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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Robur der Sieger + +Author: Jules Verne + +Release Date: April 6, 2005 [EBook #15559] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBUR DER SIEGER *** + + + + +Produced by K.F. Creiner and the Online Distributed Proofreading Team. + + + + + +</pre> + + +<H1>Robur der Sieger</H1> + +<H2>von</H2> +<H1>Julius Verne</H1> + +<H6>Bibliographische Anstalt Adolph Schumann.<BR> +Leipzig</H6> + +<P><B> +[Hinweis: Andere Übersetzungen des Romans +„Robur-le-Conquérant“ sind unter dem Titel +„Robur der Eroberer“ erschienen.] +</B></P> + + +<HR> + + + +<H2>Inhalt</H2> + +<P> <A HREF="#kap01"><B>I.</B></A> Worin die gelehrte Welt sich ebenso +wenig Rath weiß, wie die ungelehrte. + +</P><P> + +<A HREF="#kap02"><B>II.</B></A> In welchem die Mitglieder des +Weldon-Instituts mit einander streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung +zu gelangen. + +</P><P> + +<A HREF="#kap03"><B>III.</B></A> In dem eine neue Persönlichkeit +nicht besonders vorgestellt zu werden braucht, da sie das selbst +besorgt. + +</P><P> + +<A HREF="#kap04"><B>IV.</B></A> In dem der Verfasser infolge einer +Bemerkung des Dieners Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen +versucht. + +</P><P> + +<A HREF="#kap05"><B>V.</B></A> In dem die Einstellung der +Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden und dem Schriftführer +des Weldon-Instituts beschlossen wird. + +</P><P> + +<A HREF="#kap06"><B>VI.</B></A> Welches Ingenieure, Mechaniker und +andere Gelehrte vielleicht am besten überschlagen. + +</P><P> + +<A HREF="#kap07"><B>VII.</B></A> In welchem Onkel Prudent und Phil +Evans sich noch nicht überzeugen lassen wollen. + +</P><P> + +<A HREF="#kap08"><B>VIII.</B></A> Worin man sehen wird, daß +Robur sich entschließt, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu +antworten. + +</P><P> + +<A HREF="#kap09"><B>IX.</B></A> In dem der „Albatros“ fast +zehntausend Kilometer zurücklegt und das mit einem +merkwürdigen Sprunge endigt. + +</P><P> + +<A HREF="#kap10"><B>X.</B></A> Worin man sehen wird, wie und warum der +Diener Frycollin in's Schlepptau genommen wurde. + +</P><P> + +<A HREF="#kap11"><B>XI.</B></A> In dem die Wuth des Onkel Prudent mit +dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt. + +</P><P> + +<A HREF="#kap12"><B>XII.</B></A> In dem der Ingenieur Robur handelt, +als ob er sich um einen der Monthyon-Preise bewerben wollte. + +</P><P> + +<A HREF="#kap13"><B>XIII.</B></A> In den Onkel Prudent und Phil Evans +einen ganzen Ocean durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen. + +</P><P> + +<A HREF="#kap14"><B>XIV.</B></A> In dem der „Albatros“ +etwas ausführt, was man vielleicht niemals hätte +ausführen können. + +</P><P> + +<A HREF="#kap15"><B>XV.</B></A> Worin Dinge vorgehen, deren +Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt. + +</P><P> + +<A HREF="#kap16"><B>XVI.</B></A> Welches den Leser in einer vielleicht +beklagenswerthen Ungewißheit läßt. + +</P><P> + +<A HREF="#kap17"><B>XVII.</B></A> Worin der Leser um zwei Monate +rückwärts und auch um neun Monate vorwärts geführt +wird. + +</P><P> + +<A HREF="#kap18"><B>XVIII.</B></A> Welches diese wahrhafte Geschichte +zu Ende führt, ohne sie zu beendigen. </P> + + +<HR> + + + +<A NAME="kap01" ID="kap01"></A> +<H3>I.<BR> +Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die +ungelehrte. +</H3> + + +<P> +Paff! ... Paff! + +</P><P> + +Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche +eben in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, +bekam eine Kugel in's Rückgrat ... und sie ging die Sache doch +gar nichts an. + +</P><P> + +Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden. + +</P><P> + +Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier +wäre ja Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu +überliefern. Es läßt sich über sie nichts weiter +sagen, als daß der ältere ein Engländer, der jüngere +Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die +Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben +sein letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich +am rechten Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu +suchen, welche drei Meilen unterhalb der berühmten Fälle das +canadische Ufer mit dem amerikanischen verbindet. + +</P><P> + +Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu. + +</P><P> + +„Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie von +<TT>Rule Britannia</TT> war, sagte er. + +</P><P> + +— Nein, der <TT>Yankee Doodle</TT>!“ versetzte der Andere. + +</P><P> + +Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der +Zeugen — ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs — mit +den Worten einmischte: + +</P><P> + +„Nehmen wir an, es wäre der <TT>Rule Doodle</TT> und der +<TT>Yankee Britannia</TT> gewesen und begeben wir uns nun zum +Frühstück.“ + +</P><P> + +Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas +und Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. +Längs des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich +Amerikaner und Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels +auf Goat Island — einem neutralen Gebiete zwischen den beiden +Fällen — Platz zu nehmen. Während ihrer Beschäftigung +mit gekochten Eiern und dem landesüblichen Schinken mit kaltem +Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast brennenden Pickles und +mit Hochfluthen von Thee, welche die weltbekannten Wasserfälle +eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie nicht weiter +stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe +dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird. + +</P><P> + +Wer hatte nun Recht — der Engländer oder der Amerikaner? Es +wäre schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert +jenes Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister +nicht allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar +über ein Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, +welche seit etwa einem Monate alle Köpfe verwirrte. + +</P><P> + +<TT>... Os sublime dedit coelumque tueri</TT><BR> +hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man +seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals +den Himmel so vielfach betrachtet. + +</P><P> + +Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus +der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen +Theil von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See +ausdehnt. Die Einen hatten daraus den <TT>Yankee Doodle</TT>, die Anderen +das <TT>Rule Britannia</TT> zu hören vermeint, daraus entstand auch +obiger angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf +Goat Island endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere +Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein +Zweifel, daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit +gehabt hatten, als schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen. + +</P><P> + +Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder ein +Erzengel geblasen hätte? ... Waren es nicht vielmehr lustige +Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von dem +die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem Ballon, von +Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen Himmelsregionen vollzog +sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen Natur und +Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte sich +dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über +Europa, acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. +Wenn die Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung +ankündigte, nicht die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, +welche war es dann? + +</P><P> + +In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand +deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt +Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche +Geräusche, würde er nicht schnellstens die Ursache derselben zu +ermitteln suchen, und wenn das vergeblich wäre, würde er nicht +sein Haus verlassen, um ein anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war +das Haus freilich die Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu +verlassen und etwa mit dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen +Planeten des Sonnensystems zu vertauschen. + +</P><P> + +Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren +Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja +ein Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm +— immer jene fast sagenhafte Trompete — mußte die +Erscheinung auch in der Lufthülle stattfinden, deren Dichtigkeit sich +nach oben zu immer mehr vermindert und die sich über unserem +Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet. + +</P><P> + +Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der +vorliegenden Frage, behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, +beleuchteten oder verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre +Thatsachen, erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe +ihrer Auflage — und wiegelten endlich die schon halb verwirrten +Massen nicht wenig auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß +erhalten und die Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber +um was handelte es sich überhaupt? + +</P><P> + +Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese +keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien +eigentlich? Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von +hunderttausend Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei +Sternen aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung +einer kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer +über ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen? + +</P><P> + +Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel +Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles +während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, +noch wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art +und Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, +und das ist nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament +mit unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf +allen Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten +Sonnenfinsterniß hatte man solche Ehre angethan! + +</P><P> + +Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine +Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich +daraus während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai +ein wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte. + +</P><P> + +Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine +seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung +für mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner +Würde gehalten, Beobachtungen anzustellen; in der für die +Meridianmessung hatte man nichts entdeckt; in der für physikalische +Beobachtungen hatte man nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie +nichts bemerkt; in der für Meteorologie war Niemand etwas +aufgefallen; in der für die Berechnungen hatte man nichts gesehen. +Das war wenigstens ein offenes Geständniß. Dieselbe +Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis, wie die +magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor der Wahrheit +bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das Land, +wo man „frank“, d. h. offen spricht. + +</P><P> + +Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der +Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein elektrischen +Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht überdauerte. Am Pic-Du-Midi +war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet worden; im +meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn +zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der Provence +zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den Semnoz-Alpen +endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im Augenblicke, als +der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob. + +</P><P> + +Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen +verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an +verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden, wahrgenommen +worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren Herden aus, die sich +durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er nur einem einzigen +solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer Schnelligkeit +fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde erreichte. + +</P><P> + +Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der +Luft bemerkt? + +</P><P> + +Nein, niemals. + +</P><P> + +Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten? + +</P><P> + +Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den +leisesten Ton gehört. + +</P><P> + +Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht +mehr aus, noch ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei +Uebereinstimmung. Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, +obwohl Beide die Behauptung aufstellten, „an der ganzen Sache sei +nichts“. + +</P><P> + +„Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine. + +</P><P> + +— Eine Gehörstäuschung!“ erwiderte das Andere. + +</P><P> + +Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch +allemal hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und +der zu Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. +Rußland bewies ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte +zu Pulkowa, daß sie Beide Recht hätten, das hänge nur von +den Gesichtspunkten ab, auf die sie sich bezüglich Bestimmung der +Natur jener Erscheinung stellten, die in der Theorie unmöglich +schien und in der Praxis möglich war. + +</P><P> + +In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, +auf dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des +St. Gotthard, St. Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen +von Zürich und des Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte +man sich einer ganz besonderen Zurückhaltung gegenüber einer +Thatsache, die bisher Niemand zu bekräftigen vermocht hatte — +was gewiß recht vernünftig zu nennen ist. + +</P><P> + +In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und des +Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet, wie auf +dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten, die +Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des +Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen +Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer +Sternschnuppe hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur +derselben wußten sie freilich ebenfalls nichts. + +</P><P> + +In der That begann dieses Geheimnis allmählich die Vertreter der +Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr +die Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen +Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet +haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen und +Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der Sache zu +beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der Sternwarte zu +Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28. zum 29. auf der +des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer und die Schweden +auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt hatten, +daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein gewaltiger +Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es auch nicht +gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag es doch +keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe, +welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen. + +</P><P> + +In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von +Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders +merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die +Norweger doch einmal über einen Punkt einig zu sein schienen. + +</P><P> + +Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen +Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La +Plata, auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, +und das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend. + +</P><P> + +Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich +zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine +Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der +Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer +ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche +bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont +umschließt. + +</P><P> + +„Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den +es sich handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende +Maschine wäre.“ + +</P><P> + +Welcher Scherz! + +</P><P> + +Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr +lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen +Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus +größte Gebiet einnehmen. + +</P><P> + +Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege — er wählt +gewöhnlich den, der am schnellsten zum Ziele führt. So +zögerten auch die amerikanischen Bundesstaaten nicht im mindesten, +ihre Ansichten gegenseitig auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht +gleich die Objective ihrer Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur +daher, daß sie dieselben jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht +wurden, erst hätten wieder ersetzen müssen. + +</P><P> + +In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von +Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna +denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan +feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur +des beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, +denn Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur +gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn +des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in +mäßiger Höhe über dem Horizont liegen sollte. Von +Connecticut bis Michigan, von Duna nach Columbia ist aber die Entfernung +eine so große, daß eine doppelte Beobachtung zu ein und +demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen werden konnte. + +</P><P> + +Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die +Militärakademie, gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer +Zuschrift, welche die gerade Aufsteigung und die Declination des +bewußten Körpers bestimmte. + +</P><P> + +Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem +Irrthume unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur +eine Feuerkugel gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten +hinblitzte. Um diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie +könnte auch eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben? + +</P><P> + +Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren +schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung +hinzustellen. Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der +Leute ebenso wenig getäuscht, wie deren Augen. Unzählige +Beobachter hatten vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig +gehört. In der sehr dunklen Nacht — vom 12. zum 13. Mai +— war es den Beobachtern des Yale-Collegs an der Hochschule von +Sheffield sogar gelungen, einige Tacte eines musikalischen Satzes in +<TT>A-dur</TT> und im Viervierteltacte in Noten zu fixiren, welche +vollkommen mit einem Theile der Melodie des bekannten <TT>Chant du +départ</TT> — eines Soldatenliedes beim Auszug zum Kampfe +— übereinstimmten. + +</P><P> + +„Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja +ein französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft +ertönen läßt!“ + +</P><P> + +Scherzen heißt aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch +das von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu +Boston, dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie +für die gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von +Gesetzen gewannen. + +</P><P> + +Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im Jahre +1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von Cincinnati eine +Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine mikrometrischen +Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt gemacht hat. Sein +Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin aus, daß den +weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde liege, +daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr verschiedenen +Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher Körper +zeige, daß über dessen Natur, +Größenverhältnisse, Geschwindigkeit und Flugbahn aber +kein Urtheil möglich sei. + +</P><P> + +Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der +New-York Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: +„Noch dürfte der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen +Jahren herrschte zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem +französischen Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem +deutschen Ingenieur Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche +Beide im südlichen Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt +waren. + +</P><P> + +„Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der +Absicht, Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, +schon mehr eine Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe +mit einem Schlage vernichten sollte. + +</P><P> + +„Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß +dieses Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der +Mündung der Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer +sechzehnmal größeren Geschwindigkeit, als gewöhnliche +Geschosse — nämlich fünfundsiebzig bis achtzig +geographische Meilen in der Stunde — hinweg getragen wurde, +daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem +Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren +Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß. + +</P><P> + +„Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein +nicht anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper +sein?“ + +</P><P> + +Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald ... +aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte sich +bestimmt keine Trompete befunden. + +</P><P> + +Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle +Beobachter beobachteten einfach falsch. + +</P><P> + +Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey aufgestellte +Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese! + +</P><P> + +Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der +Alten und der Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß +bemächtigt hätte. Im Gegentheil, die Erörterungen dauerten +in gleicher Lebhaftigkeit fort, ohne daß irgendwo eine +Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat einmal eine Art Pause +ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß etwas von dem +fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es sonst war, +gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton aus der +Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die +Erde niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden +besonders erschwerte — etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der +unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen +Oceans? Wer hätte das sagen können? + +</P><P> + +Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe von +Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen +Phänomens schlechterdings unmöglich war. + +</P><P> + +Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten +Punkten eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von +Kirchen u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger +überrascht durch eine solche an der Spitze des Thurmes von +St. Michael, die Türken auf dem höchsten Minaret der +heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der Spitze des +metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straßburger am obersten +Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer +Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des +Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels der +fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk +der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des +St. Peters-Domes, die Engländer am Kreuz der +St. Pauls-Kirche in London, die Egypter an der obersten Spitze der +Pyramide von Gizeh, die Wiener an dem Reichsadler auf der Spitze des +St. Stephansthurmes, die Pariser am Blitzableiter des dreihundert +Meter hohen eisernen Thurmes der Ausstellung von 1889 und noch andere +mehr. + +</P><P> + +Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte eine +goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt. </P> + + + +<HR> + + +<A NAME="kap02" ID="kap02"></A> +<H3>II.<BR> +In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten, +ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen. +</H3> + + +<P> +„Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ... + +</P><P> + +— Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafür vorliegt! + +</P><P> + +— Und auch trotz Ihrer Drohungen! ... + +</P><P> + +— Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn! + +</P><P> + +— Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent! + +</P><P> + +— Ich bleibe dabei, daß sich die Schraube nur am Hintertheil +befinden darf! + +</P><P> + +— Wir auch! Wir auch! erschallten fünfzig Stimmen wie aus +einer Kehle. + +</P><P> + +— Sie muß am Vordertheil sein! rief Phil Evans. + +</P><P> + +— Am Vordertheil! brüllten fünfzig andere Stimmen eben so +stark, wie jene früheren. + +</P><P> + +— Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen! + +</P><P> + +— Niemals! ... Niemals! + +</P><P> + +— Nun, warum streiten wir dann überhaupt noch? + +</P><P> + +— Das ist kein Streit ... es ist nur eine Erörterung!“ + +</P><P> + +Das hätte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung, +die Vorwürfe und das Geschrei hörte, welche den Sitzungssaal +seit einer guten Viertelstunde erfüllten. + +</P><P> + +Gedachter Saal war nämlich der größte des +Weldon-Institutes ... und jenes vor allen berühmten Clubs in der +Walnut Street zu Philadelphia, Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von +Nordamerika. + +</P><P> + +In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl eines +Gaslaternenanzünders zu öffentlichen Kundgebungen, +geräuschvollen Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten +Schlägen gekommen. Daher rührte eine noch nicht +besänftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch jene +außergewöhnliche Erregung, welche die Mitglieder des +Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine +einfache Vereinigung von „Ballonisten“, welche über die +noch heutigen Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons +verhandelten. + +</P><P> + +Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten ab, +welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago, Cincinnati und +San Francisco überholt hat — einer Stadt, welche weder ein +Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder Steinkohlenbergwerken, +auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie der Kreuzungspunkt eines +vielstrahligen Bahnnetzes ist — in einer Stadt, die an +Größe schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien, Petersburg +und Dublin übertrifft — einer Stadt, die einen Park besitzt, +in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen Platz finden +— einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000 Einwohner +zählt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als die +fünfte Stadt der Welt betrachtet. + +</P><P> + +Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen +monumentalen Gebäuden und öffentlichen Anstalten, welche ihres +Gleichen nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt +ist das Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die +größte Eisenbrücke der Erde ist die, welche den +Schuylkill überspannt, und diese befindet sich in Philadelphia. Der +schönste Tempel der Freimaurerei ist der Maurertempel in +Philadelphia; endlich besteht der größte Club von Freunden und +Beförderern der Luftschifffahrt ebenfalls in Philadelphia, und wer +Gelegenheit gehabt hätte, diesen am Abend des 12. Juni zu besuchen, +der würde sich dabei ausgezeichnet unterhalten haben. + +</P><P> + +In erwähntem großen Saale bewegten, drängten sich, +gestikulirten, sprachen, verhandelten und stritten — Alle den Hut +auf dem Kopfe — wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz +eines Präsidenten, dem ein Schriftführer und ein Schatzmeister +zur Seite standen. Es waren das keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache +Liebhaber alles Dessen, was mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber +begeisterte Liebhaber, und vor Allem Feinde Derjenigen, welche den +Aerostaten Apparate, „schwerer als die Luft“, fliegende +Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen beabsichtigen. Daß +diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des Ballons erfinden +würden, war gewiß mehr als wahrscheinlich. Auf jeden Fall +hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehörig zu lenken +und zu leiten. + +</P><P> + +Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Präsident war der Onkel +Prudent — Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere +Bezeichnung „Onkel“ betrifft, so braucht man sich in Amerika +über diese nicht zu wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne +einen Neffen oder eine Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie +anderwärts Vater von Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den +geringsten Anspruch haben. + +</P><P> + +Onkel Prudent war eine gewichtige Persönlichkeit und trotz seines +Namens oft genannt gerade wegen seiner Kühnheit, daneben sehr reich, +was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll. Wie +hätte er das auch nicht sein sollen, da er einen großen Theil +der Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich +nämlich in Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung +der berühmten Fälle gegründet. Die 7500 Cubikmeter, welche +der Niagara jede Secunde hinabwälzt, können 7 Millionen +Dampfpferdekräfte erzeugen. Diese ungeheure, in einem Umkreise von +500 Kilometer nach allen Fabriken und Werkstätten vertheilte +Kraftmenge lieferte eine jährliche Ersparniß von 1200 +Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft — +speciell in die Taschen des Onkel Prudent — zurückfloß. +Uebrigens war er Junggeselle, lebte höchst einfach und hatte als +häuslichen persönlichen Beistand niemand Anderen, als seinen +Diener Frycollin, der eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste +eines so kühnen, unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt +einmal Regelwidrigkeiten. + +</P><P> + +Daß der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht +sich ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes +Clubs war — unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte +strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftführer +des Weldon-Institutes zu erwähnen. + +</P><P> + +Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der Walton +Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtäglich 500 +Stück Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten +der Schweiz an die Seite stellen können. Phil Evans hätte also +für einen der glücklichen Menschen der Welt selbst in den +Vereinigten Staaten gelten können, wenn man von jener Stellung des +Onkel Prudent absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von +scheinbar unerschütterlicher Gesundheit, wie jener von +unzweifelhafter Kühnheit, und sorgte er sich wenig darum, die +gewissen Vorzüge des Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften +Vortheile der Ehe zu vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Männer, +wie geschaffen, einander zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, +und Beide, was wohl zu bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem +Charakter, der Eine, Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, +eiskalt bis zum Uebermaße. + +</P><P> + +Und woher kam es, daß Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs +ernannt worden war? Die Stimmenzahl für Onkel Prudent und für +ihn war die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung +wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majorität weder +für den Einen, noch für den Anderen. Das war eine peinliche +Lage, welche wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten +hätte überdauern können. + +</P><P> + +Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit +aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes. Jem +Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten, +ausschließlicher Gemüseesser, einer der Leute, die jede +Fleischnahrung, wie alle gegohrenen Getränke verwarfen — halb +Brahmanen und halb Muselmänner — der Rival eines Nievmann, +Pitmann, Ward und Davie, welche der Secte dieser unschuldigen Thoren +einen gewissen Namen gemacht haben. + +</P><P> + +Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied des +Clubs unterstützt, von William T. Forbes, dem Director einer +großen Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit +Schwefelsäure hergestellt wurde — ein Verfahren, nach dem man +also Zucker aus alter Wäsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut +situirter Mann, dieser William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, +bejahrteren Töchtern, der Miß Dorothee, genannt Doll, und der +Miß Martha, genannt Mat, die in der besten Gesellschaft von +Philadelphia den Ton angaben. + +</P><P> + +Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen unterstützte +Vorschlag Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den +Mittelpunkt zu bestimmen. + +</P><P> + +Wahrlich, dieser Wahlmodus könnte in allen Fällen angewendet +werden, wo es sich darum handelt, den Würdigsten zu erwählen, +und sehr viele, höchst vernünftige Amerikaner dachten auch +schon daran, denselben bei der Ernennung des Präsidenten der +Vereinigten Staaten zur Anwendung zu bringen. + +</P><P> + +Auf zwei tadellos weiße Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie +gezogen. Die Länge beider war mathematisch genau die gleiche, denn +man hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es +sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer +Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nämlichen Tage +inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden +Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und +gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene +Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am +nächsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen würde, sollte +damit zum Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewählt sein. + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß hierbei jedes Hilfsmittel, jedes +Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend war. +Es galt, nach volksthümlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu haben. + +</P><P> + +Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans. +Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem +Mittelpunkte am meisten genähert hatte. + +</P><P> + +Welches Wunder! Die beiden Männer hatten so vortreffliches +Augenmaß entwickelt, daß die Messungen keinen +schätzenswerthen Unterschied ergaben. War von ihnen auch nicht genau +der mathematische Mittelpunkt getroffen worden, so erwies sich der Raum +zwischen diesem und den beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden +obendrein noch gleich groß zu sein. + +</P><P> + +Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit. + +</P><P> + +Zum Glück bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die +Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine +getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Möglichkeit +gewährt noch ein Fünfzehnhundertstel eines Millimeters +abzulesen. Auf dem Lineal waren in der That fünfzehnhundert +Abtheilungen auf einem solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, +und bei Abmessung der Entfernung der Stiche von den betreffenden +Mittelpunkten erhielt man folgendes Resultat: + +</P><P> + +Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs +fünfzehnhundertstel Millimeter genähert, Phil Evans auf nahezu +neun fünfzehnhundertstel. + +</P><P> + +Daher kam es, daß Phil Evans nur Schriftführer des +Weldon-Institutes wurde, während Onkel Prudent die Würde des +Präsidenten desselben erhielt. + +</P><P> + +Einer Entfernung von drei fünfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht +bedurft, um Phil Evans mit Haß gegen Onkel Prudent zu +erfüllen, mit einem Haß, der, wenn er ihn auch in sich +verschloß, doch nicht minder grimmig war. + +</P><P> + +Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten +Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon einige +Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgerüsteten +Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlängerten Ballon +anbrachte, ferner Dupuy de Lôme, 1872, die Gebrüder Tissandier +1883 und die Capitäne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten +mindestens einige Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen +mußte. + +</P><P> + +Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst, unter +dem Drucke einer Schraube manövrirend, eine schräge Richtung +gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen, +um nach ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, also wirklich gelenkt +worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders günstigen +Umständen erreicht werden. In großen, geschlossenen +ausgedehnten Hallen allerdings! In recht ruhiger Atmosphäre — +das ging auch noch recht gut. Bei einem leichten Winde von fünf bis +sechs Meter in der Secunde war es vielleicht eben noch zu erzwingen +— Alles in Allem hatte man eigentlich praktisch verwendbare +Resultate aber noch nicht erzielt. Gegen einen Windmühlenwind von +acht Metern in der Secunde würden jene Apparate nahezu +stationär geblieben sein; vor einer frischen Brise von zehn Metern +in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu werden; und +bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der Secunde +überschreiten, würde man von ihnen kein Stückchen wieder +gefunden haben. + +</P><P> + +Selbst nach den scheinbar glänzend gelungenen Versuchen der +Capitäne Krebs und Renard dürfte als bewiesen angesehen werden, +daß die Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfähigkeit auch ein +wenig gewonnen hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache +Brise aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmöglich +zu betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu +verwenden. + +</P><P> + +Während man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der +Aerostaten, das heißt mit den Mitteln beschäftigte, diesen +eine eigene Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren +unzweifelhaft weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der +Dampfmaschinen und der Verwendung der bloßen Muskelkraft waren +allmählich die elektrischen Motore getreten. Die Batterien mit +doppeltchromsaurem Natron, deren Elemente auf hohe Spannung angeordnet +waren, wie sie die Gebrüder Tissandier benützten, erzielten +eine Schnelligkeit von etwa vier Metern in der Secunde. Die zwölf +Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen Maschinen der Capitäne +Krebs und Renard gestatteten, eine Geschwindigkeit von im Mittel sechs +Meter in der Secunde zu erreichen. + +</P><P> + +Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen, +sich dem frommen Wunsche zu nähern, eine „Dampfpferdekraft in +einem Taschenuhrgehäuse“ zu erzeugen. Die Effecte der +Säule, deren Zusammensetzung die Capitäne Krebs und Renard +geheim gehalten hatten, wurden ebenfalls bald übertroffen, und nach +ihnen fanden die Aeronauten Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren +Leichtigkeit im gleichen Verhältniß mit ihrer Kraftwirkung +wuchs. + +</P><P> + +Die Anhänger der Möglichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons +hatten also gewiß Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und +doch, wie viele klare Köpfe haben es verworfen, an die +Benützung solcher zu glauben. In der That, wenn der Aerostat einen +Angriffspunkt der ihm innewohnenden Kraft in der Luft findet, so ist er +doch mit seiner großen Masse in diese eingetaucht. Und wie +könnte derselbe, da er wieder den Strömungen der +Atmosphäre eine so breite Angriffsfläche bietet, jemals, und +wenn sein Triebwerk noch so mächtig wäre, direct gegen einen +widrigen Wind aufkommen? + +</P><P> + +Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch +Anwendung sehr großer Apparate zu lösen. + +</P><P> + +Es ergab sich übrigens, daß bei diesem Wettstreite der +Erfinder in der Herstellung eines sehr kräftigen und dennoch +leichten Motors die Amerikaner sich dem gewünschten Ziele am meisten +genähert hatten. Ein auf der Anwendung einer neuen Säule +beruhender dynamo-elektrischer Apparat, dessen Construction +vorläufig noch Geheimniß blieb, war seinem Erfinder, einem +bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft worden. Mit +größter Sorgfalt durchgeführte Berechnungen und mit +äußerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, daß +dieser Apparat, wenn er auf eine Schraube von angepaßter +Größe wirkte, eine Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig +Metern in der Secunde gewährleisten mußte. + +</P><P> + +Wahrlich, das wäre großartig gewesen! + +</P><P> + +„Und das Ding ist nicht theuer!“ hatte Onkel Prudent hinzu +gesetzt, als er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefüllte Quittung +das letzte Päckchen von hunderttausend Papierdollars +einhändigte, mit dem man ihm seine Erfindung bezahlte. + +</P><P> + +Unverzüglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um +ein Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen +verspricht, so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht +locker. Die nöthigen Mittel strömten zusammen, so daß +selbst die Gründung einer Actiengesellschaft umgangen werden konnte. +Dreihunderttausend Dollars (also 600.000 fl. = 1,2 Millionen Mark) +füllten gleich nach dem ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die +Arbeiten begannen unter Leitung des hervorragendsten Luftschiffers der +Vereinigten Staaten, Harry W. Tinder's, der sich unter tausend Anderen +vorzüglich durch drei kühne Fahrten berühmt gemacht hat: +die eine, bei der er sich bis 1200 Meter erhob, d. h. höher +aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel, Crocé-Spinelli, +Tissandier, Glaisher; die zweite, während der er ganz Amerika von +New-York bis San Francisco überflog und um mehrere hundert Lieues +die längste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter sich +ließ, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach +der Grafschaft Jefferson elfhundertfünfzig Meilen zurückgelegt +hatte; die dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der +Höhe von fünfzehnhundert Fuß endigte, bei dem er sich +doch nur den rechten Daumen verstauchte, während der minder vom +Glücke begünstigte Pilâtre de Rozier bei einem Sturze von +nur siebenhundert Fuß augenblicklich den Tod fand. + +</P><P> + +Zur Zeit, mit der diese Erzählung beginnt, konnte man schon +beurtheilen, daß das Weldon-Institut die Angelegenheit kräftig +gefördert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich +schon ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Füllung mit +stark comprimirter Luft geprüft werden sollte. Vor Allem würde +dieser den Namen eines Monstre-Ballons verdienen. + +</P><P> + +Wie viel faßte der Géant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. +Wie viel der Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen +Fassungsraum hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878? +Fünfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser. +Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes, +dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man leicht, +daß Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaßen Recht +hatten, sich vor Stolz aufzublähen. + +</P><P> + +Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die höchsten Schichten +der Atmosphäre zu erreichen, nannte sich nicht +„Excelsior“, eine Bezeichnung, welche sonst bei den +Amerikanern sehr beliebt ist, nein, er war einfach <TT>Go a head</TT>, +d. h. „Vorwärts“ getauft, und es erübrigte +also nur noch, daß er seinen Namen rechtfertigte, indem er der +Leitung seines Capitäns allenthalben entsprach. + +</P><P> + +Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom +Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte darauf +rechnen, daß der <TT>Go a head</TT> seinen Flug durch das Luftmeer +begonnen haben werde. + +</P><P> + +Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht +überwunden. + +</P><P> + +Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht etwa +die Form der Schraube oder deren Größenverhältnisse +festzustellen, sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am +Hintertheil des großen Apparates angebracht werden sollte, wie die +Gebrüder Tissandier wollten, oder am Vordertheile, wie es die +Capitäne Krebs und Renard schon gethan hatten. Es bedarf kaum der +Erwähnung, daß die Vertreter dieser beiden Ansichten bei den +bezüglichen Verhandlungen darüber fast handgemein wurden. Die +Gruppe der „Vordermänner“ glich an Zahl genau der der +„Hintermänner“. Onkel Prudent, dessen Stimme bei +sonstiger Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wäre, Onkel +Prudent, der unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan +hervorgegangen war, vermied es klüglich, sich zu äußern. + +</P><P> + +Bei der Unmöglichkeit, ein Einverständniß +herbeizuführen, war es natürlich auch unmöglich, die +Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das konnte demnach lange dauern, +wenn sich nicht etwa die Regierung in's Mittel legte. In den Vereinigten +Staaten liebt es die Regierung aber bekanntlich nicht, sich in +Privatangelegenheiten einzumischen oder um das zu kümmern, was sie +nicht direct angeht. Damit hat sie gewiß ganz Recht. + +</P><P> + +So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht +endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu wollen +— der wie gewöhnlich mit Injurien begann, sich mit +Faustschlägen fortsetzte, dann zu Stockschlägen überging +und mit dem Knallen der Revolver abschloß — als ein +Zwischenfall um acht Uhr siebenunddreißig Minuten diesen beliebten +Verlauf störte. + +</P><P> + +Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der stürmischen Wogen +einer Volksversammlung, hatte sich der Thürsteher des +Weldon-Instituts genähert und dem Vorsitzenden eine Karte +eingehändigt. Er erwartete eben noch die Befehle, welche der Onkel +Prudent ihm zu ertheilen haben könnte. + +</P><P> + +Onkel Prudent ließ die Dampftrompete ertönen, die ihm als +Präsidentenglocke diente, denn hier hätte, um durchzudringen, +nicht einmal die große Glocke des Kremls hingereicht. +Nichtsdestoweniger nahm der Lärm nur noch zu. Da +„entblößte der Präsident den Kopf“ und Dank +diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche Ruhe. + +</P><P> + +„Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich +eine Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verließ, +zugelangt. + +</P><P> + +— Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die +hierüber zufällig einer Meinung waren. + +</P><P> + +— Ein Fremdling, geehrte Collegen, wünscht in unseren +Sitzungssaal Eintritt zu erhalten. + +</P><P> + +— Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen. + +</P><P> + +— Er wünscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine +nach den Beweis zu liefern, daß es der greulichste Wahnwitz sei, an +die Lenkbarkeit von Ballons zu glauben.“ + +</P><P> + +Allgemeines Murren beantwortete diese Erklärung. + +</P><P> + +„Herein, herein mit ihm! + +</P><P> + +— Wie nennt sich denn diese merkwürdige Persönlichkeit? +fragte der Schriftführer Phil Evans. + +</P><P> + +— Robur, antwortete Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Robur! ... Robur! ... Robur!“ heulte die ganze Versammlung. + +</P><P> + +Und wenn bei Nennung dieses eigenthümlichen Namens der Träger +desselben so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das +ganze Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den +Ueberschuß seiner Erbitterung abzuschütteln. + +</P><P> + +Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt — wenigstens +scheinbar. Wie könnte übrigens ein Sturm so schnell +vorübergehen bei einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei +solcher nach Europa unter der Form von Wirbelwinden entsendet? + +</P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap03" ID="kap03"></A> +<H3>III.<BR> +In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu +werden braucht, da sie das selbst besorgt. +</H3> + + +<P> +„Bürger der Vereinigten Staaten, ich heiße Robur<A +NAME="footmark1" ID="footmark1" HREF="#foot1"><SUP>1</SUP></A> und bin +dieses Namens würdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie +dreißig, habe eine eiserne Constitution, eine unerschütterliche +Gesundheit, hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der +Welt der Strauße als vorzüglich gelten würde.“ + +</P><P> + +Die Versammlung lauschte. Jedes Geräusch hatte vorläufig +aufgehört, als man diese unerwartete Vorrede <TT>pro facie sua</TT> +vernahm. War es ein Narr oder ein Spötter, diese Persönlichkeit? +Wie dem auch sein mochte, er machte Eindruck und wußte sich diesen +zu erzwingen. Jetzt ging kein Lufthauch durch diese Menge, in der doch +kurz vorher ein Orkan wüthete. Die Windstille nach der hohen See. + +</P><P> + +Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, für den er sich +ausgab. Von mittlerer Größe mit geometrischer Gestalt, ein +regelmäßiges Trapez bildend, deren größte +Parallelseite von der Schulterbreite ausgefüllt wurde; auf dieser +Linie saß wieder auf einem kräftigen Halse ein gewaltiger +sphäroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu vergleichen +sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit hochintelligentem +Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der geringste Widerspruch +sicherlich in volle Gluth versetzte, und über letzteren waren die +Augenbrauenmuskeln — ein Zeichen entwickelter Energie — +fortwährend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren kurz, etwas +kraus und von metallischem Glanze, als trüge er ein Toupet von +eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit Bewegungen +gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hände, Beine und +Füße erwiesen sich des Rumpfes völlig würdig. + +</P><P> + +Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken +Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der +Kinnlade frei ließ, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft +entwickeln mußten. Man hat berechnet — was berechnet man denn +nicht? — daß der Druck der Kinnlade des Krokodils unter +gewöhnlichen Umständen dem von vierhundert Atmosphären +gleich kommt, während der eines Jagdhundes von mittlerer +Größe hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende +merkwürdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht +Kilogramm Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil +deren zwölf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur hätte deren +gewiß zehn entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in +dieser Beziehung die Mitte. + +</P><P> + +Aus welchem Lande dieses merkwürdige Menschenkind stammte, +hätte man nur schwer errathen können. Jedenfalls drückte +sich der Mann ganz geläufig englisch aus und ohne jenen schleppenden +Tonfall, der den Yankee von Neu-England unterscheidet. + +</P><P> + +Er fuhr folgendermaßen fort: + +</P><P> + +„Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften +sprechen, ehrenwerthe Bürger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, +dessen geistige Natur seiner körperlichen nicht nachsteht. Ich +fürchte mich vor Nichts und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, +die noch nie vor einem Anderen gewichen ist. Hab' ich mir einmal ein Ziel +gesetzt, so würde ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich +verbünden, mich von Erreichung desselben abzuhalten. Hab' ich einen +Gedanken, so erwarte ich, daß Andere ihn theilen, und vertrage +keinen Widerspruch. Ich betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe +Bürger, weil Sie mich gründlich kennen lernen müssen. Sie +finden vielleicht, daß ich zu viel von mir selbst spreche? Thut +nichts! Jetzt aber überlegen Sie sich Alles, ehe Sie mich +unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu sagen, welche +Ihnen vielleicht nicht recht gefallen dürften.“ + +</P><P> + +Ein Grollen wie das der Brandung lief längs der ersten Bänke +des Saales hin, ein Zeichen, daß das Meer bald wieder hoch aufwogen +werde. + +</P><P> + +„Reden Sie, ehrenwerther Fremdling,“ begnügte sich Onkel +Prudent, der Mühe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache +zu antworten. + +</P><P> + +Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder +Mißfallen seiner Zuhörer zu kümmern. + +</P><P> + +„Ja wohl, ich weiß Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder +Experimente, die zu Nichts geführt, nach Versuchen, die +ergebnißlos verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte +Geister, welche hartnäckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. +Sie erdenken irgend einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, +der an ihre anspruchsvollen, dünnen Hüllen angebracht wurde, +welche letztere den atmosphärischen Strömungen so breite +Angriffsflächen darbieten. Sie bildeten sich ein, Beherrscher eines +Aerostaten werden zu können, wie man etwa ein Schiff auf der +Oberfläche des Meeres beherrscht. Weil einige Erfinder bei ganz oder +doch fast ganz stiller Witterung den Erfolg gehabt haben, entweder schief +durch den Wind oder einer ganz leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb +sollte die Lenkbarkeit von Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, +zu praktischen Erfolgen führen? O gehen Sie! Sie sind hier an +hundert Männer, die an die Verwirklichung ihrer Träume glauben +und viele Tausende von Dollars nicht in's Wasser, aber in die Luft +werfen. Ich sage Ihnen, das heißt gegen eine Unmöglichkeit +kämpfen!“ + +</P><P> + +Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenüber +dieser Behauptung jetzt kein Wort, als wären sie eben so taub wie +langmüthig geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie +weit dieser kühne Widersacher zu gehen wagen würde? + +</P><P> + +Robur fuhr fort: + +</P><P> + +„Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, +muß derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den +Anspruch macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, +wenn der Druck einer steifen Brise auf das Großsegel eines Schiffes +der Kraft von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem +Unglücksfalle mit der Taybrücke gesehen hat, daß ein +Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf den Quadratmeter auszuüben +im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch niemals ein fliegendes +Geschöpf nach diesem System geschaffen hat, ob dasselbe nun mit +Flügeln, wie die Vögel, oder mit Membranen, wie gewisse Fische +und Säugethiere, ausgerüstet wurden ... + +</P><P> + +— Säugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs. + +</P><P> + +— Gewiß, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich +nicht irre. Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht +wissen, daß die Fledermaus ein Säugethier ist, oder hat er +jemals eine Omelette aus Fledermauseiern bereiten sehen?“ + +</P><P> + +Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner für +sich, Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort: + +</P><P> + +„Wäre damit aber gesagt, daß der Mensch darauf +verzichten müsse, das Luftmeer zu beherrschen und durch +Nutzbarmachung dieses wunderbaren Beförderungsmittels die +Zustände der alternden Welt umzuwandeln? Gewiß nicht! So wie +er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit Ruder, Segel, Rad +oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft werden durch Apparate, +welche schwerer sind als diese, denn unbedingt müssen jene schwerer +sein, um mächtiger sein zu können.“ + +</P><P> + +Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite von +Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie eben so +viele Gewehrläufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht antworten auf +solch' offenbare, in's Lager der Ballonisten geschleuderte +Kriegserklärung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen dem +„leichter“ und „schwerer als die Luft“ +ausgesprochener Maßen wieder aufgenommen? + +</P><P> + +Robur verzog keine Miene. Die Arme über der Brust gekreuzt wartete +er es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war. + +</P><P> + +Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen. + +</P><P> + +„Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehört den Flugmaschinen. +Die Luft bietet den hinreichenden, soliden Stützpunkt. Man verleihe +einer Säule dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter +in der Secunde, und ein Mensch würde sich schon oberhalb derselben +erhalten, wenn die Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter +Oberfläche boten. Würde die Geschwindigkeit der Luftsäule +auf 90 Meter gesteigert, so könnte er mit bloßen +Füßen darauf gehen. Treibt man nun durch die Flügel einer +archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben Schnelligkeit fort, +so erzielt man dasselbe Resultat.“ + +</P><P> + +Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhänger der sogenannten +Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur +Lösung des vorliegenden Problems zu führen versprechen. + +</P><P> + +Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton +d'Annécourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, +Bélégnic, Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du +Temple, Salives, Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, +Edison, Planavergue und noch einer Menge anderer Männer zu. Mehrmals +aufgegeben und wieder aufgenommen, mußte denselben doch eines Tages +der Sieg zu Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der +Aviation, welche behaupteten, daß der Vogel nur durch +Erwärmung der Luft, mit der er sich aufbläht, fliege, auf +Antwort warten müssen? Hatten die Erstgenannten nicht vielmehr +nachgewiesen, daß ein 5 Kilogramm wiegender Adler sich hätte +mit 50 Cubikmeter jenes erwärmten Fluidums anfüllen +müssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten? + +</P><P> + +Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber +inmitten eines Heidenlärmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum +Schluß warf er den Ballonisten noch folgende Worte in's Gesicht: + +</P><P> + +„Mit Ihren Aerostaten können Sie nichts ausrichten, werden Sie +zu nichts kommen und niemals etwas wagen dürfen. Der kühnste +Ihrer Aeronauten, John Wise, mußte, obwohl er schon eine Luftreise +von 1200 Meilen über das Festland Amerikas zurückgelegt hatte, +doch auf die Absicht, über den atlantischen Ocean zu fahren, +verzichten. Und seit jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen +einzigen auf diesem Wege vorwärts gekommen. + +</P><P> + +— Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich +bemühte, ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser +unsterblicher Franklin ausgesprochen hat, als die erste +Mongolfière aufstieg, also zur Zeit der Geburt des Ballons. +„Jetzt ist das nur ein Kind, aber es wird wachsen!“ lautete +seine Prophezeiung, und es ist gewachsen! + +</P><P> + +— Nein, Herr Präsident, nein, es ist nicht gewachsen ... es +ist nur größer und dicker geworden, und das ist nicht das +Nämliche.“ <A NAME="footmark2" ID="footmark2" HREF="#foot2"><SUP>2</SUP></A> + +</P><P> + +Das war ein directer Angriff gegen die Pläne des Weldon-Instituts, +welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, +unterstützt und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch +ziemlich bedrohliche Ausrufe in dem geräumigen Saale, wie: + +</P><P> + +„Nieder mit dem Eindringling! + +</P><P> + +— Werft ihn von der Tribüne herunter! + +</P><P> + +— Um ihm zu beweisen, daß er schwerer ist als die +Luft!“ + +</P><P> + +Und Aehnliches mehr. + +</P><P> + +Man begnügte sich indessen noch mit Worten, ohne zu +Thätlichkeiten überzugehen. Robur konnte also noch einmal seine +Stimme erheben und laut hinausrufen: + +</P><P> + +„Fortschritte, Bürger Ballonisten, sind nicht mit dem +Aerostaten, sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel +fliegt auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! ... + +</P><P> + +— Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, +aber er fliegt gegen alle Regeln der Mechanik. + +</P><P> + +— Ach so!“ erwiderte Robur, die Achseln zuckend. + +</P><P> + +Dann fuhr er fort: + +</P><P> + +„Seit man den Flug der größeren und kleineren fliegenden +Thiere genau beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den +Vordergrund getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese +täuscht sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn +Flügelschläge in der Minute macht, und dem Pelikan, der +siebenzig macht ... + +</P><P> + +— Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme. + +</P><P> + +— Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde +zählte ... + +</P><P> + +— Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz. + +</P><P> + +— Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreißig fertig +bringt ... + +</P><P> + +— Dreihundertdreißigundeinhalb! + +</P><P> + +— Und dem Mosquito, der Millionen macht ... + +</P><P> + +— Nein ... Milliarden!“ + +</P><P> + +Robur ließ sich durch alle diese Einreden nicht außer Fassung +bringen. + +</P><P> + +„Zwischen diesen verschiedenen Zahlen ... nahm er wieder das Wort. + +</P><P> + +— Ist ein großer Unterschied! ließ sich eine Stimme +hören. + +</P><P> + +... Wird man die richtige wählen müssen, um eine praktische +Lösung der Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy +nachweisen konnte, daß der Hirschkäfer, jenes Insect, welches +nur zwei Gramm wiegt, ein Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. +zweihundert Mal so viel wie sein eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, +war eigentlich das Problem der Aviation gelöst. Außerdem wurde +nachgewiesen, daß die Flächenausdehnung der Flügel in +gleichem Verhältniß abnimmt, wie die Größe und das +Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig +verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgeführt ... + +</P><P> + +— Die noch niemals haben fliegen können! rief der +Schriftführer Phil Evans. + +</P><P> + +— Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur, +ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren, +Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem lateinischen +<TT>navis</TT> die Silbe <TT>„nef“</TT> anhängt, +meinetwegen auch nach dem Worte <TT>avis</TT> die Silbe +<TT>„efs“</TT> — jedenfalls kommt man zu dem Apparate, +dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres machen +muß. + +</P><P> + +— Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine +Schraube ... so weit man das weiß! + +</P><P> + +— Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet +eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach +Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft ... +</P> + +<BLOCKQUOTE> +... „Vor solchem Uebel, +<BR> +Heilige Helice<A NAME="footmark3" ID="footmark3" +HREF="#foot3"><SUP>3</SUP></A>, behüte uns!“ ... +</BLOCKQUOTE> + +<P> +trällerte einer der Zuhörer, der zufällig dieses Motiv +aus Hérold's Zampa im Kopfe behalten hatte. + +</P><P> + +Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen +sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte. + +</P><P> + +Dann, als die letzten Töne in einem entsetzlichen Durcheinander +verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Benützung eines +augenblicklichen Stillschweigens sagen zu müssen: + +</P><P> + +„Bürger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, +ohne Sie zu unterbrechen ...“ + +</P><P> + +Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die +früheren Einwürfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander +nicht für Unterbrechungen, sondern nur für einfachen +Meinungsaustausch hielt. + +</P><P> + +„Jedenfalls, fuhr er fort, muß ich Sie daran erinnern, +daß die Theorie der Aviation schon im Voraus durch die meisten +amerikanischen und fremden Ingenieure verurtheilt und völlig +verworfen worden ist. Ein System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin +Volant's in Constantinopel, der des Mönches Voador in Lissabon, der +Letuo's im Jahre 1852 und der Groof's 1864 steht, ohne die Opfer zu +zählen, die ich augenblicklich vergessen habe, und wäre es nur +der mythologische Icarus ... + +</P><P> + +— Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht +verdammenswerther, als das, dessen Opferliste die Namen eines +Pilâtre de Rozier in Calais, der Madame Blanchard in Paris, eines +Donaldson und Grimwood, welche in den Michigan-See fielen, eines Swel, +Crocé-Spinelli, Eloy und so vieler Anderer enthält, welche +gewiß nicht so leicht der Vergessenheit anheimfallen.“ + +</P><P> + +Das hieß „mit einem Hieb parirt“, wie man in der +Fechtkunst sagen würde. + +</P><P> + +„Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie übrigens, +dieselben mögen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch +werthvolle Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um +die Erde zu vollenden — was eine Maschine in etwa acht Tagen +abmachen dürfte.“ + +</P><P> + +Neue wüthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten +anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte. + +</P><P> + +„Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit +der Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen? + +</P><P> + +— Ja, gewiß! + +</P><P> + +— Und Sie hätten also den Kampf mit der Luft siegreich +bestanden? + +</P><P> + +— Vielleicht, mein Herr. + +</P><P> + +— Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend. + +</P><P> + +— Nun ja, Robur, der Sieger — ich nehme diesen Namen an und +werde ihn führen, denn ich habe das Recht dazu. + +</P><P> + +— Wir erlauben uns indeß daran zu zweifeln! rief Jem Cip. + +</P><P> + +— Meine Herren, erklärte Robur, dessen Augenbrauen sich +runzelten, wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld' ich +es nicht, daß mir Jemand eine Unzuverlässigkeit meiner Worte +vorwirft, und ich würde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der +mich in dieser Weise unterbrach. + +</P><P> + +— Ich heiße Jem Cip ... und bin Vegetarianer. + +</P><P> + +— Bürger Jem Cip, antwortete Robur, ich weiß, daß +die Pflanzenesser gewöhnlich längere Eingeweide haben, als +andere Menschen — mindestens um einen Fuß länger. Das +ist schon viel ... Nun verleiten Sie mich nicht, die Ihrigen noch mehr zu +verlängern, indem ich bei den Ohren anfange ... + +</P><P> + +— Durch die Thür! + +</P><P> + +— Hinaus auf die Straße! + +</P><P> + +— Man viertheile ihn! + +</P><P> + +— Lynchen, lyncht den Kerl! + +</P><P> + +— Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! ...“ + +</P><P> + +Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen sie +von den Stühlen auf und umdrängten die Tribüne. Robur +verschwand unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem +Sturme getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens ließ die +Dampftrompete ihren heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem +Abende konnte Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines +seiner Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum +Löschen desselben nicht hinreichen. + +</P><P> + +Plötzlich entstand in der lärmenden Masse eine Bewegung nach +rückwärts. Robur hatte eben die Hände wieder aus den +Taschen gezogen und streckte sie gegen die vorderste Reihe der +wüthenden Gegner aus. + +</P><P> + +Seine beiden Hände zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische +Fäuste, welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck +des Daumens ihre überall verständliche Sprache reden lassen +— zwei kleine Taschen-Mitrailleusen. + +</P><P> + +Dann rief er, das Zurückgehen der Angreifer und die +vorübergehende Stille, welche dabei eintrat, schnell benützend: + +</P><P> + +„Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt +entdeckt hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, +Bürger Ballonisten! Sie sind nur Cabo...“ + +</P><P> + +In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fünf +Schüsse in die Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des +Pulverdampfes verschwand der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, +entdeckte man von ihm keine Spur mehr. Robur der Sieger war +davongeflogen, als ob irgend ein Aviations-Apparat ihn in die Lüfte +entführt hätte. </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap04" ID="kap04"></A> +<H3>IV.<BR> +In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den +Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht. +</H3> + + +<P> +Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des +Weldon-Instituts, wenn sie nach stürmischen Verhandlungen aus den +Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraßen noch +streitend und lärmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern +dieses Stadttheiles Klagen eingegangen über die geräuschvollen +Ausläufer solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen +eindrangen, und mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten +müssen, um wenigstens Verkehrsstörungen zu beseitigen, da doch +die meisten Leute sehr wenig oder gar kein Interesse an solchen, die +Luftschifffahrt betreffenden Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen +Abend hatte der Tumult noch nie so große Verhältnisse +angenommen, niemals wären jene Klagen mehr begründet und +niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger gewesen. + +</P><P> + +Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde +Umbände zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen +vier Pfählen, wie sie eben erlitten, gewiß nicht versehen +hatten. Den übereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes +„leichter, als die Luft“ hatte ein nicht minder energischer +Vertreter des „schwerer, als die Luft“ höchst +unangenehme Dinge in's Gesicht gesagt; und als ihm dafür die +Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann spurlos +verschwunden. + +</P><P> + +Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen, +hätten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben +müssen. Die Nachkommen Amerigo's als solche eines Cabot zu +behandeln! War das nicht eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher +schien, weil sie eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt +war? + +</P><P> + +Die Mitglieder des Clubs stürzen sich also truppweise erst in die +Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraßen und dann in das ganze +Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden. + +</P><P> + +Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Häuser vornehmen zu +lassen, um sich später wegen des gewaltthätigen Angriffs in das +Privatleben ihrer Mitbürger zu entschuldigen, was gerade bei den +Völkern von angelsächsischem Stamme sonst ganz besonders +respectirt wird. Vergebliches Aufgebot von Belästigungen und +Nachforschungen. Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die +leiseste Spur hinterlassen. Und wenn er mit dem <TT>Go a head</TT>, dem +Ballon des Weldon-Instituts, davongefahren wäre, hätte er nicht +mehr unauffindlich gewesen sein können. Nach einstündigen +Haussuchungen mußten sie darauf verzichten, und die Collegen +trennten sich, aber nicht ohne die eidliche Zusicherung, ihre +Nachforschungen über das ganze Gebiet Nord- und Südamerikas, +das die Neue Welt bildet, auszudehnen. + +</P><P> + +Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt. +Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu die +Städte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe +Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten +jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen +häuslichen Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so +begab sich William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Miß +Doll und Miß Mat ihm den Abendthee zubereitet und mit der +selbstzubereiteten Glucose versüßt hatten; Truk Milnor schlug +den Weg nach seiner Fabrik ein, deren Ventilator die ganze Nacht hindurch +in einer der entfernteren Vorstädte sauste. Der Schatzmeister Jem +Cip, dem öffentlich nachgesagt worden war, einen um einen Fuß +längeren Darmcanal zu haben, als der Mensch ihn sonst mit sich +herumträgt, begab sich nach seinem Eßzimmer, wo ihn ein +vegetabilisches Abendbrot erwartete. + +</P><P> + +Zwei der bedeutendsten Ballonisten — aber nur zwei — schienen +nicht daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die +Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es +waren das die beiden Unversöhnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, +der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts. + +</P><P> + +An der Thür des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel +Prudent, wie gewöhnlich seinen Herrn. + +</P><P> + +Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den Gegenstand +des Gesprächs zu kümmern, der die beiden Collegen schon in die +Hitze gebracht hatte. + +</P><P> + +Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort „plaudern“ +für die Thätigkeit, welcher der Vorsitzende und der +Schriftführer des Clubs sich mit gleichem Eifer hingaben. In der +That stritten und zankten sie sich mit einer Energie, deren Ursprung in +ihrer alten Rivalität zu suchen war. + +</P><P> + +„Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, hätte ich die +Ehre gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu +präsidiren, es wäre niemals zu einem solchen Scandal gekommen! + +</P><P> + +— Und was würden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt +hätten? fragte Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Ich hätte jenem öffentlichen Beleidiger das Wort +abgeschnitten, noch ehe er den Mund öffnete. + +</P><P> + +— Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, müsse man ihm +ein solches wenigstens erst aussprechen lassen. + +</P><P> + +— Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!“ + +</P><P> + +Und während sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in's +Gesicht warfen, schlenderten die beiden Männer mehrere Straßen +dahin, die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie +durchschritten Quartiere, deren Lage sie später zu großen +Umwegen zwingen mußte. + +</P><P> + +Frycollin folgte noch immer nach, fühlte sich aber doch etwas +beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin +verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzüglich nicht +so kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der +zunehmende Mond war eben nur dabei, „seine +achtundzwanzigtägige Rundreise“ zu beginnen. + +</P><P> + +Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von +verdächtigen Schatten belauscht würden, und wirklich, er +glaubte fünf oder sechs große Teufel zu erkennen, die sie +nicht aus den Augen zu verlieren schienen. + +</P><P> + +Instinctiv näherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt +hätte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprächs zu +unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte. + +</P><P> + +Der Zufall fügte es, daß der Vorsitzende und der +Schriftführer des Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis +nach dem Fairmont-Park verirrten. Hier überschritten sie, in +lebhaftem Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der +berühmten Eisenbrücke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und +befanden sich endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der +einen Seite als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von +herrlichem Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine +vielleicht in der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden. + +</P><P> + +Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin plötzlich noch mehr zu, +und das mit um so größerer Berechtigung, da fünf bis +sechs jener Schatten ihnen auch über die Strombrücke +nachgefolgt waren. Die Pupille seiner Augen hatte sich dabei so +erweitert, daß sie bis an den Rand der Iris reichte. Und +gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Körper zusammen und zog sich +zurück, als besäße er jene eigenthümliche +Zusammenziehbarkeit, welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren +eigen ist. + +</P><P> + +Der Diener Frycollin war nämlich ein vollständiger +Hasenfuß. + +</P><P> + +Ein richtiger Neger und Südcaroliner, mit vierschrötigem Kopfe +auf einem mageren Rumpfe. Er zählte jetzt gerade 21 Jahre, war also +nicht einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb +aber nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul +und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er seit +drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon nahe +daran gewesen, vor die Thüre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn +behalten — um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch +lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den +tollkühnsten Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu +kommen, in denen sein Hasenherz auf die härtesten Proben gestellt +werden mußte. Dafür fand er auch gewisse Entschuldigungen. +Niemand machte ihm besondere Vorwürfe wegen seiner Leckerhaftigkeit +und noch weniger wegen seiner Trägheit. Ach, armer Frycollin, +hättest Du in der Zukunft lesen können! + +</P><P> + +Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen +Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz +anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen +vorkamen? War für Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber +nicht das des Onkel Prudent, wo das kühne Wagen in Permanenz +erklärt war? + +</P><P> + +Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit an +seine Fehler gewöhnt, übrigens besaß er doch +e i n e gute Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, +sprach er doch nicht, wie diese gewöhnlich — und das hat +einigen Werth, denn nichts ist so widerlich, als der abscheuliche Jargon, +in dem die Anwendung des besitzanzeigenden Fürwortes und des +Infinitivs bis zum Mißbrauch getrieben wird. + +</P><P> + +Es steht also fest, daß der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans +war, und zwar nannte man ihn einen „Prahlhans gleich dem +Monde“. + +</P><P> + +Es erscheint übrigens nur gerecht, gegen diesen für die blonde +Phöbe beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man +die sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der +Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets +der Erde gerade in's Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den +Rücken zuzuwenden? + +</P><P> + +Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde — es war jetzt bald +Mitternacht — begann die „blasse, verdächtige +Scheibe“ schon im Westen hinter den hohen Baumkronen des Parks zu +verschwinden. Ihre durch das Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten +nur noch da und dort den Erdboden, so daß es unter den Bäumen +noch etwas finsterer war. + +</P><P> + +Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu +lassen. + +</P><P> + +„Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar +kommen sie näher heran.“ + +</P><P> + +Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu. + +</P><P> + +„Master Onkel!“ redete er ihn an. + +</P><P> + +So nannte er ihn gewöhnlich und so wollte der Vorsitzende des +Weldon-Instituts auch genannt sein. + +</P><P> + +Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste entbrannt; +und da sie einander spazieren führten, wurde Frycollin sehr grob +angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht und +Schuldigkeit sei. + +</P><P> + +Und während die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth +Onkel Prudent immer weiter hinaus nach den verödeten +Grasgründen des Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom +Schuylkill und der Brücke, die sie zur Rückkehr nach der Stadt +unbedingt überschreiten mußten. + +</P><P> + +Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bäume, in +deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum +derselben schloß sich eine größere Lichtung an, ein +weiter, ovaler Wiesenplan, wie geschaffen für Wettrennen. Hier +hätte nicht die kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines +Pferdes gestört und kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer +bei der Verfolgung der mehrere englische Meilen langen Bahnlinie +gehindert. + +</P><P> + +Und doch, wären Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten +nicht gar so sehr vertieft gewesen, hätten sie sich nur +einigermaßen aufmerksam umgesehen, so hätte ihnen nicht +entgehen können, daß der weite freie Platz heute einen ganz +anderen Anblick darbot. War das ein Zauberspuk, der hier seit gestern +entstanden war? Wahrlich, man hätte das Ganze mit seinen vielen +Windmühlen für ein Zauberwerk erklären können, wenn +man die Mühlenflügel sah, die, jetzt unbeweglich, im Halbdunkel +Grimassen zu machen schienen. + +</P><P> + +Doch weder der Präsident, noch der Schriftführer des +Weldon-Instituts bemerkte diese auffällige Veränderung der +Ansicht des Fairmont-Parks; Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien +ihm, als ob die unheimlichen Gestalten sich näherten und +zusammenduckten, als rüsteten sie sich zu einem räuberischen +Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern und war doch +gleichzeitig wie gelähmt, so hatte ihn die Furcht vor den +nächsten Minuten ergriffen. + +</P><P> + +Obwohl ihm die Kniee förmlich schlotterten, gewann er doch noch die +Kraft, einmal zu rufen: + +</P><P> + +„Master Onkel! ... Master Onkel! + +</P><P> + +— Nun, was giebt es denn?“ antwortete Onkel Prudent. + +</P><P> + +Vielleicht wären er und Phil Evans nicht böse darüber +gewesen, ihren Zorn dadurch abzukühlen, daß sie dem +unglücklichen Diener eine tüchtige Tracht Prügel +ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie letzterer, ihnen +eine weitere Antwort zu geben. + +</P><P> + +Unter den Bäumen gellte plötzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig +flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf. + +</P><P> + +Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung, +daß der Augenblick zu irgend einer Gewaltthätigkeit gekommen +sei. + +</P><P> + +Schneller, als man es ausdenken kann, stürzten sich schon sechs +Männer durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil +Evans und zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz +überflüssiger Weise, denn der Neger wäre ganz unfähig +gewesen, sich zu wehren. + +</P><P> + +Obgleich überrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende +und der Schriftführer des Weldon-Instituts doch versuchen, +Widerstand zu leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen +wenigen Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im +Munde, blind durch eine Binde über die Augen, und wurden, +überwältigt und gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin +fortgeschleppt. Was konnten sie anders annehmen, als daß sie einer +Rotte jener gewissenlosen Herumlungerer in die Hände gefallen seien, +welche Jeden ausrauben, den sie noch zu später Stunde im Walde +antrafen? Und doch täuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal +ihre Taschen, obwohl Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also +auch heute, mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich führte. + +</P><P> + +Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fühlten Onkel Prudent, Phil +Evans und der Diener Frycollin, daß sie, ohne daß ein Wort +zwischen den Angreifern gewechselt worden wäre, nicht auf den Rasen +der Waldblöße, sondern auf eine Art Fußboden +niedergelegt wurden, der unter ihrem Gewichte knarrte. Hier lehnte man +sie dann Einen an den Anderen. Darauf hörte man das Klirren eines +Riegels in seiner Klappe und dies belehrte die drei Männer, +daß sie gefangen seien. + +</P><P> + +Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Geräusch, wie ein +Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne +daß in der so ruhigen Nacht etwas Anderes hörbar geworden +wäre. </P> + + +<HR> + <P> + +Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den +Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung des +Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes räthselhaften +Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur — Robur der Sieger! +— die Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den +Ballonisten erregt, und endlich sein unerklärliches Verschwinden. + +</P><P> + +Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man später +davon hörte, daß auch der Vorsitzende und der +Schriftführer des Clubs in der Nacht vom 12. zum 13. Juni +verschwunden seien. + +</P><P> + +Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen +angestellt! Vergeblich — alle vergeblich. Die Zeitungen von +Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die +von ganz Amerika bemächtigten sich eifrig dieses Vorfalls und +erklärten ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige +war. Durch Annoncen und Maueranschläge wurden beträchtliche +Preise ausgesetzt — nicht allein für Den, der die ehrenwerthen +Verschwundenen wieder finden würde, sondern auch für Jeden, der +nur auf eine Fährte hinweisen könnte, auf der man ihren Spuren +folgen konnte. Nichts hatte Erfolg. Und hätte sich die Erde +aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so konnten der Vorsitzende und +der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht vollständiger von +der Oberfläche der Erdkugel verschwunden sein. + +</P><P> + +Die Regierungsblätter traten bei dieser Gelegenheit mit dem +Verlangen hervor, das Personal der Polizei in beträchtlichem +Maßstabe zu vermehren, weil ähnliche Attentate gegen die +besten Bürger der Vereinigten Staaten sich wiederholen könnten +— und sie hatten damit Recht. + +</P><P> + +Freilich verlangten die Blätter der Opposition, daß das +Personal vollständig, und zwar als unnütz verabschiedet werde, +da derartige Raubanfälle sich doch wiederholen könnten, ohne +daß es möglich würde, die Urheber derselben zu entdecken +— und vielleicht hatten sie damit nicht Unrecht. + +</P><P> + +Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in der +besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden wird. +</P> + + + +<HR> + + +<A NAME="kap05" ID="kap05"></A> +<H3>V.<BR> +In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden +und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird. +</H3> + + + +<P> +Eine Binde über den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen +Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knöchel zu haben, +d. h. also jeder Möglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu +bewegen, beraubt zu sein, das war für den Onkel Prudent keine Lage, +in der er sich hätte wohl fühlen können, und ebenso wenig +für Phil Evans und den Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu +wissen, wer die Urheber dieser Entführung waren, nicht zu wissen, wo +man sich befand und welches Loos man zu erwarten habe — das +mußte gewiß auch das allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, +und bekanntlich gehörten die Mitglieder des Weldon-Instituts, was +ihre Geduld betraf, nicht im geringsten zur Familie der Lämmer. +Berücksichtigt man die natürliche Heftigkeit seines Charakters, +so kann man sich leicht vorstellen, in welcher Gemüthsverfassung +Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte. + +</P><P> + +Jedenfalls mußten Phil Evans und er langsam einsehen, daß es +für sie Schwierigkeiten haben werde, am nächsten Abend ihre +Plätze im Bureau des Clubs einzunehmen. + +</P><P> + +Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde +überhaupt unmöglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr +todt, als lebendig. + +</P><P> + +Während einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung +ein. Kein Mensch ließ sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen +wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben, +nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf erstickte +Seufzer, auf ein dumpfes, „Ach!“ angewiesen, das sich kaum +durch ihre Knebel preßte, und beschränkt auf schwache +Bewegungen, wie sie etwa ein seinem natürlichen Element entrissener +absterbender Karpfen ausführt, und man begreift leicht, welchen +stummen Zorn, welch' verhaltene oder vielmehr eingeschnürte Wuth das +in ihnen erzeugen mußte. Nach wiederholten vergeblichen +Befreiungsversuchen verhielten sie sich eine Zeit lang ganz still. Da +ihnen der Gesichtssinn augenblicklich abging, bemühten sie sich, +vielleicht durch den Gehörsinn einige Aufklärung über +diesen beunruhigenden Zustand der Dinge zu erlangen. Vergeblich aber +strengten sie sich an, ein anderes Geräusch zu hören, als das +ununterbrochene und unerklärliche „frrr“, das hier den +ganzen Umkreis zu beherrschen schien. + +</P><P> + +Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe aus Werk ging, +den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann +löste sich allmählig der fesselnde Knoten, er schmiegte die +Finger dicht aneinander, und endlich erlangten seine Hände wieder +die gewohnte Bewegungsfreiheit. + +</P><P> + +Durch kräftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen +Blutumlauf wieder her, und in der nächsten Minute schon hatte Phil +Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus +seinem Munde gelöst und alle Stücke mit der feinen Klinge +seines „Bowie-Messers“ zerschnitten. Ein Amerikaner, der +nicht stets sein Bowie-Messer in der Tasche hätte, wäre eben +kein Amerikaner mehr. + +</P><P> + +Wenn Phil Evans aber hieraus die Möglichkeit, sich zu bewegen und zu +sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen fanden +keine Gelegenheit zu nützlicher Thätigkeit — wenigstens +jetzt nicht, denn in der Zelle, die sie einschloß, herrschte +vollständige Finsterniß. Ein ganz schwacher Lichtschein drang +nur durch eine Art Schießscharte herein, die in sechs bis sieben +Fuß Höhe in der Wand angebracht war. + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß Phil Evans keinen Augenblick +zögerte, auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Züge mit dem +Bowie-Messer genügten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen +Füße und Hände fesselten. In heller Wuth riß sich +Onkel Prudent, als er sich kaum auf den Füßen aufrichten +konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus und stammelte mit +erstickter Stimme: + +</P><P> + +„Ich danke Ihnen! + +</P><P> + +— Nein! ... Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere. + +</P><P> + +— Phil Evans? + +</P><P> + +— Onkel Prudent? + +</P><P> + +— Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftführer +des Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr. + +</P><P> + +— Sie haben Recht, bestätigte Phil Evans. Hier sind wir nur +zwei Männer, die sich zu rächen haben an einem Dritten, dessen +Gewaltstreich die strengste Wiedervergeltung herausfordert. + +</P><P> + +— Und dieser Dritte ... + +</P><P> + +— Ist jener Robur! ... + +</P><P> + +— Ja, jener Robur!“ + +</P><P> + +Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezüglich dessen die beiden +Ex-Concurrenten völlig übereinstimmten, ein Streit über +diesen Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen. + +</P><P> + +„Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf +Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir müssen auch ihn +befreien. + +</P><P> + +— Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er würde uns mit seinen +Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun, +als auf sein Jammern zu achten. + +</P><P> + +— Und was denn, Onkel Prudent? + +</P><P> + +— Uns zu retten, wenn es möglich ist. + +</P><P> + +— Und selbst wenn es unmöglich ist!“ + +</P><P> + +Ein Zweifel daran, daß diese Entführung jenem Fremdling, dem +Robur, zuzuschreiben sei, konnte dem Präsidenten und seinem Collegen +gar nicht in den Sinn kommen. In der That hätten ja einfache, +ehrsame Räuber sie unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, +Brieftaschen und Portemonnaies entledigt und sie dann mit einem Schnitt +durch den Hals in den Schuylkill-Strom geworfen, statt sie +einschließen in ... Ja, in was? — Das war eine ernste Frage, +welche die schleunigste Lösung verdiente, ehe sie mit einiger +Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen zu ihrer Flucht +denken konnten. + +</P><P> + +„Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir hätten +wahrlich besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, +statt Liebenswürdigkeiten, auf welche wir hier nicht +zurückkommen wollen, auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut +gewesen wären. Verließen wir die Straßen von +Philadelphia nicht, so wäre das Alles nicht geschehen. Offenbar +hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein Auftreten im Club +bewirken würde, er muthmaßte die Wuthausbrüche, welche +seine Herausforderungen entfesseln mußten, und hatte vor der +Thüre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle +beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Straße verließen, +spürten uns seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie +sahen, daß wir uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes +verirrten, da hatten sie ja leichtes Spiel. + +</P><P> + +— Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht +gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen. + +</P><P> + +— Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben,“ versetzte +Onkel Prudent. + +</P><P> + +Da ertönte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der +Zelle. + +</P><P> + +„Was war das? fragte Phil Evans. + +</P><P> + +— O nichts ... Frycollin träumt nur.“ + +</P><P> + +Und Onkel Prudent fuhr ungestört fort: + +</P><P> + +„Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der +Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf, +sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, daß +jene Leute uns nicht über den Fairmont-Park hinaus verschleppt +haben. + +</P><P> + +— Denn wenn das geschehen wäre, hätten wir doch von der +Fortschaffung etwas verspüren müssen. + +</P><P> + +— Einverstanden, erklärte Onkel Prudent. Es unterliegt also +keinem Zweifel, daß wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens +eingesperrt sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen +oder in dem Gefährte von Seiltänzern. + +</P><P> + +— Ohne Zweifel. Befänden wir uns auf einem auf dem +Schuylkill-Strom vertäuten Schiffe, so müßte sich das +durch ein leichtes Schwanken von Bord zu Bord, veranlaßt durch die +Strömung, zu erkennen geben. + +</P><P> + +— Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich +meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder +nie der geeignete Moment zur Flucht, um später jenen Robur wieder +aufzuspüren ... + +</P><P> + +— Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Bürger der +Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen! + +</P><P> + +— Theuer ... sehr theuer! + +</P><P> + +— Doch, wer ist dieser Mann? ... Woher kommt er? ... Ist es ein +Engländer, ein Deutscher, ein Franzose ... + +</P><P> + +— Jedenfalls ein elender Wicht, das genügt, antwortete Onkel +Prudent. Und nun an's Werk!“ + +</P><P> + +Mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern tasteten Beide an +der Wand des kleinen Raumes umher, um einen Riß oder eine Spalte zu +entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der +Thür. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es +wäre unmöglich gewesen, das Schloß derselben zu sprengen. +Man mußte also ein Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu +entkommen. Dabei trat nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand +anzugreifen im Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder +bei dem Vorhaben gar zerbrechen würden. + +</P><P> + +„Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhört? +fragte Phil Evans, der sich über das immer fortdauernde frrr nicht +beruhigen konnte. + +</P><P> + +— Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Der Wind? ... Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz +ruhig gewesen wäre ... + +</P><P> + +— Gewiß, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, +was halten Sie denn für die Ursache?“ + +</P><P> + +Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers +aufgeklappt, in die Wand nahe der Thür einzuschneiden. Vielleicht +genügte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von außen +zu öffnen. wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der +Schlüssel im Schlosse stecken geblieben war. + +</P><P> + +Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu +verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine +tausendzähnige Säge zu verwandeln. + +</P><P> + +„Es greift wohl nicht, Phil Evans? + +</P><P> + +— Nein. + +</P><P> + +— Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden? + +</P><P> + +— Das nicht, Onkel Prudent; diese Wände geben angeschlagen +keinen metallischen Ton. + +</P><P> + +— Also vielleicht aus Eisenholz? + +</P><P> + +— Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz. + +</P><P> + +— Aus was bestände sie denn dann? + +</P><P> + +— Das ist unmöglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine +Substanz, welche der Stahl nicht angreift.“ + +</P><P> + +Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den +widerhallenden Boden mit den Füßen und seine Hände +suchten einen eingebildeten Robur zu erwürgen. + +</P><P> + +„Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen +Sie einmal Ihr Glück.“ + +</P><P> + +Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine +Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen +vermochten, als ob diese aus Krystall wäre. + +</P><P> + +Eine Flucht erschien also ganz unausführbar, denn ohne Oeffnung der +Thür war an eine solche doch gar nicht zu denken. + +</P><P> + +Es galt demnach, für jetzt darauf zu verzichten, was dem +Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom +Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal +zuwider ist. Natürlich geschah das nicht ohne Verwünschungen, +furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur's gerichtete schwere +persönliche Beleidigungen, während er doch gar nicht der Mann +dazu schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders +er sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im +Weldon-Institute. + +</P><P> + +Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner +unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krümmen im Magen +empfand oder die Einschnürung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen +hatte, jedenfalls begann er jämmerlich zu lamentiren. + +</P><P> + +Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu müssen, indem +er die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt. + +</P><P> + +Fast hätte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern. +Sofort begann Jener nämlich eine endlose Litanei, in der +Ausbrüche des Entsetzens und — Klagen über Hunger die +Hauptrolle spielten. Frycollin litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, +so, es wäre schwierig gewesen, zu entscheiden, welchem dieser beiden +Organe am meisten Schuld an dem Jammern des Negers beizumessen war. + +</P><P> + +„Frycollin!“ rief Onkel Prudent. + +</P><P> + +„Master Onkel! Master Onkel!“ antwortete der Neger mit +kläglichem Geschrei. + +</P><P> + +„Es ist möglich, daß wir verdammt sind, in diesem +Gefängnisse Hungers zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, +was irgend verzehrbar erscheint, zu verbuchen, um unser Leben zu +verlängern. + +</P><P> + +— Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin. + +</P><P> + +— Wie man es unter solchen Umständen mit einem Neger stets +macht! Sorge also, Frycollin, daß Du Dich uns nicht zu sehr +bemerkbar machst ... + +</P><P> + +— Oder Du wirst fri–cas–sirt!“ setzte Phil Evans +hinzu. + +</P><P> + +Frycollin bekam wirklich Angst, daß sein Leichnam in Anspruch +genommen werden könnte, das Leben zweier Männer zu +verlängern, das jedenfalls werthvoller war, als das seinige. Er +begnügte sich also, nur noch im Stillen zu seufzen. + +</P><P> + +Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thür oder die +Wand gewaltsam zu öffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese +Wand bestand, ließ sich unmöglich feststellen. Metall war das +nicht, Holz war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fußboden +der Zelle schien übrigens aus demselben Material hergestellt zu +sein. Stieß man mit dem Fuße auf denselben, so gab das einen +ganz seltsamen Ton, den unter die bekannten Geräusche zu +classificiren, Onkel Prudent gewiß viele Mühe gemacht +hätte. + +</P><P> + +Dabei bemerkte man noch, daß der Fußboden entschieden hohl +klang, so, als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, +er schien bei dem unerklärlichen frrr selbst leise zu erzittern. +Alles das war nicht gerade beruhigender Natur. + +</P><P> + +„Onkel Prudent, begann Phil Evans. + +</P><P> + +— Phil Evans? antwortete der Gefragte. + +</P><P> + +— Meinen Sie, daß unsere Zelle ihre Lage verändert hat? + +</P><P> + +— Keineswegs. + +</P><P> + +— Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den +frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bäume des +Parkes wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es +erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wäre. + +</P><P> + +— Das ist freilich wahr. + +</P><P> + +— Doch, wie soll man das erklären? + +</P><P> + +— Erklären wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur +nicht durch die Hypothese, daß unser Gefängniß eine +Ortsveränderung erlitten habe. Ich wiederhole, daß wir es +unbedingt hätten fühlen müssen, wenn wir uns auf einem in +Gang befindlichen Wagen oder auf einem dahingleitenden Schiffe +befänden.“ + +</P><P> + +Frycollin ließ einen langgedehnten Seufzer hören, den man +hätte für seinen letzten halten können, wenn ihm nicht +mehrere andere nachgefolgt wären. + +</P><P> + +„Ich gab mich der Hoffnung hin, daß Robur uns bald veranlagen +werde, vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort. + +</P><P> + +— Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in's +Gesicht sagen ... + +</P><P> + +— Was? + +</P><P> + +— Daß er erst wie ein Unverschämter in unsere +Verhandlungen eingegriffen hat, um schließlich gleich einem +Schurken zu handeln!“ + +</P><P> + +Eben jetzt bemerkte Phil Evans, daß der Tag zu grauen begann. Ein +noch schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der +Thür gegenüberliegenden Wand angebrachte Schießscharte +herein. Es mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und +unter dieser Breite färbt sich der Horizont von Philadelphia zu +dieser Stunde mit den ersten Morgenstrahlen. + +</P><P> + +Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen ließ, ein +Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war +— meldete diese, daß es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl +die Uhr inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte. + +</P><P> + +„Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch +Nacht sein. + +</P><P> + +— Meine Uhr müßte dann bedeutend nachgeblieben sein, +bemerkte Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!“ rief Phil Evans +beleidigt. + +</P><P> + +Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich die +Schießscharte weiß von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. +Und doch, wenn das Morgengrauen frühzeitiger auftrat, als es +entsprechend dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu +erwarten war, so erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, +wie in den niedrigen Breiten. + +</P><P> + +Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwähnte der fast +unerklärlichen Erscheinung. + +</P><P> + +„Wir konnten vielleicht bis nach der Schießscharte +hinaufklimmen“, bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu +halten, wo wir überhaupt sind. + +</P><P> + +— Das können wir,“ stimmte Onkel Prudent zu. + +</P><P> + +Dann wandte er sich an Frycollin: + +</P><P> + +„Nun munter, Fry, auf die Füße!“ + +</P><P> + +Der Neger erhob sich. + +</P><P> + +„Lehne Dich mit dem Rücken gegen diese Wand, fuhr Onkel +Prudent fort, und Sie, Phil Evans, steigen gefälligst auf die +Schultern dieses Burschen, während ich Sie von rückwärts +halte. + +</P><P> + +— Recht gern,“ antwortete Phil Evans. + +</P><P> + +Einen Augenblick später kletterte er schon auf Frycollin's +Schultern, so daß er zu der Schießscharte hinaussehen konnte. + +</P><P> + +Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die +Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewöhnliche +Planscheibe. Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den +freien Ausblick Phil Evans', dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich +beschränkt wurde. + +</P><P> + +„So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, +vielleicht können Sie dann besser sehen.“ + +</P><P> + +Phil Evans führte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines +Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab, +aber nicht zerbrach. + +</P><P> + +Ein zweiter, noch kräftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat. + +</P><P> + +„Schön, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!“ + +</P><P> + +Wirklich mußte diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders +Siemens gehärteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten +Schläge ganz blieb. + +</P><P> + +Uebrigens war es jetzt draußen hell genug, um ziemlich weit sehen +zu können, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die +Einfassung der Schießscharte frei ließ. + +</P><P> + +„Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Nichts. + +</P><P> + +— Wie? Keinen Wald? + +</P><P> + +— Nein. + +</P><P> + +— Nicht einmal die Gipfel der Bäume? + +</P><P> + +— Auch diese nicht. + +</P><P> + +— Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung? + +</P><P> + +— Weder in der Lichtung, noch überhaupt im Park. + +</P><P> + +— Erkennen Sie denn auch nicht die Dächer der Häuser, die +Spitzen der Denkmäler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttäuschung +schon in einem Grade zunahm, daß sie nahe an Wuth grenzte. + +</P><P> + +— Weder Dächer, noch Spitzen. + +</P><P> + +— Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen +Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein? + +</P><P> + +— Nichts — nichts als die leere Luft.“ + +</P><P> + +Eben jetzt öffnete sich die Thür der Zelle, in der ein Mann +sichtbar wurde. Das war Robur. + +</P><P> + +„Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun +frei, nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen ... + +</P><P> + +— Frei! rief Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Ja ... das heißt innerhalb der Grenzen des +„Albatros“! + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans stürzten aus der Zelle. + +</P><P> + +Und was sahen sie da? + +</P><P> + +Zwölf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberfläche +eines Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemühten. </P> + + + +<HR> + + +<A NAME="kap06" ID="kap06"></A> +<H3>VI.<BR> +Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten +überschlagen. +</H3> + + +<P> +„Wann wird der Mensch einmal aufhören, in der Tiefe +umherzukriechen, um im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?“ + +</P><P> + +Die Antwort auf diese Frage Camille Flammarion's ist ziemlich leicht. Das +wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem der +Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lösen +gestatten, und vor Ablauf weniger Jahre — das sah man ja voraus +— mußte eine praktische Verwerthung der Elektricität zur +Lösung dieses Räthsels führen. + +</P><P> + +Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brüder +Montgolfier ihre erste Montgolfière und der Physiker Charles +seinen ersten Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne +abenteuerliche Köpfe davon geträumt, mittelst mechanischer +Apparate die Luft so zu sagen zu erobern. Die ersten Erfinder hatten also +keineswegs an Apparate gedacht, welche leichter als die Luft waren, was +schon der Standpunkt der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht +erlaubte. Sie gingen darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch +specifisch schwerere Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung +des Vogels nachahmten, zu ermöglichen. + +</P><P> + +Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des Daedalus, +gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flügel ihm bei der +Annäherung an die Sonne abfielen. + +</P><P> + +Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurückzugehen, ohne eines +Archytas von Tarent zu erwähnen, begegnet man schon in den Arbeiten +eines Dante von Perousa, eines Leonard de Vinci und Guidotti der Idee von +Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphäre zu bewegen. +Zweieinhalb Jahrhunderte später traten weit zahlreichere Erfinder +auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville ein System +von Flügeln, versucht dasselbe über der Seine und bricht beim +Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem Apparat mit +zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung. 1781 baut Meerwein, der +Architekt des Fürsten von Baden, eine Maschine zur Nachahmung des +Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von Ballons, welche +eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und Bienvenu eine +Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808 Fliegversuch +des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein Schriftchen von Deniau +aus Nantes, in dem der Grundsatz des „schwerer, als die Luft“ +beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811–40 fallen die +Untersuchungn und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und +Cagniard de Latour. 1842 tritt der Engländer Henson mit seinem +System der geneigten Ebene und durch Dampf bewegter Schraube auf; 1845 +Cossus mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille +Vert mit seiner Helicoptere aus Federbügeln; 1852 Letur mit seinem +lenkbaren Fallschirm, dessen praktische Prüfung ihm das Leben +kostete. In demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem +Vorschlage, bei dem die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich +drehenden Flügeln gebracht ist. 1853 Béléguic mit +seinem durch Zugschrauben bewegten Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit +seinem lenkbaren Drachen; Georges Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die +ein Gasmotor treiben sollte. Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef +Bline, der Patente auf verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, +Bréant, Carlingfort, Le Bris, Du Temple, Bright, dessen +Steigschrauben sich in verkehrter Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, +Crosnier u. A. m. Endlich wird im Jahre 1863 auf Betreiben +Nadar's in Paris eine Gesellschaft „Schwerer, als die Luft“ +gegründet; hier führen die Erfinder ihre Maschinen vor, von +denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton +d'Amécourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle's System +einer Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen; +Louvrié's Aeroscaph; Esterno's mechanischer Vogel; Groof's Apparat +mit durch Hebel bewegten Flügeln. Jetzt, nachdem der Anstoß +gegeben ist, erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die +willkürliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung +zuzuführen verspricht. Bourcart, Le Bris, Kaufmann, Smyth, +Stringfellow, Prigent, Danjard, Pomès und de la Panze, Moy, +Rénaud, Jobert, Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, +Duchesne, Danduran, Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, +Tatin, Dandrieux, Edison erdenken, construiren, erbauen und +vervollkommnen — die Einen unter Anwendung von Flügeln oder +Schrauben, die Anderen unter den von geneigten Ebenen — Maschinen, +welche bereit sein werden, an dem Tage zu functioniren, wo ihnen ein +glücklicher Erfinder einen Motor von hinreichender Kraft und +außerordentlicher Leichtigkeit hinzufügt. + +</P><P> + +Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um freundliche +Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die Einzelstufen jener +Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel jetzt Robur der +Sieger erscheint, vorzuführen. Ohne die schwachen Versuche und die +kühnen Experimente seiner Vorgänger, hätte der Ingenieur +ja unmöglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren vermocht. +Und wenn er nur ein verächtliches Achselzucken für Diejenigen +hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit +von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhänger des +Grundsatzes „schwerer als die Luft“ in hohem Ansehen, ob das +nun Engländer, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder +Franzosen waren — vor Allem letztere, deren durch ihn +vervollkommnete Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine +Flugmaschine, den „Albatros“, zu ersinnen und +auszuführen, jenes Ungeheuer, das jetzt das Luftmeer durchmaß. + +</P><P> + +„Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhänger +des „Albatros“ gerufen. + +</P><P> + +— Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt +über die Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger +derselben Theorie hinzugesetzt. + +</P><P> + +— Mit der Locomotive, der Aeromotive!“ hatte der lustigste +von Allen hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um +die Alte und die Neue Welt für die Sache zu interessiren. + +</P><P> + +In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, daß die +Luft ein sehr widerstandsfähiger Stützpunkt sein kann. Ein +Kreis von einem Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das +Eindringen in die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar +isochronisch zu machen. Das war schon längst bekannt. + +</P><P> + +Ebenso wußte man, daß die Einwirkung der Schwerkraft, wenn +die Fortbewegung eines Körpers eine sehr schnelle ist, etwa im +umgekehrten Verhältnisse des Quadrats zur Schnelligkeit abnimmt und +zuletzt ziemlich bedeutungslos werden kann. + +</P><P> + +Man wußte ferner, daß sich bei zunehmendem eigenen Gewichte +eines fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige +Oberfläche der Flügel nicht in gleichem Maße +vergrößert, obwohl die Bewegungen, die es ausführt, etwas +langsamer sein müssen. + +</P><P> + +Ein Aviations-Apparat muß demnach so construirt sein, daß er +diesen Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, +„dem wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft“, wie +Doctor Marey im französischen Institut sich ausgedrückt hat. + +</P><P> + +Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lösen +vermögen, zerfallen in folgende drei Arten: + +</P><P> + +1. Die Helicopteren oder Spiraliferen, welche nur aus Schrauben mit +verticalen Achsen bestehen. + +</P><P> + +2. Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natürlichen +Flug der Vögel nachzuahmen bestimmt sind. + +</P><P> + +3. Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die Papierdrachen +der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben oder gezogen. + +</P><P> + +Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene +Anhänger, welche ihre Ansichten unabänderlich als die richtigen +hinstellen. + +</P><P> + +Aus mancherlei Gründen hatte Robur jedoch die beiden letzteren +verworfen. + +</P><P> + +Es unterliegt zwar keinem Zweifel, daß die Orthoptere, der +mechanische Vogel, gewisse Vorzüge aufweist. Die Arbeiten Renaud's +haben dafür 1884 den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem +Genannten auch eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen +wollen. Die Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hasen und +die Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man +Räder, welche doch keine Beine sind, dem letzteren Schrauben, welche +gewiß nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen +doch recht gut. Uebrigens weiß man noch gar nicht genau, wie der +Flug der Vögel, welche sehr complicirte Bewegungen ausführen, +eigentlich zu Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung +ausgesprochen, daß die Federn der Flügel sich beim Aufschlag +öffnen, um die Luft durchzulassen — ein Vorgang, der durch +eine künstliche Maschine schwerlich herzustellen sein möchte. + +</P><P> + +Andererseits ist es nicht zweifelhaft, daß auch die Aeroplane +einige gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den +Luftschichten eine schiefe Ebene entgegen, so müßte daraus +eine ansteigende Bewegung hervorgehen, und kleine Versuchs-Apparate haben +bewiesen, daß das disponible Gewicht, dasjenige, über welches +man noch über das Eigengewicht des Apparates hinaus verfügen +könnte, mit dem Quadrate der Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt +offenbar ein großer Vortheil, der die der Aerostaten, welche +aufgetrieben werden sollen, weit übertrifft. + +</P><P> + +Nichtsdestoweniger glaubte Robur, daß, wenn es etwas noch Besseres +gäbe, das auch noch einfacher sein müsse. Auch die Schrauben +— die ihm im Weldon-Institut durch ein glückliches Wortspiel +direct an den Kopf geworfen worden waren — konnten ja wohl allen +Ansprüchen an seine Flugmaschine genügen. Die Einen sollten +dieselbe in der Luft schwebend erhalten, die Anderen sie unter den besten +Verhältnissen der Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen +fortbewegen. + +</P><P> + +Theoretisch müßte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in +der Fläche großen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst +ausgesprochen hatte, dahin gelangen, „wenn man es auf das +Aeußerste triebe, in ungeheures Gewicht durch verschwindend kleine +Kraft zu heben“. + +</P><P> + +Wenn die Orthoptere — durch Flügelschläge gleich einem +Vogel — sich erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die +Luft stürzt, so steigt die Helioptere auf, indem sie mit ihren +Schraubenflügeln schräg dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte +Ebene hinaufklimme. Im Grunde hat sie ja nur schraubenförmig +gewundene, an Stelle der schaufelartigen Flügel. Die Schraube bewegt +sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse fort. Ist diese vertical, so +bewegt sie sich vertical; ist sie horizontal angebracht, so treibt sie in +horizontalem Sinne. + +</P><P> + +Der große Flugapparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen +beiden Wirkungen. + +</P><P> + +Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche füglich in +drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und +Treibmaschinen und die äußere Maschinerie. + +</P><P> + +Verdeck. Das war ein dreißig Meter langes, vier Meter breites +Bauwerk, ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines +Rammsporns. Darunter wölbte sich der festgefügte Rumpf, der die +Apparate zur Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich +da die Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin für +Vorräthe aller Art, darunter auch die Wassergefäße des +Fahrzeugs. Rund herum standen leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter +einander verbunden, die Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei +Ruffs<A NAME="footmark4" ID="footmark4" HREF="#foot4"><SUP>4</SUP></A>, +deren Räumlichkeiten zur Wohnung für das Personal und für +die Maschinerie bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, +welche das Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine +für die vordere Treibschraube, im hinteren die für die hintere +Schraube, so daß diese drei von einander völlig +unabhängig wirken. Nahe dem Vordertheile befindet sich der Ruff +für die Werkstatt die Küche und die Mannschaftswohnung. Nahe +dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere Cabinen, unter anderen die +des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darüber ein kleiner verglaster +Raum, in dem sich der Steuermann aufhält, der das Ganze mittelst +eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle diese Ruffs werden +durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus Hartglas bestehen, das +eine zehnfach größere Widerstandsfähigkeit als +gewöhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von +biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Stöße zu +mildern, obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, +so sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates. + +</P><P> + +Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht +siebenunddreißig Achsen, von denen je fünfzehn an Back- und +Steuerbord und sieben höhere in der Mitte errichtet waren, so +daß das Ganze einem Schiffe mit siebenunddreißig Masten +ähnlich wurde; nur trugen diese Masten an Stelle der Segel jeder +zwei horizontale Schrauben von kurzer Steigung und geringem Durchmesser, +denen aber eine ungeheure Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden +konnte. Jede dieser Achsen empfängt ihre Bewegung unabhängig +von der anderen, und außerdem drehen sich je zwei und zwei in +entgegengesetztem Sinne — eine nothwendige Maßregel, um den +ganzen Apparat nicht in wellenförmige Bewegung kommen zu lassen. Auf +diese Weise aber halten sich alle Schrauben, während sie eine wie +die andere auf verticalen Luftsäulen emporzusteigen streben, +gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit +vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerüstet, deren drei Arme +äußerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, +als Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausnützen hilft. +Am Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen +montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der Fortbewegung +des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an Durchmesser die +Auftriebsschrauben übertreffen, können sich ebenfalls mit der +größten Geschwindigkeit drehen. + +</P><P> + +Alles in Allem schließt sich dieser Apparat an die Systeme an, +welche von Cossus, de la Landelle und de Ponton d'Amécourt +aufgestellt und vom Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen +gebührt ihm bezüglich der Wahl und der Verwendung der +motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des Erfinders. + +</P><P> + +Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flüssigkeiten, +weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und +endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fähig sind, +eine mechanische Wirkung auszuüben, entlehnte Robur die nothwendige +Kraft, seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm +dazu die Elektrizität in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst +die Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine +dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben jedoch +nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es Robur's +Geheimniß, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner +Elemente und welche Säuren er zur Erregung derselben anwendete; +dasselbe galt für die Accumulatoren. Niemand wußte, woraus +deren positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich +aus gewissen Gründen wohl gehütet, darauf ein Patent zu nehmen. +Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine außerordentliche +Ergiebigkeit, die Säuren eine fast vollständige +Widerstandsfähigkeit gegen Verdunstung und Frieren, seine +Accumulatoren eine unverkennbare Ueberlegenheit über die von Faure, +Sellon, Volckmar, und endlich lieferten seine Ströme Ampères +von bisher unerreichter Anzahl. Daraus aber ergab sich eine so zu sagen +unendliche Menge elektrischer Pferdekräfte zur Bewegung der +Schrauben, welche dem Apparate eine seinen Bedürfnissen weit +überlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen Umständen +verliehen. + +</P><P> + +Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieur Robur und +darüber bewahrte er ein unverbrüchliches Geheimniß, und +wenn der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts +nicht das Glück haben, dasselbe zu durchdringen, so dürfte es +wahrscheinlich auf immer für die Menschheit verloren sein. + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß dieser Apparat infolge der +glücklich gewählten Lage seines Schwerpunktes hinreichende +Stabilität zeigte. Man brauchte also niemals zu fürchten, +daß er mit der horizontalen bedenkliche Winkel bilden oder gar +umschlagen könnte. + +</P><P> + +Es erübrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur +Robur seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der für den +„Albatros“ besonders geeignet erscheint. Welches war der so +harte Stoff, daß das Bowie-Messer Phil Evans' ihn nicht zu ritzen +und dessen Natur Onkel Prudent nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach +— Papier! + +</P><P> + +Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben große +Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Blätter mit Dextrin +und Stärkemehl imprägnirt wurden, bildet unter der Wirkung der +hydraulischen Presse ein Material von der Härte des Stahls. Man +erzeugt daraus Rollen, Schienen und Wagenräder, welche haltbarer und +gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese große +Haltbarkeit bei außerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei +der Erbauung seiner Luftlocomotive zu benützen gesucht. Alles, +Rumpf, Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem +Drucke metallähnlich geworden war und das sich — ein Umstand, +bei einem in großer Höhe dahinschwebenden Apparate gewiß +von Werth — auch als unverbrennlich erwies. + +</P><P> + +Für die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie +für die Flügel der Schrauben hatte gelatiniertes Fasergewebe +als ebenso widerstandsfähiges, wie biegsames Material gedient und +von diesem auch, da es sich allen Formen anpaßte, in den meisten +Gasen und Flüssigkeiten, Säuren und Salzen unlöslich war +— ohne von seinen isolirenden Eigenschaften zu sprechen — in +der elektrischen Maschinerie des „Albatros“ der +ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden. + +</P><P> + +Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker mit +zwei Gehilfen, zwei Bootsmänner und ein Koch — Alles in Allem +acht Personen — bildeten die ganze Besatzung des +„Albatros“, welche für die bei der Fahrt durch die Luft +nöthigen Manöver übrig ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, +Fischergeräthe, elektrische Lampen, Beobachtungsinstrumente, +Boussolen und Sextanten zur Erkennung der Fahrtrichtung, Thermometer zur +Messung der Temperatur; verschiedene Barometer, die einen, um die +erreichte Höhe, die anderen, um die Veränderung des Luftdruckes +zu messen, ein „Stormglas“ zum Erkennen drohender +Stürme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare Druckerei, ein +Geschütz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von +rückwärts geladen, ein Geschoß von sechs Centimeter +Durchmesser schleuderte; der nöthige Vorrath an Pulver, Kugeln, +Dynamitpatronen; eine Küche, in der die von Accumulatoren +gelieferten Ströme zur Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, +Fleisch und Gemüse, die in einer Cambüse <TT>ad hoc</TT> neben +Gefäßen mit Brandy, Whisky und Gin aufgestapelt waren, endlich +Alles, was während einiger Monate gebraucht werden konnte, ohne +landen zu müssen — das bildete das Material und die +Vorräthe des „Albatros“ — ohne die berühmte +Trompete zu rechnen. + +</P><P> + +Außerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an +Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem +Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden +Unglücks führte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an +Unfälle dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander +unabhängig; der Stillstand der einen blieb auf die übrigen ohne +Einfluß. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte +es schon aus, den „Albatros“ in seinem natürlichen +Element zu erhalten. + +</P><P> + +„Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine +Passagiere — Passagiere wider Willen — zu äußern, +mit ihm bin ich Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Größe +Australien und Afrika, Oceanien, Asien, Amerika und Europa +übertrifft, jenes Icariens der Luft, das eines Tages noch Tausende +von Icarussen bevölkern werden!“ </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap07" ID="kap07"></A> +<H3>VII.<BR> +In welchem der Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht +überzeugen lassen wollen. +</H3> + + +<P> +Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war höchst erstaunt, sein +Gefährte geradezu verblüfft. Aber weder der Eine, noch der +Andere wollte sich diese so natürliche Regung anmerken lassen. Der +Diener Frycollin dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord +einer solchen Maschine in den Luftraum entführt zu sehen, im +Gegentheil, er gab das offen zu erkennen. + +</P><P> + +Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig +über ihren Köpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich +ging, hätte sie doch noch um das Dreifache gesteigert werden +können, im Fall der „Albatros“ höhere Zonen +erreichen wollte. + +</P><P> + +Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen +mittelmäßigen Gang zeigten, verliehen dem Apparate nur eine +Fortbewegung von zwanzig Kilometern in der Stunde. + +</P><P> + +Sich über das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des +„Albatros“ ein langes, gewundenes, flüssiges Band +wahrnehmen, das sich gleich einem Bächlein durch wellenförmiges +Land schlängelte, in dem auch einzelne kleinere Seen die Strahlen +der Sonne glänzend widerspiegelten. Dieser Bach war übrigens +ein Fluß, und zwar einer der bedeutendsten des betreffenden +Gebiets. An seinem linken Ufer erhob sich eine Bergkette, deren +Fortsetzung sich über Gesichtsweite hinaus verlor. + +</P><P> + +„Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel +Prudent mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme. + +</P><P> + +— Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur. + +</P><P> + +— Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans +hinzu. + +</P><P> + +— Durch den Luftraum. + +</P><P> + +— Und das dauert, wie lange? ... + +</P><P> + +— So lange es Zeit erfordert. + +</P><P> + +— Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte +Phil Evans ironisch. + +</P><P> + +— Noch mehr als das, erwiderte Robur. + +</P><P> + +— Und wenn eine solche Reise uns nicht paßt? ... versetzte +Onkel Prudent. + +</P><P> + +— So wird sie ihnen eben passen müssen!“ + +</P><P> + +Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich zwischen +dem Herrn des „Albatros“ und seinen Gästen, um nicht zu +sagen, seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte +Jener ihnen jedoch erst Zeit gönnen, sich zu sammeln, den +außerordentlichen Apparat zu bewundern, der sie durch die +Lüfte trug, und ohne Zweifel auch, um dem Erfinder ihre +Glückwünsche darbringen zu können. Dieser schlenderte +scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen; sie dagegen +hatten vollständige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie und die +Gesammtausrüstung des „Aeronefs“ zu betrachten, oder +auch ihre Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren +Relief sich unter ihren Füßen so zu sagen aufrollte. + +</P><P> + +„Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht +täusche, müssen wir über den mittleren Gebietstheilen von +Canada hinschweben. Jener nach Nordwest verlaufende Fluß ist +wahrscheinlich der St. Lorenz, und die Stadt, die wir da hinter uns +lassen, ist Quebec.“ + +</P><P> + +Es war in der That die alte Stadt Champlain's, deren +Weißblechdächer wie Reflectoren in der Sonne glänzten. +Der „Albatros“ hatte sich bis zum sechsundvierzigsten Grade +der Breite erhoben — was den vorzeitigen Anbruch des Tages und die +abnorme Verlängerung des Morgenrothes hinlänglich +erklärte. + +</P><P> + +„Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt +eines Amphitheaters, der Hügel, der ihre Citadelle trägt, +dieses Gibraltar Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die +französische Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner +Kuppel und der englischen Fahne darauf!“ + +</P><P> + +Phil Evans hatte kaum ausgesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon +wieder in der Ferne zu verschwinden begann. Der Aeronef trat in eine +Schicht kleinere Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde +allmählich verhinderten. + +</P><P> + +Als Robur jetzt sah, daß der Vorsitzende und Schriftführer des +Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der äußeren Construction +des „Albatros“ zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte: + +</P><P> + +„Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Möglichkeit +einer Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind +als jene?“ + +</P><P> + +Es wäre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu +widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort. + +</P><P> + +„Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert +Sie der Hunger am Sprechen ... doch, wenn ich es unternommen habe, Sie +durch die Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, daß ich Sie +auch mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernähren wollte. Ihr erstes +Frühstück erwartet Sie.“ + +</P><P> + +Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht quälenden Hunger +verspürten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstände zu +machen. Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie +erst wieder auf der Erde abgesetzt hätte, rechneten sie nach wie vor +darauf, ihm gegenüber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu +erhalten. + +</P><P> + +Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen +<TT>dining-room</TT>, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an +welchem sie während der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug +derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus +gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein +wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzügliche nahrhafte +Suppe liefert; ferner Schnitte von geräuchertem Schinken und als +Getränk Thee. + +</P><P> + +Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt er +eine tüchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mußte gewaltigen Hunger +haben, um essen zu können, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich +aus Furcht und hätten ihm jeden anderen Dienst versagt. + +</P><P> + +„Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!“ wiederholte +der unglückliche Neger. Das machte ihm fortwährend Angst. Aber +man denke nur ... ein Sturz von fünfzehnhundert Meter, der ihn in +Pulver verwandelt hätte! + +</P><P> + +Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans wieder +auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile folgte der +Steuermann in seinem Glashäuschen, das Auge auf den Compaß +gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse. + +</P><P> + +Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frühstück in +ihrem Logis zurückgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun +die Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen +umher. + +</P><P> + +War die Geschwindigkeit des Apparats jetzt auch eine große, so +konnten die beiden Collegen darüber doch nur unvollkommen urtheilen, +obgleich der „Albatros“ aus jener Wolkenschicht wieder +hervorgetreten war und sich der Erdboden fünfzehnhundert Meter unter +ihnen deutlich zeigte. + +</P><P> + +„Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans. + +</P><P> + +— So glauben wir nicht daran,“ antwortete Onkel Prudent. + +</P><P> + +Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und ließen die Blicke +über den Horizont im Westen schweifen. + +</P><P> + +„Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans. + +</P><P> + +— Können Sie dieselbe erkennen? + +</P><P> + +— Ja, es scheint mir Montreal zu sein. + +</P><P> + +— Montreal? ... Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden +verlassen! + +</P><P> + +— Das beweist, daß diese Maschine sich mit einer +Geschwindigkeit von mindestens fünfundzwanzig Lieues die Stunde +bewegt.“ + +</P><P> + +Das war in der That die Größe der Geschwindigkeit des +„Albatros“, und wenn die Passagiere davon keine +Belästigung verspürten, lag das daran, daß sie mit dem +Winde forttrieben. Bei stillem Wetter hätte sie diese Schnelligkeit +schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Expreßzuges +gleichkommt. Bei widrigem Winde wäre dieselbe ganz unerträglich +gewesen. + +</P><P> + +Phil Evans täuschte sich nicht. Unter dem „Albatros“ +erschien Montreal, das an seiner Victoria-Brücke, einer +Röhrenbrücke über den St. Lorenz gleich dem +Bahnviaduct über die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich war. Bald +unterschied man auch seine breiten Straßen, die ungeheuren +Magazine, die Paläste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings +nach dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica und +endlich den Mont-Royal, der die ganze Stadt überragt und zu einem +herrlichen Park umgeschaffen ist. + +</P><P> + +Es war ein Glück zu nennen, daß Phil Evans die Hauptstadt +Canadas schon früher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres +erkennen, ohne Robur erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie etwa einhalb +zwei Uhr Nachmittags, über Ottawa hinweg, dessen Fälle, von +oben gesehen, einem ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein +furchtbares Ueberschäumen einen großartigen Effect +hervorbrachte. + +</P><P> + +„Da ist der Parlaments-Palast,“ sagte Phil Evans. + +</P><P> + +Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nürnberger Spielzeug, das +auf einem Hügel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner +vielfarbigen Architektur glich dem Parlamenthaus zu London, wie die +Kathedrale von Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger +war und blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa. + +</P><P> + +Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem +Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf +der Erde. + +</P><P> + +Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein +Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei +Worte. Letzter übermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder- +und im Hinterruff. Auf ein Zeichen veränderte der Steuermann die +Richtung des „Albatros“, so daß dieser um zwei Grade +nach Südwesten abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil +Evans wahrnehmen, daß den Treibschrauben des Aeronefs eine +größere Schnelligkeit verliehen wurde. + +</P><P> + +Diese Schnelligkeit hätte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden +können, und man hätte damit eine Maschine erhalten, welche alle +Erdmaschinen weit hinter sich lassen mußte. + +</P><P> + +Man urtheile selbst: Torpedoboote können zwanzig Knoten oder vierzig +Kilometer in der Stunde zurücklegen. Die schnellsten +Eisenbahnzüge bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf +den übereisten Seen der Vereinigten Staaten bis auf +hundertfünfzehn; eine in der Werkstatt Patterson's erbaute Maschine +mit Zahnrädern hat über den Erie-See hinweg +hundertdreißig erreicht und eine andere Locomotive zwischen Trenton +und Jersey gar hundertsiebenunddreißig Kilometer. + +</P><P> + +Der „Albatros“ aber konnte beim Maximum seiner +Kraftäußerung mittelst seiner Treibschrauben sich zweihundert +Kilometer in der Stunde, das heißt fast fünfzig Meter in der +Secunde, fortbewegen. + +</P><P> + +Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bäume +entwurzelt, die jenes Windstoßes, der bei dem Sturm vom 21. +September 1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde +dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche +nur noch von der gewöhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern +in der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern) +übertroffen wird. + +</P><P> + +Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der „Albatros“ +hätte bei Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt +um die Erde binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht +acht Tagen zurücklegen können. + +</P><P> + +Ob die Erde jener Zeit schon 450.000 Kilometer Eisenstraßen +besaß, d. h. eine Länge, welche elfmal den Aequator +umspannt hätte — so blieb das doch für diese fliegende +Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das ganze große Luftmeer +offen? + +</P><P> + +Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufügen? Jenes Phänomen, +dessen Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt +hatte, war der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die +schmetternden Fanfaren in den Lüften ertönen ließ, war +die des Obersteuermanns Tom Turner. Die Flaggen, welche man auf den +Hauptbauwerken Europas, Asiens und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, +war die Flagge Robur's des Siegers und seines „Albatros“. + +</P><P> + +Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um nicht +erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren war, +die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtströme erhellte, +während er den Tag über jenseits der Wolken zu verschwinden +trachtete, so schien er sein Geheimniß doch jetzt nicht mehr +bewahren zu wollen. Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich +in dem Sitzungssaale des Weldon-Instituts vorgestellt hatte, konnte er da +etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren +Entdeckung, um selbst die Ungläubigsten <TT>ipso facto</TT> zu +überzeugen? + +</P><P> + +Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche +Repressalien er gegenüber dem Vorsitzenden und dem +Schriftführer des bekannten Clubs zu ergreifen gedachte. + +</P><P> + +Inzwischen hatte sich Robur den beiden Männern genähert. Diese +stellten sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten +über das, was sie vor sich sahen: offenbar setzte sich +allmählich unter diesen beiden angelsächsischen Schädeln +ein Starrsinn fest, der nur schwierig auszurotten sein würde. + +</P><P> + +Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele +ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gespräch fort, +das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war: + +</P><P> + +„Sie haben sich ohne Zweifel damit befaßt, meine Herren, ob +dieser für die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch +eine noch größere Geschwindigkeit annehmen könne. Er +wäre indeß nicht würdig, den Luftraum sozusagen besiegt +zu haben, wenn er sich denselben nicht gänzlich unterwürfig +machen könnte. Ich bin darauf ausgegangen, die Luft als festen +Stütz- und Angriffspunkt zu benützen, und als solcher dient sie +mir. Ich sah längst ein, daß man, um gegen den Wind +anzukämpfen, stärker sein müsse, als dieser, und ich bin +stärker. Ich bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder +Räder, die mich treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter +fortzukommen — nur Luft ... nichts weiter! Luft, die mich ganz +ebenso umgiebt, wie das Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine +Propeller sich drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das +ganze Geheimnis, wie ich das Problem der Aviation löste; da haben +Sie, was weder ein Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die +Luft ist, jemals leisten wird.“ + +</P><P> + +Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne daß sich der +Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen ließ. Er begnügte +sich, verstohlen zu lächeln, und fuhr in folgenden Fragesätzen +fort: + +</P><P> + +„Sie fragen vielleicht, ob der „Albatros“ mit dieser +Kraft, die ihn horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft +verbindet, um sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob +er, wenn es sich darum handelte, große Höhen zu erreichen, +werde noch mit einem Aerostaten wetteifern können? Nun, ich +würde Ihnen nicht rathen, den <TT>Go a head</TT> mit ihm um den +Preis kämpfen zu lassen.“ + +</P><P> + +Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht +der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu können glaubten. + +</P><P> + +Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und +nachdem der „Albatros“ etwa noch eine Meile in gleicher +Richtung dahin geschwebt war, blieb auch er unbeweglich. + +</P><P> + +Auf ein zweites Zeichen Robur's setzten sich die Auftriebsschrauben in +Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man füglich +hätte mit den zu akustischen Experimenten benützten Sirenen +vergleichen können. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast +eine ganze Octave, während dessen Intensität wegen der jetzt +dünneren Luft abnahm, und der Apparat strebte lothrecht in die +Höhe, wie eine Lerche, welche ihre hellen Töne durch die +Lüfte schmettert. + +</P><P> + +„Herr! Bester Herr! ... rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht +Alles in Stücke geht!“ + +</P><P> + +Ein verächtliches Lächeln war Robur's ganze Antwort. Nach +wenigen Minuten hatte der „Albatros“ eine Höhe von +zweitausendsiebenhundert Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf +siebenzig Meilen ausdehnte — dann eine solche von viertausend +Metern, was der bis auf vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende +Barometer anzeigte. + +</P><P> + +Nach dieser gelungenen Vorführung sank der „Albatros“ +wieder herab. Die Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten +bedingt bekanntlich eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und +deshalb auch im Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unfälle, +welche schon Hunderten von Luftschiffern zugestoßen sind. Robur +aber hielt es für nutzlos, sich einem solchem auszusetzen. + +</P><P> + +Der „Albatros“ gelangte also nach derjenigen Höhe +zurück, die er mit Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in +Thätigkeit gesetzten Treibschrauben führten ihn jetzt mit +vermehrter Geschwindigkeit nach Südwesten hin. + +</P><P> + +„Jetzt, meine Herren, können Sie sich, wenn Sie nur darnach +fragten, selbst Antwort geben.“ + +</P><P> + +Hiermit neigte er sich über die Reeling hinaus und blieb so in +Betrachtung versunken stehen. + +</P><P> + +Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der +Schriftführer des Weldon-Institut vor ihn hingetreten. + +</P><P> + +„Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu +bemeistern suchte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns +keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf welche +wir jedenfalls Antwort erwarten. + +</P><P> + +— Reden Sie! + +</P><P> + +— Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im +Fairmont-Park überfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle +eingeschlossen? Mit welchem Rechte entführen Sie uns wider Willen an +Bord dieser fliegenden Maschine? + +</P><P> + +— Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete +Robur, mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem +Club bedroht, und zwar in einer Weise, daß ich mich selbst wundere, +lebend davon gekommen zu sein. + +</P><P> + +— Fragen heißt nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich +wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie? + +</P><P> + +— Sie wollen das wissen? ... + +</P><P> + +— Wenn es Ihnen gefällig ist. + +</P><P> + +— Nun wohl, mit dem Rechte des Stärkeren! + +</P><P> + +— Das ist cynisch! + +</P><P> + +— Aber es ist so. + +</P><P> + +— Und wie lange, Bürger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem +nun die Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns +gegenüber auszunützen? + +</P><P> + +— Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie können +Sie nur eine solche Frage stellen, da Sie nur den Blick zu senken +brauchen, um ein Schauspiel zu genießen, das in der Welt nicht +seines Gleichen findet?“ + +</P><P> + +Der „Albatros“ spiegelte sich eben in der ungeheuren +Fläche des Ontario-Sees, er war eben über das von Cooper so +hoch poetisch besungene Land gekommen, dann folgte er der Südgrenze +dieses weiten Wasserbeckens und wandte sich dem berühmten Flusse zu, +der ihm die Gewässer des Erie-Sees, aber zerstäubt im seinen +Katarakten, zuführt. + +</P><P> + +Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majestätisches +Geräusch, gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als +ob sich ein feuchter Dunst in den Lüften verbreitete, wurde die +Temperatur merklich kühler. + +</P><P> + +Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen +hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich +zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des +Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglänzten. Es war ein wirklich +erhebender Anblick. + +</P><P> + +Vor diesen Fällen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte +schmale Brücke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten — +etwa drei Meilen entfernt war eine Hängebrücke darüber +geschlagen, über welche sich eben ein Bahnzug hinschlängelte, +der von dem canadischen Ufer nach dem amerikanischen zu dampfte. + +</P><P> + +„Die Niagarafälle!“ rief Phil Evans. + +</P><P> + +Und dieser Ausruf entfuhr ihm, während Onkel Prudent sich die +erdenklichste Mühe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen +entrollten, scheinbar nicht zu beachten. + +</P><P> + +Eine Minute später hatte der „Albatros“ den Strom +überschritten, der die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada +scheidet, und er schwebte nun über den unendlich weiten Gebieten des +nördlichen Amerika. </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap08" ID="kap08"></A> +<H3>VIII.<BR> +Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf +die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten. +</H3> + + + +<P> +In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent +und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerstätten, Wäsche, eine +hinreichende Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst Mänteln +und Reisedecken vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer hätte +ihnen mehr Bequemlichkeiten bieten können. Wenn sie nicht in einem +fort schliefen, so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie +mindestens sehr beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch' +unberechenbares Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und +zwar wider ihren Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie +würde die ganze Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich +der Ingenieur Robur? — Das war gewiß genug Material, +unausgesetzt ihre Gedanken zu erfüllen. + +</P><P> + +Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom +„Albatros“ zusammenstoßenden Cabine untergebracht +worden. Diese Nachbarschaft mißfiel ihm keineswegs — er +liebte es, sich mit den großen dieser Erde auf guten Fuß zu +stellen. Doch wenn er endlich einschlief, so träumte der arme Teufel +nur vom Herabstürzen durch die Luft, was seinen Schlummer zum +fortwährenden Alpdrücken verunstaltete. + +</P><P> + +Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben +durch die Atmosphäre, deren Strömung sich am Spätabend +ganz gelegt hatte. Außer dem Schwirren der Schraubenflügel +drang kein Geräusch nach dieser Höhe, höchstens zuweilen +der schrille Pfiff einer irdischen Locomotive, die auf ihrer +Eisenstraße dahinrollte, oder kaum vernehmbare Laute von +Hausthieren. — Ein eigenthümlicher Instinct schien diesen +Erdengeschöpfen zu verrathen, daß die Flugmaschine über +ihnen hinglitt, und das veranlaßte sie, einen Angstschrei von sich +zu geben. + +</P><P> + +Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil +Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des +„Albatros“. Eine Veränderung gegen den Vortag zeigte +sich nicht, der Ausguck stand am vorderen, der Steuermann am hinteren +Theile desselben. Wozu diente aber hier ein Wachtposten? Fürchtete +man auch mit der ersten Maschine dieser Art einen etwaigen +Zusammenstoß? Nein, das gewiß nicht. Robur hatte ja noch +keine Nachahmer gefunden. Die Möglichkeit, einem in den Lüften +schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, daß sie +füglich außer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls +wäre der Aerostat am schlimmsten daran gewesen — wie bei einem +Zusammenstoß des eisernen Topfes mit dem irdenen. Der +„Albatros“ hatte von einer solchen Collision ja so gut wie +nichts zu fürchten. + +</P><P> + +Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht +ausgeschlossen, daß der Aeronef unversehens auf eine Küste +zusteuerte, wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln +kann, ihm den Weg versperrte. Ein solcher Berg wäre also eine Klippe +in der Luft, und diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe +des Meeres zu meiden hat. + +</P><P> + +Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitän die Fahrtrichtung +angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen Höhe, in der +sich der Apparat halten mußte, um auch die höchsten Berggipfel +der betreffenden Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber +eben im stark gebirgigem Lande befand, war es gewiß nur ein Gebot +der Klugheit, sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem +Grunde vom richtigen Laufe abwich. + +</P><P> + +Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel Prudent +und Phil Evans einen großen Binnensee, dessen nach Süden +gelegene Spitze der „Albatros“ bald erreichen mußte. +Sie schlossen daraus, daß sie während der Nacht über den +Erie-See in seiner ganzen Länge weggekommen wären. Da der +Aeronef nun direct nach Westen steuerte, so mußten sie später +den äußersten Theil des Michigan-Sees erreichen. + +</P><P> + +„Hier ist kein Zweifel möglich, sagte Phil Evans, jenes Meer +von Dächern am Horizonte ist Chicago!“ + +</P><P> + +Er täuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn +Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Königin des Westens, das +ungeheure Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, +Missouri und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenströmen, +welche den westlichen Theil der Union bilden. + +</P><P> + +Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem Ruff +gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebäude jener +Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die öffentlichen Bauten, +die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Hôtel Sheeman +zeigen, das einem großen Würfel, wie man solche zum Spielen +gebraucht, glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf +jeder Seite erschienen. + +</P><P> + +„Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen, +daß wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, +als es wünschenswert wäre, um nach unserem Abfahrtspunkt +zurückzukehren.“ + +</P><P> + +Der „Albatros“ entfernte sich in der That in gerader Linie +von der Hauptstadt Pennsylvaniens. + +</P><P> + +Hätte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun +nach Osten zurückzuführen, so wäre das jetzt wenigstens +unmöglich gewesen. Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar +keine Eile zu haben, seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit +irgend welchen Arbeiten beschäftigt sein oder vielleicht nur noch +schlafen. Die beiden Collegen mußten also frühstücken, +ohne ihn gesehen zu haben. + +</P><P> + +Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verändert. +Bei der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht +lästig, und da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der +Erhebung um hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur +eine erträgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent +und Phil Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben +— wenn der Ausdruck erlaubt ist — welche immerhin eine so +schnelle Drehbewegung einhielten, daß die Strahlen ihrer +Flügel zu einer halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen. + +</P><P> + +In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise längs seiner +Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den +Vater der Gewässer, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer +nicht größer als gewöhnliche Kähne erschienen. Dann +wendete sich der „Albatros“ nach Iova, nachdem Iova-City +gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war. + +</P><P> + +Einzelne Hügelketten, die „Bluffs“, schlängelten +sich von Süden nach dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre +mäßige Höhe machte keine besondere Aufsteigung des +Aeronefs nöthig. Diese Bluffs mußten auch bald noch niedriger +werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz zu machen, welche +sich über dessen ganzen nördlichen Theil, wie über +Nebraska ausdehnen — ungeheure Prairien, welche bis zum Fuß +der Felsengebirge heranreichen. Da und dort glänzten zahlreiche +Rios, Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern +lagen Städte und Dörfer, welche jedoch immer seltener wurden, +je nachdem der „Albatros“ schneller nach dem Far-West +über sie hinwegglitt. + +</P><P> + +Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und +Phil Evans blieben sich gänzlich selbst überlassen. Kaum +bemerkten sie einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und +die Augen geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens +litt er nicht etwa an Schwindelzufällen, wie man hätte glauben +können. Wegen Mangels an Vergleichsobjecten hätte sich dieser +Schwindel überhaupt nicht in derselben Weise äußern +können, wie etwa auf dem Dache eines hohen Gebäudes; der +Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in der Gondel eines +Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm schwebt, oder +vielmehr unter dem Aeronauten gähnt gar kein Abgrund, sondern der +Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt denselben. + +</P><P> + +Um zwei Uhr glitt der „Albatros“ über Omaha an der +Grenze von Nebraska hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der +Pacific-Bahn, jenes fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, +der New-York und San Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man +die gelblichen Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- +und Steinhäusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem +Schloß eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt. + +</P><P> + +Zweifellos mußten, während die Passagiere des Aeronefs alle +diese Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den +seltsamen Apparat wahrgenommen haben. + +</P><P> + +Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen, +konnte gewiß nicht größer sein, als das des Vorsitzenden +und des Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben +zu befinden. + +</P><P> + +Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der +Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklärung des +Phänomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt +beschäftigte. + +</P><P> + +Eine Stunde später war der „Albatros“ schon über +Omaha hinweg. Der „Albatros“ steuerte jetzt constant nach +Westen, indem er sich vom Platte-River entfernte, dessen Thal die +Pacific-Railway durch die Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans +konnte diese Wahrnehmung gerade nicht befriedigen. + +</P><P> + +„Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den +Antipoden zu bringen, sagte der Eine. + +</P><P> + +— Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, +dieser Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, +mit mir spielen zu lassen! + +</P><P> + +— Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem +Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu mäßigen ... + +</P><P> + +— Mich mäßigen! ... + +</P><P> + +— Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der +Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen.“ + +</P><P> + +Gegen fünf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern +bedeckten schwarzen Berge flog der „Albatros“ über jenen +Gebieten hin, die man mit Recht das „schlimme Land“ genannt +hat — ein Chaos von ockerfarbigen Hügeln, gleichsam von +Bergstücken, welche der Schöpfer hatte auf die Erde fallen +lassen und die dabei in Trümmer gegangen waren. Von ferne gesehen, +nahmen diese Blöcke die phantastischesten Formen an. Da und dort +inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von Bruchstücken erblickte man +Ruinen von mittelalterlichen Städten mit Forts, Wartthürmen, +Laufgräben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses „schlimme +oder böse Land“ aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in +dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von +fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution in +grauer Vorzeit hierher geworfen wurden. + +</P><P> + +Mit einbrechendem Abend war schon das große Becken des Platte-River +übersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem „Albatros“ eine +weite Ebene bis zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten +Horizonte aus. + +</P><P> + +Während der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der +Locomotive oder die heulenden Töne von Dampfbooten, welche die Ruhe +des gestirnten Firmaments störten. Lang anhaltendes Grunzen und +Blöcken drang manchmal bis zu dem, übrigens jetzt der Erde +näheren Aeronef hinauf. Dasselbe rührte von den Bisonheerden +her, welche bei Aufsuchung von Wasserläufen und Weideland durch die +Prairie trotteten. Und wenn jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln +des Grases unter ihren Hufen ein dumpfes Geräusch, ähnlich dem +Rauschen einer Ueberschwemmung, und sehr verschieden von dem Schwirren +und Sausen der Schrauben. + +</P><P> + +Von Zeit zu Zeit ließ sich wohl auch das Heulen von Wölfen, +das Gebell und Geschrei von Füchsen und Wildkatzen hören oder +das scharfe Bellen von Coyots, jenes <TT>canis latrans</TT>, dessen Name +sich schon durch die gellenden Töne des Thieres rechtfertigt. + +</P><P> + +Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und +Absinth, vermischt mit dem kräftigen Harzgeruch von Coniferen, in +der reinen Nachtluft. + +</P><P> + +Endlich hörte man, um alle vom Erdboden kommenden Geräusche zu +erwähnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht +von den Coyots herrührte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen +kein Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres +verwechseln könnte. + +</P><P> + +Am 15. Juni verließ Phil Evans gegen fünf Uhr Morgens seine +Cabine. Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich +wiedersehen. + +</P><P> + +Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht +gezeigt haben möge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner. + +</P><P> + +Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fünfundvierzig Jahre +alt, breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von +Eisen, hatte einen jener charakteristischen Köpfe à la +Hogarth, wie sie dieser Maler der angelsächsischen +Häßlichkeiten aus seinem Pinsel hervorgezaubert hat. Wer die +Tafel IV von Harlots Progreß genauer betrachtet, der wird auf +derselben den Kopf Tom Turner's auf den Schultern des +Gefängnißwärters wiederfinden und wird erkennen, +daß dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat. + +</P><P> + +„Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans. + +</P><P> + +— Weiß nicht, antwortete Tom Turner. + +</P><P> + +— Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist. + +</P><P> + +— Vielleicht. + +</P><P> + +— Auch nicht, wann er zurückkehren könnte. + +</P><P> + +— Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist.“ + +</P><P> + +Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff. + +</P><P> + +Phil Evans mußte sich wohl oder übel mit dieser Antwort +begnügen, welche umso weniger beruhigend erschien, als eine +fortgesetzte Beobachtung des Compasses ihm lehrte, daß der +„Albatros“ noch immer nach Südwesten weiter steuerte. +Welcher Unterschied aber zwischen dem seit der Nacht verlassenen Gebiete +des schlimmen Landes und der Landschaft, die sich jetzt unten auf der +Erde entrollte! + +</P><P> + +Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurückgelegt, +befand er sich über einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde +nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht +hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten, +bekrönten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus +Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Dörfer gab es nur wenige +und ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldführenden, einige +Grade südlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend +verschiedenen Landstriche. + +</P><P> + +In der Ferne erhob sich, vorläufig nur in verschwindenden Umrissen, +eine Reihe von Bergkämmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig +leuchtendem Kranze schmückte. + +</P><P> + +Das waren die Felsengebirge. + +</P><P> + +Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil +Evans eine empfindliche Kälte. Die Erniedrigung der Temperatur war +aber nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne +leuchtete fortwährend in hellem Glanze. + +</P><P> + +„Das wird von der Erhebung des „Albatros“ in der +Atmosphäre herkommen,“ meinte Phil Evans. + +</P><P> + +In der That war der an der äußeren Seite der Thür des +mittleren Ruffs angebrachte Barometer bis auf fünfhundertvierzig +Millimeter gesunken — was einer Erhebung von etwa dreitausend +Metern entspricht. Der Aeronef hielt sich also in einer bedeutenden, +übrigens durch die gebirgige Bodenbeschaffenheit bedingten +Höhe. + +</P><P> + +Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Höhe von viertausend Metern +übersteigen müssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit +ewigem Schnee bedeckte Berghäupter. + +</P><P> + +Weder Onkel Prudent noch sein Gefährte konnten sich erinnern, +welches Land das wohl wäre. Im Laufe der Nacht hatte der +„Albatros“ ja einen anderen Weg nach Norden oder Süden +einhalten können, und bei seiner übermäßigen +Schnelligkeit genügte das, sie schon sehr weit zu verschlagen. + +</P><P> + +Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen +besprochen, einigten sie sich darüber, daß das vorliegende, +von einem kreisförmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein +werde, welches durch Congreßacte vom März 1872 zum +Nationalpark der Vereinigten Staaten erklärt worden war. + +</P><P> + +Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollständig den +Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hügel, +mit Seen statt der Teiche, mit Strömen statt der Bäche, mit +tiefen Wäldern statt künstlich angelegter Labyrinthe, und als +Springbrunnen schmückten denselben wirkliche Geyser von +erstaunlicher Mächtigkeit. + +</P><P> + +Nach wenig Minuten glitt der „Albatros“, den Stevensonberg +rechts liegen lassend, über den Yellowstone-Fluß hin und +gelangte nach dem großen See, der den Namen jenes Flusses +trägt. Welch' reiche Abwechslung im Zuge der Ufer dieses +Wasserbeckens, deren flachere, mit Obsidianen und kleinen Krystallen +besäete Ränder die Sonnenstrahlen in unzähligen Facetten +widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln über seine +Oberfläche zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser Riesenspiegel +die Farbe des Himmels zurück! Und rings um diesen See — +übrigens einer der höchstgelegenen der ganzen Erde — +schwammen und flatterten ganze Wolken verschiedener Vögel, wie +Pelikane, Schwäne, Möven, Gänse, Rothgänse und +Tauchervögel. Einige der Strecken des steiler abfallenden Uferlandes +trugen ein immergrünes Gewand von Fichten- und +Lärchenbäumen, während am Fuße seiner +Böschungen unzählige weiße Dampfquellen emporwirbelten. +Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden wie aus einem ungeheuren Kessel, in +dem das Wasser durch das Feuer des Erdinneren in fortwährendem +Sieden erhalten wird. + +</P><P> + +Für den Koch wäre jetzt oder niemals eine günstige +Gelegenheit gewesen, sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu +versorgen, welche Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch +zu Myriaden, ernährt. Der „Albatros“ hielt sich jedoch +stets in einer solchen Höhe, daß ein Fischzug, der +unzweifelhaft von einträglichem Erfolge gewesen wäre, sich +nicht hätte ausführen lassen. + +</P><P> + +Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig +später das Gebiet der Geyser, die mit den schönsten in Island +wetteifern, überschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt, +beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flüssigen Säulen, +die hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues +Kraftelement zuführen. Es waren das „der Fächer“, +dessen Dämpfe sich kreisförmig ausbreiten; „das +befestigte Schloß“, das sich gleichsam durch +Trombenschüsse zu vertheidigen scheint; „der alte Treue“ +mit seiner von Regenbogen begrenzten Flüssigkeitssäule, und +„der Riese“, durch den der innere Druck einen lothrechten +Strom von fünfundzwanzig Fuß Umfang auf mehr als zweihundert +Fuß Höhe emporschleudert. + +</P><P> + +Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das +gewiß in der Welt einzig dasteht, schon zur Genüge zu kennen, +denn er erschien nicht auf dem Verdeck. + +</P><P> + +Sollte er den Aeronef nur zum Vergnügen seiner Gäste über +dieses National-Eigenthum hingeführt haben? Wenn diese Voraussetzung +auch vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. +Er ließ sich nicht einmal durch die kühne Fahrt quer durch die +Felsengebirge, welche der „Albatros“ gegen sieben Uhr Morgens +erreichte, aus seiner Ruhe stören. + +</P><P> + +Es ist bekannt, daß dieses orographische System sich gleich einem +gewaltigen Rückgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse +hin ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. +Das Ganze erreicht eine Länge von dreitausendfünfhundert +Kilometern und hat seinen höchsten Punkt im Pic-James, der bis fast +zwölftausend Fuß hoch aufragt. + +</P><P> + +Gewiß hätte der „Albatros“ durch Vermehrung seiner +Flügelschläge, gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch +die höchsten Gipfel dieser Ketten überfliegen können, um +dann wie mit Riesenschwingen nach Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses +Manöver war aber nicht einmal nothwendig, da es hier Pässe +giebt, um durch die Bergkette zu gelangen, ohne deren Kamm zu +übersteigen. Man findet verschiedene solcher +„Cañons“, eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, +durch welche man nur schwer gelangen kann — die einen, wie der +Bridger-Paß, dem auch die Pacific-Bahn folgt, um in das +Mormonengebiet einzudringen, die anderen etwas weiter im Norden oder im +Süden. + +</P><P> + +In einen dieser Cañons lenkte der „Albatros“ ein, +nachdem er seine Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein +Anstoßen an die Wände der Schlucht zu vermeiden. Der +Steuermann, dessen ungemein sichere Hand die vorzügliche Wirksamkeit +des Steuerruders in besonders helles Licht setzte, lenkte denselben, wie +er es mit einem Boote ersten Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club +gethan hätte. Es war in der That bewunderungswürdig anzusehen. +Und trotz des Widerwillens, den die beiden Feinde des „Schwerer, +als die Luft“ noch immer empfanden, mußten sie doch +entzückt sein über die Vollkommenheit dieser sich durch den +Luftraum bewegenden Maschine. + +</P><P> + +Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige +Bergkette durchfahren und der „Albatros“ nahm seine +gewöhnliche Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) +wieder an. Er steuerte jetzt auf's Neue dem Südwesten zu, um nicht +gar zu hoch über dem Erdboden das Gebiet von Utah schräg zu +durchschneiden. Dabei war er bis auf wenige hundert Meter gesunken, als +die Töne einer Pfeife die Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil +Evans' erregten. + +</P><P> + +Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am +großen Salzsee zudampfte. + +</P><P> + +In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der +„Albatros“ noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft +dahinfahrenden Zuge zu folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Köpfe +erschienen an den Thüren der Waggons. Dann drängten sich bald +zahlreiche Passagiere auf den kleinen Laufbrücken, welche die +amerikanischen „Cars“ mit einander verbinden. Einzelne wagten +es sogar, die Doppelwagen des Trains zu erklettern, um die Flugmaschine +besser sehen zu können. Laute Hipps und Hurrahs dröhnten durch +die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur erscheinen zu lassen. + +</P><P> + +Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der +„Albatros“ noch immer tiefer hinunter und verminderte auch +seine horizontale Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem hätte +überholen können, nicht hinter sich zu lassen. So flog er +über diesen hin, wie ein ungeheurer Käfer, während er doch +hätte einem riesenhaften Raubvogel gleichen können. Jetzt +schwenkte er wie spielend nach rechts und nach links ab, schoß +einmal vorwärts und kehrte auf demselben Wege wieder zurück, +auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne +gehißt, worauf der Zugführer als Antwort das Banner mit den +siebenunddreißig Sternen der amerikanischen Union schwenkte. + +</P><P> + +Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende +Gelegenheit zu benützen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen +geworden wäre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts +mit Stentorstimme: + +</P><P> + +„Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!“ + +</P><P> + +Und der Schriftführer. + +</P><P> + +„Ich bin Phil Evans, sein College!“ + +</P><P> + +Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere des +Zugs die merkwürdige Erscheinung des Luftschiffes +begrüßten. + +</P><P> + +Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck desselben +erschienen und Einer von ihnen ließ — wie es Seeleute zu thun +pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff überholen — +nach dem Zuge ein Stück Tau hinab — ein ironisches Angebot, +ihn in's Schlepptau zu nehmen. + +</P><P> + +Dann nahm der „Albatros“ sofort seinen gewöhnlichen Gang +wieder an und nach einer halben Stunde hatte er jenen Expreßzug, +dessen letzte Dampfwölkchen bald aus dem Gesichtskreise +verschwanden, schon weit hinter sich gelassen. + +</P><P> + +Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr große Scheibe sichtbar, +welche die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector +zurückwarf. + +</P><P> + +„Das muß die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, +sein!“ sagte Onkel Prudent. + +</P><P> + +In der That war es die große Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe +war das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen +kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der +Sonne nach allen Richtungen hin. + +</P><P> + +Hier dehnte sich die große Stadt aus am Fuße der +Wasatsh-Berge, welche bis zur halben Höhe mit Cedern und Fichten +bedeckt sind, und am Ufer jenes Jordan, der die Gewässer von Utah in +den großen Salzsee ergießt. Unter dem Aeronef breitete sich +das Damenbrett aus, welches die meisten amerikanischen Städte bilden +— hier ein Damenbrett mit „mehr Damen als Feldern“, da +die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blüthe steht. Die +Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und cultivirt, +auch reich an Spinnfaserpflanzen, während sich Schafheerden von mehr +als tausend Köpfen vielfach umhertummelten. + +</P><P> + +Aber das Ganze verblaßte wie ein Schatten, und der +„Albatros“ flog jetzt nach Südwest mit gesteigerter +Geschwindigkeit, welche ziemlich fühlbar wurde, weil sie die des +Windes übertraf. + +</P><P> + +Bald darauf schwebte der Aeronef über dem Staate Nevada und seinen +silberführenden Gebieten, die nur die Sierra von den +goldführenden Ländereien Kaliforniens trennt. + +</P><P> + +„Wir können auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor +dem Abend zu sehen, sagte Phil Evans. + +</P><P> + +— Und dann?...“ antwortete Onkel Prudent. + +</P><P> + +Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch +denselben Einschnitt von Truckie überschritten wurde, der auch der +Bahn als Bergpaß dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert +Kilometer zurückzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch +mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen. + +</P><P> + +Die dem „Albatros“ jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine +so große, daß noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am +westlichen Horizonte auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten +zu verschwinden. + +</P><P> + +Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen gingen +auf ihn zu. + +</P><P> + +„Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den +Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz könnte nun sein Ende +finden. + +</P><P> + +— Ich scherze nie,“ antwortete Robur. + +</P><P> + +Er gab ein Zeichen; der „Albatros“ senkte sich schnell +abwärts, doch gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, +daß sich Alle in die Ruffs flüchten mußten. + +</P><P> + +Kaum hatte sich die Thür der Cabine hinter den beiden Collegen +geschlossen, als Onkel Prudent rief: + +</P><P> + +„Nur noch etwas mehr und ich erwürge ihn! + +</P><P> + +— Wir müssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans. + +</P><P> + +— Ja ... es koste, was es wolle!“ + +</P><P> + +Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein. + +</P><P> + +Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Küstenfelsen brandete. +Es war der Pacifische Ocean. +</P> + + + +<HR> + + +<A NAME="kap09" ID="kap09"></A> +<H3>IX.<BR> +In dem der „Albatros“ fast zehntausend Kilometer +zurücklegt und das mit einem merkwürdigen Sprunge endigt. +</H3> + + +<P> +Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen. +Hätten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr +kräftigen Männern zu thun gehabt, welche die Besatzung des +Aeronefs bildeten, so würden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. +Ein kühner Handstreich hätte sie zu Herren an Bord gemacht und +ihnen die Möglichkeit gegeben, an einem beliebigen Punkte der +Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu Zweien aber — denn Frycollin +konnte ja nur als verschwindende Größe gezählt werden +— war daran nicht wohl zu denken; da jede Gewaltanwendung also +ausgeschlossen blieb, mußten sie, sobald der „Albatros“ +einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen. Das +bemühte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen +beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthätige +Uebereilung fürchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte. + +</P><P> + +Jedenfalls war jetzt kein günstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in +schnellster Gangart eben über den Nordpacifischen Ocean hin. Schon +am nächsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der +Küste, und da diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der +Alëuten — das ist der früheren russischen Besitzung in +Amerika, welche 1867 an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde — +in einem großen Bogen verläuft, so hatte es den Anschein, als +ob der „Albatros“ letztere an dem vorspringendsten +Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene +Fahrtrichtung nicht verändert wurde. + +</P><P> + +Wie lang erschienen die Nächte jetzt den beiden Collegen! Sie +beeilten sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute +nach dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollständig +hell. Man näherte sich ja der Sommersonnenwende, dem längsten +Tage auf der nördlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. +Breitengrade eigentlich kaum Nacht wird. + +</P><P> + +Der Ingenieur Robur dagegen schien — ob aus Gewohnheit oder mit +Absicht — keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; +und als das heute endlich geschah, begnügte er sich, seine beiden +Gäste zu begrüßen, als er auf dem Hintertheile des +Aeronef ihren Weg kreuzte. + +</P><P> + +Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit +gerötheten Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus +seiner Cabine gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fuß es +empfindet, daß dem Boden darunter nicht recht zu trauen ist. Sein +erster Blick richtete sich nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich +zu beeilen, mit beruhigender Regelmäßigkeit arbeitete. + +</P><P> + +Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und +ergriff diese mit beiden Händen, um sich, mehr Gleichgewicht zu +sichern. Offenbar wünschte er einen Ueberblick über das Land zu +gewinnen, das der „Albatros“ jetzt in der Höhe von +höchstens zweihundert Metern überflog. + +</P><P> + +Frycollin hatte sich tüchtig zusammennehmen müssen, um einen +solchen Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer +gewissen Kühnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr +auszusetzen. + +</P><P> + +Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Körper nach +rückwärts geneigt, dann schüttelte er an derselben, um +ihre Haltbarkeit zu prüfen; nachher richtete er sich auf, beugte +sich etwas nach vorwärts und steckte endlich den Kopf ein wenig +hinaus. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß er während +der Dauer dieses Experimentes beide Augen fest geschlossen hielt. Endlich +öffnete er dieselben. + +</P><P> + +Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurück und wie +verkroch sich sein Kopf zwischen den Schultern! + +</P><P> + +Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wären +seine Haare nicht gar zu krank gewesen, sie hätten sich gewiß +über der Stirn gesträubt. + +</P><P> + +„Das Meer! Das Meer! ...“ schrie er auf. + +</P><P> + +Frycollin wäre lang auf das Verdeck hingestürzt, wenn der Koch +nicht die Arme ausgebreitet hätte, ihn aufzufangen. + +</P><P> + +Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich +François Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so +mußte er während seiner Kindheit die Brisen der Garonne +eingesaugt haben. Wie dieser François Tapage aber in die Dienste +des Ingenieurs gekommen, durch welche Reihe von Zufälligkeiten er +unter die Mannschaft des „Albatros“ gerathen war, das +wußte kein Mensch. Jedenfalls sprach dieser Schlaukopf englisch +trotz jedem Yankee. + +</P><P> + +„Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit +kräftigem Handgriffe aufrichtend. + +</P><P> + +— Master Tapage! ... antwortete der arme Teufel, einen +verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend. + +</P><P> + +— Was willst Du denn, Frycollin? + +</P><P> + +— Geht das manchmal entzwei? + +</P><P> + +— Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen. + +</P><P> + +— Warum? ... Warum denn? ... + +</P><P> + +— Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu +Hause sagt. + +</P><P> + +— Ja, aber da ist ja das Meer darunter? ... + +</P><P> + +— Im Fall eines Sturzes ist das viel besser. + +</P><P> + +— Doch da muß man ertrinken! + +</P><P> + +— Man ertrinkt freilich, aber man behält seine Knochen“, +erwiderte François Tapage zuversichtlich. + +</P><P> + +Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief hinein +in seine Cabine geschlichen. + +</P><P> + +Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere Geschwindigkeit +ein. Er schien an der Oberfläche dieses so ruhigen Meeres, das im +vollen Sonnenschein glänzte, fast hinzustreichen, da er sich kaum +hundert Fuß über demselben hielt. Heute nun waren Onkel +Prudent und sein Gefährte in ihrer Cabine zurückgeblieben, um +Robur nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem +Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl +Schrauben war in Thätigkeit, doch genügte schon, den Apparat in +den niedrigeren Zonen der Atmosphäre zu erhalten. + +</P><P> + +Unter diesen Verhältnissen hätte die Mannschaft außer dem +Vergnügen eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten +können, in ihren gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, +wenn das Wasser des Stillen Oceans fischreich genug wäre. Auf dessen +Oberfläche zeigten sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit +gelbem Bauche, welche gegen fünfundzwanzig Meter in der Länge +mißt. Gerade diese kennt man als die furchtbarsten Cetaceer der +nördlichen Meere. Die Fischer von Beruf hüten sich weislich, +dieselben anzugreifen, so gefährlich können die Thiere werden. + +</P><P> + +Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder +mit der Flechter'schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von +beiden hatte man eine Auswahl an Bord. + +</P><P> + +Wozu aber diese unnütze Schlächterei? Wahrscheinlich wollte +Robur nur den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er +seinen Aeronef Alles verwenden könne, und deshalb sollte auf einen +der gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden. + +</P><P> + +Auf den Ruf: „Walfische! Walfische!“ eilten Onkel Prudent und +Phil Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter +Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wären Beide, um ihrem +Gefängnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in's Meer zu +stürzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug +aufgenommen zu werden. + +</P><P> + +Schon stand die ganze Mannschaft des „Albatros“ geordnet und +jedes Befehls gewärtig auf dem Verdeck und wartete. + +</P><P> + +„Wir wollen's also versuchen, Master Robur? fragte der +Obersteuermann Tom Turner. + +</P><P> + +— Ja, Tom,“ antwortete der Ingenieur. + +</P><P> + +In den Ruffs für die Maschinerie standen der Mechaniker und seine +Gehilfen auf Posten, um jedes Manöver auszuführen, das ihnen +durch Zeichen anbefohlen wurde. Der „Albatros“ senkte sich +sofort nach dem Meere zu und hielt etwa fünfzig Fuß +darüber an. + +</P><P> + +Wie die beiden Collegen sich überzeugen konnten, war hier kein +Schiff in Sicht, so wenig wie eine Küste, welche sie hätten +schwimmend erreichen können, vorausgesetzt, daß Robur sie +nicht wieder ergreifen ließ. + +</P><P> + +Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlöcher +austrieben, verkündeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um +zu athmen, einmal auf die Oberfläche kamen. + +</P><P> + +Tom Turner hatte sich, unterstützt von einem seiner Kameraden, am +Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben +californischen Fabrikats, welche mit einer Art Büchse abgeschossen +werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso +geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen +ausläuft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur +mit der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem +Steuermann die nöthigen Zeichen, wie sie manövriren sollten; so +beherrschte er den Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter +Richtung. + +</P><P> + +„Ein Walfisch! ... Ein Walfisch!“ rief Tom Turner noch +einmal. + +</P><P> + +Eben tauchte wirklich der Rücken eines solchen Cetaceers etwa vier +Kabellängen vor dem „Albatros“ auf. + +</P><P> + +Der Aeronef stürzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum +noch sechzig Fuß über dem Thiere befand, schnell an. + +</P><P> + +Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel +liegende Büchse angeschlagen. Der Schuß krachte und das +Geschoß, das eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene +Leine mit sich riß, schlug in den Körper des Walfisches ein. +Die mit leicht entzündlichen Stoffen gefüllte Bombe explodirte +und schleuderte dabei eine Art kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in +das Fleisch des Thieres einkrallte. + +</P><P> + +„Achtung!“ rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten +Laune betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch +mit aufrichtigem Interesse. + +</P><P> + +Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so +furchtbar gepeitscht, daß das Wasser bis zum Vordertheil des +Aeronefs hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu großer Tiefe +hinab, während man die Leine schnell nachgleiten ließ; +letztere war übrigens in einem mit Wasser gefüllten Fasse +zusammengelegt, um durch die Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der +Walfisch wieder an die Oberfläche kam, suchte er so schnell als +möglich in der Richtung nach Norden zu entfliehen. + +</P><P> + +Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch' rasender Schnelligkeit +der „Albatros“ dabei geschleppt wurde, denn die +Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man überließ +das Thier ganz sich selbst und hielt sich nur im gleicher Linie mit ihm. +Tom Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen +dieses Schleppen gefährlich machte. + +</P><P> + +So wurde der „Albatros“ etwa eine halbe Stunde lang und +vielleicht eine Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte +man aber, daß der Cetaceer zu erlahmen anfing. + +</P><P> + +Jetzt ließen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach +rückwärts arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, +der sich dem Bord mehr und mehr näherte einen gewissen Widerstand +entgegen. + +</P><P> + +Bald schwebte der Aeronef nur noch fünfundzwanzig Fuß +über demselben; noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit +fast unglaublicher Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rücken +drehte, wühlte das Thier eine wirkliche Brandung auf. + +</P><P> + +Plötzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Höhe und +tauchte mit solcher Schnelligkeit unter, daß Tom Turner kaum Zeit +hatte, ihm die Leine gehörig nachschießen zu lassen. + +</P><P> + +Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserfläche herabgezerrt; +an der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein +vollständiger Wirbel gebildet, und über die Reeling hinein +schlug das Wasser, wie es über den Bug eines Schiffes geht, gegen +Wind und Wellen läuft. + +</P><P> + +Glücklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem +Axthiebe die Leine, und der nun befreite „Albatros“ stieg +unter dem Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor. + +</P><P> + +Auch während dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den +Apparat geleitet, ohne daß ihn seine Kaltblütigkeit nur einen +Augenblick verlassen hätte. + +</P><P> + +Einige Minuten später kam der Walfisch wieder an die Oberfläche +— diesmal aber todt. + +</P><P> + +Von allen Seiten flatterten die Seevögel herzu, um sich des Cadavers +zu bemächtigen, und stießen Schreie aus, welche einen sich +zankenden Congreß taub gemacht hätten. + +</P><P> + +Der „Albatros“, der mit der todten Beute doch nichts beginnen +konnte, setzte seinen Weg nach Westen fort. + +</P><P> + +Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am +Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange +Klippenreihe der Alëuten. + +</P><P> + +Der „Albatros“ zog über dieser Barrière hin, an +der es von Pelzseehunden wimmelte, welche die Alëutier für +Rechnung der russisch-amerikanischen Gesellschaft jagen. Der Fang dieser +sechs bis sieben Fuß langen, fast rosenrothen und zwei-, drei- bis +fünfhundert Pfund wiegenden Amphibien ist für sie ein sehr +gutes Geschäft. Dieselben lagen hier in endloser Reihe wie in +Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren. + +</P><P> + +Wenn sie sich durch das Vorüberkommen des „Albatros“ +nicht in ihrer phlegmatischen Ruhe stören ließen, so war das +nicht der Fall mit den Tauchervögeln, Polarenten und Eistauchern, +deren heiseres Geschrei die Luft erfüllte und welche unter dem +Wasser verschwanden, als ob ein entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte. + +</P><P> + +Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Alëuten +bis zur äußersten Spitze von Kamtschatka wurden während +der vierundzwanzig Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht +zurückgelegt. Um ihren Fluchtplan in's Werk zu setzen, befanden sich +Onkel Prudent und Phil Evans nicht gerade in günstigen +Verhältnissen, denn weder an dem öden Strande des +nördlichsten Asiens, noch über dem Ochotskischen Meere +hätten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glücklichen Erfolg +entweichen können. + +</P><P> + +Allem Anscheine nach wandte sich der „Albatros“ nach der +Gegend von Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein +mochte, sich auf die Unterstützung von Chinesen oder Japanesen zu +verlassen, waren die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, +wenn der Aeronef an irgend einem Punkte dieser Länder anhalten +sollte. + +</P><P> + +Doch würde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei +einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermüdet, oder wie bei +einem Ballon, der wegen Gasmangel genöthigt wird, einmal +niederzugehen. Der Aeronef besaß noch für mehrere Wochen +aushaltende Vorräte aller Art, und seine Organe von wunderbarer +Solidität straften jede Erwartung auf Schwäche oder +Trägheit Lügen. + +</P><P> + +Nach scharfer Fahrt über die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum +die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah, und +nach der weiteren, über das Ochotskische Meer, nahezu in der +Höhe der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canälen +unterbrochenen Damm bilden, erreichte der „Albatros“ am 19. +Juni die La Pérouse-Straße zwischen der Nordspitze von +Japan und der Insel Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich +der große sibirische Strom, der Amur, ergießt. + +</P><P> + +Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen +wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um weiter +zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Höhe hatte er +kein Hinderniß zu fürchten, weder höhere Bauwerke, an +welche er hätte anstoßen können, noch Berge, an welchen +er sich im Fluge zu zertrümmern Gefahr gelaufen wäre. Das Land +war kaum wellenförmiger Natur. Die Dünste machten sich aber +doch zu unangenehm fühlbar, da sie Alles an Bord +durchnäßten. + +</P><P> + +Es bedurfte ja nichts weiter, als sich über diese Nebelschicht, +welche drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die +Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des +Nebels fand der „Albatros“ wieder den reinen, vom Sonnenlicht +gebadeten Himmel. + +</P><P> + +Unter diesen Verhältnissen hätten Onkel Prudent und Phil Evans +Mühe gehabt, ihren Fluchtversuch auszuführen, selbst wenn sie +den Aeronef hätten verlassen können. + +</P><P> + +An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorüberkam, wie +zufällig stehen und sagte, ohne äußerlich seinen Worten +besondere Bedeutung beizulegen: + +</P><P> + +„Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel +gerieth, dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es +fährt nur unter fortwährendem Pfeifen oder unter den Tönen +des Nebelhorns weiter. Es muß seine Fortbewegung verlangsamen und +hat trotz aller Vorsicht jeden Augenblick eine Collision zu +befürchten. Der „Albatros“ kennt solche Sorgen nicht. +Was kümmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen kann? Ihm +gehört das Luftmeer, die ganze weite Atmosphäre!“ + +</P><P> + +Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, +die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wölkchen seiner +Pfeife zerflossen im Azur. + +</P><P> + +„Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser +merkwürdige „Albatros“ ganz und gar nichts zu +fürchten habe. + +</P><P> + +— Das werden wir noch sehen!“ antwortete der Vorsitzende des +Weldon-Instituts. + +</P><P> + +Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit +beklagenswerther Zähigkeit an. Man hatte hoch steigen müssen, +um die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser +Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit +Palästen, Villen, Thürmchen, Gärten und Parks. Selbst ohne +dieselben zu sehen, hätte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der +Tausende von Hunden, an dem Schreien der Raubvögel und vor Allem an +dem Leichengeruch, den die Körper von Hingerichteten in weitem +Umkreise verbreiteten. + +</P><P> + +Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben +das Besteck machte, für den Fall, daß er seine Fahrt wieder im +Nebel fortzusetzen gezwungen wäre. + +</P><P> + +„Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu +verheimlichen, daß diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan +ist.“ + +</P><P> + +Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er +nur, als wenn es seinen seinen Lungen an Luft fehlte. + +</P><P> + +„Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwürdig. + +</P><P> + +— So merkwürdig er auch sein mag ... versetzte Phil Evans. + +</P><P> + +— So bleibt er doch hinter dem von Peking zurück, unterbrach +ihn der Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, — und Sie werden +binnen Kurzem selbst darüber urtheilen können.“ + +</P><P> + +Unmöglich hätte der Mann liebenswürdiger sein können. + +</P><P> + +Der „Albatros“, der bisher auf Südost zuhielt, +veränderte jetzt seine Richtung um vier Compaßstriche, um im +Osten eine neue Route aufzusuchen. + +</P><P> + +Während der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen +Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel +sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen Grunde +des Himmels ballten sich große elliptische Wolken zusammen und am +entgegensetzten Horizont glühten lange, carminrothe Streifen, die +sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein +Theil des Himmels völlig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser +nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an. + +</P><P> + +Zum Glück entfesselte sich dieser Typhon mehr im Süden und +hatte hier keine weiteren Folgen, als daß er die seit drei Tagen +angehäuften Nebelmassen zertheilte. + +</P><P> + +Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge von +Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel +überschritten; während der Typhon an den Südostküsten +von China wüthete, wiegte sich der „Albatros“ über +dem Gelben Meere, und während des 22. und 23. über dem Golf von +Petscheli; am 24. glitt er das Thal des Pei-Ho hinauf und gelangte +endlich über die Hauptstadt des Himmlischen Reiches. + +</P><P> + +Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen — wie +es der Ingenieur vorausgesagt — sehr deutlich die ungeheure Stadt +sehen, die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hälften, die +Mandschu- und die Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwölf sie +umgebenden Vorstädte, die breiten, nach dem Mittelpunkte zu +verlaufenden Alleestraßen, die Tempel, deren gelbe oder grüne +Dächer in der aufgehenden Sonne erglänzten, die Parks, welche +sich um die Paläste der Mandarinen ausdehnen; ferner, inmitten der +Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (= 1/8 geogr. +Quadratmeile) große Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren +kaiserlichen Gärten, künstlichen Seen, dem die ganze Stadt +überragenden Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte +der Gelben Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander +geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen +Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen Architektur. + +</P><P> + +Eben jetzt ertönte die Luft unter dem „Albatros“ von +einer seltsamen Harmonie; man hätte ein Concert von Aeolsharfen zu +hören vermeint. In der Luft schwankten nämlich gegen hundert +verschieden geformte Drachen aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren +oberen Theil eine Art leichten hölzernen Bogens bildete, welcher +durch ein ganz dünnes Bambusstäbchen gespannt erhalten wurde. +Unter dem schwachen Windhauche erzeugten alle diese saitenartigen, +verschiedene, denen einer Harmonika ähnliche Töne gebenden +Stäbchen ein leises Gesumme von höchst melancholischer Wirkung. +Es machte den Eindruck, als ob man hier in der Höhe — +musikalischen Sauerstoff einathme. + +</P><P> + +Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nähern, und +langsam tauchte der „Albatros“ in die tönenden Wellen +herab, welche die Drachen nach der Atmosphäre entsandten. + +</P><P> + +Plötzlich entstand in der fast zahllosen Bevölkerung tief unten +eine außerordentliche Aufregung. Tamtamschläge und andere +entsetzliche Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, +Flintenschüsse krachten und hundertfach hämmerten die Leute auf +großen Mörsern herum, Alles in der Absicht, den Aeronef zu +verjagen. Wenn die Sternkundigen des chinesischen Reiches an diesem Tage +vielleicht erkannten, daß diese Flugmaschine die veranlassende +Ursache zu so vielen Streitigkeiten der ganzen gelehrten Welt gewesen +sein möchte, so hielten die Millionen Chinesen vom niedrigsten Manne +bis zum vielknöpfigen Mandarin sie jedenfalls für ein +apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas erschien. + +</P><P> + +In dem unnahbaren „Albatros“ kümmerte sich +natürlich Niemand um jene lärmenden Kundgebungen. Die +Bindfäden aber, welche die Drachen an kleinen in den kaiserlichen +Gärten eingerahmten Pfählen festhielten, wurden entweder +zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten +„Spielzeuge“, wie wir sagen würden, kamen dadurch, einen +nur noch lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen +herab, gleich flügellahm geschossenen Vögeln, deren Gesang mit +dem letzten Athemzuge verstummt. + +</P><P> + +Da dröhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner's +über der Hauptstadt und übertäubte die letzten Klänge +jenes Lufttonwerks, doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als +aber eine Sprengkugel nur einige zwanzig Fuß vom Verdeck des +„Albatros“ platzte, stieg dieser nach den unerreichbaren +Zonen des Himmels empor. + +</P><P> + +Im Laufe der nächstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, +den sich die Gefangenen hätten zu nutze machen können. Die +Richtung des Aeronefs blieb unabänderlich eine südwestliche, +was darauf hindeutete, daß er sich Hindostan nähern sollte. +Uebrigens bemerkte man, daß der fortwährend höher +aufsteigende Erdboden den „Albatros“ nöthigte, sich nach +den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der +Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der Grenze +von Chen-Si einen Theil der Großen Mauer erkennen. Dann kamen sie, +unter Umgehung der Bung-Berge, über und durch das Thal von Wany-Ho +und überschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo +diese mit Tibet zusammenstößt. + +</P><P> + +Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit +schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern +genährten Bergströmen, mit Abgründen, aus welchen +mächtige Salzlager heraufschimmern, und mit vielen, von +grünenden Forsten eingerahmten Seebecken. + +</P><P> + +Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Höhe +von viertausend Metern über dem Meere an. In dieser Höhe +überschritt die Temperatur, obgleich man sich jetzt in den +wärmsten Monaten der nördlichen Halbkugel befand, nicht den +Gefrierpunkt. Diese starke Abkühlung im Verein mit der Schnelligkeit +des „Albatros“ machte die Situation fast unerträglich, +und obwohl die beiden Collegen warme Reisedecken zur Verfügung +hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs zurückzukehren. + +</P><P> + +Selbstverständlich mußte den Auftriebsschrauben eine +außerordentliche Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in +der hier schon recht verdünnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten +jedoch in vorzüglichstem Zusammenwirken, und es schien, als ob die +Insassen des Apparats durch das Schwirren ihrer Flügel gewiegt +würden. + +</P><P> + +An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nördlichen Tibet und der +Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den „Albatros“ etwa in der +Größe einer Brieftaube vorüberschweben. + +</P><P> + +Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen Damm +mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den Horizont +begrenzte. + +</P><P> + +jAn das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der +so schnellen Fortbewegung widerstehen zu können, sahen Beide die +colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen. + +</P><P> + +„Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird +Robur nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien +einzudringen. + +</P><P> + +— Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren +Gebiete hätten wir vielleicht Gelegenheit — + +</P><P> + +— Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht über Birma im +Osten oder über Nepal im Westen fährt. + +</P><P> + +— Ich möchte darauf wetten, daß er über dieselben +gehen wird. + +</P><P> + +— Jedenfalls!“ ließ sich da eine Stimme vernehmen. + +</P><P> + +Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der „Albatros“ +über der Provinz Zyang gegenüber jenen gewaltigen Bergmassen. +An der anderen Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal. + +</P><P> + +Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten den +Weg nach Indien. Die beiden nördlichen, zwischen denen der +„Albatros“ wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen +dahinglitt, sind die ersten Stufen des Grenzwalles im Süden von +Central-Asien. Der Kuen-Lün, und nach diesem der Karakorum +bezeichnen zuerst dieses längliche und mit dem Himalaya parallel +verlaufende Thal, ungefähr in jener Höhenlage, in welcher sich +die Stromgebiete des Indus im Westen und des Brahmaputra im Osten +abgabeln. + +</P><P> + +Welch' wunderbares orographisches System! Hier ragen über +zweihundert schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn +fünfundzwanzigtausend Fuß übersteigen! Vor dem +„Albatros“ erhob sich der Mount Everest auf +achttausendachthundertvierzig Meter Höhe; ihm zur Rechten der +Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der +Kinahanjunga, achttausendfünfhundertzweiundneunzig Meter, der also +seit den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die +zweite Stelle einnimmt. + +</P><P> + +Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, über jene Gipfel +hinwegzugehen, sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen +Pässe des Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Paß, den die +Gebrüder Schlagintweit 1856 in einer Höhe von +sechstausendachthundert Metern überschritten haben; wenigstens hielt +er entschlossen auf diesen zu. + +</P><P> + +Jetzt kamen einige ängstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, +und wenn die Verdünnung der Luft auch nicht einen solchen Grad +erreichte, daß man zu eigens dafür construirten Apparaten +hätte greifen müssen, den Sauerstoff in den Cabinen zu +erneuern, so wurde die Kälte doch höchst beschwerlich. + +</P><P> + +Auf dem Vordertheile stehend und die kräftige Gestalt in einen +Mantel gehüllt, leitete Robur alle Manöver. Tom Turner hielt +die Barre des Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist +überwachte aufmerksam seine Batterien, von deren Säuren +glücklicher Weise ein Einfrieren nicht zu fürchten war. Die zur +allergrößten Umdrehungsgeschwindigkeit angetriebenen Schrauben +gaben einen immer schärfer werdenden Ton, der trotz der höchst +dünnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel auf +zweihundertneunzig Millimeter, was eine Höhe von siebentausend +Metern anzeigte. + +</P><P> + +Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten +Blicke ausgebreitet! Ueberall weißglänzende Gipfel, keine +Seen, aber gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend +Fuß Höhe hinabreichen. Kein Gras, außer einigen +dürftigen Kryptogamen an der Grenze des vegetabilischen Lebens, +nichts von jenen wunderschönen Fichten und Cedern, die sich an den +unteren Abhängen der Kette in herrlichen Wäldern vorfinden; +nichts von gigantischen Farren und endlosen Schmarotzerpflanzen, die +sich, wie im Unterholz der Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein +Thier, weder wilde Pferde, noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und +wann nur eine Gazelle, die sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt +hatte; keine Vögel, außer einzelnen jener Pärchen Raben, +welche sich bis zu den letzten Schichten der athembaren Luft erheben. + +</P><P> + +Nachdem er diesen Paß durchschritten, begann der +„Albatros“ wieder hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang +passirten, hatten die Reisenden, jenseits der Region der Bergwaldung, +eine grenzenlose Landschaft vor sich, die sich in weitem Umkreise vor +ihnen ausdehnte. + +</P><P> + +Jetzt trat Robur an seine Gäste heran und sagte mit +liebenswürdigem Tone: + +</P><P> + +„Da haben Sie Indien, meine Herren!“ </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap10" ID="kap10"></A> +<H3>X.<BR> +Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's Schlepptau +genommen wurde. +</H3> + + +<P> +Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die +wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte +er nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch' +außerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um +davon selbst Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt +sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, daß +der „Albatros“ vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit +nicht von dieser Welt ist? Das wird sich später zeigen. + +</P><P> + +Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich +anzuerkennen, daß die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz +außerordentliche war, so ließen sie sich davon wenigstens +nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie +bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren +Augen bot, als der „Albatros“ den reizenden Landschaften des +Pendjab folgte. + +</P><P> + +Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem +gesundheitsschädliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem +Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den +„Albatros“ ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner +Insassen nicht gefährden, er erhob sich ohne große Eile nach +dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan +und China bildet. Am 29. Juni öffnete sich vor ihm schon in den +ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir. + +</P><P> + +Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen +sich frei läßt! Gefurcht von Hunderten von +Einzelvorsprüngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des +Hydaspis entsendet, wird dieselbe bewässert von den launischen +Windungen des Flusses, der die Heersäulen Porus' und Alexanders, +d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe +zusammenstoßen sah. Er füllt noch immer sein Bett, dieser +Hydaspis, während die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen +Sieg gegründeten beiden Städte so vollständig verschwunden +sind, daß man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben +wieder zu finden. + +</P><P> + +Während dieses Vormittags schwebte der „Albatros“ +über Srinagar — mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir — +hin. + +</P><P> + +Onkel Prudent und sein Gefährte sahen eine sehr schöne, an +beiden Flußufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken +gleich ausgespannten Fäden, den Sennhütten mit ihren +geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Gebäuden +mit berasten Dächern, welche fast das Aussehen großer +Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canälen mit Barken gleich +Nußschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren +Palästen, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange +der Vorstädte — das Ganze auch noch verdoppelt durch die +Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die +auf einem Hügel angelegt ist, wie das stärkste Fort von Paris +auf dem Mont-Valérien. + +</P><P> + +„Das wäre Venedig, wenn wir uns in Europa +befänden,“ sagte Phil Evans. + +</P><P> + +— Und wenn wir in Europa wären, würden wir den +Rückweg nach Amerika schon zu finden wissen,“ antwortete Onkel +Prudent. + +</P><P> + +Der „Albatros“ verweilte nicht über dem See, den der +Fluß durchfließt, sondern setzte seinen Flug durch das Thal +des Hydaspis fort. + +</P><P> + +Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse +hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Während dessen +versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines +Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe +aufgesaugt wurde, welche die Ströme der Accumulatoren in Bewegung +setzten. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, +da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur +wenige Meter über der Oberfläche des Hydaspis und nahe dem Ufer +desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen +jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter +dem Wasser fortschwammen, wie hätte Robur sie wieder ergreifen +lassen können? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, +mußte er sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über +dem Seebecken halten. + +</P><P> + +In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen +Umstände eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon +waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes +hinabzustürzen, als sich mehrere Hände fest auf ihre Schultern +legten. + +</P><P> + +Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmöglichkeit, zu +entfliehen. + +</P><P> + +Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten +sich, die, welche sie hielten, zurückzustoßen — aber es +waren handfeste Burschen, diese Leute des „Albatros“! + +</P><P> + +„Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man +das Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, +wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines +wunderbaren „Albatros“, so verläßt man diesen +nicht so ... französisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen +denselben überhaupt nicht wieder!“ + +</P><P> + +Phil Evans zerrte seinen Gefährten, der sich schon zu einem +Gewaltacte hinreißen lassen wollte, noch zurück. Beide begaben +sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es +ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte. + +</P><P> + +Der „Albatros“ hatte wieder seinen Curs nach Westen +eingeschlagen. Während dieses Tages überschritt er bei +mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des +Königreichs Herat. + +</P><P> + +In diesen noch immer so bestrittenen Ländern und auf diesem Wege, +der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, +erschienen große Haufen von Menschen, Colonnen, Gepäckwagen, +mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem +Marsche befindlichen Armee bildet. Man hörte wohl auch Kanonendonner +und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in +die Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage +des Ehrgeizes oder der Humanität bildeten. War Herat, wie man sagt, +wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch +gar nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder eine +moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berührten den +furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschließlichen +Gebiete erkoren hatte. + +</P><P> + +Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von +Sand, wie er in diesen Gegenden so häufig vorkommt. Dieser +Sturmwind, der hier „Tebbad“ genannt wird, trägt manche +Fieberkeime mit dem unwägbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und +manche Caravane ist schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde +gegangen. + +</P><P> + +Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe +hätte gefährden können, erhob sich der +„Albatros“ um zweitausend Meter nach einer reineren Zone. + +</P><P> + +Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen +weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr +gemäßigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten +war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so +steigen diese doch nur zu mittlerer Höhe an. Bei der Annäherung +an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast +sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an +deren Fuß Teheran erbaut ist. + +</P><P> + +Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem +Sand-Samum auf. + +</P><P> + +Der „Albatros“ steuerte so, um über die Stadt +hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke feinen Staubes +verhüllte. + +</P><P> + +Gegen zehn Uhr Morgens konnte man indeß die breiten Gräben +erkennen, welche die Umwallung einschließen, und in der Mitte den +Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und +dessen Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau +geschnitten scheinen. + +</P><P> + +Das schöne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der +„Albatros“ nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich +genau nach Norden. Einige Stunden später befanden sie sich über +einer kleinen Stadt im nördlichen Winkel der persischen Grenze und +am Strande einer ausgedehnten Wasserfläche, deren Ende weder nach +Norden, noch nach Osten zu erkennbar war. + +</P><P> + +Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station +Rußlands; die Wasserfläche aber fast ein Meer, nämlich +der Kaspi-See. + +</P><P> + +Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach +europäischer Art gebauter Häuser, welche, mit einem sie +überragenden Glockenthurm, längs eines Vorgebirges lagen. + +</P><P> + +Der „Albatros“ senkte sich über dieses Meer, dessen +Gewässer dreihundert Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres +liegen. Gegen Abend glitt er längs der früher turkestanischen, +jetzt aber russischen Küste hin, die nach dem Golf des Beckens zu +aufsteigt, und am nächsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa +hundert Meter über dem Kaspi-See. + +</P><P> + +Weder an der asiatischen, noch an der europäischen Seite war hier +Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher +Brise geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, daß es +Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind +Piratenschiffe mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur +Küstenfahrt oder zum Fischfang benützte Boote waren. Dann und +wann wirbelten wohl auch die Ausläufer von Rauchsäulen bis zum +„Albatros“ empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer +von Aschuarda quollen, die Rußland zu Polizeizwecken auf den +turkomanischen Gewässern unterhält. + +</P><P> + +An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch +François Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort: + +</P><P> + +„Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem +Kaspi-See verweilen. + +</P><P> + +— Schön, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal +Gelegenheit, zu fischen? + +</P><P> + +— Ganz gewiß.“ + +</P><P> + +Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die +sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei +zweihundert (englischen) Meilen Breite mißt, mußte die +Geschwindigkeit des „Albatros“ natürlich stark +gemäßigt und letzterer während eines vorzunehmenden +Fischfanges ganz still gehalten werden. + +</P><P> + +Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans gehört, der sich +grade auf dem Vordertheil befand. + +</P><P> + +Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhörlichen Klagen und +bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, daß er ihn +„auf der Erde absetzen“ lasse. + +</P><P> + +Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans +nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er +unter größter Vorsicht, von Niemand gehört zu werden, die +wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit. + +</P><P> + +„Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch +keine Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden? + +</P><P> + +— Gewiß nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die +Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das paßt — und wenn er sie +uns überhaupt wieder giebt. + +</P><P> + +— In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den +„Albatros“ zu verlassen. + +</P><P> + +— Ein wundervoller Apparat, das muß man wohl zugestehen! + +</P><P> + +— Das ist wohl möglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der +Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier +zurückhält. Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und +die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, +denselben zu vernichten ... + +</P><P> + +— Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir +werden ja später sehen. + +</P><P> + +— Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede +sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fährt der +„Albatros“ über den Kaspi-See, um sich dann im Norden +oder im Süden von Rußland nach Europa zu begeben. Nun, wohin +wir auch den Fuß setzen mögen, bis zum Atlantischen Ocean hin +wäre unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns also jede Stunde +bereit halten. + +</P><P> + +— Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen können? + +</P><P> + +— Hören Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt +zuweilen vor, daß der „Albatros“ während der Nacht +nur wenige hundert Fuß über dem Erdboden hinschwebt. An Bord +befinden sich verschiedene Kabel von dieser Länge, und mit einiger +Kühnheit könnte man sich wohl hinabgleiten lassen ... + +</P><P> + +— Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich +nicht zaudern ... + +</P><P> + +— Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch +hinzu, daß während der Nacht außer dem Steuermann auf +dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun +gewöhnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und gehört zu +werden, dürfte es möglich sein, dasselbe aufzurollen ... + +</P><P> + +— Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergnügen, +Onkel Prudent, daß Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, +wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem +Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der „Albatros“ +wird noch tiefer hinabgehen und während des Fischzuges anhalten ... +Könnten wir daraus keinen Vortheil ziehen? ... + +</P><P> + +— Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, +überwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, +als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen. + +</P><P> + +— Und wer sagt, daß wir nicht auch in der Nacht beobachtet +sind? erwiderte Phil Evans. + +</P><P> + +— Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, +ein Ende machen mit diesem „Albatros“ und seinem +Besitzer!“ + +</P><P> + +Man sieht, daß die beiden Collegen — und vorzüglich +Onkel Prudent — unter der Aufregung des Zornes leicht dazu +verführt werden konnten, die waghalsigsten und für ihre eigene +Sicherheit vielleicht gefährlichsten Handlungen zu begehen. + +</P><P> + +Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der verächtliche Spott, mit dem +Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, +Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhöhen, deren Druck +jeden Tag deutlicher hervortrat. + +</P><P> + +An jenem Tage hätte übrigens ein neuer Auftritt bald einen +höchst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden +Collegen herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, daß er +dazu die Veranlassung geben sollte. + +</P><P> + +Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, +bemächtigte sich des Hasenfußes wieder ein furchtbarer +Schrecken. Wie ein Kind — und wie ein Neger, der er ja war — +fing er an zu jammern zu klagen und zu protestiren und machte die +tollsten Verrenkungen und Grimassen. + +</P><P> + +„Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein +Vogel! ... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, daß +ich auf der Erde abgesetzt werde, und das sogleich!“ + +</P><P> + +Selbstverständlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn +zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch +die Ungeduld Robur's. + +</P><P> + +Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl +der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein Ruff +einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die +Wand und heulte aus Leibeskräften. + +</P><P> + +Es war jetzt Mittag. Der „Albatros“ schwebte eben nur +fünf oder sechs Meter über der Oberfläche des Meeres. +Einige bei seiner Annäherung erschreckte Boote waren eiligst +davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mußte also bald ganz +verlassen sein. + +</P><P> + +Man begreift leicht, daß die beiden Collegen unter diesen +Verhältnissen, wo sie gelegentlich nur hätten mit dem Kopfe zu +nicken brauchen, der Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sein +mußten und wirklich waren. + +</P><P> + +Doch selbst angenommen, daß sie sich über Bord gestürzt +hätten, so wäre es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des +Kautschukbootes des „Albatros“ wieder einzufangen. +Während dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans +betheiligte sich lieber selbst thätig dabei, während Onkel +Prudent im Zustand fortwährend kochender Wuth sich in seine Cabine +zurückzog. + +</P><P> + +Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine beträchtliche Bodendepression +wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergießen +sich die Gewässer sehr großer Ströme, wie der Wolga, des +Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u. A. Ohne die starke Verdunstung, +welche dem Wasserbecken den Wasserüberfluß wieder +entführt, hätte dieses siebzehntausend Quadratmeilen +große Loch von fünf- bis sechshundert Fuß mittlerer +Tiefe schon längst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden +und Osten überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem +Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit +höher liegt, so ernährt es doch eine große Menge Fische +— wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende +Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Südende +desselben, vertragen. + +</P><P> + +Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem +gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des +„Albatros“ die Befriedigung, welche er derselben +gewährte, deutlich genug zu erkennen. + +</P><P> + +„Achtung!“ rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich +bedeutender Größe und ähnlich einem Haifisch harpunirt +hatte. + +</P><P> + +Es war das ein prächtiger, gegen sieben Fuß langer Stör, +von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und +Weißwein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind +die in den Flüssen gefangenen Störe noch schmackhafter als die +aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des „Albatros“ +mit großem Jubel begrüßt. + +</P><P> + +Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch Anwendung +von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und +Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgroßen Sterlets +wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau +und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten — ohne alle +Transportkosten — unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in +die Siedekessel der Mannschaftsküche. + +</P><P> + +Die Leute Robur's zogen mit großem Vergnügen die Leine ein, +nachdem der „Albatros“ sie mehrere Stunden lang langsam +dahingeführt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: +Lärmen, Getöse) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen +alle Ehre. Eine Stunde genügte, alle Behälter des +„Albatros“ mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und +dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter. + +</P><P> + +Während dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehört, zu +schreien, an die Wand seiner Cabine zu hämmern, mit einem Worte, +einen unausstehlichen Lärm zu machen. + +</P><P> + +„Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte +Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging. + +</P><P> + +— Mir scheint, Herr Robur, daß er völlig Recht hat, sich +zu beklagen, bemerkte Phil Evans. + +</P><P> + +— Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu +ersparen, erwiderte Robur. + +</P><P> + +— Ingenieur Robur! ... ließ sich da der eben auf dem Verdeck +erscheinende Onkel Prudent vernehmen. + +</P><P> + +— Herr Präsident des Weldon-Instituts?“ ... + +</P><P> + +Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die +Augen. + +</P><P> + +Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln. + +</P><P> + +„An das Ende des Taues!“ sagte er. + +</P><P> + +Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine +geholt. + +</P><P> + +Aber wie jämmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer +von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an +dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften. + +</P><P> + +Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten +Zwecke benützen wollte. + +</P><P> + +Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er +sollte nur aufgehängt werden. + +</P><P> + +Das Tau wurde nämlich außen in der Länge von etwa hundert +Fuß abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft. + +</P><P> + +Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der +Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu — er blieb +stumm. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren +widersetzen wollen — sie wurden einfach zurückgestoßen. + +</P><P> + +„Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der +darüber ganz außer sich war. + +</P><P> + +— Freilich! antwortete Robur. + +</P><P> + +— Das ist ein Mißbrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders +als durch Worte allein Einspruch erheben werde! + +</P><P> + +— Immer zu! + +</P><P> + +— Ich werde mich rächen, Ingenieur Robur! + +</P><P> + +— Rächen Sie sich getrost, Präsident des +Weldon-Instituts. + +</P><P> + +— An Ihnen und Ihren Leuten!“ + +</P><P> + +Die Mannschaft des „Albatros“ hatte sich in nicht besonders +wohlwollender Haltung genähert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, +sich zu entfernen. + +</P><P> + +„Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den +sein College vergebens zu beruhigen suchte. + +</P><P> + +— Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur. + +</P><P> + +— Und ohne Rücksicht auf die Mittel! + +</P><P> + +— Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch +mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der +Diener.“ + +</P><P> + +Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre +Erstickung beklemmte, so daß Phil Evans ihn in seine Cabine +führen mußte. + +</P><P> + +Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verändert und +es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mißdeutung +zuließen — ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische +Sättigung der Atmosphäre hatte einen so hohen Grad erreicht, +daß Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie +beobachteten Erscheinung wurde. + +</P><P> + +Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast +leuchtende Dünste auf — was jedenfalls von der verschiedenen +und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte. + +</P><P> + +Der Reflex von diesen Ansammlungen ließ Myriaden von Lichtern auf +der Oberfläche des Meeres hintanzen, deren Intensität um so +lebhafter wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte. + +</P><P> + +Der „Albatros“ und jenes Meteor mußten bald +zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten. + +</P><P> + +Und Frycollin? — Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau +— ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit +offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern +hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich +zurückblieb. + +</P><P> + +Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen +können, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner +mit gewaltiger Macht durch die Himmelsräume rollte. Das ganze +Personal bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu +manövriren, daß sie entweder höher als dasselbe +hinaufkamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rücken +ließen. + +</P><P> + +Der „Albatros“ befand sich eben ungefähr in mittlerer +Höhe — etwa tausend Meter — als ein Donnerschlag von +ungeheurer Heftigkeit über ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer +Windstoß folgte. Binnen wenigen Sekunden stürzten sich die +feurigen Wolken auf den Aeronef. + +</P><P> + +Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes +Wort einzulegen und zu erklären, daß dieser wieder an Bord +herangezogen würde. + +</P><P> + +Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und +schon den nöthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits +mit dem Einziehen des Taues beschäftigt, als sich eine +plötzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben +bemerkbar machte. + +</P><P> + +Robur sprang nach dem mittleren Ruff. + +</P><P> + +„Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir +müssen schnell höher, als das Unwetter steht, emporsteigen. + +</P><P> + +— Es ist unmöglich, Herr Ingenieur. + +</P><P> + +— Warum? + +</P><P> + +— Die Ströme sind gestört ... Es treten Unterbrechungen +ein.“ + +</P><P> + +In der That senkte sich der „Albatros“ schon recht merkbar. + +</P><P> + +Ganz wie das bei Gewittern mit den Strömen in den +Telegraphendrähten vorkommt, so versagten jetzt auch die +Accumulatoren des Apparats den regelmäßigen Dienst; was aber +nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen +handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mußte damit +enden, daß der Aeronef, ohne daß man seiner ferner Herr war, +in's Meer hinabstürzte. + +</P><P> + +„Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen +Zone herauskommen. Vorwärts, Jungen, bewahrt Euer kaltes +Blut!“ + +</P><P> + +Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft +war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn +eiligst nachzukommen. + +</P><P> + +Obwohl der „Albatros“ sich nur einige hundert Fuß +gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht +inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man +mußte jeden Augenblick fürchten, daß ihn ein Blitzstrahl +treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was +bisher ein etwas Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein +gefährlicher Sturz zu werden. + +</P><P> + +Zuletzt lag es auf der Hand, daß er in weniger als einer Minute auf +der Meeresfläche angelangt sein mußte, und einmal in's Wasser +getaucht, hätte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht. + +</P><P> + +Plötzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. +Der „Albatros“ war jetzt nicht mehr als sechzig Fuß vom +Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das +Verdeck zu überfluthen. + +</P><P> + +Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem +mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel für die +Vorwärtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden +Ströme geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der +umgebenden Atmosphäre keinen Einfluß äußerte ... in +einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder +gegeben, den Sturz aufgehalten, und der „Albatros“ hielt sich +in geringer Höhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, +das er bald hinter sich zurückließ. + +</P><P> + +Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, daß Frycollin, wenn auch +nur für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als +er an Bord zurückkam, war er durchnäßt, als hätte er +die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie +nicht mehr. + +</P><P> + +Am nächsten Tage, am 4. Juli, hatte der „Albatros“ die +Nordgrenze des Kaspi-Sees überschritten. </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap11" ID="kap11"></A> +<H3>XI.<BR> +In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit +zunimmt. +</H3> + + +<P> +Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu +können, verzichten mußten, so war das während der nun +folgenden fünfzig Stunden der Fall. Befürchtete Robur, +daß die Ueberwachung seiner Gefangenen bei der Fahrt über +Europa weniger leicht sein möchte? Vielleicht. Er wußte ja +übrigens, daß sie zu Allem entschlossen waren, um zu +entweichen. + +</P><P> + +Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wäre jetzt einem +Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Expreßzuge, der +mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt, +herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer das aber +von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge +versuchte, der kann nur den Tod wollen. + +</P><P> + +Eben diese Geschwindigkeit, die größte, die er anzunehmen im +Stande war, war jetzt dem „Albatros“ ertheilt worden. Er +überholte noch den Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer +in der Stunde zurücklegen kann. + +</P><P> + +Hier mag auch bemerkt sein, daß bisher nordöstliche Winde in +einer der Fortbewegung des „Albatros“ sehr günstigen +Ausdauer anhielten, da dieser in derselben Richtung, d. h. im +Allgemeinen nach Westen zu flog. Dieser Wind begann aber allmählich +abzuflauen, so daß es nachgerade unmöglich wurde, sich auf dem +Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch die Schnelligkeit der Bewegung +fast aufgehoben zu sehen. Die beiden Collegen wären auch beinahe +über Bord geschleudert worden, wenn sie nicht der Luftdruck an ihrem +Ruff so zu sagen festgenagelt hätte. + +</P><P> + +Zum Glück bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner +Hütte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck +eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntniß. + +</P><P> + +Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem +Hintertheil zu. + +</P><P> + +Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde liegenden +Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der Wind dabei +auszuüben vermag. Hier war es jedoch der „Albatros“ +selbst, der diesen durch seine maßlose Geschwindigkeit hervorrief. + +</P><P> + +Man mußte wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und +Phil Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen. + +</P><P> + +Im Inneren seiner Ruffs führte der „Albatros“, ganz wie +der Ingenieur das versichert hatte, eine vollkommen athembare +Atmosphäre mit sich. + +</P><P> + +Welche erstaunliche Festigkeit besaß aber dieser Apparat, um einer +so schnellen Fortbewegung den nöthigen Widerstand leisten zu +können. Die Triebschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr +sich drehen; sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die +Luft. + +</P><P> + +Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das +ziemlich am nördlichsten Ende des Kaspi-Sees lag. + +</P><P> + +Der Stern der Wüste — jedenfalls hat ein russischer Dichter es +so genannt — ist jetzt von der ersten Größe zur +fünften oder sechsten zurückgegangen. Dieser sehr einfache +Hauptort des Gouvernements hatte einen Augenblick seine alten, mit +unnützen Zinnen gekrönten Mauern gezeigt, ebenso wie seine +alten Thürme in der Mitte der Stadt, seine an Kirchen in modernem +Stil angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit fünf vergoldeten +und mit blauen Sternen übersäeten Kuppeln, die einem +ausgeschnittenen Stück Firmament glichen — das Ganze fast im +Niveau der hier zwei Kilometer breiten Wolgamündung. + +</P><P> + +Von diesem Punkt aus war der Flug des „Albatros“ schon mehr +eine Art Ritt durch die Höhen des Himmels, als würde er von +fabelhaften Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem +Flügelschlage zurücklegen. + +</P><P> + +Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem Thale +der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden +Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wäre +es möglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu +werfen, so hätte man die Städte und Dörfer darin kaum +zählen können. Am Abend endlich zog der Aeronef über +Moskau weg, ohne die auf dem Kreml flatternde Flagge zu salutiren. Binnen +zehn Stunden hatte er die zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der +Hauptstadt aller Russen trennen, zurückgelegt. + +</P><P> + +Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht länger als +zwölfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag +nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der „Albatros“ mit +der Pünktlichkeit eines Expreßzuges Petersburg und die Ufer +der Newa gegen zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so +hoher Breite die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, +gestattete einen Augenblick, das Gesammtbild dieser großen Stadt zu +überschauen. + +</P><P> + +Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die +Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von +Christiania — zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, +man hätte glauben können, daß keine menschliche Macht +fernerhin im Stande wäre, die Geschwindigkeit des +„Albatros“ zu hemmen, als ob die Resultante seiner Treibkraft +und der Anziehung der Erde ihn in unveränderlichem Kreislaufe um die +Erde gefesselt hielte. + +</P><P> + +Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau über dem +berühmten Wasserfall des Rjukanfos in Norwegen. Der Gusta, dessen +Gipfel diesen herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich +einem riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht überschreiten +durfte. + +</P><P> + +Von hier aus näherte sich der „Albatros“ auch, ohne +Verminderung seiner Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden. + +</P><P> + +Und was begann wohl Frycollin während dieser Fahrt ohne Gleichen? + +</P><P> + +Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der +Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte. + +</P><P> + +François Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergötzte +sich weidlich an seiner ewigen Angst. + +</P><P> + +„He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? +Brauchst Dich gar nicht zu geniren! ... Mit zwei Stunden aufgehängt +sein ist Alles quitt gemacht! ... He, bei der Schnelligkeit, mit der wir +jetzt fahren, müßte das ein vortreffliches Luftbad gegen den +Rheumatismus abgeben! + +</P><P> + +— Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stücke +ginge, antwortete Frycollin. + +</P><P> + +— Das ist wohl möglich, mein wackerer Frycollin; aber wir +fliegen so schnell dahin, daß wir gar nicht mehr fallen +könnten. Das ist doch auch eine Beruhigung. + +</P><P> + +— Glauben Sie? + +</P><P> + +— Bei meiner Gascogner-Ehre!“ + +</P><P> + +Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu übertreiben, wie +François Tapage, so lag die Sache so, daß die Arbeit der +Auftriebsschrauben infolge jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein +wenig vermindert war, der Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, +wie eine Congrève'sche Rakete. + +</P><P> + +„Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin. + +</P><P> + +— Lange? ... O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang. + +</P><P> + +— Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend. + +</P><P> + +— Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da +François Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr +könnte Dich auf die Schaukel hinaussetzen.“ + +</P><P> + +Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, +würgte Frycollin auch seine Seufzer hinunter. + +</P><P> + +Während dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht +dazu angethan waren, sich unnütz zu beklagen, einen wohl +durchdachten Plan. An Ausführung eines Fluchtversuches war ja +unmöglich zu denken. Doch wenn sie den Fuß auch nicht auf die +Erde setzen konnten, war es nicht denkbar, den Erdenbewohnern +mitzutheilen, was nach ihrem Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem +Schriftführer des Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt +hatte, auf welcher fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht +— aber, lieber Gott, auf welche Weise? — einen kühnen +Versuch ihrer Freunde, sie den Händen Robur's zu entreißen, +herbeiführen zu können? + +</P><P> + +Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Hätte es dazu +hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein +Schriftstück mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine +Flasche stecken und diese in's Meer werfen? + +</P><P> + +Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphäre. Die Flasche +konnte darauf natürlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade +auf einen zufällig Vorübergehenden, dem sie recht gut den +Schädel zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, daß +sie niemals aufgefunden wurde. + +</P><P> + +Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfügung +und sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu +opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er schnupfte, +wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem Amerikaner, der +weit schlimmere Unsitten hätte an sich haben können, wohl +nachsehen. Als Schnupfer besaß er natürlich auch eine Dose, +die jetzt schon längst leer war. Diese Dose war aus Aluminium +gearbeitet. Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, daß +jeder ehrbare Bürger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er +sie auf, so lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier würde +man Kenntniß nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, +die Lage der beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben. + +</P><P> + +Das wurde denn auch ausgeführt. Das kurze einzuschließende +Schriftstück sagte Alles und trug daneben die Adresse des +Weldon-Instituts mit der Bitte, dasselbe dahin zu befördern. + +</P><P> + +Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose +sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhüten, daß +dieselbe sich während des Falles schon öffne und durch das +Aufschlagen nicht in Stücke gehe. Jetzt galt es nur noch eine +günstige Gelegenheit abzuwarten. + +</P><P> + +Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber während dieser +merkwürdigen Fahrt über Europa, das Ruff zu verlassen, +über das Verdeck zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu +werden, und das ganz heimlich durchzuführen. Andererseits kam es +darauf an, daß die Dose nicht in ein Meer, einen Golf, See oder +einen anderen Wasserlauf fiel, denn damit — wäre sie ja +verloren gewesen. + +</P><P> + +Jedenfalls schien es aber nicht unmöglich, daß die beiden +Collegen sich durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt in's +Einvernehmen setzen konnten. + +</P><P> + +Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht +abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder einen +Halt zu benützen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten sie +dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau über einer +Stadt herunterfallen lassen. + +</P><P> + +Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller günstigen Umstände +hätte das Vorhaben nicht gleich zur Ausführung gebracht werden +können — wenigstens nicht am heutigen Tage. + +</P><P> + +Nachdem der Aeronef nämlich Norwegen in der Höhe des Gusta +verlassen, hatte er sich nach dem Süden zu gewendet und folgte jetzt +genau dem französischen Meridian Null, der bekanntlich über +Paris verläuft. Er schwebte also über die Nordsee hinweg, nicht +ohne an Bord der Tausende von Küstenfahrern, welche zwischen dem +Festlande und England verkehren, das größte Aufsehen zu +erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das Deck eines solchen +Schiffes, so hatte sie die gegründete Aussicht, auf +Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genöthigt, einen +günstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir +sehen werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten. + +</P><P> + +Gegen zehn Uhr Abends erreichte der „Albatros“ die Küste +Frankreichs, nahezu in der Höhe von Dunkerque. Die Nacht war +ziemlich dunkel. Einen Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez +seine elektrischen Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die +also den Canal in seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der +„Albatros“ über Frankreich hin und hielt sich dabei in +einer mittleren Höhe von etwa tausend Metern. + +</P><P> + +Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht geändert. Wie eine +Bombe flog er über Städte, Schlösser und Dörfer +hinweg, die so zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nördlichen +Frankreichs zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris +nach Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis ... Immer hielt +jener dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht +über die „Stadt des Lichts“, welche diesen Namen +wenigstens verdient, wenn ihre Einwohner schlafen oder doch schlafen +sollten. + +</P><P> + +Welch' sonderbare Laune veranlaßte nun den Ingenieur gerade +über der Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand weiß es. +Jedenfalls aber senkte sich hier der „Albatros“ so weit, +daß er nur wenige hundert Fuß über derselben schwebte. +Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die ganze Mannschaft +erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu schöpfen, auf dem +Verdeck. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetzt +bietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorüber gehen zu lassen. +Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den +Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausführung +ihres Vorhabens auswählen zu können. Auf keinen Fall sollten +die Anderen etwas davon merken. + +</P><P> + +Einem gigantischen Käfer ähnlich zog der „Albatros“ +so langsam über die Stadt hin. Er überschritt die Linie der +Boulevards, welche durch Edison'sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. +Das Geräusch der Wagen, welche noch durch die Straßen jagten, +und das Rollen der Züge auf den vielen, in Paris zusammentreffenden +Bahnlinien drang bis zu ihm hinauf. + +</P><P> + +Dann glitt er in der Höhe der höchsten Bauwerke hin, als +hätte er die Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom +abstreifen wollen. Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero +hindurch nach dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer +Reflector die ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte +überströmte. + +</P><P> + +Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, währte etwa eine +Stunde. Es glich einer Station in den Lüften vor Fortsetzung der +endlosen Reise. + +</P><P> + +Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick eines +Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder nur +geahnt hatten. Die Signallichter des „Albatros“ wurden in +Function gesetzt. Zwei glänzende Strahlenbündel ergossen sich +über die Plätze, die Häuservierecke, Gärten und die +sechzigtausend Häuser der Stadt, indem sie ungeheure Lichtmassen von +einem Horizont zum anderen schweifen ließen. + +</P><P> + +Gewiß — diesmal war der „Albatros“ gesehen +worden, und nicht allein gesehen, sondern auch gehört worden, denn +Tom Turner hatte die Trompete hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare +über die Stadt hin ertönen lassen. In diesem Augenblick beugte +sich Onkel Prudent ein wenig über die Reeling, öffnete die Hand +und ließ die Dose fallen. + +</P><P> + +Fast gleichzeitig erhob sich der „Albatros“ wieder sehr +schnell. + +</P><P> + +Da schallte durch die Höhe des Pariser Himmels ein +vieltausendfältiges Hurrah aus der Menge, das sich über die +Boulevards fortpflanzte — ein Hurrah der Verwunderung über das +unvorhergesehene, phantastische Meteor. + +</P><P> + +Plötzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn +wurde es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der +Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf. + +</P><P> + +Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt Frankreichs +hatten sehen sollen. + +</P><P> + +Um vier Uhr Morgens hatte der „Albatros“ das ganze Land schon +überflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenäen +oder der Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberfläche der +Provence bis zur Spitze des Cap d'Antibes hin. + +</P><P> + +Um neun Uhr blieben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes +versammelten Römer verblüfft stehen, als sie ihn über die +Ewige Stadt hinwegschweben sahen. Zwei Stunden später schwankte er +hoch über dem Golf von Neapel, einen Augenblick in der +Rauchsäule des Vesuvs. Nachdem er dann das Mittelmeer in +schräger Richtung überschritten, wurde er in der ersten +Nachmittagsstunde von den Wachtposten in La Golette an der tunesischen +Küste beobachtet. + +</P><P> + +Von Amerika über Asien! Von Asien über Europa! Mehr als +dreißigtausend Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger +als dreiundzwanzig Tagen zurückgelegt. + +</P><P> + +Und jetzt zog er majestätisch über die bekannten und +unbekannten Landmassen Afrikas dahin! </P> + + +<HR> + +<P> + +Vielleicht wünscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen +aus der berühmten Schnupftabaksdose geworden war? + +</P><P> + +Die Dose war in der Rivoli-Straße vor dem Hause Nummer 210 zu einer +Zeit niedergefallen, wo diese Straße gerade ziemlich leer war. Am +folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straßenkehrerin +aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Präfectur +abzuliefern. + +</P><P> + +Hier hielt man sie zuerst für einen explodirenden Körper und +wickelte sie mit derselben allergrößten Vorsicht auf, wie sie +zuletzt geöffnet wurde. + +</P><P> + +Da trat wirklich eine Art Explosion ein ... Ein furchtbares Niesen, +dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte. + +</P><P> + +Dann zog man das Schriftstück aus der Dose und las zum allgemeinen +Erstaunen wie folgt: + +</P><BLOCKQUOTE><P> + +„Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftführer +des Weldon-Instituts zu Philadelphia, entführt durch den Aeronef des +Ingenieur Robur. + +</P><P> + +Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans.“ + +</P></BLOCKQUOTE><P> + +Hiermit war die unerklärliche Erscheinung den Bewohnern beider +Welten endlich erklärt, und die vielen Gelehrten an den +Observatorien, welche es auf der Erde giebt, gewannen die längst +verlorene Ruhe endlich wieder. +</P> + + + +<HR> + + +<A NAME="kap12" ID="kap12"></A> +<H3>XII.<BR> +In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der +Monthyon-Preise bewerben wollte. +</H3> + + +<P> +Bei dieser Erdumkreisung des „Albatros“ drängen sich +wohl von selbst ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel: + +</P><P> + +Wer ist überhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name +bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein Aeronef +niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an unzugänglichem +Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedürfte, sich +wenigstens mit neuen Vorräthen versorgt? Es wäre doch +merkwürdig, wenn das nicht so sein sollte. Auch die mächtigsten +Segler der Lüfte haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest. + +</P><P> + +Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur +belästigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner +Gewalt zu behalten und für ewig zu verdammen, mit ihm +umherzufliegen? Oder wird er ihnen, nachdem er sie über Afrika, +Südamerika, Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den +Stillen Ocean hinweggeführt, um sie wider Willen zu seinen +Anschauungen zu überzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit +den Worten: + +</P><P> + +„Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezüglich des +Grundsatzes: „Schwerer, als die Luft“, nicht mehr so +ungläubig, zeigen! — ?“ + +</P><P> + +Auf diese Fragen läßt sich vorläufig noch keine Antwort +geben; dies ist ein Geheimniß der Zukunft; vielleicht wird dasselbe +eines Tages entschleiert werden. + +</P><P> + +Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes angedeutete +Nest an der Nordküste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des Tages strich +er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer schwebend, vom +Cap Bon bis zum Cap Carthago über die Regentschaft Tunis hin. Darauf +wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg durch das +wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen, unter Cactus +und Rosenbüschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte. Zu vielen +Hunderten flogen Vögel auf, die in langen Reihen auf den +Telegraphendrähten saßen, als wollten sie die Depeschen beim +Durchgang abfangen und auf ihren Flügeln weiter tragen. + +</P><P> + +Mit Einbruch der Nacht schwebte der „Albatros“ über den +Grenzen von Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so +unterließ er es gewiß nicht, das Gesicht auf die Erde +niederzuwerfen und Allah bei der Erscheinung dieses riesenhaften Adlers +um Schutz und Hilfe anzuflehen. + +</P><P> + +Am folgenden Morgen waren Bona und die schönen Hügel seiner +Umgebung in Sicht, später Philippeville, jetzt ein kleines Algier, +mit seinen bogenförmigen Quais, seinen herrlichen Weingärten, +deren grünende Reben der ganzen Landschaft ihren Charakter +verleihen, einer Landschaft, welche aus Bordelais und den gesegneten +Gebieten von Burgund herausgeschnitten zu sein scheint. + +</P><P> + +Diese Spazierfahrt von fünfhundert Kilometern über Groß- +und Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Höhe der +Kasbah von Algier. Welch' schönes Bild bot sich da den Passagieren +des Aeronefs! Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der +Pescade-Spitze, das mit Palästen, Maravuts und Landhäusern +besäete Uferland; die launenhaft gewundenen Thäler mit ihrem +Mantel von Weinstocken; das tiefblaue Mittelmeer, das die hier kleinen +Booten gleichenden transatlantischen Dampfer durchfurchen. So ging es +weiter bis zu dem malerischen Oran, dessen in den Gartenanlagen der +Citadelle versammelte Bewohner den „Albatros“ mit den ersten +aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen. + +</P><P> + +Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der +Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefängniß +über Algerien — die Fortsetzung Frankreichs an der +Südküste des Mittelmeeres — hinführte, so +mußten sie die Ueberzeugung gewinnen, daß diese Laune zwei +Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des +Steuerruders lenkte den „Albatros“ nach Südosten ab, und +dieser sah am folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell +überstiegen, die Sonne über dem Wüstensande der Sahara +aufgehen. + +</P><P> + +Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurückgelegt: Zuerst +erblickte man den kleinen Flecken Géryville, der, wie Laghuat, an +der Grenze der Wüste gegründet wurde, um die endliche Eroberung +von Kabylien zu erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, +und zwar bei dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne +Schwierigkeit. Weiter ging es über die Wüste hin, bald langsam +oberhalb der grünenden Oasen oder Ksars, bald mit wilder +Schnelligkeit, welche den Flug der Lämmergeier überholte. +Manchmal mußte sogar auf diese gewaltigen Raubvögel Feuer +gegeben werden, die sich, zu zwölf und fünfzehn vereinigt, +selbst nicht scheuten, zum größten Schrecken Frycollins sich +auf den Aeronef zu stürzen. + +</P><P> + +Wenn diese Lämmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch +Schnabelhiebe und Krallenschläge zu antworten vermochten, so +verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit +Flintenschüssen, vorzüglich als er über die Berge von Sel +gekommen war, deren grüne und violette Grundmasse da und dort durch +den weißen Mantel blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon +über der großen Sahara, wo an verschiedenen Stellen noch Reste +der Lagerstätten Abd-el-Kader's zu bemerken waren. Hier — und +vorzüglich unter den Verbündeten Beni-Myal — bietet das +Land für den europäischen Reisenden noch immer ernste Gefahren. + +</P><P> + +Jetzt mußte der „Albatros“ wieder in höhere Zonen +flüchten, um einem daherrasenden Samum zu entgehen, der eine +gewaltige Welle röthlichen Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, +wie die steigende Fluth die Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden +die öden Hochplateaus der Chebka ihre schwärzlichen Lavamassen +bis herunter zu dem frischen, grünen Thale des Ain-Massin. +Schwerlich vermöchte sich Jemand größere Mannigfaltigkeit +der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier in weitem Umfange +umfaßte. Auf baum- und buschbedeckte Hügel folgten da lange +graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In der +Ferne erschienen „Oueds“ mit brausenden Bergströmen, +Wälder von Palmen, kleine Ansammlungen von Hütten, welche +entweder einen Hügel krönten oder eine Moschee umrahmten, unter +anderen Metliti, wo ein religiöser Häuptling, der große +Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat. + +</P><P> + +Während der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer über ein +ziemlich ebenes, nur von Dünen unterbrochenes Gebiet +zurückgelegt. Hätte der „Albatros“ hier Halt machen +wollen, so würde er in der Niederung der, unter einem ungeheuren +Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde erreicht haben. Sehr deutlich +zeigte sich die Stadt mit ihren drei bestimmt unterschiedenen Quartieren, +mit dem alten Palast des Sultans, einer Art befestigter Kasbah, ihren +Häusern aus Backsteinen, welche erst die glühende Sonne hart +brennt, und mit ihren im Thale erbohrten artesischen Brunnen, an denen +der Aeronef seinen Wasservorrath hätte erneuern können. Dank +seiner außerordentlichen Schnelligkeit aber füllte das im +Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschöpfte Wasser noch immer die +Vorrathstonnen, selbst in den Wüsten von Afrika, an. + +</P><P> + +Der „Albatros“ wurde von den Arabern, den Mozabiten und den +Negern, welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft +bemerkt, denn es begrüßten ihn von hier aus Hunderte von +Gewehrschüssen, ohne daß die Kugeln ihn hätten erreichen +können. + +</P><P> + +Dann kam die Nacht, die grabesstille Wüstennacht, deren Geheimnisse +Felicien David so hochpoetisch geschildert hat. + +</P><P> + +Während der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Südwesten +zurück und kreuzte die Straßen von El Golea, deren eine im +Jahre 1859 durch den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war. + +</P><P> + +Rings herrschte tiefe Finsterniß. Nichts war zu sehen von der nach +den Plänen Duponchel's zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen +Eisenbande, das Algier mit Timbuctu über Leghuat und Gardaia +verknüpfen und später bis zum Golf von Guinea fortgesetzt +werden soll. + +</P><P> + +Der „Albatros“ gelangte nun in die äquatorialen Gebiete +jenseits des Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der +Nordgrenze der Sahara überschritt er die Straße, wo der Major +Loiny 1846 den Tod fand; er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach +dem Sudan, und über dem Theile der Wüste, in dem die Tuarys +hausen, hörte er, was man den „Gesang des Sandes“ zu +nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln, das dem Erdboden zu +entsteigen scheint. + +</P><P> + +Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von +Heuschrecken zog in großer Höhe daher und aus derselben fiel +nun eine so große Menge an Bord, daß das Luftschiff davon +unterzugehen drohte. Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die +unerwünschte Last wieder abzuwerfen, bis auf mehrere hundert +Stück, welche François Tapage für sich in Anspruch nahm. +Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet schmackhafte Weise zu, +daß Frycollin darüber sogar einmal seine eigene Angst +vergaß. + +</P><P> + +„Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!“ sagte er. + +</P><P> + +Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla +entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Königreichs Sudan. + +</P><P> + +Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines großen Stromes +eine Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger — die Stadt war +Timbuctu. + +</P><P> + +Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von kühnen Reisenden der +Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams, Loiny, +Laillé, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten von +heute ab, und zwar Dank den Zufälligkeiten eines Abenteuers ohne +Gleichen, auch zwei Amerikaner <TT>de visu</TT>, <TT>de auditu</TT> und +obendrein <TT>de olfactu</TT> davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden +— wenn sie überhaupt einmal dahin zurückgelangten. + +</P><P> + +<TT>De visu</TT>, weil sie alle Ecken des fünf bis sechs Kilometer +großen Dreiecks, das die Stadt bildet, übersehen konnten; +— <TT>de auditu</TT>, weil an diesem Tage großer Markt +abgehalten wurde, bei dem es ohne einen Heidenlärmen nicht abgeht; +— <TT>de olfactu</TT>, weil der Geruchsnerv sehr unangenehm erregt +werden mußte durch die Dünste des Yubu-Kamo-Platzes, auf dem +sich dicht neben dem alten Palaste der Könige die +Fleischverkaufshalle erhebt. + +</P><P> + +Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den +Schriftführer des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu +sollen, daß es die höchste Zeit sei, sich die Königin des +Sudans zu betrachten, die sich jetzt in den Händen der Touaregs von +Laganet befindet. + +</P><P> + +„Timbuctu, meine Herren!“ sagte er zu ihnen in demselben +Tone, in dem er zwölf Tage früher zu ihnen „Indien, meine +Herren!“ gesagt hatte. + +</P><P> + +Dann fuhr er fort: + +</P><P> + +„Timbuctu, unter 18 Grad nördlicher Breite und 5 Grad 56 +Minuten westlicher Länge von Paris, zweihundertfünfundvierzig +Meter über dem mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende +Stadt von zwölf- bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem +durch Kunst und Wissenschaft auszeichnete. — Vielleicht hatten Sie +den Wunsch, hier einige Tage Halt zu machen?“ + +</P><P> + +Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein. + +</P><P> + +„Indeß, fuhr er fort, es möchte für Fremde +einigermaßen gefährlich werden, inmitten von Negern, Berbern, +Fullahs und Arabern, welche hier wohnen, vorzüglich wenn wir +bedenken, daß die Ankunft des Aeronefs ihr Mißfallen erregt +haben dürfte. + +</P><P> + +— Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, für das +Vergnügen, Sie verlassen zu können, würden wir gern die +Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen hier übel empfangen zu +werden. Ein Kerker ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch +besser, als der „Albatros“. + +</P><P> + +— Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen +Fall möchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich +für die Sicherheit der Gäste, welche mir die Ehre anthun, mit +mir zu reisen ... + +</P><P> + +— Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte +jetzt Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus, mit der Rolle +unseres Kerkermeisters — nein, Sie müssen uns auch noch +beleidigen? + +</P><P> + +— O, das war höchstens eine erlaubte Ironie! + +</P><P> + +— Giebt es denn keine Waffen an Bord? + +</P><P> + +— Gewiß, ein ganzes Arsenal. + +</P><P> + +— Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen nehme +und Sie, mein Herr, den anderen. + +</P><P> + +— Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben +kosten könnte! + +</P><P> + +— Nein, ihm gewiß kosten würde! + +</P><P> + +— Nein, nein, mein Herr Präsident des Weldon-Instituts, ich +ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten. + +</P><P> + +— Um sicherer zu sein, daß Sie selbst leben bleiben. Das ist +sehr klug. + +</P><P> + +— Klug oder nicht, mir paßt es eben. Es steht Ihnen +völlig frei, darüber anders zu denken und Klage zu erheben, +wenn Sie es können. + +</P><P> + +— Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur! + +</P><P> + +— Wirklich? + +</P><P> + +— War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Gegenden +Europas so schwierig, ein Schriftstück hinunterfallen zu +lassen ... + +</P><P> + +— Das hätten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn +hell aufloderte. + +</P><P> + +— Und wenn wir es gethan hätten? + +</P><P> + +— Wenn Sie es gethan hätten, verdienten Sie ... + +</P><P> + +— Was denn, mein Herr Ingenieur? + +</P><P> + +— Daß man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen +ließe! + +</P><P> + +— So werfen Sie uns über Bord ... Wir haben es gethan!“ +rief Onkel Prudent. + +</P><P> + +Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren Tom +Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur hatte +verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und ohne +Zweifel zog er sich nur aus Besorgniß, ihr nicht widerstehen zu +können, plötzlich in seine Cabine zurück. + +</P><P> + +„Sehr schön! sagte Phil Evans. + +</P><P> + +— Und was er zu thun nicht wagte, erklärte Onkel Prudent, das +werde ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!“ + +</P><P> + +In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den +Plätzen und Straßen der Stadt zusammen und sammelten sich auf +den Terrassen der amphitheatralisch erbauten Häuser. + +</P><P> + +In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden +kugelförmigen Hütten des Quartiers Raguidi donnerten die +Priester von den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flüche und +Verwünschungen gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war indeß +unschädlicher, als Flintenkugeln. + +</P><P> + +Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war +Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer Bewegung. +Wenn der „Albatros“ hier zur Erde niedergegangen wäre, +die Leute hätten ihn in Stücke gerissen. + +</P><P> + +Während einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit +wetteifernd lärmende Schaaren von Störchen, Haselhühnern +und Ibissen; sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich +zurückgelassen. + +</P><P> + +Gegen Abend ertönte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen +Elephanten und Büffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere +Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten. + +</P><P> + +Während vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem +Meridian 0 und dem 2. Grade der Länge zwischen dem Knie des Stromes +gelegene Gegend unter dem „Albatros“ gleich einem +Wandelpanorama. + +</P><P> + +Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfügung gehabt +hätte, wie leicht wäre es ihm dann nicht gewesen, eine +topographische Aufnahme des Landes auszuführen, die höchsten +Punkte zu messen, den Lauf der Ströme und ihrer Nebenflüsse zu +bestimmen und die Lage der Städte und Dörfer festzusetzen. Dann +gäbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht mehr so viel leere +Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte Länder — und +keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr, welche die +Kartographen zur Verzweiflung bringen. + +</P><P> + +Am Morgen des 11. überschritt der „Albatros“ die Berge +des nördlichen Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen +Namen trägt. Am Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie +die Kong-Berge des Königreichs Dahomey. + +</P><P> + +Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans +beobachten können, daß sie stets die Richtung von Norden nach +Süden eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, daß sie, wenn +hierin keine Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie +erreichen mußten. Sollte der „Albatros“ sich wirklich +vom Festland ganz wegwenden und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den +Kaspis-See, die Nordsee und das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen +Ocean wagen wollen? + +</P><P> + +Diese Aussicht war für die beiden Collegen, welche damit jede +Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders angenehme. + +</P><P> + +Der „Albatros“ bewegte sich jetzt jedoch nur langsam +vorwärts, als zögere er noch, das afrikanische Gebiet zu +verlassen. Der Ingenieur dachte indeß keineswegs an eine Umkehr, +nur fesselte das Land, über welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit +im höchsten Grade. + +</P><P> + +Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, daß das +Königreich Dahomey an der Westküste Afrikas eines der +mächtigsten ist. Stark genug, um sich mit dem benachbarten Reiche +der Aschantis im Kampfe messen zu können, sind seine Grenzen doch +sehr beschränkt, denn es mißt nur fünfundzwanzig +(englische) Meilen von Nord nach Süd und gegen sechzig Meilen von +Ost nach West; seine Einwohnerzahl beläuft sich jedoch auf +7–800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabhängigen Gebiete +von Ardrah und Wydoch annectirt hat. + +</P><P> + +Wenn dieses Königreich Dahomey also auch nicht groß ist, so +hat es doch recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig +berühmt durch die entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim +Jahreswechsel begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren +Hekatomben, welche gewöhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle +ersetzenden Könige dargebracht werden. Ja, es gehört so zu +sagen zum guten Ton, daß der König von Dahomey, wenn er den +Besuch einer hohen Person oder etwa eines Gesandten erhält, diesem +zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die Köpfe abschlagen +läßt — abschlagen durch seinen Minister der Justiz, den +„Minghan“, der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich +entledigt. + +</P><P> + +Zur Zeit, als der „Albatros“ die Grenze von Dahomey +überschritt, war eben der König Lahadu verstorben und die ganze +Bevölkerung schritt zur Feier der Thronbesteigung seines +Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen Lande eine große Aufregung +und Bewegung, welche Robur nicht hatte entgehen können. + +</P><P> + +Lange Züge von Landbewohnern Dahomeys drängten sich nach +Abomey, der Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land +wohlunterhaltene Straßen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase +bewachsene Ebenen verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, Wälder voll +herrlicher Palmen, Cocosnußbäume, Mimosen, Orangen- und +Mangobäume, deren Düfte bis zum „Albatros“ +hinaufstiegen, während Tausende von Papageien und Cardinälen +aus dem dunklen Grün aufflatterten. + +</P><P> + +Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der +Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner. + +</P><P> + +Es schien übrigens nicht, als ob der „Albatros“ von +vornherein die Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse +erweckte, welche auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht +sichtbar war. Hauptsächlich kam das jedoch wohl daher, daß er +sich in großer Höhe und zwischen leichten Wolken hielt. + +</P><P> + +Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergürtel, +den noch ein zwölf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, +mit ihren breiten, regelmäßigen, sehr eben verlaufenden +Straßen und dem großen Platz, den der Palast des Königs +einnimmt. Alle die vielen Baulichkeiten überragt noch eine Terrasse, +nicht weit vom gewöhnlichen Opferplatz. Während der +größten Feste werden dem Volke von der Höhe derselben aus +die in Weidenkörben angebundenen Gefangenen zugeworfen, und man kann +sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit welcher diese +Unglücklichen in Stücke gerissen werden. + +</P><P> + +In einem Theile der Höfe, welche den Palast des Herrschers +umschließen, sind viertausend Krieger einquartirt, eine der +Abtheilungen der königlichen Armee, und natürlich nicht die +schlechteste. + +</P><P> + +Wenn es auch zweifelhaft ist, daß es jemals Amazonen auf dem Strome +dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen +tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schärpe, weiße, +blaugestreifte Beinkleider, weiße kurze Beinkleider darüber +und die Patronentasche im Gürtel; die Anderen, die +Elephanten-Jägerinnen, sind bewaffnet mit einer plumpen Flinte, +einem Dolch mit kurzer Klinge, und auf dem Kopfe tragen sie zwei mit +einem Eisenringe befestigte Antilopenhörner; die Artilleristen haben +einen halb rothen und halb blauen Ueberwurf und als Waffe die +Donnerbüchse mit alten gußeisernen Rohren, noch Andere +endlich, ein Bataillon jener Mädchen, trägt eine Art blauer +Mäntel mit kurzem weißen Beinkleid; das sind wirkliche +Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen +ausgerüstet. + +</P><P> + +Rechnet man zu diesen Amazonen noch fünf- bis sechstausend Mann in +Baumwollhemden und mit einem Gürtel um die Taille, so hat man die +ganze Armee von Dahomey Revue passiren lassen. + +</P><P> + +Abomey selbst war an diesem Tage völlig menschenleer, der +König, das ganze Personal, die männliche wie die weibliche +Armee, sowie die Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um +einige Meilen entfernt auf einem großen, von prächtigem +Baumschlag eingerahmten Platze zusammenzuströmen. + +</P><P> + +Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Königs +stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der +letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten +Augenblicks. + +</P><P> + +Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt über derselben Ebene +schwebende „Albatros“ aus einer leichten Dunstschicht, die +ihn bisher den Augen der Bevölkerung von Dahomey verhüllt +hatte, etwas mehr niederzusinken. + +</P><P> + +Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus +allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus +allen Städten und Dörfern gekommen waren. + +</P><P> + +Der neue König — ein kräftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und +fünfundzwanzig Jahre alt — thronte auf einer kleinen +Anhöhe, welche eine Gruppe von Bäumen mit langen Aesten +beschattete. Vor ihm drängte sich der neue Hofstaat, seine +männliche Armee, seine Amazonen und das ganze Volk hin und her. + +</P><P> + +Am Fuße dieses Erdhügels spielten etwa fünfzig Musiker +auf ihren barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzähnen, +die einen rauhen Ton gaben, wirbelten auf großen, mit einer +Hirschkuhhaut bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkürbisse, +Guitarren, Glocken, die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und +Flöten aus Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester +übertönte. Jeden Augenblick krachten die Flinten, +Donnerbüchsen und zuweilen die alten Kanonen, deren Lafetten dabei +zurücksprangen, daß die Artilleristen in Lebensgefahr kamen; +dazu herrschte ein solcher Heidenlärm und so wüstes Geschrei, +daß man kaum einen Donnerschlag hätte hören können. + +</P><P> + +In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten überwacht, die +Gefangenen, welche dem verstorbenen Könige das Geleit in die andere +Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine +Einbuße an seiner hohen Würde erleiden. Bei der Leichenfeier +Ghozo's, des Vaters Bahadu's, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener +mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorgänger hierin doch nicht +nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein, um +die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle Bewohner +des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten Königs +bilden sollten. + +</P><P> + +Eine Stunde verging mit Gesprächen, Vorträgen und Ansprachen, +unterbrochen von Tänzen, welche nicht allein die eigentlichen +Bajaderen aufführten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel +kriegerische Grazie entwickelten. + +</P><P> + +Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen +Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Männer, +Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus dem +Auge. + +</P><P> + +Der Minghan verweilte am Fuße des Erdhügels. Er schwang das +Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener Vogel +saß, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war +er nicht allein; er wäre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. +In seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle +eingeübt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu +lösen. + +</P><P> + +Inzwischen näherte sich der „Albatros“ allmählich +in schräger Richtung und ließ seine Auftriebs- und +Treibschrauben mit verminderter Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus +der Wolkenschicht hervor, die ihn bis wenigstens hundert Meter von der +Erde verhüllt hatte, und wurde jetzt zum ersten Male sichtbar. + +</P><P> + +Ganz entgegen den gewöhnlichen Erfahrungen sahen die wilden +Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem +Zwecke herabgestiegen sei, dem Könige Bahadu zu huldigen. + +</P><P> + +Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes +Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen +übernatürlichen Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den +Körper des verstorbenen Königs in die Höhe des +Dahomey'schen Himmels zu tragen. + +</P><P> + +Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden +hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugeführt. + +</P><P> + +Plötzlich krachte vom „Albatros“ ein Schuß. Der +Justizminister stürzte getroffen zur Erde. + +</P><P> + +„Gut gezielt, Tom! sagte Robur. + +</P><P> + +— Bah! ... Es war ein Schuß mitten in den Haufen!“ +antwortete bescheiden der Obersteuermann. + +</P><P> + +Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste +Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben. + +</P><P> + +Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen schnell +gewechselt; dieses geflügelte Ungeheuer war kein guter, sondern ein +dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan +gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele +Gewehre, die nach dem „Albatros“ gerichtet waren. + +</P><P> + +Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa +hundertfünfzig Fuß über der Erde niederzusinken. Trotz +ihrer dem Ingenieur Robur gewiß ungünstigen Stimmung konnten +sich Onkel Prudent und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem +menschenfreundlichen Werke theilzunehmen. + +</P><P> + +„Ja, laßt uns die Gefangenen befreien! riefen sie. + +</P><P> + +— Das ist meine Absicht!“ antwortete der Ingenieur. + +</P><P> + +Schon begannen die Repetirgewehre des „Albatros“ in den +Händen der beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein +Schnellfeuer, von dem doch keine Kugel inmitten der großen +Menschenmasse verloren ging. Und selbst das kleine Geschütz an Bord, +das so tief als möglich herabgerichtet wurde, sandte einige +Kartätschenladungen hinunter, welche wahre Wunder wirkten. + +</P><P> + +Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der +Höhe gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, während die +Soldaten auf den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von +einer Kugel durchlöchert, während einige andere an den Rumpf +des Fahrzeuges schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner +Cabine verkrochen hatte, wäre fast noch durch die Wand des Ruffs +getroffen worden. + +</P><P> + +„Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!“ rief Tom Turner. + +</P><P> + +Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem +Dutzend Dynamitpatronen zurück, die er an die Kameraden vertheilte. +Auf ein Zeichen Robur's wurden dieselben über den Hügel +hinabgeworfen und durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie +wie kleine Bomben. + +</P><P> + +Das gab aber eine wilde Flucht! Der König, der Hof, die Armee und +das ganze Volk stürzte, von gewiß nicht ungerechtfertigter +Furcht ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den Bäumen +Schutz, während die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, +sie zu verfolgen. + +</P><P> + +So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Königs von Dahomey +unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans mußten zugestehen, +über wie große Machtmittel dieser Apparat verfügte, und +welchen hohen Nutzen er der Menschheit hätte gewähren +können. + +</P><P> + +Der „Albatros“ erhob sich darauf zu mittlerer Höhe; er +glitt über Mydah hinweg und hatte bald diese ungastliche Küste, +welche die Westwinde mit unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte +verloren. + +</P><P> + +Er schwebte nun über dem Atlantischen Weltmeere. +</P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap13" ID="kap13"></A> +<H3>XIII.<BR> +In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren, ohne +die Seekrankheit zu bekommen. +</H3> + + +<P> +Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen +hatten sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur +hier über dem unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. +Das kümmerte ihn so wenig wie seine Leute, welche an derartigen +Fahrten gewöhnt sein mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre +Wohnung zurückgekehrt. Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer +stören. + +</P><P> + +Wohin steuerte nun der „Albatros“? Sollte er wirklich noch +mehr als eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall +mußte diese Fahrt doch irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur +sein ganzes Leben in den Lüften, an Bord des Aeronefs zubringen +sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu gehen, war doch nicht wohl +annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe an Munition und +Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die Functionirung der +Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt mußte er +also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und wahrscheinlich auf +einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der Erde, wo der +„Albatros“ sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen +konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen +haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht. + +</P><P> + +Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der Ingenieur +dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine +Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften +erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, +seine, aus den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein +Schicksal zu binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um +einen so kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze +Construction so geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich +schien nicht besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast +ein gemeinsames Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche +Leute, die kein Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war +eigentlich jener Robur? Woher kam er? Welcher Art war seine +Vergangenheit? Das waren ebenso viele unlösbare Räthsel, und +der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß der Letzte sein, +eine Erklärung darüber abzugeben. + +</P><P> + +Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller +unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. +Sich so in's Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang +eines solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran +zu zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum +ewigen Umherfliegen verurtheilt zu sein — mußte das den +Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf's +Aeußerste treiben? + +</P><P> + +Inzwischen schwebte der „Albatros“ am Abend des elften Juli +über den Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die +Sonne aufging, erhob sie sich über die kreisförmige Linie, in +der Himmel und Wasser zusammen zu treffen scheinen. Trotz des weit +ausgedehnten Gesichtsfeldes war doch nirgends ein Land in Sicht und +Afrika schon vollständig hinter dem nördlichen Horizont +verschwunden. + +</P><P> + +Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer +unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt. Unter +sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser zu +sagen, „um sich“, denn für einen auf sehr hohem Punkte +befindlichen Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen +Seiten umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, +ohne daß man je seine Grenzen erreichen könnte. + +</P><P> + +Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich +nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um +in ihm die „Angst vor der Leere“ zu erzeugen, deren sich +manche, sonst ganz muthige Naturen nicht entziehen können. + +</P><P> + +Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten +Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine +zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu +verlassen. + +</P><P> + +Von den 373,895.343 Quadratkilometern<A NAME="footmark5" ID="footmark5" +HREF="#foot5"><SUP>5</SUP></A>, welche die Oberfläche der Meere +einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. +Es schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe, +wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller +Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die +Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. +In den Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er +diesem fast entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so +bot der Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche. + +</P><P> + +Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen +gestützten meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz +der Passate, entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, +erkennen lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie +entweder von Westen und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von +Osten her und ziehen nach der Neuen Welt zu — wenigstens +während der wärmeren Jahreszeit. + +</P><P> + +Der „Albatros“ versuchte also gar nicht, gegen den ihm +widrigen Wind mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben +anzukämpfen. Er begnügte sich mit einer gemäßigten +Gangart, welche übrigens die der transatlantischen Dampfer immer +noch überholte. + +</P><P> + +Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen +Mannschaft besonders angemeldet wurde. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun +die nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen +gekommen waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die +tollen Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen +gebräuchlich sind. + +</P><P> + +Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin +eine große Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da +dieser Taufe aber einige Gläser Gin nachfolgten, erklärte der +Neger sich bereit, die Linie so oft passiren zu wollen, wie man +wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht auf dem Rücken +eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm nun einmal kein +Vertrauen einflößte. + +</P><P> + +Am Morgen des 15. schwebte der „Albatros“ über den +Inseln Ascension und St. Helena, aber näher der letzteren hin, +deren höhere Theile sich einige Stunden lang am Horizonte zeigten. + +</P><P> + +Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer +befand, ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, +gewiß würde Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu +beleidigenden Vorsichtsmaßregeln seinen berühmten Gefangenen +auf dem Wege durch die Lüfte haben entweichen sehen. + +</P><P> + +Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit +Abnahme des Tageslichtes höchst eigenthümliche +Dämmerungserscheinungen. Unter höherer Breite hätte man +bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken können. Die Sonne warf +nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel vielfarbige +Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen. + +</P><P> + +War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber +zog und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige +Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise +allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer +Anschauung gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden +hätten. + +</P><P> + +Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft +feine Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, +nämlich zarte Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den +Stoffen, welche feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also +jeder Zweifel, daß diese Wolke von einer vulcanischen Eruption +herrührte, deren krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete +Erscheinung erzeugten — eine Wolke, welche die Luftströmungen +auch noch über dem Atlantischen Ocean schwebend erhielten. + +</P><P> + +Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch +andere Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken +dem Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem +Aussehen; gelangte man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien +dessen Oberfläche ganz übersäet von glänzend +weißen Körperchen, zwischen denen einzelne größere +besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser Breite durch nichts +Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ. + +</P><P> + +In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber +Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde +und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er +das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen +Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag +schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der +afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der +Nähe des Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte +dazu eine fast unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung +in höheren Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch +hier vor den directen Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand +hätte aushalten können. + +</P><P> + +Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, +daß jenseits des Aequatorialgebiets auch andere klimatische +Verhältnisse herrschen würden; es darf hierbei auch nicht +vergessen werden, daß der Monat Juli der südlichen Halbkugel +der Januar der nördlichen ist, also dem tiefsten Winter entspricht. +Wenn der „Albatros“ noch weiter nach Süden vordrang, +mußte er die Folgen davon bald spüren. + +</P><P> + +Das Meer aber „empfand das“, wie die Seeleute sagen. Am 18. +Juli zeigte sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes +Phänomen, welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte. + +</P><P> + +Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden +Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe +von leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig +Fuß folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. +Mit einbrechender Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum +„Albatros“ hinauf, so daß dieser jetzt wirklich +hätte für einen glühenden kleinen Himmelskörper +angesehen werden können. Noch nie war es Robur vorgekommen, +über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern — über Flammen +ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte. + +</P><P> + +Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung +sein, denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen +Geschöpfen gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des +Meeres bedecken, konnte man dieselbe nicht zuschreiben. + +</P><P> + +Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft +jetzt eine sehr hohe sein müsse. + +</P><P> + +Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl +dem Untergang geweiht gewesen. Der „Albatros“ dagegen spielte +mit Wind und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn +es ihm nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche +hinzugleiten, so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe +und Sonnenschein aufsuchen. + +</P><P> + +Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. +Der Tag dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit +der Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer +werden. + +</P><P> + +Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der „Albatros“, um eine +günstige Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er +schwebte höchstens noch hundert Fuß über der +Oberfläche des Meeres. + +</P><P> + +Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke, +dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau +horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene +Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das +darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte. + +</P><P> + +Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch +empor. + +</P><P> + +In einem Augenblick wurde der „Albatros“ in den Wirbel einer +riesigen Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von +Tintenschwärze das Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die +Drehung dieser Trombe entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst +hätten diese ihre Wirkung ganz eingebüßt und der Aeronef +wäre in's Meer gefallen; jetzt wurde er nur mit erschreckender +Schnelligkeit um sich selbst gedreht. + +</P><P> + +Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, +da der Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren +Anziehung ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die +Centrifugalkraft wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks +geschleudert, und mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, +um nicht über Bord zu fallen. + +</P><P> + +„Ruhig Blut!“ rief Robur. + +</P><P> + +Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden +nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte +Mühe, sich noch fest zu klammern. + +</P><P> + +Und während sich der „Albatros“ in dieser Weise um sich +selbst drehte, folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die +mit einer Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten +eifersüchtig werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er +der einen entgangen, wurde er von einer anderen gepackt und war stets in +Gefahr, in Stücke zerrissen zu werden. + +</P><P> + +„Einen Kanonenschuß!“ rief der Ingenieur. + +</P><P> + +Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn +gerichteten Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz +mittschiffs, wo die Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als +wir es beschreiben können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs +geöffnet und führte in diese eine scharfe Patrone ein, von +denen ein kleiner Vorrath in einem an der Lafette befestigten Kasten +vorhanden war. Der Schuß krachte und sofort sanken einige Tromben +zusammen. + +</P><P> + +Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu +zerreißen und die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen +Sturzregen auf, der den Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, +die Meer und Himmel verbanden. + +</P><P> + +Endlich befreit, beeilte sich der „Albatros“, um einige +hundert Meter aufzusteigen. + +</P><P> + +„Nichts zerbrochen an Bord?“ fragte der Ingenieur. + +</P><P> + +— Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar +zu tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen +möchten.“ + +</P><P> + +In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der „Albatros“ +in größter Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart +dürfte er dem Wirbeln der Tromben schwerlich widerstanden haben. + +</P><P> + +Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn +nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer +mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel +Prudent und Phil Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine +eingeschlossen, beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, +auf seinen Karten die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, +wenn es irgend anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben +befanden, ferner die Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten +und endlich alle Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch +einzutragen. + +</P><P> + +Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen +unablässig, im Süden Land zu entdecken. + +</P><P> + +Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen +Auftrage des Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs +auszuforschen. Wie hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner +François Tapage zur Antwort gab, klug werden können? Nach ihm +war Robur bald ein ehemaliger Minister der Republik Argentina, ein Chef +der Admiralität, ein abgetretener Präsident der Vereinigten +Staaten, ein auf Wartegeld gesetzter spanischer General, oder auch ein +Vicekönig von Indien, der in den Lüften eine noch höhere +Stellung gesucht hatte. Bald besaß er, Dank der mit Hilfe seiner +Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und war er allgemein in die +Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch die Herstellung dieses +Apparats ruinirt und gezwungen gesehen, öffentlich aufzusteigen, um +sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage nach einem Ruheplatz +desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer der, daß er +nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben, wenn er eine ihm +passende Oertlichkeit anträfe. + +</P><P> + +„He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es würde Dir +Vergnügen machen, zu sehen, wie es da oben zugeht? + +</P><P> + +— Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der +Schwachkopf, der alle diese Faseleien für Ernst nahm. + +</P><P> + +— Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer +hübschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der +Neger!“ + +</P><P> + +Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, +erkannte dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu +erlangen sei. Er dachte also nur noch daran, sich zu rächen. + +</P><P> + +„Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf +der Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist. + +</P><P> + +— Unmöglich, Onkel Prudent! + +</P><P> + +— Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es +sein muß, indem er sein Leben opfert ... + +</P><P> + +— Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell +als möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so +kühles Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen +erreicht hatte. Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der +„Albatros“? ... Jetzt fliegt er schräg über den +Atlantischen Ocean, und wenn er diese Richtung beibehält, muß +er nach den Küsten von Patagonien, dann nach denen des Feuerlandes +kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch über den Stillen +Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem Südpolarlande? +... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wären wir verloren! +... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter Nothwehr, und +wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen ... + +</P><P> + +— So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir +uns gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er +trägt, zerstört haben!“ + +</P><P> + +Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen +aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es +nicht anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem +Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser +wunderbare Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit +bezüglich der Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich +gezwungen sahen. + +</P><P> + +Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, +daß sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu +Werke gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen +Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in +tausend Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst +Gelegenheit finden, in die Munitionskammer einzudringen. + +</P><P> + +Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei +dem Gedanken, daß der „Albatros“ in die Luft gesprengt +werden sollte, würde er sich nicht entblödet haben, seinen +eigenen Herrn zu verrathen. + +</P><P> + +Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und +zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße. +Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit +fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb +fortwährend unter 0 Grad zurück. + +</P><P> + +Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der +„Albatros“ zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob +er dem Stillen Ocean zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas +hinweggekommen, den Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im +Westen hinter sich gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem +kleinen chilenischen Dörfchen, gerade als daselbst das volle +Kirchengeläute erklang, und einige Stunden später in die +Nähe der alten Niederlassung im sogenannten Hungerhafen. + +</P><P> + +Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah, +wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende +Körpergröße haben, so konnten doch die Passagiere des +Aeronefs darüber nicht urtheilen, da sie ihnen, von dieser Höhe +gesehen, als Zwerge erschienen. + +</P><P> + +Doch welch' Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des +südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee +bedeckte Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; +Binnenseen, Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; +daneben Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, +unzählige Caps und Halbinseln — all' dieses undurchdringliche +Gewirr, und jetzt durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom +Cap Forward, am Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am +letzten Ausläufer der Neuen Welt! + +</P><P> + +Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der +„Albatros“ wieder eine völlig südliche Richtung an. +Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel Brunswick und dem Grawes-Berge +hindurchsteuernd, wandte er sich in gerader Linie nach dem +Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick übereisten Spitzberge, +welcher die Meerenge der Magellan-Straße in einer Höhe von +zweitausend Metern beherrscht. + +</P><P> + +Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs +oder Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln. + +</P><P> + +Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete — +vorzüglich deren mittlerer Theil — im Sommer gezeigt, wo die +Tage fünfzehn bis sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie +nämlich Thäler und Weideplätze, welche Abertausende von +Thieren ernähren könnten, nebst jungfräulichen +Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen, Eschen, +Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen, +welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und +Straußen bewohnen. Als der „Albatros“ seine +elektrischen Lichter erglühen ließ, flatterten auch +Papageientaucher, Enten und Gänse — hundertmal mehr, als +François Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord. + +</P><P> + +Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten verstand, +daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt dadurch +plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte +das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem +interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu +rupfen. + +</P><P> + +Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte, +auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen +eingerahmter See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und +einige Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell +über dessen Oberfläche hin. + +</P><P> + +Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach +allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie sich +doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein. + +</P><P> + +Der „Albatros“ steuerte noch immer nach Süden über +dem Beagle-Canal hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren +griechischer Name unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser +entlegenen Landstrecken etwas auffällig erscheint, weiter, als die +Insel Wollaston, die sich schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. +Endlich, nachdem er von Dahomeys Küste aus über +siebentausendfünfhundert Kilometer zurückgelegt, schwebte er +über die letzten Inseln des Magellan-Archipels hinweg und endlich +ganz im Süden über das schreckliche Cap Horn, an das eine +unaufhörliche wilde Brandung donnert. +</P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap14" ID="kap14"></A> +<H3>XIV.<BR> +In dem der „Albatros“ etwas ausführt, was man vielleicht +niemals dürfte ausführen können. +</H3> + + +<P> +Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der +südlichen Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der +nördlichen Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der +56. Breitegrad überschritten, der im Norden Europas Schottland in +der Höhe von Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg +durchschneidet. + +</P><P> + +Der Thermometer hielt sich auch fortwährend unter 0 Grad, so +daß es sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche +Wärme etwas wohnlicher zu machen. + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni +des südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich +kürzer wurde, da der „Albatros“ einen Curs nach den +Polarregionen einhielt. + +</P><P> + +Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile +des Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte +also nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche +Kälte. Um ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der +Eskimos und Fuegier kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern +nicht fehlte, konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem +Verdeck ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten +und eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. +Uebrigens sahen sie Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel +mit beiderseitigen Drohungen, der über Timbuctu stattfand, sprachen +der Ingenieur und sie nicht mit einander. + +</P><P> + +Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage's +heraus, der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte — +unter der Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich +machte. Da das nicht ohne Vortheil für ihn abging, hatte der Neger +sich mit Erlaubniß seines Herrn gern dazu verpflichtet. So +eingeschlossen, sah er ja auch nicht, was draußen vorging, und +konnte sich gegen jede Gefahr geschützt glauben. Glich er nicht +völlig dem thörichten Strauße, nicht allein physisch +durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch seine +kindische Beschränktheit? + +</P><P> + +Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der „Albatros“ sich +nun wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter +über diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols +hinauswage? Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die +furchtbare Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen +Atmosphäre doch Allen der Tod — der schreckliche Tod des +Erfrierens. Daß Robur es unternommen hätte, in der warmen +Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl angehen; +inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien dies dagegen +wie der Streich eines Tollhäuslers. + +</P><P> + +Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des +Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende +der Neuen Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu +Amerika, aber freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören. + +</P><P> + +Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt +nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des +fliegenden Apparats zu beendigen? + +</P><P> + +Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen +fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem +Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner und +er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der +Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden +Wetterumschlags zu erkennen. + +</P><P> + +Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu +bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso +derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des +Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, +da es darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu +erhalten. + +</P><P> + +Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten. + +</P><P> + +„Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin? + +</P><P> + +— Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete +Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel +sein, mit einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern. + +</P><P> + +— Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er +wird nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über +die er verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben. + +</P><P> + +— Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur +Ausführung bringen können ... wenn er daselbst ankommt ... + +</P><P> + +— Er wird nicht ankommen, Phil Evans!“ + +</P><P> + +Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des Ingenieurs +wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch schwand jeder +Zweifel, daß der „Albatros“, nachdem er die Grenzen des +südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder +rückwärts steuerte. + +</P><P> + +Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, +mußten sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz +mit Eisfeldern und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen +undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die +tollkühnsten Reisenden. + +</P><P> + +Gewiß hätte der „Albatros“, wenn er seinen +Flügelschlag beschleunigte, diese über den Ocean +aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können, wie die +auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge — wenn es +überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse +überdeckt. Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, +inmitten der finsteren Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, +welche sich zuweilen bis 60 Grad unter Null abkühlen kann. + +</P><P> + +Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, +wandte sich der „Albatros“ nach Westen, so, als ob er die +Richtung nach einer unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans +einschlüge. + +</P><P> + +Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die +Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die +Fluthen derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die +zum Theil dem Ocean den Namen des „Milchmeeres“ erworben +haben. In dem Halbdunkel, welches die matten Sonnenstrahlen niemals +wirklich durchdrangen, erschien die ganze Oberfläche des Stillen +Weltmeeres wirklich milchig weiß. Man hätte ein ungeheures +Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen Bodensenkungen und Erhebungen +aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären. Wäre auch dieser +ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen Eisfeld erstarrt +gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer sein +können. + +</P><P> + +Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, +phosphorescirende Körperchen sind, welche diese Erscheinung +erzeugen. Merkwürdig blieb nur der Umstand, diesen opalisirenden +Massen außerhalb des indischen Oceans zu begegnen. + +</P><P> + +Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich hoch +gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das +für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, +während der Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls +ließ dasselbe aber erkennen, daß in letzter Zeit ein +furchtbarer Sturm die Gewässer des Pacifischen Oceans aufgewirbelt +haben mochte. + +</P><P> + +Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat. + +</P><P> + +„Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am +Horizont? ... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das +nicht sein? + +</P><P> + +— Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land. + +</P><P> + +— Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein +Fahrzeug.“ + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner +bezeichneten Punkt hinaus. + +</P><P> + +Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den +fraglichen Gegenstand. + +</P><P> + +„Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, +daß sich Menschen in demselben befinden. + +</P><P> + +— Schiffbrüchige? rief Tom. + +</P><P> + +— Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, +ihr Schiff zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche +nicht wissen, wo sie Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und +Durst umkommen. Wohlan, es soll Niemand sagen können, der +„Albatros“ hätte nicht den Versuch gemacht, ihnen Hilfe +zu bringen!“ + +</P><P> + +Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und der +Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt er +damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden. + +</P><P> + +Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing +und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an +Bord befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder +zu handhaben. + +</P><P> + +Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder +vor Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod +sie schon ereilt hatte. + +</P><P> + +Ueber ihnen angekommen, ging der „Albatros“ langsam nach +unten. Am Heck des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, +zu dem es gehört hatte; es war die „Jeannette“ von +Nantes gewesen, ein französisches Schiff, das seine Besatzung hatte +aufgeben müssen. + +</P><P> + +„Aoh!“ rief Tom Turner. + +</P><P> + +Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum +achtzig Fuß unter ihm. + +</P><P> + +Keine Antwort. + +</P><P> + +„Schießt ein Gewehr ab!“ sagte Robur. + +</P><P> + +Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete +sich weithin über die Oberfläche des Wassers. + +</P><P> + +Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, +seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht +mehr dem eines Skelets ähnelte. + +</P><P> + +Als er den „Albatros“ bemerkte, malte sich in seinen +Zügen erst der helle Schrecken. + +</P><P> + +„Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir +kommen Euch zu retten. Wer seid Ihr?“ + +</P><P> + +— Matrosen von der „Jeannette“, einer Dreimastbark, +deren zweiter Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn +Tagen ... mußten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im +Sinken war ... Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel +mehr! ...“ + +</P><P> + +Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach +etwas erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie +die Hände nach dem Aeronef empor. + +</P><P> + +„Achtung!“ rief Robur. + +</P><P> + +Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit +Süßwasser wurde zu dem Boote hinabgesendet. + +</P><P> + +Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit +einer Hast, welche fast widerlich mit anzusehen war. + +</P><P> + +„Brot! ... Brot! ...“ riefen sie. + +</P><P> + +Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven, +einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen +herunter. Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der +Stillung ihres Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten. + +</P><P> + +„Wo sind wir denn? fragte er dann. + +</P><P> + +— Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem +Chonas-Archipel, antwortete Robur. + +</P><P> + +— Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ... + +</P><P> + +— Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen. + +</P><P> + +— Wer sind Sie? + +</P><P> + +— Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im +Stande waren, Euch Hilfe zu bringen,“ erwiderte einfach Robur. + +</P><P> + +Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. +Doch war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug +besaß, sie zu schleppen? + +</P><P> + +Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das +Boot von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen. + +</P><P> + +Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die +Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur +rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die +Schiffbrüchigen der „Jeannette“, und sie hatten +gewiß einiges Recht, ihre Rettung für ein Wunder zu halten. + +</P><P> + +Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den +Chonas-Inseln gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau +schießen zu lassen, was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, +und der „Albatros“ steuerte wieder auf die offene See hinaus. + +</P><P> + +Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der +auf diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten +konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande +gewesen, es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent +und Phil Evans das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die +Wahrheit des ganzen Zwischenfalls zu leugnen. + +</P><P> + +Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende +Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und +wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den +helikopterischen Maschinen des „Albatros“ ein lautes Pfeifen +verursachten und diesen merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen +hätte ein Segelschiff schon die Marssegel zweimal und das Focksegel +einmal reefen müssen. Alles deutete darauf, daß der Wind nach +Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr des Sturmglases fing an, sich +beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr Morgens erlangte der Wind eine +ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der Aeronef denselben ganz von +vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn doch noch forttreiben, so +daß er etwa vier bis fünf Meilen in der Stunde +zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen. + +</P><P> + +Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen Breiten +sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im Atlantischen, Typhon +im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und Tornado an der +Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große +Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von +seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin zunimmt +und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt +dieses Maelstromes der Lüfte. + +</P><P> + +Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, +einem Cyclon zu entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung +nach höheren Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer +vermocht. Aber es war keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu +verlieren. + +</P><P> + +In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren +Kämmen zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub +über die Meeresfläche hin. Es war auch zu erkennen, daß +der Cyclon beim Fortschreiten mit rasender Schnelligkeit sich den +Polargebieten nähern mußte. + +</P><P> + +„Hinauf! befahl Robur. + +</P><P> + +— Hinauf!“ wiederholte Tom Turner. + +</P><P> + +Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er +erhob sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, +die sich nach Südwesten hin senkte. + +</P><P> + +Da fiel der Barometer noch weiter — die Quecksilbersäule sank +schnell um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte +die aufsteigende Bewegung des „Albatros“ vollständig +auf. + +</P><P> + +Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft +infolge einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu +stattfand und den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte. + +</P><P> + +Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube +eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende +Wasser zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er +zurück und das kann so weit gehen, daß er mit der +Strömung zurückgeht. In dieser Lage befand sich jetzt der +„Albatros“. + +</P><P> + +Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit +erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die +schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem +Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während +kurzer Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der +schwerere Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im +Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere nennen, +inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des „Albatros“ +nur in geringem Umfange unterbrachen? + +</P><P> + +Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der „Albatros“ +gewiß bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln +hinweggetragen wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken +und oft ganze Mauern umwerfen. + +</P><P> + +Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich +machen. An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil +Evans, ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den +Aeronef mit seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze +Geheimniß der Erfindung vernichten würde. + +</P><P> + +Da es nun dem „Albatros“ nicht gelang, sich in lothrechter +Richtung diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, +den verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben +aufzusuchen, wo er mehr Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch +um zu jenem vorzudringen, mußte er die Kreisströme +überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit fortzerrten. +Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu +entreißen? + +</P><P> + +Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste +verdichteten sich zu einem furchtbaren Platzregen. + +</P><P> + +Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und +abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die +Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu +ziehen ist. + +</P><P> + +Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die +er sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade +nördlicher und dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht +erklärt sich hierdurch, warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen +gewöhnlichen, ziemlich geradlinig verlaufenden überging. Doch +welcher Orkan wüthete dafür! Der Windstoß von Connecticut +am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen werden können, +dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der Secunde, d. h. +über hundert Meilen in der Stunde, erreichte. + +</P><P> + +Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu +entfliehen, wie ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser +Strömung mit forttragen zu lassen, die der „Albatros“ +nicht überwinden und aus der er sich nicht befreien konnte. Doch +wenn er dieser ihm aufgezwungenen Straße folgte, floh er nach dem +Süden hin und wurde nach den Polargebieten verschlagen, welche Robur +hatte vermeiden wollen. Doch da er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, +mußte er ja hingehen, wohin der Orkan ihn trug. + +</P><P> + +Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte +aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen +geschleudert zu werden. + +</P><P> + +Mit den ersten Stunden des Tages — wenn man den schwachen Schein, +der den Horizont färbte, so nennen konnte — hatte der +„Albatros“ vom Cap Horn her fünfzehn Breitengrade hinter +sich gelassen, d. h. über vierhundert Meilen, und er +überschritt nun den Polarkreis. + +</P><P> + +Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die kalte +Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um fast +sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich +diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete +darauf hin, daß sich der „Albatros“ wie in einen +Abgrund in dieselbe stürzen müsse. + +</P><P> + +An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich +gewesen wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten +ergeben. Der Aeronaut befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom +antarktischen Pol. + +</P><P> + +Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel +hingezogen, „verzehrte“ seine Geschwindigkeit so zu sagen +seine ganze Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol +hier eine noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten +sich das ja wohl gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine +so ungeheure, daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein +Minimum zu reduciren beschloß, um diese vor ernsten +Beschädigungen zu schützen und doch ein wenig bei der +geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das Steuerruder +wirken zu können. + +</P><P> + +Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit +größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, +als ob die Seele des Chefs auch in ihr lebte. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens +ohne alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick +verlassen. Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der +Aeronef befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich +mit dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt. + +</P><P> + +Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe +nach eine Fläche von viereinhalb Millionen (englische) +Quadratmeilen, doch weiß man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen +Archipel oder nur ein Meer enthält, dessen Eis selbst während +der langen Sommerszeit nicht zum Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, +daß der Südpol noch kälter ist, als der Nordpol, eine +Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in ihrer Bahn während +des Winters der antarktischen Region abgeleitet wird. + +</P><P> + +Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm +abnehmen werde. Der „Albatros“ gelangte unter den 75. Grad +westlicher Länge nach dem Polargebiete. Wer hätte wissen +können, unter welchem Meridian er wieder aus demselben heraustreten +sollte? + +</P><P> + +Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die +Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der +fortwährenden Nacht befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem +schwachen Leuchten der Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber +Neumond, und die Gefährten Robur's liefen Gefahr, gar nichts von +jenen Gegenden zu sehen, deren Geheimniß der Mensch noch nicht zu +entschleiern vermocht hat. + +</P><P> + +Höchst wahrscheinlich kam der „Albatros“ nahe dem +Polarkreise über einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen +über das Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und +über das Louis Philipp-Land, das Dumont d'Urville als +äußersten Ausläufer des unbekannten Festlandes 1838 +entdeckte. + +</P><P> + +An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so +arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien +eine Art Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme +mit sich führte. + +</P><P> + +Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß +lag! Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede +Beobachtung sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt +eine ungeheure Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze +Oberfläche des Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen +„Blink“ der Eismassen, den weißlichen Schein, der sich +an dem dunklen Horizonte nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand +unter diesen Umständen die Gestalt von Ländern, die Ausdehnung +der Meere oder die Vertheilung von Inseln zu erkennen vermocht? Wie +hätte man sich über das hydrographische Netz des Landes +unterrichten, oder selbst dessen orographische Anordnung aufnehmen +können, da jetzt alle Hügel, alle Berge mit den Eisbergen und +dem Packeise zu einer einzigen Masse verschmolzen? + +</P><P> + +Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe +Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit +hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines +ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. +Die letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am +südlichen Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese +Erscheinung war von wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und +ihre Helligkeit reichte hin, einen Ueberblick über diese in +grenzenloses Weiß verhüllte Gegend zu gewähren. + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem +magnetischen Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich +gestört erschien und über die eingehaltene Richtung keinerlei +Aufklärung geben konnte. Die Inclination der Nadel wurde aber +gelegentlich eine so bedeutende, daß Robur annehmen mußte, +über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau im +achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein. + +</P><P> + +Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des +Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut: + +</P><P> + +„Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!“ + +</P><P> + +Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was +sie unter ihrem Eispanzer bergen mochte. + +</P><P> + +Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in +dem sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken. + +</P><P> + +Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle, +die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so +war jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so +lag es daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine +mangelte. + +</P><P> + +Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der +„Albatros“, wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen +hätte, daran unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, +das auf eine felsige Küste geworfen wird. + +</P><P> + +Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal +fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war. + +</P><P> + +Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen +Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der +die Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen +müssen. + +</P><P> + +Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind, +der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug. +Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom +„Albatros“ entfernt, zwei leuchtende Punkte. + +</P><P> + +Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der +Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören. + +</P><P> + +Sollte der „Albatros“ in den Flammen gleich einem riesigen +Schmetterling verbrennen? + +</P><P> + +Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der +Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des +Vulcans nicht befreien konnte, loszustürzen ... Sein +Flammenbüschel wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, +das die Luft weithin erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren +Gestalten nahmen ein halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten +regungslos, ohne einen Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die +entsetzliche Minute, in der dieser Hochofen sie mit seinen Flammen +umhüllen würde. + +</P><P> + +Der Orkan aber, der den „Albatros“ mit sich fortriß, +rettete ihn auch vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm +niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen +Weg frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch +die centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise +weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller +Eruption begriffenen Krater hinweg. + +</P><P> + +Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden +colossalen Flammen, welche das Ende der Welt während der langen +Polarnacht erleuchten. + +</P><P> + +Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der +Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu +können, da auch sie mit den Polarländern durch festes Eis +verkettet war. + +</P><P> + +Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der „Albatros“ +unter dem fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der +Orkan über die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er +sich hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der +Hand seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja +der beste Pilot. + +</P><P> + +Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem, unter +welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105 Grad +bildet. + +</P><P> + +Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu +erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der +„Albatros“ wurde wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam +er jetzt, was eine große Erleichterung gewährte, wieder in die +erleuchteten Theile der Erdkugel, und um acht Uhr Morgens brach der Tag +an. + +</P><P> + +Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich +entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie +waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen +neunzehn Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder +nach dem Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur +eine Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so +groß gewesen, als sie der „Albatros“ unter +gewöhnlichen Umständen hätte entwickeln können. + +</P><P> + +Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im +Polargebiete, wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. +Er mußte also warten, bis die Sonne unter hinreichend +günstigen Verhältnissen schien, um eine directe Beobachtung zu +gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten dichte Wolken an diesem +Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt nicht sichtbar. + +</P><P> + +Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden +Treibschrauben während des Sturmes einige Beschädigungen +erlitten hatten. + +</P><P> + +Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen +Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er +über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in +der Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die +Beschädigungen zu verschlimmern. Versagten seine beiden +Treibschrauben etwa ganz vollständig den Dienst, so wurde die Lage +des Aeronefs über dem ungeheuren Stillen Ocean eine sehr +mißliche. Der Ingenieur fragte sich auch schon, ob er die +nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und Stelle vornehmen +lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern. + +</P><P> + +Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet. + +</P><P> + +Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den +Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger +beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst +zu gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die +Havarien auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter +fahren zu können. + +</P><P> + +Der Wind hatte sich — ein günstiger Umstand zur +Ausführung jenes Vorhabens — fast vollständig gelegt. Da +er nun anhalten sollte, konnte der „Albatros“ wenigstens +nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen werden. + +</P><P> + +Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig +Fuß langes Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an +den Rand der Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen +desselben und legte sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel +spannte sich unter der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der +„Albatros“ blieb unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande +festgelegt wurde. + +</P><P> + +Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia +überhaupt mit der Erde in Berührung kam. </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap15" ID="kap15"></A> +<H3>XV.<BR> +Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe +lohnt. +</H3> + + +<P> +Als der „Albatros“ noch in genügend hoher Luftschicht +schwebte, konnte man erkennen, daß diese Insel von mittlerer +Größe war. Doch welcher Breitengrad durchschnitt wohl +dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war man gelangt? War jene eine +Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens (Neu-Hollands) oder des +Indischen Meeres? Das blieb so lange unbestimmt, bis Robur sein Besteck +gemacht hatte. Obgleich dieser nun nicht im Stande gewesen war, +Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er doch Ursache, zu +glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde. Sobald +nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen +Beobachtung höchst günstige sein. + +</P><P> + +Von dieser Höhe — von etwa fünfhundert Fuß — +aus zeigte sich die, gegen fünfzehn (englische) Meilen im +Durchmesser haltende Insel in der Form eines dreispitzigen Seesterns. + +</P><P> + +Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein +Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und +Fluth zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's +bezüglich seiner augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da +die Gezeiten im Stillen Ocean fast gleich Null sind. + +</P><P> + +An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen +Höhe auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war. + +</P><P> + +Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch +am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie diesen +überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu +verbergen oder zu entfliehen. + +</P><P> + +Der „Albatros“ hatte die Südostspitze der Insel +berührt. Unfern derselben schlängelte sich in beschränkter +Bucht ein Flüßchen durch die Felsen. Weiterhin zeigten sich +gewundene Thäler mit verschiedenen Baumarten und zahlreichem wilden +Geflügel, vorzüglich Rebhühner und Trappen. Wenn die Insel +nicht bewohnt war, so erschien sie danach also mindestens bewohnbar. +Unzweifelhaft hätte Robur hier an's Land gehen können, und wenn +er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der sehr unebene +Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des Aeronefs zu bieten +schien. + +</P><P> + +Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten +Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen +hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben +hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans +vortrefflich functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit +derselben sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des +Auftriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das +lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten. + +</P><P> + +Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar mehr, +als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln +wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die +Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden. + +</P><P> + +Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom +Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter +für den Fall, daß der „Albatros“ aus irgend +welchem Grunde genöthigt sein könnte, vor völliger +Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und man schon mit diesem +Propeller allein nöthigenfalls eine genügende +Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte. + +</P><P> + +Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf der +Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen. + +</P><P> + +Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher +Unterschied, nur noch hundertfünfzig Fuß über dem +Erdboden zu schweben! + +</P><P> + +Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne +über dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und +dann zur Zeit ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen +gestattete. + +</P><P> + +Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten +Beobachtung ergab sich da eine </P> + +<BLOCKQUOTE> +Länge von 176° 17' westlich von Greenwich, +<BR> +Breite von 43° 37' südlich vom Aequator. +</BLOCKQUOTE> + +<P> Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande +Viff, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln +bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade +östlich von Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen +Inselhälfte Neuseelands im Süden des Stillen Oceans. + +</P><P> + +„Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte +Robur zu Tom Turner. + +</P><P> + +— Und wir befinden uns demnach ...? + +</P><P> + +— Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt +gegen zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt. + +</P><P> + +— Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen, +antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir +leicht widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt +nur geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so +schnell als möglich wieder anzulaufen. + +</P><P> + +— Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder +aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube, +während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht +würde. + +</P><P> + +— Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und +deren Diener ...? + +</P><P> + +— Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie +darüber sich zu beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?“ + +</P><P> + +Was war denn eigentlich diese Insel X? — Eine in dem grenzenlosen +Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis +des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu +ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg +dem weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des +interoceanischen Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie +begründet, da rastete der „Albatros“, wenn er von seinem +Fluge ermüdet war, und da versah er sich auch mit allem Nothwendigen +für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf dieser Insel X hatte +Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte, eine Werft +errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er +denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine +strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art, +welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe +zählenden Einwohnerschaft aufgehäuft wurden. + +</P><P> + +Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht +gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu +begeben. Da hatte aber die Cyklone den „Albatros“ in ihren +Wirbel gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren +Zonen verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine +ursprüngliche Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von +den Beschädigungen seiner Triebschrauben, wäre dieser +Verzögerung keine besondere Bedeutung beizumessen gewesen. + +</P><P> + +Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war, +wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein +recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch +gegen widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des +Aufwandes aller mechanischen Kraft des „Albatros“, um jenes +Ziel zur bestimmten Zeit zu erreichen. Bei einigermaßen guter +Witterung und bei der gewöhnlichen Fahrtgeschwindigkeit hätte +das sonst nur drei bis vier Tage beansprucht. + +</P><P> + +Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam +entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter +günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte. Er +fürchtete dann nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz +entgegengesetzte Brise erhob, nach Süden hin verschlagen zu werden, +wenn er nach Norden zu fahren wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese +Reparatur vollendet. Er traf also Anstalt, seinen Anker zu lichten. +Sollte dieser zwischen den Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so +war er entschlossen, einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen +den Aequator zu beginnen. + +</P><P> + +Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und +entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn +auch sogleich verfolgt. + +</P><P> + +Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, +ging die Mannschaft des „Albatros“ entschlossen an diese +Arbeit. + +</P><P> + +Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt +waren, führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren +Folgen von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten. + +</P><P> + +„Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, +das Leben zum Opfer zu bringen? + +</P><P> + +— Ja, gleich Ihnen! + +</P><P> + +— Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem +Robur nichts zu hoffen haben. + +</P><P> + +— Nichts! + +</P><P> + +— Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da +der „Albatros“ noch heute spät Abends abfahren soll, +wird die Nacht nicht vergehen, ohne daß unser Werk vollbracht +wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur Robur die Flügel +zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft zersprengt! + +</P><P> + +— Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft? + +</P><P> + +— Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine +Leute nur um die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in +die Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen. + +</P><P> + +— So lassen Sie uns unverzüglich an's Werk gehen, Onkel +Prudent ... + +</P><P> + +— Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, +ziehen wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen +die Wache, daß mich bei den Vorbereitungen Niemand +überrascht.“ + +</P><P> + +Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise. Zwei +Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen, +als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos +halten. + +</P><P> + +Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten +ahnen, welche Katastrophe den „Albatros“ bedrohte. + +</P><P> + +Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu +schreiten: + +</P><P> + +Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer +einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des Aeronefs +angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers und einer +Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren +sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine +zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit +der der „Albatros“, wenn er in der Nacht seinen Flug durch +die Lüfte wieder begonnen, gesprengt werden sollte. + +</P><P> + +Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten +Explosionskörper. + +</P><P> + +Dieser bestand aus einer längeren Hülse, deren metallene Wand +etwa ein Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich +eine hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und +sein vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. +Vernichtete ihn die Explosion aber nicht mit einem Schlage, so +mußte der Sturz in die Tiefe das Zerstörungswerk vollenden. +Die Form und Größe der Patrone begünstigten es +übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der Cabine so +anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und ihre +Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion konnte +nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone +ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste +Theil des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur +nach vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden. + +</P><P> + +Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich +nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte +der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber +geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit +seinen Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere +Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der +gesammten Mannschaft an der Nähe der Cabine aber konnte Onkel +Prudent leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er +sich zur Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die +Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen. + +</P><P> + +Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus: + +</P><P> + +„Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas +Pulver mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, +deren Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in +Uebereinstimmung zu bringen sein wird und deren Ende ich in dem +Zündhütchen zu befestigen gedenke. Meine Absicht geht nun +dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und die Explosion zwischen +drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen. + +</P><P> + +— Gut ausgedacht!“ antwortete Phil Evans. + +</P><P> + +Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin gelangt, +mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche +Vernichtungswerk zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen +sollten. Sie trugen eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und +seine Leute in sich, daß ihnen selbst die Aufopferung des eigenen +Lebens nicht zu groß erschien, nur um den „Albatros“ +und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit einem Schlage +zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses, ein +verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum +Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth +ließen sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten. + +</P><P> + +„Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, +ohne ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen? + +</P><P> + +— Wir opfern ja auch das unsrige,“ entgegnete Onkel Prudent. + +</P><P> + +Es dürfte zweifelhaft sein, daß Frycollin das als +stichhaltigen Grund angesehen hätte. + +</P><P> + +Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, während Phil Evans vor dem +Ruff Wache hielt. + +</P><P> + +Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschäftigt und eine +Ueberraschung vorläufig also kaum zu fürchten. + +</P><P> + +Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu +verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um +eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten +Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, +daß diese binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, +bei der Länge von einem Meter also drei und einhalb Stunden +ausreichen mußte. Er löschte die Lunte nun wieder aus, umwand +sie fest mit Bindfaden und führte das Ende derselben in das +Zündhütchen ein. + +</P><P> + +Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn Uhr +Abends vollendet. + +</P><P> + +Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine. + +</P><P> + +Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen +Triebschraube eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz +hereinnehmen müssen, um die jetzt falsch gebogenen Flügel +abheben zu können. + +</P><P> + +Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur +Erzeugung der mechanischen Kraft des „Albatros“ gehörte, +hatte durch die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war +noch für vier bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath +vorhanden. + +</P><P> + +Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit +unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger +Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen +Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach kurzer +Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür, +seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige +Erholung zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was +noch zu thun übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die +peinlichste Sorgfalt erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, +während die Positionslaternen dazu nur ungenügendes Licht +hätten liefern können. + +</P><P> + +Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. +Nach den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur's mußten +sie voraussetzen, daß die vordere Triebschraube vor Einbruch der +Nacht schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der +„Albatros“ seine Fahrt nach Norden unverzüglich +angetreten habe. Sie hielten diesen also für losgelöst von der +Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt. Dieser Umstand aber +sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar nicht geahnte Wendung +geben. + +</P><P> + +Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterniß schwere +Wolken nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und +wann ein leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den +„Albatros“ nicht von der Stelle, sondern letzterer hielt sich +an seinem Anker still, dessen senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde +fesselte. + +</P><P> + +In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein College +nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der Auftriebsschrauben, +das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und +erwarteten nun den Augenblick zum Handeln. + +</P><P> + +Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent: + +</P><P> + +„Es ist nun Zeit!“ + +</P><P> + +Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger +Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone +gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch +auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel +Prudent zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer +wieder unter das Bett zurück. + +</P><P> + +„Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten.“ + +</P><P> + +Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann +nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen. + +</P><P> + +Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus. + +</P><P> + +„Der „Albatros“ schwebt noch am nämlichen Orte, +sagte er leise. Die Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht +abfahren können.“ + +</P><P> + +Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung. + +</P><P> + +„So müssen wir die Lunte löschen, sagte er. + +</P><P> + +— Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans. + +</P><P> + +— Uns retten? + +</P><P> + +— Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. +Hundertfünfzig Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten. + +</P><P> + +— Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine +Thoren, eine so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu +lassen.“ + +</P><P> + +Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und +versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder +längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu +können. Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie +möglichst geräuschlos nach dem Vorderdeck. + +</P><P> + +Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht +mit ihnen veranlagen. + +</P><P> + +Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südwesten +wurde etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem +Anker, indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in +verticaler Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr +Schwierigkeiten zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei +Männer abzuschrecken, die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr +Leben geradezu wegzuwerfen. + +</P><P> + +Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, +geschützt durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend +ein Geräusch vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein +zitterte durch die Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend +da, er war vielmehr in Schlaf versunken. + +</P><P> + +Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine +Frycollin's, als Phil Evans plötzlich stehen blieb. + +</P><P> + +„Der Wachtposten!“ sagte er. + +</P><P> + +Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte +derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser +Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden. + +</P><P> + +Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was +Alles bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war. + +</P><P> + +Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über +eingewickelt und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so +daß er weder einen Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen +konnte. + +</P><P> + +Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren der +Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in +festem Schlafe. + +</P><P> + +Die beiden Flüchtlinge — denn diesen Namen darf man ihnen wohl +geben — kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. +François Tapage ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen +vernehmen. + +</P><P> + +Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür +Frycollin's nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat +einen Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück. + +</P><P> + +„Da ist Niemand d'rin, flüsterte er. + +</P><P> + +— Niemand ... Wo könnte er sein?“ murmelte Phil Evans. + +</P><P> + +Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin +möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein. + +</P><P> + +Auch hier fand sich Niemand. + +</P><P> + +„Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte +Onkel Prudent. + +</P><P> + +— Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir +können unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!“ + +</P><P> + +Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das +Tau mit den Händen und hielten sich auch mit den Füßen +daran fest, dann glitten sie daran herab und kamen heil und gesund zur +Erde nieder. + +</P><P> + +Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen +so lange gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht +mehr ein Spielball der Luft zu sein! + +</P><P> + +Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach +dem Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein +Schatten erhob. + +</P><P> + +Das war Frycollin. + +</P><P> + +Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn gekommen +war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung vorher zur +Ausführung zu bringen. + +</P><P> + +Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel Prudent +drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren Theilen der +Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb. + +</P><P> + +„Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt +außer dem Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind +einem schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn +verdient hat. Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von +jedem Versuche, uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ... + +</P><P> + +— Die Ehre eines solchen Mannes ...“ + +</P><P> + +Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des +„Albatros“ entstand eine auffällige Bewegung. + +</P><P> + +Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt worden. + +</P><P> + +„Hierher, hierher,“ rief eine Stimme. + +</P><P> + +Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte +abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre +elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis. + +</P><P> + +„Da sind sie! Da unten!“ rief Tom Turner. + +</P><P> + +Die Flüchtlinge waren erkannt worden. + +</P><P> + +Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die +Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des +Ankertaues begann der „Albatros“ sich der Erde zu +nähern. + +</P><P> + +In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans' +vernehmen: + +</P><P> + +„Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier +auf dieser Insel frei zu lassen? + +</P><P> + +— Niemals!“ entgegnen Robur bestimmt. + +</P><P> + +Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen +Geschoß die Schulter Phil Evans' streifte. + +</P><P> + +„Ah, diese Schurken!“ rief Onkel Prudent. + +</P><P> + +Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen, +zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich nur +noch fünfzig Fuß über der Erde. + +</P><P> + +Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen +merklich aufgefrischte Brise, die den „Albatros“ in schiefer +Richtung traf, führte diesen nach Nordosten über das Meer +hinaus. +</P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap16" ID="kap16"></A> +<H3>XVI.<BR> +Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewißheit +läßt. +</H3> + + +<P> +Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fünf bis sechs +Flintenschüsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans +unterstützend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den +Schutz der Felsen geflüchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu +werden. Für den Augenblick hatten sie nichts mehr zu fürchten. + +</P><P> + +Zunächst wurde der „Albatros“, während er sich +gleichzeitig von der Insel Chatam entfernte, zu einer Höhe von +neunhundert Metern emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit +vergrößern müssen, um nicht in's Meer zu fallen. + +</P><P> + +In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten den +ersten Ausruf ausgestoßen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn +zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschließenden +Leinwandhülle befreit und seine Fesseln gelöst. Darauf +stürzte der Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent +und Phil Evans, fand diese aber leer. + +</P><P> + +François Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's +durchsucht; auch in dieser war Niemand mehr. + +</P><P> + +Als Robur die Ueberzeugung gewann, daß seine Gefangenen ihm +entronnen waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des +Onkel Prudent und Phil Evans' war sein Geheimniß und seine +Persönlichkeit aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt +über Europa herabgeworfenen Schriftstückes hatte er sich +deshalb weit weniger Sorge gemacht, weil er annehmen durfte, daß +dasselbe beim Niederfallen überhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt +lag die Sache aber ganz anders. + +</P><P> + +Dann suchte er sich wieder zu beruhigen. + +</P><P> + +„Sie sind vorläufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von +der Insel Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen +können, so werde ich dahin zurückkehren. Ich werde sie suchen +... sie wieder einfangen ... und dann ...“ + +</P><P> + +In der That konnten sich die drei Flüchtlinge noch keineswegs als +gerettet betrachten. Erlangte der „Albatros“ erst seine +Manövrirfähigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei +der Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen +vermochten. Schon vor Verlauf von zwölf Stunden konnten sie +ungünstigen Falles dem Ingenieur wieder in die Hände gerathen +sein. + +</P><P> + +Vor Verlauf von zwölf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der +„Albatros“ ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone +nicht einem an seiner Wand befestigten Torpedo, der das +Zerstörungswerk mitten in der Luft vollführen sollte? + +</P><P> + +Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise +weiter nach Nordost hin getrieben und mußte mit Sonnenaufgang die +Insel Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben. + +</P><P> + +Um gegen den Wind aufkommen zu können, hätten seine +Triebschrauben, mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im +Stande sein müssen. + +</P><P> + +„Tom, rief der Ingenieur, laßt die Signallaternen so hell als +möglich leuchten. + +</P><P> + +— Sogleich, Master Robur. + +</P><P> + +— Und dann Alle an die Arbeit! + +</P><P> + +— Alle!“ wiederholte der Obersteuermann. + +</P><P> + +Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der +nöthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem +„Albatros“ gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines +Chefs getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt +hätte, die Flüchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere +Triebschraube richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, +sich daselbst vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. +Erst nachher sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen +werden, damit der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise über +den Stillen Ocean und nach der Insel X ausführen könne. + +</P><P> + +Jedenfalls erschien es von Bedeutung, daß der „Albatros“ +nicht allzu weit nach Nordost verschlagen würde. Leider wurde der +Wind aber immer stärker und er konnte gegen denselben jetzt nicht +aufkommen, ja, sich nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. +Seiner Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten +geworden. Die noch an der Küste weilenden Flüchtlinge konnten +sich noch überzeugen, daß er vollständig außer +Sicht gekommen war, ehe die vorbereitete Explosion ihn in Stücke +riß. + +</P><P> + +Der jetzige Zustand der Dinge flößte Robur doch einige +Beunruhigung ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzögerung +nach der Insel Chatam zurückzukehren hoffen durfte. Er +entschloß sich deshalb, während alle Hände mit der so +nothwendigen Ausbesserung beschäftigt waren, sich tiefer +niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwächere +Luftströmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der +„Albatros“ in diesen Schichten wenigstens an der Stelle +erhalten, bis er wieder eigene Kraft genug zu äußern +vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg anzukämpfen. + +</P><P> + +Dieses Manöver wurde auch sogleich ausgeführt. Wenn jetzt ein +Schiff in der Nähe gewesen wäre, wie würde dessen +Mannschaft erschrocken sein beim Anblick der Evolutionen dieses +gewaltigen Apparates? + +</P><P> + +Als der „Albatros“ nur noch wenige hundert Fuß +über der Meeresfläche schwebte, wurde sein Niedergang +aufgehalten. + +</P><P> + +Leider mußte sich Robur überzeugen, daß der Wind in +diesen niederen Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit +noch größerer Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief +hiermit natürlich Gefahr, sehr weit nach Nordost verschlagen zu +werden, was die Rückkehr nach der Insel Chatam noch mehr +verzögern mußte. + +</P><P> + +Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich +mehr in den oberen Lagen der Atmosphäre zu erhalten, wo das Luftmeer +in besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der +„Albatros“ stieg also wieder zu einer mittleren Höhe von +dreitausend Meter empor. Blieb er hier auch nicht stationär, so +trieb er doch wenigstens nur langsam weiter. Der Ingenieur konnte also +hoffen, daß er bei Tagesanbruch und von dieser Höhe aus die +Insel, deren geographische Lage er übrigens mit vollkommener +Sicherheit aufgenommen hatte, noch werde sehen können. + +</P><P> + +Darum, ob die Flüchtlinge Seitens der Eingeborenen — im Fall +die Insel bewohnt war — einen freundlichen Empfang gefunden hatten, +oder nicht, machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die +Inselbewohner hilfreich beistanden, war für ihn ziemlich belanglos. +Durch die Angriffswaffen, über die der „Albatros“ +verfügte, würden sie sicherlich erschreckt und schnell +zerstreut werden. Die Wiedererlangung der Gefangenen war also eine +leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ... + +</P><P> + +„Nun, von der Insel X entflieht Niemand!“ sagte Robur. + +</P><P> + +Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in +Stand gesetzt. Es erübrigte nun bloß noch die Montirung +derselben, d. h. die gehörige Anbringung derselben an der +Welle, was eine weitere Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der +„Albatros“, den Bug nach Südwest gerichtet, sogleich +abfahren und die Reparatur der hinteren Triebschraube in Angriff genommen +werden. + +</P><P> + +Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte, +von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken, der +sich mehr und mehr der Dynamitpatrone näherte! ... + +</P><P> + +Wäre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich +beschäftigt gewesen, so hätte doch vielleicht Einer das +schwache Knistern wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff +entstand; vielleicht hätte er auch den Geruch verbrannten Pulvers +bemerkt. Das hätte ihn sicherlich so beunruhigt, daß er dem +Ingenieur davon Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann +der Kasten, in dem der explodirende Körper verborgen war, nicht +unentdeckt bleiben. Es wäre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren +„Albatros“ und Alle, die er trug, zu retten. + +</P><P> + +Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig Meter +entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach diesem +Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschäftigung ablenken +konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. + +</P><P> + +Robur legte als geschickter Mechaniker persönlich Hand mit an. Er +betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlässigen, +daß Alles mit größter Sorgfalt ausgeführt wurde, da +es ihm ja darauf ankam, seines Apparates vollständig Herr zu werden. +Gelang es ihm nicht, die Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu +bringen, so fanden diese voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland +zurückzukehren. Dann wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt +und die Insel X konnte dabei möglicher Weise aufgefunden werden; +damit aber wäre das Ende der Existenz gekommen, welche sich die +Leute, die der „Albatros“ trug, geschaffen hatten — das +Ende dieser übermenschlichen, so zu sagen hocherhabenen Lebensweise. + +</P><P> + +Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel +nach ein Uhr. + +</P><P> + +„Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung +abzuflauen und mehr nach Westen umzuschlagen. + +</P><P> + +— Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel +flüchtig betrachtet. + +</P><P> + +— Er hält sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete +der Obersteuermann. Außerdem kommt es mir vor, als ob die +Wolkenlagen unter dem „Albatros“ sich senkten. + +</P><P> + +— Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wäre es nicht +unwahrscheinlich, daß über dem Meere jetzt Regen fiele. +Bleiben wir jedoch über der Regenzone schweben, so kümmert uns +das ja nicht, und wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch +nicht gestört werden. + +</P><P> + +— Wenn jetzt Regen fällt, meinte Tom Turner, so kann es nur +ein ganz feiner sein — die Form der Wolken läßt das +wenigstens muthmaßen — und höchst wahrscheinlich legt +sich tiefer unten der Wind bald gänzlich. + +</P><P> + +— Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir +zweckmäßiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns +erst, alle erlittenen Beschädigungen auszubessern, dann können +wir ja nach Belieben manövriren, und das ist die Hauptsache.“ + +</P><P> + +Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet. +Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene +treibenden Batterien in Thätigkeit gesetzt. Nach und nach +beschleunigte sich die Bewegung des „Albatros“, und, den Bug +nach Südwest gerichtet, kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in +der Richtung nach der Insel Chatam zurück. + +</P><P> + +„Tom, sagte Robur, es mögen etwa zweieinhalb Stunden +verflossen sein, seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die +Windrichtung hat sich, wie mir Compaßbeobachtungen lehrten, seitdem +nicht geändert. Ich schätze also, daß wir binnen +höchstens einer Stunde die Gestade der Insel wieder gefunden haben +können. + +</P><P> + +— Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann, +denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwölf Meter +in der Secunde vorwärts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens +müßte der „Albatros“ seinen Ausgangspunkt demnach +wieder erreichen. + +</P><P> + +— Das wäre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir +haben ein Interesse daran, noch während der Nacht einzutreffen und +ungesehen an's Land zu kommen. Die Flüchtlinge halten uns für +weit nach Norden verschlagen und sind jetzt gewiß nicht auf ihrer +Hut. Wenn der „Albatros“ ganz nahe der Erde hingleitet, +werden wir versuchen, uns hinter einigen hohen Felsen der Insel zu +verbergen. Müßten wir dann selbst mehrere Tage bei Chatam +verweilen ... + +</P><P> + +— So bleiben wir eben da, Master Robur, und hätten wir auch +gegen eine ganze Armee von Eingeborenen zu kämpfen ... + +</P><P> + +— So kämpfen wir, Tom, kämpfen wir für unseren +„Albatros“!“ + +</P><P> + +Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten +zurück. + +</P><P> + +„Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht +gekommen, wir müssen bis zum Anbruch des Tages thätig +sein.“ + +</P><P> + +Alle erklärten sich bereit. + +</P><P> + +Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen +vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgeführt waren. Es +handelte sich dabei um die gleichen Beschädigungen, die auch die +nämliche Ursache, jener Orkan bei der Fahrt über den +antarktischen Continent, veranlaßt hatte. + +</P><P> + +Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des +Aeronefs während einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst +eine Rückwärtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's +legte der Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube +sich in entgegengesetztem Sinne drehen ließ, so daß der +Aeronef — um den seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen — +„über Steuer zu gehen“ anfing. + +</P><P> + +Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein +eigenthümlicher Geruch auffiel. + +</P><P> + +Es waren die in dem Kasten jetzt angehäuften Gase der Lunte, welche +aus der Cabine der Flüchtlinge hervordrangen. + +</P><P> + +„Hm ...? machte der Obersteuermann. + +</P><P> + +— Was giebt es? fragte Robur. + +</P><P> + +— Riechen Sie nichts? Man könnte sagen, es müsse Pulver +brennen. + +</P><P> + +— Ihr habt Recht, Tom! + +</P><P> + +— Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff. + +</P><P> + +— Ja ... sogar aus derselben Cabine ... + +</P><P> + +— Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben? + +</P><P> + +— Und wenn es nicht nur Feuer wäre? ... rief Robur. +Stoßt die Thür ein, Tom, stoßt sie ein!“ + +</P><P> + +Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen, als +eine furchtbare Explosion den „Albatros“ erschütterte. +Die Ruffs flogen in Stücke. Die elektrischen Lampen verlöschten, +da ihnen der Strom plötzlich fehlte, und es ward vollständig +finster. Doch wenn auch gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben +verbogen oder theilweise zertrümmert und dadurch wirkungslos +geworden waren, so drehten sich wenigstens noch mehrere nahe dem Bug +ungestört weiter. + +</P><P> + +Pötzlich öffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem +ersten Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in +Thätigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich +ebenso schnell nach abwärts. Fast gleichzeitig standen die hinteren +Auftriebsschrauben still und der „Albatros“ stürzte in +die Tiefe hinab. + +</P><P> + +Das bedeutete für die acht Männer, welche sich gleich +Schiffbrüchigen an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von +dreitausend Metern. + +</P><P> + +Derselbe mußte obendrein noch um so schneller erfolgen, als die +vordere Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer +arbeitete. + +</P><P> + +Da ließ sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz +außerordentliche Kaltblütigkeit an den Tag legte, bis zu dem +halb weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und +veränderte sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun +statt vorwärts nach aufwärts trieb. + +</P><P> + +Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens +verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden +Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft +unterworfenen Körper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf +dem „Albatros“ noch immer der Tod drohte, weil sie +rettungslos in's Meer stürzen mußten, so war es doch nicht +mehr der Tod durch Erstickung inmitten der wegen rasender Schnelligkeit +des Falles unathembar werdenden Luft. + +</P><P> + +Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom +„Albatros“ noch übrig war, in den Fluthen versunken. +</P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap17" ID="kap17"></A> +<H3>XVII.<BR> +Worin der Leser um zwei Monate rückwärts und auch um neun +Monate vorwärtsgeführt wird. +</H3> + + + +<P> +Einige Wochen früher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der +denkwürdigen Sitzung, während der es im Weldon-Institut zu so +stürmischen Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen +Classen der Bewohner von Philadelphia, unter den Negern wie den +Weißen, eine leichter zu constatirende, als zu beschreibende +Aufregung. + +</P><P> + +Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich überall von +den unerwarteten, lärmenden Zwischenfällen der Sitzung des +letzten Abends. Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein +Ingenieur, der den an sich unwahrscheinlichen Namen Robur — Robur +der Sieger! — führen wollte, eine Persönlichkeit von +unbekannter Herkunft und namenloser Nationalität hatte sich +unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die Ballonisten mit +gröblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der Lenkbarkeit von +Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die Vorzüge von +specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein verächtliches +Hohnlachen unter dem wildesten Getöse ausgeschlagen und zu Drohungen +geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder als Antwort in's +Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den Rednerstuhl unter +dem Knattern von Revolvern geräumt, verschwunden, und trotz aller +Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm entdeckt. + +</P><P> + +Natürlich waren solche Vorfälle dazu angetan, alle Zungen zu +wetzen und der Phantasie ein weites Feld zu eröffnen. Daran sollte +es denn auch weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreißig +anderen Staaten der Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt +dadurch nicht minder erregt, wie die Neue Welt. + +</P><P> + +Wie mußte sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als +es am Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, daß weder der +Vorsitzende, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts bis dahin +in ihre Wohnungen zurückgekehrt waren, und hierbei handelte es sich +um zwei geachtete, gelehrte Männer von +verhältnißmäßig hoher Stellung. Am Vorabend noch +hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Bürger, welche ruhig nach +ihrem Heim zurückzukehren denken, als Hagestolze, deren +Nachhausekunft kein mürrisch gerunzeltes Gesicht verbittert +hätte. Sollten Sie vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? +Nein: mindestens hatten sie nichts geäußert, was zu diesem +Glauben hätte verführen können; ja, es war sogar +besprochen worden, daß sie schon am nächsten Tage wieder nach +dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Plätze des +Vorsitzenden und Schriftführers bei einer außerordentlichen +Sitzung einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der +Vorfälle des letzten Abends bestimmt hatte. + +</P><P> + +Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persönlichkeiten des +Staates Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener +Frycollin kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, +wie sein Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und +Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er stand +im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen dienenden +Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen einzunehmen, +welche irgend eine Exentricität in dem schönen Amerika schon in +helleres Licht zu setzen hinreicht. + +</P><P> + +Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch +Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung. +Vor den <TT>Post and Telegraph offices</TT> starke Ansammlung von +Neugierigen, um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten. + +</P><P> + +Vergebliche Liebesmühe. + +</P><P> + +Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem +Gespräch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden +Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Straße hinabwanderten, +um sich dem Fairmont-Park zuzuwenden. + +</P><P> + +Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Präsidenten noch die rechte +Hand gedrückt und sich verabschiedet mit den Worten: + +</P><P> + +„Auf morgen also!“ + +</P><P> + +Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rühmte +sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal +„Auf Wiedersehen!“ zugerufen hatte. + +</P><P> + +Miß Doll und Miß Mat Forbes, welche ein Band reinster +Freundschaft an Onkel Prudent fesselte, konnten sich über sein +Verschwinden gar nicht beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer +etwas zu hören, eher noch mehr, als gewöhnlich. + +</P><P> + +So verstrichen drei, vier, fünf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite +Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fährte der +drei Verschwundenen. + +</P><P> + +Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel +vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu führenden +Straßen ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen +größerer Bäume und dichterer Gebüsche ... erfolglos! +... Ueberall nichts! + +</P><P> + +Auf der großen Waldblöße erkannte man jedoch, daß +da und dort das Gras ganz neuerdings niedergedrückt schien. Diese +Wahrnehmung erregte ihrer Unerklärlichkeit wegen einigen Verdacht. +Ebenso wurden am Saume des dieselbe umschließenden Waldes Spuren +eines stattgefundenen Kampfes entdeckt. Hatte nun eine Bande von +Landstreichern vielleicht die beiden Collegen zu vorgerückter +Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke getroffen und überfallen? + +</P><P> + +Das war ja möglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezügliche +regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in +die Hand. Man führte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, +schlämmte seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr +angehäuften Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es +doch nicht nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer gründlichen +Säuberung gerade recht nöthig. O, es sind praktische Leute, die +Aedilen von Philadelphia! + +</P><P> + +Später wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen, +Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen und +republikanischen Blätter der Union — ohne Rücksicht auf +deren Farbe — versendet. Der <TT>„Daily Negro“</TT> das +specielle Organ der schwarzen Rasse, brachte Frycollin's Bildniß +nach dessen letzter Photographie. Man bot Belohnungen und versprach +Preise Jedem, der von den drei Abwesenden Nachricht geben könnte, ja +sogar allen Denen, die nur irgend welches Anzeichen entdeckten, das auf +deren Fährte zu leiten versprach. + +</P><P> + +„Fünftausend Dollars! Fünftausend Dollars jedem +Bürger, der ...“ + +</P><P> + +Vergeblich; die fünftausend Dollars verblieben in der Casse des +Weldon-Instituts. + +</P><P> + +„Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel +Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!“ + +</P><P> + +Es versteht sich von selbst, daß der Club durch dieses +unerklärliche Verschwinden seines Vorsitzenden und seines +Schriftführers in heillose Unordnung gerieth und von vornherein sah +derselbe sich durch diese Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die +früher so eifrig betriebenen und schon ziemlich fortgeschrittenen +Arbeiten betreffs Construction des <TT>Go a head</TT> auf unbestimmte +Zeit einzustellen. Wie hätten die anderen Mitglieder auch in +Abwesenheit der beiden Begründer und Förderer dieses +Unternehmens, dem dieselben — an Zeit und Geld — einen Theil +ihres Vermögens geopfert hatten, sich entschließen +können, ein Werk zu Ende zu führen, wenn Jene fehlten, um es +gleichsam zu krönen? + +</P><P> + +Sie mußten sich also in Geduld fassen. + +</P><P> + +Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren, +merkwürdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister +so lebhaft erregt hatte. + +</P><P> + +In der That war jener geheimnißvolle Gegenstand wieder und +wiederholt wiedergesehen worden, wie er durch die höheren Schichten +der Atmosphäre schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen +Zusammenhang dieser auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger +unerklärlichen Verschwinden der beiden Mitglieder des +Weldon-Instituts. Es hätte auch einer außergewöhnlichen +Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese beiden Thatsachen mit einander +in Verbindung zu bringen. + +</P><P> + +Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das +Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter +Bedingungen gesehen worden, welche seine Größe und Gestalt +besser abzuschätzen erlaubten. Zuerst in Canada über den +Gebietstheilen, die sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon +am nächsten Tage nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann +später über den Ebenen des Fernen Westens, als der +„Albatros“ sich an Schnelligkeit mit einem Zuge der +großen Pacific-Bahn maß. + +</P><P> + +Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine +Ungewißheit mehr; dieser Körper war kein Erzeugniß der +Natur, sondern ein Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie +des „Schwerer, als die Luft“. Und wenn der Schöpfer und +Führer dieses Aeronefs auch für seine Person das bisherige +Incognito noch aufrecht erhalten wollte, jedenfalls sah er davon, so weit +es seine Maschine betraf, jetzt ab, weil er dieselbe so dicht über +den Gebieten des Fernen Westens sehen ließ. Die von ihm +gewählte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der Maschinen, +welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb vorläufig +freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch außer Zweifel +gestellt, daß diesem Aeronef eine ganz außergewöhnliche +Fortbewegungsfähigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage später +meldete man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den +nördlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den +Steppen Rußlands. + +</P><P> + +Wer mochte nun jener kühne Mechaniker sein, der über so +große bewegende Kräfte gebot, für den weder Länder, +noch Meere eine Grenze hatten, der in der Erdatmosphäre wie in einem +ihm allein zugehörigen Gebiete schaltete und waltete? Sollte man +glauben, es könne das jener Robur sein, der dem Weldon-Institut +seine Theorien so rücksichtslos in's Gesicht geschleudert hatte, als +er an dem bewußten Abend erschien, um in die Utopien betreffs der +lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu legen? + +</P><P> + +Vielleicht kam einigen weiter blickenden Köpfen dieser Gedanke. Und +— wunderbarer Weise — dennoch erhob sich Niemand zu der +Annahme, daß besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden +und des Schriftführers vom Weldon-Institut in irgend welchem +Zusammenhange stehen könnte. + +</P><P> + +Das blieb also noch weiter Geheimniß, bis eine Depesche von +Frankreich durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr +siebenundreißig Minuten in New-York eintraf. + +</P><P> + +Und was meldete diese Depesche? Sie übermittelte den Text jenes in +Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents — des +Schriftstückes, welches endlich enthüllte, was aus den beiden +Männern geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen +wollte. + +</P><P> + +Der Urheber der Entführung war also doch Robur, der Ingenieur, der +ausschließlich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der +Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem Aeronef +„Albatros“ umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener +Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die +Lüfte entführt hatte! Und diese Personen konnte man als +für immer verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche +Hilfsmittel eine Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen +mächtigen Apparat zu bekämpfen, und wenn die irdischen Freunde +Jener ihnen damit nicht zu Hilfe kamen. + +</P><P> + +Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das Bureau +des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs +erhielten davon unverzüglich Kenntniß. Nach zehn Minuten hatte +ganz Philadelphia durch seine Telephons die große Neuigkeit +erfahren, binnen einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich +elektrisch auf den zahllosen Drähten der Neuen Welt verbreitet. Man +wollte noch nicht recht daran glauben und hielt es wohl für die +Mystification eines schlechten Witzbolds — sagten die Einen — +für ein „Einräuchern“ schlimmster Art — +meinten die Andern. Wie wäre es möglich gewesen, diesen Raub in +Philadelphia so im Geheimen auszuführen? Wie hätte der +„Albatros“ im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen +können, ohne am Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu +werden? + +</P><P> + +Recht schön — so lauteten die gewöhnlichen Argumente. +— Die Ungläubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, +sollten es aber sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon +verlieren. Am 13. Juli ging das französische Packetboot +„Normandie“ im Hudson vor Anker und — brachte die +berühmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn beförderte +dieselbe in größter Eile von New-York nach Philadelphia. + +</P><P> + +Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip +hätte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung +zu sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran, +ohnmächtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein +Freundschaftsprieschen zugelangt! Miß Doll und Miß Mat +erkannten sie ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen +Wunsche betrachtet, eines Tages auch ihre dürren Altjungfernfinger +hinein zu senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, +Bat T. Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut — hundertmal +hatten sie dieselbe in den Händen ihres verehrten Vorsitzenden sich +öffnen und schließen sehen. Endlich hatte sie das +Zeugniß aller Freunde für sich, die Onkel Prudent in der guten +Stadt Philadelphia besaß, deren Name — wie man nicht oft +genug wiederholen kann — darauf hinweist, daß ihre Bewohner +sich wie Brüder lieben. + +</P><P> + +Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr +aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern +besonders auch die von ihm herrührenden Schriftzüge des +Documents erlaubten es auch den Ungläubigsten nicht mehr mit den +Achseln zu zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte +Hände erhoben sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in +einer Flugmaschine entführt, ohne daß man ein Mittel entdecken +konnte, sie zu befreien! + +</P><P> + +Die Gesellschaft der Niagara-Fälle, deren stärkster +Actionär Onkel Prudent war, hätte beinahe ihre Geschäfte +eingestellt und die Wasserfälle geschlossen. Die <TT>Walton Watch +Company</TT> dachte schon daran, ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese +ihren Director Phil Evans eingebüßt hatte. + +</P><P> + +Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar +nicht übertrieben, denn manche hirnverbrannte Köpfe, wie man +deren auch in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und +fest ein, die beiden ehrenwerthen Bürger niemals wiederzusehen. + +</P><P> + +Nachdem er über Paris hingefahren war, hörte man von dem +„Albatros“ zunächst nicht weiter reden. Einige Stunden +später war er über Rom schwebend gesehen worden — das war +Alles. Bei der bekannten Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er +über Europa von Nord nach Süd und über das Mittelmeer von +West nach Ost gefahren war, darf das ja nicht Wunder nehmen. Und Dank +eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch kein Fernrohr an irgend einem +Punkte seiner Fahrtlinie genauer beobachten. Und hätten die +Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und Nacht auf Vorposten gestellt, +die Flugmaschine Robur des Siegers hätte sich so weit und so hoch +entfernt — in „Ikarien“, wie er zu sagen pflegte +— daß Alle verzweifelt wären, deren Spur je wieder +aufzufinden. + +</P><P> + +Hier sei hinzugefügt, daß wenn seine Geschwindigkeit über +dem Ufer Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document +noch nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Höhen des +algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er über Timbuctu +wahrgenommen; das Observatorium dieser berühmten Stadt — wenn +sie überhaupt ein solches besitzt — hatte aber noch nicht Zeit +gefunden, das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was +den König von Dahomey betrifft, so hätte dieser gewiß +eher zehntausend Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen +Kopf kürzer machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in +der Luft schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder fröhnt eben +seiner kleinen Eigenliebe. + +</P><P> + +Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann über den Atlantischen +Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn +kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, über die +südlichsten Landvesten und über das ausgedehnte Polargebiet +hinweg. Von diesen antarktischen Gegenden aus war natürlich keine +Nachricht zu erwarten. + +</P><P> + +Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rühmen, den +Aeronef nur flüchtig wieder erblickt zu haben. + +</P><P> + +Der August ging zu Ende, ohne daß sich an der Ungewißheit +über das Loos der beiden Gefangenen Robur's etwas änderte. Man +fing allmählich an, sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem +Beispiele des Ikarus, dieses ältesten Mechanikers, dessen die +Sagengeschichte erwähnt, nicht ein Opfer seiner Kühnheit +geworden sein möge. + +</P><P> + +Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers +ohne jede Aenderung der Sachlage. + +</P><P> + +Bekanntlich gewöhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in +der menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu +empfinden; man vergißt, weil es nothwendig ist, einmal zu +vergessen. In diesem Falle mußte man dagegen den Bewohnern dieses +Erdenthals zu ihrer Ehre nachsagen, daß sie von der allgemeinen +Regel abwichen; noch immer ermattete nicht die warme Theilnahme an dem +Loose zweier Weißen und eines Schwarzen, die wie durch den +Propheten Elias entführt schienen, denen aber keine Rückkehr +durch die Bibel geweissagt war. + +</P><P> + +In Philadelphia trat das natürlich noch deutlicher zu Tage, als an +jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nähere persönliche +Beziehungen in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus +Rache ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine +grausame Wiedervergeltung geübt. Doch war seine Rache damit +gekühlt? Würde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des +Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut fühlen +lassen? Und wer konnte sich gesichert wähnen gegen etwaige Angriffe +jenes allmächtigen Beherrschers des Luftmeeres? + +</P><P> + +Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel +Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der Privatwohnung +des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht sein. + +</P><P> + +Das Merkwürdigste an dieser Botschaft war, daß sie sich +bestätigte, obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten. + +</P><P> + +Dennoch mußte man sich der Thatsache fügen. Das waren die +beiden Verschwundenen in Person — nicht ihre Schatten — und +auch Frycollin war mit ihnen zurückgekehrt. + +</P><P> + +Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine ungeheure +Volksmenge strömten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle +begrüßten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter +Hurrahs und Hipps von Hand zu Hand getragen wurden. + +</P><P> + +Hier befand sich Jem Cip, der sein Frühstück — +geröstete Brotschnittchen mit gekochtem Lattig — verlassen +hatte, und auch William T. Forbes nebst seinen beiden Töchtern +Miß Doll und Miß Mat. Wäre Onkel Prudent Mormone +gewesen, heute hätte er sie alle Beide zu Frauen bekommen; doch das +war er nicht und hatte auch nicht die geringste Absicht, es je zu werden. +Hier waren ferner Truk Milnor, Bat T. Fyn und endlich die übrigen +Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis heutigen Tages ein Räthsel +geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans hatten lebend aus den +Tausenden von Armen hervorgehen können, welche sie bei ihrem ersten +Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu erdrücken drohten. + +</P><P> + +An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte +wöchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden +Collegen ihre früheren Plätze wieder einnehmen zu sehen. Da sie +übrigens von ihren Abenteuern bisher noch nichts erzählt hatten +— vielleicht hatte der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die +nöthige Zeit gewährt — so hoffte man auch, daß sie +nun von den gehabten Eindrücken während jener unfreiwilligen +Reise berichten würden. + +</P><P> + +In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz stumm +verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine +Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt hätten. + +</P><P> + +Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen +wollen, war Folgendes: + +</P><P> + +Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgänge in der +Nacht vom 27. zum 28. Juli zurück zu kommen; auf die kühn +ausgeführte Flucht des Vorsitzenden und des Schriftführers vom +Weldon-Institut, auf ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der +felsigen Insel Chatam, den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschuß, +auf das durchschnittene Ankertau und den „Albatros“, der +damals, seiner Triebschrauben entbehrend, durch den Südwestwind weit +fortgetrieben und gleichzeitig zu großer Höhe +gewissermaßen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe bald aus +ihrem Gesichtskreis entschwunden. + +</P><P> + +Die Flüchtlinge hatten nun nichts mehr zu fürchten. Wie +hätte Robur nach der Insel zurückkehren können, da seine +Schrauben noch drei bis vier Stunden außer Stande waren, zu +functioniren? + +</P><P> + +Nach Ablauf dieser Zeit aber mußte der durch die Explosion +zerstörte, „Albatros“ zum elenden, auf dem Meere +treibenden Wrack geworden sein, und Diejenigen, welche er trug, waren +jedenfalls nur noch in Stücke gerissene Leichen, die auch der Ocean +nicht wieder herausgeben konnte. + +</P><P> + +Der entsetzliche Racheact mußte dann vollkommen gelungen sein. Da +Onkel Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr +betrachteten, litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen. + +</P><P> + +Phil Evans war durch die vom „Albatros“ aus entsendete Kugel +nur leicht verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in +der Hoffnung, Eingeborene anzutreffen. + +</P><P> + +Diese Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Etwa fünfzig +halbwilde, vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der +Westküste Chatams. Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen +sehen und bereiteten den Flüchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als +übernatürliche Wesen verdienten. Man betete sie an, mindestens +fehlte daran nicht viel, und brachte sie in der größten und +schönsten Hütte unter. Frycollin fand gewiß niemals +wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der Schwarzen spielen +zu können. + +</P><P> + +Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef +nicht wieder zurückkehren, und mußten daraus schließen, +daß die schreckliche Katastrophe in großer Höhe +eingetreten sein werde. Nun würde Niemand wieder von dem Ingenieur +Robur reden hören, so wenig wie von seiner wunderbaren Maschine, die +seine Leute mit ihm dahingetragen hatte. + +</P><P> + +Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Amerika +abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So +verstrich der ganze Monat August und die Flüchtlinge legten sich +schon die Frage vor, ob sie am Ende nicht bloß ein +Gefängniß gegen ein anderes eingetauscht hätten, mit dem +übrigens Frycollin sich weit besser, als mit dem „Kerker in +der Luft“, abzufinden schien. + +</P><P> + +Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam +Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, daß +Onkel Prudent zur Zeit der Entführung aus Philadelphia mehrere +tausend Dollars Papiergeld bei sich führte, d. h. mehr als +nothwendig war, um nach Amerika zurückkehren zu können. Nachdem +sie ihren Verehrern, welche ihnen stets den allergrößten +Respect bewiesen hatten, herzlich gedankt, schifften sich Onkel Prudent, +Phil Evans und Frycollin nach Aukland ein. Von ihren Schicksalen +erzählten sie nichts, und nach zwei Tagen schon langten sie in der +Hauptstadt Neu-Seelands an. + +</P><P> + +Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und +am 20. September landeten die Ueberlebenden vom „Albatros“ +nach höchst glücklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten +weder ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie +einen recht anständigen Preis für ihre Plätze +entrichteten, so wäre es keinem amerikanischen Capitän jemals +eingefallen, weitere Fragen an die Leute zu richten. + +</P><P> + +In San Francisco benützten Onkel Prudent, sein College und der +Diener Frycollin den ersten Zug der großen Pacific-Bahn und trafen +am 27. wohlbehalten in Philadelphia ein. + +</P><P> + +Das ist der gedrängte Bericht über Alles, was seit dem +Entweichen der Flüchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam +vorgefallen war; und somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und +der Schriftführer, inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre +Plätze im Weldon-Institut wieder einnehmen. + +</P><P> + +Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende +Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein hätte niemals ahnen +lassen, daß seit jener denkwürdigen Sitzung vom 12. Juni +irgend etwas Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate +schienen in ihrem Leben gar nicht mit zu zählen. + +</P><P> + +Nach den ersten Begrüßungssalven, welche Beide ohne das Zucken +nur eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und +ergriff er zuerst das Wort. + +</P><P> + +„Ehrenwerthe Bürger, sagte er, die Sitzung ist +eröffnet.“ + +</P><P> + +Wahnsinniger und gewiß wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch +als etwas Außergewöhnliches nicht gelten konnte, daß +eine solche Wochenversammlung eröffnet wurde, so erhielt der Umstand +doch ein außergewöhnliches Gewicht, daß das durch Onkel +Prudent unter Assistenz von Phil Evans geschah. + +</P><P> + +Der Vorsitzende ließ den in Zurufen und Händeklatschen +kundgegebenen Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort: + +</P><P> + +„In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem +Meinungsaustausch (Hört! Hört!) zwischen den Vertretern der +Vorder- und der Rückenschraube für unseren Ballon, den <TT>Go a +head</TT>. (Zeichen von Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein +Auskunftsmittel erfunden, um die Vorder- und Hintersteuerer unter einen +Hut zu bringen, und das besteht einfach darin: Wir versehen eben beide +Enden des Nachens mit je einer Triebschraube.“ (Stillschweigen vor +allgemeinem Erstaunen.) + +</P><P> + +Das war Alles! + +</P><P> + +Ja, Alles, von der Entführung des Vorsitzenden und des +Schriftführers des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswörtchen; +kein Wort über den Ingenieur Robur und den „Albatros“; +kein Wort über die Art und Weise, wie die Gefangenen hatten +entkommen können, und endlich kein Wort über das Schicksal des +Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und ob noch weitere +Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befürchten wären. + +</P><P> + +Gewiß fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und +Phil Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so +zugeknöpft, daß es angezeigt schien, ihre Zurückhaltung +zu respectiren. Wenn sie die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, +würden sie schon allein sprechen und Alle würden sich geehrt +genug fühlen, ihnen zuzuhören. + +</P><P> + +Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimniß +verborgen liegen, das heute noch nicht enthüllt werden durfte. + +</P><P> + +Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des +Weldon-Instituts unerhörten Stillschweigen wieder das Wort. + +</P><P> + +„Meine Herren, sagte er, es erübrigt uns nun bloß noch, +den Aerostaten <TT>Go a head</TT>, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu +erobern, schleunigst der Vollendung entgegen zu führen. — Die +Sitzung ist geschlossen.“ </P> + + + + +<HR> + + +<A NAME="kap18" ID="kap18"></A> +<H3>XVIII.<BR> +Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende führt, ohne sie zu +beendigen. +</H3> + + +<P> +Am 29. April des folgenden Jahres, sieben Monate nach der so unerwarteten +Rückkehr des Onkel Prudent und Phil Evans, war ganz Philadelphia in +reger Bewegung. Um politische Fragen handelte es sich dabei nicht, ebenso +wenig um Wahlen oder Volksversammlungen. Der auf Betreiben des +Weldon-Instituts nun vollendete Aerostat <TT>Go a head</TT> sollte +endlich seinem natürlichen Element übergeben werden. + +</P><P> + +Als Aeronaut für denselben war der berühmte Harry W. Tinder, +dessen wir schon zu Anfang dieser Erzählung erwähnten, bestimmt +worden, und ihm hatte man noch einen erfahrenen Gehilfen beigegeben. + +</P><P> + +Die Passagiere bildeten der Vorsitzende und der Schriftführer des +Weldon-Instituts, denen diese Ehre gewiß vor allen Anderen zukam, +da es für sie so zu sagen eine Lebensaufgabe geworden war, +persönlich gegen jeden Apparat, der auf dem Principe +„Schwerer, als die Luft“ beruhte, Einspruch zu erheben. + +</P><P> + +Doch auch jetzt, nach sieben Monaten, sollten sie immer noch erst +anfangen, über ihre Abenteuer zu berichten. Selbst Frycollin hatte, +wie sehr es ihn auch dazu drängte, noch nicht vom Ingenieur Robur +und von dessen wunderbarer Maschine gesprochen. Offenbar wollten Onkel +Prudent und Phil Evans als eingefleischte und unverbesserliche +Ballonisten überhaupt nicht, daß von dem Aeronef oder einer +anderen Flugmaschine jemals die Rede sei. Auch wenn ihr Ballon, der +<TT>Go a head</TT>, noch nicht die erste Stelle unter den zur +Fortbewegung durch die Luft bestimmten Apparaten einnehmen sollte, so +wollten sie doch keine, von irgendwelchem Anhänger der Aviation +herrührende Erfindung dabei anwenden lassen. Sie glaubten noch immer +und wollten auch später nur glauben, daß das einzig wahre +atmosphärische Vehikel der Aerostat sei, und daß ihm allein +die Zukunft gehöre. + +</P><P> + +Uebrigens existirte ja Derjenige, an dem sie eine so furchtbare, ihrer +Ansicht nach aber nur gerechte Rache genommen hatten, jetzt schon +längst nicht mehr. Keiner von Denen, die er trug, hatte seinen +Untergang überleben können. Das Geheimniß des +„Albatros“ lag jetzt in den unergründlichen Tiefen des +Stillen Oceans begraben. + +</P><P> + +Die Annahme, daß der Ingenieur Robur einen Zufluchtsort, eine +rettende Insel im ungeheuren, verlassenen Ocean gefunden habe, erschien +nur als eine sehr gewagte Hypothese. Die beiden Collegen behielten sich +für später die Entscheidung darüber vor, ob es angezeigt +erscheine, nach dieser Richtung besondere Nachforschungen zu veranlassen. + +</P><P> + +Man schritt also endlich zu dem großen Experimente, welches das +Weldon-Institut so lange Zeit und mit so großer Sorgfalt +vorbereitet hatte. Der <TT>Go a head</TT> war der vollendetste Typus +dessen, was im Bereiche der Aerostatik bisher erfunden war — +dasselbe wie der <TT>„Inflexible“</TT> und der +<TT>„Formidable“</TT> (zwei neuere französische +Panzerschlachtschiffe) in der Schiffsbaukunst. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> besaß alle für einen Aerostaten nur +wünschenswerthen Eigenschaften. Sein Volumen gestattete ihm, bis zu +den allergrößten Höhen, die ein Ballon nur erreichen +kann, aufzusteigen; seine Undurchlässigkeit für Gas, sich +unbegrenzt lange in der Luft zu erhalten; seine Festigkeit, jeder +Ausdehnung der Gase ebenso zu widerstehen, wie dem heftigsten Platzregen +und stärksten Sturmwinde; sein Fassungsvermögen, eine +genügende Auftriebskraft zu entfalten, um außer dem sonst +nöthigen Zubehör eine elektrische Maschine mitzunehmen, die +seinen Propellern eine, jeder bisher erreichten überlegene +Treibkraft verleihen konnte. Der <TT>Go a head</TT> hatte eine +längliche Gestalt, um die horizontale Fortbewegung zu erleichtern. +Seine Gondel, eine derjenigen des Ballons der Capitäne Krebs und +Renard ähnliche Plattform, enthielt alles für Luftschiffer +nothwendige Geräth und Werkzeug, physikalische Instrumente, Taue, +Anker, Rollen u. s. w., außerdem die Apparate, Batterien +und Accumulatoren, welche seine mechanische Kraft lieferten. Diese Gondel +trug vorne eine Schraube und hinten neben einer gleichen Schraube ein +Steuerruder. Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte jedoch die +Arbeitsleistung der Maschinen des <TT>Go a head</TT> weit hinter der der +Apparate des „Albatros“ zurückbleiben. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> war nach vollendeter Füllung nach der +Waldblöße im Fairmont-Park übergeführt worden, +d. h. genau nach derselben Stelle, an welcher früher der +Aeronef einige Stunden gelegen hatte. + +</P><P> + +Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß ihm die Auftriebskraft +durch das leichteste aller Gase verliehen worden war. Das +gewöhnliche Leuchtgas entwickelt per Cubikmeter nur eine solche +Hebekraft gleich 700 Gramm — was gegen die umgebende Luft nur einen +unbeträchtlichen Gewichtsunterschied darstellt. Das Wasserstoffgas +dagegen besitzt bei gleichem Volumen eine auf etwa 1100 Gramm zu +schätzende Steigekraft. Solches, nach dem Verfahren und in den +Special-Apparaten des berühmten Henry Giffard dargestellte reine +Wasserstoffgas erfüllte den ungeheuren Ballon. Da der <TT>Go a +head</TT> nun einen Fassungsraum von 40.000 Cubikmetern besaß, so +entsprach die Steigkraft seines Gases einem Gewichte von 40.000mal 1100 +Gramm oder 44.000 Kilogramm. + +</P><P> + +Am Morgen des 20. April war Alles bereit. Um elf Uhr schon schwankte der +riesige Aerostat wenige Fuß über dem Boden und fertig, sich in +die Luft zu erheben, majestätisch hin und her. + +</P><P> + +Es herrschte ein prächtiges und wie für diesen Versuch eigens +gemachtes Wetter. Vielleicht wäre eine etwas größere +Windstärke wünschenswerther gewesen, da sie die Probe mehr +beweisend gestaltet hätte. Man hat ja niemals bezweifelt, daß +ein Ballon in ganz ruhiger Luft nach Belieben gelenkt werden könne, +in bewegter Atmosphäre ist das aber ein anderes Ding und nur unter +solchen Verhältnissen sollten derartige Proben ausgeführt +werden. + +</P><P> + +Genug, jetzt war weder Wind zu verspüren, noch deutete etwas darauf +hin, daß solcher auftreten würde. An jenem Tage sendete +Nordamerika aus seinem unerschöpflichen Vorrathe ausnahmsweise +keinen Sturm nach dem westlichen Europa, und niemals hätte ein Tag +günstiger als dieser zur Vornahme eines solchen aeronautischen +Experimentes gewählt werden können. + +</P><P> + +Kaum brauchen wir der ungeheuren, im Fairmont-Park aufgestauten +Menschenmenge, ebenso wenig der zahlreichen Bahnzüge zu +erwähnen, welche Ströme von Neugierigen aus allen +Nachbarstaaten über Philadelphia ergossen hatten; auch nicht der +Unterbrechung jeder industriellen und commerciellen Thätigkeit, +welche es Allen — Chefs, Beamten, Handwerkern, Männern und +Frauen, Greisen und Kindern, Congreßmitgliedern, Vertretern der +bewaffneten Macht, Magistratspersonen, Reportern, weißen und +schwarzen Eingeborenen, die auf der Waldblöße zusammengelaufen +waren — gestattete, diesem Schauspiele beizuwohnen. Oder sollten +wir das geräuschvolle Durcheinanderwogen dieser Volksmengen +schildern, die unerwarteten Bewegungen, das plötzliche Drängen +und das Jauchzen und Rufen des Mobs? Sollen wir die Hipp! Hipp! Hipp! +nachzählen, welche von allen Seiten gleich dem Krachen von +Feuerwerkskörpern laut wurden, als Onkel Prudent und Phil Evans auf +der mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmückten Plattform +erschienen? Oder müßten wir es erst besonders aussprechen, +daß der größte Theil dieser Neugierigen vielleicht nicht +gekommen war, um den <TT>Go a head</TT> zu sehen, sondern um sich die +zwei außerordentlichen Männer zu betrachten, um welche die +Alte Welt die Neue beneidete? + +</P><P> + +Warum aber nur Zwei und nicht Drei? Warum nicht auch Frycollin? — +Das kam daher, daß Frycollin die Reise mit dem +„Albatros“ für seine Berühmtheit als genügend +erachtete und er die Ehre, seinen Herrn zu begleiten, bescheiden +abgelehnt hatte. Er bekam also keinen Theil von den tollen Jubelrufen, +welche den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts +empfingen. Es versteht sich von selbst, daß von allen Mitgliedern +der berühmten Gesellschaft keiner auf dem für diese reservirten +Platze innerhalb der Pfähle und Leinen fehlte, welche einen Theil +der Lichtung abgrenzten. Hier waren Truk Milnor, Bat T. Fyn, William T. +Forbes, der seine beiden Töchter Miß Doll und Miß Mat an +den Armen führte. Alle waren erschienen, um durch ihre Anwesenheit +zu bekräftigen, daß nichts jemals im Stande sei, die +Anhänger des „Leichter, als die Luft“ zu trennen. + +</P><P> + +Gegen elf Uhr zwanzig Minuten verkündigte ein Kanonenschuß die +Beendigung der letzten Vorbereitungen. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> erwartete nur noch das Signal zum Aufsteigen. + +</P><P> + +Ein zweiter Kanonenschuß donnerte um elf Uhr fünfundzwanzig. + +</P><P> + +Der nur noch durch seine Leitseile gehaltene <TT>Go a head</TT> erhob +sich gegen fünfzehn Meter über die Lichtung. Am anderen Ende +der Plattform stehend, legten Onkel Prudent und Phil Evans die linke Hand +auf die Brust, was bedeuten sollte, daß sie mit dem Zuschauerkreise +eines Herzens wären. Dann streckten sie die rechte Hand nach dem +Zenith aus, um anzudeuten, daß der größte, bis jetzt +bekannte Ballon endlich in Begriff stehe, von seinem überirdischen +Reiche Besitz zu ergreifen. + +</P><P> + +Da legten sich hunderttausend Hände auf hunderttausend Brüste; +und hunderttausend andere erhoben sich zum Himmel. + +</P><P> + +Um elf Uhr dreißig krachte ein dritter Kanonenschuß. + +</P><P> + +„Alles los!“ rief Onkel Prudent, die hergebrachte Redensart +benützend. + +</P><P> + +Und der <TT>Go a head</TT> erhob sich „majestätisch“ +— das immer gebrauchte Beiwort in der Beschreibung von beginnenden +Luftfahrten. + +</P><P> + +In der That, es war ein prächtiges Schauspiel! Man hätte ein +Seeschiff zu sehen gemeint, das eben vom Stapel lief. Und war das hier +nicht auch ein Schiff, das in's Luftmeer abgelassen wurde? + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> stieg genau lothrecht in die Höhe — ein +Beweis für die vollkommene Ruhe der Atmosphäre — und +hielt etwa zweihundertfünfzig Meter über der Erde still. + +</P><P> + +Hier begann nun die Vorführung der Fahrt in wagrechter Richtung. + +</P><P> + +Der von seinen zwei Schrauben getriebene <TT>Go a head</TT> zog mit der +Geschwindigkeit von zehn Metern in der Secunde der Sonne entgegen. Das +ist die Geschwindigkeit des Walfisches im freien Wasser. Es ist auch gar +nicht falsch, jenen mit dem genannten Riesen der nördlichen Meere zu +vergleichen, zumal da er auch die Gestalt jenes Cetaceers hatte. + +</P><P> + +Eine neue Salve von Hurrahs drang zu den geschickten Aeronauten empor. + +</P><P> + +Hierauf führte der <TT>Go a head</TT> unter der Wirkung seines +Steuers allerlei kreisförmige, schiefe und geradlinige Bewegungen +aus, welche ihm die Hand seines Steuermannes aufnöthigte. Er wendete +in engem Kreise, ging nach vorwärts, nach rückwärts, um +selbst die zähesten Widersacher der Lenkbarkeit von Ballons eines +Besseren zu belehren ... wenn es solche Widersacher hier gab! Und wenn es +dergleichen gegeben hätte, hätte man sie in die Pfanne gehauen! + +</P><P> + +Warum fehlte aber der Wind diesem herrlichen Experimente? Das war +bedauerlich. Unzweifelhaft hätte der <TT>Go a head</TT> alle +Bewegungen ohne Zögern ausgeführt, indem er entweder eine +schräge Richtung einhielt, wie ein Schiff, das dicht beim Winde +segelte, oder der Luftströmung gleich einem Dampfer gerade +entgegentrieb. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke stieg der Aerostat um einige hundert Meter +höher hinauf. + +</P><P> + +Man begreift wohl die Absicht. Onkel Prudent und seine Begleiter suchten +in den höheren Luftschichten eine Strömung zu finden, um die +Probe zu vervollständigen. Ein System von inneren Ballons, +entsprechend der Schwimmblase der Fische, in welche man mittelst Pumpen +eine gewisse Menge Gas hineindrücken konnte, gestattete ihm +nämlich, auf- und niederzusteigen. Ohne je Ballast auszuwerfen, um +höher, oder Gas zu verlieren, um tiefer zu gehen, war er im Stande, +sich nach Belieben des Luftschiffers in der Atmosphäre zu heben oder +zu senken. Außerdem war er jedoch am oberen Scheitel mit einem +Ventil versehen, für den Fall, daß er einmal sehr schnell +herabzugehen gezwungen wäre. Hier waren demnach nur bereits bekannte +Mittel vorgesehen, diese aber bis zum höchsten Grade der +Vollkommenheit entwickelt. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> erhob sich also in lothrechter Linie. Durch +optische Wirkung verringerten sich seine Dimensionen allmählich den +Blicken. Gewöhnlich erscheint das ziemlich merkwürdig für +die Zuschauer, die sich, um gerade hinauf zu sehen, fast die Halswirbel +brechen. Der ungeheure Walfisch wurde so nach und nach zum Meerschwein, +um endlich bis zur Größe des gewöhnlichen Gründlings +herabzusinken. + +</P><P> + +Da die aufsteigende Bewegung nicht unterbrochen wurde, erreichte der +<TT>Go a head</TT> eine Höhe von viertausend Metern, blieb aber bei +dem reinen, keine Spur von Dunst enthaltenden Himmel vollkommen klar +sichtbar. + +</P><P> + +Indeß hielt er sich fortwährend über der Lichtung, als +würde er daselbst von divergirenden Leinen festgehalten. Und wenn +eine riesenhafte Glocke über die Umgegend gestürzt gewesen +wäre, hätte die Luft darunter nicht ruhiger sein können. +Weder in jener, noch in irgend einer anderen Höhe regte sich der +leiseste Hauch. Stark verkleinert durch die Entfernung, als ob man ihn +durch ein verkehrt gehaltenes Fernrohr betrachtet hätte, +manövrirte der Aerostat, ohne den geringsten Widerstand zu finden. + +</P><P> + +Plötzlich drang ein Aufschrei aus der Menge, ein Schrei, dem sofort +hunderttausend andere folgten. Alle Arme richteten sich nach einem Punkte +am Horizont, und zwar nach Nordwesten hin. + +</P><P> + +Dort im tiefen Azur ist ein sich bewegender Körper erschienen, der +näher herankommt und größer wird. Ist es ein Vogel, der +mit mächtigem Flügelschlage durch die höchsten +Luftschichten schwebt? Ist's eine Feuerkugel, deren Bahn die +Atmosphäre in schiefer Richtung durchschneidet? Jedenfalls ist der +räthselhaften Erscheinung eine bedeutende Schnelligkeit eigen und +sie muß bald über die erstaunte Volksmenge hinwegrauschen. + +</P><P> + +Ein Verdacht, der sich gleichsam elektrisch allen Gehirnen mittheilt, +verbreitet sich über die ganze Lichtung. + +</P><P> + +Es scheint jedoch, als ob auch der <TT>Go a head</TT> den fremdartigen +Gegenstand bemerkt hätte. Offenbar hat er das Gefühl einer +drohenden Gefahr empfunden, denn plötzlich steigert sich seine +Geschwindigkeit und er flieht nach Osten hin. + +</P><P> + +Ja, die Menge hat Alles begriffen. Ein von einem der Mitglieder des +Weldon-Instituts ausgerufener Name wird von zweihunderttausend Lippen +wiederholt: „Der „Albatros“! ... +„Albatros“!“ + +</P><P> + +In der That, es ist der „Albatros“. Robur ist es, der in den +Höhen des Himmels wieder erscheint! Er ist's, der gleich einem +gigantischen Raubvogel auf den <TT>Go a head</TT> losstürzt! + +</P><P> + +Und neun Monate vorher war der durch die Explosion zersprengte Aeronef, +die Schrauben zerbrochen und das Verdeck in zwei Stücke zerrissen, +doch vernichtet worden. Ohne die wunderbare Besonnenheit des Ingenieurs, +der die Drehbewegung des vorderen Propellers veränderte, und diesen +als Auftriebsschraube wirken ließ, wäre die ganze Besatzung +des „Albatros“ schon durch die Schnelligkeit des Sturzes +erstickt worden. Doch wenn sie auch dieser Gefahr glücklich +entronnen, wie kam es, daß sie nicht in den Fluthen des Pacifischen +Oceans ertrunken war? + +</P><P> + +Das kam daher, daß die Trümmer des Verdecks, die Flügel +der Triebschrauben, die Wände der Ruffs und was sonst noch vom +„Albatros“ übrig war, ihn zur schwimmenden Seetrift +verwandelt hatten. Der verwundete Vogel war in's Wasser gefallen, seine +Flügel aber hielten ihn noch auf den Wellen. Einige Stunden lang +blieben Robur und seine Leute noch auf diesem Wrack, dann flüchteten +sie in das auf dem Ocean wieder gefundene Kautschukboot. + +</P><P> + +Die Vorsehung, für Diejenigen, welche an einen göttlichen +Eingriff in irdische Dinge glauben — der Zufall, für +Diejenigen, welche die Schwäche haben, an keine Vorsehung zu glauben +— kam den Schiffbrüchigen zu Hilfe. + +</P><P> + +Wenige Stunden nach Sonnenaufgang wurden sie von einem Schiffe bemerkt, +das nicht allein Robur und seine Leute, sondern auch die umher +schwimmenden Trümmer des Aeronefs aufnahm. Der Ingenieur +begnügte sich mit der Angabe, sein Fahrzeug sei durch eine Collision +zerstört worden, und sein Incognito blieb auch bei dieser +Gelegenheit gewahrt. + +</P><P> + +Jenes Schiff war ein englischer Dreimaster, der <TT>„Two +Friends“</TT> von Liverpool. Es segelte nach Melbourne, wo es nach +wenigen Tagen eintraf. + +</P><P> + +Nun war man zwar in Australien, aber sehr fern von der Insel X, nach der +man doch baldigst zurückkehren mußte. + +</P><P> + +Unter den Trümmern des hinteren Ruffs hatte der Ingenieur noch eine +beträchtliche Geldsumme gefunden, die ihm, ohne einen Anderen +anzusprechen, alle Bedürfnisse seiner Leute zu bestreiten +gestattete. Kurz nach der Ankunft in Melbourne erwarb er eine kleine +Goelette von hundert Tonnen und auf dieser begab sich Robur, der auch ein +tüchtiger Seemann war, nach der Insel X zurück. + +</P><P> + +Jetzt erfüllte ihn nur noch eine einzige fixe Idee — sich zu +rächen. Doch um das zu können, mußte ein zweiter +„Albatros“ gebaut werden, was für den, der den ersten +construirt hatte, ja eine leichte Aufgabe war. Man verwendete dabei, was +noch vom alten Aeronef brauchbar erschien, unter anderen Maschinentheilen +auch dessen Propeller, die mit allen Trümmern auf der Goelette +verladen gewesen waren. Der Mechanismus wurde mittelst neuer Batterien +und Accumulatoren wieder in Stand gesetzt. Kurz, binnen weniger als acht +Monaten war die ganze Arbeit beendigt und ein neuer +„Albatros“, ganz gleich dem durch die Explosion +zerstörten und eben so mächtig wie dieser, stand bereit, durch +die Luft abzusegeln. + +</P><P> + +Selbstverständlich trug er auch dieselbe Mannschaft und ebenso +selbstverständlich schäumte diese Mannhaft vor Wuth auf Onkel +Prudent und Phil Evans im Besonderen, wie auf das ganze Weldon-Institut +im Allgemeinen. + +</P><P> + +Mit den ersten Tagen des April verließ der „Albatros“ +die Insel X. Während dieser Luftfahrt sollte sein Vorüberkommen +von keinem Punkt der Erde aus gemeldet werden können. So schwebte er +also immer zwischen den Wolken hin. Ueber Nordamerika an einer +Einöde des Far-West angelangt ging er zur Erde. Das tiefste +Incognito bewahrend, erfuhr der Ingenieur hier, was ihm das +größte Vergnügen gewähren mußte: daß das +Weldon-Institut nun so weit sei, mit seinen Probefahrten zu beginnen, und +daß der <TT>Go a head</TT> mit Onkel Prudent und Phil Evans am 29. +April von Philadelphia aus aufsteigen sollte. + +</P><P> + +Welch' herrliche Gelegenheit zur Kühlung jener Rache, die das Herz +Robur's und aller seiner Leute erfüllte! Eine schreckliche Rache, +welcher der <TT>Go a head</TT> nicht entrinnen sollte! Eine +öffentliche Rache, welche gleichzeitig die Ueberlegenheit des +Aeronefs über die Aerostaten und alle Apparate dieser Art beweisen +mußte! + +</P><P> + +Aus diesem Grunde also erschien an jenem Tage gleich dem Geier, der aus +schwindelnder Höhe niederschießt, der Aeronef über dem +Fairmont-Park. + +</P><P> + +Ja, das war der „Albatros“, leicht erkannt selbst von Denen, +die ihn früher nie gesehen hatten. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> floh noch immer. Er begriff jedoch, daß er +durch eine Flucht in horizontaler Richtung niemals zu entkommen +vermöge. Er suchte sein Heil also in verticaler Flucht, aber nicht +durch Annäherung an die Erde, denn da hätte der Aeronef ihm den +Weg verlegen können, sondern indem er sich in die Luft erhob, nach +einer Zone, in der er vielleicht nicht angegriffen werden konnte. Das war +sehr kühn, doch gleichzeitig recht logisch gehandelt. + +</P><P> + +Inzwischen erhob sich aber auch der „Albatros“ mit ihm. Weit +kleiner als der <TT>Go a head</TT> glich er dem Schwertfisch bei +Verfolgung des Wals, den er mit seinem Stachel durchbohrt, oder dem auf +das Panzerschiff zufliegenden Torpedo, der jenes mit einem Schlage in die +Luft zu sprengen trachtet. + +</P><P> + +Die Zuschauer bemerkten das mit beklemmender Angst. Binnen wenigen +Augenblicken hatte der Aerostat eine Höhe von fünftausend +Metern erreicht. Der „Albatros“ war ihm bei seiner +aufsteigenden Bewegung nachgefolgt. Er tänzelte jetzt gleichsam um +seine Seiten und umkreiste ihn in stetig vermindertem Umfange. Mit einem +Sprung konnte er ihn vernichten, indem er seine dünne Hülle +zerriß. Onkel Prudent und dessen Begleiter wären durch einen +furchtbaren Absturz rein zerschmettert worden. + +</P><P> + +Die vor Schreck verstummten und nach Athem ringenden Zuschauer waren von +jener Art Entsetzen gepackt, das die Brust einschnürt und die +Füße lähmt, wenn man Einen aus großer Höhe +herabstürzen sieht. Jetzt drohte ein Luftkampf, ein Kampf, der nicht +einmal die geringen Aussichten für Rettung wie ein Wasserkampf +darbot — der erste dieser Art, aber gewiß nicht der letzte, +denn der Fortschritt gehört zu den ehernen Gesetzen dieser Welt. Und +wenn der <TT>Go a head</TT> an seiner Seite das amerikanische +Sternenbanner trug, so hatte der „Albatros“ auch seine +Flagge, das schwarze Fahnentuch mit der goldenen Sonne Robur des Siegers, +entfaltet. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> wollte aus dem Bereiche seines Gegners zu kommen +suchen, indem er sich noch weiter erhob. Er warf den als Reserve +mitgeführten Ballast aus. Noch einmal machte er einen Satz von +tausend Metern und erschien jetzt nur noch als ein Punkt im Luftraum. Der +„Albatros“, der ihm mit der größten +Drehgeschwindigkeit seiner Schrauben nacheilte, war schon völlig +unsichtbar geworden. + +</P><P> + +Plötzlich erhob sich von der Erde ein Schreckensschrei. + +</P><P> + +Der <TT>Go a head</TT> nahm sichtlich an Größe wieder zu, +während auch der sich mit ihm senkende Aeronef auf's Neue erschien. +Jetzt war der Sturz da! Das in der furchtbaren Höhe zu stark +ausgedehnte Gas hatte die Hülle des Ballons gesprengt, und nur noch +halb aufgeblasen fiel dieser rasch herunter. + +</P><P> + +Der Aeronef dagegen, der nur die Bewegung seiner Auftriebsschrauben +gemäßigt hatte, sank mit abgemessener Geschwindigkeit herab. +Er fuhr an den <TT>Go a head</TT> heran, als dieser nur noch +zwölfhundert Meter von der Erde entfernt war, und näherte sich +ihm Bord an Bord. + +</P><P> + +Wollte Robur ihm den Gnadenstoß geben? — Nein, er wollte +helfen, wollte die Insassen retten! + +</P><P> + +Seine Manövrirgeschicklichkeit war eine so erstaunliche, daß +der Aeronaut und sein Genosse auf das Verdeck des Aeronefs gelangen +konnten. + +</P><P> + +Sollten Onkel Prudent und Phil Evans etwa die Unterstützung Robur's +ablehnen, es verweigern, sich von ihm retten zu lassen? Sie wären es +wahrlich im Stande gewesen! Die Leute des Ingenieurs bemächtigten +sich jedoch derselben und schafften sie mit Gewalt vom <TT>Go a head</TT> +nach dem „Albatros“. + +</P><P> + +Da machte sich der Aeronef von jenem klar und blieb an derselben Stelle, +während der jetzt völlig gasleere Ballon auf die Bäume +neben der Lichtung niederfiel, wo er gleich einem riesigen Fetzen +hängen blieb. + +</P><P> + +Unten herrschte das Schweigen des Todes; es schien wirklich, als wenn +alles Leben aus den Herzen der Menge entflohen wäre. Sehr Viele +hatten gleich die Augen geschlossen, um das Ende der Katastrophe nicht +mit anzusehen. + +</P><P> + +Onkel Prudent und Phil Evans waren also wiederum die Gefangenen des +Ingenieurs Robur geworden. Sollte er, nun er sie wieder erlangt, mit +ihnen noch einmal in's Luftmeer hinausfliegen, wohin ihm Keiner folgen +konnte? + +</P><P> + +Das war vielleicht zu vermuthen. + +</P><P> + +Indessen senkte sich der „Albatros“, statt höher zu +steigen, langsam zur Erde nieder. Man glaubte, er wolle bis auf's Land +gehen, und die Menge drängte sich, um ihm Platz zu machen, +auseinander. + +</P><P> + +Die Erregung der Leute hatte jetzt den höchsten Grad erreicht. + +</P><P> + +Zwei Meter über der Erde hielt der „Albatros“ an, und +unter tiefstem Stillschweigen ließ sich die Stimme des Ingenieurs +vernehmen: + +</P><P> + +„Bürger der Vereinigten Staaten, sagte er, der Vorsitzende und +der Schriftführer des Weldon-Instituts sind wiederum in meiner +Gewalt. Hielte ich sie zurück, so würde ich nur von meinem +Rechte der Wiedervergeltung Gebrauch machen. Bei der in ihrer Seele durch +die Erfolge des „Albatros“ entfachten Leidenschaft aber sehe +ich ein, daß ihr geistiger Zustand doch nicht derart ist, um die +Umwälzungen, welche die Beherrschung des Luftmeeres einst nach sich +ziehen muß, vollständig zu begreifen. Onkel Prudent und Phil +Evans, Sie sind frei!“ + +</P><P> + +Der Vorsitzende, der Schriftführer des Weldon-Instituts, der +Aeronaut und sein Gehilfe hatten nur einen Sprung zu thun, um auf die +Erde zu gelangen. + +</P><P> + +Der „Albatros“ erhob sich dann sofort um etwa zehn Meter +über die Menge und Robur fuhr fort: + +</P><P> + +„Bürger der Vereinigten Staaten, mein Versuch ist +glücklich durchgeführt, doch meine Ansicht geht dahin, nichts +zu übereilen, auch nicht einmal den Fortschritt. Die Wissenschaft +darf den Landessitten und Gewohnheiten nicht zu sehr vorauseilen. Die +Menschheit soll nur schrittweise, nicht durch gewaltsame +Umänderungen vorwärts kommen. Ich selbst würde heute noch +zu zeitig auftreten, um alle widerstrebenden und getheilten Interessen zu +vereinigen. Die Nationen sind zum wirklichen Bunde noch nicht reif. + +</P><P> + +„Ich ziehe also weiter und nehme mein Geheimniß mit mir. +Für die Menschheit wird es deshalb nicht verloren sein, sondern ihr +dereinst gehören, wenn sie unterrichtet genug sein wird, daraus +Vortheil zu ziehen, und weise genug, um es nicht zu mißbrauchen. +Heil Euch, Bürger der Vereinigten Staaten, Heil Euch, jetzt und +immerdar!“ + +</P><P> + +Die Luft mit seinen vierundsiebenzig Schrauben peitschend und von den +beiden mit größter Kraft arbeitenden Propellern davongetragen, +verschwand der „Albatros“ im Osten inmitten eines Sturmes von +Hurrahs, die jetzt der allgemeinen Bewunderung Ausdruck gaben. + +</P><P> + +Die beiden, jetzt wie das ganze Weldon-Institut tief gedemüthigten +Collegen thaten das Einzige, was sie thun konnten — sie schlichen +nach ihren Behausungen zurück, während die Menge infolge einer +plötzlichen Sinnesänderung nicht übel Lust zeigte, sie mit +jetzt ganz angebrachtem beißenden Spotte zu begrüßen. +</P> + + +<HR> +<P> + +Nun bleibt noch immer die Frage bestehen: „Wer ist jener Robur? +Wird man das jemals erfahren?“ + +</P><P> + +Man weiß es schon heute. Robur ist das Wissen und Können der +Zukunft, vielleicht schon des nächsten Tages — er ist der +sichere Schatz im Schooße kommender Zeiten. + +</P><P> + +Daß der „Albatros“ noch immer durch die +Erdatmosphäre hinschwebe, inmitten seines Reiches, das ihm Niemand +streitig machen kann, ist nicht zu bezweifeln; auch Robur der Sieger wird +seinem Versprechen gemäß eines Tages wiederkehren und das +Geheimniß einer Erfindung offenbaren, welche die socialen und +politischen Verhältnis der Erde gänzlich umgestalten +dürfte. + +</P><P> + +Was die Zukunft der Luftschifffahrt angeht, so gehört diese den +Aeronefs, nicht dem Aerostaten. + +</P><P> + +Den „Albatrossen“ ist es noch vorbehalten, sich das +Reich der Luft endgiltig zu erobern. +</P> + + +<HR> + + +<H4>Fußnoten</H4> + + +<DL> +<DT><A NAME="foot1" ID="foot1"></A><A HREF="#footmark1">[1]</A></DT> +<DD>Zu Deutsch: Die Kraft. +</DD> +<DT><A NAME="foot2" ID="foot2"></A><A HREF="#footmark2">[2]</A></DT> +<DD>Wegen des Doppelsinnes des französischen <TT>grandir</TT>, +welches sowohl körperlich wachsen, als auch an Bedeutung und +Ansehen zunehmen ausdrückt, nicht ganz wiederzugebendes Wortspiel. +D. Ueb. +</DD> +<DT><A NAME="foot3" ID="foot3"></A><A HREF="#footmark3">[3]</A></DT> +<DD>Der Name Helice in der Bedeutung Schraube gebraucht. D.Ueb. +</DD> +<DT><A NAME="foot4" ID="foot4"></A><A HREF="#footmark4">[4]</A></DT> +<DD>Ruffs nennt man auf Seeschiffen die auf Deck stehenden kleinen +Holzbauwerke, welche als Wohnung für die Mannschaft dienen. +</DD> +<DT><A NAME="foot5" ID="foot5"></A><A HREF="#footmark5">[5]</A></DT> +<DD>Die Oberfläche des festen Landes beträgt 136,055.371 +Quadratkilometer. +</DD> +</DL> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Robur der Sieger, by Jules Verne + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBUR DER SIEGER *** + +***** This file should be named 15559-h.htm or 15559-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/5/5/15559/ + +Produced by K.F. Creiner and the Online Distributed Proofreading Team. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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