßende Gesichtszüge; in ihrer Gestalt
+nähern sie sich dem Buschmanne, in ihren Gesichtszügen und dem Teint den
+Makalahari's. Sie sind weniger treu und anhänglich als letztere, darum
+werden sie auch von ihren Herren seltener im Kampfe und als Hirten
+benützt, wohl aber als Spione oder um die Grenzen zu bewachen und von
+der ersten Annäherung eines feindlichen Haufens nach des Königs Stadt
+Nachricht zu bringen.
+
+Kein Stamm im centralen Süd-Afrika versteht es in den trockensten
+Gegenden mit solchem Erfolge nach Wasser zu spüren, die Fährte des
+Wildes so treu aufzunehmen und das Wild so geschickt und unbemerkt zu
+beschleichen und zu überlisten wie die Barwa's und Masarwa's. Weil sie
+jedoch in Folge ihrer Untugenden von den Betschuana's hart behandelt
+werden, sind sie auch den Weißen gegenüber mißtrauisch geworden. Reist
+man durch die Kalahari, oder in den sandigen Wäldern, die wir eben
+durchzogen, oder in jenen zwischen Schoschong und dem Zuga-River und
+jenen zwischen den Salzseen und dem Zambesi, so ist man oft, ohne die
+leiseste Ahnung davon zu haben, von Angehörigen dieses Stammes gefolgt,
+der ob seines Mißtrauens und um nicht schwere Arbeit verrichten zu
+müssen, sich scheu in der Ferne des Weißen hält. Hat man jedoch ein
+Stück Hochwild geschossen, so sieht man sich, bevor noch die Beute
+erstarrt, von einem Trupp Barwa's umringt, welche mit Ungeduld den
+Moment erwarten, zum Ausweiden der Jagdbeute aufgefordert zu werden, um
+einen Theil des Fleisches als Entlohnung zu erhalten. Ich möchte sagen,
+sie sind unter den südafrikanischen Racen das, was unter den Vögeln der
+Aasgeier und unter den Säugethieren die Schakale. Kreist in den
+obgenannten Gegenden ein Aasgeier hoch in den Lüften, so hat ihn auch
+schon des Masarwa Auge erspäht und er eilt rasch nach der Stelle zu, wo
+der Geier sich niedergelassen. Ueberraschen sie nun bei solcher
+Gelegenheit den König der Thiere beim Mahle, so trachten sie durch
+Geschrei, mit Stein- und Feuerbrandwürfen das Raubthier zu verscheuchen,
+angegriffen, flüchten sie sich wie die Affen in die Bäume und
+verkriechen sich wie die Wiesel in die Dorngebüsche, um dem sie
+verfolgenden Löwen einen ihrer vergifteten Pfeile in eine dünnere
+Hautstelle einzubohren.
+
+Nach der Mittheilung meines Freundes Mackenzie werden diese Masarwa's
+und Barwa's von den Betschuana's in der Regel Masarwa a bolotsana thata,
+d.h. schlechte Menschen (Bösewichter) und Masarwa Ki linoga hela (wahre
+Schlangen) betitelt.
+
+Gleich den Buschmännern in der Colonie und im Oranje-Freistaat hassen
+die Barwa's und Masarwa's Ackerbau und Viehzucht, doch beobachtete ich
+nie--außer an einigen, jenen der Makalahari's ähnlichen, auf Bein und
+Holz ausgeführten, höchst einfachen, eingebrannten oder eingeschnittenen
+Strichen etc.--daß sie Gravirungen in Stein ausführen oder steinerne
+Objecte in ihrer einfachen Haushaltung benützen würden. Dagegen arbeiten
+sie lange Ketten aus rundlichen Straußeneier-Scheibchen und andere
+Verzierungen aus diesem Material. Ich konnte bei ihnen weder von einem
+Höhlenbau in Felsen, noch etwas von einer Ausschmückung der Felsenkuppen
+sehen oder in Erfahrung bringen, hingegen fand ich bei ihnen den
+crassesten Aberglauben in voller Blüthe.
+
+Auf der Jagd, mag der Masarwa nun allein oder in Begleitung seines
+Betschuanaherrn sein, werden die einfachen Knochen- und Holz-Amulete
+(Dolos) geschüttelt und geworfen, um die Richtung des Wildes, die Art
+und Zahl desselben und den Erfolg der Jagd zu erfahren. Sie werden auch
+in Krankheitsfällen befragt, und ob der »Herr« kommt. Von den
+Betschuana-Herren hat er den Namen Morimo für Gott aufgeschnappt, und
+obgleich der Betschuana selbst den Begriff Morimo, der von seinen
+Vorfahren verehrt wurde, bis auf den Gedanken, daß Morimo ein höher als
+die Morena's (Fürsten) gestelltes Ding oder höheres Wesen bezeichnet,
+verloren, so bezeichnet doch auch der Masarwa und der Barwa seine Dolos,
+die ihn über alles belehren und unterweisen sollen, seinen Schatz und
+seinen theuersten Besitz mit Morimo, er meint »dies ist mein Gott (Se-se
+morimo-se)« oder er sagt »die Dinge meines Gottes (Lilo tsa Morimo oa
+me)« und Dinge die ihn benachrichtigen, »Lilo-lia impulelela mehuku.«
+Doch nicht allein, daß ihm die Dolos sein Morimo oder die Eigenschaft,
+das Eigenthum eines mächtigen Wesens sind, er behauptet auch
+andererseits, daß er selbst mit dem Werfen dieser Dolos Morimo
+Gelegenheit gebe, seine Kenntniß darzuthun, und daß er selbst Morimo's
+Werkzeug sei.
+
+Die Barwa- und Masarwamänner zeigen ihren Frauen gegenüber mehr
+Anhänglichkeit als die Betschuana's und Makalahari's, die schwerste
+ihnen zukommende Arbeit ist das Wasserholen in den mit Bast, Stricken
+oder Thierhautstreifen umflochtenen Straußeneier- oder Kürbisschalen und
+das Tragen der kaum nennenswerthen Hausutensilien. Die primitiven Hütten
+sind in wenigen Stunden mühelos hergestellt. Eine große Anhänglichkeit
+zeigt der Masarwa für seine Hunde, die, im Gegensatz zu der schlechten
+Behandlung, die diesem Hausthiere von den Betschuana's zu Theil wird,
+bei ihnen zumeist gut gepflegt werden.
+
+Von ihren Gebräuchen sind nur wenige bekannt, da noch kein Reisender in
+der Lage war, längere Zeit in oder in der Nähe eines Masarwadorfes zu
+wohnen und ihrer Sprache mächtig zu werden; wir wissen blos, daß sie
+sich im Stadium der Pubertät, mit einem Knochen die Nasenscheidewand
+durchbohren und ein Holzpflöckchen einschieben, um eine kleine
+kreisrunde Oeffnung zu erzeugen. Das Hölzchen wird, nachdem der Zweck
+erreicht, wieder entfernt; sie benennen diese That rupa, was jedoch ein
+aus der Setschuana entnommenes Wort ist und die Einleitungceremonie zu
+der Beschneidung bei den Betschuana's bezeichnet.
+
+[Illustration: Neujahrstafel im Urwalde.]
+
+Was vielleicht dem Reisenden am meisten an den Masarwa's, die in manchen
+Gegenden über Mittelgröße, ja zuweilen im Lande der Bamangwato's oder
+Bakwena's etc. ebenso wie der herrschende Stamm von hoher Statur sind,
+neben der Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge am meisten auffällt, das sind
+die röthlichen, wie halbgeröstet aussehenden vorderen Schienbeinflächen,
+oft tragen die Vorderarme und der Rücken sowie die Fußrücken und
+Schenkel ähnliche narbenartige Merkmale. Der Masarwa--in selteneren
+Fällen der Makalahari--der kaum mehr als ein kurzes Fellstück, über die
+Schulter geworfen hat und zuweilen außer einem kleinen aus Elandfell
+gearbeiteten Schildchen nichts zu seinem Schutze mit sich trägt, ist
+gegen die Kälte sehr empfindlich. Statt sich nach Betschuanasitte ein
+umzäuntes Höfchen zu machen und hier oder nach jener der Koranna's in
+der Hütte selbst ein Feuer anzuzünden, entzündet er das seine stets im
+Freien und sucht sich dann so rasch wie möglich zu erwärmen; er rückt
+dem Feuer so nahe wie möglich und schläft hockend mit auf die Kniee
+gesunkenem, zwischen die Arme gepreßtem Kopfe ein, daher sind dann auch
+die vorderen Unterschenkelflächen dieser armen Geschöpfe denen des
+Metatarsus der paarenden Straußenhähne nicht unähnlich gefärbt.
+
+Berichtet man von dem Buschmann der Colonie, daß er die Haut des Wildes
+benützt, um sich demselben bis auf Treffweite seines Pfeiles zu nähern,
+so benützt der Masarwa einen kleinen dichten Busch als Deckung, d.h. den
+Busch mit der einen Hand vor sich hinhaltend und vorschiebend, um in
+kriechender Stellung seine Opfer zu beschleichen. »Eines Abends,«
+erzählte ein mir wohlbekannter Jäger, »saß ich allein an meinem Feuer in
+einer der weiten Ebenen des Mababifeldes. Vor mir lag die Ebene, das
+Gras war noch jung, kaum zwölf Zoll hoch. Ich rauchte und blickte auf
+die Ebene hinaus; vor mir hob sich hie und da ein kleiner Busch empor.
+Als ich nach einer Weile wieder aufsah, schien es mir, als ob sich der
+eine Busch an einer Stelle befände, an welcher ich zuvor keinen
+erblickt, d.h. kaum 50 Schritte vor mir. Ich fixirte das Object, doch
+mehr denn eine Viertelstunde verrann und noch immer stand der Busch an
+seiner Stelle. Ich hielt das ganze für Sinnestäuschung und kehrte mich
+zum Wagen--doch wer beschreibt meine Ueberraschung, als ich mich nach
+einigen Minuten zufällig umwandte und etwa 20 Schritte vor mir einen
+Masarwa erblicke.«
+
+Bei den Wassertümpeln angelangt, fühlte ich mich bedeutend wohler.
+Unsere Haltstelle, wo ich uns eine mehrtägige Rast gönnen wollte, schien
+vor einem Jahre, oder doch während dieser Zeit von Jägern bewohnt
+gewesen zu sein. Einige Hufe von Zebra's, welche mit Auswüchsen, durch
+Wespenmaden hervorgebracht, wie mit Zoten dicht überwachsen waren, sowie
+Bruchstücke von Kudu- und Bläßbockhörnern, gestreifte Gnuschädel, ein
+Giraffen- und ein beschädigter Nashornschädel, und Reste einiger
+Grashütten wiesen deutlich darauf hin. Unsere Masarwa-Führer betätigten
+meine Vermuthung und theilten mir mit, daß hier Bakwena's (die Herren
+des Landes) unter der Anführung eines Sohnes Seschele's, d.h. des
+königlichen Prinzen mit mehreren Pferden gejagt und nebst einigen
+Straußen einen großen Wagen mit Fellen und Fleisch beladen nach
+Molopolole zurückgebracht hätten.
+
+Nachdem wir uns alle gelabt und erfrischt hatten, konnten wir endlich
+daran denken, den Tag der Jahreswende zu feiern. Es geschah dies nicht
+ohne jedes Ceremoniell, ein Toast auf das Wohl des Kaisers von
+Oesterreich schloß die Feier des Neujahrstages 1874 im Herzen der
+südafrikanischen Wildniß. Erstaunt sah uns der Masarwa an, er sah uns in
+die Lüfte sprechen und frug Pit, ob wir zu unserem Morimo geredet
+hätten.
+
+Gegen Abend fühlte ich mich so weit hergestellt, daß ich sogar einige
+hundert Schritte weit in die Büsche gehen konnte, wobei mir ein
+undurchdringliches dichtes Gehölz nahe an der Stelle, wo der nach Westen
+zu führende Weg plötzlich nach Norden sich wendet, durch seine Höhe
+auffiel. Gruppenweise fanden sich in diesem Walde zwischen Molopolole
+und Schoschong bis zu 60 Fuß hohe Bäume. Eine der Acacia horida äußerst
+ähnliche Art war besonders häufig vertreten. Alte Stämme waren
+niedergefallen, lagen theilweise zwischen den zerschmetterten, schwarz
+berindeten Aesten gebettet, theils lehnten sie an anderen, sich noch
+kräftigen Gedeihens erfreuenden und bildeten mit den vielen neu
+aufsprossenden Bäumen, dem anderweitigen Gebüsch, sowie den durch den
+Moder der absterbenden Bäume beförderten reichen Pflanzenwuchs dichte,
+oft undurchliche, wenn auch beschränkte Urwaldpartien in dem
+unabsehbaren, tiefsandigen Niederwalde. Bei der herrschenden Dunkelheit
+hielt ich es nicht für gerathen, in das oberwähnte Gehölz einzudringen,
+trotzdem mich ein mehrstimmiges Perlhuhngegacker anlockte.
+
+Nachdem ich sie reichlich beschenkt, entließ ich die beiden
+Masarwa-Führer und ließ ihrer Mahnung entsprechend, sechs große Feuer um
+unser Lager anzünden, um die hier zahlreich herumwandernden Raubthiere
+abzuhalten. Ohne Ahnung, daß der folgende Tag für mich einer der
+ereignißreichsten und zugleich trübsten während meines siebenjährigen
+Aufenthaltes werden sollte, verfiel ich bald darauf in einen
+wohlthätigen Schlummer. Später als ich es sonst gewohnt war, wachte ich
+durch ein unnatürliches Kältegefühl auf, welches durch eine von der
+Wärme angelockte und wohl irgendwo unter den zahlreichen umliegenden
+Thierschädeln wohnende kleine Schlange verursacht worden war. Die Sonne
+stand schon hoch und am Feuer saßen Besucher aus dem gestern von uns
+wahrgenommenen Dorfe. Ich erkannte sie an dem Bakwena, der das Wort
+führte. Der Mann hatte einige Pallahfelle, einige weiße, doch nicht
+besonders feine Straußenfedern und einen etwa neun Pfund schweren
+Elephantenzahn mitgebracht, der deutliche Spuren trug, daß er von einem
+der Thiere »verloren«, durch lange Jahre irgendwo im Grase gebleicht
+hatte, bevor ihn der Zufall dem Bakwena oder einem seiner Masarwa-Diener
+in die Hände gespielt hatte.
+
+[Illustration: Verirrt.]
+
+[Illustration: Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.]
+
+Gegen Mittag schulterte ich das in Moschaneng erstandene Doppelgewehr,
+nahm 12 Patronen mit und schlug eine westliche Richtung ein, um unseren
+Tisch mit frischem Wildfleisch zu versehen. Etwa 700 Schritte vom Wagen
+stieß ich auf Gnu's und nach weiteren 1000 Schritten, nachdem ich diese
+in Süd- bei West-Richtung verfolgt, auf quer über meinen Pfad nach
+Norden führende, frische Giraffenspuren. Ich verließ sofort die zuerst
+eingeschlagene Richtung und folgte den Giraffen, die, etwa 20 an der
+Zahl hier ihren Weg genommen haben mußten. Nach einer Stunde Weges
+theilten sich die Spuren, ich folgte den zahlreicheren, die nach
+Nordwest zu führen schienen. Der Rasen wurde dicht ohne hoch zu sein,
+die Spuren wurden immer undeutlicher, trotzdem fand ich an einigen
+abgebrochenen Zweigen deutliche Merkmale, daß hier die Thiere noch vor
+einigen Stunden geweidet haben mußten. Die Gegend war derselbe
+Niederwald, doch nur stellenweise dichter, und bestand aus geringen
+Senken und ebenso unbedeutenden sandigen Bodenerhebungen. Seitdem ich
+die abgebrochenen Zweige wahrgenommen, hatte ich weniger die Richtung im
+Auge behalten und als ich bei meinem Suchen drei Meilen zurückgelegt,
+hatte ich dieselbe vollkommen verloren. Während ich mich zu orientiren
+versuchte, fühlte ich mich recht matt und abgeschlagen, dabei mächtigen
+Hunger, das Aergste von Allem jedoch war, daß es in meinem Kopfe wohl
+durch den Einfluß der brennenden Sonnenhitze wie in einer Mühle sauste
+und sich stechende Schmerzen in den Schläfen einstellten. Ich war so,
+ohne es zu wissen, zweimal im weiten Bogen zurückgegangen und mußte mich
+höchstens fünf Meilen weit vom Wagen befinden, doch in meiner Verwirrung
+und von unsäglichem Kopfschmerz geplagt, schlug ich die entgegengesetzte
+Richtung ein und ging so rasch es meine Müdigkeit nur gestattete, gerade
+nach Nordnordwest. War der Kopfschmerz die Ursache, oder war ich so matt
+und meine Sinne durch die große Hitze so abgestumpft, ich kann es mir
+selbst heute nicht erklären, daß es mir in dieser Zeit, als ich schon
+die Giraffenspuren verlassen und den Heimweg angetreten zu haben wähnte,
+nicht einfiel, das goldene Himmelsgestirn anzusehen, nicht eher, als bis
+es sich schon zum Untergange neigte und die langen Schatten der Bäume
+das Ende des Tages anzeigten.
+
+Da schlug ich eine südöstliche, dann aber eine östliche Richtung ein, um
+den von Molopolole nach Schoschong führenden Weg zu treffen. Allein als
+ich zu diesem Entschlusse gekommen war, hatte auch meine Abmattung den
+Gipfelpunkt erreicht und ich konnte kaum 20 Schritte gehen, ohne
+ausruhen zu müssen. Der Durst quälte mich entsetzlich. In der Hoffnung,
+daß ich vielleicht dem Wagen näher war als ich es vermuthen konnte, oder
+aber um die Aufmerksamkeit zufällig in der Nähe jagender Masarwa's auf
+mich zu lenken, feuerte ich acht Schüsse ab und horchte mit größter
+Spannung auf den Erfolg meines Nothsignals. Doch Alles blieb stille.
+
+Mit Anstrengung und der Wunden nicht achtend, die mir das Erklimmen
+eines Dornbaumes verursachte, feuerte ich nochmals von seiner Spitze
+zwei Schüsse ab, vielleicht wurde ich nun gesehen, doch wie weit mein
+wirrer Blick auch reichte, keine Bewegung in den Büschen, kein
+Gegenstand zu erblicken, der mir Hilfe hoffen ließ. Nun sank mir der
+Muth. Ich fühlte mich außer Stande, einige Meilen weiter zu gehen. Die
+letzten beiden Schüsse konnte ich doch nicht aufopfern, ich fühlte mich
+so schwach, daß mir das Tragen des Gewehres zur Last wurde und hätte es
+wegwerfen mögen. All' dies wohl die Folge der heutigen Anstrengungen,
+des Unwohlseins und der Unfälle, die mir Tags zuvor zugestoßen waren.
+Was nun thun! Schreien! Ja, Schreien, ich begriff nicht, daß mir dies
+nichts helfen, höchstens wilde Thiere anlocken würde. Ich kroch auf
+einen Termitenhügel und schrie aus Leibeskräften. Es währte nicht lange
+und ich hatte mich--ohnehin derart abgemattet, daß ich mich mit
+aller Macht an den Termitenbau anklammern mußte, um nicht
+herunterzugleiten--heiser geschrieen. Als ich mich zur Erde gleiten ließ
+und hier neben dem Gewehre lag, brach ich, durch die glühende Sonne und
+die gänzliche Ermattung wie sinnesverwirrt, in ein Gelächter aus. Es kam
+mir selbst sinnlos vor, in dieser Wildniß, in der weit und breit im
+Umkreise keine menschliche Seele zu treffen war, auf solche Weise
+Rettung zu suchen. Das krampfhafte Lachen hatte einen krampfhaften
+Husten zur Folge und dieser führte mich wieder zur Besinnung zurück.
+
+Der in mir wühlende Durst drohte mir den Rest meiner Kräfte zu rauben,
+vergebens sah ich mich nach Blättern um, deren Feuchtigkeit meinen
+brennenden Lippen Kühlung gewähren konnte, die einen waren dürr, die
+anderen mit Wollhaaren bedeckt; mechanisch griff ich nach den Blättern
+eines mir unbekannten Busches und führte sie an die Lippen, doch auch
+sie waren--Ironie des Schicksals--gallbitter. Noch einige Schritte und
+ich ließ das Gewehr fallen, Blitzartig durchzuckte mich jedoch bald
+nachher der Gedanke, daß ich damit meinen einzigen Schutz, meinen besten
+Freund geopfert und mit Aufgebot aller Kräfte schleppte ich mich zur
+Stelle zurück und hob das Gewehr, das noch zwei Schüsse barg, auf. Was
+war ich ohne Waffe in dieser Wildniß--ein wehrloses Opfer hungriger
+Hyänen!
+
+Meine letzte Hoffnung war darauf gerichtet, mit einem der Schüsse ein
+kleines Feuer zu entzünden, unter dessem Schutze ich die Nacht überleben
+konnte. Doch auch dieses letzte Auskunftsmittel versagte, die dürren
+Aeste fingen kein Feuer. Nun ergriff mich nackte Verzweiflung, wie im
+Fieberwahnsinn jagten die tollsten Gedanken durch mein erhitztes Gehirn,
+Verwünschungen drängten sich auf die Lippen und mechanisch griff ich
+nach dem Gewehre.
+
+Ich fühlte nun vollends meine Kräfte schwinden und erinnere mich nur
+noch, daß ich auf die Knie fiel, beide Hände ausstreckte und wie sich in
+diesem Momente eine schwarze Gestalt vor mir auf die Erde warf, an mich
+herankroch und mich erfaßte. Ich war gerettet--gerettet durch einen
+Masarwa, der viele Meilen weit von Westen her auf dem Wege zu der
+gestern passirten Niederlassung begriffen war, um seine Genossen zu
+holen, denn er hatte früh am Morgen weit von hier ein Gnu erlegt.
+
+Ein labender Trunk hätte mich nicht mehr elektrisiren konnen als diese
+Erscheinung. Er richtete mich auf und als ich mit den Fingern nach dem
+Munde wies, daß ich durstig sei, da holte er aus seinem Ledersacke am
+Rücken eine Handvoll Beeren und preßte sie mir in die Hand. Als ich sie
+geschluckt und mich an ihrem süßlichen Saft gelabt, fühlte ich mich wie
+verjüngt. Nun trachtete ich ihm mit dem Namen Koloj begreiflich zu
+machen, daß ich zum Wagen gehen wolle, Koloj ist kein Setschuana-Wort,
+doch bei den Betschuana's, ihren Vasallen und den Makalaka's etc.
+eingebürgert. Mein Retter grinste mich an und wies nach Südost;
+»Pata-Pata« meinte er. Dies ist unter diesen Stämmen der aus dem
+Holländischen entnommene und verunstaltete Ausdruck für einen Weg, den
+ein Wagen befahren kann, und ich konnte nur nicken, um ihm meine
+Befriedigung auszudrücken. Mich erhebend, versuchte ich zu gehen und der
+Mann, obwohl kleiner als ich, stützte mich; er nahm mein Gewehr und
+schulterte es mit seinen drei Assagaien auf die linke Schulter, während
+er mir die rechte als Stütze bot. Allmälig kehrten meine Kräfte zurück
+und wenn auch nur äußerst langsam und nach längeren Ruhepausen--aber es
+ging vorwärts.
+
+Als die Sonne unter den Horizont gesunken war, befanden wir uns am
+Fahrwege. Im Osten zeigte der Himmel eine dunkle Färbung, dort blitzte
+es und dumpf grollte der Donner zu uns herüber. Die Atmosphäre war
+kühler geworden und obgleich noch immer warm, schauerte ich doch unter
+dem Hauche des leisen Windes, der aus Nordosten durch die Bäume strich.
+Ich war in Schweiß gebadet und mein Hemd (ich hatte die Jacke im Wagen
+zurückgelassen) klebte am Körper. Nach einer halben Stunde Ganges wollte
+ich mich niedersetzen, doch mein Begleiter ließ es nicht zu. Kurz darauf
+ging er links vom Wege in die Büsche, ich wollte ihm nicht folgen, es
+war ja eine verkehrte Richtung, die er einschlug. Da wies er auf den
+Mund und ahmte einen schlürfenden Laut nach. »Meci? (Wasser)« frug ich.
+»E-he, E-he! (ja, ja)« antwortete er mit einem Kopfnicken und Grinsen
+und ich gehorchte.
+
+Nahe am Wege in einer kleinen Sandvertiefung lag eine kleine von
+Eingebornen ausgegrabene, mit schlechtem Pfützenwasser gefüllte, doch
+mir sehr willkommene Grube. Gnu's hatten die Stelle kaum eine Stunde
+zuvor besucht und sich mit demselben Naß ihren Durst gestillt. Kaum
+hatte ich mich von dem Pfuhle erhoben, bedeutete mir der Masarwa ihm zu
+folgen, indem er nach dem Gewitter im Osten wies; die Dunkelheit war
+schon eingebrochen als wir vom Wege abbogen, und beinahe zur selben Zeit
+brach auch der Sturm los. Bald fiel der Regen in Strömen, die großen
+Tropfen schienen mir wie Schloßen und erzeugten, auf meinen schwitzenden
+Leib fallend, ein höchst unangenehmes Gefühl von Abmattung und
+Kraftlosigkeit.
+
+Mein Führer hatte sein kleines Ledermäntelchen um mein Gewehr geschlagen
+und auf meinen Retter gestützt, ging es, stellenweise bis an die Knie
+durch das Wasser watend vorwärts. Endlich hörte ich die Hunde anschlagen
+und kaum hatte man mich erblickt, kamen E. und B. auf mich zu gelaufen
+und schalten mich wegen der Besorgniß, die ich ihnen mit meinem
+Ausbleiben bereitet hatte. Sie ahnten wohl nicht, wie es mir ergangen.
+
+Nun, da ich wieder im Innern meines Wagens geborgen war, erwachten
+wieder alle Lebensgeister. Ich bat sie, den Masarwa zu bewirthen und ihn
+bei Pit am Feuer schlafen zu lassen. Ein kräftiger Imbiß und ein
+mehrstündiger tiefer Schlaf hatten mich so weit hergestellt, daß ich
+mich schon am nächsten Morgen ohne Stütze bewegen konnte.
+
+Da nach Aussage des uns begleitenden Bakwena's der direkte Fahrweg in
+Folge des heftigen Regenfalles schwer passirbar geworden, schlugen wir
+am folgenden Morgen (am 3. Jänner 1874) einen etwas weiteren Seitenweg
+durch die Büsche ein. Schon nach einigen hundert Schritten stießen wir
+auf eine verendete Deukergazelle, welche in der verflossenen Nacht von
+einer Hyäne getödtet worden war. So unglaublich es mir auch schien, die
+von den Masarwa's verfolgten Spuren ließen keinen Zweifel darüber
+aufkommen, daß die schlanke Gazelle dem plumpen unbeholfenen Raubthiere
+zum Opfer gefallen war.
+
+Nicht weit vom Wege trafen wir die Reste--einer amerikanischen Pumpe.
+Ein größeres Räthsel konnte uns nicht aufstoßen--unsere Führer konnten
+uns darüber keinen Anschluß geben, d.h. sie wollten oder durften es
+nicht. Nicht eher als in Schoschong wurde mir das Räthsel gelöst.
+Seschele hatte, als die Händler noch die directe, sehr wasserarme Route
+nach Schoschong frequentirten (gegenwärtig wird zumeist der wasserreiche
+Weg über die Dwarsberge und längs des Marico und Limpopo eingeschlagen),
+aus diesem Umstande Profit ziehen wollen, und sich deshalb durch einen
+der in seiner Stadt wohnenden Händler eine amerikanische Pumpe von Port
+Elizabeth bringen und an jener Stelle einsetzen lassen. Hier hatten
+Makalahari für die nach dem Innern reisenden Jäger, Händler etc. Wasser
+auszupumpen und jene dafür an den König eine Abgabe zu bezahlen. Da
+jedoch eine amerikanische Kettenpumpe den Makalahari's etwas
+Ungewöhnliches war und von ihnen trotz aller Instructionen unrichtig
+behandelt wurde, so währte es nicht lange und sie versagte den Dienst.
+
+[Illustration: Trinkende Masarwa's.]
+
+Freund Eberwald, der dem Wagen vorausging, um demselben den Weg durch
+die Gebüsche anzuweisen, kam plötzlich athemlos zum Wagen
+zurückgelaufen. »Kommt rasch, nehmt Eure Gewehre, verseht sie mit
+frischen Zündhütchen, allein rasch, sonst verlieren wir ein schönes
+Stück Wild, das heißt Sie, Doctor, einen sehr schönen Balg. Wir folgten
+ihm alle, auch die Masarwa's. Hundert Schritte vom Wagen entfernt, war
+Eberwald plötzlich im hohen Grase auf einen Leoparden gestoßen. Das
+Thier sprang auf, fauchte und fletschte ihn an, machte einen Sprung und
+duckte sich weiter abwärts einige 30 Schritte vor ihm im hohen Grase
+nieder. Da Eberwald nur mit Schrot geladen hatte, wollte er sich nicht
+zu einem Schusse auf das Thier erkühnen und holte Succurs. An Ort und
+Stelle angekommen, konnten wir jedoch nichts wahrnehmen, einer der
+Masarwa warf seinen Speer nach der deutlich bezeichneten Stelle, doch
+nichts regte sich. Ich ließ die Hunde holen, doch da ich den Haß kenne,
+mit dem sich diese beiden Thiere stets verfolgen und Niger, der immer
+dem starken Onkel voraus war, dabei leicht zu Schaden kommen konnte,
+hielt ich und Pit die Hunde an der Leine, während B. mit einem Masarwa
+als Wächter am Wagen zurückblieb. Bellend nahmen die Hunde die Spur auf,
+welche geraden Weges auf das hohe dichte Gehölz zuführte, welches ich
+bereits Abends zuvor bemerkt hatte. Doch der Leopard war verschwunden,
+in dem dichten Buschwerk war er übrigens vor Entdeckung sicher.
+
+[Illustration: Begegnung mit einem Leoparden.]
+
+Im weiteren Verlaufe unseres heutigen Marsches, der des aufgeweichten
+Bodens halber sehr beschwerlich war, begegneten uns Masarwa's, welche
+mit Honig beladen heimkehrten. In Wäldern folgen sie dem Honigvogel, auf
+der Grasebene und da, wo nur niederes Gebüsch zu treffen ist, dem Fluge
+der von den Wasserstellen heimkehrenden Bienen. Die Thiere folgen eines
+dem andern der Richtung nach ihrem Bau und leiten auf diese Weise die
+Honigsucher zu ihrem Neste. Ist der Eingang zum Bau (meist eine Höhlung
+im Baume) entdeckt, trachtet man die Bienen auszurauchen und sich dann
+des Honigs zu bemächtigen. Für ein etwa 1½ Zoll langes, fingerdickes
+Tabakstückchen erstand ich mehr denn einen halben Liter Honig.
+
+Der Weg wurde auch am folgenden Tage nicht besser, an den sumpfigen
+Stellen trafen wir zahlreiche Schildkröten-Leichen. Zu den dem Auge
+wohlgefälligsten Schlingpflanzen Süd-Afrika's gehören unstreitig einige
+der gurkenartigen Gewächse. Auch auf der heutigen Fahrt beobachtete ich
+welche, die sich an Büschen emporschlangen, von denen sie durch ihre
+gelappten, schönen bläulichgrünen Blätter, namentlich aber durch ihre
+mehr denn daumenstarken und lang herabhängenden, unreif
+hellbläulichgrünen, weiß gescheckten, reif scharlachrothen Früchte
+deutlich abstechen. Eine solche Staude trägt oft drei bis sieben, ja bis
+zehn Früchte, von denen selten drei in gleichem Entwicklungsstadium
+stehen. Zumeist fand ich das herabhängende Ende der Frucht
+scharlachroth, den dem Stengel zugekehrten Theil jedoch noch grün und
+den dazwischen liegenden im allmäligen, oder auch plötzlichen Uebergang
+von bläulichgrün oder hellgrün zu gelb, orange und röthlichgelb. Während
+der Nacht begegnete uns ein Händler, der mit Elfenbein, Straußenfedern,
+Carossen und ungegerbten Thierhäuten über Molopolole und weiter südwärts
+nach der Cap-Colonie fuhr.
+
+Auch am 5. Jänner blieb der Weg tiefsandig, der Wald wurde immer lichter
+und endlich gelangten wir auf eine große, blos stellenweise mit Büschen
+bewachsene Grasebene. Ich erbeutete auf derselben eine 4½ Fuß lange
+giftige, von mir bisher noch nicht beobachtete Schlange. Was mir
+besonders während der heutigen Fahrt auffiel, waren die zahlreichen,
+nicht blos in den nächstanliegenden südlichen Strichen, sondern auf
+weite Flächen hin einzeln auftretenden hohen, bald pyramiden-, bald
+kegel- und kegelstutzförmigen, sowie auch säulenförmigen, bis zu vier
+Meter hohen, graulichweißen Termitenhügel, welche sich in dem hohen
+Grase freistehend oder sich oft an ein kleines, dichtes Gebüsch
+anlehnend, gleich Monumenten emporhoben.
+
+Nachdem wir etwa weitere 11¼ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir
+einen nur mit zwei Assagaien und einer Holzaxt bewehrten, mit einem
+Lederschürzchen bekleideten Makalahari auf uns zukommen. Nach Wasser
+befragt, erbot er sich unsere Thiere zu einem etwa drei Meilen
+entfernten Tümpel zu führen. Unterdessen ließ ich unser Nachtlager
+aufschlagen.
+
+Hundegebell schreckte mich aus dem Schlafe auf; aus dem Wagen
+hervortretend, fand ich mich zwei Eingebornen gegenüber, die mich mit
+einem Redeschwall in der Setschuana begrüßten, von dem ich nicht ein
+einziges Wort verstehen konnte. Ich weckte Pit und erfuhr von ihm, daß
+ich zwei Bamangwato's, beide Unterthanen Sekhomo's, vor mir habe, wovon
+einer des Königs Abgesandter, eine Art Polizist, und der zweite ein
+»betrübter Vater« sei, der seinen entlaufenen Sohn, den er »Kind«
+titulirte, suche. Der Ungehorsame, der sich schon die »männlichen«
+Sandalen zu tragen berechtigt glaubte, hatte Schoschong und den Seinen
+heimlich Valet gesagt und sich dann am vorigen Tage einem
+vorüberziehenden Händler als Diener verdungen. Der besagte Vater frug
+nun, ob und wo wir sein »Kind« und den Weißen gesehen, dem es
+nachgelaufen, er müsse es zurückbringen, zu welchem Zwecke er den mit
+einer Donnerbüchse bewaffneten Vertreter der Behörde mitgenommen.
+Nachdem sie den gewünschten Bescheid erhalten, verließen uns die
+Verfolger raschen Schrittes. Einige Tage später, als ich bereits in
+Schoschong weilte, kam ein ältlicher Mann mit einem etwa
+vierzehnjährigen Jungen zu mir, mich freundlich und im vertraulichen
+Tone begrüßend. Pit kam meinem Gedächtnisse zu Hilfe. »Erkennst Du ihn
+nicht, Herr?« warf mein Griqua ein. »Es ist der Alte, der jene Nacht an
+uns vorbeirannte, um sein entflohenes Kind zu suchen. Das ist das Kind,
+er kommt es Dir zu zeigen.«
+
+[Illustration: Bamangwatoknabe.]
+
+Der 6. Jänner war wieder ein durch mancherlei Unfälle ausgefüllter Tag.
+Kaum hatte ich mich von einem Stoße erholt, den mir eines unserer
+unbändigen Zugthiere versetzte, als mich Monkey in den Daumen biß, da
+ich eben daran war, die durch Sturm und Regen beschädigte Deckleinwand
+des Wagens in Stand zu setzen. Spät Nachmittags begegneten wir auf die
+Jagd ziehenden Bamangwato's, welche uns auf die Nähe der Stadt
+Schoschong aufmerksam machten.
+
+Nach einer 1½stündigen Fahrt langten wir in dem großen, flachen Thale
+eines Flusses, in den sich zur Regenzeit der Schoschon als linkes
+Nebenflüßchen ergießt und bei den Feldern der Bamangwato's an. Dieses
+Thal scheidet die Bamangwatohöhen in eine nördliche und eine südliche
+Partie, von welchen die südliche durch einige Höhenketten charakterisirt
+wird, welche ihrerseits wieder durch Querthäler untereinander getrennt
+werden. Die nördliche Partie bildet ein sehr interessantes, von
+zahlreichen Parallel- und Querthälern durchzogenes Höhennetz, von denen
+das des Schoschon- und Unicorn-Flusses zu den bedeutendsten gehören;
+Hochplateaus auf den abgeflachten Höhen, kegelförmige kleine Kuppen,
+die hie und da aus diesem emporsteigen und aus großen Blöcken
+gebildet werden, Felsenthore etc. charakterisiren das nördliche
+Bamangwato-Höhennetz. Mit dem schon erwähnten Höhenrücken am Limpopo und
+durch diesen mit dem Central-Gebirgsknoten im Marico-District sind die
+Bamangwatohöhen durch einige kegelförmige Berge verbunden; die nördliche
+Partie der Bamangwatohöhen hängt durch die Tschopokette mit dem
+nördlichen Central-Gebirgsknoten des Matabele-Reiches zusammen. Dieses
+für die Geschichte der Bamangwato's bedeutende Thal--die wichtigsten
+geschichtlichen Episoden dieses Stammes spielten sich darinnen
+ab--erlaubte ich mir »Franz Josef-Thal«, sowie den höchsten Punkt des
+Höhennetzes »Franz Josef-Kuppe« zu benennen.
+
+Ich zog am 8. Jänner zum ersten Male in Schoschong ein. Da meine
+Provisionen sehr abgenommen hatten und ich nicht im Stande war, neue mit
+barem Gelde zu erstehen, da ich ferner keinen Diener miethen konnte und
+bestrebt sein mußte, mich in drei Monaten auch wieder in den
+Diamantenfeldern einzufinden, um bei meinen früheren Kranken nicht
+vollkommen in Vergessenheit zu gerathen und die Mittel für die dritte,
+_die eigentliche Reise_ zu gewinnen, so wurde Schoschong der _fernste
+nördliche Punkt_ meiner zweiten Versuchsreise und ich wandte mich von
+hier nach einem längeren Aufenthalte, den ich im Folgenden näher
+beschreiben will, wieder nach dem Süden.
+
+
+
+
+XII.
+
+Von Schoschong zurück nach den Central-Diggings
+
+Lage und Bedeutung Schoschongs.--Unser Empfang daselbst.--Rev. Mackenzie
+und die Mission der London Missionary Society.--Geschichte der
+Bamangwato's und ihres Reiches.--Sekhomo und Khama.--Sekhomo's
+Rath.--Sitten und Gebräuche der Betschuana (Schluß).--Die Circumcision
+und Boguera.--Die Kotla in Schoschong.--Die Breiprobe.--Aufbruch von
+Schoschong.--Das Fasanhuhn.--Khama's Salzsee.--Elephantenspuren.--Die
+Buffadder.--Die Dornfelder im Limpopothale.--Ein Löwe und die
+Hundemeute.--Ein seltener Anblick.--Zu Tode erkrankt.--Tschune-Tschune.
+--Die Dwarsberge und der Schweinfurth-Paß.--Brackfontein.--Eine
+Sonderbare Elephantenjagd.--Linokana.--Rev. Jensen und die
+Hermannsburger Mission.--Die Baharutse und Ihr Ackerbau.--Zeerust und
+der Marico-District.--Das Hooge Velt.--Potschefstroom.--Die
+Elephantenjäger David Jackob und Biljeon.--Die Quarzitwälle am
+Klip-Port.--Trennung von meinen Gefährten.--Ankunft in Dutoitspan.
+
+
+Die wichtigste Stadt der unabhängigen Eingebornenreiche im Innern
+Süd-Afrika's ist unstreitig der Hauptort der östlichen Bamangwato:
+Schoschong. Im Hauptthale der interessanten, nach dem sie bewohnenden
+Stamme benannten Höhen zieht sich das nur nach den sommerlichen
+Regengüssen gefüllte Bett eines unbedeutenden Flüßchens, das von Norden
+her aus einer an der Mündung ziemlich breiten Felsenschlucht ein auch
+nur periodisch fließendes, zur Regenzeit jedoch hochangeschwollenes
+Bächlein »Schoschon« aufnimmt und an dem die Stadt gelegen ist; daher
+auch der Name »Schoschong«, der Ablativ von Schoschon (am Flusse
+liegend).
+
+Schoschong war vor etwa zehn Jahren, bevor noch die Kämpfe zwischen den
+einzelnen Gliedern der königlichen Familie ausgebrochen waren, die
+bevölkertste Stadt in den unabhängigen Betschuanaländern. In diesen, den
+Ländern der Batlapinen, Barolongen, Banaquaketsen, Bakwena, der
+östlichen und westlichen Bamangwato, in denen die Hauptmacht des
+regierenden Stammes gewöhnlich in der jeweiligen Hauptstadt concentrirt
+ist, nahm Schoschong als eine der älteren Städte mit seiner
+Bevölkerungszahl von 30.000 Seelen den ersten Rang ein, gegenwärtig
+zählt die Stadt kaum mehr als ein Fünftel der einstigen Bevölkerung.
+Diese Abnahme ist namentlich Sekhomo's Werk, der zur Zeit meines ersten
+Besuches die östlichen Bamangwato beherrschte, er ist es, der nicht
+allein den Bürgerkrieg entfachte, durch welchen viele Bewohner das Leben
+verloren, sondern auch eine Spaltung des Stammes und die Auswanderung
+der Makalaka hervorrief. Unter dem gegenwärtigen Regime des besten der
+Betschuana-Herrscher erholt sich die Stadt augenscheinlich und wenn das
+Land nicht in den nächsten Jahren durch einen feindlichen Einfall der
+Zulu-Matabele leidet, wird es wie früher seinen Vorrang unter den
+Eingebornenreichen im Innern Süd-Afrika's erringen. Für den Weißen, sei
+er Forscher, Händler oder Jäger, war es von jeher ein Ort von höchster
+Wichtigkeit und wird es auch bleiben, und zwar aus folgenden Gründen:
+
+In die vier südlichen Betschuana-Königreiche führen drei Wege: vom
+West-Griaqualande, vom Oranje-Freistaate und dem Transvaalstaate; diese
+vereinigen sich nach Norden zu in der Stadt Schoschong und von hier
+verzweigt sich wieder die Route nach Norden zum Zambesi, nach Nordosten
+zu dem Matabele- und Maschona-Lande, und nach dem Gebiete der westlichen
+(Ngami-See) Bamangwato und endlich zum Damaralande nach Nordwesten, so
+daß ein Besuch dieser Länder oder des nördlichen Theiles Süd-Afrika's,
+sowie das Vordringen nach Central-Afrika vom Süden her, von der Aufnahme
+der Weißen von Seite des Königs Khama, des Sohnes Sekhomo's, abhängt.
+
+Das erwähnte Hauptthal in dem Hochlande der Bamangwato ist 4-6 englische
+Meilen breit, mit Gras und Büschen bewachsen, ein Theil ist cultivirt
+und an der Vereinigung mit der Schoschong-Schlucht erblickt das Auge des
+Reisenden einige hundert dunkelgraue, kegelförmige Strohdächer, welche
+die niedrigen cylindrischen, etwa 2 Meter hohen und 3-3½ Meter im
+Durchmesser enthaltenden Hütten bedecken. Hie und da ist eines von den
+rauhen, dunkelgrünen Blättern der Kalebaß-Kürbisse überrankt.
+
+Bevor wir jedoch aus Süden kommend die Stadt betreten, finden wir etwa
+600 Schritte vor derselben das aus drei Gehöften und fünf einzeln
+stehenden, theils im Style der Bamangwatohütten, doch größtentheils im
+europäischen Style aus gebrannten Ziegelsteinen erbauten und mit
+Giebeldächern versehenen Häusern bestehende, »weiße oder
+Händler-Viertel«, in dem englische Händler einen Theil des Jahres
+wohnen, um mit den Eingebornen zu verkehren, und auch, wie es früher der
+Fall war, um den in das Innere ziehenden Jägern die nöthigen Bedürfnisse
+vorzustrecken, welche Darlehen von den Jägern nach ihrer Rückkehr mit
+Elfenbein und Straußenfedern zurückerstattet wurden. Das wichtigste
+Handels-Etablissement war das der Herren Francis und Clark, welche
+jedoch wie alle Binnenhändler in den letzten Jahren große Verluste
+erlitten. Bisher verwehrte es der König den Weißen, sich an Ort und
+Stelle ein Grundstück käuflich zu erwerben, er überließ ihnen jedoch
+während der Zeit ihres Aufenthaltes dasselbe unentgeltlich. Nachdem wir
+die zerstreuten Gehöfte der Weißen passirt, um zu dem Labyrinthe der
+Betschuanahütten zu gelangen, betraten wir die Stadt, in der mir
+zahllose verlassene Gehöfte auffielen. An einigen wurden Verbesserungen
+vorgenommen. Hier sahen wir Frauen mit Hilfe der bloßen Hand die in den
+Boden etwa einen Fuß tief eingerammten, armdicken, knorrigen und mit
+Grasstricken aneinander befestigten, eine cylindrische, fünf bis sechs
+Fuß hohe Wand bildenden Pfähle überschmieren. Das Material hiezu
+bereiten einige Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren, welche bis
+auf eine etwa handbreite, aus Glasperlen oder Sternchenschnüren
+gearbeitete Schürze jeder Bekleidung entbehrend, in einer mäßigen
+Vertiefung den rothen Lehmboden unter einem monotonen Gesange stampfen,
+was ihnen ebenso Freude bereitet, wie es den Müttern das notwendige
+Baumaterial verschafft. Eine alte Frau, die mit ihren dünnen Gliedern
+und der vertrockneten, pergamentartigen Haut mehr einer wandelnden Mumie
+ähnelt und in ihrem Aussehen der Sorgfalt ihrer Kinder kein gutes
+Zeugniß gibt, sitzt nahe an der Grube und schüttet langsam aus den an
+sie herangestellten Töpfen dem Anwurfsmateriale Wasser zu. Dort klettern
+wieder einige Frauen auf den eben mit frischgetrockneten und in
+Bündelchen angelegten, grasbedeckten Dächern herum, um sie theilweise zu
+glätten, die widerspenstig hervorragenden Halme herauszuziehen, andere
+das Dach mit dünnen Grasschnüren der Länge und Breite nach zu
+überziehen. An den Pfaden, in den Höfchen, doch meistens am Zaune, haben
+sich neugierige Frauen postirt, die ihre Säuglinge auf dem Arm und
+überdies noch einen Haufen kleiner, nackter Kinder um sich geschaart,
+lachend den fremden Makoa (Weißen) anstaunen und ihre Meinungen über
+denselben austauschen. Der Hals ist mit zahllosen, dunkelblauen großen
+Glasperlen, die in Schnüren aneinander gereiht sind, bedeckt, die Brust
+entblößt--blos hie und da bedeckt ein Cattunröckchen und ein Wolltuch
+(meist roth und schwarz carrirt) den Körper, der Unterkörper ist meist
+mit einer bis an die Knie oder bis zu den Knöcheln reichenden Carosse
+verhüllt. Nach einer Stunde haben wir uns aus dem Labyrinthe
+herausgearbeitet und treten in die eigentliche Schlucht ein, die etwa
+400 Schritte breit, sich nach 1000 Schritten allmälig zu einem
+Felsenthore einengt. Wenn wir gegen dasselbe hinblicken, so scheint es,
+als wenn hier die Schlucht ihren Abschluß finden möchte; dem ist aber
+nicht so, es ist nur die westliche steile Wand der Felsenenge, welche in
+ihrer Wendung nach Osten sich bis an die von zerrissenen Felsblöcken
+(der sogenannten Affenburg) gekrönte Ostwand vorschiebt; wie die
+Geschichte der Stadt es beweist, ist diese Felsenge für den Besitz
+derselben von der größten Wichtigkeit.
+
+[Illustration: Frauenschürzen der Bamangwato's.]
+
+[Illustration: Bamangwatohütten in Schoschong.]
+
+Auf unserem Wege durch die Schlucht, nach den vor diesem Felsenthore je
+an einem Abhange erbauten steinernen Missionsgebäuden, sehen wir den zur
+Rechten durch drei Häusergruppen gebildeten mittleren Stadttheil,
+während der hintere eine halbe Stunde jenseits der Felsenenge in einem
+Felsenbecken erbaut ist.
+
+[Illustration: Kotla in Schoschong.]
+
+An der steilen Berglehne zur Linken (unbedeutend hoch über dem
+Flußbette) sieht man Ruinen eines europäischen Häuschens, es sind die
+Ueberreste der Hermannsburger Missionskirche, die nach dem Scheiden der
+Hermannsburger Mission von Schoschong, wo sie der Londoner
+Missions-Gesellschaft Raum machte, verfiel, bis sie in einem der Kämpfe
+als ein Bollwerk benützt, und bis auf die lehmigen Mauern zerstört
+wurde.
+
+Das Missionsgebäude an der rechten Felsenwand ist wohnlicher und stellt
+ein großes Gehöfte dar, in dem sich auch die Schule und die Wohnungen
+für die verheirateten, schwarzen Seminaristen und die Kirche befinden.
+Zur Zeit meines ersten Besuches in Schoschong wohnte hier als Prediger
+einer der edelsten Männer, die ich in Afrika kennen gelernt, Rev.
+Mackenzie, der seit 1876 mit dem Seminar nach Kuruman übersiedelte.
+Seine Stelle wurde nicht ersetzt, in dem anderen Hause wohnt bis heute
+noch Rev. Hephrun.
+
+[Illustration: Bamangwatohaus.]
+
+Von dem Herrn des Hauses freundlichst aufgenommen, wurden wir von seiner
+Frau Gemahlin mit einer Tasse Thee und einer Brotschnitte bewirthet und
+brachen sodann in seiner Begleitung wieder nach der Stadt auf, um den
+König, der schon in der Kotla Platz genommen, zu begrüßen. Aus dem engen
+Felsenthore, unter der vorerwähnten Affenburg strömt ein förmlicher Zug
+von Frauen, manche wieder lenken in die Schlucht ein--andere kommen von
+den im mittleren Drittel der Schlucht entspringenden Quellen, um Wasser
+zu holen oder eilen zu ihnen hin. Sie haben die rauhgar gegerbten Felle,
+Carossen (mit den Haaren nach innen) toga-artig um den Leib geschlungen;
+die Rechte hängt heraus oder hält das am Kopfe getragene Thongefäß. Sie
+verstehen sich darauf, diese irdenen, wenn auch noch so schweren Töpfe
+über den sehr steinigen Weg hin, sehr gut zu balanciren. Die Carossen
+sind reichlich mit einfachen aus Glasperlen und Riemchen verfertigten
+Zierraten geschmückt, die Waden mit Wadenringen (Glasperlen und
+Messingdraht) bedeckt, die Unterschenkelbildung vollkommen verunstaltend
+und verhüllend.
+
+Auf unserem Wege nach des Königs Hütten, welche um die Kotla, d.h. den
+Berathungsplatz der conservativen Betschuana's, erbaut sind, haben wir
+Gelegenheit zu beobachten, wie freundlich unser Begleiter von Alt und
+Jung von den Vorübergehenden mit »Rumela« oder einem Hutlüften gegrüßt
+wird. Die Kotla ist ein kreisförmiger, von 10 bis 30 Centimeter im
+Durchmesser starken Baumstämmen umfriedeter, ebener Raum, welcher nach
+Süden einen Ausgang in eine kleinere Umfriedung und nach Norden einen
+Eingang hat. Die zweite Einfriedung ist des Königs Rindviehkraal, d.h.
+eine Umzäunung, in welcher die Milchkühe oder Schlachtthiere zur
+Nachtzeit untergebracht werden, während die Pferde in der Kotla
+übernachten können. Der Eingang zu diesen beiden Räumen wird in der
+Nacht mit Holzpfählen geschlossen. Zur Kriegszeit wird Nachts in der
+Kotla ein hellloderndes Feuer unterhalten.
+
+Schoschong, früher der Sitz eines Hermannsburger Missionärs, ist
+gegenwärtig eine Station der London Missionary Society. Zur Zeit meines
+ersten Besuches (1874) standen derselben Rev. J. Mackenzie (der Autor
+des Werkes »Ten Years north of the Orange-River«) und Hephrun vor. Ihre
+Amtsbrüder in Molopolole hatten mir die Post für Schoschong mit auf den
+Weg gegeben, und mich damit an Rev. Mackenzie gewiesen. Seine
+freundliche Aufnahme, sein höchst freundliches und anspruchsloses
+Betragen während meines ersten Aufenthaltes in Schoschong, seine
+freundschaftliche Zuvorkommenheit während meines zweiten Besuches und
+seine wahrhaft brüderliche Sorgfalt, die er mir angedeihen ließ, als ich
+mittellos und krank von der dritten Reise zurückkehrte, haben mich oft
+alle Müh- und Drangsale meiner Laufbahn vergessen lassen, mich mit
+innerstem Danke gegen diesen wahren Apostel des Friedens erfüllt und
+mich seinen anhänglichsten und wärmsten Freund werden lassen. Ich
+erfülle eine der angenehmsten Pflichten, indem ich auch an dieser Stelle
+meinem Dankgefühle Ausdruck gebe.
+
+Rev. John Mackenzie, ein Ehrenmann im vollsten Sinne des Wortes,
+bekleidete als Missionär in Schoschong angesichts der steten Kämpfe in
+der königlichen Familie der östlichen Bamangwato eine der schwierigsten
+Stellen in Süd-Afrika, doch wie geschaffen für den Posten wirkte er mit
+der größten Umsicht als Vermittler zwischen den einzelnen Parteien; mit
+seltener Klugheit und tiefem Mitgefühl für das Edle und Gute begabt,
+wußte er jeden Conflict zwischen den einzelnen Stämmen in Güte zu
+schlichten und den Sinn für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu wecken.
+Wenn heute Khama, der Sohn Sekhomo's, als der beste Herrscher unter den
+Eingebogen Süd-Afrika's anerkannt wird, so ist dies das Werk Rev.
+Mackenzie's. Ich verdanke ihm vielfache Aufklärungen und Mittheilungen
+über die Geschichte und die Gebräuche der Betschuana's, deren Treue ich
+in mehrfacher Hinsicht durch eigene, spätere Forschungen bestätigt fand.
+
+Ich lagerte mit meinem Wagen am Südostende der Stadt und war bald von
+einem Haufen Neugieriger umringt. Da es Herr Mackenzie für angezeigt
+hielt, baldigst Sekhomo's, des Königs, Bekanntschaft zu machen, so begab
+er sich mit mir zu ihm und bald saßen wir dem alten Manne auf kleinen
+Stühlen in der Kotla gegenüber. Von seiner bettelhaften Zudringlichkeit
+abgesehen, konnte ich mich während meines kurzen Aufenthaltes in
+Schoschong über Sekhomo's Betragen nicht beklagen. Mehr als von
+Mittelgröße, etwas beleibt, unterschied er sich durch nichts von den
+Umsitzenden, sein Auftreten ließ den Beherrscher eines so großen
+Gebietes kaum vermuthen. Ein kleiner Lederlappen war um seine Lenden
+geschlungen, ein Ledermäntelchen hing um die Schultern. Dieses ist in
+der Regel bei den östlichen Bamangwato's aus Hartebeest-Fell gearbeitet,
+bis auf fünf Stellen (siehe die Illustration) glattgar gegerbt, mit
+einem aus dem Felle der Säbelantilope geschnittenen schwarzen Ringe
+(oder zuweilen ohne denselben) nahe an der unteren Ecke verziert und
+oben am Halsrande mit aus Glasperlen etc. gearbeiteten Verzierungen
+behangen. Nach einigen gewechselten und durch Herrn Mackenzie
+verdolmetschten Phrasen schied ich aus der Kotla, um meinen Besuch
+nächsten Tages zu wiederholen.
+
+Ich will nun, bevor ich zu meinem persönlichen Verkehr mit Sekhomo und
+seinen Bamangwato's übergehe, einige wichtige Episoden aus der
+Geschichte des Bamangwato-Reiches anführen.
+
+Nach den von meinem Freunde Mackenzie gesammelten Traditionen stammen
+die Bamangwato von den Banquaketse ab. Wie schon erwähnt, theilten sich
+die Baharutse in mehrere Unterabtheilungen und wanderten von den
+gemeinsamen Stammsitzen aus; eine dieser Unterabtheilungen theilte sich
+später wieder in zwei Stämme, die Banquaketse und die Bakwena, von
+welchem ersteren endlich die Bamangwato's sich als der schwächere Theil
+loslösten und die Gebiete nördlich der Bakwena's bis an den Zambesi und
+Tschobe besetzten. Zur Zeit Matipis, des Urgroßvaters Sekhomo's, fand
+eine neuerliche Theilung der Bamangwato's statt, welcher die beiden
+Bamangwato-Reiche (das westliche am Ngami-See und das östliche zu
+Schoschong) ihre Existenz verdanken.
+
+Der Stifter des ersteren war Towane, der jüngere der beiden Söhne
+Matipi's, Khama blieb in den Bamangwato-Höhen. Towane behandelte den mit
+ihm ziehenden greisen Vater so schlecht, daß dieser wieder zu Khama
+seine Zuflucht nahm. Khama ließ ihn zwar im Lande, verbot ihm aber die
+Stadt zu betreten; über diesen schnöden Undank seiner beiden Söhne brach
+dem alten Manne das Herz und er nahm sich das Leben. Seine Grabstelle
+wird noch bis jetzt von den Bamangwato's in hohen Ehren gehalten.
+
+Der Gerechtere unter den sieben Bamangwato-Herrschern, deren Namen uns
+die Tradition nennt, war Khari, von ihm heißt es, daß er muthig und
+kriegerisch war, klug, wenn er in der Kotla sprach, und milde mit den
+Makalahari, den Madenassana und Masarwa's, den Unterjochten im Reiche.
+Er war auch von den Nachbarvölkern so geachtet, daß viele, wie die
+Makalaka's und einige weiter östlich wohnende Maschona's an ihn
+freiwillig Tribut zahlten. Leider wird auch hier an den
+Betschuana-Fürsten der Historiker eine ihm so wohlbekannte Erscheinung
+zu beobachten haben. Der Mächtige, im eigenen Lande Hochgeehrte, bei den
+Nachbarn Geachtete und von seinen Feinden Gefürchtete wollte noch höher
+steigen. Dieser Versuch führte aber seinen Fall herbei. Einen der
+südlicheren kleineren Maschona-Häuptlinge angreifend, fiel er mit dem
+Kerne seiner Truppen in einen Hinterhalt, in dem er mit seinem
+Unterhäuptling den Tod fand, während die Bamangwato-Armee beinahe
+vollkommen aufgerieben wurde und in Folge dieser Niederlage im Lande
+allgemeine Anarchie einriß. Die Maschona's, welche die Kampfweise der
+Bamangwato kennen gelernt hatten, theilten ihre Armee in zwei Theile.
+Die jüngeren Regimenter (die jungen Soldaten) mußten den anrückenden
+Feinden entgegengehen und ihn angreifen, dann zurückweichen, die Flucht
+fingiren, während inzwischen die alten Regimenter die feindliche Armee
+nach Zulu-Art zu umzingeln hatten. Der Plan gelang vollständig. Die
+angreifenden Maschona's nahmen Reißaus, kehrten sich jedoch gegen ihre
+Verfolger und stachen sie nieder, während die Hauptmacht der Ersteren
+Khari und sein Gefolge, die sorglos der scheinbar siegenden Vorhut
+folgten, angriff und niedermetzelte. Die in der Hauptstadt des Landes
+und hie und da im Lande zurückgebliebenen Häuptlinge hoben nun die Söhne
+des Khari auf den Schild; bevor es indeß noch zum Bürgerkriege kam,
+wurde das Land von dem aus den Oranje-River-Gegenden ausgewanderten und
+von Sebituane angeführten Basutostamme der »Makololo« besetzt, während
+die Hinterbliebenen des Königs als Gefangene nach Norden mitgeschleppt
+wurden, wohin die Makololo's zogen, um sich am Tschobe eine neue Heimat
+zu gründen. Im südlichen Theile des Mababifeldes gelang es den
+Gefangenen zu entfliehen und Sekhomo, der älteste Sohn Khari's, obwohl
+nach dem Gesetze von der Thronfolge ausgeschlossen, da er nicht ein Kind
+des ersten Weibes seines Vaters war, durcheilte das Land, um die
+Zerstreuten zu sammeln und sich Vasallen zu sichern. In einem der
+folgenden Kämpfe mit den Makololo's gelang es ihm nicht nur den Angriff
+derselben erfolgreich abzuwehren, sondern auch ein Reservecorps der
+Makololo's in einem Engpasse der Bamangwato-Höhen (Unicornpaß)
+vollkommen aufzureiben. Dieser Sieg gewann ihm die Unterstützung der
+meisten Häuptlinge des Landes. Der eigentliche Thronerbe und Stiefbruder
+ward auf sein Anstiften von den Letzteren getödtet. Sein Bruder
+Matscheng wurde von der Königin (seiner Mutter) durch Flucht vor einem
+ähnlichen Schicksale bewahrt.
+
+[Illustration: Sekhomo und sein Rath.]
+
+Der Sieg der Bamangwato's über die Makololo's blieb nicht lange
+vereinzelt, bald waren sie so erstarkt, daß sie auch den Matabele-Zulu's
+erfolgreich Widerstand leisten konnten, welche seit 30 Jahren jährlich
+nach den Betschuanaländern kamen, um zu morden, zu plündern und zu
+rauben. Ja es gelang ihnen sogar, den Matabele das geraubte Vieh
+abzujagen und viele derselben niederzumachen. Dieser Waffenerfolg der
+Bamangwato schüchterte den Matabele-König Moselikatse etwas ein und
+hatte zur Folge, daß die östlichen Bamangwato längere Zeit von den
+Belästigungen der Matabele verschont blieben. Ein späterer Versuch
+Moselikatse's einen Raubzug nach dem Lande der Bamangwato zu
+unternehmen, hatte ein klägliches Ende. Moselikatse sandte 40
+Zulukrieger zu Sekhomo ab, um von ihm Tribut zu fordern. Sekhomo ließ
+die Seinen sich heimlich rüsten und die Abgesandten niedermetzeln. Seit
+diesem Vorfalle wagte es Moselikatse 20 Jahre hindurch nicht, die
+Bamangwato's zu beunruhigen, so daß diese sogar ihre Viehheerden bis
+gegen den Matliutse vorschoben. Im März 1862 jedoch erneuerte er, durch
+einen zu ihm geflüchteten Bamangwato-Unterhäuptling, Kirekilwe, dazu
+bewogen, den Angriff. Die am Matliutse und Serule Vieh hütenden
+Makalahari wurden getödtet, ein Dorf der Maschwapong in den östlichen
+Bamangwato-Höhen zerstört. Nur zwei Männer konnten als Ueberlebende des
+Dorfes die Nachricht nach Schoschong (der von Sekhomo gewählten
+Residenz) bringen. Seine Söhne Khama und Khamane brachen nun auf, um
+diesen Einfall zu rächen; sie griffen die Matabele an, schlugen zwei
+Haufen zurück, wurden jedoch von einem dritten, der auf einem Raubzuge
+begriffen, durch das Schießen angelockt wurde, im Rücken angegriffen und
+hatten Mühe, nachdem sie etwa 40 Matabele getödtet und dabei 20 der
+Ihrigen verloren, Schoschong wieder zu gewinnen.
+
+Die Matabele kamen nur bis in das Franz Josef-Thal und näherten sich den
+die Schoschon-Schlucht und Schoschong beherrschenden und von den
+Bamangwato's vertheidigten Höhen bis auf Schußweite. Sie zerstörten die
+Felder und da sie aus guten Gründen das Eindringen in die Schlucht
+vermeiden wollten, machten sie mehrere, jedoch erfolglose, Versuche, die
+Bamangwato's zum Kampfe in der Ebene zu verleiten. Sie verließen endlich
+das Franz Josef-Thal und zogen heim, die geraubten Heerden mit sich
+führend, die ihnen Sekhomo indeß zwei Wochen später wieder abjagte.
+
+Seit diesen Erfolgen mehrte sich das Ansehen der Bamangwato, da die
+Matabele als die tapfersten Krieger angesehen wurden; aus dem
+Matabelelande kamen Makalaka, Batalowta, Mapaleng, Maownatlala und
+Baharutse als Flüchtlinge und baten um die Erlaubniß, sich an den
+Bamangwato-Höhen niederlassen zu dürfen. Ich erwähnte, daß der
+Stiefbruder Sekhomo's, Matscheng, mit seiner Mutter zu den Bakwena's
+geflohen war. Hier wurde er von den auf einem Raubzuge befindlichen
+Matabele's gefangen, doch befreit, fiel aber bei dem nächsten Raubzuge
+denselben Matabele's wieder in die Hände und wurde von diesen als
+gemeiner Soldat »Le-chaga« aufgezogen.
+
+Seschele, der schon längst seine angeblichen Anrechte auf die
+Bamangwato's (da sie von den Banquaketse's abstammten) geltend machen
+wollte, sich jedoch offen aufzutreten zu schwach fühlte, suchte im
+Geheimen die Bamangwato's für Matscheng, ihren rechtmäßigen Herrscher zu
+gewinnen, was ihm auch theilweise gelang. Durch Dr. Mossat's Einfluß
+wurde der Gefangene im Matabeleland freigelassen und von Seschele mit
+Pomp empfangen, was diesem in Schoschong zu solchem Ansehen verhalf, daß
+er als sich Tschukuru (nächst Sekhomo der erste Mann im Lande) für ihn
+erklärte, als König in Schoschong einziehen konnte. Seschele wurde für
+seine Hilfe mit Elfenbein und Straußenfedern bezahlt.
+
+Sekhomo flüchtete nun zu Seschele, wo er mit offenen Armen aufgenommen
+wurde. Matscheng behauptete sich jedoch nicht lange in Schoschong; er
+war als Matabele-Krieger aufgezogen worden und wollte den Despotismus
+derselben unter den conservativen Bamangwato's einführen, die von ihm
+begangenen Uebergriffe und Grausamkeiten kosteten ihm bald den Thron.
+Tschukuru war der erste, der sich gegen ihn auflehnte und mit Seschele's
+Hilfe, Sekhomo wieder auf den Thron brachte. Der flüchtige Matscheng
+aber wurde wieder von Seschele auf das Freundlichste aufgenommen. Dies
+geschah im Jahre 1859, also vor dem letzterwähnten Angriffe der Matabele
+auf die Bamangwato.
+
+Von Interesse ist es vielleicht zu hören, daß, obgleich Matscheng als
+Stiefbruder Sekhomo's, Khari's Sohn genannt wurde, er thatsächlich nicht
+dessen Sohn war. Seine Mutter war die erklärte Königin und deshalb war
+Matscheng, obwohl einige Jahre nach Khari's Tode geboren, legal, während
+Sekhomo, obwohl Khari's Sohn, aber von einem Weibe zweiten Ranges
+geboren, als illegal angesehen wurde.
+
+Im Jahre 1864 vereitelte Sekhomo den bereits erwähnten Angriff
+Seschele's auf Schoschong. Als im Jahre 1865 die Boguera in Schoschong
+gefeiert wurde und Sekhomo seine beiden Söhne, Khama und Khamane, nicht
+unter den »gestellten« Knaben und Jünglingen gewahrte, wurde der König
+so wüthend, daß er dieselben ein volles Jahr durch Moloi's »bezaubern«
+ließ, allein mit keinem anderen Erfolge, als beiden die Sympathien der
+jungen Regimenter zuzuwenden.
+
+Der Haß Sekhomo's mehrte sich noch, als Khama, ein Schwiegersohn
+Tschukuru's, sein ihm von dem Prediger angetrautes Weib der Boguera
+nicht unterwerfen wollte, was Sekhomo den alten Gebräuchen gemäß
+forderte, wenn sie von Rechtswegen Königin werden sollte. Sekhomo wollte
+heimlich Tschukuru tödten; unter den Bamangwato's wagte er es jedoch
+nicht, die Mörder zu suchen und auch von den Matabele-Flüchtlingen
+wollte keiner die That auf sich nehmen. Im Jahre darauf, nachdem Sekhomo
+durch alle möglichen Mittel, Ueberredungen und Abschreckungen seinen
+Söhnen viele Freunde abwendig gemacht zu haben glaubte, unternahm er
+während einer Nacht einen Angriff auf die Hütten der Beiden. Er ließ
+heimlich seine Getreuesten versammeln und hieß sie auf die Hütten seiner
+Söhne losfeuern. Da jedoch Keiner dem Befehle Folge leisten wollte,
+legte er selbst an, doch wurde ihm das Gewehr aus der Hand geschlagen.
+Vergeltung befürchtend floh er nun zu seiner Mutter, doch seine Söhne
+verziehen ihm nicht allein, sondern setzten ihn wieder unter der
+Bedingung als König ein, daß er gegen sie und die christliche Gemeinde
+kein neues Attentat versuchen dürfe. Sekhomo versprach es, doch sein
+Charakter war nicht darnach, einer neuen Versuchung, die Verhaßten
+verderben zu können, aus dem Wege zu gehen.
+
+Schon kurze Zeit darauf sandte er zu Seschele, lud Matscheng zu sich, um
+sich mit diesem gegen seine Söhne zu verbinden. Im März desselben Jahres
+brachte Sekhomo einen zweiten Anschlag gegen seine Söhne zur Ausführung,
+diesmal gelang es ihm namentlich durch Versprechungen viele der
+Bamangwato's zu gewinnen, so daß Khama und Khamane mit ihrem Anhang sich
+auf die Berge flüchten mußten, nachdem sie eine Belagerung in der
+zerfallenen Kirche der Hermannsburger Mission ausgehalten hatten. Als
+nach vierwöchentlichem Kampfe Sekhomo noch immer kein Resultat sah,
+sandte er um Makalahari und die Makalaka erstürmten die Tafelfläche der
+Höhe und belagerten von hier aus die auf dem, von der Tafelfläche
+emporsteigenden isolirten Felsenhügel sich verteidigenden Söhne. Nach
+achttägiger Belagerung ergab sich Khama mit seinem Anhange aus
+Wassermangel auf Gnade und Ungnade, ohne jedoch persönlich zum
+Heidenthume zurückzukehren. Sekhomo schenkte wohl seinem Sohne das
+Leben, nicht aber seinen Getreuen, sie mußten alle fliehen, und viele,
+darunter auch Tschukuru, wurden getötet.
+
+Schon im Monat Mai erschien Matscheng in Schoschong um abermals sein
+Recht zu fordern. Khama und Khamane erklärten sich offen gegen den
+Prätendenten, ohne jedoch zu den Waffen zu greifen. Sekhomo wurde jedoch
+zuerst seines »Stiefbruders« überdrüssig und sann auf neue List. Er
+berief eine öffentliche Versammlung ein, wozu Matscheng und seine Söhne
+geladen waren, er wollte diese zuerst in die Kotla eintreten und selbe
+dann umzingeln lassen, um sich so mit einem Schlage von allen seinen
+Gegnern zu befreien. Allein wie immer erfuhr Khama diesen Anschlag und
+warnte Matscheng; am Versammlungstage wußten es die Geladenen so
+einzurichten, daß sie die Letzten in die Kotla eintraten. Da sann
+Sekhomo einen neuen Plan, doch die Seinen ließen ihn wieder im Stiche
+und er mußte fliehen. Matscheng ward nun zum zweiten Male erklärter
+Herrscher der Bamangwato's.
+
+Sekhomo flüchtete sich zu den Manupi, im Lande der Banquaketse, dann zu
+den Makhosi, wurde jedoch von hier auf Seschele's Befehl ausgetrieben
+und floh zu Chatsitsive nach Kanja. Kaum fühlte sich jedoch Matscheng
+alleiniger Herrscher der östlichen Bamangwato, so verfiel er in seine
+alten Gelüste und benahm sich wie ein Zulu-Usurpator. Den Einfluß und
+die steigende Macht Khama's und seines Anhanges trachtete er bei dem
+Volke durch die Erklärung zu untergraben, daß die Kirche eine dem Staate
+feindliche Gewalt sei und versuchte das religiöse Pflichtgefühl der
+christlichen Gemeinde auf jede Art zu verletzen. Der offene Ungehorsam,
+der seinen diesbezüglichen Befehlen entgegengesetzt wurde, bestärkte
+Matscheng in seinem Streben, sich Khama's zu entledigen. Da dies mit
+Waffengewalt nicht gut möglich war, blieb kein anderer Ausweg übrig, als
+die Moloi's herbeizuziehen; doch all' ihre anstrengende Arbeit blieb
+wirkungslos, ebenso erfolglos war Matschengs Bestreben, zu diesem Zwecke
+von einem weißen Händler Gift zu erhalten.
+
+Matschengs Herrlichkeit nahm ein schnelles Ende. Während eines Besuches
+bei Chatsitsive im Banquaketseland traf Khama den König Seschele,
+welcher ihm Hilfstruppen lieferte, um Matscheng aus Schoschong zu
+vertreiben. In einer im Franz Josef-Thale an der Mündung der
+Schoschonger Schlucht gelieferten Schlacht, welche auch in taktischer
+Hinsieht dadurch an Bedeutung gewann, daß die unter Kuruman, dem Sohne
+Moselikatse's, Führung stehenden Matabele's, die Verbündeten Matschengs,
+zu Pferde fochten, wurde dieser geschlagen. Khama, der diesen Angriff
+voraus sah, hatte seine in früheren Kämpfen erprobten Schützen als
+Tiralleurs vorrücken und hinter kleinen Büschen Posto fassen lassen und
+dadurch die berittenen Matabele zur zerstreuten Fechtart gezwungen, in
+welcher sie gegen die gedeckt stehenden Schützen nicht aufkommen
+konnten. Noch während der Schlacht fiel Kuruman von Matscheng ab und
+trat den Rückzug nach dem Rustenburger District an. Matscheng und seine
+Leute flohen in regelloser Flucht, nachdem sie das Haus des Händlers
+Drake geplündert hatten.
+
+Seit jener Zeit ließ sich der nach den Landesgesetzen rechtmäßige, doch
+allgemein durch seine Handlungsweise verhaßte Herrscher der östlichen
+Bamangwato nicht mehr in Schoschong blicken und zog zunächst nach den
+Maschwapong-Höhen am mittleren Laufe des Limpopo (im östlichen
+Bamangwatolande) und von Khamane aus diesem Zufluchtsorte vertrieben
+später nach dem Mabolo-Gebirge. Nach der Vertreibung Matschengs wurde
+Khama der erklärte König der östlichen Bamangwato, und es schien, als ob
+nun nach so vielen Fehden und nachdem die beiden Haupt-Unruhestifter
+Matscheng und Sekhomo außer Land waren, Friede in demselben herrschen
+sollte. Doch das gute, kindliche Herz Khama's brachte es trotz aller
+bitteren Erfahrungen nicht über sich, Sekhomo in der Verbannung zu
+lassen; unter dem Versprechen Frieden zu halten, rief er ihn nach
+Schoschong zurück. Doch es währte nicht lange und Sekhomo begann
+neuerdings zu wühlen; zunächst versuchte er seine beiden Söhne Khama und
+Khamane zu entzweien, indem er das Matscheng abgenommene Vieh sowie ein
+Dorf der Manansa, die im Albertslande (dem Höhenlande südlich von den
+Victoriafällen) wohnten, Khamane zusprach. Leider ließ sich Khamane
+verleiten; in der Hoffnung, einst den Thron zu besteigen, blieb er gegen
+Khama's und die Vorstellungen meines Freundes Mackenzie taub, der eine
+Verständigung zwischen den beiden Brüdern und dauernden Frieden im Lande
+herbeiführen wollte.
+
+[Illustration: Flucht auf die Berge.]
+
+Khama wanderte hierauf mit dem größten Theile der Schoschonger
+Bevölkerung aus, ließ sich im Gebiete der westlichen Bamangwato am
+Zuga-River nieder und erwarb sich hier unter den Batowana's große
+Achtung und Zuneigung. Doch seine Leute wurden durch die Fieber am
+Zuga-River decimirt und so blieb Khama nichts übrig, als an die Rückkehr
+zu denken. Dies war der Zustand der Dinge, als ich in Schoschong
+anlangte.
+
+Meine nächste Sorge nach unserer Ankunft in Schoschong war die Ergänzung
+meines Proviants, der bereits bedenklich zur Neige ging; es ging dies
+schwerer als ich dachte, und nur durch die freundliche Vermittlung Rev.
+Mackenzie's gelang es mir, den dringenden Bedarf zu decken. Aus eben
+diesem Grunde mußte ich auf die Ausführung meines Wunsches verzichten,
+bis zum Zuga oder Botletle vorzudringen.
+
+Schon am 9. stattete mir Sekhomo den ersten Gegenbesuch ab und ich hatte
+anfangs das Vergnügen, das sich bald in eine Plage umwandelte, den König
+mit seinen Linjaka's, die wir aus näher zu erläuternden Gründen den
+Aasvogel-Rath nannten, täglich ein bis zweimal bei uns zu sehen. Der
+König schüttelte mir stets die Hand, während unterdessen sein
+holländisch redendes Factotum diese oder jene Bettelei vorbrachte. Er
+stand in der Regel mit eingestemmten Armen vor mir, während der Rath in
+einem Halbkreise um ihn herumhockte und seine Geberden nachahmte. Lachte
+er, lachten die Aasvögel mit, eines Tages verbrannte er sich die Lippen
+an dem heißen Thee, den ich ihm anbot, auch diesmal beeilte sich der
+versammelte Rath, die Gesichter zu verziehen und ihrem Bedauern Ausdruck
+zu geben; gähnte seine Majestät, so blieben die alten Getreuen mit ihrer
+Beisteuer nicht zurück und macht er sich auf den Heimweg, so erhob sich
+einer nach dem andern, um dem König im Gänsemarsch zu folgen.
+
+Am 11. wurde ich auf einen vorüberfahrenden holländischen Jäger, Namens
+Franz Vissasi, aufmerksam, der mit seiner Familie von der Jagd aus den
+Zuga- und Mababi-Gegenden heimkehrte. Während seiner sechsmonatlichen
+Abwesenheit hatte er in diesen 21 Elephanten und 15 Strauße erlegt und
+theilte mir zwei interessante Löwenabenteuer mit, bei welchen sich sein
+kleiner Sohn recht heldenmütig betragen haben sollte; er nahm noch am
+selben Tage meine Hilfe in Anspruch, da drei seiner Kinder an _Febris
+intermittens_ darniederlagen.
+
+Sekhomo's direkte Einnahmen betrugen nach einer Mittheilung Rev.
+Mackenzie's 3000 £ St. und bestanden in Rindern, Elfenbein,
+Straußenfedern, Häuten und Carossen. Staatsausgaben waren unbekannt. Den
+freien Bamangwato's blieb der Ertrag ihrer Viehheerden, die
+minderwerthigen Straußenfedern, Thierfelle, sowie je ein Elfenbeinzahn
+von jenen Thieren, die sie selbst oder ihre Vasallen für sie erlegten.
+
+Am 22. kamen zwei Boerwägen vom Marico-District an, welche verschiedene
+Victualien zum Verkaufe brachten. An den folgenden Tagen besuchte ich
+die Höhen, an denen ich einen Matabeleschädel fand und machte Ausflüge
+im Schoschonthal aufwärts, besuchte den am jenseitigen Ufer des
+Schoschon-Flüßchens sich erhebenden pittoresken Monkey-Felsen, den
+nächtlichen Sammelort der Paviane und bestieg einige der anliegenden
+Höhen. Da wo sich das Thal über dem Monkey-Felsen erweitert, lagen zwei
+Dörfer der hier als Flüchtlinge lebenden Makalaka's und eines der
+verlassenen Missionsgebäude des Hermannsburger Predigers Herrn
+Schukenberg. Ueber dem östlichen Dorf erhob sich ein isolirter
+Tafelberg, auf dessen Kuppe die Pferde während der Herbstpneumonie-Zeit
+mit gutem Erfolge gehalten wurden.
+
+Unser Wagen war trotz des mit geringen Unterbrechungen herabströmenden
+Regens während der ganzen Dauer unseres Aufenthaltes stets von Besuchern
+und Arbeitern umlagert, es entwickelte sich ein reger Verkehr, der nur
+einmal durch einen kleinen Zwischenfall, den meine Zugthiere verschuldet
+hatten, unterbrochen wurde. Die allgemeine Friedensstimmung und
+gemächliche Ruhe der Bevölkerung wurde eines Tages plötzlich in
+unerwarteter Weise durch die Nachricht gestört, daß feindliche Matabele
+im Anzuge seien. Eine mir unerklärliche Panik ergriff nun die
+Bevölkerung; der König eilte zu mir und lieh sich eines meiner Gewehre
+aus--ich hatte die größte Mühe, es später wieder zu erlangen--er zeigte
+mir sein Palladium, ein aus einer Löwenklaue verfertigtes Amulet, das
+ihn kugelfest machen sollte, und ordnete die Flucht der Bamangwato's auf
+die Schoschong beherrschenden Höhen an. Die geringen Habseligkeiten
+eiligst zusammenraffend, die widerspenstigen Rinder- und Schafheerden
+vor sich hertreibend, floh Jung und Alt den Höhen zu. Die Bestürzung und
+Verwirrung erreichte den höchsten Grad, als einige Männer auf eine vor
+der Stadt aufgescheuchte Hyäne einige Schüsse abfeuerten, man wähnte die
+Matabele schon an den Fersen zu haben.
+
+Tags darauf traf ein Boer-Jäger aus dem westlichen Matabelelande, ein
+Sohn des berühmten Elephantenjägers Pit Jacobs, der am Tatiflusse
+residirt, in Schoschong ein, der die Bevölkerung über die völlige
+Grundlosigkeit ihrer Aufregung aufklärte. Die Beschwichtigungen des
+Jägers fanden indeß keinen Glauben und selbst die Weißen (Händler)
+trafen Anstalten zu ihrem Schutze. Rev. Mackenzie rieth mir, baldigst
+abzureisen, da mir, wenn nicht persönlich, so doch meiner Habe Gefahr
+drohen konnte.
+
+Als Sekhomo hörte, daß ich abreisen wollte, klagte er über den Schmerz,
+den ihm mein Entschluß bereite, nannte uns seine Freunde und bat uns,
+ihn in dieser Bedrängniß nicht zu verlassen. Ich gab ihm für eine seiner
+sieben Frauen ein blaues Wollkleid als Abschiedsgeschenk, das er mit
+einem Büschel grauer Straußenfedern erwiderte.
+
+In keiner anderen der auf dieser Reise berührten Eingebornenstädte war
+es mir vergönnt, eine ähnliche Menge der mannigfachsten ethnographischen
+Objecte zu gewinnen, als eben hier; was ich noch an Gütern im Wagen
+hatte, tauschte ich leider zum sichtlichen Mißbehagen der hier
+ansässigen Händler für Arbeiten der Eingebornen aus. Ich erstand
+zahlreiche Assagaie, Schlachtbeile und einige Dolche und Messer, Kiri's
+und Stöcke, hölzerne Kopfpolster, Töpfe und Pfannen, hölzerne Löffel,
+aus verschiedenem Material gearbeitete Würfel (Zauber- und
+Doctorwerkzeuge), die verschiedenartigsten Schnupftabaksdosen,
+Kürbißgefäße, Toiletteartikel und Carosse-Verzierungen, Schürzen und
+Mützen, Puppen und aus Thon gearbeitete Spielsachen. Zu den wichtigsten
+von mir erworbenen Gegenständen gehörten Sekhomo's Regen- und
+Kriegstrommel, ein aus Elfenbein gearbeiteter kleiner Fetisch, Kiri's
+aus Rhinoceros-Horn etc., auch fehlten Pfeifen nicht. Ich tauschte viele
+Pallah- (Antilopen-) Leoparden-, Luchs-, Caracal-Felle etc. aus und ließ
+mir daraus gegen Bezahlung Carossen verfertigen. Bis auf kleine
+Unterscheidungs-Merkmale gleichen die Arbeiten der Bamangwato's denen
+aller übrigen Betschuanastämme. Die Bauart der Hütten gleicht der bei
+den Barolongen üblichen, die Hütten selbst sind nur kleiner und leichter
+gebaut, hingegen traf ich in ihrer Größe unübertroffene Korngefäße aus
+ungebranntem Thon. Nicht minder zahlreich als meine ethnographischen
+Acquisitionen waren die naturhistorischen.[1]
+
+ 1: Unter den Eidechsen zeichnet sich eine schöne, metallisch in
+ Braun, Dunkelgrün und Blau glänzende, leicht gestreifte, mitunter
+ auch streifenlose Art durch ihre Häufigkeit und Zutraulichkeit aus.
+
+Bevor ich auf die Schilderung meiner Rückreise nach den Diamantenfeldern
+eingehe, will ich die im vorigen Kapitel begonnenen Mittheilungen über
+Sitten und Gebräuche der Betschuana's zu Ende führen. Der gewöhnliche
+heidnische Betschuana besitzt in der Regel eine Frau, die wohlhabenderen
+zuweilen zwei, Unterhäuptlinge drei bis sechs, die Könige noch mehr,
+doch nicht so viele, als es im Marutse-Reiche Gebrauch ist. Der
+wohlhabende Mann macht der neu erworbenen Frau ein Geschenk von mehreren
+kleinen oder großen Hausthieren.
+
+Beim Betreten einer Stadt hebt der Ankömmling die auf seinem Pfade
+liegenden Steine auf und wirft sie in einen dichten Busch oder legt sie
+in die Astgabelungen der Bäume, indem er den Wunsch ausspricht, er möge
+den Zweck seiner Reise erreichen. Das Fell, Horn und Fleisch eines
+geweihten Thieres--die Deukergazelle bei den Bamangwato's, das Krokodil
+bei den Bakwena's etc.--darf nicht berührt werden; eine auf der Hütte
+sitzende Eule wird als Unglücksbote angesehen und die Hilfe des Linjaka
+in Anspruch genommen, um die vom Vogel berührte Stelle zu reinigen.
+
+Außerdem werden Thiere, welche zuweilen etwas nach Betschuana-Begriffen
+Ungewöhnliches begehen, als gefährlich und verderbenbringend angesehen
+und müssen getödtet oder durch einen Linjaka gereinigt werden. So wird
+z.B. eine auf das Dach springende Ziege mit dem Assagai durchbohrt.
+Peitscht ein Thier, eine Kuh, in einem Viehkraal längere Zeit hindurch
+mit dem Schweife den Boden, so ist sie keine gewöhnliche Kuh mehr, sie
+ist »Tiba«, eine Unheilbringende, welche dem Eigenthümer Schaden,
+Krankheit, sogar den Tod bringen kann. Ein Reicher tödtet ein solches
+Thier sofort, ein Armer bietet sie dem Weißen oder einem Nachbarstamme
+zum Kaufe an, es ist dies der einzige Fall, in welchem der Betschuana
+seine Milchkühe verkauft. Keinem Weib ist es gestattet, die Milchkühe
+und überhaupt das Rind zu berühren, dies ist Sache der Männer, der
+Knaben wie des Mannes und Greises, so auch das Hüten derselben, während
+es bei der Hottentottenfamilie gestattet ist, daß diese Hausthiere auch
+von den Frauen gehütet werden.
+
+Wie ich bereits erwähnt, ist die Regierungsform unter den Betschuana's
+eine im gewissen Sinne constitutionelle; alle wichtigen Verfügungen und
+Beschlüsse müssen von dem Pitscho (der öffentlichen Versammlung)
+besprochen werden, doch sind in der Regel, namentlich da, wo der König
+die Häuptlinge beeinflußt, diesen oder jenen für sich zu gewinnen
+weiß--alle Beschlüsse eine im Vorhinein heimlich abgemachte Sache. Wie
+bei anderen Banthuvölkern ist auch bei den Betschuana's der König
+(Morena oder Koschi) der Oberste bei allen öffentlichen Functionen;
+unter ihm stehen die Unterhäuptlinge des eigenen Stammes oder die
+Flüchtlinge, die seinen Schutz angefleht, sowie die Häuptlinge anderer
+Betschuanastämme, welche die Erlaubniß erhalten hatten, sich auf seinem
+Gebiete niederzulassen, z.B. Chatsitsive und die Häuptlinge der Manupi
+und der westlichen Baharutse. Diese Häuptlinge und Unterhäuptlinge
+wohnen in eigenen Dörfern, die mehr oder minder von einander entfernt
+liegen, oft jedoch an einander grenzen und Theile der Residenz bilden.
+In jedem dieser Dörfchen ist nahe an dem Gehöfte des Häuptlings ein
+kleiner mit Pfählen umfriedeter, runder Raum, welcher die Stelle der
+Kotla vertritt, und in welchem die in der Kotla zur Sprache kommenden
+Gegenstände vorberathen werden. Beruft der König die Unterhäuptlinge und
+das Volk zu einer wichtigen Berathung, so legt der königliche Bote je
+einen Baumzweig in die kleinen Kotla's--es ist das Zeichen des Aufruf's.
+
+Eine Berathung über Krieg wird im Plenum außerhalb der Stadt
+gehalten--um nicht so leicht wie in der Kotla belauscht zu werden, eine
+solche Zusammenkunft wird Letschulo genannt, ebenso wie die von den
+Linjaka's anläßlich der Regenbeschwörung veranstalteten Jagden. Bei
+diesen Berathungen, an welchen die Einwohner der einzelnen Dörfer sich
+unter der Führung ihrer Unterhäuptlinge betheiligen, wird sehr viel
+gesprochen, Kleinigkeiten bis zur Erschöpfung ventilirt und dem
+Redeschwall keine Zügel angelegt.
+
+[Illustration: Korngefäße der Bamangwato's.]
+
+Hat sich die Versammlung als Gerichtsbehörde constituirt, so wird in der
+Regel darauf Rücksicht genommen, ob der Schuldige eine bei Hofe beliebte
+Person sei oder nicht, im ersteren Fall geht oft auch ein Mörder
+straflos aus. Hat Jemand sich eines Diebstahls schuldig gemacht, so eilt
+des Königs Bote durch die Stadt und verkündet denselben, sowie die
+königliche Androhung der über den Dieb verhängten Strafe. In der Regel
+wirkt die bloße Androhung und im Dunkel der Nacht beeilt sich der Dieb
+das gestohlene Gut auf einem öffentlichen Orte zu deponiren. Oft aber
+werden die Linjaka's zur Hilfe gerufen, um einen Dieb zu eruiren, sie
+benützen in solchen Fallen verschiedene Kunstgriffe oder werfen blos die
+Würfel, im ersteren Falle gelingt es ihnen zuweilen, den Dieb ausfindig
+zu machen. Eine oft gebrauchte List ist folgende: Nach eingehender
+Untersuchung des Falles werden die der That Verdächtigen durch des
+Königs Boten in die Kotla vorgeladen. Der Linjaka setzt sie in einem
+Kreise um sich und nachdem er bei den Worten »der die Kuh etc.
+gestohlen, muß noch heute sterben,« mehrmals im Kreise herumgegangen,
+läßt er einen Topf mit warmem Mais- oder Kornmehlbrei herbeibringen. Er
+schöpft nun einen Holzlöffel voll dieses Breies und spricht dazu. »Der
+Dieb, der diesen Brei verschlingt, wird noch heute sterben,« und
+wiederholt diese Worte, so oft er jedem der Umstehenden einen Löffel
+voll in den Mund schiebt.
+
+[Illustration: Staatskleid eines Bamangwato's.]
+
+Nachdem er seine Arbeit gethan, beobachtet er Jeden genau, wirft dann
+die Elfenbeinwürfel und mit den Worten: »Ich habe den Dieb gefunden,«
+erhebt er sich, um den Kreis der Angeklagten zu umgehen. Er befiehlt
+hierauf Allen den Mund zu öffnen und siehe da, Alle bis auf Zwei haben
+den Brei geschluckt, diese Zwei jedoch, das sind die Diebe, die aus
+Furcht vor dem Tode den Brei im Munde behielten um ihn im günstigen
+Momente heimlich ausspeien zu können. Der eruirte Dieb muß doppelt bis
+vierfach das Gestohlene ersetzen. Einem wiederholt ertappten Diebe
+werden die Finger, einem unverbesserlichen Gewohnheitsdiebe die ganze
+Hand verbrüht. Der Mord wird in der Regel mit dem Tode bestraft, doch
+ist es auch zulässig, sieh durch ein Blutgeld von der Strafe
+loszukaufen, wobei die Gegenstände (Rinder etc.) welche der zuerkannten
+Geldstrafe gleichkommen, an die nächsten Angehörigen des Getödteten
+abzugeben sind.
+
+Zur Zeit als noch Matscheng in Schoschong herrschte, ereignete sich der
+Fall, daß ein Mann aus Habsucht einen Brudermord beging. Sein alter
+Vater hatte dem älteren Bruder den größten Theil seines Besitzes
+gegeben, und da entschloß sich der Jüngere, sich einfach des Bruders zu
+entledigen, um das Ganze zu haben. »Bruder, hat Dir nicht der Vater
+erzählt, daß der Linjaka (Doctor) ein Affenfell braucht, um seinen
+Gliedern die Kraft wieder zu geben? Ich gehe heute auf jenen Hügel
+dort«--er wies auf den isolirten nahe der Stadt im Franz Josef-Thal sich
+erhebenden, felsigen Kegel--»um einen Affen zu schießen.« Der Angeredete
+hielt es für seine Pflicht mitzugehen und folgte dem Bruder. Am Fuße des
+eine Gehstunde entfernten Hügels, schlug der Antragsteller des sicheren
+Erfolges halber vor, die Jagd von zwei entgegengesetzten Seiten aus zu
+beginnen, worauf der ahnungslose Bruder auch einging. Eine alte Frau,
+welche unweit davon Beeren sammelte, und welcher das Betragen der beiden
+mit Gewehren Bewaffneten auffiel, schlich sich näher und folgte
+vorsichtig dem Einen derselben nach. Schon in der Mitte der Höhe kroch
+der Jüngere, statt geradeaus emporzusteigen, nach rechts um den Hügel,
+bis er seines Bruders ansichtig wurde und schoß ihn dann nieder. In der
+Stadt erzählte er mit großer Bestürzung, daß er seinen Bruder für einen
+Affen angesehen und getödtet habe, allein das alte Weib berichtete
+Matscheng den wahren Sachverhalt und statt in den Besitz des Erbes zu
+kommen, wurde der Schuldige auf Matschengs Befehl an den Thatort geführt
+und hier mit dem Gewehre des getödteten Bruders erschossen.
+
+Unter den noch zu erwähnenden Gebräuchen gibt es solche, die uns an die
+alten mosaischen Gesetze erinnern und an die wir mehr oder weniger bei
+allen mir bekannten, zu der Banthufamilie gehörenden Stämmen lebhaft
+erinnert werden.[1] Vor Allem die Beschneidung (Circumcision); sie ist
+die wichtigste Ceremonie für den heidnischen Betschuana, ohne die der
+Jüngling von seinen Gefährten weder als Mann, noch die Frau als
+heiratsfähig anerkannt wird. Doch fällt diese Ceremonie nicht mit dem
+Stadium der Mannbarkeit zusammen--wie wir es bei anderen Stämmen, wie
+z.B. bei den Matongas und Maschukulumbe und deren Sitte des
+Zähneausbrechens beobachten--sie wird einfach ausgeübt, um die Reihe von
+Abhärtungen zu beginnen, die ein Knabe durchmachen muß, um einst, wenn
+er Mann geworden, auch den Titel eines Mona und Ra führen zu können. Die
+Ceremonie heißt Boguera und wird an den Knaben nach ihrem neunten
+Altersjahre ausgeführt. Je nach der Stärke des Stammes wird sie alle
+zwei bis fünf Jahre vorgenommen und bildet eine der größten
+Festlichkeiten in den Städten. Mit einer Kalklösung bestrichen, gehen um
+diese Zeit die dazu sich freiwillig meldenden oder gezwungenen Knaben
+einher, die Mädchen nur mit aus Schilfrohrstücken verfertigten Bändern
+oder Genettaschwanz-Schürzen bekleidet, auch sie werden auf der Brust
+und im Gesichte ähnlich wie die Knaben weiß übertüncht. Die Zeremonie
+wird außerhalb der Stadt bei den ersteren von alten Männern, bei den
+Mädchen von alten Frauen ausgeführt.
+
+ 1: Ich verweise den Leser auf die zwei Sagen der nördlichen
+ (Montsua's) Barolongen.
+
+Da eben zur Zeit meines Besuches in Schoschong die Boguera gefeiert
+wurde, hatte ich Gelegenheit, die Zeremonie näher kennen zu lernen.
+Singend ziehen die Knaben und Mädchen, von den Gauklern begleitet vor
+die Stadt. Hier werden die Knaben im männlichen Auftreten, die Mädchen
+in weiblichen Arbeiten und Pflichten unterrichtet und ihnen sofort
+schwere Arbeiten, wie das Tragen großer Holzbündel, Wasserholen etc.,
+auferlegt, bei deren Verrichtung sie meist einen monotonen Gesang
+anstimmen. In ihrer Uebertünchung und mit den klappernden
+Schilfrohrbändern behangen, gewähren diese Gestalten einen nicht minder
+phantastischen als komischen Anblick. Die Knaben werden partienweise in
+die Kotla berufen, wo sie gepeitscht werden. Wir finden hier zwei Reihen
+gegen einander mit dem Rücken stehender, bis auf ein sehr primitives
+Kleidungsstück nackter Knaben, welche in ihren Händen Sandalen halten
+und niederzuknieen haben, um von den vor ihnen stehenden Männern (in der
+Regel ihren nächsten Verwandten) auf den Rücken geschlagen zu werden.
+Sowie aber der Mann zum Schlagen ausholt, hebt der Knabe die Sandalen
+empor und die meisten verstanden es, die Wucht des Schlages mit den
+Sandalen zu brechen, oder den Schlag vollkommen damit aufzufangen. Dabei
+singen die Knaben und heben abwechselnd die Füße empor.
+
+[Illustration: Züchtigung der Knaben.]
+
+Alle jene Knaben, die sich zur selben Zeit dieser Zeremonie unterziehen,
+werden in ein Regiment eingereiht, und desto größer ist der Stolz des
+heidnischen Betschuana, je mehr Söhne er zur Boguera mitbringen kann.
+Der Häuptling aber trachtet, daß auch er einen Sohn einstellen kann,
+oder wenigstens den eines seiner nächsten Verwandten, da dieser die
+Leitung dieses neu gebildeten, d.h. _seines_ Regimentes übernimmt. Enge
+Freundschaft wird dann geschlossen und von ihr auch bei den zuweilen am
+Hofe auftauchenden Streitigkeiten guter Gebrauch gemacht. Diese
+Freundschaft bleibt selbst dann aufrecht erhalten, wenn der Sohn des
+Häuptlings, d.h. der Chef des Regiments, sich später taufen läßt. Die
+Mädchen dürfen nach der Ceremonie längere Zeit hindurch nicht schlafen,
+um sie wach zu erhalten, haben sie des Nachts auf den hölzernen
+Kornstampfblöcken (_motso Chlobole_) zu sitzen; da jedoch diese
+Stampfblöcke in der Regel so unförmlich gearbeitet sind, daß sie an und
+für sich kaum das Gleichgewicht halten können, fallen die darauf
+Sitzenden sofort nieder, wenn sie, sich vergessend, einschlummern.
+
+[Illustration: Bamangwatomädchen zur Boguera bekleidet.]
+
+Der Hauptzweck dieser Ceremonie ist die Abhärtung der Jugend. Denselben
+Zweck verfolgt auch der dieser Ceremonie folgende und sich auch im
+nächsten Jahre wiederholende Jagdzug. Die zu einem Regiment Vereinigten
+theilen sich, von erfahrenen Jägern angeführt, in mehrere Haufen, um
+Antilopen, Gazellen etc., im folgenden Jahre Büffel, Elephanten etc. zu
+tödten. Auf dieser Jagd werden der Jugend alle möglichen Strapazen
+aufgelegt, ihr jede Erleichterung versagt, lange Märsche in wasserlosen
+Gegenden unternommen, der Zutritt zu dem Feuer in der oft bitterkalten
+Jahreszeit nur ausnahmsweise gestattet und sie überdies mit den Qualen
+des Hungers bekannt gemacht.
+
+Der gemeine Betschuana bestimmt sein Alter nach der Boguera, d.h. er
+sagt, daß er zu dem oder jenem (bestimmt benannten) Regimente gehöre,
+oder er nennt eines oder zwei der wichtigsten Mitglieder desselben, z.B.
+des Oberbefehlshabers, die als »weise« angesehen, den Fragesteller
+vielleicht mit einer anderen Antwort befriedigen können.
+
+In die Kategorie des eben betriebenen Gebrauches gehört auch nach
+Mackenzie die _Tschwaragana moschwang_, das Bündniß zwischen zwei
+Häuptlingen, das Gelübde der Treue, Freundschaft und des Vertrauens
+zwischen ihnen, z.B. dem Herrscher eines Landes und einem bei ihm als
+Gast oder Schützling weilenden Häuptling. Das Bündniß wird auf folgende
+Weise ceremoniell gefeiert. Ein Hausthier wird geschlachtet und der
+Magen aufgeschnitten, und nun tauchen beide Häuptlinge ihre Hände in
+seinen Inhalt und schütteln sich dann dieselben.
+
+Zu diesen Gebräuchen gehört auch die Reinigung jener, die aus einem
+Kriege oder von einem Raubzuge heimkehren, die Reinigung ihrer Waffen
+und der Gefangenen wie der übrigen Beute, die sie aus dem Kriege
+mitbringen, die Reinigung aller Personen, die eine Leiche berühren oder
+berühren müssen, jene der Frauen nach Geburten, die ein bis drei Monate,
+je nach der Wohlhabenheit ihres Mannes (je wohlhabender desto länger)
+abgesondert leben müssen, ferner die Isolirung und Abschließung der
+Schwererkrankten. Die Reinigungen, die meist gegen Bezahlung von Seite
+der Linjaka's ausgeführt und von ihnen auch oft angeordnet werden, sind
+äußerst mannigfach. Dazu gehört z.B. das Abschaben der Wollhaare am
+Kopfe mit einem scharfen, kleinen Horn, Messer etc.
+
+Am 16. Februar brachen wir endlich von Schoschong nach dem
+Maricodistrict auf. Jupiter grollte uns noch immer und sorgte für die
+ausgiebigste Erschwerung des Fortkommens auf dem völlig durchweichten,
+schlammigen Boden. An manchen Stellen stand das Wasser zwei Fuß hoch und
+auch an ein Ausweichen war bei dem dichten Baumwuchs auf der Strecke
+nicht zu denken. Die Gesammtstrecke von Schoschong bis zu dem Punkte, an
+welchem der Reisende den Limpopo auf seinem Zuge nach Südosten trifft,
+ist ein einziger Wald. Manche Stellen zeigten salzhaltigen Grund und
+auch Salzseen waren nicht selten. Der südlichere Theil an den Ufern des
+Sirorume ist etwas hügelig und hier ist der Wald tiefsandig. Zur
+Winterszeit hat diese drei Tagereisen beanspruchende Strecke nur an zwei
+Stellen Süßwasser.
+
+Während der Fahrt am 17. beobachtete ich zum ersten Male ein
+hühnerartiges Federwild, welches in Süd-Afrika allgemein »det fasant«
+genannt wird. Ich hörte ein lautes, schrilles Gackern in einem dichten
+Niederbusch und bald darauf erschien der Schreier, ein bräunlicher
+Vogel, (Francolinus nudicollis) auf einem Baumstumpf. Er gehört zu den
+rebhuhnartigen Vögeln und ist über einen großen Theil der bewaldeten und
+bebuschten, wasserreichen Thalpartien der von mir besuchten Gegenden
+Süd-Afrika's verbreitet, auch in Süd-Central-Afrika sehr häufig.
+Paarweise oder in kleinen Ketten lebend, wacht der Hahn treu über das
+Wohl der Seinen, schreit bei jeder Gelegenheit, während des Scharrens,
+wenn er sich umsehen will, sich ein Feind nähert, oder wenn er Abends
+die Lagerstätte im gewohnten Busch oder Baum aufsucht. Durch sein
+Geschrei und weil er sich, wenn auch nur für wenige Momente, auf
+hervorragende Gegenstände setzt, wird er oft des Jägers Beute.
+
+Am 18. passirten wir einen einige hundert Schritte langen, ellyptisch
+geformten, flachen, kaum zwei Fuß tiefen Salzsee, der mit einer stark
+salzhaltigen, milchigen Flüssigkeit gefüllt war. Nur an seinem
+nördlichen Ende ist in trockenen Jahren in Felsenlöchern Trinkwasser zu
+finden. Still lag die milchig-graue Fluth des todten See's von einem
+breiten, hellgrünen Rasenbande umsäumt in einer mäßigen Vertiefung des
+Waldes vor uns. Kein grüner Binsenhalm, kein Blatt der Seerose
+schaukelte sich darin. Hier waren es Bäume, die das sich sanft erhebende
+Ufer bekränzten, dort undurchdringliches Gebüsch, wo nur gebeugt und
+mühselig zwischen den Stämmchen die flüchtige Deukergazelle wandeln
+mochte--in den übrigen Uferpartien neigten sich von dem Niederwalde die
+kurzen schattigen, einer gemeinschaftlichen Wurzel mehrfach
+entsprossenen Akazienbäumchen herab und Blumen wucherten überall--daß
+der todte See in der Vertiefung einer duftenden bebuschten und
+bewaldeten Au begraben zu sein schien. Später nannte ich den Salzsee dem
+jetzigen, edlen Bamangwato-Könige zu Ehren »Khama's Salzsee« (Khama's
+Saltpan). Am Rande des See's fand ich Grünsteinstücke und Chalcedone,
+sowie an der nahen, dicht mit Dornbäumen bebuschten Bodenerhebung
+Quarzit und weiterhin Kalkfelsen vor. Zahlreiche Spuren deuteten auf die
+Anwesenheit kleinerer Gazellen, Gnu's, Zebra's und Giraffen, welche in
+den westlich und östlich nach dem Limpopo sich ausbreitenden bewaldeten
+Ebenen reichliche Weide finden.
+
+Unter den Bäumen fiel mir namentlich einer auf, dessen vortreffliches
+Holz ich noch später kennen lernen sollte; es ist dies eine den Boers
+als Knopidorn bekannte und bis zu 50 Fuß Höhe meist gerade wachsende,
+selten gabelig verästelte Mimose. Die grau bis gelblichgraue Rinde ist
+mit ein bis zwei Zoll langen Auswüchsen versehen, welche an ihrer meist
+stumpfen Spitze hakenförmig gekrümmte, kleine und scharfe Dornen tragen.
+Ihr Holz wird als Bauholz, namentlich aber zu Wagnerarbeiten verwendet.
+
+Nachmittags gelangte ich zu einigen Salzlachen, in denen ich zu meinem
+Erstaunen Fische--eine mir bekannte Species--äußerst verkümmert vorfand.
+Bei der Lage der Tümpel auf der Höhe des Hochplateau's läßt sich ihr
+hiesiges Vorkommen nicht anders erklären, als daß sie durch Vögel hieher
+übertragen worden waren. Der Abend überraschte uns in dem Thale des
+oberen Sirorume, dort, wo er sich über einige interessante
+Sandsteinbänke in ein offenes Thal Bahn bricht, um dann eine südliche,
+später eine Ostsüdost-Richtung nach dem Limpopo zu verfolgen. Als wir am
+nächsten Tage den tiefsandigen Wald, in dem inneren Bogen des Sirorume
+durchzogen, wurden wir vom Wagen aus auf eine Spur aufmerksam, welche
+durch das Gras führte; das hohe Gras schien wie mit einer zwei Meter
+breiten Walze niedergedrückt worden zu sein--die Stelle näher
+untersuchend fanden wir Elephantenspuren. Zwei nach dem
+Transvaal-Gebiete ziehende Bamangwato berichteten uns, daß diese Spuren
+von einer kleinen Heerde der großen, kleinzähnigen Elephanten
+herrührten, welche hier an der Grenze von Sekhomo's und Seschele's
+Gebiet »wechsle«. Es mußte jene Heerde sein, von der ich schon vernommen
+und die sich auch hier noch zwei Jahre aufhielt, bis sie von den
+Damara-Emigranten vernichtet wurde.
+
+Vor uns in ziemlich geringer Entfernung wand sich das Thal des Sirorume,
+darüber hinaus nach Westen und Süden lag unabsehbar ein dichter
+Niederwald. Bald darauf stiegen wir zum zweiten Male in das Thal des
+Sirorume, von den Engländern _the Brack reeds_ genannt, herab. Das Bett
+des Flusses ist hier meilenweit auf- und abwärts flach und ein einziges
+mit bohem Schilf bewachsenes Moor. Dreimal passirte ich diese Strecke
+und jedesmal fand ich die Gegend überraschend reich an der bekannten
+Buffadder. Alle unsere Mühe Trinkwasser zu finden war vergebens und so
+zwang mich die Wassernoth und der herabgeschmolzene Mehlvorrath
+weiterzureisen.
+
+[Illustration: Khama's Salzsee.]
+
+Am 21. endlich stießen wir auf der Höhe des bewaldeten Plateau's auf
+eine jener unverhofft anzutreffenden Regenlachen, deren Vorkommen ich
+bereits bei der Schilderung meiner ersten Reise erwähnt habe.
+
+Auf unserer Weiterfahrt am 18. hatten wir Gelegenheit, zwei Buffaddern,
+Puffotter (Vipera arietans), einen Meter lange, armdicke Exemplare mit
+herzförmigem Kopf und zwei sehr langen und stark gekrümmten Giftzähnen
+zu erlegen. Das Schuppenkleid dieser Schlangen variirt in der Farbe
+zwischen gelblich- bis dunkelbraun und ist schräg nach abwärts,
+abwechselnd hell und dunkel gebändert. Vom Meere bis zum Zambesi
+verbreitet, bewohnt sie unstreitig gewisse Striche häufiger als andere.
+So fand ich namentlich dicht bebuschte, besonders mit Dornbüschen
+bewachsene Partien dichter von dieser Schlange bevölkert. Eben diese
+Partien werden auch seltener von den Schlangenadlern aufgesucht. Die
+meisten Exemplare lagen träge am Rande von Gebüschen und Pfaden
+tellerförmig zusammengerollt. Ihre Trägheit und Unbeholfenheit ist
+merkwürdig--denn ich sah sie in Wasserlöchern liegen, aus denen sie sich
+nicht mehr emporwinden konnte. Ihrer stark nach rückwärts gekrümmten
+Giftzähne halber, kann die Buffadder nicht gleich den gewöhnlichen
+Species verwunden, sie muß vielmehr um dies zu thun, ihren Vorderkörper
+nach rückwärts krümmen, den Kopf senken und sich mit dem halben oder
+ganzen Körper auf ihr Opfer werfen. Dies vermag sie auf mehrere Fuß
+Entfernung hin und mir sind namentlich Beispiele dieses Angriffs aus der
+Cap-Colonie und Natal bekannt. Außer dieser finden wir noch eine zweite
+Eigenthümlichkeit, die mehrmals schon, und dies namentlich in der
+westlichen Cap-Colonie, beobachtet wurde und welche ich mir in folgender
+Weise zu erklären suche. Zufällig trifft hier ein Landmann, dort ein
+Jäger oder ein Hirt auf eine dieser Schlangen. Nicht ihr Anblick,
+sondern ein eigenthümlicher Ton, der zwischen Fauchen und Aechzen die
+Mitte hält, wird die Aufmerksamkeit desselben erregen. Diesem fauchenden
+Aechzen nachforschend, findet der Beobachter eine Buffadder vor sich,
+welche sich hin- und herwindet, hin- und herschlägt und sich wiederholt
+krümmt. Bei näherem Herantreten sieht er, daß der Leib des Thieres
+durchlöchert ist und aus diesen Oeffnungen sich die kleine Brut einen
+Weg nach Außen zu bahnen sucht. Jene, welche dies beobachtet, waren und
+sind der Ansicht, daß die »Brut« auf diese Weise zur Welt gebracht
+wurde, d.h. daß sie sich selbst aus dem Mutterleibe herausfresse; ich
+konnte dieser Ansicht nicht beipflichten und wurde darin später durch
+den Bericht eines gebildeten Augenzeugen bestärkt. Unter den Schlangen,
+die ich in Süd-Afrika kennen gelernt, ist die Buffadder durch die
+Anhänglichkeit an ihre Brut wohlbekannt. Bei Gefahr, die sie außerhalb
+ihres Schlupfwinkels überrascht, bläst sie sich auf und droht dem Feinde
+mit weit aufgesperrtem Rachen. Dabei geschieht es nun--doch bleibt es
+mir ein Räthsel, ob das Thier dies absichtlich thut oder nicht--daß ein
+Theil der herumschlängelnden über und unter der Mutter hingleitenden,
+sich an sie schmiegenden Brut in dem weiten Rachen verschwindet. Die
+Mutter bläst sich noch mehr auf, wobei die Jungen bald darauf sich
+gewaltsam einen Ausweg nach außen bahnen, nachdem ihnen zum Theile oder
+insgesammt vielleicht durch das Schließen der Kinnladen der Mutter der
+natürliche Ausweg benommen wurde.
+
+Von den Buffadder-Höhen am Unterlaufe des Sirorume herabfahrend, kamen
+wir in das Thal des Limpopo (auch Ouri und Krokodil-River genannt); die
+hügelige Gegend am linken Ufer desselben geht nach Westen in ein
+bewaldetes Hochplateau über, während das rechte und flache theils
+bewaldete, theils prairienartige Ebenen besäumt. Das Bett des 12-30
+Meter breiten Flusses ist sandig, das Ufer steil geböscht und mit
+undurchdringlichem Gebüsch oder mit hohem Gras bewachsen. Am Ufer fand
+ich häufig Krokodil-, sowie einige Flußpferdspuren, an den freieren und
+lehmigen Uferstellen Löwen- und Leopardenspuren und in dem anliegenden
+Walde konnten wir folgende Wildarten theils beobachten, theils deren
+Anwesenheit an den frischen Spuren erkennen: Kudu's, Roenantilopen,
+Wasserböcke, Buschböcke, Hartebeeste, Gnu's, Giraffen und Zebra's.
+
+Wir waren noch nicht weit das Limpopothal nach aufwärts gefahren, als
+wir erstaunt ein Gefährte vor uns erblickten. Es war ein mit Mehl schwer
+beladener Wagen, Eigenthum eines Baharutse in Linokana, der den Ertrag
+seiner Felder nach Schoschong bringen wollte, um ihn da an die Händler
+oder an die Bamangwato's zu verkaufen. Ein auf südafrikanischen Wegen
+häufiger Unfall, ein Achsenbruch, nöthigte dem armen Manne an dieser
+Stelle einen unfreiwilligen, dreiwöchentlichen Aufenthalt auf, denn so
+lange währte es, bis seine Diener aus Linokana Ersatz herbeischaffen
+konnten.
+
+Am 22. langten wir an der Mündung des Notuany, eines im westlichen
+Maricodistrict des Transvaal-Gebietes entspringenden, nur nach heftigem
+Regen und selbst dann nur stellenweise fließenden etwa 150 engl. Meilen
+langen Flusses an. Sein Bett ist tief, grubenförmig, und an seinen
+bewaldeten Ufern finden sich hie und da große, stets wasserhaltende
+Lachen, welche zahlreiche Fische und oft auch Krokodile beherbergen. Zur
+Zeit unseres Besuches floß der aus Westen zahlreiche Sand-River
+aufnehmende Notuany, und da seine Mündung stark verschilft war, dachten
+wir, daß die Saurier nicht über Land in den Fluß gelangen könnten und
+gönnten uns an der ziemlich tiefen Furth die Wohlthat eines Bades.
+
+In dem südlichen Winkel der Notuany-Mündung finden wir, wie an mehreren
+anderen Stellen im Limpopothale, ein »Dornfeld«, d.h. eine umfangreiche
+ebene und humusreiche Strecke, die mit bis sechs Fuß hohen _Acacia
+horrida_-Gebüschen bewachsen ist. Es sind dies Strecken, deren
+Bodengattung das Herz eines europäischen Landwirthes erfreuen müßten,
+die hier aber lange Jahre noch brach liegen werden. Auf meinen Ausflügen
+während des zweitägigen Aufenthaltes am Notuany schoß ich einen grauen
+Uhu und einen Aasgeier. Thier- und Pflanzenleben boten mir reichlichen
+Stoff zu den interessantesten Studien.
+
+Im Jahre 1870 hatte einer der Schoschonger Händler zwei Wägen unter der
+Oberaufsicht von drei Colonial-Halbcastmännern und eines ihnen
+untergeordneten Bamangwato-Dieners nach Zeerust gesendet. Eine ihrer
+Raststellen war an der Furth des Notuany-Flusses. Da es die Wagenführer
+für gut fanden, in der Tageshitze nicht zu reisen, so betrug die Rast
+mehrere Stunden, welche Zeit sich einer der Halbcast mit einem Ausflug
+verkürzen wollte und zu diesem Zwecke von einer Meute Hunde gefolgt auf
+die Jagd zog. Längs des Ufers vordringend, sah er sich bald von seinen
+vierfüßigen Freunden verlassen, die eine Wildspur aufgenommen zu haben
+und ihr nun kläffend zu folgen schienen. Er achtete anfangs nicht
+darauf, als es ihm jedoch däuchte, daß sie mit vereinten Kräften auf
+eine bestimmte Stelle anschlugen, nahm er diese Richtung auf und näherte
+sich vorsichtig derselben. Dichtes Gebüsch, hie und da ein Baum und
+hochbegraste Lichtungen bildeten die Scenerie seiner nächsten Umgebung.
+
+[Illustration: Löwe von Hunden umringt.]
+
+Je deutlicher das Gebell ihm entgegendrang, um so rüstiger schritt er
+darauf los und sah sich nach einer Viertelstunde einem seltsamen
+Schauspiele gegenüber. Von der kläffenden Meute umringt, saß einige
+Schritte vor ihm ein ausgewachsener, dunkel bemähnter Löwe, der seinen
+mächtigen Schädel bald nach dieser, bald nach jener Seite wendete und
+dem das heisere Kriegsgeschrei der Hunde kein besonderes Vergnügen zu
+bereiten schien. Der Jäger schlich sich gedeckt durch einen Busch, bis
+auf 50 Schritte heran und konnte nun das Zähnefletschen des Löwen sehen
+und sein dumpfes Brummen vernehmen. Der Mann legte an, doch in dem
+Augenblicke als er losdrücken will, springt der größte der Hunde, der in
+Schoschong als ein Hyänenwürger bekannt war, vorwärts, um den König des
+Waldes zu fassen. Das arme Thier büßte seinen Muth mit dem Tode, ein
+blitzschneller Hieb mit der Pratze schlug ihn nieder. Seine Brust und
+der Unterleib zeigten eine klaffende Wunde, aus der die Eingeweide
+hingen. Nach allen Seiten stoben daraufhin die Hunde auseinander, auch
+des Schützen Hand zitterte fühlbar und er mußte niederknieen, und mit
+aller Kraft das Gewehr an die Schulter und Wange pressen, um einen
+sicheren Schuß zu erzielen. Der Löwe war aufgestanden und beschnupperte
+sein zuckendes Opfer--da traf ihn die Kugel, wie eingegossen saß sie
+unter dem Blatte in der Brust und der königliche Räuber fiel auf
+derselben Stelle, an der er seinen verwegenen Angreifer getödtet hatte.
+
+Am 24., als wir uns der Marico-Mündung näherten und einige der hier
+zahlreichen den Weg kreuzenden, nach dem Limpopo zu führenden engen
+Regenschluchten passirten, brach die in Schoschong gezimmerte Achse,
+doch gelang es dieselbe noch so weit herzustellen, daß sie bis zur
+nächsten Transvaal-Farm Dienste leistete. Am folgenden Tage hatte ich
+Gelegenheit, zwei Heerden der schönen, im Buschlande in den Wäldern
+nördlich vom Molapo bis in's centrale Afrika wohnenden, hier an
+Häufigkeit den südlichen Bläßbock der Grasebenen vertretenden Pallah's
+zu treffen. Unsere Weiterfahrt war durch anhaltende Regen gehindert und
+da wir noch immer in der Niederung des Limpopo und später jener des
+Maricothales aufwärts zogen und es in den letzten Wochen hier ebenso
+stark wie in Schoschong geregnet haben mußte, so reisten wir fast die
+Hälfte der Strecke hindurch durch Wasserlachen und Sumpfland, ohne
+selbst zu unserem Nachtlager eine trockene Stelle ausfindig machen zu
+können.
+
+Auf einer großen Wiesenfläche zu unserer Linken (am linken Maricoufer)
+wurden wir auf der Morgenfahrt des 26. von einem seltenen Anblick
+überrascht. Mehr denn die Hälfte der Au, einige hundert Schritte im
+Gevierte messend, glich einem einzigen feuerrothen Teppich, ringsum von
+dem üppigen Grün der Wiesenflur und dem dunklen Grün der Mimosen-Büsche
+und Bäume umrahmt. Dieses herrliche Bild war durch blühende Aloën
+hervorgerufen, welche aus dem Kranze ihrer fleischigen und bedornten
+Blätter, die bis drei und vier Fuß hohen, oben armleuchterförmig
+verästelten Aehrenblüthen tragenden Stengel emporhoben. In den dichteren
+Büschen beobachtete ich manche derselben mit einer schön
+schwefelgelbblüthigen Schlingpflanze überladen.
+
+Die Anstrengungen der Reise, die Fieberluft der durchzogenen Gegenden
+und die feuchten Nachtlager der letzten Tage blieben nicht ohne Folgen
+für meine Gesundheit, am 28. hatte sich mein Zustand derart
+verschlimmert, daß wir die Reise unterbrechen mußten. Die allgemeine
+Abspannung hatte in einem solchen Grade zugenommen, daß ich nicht im
+Stande war, vom Wagen herabzuklimmen, sondern von den Gefährten
+heruntergehoben werden mußte. Nach 1½ Stunden trat heftiges Erbrechen
+ein, der Kopf schien mir centnerschwer, und ich war unfähig, auf die
+Fragen der mich bestürmenden Freunde zu antworten. Allmälig schwand die
+Kraft der Sinne und ich verfiel in ein zweistündiges Delirium, aus dem
+ich auf einen Moment--Dank der Hilfe meiner Gefährten--erwachte. Die
+drei Männer knieten an meiner Seite und frottirten mich mit kühlem
+Wasser. Freund E. schluchzte laut und F. lief wie sinnlos umher. Nur
+nach der aufopfernden Pflege des um mich besorgten Freundes Eberwald,
+und nachdem ich mir, des heftigen Blutandranges zum Kopfe halber, mit
+Noth zur Ader gelassen hatte, trat eine merkliche Besserung ein. Die
+rührende Sorgfalt und Theilnahme Eberwalds zeigte sich mir bei dieser
+Gelegenheit im schönsten Lichte und machte mir den Freund um so werther.
+Das eiserne Gebot der Notwendigkeit, die afrikanische Natur, hatten
+indeß den besten Einfluß auf meine Genesung, am dritten Tage war ich
+wieder so weit hergestellt, daß wir die Reise fortsetzen konnten.
+
+Am 3. verließen wir das eigentliche Thal des Marico[1] überschritten den
+Sattel und kamen in einen nur nach dem Marico zu offenen Kessel, der von
+dem Betschuanaspruit durchkreuzt, im Süden von der interessanten Gruppe
+der Berthahöhen gebildet wird. An ihren südwestlichen Ausläufern liegt
+Tschune-Tschune (engl. Tshwene-Tshwene), die Stadt der unter dem
+Häuptling Matlapin stehenden Batloka, die auf dem Gebiete Seschele's
+liegt, das von der Sirorume-Mündung bis an die Dwarsberge reicht. In dem
+Niederwald im Kessel, namentlich gegen Tschune-Tschune, fand ich den
+Morula-Baum mit reifen Früchten.
+
+ 1: Ich beobachtete am Marico-Ufer Granit- und Gneisfelsen mit
+ aufsteigenden mächtigen Quarzadern, die von großen
+ Goldglimmerplättchen durchzogen waren.
+
+Am 4. trafen wir im Weichbilde der Stadt ein. Die Stadt selbst war
+ziemlich reinlich gehalten. Die Gehöfte und Hütten waren größer und
+geräumiger als jene der meisten Betschuana's und hie und da von Gärtchen
+umgeben. Auf den Feldern stand nur noch hie und da etwas Korn, Mais und
+Kafirzuckerrohr. Ich hielt vor der Stadt, da mir von Batloka's bedeutet
+wurde, daß der Morena betrunken sei und es in der Stadt lustig hergehe.
+Von dem Hochplateau, aus dem sich der letztgenannte Höhencomplex erhebt,
+herabsteigend, fanden wir an dem Abfall desselben in dem harten grauen
+Kalksteinfelsen mehrere tiefe Löcher, welche kühles Quellwasser
+enthielten. Von diesen Quellen bot sich uns ein überraschender Anblick.
+Vor uns lag ein mehrere Meilen breites, leicht bewaldetes Thal, das sich
+gegen Osten nach dem Marico zog und im Süden von einem langen bebuschten
+und bewaldeten, zahllose Kuppen aufweisenden Höhenzuge, den Dwarsbergen,
+begrenzt war. Jenseits derselben lag bereits das Gebiet der
+Transvaal-Republik. Den Paß, über den ich die Dwarsberge am 6.
+überschritt, nannte ich Schweinfurths-, den nächsten westlichen
+Rohlfs-Paß. Von der Sattelhöhe desselben erblickten wir auf einer
+namentlich nach Osten gegen den Marico sich ausbreitenden Ebene die
+erste Farm. Am jenseitigen Fuße der Höhen begegneten wir einem nach dem
+Damaralande auswandernden Boer.
+
+Auf der Farm Brackfontein angelangt, entdeckte ich zu meiner freudigsten
+Ueberraschung, daß der Eigenthümer ein Schmied war, und ich nun die
+Schäden an meinem Wagen ausbessern lassen konnte. Der Einladung seiner
+beiden Söhne, sie auf die Jagd zu begleiten, konnte ich mit Rücksicht
+auf meine Reconvalescenz nicht folgen, obwohl der Reichthum der Gegend
+an Wild verlockend war. In den dichter bebuschten Partien an den
+Dwarsbergen gab es Gazellen und Kudu-Antilopen, in den leicht bewaldeten
+Partien an ihrem Fuße und auf den Grasebenen nach Osten und Süden
+Heerden der beiden Gnu-Arten, Zebras, Springböcke und zuweilen wurden
+auch Säbel-Antilopen und Strauße sichtbar. Fourier, der Farmer, erwähnte
+auch, daß Löwen zur Winterszeit die Gegend beunruhigen und erzählte mir
+mehrere Jagdabenteuer, von welchen ich eines hier anführen will, das er
+und seine benachbarten Farmer im Maschonalande erlebten.
+
+[Illustration: Elephant und Boer.]
+
+Auf einem gemeinschaftlich unternommenen Jagdausfluge im Gebiete der
+Tsetsefliege hatten dieselben eine Elephantenheerde aufgespürt; da sich
+die Spuren plötzlich theilten, folgte Fourier mit seinen
+Matabele-Dienern den zahlreicheren, während sein Freund die riesige
+eines männlichen Thieres aufnahm. Er war auch der erste, der seiner
+Beute nach einem halbstündigem Marsche ansichtig wurde. Fourier hörte
+auch dessen Schuß und kehrte, nachdem sein Bemühen, die Heerde
+aufzufinden, erfolglos war, zu seinem Freunde zurück, er fand ihn, doch
+nur als Leiche, wieder. Auf den Boden gestreckt, sein Gesicht mit Blut
+befleckt, das aus Mund, Nase und den Ohren floß. Vor ihm lag sein
+Gewehr[1] mit geborstenem Kolben und etwa 30 Schritte in gleicher
+Richtung unter einem Baume der Cadaver eines großen männlichen
+Elephanten. Während der Erzählung des Farmers hatte ich eines der
+riesigen, unbeholfenen und schweren, stark verrosteten Vierpfünder in
+die Hand genommen, die Innenfläche (Backenfläche) war mit Schafwolle
+ausgefüttert und mit einer weichen Haut überzogen.
+
+ 1: Das Gewehr, von ¼pfündigem Kaliber, wird, da vier Kugeln auf ein
+ Pfund gehen, von den Boers Vierpfünder genannt.
+
+Von Brackfontein wandte ich mich am 12. nach Süden, um--das sogenannte
+»Bushveldt« (Buschfeld) durchkreuzend--die in dem eigentlichen
+Marico-Höhennetze liegende Eingebornenstadt Linokana aufzusuchen.
+
+Ohne vorläufig auf eine nähere Beschreibung des Bushveldts einzugehen,
+will ich hier nur erwähnen, daß es von einem bewaldeten Hügelland
+gebildet wird, das zahlreiche mit den Dwarsbergen zusammenhängende,
+niedere Kämme, sandige Bodenerhebungen, isolirte Hügel und zahlreiche
+Thäler aufweist und dessen Boden mit üppigem Grase bewachsen ist. Bevor
+ich es durch den Buyspaß (Buysport) verließ, berührte ich die Farmen
+Markfontein, Sandfontein, Witfontein. Der Eigenthühmer der
+erstgenannten, Zwart, hatte die ziemlich umfangreiche, große Farm um 300
+£ St. erstanden. Auch Zwart war ein alter Elephantenjäger und hatte das
+Damaraland und die Zambesi-Fälle auf seinen Streifzügen besucht. In
+Sandfontein wohnte in einem Hartebeest-Häuschen ein Holländer, der für
+Herrn Taylor, den Kaufmann bei Seschele, die Verfrachtung der Waaren
+besorgte. Wir wurden von ihm und seiner freundlichen, alten Mutter,
+trotzdem daß er hier nur mit den Seinen periodisch einige Tage im Monat
+wohnte, auf das Beste bewirthet.
+
+[Illustration: Buysport, Felsenthor im Bushveldt.]
+
+Abends erreichten wir den erwähnten Buysport (Paß) und überschritten ihn
+am folgenden Tage (15. März). Der Buyspaß gehört zu den anziehendsten
+Partien des Marico-Höhennetzes. Ein Spruit, der in kleinen, tiefen
+Lachen das ganze Jahr hindurch Wasser in seinem felsigen Bette birgt,
+muß einigemal gekreuzt werden, und wenn auch das Fortkommen dadurch sehr
+erschwert wird und die größte Vorsicht erheischt, so bietet sich dem
+Auge in dem bald von bewaldeten, bald schroff abfallenden oder
+stufenförmigen Felsenblöcken eingeengten Flußthale ein so pittoreskes
+und schönes Bild dar, daß man die Mühen der Reise durch den Paß nicht
+scheut, und dies um so mehr, als der Naturfreund sich reichlich belohnt
+findet.
+
+[Illustration: Baharutse Wasser schöpfend.]
+
+Buschböcke, Roibock-Gazellen, Klippspringer, Paviane und Meerkatzen
+gehören nebst kleineren katzenartigen Raubthieren und dem Hyrax zu den
+gewöhnlicheren Erscheinungen unter den größeren Vierfüßlern, doch trifft
+man auch zuweilen Leoparden, Luchse und Kudu's. Der Reichthum an Vögeln,
+Schlangen, Insecten und Pflanzen ist überraschend. Nebst dem schon hie
+und da erwähnten Wildgeflügel--mit Ausnahme der Trappen und der
+trappenähnlichen Otis--fand ich Wachteln, zwei mir neue Drosselarten,
+einen Wendehals, zwei Mandelkrähen-Arten etc.
+
+Das Hochplateau, das wir nach Passirung des Passes betraten, war ein
+herrliches Wiesenland und von zahlreichen bebauten Flächen bedeckt, nach
+Westen und Osten senkt es sich zu den Notuany- und Zeerust-Höhen herab.
+Diese Höhen einige Meilen in südwestlicher Richtung herabfahrend, kamen
+wir in das Thal des obern Notuany, das von dem unmittelbar vor uns
+einmündenden Matebethal durch einen Höhenzug theilweise getrennt und zur
+Hälfte seiner Ausdehnung bebaut war. Diese Felder bildeten das
+Wahrzeichen Linokana's, einer Baharutsestadt, von deren blühendem
+Ackerbau ich schon in Moschaneng, Molopolole und an anderen Orten
+vernommen hatte. Der Notuany, den wir einige Meilen oberhalb seiner
+Quellen überschritten, floß in einem grabenförmigen Bette und war mit
+einigen Holzstämmen neu nothdürftig überbrückt, über welchen höchst
+primitiven und gefährlichen Bau wir den Wagen übersetzen mußten. Wir
+fuhren in das Thal des Matebeflüßchens und kamen bald in den Thalkessel
+von Linokana, in dessen Mitte, sowie an dessen nördlichem und östlichem
+Rande der Höhen die gleichnamige Eingebornenstadt erbaut ist.
+
+In den zahlreichen Schilfrohrdickichten am Matebeflüßchen macht sich
+eine reiche Thierwelt bemerklich. Der Abend und der Morgen sind die
+Zeiten, an denen wir ihrem Treiben lauschen, die graue Wildkatze im
+Beschleichen der Schnepfen und der langschwänzigen Capfinken, den
+Wasserleguan und seltener auch den Caracal beobachten können, den
+letzteren doch nur dann, wenn es ihm in seinem Felsengeklüfte an Nahrung
+gebricht und er sich gezwungen sieht, in das Thal herabzusteigen, wo ihm
+dann die Schilfrohrdickichte reiche Beute und einen sicheren
+Schlupfwinkel bieten.
+
+Gleich beim Betreten des östlichen Thalkessels fällt uns neben den
+wohlbebauten Feldern eine dichte Baumgruppe am nördlichen Ende der Stadt
+auf, aus welcher Baumgruppe sich namentlich einige schlanke und weithin
+sichtbare Eucalyptus-Bäume[1] bemerkbar machen. Sie beschatten mehrere
+im europäischen Style erbaute Häuschen, die einem freundlichen und
+zuvorkommenden Manne als Wohnstätte dienten, der mit seinem Beispiele so
+wohlthätig auf die Baharutse eingewirkt hat, daß diese jetzt unter den
+Transvaal-Betschuana's die bedeutenden Ackerbauer und wohl auch die
+wohlhabendsten sind. Thomas Jensen ist der Name dieses Missionärs, ein
+Mitglied der Hermannsburger Missionsgesellschaft; er nahm uns freundlich
+auf, führte mich zum Häuptling Moilo (oder Moiloa) und zu den anderen an
+den Bergen wohnenden Häuptlingen, Tschukuru etc. Moiloa war eine hohe
+Greisengestalt, freundlich, obgleich mit harten Gesichtszügen, er war
+ein treuer Unterthan der Transvaal-Republik, besorgt um das Wohl seiner
+Unterthanen und überragte in mehrfacher Hinsicht die Herrscher der
+Nachbarreiche. Er stellte mir seine Söhne vor, von denen er keinen der
+Nachfolge auf den Thron fähig bezeichnete, übrigens war der in
+Moschaneng lebende Sohn eines verstorbenen Verwandten, als Ursprosse des
+alten Königshauses aller Betschuana's, der Baharutse in Linokana, der
+rechtmäßige zukünftige Häuptling.
+
+ 1: Dieselben hatten bei einer Höhe von über 60 Fuß einen
+ Stamm-Durchmesser von zwei Fuß.
+
+In jedem größeren Gehöfte in der Stadt fand ich einen Pflug und überall
+ragten Wagendächer zwischen den kegelförmigen Grasdächern hervor. Dem
+Rathschlage Rev. Jensens folgend, haben es die Baharutse verstanden, die
+an den westlichen Höhen des Thalkessels entspringende Quelle des
+Matebeflüßchens auszunützen; sie wird theilweise durch die Stadt, doch
+auch in mehreren Armen durch die Felder und Obstgärten geleitet und
+sowohl zur Bewässerung des angebauten Landes, als auch als Wasserleitung
+für häusliche Zwecke in Anspruch genommen. Die erwachsene männliche
+Bevölkerung zahlte zehn Shillinge Kopfsteuer an die Transvaal-Republik
+und war im Kriegsfalle verpflichtet, Männer und Zugthiere beizustellen.
+Rev. Jensen war mit der Inempfangnahme der Kopfsteuer betraut und
+lieferte sie an die Regierung ab, wofür ihm keine Vergütung irgend einer
+Art zu Theil wurde, obgleich er jährlich an 400 £ St. abgab.
+
+Um das Missionsgehöfte ziehen sich die Gärten und Felder, in denen Mais
+und Weizen angebaut wird und Pfirsiche, Aprikosen, Birnen, Feigen,
+Orangen und Zitronen gedeihen, deren Ertrag eine willkommene Beisteuer
+zu dem allzu bescheidenen Gehalt des Missionärs bildet. In dem kleinen
+Blumengärtchen begrüßten wir alte Bekannte aus der trauten Heimat, da
+gab es mehrere Arten von Rosen, theils einzeln, theils als Hecken
+gezogen, Schwertlilien, die buntfarbigen, duftenden Nelken, den
+Pfeifenstrauch, verblühte Tulpen, Hyazinthen etc.
+
+Das Familienleben des Missionärs unter den hohen Bluegum-Bäumen am
+Matebeflüßchen glich einer stillen, glücklichen Idylle, und war um so
+beachtenswerther, als sie den dunklen Nebenmenschen ein leuchtendes
+Vorbild war. Rev. Jensen theilte uns auch mit, daß sicheren Nachrichten
+zufolge, die über Capstadt von Zanzibar gekommen waren, Livingstone
+einem Ruhr-Anfall am Bangweolo-See erlegen sei, was unsere allgemeine
+Freude über die freundliche Aufnahme nicht wenig trübte. Von Rev. Jensen
+erfuhr ich, daß der erste Begleiter Livingstone's auf seinen
+Missionsreisen in Linokana noch lebe.
+
+Der Häuptling Moiloa beklagte sich bei mir durch Rev. Jensen über das
+Betragen einiger Weißen, die in die Stadt gekommen waren, namentlich
+eines Photographen von Gewerbe (eines Amerikaners) und eines Engländers,
+der sich C.H. nannte. Rev. Jensen berichtete mir eine höchst
+interessante Heilung von Schlangenbiß, die er an einem Bewohner
+Linokana's beobachtet hatte. Ein Mann war während des Holzfällens von
+einer Cobra gebissen worden. In seiner Angst laut schreiend, ließ er
+Beil und Pfähle im Stiche und lief aus Leibeskräften über Stock und
+Stein nach dem Missionshause zu. Verwundert sieht Jensen einen über und
+über mit Schaum bedeckten Mann heranstürzen, der, bei ihm angekommen,
+vor Ermattung niederfällt und kein Wort zu stammeln im Stande ist. Als
+er nach einiger Zeit zu sich kommt und die Wunde vorzeigt, war ihre
+nächste Umgebung nur etwas geschwollen, allein der Mann fühlte sich ganz
+wohl und ward gesund, ohne ein Medicament genommen zu haben. Der heftige
+und reichliche Schweiß hatte zweifellos das Gift aus dem Körper
+getrieben.
+
+[Illustration: Scene aus dem Leben der Baharutse.]
+
+Die Baharutse besitzen zahlreiche Heerden, obgleich sie jährlich eine
+bedeutende Anzahl durch die herrschende Lungenseuche verlieren.[1]
+
+ 1: Nur durch von der Regierung erlassene Maßregeln und durch die
+ Einführung von Acid. sulphuricum dilutum als Specificum, wird man
+ mach meinem Dafürhalten diesem Uebel kräftig entgegenwirken und
+ damit ein großes Capital, das jährlich im Transvaal-Gebiete nutzlos
+ verloren geht, vielleicht retten können.
+
+Linokana (=ein kleiner Fluß--Li=der--noka=Fluß--nokana=Flüßchen) wurde
+früher, aber nur zu Lebzeiten des Häuptlings Moiloa und ihm zu Ehren
+Moiloa genannt. Für den Sammler ist, wie Karl Mauch dies bestätigt hat,
+ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Linokana sehr lohnend. Mit Ausnahme
+der Mamalia sind naturhistorische Objecte aller Art reichhaltig
+vertreten.[1] Die Höhen, von denen der nördliche der To- (Elephanten-),
+der östliche Po- (Büffel-) Berg genannt werden, die Wiesen und
+morastigen Partien des Matebethales, die bewaldeten des Notuany zeigen
+eine große Reichhaltigkeit an Vögeln, unter denen namentlich Raubvögel,
+langschwänzige Finken, Bienenfänger, grünliche Tauben und Purpurreiher
+etc. auffallen.
+
+ 1: Eisenhaltiger Schiefer sowie der harte graue Transvaal-Kalkstein
+ mit Kalkspath, Blei-, Eisen-, und Kupfererzen durchschlossen und
+ ganze Hügel von Petrefacten, der letzten Periode angehörend, welche
+ deutlich auf ein Vorhandensein heißer Quellen schließen lassen,
+ werden die mineralogischen Sammlungen bereichern.
+
+In früheren Zeiten hatte Moiloa große Treibjagden veranstaltet, welche
+auf der westlichen Hochebene abgehalten wurden. Er ließ große Flächen
+derselben umzingeln und die Treiber das aufgescheuchte Wild gegen den
+Abfall der Hochebene nach Linokana zu treiben, wo es von den Schützen
+erwartet und zum großen Theile erlegt wurde.
+
+Am 16. verließ ich Moiloa's freundliche Ackerbauer und schlug eine
+südliche Richtung ein, um nach Zeerust zu gelangen. Wir kamen am selben
+Tage bis zur nächsten schönen Farm, die dem Fieldeornet Martin Zwart
+gehörte, und den wir eben mit der Destillation von Pfirsichbranntwein
+beschäftigt fanden. M. Zwart besaß hier zwei Farmen, hatte mehrere an
+der Grenze verkauft und befand sich trotzdem in keineswegs rosigen
+Verhältnissen. Gleich vielen anderen einst wohlhabenden Farmern ließ die
+leidenschaftlich betriebene Jagd auch ihn nicht aufkommen. Er war 21
+Jahre lang Jachter (Jagter-Jäger) gewesen, während welcher Glanz- und
+zugleich Verarmungsperiode er 294 Elephanten erlegt hatte.
+
+[Illustration: Südafrikanische Trappe.]
+
+Im Notuanythal aufwärts zu den Quellen dieses Flusses ziehend, unternahm
+ich eine Excursion, nach der Farm des Oosthuisen, der hier mit mehreren
+Verwandten in einem schönen Thalkessel wohnte. Seine Farm ist
+nennenswerth reich an Kupfererzen, welche auch hier zuvor von den
+Eingebornen gewonnen, geschmolzen und zu Armringen etc. verarbeitet
+wurden; ebenso wie man an den Höhen unfern der Matebequellen bei
+Linokana Stellen findet, an denen Eisenerze in ähnlicher Weise
+verarbeitet wurden. Oosthuisen beschäftigte sich namentlich mit Mais-,
+Weizen- und Tabakbau und dem Gerben von Thierfellen, die er den aus dem
+Inneren heimkehrenden Jägern abgekauft hatte. Nach Zwarts Farm
+zurückgekehrt, fuhren wir zwei Stunden später in das nahe liegende
+Zeerust, den Sitz der Behörde für den District Marico. Damals nur aus
+circa 40 Häusern bestehend, hatte das Städtchen eine mit hoher Mauer
+umfriedete holländische Kirche, welche bei der früheren Unsicherheit der
+Gegend, der holländischen Bevölkerung der nächsten Umgebung als
+Zufluchtsort diente.
+
+[Illustration: Tschukuru, Häuptling der Baharutse.]
+
+Zeerust liegt am kleinen Marico, der sich nach Osten durch die Höhen
+Bahn bricht, um sich mit dem großen Marico zu vereinigen. Der
+Marico-District ist zum größten Theile ein von zahlreichen fließenden
+Bächlein und Flüßchen durchzogenes und äußerst fruchtbare Thäler
+besitzendes Höhenland, das auch verhältnißmäßig besser als die meisten
+übrigen Transvaal-Districte angebaut ist. Ein Theil ist mit einem
+Mimosen- und anderem Niederwald bedeckt und in seiner Gesammtheit ein
+gutes Weideland für Pferde und Rinder. Die Farmen stehen hier auch
+dichter und wir sehen die Gartencultur ziemlich schwunghaft betrieben,
+daß wir jedoch trotz Allem die Wohlhabenheit nur auf gewisse Farmen
+concentrirt fanden, rührt daher, daß sich die Besitzer der meisten
+derselben der Elephantenjagd ergeben hatten und dabei die Erträgnisse
+des fruchtbaren Bodens an dieses so beschwerdenreiche Vergnügen
+vergeudeten. Das von den Betschuana-Königen erlassene Jagdverbot wird
+diese Jäger zwingen, daheim bei ihren Pflügen zu bleiben, was ihre
+materielle Lage heben und in einigen Jahren dem Reisenden nur ein Bild
+allgemeiner Wohlhabenheit im Marico-District bieten wird.
+
+Am 19. verließ ich Zeerust im Thale des kleinen Marico aufwärts nach
+Süden. Nachdem wir eine Anzahl von Farmen, die theils im Thale und in
+den Seitenthälern, theils an den Abhängen liegen und Quarifontein,
+Quaggafontein, Kafirkraal, Graffel und Deukfontein etc. heißen, passirt
+hatten, gelangten wir auf das Hooge-Veldt (Hohe Feld), eine der größten
+Grasebenen des südafrikanischen Hochplateaus. Im Osten waren die
+Zwart-Ruggens (schwarzen Höhenrücken) sichtbar. Die wildreiche Ebene ist
+der östliche Theil der zwischen dem Molapo- und dem Hart-River liegenden
+Wildebenen jenes Hochlandes, in dem der Hart-River, der Molapo und der
+Marico mit vielen ihrer Nebenflüsse entspringen und denen der bei
+Wonderfontein beschriebene und sonst oft erwähnte graue
+Transvaal-Kalkstein als Grundlage dient. Auf diesem Hochplateau, dem
+östlichen Theil des Hooge-Veldt, stießen wir blos auf zwei Farmen, Pit-
+und Witfontein, welche in kleinen Vertiefungen lagen, die nach dem
+Hart-River zu führen schienen.
+
+Auf einer der Farmen klagte mir der Eigenthümer über die Dreistigkeit
+der Hyänen. Eine solche war einige Wochen zuvor Abends, als der
+Eigenthümer in der Stube saß, in dieselbe eingedrungen. Der Mann, der
+eben eine holländische Zeitung las, dachte, es sei ein Hund, als ihn
+sein unter dem Tische liegender Hund, der auf den frechen Eindringling
+lossprang, eines Anderen belehrte. Auf Pitfontein fanden wir Löwenspuren
+und die Söhne des Farmers erzählten uns, daß eine der in dem umzäunten
+Felde arbeitenden Barolong-Dienerinnen zwei Tage zuvor, Früh am Morgen
+einen Löwen gesehen hätte. Auch war am selben Tage eines ihrer Kälber im
+»veldt« (auf der Ebene) von einem Löwen getödtet gefunden worden. Nach
+diesen Mittheilungen zu schließen, mußten es Löwen vom Maretsane- und
+Konanaspruit gewesen sein, welche vom Westen her ähnliche Besuche diesen
+Farmen und den wildreichen Ebenen abzustatten pflegten.
+
+Auf Witfontein klagte man über die Unverschämtheit eines Mannes, der in
+Potschefstroom wohne und zeitweilig das Land bereise, um unter dem
+Vorwande, neue Quellen aufzufinden, den Bauern schweres Geld ablocke.
+Nach der Beschreibung der Leute hatten wir dem Mann begegnet, als wir
+eben das Hochplateau betraten. Es war ein verschmitzt aussehender Alter,
+das Prototyp eines echten Transvaal-Raubritters, mit einem
+hoffnungsvollen Sprossen und einem Betschuana, der den zweirädrigen von
+zwei Ochsen gezogenen Karren lenkte.
+
+Am 22. März begannen wir allmälig herabzusteigen und betraten das Thal
+des Makoksspruit, an dem Makoks-(Eingebornen-)Kraal liegt. Im Thale fand
+ich eine Farm und in dem Farmer den Verwandten eines Mannes, den ich in
+den Diamantenfeldern behandelt. Obgleich sehr verarmt, bemühten sich die
+Leute uns zu bewirthen. Am folgenden Tage erreichten wir das Thal des
+oberen Schoenspruit, der reichlich floß und in dessem Thale sich eine
+Farm an die andere reihte. Zwischen dem Schoenspruit und Potschefstroom
+hatten wir mehrere flache Höhenrücken zu überschreiten, welche
+südwestliche Ausläufer des Hooge-Veldts sind und die Moi-River und
+Schoen-Zuflüsse begleiten.
+
+Unter den in meinem Tagebuche verzeichneten Löwenjagden finde ich
+einige, welche sich auf dem Terrain zwischen Zeerust und Potschefstroom
+abspielten. Die interessanteste derselben, welche mir in dem Urwalde des
+östlichen Bamangwatolandes von dem im Jakobsdaler District ansässigen
+Elephantenjäger David Jakobs mitgetheilt wurde, will ich hier
+wiedererzählen.
+
+Im Jahre 1863, während der in der Transvaal-Republik herrschenden
+Unruhen hatten sich auch die Bewohner des Marico-Districtes an denselben
+betheiligt und so war ein Haufen der Farmer zu Pferde nach
+Potschefstroom abgezogen. Unter diesen befanden sich die zwei berühmten
+Elephantenjäger J.W. van Viljoen und Pit Jakobs, dann der Erzähler und
+17 andere Boers. Auf ihrem Wege dahin waren sie bis zu Makoks-Kraal
+gekommen, als unweit desselben die Reiter nahe am Wege eine
+ausgewachsene Löwin im hohen Grase liegen sahen. Viljoen, ein Löwenjäger
+à la Gordon leitete den sofortigen Angriff ein und die übrigen, seine
+Erfahrenheit in diesen Dingen wohl kennend, fügten sich willig. Er ließ
+absatteln, die Pferde mit den Zügeln aneinander binden und dann die
+Männer mit ihren Gewehren eine Stellung zwischen dem Raubthiere und den
+Pferden einnehmen, in dieser waren sie etwa 100 Schritte von demselben
+entfernt. Viljoen erlaubte sich bei solchen Gelegenheiten immer einen
+Spaß; so oft er mit Jemandem jagte und dabei zufällig einem Löwen
+begegnete, stellte er immer den Muth seines oder seiner Begleiter auf
+die Probe. Van Viljoen, der seitlich von seinen Begleitern stand,
+benützte den Moment, wo deren Augen auf die Pferde gerichtet waren, um
+sich nach der Löwin zu wenden, und um sie herauszufordern, eine Kugel
+über sie hinwegfliegen zu lassen. Seine Absicht gelang vollkommen. Die
+Löwin kam zähnefletschend bedächtig herangeschritten. Auf 40 Schritte
+Entfernung traf sie der Schuß eines der Jäger am Ohr und nun kam sie
+rascher heran. Als das Raubthier die Entfernung schon um 20 Meter
+verkürzt hatte, geriethen die Männer in's Schwanken--Viljoen stand ruhig
+etwa 18 Meter von dem Thiere entfernt und fixirte bald das Thier, bald
+die auf dasselbe gerichteten Mündungen der Gewehre seiner Genossen--da
+blitzte es auf, sechs Schüsse fielen und die Löwin that keinen Schritt
+näher--fünf Kugeln waren ihr in die Brust gedrungen.
+
+»Nun, da haben sich Deine Freunde wacker gehalten,« sagte ich zu David
+Jakobs.
+
+»Nun, es war nicht so arg mit ihnen, denn als die Löwin näher kam,
+kehrten sich einige von ihnen nach den Pferden um, d.h. sie wollten sich
+empfehlen, allein die Pferde, welche die Löwin gewittert, hatten sich
+ängstlich aneinander gepreßt und waren um volle 20 Schritte
+zurückgewichen, so mußten die Genossen bleiben, die Löwin hätte ihnen
+den Rückzug abgeschnitten.
+
+Auf dem Wege vom Schoenspruit nach Potschefstroom entdeckte ich auf der
+ersten Höhe ein interessantes Felsenthor und mehrere senkrecht aus der
+Erde meist halbkreisförmig aufsteigende, kammförmige Quarzit-Wälle. Die
+zwischen denselben gelegene Farm führt den Namen Klip-Port und eine der
+nächsten Farmen Klip-(Stein-)Fontein; auch hier fand ich massenhaft
+schönen, ein wellenförmiges Geschiebe bildenden mit Quarzit
+durchschossenen Eisenschiefer, wie wir es an den Quarzitfelsen auf
+Klip-Port beobachtet. Auch weiterhin gegen Potschefstroom zu, hatten wir
+enge Thäler und felsige Höhen zu überschreiten.
+
+Am selben Tage Nachmittags langten wir in Potschefstroom an. Meinem
+Vorhaben gemäß verkaufte ich daselbst zwei Zugthiere, da mein Baargeld
+völlig erschöpft war. Freund E. und B. sagten mir hier Lebewohl, um sich
+nach den in Schwung gekommenen Goldfeldern des Leydenburger Districtes
+zu begeben und ihr Glück, das sie vergebens in den Diamantenfeldern
+gesucht, nochmals zu erproben; auch F. verließ mich hier.
+
+Am 28. brach ich von Potschefstroom auf und erreichte Tags darauf
+Klerksdorp. Auf dieser 34 englische Meilen langen Strecke begegnete ich
+auffallend vielen Wägen. Es waren Kaufleute und Diamantensucher, sowie
+Kantinjers, welche Leydenburg mit den Diamantenfeldern zu vertauschen
+gesonnen waren und nun nach Gold lechzten, ebenso wie kurz zuvor
+Diamanten ihr Losungswort war. Ich verließ Klerksdorp noch am Abend
+desselben Tages und fuhr bis zum Estherspruit.
+
+Am 30. begegneten wir der Passenger cart, dem zwischen den
+Diamantenfeldern und Leydenburg verkehrenden, auch die Transvaalpost
+befördernden Omnibus.
+
+An der Furth des Maqwasispruit wurde mir eine angenehme Ueberraschung
+bereitet. Die Zugthiere an der Tränke beaufsichtigend, schlug plötzlich
+der Ruf: »Doctor, mein Gott, Doctor, sind Sie es?« an mein Ohr. Ich sah
+auf und blickte in das freundliche Gesicht der Frau P., eine jener
+Frauen, in deren Höfchen ich in Dutoitspan am Hill gewohnt. Sie war
+immer so gütig gegen mich, daß ich sie Mutter nannte. Ihr Mann wie ihr
+Bruder hatten sich aufgemacht, um ihr Glück, das sie in den
+Diamantenfeldern vollkommen im Stich gelassen, nun in den Goldfeldern zu
+versuchen.
+
+Am 1. April überschritt ich den Bamboesspruit und 17 Meilen unterhalb
+Christiana den Vaal an Blignauts (sprich Blechnots) Fähre und langte am
+7. April 1874 in Dutoitspan an. Die Gesammtauslagen dieser zweiten Reise
+überstiegen 9000 fl. Unter den mitgebrachten, mehr als 20 Kisten
+füllenden Gegenständen waren die ethnographischen Objecte, 400 an der
+Zahl, am besten vertreten, ihnen folgten, der Zahl und dem Werthe nach:
+Insecten, Pflanzen, Hörner, Reptilien, Säugethierfelle, Mineralien,
+Vogelbälge, anatomische Präparate, Spinnen und Krustenthiere,
+Weichthiere und Versteinerungen. Auch in kartographischer Hinsicht
+konnte ich während dieser zweiten Reise der Aufnahme meiner Routen mehr
+Muße widmen; leider verhinderten mich theils Wassermangel, theils
+verschiedene Unfälle, die der geehrte Leser bereits kennt, an einer
+umfassenderen Verwirklichung meiner diesbezüglichen Absichten.
+
+
+
+
+XIII.
+
+Dritter Aufenthalt in den Diamantenfeldern.
+
+
+So war ich denn zum dritten Male in Dutoitspan angelangt, gleich wie
+nach meiner ersten Ankunft in den trostlosesten pecuniären
+Verhältnissen. Gleich am Tage nach meiner Ankunft wurde mir von einem
+Attorney (Notar) das Good for zur Zahlung präsentirt, das ich vor der
+Abreise für den später entlaufenen M. gegeben und hatte bald darauf den
+weiteren Betrag von 117 £ St. zu bezahlen. So mußte ich denn die meisten
+Carossen und Straußenfedern sowie meinen Wagen und Gespann um jeden
+Preis losschlagen. Auch in anderer Hinsicht hatte ich mit manchen
+Schwierigkeiten zu kämpfen, umsomehr, als es länger denn einen Monat
+währte, bis ich mir wieder eine nennenswerthe Praxis verschafft hatte.
+
+Ich miethete mir in einer der Nebenstraßen Dutoitspans ein aus Lehm
+aufgeführtes, aus einem Zimmer bestehendes, mit galvanisirtem Eisenblech
+gedecktes Häuschen, dem eine aus gleichem Material errichtete Bude
+angebaut war, zu welchem auch ein Hof mit einem Brunnen und ein nach
+zwei Seiten hin offener Pferdestall gehörte und bezahlte für diese
+weitläufigen Appartements 5 £ St. monatliche Miethe. Im Juni hatte ich
+mir wieder eine ansehnliche Praxis erworben und war genöthigt, mir ein
+Reitpferd, einen Monat später zwei Ponnies zu einem Cabriolet
+anzuschaffen. In den Wintermonaten des Jahres 1874 gab es eine böse Zeit
+für die Central-Diggings, die Masern waren ausgebrochen, 40 Visiten
+täglich waren mehrere Wochen hindurch an der Tagesordnung, manche Woche
+stieg die Zahl derselben auf 52.
+
+Mit dem Aufblühen meiner Praxis begannen bei mir auch schon die
+Vorbereitungen zu meiner dritten und großen Reise. Ich schaffte mir
+einen neuen Wagen und zehn ausgesuchte, kräftige Zugthiere an; von allen
+Seiten trugen sich mir Begleiter an, doch diesmal hatte ich es mir
+vorgenommen, mit der größten Vorsicht meine Auswahl zu treffen.
+
+Eine große Erleichterung während meines dritten Aufenthaltes in den
+Central-Diggings erfuhr ich durch meinen Cap'schen Halfcast-Diener mit
+Namen Jan van Stahl, der englisch und holländisch schreiben konnte, es
+auch bald begriff, mir die Medikamente bereiten zu helfen und überdies
+ein ausgezeichneter Eincassierer war. In einem der vielen Kaufläden
+lernte ich einen jungen Commis kennen, der mir seine Berufsgenossen an
+Bildung zu überragen schien und auch sonst ein einnehmendes Wesen hatte.
+Ich machte ihm daher, als ich mich seines Charakters versichert hielt,
+den Antrag, mit mir zu gehen, und einen Monat darauf kam er auch
+thatsächlich zu mir, da sein Brodherr das Geschäft aufgegeben hatte.
+Theunissen, so hieß mein neuer Gefährte, wurde bald mein Freund, und
+obwohl wir über ein Jahr bei einander wohnten und lebten, hatte ich mich
+nicht eher ernstlich über ihn zu beklagen, als am Zambesi, woselbst er
+mich im Stiche ließ, da er der ihm vom Fieber drohenden Gefahr entgehen
+wollte. In Dutoitspan hatte er sich bald in das Zubereiten der
+Medicamente gefunden und da er eine ziemlich gute Kenntniß der
+Landwirthschaft besaß, war mir oft sein Rath, namentlich was die Wahl
+der Zugthiere etc. betraf, von nicht unerheblichem Nutzen. Der Diener
+van Stahl hatte keine Lust mit in's Innere zu reisen--die Löwen waren
+ihm zu schreckliche Gestalten--dagegen entschloß sich der Hirte Pit
+Dreyer mitzugehen.
+
+Vor und während der Zeit meines dritten Aufenthaltes hatten die
+Verhältnisse in den Diamantenfeldern einen großen Umschwung erfahren.
+Mehr denn ein Viertel der einstigen weißen Bevölkerung hatte sie
+verlassen, war nach der Colonie, nach dem Oranje-Freistaat (ihrer
+früheren Heimat), nach Europa etc. zurückgekehrt oder nach den
+Transvaaler Goldfeldern ausgewandert. Man begann namentlich in Kimberley
+größere Sorgfalt auf die eisernen und hölzernen Wohnungen zu verwenden.
+Doch zeigte sich ein guter Theil der Bevölkerung mit dem ersten
+Gouverneur der Provinz unzufrieden, welche Mißstimmung während meiner
+dritten Reise zu einer Revolte ausartete. Die Diamanten waren im Preise
+seit dem Jahre 1872 gesunken, da aber dies nicht mit den Claims der Fall
+war, verwendete man größere Capitalien und bessere Maschinerien, um der
+Edelsteine habhaft zu werden.
+
+[Illustration: Mein Wohnhaus in Dutoitspan.]
+
+Vor dem Antritte meiner dritten Reise begab ich mich im November 1874
+nach dem Vaal-River und schlug hier, Delportshope und der
+Hart-Rivermündung gegenüber, zu meiner Erholung für 14 Tage mein Lager
+auf. Kleine Jagdausflüge und das Sammeln naturhistorischer Objecte
+füllten diese Tage bald aus.
+
+[Illustration: Koles-Kopje im Jahre 1875.]
+
+Nach Dutoitspan zurückgekehrt, erhielt ich aus Prag die erfreuliche
+Nachricht, daß die auf der ersten Versuchsreise und während meines
+Aufenthaltes in den Diamantenfeldern gesammelten Objecte, mit Ausnahme
+einiger beschädigter Vogelbälge und Insecten, vollkommen erhalten in der
+Heimat eingetroffen waren.
+
+Ich hatte mich mit Kleidern auf 2½ Jahre, mit Lebensmitteln auf zehn
+Monate versehen, in den wildreichen Gegenden hoffte ich genügende Mengen
+Fleisch zu gewinnen, um nicht Noth zu leiden. Schließlich traf ich
+Vorsorge, daß mir meine Correspondenz nach Zeerust im Marico-District
+nachgesendet werde.
+
+
+
+
+Anhang.
+
+
+1) Das Museum, um dessen Gründung und Hebung sich namentlich die Herren
+Grey, Fairbridge und der frühere österreichische Consul, Herr Adler,
+hohe Verdienste erworben haben, steht mit seiner Hauptfaçade dem
+Tafelberge zugewendet. Es enthält theils inländische, theils auch
+eingetauschte oder geschenkte ethnographische und naturwissenschaftliche
+Gegenstände, ferner eine kleine Gemäldesammlung und eine bedeutende
+Bibliothek. Aus der Vorhalle, in der dem Besucher der ausgestopfte Balg
+eines aus der südlichen Polarzone herrührenden See-Elephanten und
+Gemälde von den Victoriafällen des Zambesi besonders in die Augen
+fallen, tritt man zur rechten in die Bibliothek, zur Linken in den
+großen Saal ein, der zwei Gallerien aufweist, und die ethnographischen
+und zoologischen Sammlungen enthält. Die ersteren sind ziemlich
+bedeutend, von den letzteren namentlich die Sammlung afrikanischer
+Mamalia, Aves, Crustaceen und Lepidoptera nennenswerth. Das Museum steht
+unter der Leitung eines Kurators, R. Trimen, welcher sich nicht nur um
+das Museum große Verdienste, sondern auch als Erforscher der
+südafrikanischen Lepidoptera einen Weltnamen in diesem Fache erworben
+hat. Auch der sich anschließende botanische Garten ist in jeder
+Beziehung nennenswerth, wenn er auch vielleicht nicht so viel zur
+Pflanzencultur beiträgt als wie jener in Grahamstown, der unter den
+sogenannten botanischen Gärten Süd-Afrika's, deren es mehrere gibt, wohl
+der bedeutendste ist. Diese Gärten sind wie in Europa theils vom Staate,
+theils von den Städten, in deren Nähe sie errichtet sind, theils durch
+freiwillige Beiträge unterhalten und sollen Erholungsorte vorstellen,
+wobei jedoch auch besondere Rücksicht auf Pflanzen- und Baumcultur
+genommen wird, so daß aus ihnen die für öffentliche Anlagen und neu zu
+errichtende botanische Gärten nöthigen Setzlinge bezogen werden und sie
+auch im Stande sind, den Bedarf an Pflanzen, Sträuchern und Bäumen für
+Privatgärtner und Farmer zu decken. In diesen Gärten werden jedoch auch
+exotische Gewächse mit vorzüglichem Erfolge cultivirt und gedeihen
+namentlich australische Baumarten, ferner Gewächse aus Mauritius,
+Madagaskar und Süd-Amerika. Vor Allem scheinen namentlich die
+australischen Eucalyptus-Arten sehr gut fortkommen zu wollen.
+
+2) Port Elizabeth ist der bedeutendste Hafenplatz in der Cap-Colonie,
+dann folgt Capstadt, East London, Port Alfred etc., und ist der Handel
+in demselben meist in den Händen englischer und deutscher Kaufleute. Bei
+meiner Ankunft im Jahre 1872 wurden aus Port Elizabeth in der ersten
+Jahreshälfte 280.000 Centner Schafwolle im Werthe von 2,500.000 £ St.,
+Diamanten im Werthe von über 1,000.000 £ St., Elfenbein und
+Straußenfedern im Werthe von über 100.000 £ St., Felle und Häute im
+Werthe von über 300.000 £ St., ferner:
+
+ im zweiten Quartale des Jahres
+ 1878 1879
+Aloë . . . . . 9.150 3.625 Pfund
+Mehl . . . . -- 5.000 "
+Hafer . . . . 4.500 120 "
+Straußenfedern . 15.403 15.347 "
+Eingesalzene Fische 1.000 -- "
+Angorahaar . . 79.555 268.690 "
+Rindshäute . . 17.476 14.172 Stück
+Rindshorn . . 23.519 34.208 "
+Pferde . . . . -- 188 "
+Elfenbein . . . 30.771 12.258 "
+Schaffelle . . . 250.922 203.741 "
+Ziegenfelle . . . 147.798 89.680 "
+Branntwein . . -- 15 Gallonen
+Castantia-Wein . -- 76 "
+Wolle . . . . 57.753.42 66.036.66 Centner
+im Werthe von . 524.730 509.538 £ St. ausgeführt.
+
+Die Zoll-Einnahmen dieses Hafenamtes betrugen im Oktober 1879 39.915 £.
+St.; gewiß eine sehr beträchtliche Summe, wenn man bedenkt, daß Port
+Elizabeth kaum 20.000 Einwohner besitzen dürfte.
+
+3) Bezüglich ihrer Lage gilt Grahamstown oder die Stadt der »Settlers«
+als die schönste Stadt der Cap-Colonie. Malerisch breitet sie sich an
+den Ufern des Oberlaufes des Kowieflüßchens am Abfalle der ersten Stufe
+des südafrikanischen Hochplateaus aus. Grahamstown ist der Sitz eines
+katholischen und englischen (Hochkirche) Bischofs und besitzt mehrere
+Bildungsanstalten. Es ist mit Port Elizabeth durch die Bahn verbunden
+und soll nun auch mit seinem Hafen Port Alfred durch einen
+Schienenstrang in engere Beziehung treten, welcher der Stadt große
+Vortheile bieten würde. Unter den Sehenswürdigkeiten steht der
+Cathedralthurm obenan (an der Kirche selbst wird gebaut), es ist der
+schönste in Süd-Afrika und mit den größten Glocken versehen; um die
+Förderung des Baues hat sich der dem Dome vorstehende Rev. Dean Williams
+hoch verdient gemacht. Sehenswerth sind ferner: ein Gebäudecomplex des
+früheren Militärkommando's für Süd-Afrika mit einem Paradeplatz und dem
+sich anschließenden botanischen Garten, ferner am entgegengesetzten
+Stadtende die Irrenanstalt und das im provisorischen Stadthause in der
+Bathurststraße untergebrachte Museum. Es wird von der Stadt und durch
+Beiträge von Privaten unterhalten und besitzt viele Versteinerungen,
+meist von Dr. Atherstone für dasselbe erworben, ferner eine reichhaltige
+ornithologische Sammlung und ein bedeutendes Herbarium. Im Allgemeinen
+sind alle naturwissenschaftlichen Fächer, auch das ethnographische,
+ziemlich gut vertreten. Im Hofraum werden einige lebende Thiere
+gehalten.
+
+4 u. 5) Cradock gehört zu den bedeutenderen Städten der Colonie und wird
+in allernächster Zeit durch die Bahn mit Port Elizabeth verbunden sein.
+Die Stadt besitzt eine Merkwürdigkeit, die holländische Kirche, die mehr
+einem Rathhause als einer Kirche ähnelt und mit einem Kostenaufwande von
+30.000 £ St. erbaut wurde.
+
+Von großer Bedeutung für Cradock ist die Gilfillanbrücke, eine
+Eisenconstruction auf drei Pfeilern ruhend. Sie wurde im Jahre 1874 von
+dem tückischen Fish-River hinweggespült und ist seitdem um sechs Fuß
+höher angelegt worden. Nahe an der Stadt, theilweise auf ihrem Gebiet
+wie auf der nahen Farm des Herrn von Rensburg finden sich warme,
+schwefelhaltige Quellen, der Boden ihrer nächsten Umgebung zeigt tiefe
+Lagen von Asche. Zwei Wollwäschereien sind hier angelegt. Der District
+Cradock ist einer der bedeutendsten in der Colonie und namentlich durch
+seine Zucht von Angoraziegen und Straußen ausgezeichnet. Er ist einer
+der Gebirgs-Districte und stellenweise ungewöhnlich reich an fossilen
+Ueberresten des Dicyuodon. In Cradock selbst wohnte der um die Geologie
+des Districtes so hochverdiente Dr. Grey, leider hat ihn der Tod zu
+früh, bevor er noch seine Forschungen beenden konnte, der Wissenschaft
+entrissen.
+
+6) Colesberg, auf der Hauptstraße von Port Elizabeth nach den
+Diamantenfeldern gelegen, hat in den letzten Jahren bedeutend gewonnen.
+Auf meiner Hinreise hielt ich mich hier nur zwei Stunden, auf der
+Heimreise dagegen fünf Tage auf.
+
+7) Jagersfontein hat in den allerletzten Jahren, namentlich durch die
+Rührigkeit der Kaufleute in Fauresmith bedeutend gewonnen.
+
+8) Der Wunsch und die Absicht, Thiere, welche in der Regel in der
+Gefangenschaft schwer zu erhalten sind, vor meinen Augen gedeihen zu
+sehen, bewog mich zur Anlage eines kleinen Thiergartens, in welchem ich
+unter anderen Thieren Proteles Lalandii, das Erdferkel, Schuppenthiere,
+Rohrrüßler etc. hielt. Nach dem Erstgenannten fahndete ich mehrere Jahre
+vergebens, bis ich endlich zwei Thiere von einem Elfenbeinhändler
+erstand und sie in einer etwa sieben Meter großen aus Faßdauben
+errichteten Umzäunung verwahrte. Am nächsten Morgen fand ich nur mehr
+ein Thier, das andere, obgleich noch ganz jung, hatte sich nachtsüber
+den Weg nach Außen aufzuscharren gewußt und war, wie die angestellten
+Nachforschungen erwiesen, von Hunden zerrissen worden. Das Ueberlebende
+wollte lange Zeit durchaus keine Nahrung zu sich nehmen. Das kleine
+Gebiß dieses merkwürdigen Raubtieres weist es auf Termiten an und so
+blieb mir nichts übrig, als ihm mit Gewalt die Nahrung,--zerhacktes, in
+Milch eingeweichtes Fleisch--hinzubringen. Nach einigen Tagen, nachdem
+ich den Boden des geräumigen Zwingers mit Steinen pflastern ließ, fraß
+es diese Nahrung aus meiner Hohlhand, ließ ich sie jedoch in einer Tasse
+in oder an seinem Baue, so rührte es dieselbe nicht an. So ging es durch
+volle vier Monate, dreimal des Tages hatte ich das Thier eigenhändig zu
+füttern. Allmälig wurde das Thier in mancher Hinsicht zahmer, es fauchte
+nur mehr zuweilen, wobei es seine Mähne hoch aufzurichten pflegte. Da
+sich während meines vierten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern die
+Zahl meiner Patienten von Woche zu Woche steigerte, sah ich mich
+gezwungen, die Behandlung der meisten meiner Thiere und auch die
+Fütterung des Proteles einem meiner schwarzen Diener zu übergeben. Ich
+gab mich der Hoffnung hin, das Thier werde durch den Hunger genöthigt
+werden, selbst die Nahrung aufzusuchen, hatte mich jedoch getäuscht, es
+ließ dieselbe drei Tage gänzlich unberührt und biß mich, als ich ihm am
+vierten Tage mit Gewalt einige kleine Stückchen Fleisch in den Schlund
+einführte. Zwei Tage später war das Thier verhungert.
+
+9) Die Salzpfanne (Salzsee) an der Hallwaterfarm besitzt zwei Buchten,
+eine nach Norden und eine nach Westen, am Südufer erhebt sich ein aus
+dem nie fehlenden schäligen Kalk bestehender Hügel, sonst sind ihre Ufer
+flach und sehr steinig, das Gestein meist Grünstein in Form von Blöcken
+mit mandelartigen, rosarothen Chalcedoneinschlüssen. Bis auf die Mitte
+ausgetrocknet, war sie an der tiefsten Stelle höchstens zwei Fuß tief,
+so daß die Bodenfläche sehr eben erschien, doch konnte man deutlich
+wahrnehmen, daß dieser kleine Salzsee in früheren Perioden einen höheren
+Wasserstand besaß als gegenwärtig. An den Buchten münden kleine, nur
+nach heutigen, in der nächsten Umgebung niedergefallenen Regengüssen
+fließende Bäche. Es scheint mir, daß dieser, wie die meisten übrigen
+Salzseen, tief in das Terrain eingebettet war, da sie nur in abflußlosen
+Landstrichen vorkommen. Das in den Bachbetten nach der Pfanne strömende
+Wasser, das bisweilen selbst kleine Felsenplatten mitreißt, laugt den
+salzhaltigen Boden aus, und da das Wasser sehr schnell verdunstet,
+concentrirt sich der Salzgehalt während der Trockenheit in den
+übrigbleibenden Lachen und macht den Inhalt derselben ungenießbar. Die
+nächste Umgebung der Savanne ist bebuscht, namentlich dicht nach Norden
+und Nordwest, in welcher Richtung sich ein Kameeldornwald anschließt.
+Wir forschten nach den Stellen, d.h. nach den Ruinen, die man uns als
+Reste von Monopotapa bezeichnet hatte, allein wir fanden von denselben
+auch nicht die geringsten Anzeichen, dagegen in einigen Gruben
+gesimsartig geformte Schieferplatten. Dieselben trugen keinerlei Spur
+menschlicher Arbeit an sich, es sind Schieferlagen, welche meist in
+horizontaler Lage aufeinander geschichtet sind und auf welche in dieser
+Lage eine Strömung zu verschiedenen Perioden mit einer verschiedenen
+Stärke einwirkte. Da wo die Schieferplatten der Quere nach gespalten
+waren, drang das Wasser ein und erzeugte die rundlichen Scheiben, die
+als Fragmente von Säulen angesehen wurden. Die meisten Schieferplatten
+haben in der Mitte eine härtere Struktur, man möchte sagen, daß sie
+schalig sind, und daher rührt auch die an manchen beobachtete
+Linsenform. In geognostischer Beziehung von großem Interesse ist der Ort
+vorläufig, so lange nicht Nachgrabungen zu einem entsprechenden
+Resultate führen, für den Archäologen von keiner Bedeutung. Ich glaube,
+daß Nachgrabungen, die ich an dieser Stelle zu veranstalten hoffe, uns
+neue Aufschlüsse über die Geologie Südfrika's bieten werden. Vorläufig
+ist der Traum von der glänzenden Vergangenheit zerstoben und nur die
+prosaische Wirklichkeit geblieben, daß die Pfanne gutes Salz liefert. In
+letzterer Zeit machten die durch das Glück der Zulu's in den ersten
+Kämpfen aufgestachelten und kühner gewordenen Koranna's die Gegend so
+unsicher, und betrugen sich den Gerichtsbeamten gegenüber so
+unverschämt, daß bewaffnete Mannschaft gegen sie abgesendet werden
+mußte, um die Diebe zu fassen. Leider wurden diese von den Koranna's mit
+den Waffen in der Hand empfangen, wobei ein Weißer das Leben verlor,
+bevor den beraubten Farmern und dem verhöhnten Gesetze Genugthuung
+verschafft werden konnte.
+
+10) Die Carotiden waren unverletzt, dagegen die äußeren Kehlkopfarterien
+schwer verletzt. Ich verband vorerst die Arterien und nähte sodann den
+durchschnittenen Adamsapfel zusammen. Der Zustand des Verwundeten war
+ein sehr bedenklicher und Piämie zu fürchten. Ich gab kleine Dosen von
+Chinin, 1/10 Gramm in flüssiger Form jede drei Stunden, ferner Tinctura
+Aconiti Napellus einen Tropfen alle vier Stunden mit Wasser, sowie
+dreimal des Tages die in meiner südafrikanischen Praxis als
+ausgezeichnet befundene Tinctura ferri sesquichlorati in zweitropfigen
+Dosen.
+
+Als ich am dritten Morgen zu meinem Kranken kam, hörte ich schon beim
+Eintreten in's Zimmer einen starken Luftstrom durch die Kehlkopfwunde
+mit dem eigenthümlichen Geräusch entweichen. Der Kranke war während der
+Nacht wieder in Hallucinationen verfallen und hatte sich den Kehlkopf,
+sowie den rechten Flügel der äußeren Wunde aufgerissen. Ich entfernte
+mit Hilfe der Pincette und der Scheere die zerrissenen Kehlkopftheile,
+wodurch eine klaffende Oeffnung in der vorderen Wand des Adamsapfels
+entstand, ätzte mit Lapis die umliegenden mir als schlecht erscheinenden
+Fleischstellen, wusch die Wunde aus und applicirte eine schwache
+Höllensteinlösung. Schon am nächsten Tage nahm das Fieber ab und der
+Kranke besserte sich von diesem Augenblicke an, ohne ein einziges Mal
+eine Verschlechterung seines Zustandes zu erfahren. Sechs Wochen später
+war die vordere Kehlkopfwand bis auf eine bohnengroße Oeffnung
+geschlossen und nach acht Wochen vom Tage der Behandlung an, war die
+Wunde geschlossen bis auf eine erbsengroße Vertiefung, eine vollkommen
+seichte Narbe zurücklassend. Die Stimme des Kranken war weniger laut,
+doch auch nicht heiser zu nennen.
+
+11) Nachdem Gassibone sein Gebiet der Transvaal-Republik angeboten und
+diese es auch angenommen, fürchtete sich Mankuruana, daß er ein
+Unterthan dieses Staates werden müsse, und bot sein nördlich vom
+Hart-River bis gegen den unteren Molapo sich erstreckendes Gebiet, mit
+Ausnahmne einer kleinen Strecke bei Taung, der englischen Regierung an,
+die es nicht annahm. Ich erlaubte mir, als dies geschah, die
+Colonial-Regierung auf Mankuruana's Charakter aufmerksam zu machen,
+hauptsächlich darauf, daß man seiner Erklärung von »Loyalität und
+Freundschaft« nur wenig glauben schenken dürfe. Die Folge betätigte
+meine Ansicht: sowie der Transvaal-Staat englisch geworden war, änderte
+er sein Spiel, erst in allerletzter Zeit zeigte er sich abermals
+freundlicher und englisch gesinnt, dies jedoch nur, nachdem sich seiner
+Vasallen, Mora von Kuruman zu Ungerechtigkeiten den Weißen gegenüber
+hinreißen ließ und dafür gezüchtigt wurde.
+
+12) Als in der Mitte der Fünfziger Jahre die Freistaatboers in einem
+Kampfe mit dem im Südosten wohnenden Basutokönig Moschesch begriffen
+waren, benützten einige südlich vom Vaal wohnende Koranna's mit ihrem
+Häuptling Kousop (Kusop) die durch diesen Krieg hervorgerufene
+Entblößung der nordwestlichen Freistaatfarmen von der männlichen
+Bevölkerung, die zu dem Kriege abcommandirt war, um hinterlistiger Weise
+die ihnen zunächstgelegenen Niederlassungen der Weißen zu überfallen,
+und nachdenm sie die Frauen und Kinder getödtet, mit den gesammten
+Heerden in ihre Heimat zu flüchten, und da sie sich nach dieser
+ruchlosen That im Freistaate nicht sicher fühlten, ihre Niederlassung zu
+verlassen und über den Vaalfluß zu setzen. Kusop begab sich zu
+Gassibone, dem Vater des von mir besuchten Chefs der Batlapinen, und
+nachdem er ihm von seiner Beute Geschenke abgegeben, erhielt er von
+diesem die Erlaubniß--da Gassibone als der Paramont Chef das eigentliche
+Oberhaupt der Batlapinen anerkannt war--sich in seinem Gebiete
+niederzulassen. Als die Batlapinen die schönen Heerden sahen, die Kusop
+geraubt, waren sie, als ihnen die Söhne des alten Gassibone, Pohu'tsive
+und Bojong, den Befehl ertheilten, sofort bereit, sich zu einem Raubzuge
+nach dem Freistaate zu rüsten, an welchen sich auch ein benachbarter
+Chef der Bamairen »Motlabane« betheiligte und auf welchem auch die
+Transvaalfarmen im Osten überfallen wurden. Da der Krieg mit Moschesch
+noch nicht beendet war und der Überfall nach der Ostseite plötzlich
+geschah, fanden die wilden Horden weder im Freistaate noch im
+Transvaalgebiete erheblichen Widerstand und kehrten mit zahlloser Beute
+beladen in ihre zwischen dem unteren Hart- und dem mittleren Vaal-River
+gelegenen Wohnsitze zurück. So wie sich jedoch die Nachricht von diesen
+Ueberfällen im Freistaate und dem Transvaalgebiete verbreitete, rüsteten
+sich alle jene der Farmer, die nur abkommen konnten, gegen Kusop, er
+wurde im Kampfe getödtet und ihm ein Theil der geraubten Heerden nebst
+seinen eigenen abgenommen. Die übrig gebliebenen seiner Leute flüchteten
+sich gegen Mamusa, oder folgten den Farmern, um in deren Dienste zu
+treten. Pohu'tsive, der die Vergeltung seiner räuberischen That an
+seines Vaters Kraal fürchtete, dachte, daß es besser wäre, die
+holländischen Farmer, bevor sie noch ihre Farmen erreichen konnten,
+anzugreifen, zu vernichten und ihnen die Heerden abzujagen. Sein Plan
+ging dahin, die Truppe der Weißen zu umzingeln. Doch die Angreifer
+wurden zurückschlagen, zerstreut, ihre Reihen nach allen Seiten
+durchbrochen, und der Führer getödtet, bevor er seines Vaters Kraal
+erreichen konnte. Ohne den Angriff Gassibone's des Vaters abzuwarten,
+griffen nun die Farmer, die außerdem durch Zuzug verstärkt worden waren,
+ihn, sowie seinen Bundesgenossen Motlabane an und schlugen beide, der
+erstere wurde später enthauptet. Die so zerstreuten Koranna's,
+Batlapinen und Bamairen flüchteten nach Taung, und da es manchen noch
+glückte, mit den gestohlenen Heerden zu entkonmmen, so folgten die
+Krieger in ihren Spuren bis nach Taung. Mahura, der König der östlichen
+Batlapinen, hatte jene Raubzüge der übrigen südlichen Batlapinen nicht
+gebilligt, allein er zeigte sich nicht willig, die zu ihm geflohenen
+Stammesgenossen mit ihrem geraubten Gute auszuliefern. Darum setzte er
+sich zur Wehre, nahm den Kampf auf und stellte sich den Farmern
+entgegen. Er wurde geschlagen und seine Leute flüchteten sich in die
+felsigen Höhlen über der Stadt, nach der holländischen Version sie zu
+vertheidigen trachtend, nach der eigenen nun von den unten campirenden
+Boers, wo sie sich blicken ließen, niedergeschossen zu werden.
+Der Sieg über Taung führte zu einem Frieden, den die Söhne
+Mahura's im Namen ihres Vaters mit + unterzeichneten, die
+Friedensbedingungen waren überspannte und grausame, da doch Mahura's
+Batlapinen sich keiner Räubereien gegen die Boers schuldig gemacht
+hatten. Die Strafe lautete auf Auslieferung einiger der Freibeuter und
+die Zahlung von 8000 Stück Rindvieh, 390 Pferden und 500 Musketen, eine
+Kontribution, welche die vereinigten Batlapinenstämme zu jener Zeit
+nicht aufbringen konnten.
+
+13) Mankuruana's Batlapinenreich stellt gleich den übrigen nördlich
+liegenden Betschuanareichen ein Parallelogramm dar, dessen lange Seiten
+von West bei Nord nach Ost bei Süd und von West nach Ost laufen. Die
+östliche Grenze dieser Reiche wird theilweise vom Hart-River, theilweise
+vom Marico-District der Transvaal-Republik, dem unteren Maricolaufe,
+sowie von dem centralen Limpopo gebildet, die westliche erstreckt sich
+tief in das Kalabari-Bushveldt bis nach Groß-Namaqualand. Die
+regierenden Stämme der Betschuana's, die Batlapinen, Barolongen,
+Banquaketsen und Bakwena's, sowie einige ihnen verwandte Stämme, denen
+gestattet wurde, im Lande zu wohnen, die Bamairen, Botlaro's, Baharutse,
+Makhosi, Manupi, Batloka und Bakhatla wohnen in dem östlichen Theile des
+Gebietes, in Gegenden die wasserreich sind, während die wasserarmen,
+theilweise centralen, theilweise westlichen Striche von ihren Dienern,
+den Makalahari's, den Barwa's und Masarwa's, bewohnt werden. Die
+Makalahari, auch Bakalahari genannt, können, wenn sie dem Könige
+langjährige gute Dienste erwiesen, sowie wenn sie ihren Herren durch
+glückliche Jagden viel Nutzen brachten, von diesen frei erklärt werden,
+es wird ihnen dann gestattet, in der Residenz des Königs oder eines
+Unterchefs zu wohnen und sie werden als Batlapinen oder Barolongen etc.
+betrachtet und behandelt. Rev. Mackenzie, der seit 20 Jahren Gelegenheit
+hatte, das Verhältniß zwischen beiden Stämmen, den Dienern und Herren,
+zu beobachten, bemerkte, daß die Diener auch Bakhalahatsane oder
+Bathu-hela (»Menschen«, oder »gleich anderen Menschen«) von den
+letzteren genannt werden. Unter den Betschuana-Reichen ist das
+Mankuruan's das kleinste, und bisher das am wenigsten ergiebige gewesen,
+doch wenn der Stamm durch die gegenwärtigen, von Seite der Regierung in
+Griqualand-West ergriffenen Maßregeln arbeitsamer geworden, wird er
+durch Ackerbau und Viehzucht leicht emporkommen können, wobei ihm die
+Nähe der Diamantenfelder besonders zu Gute kommt.
+
+14) In den Diamantenfeldern war die Ansicht allgemein verbreitet, daß
+die in denselben arbeitenden Schwarzen ihren Chefs Diamanten von den
+Feldern in die Heimat mitzubringen verpflichtet wurden. Ich glaube
+nicht, daß dies regelmäßig geschieht und von allen Eingebornen-Chefs
+gefordert wird, doch von manchen Häuptlingen, wie von Secoccuni und
+anderen geschah es _ganz sicher_; daß jedoch viele Betschuana's ihre
+Makalahari- und Barwadiener nach den Diamantenfeldern zur Arbeit senden,
+ohne daß deren Häuptlinge von diesen Diebstählen wissen, ist ebenso
+gewiß. Die Haupturheber der zahllosen an den Diggers von Seite ihrer
+farbigen Diener begangenen Diebstähle sind jedoch weniger die
+unwissenden Eingebornen, sondern jene Bande von verkommenen Weißen und
+Halfcasts, welche eine wahre Plage der Diamantenfelder sind, und
+trotzdem viele von ihnen von dem Arme der Gerechtigkeit erreicht wurden,
+ihr Unwesen noch lange forttrieben. Die Behörde hält sich natürlich in
+erster Linie an den factischen Verbrecher, sie trachtet aber auch den
+Anstifter zu eruiren. In dem Falle in dem ein Weißer oder Halfcast der
+Schuldige war, wird der Dieb dies sofort eingestehen, dagegen wohl nie,
+wenn der Dieb von seinen Angehörigen, von seinen gleichfarbigen Herren
+daheim, nach dem Diamanten-District _»zur Arbeit«_ gesendet wurde. Die
+Meisten erdulden ihre Strafe, ihre Lasches und ihr bis dreijähriges
+Gefängniß, ohne etwas zu verrathen, daheim hätten sie im
+entgegengesetzten Falle die Rache ihrer Herren zu fürchten.
+
+15) Die ethnographischen Verhältnisse auf dem Gebiete zwischen dem
+Konana-, Hart- und Vaal-River lassen erkennen, daß sich das
+Koranna-Element vom Süden nach Norden ausgebreitet hat. Ich glaube, daß
+die Hottentotten, die längs der Westküste nach dem Süden zogen und den
+westlichen Theil der Cap-Colonie bevölkerten, sich theilten, d.h. durch
+Streitigkeiten und Kriege unter sich verfielen und theils gezwungen
+theils freiwillig jene Gebiete verließen, wobei ein Theil im Thale des
+Oranje-Rivers nach aufwärts zog (das folgen der Flüsse ist ein
+Charakteristicum in der Verbreitung des Hottentotten-Stammes) und sich
+endlich in den fruchtbaren Gefilden an der Vereinigung des gelben und
+schwarzen Gariep (Oranje- und Vaal-Rivers) niederließ. Die veränderte
+Lebensweise, Einwirkung des Klima's, sowie deren theilweise Vermischung
+mit den Buschmännern im Süden und Osten, mit den Barwa's im Norden,
+vielleicht auch mit den Stämmen im Westen erzeugte jene Veränderungen,
+welche diesen am Oranje-River angesiedelten Stamm charakterisiren, ihn
+von den eigentlichen Hottentotten schieden und zum Griqua stempelten.
+(Ich glaube, daß der Linguist leicht den Namen Griqua wie Koranna aus
+der Hottentottensprache herleiten könnte, was gewiß von Wichtigkeit sein
+würde.) Diese Griqua haben durch diese Veränderung ihres ursprünglichen
+Elementes nicht gewonnen, physisch und psychisch stehen sie unter ihren
+Stammvätern ebenso wie die Koranna's wieder unter den Griqua's, die ich
+als eine Abzweigung der letzteren halte, welche ähnlich wie jene der
+Griqua's von den Hottentotten vor sich gegangen sein mußte. Die
+Koranna's zogen den Vaal aufwärts, bis sie gegen das jetzige Bloemhof
+von dem Betschuana-Elemente, den Bamairen, Barolongen, Batlapinen etc.
+zum Stillstand gebracht wurden. Diese sie zwischen den Hart- und
+Vaal-River drängende Barriere durchbrachen sie zwischen Christiana und
+dem Hart-River, da, wo zwischen den verschiedenen Stämmen der Batlapinen
+ein von allen beanspruchtes, von keinem aber in Besitz genommenes Land
+lag und setzten sich am Mamusahügel fest. Von Mamusa gingen sie auf das
+obere Mokarathal (rechter Nebenfluß des Hart-Rivers) über und von da
+sogar noch nördlicher in das Thal und Gebiet des Konanaspruit, der nach
+Norden nach dem Maretsane fließt. Hier mußten sie die Obergewalt der
+Barolongen anerkennen und mischten sich theilweise mit diesem
+Betschuanastamme diese Abkömmlinge fand ich physisch und intellektuell
+höherstehend als die Koranna's und Griqua's.
+
+16) Die theilweise Verschmelzung des Koranna-Elementes mit dem der
+Barolongen in Konana hatte theilweise zur Folge, daß die Wohnungen im
+Style der Betschuana's aufgeführt, reinliche Gehöfte darstellten. Ein
+ziemlich großer Theil der Bevölkerung hatte sich schon an den Gebrauch
+europäischer Kleidung gewöhnt. Dagegen konnte man jedoch auch deutlich
+beobachten, daß Frechheit eine der Untugenden ihrer Bewohner war und
+diese war dadurch begründet, daß viele derselben längere Zeit in den
+River-Diggings als Diener und zwar in der ärgsten Zeit, unmittelbar
+nachdem die Diamantenfelder aufgefunden wurden, gearbeitet hatten. Daß
+sie nicht auch den Branntweingebrauch hierher verschleppt, war in dem
+Verbote von Seite des Herrschers dieser Landstriche, des Königs Montsua,
+begründet. Auf meiner Fahrt von Konana nach Molema's Town traf ich drei
+Eingeborne, welche gemeinschaftlich einen Hinterlader ihr Eigenthum
+nannten. Darüber erstaunt, wurde ich belehrt, daß dies hier zu Lande
+häufig vorkomme: die Miteigenthümer gehen dann gemeinschaftlich auf die
+Jagd und einen Tag benützt ihn der Eine, am nächsten der Zweite u.s.w.
+Die Beute wird ohne Rücksicht auf die Leistungen der einzelnen Jäger zu
+gleichen Theilen vertheilt. Schießen sie zwei oder blos ein Zebra, so
+theilen sich zwei in das Fleisch, der Dritte nimmt das Fell. Doch
+häufiger geschieht es, daß jeder der Eigenthümer tourweise mit seinen
+Dienern während einiger Wochen der Jagd obliegt.
+
+17) Aus den Fellen der beiden letzteren werden Carossen verfertigt und
+dem Könige verehrt oder an die in Moschaneng wohnenden Händler verkauft,
+d.h. gegen Waaren ausgetauscht, um von diesen wieder nach Süden gesendet
+und hier als Bett- oder Sophadecken, oder als Zimmerschmuck feilgeboten
+zu werden. Für eine Caracal-Carosse von zehn Fellen, welche in
+Süd-Afrika als Roikat-Karossen bekannt sind, erhält der Eingeborne
+Waaren im Werthe von 3 £. St., in Moschaneng z.B. folgende Gegenstände:
+1. Zwei Wolldecken und eine Hose; 2. einen Rock, eine Banmwolldecke,
+sechs farbige Tücher, oder 3. zehn Pfund Schießpulver. Beim
+Wiederverkaufe begehrt der Trader 4 £. St. in barem Gelde, in der
+Colonie 4-10 £. St., oder 5 £. St. in Waaren. Eine aus vier
+Leopardenfellen gearbeitete Carosse wurde mit einer Muskete, zwei Sack
+Schießpulver, 10-15 Pfund Blei, einer Dose Zündhütchen und einem kleinen
+Geschenk als Zugabe bezahlt, und in Moschaneng für 9 £. St. in der
+Colonie für 10-13 £. St. in Barem feilgeboten. Gegenwärtig, wo durch das
+Waffen-Einfuhrsverbot die Gewehre entfallen, würde der Kaufpreis einen
+Anzug, zwei Wolldecken, ein Paar Stiefel und ein großes Frauentuch, oder
+mit der Zugabe eines Schafes zu der Carosse, einen Pflug betragen. Eine
+Carosse aus Silberschakalfellen (Canis mesomelas), gewöhnlich aus 14
+Fellen gearbeitet, hat in Moschaneng einen Werth von 4-10 £ St., eine
+aus 30 Klippdachsfellen, einen solchen von 3-10 £. St., eine Carosse aus
+den Fellen der gewöhnlichen bläulich-grauen Wildkatze 3-10 £. St., eine
+aus 16 Proteles-Lalandiifellen 4 £. St., eine aus 6 Tharifellen 8 £. St.
+und eine aus 32 Genettafellen einen Werth von 4-10 £. St. Die schönsten
+Carossen (für das Auge) sind die Silberschakal-Decken, die schönsten
+Felle liefern die Batlapinenländer und der südlich vom Molapo liegende
+Theil der von den Barolongen bewohnten Striche.
+
+18) Während meines Aufenthaltes in Moschaneng hatte ich Eingeborne und
+Weisse in folgenden Krankheitsfällen zu behandeln:
+
+ Person Krankheit Ursache Anmerkung
+
+ Chron. Rheumatismus
+Montsua, König der mit Ablagerungen in Verkülung d. Nässe
+ Barolongen den Kniegelenken
+
+Seine älteste Frau Marasmus
+
+Eine zweite Frau Pneumonie beid. Lungen Verkülung d. Nässe
+
+Eine dritte Frau Herzvergrößerung, " Rheumatismus
+ Aortenstenose. vorhergehend
+
+Des Königs Bruder Lumbago "
+
+König Chatsitsive Ischias "
+
+Prediger Jan Leschumo Coprostasie ---
+
+Seine Frau Herzvergrößerung, Verkühlung d. Nässe Rheumatismus
+ Isufficienz der Aorta vorhergehend
+
+Sein Sohn Tuberculosis beid. Lungen --- selten
+
+Pit, ein Barolonge Ischias (seit 17 Jahren) eine alte Wunde
+
+Eine Barolongin Reconvalescent nach Verkühlung d. Nässe
+ einer Pneumonie
+
+Jan, ein Barolonge Abscesse am linken Verwundung durch
+ Fussrücken, einen eingetriebenen
+ Cariöse Knochen Dorn
+
+Ein Weißer Händler 4 tägiges Intermittens, Fieber häufig unter
+ Kanja Leberverhärtung, den Weißen
+ Hydrothorax Hydropericardium
+
+19) Zu den unwirschesten Gesellen der afrikanischen Katzenwelt gehört
+unstreitig der Caracal (Caracal melanotis) von den Boers det Roikat
+genannt. Dicht bebuschte Felsenpartien, dichtbelaubte, hohe Bäume an
+schwer zugänglichen Flußufern sind seine Lieblings-Aufenthaltsorte, an
+denen er zusammengekauert, anscheinend schlummernd, doch die Umgebung
+ringsum wohlbeachtend, den Tag zubringt. Kleines Wild wird von dem
+Caracal mit Tatzenhieben erschlagen oder betäubt. Seine Muskelkraft ist
+bedeutend größer als man bei der Größe des Thieres vermuthen würde. Ob
+seines röthlichen Felles weiß er sich leichter dem Auge des Menschen zu
+entziehen als der Thari und gelingt es selten, ihn zu erlegen. Sein Fell
+wird zu sehr gesuchten Carossen verarbeitet, doch da es zu lange währt,
+bis ein Betschuana so viele Felle erwirbt, um eine ordentliche Carosse
+verfertigen zu können, kommen nur kleine, acht bis zehn Felle
+enthaltende Roikat-Carossen in den Handel. Ich brachte einen Caracal
+nach Europa mit, er befindet sich gegenwärtig in dem Zoologischen Garten
+zu London. Er hatte an dem Fish-River-Rand, einen dicht bebuschten sich
+zum Fish-River neigenden Abhang zwischen Grahamstown und Cradock seine
+Heimat und war ein Geschenk des Rev. Dean Williams von Grahamstown.
+
+20) Ich möchte unter den Ruinen von Mosilili's Stadt namentlich die
+gewölbten Innenbauten hervorheben und dabei schon auf den Unterschied
+zwischen den Bauarten der Barolongen und Batlapinen hinweisen. Die Wände
+der Häuptlingswohnung und der übrigen Hütten waren 3-5 Fuß hoch, die
+Wanddicke an der Basis 5, oben 4-4¾ Zoll. Sie bestanden aus einer
+Innenlage und einer Umhüllung, welche die erstere deckte. Die letztere
+bestand aus einem aus Thon und Sand gearbeiteten Cement und der Innenbau
+aus einer Reihe von in die Erde eingetriebenen und nur an und
+nebeneinander befestigten Stäben, Ruthen, Schilfrohr, doch auch
+trockenem Zuckerrohr und Kafirkornstengeln, auf welche der Cement
+aufgetragen wurde. Die Bauten waren so elastisch, daß wir eine ganze
+Rundwand durchschütteln konnten, ohne daß Sprünge entstanden oder die
+Mauer vielleicht eingestürzt wäre. An einigen Hütten fand ich, daß man
+den Cement auf die innere Holzlage dünn aufgetragen hatte, dann ihn
+trocknen ließ und eine zweite Lage anbrachte und so weiter. Wir konnten
+sechs deutlich unterscheidbare Lagen wahrnehmen, wobei die Basis der
+Mauer 12 Zoll, die obere Kante 6 Zoll breit war. An manchen der
+Gehöftsmauern fanden wir kleine aus größeren Steinen oder Dornenästen
+aufgeführte zwei bis vier Fuß hohe Umzäunungen, welche als Ställe
+dienten. Der Boden in dem Höfchen war festgestampft, oder wir fanden ihn
+mit Cement, oder auch mit Rinder-Ererementen überdeckt, in einigen
+wenigen mit ungebrannten, in dem des Königs mit gebrannten Ziegelsteinen
+gepflastert. In vielen Gehöften war dies mit Steinplatten geschehen und
+in manchen eine Cementlage auf die Steinplatten aufgetragen worden. In
+einem Höfchen beobachtete ich ein erhöhtes, mit Topfscherben ausgelegtes
+Trottoir. Neben der inneren Mauer lief in einem andern Gehöfte eine um
+drei bis vier Zoll erhöhte, cementirte Stufe, welche wohl den hier
+Versammelten als Sitz zu dienen hatte. Der Durchmesser der Häuschen war
+6-12 Fuß. Bei den meisten war das Dach durch die Verwitterung der Aeste
+(Pfähle), bei manchen durch Feuer zerstört. Ich fand nur zwei gedeckt
+und in dem einen ein Betschuanaskelett. Es mochte wohl ein alter Mann
+gewesen sein, den man mitzunehmen nicht werth gefunden und der hier
+Hungers gestorben war, oder ein Wanderer, der in der Hütte ein
+Nachtlager gesucht und von einer Schlange gebissen, hier verschmachten
+mußte. Dem Schädel nach schien es mir ein Banquaketse zu sein; ich
+räumte ihm eine Stelle unter meinen anatomischen Präparaten ein.
+Topfscherben, Ueberreste von hölzernen Stampfblöcken, Schüsseln, Löffeln
+waren überall zu sehen, auch jene glatten Steine, zwischen denen der
+Rauchtabak zu Schnupftabak zerstäubt wird. Was mir besonders auffiel,
+war der verschiedenfach geformte Eingang in diese Häuschen, einmal
+viereckig, dann oben spitzig zulaufend oder abgerundet, oder aber unten
+eng und oben breiter, gewöhnlich 1¼-1½ Fuß breit und 1¾-3 Fuß hoch. Die
+Räume der Wohnung des Häuptlings waren die umfangreichsten, doch das
+auffälligste in der Ruinenstadt waren die kegelförmigen, aus zwei bis
+drei Absätzen bestehenden den Schmelzöfen nicht unähnlichen, gedeckten,
+aus eisenhaltigem Thon ausgeführten und in die obbeschriebenen
+gewöhnlichen Wohnungen eingebauten Kammern. Diese Kammern waren noch
+einmal so hoch, als die sie ringförmig (concentrisch) umgebende Mauer
+des Häuschens, allein das Dach des letzteren deckte auch den inneren
+Bau, indem seine Spitze auf der Kuppe des letzteren aufruhte. Ich fand
+diese Innenbauten auch bei den Bakwena's, ohne mich jedoch vergewissert
+zu haben, ob sie Pilani dorthin übertragen hat, was ich jedoch
+bezweifeln möchte, schöner und geräumiger auch bei den am zentralen
+Zambesi wohnenden Marutse im Gebrauch.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster
+Band., by Emil Holub
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIEBEN JAHRE IN SÜD-AFRIKA. ***
+
+***** This file should be named 15787-8.txt or 15787-8.zip *****
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+