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+The Project Gutenberg eBook, Das Nibelungenlied, by Unknown, Translated by
+Karl Joseph Simrock
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Das Nibelungenlied
+
+Author: Unknown
+
+Release Date: February 5, 2005 [eBook #14915]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NIBELUNGENLIED***
+
+
+E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed
+Proofreading Team
+
+
+
+DAS NIBELUNGENLIED
+
+Uebersetzt
+
+von
+
+KARL SIMROCK
+
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+
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+Den Vorwurf, der meinen Uebersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen, der
+Nibelungen namentlich, gemacht worden ist, als hätten sie den
+Originalen Abbruch gethan, könnte ich mir schon gefallen laßen, denn
+sie müsten sie, wenn er begründet sein sollte, übertroffen haben.
+Leider vermag das keine Uebersetzung, und so werde ich mich statt jenes
+schmeichelhaften Tadels mit dem bescheidenen Lobe begnügen müßen,
+Unzählige, und vielleicht den Ankläger selbst, den Originalen zugeführt
+zu haben. Daß dieß Uebersetzungen, und zwar besonders solche thun, die
+Zeile für Zeile, gleichsam Wort für Wort übertragen, ist Goethes
+Ausspruch, auf den ich mich schon im Freidank S. XIII. berufen durfte.
+"Sie erregen," sagt der Altmeister, "eine unwiderstehliche Sehnsucht
+nach dem Original." Weil aber immer etwas hangen bleibt, will ich, die
+Anklage ganz aus dem Felde zu schlagen, diese Sehnsucht zu befriedigen
+helfen, indem ich das Original neben die Uebersetzung stelle.
+
+Ueber den Schaden, welchen Uebersetzungen anrichten könnten, (seht was
+ein storch den foeten schade, noch minre schaden hânt si mîn), habe ich
+mich in der Vorrede zur 1. Aufl. mit stärkern Worten ausgesprochen als
+ich es hier nach dem Spruche de mortuis nil nisi bene dürfte. Ich laße
+aber diese frühe Vorrede auch aus andern Gründen wieder abdrucken, muß
+indes bemerken, daß ich jetzt nicht mehr drei, sondern vier Hebungen im
+ersten Halbvers annehme. Ferner laß ich, weil darin zweier in der
+"Einleitung" mitgetheilter Gedichte und einer "Weihe" gedacht ist, auch
+diese folgen; ja vielleicht wird es mir nicht verdacht, wenn ich auch
+die Erwiederung Fouqués, an welchen jene "Weihe" gerichtet war, aus dem
+Gesellschafter, 1827 Nr. 85 (28. Mai) einrücke.
+
+Um das Auge nicht zu beleidigen, geb ich Urschrift und Uebersetzung mit
+der gleichen Schrift, die mir, nachdem einige Zeichen hinzugekommen
+sind, auch für das Mittelhochdeutsche die geeignete scheint. Das
+Neuhochdeutsche anlangend, so hat Jacob Grimm, der sich in einem Briefe
+an F. Pfeiffer beschwert, daß er nicht einmal das ß, wo es organisch
+ist, durchzusetzen vermocht habe, dieß durch den Gebrauch der runden
+Schrift, die man ausschließlich lateinisch zu nennen pflegt, als ob die
+eckige nicht den gleichen Ursprung hätte, selber verwirkt, denn diese
+Schrift hat kein ß, und nicht Jeder ist in der Lage, sich eins
+schnitzen zu laßen, ja er selber war es nicht immer. Sie hat eigentlich
+auch kein k und verführte J. Grimm selbst zu der ungeheuerlichen
+Schreibung Cöln, was Zöln gesprochen werden müste, vergl. Cölibat, und
+also die Kölner, die sich ihrer bedienen, zu Zölnern und Sündern wider
+die deutsche Lautlehre macht. Für das Mittelhochdeutsche hat sie erst
+Beneke und in den Nibelungen Lachmann durchgesetzt; jedoch hat Lachmann
+die Prachtausgabe seiner Zwanzig Lieder mit eigens dazu gegoßenen
+wunderschönen eckigen s.g. deutschen Lettern drucken laßen. Ich selbst
+habe sowohl im _Lesebuch_ als im _Wartburgkrieg_ zu der s.g.
+lateinischen greifen müßen, weil es da der Mühe nicht lohnte, für die
+Umlaute des langen a und o sowie für das weichere z, das wir ß nennen
+und schreiben, eigene Zeichen (æ und oe und z) schnitzen und gießen zu
+laßen, wie das hier geschehen konnte.
+
+Die Nebeneinanderstellung von Text und Original nöthigte zu genauerm
+Anschluß an das Original, das aber erst redigiert werden muste, denn
+ich konnte keiner der drei Faßungen (Recensionen), in denen das Gedicht
+vorliegt, ausschließlich vertrauen: keine bewahrt allein das Echte, ja
+in keiner sind alle Strophen vereinigt, durch deren Verbindung Original
+und Uebersetzung nun einige hundert Strophen mehr zählen als die
+Handschrift A, deren Text ich zwar zu Grunde legte, von dem ich aber
+unzählige Mal abgewichen bin, manchmal vielleicht ohne Noth, aber
+schwerlich je ohne Grund. Nur in gleichgültigen Fällen hab ich den Text
+vorgezogen, der sich am wohllautendsten übertragen ließ. So ist
+allerdings mein Text kein kritischer; aber er wird dem endgültig durch
+die Kritik herzustellenden in den meisten Fällen vorgearbeitet haben.
+
+Die bisherigen kritischen Ausgaben haben sich Einer der drei Faßungen
+des Textes, welche man mit A, B und C zu bezeichnen pflegt, näher
+angeschloßen: die von der Hagensche von 1826 hielt sich an B (St.
+Galler Handschrift), die Lachmannsche an A, die Holtzmannsche und
+Zarnckesche an C, und indem Jeder die seinige für die echte und
+alleinseligmachende erklärte, erwarben sie sich das große Verdienst,
+uns von jeder dieser drei Faßungen ein zuverläßiges und anschauliches
+Bild vor Augen gestellt, und so der Ermittelung des ursprünglichen
+allen dreien zu Grunde liegenden Textes Vorschub geleistet zu haben.
+Einen Anfang zu solcher Kritik hat Bartsch (Untersuchungen über das
+Nibelungenlied, 1865) gemacht; aber seine Ausgabe, die zu B
+zurückgekehrt ist, benutzt die gewonnenen Ergebnisse nur theilweise.
+Der Text des ersten Dichters, der die vorhandenen Lieder mit Hülfe des
+lateinischen Nibelungenliedes Konrad des Schreibers zu einem Ganzen
+verband, wird zwar schwerlich jemals hergestellt werden können, denn
+das Gedicht scheint seitdem mehrfache Ueberarbeitungen erfahren zu
+haben, theils um die Sprache zu verjüngen, theils um Versbau und Reim
+mit den Ansprüchen der neuern Zeit in Uebereinstimmung zu bringen;
+offenbar sind auch große Theile des Gedichts aus der knappen Weise des
+Volkslieds, die sich z.B. in Lachmanns viertem Liede zeigt, von höfisch
+gebildeten Volkssängern in die reichere, glänzendere und gefühlvollere
+Darstellung, die wir an den Rüdigern betreffenden Abenteuern bewundern,
+umgebildet worden, wenn dieß nicht schon, wie Wackernagel (Sechs
+Bruchstücke 1866, S. 30 ff.) annimmt, an den Liedern selbst, vor ihrer
+Aufnahme in das Gedicht, geschehen war: wir müßen ihm aber so nahe zu
+kommen suchen als möglich.
+
+Daß die strophische Eintheilung schon dem _ersten_ Dichter des Ganzen
+vorschwebte, scheint mir keineswegs außer allen Zweifel gestellt, viel
+weniger, daß sie auch schon in den Liedern, welche er benutzen konnte,
+durchgesetzt war: darum kann ich die Forderung, daß der Sinn nicht aus
+einer Strophe in die andere übergehen solle, nicht für haltbar ansehen,
+während Mittelreime, ein anderes Lachmannsches Kennzeichen unechter
+Strophen, sich schon in den ältesten der Nibelungenstrophe verwandten
+Liedern finden, und sich auch Jedem, der in dieser Strophe zu dichten
+versucht, von selber aufdrängen. Das neuere Hildebrandslied, Uhland
+330, hat dagegen nicht einen einzigen Mittelreim; die aus B
+eingeschaltete Warnung vor einer Art Pulververschwörung (28. Abenteuer)
+gleichfalls keine und das Abenteuer mit Gelfrat und Else (Str.
+1561-1566), das ein ebenso müßiger Einschub ist, hat nur einen, während
+Sie in ältern und echten Theilen nicht gar selten sind, wo freilich
+Lachmann die ungenauern übersieht, und die, welche nur auf eine Hebung
+reimen, gar nicht in Anschlag bringt. Ich denke mir hiernach den
+Hergang wie folgt. Zuerst waren nur einzelne Lieder vorhanden, wie wir
+in der Edda die ganze Heldensage in Liedern dargestellt finden, die ich
+für Uebersetzungen deutscher halte, freilich sehr unvollkommen durch
+das Gedächtniss überliefert. Diese Lieder waren in alliterierenden
+Langzeilen verfaßt, wie uns davon im Hildebrandslied ein Beispiel
+vorliegt. Zugleich waren sie vom heidnischen Geist erfüllt, so daß z.B.
+der Drachenkampf, Brunhildens Versenkung in den Todesschlaf und
+Wiedererweckung durch Siegfried, der durch die Webelohe ritt, und
+manches Andere, christlichen Zuhörern nicht wohl mehr ausführlich
+vorgetragen werden konnte, von der Blutrache abgesehen, von der wir
+nicht wißen wie frühe sie der christliche Geist in Gattenrache
+gemildert habe. Dieses seines heidnischen Inhalts wegen muste das
+deutsche Epos so gut als das brittische bei Galfred von Monmouth, das
+fränkische bei Pseudoturpin einmal, um von den gröbsten Paganismen
+gereinigt zu werden, durch das Mönchslatein hindurchgehen, wie es
+selbst der Thiersage nicht erlaßen ward, und wie uns dafür im
+Waltharius, im Rudlieb die Beispiele, im lateinischen Nibelungenlied
+des Schreibers Konrad die Beweise vorliegen.
+
+Dieses lateinische Nibelungenlied, denn ein Lied darf es seines, unserm
+Liede entsprechenden Inhalts wegen heißen, wenn es auch in Prosa
+verfaßt war, ward auf Befehl Bischof Pilgrims, der zwischen 970-991
+Bischof von Paßau war, also unter den ersten sächsischen Kaisern, wo
+die lateinische Klosterdichtung in der Blüthe stand, geschrieben, bald
+nach dem Waltharius, den Eckehart I. (+ 973) dichtete, und Eckehart IV.
+(+ 1036) auf Befehl Bischof Aribos von Mainz (1021-1031) durchsah und
+metrisch verbeßerte. Wir fanden hier schon zwei Bischöfe, die sich der
+deutschen Heldensage annahmen; ein dritter war Erkenbald, Bischof von
+Straßburg (951-991), welchem Gerald den Waltharius, an dem er irgendwie
+betheiligt war, mit einer lateinischen Widmung übersandte (Lat. Ged.
+von Grimm und Schmeller, S. 61); der vierte, aber leider der letzte,
+war Erzbischof Siegfried von Mainz (1060-1081): ihm ward es schon zum
+Vorwurf gemacht, daß ihm die deutsche Heldensage noch in Sinn und
+Gemüth lag, indem er lieber die Lieder von Etzel und den Amelungen
+singen, als den Augustinus und Gregorius vorlesen hörte. Dieß, wenn ich
+nicht irre, von Holtzmann selbst zuerst beigebrachte Zeugniss lehrt,
+daß die lateinische Klosterdichtung, die sich so gern mit volksmäßigen
+oder, was gleichbedeutend ist, deutschen Gegenständen, Heldensagen,
+Thiersagen und Volksmärchen beschäftigte, in der sächsischen Zeit noch
+von den höchsten Prälaten begünstigt werden durfte, während es ihnen in
+der salischen, wo die Geistlichkeit wieder in deutscher Sprache
+biblische, namentlich alttestamentliche Gegenstände, und zwar mit
+größerer Inbrunst als in der Otfridischen Zeit, behandelte, zum Vorwurf
+gereichte: denn eben jener Bischof Günther von Bamberg, der durch das
+Ezzolied bekannt ist, wird nach jenem Zeugnisse von Probst Herman
+ermahnt, nicht länger mit einem Manne so unchristlicher Gesinnung zu
+verkehren, wie ihm jener Erzbischof Siegfried von Mainz, seiner
+Vorliebe für die deutsche Heldensage wegen, zu sein schien.
+
+In der Blüthezeit der lateinischen Klosterdichtung, wo unter den
+Ottonen die Literatur in deutscher Sprache fast ganz verstummte, konnte
+wohl ein _lateinisches_ Nibelungenlied, und als ein solches wird es
+auch ausdrücklich bezeugt, aber schwerlich ein deutsches gedichtet,
+d.h. in jener Zeit von einem Geistlichen, wie Pilgrims Schreiber Konrad
+gewesen sein wird, niedergeschrieben werden. Daß es uns nicht erhalten
+blieb, dürfen wir bedauern; es ist aber schwerlich auf unser
+Nationalepos ohne Wirkung geblieben: dem Verfaßer des zweiten Theils,
+der ursprünglich den Namen der _Nibelunge nôt_ führte, scheint es
+vorgelegen zu haben, denn er entnimmt ihm den Namen des Bischofs
+Pilgrim, den wahrscheinlich schon sein Schreiber Konrad seinem Bericht
+eingefügt hatte. Aber auch dem Dichter des ersten Theils, der
+Siegfrieds Tod heißen könnte, hat es vorgelegen, ja ihm war es am
+nöthigsten, weil es ihn lehren konnte wie die Lücken seines Gedichts
+auszufüllen seien, die durch Ausscheidung der heidnischen Bestandtheile
+in der ersten Hälfte der Sage nothwendig entstehen musten. Neben der
+lateinischen Erzählung Konrads benutzten beide auch deutsche Lieder,
+jüngere und ältere; aber dem Dichter des zweiten Theils lag eine
+größere Fülle von Liedern vor, auch waren sie im Wachsthum wohl nicht
+so zurückgeblieben als die des ersten: im zwölften Jahrhundert war die
+Siegfriedssage, die am Rheine spielt, wo die Einflüße der welschen
+Dichtung auf die heimische Sage nachtheiliger wirkten, fast schon
+verblasst, während die Dietrichssage, die im zweiten Teil hervortritt,
+an der Donau und am Inn noch fortblühte, namentlich aber auch am Hofe
+zu Wien Gehör und Pflege fand.
+
+Die ersten neunzehn Abenteuer bilden den ersten Rheinischen Theil des
+Gedichts, das seine eigene Einleitung hat in den ersten zwölf Strophen,
+die auf den Inhalt des damals wohl schon vorhandenen zweiten Theils
+zwar gelegentlich (Str. l, 5, 6) schon Bezug nehmen, aber doch nur von
+dem Hofe zu Worms und den burgundischen Helden handeln. Noch
+entschiedener gehört der nun folgende _Traum Kriemhildens_ mit der
+Deutung der Mutter Str. 13-18 nur zu diesem ersten Theil; es ist aber
+ein Lied für sich, das der Dichter vorfand und einrückte. Keineswegs
+bildet es einen Bestandtheil des von Lachmann s. g. ersten Liedes,
+vielmehr ist es selber das erste und älteste von allen. Es gehört noch
+der Zeit an, wo Reim und Alliteration, wie im Liede von der Samariterin
+(Lesebuch 35) und noch bei Otfried, nebeneinander zum Schmuck verwendet
+wurden. Sein hohes Alter beweist auch, daß der eddische Mythus von
+Odin, der als Falke von Gunnlödh entfliegt und von Riesen in
+Adlersgestalt verfolgt wird (vergl. Havamal 104-110 und D 58), in
+diesem Traume Kriemhilds nachklingt. Das Bild des Falken für den
+Geliebten ist also uralt, und weit über die Grenzen Deutschland hinaus
+verbreitet gewesen. Vergl. MSF. S. 230. In der ältesten deutschen
+Lyrik, die sich aus dem Epos entwickelt hat, kehrt es bei Dietmar von
+Eist:
+
+Es stuont ein vrouwe aleine
+
+Lesebuch 58, und den dem Kürnberg zugeschriebenen Liedern zurück. Weil
+aber in letztern zu dem Bilde des Falken auch noch die Nibelungenstrophe
+kommt, für die kein älteres Zeugniss vorhanden ist, gerieth man auf den
+abenteuerlichen Einfall, den Kürnberg nicht etwa bloß für den Verfaßer
+unseres Liedes von Kriemhildens Traum, nein des ganzen Nibelungenliedes,
+auszugeben!
+
+Was wißen wir denn von Kürnberg? Nichts als daß er eine Weise erfunden
+hat.
+
+Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne. Lesebuch 52.
+
+Es ist eine Frau, die hier spricht, wie auch in dem verwandten Liede
+bei Dietmar von Eist, dessen soeben gedacht wurde. Auf der Zinne ihrer
+Burg stehend, hörte sie von einem Ritter ein Lied singen _in Kürnberges
+wise_. Wise kann zweierlei bedeuten, das Versmaß oder die Melodie; wir
+wißen also nicht einmal ob dieser Kürnberg der Dichter oder der
+Componist der Weise war, in der sie singen hörte, denn schon im
+Ezzoliede, Lesebuch 40, war das Amt des Dichters und Componisten
+geschieden:
+
+Ezzo begunde scriben, Wille vant die wîse.
+
+Eine Weise war nach Kürnberg benannt, die Weise in der jene Frau singen
+hörte, aber nicht, wie man annimmt, die Weise des Liedes, in welcher
+sie uns dieß berichtet, also nicht die Nibelungenstrophe noch die sie
+begleitende Melodie. Sie hörte ein Lied singen in Kürnbergs Weise; wie
+diese Weise lautete oder wie sie beschaffen war, ob eine Gesangweise
+oder ein Versmaß gemeint sei, erfahren wir nicht. Dem Kürnberg gehörte
+nur die Weise des Liedes, welches die Frau vor ihrer Burg singen hörte;
+ihm die Nibelungenstrophe zuzuschreiben, haben wir also nicht den
+entferntesten Grund: wie soll er denn nun gar das Nibelungenlied
+verfaßt haben?
+
+Man sagt, die Pariser Handschrift der Minnesänger schreibe dem Kürnberg
+die in der Nibelungenstrophe gedichteten ältesten Lieder zu: mithin
+habe dieser die bei ihm zuerst auftretende Nibelungenstrophe erfunden.
+Aber die Pariser Handschrift ordnet bekanntlich die Lieder nach
+Verfaßern und diese Verfaßer wieder nach Ständen, indem sie mit Kaiser
+Heinrich beginnt, hierauf Könige, Herzoge, Markgrafen, Grafen, Ritter
+folgen läßt und Zuletzt mit bürgerlichen Meistern schließt. Für
+Volkslieder, die keinen oder doch keinen namhaften Verfaßer haben,
+fehlte ihr eine Rubrik. Solche waren aber die dem von Kürnberg, und
+ohne bekannten Verfaßer auch die dem Spervogel zugeschriebenen Lieder
+und Sprüche. Mit welchem Leichtsinn der Sammler der Pariser
+Liederhandschrift sich aus der Sache zog, sehen wir an den Sprüchen,
+die er dem _Spervogel_ zuschreibt. Bekanntlich sind es zwei Weisen, in
+welchen die dem Spervogel zugewiesenen Sprüche gedichtet sind, eine
+größere und eine kleinere. In der größern, die voransteht, begegnet der
+Name Spervogel gleich in dem dritten Spruche: der Sammler, der um einen
+Namen verlegen war, griff ihn frisch heraus und setzte ihn über beide
+Spruchreihen, die jetzt Spervogel verfaßt zu haben schien, obgleich der
+dritte Spruch, in welchem er vorkam:
+
+swer suochet rât und volget des, der habe danc,
+alse min geselle _Spervogel_ sanc ic.
+
+deutlich besagte, daß nicht der Verfaßer, sondern einer seiner Freunde
+diesen Namen führte. Hätte er weiter lesen wollen und wäre bis zum 7.
+Spruche der II. Reihe gelangt, in welchem sich _Heriger_ als Verfaßer
+angiebt, so würde er wohl diesem, nicht dem Spervogel beide
+Spruchreihen zugeschrieben haben. Mich wundert, daß Haupt, der bei
+Kaiser Heinrichs Liedern auf das Zeugniss der Pariser Handschrift kein
+Gewicht legt und auch schon für _zweifelhaft_ hält, ob die dem Kürnberg
+zugeschriebenen Lieder ihm gehören, bei Spervogel, wo der Leichtsinn
+des Sammlers am Tage liegt, seinem Zeugniss vertrauen mag. Vergl. MSF.
+S. 238.
+
+Daß dem Dichter in jenem 7. Spruch das Alter nicht, wie Haupt meint,
+wegen fremder Entkräftung, vielmehr der eigenen wegen zuwider ist,
+zeigt die folgende Strophe, wo er es beklagt, nicht zum Bau eines
+Hauses griffen zu haben, als ihm zuerst der Bart entsprang, denn darum
+müße er jetzt, im Alter, "mit arbeiten ringen". Um zu zeigen, wie enge
+diese beiden Strophen zusammengehören und sich untereinander erläutern,
+setze ich die erste, worin der Name Heriger erscheint, hieher, weil da
+dem _gransprunge man_ eingeschärft wird, bei Zeiten für sichere
+Herberge zu sorgen.
+
+Mich müet das alter sêre,
+wan ez _Hergêre_
+alle sîne kraft benan.
+es sol der gransprunge man
+bedenken sich enzite,
+swenn er ze hove werde leit,
+daz er ze gewissen herbergen rite.
+
+Mit demselben Leichtsinn nun wie bei Spervogel geht der Sammler der
+Pariser Handschrift, die man auch die Manessische nennt, zu Werke,
+indem er dem Kürnberg eine kleine Sammlung volksmäßiger Lieder
+zuschreibt, bloß weil ihm die vierte Strophe den Namen Kürnberg darbot.
+Ich will nun die ganze Strophe hiehersetzen, und ihr die wahrscheinlich
+zu demselben Liede gehörigen Strophen folgen laßen.
+
+"Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne,
+dâ hôrt ich einen rîter vil wol singen
+in Kürenberges wîse al ûs der menigin.
+er muoz mir diu lant rûmen ald ich geniete mich sîn.'--
+
+"Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengewant,
+wan ich muos einer vrouwen rûmen diu lant.
+diu wil mich des betwingen daz ich ir holt si:
+si muoz der mîner minne immer darbende sin.
+
+Wîb unde vederspil die werdent lihte zam:
+swer si ze rehte lucket sô suochent si den man.
+als warb ein schoene rîter umb eine vrouwen guot;
+als ich dar an gedenke sô stêt wol hôhe mîn muot.'
+
+_Uebersetzung._
+
+"So spät noch stand ich gestern an einer Zinne,
+Da hört ich einen Ritter lieblich singen;
+In des Kürnbergs Weise es aus der Menge klang:
+Er muß das Land mir räumen, sonst leg ich ihn in meinen Zwang."--
+
+"Nun bringt mein Ross und bringt mir mein Eisengewand,
+Denn einer Frauen räumen muß ich dieses Land.
+Sie will mich zwingen, daß ich ihr gewogen sei:
+Sie bleibt meiner Minne immer ledig und frei.
+
+Ein Weib und ein Federspiel, die werden leichtlich zahm:
+Wer sie nur weiß zu locken, so suchen sie den Mann.
+So warb ein schöner Ritter um eine Fraue gut;
+Wenn ich daran gedenke so trag ich hoch meinen Muth."
+
+In der ersten Strophe hört die fürstliche Frau, die gegen Abend an der
+Zinne ihrer Burg steht, einen Ritter aus der davor versammelten Menge
+ein Lied singen in der Weise Kürnbergs. Diese mag damals sehr bekannt
+gewesen sein, jetzt weiß Niemand mehr von ihr. Die Stimme des Ritters,
+ja der Ritter selbst, gefällt aber der Fürstin so sehr, daß sie auf ihn
+zu fahnden beschließt: ihm soll nur die Wahl bleiben, ihr Geliebter zu
+werden oder ihr das Land zu räumen.
+
+Die zweite Strophe, denn das Gedicht ist ein "Wechsel", sehen wir nun
+dem Ritter in den Mund gelegt, der seinem Knappen befiehlt, ihm Ross
+und Rüstung herbeizubringen, denn er müße einer Frau das Land räumen,
+die ihn zwingen wolle, ihr hold zu sein: er möge aber ihr Geliebter
+nicht werden. Man sieht, diese zweite Strophe schließt sich genau an
+die erste, obgleich sie in der Handschrift weit von ihr entfernt steht.
+
+Die dritte, welche in der Handschrift den Schluß der fünfzehn Strophen
+begreifenden kleinen Liedersammlung bildet, setze ich nach Vermuthung
+an den Schluß unseres Liedes. Der Ritter fährt fort zu singen: wir
+hören wieder das uns schon aus Kriemhildens Traum bekannte Gleichniss
+von dem Falken, mit dem aber hier die Frau, nicht der Mann verglichen
+wird: "Frauen und Federspiel sind leicht zu zähmen, wenn man sie nur zu
+locken versteht." So hat Er es verstanden, und das verleiht ihm hohen
+Muth, daß er gewust hat, sich jene fürstliche Frau geneigt zu machen,
+von der er sich jedoch nicht feßeln zu laßen gedenkt.
+
+Noch ein andermal hören wir in den s.g. Kürnbergschen Liedern jenes
+erste Lied von Kriemhilds Traum nachklingen. Man könnte zur Noth an
+dasselbe Liebesverhältniss denken. Das Lied besteht wieder aus drei
+Strophen, die dießmal auch in der Handschrift beisammen stehen. Die
+Frau ist es wieder, die spricht; sie klagt um den entschwundenen
+Geliebten:
+
+"Es hat mir an dem herzen vil dicke wê getân,
+daz mich des geluste des ich niht mohte hân
+noch niemer mac gewinnen: daz ist schedelich;
+jone mein ich golt noch silber, es ist den liuten gelîch.
+
+Ich zôch mir einen valken, mêre danne ein jâr:
+dô ich in gezamete als ich in wolte hân,
+und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
+er huop sich ûs vil hohe und vloug in anderin lant.
+
+Sit sach ich den valken schône vliegen,
+er vuorte an sînem vuoze sidine riemen
+und was im sîn gevidere alrôt guldin.
+Got sende si zesamene die geliep weln gerne sin.'
+
+_Uebersetzung._
+
+"Es hat mir an dem Herzen gar manchmal weh gethan,
+Daß mich des gelüstete was mir nicht werden kann
+Und was ich nie gewinne: der Schade der ist groß;
+Nicht mein' ich Gold noch Silber, von den Leuten red ich bloß.
+
+Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr;
+Als er nun gezähmt war nach meinem Willen gar,
+Und ich ihm sein Gefieder mit Golde wohl bewand,
+Er hob sich auf gewaltig und flog in ein ander Land.
+
+Nun sah ich den Falken herrlich fliegen,
+Er führt an seinem Fuße seidene Riemen,
+Und strahlt' ihm sein Gefieder ganz von rothem Gold;
+Gott sende sie zusammen, die sich lieb sind und hold."
+
+In der ersten Strophe beklagt es die Frau, daß sie sich eines Dinges
+hat gelüsten laßen, das sie nicht haben konnte und vielleicht nie
+gewinnen mag. Das kann auf das Verhältniss zu jenem Ritter gehen:
+ausdrücklich fügt sie hinzu, sie denke dabei an Leute, nicht an Gold
+noch Silber.
+
+Das zweite Gesetz erwähnt wieder des Federspiels, indem sie mit dem
+entflogenen Falken den entschwundenen Geliebten meint. Das Verhältniss
+scheint aber hier, wenn es nicht ein anderes ist, vertrauter und
+inniger gedacht als wir es aus dem ersten Liede kennen lernten. Sie
+hatte den Falken sich nach Wunsch gezähmt, ja sein Gefieder mit Gold
+bewunden, wie König Oswald dem Raben, der an seinem Hofe erzogen war,
+die Flügel mit Gold beschlagen ließ ehe er ihn als Boten aussandte.
+
+Hier schließt sich das dritte Gesetz an, denn noch der flüchtige, in
+andere Lande entwichene Falke schleppte die alten Feßeln nach: er war
+"der freie Vogel nicht mehr, er hatte schon Jemand angehört". Seidene
+Riemen führt er am Fuße; sein Gefieder war noch von rothem Gold
+bewunden. Die Schlußzeile spricht den Wunsch nach Wiedervereinigung der
+Liebenden und somit ein größeres Vertrauen auf den Geliebten aus als
+das erste Lied und selbst der Anfang des zweiten erwarten ließ.
+
+Zur Vergleichung mag noch das erwähnte Lied Dietmars von Eist mit dem
+Bilde des Falken hier stehen:
+
+Es stuont eine vrouwe alleine
+und warte über heide
+und warte ir liebes,
+so gesach si valken vliegen:
+
+"Sô wol dir valke, daz du bist!
+du vliugest swar dir liep ist:
+du erkiusest in dem walde
+einen boum der dir gevalle.
+
+Alsô hân ouch ich getân:
+ich erkôs mir selbe einen man;
+den welten mîne ougen;
+daz nîdent schoene vrouwen.
+ouwê, wan lânt si mir mîn liep?
+jo engerte ich ir dekeiner trûtes niet.'
+
+_Uebersetzung._
+
+Es stand eine Frau alleine
+Und blickte über Haide,
+Und blickte nach dem Lieben,
+Da sah sie Falken fliegen.
+
+"So wohl dir, Falke, daß du bist!
+Du fliegst wohin dir lieb ist.
+Du suchst dir in dem Walde
+Einen Baum der dir gefalle.
+
+Also hab auch ich gethan:
+Ich ersah mir einen Mann,
+Den erwählten meine Augen;
+Das neiden andre Frauen.
+O weh, so laßt mir doch mein Lieb:
+Ich stellte ja nach euern Liebsten nie."
+
+Auch ein verwandtes altitalienisches Sonett hat Haupt beigebracht:
+
+Tapina me, che amava uno sparviero!
+ amava'l tanto ch'io me ne moria.
+ a lo richiamo ben m'era maniero,
+ ed unque troppo pascer no'l dovia.
+
+Or è montato e salito si altero,
+ assai più altero ehe far non solia,
+ ed è assiso dentro a un verziero
+ e un' altra donna l'averà in balia.
+
+Isparvier mio, com'io t'avea nodrito!
+ sonaglio d'oro ti facea portare,
+ perchè nell' uccellar fossi più ardito.
+
+Or sei salito siccome lo mare,
+ ed hai rotti li geti, e se' fuggito
+ quand eri fermo nel tuo uccellare.
+
+_Freie Nachbildung._
+
+Ich Arme, einen Sperber lieb zu haben!
+ So liebt ich ihn, daß Sehnsucht mich verzehrt.
+ An meinem Ruf schien sich sein Herz zu laben;
+ Oft hat er Kost aus meiner Hand begehrt.
+
+Nun stieg er auf so stolz und so erhaben,
+ Viel stolzer als er mir sich je bewährt.
+ In einen Garten flog er überm Graben
+ Und eine andre Herrin hält ihn werth.
+
+Wie reicht ich dir, mein Sperber, Leckerbißen!
+ Goldene Schellen gab ich dir zu tragen,
+ Dich freudiger zur Vogeljagd zu wißen.
+
+Nun flogst du hin und läßest mich verzagen:
+ Du hast die Bande frevelhaft zerrißen
+ Just da du meisterlich verstandst zu jagen.
+
+ * * * * *
+
+Die nahe Verwandtschaft der beiden angeblich Kürnbergschen Lieder mit
+dem von Kriemhildens Traum hat auf den Gedanken geführt, sie möchten
+alle drei demselben Dichter gehören. Ein sehr armer Dichter, der
+dreimal dasselbe Motiv gebrauchte! Sie können nicht einmal aus
+derselben Zeit herrühren: das von Kriemhilds Traum mag nach seinem an
+den Mythus anklingenden Inhalt wie nach der fast ganz alliterierenden
+Form leicht ein Jahrhundert älter sein.
+
+Weder der Dichter der beiden Lieder vom Falken noch der von Kriemhilds
+Traum kann die Nibelungenstrophe erfunden haben: nur die beiden ersten
+Gesetze von Kriemhilds Traum bewahren noch den alten Gliederbau dieser
+Strophe, und von den sechs ausgehobenen angeblich Kürnbergschen
+Gesetzen nur noch das erste und das letzte. Nach dieser ursprünglichen
+Gliederung finden wir in den Nibelungen noch eine Anzahl
+alterthümlicher Strophen gebildet, bei dem s.g. Kürnberg noch fünf;
+einige so gebaute haben sich auch in dem neuern Volkslied erhalten,
+z.B. das bekannte
+
+Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken,
+Und wer einen lieben Buhlen hat, der soll ihm winken u.s.w.
+
+Nach ihr war nur die dritte Langzeile um eine Hebung gekürzt; die drei
+andern zeigten noch die vollen acht Hebungen der alten epischen, einst
+alliterierten Langzeile; nur fiel in den beiden ersten Zeilen, welche
+als Aufgesang anzusehen waren, die letzte Senkung aus und die beiden
+letzten Hebungen trugen den Reim, der also nur scheinbar klingend war,
+denn auf den spätern klingenden Reim fällt nur Eine Hebung, die zweite
+Sylbe ist unbetont. Solche zwei Hebungen tragende Reime waren: zinne:
+singen, vliegen: riemen, Kriemhilde: wilde, Uoten: guoten. In den
+Anfängen der alten Lieder, die stäts am festesten im Gedächtniss
+hafteten, hat sich die alte Gliederung am längsten erhalten, so in den
+beiden ersten Strophen des Liedes von Kriemhilds Traum, dann Strophe
+1362, wo ein Lied und zugleich ein Abenteuer anfängt.
+
+Dô Etzel sîne botschaft zúo dem Rine sándè,
+dô vlugen disiu mære von lándè ze lándè.
+
+ferner Nr. 1653, der Anfang des 16. Lachmannschen Liedes:
+
+die boten vür strichen mit den m'ærèn,
+daz die Niblungen zuo den Hiunen wæren,
+
+endlich Nr. 1571, wo nach dem langen störenden Einschub von Gelfrat und
+Else das vierte Lachmannsche Lied wieder einsetzt:
+
+Dô die wegemüeden rúowè genâmèn
+unde si dem lande nu näher quâmen u. s. w.
+
+An andern Stellen mag die alte Structur durch die Schönheit der Strophe
+geschützt worden sein, wie in den beiden aufeinander folgenden Str.
+2132 und 2133.
+
+Der Schreiber der Handschrift A, der keinen Sinn mehr für die alte
+Metrik hatte, wie er denn auch zweisilbige stumpfe Wörter in die Cäsur
+setzte, die zwei Hebungen tragen soll, und der achten Halbzeile oft nur
+drei Hebungen giebt, nahm auch schon an vier Hebungen in der zweiten
+und vierten Halbzeile Anstoß und gleich in der ersten Strophe, wo er
+sie nicht verkennen konnte, glaubte er den Anfang umbilden zu müßen,
+was er sonst nicht gebraucht hätte; in der folgenden Strophe ließ er
+die scheinbar klingenden Reime bestehen, weil sich hier die genannten
+Halbzeilen auch zu drei Hebungen lesen ließen. Durch diese Umbildung
+aber geriethen die alten Schlußreime in die Cäsur:
+
+Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac
+wie si einen valken wilde züge manegen tac,
+
+ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig
+waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den
+Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der
+si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte
+damit das
+
+in ir hohen eren
+
+des alten Liedes umschrieben werden, denn _in disen_ höhen êren lautete
+es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen
+Einleitung davor gerückt wurden.
+
+Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs
+vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: _Die Nibelungenstrophe
+und ihr Ursprung_, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß,
+näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen
+Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist,
+daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im
+Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer
+Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen
+erwartete.
+
+Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in _Liedern_
+entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst
+letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin
+auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei
+Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen.
+Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda,
+also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die
+Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten
+Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie
+gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen
+Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das
+Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen
+Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem
+Falken, dem Epos.
+
+Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der
+epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte
+sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der
+Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren
+Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung
+finden.
+
+Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der
+Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint,
+in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit
+überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk
+machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos.
+
+Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe,
+die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise
+gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie
+anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie
+nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer
+Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine
+Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu
+laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung
+wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet,
+daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den
+zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der
+ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte;
+und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der
+Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war,
+der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten
+aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den
+angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man
+ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich
+zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir
+ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach
+Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch
+zwei Strophen belegte Variation.
+
+Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes,
+neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung
+nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der
+gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise
+annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns
+fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe
+bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich
+hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in
+den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der
+Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des
+Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber
+unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht
+Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um
+eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9.
+
+Soll der Dichter des Nibelungenlieds alte epische Lieder nicht
+eingeflochten, soll er nur aus der vielgestaltigen Sage geschöpft, und
+die Lieder, die er etwa schon vorfand, in ein neues Maß umgegoßen
+haben, warum nannte er dann seinen Namen nicht, warum trat er
+bescheiden hinter seinen Quellen zurück? da er doch bei solcher Annahme
+ein größerer Dichter gewesen wäre als Wolfram. Will man vergeßen, indem
+man den Kürnberg als den Dichter der Nibelungen ausruft, daß es den
+Gedichten des volksmäßigen Sagekreises eigenthümlich ist, im Gegensatz
+zu der von Veldeke geimpften höfischen Dichtung, keinen Verfaßer zu
+haben? Wen will man nächstens für den Dichter der Gudrun ausgeben, der
+noch nicht einmal in allen Theilen Lieder zu Grunde liegen, wer soll
+den großen Rosengarten, den Ortnit, den Wolfdietrich, den Alphart
+gedichtet haben, und wer das deutsche Waltherslied, aus der die
+Eckeharte schöpften? Soll dabei mit derselben Freigebigkeit verfahren
+werden, womit man das Nibelungenlied an den von Kürnberg verschenkte,
+so werden sich ja wohl Namen finden, die uns ebenso leere Schälle sind.
+Könnte nicht Spervogel die Gudrun gedichtet haben?--Wen hat man nicht
+schon für den Dichter des Nibelungenliedes ausgegeben? Heinrich von
+Ofterdingen, von dem ich im "Wartburtkrieg" erwiesen habe, daß er
+keineswegs eine fabelhafte Person war, indem er die echten Strophen des
+Räthselspiels verfaßt hat, die den zweiten Theil dieses selbst lange
+Zeit unenträthselten Gedichtes bilden, dann seinen Beschützer, den
+allerdings fabelhaften Klingsor von Ungerland, der aber nicht aus
+Ungerland, sondern aus dem Parzival kam, Konrad von Würzburg, Rudolf
+von Ems, für den zwei Hohenemser Handschriften angeführt werden
+könnten, Walther von der Vogelweide, und endlich den vielleicht wieder
+erdichteten Kürnberg, für dessen Dasein als Dichter oder Componisten
+wir nur das schwache Zeugniss eines Liedes haben. Johannes von Müller
+rieth auf einen schweizerischen Eschenbach von Unspunnen; warum Niemand
+auf den baierischen Wolfram, der unter allen höfischen Dichtern dem
+heimischen Sagenkreise am vertrautesten war, dem er seinen Friedebrand
+von Schotten, seinen Hüteger, seine Hernant und Herlinde und andere
+Helden der Nordseesage entnahm, dessen Reim und Sprache deutsch-epische
+Färbung zeigt, der die deutsche Alliteration auf die welsche
+Namengebung anwandte, der so oft auf die Heldensage und zweimal sogar
+auf einzelne Strophen des Nibelungenlieds (1408 5-8 und 1462) anspielt,
+und der vielleicht wirklich einmal die Hand an das Gedicht gelegt hat,
+nur gewiss nicht die letzte Hand, denn diese merzte gewisse Wolfram
+eigenthümliche Reime sorgfältig aus.
+
+Soll ich mich über das ABC der Handschriften erklären, so gestehe ich A
+den Vorzug zu, denn obwohl der Schreiber dieser kürzesten Handschrift
+überaus nachläßig war, so gab er doch seine alte und gute Vortage
+getreulich wieder ohne sich andere Aenderungen als seiner, eine jüngere
+Zeit verrathenden metrischen Irrthümer wegen zu gestatten; höchstens
+kommen einige schwache Zusatzstrophen wie Str. 3 auf seine Rechnung,
+während C, auf der ältesten und sorgfältigsten Handschrift ruhend, und
+gleichfalls von einer trefflichen Vorlage ausgehend dem volksmäßigen
+Gedicht einen feinern höfischen Schliff zu verleihen sucht. Doch sind
+viele Aenderungen in C wahre Verbeßerungen, wie auch das eine ist, daß
+wir das ganze Gedicht nun das _Nibelungenlied_ genannt finden, da der
+Name der _Nibelunge nôt_ nur auf den zweiten Theil bezogen werden
+konnte, zumal die Burgunden im ersten Theil noch nicht Nibelungen
+heißen. Von den Strophen, die C allein hat, ist ein Theil echt und alt
+und der Ueberarbeiter wird sie schon in seiner Vorlage gefunden haben:
+auf Str. 1518 scheint schon Wolfram anzuspielen. Andere sind sehr
+schwach und eine, nach Str. 2305, konnte ich mich nicht entschließen
+aufzunehmen, weil sie mir das ganze Gedicht verleidet hätte. Sie mag
+indes, damit man nichts vermisse, hier stehen, doch ohne Uebersetzung,
+deren ich sie nicht würdig halte.
+
+H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen.
+ wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen?
+ er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen,
+ daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen.
+
+Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und
+Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort
+nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in
+die Heimat entlaßen werden!
+
+B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen,
+entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für
+die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der
+sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler
+Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen.
+Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb
+den _gemeinen_ genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft.
+
+ * * * * *
+
+Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache
+finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit
+seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man
+beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische
+Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas
+genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der
+Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater
+Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2.
+Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die
+Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die
+ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder
+ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein
+geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich
+verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche
+Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso
+gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was
+Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms
+Heldensage S.2.
+
+Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als
+der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die
+später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am
+Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt
+hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug
+hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte
+die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er
+einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland
+76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir
+auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In
+_Borbet_, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das
+anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie
+w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so
+erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer
+der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns
+(Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen
+hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103
+gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm
+Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch
+jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der
+kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter
+dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas;
+in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im
+südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms
+und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich
+bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf _Einbett_,
+_Wilbett_ und _Warbett_ zurückführen laßen. Das gemeinsame _-bett_
+kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern
+Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B.
+in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher
+gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als
+
+1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in
+ Tyrol, Panzer I, S. 5.
+
+2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in
+ Oberbaiern. P. 23.
+
+3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern.
+ P. 31.
+
+4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in
+ Niederbaiern. P. 69.
+
+5. S. Einbede, S. Warbede, S. Villebede zu Worms. P. 206.
+
+6. S. Einbetta, S. Worbetta, S. Wilbetta in Straßburg.
+ P. 208.
+
+Die letzte Namensform, unter welchen die mittlere Schwester erscheint,
+Worbetta, kann zur Erklärung des alten Namens Borbetomagus verwandt
+werden. Wir sahen unter 3, daß in S. Gberpet b statt w eingetreten war;
+wandeln wir den urkundlichen Namen Worbetta in derselben Weise, wie
+wirklich _Barbeth_ bei Panzer 69 begegnet, so haben wir Borbetta, also
+gerade die Namensform, die wir bedürfen. Von Borbet, der mittlern der
+drei Schwertern, wird also Worms (Borbetomagus) heißen, und es liegt
+nahe, Aehnliches von dem alten Namen der Stadt Metz, Civitas
+Mediomatricorum, zu vermuthen: von der mittlern der drei Schwestern,
+die den Kelten Mütter hießen, hat auch sie den Namen. Diese mittlere
+ist die mächtigere der dreie, ja die eigentliche Gottheit, die sich in
+ihren Schwestern nur vervielfältigt. So steht auch in Upsala Thôr als
+der mächtigste in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, "ita ut
+potentissimus", sagt Adam von Bremen, "in medio solium habeat
+triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. Gr. Myth. 102.
+Uhland Schriften VI, 176. Da wir diese, die nicht zufällig in allen
+sechs Meldungen in der Mitte stehen kann, bei Panzer 61, 275, 297 auch
+Held, ja Rachel (die rächende Hel) Panzer 18, 83, 372 genannt finden,
+So ergiebt sich, daß sie Hel, die verborgene Göttin, ist, die als
+Göttin der Unterwelt ebenso Tod als Leben spendet, indem alles Leben
+von ihr ausgeht und wieder in ihren mütterlichen Schooß zurückkehrt.
+Dazu stimmt, daß diese drei Schwestern, die wir den Nornen, deutschen
+Parzen, gleichstellen dürfen, bei Panzer 53 auch _Hailräthinnen_
+genannt finden, weil sie die Schicksale der Menschen beriethen, ja daß
+sie nicht nur wider die Pest angerufen wurden, Panzer 23, 70, 110,
+sondern auch bei Entbindungen Hülfe gewährten (Panzer 362), wie
+Schwangere auch bei den Alten die diva triformis anriefen, Hor. III,
+22. Ihre Namen sind mit -bett zusammengesetzt, wie wir auch von
+Hünenbetten, von Brunhildebette u.s.w. wißen, was ich Handb. der Myth.
+368 auf den heidnischen Opferaltar (piot goth. biuds, oder petti goth.
+badi lectisternium) gedeutet habe, der in dem Walde (lucus) stand, der
+ihnen einst geheiligt war, und der jetzt der Gemeinde von ihnen
+geschenkt sein sollte. Nimmt man diesen zweiten Theil der
+Zusammensetzung, -bett, als nur auf ihren Tempel (Hof) bezüglich
+hinweg, so erklärt sich die erste Sylbe in Einbett aus Agin, Egin
+Schrecken, wie Einhart auch Eginhart heißt. Sie ist die Todesgöttin,
+die finstere Seite der Hel. Freundlicher lautet der dritte Name
+Wilbett, die willfährige, Wunsch und Willen gewährende, die lichte
+Seite der verborgenen Göttin. Nicht so einleuchtend ist der mittlere
+Name, Warbett oder Gwerbett, aus Zwist und Streit zu erklären; doch
+kann er auf den innern Gegensatz im Wesen der Göttin, die bald lohnend,
+bald strafend auftritt, bezogen werden. Die Namen aus der deutschen
+Sprache zu deuten, gestattet Cäsars Meldung (B.G. II. 51) über die
+Vangionen in Ariovists Heer, womit Tacitus (ipsam Rheni ripam haud
+dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Germ. 28)
+und Plinius IV, 17 stimmt. Sie wohnten, ein deutsches Volk, im
+keltischen Lande, weshalb es nicht auffallen kann, wenn der Name ihrer
+Hauptstadt Borbetomagus eine vox hybrida ist, da wir -magus als ein
+keltisches Wort kennen. Wir sehen aber, wie ich schon Handb. 368
+bemerkte, wie irrig die Annahme unserer Rheinischen Alterthumsforscher
+über die Matronenculte ist, daß alle diese Gottheiten der celtischen,
+nicht der germanischen Sprache angehörten, wogegen sich Grimm schon bei
+Gelegenheit der den matronis arvagastiabus und andrustehiabus
+gewidmeten Votivsteine aussprach. Ob auch die Namen Kriemhild und
+Brunhild, die wir in den Nibelungen in Worms finden, auf die beiden
+entgegengesetzten Seiten der Unterweltsgöttin zu deuten seien, getraue
+ich mir nicht zu entscheiden; gewiss ist nur, daß -hilde eine Nebenform
+von Hel ist: es steht für hilende, wie spilde (Walther 45, 38) für
+spilende, und bezeichnet die verhohlene und verhehlende, verborgene und
+verbergende Göttin. Wenn in Kriemhild die erste Sylbe nicht aus grîma,
+Larve, Helm, Rüstung, sondern aus Grimm, Wuth, atrocitas zu deuten ist,
+wie in der Edda nicht sie, sondern ihre Mutter Grimhild heißt, so
+möchte sie an die finstere Seite der Göttin gemahnen, obgleich die im
+ersten Theil noch holdselig erschienen war, erst im zweiten als ihres
+geliebten Gemahls furchtbare Rächerin auftritt.
+
+Kleine Druckversehen, einige fehlende Circumflexe, einige dô für dâ
+u.u. bittet man zu verbeßern.
+
+Bonn im Juni 1868. K.S.
+
+
+
+
+Vorrede
+
+zur ersten Auflage der Uebersetzung.
+
+Schon vor manchen Jahren, als ich das Lied der Nibelungen zuerst kennen
+lernte und mit Staunen die Wirkungen wahrnahm, die das herrliche
+Gedicht auf mein Gemüth hervorbrachte, entstand in mir der Wunsch,
+diese reinen kräftigen Töne in neuhochdeutscher Dichtersprache
+widerhallen zu hören. Um so mehr wunderte ich mich bei dem Fleiße,
+welchen Männer wie Voss, Schlegel, Tieck u.A. ausländischen
+Dichterwerken widmeten, ja bei der Pflege, welche sogar einem
+niederdeutschen Gedichte zu Theil ward, daß keiner unserer Dichter das
+Nibelungenlied einer gleichen Aufmerksamkeit würdigte. Denn Tieck hatte
+seinen früher angekündigten Vorsatz einer Uebertragung desselben nicht
+zur That reifen laßen und Uebersetzungen von Philologen, wie Von der
+Hagen und Büsching, entsprachen den künstlerischen Anforderungen nicht.
+Die Hagensche steht namentlich der Sprache der Urschrift für den Zweck
+der Verständlichkeit allzunahe, und die Büschingsche ist fast nur eine
+prosaische mit beibehaltenen Endreimen. Lange harrte ich daher
+vergebens, ob nicht einer unserer gefeierten Sänger, von denen mir
+besonders Uhland, Rückert und Gustav Schwab zu einem solchen
+Unternehmen berufen schienen, der gegen das Gedicht einreißenden und
+durch die bisherigen Bearbeitungen nur gesteigerten Gleichgültigkeit
+des größern Publikums steuern werde. Mögen es also die Kunstrichter,
+wenn sie können, entschuldigen, daß ein ruhmloser Jünger der Kunst,
+dessen Name vor ihren kritischen Stühlen kaum noch erscholl, seine
+geringen Kräfte an einer Arbeit versucht hat, deren fast
+unüberwindliche Schwierigkeiten so viele erprobte und fähigere Männer
+abgeschreckt zu haben scheint.
+
+Eine Rechtfertigung des Unternehmens von Seiten der Nützlichkeit bedarf
+es nicht. Es ist albern zu glauben, daß eine Uebersetzung dem Studium
+des Originals Abbruch thun werde, vielmehr wird sie es erleichtern und
+befördern, und die gegenwärtige ist durch ihre Leichtverständlichkeit
+und Wohlfeilheit darauf berechnet, denselben recht viele Theilnehmer zu
+gewinnen. Hoffentlich wird Mancher, der bis jetzt die poetische
+Schönheit des Gedichts nicht geahnt hatte, und sie nun erst durch die
+Uebersetzung kennen lernt, sich das Studium des Originals nicht
+verdrießen laßen, während er früher die damit verbundene Anstrengung
+scheute, weil er nicht wuste ob er dafür durch einen entsprechenden
+geistigen Genuß werde entschädigt werden. Bei diesem Studium selbst
+bietet ihm die Uebersetzung abermals ein willkommenes Hülfsmittel dar.
+Eben so wenig Berücksichtigung verdient der andere Einwurf, daß sich
+das Original ohne Beihülfe einer Uebersetzung verstehen laße, und wenn
+Manche (wie A.W. von Schlegel) sogar meinen, es müste dahin kommen, daß
+jeder Bürger und Bauer sein Nibelungenlied in der Ursprache lese, wie
+jeder Grieche seinen Homer, so sind das Träume, die, wenn sie je in
+Erfüllung gehen sollten, nur durch Uebersetzungen, die das Volk erst
+belehrten, welchen Schatz es an dem Gedichte besitzt, verwirklicht
+werden könnten.
+
+Wenn das Titelblatt die Uebersetzung eines mittelhochdeutschen Gedichts
+ankündigt, so kann darunter allerdings nur eine Uebertragung in die
+neuhochdeutsche Sprache verstanden werden; allein man darf darum nicht
+fordern, daß auch jedes darin zugelaßene Wort neuhochdeutsch sein
+solle: vielmehr genügte, im Ganzen die Formen der neuhochdeutschen
+Grammatik zu Grunde zu legen, was von den frühern Uebersetzern nicht
+geschehen war, und die Anforderung allgemeiner Verständlichkeit nie
+unberücksichtigt zu laßen. Man kann auch die neuhochdeutsche Sprache
+noch von der Sprache unserer neuern Dichter unterscheiden, in welche
+Manches aufgenommen ist, was mehr der mittelhochdeutschen anzugehören
+scheint. Eben dieß aber kam mir bei der Uebersetzung wesentlich zu
+Gute, indem ohne dieß die kindliche Naivetät, die treuherzige Einfalt
+des Ausdrucks verloren gegangen wäre, und die alterthümliche Farbe des
+Gedichts völlig hätte verwischt werden müßen. Alles freilich was sich
+neuhochdeutsche Dichter der letzten Zeit wohl erlaubt haben, verbot die
+Rücksicht auf allgemeine Faßlichkeit zu benutzen; Worte aber wie Degen,
+Recke, Minne, und Fügungen wie "Schwester mein", statt meine Schwester
+werden nirgend Anstoß erregen. Das beste Muster einer dem
+Mittelhochdeutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen
+nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten,
+und man wird finden, daß ich mich bestrebt habe, ihm nachzufolgen;
+Tiecks Behandlung aber dünkte mich zu gewaltthätig und namentlich
+enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die
+heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete. Dieß mit Achtung
+vor dem Genius des Dichters.
+
+Was die Versart der Urschrift betrifft, die sich der Uebersetzer bemüht
+hat so genau als möglich nachzubilden, so darf man nicht vergeßen, daß
+in den Nibelungen weder wie bei uns heutzutage die Verse nach Füßen
+gemeßen, noch wie bei unsern Nachbarn die Sylben gezählt werden.
+Vielmehr zählt man bloß die Hebungen, deren in jedem Halbvers drei, in
+der zweiten Hälfte des vierten Verses jeder Strophe aber gewöhnlich
+vier vorkommen, ohne daß ihnen eine gleiche Anzahl von Senkungen zu
+entsprechen brauchte. Es geschieht daher häufig, daß die Hebungen in
+aufeinander folgende Sylben zu stehen kommen, wie dieß gleich im
+zweiten Verse der Uebersetzung
+
+Von préiswérthen Helden, von kühnem Wágespiel
+
+der Fall ist, obgleich sich dieselbe Erscheinung im Original erst in
+der ändern Hälfte des Verses zeigt. Dagegen hat gleich der fünfte Vers:
+
+Es wúchs in Búrgónden ein édel Mägdelein
+
+die Hebungen auf derselben Stelle wie das Original nebeneinander. Wie
+groß daher der Unterschied des eigentlichen Nibelungenverses von dem
+sei, was man gewöhnlich dafür ausgiebt, und wie sehr dieses an Wohllaut
+und Mannigfaltigkeit von jenem übertroffen wird, kann die Vergleichung
+des zweiten der in der "Einleitung" mitgetheilten Gedichte mit der
+"Weihe" lehren. Am Schluß der Verse bloß männliche Reime zu gestatten,
+wie der Urtext nur "stumpfe" zuläßt und die "klingenden" ausschließt,
+war nicht thunlich, weil die Pflicht, so viel als mit der
+neuhochdeutschen Sprache verträglich von dem Urtext zu retten, manche
+Schlußreime des Originals beizubehalten gebot, diese aber wegen des
+kurzen Vocals in der ersten Sylbe, welcher die erste stumm macht, nach
+mittelhochdeutscher Verskunst für stumpfe (männliche) Reime galten,
+während sie nach den unsrigen für weibliche, oder wenn man so sagen
+soll, für klingende gehalten werden.
+
+Hinsichtlich des Textes bedarf es bloß der Angabe, daß ich in der Regel
+dem Lachmannschen gefolgt bin, auf welchen sich auch die Strophenzahlen
+beziehen; daß ich aber auch weniger alte und verbürgte Strophen anderer
+Ausgaben aufgenommen, jedoch mit einem Sternchen bezeichnet habe.
+
+Man wird mir schwerlich vorwerfen können, allzufrei übertragen zu
+haben. Worttreue ist keine Pflicht: sie gleicht der Treue Eulenspiegels
+zu seinem Meister dem Schneider. Wie vieler Verbeßerungen aber die
+Uebersetzung noch fähig wäre, fühlt Niemand lebhafter als ich, der,
+obgleich ich das Manuscript kurz vor dem Drucke einer nochmaligen
+strengen Durchsicht unterwarf, schon jetzt an dem mir vorliegenden
+ersten Aushängebogen wieder Tausenderlei auszustellen hätte ohne darum
+an dem Unternehmen irre zu werden; denn wann dürfte bei einem solchen
+Werke die kritische Feile ruhn? Die Aufnahme, die diesem ersten
+Versuche seitens des großen Publicums zu Theil werden wird, und die
+Nachhülfe, die ich von belehrenden Kritiken sachkundiger Männer
+erwarte, mögen darüber entscheiden, ob ich ihn dereinst in
+vollendeterer Gestalt der Welt vorlegen werde. Möchte der Leser nur
+einen Theil des Genußes empfinden, welchen die Arbeit dem Uebersetzer
+gewährte!
+
+_Berlin_, den 12. December 1826.
+
+ * * * * *
+
+Weihe
+
+an Friedrich Baron de la Motte Fouqué.
+
+Vom Ursitz deutscher Völker, aus ferner Heidenzeit
+Erklingt uns eine Kunde von Lieb und Heldenstreit;
+Sie lebt in zwei Gestalten bei deutschen Stämmen fort
+Und sie ist unsres Volkes urerster Schirm und Hort.
+
+Die Eine, werther Sänger, hat Dein Gesang verklärt,
+Von Deinem treuen Geiste durchglühet und genährt:
+Nun leuchtet in Walhalla, den Asen beigesellt,
+Sigurd der Schlangentödter, der edle Norderheld.
+
+Die Andre bringt ein Jünger dafür zum Dank Dir dar,
+Ein Lied des Deinen würdig, durch Andrer Sangkunst zwar:
+Es wurzelt in dem Boden der starren Heidennacht,
+Vom milden Christenhimmel das Laubwerk überdacht.
+
+Wär Deine fromme Treue, die nie von Arg gewust,
+Dein Herz voll Kraft und Milde in jeder deutschen Brust,
+Der Name flöge wieder bis an die Sternenwand
+Siegfrieds des Drachentödters vom Nibelungenland.
+
+_Bonn_, den 4. November 1826.
+
+ * * * * *
+
+_An Karl Simrock._
+
+Dankesgruß für die Zueignung des Nibelungenliedes.
+
+Wer Lieder wagt zu singen im deutschen Dichterwald
+Weckt meist vielfaches Tönen, das rings ihm wiederhallt.
+Doch das altgute Spruchwort: "Es schallt vom Wald heraus
+Wie's in den Wald hineinschallt," geht hier nicht immer aus.
+
+Schon Mancher hat gesungen in treuer Lieb und Lust,
+Und Schmähruf drang entgegen zerstachelnd ihm die Brust:
+Da gilts denn freilich Sanglust, wenn fort man singen soll;
+Doch Herz quillt immer über, ist nur das Herz recht voll.
+
+So hats der treue Siegfried in Wort und That gemacht;
+Lohnt' ihm das Wer mit Undank, des hatt' er wenig Acht,
+Er blieb ein treuer Degen wie ehmal so fortan
+Und so solls nach ihm machen jedweder echte Mann.
+
+Er frage nach dem Lohn nicht; Gott schickt von selbst ihm Lohn,
+Weckt aus verwandten Herzen ihm manch verwandten Ton.
+So hast Du mir gesungen: vom Herzen giengs ins Herz:
+Wir pilgern treu verbunden durchs Weltthal himmelwärts.
+
+L.M. Fouqué.
+
+ * * * * *
+
+Einleitung.
+
+_Der Nibelungenhort._
+
+I.
+
+Es war einmal ein König,
+Ein König wars am Rhein,
+Der liebte nichts so wenig
+Als Hader, Gram und Pein.
+Es grollten seine Degen
+Um einen Schatz im Land
+Und wären fast erlegen
+Vor ihrer eignen Hand.
+
+Da sprach er zu den Edeln:
+"Was frommt euch alles Gold,
+Wenn ihr mit euern Schedeln
+Den Hort erkaufen sollt?
+Ein Ende sei der Plage,
+Versenkt es in den Rhein:
+Bis zu dem jüngsten Tage
+Mags da verborgen sein."
+
+Da senkten es die Stolzen
+Hinunter in die Flut;
+Es ist wohl gar geschmolzen,
+Seitdem es da geruht.
+Zerronnen in den Wellen
+Des Stroms, der drüber rollt,
+Läßt es die Trauben schwellen
+Und glänzen gleich dem Gold.
+
+Daß doch ein Jeder dächte
+Wie dieser König gut,
+Auf daß kein Leid ihn brächte
+Um seinen hohen Muth.
+So senkten wir hinunter
+Den Kummer in den Rhein
+Und tränken froh und munter
+Von seinem goldnen Wein.
+
+
+II.
+
+Einem Ritter wohlgeboren im schönen Schwabenland
+War von dem weisen Könige die Märe wohlbekannt,
+Der den Hort versenken ließ in des Rheines Flut:
+Wie er ihm nachspüre erwog er lang in seinem Muth.
+
+"Darunter lag von Golde ein Wunschrüthelein;
+Wenn ich den Hort erwürbe, mein eigen müst es sein:
+Wer Meister wär der Gerte, das ist mir wohl bekannt,
+Dem wär sie nicht zu Kaufe um alles kaiserliche Land."
+
+Auf seinem Streitrosse mit Harnisch, Schild und Schwert
+Verließ der Heimat Gauen der stolze Degen werth:
+Nach _Lochheim_ wollt er reiten bei Worms an dem Rhein,
+Wo die Schätze sollten in der Flut begraben sein.
+
+Der werthe Held vertauschte sein ritterlich Gewand
+Mit eines Fischers Kleide, den er am Ufer fand,
+Den Helm mit dem Barete, sein getreues Ross
+Mit einem guten Schifflein, das lustig auf den Wellen floß.
+
+Seine Waffe war das Ruder, die Stange war sein Sper:
+So kreuzt er auf den Wellen manch lieben Tag umher
+Und fischte nach dem Horte; die Zeit war ihm nicht lang;
+Er erholte von der Arbeit sich bei Zechgelag und Gesang.
+
+Um das alte Wormes und tiefer um den Rhein
+Bis sich die Berge senken, da wächst ein guter Wein:
+Er gleicht so recht an Farbe dem Nibelungengold,
+Das in der Flut zerronnen in der Reben Adern rollt.
+
+Den trank er alle Tage, beides, spät und früh,
+Wenn er Rast sich gönnte von der Arbeit Müh.
+Er war so rein und lauter, er war so hell und gut,
+Er stärkte seine Sinne und erhöht' ihm Kraft und Muth.
+
+Auch hört er Märe singen, die sang der Degen nach,
+Von Alberich dem Zwerge, der des Hortes pflag,
+Von hohem Liebeswerben, von Siegfriedens Tod,
+Von Kriemhilds grauser Rache und der Nibelungen Noth.
+
+Da nahm der Degen wieder das Ruder an die Hand
+Und forschte nach dem Horte am weingrünen Strand.
+Mit Hacken und mit Schaufeln drang er auf den Grund,
+Mit Netzen und mit Stangen: ihm wurden Mühsale kund.
+
+Von des Weines Güte empfieng er Kraft genug,
+Daß er des Tags Beschwerde wohlgemuth ertrug.
+Sein Lied mit stolzer Fülle aus der Kehle drang,
+Daß es nachgesungen von allen Bergen wiederklang.
+
+So schifft' er immer weiter zu Thal den grünen Rhein,
+Nach dem Horte forschend bei Hochgesang und Wein.
+Am großen Loch bei Bingen erst seine Stimme schwoll,
+Hei! wie ein starkes Singen an der Lurlei widerscholl!
+
+Doch fand er in der Tiefe vom Golde keine Spur,
+Nicht in des Stromes Bette, im Becher blinkt' es nur.
+Da sprach der biedre Degen: "Nun leuchtet erst mir ein:
+Ich gieng den Hort zu suchen: der große Hort, das ist der Wein.
+
+"Der hat aus alten Zeiten noch bewahrt die Kraft,
+Daß er zu großen Thaten erregt die Ritterschaft.
+Aus der Berge Schachten stammt sein Feuergeist,
+Der den blöden Sänger in hohen Thaten unterweist.
+
+"Er hat aus alten Zeiten mir ein Lied vertraut,
+Wie er zuerst der Wogen verborgnen Grund geschaut;
+Wie Siegfried ward erschlagen um schnöden Golds Gewinn
+Und wie ihr Leid gerochen Kriemhild, die edle Königin.
+
+"Mein Schifflein laß ich fahren, die Gier des Goldes flieht,
+Der Hort ward zu Weine, der Wein ward mir zum Lied,
+Zum Liede, das man gerne nach tausend Jahren singt
+Und das in diesen Tagen von allen Zungen wiederklingt.
+
+"Ich gieng den Hort zu suchen, mein Sang, das ist der Hort,
+Es begrub ihn nicht die Welle, er lebt unsterblich fort."
+Sein Schifflein ließ er fahren und sang sein Lied im Land:
+Das ward vor allen Königen, vor allen Kaisern bekannt.
+
+Laut ward es gesungen im Lande weit und breit,
+Hat neu sich aufgeschwungen in dieser späten Zeit.
+Nun mögt ihr erst verstehen, ein altgesprochen Wort:
+"Das Lied der Nibelungen, das ist der Nibelungenhort."
+
+K. S.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Das Nibelungenlied.
+
+
+
+
+Erstes Abenteuer.
+
+Wie Kriemhilden träumte.
+
+
+Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 1
+Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit,
+Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
+Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.
+
+Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 2
+Daß in allen Landen nichts Schönres mochte sein.
+Kriemhild war sie geheißen, und ward ein schönes Weib,
+Um die viel Degen musten verlieren Leben und Leib.
+
+Die Minnigliche lieben brachte Keinem Scham; 3
+Um die viel Recken warben, Niemand war ihr gram.
+Schön war ohne Maßen die edle Maid zu schaun;
+Der Jungfrau höfsche Sitte wär eine Zier allen Fraun.
+
+Es pflegten sie drei Könige edel und reich, 4
+Gunther und Gernot, die Recken ohne Gleich,
+Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen;
+Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen.
+
+Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 5
+Unmaßen kühn nach Kräften, die Recken lobesam.
+Nach den Burgunden war ihr Land genannt;
+Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land.
+
+In Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. 6
+Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft
+Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit,
+Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit.
+
+Ute hieß ihre Mutter, die reiche Königin, 7
+Und Dankrat ihr Vater, der ihnen zum Gewinn
+Das Erbe ließ im Tode, vordem ein starker Mann,
+Der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann.
+
+Die drei Könge waren, wie ich kund gethan, 8
+Stark und hohen Muthes; ihnen waren unterthan
+Auch die besten Recken, davon man hat gesagt,
+Von großer Kraft und Kühnheit, in allen Streiten unverzagt.
+
+Das war von Tronje Hagen, und der Bruder sein, 9
+Dankwart der Schnelle, von Metz Herr Ortewein,
+Die beiden Markgrafen Gere und Eckewart,
+Volker von Alzei, an allen Kräften wohlbewahrt,
+
+Rumold der Küchenmeister, ein theuerlicher Degen, 10
+Sindold und Hunold: die Herren musten pflegen
+Des Hofes und der Ehren, den Köngen unterthan.
+Noch hatten sie viel Recken, die ich nicht alle nennen kann.
+
+Dankwart war Marschall; so war der Neffe sein 11
+Truchseß des Königs, von Metz Herr Ortewein.
+Sindold war Schenke, ein waidlicher Degen,
+Und Kämmerer Hunold: sie konnten hoher Ehren pflegen.
+
+Von des Hofes Ehre von ihrer weiten Kraft, 12
+Von ihrer hohen Würdigkeit und von der Ritterschaft,
+Wie sie die Herren übten mit Freuden all ihr Leben,
+Davon weiß wahrlich Niemand euch volle Kunde zu geben.
+
+In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, 13
+Sie zög einen Falken, stark-, schön- und wilden;
+Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte sehn:
+Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn.
+
+Sie sagt' ihrer Mutter den Traum, Frau Uten: 14
+Die wust ihn nicht zu deuten als so der guten:
+"Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann:
+Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn gethan."
+
+"Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 15
+Ohne Reckenminne will ich immer sein;
+So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod,
+Daß ich von Mannesminne nie gewinnen möge Noth."
+
+"Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16
+"Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh,
+Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib,
+Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib."
+
+"Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17
+Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein,
+Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt;
+Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!"
+
+Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18
+So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei,
+Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann,
+Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann.
+
+Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19
+Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod
+Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn!
+Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zweites Abenteuer.
+
+Von Siegfrieden.
+
+
+Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20
+Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind,
+In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt,
+Unten am Rheine, Xanten war sie genannt.
+
+Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21
+Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt.
+Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann:
+Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann!
+
+Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22
+Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth.
+Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land:
+Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand!
+
+Bevor der kühne Degen voll erwuchs zum Mann, 23
+Da hatt er solche Wunder mit seiner Hand gethan,
+Davon man immer wieder singen mag und sagen;
+Wir müßen viel verschweigen von ihm in heutigen Tagen.
+
+In seinen besten Zeiten, bei seinen jungen Tagen 24
+Mochte man viel Wunder von Siegfrieden sagen,
+Wie Ehr an ihm erblühte und wie schön er war zu schaun:
+Drum dachten sein in Minne viel der waidlichen Fraun.
+
+Man erzog ihn mit dem Fleiße, wie ihm geziemend war; 25
+Was ihm Zucht und Sitte der eigne Sinn gebar!
+Das ward noch eine Zierde für seines Vaters Land,
+Daß man zu allen Dingen ihn so recht herrlich fand.
+
+Er war nun so erwachsen, mit an den Hof zu gehn. 26
+Die Leute sahn ihn gerne; viel Fraun und Mädchen schön
+Wünschten wohl, er käme dahin doch immerdar;
+Hold waren ihm gar viele, des ward der Degen wohl gewahr.
+
+Selten ohne Hüter man reiten ließ das Kind. 27
+Mit Kleidern hieß ihn zieren seine Mutter Siegelind;
+Auch pflegten sein die Weisen, denen Ehre war bekannt:
+Drum möcht er wohl gewinnen so die Leute wie das Land,
+
+Nun war er in der Stärke, daß er wohl Waffen trug: 28
+Wes er dazu bedurfte, des gab man ihm genug.
+Schon sann er zu werben um manches schöne Kind;
+Die hätten wohl mit Ehren den schönen Siegfried geminnt.
+
+Da ließ sein Vater Siegmund kund thun seinem Lehn, 29
+Mit lieben Freunden woll er ein Hofgelag begehn.
+Da brachte man die Märe in andrer Könge Land.
+Den Heimischen und Gästen gab er Ross und Gewand.
+
+Wen man finden mochte, der nach der Eltern Art 30
+Ritter werden sollte, die edeln Knappen zart
+Lud man nach dem Lande zu der Lustbarkeit,
+Wo sie das Schwert empfiengen mit Siegfried zu gleicher Zeit.
+
+Man mochte Wunder sagen von dem Hofgelag. 31
+Siegmund und Siegelind gewannen an dem Tag
+Viel Ehre durch die Gaben, die spendet' ihre Hand:
+Drum sah man viel der Fremden zu ihnen reiten in das Land.
+
+Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet sein 32
+Mit dem jungen Könige. Manch schönes Mägdelein
+Sah man am Werk geschäftig: ihm waren alle hold.
+Viel edle Steine legten die Frauen da in das Gold,
+
+Die sie mit Borten wollten auf die Kleider nähn 33
+Den jungen stolzen Recken; das muste so ergehn.
+Der Wirth ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mann
+Zu der Sonnenwende, wo Siegfried Ritters Stand gewann.
+
+Da gieng zu einem Münster mancher reiche Knecht 34
+Und viel der edeln Ritter. Die Alten thaten recht,
+Daß sie den Jungen dienten, wie ihnen war geschehn,
+Sie hatten Kurzweile und freuten sich es zu sehn.
+
+Als man da Gott zu Ehren eine Messe sang, 35
+Da hub sich von den Leuten ein gewaltiger Drang,
+Da sie zu Rittern wurden dem Ritterbrauch gemäß
+Mit also hohen Ehren, so leicht nicht wieder geschähs.
+
+Sie eilten, wo sie fanden geschirrter Rosse viel. 36
+Da ward in Siegmunds Hofe so laut das Ritterspiel,
+Daß man ertosen hörte Pallas und Saal.
+Die hochbeherzten Degen begannen fröhlichen Schall.
+
+Von Alten und von Jungen mancher Stoß erklang, 37
+Daß der Schäfte Brechen in die Lüfte drang.
+Die Splitter sah man fliegen bis zum Saal hinan.
+Die Kurzweile sahen die Fraun und Männer mit an.
+
+Der Wirth bat es zu laßen. Man zog die Rosse fort; 38
+Wohl sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort
+Und viel der edeln Steine auf das Gras gefällt
+Von des lichten Schildes Spangen: die hatten Stöße zerschellt.
+
+Da setzten sich die Gäste, wohin man ihnen rieth, 39
+zu Tisch, wo von Ermüdung viel edle Kost sie schied
+Und Wein der allerbeste, des man die Fülle trug.
+Den Heimischen und Fremden bot man Ehren da genug.
+
+So viel sie Kurzweile gefunden all den Tag, 40
+Das fahrende Gesinde doch keiner Ruhe pflag:
+Sie dienten um die Gabe, die man da reichlich fand;
+Ihr Lob ward zur Zierde König Siegmunds ganzem Land.
+
+Da ließ der Fürst verleihen Siegfried, dem jungen Mann, 41
+Das Land und die Burgen, wie sonst er selbst gethan.
+Seinen Schwertgenoßen gab er mit milder Hand:
+So freute sie die Reise, die sie geführt in das Land.
+
+Das Hofgelage währte bis an den siebten Tag. 42
+Sieglind die reiche der alten Sitte pflag,
+Daß sie dem Sohn zu Liebe vertheilte rothes Gold:
+Sie könnt es wohl verdienen, daß ihm die Leute waren hold.
+
+Da war zuletzt kein armer Fahrender mehr im Land. 43
+Ihnen stoben Kleider und Rosse von der Hand,
+Als hätten sie zu leben nicht mehr denn einen Tag.
+Man sah nie Ingesinde, das so großer Milde pflag.
+
+Mit preiswerthen Ehren zergieng die Lustbarkeit. 44
+Man hörte wohl die Reichen sagen nach der Zeit,
+Daß sie dem Jungen gerne wären unterthan;
+Das begehrte nicht Siegfried, dieser waidliche Mann.
+
+So lange sie noch lebten, Siegmund und Siegelind, 45
+Wollte nicht Krone tragen der beiden liebes Kind;
+Doch wollt er herrlich wenden alle die Gewalt,
+Die in den Landen fürchtete der Degen kühn und wohlgestalt.
+
+Ihn durfte Niemand schelten: seit er die Waffen nahm, 46
+Pflag er der Ruh nur selten, der Recke lobesam.
+Er suchte nur zu streiten und seine starke Hand
+Macht' ihn zu allen Zeiten in fremden Reichen wohlbekannt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Drittes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried nach Worms kam.
+
+
+Den Herrn beschwerte selten irgend ein Herzeleid. 47
+Er hörte Kunde sagen, wie eine schöne Maid
+Bei den Burgunden wäre, nach Wünschen wohlgethan,
+Von der er bald viel Freuden und auch viel Leides gewann.
+
+Von ihrer hohen Schöne vernahm man weit und breit, 48
+Und auch ihr Hochgemüthe ward zur selben Zeit
+Bei der Jungfrauen den Helden oft bekannt:
+Das ladete der Gäste viel in König Gunthers Land.
+
+So viel um ihre Minne man Werbende sah, 49
+Kriemhild in ihrem Sinne sprach dazu nicht Ja,
+Daß sie einen wollte zum geliebten Mann:
+Er war ihr noch gar fremde, dem sie bald ward unterthan.
+
+Dann sann auf hohe Minne Sieglindens Kind: 50
+All der Andern Werben war wider ihn ein Wind.
+Er mochte wohl verdienen ein Weib so auserwählt:
+Bald ward die edle Kriemhild dem kühnen Siegfried vermählt.
+
+Ihm riethen seine Freunde und Die in seinem Lehn, 51
+Hab er stäte Minne sich zum Ziel ersehn,
+So soll er werben, daß er sich der Wahl nicht dürfe schämen.
+Da sprach der edle Siegfried: "So will ich Kriemhilden nehmen,
+
+"Die edle Königstochter von Burgundenland, 52
+Um ihre große Schöne. Das ist mir wohl bekannt,
+Kein Kaiser sei so mächtig, hätt er zu frein im Sinn,
+Dem nicht zum minnen ziemte diese reiche Königin."
+
+Solche Märe hörte der König Siegmund. 53
+Es sprachen seine Leute: also ward ihm kund
+Seines Kindes Wille. Es war ihm höchlich leid,
+Daß er werben wolle um diese herrliche Maid.
+
+Es erfuhr es auch die Königin, die edle Siegelind: 54
+Die muste große Sorge tragen um ihr Kind,
+Weil sie wohl Gunthern kannte und Die in seinem Heer
+Die Werbung dem Degen zu verleiden fliß man sich sehr.
+
+Da sprach der kühne Siegfried: "Viel lieber Vater mein, 55
+Ohn edler Frauen Minne wollt ich immer sein,
+Wenn ich nicht werben dürfte nach Herzensliebe frei."
+Was Jemand reden mochte, so blieb er immer dabei.
+
+"Ist dir nicht abzurathen," der König sprach da so, 56
+"So bin ich deines Willens von ganzem Herzen froh
+Und will dirs fügen helfen, so gut ich immer kann;
+Doch hat der König Gunther manchen hochfährtgen Mann.
+
+"Und wär es anders Niemand als Hagen der Degen, 57
+Der kann im Uebermuthe wohl der Hochfahrt pflegen,
+So daß ich sehr befürchte, es mög uns werden leid,
+Wenn wir werben wollen um diese herrliche Maid."
+
+"Wie mag uns das gefährden!" hub da Siegfried an: 58
+"Was ich mir im Guten da nicht erbitten kann,
+Will ich schon sonst erwerben mit meiner starken Hand,
+Ich will von ihm erzwingen so die Leute wie das Land."
+
+"Leid ist mir deine Rede," sprach König Siegmund, 59
+"Denn würde diese Märe dort am Rheine kund,
+Du dürftest nimmer reiten in König Gunthers Land.
+Gunther und Gernot die sind mir lange bekannt.
+
+"Mit Gewalt erwerben kann Niemand die Magd," 60
+Sprach der König Siegmund, "das ist mir wohl gesagt;
+Willst du jedoch mit Recken reiten in das Land,
+Die Freunde, die wir haben, die werden eilends besandt."
+
+"So ist mir nicht zu Muthe," fiel ihm Siegfried ein, 61
+"Daß mir Recken sollten folgen an den Rhein
+Einer Heerfahrt willen: das wäre mir wohl leid,
+Sollt ich damit erzwingen diese herrliche Maid.
+
+"Ich will sie schon erwerben allein mit meiner Hand. 62
+Ich will mit zwölf Gesellen in König Gunthers Land;
+Dazu sollt ihr mir helfen, Vater Siegmund."
+Da gab man seinen Degen zu Kleidern grau und auch bunt.
+
+Da vernahm auch diese Märe seine Mutter Siegelind; 63
+Sie begann zu trauern um ihr liebes Kind:,
+Sie bangt' es zu verlieren durch Die in Gunthers Heer.
+Die edle Königstochter weinte darüber sehr.
+
+Siegfried der Degen gieng hin, wo er sie sah. 64
+Wider seine Mutter gütlich sprach er da:
+"Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein:
+Wohl will ich ohne Sorgen vor allen Weiganden sein.
+
+"Nun helft mir zu der Reise nach Burgundenland, 65
+Daß mich und meine Recken ziere solch Gewand,
+Wie so stolze Degen mit Ehren mögen tragen:
+Dafür will ich immer den Dank von Herzen euch sagen."
+
+"Ist dir nicht abzurathen," sprach Frau Siegelind, 66
+So helf ich dir zur Reise, mein einziges Kind,
+Mit den besten Kleidern, die je ein Ritter trug,
+Dir und deinen Degen: ihr sollt der haben genug."
+
+Da neigte sich ihr dankend Siegfried der junge Mann. 67
+Er sprach: "Nicht mehr Gesellen nehm ich zur Fahrt mir an
+Als der Recken zwölfe: verseht die mit Gewand.
+Ich möchte gern erfahren, wie's um Kriemhild sei bewandt."
+
+Da saßen schöne Frauen über Nacht und Tag, 68
+Daß ihrer selten Eine der Muße eher pflag,
+Bis sie gefertigt hatten Siegfriedens Staat.
+Er wollte seiner Reise nun mit nichten haben Rath.
+
+Sein Vater hieß ihm zieren sein ritterlich Gewand, 69
+Womit er räumen wollte König Siegmunds Land.
+Ihre lichten Panzer die wurden auch bereit
+Und ihre festen Helme, ihre Schilde schön und breit.
+
+Nun sahen sie die Reise zu den Burgunden nahn. 70
+Um sie begann zu sorgen beides, Weib und Mann,
+Ob sie je wiederkommen sollten in das Land.
+Sie geboten aufzusäumen die Waffen und das Gewand.
+
+Schön waren ihre Rosse, ihr Reitzeug goldesroth; 71
+Wenn wer sich höher dauchte, so war es ohne Noth,
+Als der Degen Siegfried und Die ihm unterthan.
+Nun hielt er um Urlaub zu den Burgunden an.
+
+Den gaben ihm mit Trauern König und Königin. 72
+Er tröstete sie beide mit minniglichem Sinn
+Und sprach: "Ihr sollt nicht weinen um den Willen mein:
+Immer ohne Sorgen mögt ihr um mein Leben sein."
+
+Es war leid den Recken, auch weinte manche Maid; 73
+Sie ahnten wohl im Herzen, daß sie es nach der Zeit
+Noch schwer entgelten müsten durch lieber Freunde Tod.
+Sie hatten Grund zu klagen, es that ihnen wahrlich Noth.
+
+Am siebenten Morgen zu Worms an den Strand 74
+Ritten schon die Kühnen; all ihr Gewand
+War von rothem Golde, ihr Reitzeug wohlbestellt;
+Ihnen giengen sanft die Rosse, die sich da Siegfried gesellt.
+
+Neu waren ihre Schilde, licht dazu und breit, 75
+Und schön ihre Helme, als mit dem Geleit
+Siegfried der kühne ritt in Gunthers Land.
+Man ersah an Helden nie mehr so herrlich Gewand.
+
+Der Schwerter Enden giengen nieder auf die Sporen; 76
+Scharfe Spere führten die Ritter auserkoren.
+Von zweier Spannen Breite war, welchen Siegfried trug;
+Der hatt an seinen Schneiden grimmer Schärfe genug.
+
+Goldfarbne Zäume führten sie an der Hand; 77
+Der Brustriem war von Seide: so kamen sie ins Land.
+Da gafften sie die Leute allenthalben an:
+Gunthers Mannen liefen sie zu empfangen heran.
+
+Die hochbeherzten Recken, Ritter so wie Knecht, 78
+Liefen den Herrn entgegen, so war es Fug und Recht,
+Und begrüßten diese Gäste in ihrer Herren Land;
+Die Pferde nahm man ihnen und die Schilde von der Hand.
+
+Da wollten sie die Rosse ziehn zu ihrer Rast; 79
+Da sprach aber Siegfried alsbald, der kühne Gast:
+"Laßt uns noch die Pferde stehen kurze Zeit:
+Wir reiten bald von hinnen; dazu bin ich ganz bereit.
+
+"Man soll uns auch die Schilde nicht von dannen tragen; 80
+Wo ich den König finde, kann mir das Jemand sagen,
+Gunther den reichen aus Burgundenland?"
+Da sagt' es ihm Einer, dem es wohl war bekannt.
+
+"Wollt ihr den König finden, das mag gar leicht geschehn: 81
+In jenem weiten Saale hab ich ihn gesehn
+Unter seinen Helden; da geht zu ihm hinan,
+So mögt ihr bei ihm finden manchen herrlichen Mann."
+
+Nun waren auch die Mären dem König schon gesagt, 82
+Daß auf dem Hofe wären Ritter unverzagt:
+Sie führten lichte Panzer und herrlich Gewand;
+Sie erkenne Niemand in der Burgunden Land.
+
+Den König nahm es Wunder, woher gekommen sei'n 83
+Die herrlichen Recken im Kleid von lichtem Schein
+Und mit so guten Schilden, so neu und so breit;
+Das ihm das Niemand sagte, das war König Gunthern leid.
+
+Zur Antwort gab dem König von Metz Herr Ortewein; 84
+Stark und kühnes Muthes mocht er wohl sein:
+"Da wir sie nicht erkennen, so heißt Jemand gehn
+Nach meinem Oheim Hagen: dem sollt ihr sie laßen sehn.
+
+"Ihm sind wohl kund die Reiche und alles fremde Land; 85
+Erkennt er die Herren, das macht er uns bekannt."
+Der König ließ ihn holen und Die in seinem Lehn:
+Da sah man ihn herrlich mit Recken hin zu Hofe gehn.
+
+Warum nach ihm der König, frug Hagen da, geschickt? 86
+"Es werden fremde Degen in meinem Haus erblickt,
+Die Niemand mag erkennen: habt ihr in fremdem Land
+Sie wohl schon gesehen? das macht mir, Hagen bekannt."
+
+"Das will ich," sprach Hagen. Zum Fenster schritt er drauf, 87
+Da ließ er nach den Gästen den Augen freien Lauf.
+Wohl gefiel ihm ihr Geräthe und all ihr Gewand;
+Doch waren sie ihm fremde in der Burgunden Land.
+
+Er sprach, woher die Recken auch kämen an den Rhein, 88
+Es möchten selber Fürsten oder Fürstenboten sein.
+"Schön sind ihre Rosse und ihr Gewand ist gut;
+Von wannen sie auch ritten, es sind Helden hochgemuth."
+
+Also sprach da Hagen: "Soviel ich mag verstehn, 89
+Hab ich gleich im Leben Siegfrieden nie gesehn,
+So will ich doch wohl glauben, wie es damit auch steht,
+Daß er es sei, der Degen, der so herrlich dorten geht.
+
+"Er bringt neue Mären her in dieses Land: 90
+Die kühnen Nibelungen schlug des Helden Hand,
+Die reichen Königssöhne Schilbung und Nibelung;
+Er wirkte große Wunder mit des starken Armes Schwung.
+
+"Als der Held alleine ritt aller Hülfe bar, 91
+Fand er an einem Berge, so hört ich immerdar,
+Bei König Niblungs Horte manchen kühnen Mann;
+Sie waren ihm gar fremde, bis er hier die Kunde gewann.
+
+"Der Hort König Nibelungs ward hervorgetragen 92
+Aus einem hohlen Berge: nun hört Wunder sagen,
+Wie ihn theilen wollten Die Niblung unterthan.
+Das sah der Degen Siegfried, den es zu wundern begann.
+
+"So nah kam er ihnen, daß er die Helden sah 93
+Und ihn die Degen wieder. Der Eine sagte da:
+"Hier kommt der starke Siegfried, der Held aus Niederland."
+Seltsame Abenteuer er bei den Nibelungen fand.
+
+"Den Recken wohl empfiengen Schilbung und Nibelung. 94
+Einhellig baten die edeln Fürsten jung,
+Daß ihnen theilen möchte den Schatz der kühne Mann:
+Das begehrten sie, bis endlich ers zu geloben begann.
+
+"Er sah so viel Gesteines, wie wir hören sagen, 95
+Hundert Leiterwagen die möchten es nicht tragen,
+Noch mehr des rothen Goldes von Nibelungenland:
+Das Alles sollte theilen des kühnen Siegfriedes Hand.
+
+"Sie gaben ihm zum Lohne König Niblungs Schwert: 96
+Da wurden sie des Dienstes gar übel gewährt,
+Den ihnen leisten sollte Siegfried der Degen gut.
+Er könnt es nicht vollbringen: sie hatten zornigen Muth.
+
+"So must er ungetheilet die Schätze laßen stehn. 97
+Da bestanden ihn die Degen in der zwei Könge Lehn:
+Mit ihres Vaters Schwerte, das Balmung war genannt,
+Stritt ihnen ab der Kühne den Hort und Nibelungenland
+
+"Da hatten sie zu Freunden kühne zwölf Mann, 98
+Die starke Riesen waren: was konnt es sie verfahn?
+Die erschlug im Zorne Siegfriedens Hand
+Und siebenhundert Recken zwang er vom Nibelungenland.
+
+"Mit dem guten Schwerte, geheißen Balmung. 99
+Vom Schrecken überwältigt war mancher Degen jung
+Zumal vor dem Schwerte und vor dem kühnen Mann:
+Das Land mit den Burgen machten sie ihm unterthan.
+
+"Dazu die reichen Könige die schlug er beide todt. 100
+Er kam durch Albrichen darauf in große Noth:
+Der wollte seine Herren rächen allzuhand,
+Eh er die große Stärke noch an Siegfrieden fand.
+
+"Mit Streit bestehen konnt ihn da nicht der starke Zwerg. 101
+Wie die wilden Leuen liefen sie an den Berg,
+Wo er die Tarnkappe Albrichen abgewann:
+Da war des Hortes Meister Siegfried der schreckliche Mann.
+
+"Die sich getraut zu fechten, die lagen all erschlagen. 102
+Den Schatz ließ er wieder nach dem Berge tragen,
+Dem ihn entnommen hatten Die Niblung unterthan.
+Alberich der starke das Amt des Kämmrers gewann.
+
+"Er must ihm Eide schwören, er dien ihm als sein Knecht, 103
+Zu aller Art Diensten ward er ihm gerecht."
+So sprach von Tronje Hagen: "Das hat der Held gethan;
+Also große Kräfte nie mehr ein Recke gewann.
+
+"Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: 104
+Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
+Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
+So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.
+
+"Man soll ihn wohl empfangen, der beste Rath ist das, 105
+Damit wir nicht verdienen des schnellen Recken Haß.
+Er ist so kühnes Sinnes, man seh ihn freundlich an:
+Er hat mit seinen Kräften so manche Wunder gethan."
+
+Da sprach der mächtge König: "Gewiss, du redest wahr: 106
+Nun sieh, wie stolz er dasteht vor des Streits Gefahr,
+Dieser kühne Degen und Die in seinem Lehn!
+Wir wollen ihm entgegen hinab zu dem Recken gehn."
+
+"Das mögt ihr," sprach da Hagen, "mit allen Ehren schon: 107
+Er ist von edelm Stamme eines reichen Königs Sohn;
+Auch hat er die Gebäre, mich dünkt, beim Herren Christ,
+Es sei nicht kleine Märe, um die er hergeritten ist."
+
+Da sprach der Herr des Landes: "Nun sei er uns willkommen. 108
+Er ist kühn und edel, das hab ich wohl vernommen;
+Des soll er auch genießen im Burgundenland."
+Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.
+
+Der Wirth und seine Recken empfiengen so den Mann, 109
+Daß wenig an dem Gruße gebrach, den er gewann;
+Des neigte sich vor ihnen der Degen ausersehn
+In großen Züchten sah man ihn mit seinen Recken stehn.
+
+"Mich wundert diese Märe," sprach der Wirth zuhand, 110
+"Von wannen, edler Siegfried, ihr kamt in dieses Land
+Oder was ihr wollet suchen zu Worms an dem Rhein?"
+Da sprach der Gast zum König: "Das soll euch unverhohlen sein.
+
+"Ich habe sagen hören in meines Vaters Land, 111
+An euerm Hofe wären, das hätt ich gern erkannt,
+Die allerkühnsten Recken, so hab ich oft vernommen,
+Die je gewann ein König: darum bin ich hieher gekommen.
+
+"So hör ich auch euch selber viel Mannheit zugestehn, 112
+Man habe keinen König noch je so kühn gesehn.
+Das rühmen viel der Leute in all diesem Land;
+Nun kann ichs nicht verwinden, bis ich die Wahrheit befand.
+
+"Ich bin auch ein Recke und soll die Krone tragen: 113
+Ich möcht es gerne fügen, daß sie von mir sagen,
+Daß ich mit Recht besäße die Leute wie das Land.
+Mein Haupt und meine Ehre setz ich dawider zu Pfand.
+
+Wenn ihr denn so kühn seid, wie euch die Sage zeiht, 114
+So frag ich nicht, ists Jemand lieb oder leid:
+Ich will von euch erzwingen, was euch angehört,
+Das Land und die Burgen unterwerf ich meinem Schwert."
+
+Der König war verwundert und all sein Volk umher, 115
+Als sie vernahmen sein seltsam Begehr,
+Daß er ihm zu nehmen gedächte Leut und Land.
+Das hörten seine Degen, die wurden zornig zuhand.
+
+"Wie sollt ich das verdienen," sprach Gunther der Degen, 116
+Wes mein Vater lange mit Ehren durfte pflegen,
+Daß wir das verlören durch Jemands Ueberkraft?
+Das wäre schlecht bewiesen, daß wir auch pflegen Ritterschaft!"
+
+"Ich will davon nicht laßen," fiel ihm der Kühne drein, 117
+"Von deinen Kräften möge dein Land befriedet sein,
+Ich will es nun verwalten; doch auch das Erbe mein,
+Erwirbst du es durch Stärke, es soll dir unterthänig sein.
+
+"Dein Erbe wie das meine wir schlagen gleich sie an, 118
+Und wer von uns den Andern überwinden kann,
+Dem soll es alles dienen, die Leute wie das Land."
+Dem widersprach da Hagen und mit ihm Gernot zuhand.
+
+"So stehn uns nicht die Sinne," sprach da Gernot, 119
+"Nach neuen Lands Gewinne, daß Jemand sollte todt
+Vor Heldeshänden liegen: reich ist unser Land,
+Das uns mit Recht gehorsamt, zu Niemand beßer bewandt."
+
+In grimmigem Muthe standen da die Freunde sein. 120
+Da war auch darunter von Metz Herr Ortewein.
+Der Sprach: "Die Sühne ist mir von Herzen leid:
+Euch ruft der starke Siegfried ohn allen Grund in den Streit.
+
+"Wenn ihr und eure Brüder ihm auch nicht steht zur Wehr, 121
+Und ob er bei sich führte ein ganzes Königsheer,
+So wollt ichs doch erstreiten, daß der starke Held
+Also hohen Uebermuth, wohl mit Recht bei Seite stellt."
+
+Darüber zürnte mächtig der Held von Niederland: 122
+"Nicht wider mich vermeßen darf sich deine Hand:
+Ich bin ein reicher König, du bist in Königs Lehn;
+Deiner zwölfe dürften mich nicht im Streite bestehn."
+
+Nach Schwertern rief da heftig von Metz Herr Ortewein: 123
+Er durfte Hagens Schwestersohn von Tronje wahrlich sein;
+Daß er so lang geschwiegen, das war dem König leid.
+Da sprach zum Frieden Gernot, ein Ritter kühn und allbereit.
+
+"Laßt euer Zürnen bleiben," hub er zu Ortwein an, 124
+"Uns hat der edle Siegfried noch solches nicht gethan;
+Wir scheiden es in Güte wohl noch, das rath ich sehr,
+Und haben ihn zum Freunde; es geziemt uns wahrlich mehr."
+
+Da sprach der starke Hagen "Uns ist billig leid 125
+und all euern Degen, daß er je zum Streit
+an den Rhein geritten: was ließ er das nicht sein?
+So übel nie begegnet wären ihm die Herren mein."
+
+Da sprach wieder Siegfried, der kraftvolle Held: 126
+"Wenn euch, was ich gesprochen, Herr Hagen, missfällt,
+So will ich schauen laßen, wie noch die Hände mein
+Gedenken so gewaltig bei den Burgunden zu sein."
+
+"Das hoff ich noch zu wenden," sprach da Gernot. 127
+Allen seinen Degen zu reden er verbot
+In ihrem Uebermuthe, was ihm wäre leid.
+Da gedacht auch Siegfried an die viel herrliche Maid.
+
+"Wie geziemt' uns mit euch zu streiten?" sprach wieder Gernot 128
+"Wie viel dabei der Helden auch fielen in den Tod,
+Wenig Ehre brächt uns so ungleicher Streit."
+Die Antwort hielt da Siegfried, König Siegmunds Sohn, bereit:
+
+Warum zögert Hagen und auch Ortewein, 129
+Daß er nicht zum Streite eilt mit den Freunden sein,
+Deren er so manchen bei den Burgunden hat?"
+Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rath.
+
+"Ihr sollt uns willkommen sein," sprach Geiselher das Kind, 130
+"Und eure Heergesellen, die hier bei euch find:
+Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein."
+Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein.
+
+Da sprach der Wirth des Landes: "Alles, was uns gehört, 131
+Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch unverwehrt;
+Wir wollen mit euch theilen unser Gut und Blut."
+Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Muth.
+
+Da ließ man ihnen wahren all ihr Wehrgewand; 132
+Man suchte Herbergen, die besten, die man fand:
+Siegfriedens Knappen schuf man gut Gemach.
+Man sah den Fremdling gerne in Burgundenland hernach.
+
+Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen, 133
+Mehr zu tausend Malen, als ich euch könnte sagen;
+Das hatte seine Kühnheit verdient, das glaubt fürwahr.
+Ihn sah wohl selten Jemand, der ihm nicht gewogen war.
+
+Flißen sich der Kurzweil die Könge und ihr Lehn, 134
+So war er stäts der Beste, was man auch ließ geschehn.
+Es konnt ihm Niemand folgen, so groß war seine Kraft,
+Ob sie den Stein warfen oder schoßen den Schaft.
+
+Nach höfscher Sitte ließen sich auch vor den Fraun 135
+Der Kurzweile pflegend die kühnen Ritter schaun:
+Da sah man stäts den Helden gern von Niederland;
+Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt.
+
+Die schönen Fraun am Hofe erfragten Märe, 136
+Wer der stolze fremde Recke wäre.
+"Er ist so schön gewachsen, so reich ist sein Gewand!"
+Da sprachen ihrer Viele: "Das ist der Held von Niederland."
+
+Was man beginnen wollte, er war dazu bereit; 137
+Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid,
+Und auch nur ihn die Schöne, die er noch nie gesehn,
+Und die sich doch viel Gutes von ihm schon heimlich versehn.
+
+Wenn man auf dem Hofe das Waffenspiel begann, 138
+Ritter so wie Knappen, immer sah es an
+Kriemhild aus den Fenstern, die Königstochter hehr;
+Keiner andern Kurzweil hinfort bedurfte sie mehr.
+
+Und wüst er, daß ihn sähe, die er im Herzen trug, 139
+Davon hätt er Kurzweil immerdar genug.
+Ersähn sie seine Augen, ich glaube sicherlich,
+Keine andre Freude hier auf Erden wünscht' er sich.
+
+Wenn er bei den Recken auf dem Hofe stand, 140
+Wie man noch zur Kurzweil pflegt in allem Land,
+Wie stand dann so minniglich das Sieglindenkind,
+Daß manche Frau ihm heimlich war von Herzen hold gesinnt.
+
+Er gedacht auch manchmal: "Wie soll das geschehn, 141
+Daß ich das edle Mägdlein mit Augen möge sehn,
+Die ich von Herzen minne, wie ich schon längst gethan?
+Die ist mir noch gar fremde; mit Trauern denk ich daran."
+
+So oft die reichen Könige ritten in ihr Land, 142
+So musten auch die Recken mit ihnen all zur Hand.
+Auch Siegfried ritt mit ihnen: das war der Frauen leid;
+Er litt von ihrer Minne auch Beschwer zu mancher Zeit.
+
+So wohnt' er bei den Herren, das ist alles wahr, 143
+In König Gunthers Lande völliglich ein Jahr,
+Daß er die Minnigliche in all der Zeit nicht sah,
+Durch die ihm bald viel Liebes und auch viel Leides geschah.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Viertes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried mit den Sachsen stritt.
+
+
+Da kamen fremde Mären in König Gunthers Land 144
+Durch Boten aus der Ferne ihnen zugesandt
+Von unbekannten Recken, die ihnen trugen Haß
+Als sie die Rede hörten, gar sehr betrübte sie das.
+
+Die will ich euch nennen: es war Lüdeger 145
+Aus der Sachsen Lande, ein mächtger König hehr;
+Dazu vom Dänenlande der König Lüdegast:
+Die gewannen zu dem Kriege gar manchen herrlichen Gast.
+
+Ihre Boten kamen in König Gunthers Land, 146
+Die seine Widersacher hatten hingesandt.
+Da frug man um die Märe die Unbekannten gleich
+Und führte bald die Boten zu Hofe vor den König reich.
+
+Schön grüßte sie der König und sprach: "Seid willkommen! 147
+Wer euch hieher gesendet, hab ich noch nicht vernommen:
+Das sollt ihr hören laßen," sprach der König gut.
+Da bangten sie gewaltig vor des grimmen Gunther Muth.
+
+"Wollt ihr uns, Herr, erlauben, daß wir euch Bericht 148
+Von unsrer Märe sagen, wir hehlen sie euch nicht.
+Wir nennen euch die Herren, die uns hieher gesandt:
+Lüdegast und Lüdeger die suchen heim euer Land.
+
+Ihren Zorn habt ihr verdienet: wir vernahmen das 149
+Gar wohl, die Herren tragen euch beide großen Haß.
+Sie wollen heerfahrten gen Worms an den Rhein;
+Ihnen helfen viel der Degen: laßt euch das zur Warnung sein.
+
+"Binnen zwölf Wochen muß ihre Fahrt geschehn; 150
+Habt ihr nun guter Freunde, so laßt es bald ersehn,
+Die euch befrieden helfen die Burgen und das Land:
+Hier werden sie verhauen manchen Helm und Schildesrand.
+
+"Oder wollt ihr unterhandeln, so macht es offenbar; 151
+So reitet euch so nahe nicht gar manche Schar
+Eurer starken Feinde zu bitterm Herzeleid,
+Davon verderben müßen viel der Ritter kühn im Streit."
+
+"Nun harrt eine Weile (ich künd euch meinen Muth), 152
+Bis ich mich recht bedachte," sprach der König gut.
+"Hab ich noch Getreue, denen will ichs sagen,
+Diese schwere Botschaft muß ich meinen Freunden klagen."
+
+Dem mächtigen Gunther war es leid genug; 153
+Den Botenspruch er heimlich in seinem Herzen trug.
+Er hieß berufen Hagen und Andr' in seinem Lehn
+Und hieß auch gar geschwinde zu Hof nach Gernoten gehn.
+
+Da kamen ihm die Besten, so viel man deren fand. 154
+Er sprach: "Die Feinde wollen heimsuchen unser Land
+Mit starken Heerfahrten; das sei euch geklagt.
+Es ist gar unverschuldet, daß sie uns haben widersagt."
+
+"Dem wehren wir mit Schwertern," sprach da Gernot, 155
+"Da sterben nur, die müßen: die laßet liegen todt.
+Ich werde nicht vergeßen darum der Ehre mein:
+Unsre Widersacher sollen uns willkommen sein."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Das dünkt mich nicht gut; 156
+Lüdegast und Lüdeger sind voll Uebermuth.
+Wir können uns nicht sammeln in so kurzen Tagen,"
+So sprach der kühne Recke: "ihr sollt es Siegfrieden sagen."
+
+Da gab man den Boten Herbergen in der Stadt. 157
+Wie feind sie ihnen waren, sie gut zu pflegen bat
+Gunther der reiche, das war wohlgethan,
+Bis er erprobt an Freunden, wer ihm zu Hülfe zög heran.
+
+Der König trug im Herzen Sorge doch und Leid. 158
+Da sah ihn also trauern ein Ritter allbereit,
+Der nicht wißen konnte, was ihm war geschehn:
+Da bat er König Gunthern, ihm den Grund zu gestehn.
+
+"Mich nimmt höchlich Wunder," sprach da Siegfried, 159
+"Wie die frohe Weise so völlig von euch schied,
+Deren ihr so lange mit uns mochtet pflegen."
+Zur Antwort gab ihm Gunther, dieser zierliche Degen:
+
+"Wohl mag ich allen Leuten nicht von dem Leide sagen, 160
+Das ich muß verborgen in meinem Herzen tragen:
+Stäten Freunden klagen soll man des Herzens Noth."
+Siegfriedens Farbe ward da bleich und wieder roth.
+
+Er sprach zu dem Könige: "Was blieb euch je versagt? 161
+Ich will euch wenden helfen das Leid, das ihr klagt.
+Wollt ihr Freunde suchen, so will ich einer sein
+Und getrau es zu vollbringen mit Ehren bis ans Ende mein."
+
+"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried, die Rede dünkt mich gut; 162
+Und kann mir auch nicht helfen eure Kraft und hoher Muth,
+So freut mich doch die Märe, daß ihr so hold mir seid:
+Leb ich noch eine Weile, ich vergelt es mit der Zeit.
+
+Ich will euch hören laßen, was mich traurig macht. 163
+Von Boten meiner Feinde ward mir hinterbracht,
+Mit Heerfahrten kämen sie mich zu suchen hie:
+Das geschah uns von Degen in diesen Landen noch nie."
+
+"Das laßt euch nicht betrüben," sprach da Siegfried, 164
+"Sänftet eur Gemüthe und thut, wie ich euch rieth:
+Laßt mich euch erwerben Ehre so wie Frommen,
+Bevor eure Feinde her zu diesen Landen kommen.
+
+"Und hätten dreißigtausend Helfer sich ersehn 165
+Eure starken Feinde, doch wollt ich sie bestehn,
+Hätt ich auch selbst nur tausend: verlaßt euch auf mich."
+Da sprach der König Gunther: "Das verdien ich stäts um dich."
+
+"So heißt mir eurer Leute gewinnen tausend Mann, 166
+Da ich von den Meinen nicht mehr hier stellen kann
+Als der Recken zwölfe; so wehr ich euer Land.
+Immer soll getreulich euch dienen Siegfriedens Hand.
+
+"Dazu soll Hagen helfen und auch Ortewein, 167
+Dankwart und Sindold, die lieben Recken dein.
+Auch soll da mit uns reiten Volker der kühne Mann:
+Der soll die Fahne führen: keinen Beßern trefft ihr an.
+
+"Und laßt die Boten reiten heim in ihrer Herren Land; 168
+Daß sie uns bald da sehen, macht ihnen das bekannt,
+So daß unsre Burgen befriedet mögen sein."
+Der König hieß besenden Freund und Mannen insgemein.
+
+Zu Hofe giengen wieder Die Lüdeger gesandt; 169
+Sie freuten sich der Reise zurück ins Heimatland.
+Ihnen bot da reiche Gabe Gunther der König gut
+Und sicheres Geleite: des waren sie wohlgemuth.
+
+"Nun sagt," sprach da Gunther, "meinen starken Feinden an, 170
+Ihre Reise bliebe beßer ungethan;
+Doch wollten sie mich suchen hier in meinem Land,
+Wir zerrännen denn die Freunde, ihnen werde Noth bekannt."
+
+Den Boten reiche Gaben man da zur Stelle trug: 171
+Deren hatte Gunther zu geben genug.
+Das durften nicht verschmähen Die Lüdeger gesandt.
+Sie baten um Urlaub und räumten fröhlich das Land.
+
+Als die Boten waren gen Dänemark gekommen, 172
+Und der König Lüdegast den Bericht vernommen,
+Was sie am Rhein geredet, als das ihm ward gesagt,
+Seine übermüthge Botschaft ward da bereut und beklagt.
+
+Sie sagten ihm, sie hätten manch kühnen Mann im Lehn: 173
+"Darunter sah man Einen vor König Gunthern stehn,
+Der war geheißen Siegfried, ein Held aus Niederland."
+Leid wars Lüdegasten, als er die Dinge so befand.
+
+Als Die vom Dänenlande hörten diese Mär, 174
+Da eilten sie, der Helfer zu gewinnen desto mehr,
+Bis der König Lüdegast zwanzigtausend Mann
+Seiner kühnen Degen zu seiner Heerfahrt gewann.
+
+Da besandte sich von Sachsen auch König Lüdeger, 175
+Bis sie vierzigtausend hatten und wohl mehr,
+Die mit ihnen ritten gen Burgundenland.
+Da hatt auch schon zu Hause der König Gunther gesandt
+
+Zu seinen nächsten Freunden und seiner Brüder Heer, 176
+Womit sie fahren wollten im Kriegszug einher,
+Und auch mit Hagens Recken: das that den Helden Noth.
+Darum musten Degen bald erschauen den Tod.
+
+Sie schickten sich zur Reise; sie wollten nun hindann. 177
+Die Fahne muste führen Volker der kühne Mann,
+Da sie reiten wollten von Worms über Rhein;
+Hagen von Tronje der muste Scharmeister sein.
+
+Mit ihnen ritt auch Sindold und der kühne Hunold, 178
+Die wohl verdienen konnten reicher Könge Gold.
+Dankwart, Hagens Bruder, und auch Ortewein
+Die mochten wohl mit Ehren bei dem Heerzuge sein.
+
+"Herr König," sprach da Siegfried, "bleibet ihr zu Haus: 179
+Da mir eure Degen folgen zu dem Strauß,
+So weilt bei den Frauen und tragt hohen Muth:
+Ich will euch wohl behüten die Ehre so wie das Gut.
+
+"Die euch heimsuchen wollten zu Worms an dem Rhein, 180
+Will euch davor bewahren, daß sie euch schädlich sei'n:
+Wir wollen ihnen reiten so nah ins eigne Land,
+Daß ihnen bald in Sorge der Uebermuth wird gewandt."
+
+Vom Rheine sie durch Hessen mit ihren Helden ritten 181
+Nach dem Sachsenlande: da wurde bald gestritten.
+Mit Raub und mit Brande verheerten sie das Land,
+Daß bald den Fürsten beiden ward Noth und Sorge bekannt.
+
+Sie kamen an die Marke; die Knechte rückten an. 182
+Siegfried der starke zu fragen da begann:
+"Wer soll nun der Hüter des Gesindes sein?"
+Wohl konnte nie den Sachsen ein Heerzug übler gedeihn.
+
+Sie sprachen: "Laßt der Knappen hüten auf den Wegen 183
+Dankwart den kühnen, das ist ein schneller Degen:
+Wir verlieren desto minder durch Die in Lüdgers Lehn;
+Laßt ihn mit Ortweinen hie die Nachhut versehn."
+
+"So will ich selber reiten," sprach Siegfried der Degen, 184
+"Den Feinden gegenüber der Warte zu pflegen,
+Bis ich recht erkunde, wo die Recken sind."
+Da stand bald in den Waffen der schönen Siegelinde Kind.
+
+Das Volk befahl er Hagen, als er zog hindann, 185
+Ihm und Gernoten, diesem kühnen Mann.
+So ritt er hin alleine in der Sachsen Land,
+Wo er die rechte Märe wohl bald mit Ehren befand.
+
+Er sah ein groß Geschwader, das auf dem Felde zog, 186
+Und die Kraft der Seinen gewaltig überwog:
+Es waren vierzigtausend oder wohl noch mehr.
+Siegfried in hohem Muthe sah gar fröhlich das Heer.
+
+Da hatte sich ein Recke auch aus der Feinde Schar 187
+Erhoben auf die Warte, der wohl gewappnet war:
+Den sah der Degen Siegfried und ihn der kühne Mann;
+Jedweder auf den andern mit Zorn zu blicken begann.
+
+Ich sag euch, wer der wäre, der hier der Warte pflag; 188
+Ein lichter Schild von Golde ihm vor der Linken lag.
+Es war der König Lüdegast, der hütete sein Heer.
+Der edle Fremdling sprengte herrlich wider ihn einher.
+
+Nun hatt auch ihn Herr Lüdegast sich feindlich erkoren: 189
+Ihre Rosse reizten Beide zur Seite mit den Sporen;
+Sie neigten auf die Schilde mit aller Macht den Schaft:
+Da kam der hehre König darob in großer Sorgen Haft.
+
+Dem Stich gehorsam trugen die Rosse pfeilgeschwind 190
+Die Könige zusammen, als wehte sie der Wind;
+Dann mit den Zäumen wandten sie ritterlich zurück:
+Die grimmen Zwei versuchten da mit dem Schwerte das Glück.
+
+Da schlug der Degen Siegfried, das Feld erscholl umher. 191
+Aus dem Helme stoben, als obs von Bränden wär,
+Die feuerrothen Funken von des Helden Hand;
+Da stritt mit großen Kräften der kühne Vogt von Niederland.
+
+Auch ihm schlug Herr Lüdegast manch grimmen Schlag; 192
+Jedweder auf dem Schilde mit ganzer Stärke lag.
+Da hatten es wohl dreißig erspäht aus seiner Schar:
+Eh die ihm Hülfe brachten, der Sieg doch Siegfrieden war
+
+Mit drei starken Wunden, die er dem König schlug 193
+Durch einen lichten Harnisch; der war doch fest genug.
+Das Schwert mit seiner Schärfe entlockte Wunden Blut;
+Da gewann König Lüdegast einen traurigen Muth.
+
+Er bat ihn um sein Leben und bot ihm all sein Land 194
+Und sagt' ihm, er wäre Lüdegast genannt.
+Da kamen seine Recken: die hatten wohl gesehn,
+Was da von ihnen beiden auf der Warte war geschehn.
+
+Er führt' ihn gern von dannen: da ward er angerannt 195
+Von dreißig seiner Mannen; doch wehrte seine Hand
+Seinen edeln Geisel mit ungestümen Schlägen.
+Bald that noch größern Schaden dieser zierliche Degen.
+
+Die Dreißig zu Tode wehrlich er schlug; 196
+Ihrer Einen ließ er leben: der ritt da schnell genug
+Und brachte hin die Märe von dem, was hier geschehn;
+Auch konnte man die Wahrheit an seinem rothen Helme sehn.
+
+Gar leid wars den Recken aus dem Dänenland, 197
+Als ihres Herrn Gefängniss ihnen ward bekannt.
+Man sagt' es seinem Bruder: der fieng zu toben an
+In ungestümem Zorne: ihm war gar wehe gethan.
+
+Lüdegast der König war hinweggebracht 198
+Zu Gunthers Ingesinde von Siegfrieds Uebermacht.
+Er befahl ihn Hagen: der kühne Recke gut,
+Als er vernahm die Märe, da gewann er fröhlichen Muth.
+
+Man gebot den Burgunden: "Die Fahne bindet an." 199
+"Wohlauf," sprach da Siegfried, "hier wird noch mehr gethan
+Vor Abendzeit, verlier ich Leben nicht und Leib:
+Das betrübt im Sachsenlande noch manches waidliche Weib.
+
+"Ihr Helden vom Rheine, ihr sollt mein nehmen wahr: 200
+Ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar.
+Da seht ihr Helme hauen von guter Helden Hand:
+Eh wir uns wieder wenden, wird ihnen Sorge bekannt."
+
+Zu den Rossen sprangen Gernot und Die ihm unterthan. 201
+Die Heerfahne faßte der kühne Spielmann,
+Volker der Degen, und ritt der Schar vorauf.
+Da war auch das Gesinde zum Streite muthig und wohlauf.
+
+Sie führten doch der Degen nicht mehr denn tausend Mann, 202
+Darüber zwölf Recken. Zu stieben da begann
+Der Staub von den Straßen: sie ritten über Land;
+Man sah von ihnen scheinen manchen schönen Schildesrand.
+
+Nun waren auch die Sachsen gekommen und ihr Heer 203
+Mit Schwertern wohlgewachsen; die Klingen schnitten sehr,
+Das hab ich wohl vernommen, den Helden an der Hand:
+Da wollten sie die Gäste von Burgen wehren und Land.
+
+Der Herren Scharmeister führten das Volk heran. 204
+Da war auch Siegfried kommen mit den zwölf Mann,
+Die er mit sich führte aus dem Niederland.
+Des Tags sah man im Sturme manche blutige Hand.
+
+Sindold und Hunold und auch Gernot 205
+Die schlugen in dem Streite viel der Helden todt,
+Eh sie ihrer Kühnheit noch selber mochten traun:
+Das musten bald beweinen viel der waidlichen Fraun.
+
+Volker und Hagen und auch Ortwein 206
+Leschten in dem Streite manches Helmes Schein
+Mit fließendem Blute, die Kühnen in der Schlacht.
+Von Dankwarten wurden viel große Wunder vollbracht.
+
+Da versuchten auch die Dänen waidlich ihre Hand; 207
+Von Stößen laut erschallte mancher Schildesrand
+Und von den scharfen Schwertern, womit man Wunden schlug.
+Die streitkühnen Sachsen thaten Schadens auch genug.
+
+Als die Burgunden drangen in den Streit, 208
+Von ihnen ward gehauen manche Wunde weit:
+Ueber die Sättel fließen sah man das Blut;
+So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut.
+
+Man hörte laut erhallen den Helden an der Hand 209
+Ihre scharfen Waffen, als Die von Niederland
+Ihrem Herrn nachdrangen in die dichten Reihn;
+Die zwölfe kamen ritterlich zugleich mit Siegfried hinein.
+
+Deren vom Rheine kam ihnen Niemand nach. 210
+Man konnte fließen sehen den blutrothen Bach
+Durch die lichten Helme von Siegfriedens Hand,
+Eh er Lüdegeren vor seinen Heergesellen fand.
+
+Dreimal die Kehre hat er nun genommen 211
+Bis an des Heeres Ende; da war auch Hagen kommen:
+Der half ihm wohl vollbringen im Kampfe seinen Muth.
+Da muste bald ersterben vor ihnen mancher Ritter gut.
+
+Als der starke Lüdeger Siegfrieden fand, 212
+Wie er so erhaben trug in seiner Hand
+Balmung den guten und da so Manchen schlug,
+Darüber ward der Kühne vor Zorn ingrimmig genug.
+
+Da gab es stark Gedränge und lauten Schwerterklang, 213
+Wo ihr Ingesinde auf einander drang.
+Da versuchten desto heftiger die beiden Recken sich;
+Die Scharen wichen beide: der Kämpen Haß ward fürchterlich.
+
+Dem Vogt vom Sachsenlande war es wohl bekannt, 214
+Sein Bruder sei gefangen: drum war er zornentbrannt;
+Nicht wust er, ders vollbrachte, sei der Sieglindensohn.
+Man zeihte des Gernoten; hernach befand er es schon.
+
+Da schlug so starke Schläge Lüdegers Schwert, 215
+Siegfrieden unterm Sattel niedersank das Pferd;
+Doch bald erhob sichs wieder: der kühne Siegfried auch
+Gewann jetzt im Sturme einen furchtbaren Brauch.
+
+Dabei half ihm Hagen wohl und Gernot, 216
+Dankwart und Volker: da lagen Viele todt.
+Sindold und Hunold und Ortwein der Degen
+Die konnten in dem Streite zum Tode Manchen niederlegen.
+
+Untrennbar im Kampfe waren die Fürsten hehr. 217
+Ueber die Helme fliegen sah man manchen Sper
+Durch die lichten Schilde von der Helden Hand;
+Auch ward von Blut geröthet mancher herrliche Rand.
+
+In dem starken Sturme sank da mancher Mann 218
+Von den Rossen nieder. Einander rannten an
+Siegfried der kühne und König Lüdeger;
+Man sah da Schäfte fliegen und manchen schneidigen Sper.
+
+Der Schildbeschlag des Königs zerstob vor Siegfrieds Hand. 219
+Sieg zu erwerben dachte der Held von Niederland
+An den kühnen Sachsen; die litten Ungemach.
+Hei! was da lichte Panzer der kühne Dankwart zerbrach!
+
+Da hatte König Lüdeger auf einem Schild erkannt 220
+Eine gemalte Krone vor Siegfriedens Hand:
+Da sah er wohl, es wäre der kraftreiche Mann.
+Laut auf zu seinen Freunden der Held zu rufen begann:
+
+"Begebt euch des Streites, ihr all mir unterthan! 221
+Den Sohn König Siegmunds traf ich hier an,
+Siegfried den starken hab ich hier erkannt;
+Den hat der üble Teufel her zu den Sachsen gefandt."
+
+Er gebot die Fahnen zu senken in dem Streit. 222
+Friedens er begehrte: der ward ihm nach der Zeit;
+Doch must er Geisel werden in König Gunthers Land:
+Das hatt an ihm erzwungen des kühnen Siegfriedes Hand.
+
+Nach allgemeinem Rathe ließ man ab vom Streit. 223
+Viel zerschlagner Helme und der Schilde weit
+Legten sie aus Händen; so viel man deren fand,
+Die waren blutgeröthet von der Burgunden Hand.
+
+Sie fiengen, wen sie wollten: sie hatten volle Macht. 224
+Gernot und Hagen, die schnellen, hatten Acht,
+Daß man die Wunden bahrte; da führten sie hindann
+Gefangen nach dem Rheine der Kühnen fünfhundert Mann.
+
+Die sieglosen Recken zum Dänenlande ritten. 225
+Da hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten,
+Daß man sie loben sollte: das war den Helden leid.
+Da beklagten ihre Freunde die Gefallnen in dem Streit.
+
+Sie ließen ihre Waffen aufsäumen nach dem Rhein. 226
+Es hatte wohl geworben mit den Gefährten sein
+Siegfried der starke und hatt es gut vollbracht:
+Das must ihm zugestehen König Gunthers ganze Macht.
+
+Gen Worms sandte Boten der König Gernot: 227
+Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot,
+Wie ihm gelungen wäre und all seinem Lehn:
+Es war da von den Kühnen nach allen Ehren geschehn.
+
+Die Botenknaben liefen; so ward es angesagt. 228
+Da freuten sich in Liebe, die eben Leid geklagt,
+Dieser frohen Märe, die ihnen war gekommen.
+Da ward von edlen Frauen großes Fragen vernommen,
+
+Wie es den Herrn gelungen wär in des Königs Heer. 229
+Man rief der Boten Einen zu Kriemhilden her.
+Das geschah verstohlen, sie durfte es wohl nicht laut:
+Denn Einer war darunter, dem sie längst ihr Herz vertraut.
+
+Als sie in ihre Kammer den Boten kommen sah, 230
+Kriemhild die schöne gar gütlich sprach sie da:
+"Nun sag mir liebe Märe, so geb ich dir mein Gold,
+Und thust dus ohne Trügen, will ich dir immer bleiben hold.
+
+"Wie schied aus dem Streite mein Bruder Gernot 231
+Und meine andern Freunde? Blieb uns nicht Mancher todt?
+Wer that da das Beste? das sollst du mir sagen"
+Da sprach der biedre Bote: "Wir hatten nirgend einen Zagen.
+
+"Zuvorderst in dem Streite ritt Niemand so wohl, 232
+Hehre Königstochter, wenn ich es sagen soll,
+Als der edle Fremdling aus dem Niederland:
+Da wirkte große Wunder des kühnen Siegfriedes Hand.
+
+"Was von den Recken allen im Streit da geschehn, 233
+Dankwart und Hagen und des Königs ganzem Lehn,
+Wie wehrlich sie auch stritten, das war doch wie ein Wind
+Nur gegen Siegfrieden, König Siegmundens Kind.
+
+"Sie haben in dem Sturme der Helden viel erschlagen; 234
+Doch möcht euch dieser Wunder ein Ende Niemand sagen,
+Die da Siegfried wirkte, ritt er in den Streit.
+Den Fraun an ihren Freunden that er mächtiges Leid.
+
+"Auch muste vor ihm fallen der Friedel mancher Braut. 235
+Seine Schläge schollen auf Helmen also laut,
+Daß sie aus Wunden brachten das fließende Blut:
+Er ist in allen Dingen ein Ritter kühn und auch gut.
+
+"Da hat auch viel begangen von Metz Herr Ortewein: 236
+Was er nur mocht erlangen mit dem Schwerte sein,
+Das fiel vor ihm verwundet oder meistens todt.
+Da schuf euer Bruder die allergrößeste Noth,
+
+"Die jemals in Stürmen mochte sein geschehn; 237
+Man muß dem Auserwählten die Wahrheit zugestehn.
+Die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt,
+Daß sie vor allen Schanden die Ehre haben bewahrt.
+
+"Man sah von ihren Händen der Sättel viel geleert, 238
+Als so laut das Feld erhallte von manchem lichten Schwert.
+Die Recken vom Rheine die ritten allezeit,
+Daß ihre Feinde beßer vermieden hätten den Streit.
+
+"Auch die kühnen Tronjer schufen großes Leid, 239
+Als mit Volkskräften das Heer sich traf im Streit.
+Da schlug so Manchen nieder des kühnen Hagen Hand,
+Es wäre viel zu sagen davon in der Burgunden Land.
+
+"Sindold und Hunold in Gernotens Heer 240
+Und Rumold der kühne schufen so viel Beschwer,
+König Lüdger mag es beklagen allezeit,
+Daß er meine Herren am Rhein berief in den Streit.
+
+"Kampf, den allerhöchsten, der irgend da geschah, 241
+Vom Ersten bis zum Letzten, den Jemand nur sah,
+Hat Siegfried gefochten mit wehrlicher Hand:
+Er bringt reiche Geisel her in König Gunthers Land.
+
+"Die zwang mit seinen Kräften der streitbare Held, 242
+Wovon der König Lüdegast den Schaden nun behält
+Und vom Sachsenlande sein Bruder Lüdeger.
+Nun hört meine Märe, viel edle Königin hehr!
+
+"Gefangen hat sie beide Siegfriedens Hand: 243
+Nie so mancher Geisel kam in dieses Land,
+Als nun seine Kühnheit bringt an den Rhein."
+Ihr konnten diese Mären nicht willkommener sein.
+
+"Man führt der Gesunden fünfhundert oder mehr 244
+Und der zum Sterben Wunden, wißt, Königin hehr,
+Wohl achtzig blutge Bahren her in unser Land:
+Die hat zumeist verhauen des kühnen Siegfriedes Hand.
+
+"Die uns im Uebermuthe widersagten hier am Rhein, 245
+Die müßen nun Gefangene König Gunthers sein;
+Die bringt man mit Freuden her in dieses Land."
+Ihre lichte Farb erblühte, als ihr die Märe ward bekannt.
+
+Ihr schönes Antlitz wurde vor Freuden rosenroth, 246
+Da lebend war geschieden aus so großer Noth
+Der waidliche Recke, Siegfried der junge Mann.
+Sie war auch froh der Freunde und that wohl weislich daran.
+
+Die Schöne sprach: "Du machtest mir frohe Mär bekannt: 247
+Ich laße dir zum Lohne geben reich Gewand,
+Und zehn Mark von Golde heiß ich dir tragen."
+Drum mag man solche Botschaft reichen Frauen gerne sagen.
+
+Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid. 248
+Da trat an die Fenster manche schöne Maid
+Und schaute nach der Straße, wo man reiten fand
+Viel hochherzge Degen in der Burgunden Land.
+
+Da kamen die Gesunden, der Wunden Schar auch kam: 249
+Die mochten grüßen hören von Freunden ohne Scham.
+Der Wirth ritt seinen Gästen entgegen hocherfreut:
+Mit Freuden war beendet all sein mächtiges Leid.
+
+Da empfieng er wohl die Seinen, die Fremden auch zugleich, 250
+Wie es nicht anders ziemte dem Könige reich,
+Als denen gütlich danken, die da waren kommen,
+Daß sie den Sieg mit Ehren im Sturme hatten genommen.
+
+Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251
+Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen,
+Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann;
+Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan.
+
+Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252
+Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land.
+Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal;
+Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall.
+
+Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253
+Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat;
+Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich.
+Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich.
+
+Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254
+Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen:
+Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann.
+Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan."
+
+"Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255
+"Solche hohe Geisel gewann kein König mehr.
+Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut
+Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut."
+
+"Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256
+Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn,
+Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land
+Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand.
+
+Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257
+Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag.
+Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein;
+Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein.
+
+Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258
+Blutgefärbter Sättel sah man da genug.
+Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun.
+Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun.
+
+Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259
+Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll;
+Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen:
+Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen!
+
+Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260
+Silber ungewogen, dazu das lichte Gold,
+Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth.
+Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot.
+
+Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261
+Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut.
+Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn:
+Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn.
+
+Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262
+Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an,
+Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag:
+Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag."
+
+Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263
+Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt,
+Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn;
+Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn.
+
+Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264
+So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold
+Und all seine Freunde, die das mit angesehn,
+Was da von seinen Händen war im Streite geschehn.
+
+Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265
+Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit:
+Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt.
+Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land.
+
+Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266
+Das that mit gutem Willen mancher junge Degen.
+Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand
+Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land.
+
+Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267
+Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen,
+Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an.
+Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran,
+
+Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268
+Ute die reiche vernahm die Märe sagen
+Von den stolzen Recken, die da sollten kommen:
+Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen.
+
+Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269
+Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid
+Und viel der jungen Recken aus Burgundenland.
+Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Fünftes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah.
+
+
+Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270
+Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein
+Und den Königen zu Liebe kamen in das Land.
+Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand.
+
+Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271
+Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid,
+Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag:
+Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag.
+
+Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272
+Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt
+Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da.
+Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah.
+
+Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273
+Zierliche Schilde und herrlich Gewand
+Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag.
+Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach.
+
+Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274
+Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod;
+Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen.
+Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen:
+
+Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275
+Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß
+Hatten alle Leute, so viel man immer fand:
+Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land.
+
+An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276
+Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn,
+Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen.
+Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen.
+
+Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277
+Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland
+Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie,
+Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh.
+
+Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278
+Wie wir das Hofgelage am besten stellen an,
+Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit;
+Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut."
+
+Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279
+"Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein,
+So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn,
+Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn.
+
+"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280
+Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun?
+Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn."
+Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn.
+
+"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281
+Alle, die's erfuhren, waren darüber froh.
+Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön,
+Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn.
+
+Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282
+So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand,
+Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit.
+Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid.
+
+Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283
+Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr,
+Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland:
+Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt.
+
+Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284
+Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn
+Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand:
+Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.
+
+Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285
+Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen
+Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid.
+Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid.
+
+Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286
+Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn,
+Die alle harrend standen, ob es möchte sein,
+Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.
+
+Da kam die Minnigliche, wie das Morgenroth 287
+Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Noth,
+Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn.
+Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.
+
+Von ihrem Kleide leuchtete mancher edle Stein; 288
+Ihre rosenrothe Farbe gab wonniglichen Schein.
+Was Jemand wünschen mochte, er muste doch gestehn,
+Daß er hier auf Erden noch nicht so Schönes gesehn.
+
+Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, 289
+Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt,
+So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut:
+Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Muth.
+
+Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her; 290
+Die hochgemuthen Degen ließen es nicht mehr:
+Sie drängten, daß sie sähen die minnigliche Maid.
+Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.
+
+Er sann in seinem Sinne: "Wie dacht ich je daran, 291
+Daß ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn;
+Soll ich dich aber meiden, so wär ich sanfter todt."
+Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder roth.
+
+Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292
+Als wär er entworfen auf einem Pergamen
+Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand,
+Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand.
+
+Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293
+Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen.
+Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun:
+Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun.
+
+Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294
+"Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot,
+Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn
+Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn.
+
+"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295
+Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen:
+Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen,
+Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen."
+
+Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296
+Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland:
+"Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn,
+Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn."
+
+Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297
+Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid,
+Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn.
+In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön.
+
+Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298
+Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da:
+"Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut."
+Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth.
+
+Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299
+Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth;
+Mit liebem Blick der Augen sahn einander an
+Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan.
+
+Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300
+In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt.
+Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan.
+Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran.
+
+Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301
+Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen
+So viel hoher Wonne, als er da gewann,
+Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann.
+
+Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302
+Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn,
+Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin."
+Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin.
+
+Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303
+Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr.
+Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann:
+Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan.
+
+Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304
+"Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund,
+Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand:
+Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land."
+
+Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305
+Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen
+Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn.
+Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn.
+
+Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306
+Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun,
+Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren;
+Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren.
+
+Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307
+Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank,
+Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug:
+Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug.
+
+Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308
+Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam.
+Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid,
+Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit.
+
+"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309
+"Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind
+So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn."
+Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn.
+
+"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310
+"Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen,
+Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt:
+Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt."
+
+Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311
+Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd,
+So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn.
+Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn.
+
+Freude und Wonne und lauten Schwerterschall 312
+Vernahm man alle Tage vor König Gunthers Saal,
+Davor und darinnen von manchem kühnen Mann.
+Von Ortwein und Hagen wurden Wunder viel gethan.
+
+Was man zu üben wünschte, dazu sah man bereit 313
+In völligem Maße die Degen kühn im Streit.
+Da machten vor den Gästen die Recken sich bekannt;
+Es war eine Zierde König Gunthers ganzem Land.
+
+Die lange wund gelegen, wagten sich an den Wind: 314
+Sie wollten kurzweilen mit des Königs Ingesind,
+Schirmen mit den Schilden und schießen manchen Schaft.
+Des halfen ihnen Viele; sie hatten größliche Kraft.
+
+Bei dem Hofgelage ließ sie der Wirth verpflegen 315
+Mit der besten Speise; es durfte sich nicht regen
+Nur der kleinste Tadel, der Fürsten mag entstehn;
+Man sah ihn jetzo freundlich hin zu seinen Gästen gehn.
+
+Er sprach: "Ihr guten Recken, bevor ihr reitet hin, 316
+So nehmt meine Gaben: also fleht mein Sinn,
+Ich will euch immer danken; verschmäht nicht mein Gut:
+Es unter euch zu theilen hab ich willigen Muth."
+
+Die vom Dänenlande sprachen gleich zur Hand: 317
+"Bevor wir wieder reiten heim in unser Land,
+Gewährt uns stäten Frieden: das ist uns Recken noth;
+Uns sind von euern Degen viel der lieben Freunde todt."
+
+Genesen von den Wunden war Lüdegast derweil; 318
+Der Vogt des Sachsenlandes war bald vom Kampfe heil.
+Etliche Todte ließen sie im Land.
+Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.
+
+Er sprach zu dem Recken: "Nun rath mir, wie ich thu. 319
+Unsre Gäste wollen reiten morgen fruh
+Und gehn um stäte Sühne mich und die Meinen an:
+Nun rath, kühner Degen, was dich dünke wohlgethan.
+
+"Was mir die Herrn bieten, das will ich dir sagen: 320
+Was fünfhundert Mähren an Gold mögen tragen,
+Das bieten sie mir gerne für ihre Freiheit an."
+Da sprach aber Siegfried: "Das wär übel gethan.
+
+"Ihr sollt sie beide ledig von hinnen laßen ziehn; 321
+Nur daß die edeln Recken sich hüten fürderhin
+Vor feindlichem Reiten her in euer Land,
+Laßt euch zu Pfande geben der beiden Könige Hand."
+
+"Dem Rathe will ich folgen." So giengen sie hindann. 322
+Seinen Widersachern ward es kundgethan,
+Des Golds begehre Niemand, das sie geboten eh.
+Daheim den lieben Freunden war nach den heermüden weh.
+
+Viel Schilde schatzbeladen trug man da herbei: 323
+Das theilt' er ungewogen seinen Freunden frei,
+An fünfhundert Marken und Manchem wohl noch mehr;
+Gernot rieth es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr.
+
+Um Urlaub baten alle, sie wollten nun hindann. 324
+Da kamen die Gäste vor Kriemhild heran
+Und dahin auch, wo Frau Ute saß, die Königin.
+Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin.
+
+Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten. 325
+Doch verblieb im Lande mit herrlichen Sitten
+Der König mit den Seinen und mancher edle Mann:
+Die giengen alle Tage zu Frau Kriemhild heran.
+
+Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held, 326
+Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt.
+Der König hörte sagen, er wolle nun hindann:
+Geiselher der junge ihn von der Reise gewann.
+
+"Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr? 327
+Hört meine Bitte, bleibt bei den Recken hier,
+Bei Gunther dem König und bei seinem Lehn:
+Hier sind viel schöne Frauen, die läßt man euch gerne sehn."
+
+Da sprach der starke Siegfried: "So laßt die Rosse stehn. 328
+Von hinnen wollt ich reiten, das laß ich mir vergehn.
+Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land:
+Davon hat mich Herr Geiselher mit großen Treuen gewandt."
+
+So verblieb der Kühne dem Freund zu Liebe dort. 329
+Auch wär ihm in den Landen an keinem andern Ort
+So wohl als hier geworden: daher es nun geschah,
+Daß er alle Tage die schöne Kriemhild ersah.
+
+Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb. 330
+Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb;
+Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Noth;
+Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer todt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Sechstes Abenteuer.
+
+Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr.
+
+
+Wieder neue Märe erhob sich über Rhein: 331
+Man sagte sich, da wäre manch schönes Mägdelein.
+Sich eins davon zu werben sann König Gunthers Muth.
+Das dauchte seine Recken und die Herren alle gut.
+
+Es war eine Königin geseßen über Meer, 332
+Ihr zu vergleichen war keine andre mehr.
+Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft;
+Sie schoß mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft.
+
+Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang; 333
+Wer ihrer Minne gehrte, der muste sonder Wank
+Drei Spiel' ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren;
+Gebrach es ihm an Einem, so war das Haupt ihm verloren.
+
+Die Königstochter hatte das manchesmal gethan. 334
+Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgethan.
+Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib.
+Drum musten bald viel Degen verlieren Leben und Leib.
+
+Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr, 335
+Ward es von allen Seiten berathen hin und her,
+Welche ihr Herr sich sollte zum Gemahl erschaun,
+Die er zum Weibe wollte und dem Land geziemte zur Fraun.
+
+Da sprach der Vogt vom Rheine: "Ich will an die See 336
+Hin zu Brunhilden, wie es mir ergeh.
+Um ihre Minne wag ich Leben und Leib,
+Die will ich verlieren, gewinn ich nicht sie zum Weib."
+
+"Das möcht ich widerrathen," sprach Siegfried wider ihn: 337
+"So grimmiger Sitte pflegt die Königin,
+Um ihre Minne werben, das kommt hoch zu stehn:
+Drum mögt ihrs wohl entrathen, auf diese Reise zu gehn."
+
+Da sprach der König Gunther: "Ein Weib ward noch nie 338
+So stark und kühn geboren, im Streit wollt ich sie
+Leichtlich überwinden allein mit meiner Hand."
+"Schweigt," sprach da Siegfried, "sie ist euch noch unbekannt.
+
+"Und wären eurer viere, die könnten nicht gedeihn 339
+Vor ihrem grimmen Zorne: drum laßt den Willen sein,
+Das rath ich euch in Treuen: entgeht ihr gern dem Tod,
+So macht um ihre Minne euch nicht vergebliche Noth."
+
+"Sei sie so stark sie wolle, die Reise muß ergehn 340
+Hin zu Brunhilden, mag mir was will geschehn.
+Ihrer hohen Schönheit willen gewagt muß es sein:
+Vielleicht daß Gott mir füget, daß sie uns folgt an den Rhein."
+
+"So will ich euch rathen," begann da Hagen, 341
+"Bittet Siegfrieden, mit euch zu tragen
+Die Last dieser Sorge; das ist der beste Rath,
+Weil er von Brunhilden so gute Kunde doch hat."
+
+Er sprach: "Viel edler Siegfried, willst du mir Helfer sein 342
+Zu werben um die Schöne? Thu nach der Bitte mein;
+Und gewinn ich mir zur Trauten das herrliche Weib,
+So verwag ich deinetwillen Ehre, Leben und Leib."
+
+Zur Antwort gab ihm Siegfried, König Siegmunds Sohn: 343
+"Ich will es thun, versprichst du die Schwester mir zum Lohn,
+Kriemhild die schöne, eine Königin hehr:
+So begehr ich keines Dankes nach meinen Arbeiten mehr."
+
+"Das gelob ich," sprach Gunther, "Siegfried, dir an die Hand. 344
+Und kommt die schöne Brunhild hieher in dieses Land,
+So will ich dir zum Weibe meine Schwester geben:
+So magst du mit der Schönen immer in Freuden leben."
+
+Des schwuren sich Eide diese Recken hehr. 345
+Da schuf es ihnen beiden viel Müh und Beschwer,
+Eh sie die Wohlgethane brachten an den Rhein.
+Es musten die Kühnen darum in großen Sorgen sein.
+
+Von wilden Gezwergen hab ich hören sagen, 346
+Daß sie in hohlen Bergen wohnen und Schirme tragen,
+Die heißen Tarnkappen, von wunderbarer Art;
+Wer sie am Leibe trage, der sei gar wohl darin bewahrt
+
+Vor Schlägen und vor Stichen; ihn mög auch Niemand sehn, 347
+So lang er drin verweile; hören doch und spähn
+Mag er nach feinem Willen, daß Niemand ihn erschaut;
+Ihm wachsen auch die Kräfte, wie uns die Märe vertraut.
+
+Die Tarnkappe führte Siegfried mit hindann, 348
+Die der kühne Degen mit Sorgen einst gewann
+Von einem Gezwerge mit Namen Alberich.
+Da schickten sich zur Reise Recken kühn und ritterlich.
+
+Wenn der starke Siegfried die Tarnkappe trug, 349
+So gewann er drinnen der Kräfte genug,
+Zwölf Männer Stärke, so wird uns gesagt.
+Er erwarb mit großen Listen diese herrliche Magd.
+
+Auch war so beschaffen die Nebelkappe gut, 350
+Ein Jeder mochte drinnen thun nach seinem Muth,
+Was er immer wollte, daß ihn doch Niemand sah.
+Damit gewann er Brunhild, durch die ihm bald viel Leid geschah.
+
+"Nun sage mir, Siegfried, eh unsre Fahrt gescheh, 351
+Wie wir mit vollen Ehren kommen über See?
+Sollen wir Ritter führen in Brunhildens Land?
+Dreißigtausend Degen die werden eilends besandt."
+
+"Wie viel wir Volkes führten," sprach Siegfried wider ihn, 352
+"So grimmiger Sitte pflegt die Königin,
+Das müste doch ersterben vor ihrem Uebermuth.
+Ich will euch beßer rathen, Degen ihr kühn und gut.
+
+"In Reckenweise fahren laßt uns zu Thal den Rhein. 353
+Die will ich euch nennen, die das sollen sein:
+Zu uns zwein noch zweie und Niemand anders mehr,
+Daß wir die Frau erwerben, was auch geschehe nachher.
+
+"Der Gesellen bin ich einer, du sollst der andre sein, 354
+Und Hagen sei der dritte: wir mögen wohl gedeihn;
+Der vierte das sei Dankwart, dieser kühne Mann.
+Es dürfen Andrer tausend zum Streite nimmer uns nahn."
+
+"Die Märe wüst ich gerne," der König sprach da so, 355
+"Eh wir von hinnen führen, des wär ich herzlich froh,
+Was wir für Kleider sollten vor Brunhilden tragen,
+Die uns geziemen möchten: Siegfried, das sollst du mir sagen."
+
+"Gewand das allerbeste, das man irgend fand, 356
+Trägt man zu allen Zeiten in Brunhildens Land:
+Drum laß uns reiche Kleider vor der Frauen tragen,
+Daß wirs nicht Schande haben, hört man künftig von uns sagen."
+
+Da sprach der gute Degen: "So will ich selber gehn 357
+Zu meiner lieben Mutter, ob es nicht mag geschehn,
+Daß ihre schönen Mägde uns schaffen solch Gewand,
+Das wir mit Ehren tragen in der hehren Jungfrau Land."
+
+Da Sprach von Tronje Hagen mit herrlichen Sitten: 358
+"Was wollt ihr eure Mutter um solche Dienste bitten?
+Laßt eure Schwester hören euern Sinn und Muth:
+Die ist so kunstreich, unsre Kleider werden gut."
+
+Da entbot er seiner Schwester, er wünsche sie zu sehn 359
+Und auch der Degen Siegfried. Eh sie das ließ geschehn,
+Da hatte sich die Schöne geschmückt mit reichem Kleid.
+Daß die Herren kamen, schuf ihr wenig Herzeleid.
+
+Da war auch ihr Gesinde geziert nach seinem Stand. 360
+Die Fürsten kamen beide; als sie das befand,
+Erhob sie sich vom Sitze: wie höfisch sie da gieng,
+Als sie den edeln Fremdling und ihren Bruder empfieng!
+
+"Willkommen sei mein Bruder und der Geselle sein. 361
+Nun möcht ich gerne wissen," Sprach das Mägdelein,
+"Was euch Herrn geliebe, daß ihr zu Hofe kommt:
+Laßt mich doch hören, was euch edeln Recken frommt."
+
+Da sprach König Gunther: "Frau, ich wills euch sagen. 362
+Wir müßen große Sorge bei hohem Muthe tragen:
+Wir wollen werben reiten fern in fremdes Land
+Und hätten zu der Reise gerne zierlich Gewand."
+
+"Nun sitzt, lieber Bruder," sprach das Königskind, 363
+"Und laßt mich erst erfahren, Wer die Frauen sind,
+Die ihr begehrt zu minnen in fremder Könge Land."
+Die Auserwählten beide nahm das Mägdlein bei der Hand:
+
+Hin gieng sie mit den Beiden, wo sie geseßen war 364
+Auf prächtgen Ruhebetten, das glaubt mir fürwahr,
+Mit eingewirkten Bildern, in Gold wohl erhaben.
+Sie mochten bei der Frauen gute Kurzweile haben.
+
+Freundliche Blicke und gütliches Sehn, 365
+Des mochte von den Beiden da wohl viel geschehn.
+Er trug sie in dem Herzen, sie war ihm wie sein Leben.
+Er erwarb mit großem Dienste, daß sie ihm ward zu Weib gegeben.
+
+Da sprach der edle König: "Viel liebe Schwester mein, 366
+Ohne deine Hülfe kann es nimmer sein.
+Wir wollen abenteuern in Brunhildens Land;
+Da müßen wir vor Frauen tragen herrlich Gewand."
+
+Da sprach die Königstochter: "Viel lieber Bruder mein, 367
+Kann euch an meiner Hülfe dabei gelegen sein,
+So sollt ihr inne werden, ich bin dazu bereit;
+Versagte sie ein Andrer euch, das wäre Kriemhilden leid.
+
+"Ihr sollt mich, edler Ritter, nicht in Sorgen bitten, 368
+Ihr sollt nur gebieten mit herrlichen Sitten:
+Was euch gefallen möge, dazu bin ich bereit
+Und thus mit gutem Willen," sprach die wonnigliche Maid.
+
+"Wir wollen, liebe Schwester, tragen gut Gewand: 369
+Das soll bereiten helfen eure weiße Hand.
+Laßt eure Mägdlein sorgen, daß es uns herrlich steht,
+Da man uns diese Reise doch vergebens widerräth."
+
+Da begann die Jungfrau: "Nun hört, was ich sage, 370
+Wir haben selber Seide: befehlt, daß man uns trage
+Gestein auf den Schilden, so schaffen wir das Kleid,
+Das ihr mit Ehren traget vor der herrlichen Maid."
+
+"Wer sind die Gesellen," sprach die Königin, 371
+"Die mit euch gekleidet zu Hofe sollen ziehn?"
+"Das bin ich selbvierter; noch Zwei aus meinem Lehn,
+Dankwart und Hagen, sollen mit uns zu Hofe gehn.
+
+"Nun merkt, liebe Schwester, wohl, was wir euch sagen: 372
+Sorgt, daß wir vier Gesellen zu vier Tagen tragen
+Je der Kleider dreierlei und also gut Gewand,
+Daß wir ohne Schande räumen Brunhildens Land."
+
+Das gelobte sie den Recken; die Herren schieden hin. 373
+Da berief der Jungfraun Kriemhild die Königin
+Aus ihrer Kemenate dreißig Mägdelein,
+Die gar sinnreich mochten zu solcher Kunstübung sein.
+
+In arabische Seide, so weiß als der Schnee, 374
+Und gute Zazamanker, so grün als der Klee,
+Legten sie Gesteine: das gab ein gut Gewand;
+Kriemhild die schöne schnitts mit eigener Hand.
+
+Von seltner Fische Häuten Bezüge wohlgethan, 375
+Zu schauen fremd den Leuten, so viel man nur gewann,
+Bedeckten sie mit Seide: darein ward Gold getragen:
+Man mochte große Wunder von den lichten Kleidern sagen.
+
+Aus dem Land Marocco und auch von Libya 376
+Der allerbesten Seide, die man jemals sah
+Königskinder tragen, der hatten sie genug.
+Wohl ließ sie Kriemhild schauen, wie sie Liebe für sie trug.
+
+Da sie so theure Kleider begehrt zu ihrer Fahrt, 377
+Hermelinfelle wurden nicht gespart,
+Darauf von Kohlenschwärze mancher Flecken lag:
+Das trügen schnelle Helden noch gern bei einem Hofgelag.
+
+Aus arabischem Golde glänzte mancher Stein; 378
+Der Frauen Unmuße war nicht zu klein.
+Sie schufen die Gewände in sieben Wochen Zeit;
+Da war auch ihr Gewaffen den guten Degen bereit.
+
+Als sie gerüstet standen, sah man auf dem Rhein 379
+Fleißiglich gezimmert ein starkes Schiffelein,
+Das sie da tragen sollte hernieder an die See.
+Den edeln Jungfrauen war von Arbeiten weh.
+
+Da sagte man den Recken, es sei für sie zur Hand, 380
+Das sie tragen sollten, das zierliche Gewand.
+Was sie erbeten hatten, das war nun geschehn;
+Da wollten sie nicht länger mehr am Rheine bestehn.
+
+Zu den Heergesellen ein Bote ward gesandt, 381
+Ob sie schauen wollten ihr neues Gewand,
+Ob es den Helden wäre zu kurz oder lang.
+Es war von rechtem Maße; des sagten sie den Frauen Dank.
+
+Vor wen sie immer kamen, die musten all gestehn, 382
+Sie hätten nie auf Erden schöner Gewand gesehn.
+Drum mochten sie es gerne da zu Hofe tragen;
+Von beßerm Ritterstaate wuste Niemand mehr zu sagen.
+
+Den edeln Maiden wurde höchlich Dank gesagt. 383
+Da baten um Urlaub die Recken unverzagt;
+In ritterlichen Züchten thaten die Herren das.
+Da wurden lichte Augen getrübt von Weinen und naß.
+
+Sie sprach: "Viel lieber Bruder, ihr bliebet beßer hier 384
+Und würbt andre Frauen: klüger schien' es mir,
+Wo ihr nicht wagen müstet Leben und Leib.
+Ihr fändet in der Nähe wohl ein so hochgeboren Weib."
+
+Sie ahnten wohl im Herzen ihr künftig Ungemach. 385
+Sie musten alle weinen, was da auch Einer sprach.
+Das Gold vor ihren Brüsten ward von Thränen fahl;
+Die fielen ihnen dichte von den Augen zuthal.
+
+Da sprach sie: "Herr Siegfried, laßt euch befohlen sein 386
+Auf Treu und auf Gnade den lieben Bruder mein,
+Daß ihn nichts gefährde in Brunhildens Land."
+Das versprach der Kühne Frau Kriemhilden in die Hand.
+
+Da sprach der edle Degen: "So lang mein Leben währt, 387
+So bleibt von allen Sorgen, Herrin, unbeschwert;
+Ich bring ihn euch geborgen wieder an den Rhein.
+Das glaubt bei Leib und Leben." Da dankt' ihm schön das Mägdelein.
+
+Die goldrothen Schilde trug man an den Strand 388
+Und schaffte zu dem Schiffe all ihr Rüstgewand;
+Ihre Rosse ließ man bringen: sie wollten nun hindann.
+Wie da von schönen Frauen so großes Weinen begann!
+
+Da stellte sich ins Fenster manch minnigliches Kind. 389
+Das Schiff mit seinem Segel ergriff ein hoher Wind.
+Die stolzen Heergesellen saßen auf dem Rhein;
+Da sprach der König Gunther: "Wer soll nun Schiffmeister sein?"
+
+"Das will ich," sprach Siegfried: "ich kann euch auf der Flut 390
+Wohl von hinnen führen, das wißt, Helden gut;
+Die rechten Wasserstraßen sind mir wohl bekannt."
+So schieden sie mit Freuden aus der Burgunden Land.
+
+Eine Ruderstange Siegfried ergriff; 391
+Vom Gestade schob er kräftig das Schiff.
+Gunther der kühne ein Ruder selber nahm.
+Da huben sich vom Lande die schnellen Ritter lobesam.
+
+Sie führten reichlich Speise, dazu guten Wein, 392
+Den besten, den sie finden mochten um den Rhein.
+Ihre Rosse standen still in guter Ruh;
+Das Schiff gieng so eben, kein Ungemach stieß ihnen zu.
+
+Ihre starken Segelseile streckte die Luft mit Macht; 393
+Sie fuhren zwanzig Meilen, eh niedersank die Nacht,
+Mit günstigem Winde nieder nach der See;
+Ihr starkes Arbeiten that noch schönen Frauen weh.
+
+An dem zwölften Morgen, wie wir hören sagen, 394
+Da hatten sie die Winde weit hinweggetragen
+Nach Isenstein der Veste in Brunhildens Land,
+Das ihrer Keinem außer Siegfried bekannt.
+
+Als der König Gunther so viel der Burgen sah 395
+Und auch der weiten Marken, wie bald sprach er da:
+"Nun sagt mir, Freund Siegfried, ist euch das bekannt?
+Wem sind diese Burgen und wem das herrliche Land?
+
+"Ich hab all mein Leben, das muß ich wohl gestehn, 396
+So wohlgebauter Burgen nie so viel gesehn
+Irgend in den Landen, als wir hier ersahn;
+Der sie erbauen konnte, war wohl ein mächtiger Mann."
+
+Zur Antwort gab ihm Siegfried: "Das ist mir wohlbekannt; 397
+Brunhilden sind sie, die Burgen wie das Land
+Und Isenstein die Veste, glaubt mir fürwahr:
+Da mögt ihr heute schauen schöner Frauen große Schar.
+
+"Ich will euch Helden rathen: seid all von einem Muth 398
+Und sprecht in gleichem Sinne, so dünkt es mich gut.
+Denn wenn wir heute vor Brunhilden gehn,
+So müßen wir in Sorgen vor der Königstochter stehn.
+
+"Wenn wir die Minnigliche bei ihren Leuten sehn, 399
+Sollt ihr erlauchte Helden nur Einer Rede stehn:
+Gunther sei mein Lehnsherr und ich ihm unterthan;
+So wird ihm sein Verlangen nach seinem Wunsche gethan."
+
+Sie waren all willfährig zu thun, wie er sie hieß: 400
+In seinem Uebermuthe es auch nicht Einer ließ.
+Sie sprachen, wie er wollte; wohl frommt' es ihnen da,
+Als der König Gunther die schöne Brunhild ersah.
+
+"Wohl thu ichs nicht so gerne dir zu lieb allein, 401
+Als um deine Schwester, das schöne Mägdelein.
+Die ist mir wie die Seele und wie mein eigner Leib;
+Ich will es gern verdienen, daß sie werde mein Weib."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Siebentes Abenteuer.
+
+Wie Gunther Brunhilden gewann.
+
+
+Ihr Schifflein unterdessen war auf dem Meer 402
+Zur Burg heran gefloßen: da sah der König hehr
+Oben in den Fenstern manche schöne Maid.
+Daß er sie nicht erkannte, das war in Wahrheit ihm leid.
+
+Er fragte Siegfrieden, den Gesellen sein: 403
+"Hättet ihr wohl Kunde um diese Mägdelein,
+Die dort hernieder schauen nach uns auf die Flut?
+Wie ihr Herr auch heiße, so tragen sie hohen Muth."
+
+Da sprach der kühne Siegfried: "Nun sollt ihr heimlich spähn 404
+Nach den Jungfrauen und sollt mir dann gestehn,
+Welche ihr nehmen wolltet, wär euch die Wahl verliehn."
+"Das will ich," sprach Gunther, dieser Ritter schnell und kühn.
+
+"So schau ich ihrer Eine in jenem Fenster an, 405
+Im schneeweißen Kleide, die ist so wohlgethan:
+Die wählen meine Augen, so schön ist sie von Leib.
+Wenn ich gebieten dürfte, sie müste werden mein Weib."
+
+"Dir hat recht erkoren deiner Augen Schein: 406
+Es ist die edle Brunhild, das schöne Mägdelein,
+Nach der das Herz dir ringet, der Sinn und auch der Muth."
+All ihr Gebaren dauchte König Gunthern gut.
+
+Da hieß die Königstochter von den Fenstern gehn 407
+Die minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehn
+Zum Anblick für die Fremden; sie folgten unverwandt.
+Was da die Frauen thaten, das ist uns auch wohl bekannt.
+
+Sie zierten sich entgegen den unkunden Herrn, 408
+Wie es immer thaten schöne Frauen gern.
+Dann an die engen Fenster traten sie heran,
+Wo sie die Helden sahen: das ward aus Neugier gethan.
+
+Nur ihrer Viere waren, die kamen in das Land. 409
+Siegfried der kühne ein Ross zog auf den Strand.
+Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen an:
+Große Ehre dauchte sich König Gunther gethan.
+
+Er hielt ihm bei dem Zaume das zierliche Ross, 410
+Das war gut und stattlich, stark dazu und groß,
+Bis der König Gunther fest im Sattel saß.
+Also dient' ihm Siegfried, was er hernach doch ganz vergaß.
+
+Dann zog er auch das seine aus dem Schiff heran: 411
+Er hatte solche Dienste gar selten sonst gethan,
+Daß er am Steigreif Helden gestanden wär.
+Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen hehr.
+
+Es war in gleicher Weise den Helden allbereit 412
+Von schneeblanker Farbe das Ross und auch das Kleid,
+Dem einen wie dem andern, und schön der Schilde Rand:
+Die warfen hellen Schimmer an der edeln Recken Hand.
+
+Ihre Sättel wohlgesteinet, die Brustriemen schmal: 413
+So ritten sie herrlich vor Brunhildens Saal;
+Daran hiengen Schellen von lichtem Golde roth.
+Sie kamen zu dem Lande, wie ihr Hochsinn gebot,
+
+Mit Speren neu geschliffen, mit wohlgeschaffnem Schwert, 414
+Das bis auf die Sporen gieng den Helden werth.
+Die Wohlgemuthen führten es scharf genug und breit.
+Das alles sah Brunhild, diese herrliche Maid.
+
+Mit ihnen kam auch Dankwart und sein Bruder Hagen: 415
+Diese beide trugen, wie wir hören sagen,
+Von rabenschwarzer Farbe reichgewirktes Kleid;
+Neu waren ihre Schilde, gut, dazu auch lang und breit.
+
+Von India dem Lande trugen sie Gestein, 416
+Das warf an ihrem Kleide auf und ab den Schein.
+Sie ließen unbehütet das Schifflein bei der Flut;
+So ritten nach der Veste diese Helden kühn und gut.
+
+Sechsundachtzig Thürme sahn sie darin zumal, 417
+Drei weite Pfalzen und einen schönen Saal
+Von edelm Marmelsteine, so grün wie das Gras,
+Darin die Königstochter mit ihrem Ingefinde saß.
+
+Die Burg war erschloßen und weithin aufgethan, 418
+Brunhildes Mannen liefen alsbald heran
+Und empfiengen die Gäste in ihrer Herrin Land.
+Die Rosse nahm man ihnen und die Schilde von der Hand.
+
+Da sprach der Kämmrer Einer: "Gebt uns euer Schwert 419
+Und die lichten Panzer." "Das wird euch nicht gewährt,"
+Sprach Hagen von Tronje, "wir wollens selber tragen."
+Da begann ihm Siegfried von des Hofs Gebrauch zu sagen:
+
+"In dieser Burg ist Sitte, das will ich euch sagen, 420
+Keine Waffen dürfen da die Gäste tragen:
+Laßt sie von hinnen bringen, das ist wohlgethan."
+Ihm folgte wider Willen Hagen, König Gunthers Mann.
+
+Man ließ den Gästen schenken und schaffen gute Ruh. 421
+Manchen schnellen Recken sah man dem Hofe zu
+Allenthalben eilen in fürstlichem Gewand;
+Doch wurden nach den Kühnen ringsher die Blicke gesandt.
+
+Nun wurden auch Brunhilden gesagt die Mären, 422
+Daß unbekannte Recken gekommen wären
+In herrlichem Gewande gefloßen auf der Flut.
+Da begann zu fragen diese Jungfrau schön und gut:
+
+"Ihr sollt mich hören laßen," sprach das Mägdelein, 423
+"Wer die unbekannten Recken mögen sein,
+Die ich dort stehen sehe in meiner Burg so hehr,
+Und wem zu Lieb die Helden wohl gefahren sind hieher."
+
+Des Gesindes sprach da Einer: "Frau, ich muß gestehn, 424
+Daß ich ihrer Keinen je zuvor gesehn;
+Doch Einer steht darunter, der Siegfrieds Weise hat:
+Den sollt ihr wohl empfangen, das ist in Treuen mein Rath.
+
+"Der andre der Gesellen, gar löblich dünkt er mich; 425
+Wenn er die Macht besäße, zum König ziemt' er sich
+Ob weiten Fürstenlanden, sollt er die versehn.
+Man sieht ihn bei den Andern so recht herrlich da stehn.
+
+"Der dritte der Gesellen, der hat gar herben Sinn, 426
+Doch schönen Wuchs nicht minder, reiche Königin.
+Die Blicke sind gewaltig, deren so viel er thut:
+Er trägt in seinem Sinne, wähn ich, grimmigen Muth.
+
+"Der jüngste darunter, gar löblich dünkt er mich: 427
+Man sieht den reichen Degen so recht minniglich
+In jungfräulicher Sitte und edler Haltung stehn:
+Wir müstens alle fürchten, wär ihm ein Leid hier geschehn.
+
+"So freundlich er gebahre, so wohlgethan sein Leib, 428
+Er brächte doch zum Weinen manch waidliches Weib,
+Wenn er zürnen sollte; sein Wuchs ist wohl so gut,
+Er ist an allen Tugenden ein Degen kühn und wohlgemuth."
+
+Da sprach die Königstochter: "Nun bringt mir mein Gewand: 429
+Und ist der starke Siegfried gekommen in mein Land
+Um meiner Minne willen, es geht ihm an den Leib:
+Ich fürcht ihn nicht so heftig, daß ich würde sein Weib."
+
+Brunhild die schöne trug bald erlesen Kleid. 430
+Auch gab ihr Geleite manche schöne Maid,
+Wohl hundert oder drüber, sie all in reicher Zier.
+Die Gäste kam zu schauen manches edle Weib mit ihr.
+
+Mit ihnen giengen Degen aus Isenland, 431
+Brunhildens Recken, die Schwerter in der Hand,
+Fünfhundert oder drüber; das war den Gästen leid.
+Aufstanden von den Sitzen die kühnen Helden allbereit.
+
+Als die Königstochter Siegfrieden sah, 432
+Wohlgezogen sprach sie zu dem Gaste da:
+"Seid willkommen, Siegfried, hier in diesem Land.
+Was meint eure Reise? das macht mir, bitt ich, bekannt."
+
+"Viel Dank muß ich euch sagen, Frau Brunhild, 433
+Daß ihr mich geruht zu grüßen, Fürstentochter mild,
+Vor diesem edeln Recken, der hier vor mir steht:
+Denn der ist mein Lehnsherr; der Ehre Siegfried wohl enträth.
+
+"Er ist am Rheine König: was soll ich sagen mehr? 434
+Dir nur zu Liebe fuhren wir hierher.
+Er will dich gerne minnen, was ihm geschehen mag.
+Nun bedenke dich bei Zeiten: mein Herr läßt nimmermehr nach.
+
+"Er ist geheißen Gunther, ein König reich und hehr. 435
+Erwirbt er deine Minne, nicht mehr ist sein Begehr.
+Deinthalb mit ihm that ich diese Fahrt;
+Wenn er mein Herr nicht wäre, ich hätt es sicher gespart."
+
+Sie sprach: "Wenn er dein Herr ist und du in seinem Lehn, 436
+Will er, die ich ertheile, meine Spiele dann bestehn
+Und bleibt darin der Meister, so werd ich sein Weib;
+Doch ists, daß ich gewinne, es geht euch allen an den Leib."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "So zeig uns, Königin, 437
+Was ihr für Spiel' ertheilet. Eh euch den Gewinn
+Mein Herr Gunther ließe, so müst es übel sein:
+Er mag wohl noch erwerben ein so schönes Mägdelein."
+
+"Den Stein soll er werfen und springen darnach, 438
+Den Sper mit mir schießen: drum sei euch nicht zu jach.
+Ihr verliert hier mit der Ehre Leben leicht und Leib:
+Drum mögt ihr euch bedenken," sprach das minnigliche Weib.
+
+Siegfried der schnelle gieng zu dem König hin 439
+Und bat ihn, frei zu reden mit der Königin
+Ganz nach seinem Willen; angstlos soll er sein:
+"Ich will dich wohl behüten vor ihr mit den Listen mein."
+
+Da sprach der König Gunther: "Königstochter hehr, 440
+Ertheilt mir, was ihr wollet, und wär es auch noch mehr,
+Eurer Schönheit willen bestünd ich Alles gern.
+Mein Haupt will ich verlieren, gewinnt ihr mich nicht zum Herrn."
+
+Als da seine Rede vernahm die Königin, 441
+Bat sie, wie ihr ziemte, das Spiel nicht zu verziehn.
+Sie ließ sich zum Streite bringen ihr Gewand,
+Einen goldnen Panzer und einen guten Schildesrand.
+
+Ein seiden Waffenhemde zog sich an die Maid, 442
+Das ihr keine Waffe verletzen konnt im Streit,
+Von Zeugen wohlgeschaffen aus Libya dem Land:
+Lichtgewirkte Borten erglänzten rings an dem Rand.
+
+Derweil hatt ihr Uebermuth den Gästen schwer gedräut. 443
+Dankwart und Hagen die standen unerfreut.
+Wie es dem Herrn ergienge, sorgte sehr ihr Muth.
+Sie dachten: "Unsre Reise bekommt uns Recken nicht gut."
+
+Derweilen gieng Siegfried, der listige Mann, 444
+Eh es wer bemerkte, an das Schiff heran,
+Wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand,
+In die er hurtig schlüpfte: da war er Niemand bekannt.
+
+Er eilte bald zurücke und fand hier Recken viel: 445
+Die Königin ertheilte da ihr hohes Spiel.
+Da gieng er hin verstohlen und daß ihn Niemand sah
+Von Allen, die da waren, was durch Zauber geschah.
+
+Es war ein Kreis gezogen, wo das Spiel geschehn 446
+Vor kühnen Recken sollte, die es wollten sehn.
+Wohl siebenhundert sah man Waffen tragen:
+Wer das Spiel gewänne, das sollten sie nach Wahrheit sagen.
+
+Da war gekommen Brunhild, die man gewaffnet fand, 447
+Als ob sie streiten wolle um aller Könge Land.
+Wohl trug sie auf der Seide viel Golddrähte fein;
+Ihre minnigliche Farbe gab darunter holden Schein.
+
+Nun kam ihr Gesinde, das trug herbei zuhand 448
+Aus allrothem Golde einen Schildesrand
+Mit hartem Stahlbeschlage, mächtig groß und breit,
+Worunter spielen wollte diese minnigliche Maid.
+
+An einer edeln Borte ward der Schild getragen, 449
+Auf der Edelsteine, grasgrüne, lagen;
+Die tauschten mannigfaltig Gefunkel mit dem Gold.
+Er bedurfte großer Kühnheit, dem die Jungfrau wurde hold.
+
+Der Schild war untern Buckeln, so ward uns gesagt, 450
+Von dreier Spannen Dicke; den trug hernach die Magd.
+An Stahl und auch an Golde war er reich genug,
+Den ihrer Kämmrer Einer mit Mühe selbvierter trug.
+
+Als der starke Hagen den Schild hertragen sah, 451
+In großem Unmuthe sprach der Tronjer da:
+"Wie nun, König Gunther? An Leben gehts und Leib:
+Die ihr begehrt zu minnen, die ist ein teuflisches Weib."
+
+Hört noch von ihren Kleidern: deren hatte sie genug. 452
+Von Azagauger Seide einen Wappenrock sie trug,
+Der kostbar war und edel: daran warf hellen Schein
+Von der Königstochter gar mancher herrliche Stein.
+
+Da brachten sie der Frauen mächtig und breit 453
+Einen scharfen Wurfspieß; den verschoß sie allezeit,
+Stark und ungefüge, groß dazu und schwer.
+An seinen beiden Seiten schnitt gar grimmig der Sper.
+
+Von des Spießes Schwere höret Wunder sagen: 454
+Wohl hundert Pfund Eisen war dazu verschlagen.
+Ihn trugen mühsam Dreie von Brunhildens Heer:
+Gunther der edle rang mit Sorgen da schwer.
+
+Er dacht in seinem Sinne: "Was soll das sein hier? 455
+Der Teufel aus der Hölle, wie schützt' er sich vor ihr?
+War ich mit meinem Leben wieder an dem Rhein,
+Sie dürfte hier wohl lange meiner Minne ledig sein."
+
+Er trug in seinen Sorgen, das wißet, Leid genug. 456
+All seine Rüstung man ihm zur Stelle trug.
+Gewappnet Stand der reiche König bald darin.
+Vor Leid hätte Hagen schier gar verwandelt den Sinn.
+
+Da sprach Hagens Bruder, der kühne Dankwart: 457
+"Mich reut in der Seele her zu Hof die Fahrt.
+Nun hießen wir einst Recken! wie verlieren wir den Leib!
+Soll uns in diesem Lande nun verderben ein Weib?
+
+"Des muß mich sehr verdrießen, daß ich kam in dieses Land. 458
+Hätte mein Bruder Hagen sein Schwert an der Hand
+Und auch ich das meine, so sollten sachte gehn
+Mit ihrem Uebermuthe Die in Brunhildens Lehn.
+
+Sie sollten sich bescheiden, das glaubet mir nur. 459
+Hätt ich den Frieden tausendmal bestärkt mit einem Schwur,
+Bevor ich sterben sähe den lieben Herren mein,
+Das Leben müste laßen dieses schöne Mägdelein."
+
+"Wir möchten ungefangen wohl räumen dieses Land," 460
+Sprach sein Bruder Hagen, "hätten wir das Gewand,
+Des wir zum Streit bedürfen, und die Schwerter gut,
+So sollte sich wohl sänften der schönen Fraue Uebermuth."
+
+Wohl hörte, was er sagte, die Fraue wohlgethan; 461
+Ueber die Achsel sah sie ihn lächelnd an.
+"Nun er so kühn sich dünket, so bringt doch ihr Gewand,
+Ihre scharfen Waffen gebt den Helden an die Hand.
+
+"Es kümmert mich so wenig, ob sie gewaffnet sind, 462
+Als ob sie bloß da stünden," so sprach das Königskind.
+"Ich fürchte Niemands Stärke, den ich noch je gekannt:
+Ich mag auch wohl genesen im Streit vor des Königs Hand."
+
+Als man die Waffen brachte, wie die Maid gebot, 463
+Dankwart der kühne ward vor Freuden roth.
+"Nun spielt, was ihr wollet," sprach der Degen werth,
+"Gunther ist unbezwungen: wir haben wieder unser Schwert."
+
+Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein: 464
+Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein,
+Groß und ungefüge, rund dabei und breit.
+Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit.
+
+Den warf sie allerwegen, wie sie den Sper verschoß. 465
+Darüber war die Sorge der Burgunden groß.
+"Wen will der König werben?" sprach da Hagen laut:
+"Wär sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!"
+
+An ihre weißen Arme sie die Ärmel wand, 466
+Sie schickte sich und faßte den Schild an die Hand,
+Sie schwang den Spieß zur Höhe: das war des Kampfe Beginn.
+Gunther und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn.
+
+Und wär ihm da Siegfried zu Hülfe nicht gekommen, 467
+So hätte sie dem König das Leben wohl benommen.
+Er trat hinzu verstohlen und rührte seine Hand;
+Gunther seine Künste mit großen Sorgen befand.
+
+"Wer wars, der mich berührte?" dachte der kühne Mann, 468
+Und wie er um sich blickte, da traf er Niemand an.
+Er sprach: "Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein:
+Du sollst ganz ohne Sorge vor der Königin sein."
+
+(Er sprach:) "Gieb aus den Händen den Schild, laß mich ihn tragen 469
+Und behalt im Sinne, was du mich hörest sagen:
+Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn."
+Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn.
+
+"Verhehl auch meine Künste, das ist uns beiden gut: 470
+So mag die Königstochter den hohen Uebermuth
+Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist:
+Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermißt."
+
+Da schoß mit ganzen Kräften die herrliche Maid 471
+Den Sper nach einem neuen Schild, mächtig und breit;
+Den trug an der Linken Sieglindens Kind.
+Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind.
+
+Des starken Spießes Schneide den Schild ganz durchdrang, 472
+Daß das Feuer lohend aus den Ringen sprang.
+Von dem Schuße fielen die kraftvollen Degen:
+War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen.
+
+Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. 473
+Bald sprang er auf die Füße: da nahm der Degen gut
+Den Sper, den sie geschoßen ihm hatte durch den Rand:
+Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand.
+
+Er dacht: "Ich will nicht schießen das Mägdlein wonniglich." 474
+Des Spießes Schneide kehrt' er hinter den Rücken sich;
+Mit der Sperstange schoß er auf ihr Gewand,
+Daß es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand.
+
+Das Feuer stob vom Panzer, als trieb' es der Wind. 475
+Es hatte wohl geschoßen der Sieglinde Kind:
+Sie vermochte mit den Kräften dem Schuße nicht zu stehn;
+Das war von König Gunthern in Wahrheit nimmer geschehn.
+
+Brunhild die schöne bald auf die Füße sprang: 476
+"Gunther, edler Ritter, des Schußes habe Dank!"
+Sie wähnt', er hätt es selber mit seiner Kraft gethan
+Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann.
+
+Da gieng sie hin geschwinde, zornig war ihr Muth, 477
+Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut;
+Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand,
+Dann sprang sie nach dem Wurfe, daß laut erklang ihr Gewand.
+
+Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit: 478
+Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid.
+Hin gieng der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag:
+Gunther must ihn wägen, des Wurfs der Verholne pflag.
+
+Siegfried war kräftig, kühn und auch lang; 479
+Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang.
+Ein großes Wunder war es und künstlich genug,
+Daß er in dem Sprunge den König Gunther noch trug.
+
+Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein: 480
+Gunther wars, der Degen, den man sah allein.
+Brunhild die schöne ward vor Zorne roth;
+Gewendet hatte Siegfried dem König Gunther den Tod.
+
+Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, 481
+Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah:
+"Ihr, meine Freund und Mannen, tretet gleich heran:
+Ihr sollt dem König Gunther alle werden unterthan."
+
+Da legten die Kühnen die Waffen von der Hand 482
+Und boten sich zu Füßen von Burgundenland
+Gunther dem reichen, so mancher kühne Mann:
+Sie wähnten, die Spiele hätt er mit eigner Kraft gethan.
+
+Er grüßte sie gar minniglich; wohl trug er höfschen Sinn. 483
+Da nahm ihn bei der Rechten die schöne Königin:
+Sie erlaubt' ihm, zu gebieten in ihrem ganzen Land.
+Des freute sich da Hagen, der Degen kühn und gewandt.
+
+Sie bat den edeln Ritter mit ihr zurück zu gehn 484
+Zu dem weiten Saale, wo mancher Mann zu sehn,
+Und mans aus Furcht dem Degen nun desto beßer bot.
+Siegfrieds Kräfte hatten sie erledigt aller Noth.
+
+Siegfried der schnelle war wohl schlau genug, 485
+Daß er die Tarnkappe aufzubewahren trug.
+Dann gieng er zu dem Saale, wo manche Fraue saß:
+Er sprach zu dem König, gar listiglich that er das:
+
+"Was säumt ihr, Herr König, und beginnt die Spiele nicht, 486
+Die euch aufzugeben die Königin verspricht?
+Laßt uns doch bald erschauen, wie es damit bestellt."
+Als wüst er nichts von allem, so that der listige Held.
+
+Da sprach die Königstochter: "Wie konnte das geschehn, 487
+Daß ihr nicht die Spiele, Herr Siegfried, habt gesehn,
+Worin hier Sieg errungen hat König Gunthers Hand?"
+Zur Antwort gab ihr Hagen aus der Burgunden Land:
+
+Er sprach: "Da habt ihr, Königin, uns betrübt den Muth: 488
+Da war bei dem Schiffe Siegfried der Degen gut,
+Als der Vogt vom Rheine das Spiel euch abgewann;
+Drum ist es ihm unkundig," sprach da Gunthers Unterthan,
+
+"Nun wohl mir dieser Märe," sprach Siegfried der Held, 489
+"Daß hier eure Hochfahrt also ward gefällt,
+Und Jemand lebt, der euer Meister möge sein.
+Nun sollt ihr, edle Jungfrau, uns hinnen folgen an den Rhein."
+
+Da sprach die Wohlgethane: "Das mag noch nicht geschehn. 490
+Erst frag ich meine Vettern und Die in meinem Lehn.
+Ich darf ja nicht so leichthin räumen dieß mein Land:
+Meine höchsten Freunde die werden erst noch besandt."
+
+Da ließ sie ihre Boten nach allen Seiten gehn: 491
+Sie besandte ihre Freunde und Die in ihrem Lehn,
+Daß sie zum Isensteine kämen unverwandt;
+Einem jeden ließ sie geben reiches, herrliches Gewand.
+
+Da ritten alle Tage Beides, spat und fruh, 492
+Der Veste Brunhildens die Recken scharweis zu.
+"Nun ja doch," sprach da Hagen, "was haben wir gethan!
+Wir erwarten uns zum Schaden hier Die Brunhild unterthan."
+
+"Wenn sie mit ihren Kräften kommen in dieß Land, 493
+Der Königin Gedanken die sind uns unbekannt:
+Wie, wenn sie uns zürnte? so wären wir verloren,
+Und wär das edle Mägdlein uns zu großen Sorgen geboren!"
+
+Da sprach der starke Siegfried: "Dem will ich widerstehn. 494
+Was euch da Sorge schaffet, das laß ich nicht geschehn.
+Ich will euch Hülfe bringen her in dieses Land
+Durch auserwählte Degen: die sind euch noch unbekannt.
+
+"Ihr sollt nach mir nicht fragen, ich will von hinnen fahren; 495
+Gott möge eure Ehre derweil wohl bewahren.
+Ich komme bald zurücke und bring euch tausend Mann
+Der allerbesten Degen, deren Jemand Kunde gewann."
+
+"So bleibt nur nicht zu lange," der König sprach da so, 496
+"Wir sind eurer Hülfe nicht unbillig froh."
+Er sprach: "Ich komme wieder gewiss in wenig Tagen.
+Ihr hättet mich versendet, sollt ihr der Königin sagen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Achtes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.
+
+
+Von dannen gieng da Siegfried zum Hafen an den Strand 497
+In seiner Tarnkappe, wo er ein Schifflein fand.
+Darin stand verborgen König Siegmunds Kind:
+Er führt' es bald von dannen, als ob es wehte der Wind.
+
+Den Steuermann sah Niemand, wie schnell das Schifflein floß 498
+Von Siegfriedens Kräften, die waren also groß.
+Da wähnten sie, es trieb es ein eigner starker Wind:
+Nein, es führt' es Siegfried, der schönen Sieglinde Kind.
+
+Nach des Tags Verlaufe und in der einen Nacht 499
+Kam er zu einem Lande von gewaltger Macht:
+Es war wohl hundert Rasten und noch darüber lang,
+Das Land der Nibelungen, wo er den großen Schatz errang.
+
+Der Held fuhr alleine nach einem Werder breit: 500
+Sein Schiff band er feste, der Ritter allbereit.
+Er fand auf einem Berge eine Burg gelegen
+Und suchte Herberge, wie die Wegemüden pflegen.
+
+Da kam er vor die Pforte, die ihm verschloßen stand: 501
+Sie bewachten ihre Ehre, wie Sitte noch im Land.
+Ans Thor begann zu klopfen der unbekannte Mann:
+Das wurde wohl behütet; da traf er innerhalben an
+
+Einen Ungefügen, der da der Wache pflag, 502
+Bei dem zu allen Zeiten sein Gewaffen lag.
+Der sprach: "Wer pocht so heftig da draußen an das Thor?"
+Da wandelte die Stimme der kühne Siegfried davor
+
+Und sprach: "Ich bin ein Recke: thut mir auf alsbald, 503
+Sonst erzürn ich Etlichen hier außen mit Gewalt,
+Der gern in Ruhe läge und hätte sein Gemach."
+Das verdroß den Pförtner, als da Siegfried also sprach.
+
+Der kühne Riese hatte die Rüstung angethan, 504
+Den Helm aufs Haupt gehoben, der gewaltge Mann:
+Den Schild alsbald ergriffen und schwang nun auf das Thor.
+Wie lief er Siegfrieden da so grimmig an davor!
+
+Wie er zu wecken wage so manchen kühnen Mann? 505
+Da wurden schnelle Schläge von seiner Hand gethan.
+Der edle Fremdling schirmte sich vor manchem Schlag;
+Da hieb ihm der Pförtner in Stücke seines Schilds Beschlag
+
+Mit einer Eisenstange: so litt der Degen Noth. 506
+Schier begann zu fürchten der Held den grimmen Tod,
+Als der Thürhüter so mächtig auf ihn schlug.
+Dafür war ihm gewogen sein Herre Siegfried genug.
+
+Sie stritten so gewaltig, die Burg gab Widerhall: 507
+Man hörte fern das Tosen in König Niblungs Saal.
+Doch zwang er den Pförtner zuletzt, daß er ihn band;
+Kund ward diese Märe in allem Nibelungenland.
+
+Das Streiten hatte ferne gehört durch den Berg 508
+Alberich der kühne, ein wildes Gezwerg.
+Er waffnete sich balde und lief hin, wo er fand
+Diesen edeln Fremdling, als er den Riesen eben band.
+
+Alberich war muthig, dazu auch stark genug. 509
+Helm und Panzerringe er am Leibe trug
+Und eine schwere Geisel von Gold an seiner Hand.
+Da lief er hin geschwinde, wo er Siegfrieden fand.
+
+Sieben schwere Knöpfe hiengen vorn daran, 510
+Womit er vor der Linken den Schild dem kühnen Mann
+So bitterlich zergerbte, in Splitter gieng er fast.
+In Sorgen um sein Leben gerieth der herrliche Gast.
+
+Den Schild er ganz zerbrochen seiner Hand entschwang: 511
+Da stieß er in die Scheide eine Waffe, die war lang.
+Seinen Kammerwärter wollt er nicht schlagen todt:
+Er schonte seiner Leute, wie ihm die Treue gebot.
+
+Mit den starken Händen Albrichen lief er an, 512
+Und erfaßte bei dem Barte den altgreisen Mann.
+Den zuckt' er ungefüge: der Zwerg schrie auf vor Schmerz.
+Des jungen Helden Züchtigung gieng Alberichen ans Herz.
+
+Laut rief der Kühne: "Nun laßt mir das Leben: 513
+Und hätt ich einem Helden mich nicht schon ergeben,
+Dem ich schwören muste, ich war ihm unterthan,
+Ich dient euch, bis ich stürbe," so sprach der listige Mann.
+
+Er band auch Alberichen wie den Riesen eh: 514
+Siegfriedens Kräfte thaten ihm gar weh.
+Der Zwerg begann zu fragen: "Wie seid ihr genannt?"
+Er sprach: "Ich heiße Siegfried: ich wähnt, ich wär euch bekannt."
+
+"So wohl mir diese Kunde," sprach da Alberich, 515
+"An euern Heldenwerken spürt ich nun sicherlich,
+Daß ihrs wohl verdientet, des Landes Herr zu sein.
+Ich thu, was ihr gebietet, laßt ihr nur mich gedeihn."
+
+Da sprach der Degen Siegfried: "So macht euch auf geschwind 516
+Und bringt mir her der Besten, die in der Veste sind,
+Tausend Nibelungen; die will ich vor mir sehn.
+So laß ich euch kein Leides an euerm Leben geschehn."
+
+Albrichen und den Riesen löst' er von dem Band. 517
+Hin lief der Zwerg geschwinde, wo er die Recken fand.
+Sorglich erweckt' er Die in Niblungs Lehn
+Und sprach: "Wohlauf, ihr Helden, ihr sollt zu Siegfrieden gehn."
+
+Sie sprangen von den Betten und waren gleich bereit: 518
+Tausend schnelle Ritter standen im Eisenkleid.
+Er brachte sie zur Stelle, wo er Siegfried fand:
+Der grüßte schön die Degen und gab Manchem die Hand.
+
+Viel Kerzen ließ man zünden; man schenkt' ihm lautern Trank. 519
+Daß sie so bald gekommen, des sagt' er Allen Dank.
+Er sprach: "Ihr sollt von hinnen mir folgen über Flut."
+Dazu fand er willig diese Helden kühn und gut.
+
+Wohl dreißig hundert Recken kamen ungezählt: 520
+Von denen wurden tausend der besten auserwählt,
+Man brachte ihre Helme und ander Rüstgewand,
+Da er sie führen wollte hin zu Brunhildens Land.
+
+Er sprach: "Ihr guten Ritter, Eins laßt euch sagen: 521
+Ihr sollt reiche Kleider dort am Hofe tragen,
+Denn uns wird da schauen manch minnigliches Weib:
+Darum sollt ihr zieren mit guten Kleidern den Leib."
+
+Nun möchten mich die Thoren vielleicht der Lüge zeihn: 522
+Wie konnten so viel Ritter wohl beisammen sein?
+Wo nähmen sie die Speise? Wo nähmen sie Gewand?
+Und besäß er dreißig Lande, er brächt es nimmer zu Stand.
+
+Ihr habt doch wol vernommen, Siegfried war gar reich. 523
+Sein war der Nibelungenhort, dazu das Königreich.
+Drum gab er seinen Degen völliglich genug;
+Es ward ja doch nicht minder, wie viel man von dem Schatze trug.
+
+Eines frühen Morgens begannen sie die Fahrt: 524
+Was schneller Mannen hatte da Siegfried sich geschart!
+Sie führten gute Rosse und herrlich Gewand:
+Sie kamen stolz gezogen hin zu Brunhildens Land.
+
+Da stand in den Zinnen manch minnigliches Kind. 525
+Da sprach die Königstochter: "Weiß Jemand, wer die sind,
+Die ich dort fließen sehe so fern auf der See?
+Sie führen reiche Segel, die sind noch weißer als der Schnee."
+
+Da sprach der Vogt vom Rheine: "Es ist mein Heergeleit, 526
+Das ich auf der Reise verließ von hier nicht weit:
+Ich habe sie besendet: nun sind sie, Frau, gekommen."
+Der herrlichen Gäste ward mit Züchten wahrgenommen.
+
+Da sah man Siegfrieden im Schiffe stehn voran 527
+In herrlichem Gewande mit manchem andern Mann.
+Da sprach die Königstochter: "Herr König, wollt mir sagen:
+Soll ich die Gäste grüßen oder ihnen Gruß versagen?"
+
+Er sprach: "Ihr sollt entgegen ihnen vor den Pallas gehn, 528
+Ob ihr sie gerne sehet, daß sie das wohl verstehn."
+Da that die Königstochter, wie ihr der König rieth;
+Siegfrieden mit dem Gruße sie von den Andern unterschied.
+
+Herberge gab man ihnen und wahrt' ihr Gewand. 529
+Da waren so viel Gäste gekommen in das Land,
+Daß sie sich allenthalben drängten mit den Scharen:
+Da wollten heim die Kühnen zu den Burgunden fahren.
+
+Da sprach die Königstochter: "Dem blieb ich immer hold, 530
+Der zu vertheilen wüste mein Silber und mein Gold
+Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann."
+Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann:
+
+"Viel edle Königstochter, laßt mich der Schlüßel pflegen; 531
+Ich will es so vertheilen," sprach der kühne Degen,
+"Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein."
+Daß er milde wäre, das leuchtete da wohl ein.
+
+Als sich Hagens Bruder der Schlüßel unterwand, 532
+So manche reiche Gabe bot des Helden Hand:
+Wer Einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben,
+Daß die Armen alle da in Freuden mochten leben.
+
+Wohl mit hundert Pfunden gab er ohne Wahl. 533
+Da gieng in reichem Kleide Mancher aus dem Saal,
+Der nie zuvor im Leben so hehr Gewand noch trug.
+Die Königin erfuhr es: da war es ihr leid genug.
+
+Sie sprach zu dem König: "Des hätt ich gerne Rath, 534
+Daß nichts mir soll verbleiben von meinem Kleiderstaat
+Vor euerm Kämmerlinge: er verschwendet all mein Gold.
+Wer dem noch widerstände, dem wollt ich immer bleiben hold.
+
+"Er giebt so reiche Gaben: der Degen wähnet eben, 535
+Ich habe nach dem Tode gesandt: ich will noch leben
+Und kann wol selbst verschwenden meines Vaters Gut."
+Nie hatt einer Königin Kämmerer so milden Muth.
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Frau, euch sei bekannt: 536
+Der König vom Rheine hat Gold und Gewand
+Zu geben solche Fülle, daß es nicht Noth ihm thut,
+Von hier hinweg zu führen einen Theil von Brunhilds Gut."
+
+"Nein, wenn ihr mich liebet," sprach sie zu den Herrn, 537
+"Zwanzig Reiseschreine füllt ich mir gern
+Mit Gold und mit Seide: das soll meine Hand
+Vertheilen, so wir kommen heim in der Burgunden Land."
+
+Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. 538
+Der Frauen Kämmerlinge musten zugegen sein:
+Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Unterthan.
+Gunther und Hagen darob zu lachen begann.
+
+Da sprach die Königstochter: "Wem laß ich nun mein Land? 539
+Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand."
+Da sprach der edle König: "So rufet wen herbei,
+Der euch dazu gefalle, daß er zum Vogt geordnet sei."
+
+Ihrer nächsten Freunde Einen die Jungfrau bei sich sah; 540
+Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da:
+"Nun laßt euch sein befohlen die Burgen und das Land,
+Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt."
+
+Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mann, 541
+Die mit ihr fahren sollten gen Burgund hindann
+Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland.
+Sie schickten sich zur Reise: man sah sie reiten nach dem Strand.
+
+Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, 542
+Dazu wol hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun.
+Sie säumten sich nicht länger, sie eilten nun hindann:
+Die sie zu Hause ließen, wie Manche hub zu weinen an!
+
+In höfischen Züchten räumte die Frau ihr Land, 543
+Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand.
+Mit gutem Urlaube kamen sie aufs Meer;
+Ihres Vaters Lande sah die Jungfrau nimmermehr.
+
+Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; 544
+Aller Kurzweile hatten sie da viel.
+Auch hob sich zu der Reise der rechte Wasserwind.
+Sie fuhren ab vom Lande: das beweinte mancher Mutter Kind.
+
+Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt: 545
+Ihre Kurzweil wurde bis in sein Haus gespart
+Zu Worms in der Veste zu einem Hofgelag,
+Dahin mit ihren Helden sie fröhlich kamen hernach.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Neuntes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried nach Worms gesandt wird.
+
+
+Da sie gefahren waren voll neun Tage, 546
+Da sprach von Tronje Hagen: "Nun hört, was ich sage.
+Wir säumen mit der Kunde nach Worms an den Rhein:
+Nun sollten eure Boten schon bei den Burgunden sein."
+
+Da sprach König Gunther: "Ihr redet recht daran; 547
+Auch hätt uns wohl Niemand die Fahrt so gern gethan
+Als ihr selbst, Freund Hagen: nun reitet in mein Land,
+Unsre Hofreise macht Niemand beßer da bekannt."
+
+"Nun wißt, lieber Herre, ich bin kein Bote gut: 548
+Laßt mich der Kammer pflegen und bleiben auf der Flut.
+Ich will hier bei den Frauen behüten ihr Gewand,
+Bis daß wir sie bringen in der Burgunden Land.
+
+"Nein, bittet Siegfrieden um die Botschaft dahin: 549
+Der mag sie wohl verrichten mit zuchtreichem Sinn.
+Versagt er euch die Reise, ihr sollt mit guten Sitten
+Bei eurer Schwester Liebe um die Fahrt ihn freundlich bitten."
+
+Er sandte nach dem Recken: der kam, als man ihn fand. 550
+Er sprach zu ihm: "Wir nahen uns schon meinem Land;
+Da sollt ich Boten senden der lieben Schwester mein
+Und auch meiner Mutter, daß wir kommen an den Rhein.
+
+"So bitt ich euch, Herr Siegfried, daß ihr die Reise thut, 551
+Ich wills euch immer danken," so sprach der Degen gut.
+Da weigerte sich Siegfried, dieser kühne Mann,
+Bis ihn König Gunther sehr zu flehen begann.
+
+Er sprach: "Ihr sollt reiten um den Willen mein, 552
+Dazu auch um Kriemhild, das schöne Mägdelein,
+Daß es mit mir vergelte die herrliche Maid."
+Als Siegfried das hörte, da war der Recke bald bereit.
+
+"Entbietet, was ihr wollet, es soll gemeldet sein: 553
+Ich will es gern bestellen um das schöne Mägdelein.
+Die ich im Herzen trage, verzichtet' ich auf die?
+Leisten will ich Alles, was ihr gebietet, um sie."
+
+"So sagt meiner Mutter, Ute der Königin, 554
+Daß ich auf dieser Reise hohes Muthes bin.
+Wie wir geworben haben, sagt meinen Brüdern an;
+Auch unsern Freunden werde diese Märe kund gethan.
+
+Ihr sollt auch nichts verschweigen der schönen Schwester mein, 555
+Ich woll ihr mit Brunhild stäts zu Diensten sein;
+So sagt auch dem Gesinde und wer mir unterthan,
+Was je mein Herz sich wünschte, daß ich das Alles gewann.
+
+"Und saget Ortweinen, dem lieben Neffen mein, 556
+Daß er Gestühl errichten laße bei dem Rhein;
+Den Mannen auch und Freunden sei es kund gethan,
+Ich stelle mit Brunhilden eine große Hochzeit an.
+
+"Und bittet meine Schwester, werd ihr das bekannt, 557
+Daß ich mit meinen Gästen gekommen sei ins Land,
+Daß sie dann wohl empfange die liebe Traute mein:
+So woll ich Kriemhilden stäts zu Dienst erbötig sein."
+
+Da bat bei Brunhilden und ihrem Ingesind 558
+Alsbald um den Urlaub Siegfried, Sigmunds Kind,
+Wie es ihm geziemte: da ritt er an den Rhein.
+Es könnt in allen Landen ein beßrer Bote nicht sein.
+
+Mit vierundzwanzig Recken zu Worms kam er an; 559
+Ohne den König kam er, das wurde kund gethan.
+Da mühten all die Degen in Jammer sich und Noth,
+Besorgt, daß dort der König gefunden habe den Tod.
+
+Sie stiegen von den Rossen und trugen hohen Muth; 560
+Da kam alsbald Herr Geiselher, der junge König gut,
+Und Gernot, sein Bruder, wie hurtig sprach er da,
+Als er den König Gunther nicht bei Siegfrieden sah:
+
+"Willkommen, Herr Siegfried, ich bitte, sagt mir an: 561
+Wo habt ihr meinen Bruder, den König, hingethan?
+Brunhildens Stärke hat ihn uns wol benommen;
+So wär uns sehr zu Schaden ihre hohe Minne gekommen."
+
+"Die Sorge laßt fahren: euch und den Freunden sein 562
+Entbietet seine Dienste der Heergeselle mein.
+Ich verließ ihn wohlgeborgen: er hat mich euch gesandt,
+Daß ich sein Bote würde, mit Mären her in euer Land.
+
+"Nun helft mir es fügen, wie es auch gescheh, 563
+Daß ich die Königin Ute und eure Schwester seh;
+Die soll ich hören laßen, was ihr zu wißen thut
+Gunther und Frau Brunhild; um sie beide steht es gut."
+
+Da sprach der junge Geiselher: "So sprecht bei ihnen an; 564
+Da habt ihr meiner Schwester einen Liebesdienst gethan.
+Sie trägt noch große Sorge um den Bruder mein:
+Die Maid sieht euch gerne: dafür will ich euch Bürge sein."
+
+Da sprach der Degen Siegfried: "Wo ich ihr dienen kann, 565
+Das soll immer treulich und willig sein gethan.
+Wer sagt nun, daß ich komme, den beiden Frauen an?"
+Da warb die Botschaft Geiselher, dieser waidliche Mann.
+
+Geiselher der junge sprach zu der Mutter da 566
+Und auch zu seiner Schwester, als er die beiden sah:
+"Uns ist gekommen Siegfried, der Held aus Niederland;
+Ihn hat mein Bruder Gunther her zum Rheine gesandt.
+
+"Er bringt uns die Kunde, wie's um den König steht; 567
+Nun sollt ihr ihm erlauben, daß er zu Hofe geht:
+Er bringt die rechten Mären uns her von Isenland."
+Noch war den edeln Frauen große Sorge nicht gewandt.
+
+Sie sprangen nach dem Staate und kleideten sich drein 568
+Und luden Siegfrieden nach Hof zu kommen ein.
+Das that der Degen williglich, weil er sie gerne sah.
+Kriemhild die edle sprach zu ihm in Güte da:
+
+"Willkommen, Herr Siegfried, ein Ritter ohne Gleich. 569
+Wo blieb mein Bruder Gunther, der edle König reich?
+Durch Brunhilds Stärke, fürcht' ich, gieng er uns verloren:
+O weh mir armen Mägdelein, daß ich je ward geboren!"
+
+Da sprach der kühne Ritter: "Nun gebt mir Botenbrot, 570
+Ihr zwei schönen Frauen weinet ohne Noth.
+Ich verließ ihn wohlgeborgen, das thu ich euch bekannt:
+Sie haben mich euch beiden mit der Märe hergesandt.
+
+"Mit freundlicher Liebe, viel edle Herrin mein, 571
+Entbeut euch seine Dienste er und die Traute sein.
+Nun laßt euer Weinen: sie wollen balde kommen."
+Sie hatte lange Tage so liebe Märe nicht vernommen.
+
+Mit schneeweißem Kleide aus Augen wohlgethan 572
+Wischte sie die Thränen; zu danken hub sie an
+Dem Boten dieser Märe, die ihr war gekommen.
+Ihr war die große Trauer und auch ihr Weinen benommen.
+
+Sie hieß den Boten sitzen: des war er gern bereit. 573
+Da sprach die Minnigliche: "Es wäre mir nicht leid,
+Wenn ich euch geben dürfte zum Botenlohn mein Gold.
+Dazu seid ihr zu vornehm: so bleib ich sonst denn euch hold.
+
+"Und würden dreißig Lande," sprach er, "mein genannt, 574
+So empfieng' ich Gabe doch gern aus eurer Hand."
+Da sprach die Wohlgezogne: "Wohlan, es soll geschehn."
+Da hieß sie ihren Kämmerer nach dem Botenlohne gehn.
+
+Vierundzwanzig Spangen mit Edelsteinen gut 575
+Gab sie ihm zum Lohne. So stund des Helden Muth:
+Er wollt es nicht behalten: er gab es unverwandt
+Ihren schönen Maiden, die er in der Kammer fand.
+
+Ihre Dienste bot ihm die Mutter gütlich an. 576
+"Ich soll euch ferner sagen," sprach der kühne Mann,
+"Um was der König bittet, gelangt er an den Rhein:
+Wenn ihr das, Fraue, leistet, er will euch stäts gewogen sein.
+
+"Seine reichen Gäste, das ist sein Begehr, 577
+Sollt ihr wohl empfangen; auch bittet er euch sehr,
+Entgegen ihm zu reiten vor Worms ans Gestad.
+Das ists, warum der König euch in Treun gebeten hat."
+
+"Das will ich gern vollbringen," sprach die schöne Magd: 578
+"Worin ich ihm kann dienen, das ist ihm unversagt.
+Mit freundlicher Treue wird all sein Wunsch gethan."
+Da mehrte sich die Farbe, die sie vor Freude gewann.
+
+Nie sah man Fürstenboten beßer wohl empfahn: 579
+Wenn sie ihn küssen durfte, sie hätt es gern gethan;
+Minniglich er anders doch von der Frauen schied.
+Da thaten die Burgunden, wie da Siegfried ihnen rieth.
+
+Sindold und Hunold und Rumold der Degen 580
+Großer Unmuße musten sie da pflegen,
+Als sie die Sitze richteten vor Worms an dem Strand:
+Die Schaffner des Königs man sehr beflißen da fand.
+
+Ortwein und Gere säumten auch nicht mehr, 581
+Sie sandten nach den Freunden allwärts umher,
+Die Hochzeit anzusagen, die da sollte sein;
+Der zierten sich entgegen viel der schönen Mägdelein.
+
+Der Pallas und die Wände waren allzumal 582
+Verziert der Gäste wegen; König Gunthers Saal
+Ward herrlich ausgerüstet für manchen fremden Mann;
+Das große Hofgelage mit hohen Freuden begann.
+
+Da ritten allenthalben die Wege durch das Land 583
+Der drei Könge Freunde; die hatte man besandt,
+Die Gäste zu empfangen, die da sollten kommen.
+Da wurden aus dem Einschlag viel reicher Kleider genommen.
+
+Bald brachte man die Kunde, daß man schon reiten sah 584
+Brunhilds Gefolge: Gedränge gab es da
+Von des Volkes Menge in Burgundenland.
+Hei! was man kühner Degen da zu beiden Seiten fand!
+
+Da sprach die schöne Kriemhild: "Ihr, meine Mägdelein, 585
+Die bei dem Empfange mit mir wollen sein,
+Die suchen aus den Kisten ihr allerbest Gewand:
+So wird uns Lob und Ehre von den Gästen zuerkannt."
+
+Da kamen auch die Recken und ließen vor sich her 586
+Schöne Sättel tragen von rothem Golde schwer,
+Daß drauf die Frauen ritten von Worms an den Rhein.
+Beßer Pferdgeräthe konnte wohl nimmer sein.
+
+Wie warf da von den Mähren den Schein das lichte Gold! 587
+Viel Edelsteine glänzten von den Zäumen hold;
+Die goldenen Schemel auf lichtem Teppich gut
+Brachte man den Frauen: sie hatten fröhlichen Muth.
+
+Die Frauenpferde standen auf dem Hof bereit, 588
+Wie gemeldet wurde, für manche edle Maid.
+Die schmalen Brustriemen sah man die Mähren tragen
+Von der besten Seide, davon man je hörte sagen.
+
+Sechsundachtzig Frauen traten da heraus, 589
+Die Kopfgebinde trugen; zu Kriemhild vor das Haus
+Zogen die Schönen jetzt in reichem Kleid;
+Da kam in vollem Schmucke auch manche waidliche Maid,
+
+Fünfzig und viere aus Burgundenland: 590
+Es waren auch die besten, die man irgend fand.
+Man sah sie gelblockig unter lichten Borten gehn.
+Was sich bedingt der König, das sah er fleißig geschehn.
+
+Von kostbaren Zeugen, den besten, die man fand, 591
+Trugen sie vor den Gästen manch herrlich Gewand.
+Zu ihrer schönen Farbe stand es ihnen gut:
+Wer Einer abhold wäre, litte wohl an schwachem Muth.
+
+Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand. 592
+Da schmückte sich gar Manche den Arm und auch die Hand
+Mit Spangen auf der Seide, die sie sollten tragen.
+Es könnt euch dieß Befleißen Niemand wohl zu Ende sagen.
+
+Viel Gürtel kunstgeschaffen, kostbar und lang, 593
+Ueber lichte Kleider die Hand der Frauen schwang
+Um edle Ferransröcke von Zeug aus Arabia,
+Wie man sie besser in aller Welt nicht ersah.
+
+Man sah in Brustgeschmeide manch schöne Maid 594
+Minniglich sich schnüren. Die mochte tragen Leid,
+Deren lichte Farbe das Kleid nicht überschien.
+So schönes Ingesinde hat nun keine Königin.
+
+Als die Minniglichen nun trugen ihr Gewand, 595
+Die sie da führen sollten, die kamen unverwandt,
+Die hochgemuthen Recken in großer Zahl daher;
+Man bracht auch hin viel Schilde und manchen eschenen Sper.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zehntes Abenteuer.
+
+Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt.
+
+
+Jenseits des Rheins sah man dem Gestad 596
+Mit allen seinen Gästen den König schon genaht.
+Da sah man auch am Zaume leiten manche Maid:
+Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit.
+
+Als bei den Schiffen ankam von Isenland die Schar 597
+Und die der Nibelungen, die Siegfried eigen war,
+Sie eilten an das Ufer; wohl fliß sich ihre Hand,
+Als man des Königs Freunde jenseits am Gestade fand.
+
+Nun hört auch die Märe von der Königin, 598
+Ute der reichen, wie sie die Mägdlein hin
+Brachte von der Veste und selber ritt zum Strand.
+Da wurden mit einander viel Maid' und Ritter bekannt.
+
+Der Markgraf Gere führte am Zaum Kriemhildens Pferd 599
+Bis vor das Thor der Veste; Siegfried der Degen werth
+Durft ihr weiter dienen; sie war so schön und hehr.
+Das ward ihm wohl vergolten von der Jungfrau nachher.
+
+Ortwein der kühne führte Ute die Königin, 600
+Und so ritt mancher Ritter neben den Frauen hin.
+Zu festlichem Empfange, das mag man wohl gestehn,
+Wurden nie der Frauen so viel beisammen gesehn.
+
+Viel hohe Ritterspiele wurden da getrieben 601
+Von preiswerthen Helden (wie wär es unterblieben?)
+Vor Kriemhild der schönen, die zu den Schiffen kam.
+Da hub man von den Mähren viel der Frauen lobesam.
+
+Der König war gelandet mit fremder Ritterschaft. 602
+Wie brach da vor den Frauen mancher starke Schaft!
+Man hört' auf den Schilden erklingen Stoß auf Stoß.
+Hei! reicher Buckeln Schallen ward im Gedränge da groß!
+
+Vor dem Hafen standen die Frauen minniglich; 603
+Gunther mit seinen Gästen hub von den Schiffen sich:
+Er führte Brunhilden selber an der Hand.
+Wider einander leuchtete schön Gestein und licht Gewand.
+
+In höfischen Züchten hin Frau Kriemhild gieng, 604
+Wo sie Frau Brunhilden und ihr Gesind empfieng.
+Man konnte lichte Hände am Kränzlein rücken sehn,
+Da sich die Beiden küssten: das war aus Liebe geschehn.
+
+Da sprach wohlgezogen Kriemhild das Mägdelein: 605
+"Ihr sollt uns willkommen in diesem Lande sein,
+Mir und meiner Mutter, und Allen, die uns treu
+Von Mannen und von Freunden." Da verneigten sich die Zwei.
+
+Oftmals mit den Armen umfiengen sich die Fraun. 606
+So minniglich Empfangen war nimmer noch zu schaun,
+Als die Frauen beide der Braut da thaten kund,
+Frau Ute mit der Tochter: sie küssten oft den süßen Mund.
+
+Da Brunhilds Frauen alle nun standen auf dem Strand, 607
+Von waidlichen Recken wurden bei der Hand
+Freundlich genommen viel Frauen ausersehn.
+Man sah die edeln Maide vor Frau Brunhilden stehn.
+
+Bis der Empfang vorüber war, das währte lange Zeit, 608
+Manch rosigem Munde war da ein Kuß bereit.
+Noch standen bei einander die Königinnen reich:
+Das freuten sich zu schauen viel der Recken ohne Gleich.
+
+Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher, 609
+Man hab also Schönes gesehen nimmermehr
+Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug.
+Man sah an ihrer Schöne auch nicht den mindesten Trug.
+
+Wer Frauen schätzen konnte und minniglichen Leib, 610
+Der pries um ihre Schöne König Gunthers Weib;
+Doch sprachen da die Kenner, die es recht besehn,
+Man müße vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn.
+
+Nun giengen zu einander Mägdelein und Fraun; 611
+Es war in hoher Zierde manch schönes Weib zu schaun.
+Da standen seidne Hütten und manches reiche Zelt,
+Womit man erfüllt sah hier vor Worms das ganze Feld.
+
+Des Könige Freunde drängten sich, um sie zu sehn. 612
+Da hieß man Brunhilden und Kriemhilden gehn
+Und all die Fraun mit ihnen hin, wo sich Schatten fand;
+Es führten sie die Degen aus der Burgunden Land.
+
+Nun waren auch die Gäste zu Ross geseßen all; 613
+Da gabs beim Lanzenbrechen durch Schilde lauten Schall.
+Das Feld begann zu stäuben, als ob das ganze Land
+Entbrannt wär in der Lohe: da machten Helden sich bekannt.
+
+Was da die Recken thaten, sah manche Maid mit an. 614
+Wohl ritt mit seinen Degen Siegfried der kühne Mann
+In mancher Wiederkehre vorbei an dem Gezelt;
+Der Nibelungen führte tausend Degen der Held.
+
+Da kam von Tronje Hagen, wie ihm der König rieth; 615
+Der Held mit guter Sitte die Ritterspiele schied,
+Daß sie nicht bestaubten die schönen Mägdelein:
+Da mochten ihm die Gäste gerne wohl gehorsam sein.
+
+Da sprach der edle Gernot: "Die Rosse laßt stehn, 616
+Bis es beginnt zu kühlen, daß wir die Frauen schön
+Mit unserm Dank geleiten bis vor den weiten Saal;
+Will dann der König reiten, find er euch bereit zumal."
+
+Das Kampfspiel war vergangen über all dem Feld: 617
+Da giengen kurzweilen in manches hohe Zelt
+Die Ritter zu den Frauen um hoher Lust Gewinn:
+Da vertrieben sie die Stunden, bis sie weiter sollten ziehn.
+
+Vor des Abends Nahen, als sank der Sonne Licht 618
+Und es begann zu kühlen, ließ man es länger nicht:
+Zu der Veste huben Fraun und Ritter sich;
+Mit Augen ward geliebkost mancher Schönen minniglich.
+
+Von guten Knechten wurden viel Pferde müd geritten 619
+Vor den Hochgemuthen nach des Landes Sitten,
+Bis vor dem Saale abstieg der König werth.
+Da diente man den Frauen und hob sie nieder vom Pferd.
+
+Da wurden auch geschieden die Königinnen reich. 620
+Hin gieng Frau Ute und Kriemhild zugleich
+Mit ihrem Ingesinde in ein weites Haus:
+Da vernahm man allenthalben der Freude rauschenden Braus.
+
+Man richtete die Stühle: der König wollte gehn 621
+Zu Tisch mit den Gästen. Da sah man bei ihm stehn
+Brunhild die schöne, die da die Krone trug
+In des Königs Lande: sie erschien wohl reich genug.
+
+Da sah man schöne Sitze und gute Tafeln breit 622
+Mit Speisen beladen, so hörten wir Bescheid.
+Was sie da haben sollten, wie wenig fehlte dran!
+Da sah man bei dem König gar manchen herrlichen Mann.
+
+Des Wirthes Kämmerlinge im Becken goldesroth 623
+Reichten ihnen Wasser. Das wär vergebne Noth,
+Sagte wer, man hätte je fleißgern Dienst gethan
+Bei eines Fürsten Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran.
+
+Eh der Vogt am Rheine hier das Wasser nahm, 624
+Zu Gunthern trat da Siegfried, er durft es ohne Scham,
+Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zu Pfand,
+Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland.
+
+Er sprach zu ihm: "Gedenket, mir schwur eure Hand, 625
+Wenn wir Frau Brunhild brächten in dieß Land,
+Ihr gäbt mir eure Schwester: wo blieb nun der Eid?
+Ihr wißt, bei eurer Reise war keine Mühe mir leid."
+
+Da sprach der Wirth zum Gaste: "Recht, daß ihr mich mahnt. 626
+Ich will den Eid nicht brechen, den ich schwur mit Mund und Hand,
+Ich helf es euch fügen, so gut es mag geschehn."
+Da hieß man Kriemhilden zu Hof vor den König gehn.
+
+Mit ihren schönen Maiden kam sie vor den Saal. 627
+Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Thal:
+"Nun heißt wiederkehren diese Mägdelein:
+Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein."
+
+Hin brachten sie Kriemhilden, wo man den König fand: 628
+Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land.
+In dem weiten Saale hieß man sie stille stehn;
+Frau Brunhilden sah man eben auch zu Tische gehn.
+
+Sie hatte keine Kunde, was da im Werke war. 629
+Da sprach König Dankrats Sohn zu seiner Mannen Schar:
+"Helft mir, daß meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann."
+Sie sprachen einhellig: "Das wäre gar wohl gethan."
+
+Da sprach der König Gunther: "Schwester, edle Maid, 630
+Bei deiner Zucht und Güte löse meinen Eid.
+Ich schwur dich einem Recken, und nimmst du ihn zum Mann,
+So hast du meinen Willen mit großen Treuen gethan."
+
+Die edle Maid versetzte: "Lieber Bruder mein, 631
+Ihr sollt mich nicht flehen, ich will gehorsam sein.
+Wie ihr mir gebietet, so soll es sein gethan:
+Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann."
+
+Von lieber Augenweide Ward Siegfrieds Farbe roth: 632
+Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot.
+Man ließ sie mit einander in einem Kreise stehn,
+Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn?
+
+Scheu, wie Mädchen pflegen, schämte sie sich ein Theil; 633
+Jedoch war Siegfrieden so günstig Glück und Heil,
+Daß sie nicht verschmähen wollte seine Hand.
+Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Held von Niederland.
+
+Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, 634
+Ein gütlich Umfangen war da alsbald bereit
+Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart:
+Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart.
+
+Sich schied das Gesinde. Als das geschah, 635
+Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah,
+Mit Kriemhilden sitzen; da dient' ihm mancher Mann.
+Man sah die Nibelungen mit ihm den Sitzen sich nahm.
+
+Der König saß zu Tische bei Brunhild der Maid. 636
+Da sah sie Kriemhilden (nichts war ihr je so leid)
+Bei Siegfrieden sitzen: zu weinen hub sie an,
+Daß ihr manch heiße Thräne über lichte Wangen rann.
+
+Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637
+Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein?
+Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan
+Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann."
+
+"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638
+"Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid.
+Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein:
+Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein."
+
+Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639
+Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will,
+Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben.
+Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben."
+
+Sie sprach: "Mich jammern immer ihre Schönheit, ihre Zucht; 640
+Wüst ich, wohin ich sollte, ich nähme gern die Flucht
+Und wollt euch nimmer eher nahe liegen bei,
+Bis ich wüste, weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei."
+
+Da sprach König Gunther: "Ich mach es euch bekannt: 641
+Er hat selber Burgen wie ich und weites Land.
+Das dürft ihr sicher glauben, er ist ein König reich:
+Drum gönn ich ihm zum Weibe die schöne Magd ohne Gleich."
+
+Was ihr der König sagte, traurig blieb ihr Muth. 642
+Da eilte von den Tischen mancher Ritter gut:
+Das Kampfspiel ward so heftig, daß rings die Burg erklang.
+Dem Wirth bei seinen Gästen ward die Weile viel zu lang.
+
+Er dacht: "Ich läge sanfter der schönen Frauen bei." 643
+Er wurde des Gedankens nicht mehr im Herzen frei,
+Von ihrer Minne müße ihm Liebes viel geschehn.
+Da begann er freundlich Frau Brunhilden anzusehn.
+
+Vom Ritterspiel die Gäste bat man abzustehn: 644
+Mit seinem Weibe wollte zu Bett der König gehn.
+Vor des Saales Stiege begegneten da
+Sich Kriemhild und Brunhild; noch in Güte das geschah.
+
+Da kam ihr Ingesinde; sie säumten länger nicht: 645
+Ihre reichen Kämmerlinge brachten ihnen Licht.
+Es theilten sich die Recken in beider Könge Lehn.
+Da sah man viel der Degen hinweg mit Siegfrieden gehn.
+
+Die Helden kamen beide hin, wo sie sollten liegen. 646
+Da dachte Jedweder mit Minnen obzusiegen
+Den minniglichen Frauen: des freute sich ihr Muth.
+Siegfriedens Kurzweil die wurde herrlich und gut.
+
+Als Siegfried der Degen bei Kriemhilden lag 647
+Und er da der Jungfrau so minniglich pflag
+Mit seinem edeln Minnen, sie ward ihm wie sein Leben:
+Er hätte nicht die eine für tausend andre gegeben.
+
+Ich sag euch nicht weiter, wie er der Frauen pflag. 648
+Nun hört diese Märe, wie König Gunther lag
+Bei Brunhild der Frauen; der zierliche Degen
+Hätte leichtlich sanfter bei andern Frauen gelegen.
+
+Das Volk hatt ihn verlaßen zumal, so Frau als Mann: 649
+Da ward die Kemenate balde zugethan.
+Er wähnt', er solle kosen ihren minniglichen Leib:
+Da währt' es noch gar lange, bevor sie wurde sein Weib.
+
+Im weißen Linnenhemde gieng sie ins Bett hinein. 650
+Der edle Ritter dachte: "Nun ist das alles mein,
+Wes mich je verlangte in allen meinen Tagen."
+Sie must ob ihrer Schöne mit großem Recht ihm behagen.
+
+Das Licht begann zu bergen des edeln Königs Hand. 651
+Hin gieng der kühne Degen, wo er die Jungfrau fand.
+Er legte sich ihr nahe: seine Freude die war groß,
+Als die Minnigliche der Held mit Armen umschloß.
+
+Minnigliches Kosen möcht er da viel begehn, 652
+Ließe das willig die edle Frau geschehn.
+Doch zürnte sie gewaltig: den Herrn betrübte das.
+Er wähnt, er fände Freude, da fand er feindlichen Haß.
+
+Sie sprach: "Edler Ritter, laßt euch das vergehn: 653
+Was ihr da habt im Sinne, das kann nicht geschehn.
+Ich will noch Jungfrau bleiben, Herr König, merkt euch das,
+Bis ich die Mär erfahre." Da faßte Gunther ihr Haß.
+
+Er rang nach ihrer Minne und zerrauft' ihr Kleid. 654
+Da griff nach einem Gürtel die herrliche Maid,
+Einer starken Borte, die sie um sich trug:
+Da that sie dem König großen Leides genug.
+
+Die Füß und die Hände sie ihm zusammenband, 655
+Zu einem Nagel trug sie ihn und hieng ihn an die Wand.
+Als er im Schlaf sie störte, sein Minnen sie verbot.
+Von ihrer Stärke hätt er beinah gewonnen den Tod.
+
+Da begann zu flehen, der Meister sollte sein: 656
+"Nun löst mir die Bande, viel edle Fraue mein.
+Ich getrau euch, schöne Herrin, doch nimmer obzusiegen
+Und will auch wahrlich selten mehr so nahe bei euch liegen."
+
+Sie frug nicht, wie ihm wäre, da sie in Ruhe lag. 657
+Dort must er hangen bleiben die Nacht bis an den Tag,
+Bis der lichte Morgen durchs Fenster warf den Schein:
+Hatt er je Kraft beseßen, die ward an seinem Leibe klein.
+
+"Nun sagt mir, Herr Gunther, ist euch das etwa leid, 658
+Wenn euch gebunden finden," sprach die schöne Maid,
+"Eure Kämmerlinge von einer Frauen Hand?"
+Da sprach der edle Ritter: "Das würd euch übel gewandt.
+
+"Auch wär mirs wenig Ehre," sprach der edle Mann: 659
+"Bei eurer Zucht und Güte nehmt mich nun bei euch an.
+Und ist euch meine Minne denn so mächtig leid,
+So will ich nie berühren mit meiner Hand euer Kleid."
+
+Da löste sie den König, daß er nicht länger hieng; 660
+Wieder an das Bette er zu der Frauen gieng.
+Er legte sich so ferne, daß er ihr Hemde fein
+Nicht oft darnach berührte: auch wollte sie des ledig sein.
+
+Da kam auch ihr Gesinde, das brachte neu Gewand: 661
+Des war heute Morgen genug für sie zur Hand.
+Wie froh man da gebahrte, traurig war genug
+Der edle Wirth des Landes, wie er des Tags die Krone trug.
+
+Nach des Landes Sitte, die zu begehen Pflicht, 662
+Unterließ es Gunther mit Brunhild länger nicht:
+Sie giengen nach dem Münster, wo man die Messe sang.
+Dahin auch kam Herr Siegfried; da hob sich mächtiger Drang.
+
+Nach königlichen Ehren war da für sie bereit, 663
+Was sie haben sollten, die Krone wie das Kleid.
+Da ließen sie sich weihen: als das war geschehn,
+Da sah man unter Krone alle Viere herrlich stehn.
+
+Das Schwert empfiengen Knappen, sechshundert oder mehr, 664
+Den Königen zu Ehren auf meines Worts Gewähr.
+Da hob sich große Freude in Burgundenland:
+Man hörte Schäfte brechen an der Schwertdegen Hand.
+
+Da saßen in den Fenstern die schönen Mägdelein. 665
+Sie sahen vor sich leuchten manches Schildes Schein.
+Nun hatte sich der König getrennt von seinem Lehn:
+Was man beginnen mochte, er ließ es trauernd geschehn.
+
+Ihm und Siegfrieden ungleich stand der Muth: 666
+Wohl wuste, was ihm fehlte, der edle Ritter gut.
+Da gieng er zu dem König, zu fragen er begann:
+"Wie ists euch gelungen die Nacht, das saget mir an."
+
+Da sprach der Wirth zum Gaste: "Den Schimpf und den Schaden 667
+Hab ich an meiner Frauen in mein Haus geladen.
+Ich wähnte sie zu minnen, wie schnell sie mich da band!
+Zu einem Nagel trug sie mich und hieng mich hoch an die Wand.
+
+"Da hieng ich sehr in Aengsten die Nacht bis an den Tag. 668
+Eh sie mich wieder löste, wie sanft sie da lag!
+Das sei dir in der Stille geklagt in Freundlichkeit."
+Da sprach der starke Siegfried: "Das ist in Wahrheit mir leid.
+
+"Das will ich euch beweisen, verschmerzt ihr den Verdruß. 669
+Ich schaffe, daß sie heute Nacht so nah euch liegen muß,
+Daß sie euch ihre Minne nicht länger vorenthält."
+Die Rede hörte gerne nach seinem Leide der Held.
+
+"Nun schau meine Hände, wie die geschwollen sind: 670
+Die drückte sie so mächtig, als wär ich ein Kind,
+Daß Blut mir allenthalben aus den Nägeln drang.
+Ich hegte keinen Zweifel, mein Leben währe nicht lang."
+
+Da sprach der starke Siegfried: "Es wird noch Alles gut. 671
+Uns Beiden war wohl ungleich heute Nacht zu Muth.
+Mir ist deine Schwester wie Leben lieb und Leib!
+So muß nun auch Frau Brunhild noch heute werden dein Weib.
+
+"Ich komme heut Abend zu deinem Kämmerlein 672
+Also wohl verborgen in der Tarnkappe mein,
+Daß sich meiner Künste Niemand mag versehn.
+Laß dann die Kämmerlinge zu ihren Herbergen gehn:
+
+"So lesch ich den Knappen die Lichter an der Hand: 673
+Bei diesem Wahrzeichen sei dir bekannt,
+Daß ich hereingetreten. Wohl zwing ich dir dein Weib,
+Daß du sie heute minnest, ich verlör' denn Leben und Leib."
+
+"Wenn du sie nicht minnest," der König sprach da so, 674
+"Meine liebe Fraue: des Andern bin ich froh;
+Was du auch thust und nähmst du Leben ihr und Leib,
+Das wollt ich wohl verschmerzen: sie ist ein schreckliches Weib."
+
+"Das nehm ich," sprach da Siegfried, "auf die Treue mein, 675
+Daß ich sie nicht berühre; die liebe Schwester dein
+Geht mir über alle, die ich jemals sah."
+Wohl glaubte König Gunther der Rede Siegfriedens da.
+
+Da gabs von Ritterspielen Freude so wie Noth. 676
+Den Buhurd und das Lärmen man allzumal verbot.
+Als die Frauen sollten nach dem Saale gehn,
+Geboten Kämmerlinge den Leuten, nicht im Weg zu stehn.
+
+Von Rossen und von Leuten räumte man den Hof. 677
+Der Frauen Jedwede führt' ein Bischof,
+Als sie vor den Königen zu Tische sollten gehn.
+Ihnen folgten zu den Stühlen viel der Degen ausersehn.
+
+Bei seinem Weib der König in froher Hoffnung saß: 678
+Was Siegfried ihm verheißen, im Sinne lag ihm das.
+Der eine Tag ihn dauchte wohl dreißig Tage lang:
+Nach Brunhildens Minne all sein Denken ihm rang.
+
+Er konnt es kaum erwarten, bis vorbei das Mahl. 679
+Brunhild die schöne rief man aus dem Saal
+Und auch Kriemhilden: sie sollten schlafen gehn:
+Hei! was man kühner Degen sah vor den Königinnen stehn!
+
+Siegfried der Herre gar minniglich saß 680
+Bei seinem schönen Weibe mit Freuden ohne Haß.
+Sie kos'te seine Hände mit ihrer weißen Hand,
+Bis er ihr vor den Augen, sie wuste nicht wie, verschwand.
+
+Da sie mit ihm spielte und sie ihn nicht mehr sah, 681
+Zu seinem Ingesinde sprach die Königin da:
+"Mich wundert sehr, wo ist doch der König hingekommen?
+Wer hat seine Hände mir aus den meinen genommen?"
+
+Sie ließ die Rede bleiben. Da eilt' er hinzugehn, 682
+Wo er die Kämmerlinge fand mit Lichtern stehn:
+Die lescht' er unversehens den Knappen an der Hand:
+Daß es Siegfried wäre, das war da Gunthern bekannt.
+
+Wohl wust er, was er wolle: er ließ von dannen gehn 683
+Mägdelein und Frauen. Als das war geschehn,
+Der edle König selber verschloß der Kammer Thür:
+Starker Riegel zweie die warf er eilends dafür.
+
+Hinterm Bettvorhange barg er der Kerzen Licht. 684
+Ein Spiel sogleich begannen, vermeiden ließ sichs nicht,
+Siegfried der starke und die schöne Maid:
+Das war dem König Gunther beides lieb und auch leid.
+
+Da legte sich Siegfried der Königin bei. 685
+Sie sprach: "Nun laßt es, Gunther, wie lieb es euch auch sei,
+Daß ihr nicht Noth erleidet heute so wie eh:
+Oder euch geschieht hier von meinen Händen wieder Weh."
+
+Er hehlte seine Stimme, kein Wörtlein sprach er da. 686
+Wohl hörte König Gunther, obgleich er sie nicht sah,
+Daß Heimliches von Beiden wenig geschehen sei;
+Nicht viel bequeme Ruhe im Bette fanden die Zwei.
+
+Er stellte sich, als wär er Gunther der König reich; 687
+Er umschloß mit Armen das Mägdlein ohne Gleich.
+Sie warf ihn aus dem Bette dabei auf eine Bank,
+Daß laut an einem Schemel ihm das Haupt davon erklang.
+
+Wieder auf mit Kräften sprang der kühne Mann, 688
+Es beßer zu versuchen: wie er das begann,
+Daß er sie zwingen wollte, da widerfuhr ihm Weh.
+Ich glaube nicht, daß solche Wehr von Frauen je wieder gescheh.
+
+Da ers nicht laßen wollte, das Mägdlein aufsprang: 689
+"Euch ziemt nicht zu zerraufen mein Hemd also blank.
+Ihr seid ungezogen: das wird euch noch leid.
+Des bring ich euch wohl inne," sprach die waidliche Maid.
+
+Sie umschloß mit den Armen den theuerlichen Degen 690
+Und wollt ihn auch in Bande wie den König legen,
+Daß sie im Bette läge mit Gemächlichkeit.
+Wie grimmig sie das rächte, daß er zerzerret ihr Kleid!
+
+Was half ihm da die Stärke, was seine große Kraft? 691
+Sie erwies dem Degen ihres Leibes Meisterschaft.
+Sie trug ihn übermächtig, das muste nur so sein,
+Und drückt ihn ungefüge bei dem Bett an einen Schrein.
+
+"O weh," gedacht er, "soll ich Leben nun und Leib 692
+Von einer Maid verlieren, so mag jedes Weib
+In allen künftgen Zeiten tragen Frevelmuth
+Dem Mann gegenüber, die es sonst wohl nimmer thut."
+
+Der König hörte Alles; er bangte für den Mann. 693
+Da schämte sich Siegfried, zu zürnen fieng er an.
+Mit ungefügen Kräften ihr widersetzt' er sich
+Und versuchte seine Stärke an Brunhilden ängstiglich.
+
+Wie sie ihn niederdrückte, sein Zorn erzwang es noch 694
+Und seine starken Kräfte, daß ihr zum Trotz er doch
+Sich aufrichten konnte; seine Angst war groß.
+Sie gaben in der Kammer sich her und hin manchen Stoß.
+
+Auch litt König Gunther Sorgen und Beschwer: 695
+Er muste manchmal flüchten vor ihnen hin und her.
+Sie rangen so gewaltig, daß es Wunder nahm,
+Wie Eins vor dem Andern mit dem Leben noch entkam.
+
+Den König Gunther ängstigte beiderseits die Noth; 696
+Doch fürchtet' er am meisten Siegfriedens Tod.
+Wohl hätte sie dem Degen das Leben schier benommen:
+Dürft er nur, er wär ihm gern zu Hülfe gekommen.
+
+Gar lange zwischen Beiden dauerte der Streit; 697
+Da bracht er an das Bette zuletzt zurück die Maid:
+Wie sehr sie sich auch wehrte, die Wehr ward endlich schwach.
+Gunther in seinen Sorgen hieng mancherlei Gedanken nach.
+
+Es währte lang dem König, bis Siegfried sie bezwang. 698
+Sie drückte seine Hände, daß aus den Nägeln sprung
+Das Blut von ihren Kräften; das war dem Helden leid.
+Da zwang er zu verläugnen diese herrliche Maid
+
+Den ungestümen Willen, den sie erst dargethan. 699
+Alles vernahm der König, doch hört ers schweigend an.
+Er drückte sie ans Bette, daß sie aufschrie laut:
+Des starken Siegfrieds Kräfte schmerzten übel die Braut.
+
+Da griff sie nach der Hüfte, wo sie die Borte fand, 700
+Und dacht' ihn zu binden: doch wehrt' es seine Hand,
+Daß ihr die Glieder krachten, dazu der ganze Leib.
+Da war der Streit zu Ende: da wurde sie Gunthers Weib.
+
+Sie sprach: "Edler König, nimm mir das Leben nicht: 701
+Was ich dir that zu Leide, vergüt ich dir nach Pflicht.
+Ich wehre mich nicht wieder der edeln Minne dein:
+Ich hab es wohl erfahren, daß du magst Frauen Meister sein."
+
+Aufstand da Siegfried, liegen blieb die Maid, 702
+Als dächt er abzuwerfen eben nur das Kleid.
+Er zog ihr vom Finger ein Ringlein von Gold,
+Daß es nicht gewahrte die edle Königin hold,
+
+Auch nahm er ihren Gürtel, eine Borte gut. 703
+Ich weiß nicht, geschah es aus hohem Uebermuth.
+Er gab ihn seinem Weibe: das ward ihm später leid.
+Da lagen bei einander der König und die schöne Maid.
+
+Er pflag der Frauen minniglich, wie es geziemend war: 704
+Scham und Zorn verschmerzen muste sie da gar.
+Von seinen Heimlichkeiten ihre lichte Farb erblich.
+Hei! wie von der Minne die große Kraft ihr entwich!
+
+Da war auch sie nicht stärker als ein ander Weib. 705
+Minniglich umfieng er ihren schönen Leib;
+Wenn sie noch widerstände, was könnt es sie verfahn?
+Das hatt ihr Alles Gunther mit seinem Minnen gethan.
+
+Wie minniglich der Degen da bei der Frauen lag 706
+In freundlicher Liebe bis an den lichten Tag!
+Inzwischen war Herr Siegfried längst schon hindann:
+Da ward er wohl empfangen von einer Frauen wohlgethan.
+
+Er wich allen Fragen aus, die sie erdacht, 707
+Und hehlt' ihr noch lang, was er mitgebracht,
+Bis er daheim das Kleinod ihr doch am Ende gab:
+Das brachte viel der Degen mit ihm selber ins Grab.
+
+Dem Wirth am andern Morgen viel höher stand der Muth, 708
+Als am ersten Tage: da ward die Freude gut
+In allen seinen Landen bei manchem edeln Mann.
+Die er zu Hof geladen, denen ward viel Dienst gethan.
+
+Vierzehn Tage währte diese Lustbarkeit, 709
+Daß sich der Schall nicht legte in so langer Zeit
+Von aller Lust und Kurzweil, die man erdenken mag.
+Wohl verwandte hohe Kosten der König bei dem Hofgelag.
+
+Des edeln Wirthes Freunde, wie es der Herr gewollt, 710
+Verschenkten ihm zu Ehren Kleider und rothes Gold,
+Silber auch und Rosse an manchen fremden Mann.
+Die gerne Gaben nahmen, die schieden fröhlich hindann.
+
+Auch der kühne Siegfried aus dem Niederland 711
+Mit seinen tausend Mannen --all das Gewand,
+Das sie gebracht zum Rheine, ward ganz dahin gegeben,
+Schöne Ross' und Sättel: sie wusten herrlich zu leben.
+
+Bevor die reiche Gabe noch alle war verwandt, 712
+Schon daucht es die zu lange, die wollten in ihr Land.
+Nie sah man ein Gesinde mehr so wohl verpflegen.
+So endete die Hochzeit: da schied von dannen mancher Degen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Eilftes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte.
+
+
+Als die Gäste waren gefahren all davon, 713
+Da sprach zu dem Gesinde König Siegmunds Sohn:
+"Wir wollen auch uns rüsten zur Fahrt in unser Land."
+Lieb ward es seinem Weibe, als ihr die Märe ward bekannt.
+
+Sie sprach zu ihrem Manne: "Wann sollen wir nun fahren? 714
+So sehr damit zu eilen will ich mich bewahren:
+Erst sollen mit mir theilen meine Brüder dieses Land."
+Leid war es Siegfrieden, als ers an Kriemhilden fand.
+
+Die Fürsten giengen zu ihm und sprachen alle drei: 715
+"Wißt nun, Herr Siegfried, daß euch immer sei
+Unser Dienst mit Treue bereit bis in den Tod."
+Er neigte sich den Herren, da mans so wohl ihm erbot.
+
+"Wir wolln auch mit euch theilen," sprach Geiselher das Kind, 716
+"Das Land und die Burgen, die unser eigen sind,
+Und was der weiten Reiche uns ist unterthan;
+Ihr empfangt mit Kriemhild euer volles Theil daran."
+
+Der Sohn König Siegmunds sprach zu den Fürsten da, 717
+Als er den guten Willen der Herren hört und sah:
+"Gott laß euch euer Erbe gesegnet immer sein
+Und auch die Leute drinnen: es mag die liebe Fraue mein
+
+"Des Theils wohl entrathen, den ihr ihr wolltet geben: 718
+Wo sie soll Krone tragen, mögen wirs erleben,
+Da muß sie reicher werden, als wer ist auf der Welt.
+Was ihr sonst gebietet, ich bin euch dienstlich gesellt."
+
+Da sprach aber Kriemhild: "Wenn ihr mein Land verschmäht, 719
+Um die Burgundendegen es so gering nicht fleht;
+Die mag ein König gerne führen in sein Land:
+Wohl soll sie mit mir theilen meiner lieben Brüder Hand."
+
+Da sprach König Gernot: "Nimm, die du willst, mit dir. 720
+Die gerne mit dir reiten, du findest Viele hier.
+Von dreißighundert Recken nimm dir tausend Mann
+Zu deinem Hausgesinde." Kriemhild zu senden begann
+
+Nach Hagen von Tronje und nach Ortwein, 721
+Ob sie und ihre Freunde Kriemhildens wollten sein.
+Da gewann darüber Hagen ein zorniges Leben:
+Er sprach: "Uns kann Gunther in der Welt an Niemand vergeben.
+
+"Ander Ingesinde nehmt zu eurer Fahrt; 722
+Ihr werdet ja wohl kennen der Tronejer Art.
+Wir müßen bei den Königen bleiben so fortan
+Und denen ferner dienen, deren Dienst wir stäts versahn."
+
+Sie ließen es bewenden und machten sich bereit. 723
+Ihres edeln Ingesindes nahm Kriemhild zum Geleit
+Zweiunddreißig Mägdelein und fünfhundert Mann;
+Eckewart der Markgraf zog mit Kriemhild hindann.
+
+Da nahmen alle Urlaub, Ritter so wie Knecht, 724
+Mägdelein und Frauen: so war es Fug und Recht.
+Unter Küssen scheiden sah man sie unverwandt,
+Und jene räumten fröhlich dem König Gunther das Land.
+
+Da geleiteten die Freunde sie fern auf ihren Wegen. 725
+Allenthalben ließ man ihnen Nachtherberge legen,
+Wo sie die nehmen wollten in der Könge Land.
+Da wurden bald auch Boten dem König Siegmund gesandt,
+
+Damit er wißen sollte und auch Frau Siegelind, 726
+Sein Sohn solle kommen mit Frau Utens Kind,
+Kriemhild der schönen, von Worms über Rhein.
+Diese Mären konnten ihnen nimmer lieber sein.
+
+"Wohl mir," sprach da Siegmund, "daß ich den Tag soll sehn, 727
+Da hier die schöne Kriemhild soll unter Krone gehn!
+Das erhöht im Werthe mir all das Erbe mein:
+Mein Sohn Siegfried soll nun selbst hier König sein."
+
+Da gab ihnen Siegelind zu Kleidern Sammet roth 728
+Und schweres Gold und Silber: das war ihr Botenbrot.
+Sie freute sich der Märe, die sie da vernahm.
+All ihr Ingesinde sich mit Fleiß zu kleiden begann.
+
+Man sagt' ihr, wer da käme mit Siegfried in das Land. 729
+Da hieß sie Gestühle errichten gleich zur Hand,
+Wo er vor den Freunden sollt unter Krone gehn.
+Entgegen ritten ihnen Die in König Siegmunds Lehn.
+
+Wer beßer wäre empfangen, mir ist es unbekannt, 730
+Als die Helden wurden in Siegmundens Land.
+Kriemhilden seine Mutter Sieglind entgegenritt
+Mit viel der schönen Frauen; kühne Ritter zogen mit
+
+Wohl eine Tagereise, bis man die Gäste sah. 731
+Die Heimischen und Fremden litten Beschwerde da,
+Bis sie endlich kamen zu einer Veste weit,
+Die Santen war geheißen, wo sie Krone trugen nach der Zeit.
+
+Mit lachendem Munde Siegmund und Siegelind 732
+Manche liebe Weile küssten sie Utens Kind
+Und Siegfried den Degen; ihnen war ihr Leid benommen.
+All ihr Ingesinde hieß man fröhlich willkommen.
+
+Da brachten sie die Gäste vor König Siegmunds Saal. 733
+Die schönen Jungfrauen hub man allzumal
+Von den Mähren nieder; da war mancher Mann,
+Der den schönen Frauen mit Fleiß zu dienen begann.
+
+So prächtig ihre Hochzeit am Rhein war bekannt, 734
+Doch gab man hier den Helden köstlicher Gewand,
+Als sie all ihr Leben je zuvor getragen.
+Man mochte große Wunder von ihrem Reichthume sagen.
+
+So saßen sie in Ehren und hatten genug. 735
+Was goldrothe Kleider ihr Ingesinde trug!
+Edel Gestein und Borten sah man gewirkt darin.
+So verpflag sie fleißig Sieglind die edle Königin.
+
+Da sprach vor seinen Freunden der König Siegmund: 736
+"Allen meinen Freunden thu ichs heute kund,
+Daß Siegfried meine Krone hier hinfort soll tragen."
+Die Märe hörten gerne Die von Niederlanden sagen.
+
+Er befahl ihm seine Krone mit Gericht und Land: 737
+Da war er Herr und König. Wem er den Rechtsspruch fand
+Und wen er strafen sollte, das wurde so gethan,
+Daß man wohl fürchten durfte der schönen Kriemhilde Mann.
+
+In diesen hohen Ehren lebt' er, das ist wahr, 738
+Und richtet' unter Krone bis an das zehnte Jahr,
+Da die schöne Königin einen Sohn gewann,
+An dem des Königs Freunde ihren Wunsch und Willen sahn.
+
+Alsbald ließ man ihn taufen und einen Namen nehmen: 739
+Gunther, nach seinem Oheim, des dürft er sich nicht schämen.
+Gerieth' er nach den Freunden, er würd ein kühner Mann.
+Man erzog ihn sorgsam: sie thaten auch recht daran.
+
+In denselben Zeiten starb Frau Siegelind: 740
+Da nahm die volle Herrschaft der edeln Ute Kind,
+Wie so reicher Frauen geziemte wohl im Land.
+Es ward genug betrauert, daß der Tod sie hatt entwandt.
+
+Nun hatt auch dort am Rheine, wie wir hören sagen, 741
+Gunther dem reichen einen Sohn getragen
+Brunhild die schöne in Burgundenland.
+Dem Helden zu Liebe ward er Siegfried genannt.
+
+Mit welchen Sorgen immer man sein hüten hieß! 742
+Von Hofmeistern Gunther ihn Alles lehren ließ,
+Was er bedürfen möchte, erwüchs' er einst zum Mann.
+Hei, was ihm bald das Unglück der Verwandten abgewann!
+
+Zu allen Zeiten Märe war so viel gesagt, 743
+Wie doch so herrlich die Degen unverzagt
+Zu allen Stunden lebten in Siegmundens Land:
+So lebt' auch König Gunther mit seinen Freunden auserkannt.
+
+Das Land der Nibelungen war Siegfried unterthan 744
+(Keiner seiner Freunde je größern Schatz gewann)
+Mit Schilbungens Recken und der Beiden Gut.
+Darüber trug der Kühne desto höher den Muth.
+
+Hort den allermeisten, den je ein Held gewann, 745
+Nach den ersten Herren, besaß der kühne Mann,
+Den vor einem Berge seine Hand erwarb im Streit:
+Er schlug darum zu Tode manchen Ritter allbereit.
+
+Vollauf besaß er Ehre, und hätt ers halb entbehrt, 746
+Doch müste man gestehen dem edeln Recken werth,
+Daß er der Beste wäre, der je auf Rossen saß.
+Man scheute seine Stärke, mit allem Grunde that man das.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zwölftes Abenteuer.
+
+Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud.
+
+
+Da dacht auch alle Tage Brunhild die Königin: 747
+"Wie trägt nur Frau Kriemhild so übermüthgen Sinn!
+Nun ist doch unser Eigen Siegfried ihr Mann:
+Der hat uns nun schon lange wenig Dienste gethan."
+
+Das trug sie im Herzen in großer Heimlichkeit; 748
+Daß sie ihr fremde blieben, das war der Frauen leid.
+Daß man ihr nicht zinste von des Fürsten Land,
+Woher das wohl käme, das hätte sie gern erkannt.
+
+Sie versucht' es bei dem König, ob es nicht geschehn 749
+Möchte, daß sie Kriemhild noch sollte wiedersehn.
+Sie vertraut' ihm heimlich, worauf ihr sann der Muth;
+Da dauchte den König der Frauen Rede nicht gut.
+
+"Wie könnten wir sie bringen," sprach der König hehr, 750
+"Her zu diesem Lande? das fügt sich nimmermehr.
+Sie wohnen uns zu ferne: ich darf sie nicht drum bitten."
+Da gab ihm Brunhild Antwort mit gar hochfährtgen Sitten:
+
+"Und wäre noch so mächtig eines Königs Mann, 751
+Was ihm sein Herr gebietet, das muß doch sein gethan."
+Lächeln muste Gunther ihrer Rede da:
+Er nahm es nicht als Dienst an, wenn er Siegfrieden sah.
+
+Sie sprach: "Lieber Herre, bei der Liebe mein, 752
+Hilf mir, daß Siegfried und die Schwester dein
+Zu diesem Lande kommen und wir sie hier ersehn:
+So könnte mir auf Erden nimmer lieber geschehn.
+
+"Deiner Schwester Güte, ihr wohlgezogner Muth, 753
+Wenn ich daran gedenke, wie wohl mirs immer thut;
+Wie wir beisammen saßen, als ich dir ward vermählt!
+Sie hat sich mit Ehren den kühnen Siegfried erwählt."
+
+Da bat sie ihn so lange, bis der König sprach: 754
+"Nun wißt, daß ich Gäste nicht lieber sehen mag.
+Ihr mögt mich leicht erbitten: ich will die Boten mein
+Zu ihnen beiden senden, daß sie kommen an den Rhein."
+
+Da sprach die Königstochter: "So sollt ihr mir sagen, 755
+Wann ihr sie wollt besenden, oder zu welchen Tagen
+Die lieben Freunde sollen kommen in dieß Land;
+Die ihr dahin wollt senden, die macht zuvor mir bekannt."
+
+"Das will ich," sprach der König: "dreißig aus meinem Lehn 756
+Laß ich zu ihnen reiten." Die hieß er vor sich gehn:
+Durch sie entbot er Märe in Siegfriedens Land.
+Da beschenkte sie Frau Brunhild mit manchem reichen Gewand.
+
+Der König sprach: "Ihr Recken sollt von mir sagen 757
+Und nichts von dem verschweigen, was ich euch aufgetragen,
+Siegfried dem starken und der Schwester mein,
+Ihnen dürf auf Erden nimmer Jemand holder sein.
+
+"Und bittet, daß sie beide uns kommen an den Rhein: 758
+Dafür will ich und Brunhild ihnen stäts gewogen sein.
+Vor dieser Sonnenwende soll er hier Manchen sehn,
+Er und seine Mannen, die ihm Ehre laßen geschehn.
+
+"Vermeldet auch dem König Siegmund die Dienste mein, 759
+Daß ich und meine Freunde ihm stäts gewogen sei'n.
+Und bittet meine Schwester, daß sie's nicht unterläßt
+Und zu den Freunden reitet: nie ziemt' ihr so ein Freudenfest."
+
+Brunhild und Ute und was man Frauen fand, 760
+Die entboten ihre Dienste in Siegfriedens Land
+Den minniglichen Frauen und manchem kühnen Mann.
+Nach Wunsch des Königs hoben sich bald die Boten hindann.
+
+Sie standen reisefertig; ihr Ross und ihr Gewand 761
+War ihnen angekommen: da räumten sie das Land.
+Sie eilten zu dem Ziele, dahin sie wollten fahren.
+Der König hieß die Boten durch Geleite wohl bewahren.
+
+Innerhalb zwölf Tagen kamen sie in das Land, 762
+Zu Nibelungens Veste, wohin man sie gesandt,
+In der Mark zu Norweg fanden sie den Degen:
+Ross und Leute waren müde von den langen Wegen.
+
+Siegfried und Kriemhilden war eilends hinterbracht, 763
+Daß Ritter kommen waren, die trügen solche Tracht,
+Wie bei den Burgunden man trug der Sitte nach.
+Sie sprang von einem Bette, darauf die Ruhende lag.
+
+Zu einem Fenster ließ sie eins ihrer Mägdlein gehn; 764
+Die sah den kühnen Gere auf dem Hofe stehn,
+Ihn und die Gefährten, die man dahin gesandt.
+Ihr Herzeleid zu stillen, wie liebe Kunde sie fand!
+
+Sie sprach zu dem Könige: "Seht ihr, wie sie stehn, 765
+Die mit dem starken Gere auf dem Hofe gehn,
+Die uns mein Bruder Gunther nieder schickt den Rhein."
+Da sprach der starke Siegfried: "Die sollen uns willkommen sein."
+
+All ihr Ingesinde lief hin, wo man sie sah. 766
+Jeder an seinem Theile gütlich sprach er da
+Das Beste, was er konnte, zu den Boten hehr.
+Ihres Kommens freute der König Siegmund sich sehr.
+
+Herbergen ließ man Geren und Die ihm unterthan 767
+Und ihrer Rosse warten. Die Boten brachte man
+Dahin, wo Herr Siegfried bei Kriemhilden saß.
+Sie sahn den Boten gerne sicherlich ohne allen Haß.
+
+Der Wirth mit seinem Weibe erhob sich gleich zur Hand. 768
+Wohl ward empfangen Gere aus Burgundenland
+Mit seinen Fahrtgenossen in König Gunthers Lehn.
+Den Markgrafen Gere bat man nicht länger zu stehn.
+
+"Erlaubt uns die Botschaft, eh wir uns setzen gehn; 769
+Uns wegemüde Gäste, laßt uns so lange stehn,
+So melden wir die Märe, die euch zu wißen thut
+Gunther mit Brunhilden: es geht ihnen beiden gut.
+
+"Und was euch Frau Ute, eure Mutter, her entbot, 770
+Geiselher der junge und auch Herr Gernot
+Und eure nächsten Freunde: die haben uns gesandt
+Und entbieten euch viele Dienste aus der Burgunden Land."
+
+"Lohn ihnen Gott," sprach Siegfried; "ich versah zu ihnen wohl 771
+Mich aller Lieb und Treue, wie man zu Freunden soll.
+So thut auch ihre Schwester; ihr sollt uns ferner sagen,
+Ob unsre lieben Freunde hohen Muth daheim noch tragen.
+
+"Hat ihnen, seit wir schieden, Jemand ein Leid gethan 772
+Meiner Fraue Brüdern? Das saget mir an.
+Ich wollt es ihnen immer mit Treue helfen tragen,
+Bis ihre Widersacher meine Dienste müsten beklagen."
+
+Antwort gab der Markgraf Gere, ein Ritter gut: 773
+"Sie sind in allen Züchten mit Freuden wohlgemuth.
+Sie laden euch zum Rheine zu einer Lustbarkeit
+Sie sähn euch gar gerne, daß ihr des außer Zweifel seid.
+
+"Sie bitten meine Fraue auch mit euch zu kommen. 774
+Wenn nun der Winter ein Ende hat genommen,
+Vor dieser Sonnenwende da möchten sie euch sehn."
+Da sprach der starke Siegfried: "Das könnte schwerlich geschehn."
+
+Da sprach wieder Gere von Burgundenland: 775
+"Eure Mutter Ute hat euch sehr gemahnt
+Mit Gernot und Geiselher, ihr sollt es nicht versagen.
+Daß ihr so ferne wohnet, hör ich sie täglich beklagen.
+
+"Brunhild meine Herrin und ihre Mägdelein 776
+Freuen sich der Kunde, und könnt es jemals sein,
+Daß sie euch wiedersähen, ihnen schuf es hohen Muth."
+Da dauchten diese Mären die schöne Kriemhilde gut.
+
+Gere war ihr Vetter: der Wirth ihn sitzen hieß; 777
+Den Gästen hieß er schenken, nicht länger man das ließ.
+Da kam dazu auch Siegmund: als der die Boten sah,
+Freundlich sprach der König zu den Burgunden da:
+
+"Willkommen uns, ihr Recken in König Gunthers Lehn. 778
+Da sich Kriemhilden zum Weibe hat ersehn
+Mein Sohn Siegfried, man sollt euch öfter schaun
+In diesem Lande, dürften wir bei euch auf Freundschaft vertraun.
+
+Sie sprachen: Wenn er wolle, sie würden gerne kommen. 779
+Ihnen ward mit Freuden die Müdigkeit benommen.
+Man hieß die Boten sitzen; Speise man ihnen trug:
+Deren schuf da Siegfried den lieben Gästen genug.
+
+Sie musten da verweilen volle neun Tage. 780
+Darob erhoben endlich die schnellen Ritter Klage,
+Daß sie nicht wieder reiten durften in ihr Land.
+Da hatt auch König Siegfried zu seinen Freunden gesandt:
+
+Er fragte, was sie riethen: er solle nach dem Rhein. 781
+"Es ließ mich entbieten Gunther der Schwager mein,
+Er und seine Brüder, zu einer Lustbarkeit:
+Ich möcht ihm gerne kommen, liegt gleich sein Land mir so weit.
+
+"Sie bitten Kriemhilden, mit mir zu ziehn. 782
+Nun rathet, liebe Freunde, wie kommen wir dahin?
+Und sollt ich Heerfahrten durch dreißig Herren Land,
+Gern dienstbereit erwiese sich ihnen Siegfriedens Hand."
+
+Da sprachen seine Recken: "Steht euch zur Fahrt der Muth 783
+Nach dem Hofgelage, wir rathen, was ihr thut:
+Ihr sollt mit tausend Recken reiten an den Rhein:
+So mögt ihr wohl mit Ehren bei den Burgunden sein."
+
+Da sprach von Niederlanden der König Siegmund: 784
+"Wollt ihr zum Hofgelage, was thut ihr mirs nicht kund?
+Ich will mit euch reiten, wenn ihrs zufrieden seid;
+Hundert Degen führ ich, damit mehr ich eur Geleit."
+
+"Wollt ihr mit uns reiten, lieber Vater mein," 785
+Sprach der kühne Siegfried, "des will ich fröhlich sein.
+Binnen zwölf Tagen räum ich unser Land."
+Die sie begleiten sollten, denen gab man Ross' und Gewand.
+
+Als dem edeln König zur Reise stand der Muth, 786
+Da ließ man wieder reiten die schnellen Degen gut.
+Seiner Frauen Brüdern entbot er an den Rhein,
+Daß er gerne wolle bei ihrem Hofgelage sein.
+
+Siegfried und Kriemhild, so hörten wir sagen, 787
+Beschenkten so die Boten, es mochten es nicht tragen
+Die Pferde nach der Heimat: er war ein reicher Mann.
+Ihre starken Säumer trieb man zur Reise fröhlich an.
+
+Da schuf dem Volke Kleider Siegfried und Siegemund. 788
+Eckewart der Markgraf ließ da gleich zur Stund
+Frauenkleider suchen, die besten, die man fand
+Und irgend mocht erwerben in Siegfriedens ganzem Land.
+
+Die Sättel und die Schilde man da bereiten ließ. 789
+Den Rittern und den Frauen, die er sich folgen hieß,
+Gab man, was sie wollten; nichts gebrach daran.
+Er brachte seinen Freunden manchen herrlichen Mann.
+
+Nun wandten sich die Boten zurück und eilten sehr. 790
+Da kam zu den Burgunden Gere, der Degen hehr,
+Und wurde schön empfangen: sie schwangen sich zu Thal
+Von Rossen und von Mähren dort vor König Gunthers Saal.
+
+Die Jungen und die Alten kamen, wie man thut, 791
+Und fragten nach der Märe. Da sprach der Ritter gut:
+"Wenn ichs dem König sage, wird es auch euch bekannt."
+Er gieng mit den Gesellen dahin, wo er Gunthern fand.
+
+Der König vor Freude von dem Seßel sprang; 792
+Daß sie so bald gekommen, sagt' ihnen Dank
+Brunhild die Schöne. Zu den Boten sprach er da:
+"Wie gehabt sich Siegfried, von dem mir Liebe viel geschah?"
+
+Da sprach der kühne Gere: "Er ward vor Freuden roth, 793
+Er und eure Schwester. So holde Mär entbot
+Seinen Freunden nimmer noch zuvor ein Mann,
+Als euch der edle Siegfried und sein Vater hat gethan."
+
+Da sprach zum Markgrafen des reichen Königs Weib: 794
+"Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? Hat noch ihr schöner Leib
+Die hohe Zier behalten, deren sie mochte pflegen?"
+Er sprach: "Sie kommen beide; mit ihnen mancher kühne Degen."
+
+Ute ließ die Boten alsbald vor sich gehn. 795
+Da wars an ihrem Fragen leichtlich zu verstehn,
+Was sie zu wißen wünsche: "War Kriemhild noch wohlauf?"
+Er gab Bescheid, sie kam auch nach kurzer Tage Verlauf.
+
+Da blieb auch nicht verhohlen am Hof der Botensold, 796
+Den ihnen Siegfried schenkte, die Kleider und das Gold:
+Die ließ man alle schaun in der drei Fürsten Lehn.
+Da musten sie ihm Ehre wohl für Milde zugestehn.
+
+"Er mag," sprach da Hagen, "mit vollen Händen geben: 797
+Er könnt es nicht verschwenden, und sollt er ewig leben.
+Den Hort der Nibelungen beschließt des Königs Hand;
+Hei! daß er jemals käme her in der Burgunden Land!"
+
+Da freuten sich die Degen am Hof im Voraus, 798
+Daß sie kommen sollten. Beflißen überaus
+Sah man spät und frühe Die in der Könge Lehn.
+Welch herrlich Gestühle ließ man vor der Burg erstehn!
+
+Hunold der kühne und Sindold der Degen 799
+Hatten wenig Muße: des Amtes muste pflegen
+Truchseß auch und Schenke und richten manche Bank;
+Auch Ortwein war behülflich: des sagt' ihnen Gunther Dank.
+
+Rumold der Küchenmeister, wie herrscht' er in der Zeit 800
+Ob seinen Unterthanen, gar manchem Keßel weit,
+Häfen und Pfannen; hei! was man deren fand!
+Denen ward da Kost bereitet, die da kamen in das Land.
+
+Der Frauen Arbeiten waren auch nicht klein: 801
+Sie bereiteten die Kleider, darauf manch edler Stein,
+Des Stralen ferne glänzten, gewirkt war in das Gold;
+Wenn sie die anlegten, ward ihnen Männiglich hold.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Dreizehntes Abenteuer.
+
+Wie sie zum Hofgelage fuhren.
+
+
+All ihr Bemühen laßen wir nun sein 802
+Und sagen, wie Frau Kriemhild und ihre Mägdelein
+Hin zum Rheine fuhren von Nibelungenland.
+Niemals trugen Rosse so viel herrlich Gewand.
+
+Viel Saumschreine wurden versendet auf den Wegen. 803
+Da ritt mit seinen Freunden Siegfried der Degen
+Und die Königstochter in hoher Freuden Wahn;
+Da war es ihnen Allen zu großem Leide gethan.
+
+Sie ließen in der Heimat Siegfrieds Kindelein 804
+Und Kriemhildens bleiben; das muste wohl so sein.
+Aus ihrer Hofreise erwuchs ihm viel Beschwer:
+Seinen Vater, seine Mutter ersah das Kindlein nimmermehr.
+
+Mit ihnen ritt von dannen Siegmund der König hehr. 805
+Hätt er ahnen können, wie es ihm nachher
+Beim Hofgelag ergienge, er hätt es nicht gesehn:
+Ihm konnt an lieben Freunden größer Leid nicht geschehn.
+
+Vorausgesandte Boten verhießen sie bei Zeit. 806
+Entgegen ritten ihnen in herrlichem Geleit
+Von Utens Freunden viele und König Gunthers Lehn.
+Der Wirth ließ großen Eifer für die lieben Gäste sehn.
+
+Er gieng zu Brunhilden, wo er sie sitzen fand: 807
+"Wie empfieng euch meine Schwester, da ihr kamet in dieß Land?
+So will ich, daß ihr Siegfrieds Gemahl empfangen sollt."
+"Das thu ich", sprach sie, "gerne: ich bin ihr billiglich hold."
+
+Da sprach der mächtige König: "Sie kommen morgen fruh; 808
+Wollt ihr sie empfangen, so greift nur bald dazu,
+Daß sie uns in der Veste nicht überraschen hie:
+Mir sind so liebe Gäste nicht oft gekommen wie sie."
+
+Ihre Mägdelein und Frauen ließ sie da zur Hand 809
+Gute Kleider suchen, die besten, die man fand,
+Die ihr Ingesinde vor Gästen mochte tragen.
+Das thaten sie doch gerne: das mag man für Wahrheit sagen.
+
+Sie zu empfangen eilten auch Die in Gunthers Lehn; 810
+All seine Recken hieß er mit sich gehn.
+Da ritt die Königstochter hinweg in stolzem Zug.
+Die lieben Gäste grüßte sie alle freudig genug.
+
+Mit wie hohen Ehren da empfieng man sie! 811
+Sie dauchte, daß Frau Kriemhild Brunhilden nie
+So wohl empfangen habe in Burgundenland.
+Allen, die es sahen, war hohe Wonne bekannt.
+
+Nun war auch Siegfried kommen mit seiner Leute Heer. 812
+Da sah man die Helden sich wenden hin und her
+Im Feld allenthalben mit ungezählten Scharen.
+Vor Staub und Drängen konnte sich da Niemand bewahren.
+
+Als der Wirth des Landes Siegfrieden sah 813
+Und Siegmund den König, wie gütlich sprach er da:
+"Nun seid mir hochwillkommen und all den Freunden mein;
+Wir wollen hohen Muthes ob eurer Hofreise sein."
+
+"Nun lohn euch Gott," sprach Siegmund, der ehrbegierge Mann. 814
+"Seit mein Sohn Siegfried euch zum Freund gewann,
+Rieth mir all mein Sinnen, wie ich euch möchte sehn."
+Da sprach König Gunther: "Nun freut mich, daß es geschehn."
+
+Siegfried ward empfangen, wie man das wohl gesollt, 815
+Mit viel großen Ehren; ein Jeder ward ihm hold.
+Des half mit Rittersitten Gernot und Geiselher;
+Man bot es lieben Gästen so gütlich wohl nimmermehr.
+
+Nun konnten sich einander die Königinnen schaun. 816
+Da sah man Sättel leeren und viel der schönen Fraun
+Von der Helden Händen gehoben auf das Gras:
+Wer gerne Frauen diente, wie selten der da müßig saß!
+
+Da giengen zu einander die Frauen minniglich. 817
+Darüber höchlich freuten viel der Ritter sich,
+Daß der Beiden Grüßen so minniglich ergieng.
+Man sah da manchen Recken, der Frauendienste begieng.
+
+Das herrliche Gesinde nahm sich bei der Hand; 818
+Züchtiglich sich neigen man allerorten fand
+Und minniglich sich küssen viel Frauen wohlgethan.
+Das sahen gerne Gunthers und Siegfrieds Mannen mit an.
+
+Sie säumten da nicht länger und ritten nach der Stadt. 819
+Der Wirth seinen Gästen zu erweisen hat,
+Daß man sie gerne sähe in der Burgunden Land.
+Manches schöne Kampfspiel man vor den Jungfrauen fand.
+
+Da ließ von Tronje Hagen und auch Ortewein, 820
+Wie sie gewaltig waren, wohl offenkundig sein.
+Was sie gebieten mochten, das ward alsbald gethan.
+Man sah die lieben Gäste viel Dienst von ihnen empfahn.
+
+Man hörte Schilde hallen vor der Veste Thor 821
+Von Stichen und von Stößen. Lange hielt davor
+Der Wirth mit seinen Gästen, bis alle waren drin,
+In mancher Kurzweil giengen ihnen schnell die Stunden hin.
+
+Vor den weiten Gästesaal sie nun in Freuden ritten. 822
+Viel kunstvolle Decken, reich und wohlgeschnitten,
+Sah man von den Sätteln den Frauen wohlgethan
+Allenthalben hangen; da kamen Diener heran.
+
+Zu Gemache wiesen sie die Gäste da. 823
+Hin und wieder blicken man Brunhilden sah
+Nach Kriemhild der Frauen; schön war sie genug:
+Den Glanz noch vor dem Golde ihre hehre Farbe trug.
+
+Da vernahm man allenthalben zu Worms in der Stadt 824
+Den Jubel des Gesindes. König Gunther bat
+Dankwart, seinen Marschall, es wohl zu verpflegen:
+Da ließ er die Gäste in gute Herbergen legen.
+
+Draußen und darinnen beköstigte man sie: 825
+So wohl gewartet wurde fremder Gäste nie.
+Was Einer wünschen mochte, das war ihm gern gewährt:
+So reich war der König, es blieb Keinem was verwehrt.
+
+Man dient' ihnen freundlich und ohn allen Haß. 826
+Der König zu Tische mit seinen Gästen saß;
+Siegfrieden ließ man sitzen, wie er sonst gethan.
+Mit ihm gieng zu Tische gar mancher waidliche Mann.
+
+Zwölfhundert Recken setzten sich dahin 827
+Mit ihm an der Tafel. Brunhild die Königin
+Gedachte, wie ein Dienstmann nicht reicher möge sein.
+Noch war sie ihm günstig, sie ließ ihn gerne gedeihn.
+
+Es war an einem Abend, da so der König saß, 828
+Viel reiche Kleider wurden da vom Weine naß,
+Als die Schenken sollten zu den Tischen gehn:
+Da sah man volle Dienste mit großem Fleiße geschehn.
+
+Wie bei Hofgelagen Sitte mochte sein, 829
+Ließ man zur Ruh geleiten Fraun und Mägdelein.
+Von wannen wer gekommen, der Wirth ihm Sorge trug;
+In gütlichen Ehren gab man Allen genug.
+
+Die Nacht war zu Ende, sich hob des Tages Schein, 830
+Aus den Saumschreinen mancher Edelstein
+Erglänzt' auf gutem Kleide; das schuf der Frauen Hand.
+Aus der Lade suchten sie manches herrliche Gewand.
+
+Eh es noch völlig tagte, kamen vor den Saal 831
+Ritter viel und Knechte: da hob sich wieder Schall
+Vor einer Frühmesse, die man dem König sang.
+So ritten junge Helden, der König sagt' ihnen Dank.
+
+Da klangen die Posaunen von manchem kräftgen Stoß; 832
+Von Flöten und Drommeten ward der Schall so groß,
+Worms die weite Veste gab lauten Widerhall.
+Auf die Rosse sprangen die kühnen Helden überall.
+
+Da hob sich in dem Lande ein hohes Ritterspiel 833
+Von manchem guten Recken: man fand ihrer viel,
+Deren junge Herzen füllte froher Muth.
+Unter Schilden sah man manchen zieren Ritter gut.
+
+Da ließen in den Fenstern die herrlichen Fraun 834
+Und viel der schönen Maide sich im Schmucke schaun.
+Sie sahen kurzweilen manchen kühnen Mann:
+Der Wirth mit seinen Freunden zu reiten selber begann.
+
+So vertrieben sie die Weile, die dauchte sie nicht lang. 835
+Da lud zu dem Dome mancher Glocke Klang:
+Den Frauen kamen Rosse, da ritten sie hindann;
+Den edeln Königinnen folgte mancher kühne Mann.
+
+Sie stiegen vor dem Münster nieder auf das Gras. 836
+Noch hegte zu den Gästen Brunhild keinen Haß.
+Sie giengen unter Krone in das Münster weit.
+Bald schied sich diese Liebe: das wirkte grimmiger Neid.
+
+Als die Messe war gesungen, sah man sie weiter ziehn 837
+Unter hohen Ehren. Sie giengen heiter hin
+Zu des Königs Tischen. Ihre Freude nicht erlag
+Bei diesen Lustbarkeiten bis gegen den eilften Tag.
+
+Die Königin gedachte: "Ich wills nicht länger tragen. 838
+Wie ich es fügen möge, Kriemhild muß mir sagen,
+Warum uns so lange den Zins versaß ihr Mann:
+Der ist doch unser Eigen: der Frag ich nicht entrathen kann."
+
+So harrte sie der Stunde, bis es der Teufel rieth, 839
+Daß sie das Hofgelage und die Lust mit Leide schied.
+Was ihr lag am Herzen, zu Lichte must es kommen:
+Drum ward in manchen Landen durch sie viel Jammer vernommen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Vierzehntes Abenteuer.
+
+Wie die Königinnen sich schalten.
+
+
+Es war vor einer Vesper, als man den Schall vernahm, 840
+Der von manchem Recken auf dem Hofe kam:
+Sie stellten Ritterspiele der Kurzweil willen an.
+Da eilten es zu schauen Frauen viel und mancher Mann.
+
+Da saßen beisammen die Königinnen reich 841
+Und gedachten zweier Recken, die waren ohne Gleich.
+Da sprach die schöne Kriemhild: "Ich hab einen Mann,
+Dem wären diese Reiche alle billig unterthan."
+
+Da sprach zu ihr Frau Brunhild: "Wie könnte das wohl sein? 842
+Wenn Anders Niemand lebte als du und er allein,
+So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn:
+So lange Gunther lebte, so könnt es nimmer geschehn."
+
+Da sprach Kriemhild wieder: "Siehst du, wie er steht, 843
+Wie er da so herrlich vor allen Recken geht,
+Wie der lichte Vollmond vor den Sternen thut!
+Darob mag ich wohl immer tragen fröhlichen Muth."
+
+Da sprach wieder Brunhild: "Wie waidlich sei dein Mann, 844
+Wie schön und wie bieder, so steht ihm doch voran
+Gunther der Recke, der edle Bruder dein:
+muß vor allen Königen, das wiße du wahrlich, sein."
+
+Da sprach Kriemhild wieder: "So werth ist mein Mann, 845
+Daß er ohne Grund nicht solch Lob von mir gewann.
+An gar manchen Dingen ist seine Ehre groß.
+Glaubst du das, Brunhild? er ist wohl Gunthers Genoß!"
+
+"Das sollst du mir, Kriemhild, im Argen nicht verstehn; 846
+Es ist auch meine Rede nicht ohne Grund geschehn.
+Ich hört' es Beide sagen, als ich zuerst sie sah,
+Und als des Königs Willen in meinen Spielen geschah.
+
+"Und da er meine Minne so ritterlich gewann, 847
+Da sagt' es Siegfried selber, er sei des Königs Mann:
+Drum halt ich ihn für eigen: ich hört' es ihn gestehn."
+Da sprach die schöne Kriemhild: "So wär mir übel geschehn.
+
+"Wie hätten so geworben die edeln Brüder mein, 848
+Daß ich des Eigenmannes Gemahl sollte sein?
+Darum will ich, Brunhild, gar freundlich dich bitten,
+Laß mir zu Lieb die Rede hinfort mit gütlichen Sitten."
+
+Die Königin versetzte: "Sie laßen mag ich nicht: 849
+Wie thät ich auf so manchen Ritter wohl Verzicht,
+Der uns mit dem Degen zu Dienst ist unterthan?"
+Kriemhild die Schöne hub da sehr zu zürnen an.
+
+"Dem must du wohl entsagen, daß er in der Welt 850
+Dir irgend Dienste leiste. Werther ist der Held
+Als mein Bruder Gunther, der Degen unverzagt.
+Erlaß mich der Dinge, die du mir jetzo gesagt.
+
+"Auch muß mich immer wundern, wenn er dein Dienstmann ist 851
+Und du ob uns Beiden So gewaltig bist,
+Warum er dir so lange den Zins verseßen hat;
+Deines Uebermuthes wär ich billig nun satt."
+
+"Du willst dich überheben," sprach da die Königin. 852
+"Wohlan, ich will doch schauen, ob man dich fürderhin
+So hoch in Ehren halte, als man mich selber thut."
+Die Frauen waren beide in sehr zornigem Muth.
+
+Da sprach wieder Kriemhild: "Das wird dir wohl bekannt: 853
+Da du meinen Siegfried dein eigen hast genannt,
+So sollen heut die Degen der beiden Könge sehen,
+Ob ich vor der Königin wohl zur Kirche dürfe gehn.
+
+"Ich laße dich wohl schauen, daß ich edel bin und frei, 854
+Und daß mein Mann viel werther als der deine sei.
+Ich will damit auch selber nicht bescholten sein:
+Du sollst noch heute sehen, wie die Eigenholde dein
+
+"Zu Hof geht vor den Helden in Burgundenland. 855
+Ich will höher gelten, als man je gekannt
+Eine Königstochter, die noch die Krone trug."
+Unter den Frauen hob sich der Haß da grimm genug.
+
+Da sprach Brunhild wieder: "Willst du nicht eigen sein, 856
+So must du dich scheiden mit den Frauen dein
+Von meinem Ingesinde, wenn wir zum Münster gehn."
+"In Treuen," sprach da Kriemhild, "also soll es geschehn."
+
+"Nun kleidet euch, ihr Maide," hub da Kriemhild an: 857
+"Ob ich frei von Schande hier nicht verbleiben kann,
+Laßt es heute schauen, besitzt ihr reichen Staat;
+Sie soll es noch verläugnen, was ihr Mund gesprochen hat."
+
+Ihnen war das leicht zu rathen; sie suchten reich Gewand. 858
+Wie bald man da im Schmucke viel Fraun und Maide fand!
+Da gieng mit dem Gesinde des edeln Wirths Gemahl;
+Zu Wunsch gekleidet ward auch die schöne Kriemhild zumal
+
+Mit dreiundvierzig Maiden, die sie zum Rhein gebracht; 859
+Die trugen lichte Zeuge, in Arabien gemacht.
+So kamen zu dem Münster die Mägdlein wohlgethan.
+Ihrer harrten vor dem Hause Die Siegfrieden unterthan.
+
+Die Leute nahm es Wunder, warum das geschah, 860
+Daß man die Königinnen so geschieden sah,
+Und daß sie bei einander nicht giengen so wie eh.
+Das gerieth noch manchem Degen zu Sorgen und großem Weh.
+
+Nun stand vor dem Münster König Gunthers Weib. 861
+Da fanden viel der Ritter genehmen Zeitvertreib
+Bei den schönen Frauen, die sie da nahmen wahr.
+Da kam die edle Kriemhild mit mancher herrlichen Schar.
+
+Was Kleider je getragen eines edeln Ritters Kind, 862
+Gegen ihr Gesinde war alles nur wie Wind.
+Sie war so reich an Gute, dreißig Königsfraun
+Mochten die Pracht nicht zeigen, die da an ihr war zu schaun.
+
+Was man auch wünschen mochte, Niemand konnte sagen, 863
+Daß er so reiche Kleider je gesehen tragen,
+Als da zur Stunde trugen ihre Mägdlein wohlgethan.
+Brunhilden wars zu Leide, sonst hätt es Kriemhild nicht gethan.
+
+Nun kamen sie zusammen vor dem Münster weit. 864
+Die Hausfrau des Königs aus ingrimmem Neid
+Hieß da Kriemhilden unwirsch stille stehn:
+"Es soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn."
+
+Da sprach die schöne Kriemhild, zornig war ihr Muth: 865
+"Hättest du noch geschwiegen, das wär dir wohl gut.
+Du hast geschändet selber deinen schönen Leib:
+Mocht eines Mannes Kebse je werden Königesweib?"
+
+"Wen willst du hier verkebsen?" sprach des Königs Weib. 866
+"Das thu ich dich," sprach Kriemhild: "deinen schönen Leib
+Hat Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann:
+Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdthum gewann.
+
+"Wo blieben deine Sinne? Es war doch arge List: 867
+Was ließest du ihn minnen, wenn er dein Dienstmann ist?
+Ich höre dich," sprach Kriemhild, "ohn alle Ursach klagen."
+"In Wahrheit," sprach da Brunhild, "das will ich doch Gunthern sagen."
+
+"Wie mag mich das gefährden? Dein Uebermuth hat dich betrogen: 868
+Du hast mich mit Reden in deine Dienste gezogen,
+Daß wiße du in Treuen, es ist mir immer leid:
+Zu trauter Freundschaft bin ich dir nimmer wieder bereit."
+
+Brunhild begann zu weinen; Kriemhild es nicht verhieng, 869
+Vor des Königs Weibe sie in das Münster gieng
+Mit ihrem Ingesinde. Da hub sich großer Haß;
+Es wurden lichte Augen sehr getrübt davon und naß.
+
+Wie man da Gott auch diente oder Jemand sang, 870
+Brunhilden währte die Weile viel zu lang.
+War allzutrübe der Sinn und auch der Muth:
+Des muste bald entgelten mancher Degen kühn und gut.
+
+Brunhild mit ihren Frauen gieng vor das Münster stehn. 871
+Sie gedachte: "Ich muß von Kriemhild mehr zu hören sehn,
+Wes mich so laut hier zeihte das wortscharfe Weib:
+Und wenn er sichs gerühmt hat, gehts ihm an Leben und Leib!"
+
+Nun kam die edle Kriemhild mit manchem kühnen Mann. 872
+Da begann Frau Brunhild: "Haltet hier noch an.
+Ihr wolltet mich verkebsen: laßt uns Beweise sehn,
+Mir ist von euern Reden, das wißet, übel geschehn."
+
+Da sprach die schöne Kriemhild: "Was laßt ihr mich nicht gehn? 873
+Ich bezeug es mit dem Golde, an meiner Hand zu sehn.
+Das brachte mir Siegfried, nachdem er bei euch lag."
+Nie erlebte Brunhild wohl einen leidigen Tag.
+
+Sie sprach: "Dieß Gold das edle, das ward mir gestohlen 874
+Und blieb mir lange Jahre übel verhohlen:
+Ich komme nun dahinter, wer mir es hat genommen."
+Die Frauen waren beide in großen Unmuth gekommen.
+
+Da sprach wieder Kriemhild: "Ich will nicht sein der Dieb. 875
+Du hättest schweigen sollen, wär dir Ehre lieb.
+Ich bezeug es mit dem Gürtel, den ich umgethan,
+Ich habe nicht gelogen: wohl wurde Siegfried dein Mann."
+
+Von Niniveer Seide sie eine Borte trug 876
+Mit edelm Gesteine, die war wohl schön genug.
+Als Brunhild sie erblickte, zu weinen hub sie an.
+Das muste Gunther wißen und alle Die ihm unterthan.
+
+Da sprach des Landes Königin: "Sendet her zu mir 877
+Den König vom Rheine: hören soll er hier,
+Wie sehr seine Schwester schändet meinen Leib:
+Sie sagt vor allen Leuten, ich sei Siegfriedens Weib."
+
+Der König kam mit Recken: als er weinen sah 878
+Brunhild seine Traute, gütlich sprach er da:
+"Von wem, liebe Fraue, ist euch ein Leid geschehn?"
+Sie sprach zu dem König: "Unfröhlich muß ich hier stehn.
+
+Aller meiner Ehren hat die Schwester dein 879
+Mich berauben wollen. Geklagt soll dir sein,
+Sie sagt: ich sei die Kebse von Siegfried ihrem Mann."
+Da sprach König Gunther: "So hat sie übel gethan."
+
+"Sie trägt hier meinen Gürtel, den ich längst verloren, 880
+Und mein Gold das rothe. Daß ich je ward geboren,
+Des muß mich sehr gereuen: befreist du, Herr, mich nicht
+Solcher großen Schande, ich minne nie wieder dich."
+
+Da sprach König Gunther: "So ruft ihn herbei: 881
+Hat er sichs gerühmet, das gesteh er frei,
+Er woll es denn läugnen, der Held von Niederland."
+Da ward der kühne Siegfried bald hin zu ihnen gesandt.
+
+Als Siegfried der Degen die Unmuthvollen sah 882
+Und den Grund nicht wuste, balde sprach er da:
+"Was weinen diese Frauen? das macht mir bekannt:
+Oder wessentwegen wurde hier nach mir gesandt"
+
+Da sprach König Gunther: "Groß Herzleid fand ich hier. 883
+Eine Märe sagte mein Weib Frau Brunhild mir:
+Du habest dich gerühmet, du wärst ihr erster Mann.
+So spricht dein Weib Frau Kriemhild: hast du, Degen, das gethan?"
+
+"Niemals," sprach da Siegfried; "und hat sie das gesagt, 884
+Nicht eher will ich ruhen, bis sie es beklagt,
+Und will davon mich reinigen vor deinem ganzen Heer
+Mit meinen hohen Eiden, ich sagte Solches nimmermehr."
+
+Da sprach der Fürst vom Rheine: "Wohlan, das zeige mir. 885
+Der Eid, den du geboten, geschieht der allhier,
+Aller falschen Dinge laß ich dich ledig gehn."
+Man ließ in einem Ringe die stolzen Burgunden stehn.
+
+Da bot der kühne Siegfried zum Eide hin die Hand. 886
+Da sprach der reiche König: "Jetzt hab ich wohl erkannt,
+Ihr seid hieran unschuldig und sollt des ledig gehn:
+Des euch Kriemhild zeihte, das ist nicht von euch geschehn."
+
+Da sprach wieder Siegfried: "Und kommt es ihr zu Gut, 887
+Daß deinem schönen Weibe sie so betrübt den Muth,
+Das wäre mir wahrlich aus der Maßen leid."
+Da blickten zu einander die Ritter kühn und allbereit.
+
+"Man soll so Frauen ziehen," sprach Siegfried der Degen, 888
+"Daß sie üppge Reden laßen unterwegen;
+Verbiet es deinem Weibe, ich will es meinem thun.
+Solchen Uebermuthes in Wahrheit schäm ich mich nun."
+
+Viel schöne Frauen wurden durch Reden schon entzweit. 889
+Da erzeigte Brunhild solche Traurigkeit,
+Daß es erbarmen muste Die in Gunthers Lehn.
+Von Tronje Hagen sah man zu der Königin gehn.
+
+Er fragte, was ihr wäre, da er sie weinend fand. 890
+Sie sagt' ihm die Märe. Er gelobt' ihr gleich zur Hand,
+Daß es büßen sollte der Kriemhilde Mann,
+Oder man treff ihn nimmer unter Fröhlichen an.
+
+Ueber die Rede kamen Ortwein und Gernot, 891
+Allda die Helden riethen zu Siegfriedens Tod.
+Dazu kam auch Geiselher, der schönen Ute Kind;
+Als er die Rede hörte, sprach der Getreue geschwind:
+
+"O weh, ihr guten Knechte, warum thut ihr das? 892
+Siegfried verdiente ja niemals solchen Haß,
+Daß er darum verlieren Leben sollt und Leib:
+Auch sind es viel Dinge, um die wohl zürnet ein Weib."
+
+"Sollen wir Gäuche ziehen?" sprach Hagen entgegen: 893
+"Das brächte wenig Ehre solchen guten Degen.
+Daß er sich rühmen durfte der lieben Frauen mein,
+Ich will des Todes sterben oder es muß gerochen sein."
+
+Da sprach der König selber: "Er hat uns nichts gethan 894
+Als Liebes und Gutes: leb er denn fortan.
+Was sollt ich dem Recken hegen solchen Haß?
+Er bewies uns immer Treue, gar williglich that er das."
+
+Da begann der Degen von Metz Herr Ortewein: 895
+"Wohl kann ihm nicht mehr helfen die große Stärke sein.
+Will es mein Herr erlauben, ich thu ihm alles Leid."
+Da waren ihm die Helden ohne Grund zu schaden bereit.
+
+Dem folgte doch Niemand, außer daß Hagen 896
+Alle Tage pflegte zu Gunthern zu sagen:
+Wenn Siegfried nicht mehr lebte, ihm würden unterthan
+Manches Königs Lande. Da hub der Held zu trauern an.
+
+Man ließ es bewenden und gieng dem Kampfspiel nach. 897
+Hei! was man starker Schäfte vor dem Münster brach
+Vor Siegfriedens Weibe bis hinan zum Saal!
+Mit Unmuth sah es Mancher, dem König Gunther befahl.
+
+Der König sprach: "Laßt fahren den mordlichen Zorn. 898
+Er ist uns zu Ehren und zum Heil geborn;
+Auch ist so grimmer Stärke der wunderkühne Mann,
+Wenn ers inne würde, so dürfte Niemand ihm nahn."
+
+"Nicht doch," sprach da Hagen, "da dürft ihr ruhig sein: 899
+Wir leiten in der Stille alles sorglich ein.
+Brunhildens Weinen soll ihm werden leid.
+Immer sei ihm Hagen zu Haß und Schaden bereit."
+
+Da sprach der König Gunther: "Wie möcht es geschehn?" 900
+Zur Antwort gab ihm Hagen: "Das sollt ihr bald verstehn:
+Wir laßen Boten reiten her in dieses Land,
+Uns offnen Krieg zu künden, die hier Niemand sind bekannt.
+
+"Dann sagt ihr vor den Gästen, ihr wollt mit euerm Lehn 901
+Euch zur Heerfahrt rüsten. Sieht er das geschehn,
+So verspricht er euch zu helfen; dann gehts ihm an den Leib,
+Erfahr ich nur die Märe von des kühnen Recken Weib."
+
+Der König folgte leider seines Dienstmanns Rath. 902
+So huben an zu sinnen auf Untreu und Verrath,
+Eh es wer erkannte, die Ritter auserkoren:
+Durch zweier Frauen Zanken gieng da mancher Held verloren.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Fünfzehntes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried verrathen ward.
+
+
+Man sah am vierten Morgen zweiunddreißig Mann 903
+Hin zu Hofe reiten: da ward es kund gethan
+Gunther dem reichen, es droh ihm neuer Streit.
+Die Lüge schuf den Frauen das allergrößeste Leid.
+
+Sie gewannen Urlaub, an den Hof zu gehn. 904
+Da sagten sie, sie ständen in Lüdegers Lehn,
+Den einst bezwungen hatte Siegfriedens Hand
+Und ihn als Geisel brachte König Gunthern in das Land.
+
+Die Boten grüßte Gunther und hieß sie sitzen gehn. 905
+Einer sprach darunter: "Herr König, laßt uns stehn,
+Daß wir die Mären sagen, die euch entboten sind.
+Wohl habt ihr zu Feinden, das wißt, mancher Mutter Kind.
+
+"Euch wiedersagen Lüdegast und König Lüdeger: 906
+Denen schuft ihr weiland grimmige Beschwer;
+Nun wollen sie mit Heereskraft reiten in dieß Land."
+Gunther begann zu zürnen, als wär es ihm unbekannt.
+
+Man ließ die falschen Boten zu den Herbergen gehn. 907
+Wie mochte da Siegfried der Tücke sich versehn,
+Er oder anders Jemand, die man so listig spann?
+Doch war es ihnen selber zu großem Leide gethan.
+
+Der König mit den Freunden gieng raunend ab und zu: 908
+Hagen von Tronje ließ ihm keine Ruh,
+Noch wollt es Mancher wenden in des Königs Lehn;
+Doch nicht vermocht er Hagen von seinen Räthen abzustehn.
+
+Eines Tages Siegfried die Degen raunend fand. 909
+Da begann zu fragen der Held der Niederland:
+"Wie traurig geht der König und Die ihm unterthan?
+Das helf ich immer rächen, hat ihnen wer ein Leid gethan."
+
+Da sprach König Gunther: "Wohl hab ich Herzeleid: 910
+Lüdegast und Lüdeger drohn mir wieder Streit.
+Mit Heerfahrten wollen sie reiten in mein Land."
+Da sprach der kühne Degen: "Dem soll Siegfriedens Hand
+
+"Nach allen euern Ehren mit Kräften widerstehn; 911
+Von mir geschieht den Degen, was ihnen einst geschehn.
+Ihre Burgen leg ich wüste und dazu ihr Land,
+Eh ich ablaße: des sei mein Haupt euer Pfand.
+
+"Ihr mit euern Mannen nehmt der Heimat wahr; 912
+Laßt mich zu ihnen reiten mit meiner Leute Schar.
+Daß ich euch gerne diene, laß ich euch wohl sehn:
+Von mir soll euern Feinden, das wißet, übel geschehn."
+
+"Nun wohl mir dieser Märe," der König sprach da so, 913
+Als wär er seiner Hülfe alles Ernstes froh.
+Tief neigte sich in Falschheit der ungetreue Mann.
+Da sprach der edle Siegfried: "Laßt euch keine Sorge nahn."
+
+Sie schickten mit den Knechten zu der Fahrt sich an: 914
+Siegfrieden und den Seinen ward es zum Schein gethan.
+Da hieß er sich rüsten Die von Niederland:
+Siegfriedens Recken suchten ihr Streitgewand.
+
+Da sprach der starke Siegfried: "Mein Vater Siegmund, 915
+Bleibt ihr hier im Lande: wir kehren bald gesund,
+Will Gott uns Glück verleihen, wieder an den Rhein.
+Ihr sollt bei dem König unterdessen fröhlich sein."
+
+Da wollten sie von dannen: die Fähnlein band man an. 916
+Umher standen Viele, die Gunthern unterthan
+Und hatten nicht erfahren, wie es damit bewandt.
+Groß Heergesinde war es, das da bei Siegfrieden stand.
+
+Die Panzer und die Helme man auf die Rosse lud; 917
+Aus dem Lande wollten viel starke Recken gut.
+Da gieng von Tronje Hagen hin, wo er Kriemhild fand;
+Er bat sie um Urlaub: sie wollten räumen das Land.
+
+"Nun wohl mir," sprach Kriemhild, "daß ich den Mann gewann." 918
+Der meine lieben Freunde so wohl beschützen kann,
+Wie hier mein Herr Siegfried an meinen Brüdern thut:
+Darum trag ich," sprach die Königin, "immer fröhlichen Muth.
+
+"Lieber Freund Hagen, nun hoff ich, ihr gedenkt, 919
+Daß ich euch gerne diene; ich hab euch nie gekränkt.
+Das komme mir zu Gute an meinem lieben Mann:
+Laßt es ihn nicht entgelten, was ich Brunhilden gethan.
+
+"Des hat mich schon gereuet," sprach das edle Weib, 920
+"Auch hat er so zerbleuet zur Strafe mir den Leib,
+Daß ich je beschwerte mit Reden ihr den Muth,
+Er hat es wohl gerochen, dieser Degen kühn und gut."
+
+Da sprach er: "Ihr versöhnt euch wohl nach wenig Tagen. 921
+Kriemhild, liebe Herrin, nun sollt ihr mir sagen,
+Wie ich euch dienen möge an Siegfried euerm Herrn.
+Ich gönn es niemand beßer und thu es, Königin, gern."
+
+"Ich wär ohn alle Sorge," sprach da das edle Weib, 922
+"Daß man ihm im Kampfe Leben nähm und Leib,
+Wenn er nicht folgen wollte seinem Uebermuth;
+So wär immer sicher dieser Degen kühn und gut."
+
+"Fürchtet ihr, Herrin," Hagen da begann, 923
+"Daß er verwundet werde, so vertraut mir an,
+Wie soll ichs beginnen, dem zu widerstehn?
+Ihn zu schirmen will ich immer bei ihm reiten und gehn."
+
+Sie sprach: "Du bist mir Sippe, so will ich dir es sein: 924
+Ich befehle dir auf Treue den holden Gatten mein.
+Daß du mir behütest den geliebten Mann."
+Was beßer wär verschwiegen, vertraute da sie ihm an.
+
+Sie sprach: "Mein Mann ist tapfer, dazu auch stark genug. 925
+Als er den Linddrachen an dem Berge schlug,
+Da badet' in dem Blute der Degen allbereit,
+Daher ihn keine Waffe je versehren mocht im Streit.
+
+"Jedoch bin ich in Sorgen, wenn er im Kampfe steht 926
+Und aus der Helden Hände mancher Sperwurf geht,
+Daß ich da verliere meinen lieben Mann.
+Hei! was ich Sorgen oft um Siegfried gewann!
+
+"Mein lieber Freund, ich meld es nun auf Gnade dir, 927
+Daß du deine Treue bewähren mögst an mir,
+Wo man mag verwunden meinen lieben Mann.
+Das sollst du nun vernehmen: es ist auf Gnade gethan.
+
+"Als von des Drachen Wunden floß das heiße Blut, 928
+Und sich darinne badete der kühne Recke gut,
+Da fiel ihm auf die Achseln ein Lindenblatt so breit:
+Da kann man ihn verwunden; das schafft mir Sorgen und Leid."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "So näht auf sein Gewand 929
+Mir ein kleines Zeichen mit eigener Hand,
+Wo ich ihn schirmen müße, mag ich daran verstehn."
+Sie wähnt' ihn so zu fristen; auf seinen Tod wars abgesehn.
+
+Sie sprach: "Mit feiner Seide näh ich auf sein Gewand 930
+Insgeheim ein Kreuzchen: da soll, Held, deine Hand
+Mir den Mann behüten, wenns ins Gedränge geht,
+Und er vor seinen Feinden in den starken Stürmen steht."
+
+"Das thu ich," sprach da Hagen, "viel liebe Herrin mein." 931
+Wohl wähnte da die Gute, sein Frommen sollt es sein:
+Da war hiemit verrathen der Kriemhilde Mann.
+Urtaub nahm da Hagen: da gieng er fröhlich hindann.
+
+Was er erfahren hatte, bat ihn sein Herr zu sagen. 932
+"Mögt ihr die Reise wenden, so laßt uns reiten jagen.
+Ich weiß nun wohl die Kunde, wie ich ihn tödten soll.
+Wollt ihr die Jagd bestellen?" "Das thu ich," sprach der König, "wohl."
+
+Der Dienstmann des Königs war froh und wohlgemuth. 933
+Gewiss, daß solche Bosheit kein Recke wieder thut
+Bis zum jüngsten Tage, als da von ihm geschah,
+Da sich seiner Treue die schöne Königin versah.
+
+Früh des andern Morgens mit wohl tausend Mann 934
+Ritt Siegfried der Degen mit frohem Muth hindann:
+Er wähnt', er solle rächen seiner Freunde Leid.
+So nah ritt ihm Hagen, daß er beschaute sein Kleid.
+
+Als er ersah das Zeichen, da schickt' er ungesehn, 935
+Andre Mär zu bringen, zwei aus seinem Lehn:
+In Frieden sollte bleiben König Gunthers Land;
+Es habe sie Herr Lüdeger zu dem König gesandt.
+
+Wie ungerne Siegfried abließ vom Streit, 936
+Eh er gerochen hatte seiner Freunde Leid!
+Kaum hielten ihn zurücke Die Gunthern unterthan.
+Da ritt er zu dem König, der ihm zu danken begann:
+
+"Nun lohn euch Gott, Freund Siegfried, den willigen Sinn, 937
+Daß ihr so gerne thatet, was mir vonnöthen schien:
+Das will ich euch vergelten, wie ich billig soll.
+Vor allen meinen Freunden vertrau ich euch immer wohl.
+
+"Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn, 938
+So laßt uns nun Bären und Schweine jagen gehn
+Nach dem Odenwalde, wie ich oft gethan."
+Gerathen hatte Hagen das, dieser ungetreue Mann.
+
+"Allen meinen Gästen soll man das nun sagen, 939
+Ich denke früh zu reiten: die mit mir wollen jagen,
+Die laßt sich fertig halten; die aber hier bestehn,
+Kurzweilen mit den Frauen: so sei mir Liebes geschehn."
+
+Mit herrlichen Sitten sprach da Siegfried: 940
+"Wenn ihr jagen reitet, da will ich gerne mit.
+So sollt ihr mir leihen einen Jägersmann
+Mit etlichen Bracken: So reit ich mit euch in den Tann."
+
+"Wollt ihr nur Einen?" frug Gunther zuhand; 941
+"Ich leih euch, wollt ihr, viere, denen wohl bekannt
+Der Wald ist und die Steige, wo viel Wildes ist,
+Daß ihr des Wegs unkundig nicht ledig wieder heimwärts müßt."
+
+Da ritt zu seinem Weibe der Degen unverzagt. 942
+Derweil hatte Hagen dem König gesagt,
+Wie er verderben wolle den herrlichen Degen.
+So großer Untreue sollt ein Mann nimmer pflegen.
+
+Als die Ungetreuen beschloßen seinen Tod, 943
+Da wusten sie es Alle. Geiselher und Gernot
+Wollten nicht mit jagen. Weiß nicht, aus welchem Groll
+Sie ihn nicht verwarnten; doch des entgalten sie voll.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Sechzehntes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried erschlagen ward.
+
+
+Gunther und Hagen, die Recken wohlgethan 944
+Gelobten mit Untreuen ein Birschen in den Tann.
+Mit ihren scharfen Spießen wollten sie jagen Schwein'
+Und Bären und Wisende: was mochte Kühneres sein?
+
+Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. 945
+Man bracht ihnen Speise aller Art dahin.
+An einem kühlen Brunnen ließ er da das Leben:
+Den Rath hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.
+
+Da gieng der kühne Degen hin, wo er Kriemhild fand. 946
+Schon war aufgeladen das edle Birschgewand
+Ihm und den Gefährten: sie wollten über Rhein.
+Da konnte Kriemhilden nicht leider zu Muthe sein.
+
+Seine liebe Traute küsst' er auf den Mund: 947
+"Gott laße mich dich, Liebe, noch wiedersehn gesund
+Und deine Augen mich auch; mit holden Freunden dein
+Kürze dir die Stunden: ich kann nun nicht bei dir sein."
+
+Da gedachte sie der Märe, sie durft es ihm nicht sagen, 948
+Nach der sie Hagen fragte: da begann zu klagen
+Die edle Königstochter, daß ihr das Leben ward:
+Ohne Maßen weinte die wunderschöne Fraue zart.
+
+Sie sprach zu dem Recken: "Laßt euer Jagen sein: 949
+Mir träumte heunt von Leide, wie euch zwei wilde Schwein
+Ueber die Haide jagten: da wurden Blumen roth.
+Daß ich so bitter weine, das thut mir armem Weibe Noth.
+
+"Wohl muß ich fürchten Etlicher Verrath, 950
+Wenn man den und jenen vielleicht beleidigt hat,
+Die uns verfolgen könnten mit feindlichem Haß.
+Bleibt hier, lieber Herre, mit Treuen rath ich euch das."
+
+Er sprach: "Liebe Traute, ich kehr in kurzer Zeit; 951
+Ich weiß nicht, daß hier Jemand mir Haß trüg oder Neid.
+Alle deine Freunde sind insgemein mir hold;
+Auch verdient' ich von den Degen wohl nicht anderlei Sold."
+
+"Ach nein, lieber Siegfried: wohl fürcht ich deinen Fall. 952
+Mir träumte heunt von Leide, wie über dir zu Thal
+Fielen zwei Berge, daß ich dich nie mehr sah:
+Und willst du von mir scheiden, das geht mir inniglich nah."
+
+Er umfieng mit Armen das zuchtreiche Weib, 953
+Mit holden Küssen herzt' er ihr den schönen Leib.
+Da nahm er Urlaub und schied in kurzer Stund:
+Sie ersah ihn leider darnach nicht wieder gesund.
+
+Da ritten sie von dannen in einen tiefen Tann 954
+Der Kurzweile willen; manch kühner Rittersmann
+Ritt mit dem König; hinaus gesendet ward
+Auch viel der edeln Speise, die sie brauchten zu der Fahrt.
+
+Manch Saumross zog beladen vor ihnen überrhein, 955
+Das den Jagdgesellen das Brot trug und den Wein,
+Das Fleisch mit den Fischen und Vorrath aller Art,
+Wie sie ein reicher König wohl haben mag auf der Fahrt.
+
+Da ließ man herbergen bei dem Walde grün 956
+Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn,
+Wo sie da jagen wollten, auf breitem Angergrund.
+Auch Siegfried war gekommen: das ward dem Könige kund.
+
+Von den Jagdgesellen ward umhergestellt 957
+Die Wart an allen Enden: da sprach der kühne Held,
+Siegfried der starke: "Wer soll uns in den Wald
+Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?"
+
+"Wollen wir uns scheiden," hub da Hagen an, 958
+"Eh wir beginnen zu jagen hier im Tann:
+So mögen wir erkennen, ich und der Herre mein,
+Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sei'n.
+
+"Leute so wie Hunde, wir theilen uns darein: 959
+Dann fährt, wohin ihm lüstet, Jeglicher allein"
+Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank."
+Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang.
+
+Da sprach der edle Siegfried: "Der Hunde hab ich Rath 960
+Bis auf einen Bracken, der so genoßen hat,
+Daß er die Fährte spüre der Thiere durch den Tann.
+Wir kommen wohl zum Jagen!" sprach der Kriemhilde Mann.
+
+Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich 961
+Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich,
+Wo sie viel Wildes fanden: was des erstöbert ward,
+Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art.
+
+Was da der Brack ersprengte, das schlug mit seiner Hand 962
+Siegfried der kühne, der Held von Niederland.
+Sein Ross lief so geschwinde, daß ihm nicht viel entrann:
+Das Lob er bei dem Jagen vor ihnen allen gewann.
+
+Er war in allen Dingen mannhaft genug. 963
+Das erste der Thiere, die er zu Tode schlug,
+War ein starker Büffel, den traf des Helden Hand:
+Nicht lang darauf der Degen einen grimmen Leuen fand.
+
+Als den der Hund ersprengte, schoß er ihn mit dem Bogen 964
+Und dem scharfen Pfeile, den er darauf gezogen;
+Der Leu lief nach dem Schuße nur dreier Sprünge lang.
+Seine Jagdgesellen, die sagten Siegfrieden Dank.
+
+Einen Wisend schlug er wieder darnach und einen Elk, 965
+Vier starker Auer nieder und einen grimmen Schelk,
+So schnell trug ihn die Mähre, daß ihm nichts entsprang:
+Hinden und Hirsche wurden viele sein Fang.
+
+Einen großen Eber trieb der Spürhund auf. 966
+Als der flüchtig wurde, da kam in schnellem Lauf
+Alles Jagens Meister und nahm zum Ziel ihn gleich.
+Anlief das Schwein im Zorne diesen Helden tugendreich.
+
+Da schlug es mit dem Schwerte der Kriemhilde Mann: 967
+Das hätt ein andrer Jäger nicht so leicht gethan.
+Als er nun gefällt lag, fieng man den Spürhund.
+Seine reiche Beute wurde den Burgunden allen kund.
+
+Da sprachen seine Jäger: "Kann es füglich sein, 968
+So laßt uns, Herr Siegfried, des Wilds ein Theil gedeihn:
+Ihr wollt uns heute leeren den Berg und auch den Tann."
+Darob begann zu lächeln der Degen kühn und wohlgethan.
+
+Da vernahm man allenthalben Lärmen und Getos. 969
+Von Leuten und von Hunden ward der Schall so groß,
+Man hörte widerhallen den Berg und auch den Tann.
+Vierundzwanzig Meuten hatten die Jäger losgethan.
+
+Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt. 970
+Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugetheilt
+Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn,
+Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn.
+
+Die Jagd war zu Ende, doch nicht so ganz und gar, 971
+Zu der Feuerstelle brachte der Jäger Schar
+Häute mancher Thiere und des Wilds genug.
+Hei! was des zur Küche des Königs Ingesinde trug!
+
+Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn, 972
+Daß er zum Imbiß wolle; da wurde laut ins Horn
+Einmal gestoßen: so machten sie bekannt,
+Daß man den edeln Fürsten nun bei den Herbergen fand.
+
+Da sprach ein Jäger Siegfrieds: "Mit eines Hornes Schall 973
+Ward uns kund gegeben, Herr, daß wir nun all
+Zur Herberge sollen: erwiedre ichs, das behagt."
+Da ward nach den Gesellen mit Blasen lange gefragt.
+
+Da sprach der edle Siegfried: "Nun räumen wir den Wald." 974
+Sein Ross trug ihn eben; die Andern folgten bald.
+Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldthier fürchterlich,
+Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich:
+
+"Ich schaff uns Jagdgesellen eine Kurzweil. 975
+Da seh ich einen Bären: den Bracken löst vom Seil.
+Zu den Herbergen soll mit uns der Bär:
+Er kann uns nicht entrinnen, und flöh er auch noch so sehr."
+
+Da lös'ten sie den Bracken: der Bär sprang hindann. 976
+Da wollt ihn erreiten der Kriemhilde Mann.
+Er kam in eine Bergschlucht: da konnt er ihm nicht bei:
+Das starke Thier wähnte von den Jägern schon sich frei.
+
+Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut 977
+Und begann ihm nachzulaufen. Das Thier war ohne Hut,
+ES konnt ihm nicht entrinnen: er fieng es allzuhand;
+Ohn es zu verwunden, der Degen eilig es band.
+
+Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann. 978
+Er band es an den Sattel; auf saß der Schnelle dann
+Und bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Muth
+Zu einer Kurzweile, dieser Degen kühn und gut.
+
+Er ritt zur Herberge in welcher Herrlichkeit! 979
+Sein Sper war gewaltig, stark dazu und breit;
+Eine schmucke Waffe hieng ihm herab bis auf den Sporn;
+Von rothem Golde führte der Held ein herrliches Horn.
+
+Von beßerm Birschgewande hört ich niemals sagen. 980
+Einen Rock von schwarzem Zeuge sah man ihn tragen
+Und einen Hut von Zobel, der reich war genug.
+Hei! was edler Borten an seinem Köcher er trug!
+
+Ein Vlies von einem Panther war darauf gezogen 981
+Des Wohlgeruches wegen. Auch trug er einen Bogen:
+Mit einer Winde must ihn ziehen an,
+Wer ihn spannen wollte, er hätt es selbst denn gethan.
+
+Von fremden Tierhäuten war all sein Gewand, 982
+Das man von Kopf zu Füßen bunt überhangen fand.
+Aus dem lichten Rauchwerk zu beiden Seiten hold
+An dem kühnen Jägermeister schien manche Flitter von Gold.
+
+Auch führt' er Balmungen, das breite schmucke Schwert: 983
+Das war solcher Schärfe, nichts blieb unversehrt,
+Wenn man es schlug auf Helme: seine Schneiden waren gut.
+Der herrliche Jäger trug gar hoch seinen Muth.
+
+Wenn ich euch der Märe ganz bescheiden soll, 984
+So war sein edler Köcher guter Pfeile voll,
+Mit goldenen Röhren, die Eisen händebreit.
+Was er traf mit Schießen, dem war das Ende nicht weit.
+
+Da ritt der edle Ritter stattlich aus dem Tann. 985
+Gunthers Leute sahen, wie er ritt heran.
+Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Ross:
+Da trug er an dem Sattel einen Bären stark und groß.
+
+Als er vom Ross gestiegen, löst' er ihm das Band 986
+Vom Mund und von den Füßen: die Hunde gleich zur Hand
+Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn.
+Das Thier zu Walde wollte: das erschreckte manchen Mann.
+
+Der Bär durch die Küche von dem Lärm gerieth: 987
+Hei! was er Küchenknechte da vom Feuer schied!
+Gestürzt ward mancher Keßel, verschleudert mancher Brand;
+Hei! was man guter Speisen in der Asche liegen fand!
+
+Da sprang von den Sitzen Herr und Knecht zumal. 988
+Der Bär begann zu zürnen; der König gleich befahl
+Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag;
+Und war es Wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag.
+
+Mit Bogen und mit Spießen, man säumte sich nicht mehr, 989
+Liefen hin die Schnellen, wo da gieng der Bär;
+Doch wollte Niemand schießen, von Hunden wars zu voll.
+So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl.
+
+Der Bär begann zu fliehen vor der Hunde Zahl; 990
+Ihm konnte Niemand folgen als Kriemhilds Gemahl.
+Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug.
+Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug.
+
+Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann. 991
+Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran.
+Auf schönem Anger saßen der Helden da genug.
+Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug!
+
+Die Schenken waren säumig, sie brachten nicht den Wein; 992
+So gut bewirthet mochten sonst Helden nimmer sein.
+Wären manche drunter nicht so falsch dabei,
+So wären wohl die Degen aller Schanden los und frei.
+
+Des wurde da nicht inne der verrathne kühne Mann, 993
+Daß man solche Tücke wider sein Leben spann.
+Er war in höfschen Züchten alles Truges bar;
+Seines Todes must entgelten, dem es nie ein Frommen war.
+
+Da sprach der edle Siegfried: "Mich verwundert sehr, 994
+Man trägt uns aus der Küche doch so viel daher,
+Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein?
+Pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein.
+
+"Ich möcht es doch verdienen, bedächte man mich gut." 995
+Von seinem Tisch der König sprach mit falschem Muth:
+"Wir büßen euch ein andermal, was heut uns muß entgehn;
+Die Schuld liegt an Hagen, der will uns verdursten sehn."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Lieber Herre mein, 996
+Ich wähnte, das Birschen sollte heute sein
+Fern im Spechtsharte: den Wein hin sandt ich dort.
+Heute giebt es nichts zu trinken, doch vermeid ich es hinfort."
+
+Da sprach der edle Siegfried: "Dem weiß ich wenig Dank: 997
+Man sollte sieben Lasten mit Meth und Lautertrank
+Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein,
+So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edeln Ritter schnell, 998
+Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell:
+Daß ihr mir nicht zürnet, da rath, ich hinzugehn."
+Der Rath war manchem Degen zu großem Leide geschehn.
+
+Siegfried den Recken zwang des Durstes Noth; 999
+Den Tisch hinwegzurücken der Held alsbald gebot:
+Er wollte vor die Berge zu dem Brunnen gehn.
+Da war der Rath aus Arglist von den Degen geschehn.
+
+Man hieß das Wild auf Wagen führen in das Land, 1000
+Das da verhauen hatte Siegfriedens Hand.
+Wer es auch sehen mochte, sprach großen Ruhm ihm nach.
+Hagen seine Treue sehr an Siegfrieden brach.
+
+Als sie von dannen wollten zu der Linde breit, 1001
+Da sprach von Tronje Hagen: "Ich hörte jederzeit,
+Es könne Niemand folgen Kriemhilds Gemahl,
+Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir das einmal!"
+
+Da sprach von Niederlanden der Degen kühn und gut: 1002
+"Das mögt ihr wohl versuchen: wenn ihr mit mir thut
+Einen Wettlauf nach dem Brunnen? Soll das geschehn,
+So habe der gewonnen, den wir den vordersten sehn."
+
+"Wohl, laßt es uns versuchen," sprach Hagen der Degen. 1003
+Da sprach der starke Siegfried: "So will ich mich legen,
+Verlier ich, euch zu Füßen nieder in das Gras."
+Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das!
+
+Da sprach der kühne Degen: "Noch mehr will ich euch sagen: 1004
+Gewand und Gewaffen will ich bei mir tragen,
+Den Wurfspieß samt dem Schilde und all mein Birschgewand."
+Das Schwert und den Köcher um die Glieder schnell er band.
+
+Die Kleider vom Leibe zogen die Andern da: 1005
+In zwei weißen Hemden man beide stehen sah.
+Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee;
+Man sah bei dem Brunnen den schnellen Siegfried doch eh.
+
+Den Preis in allen Dingen vor Manchem man ihm gab. 1006
+Da löst' er schnell die Waffe, den Köcher legt' er ab,
+Den starken Spieß lehnt' er an den Lindenast.
+Bei des Brunnens Fluße stand der herrliche Gast.
+
+Die höfsche Zucht erwies da Siegfried daran; 1007
+Den Schild legt' er nieder, wo der Brunnen rann;
+Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank
+Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.
+
+Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; 1008
+Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut.
+Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann:
+Also hätt auch gerne der kühne Siegfried gethan.
+
+Da entgalt er seiner höfschen Zucht; den Bogen und das Schwert 1009
+Trug beiseite Hagen von dem Degen werth.
+Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspieß fand,
+Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.
+
+Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, 1010
+Er schoß ihn durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang
+Das Blut von seinem Herzen an Hagens Gewand.
+Kein Held begeht wohl wieder solche Unthat nach der Hand.
+
+Den Gerschaft im Herzen ließ er ihm stecken tief. 1011
+Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief,
+So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann!
+Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann,
+
+Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; 1012
+Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang.
+Nun wähnt' er da zu finden Bogen oder Schwert,
+Gewiß, so hätt er Hagnen den verdienten Lohn gewährt.
+
+Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 1013
+Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand.
+Den rafft' er von dem Brunnen und rannte Hagen an:
+Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Unterthan.
+
+Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, 1014
+Daß von dem Schilde nieder wirbelte genug
+Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast:
+So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast.
+
+Da muste Hagen fallen von seiner Hand zu Thal; 1015
+Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall.
+Hätt er sein Schwert in Händen, so wär er Hagens Tod.
+Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Noth.
+
+Seine Farbe war erblichen; er konnte nicht mehr stehn. 1016
+Seines Leibes Stärke muste ganz zergehn,
+Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug.
+Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug.
+
+Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann. 1017
+Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann.
+Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Noth
+Die da gerathen hatten mit Untreue seinen Tod.
+
+Da sprach der Todwunde: "Weh, ihr bösen Zagen, 1018
+Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen?
+Ich war euch stäts gewogen und sterbe nun daran.
+Ihr habt an euern Freunden leider übel gethan.
+
+"Die sind davon bescholten, so viele noch geborn 1019
+Werden nach diesem Tage: ihr habt euern Zorn
+Allzusehr gerochen an dem Leben mein.
+Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein."
+
+Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag. 1020
+Es war ihrer Vielen ein freudeloser Tag.
+Wer Treue kannt und Ehre, der hat ihn beklagt:
+Das verdient' auch wohl um Alle dieser Degen unverzagt.
+
+Der König der Burgunden klagt' auch seinen Tod. 1021
+Da sprach der Todwunde: "Das thut nimmer Noth,
+Daß der um Schaden weine, von dem man ihn gewann:
+Er verdient groß Schelten, er hätt es beßer nicht gethan."
+
+Da sprach der grimme Hagen: "Ich weiß nicht, was euch reut: 1022
+Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut.
+Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn;
+Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn."
+
+"Ihr mögt euch leichtlich rühmen," sprach Der von Niederland. 1023
+"Hätt ich die mörderische Weis an euch erkannt,
+Vor euch behütet hätt ich Leben wohl und Leib.
+Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild mein Weib.
+
+"Nun mög es Gott erbarmen, daß ich gewann den Sohn, 1024
+Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon,
+Daß seine Freunde Jemand meuchlerisch erschlagen:
+Hätt ich Zeit und Weile, das müst ich billig beklagen.
+
+"Wohl nimmer hat begangen so großen Mord ein Mann," 1025
+Sprach er zu dem König, "als ihr an mir gethan.
+Ich erhielt euch unbescholten in großer Angst und Noth;
+Ihr habt mir schlimm vergolten, daß ich so wohl es euch bot."
+
+Da sprach im Jammer weiter der todwunde Held: 1026
+"Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt
+An Jemand Treue pflegen, so laßt befohlen sein
+Doch auf eure Gnade euch die liebe Traute mein.
+
+"Es komm ihr zu Gute, daß sie eure Schwester ist: 1027
+Sei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist.
+Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn:
+Nie ist an liebem Freunde einem Weibe so leid geschehn."
+
+Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Noth gebot, 1028
+Und sprach aus jammerndem Herzen: "Mein mordlicher Tod
+Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen:
+Glaubt mir in rechten Treuen, daß ihr euch selber habt erschlagen.
+
+Die Blumen allenthalben waren vom Blute naß. 1029
+Da rang er mit dem Tode, nicht lange that er das,
+Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr.
+Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.
+
+Als die Herren sahen den edlen Helden todt, 1030
+Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde roth.
+Da giengen sie zu Rathe, wie sie es stellten an,
+Daß es verhohlen bliebe, Hagen hab es gethan.
+
+Da sprachen ihrer Viele: "Ein Unfall ist geschehn; 1031
+Ihr sollt es alle hehlen und Einer Rede stehn:
+Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann,
+Erschlugen ihn Schächer, als er fuhr durch den Tann."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Ich bring ihn in das Land. 1032
+Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt,
+Die so betrüben konnte der Königin hohen Muth;
+Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und thut."
+
+Von denselben Brunnen, wo Siegfried ward erschlagen, 1033
+Sollt ihr die rechte Wahrheit von mir hören sagen.
+Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenheim.
+Da fließt noch der Brunnen, kein Zweifel kann daran sein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Siebzehntes Abenteuer.
+
+Wie Siegfried beklagt und begraben ward.
+
+
+Da harrten sie des Abends und fuhren über Rhein; 1034
+Es mochte nie von Helden ein schlimmer Jagen sein.
+Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib:
+Sein muste bald entgelten viel guter Weigande Leib.
+
+Von großem Uebermuthe mögt ihr nun hören sagen 1035
+Und schrecklicher Rache. Bringen ließ Hagen
+Den erschlagen Siegfried von Nibelungenland
+Vor eine Kemenate, darin sich Kriemhild befand.
+
+Er ließ ihn ihr verstohlen legen vor die Thür, 1036
+Daß sie ihn finden müße, wenn morgen sie herfür
+Zu der Mette gienge frühe vor dem Tag,
+Deren Frau Kriemhild wohl selten eine verlag.
+
+Da hörte man wie immer zum Münster das Geläut: 1037
+Kriemhild die schöne weckte manche Maid.
+Ein Licht ließ sie sich bringen, dazu auch ihr Gewand;
+Da kam der Kämmrer Einer hin, wo er Siegfrieden fand.
+
+Er sah ihn roth von Blute, all sein Gewand war naß: 1038
+Daß sein Herr es wäre, mit Nichten wust er das.
+Da trug er in die Kammer das Licht in seiner Hand,
+Bei dem da Frau Kriemhild viel leide Märe befand.
+
+Als sie mit den Frauen zum Münster wollte gehn, 1039
+"Frau," sprach der Kämmerer, "wollt noch stille stehn:
+Es liegt vor dem Gemache ein Ritter todtgeschlagen."
+"O weh," sprach da Kriemhild, "was willst du solche Botschaft sagen?"
+
+Eh sie noch selbst gesehen, es sei ihr lieber Mann, 1040
+An die Frage Hagens hub sie zu denken an,
+Wie er ihn schützen möchte: da ahnte sie ihr Leid.
+Mit seinem Tod entsagte sie nun aller Fröhlichkeit.
+
+Da sank sie zur Erden, kein Wort mehr sprach sie da; 1041
+Die schöne Freudenlose man da liegen sah.
+Kriemhildens Jammer wurde groß und voll;
+Sie schrie nach der Ohnmacht, daß all die Kammer erscholl.
+
+Da sprach ihr Gesinde: "Es kann ein Fremder sein." 1042
+Das Blut ihr aus dem Munde brach vor Herzenspein.
+"Nein, es ist Siegfried, mein geliebter Mann:
+Brunhild hats gerathen und Hagen hat es gethan."
+
+Sie ließ sich hingeleiten, wo sie den Helden fand; 1043
+Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand.
+So roth er war von Blute, sie hat ihn gleich erkannt:
+Da lag zu großem Jammer der Held von Nibelungenland.
+
+Da rief in Jammerlauten die Königin mild: 1044
+"O weh mir dieses Leides! Nun ist dir doch dein Schild
+Mit Schwertern nicht verhauen! dich fällte Meuchelmord.
+Und wüst ich, wer der Thäter wär, ich wollt es rächen immerfort."
+
+All ihr Ingesinde klagte laut und schrie 1045
+Mit seiner lieben Frauen; heftig schmerzte sie
+Ihr edler Herr und König, den sie da sahn verlorn.
+Gar übel hatte Hagen gerochen Brunhildens Zorn.
+
+Da sprach die Jammerhafte: "Nun soll Einer gehn 1046
+Und mir in Eile wecken Die in Siegfrieds Lehn
+Und soll auch Siegmunden meinen Jammer sagen,
+Ob er mir helfen wolle den kühnen Siegfried beklagen."
+
+Da lief dahin ein Bote, wo er sie liegen fand, 1047
+Siegfriedens Helden von Nibelungenland.
+Mit den leiden Mären die Freud er ihnen nahm;
+Sie wollten es nicht glauben, bis man das Weinen vernahm.
+
+Auch kam dahin der Bote, wo der König lag. 1048
+Siegmund der Herre keines Schlafes pflag,
+Als ob das Herz ihm sagte, was ihm wär geschehn,
+Er sollte seinen lieben Sohn lebend nimmer wiedersehn.
+
+"Wacht auf, König Siegmund, mich hieß nach euch gehn 1049
+Kriemhild, meine Herrin; der ist ein Leid geschehn,
+Das ihr vor allem Leide wohl das Herz versehrt;
+Das sollt ihr klagen helfen, da es auch euch widerfährt."
+
+Auf richtete sich Siegmund und sprach: "Was beklagt 1050
+Denn die schöne Kriemhild, wie du mir hast gesagt?"
+Der Bote sprach mit Weinen: "Sie hat wohl Grund zu klagen
+Es liegt von Niederlanden der kühne Siegfried erschlagen."
+
+Da sprach König Siegmund: "Laßt das Scherzen sein 1051
+Mit so böser Märe von dem Sohne mein
+Und sagt es Niemand wieder, daß er sei erschlagen,
+Denn ich könnt ihn nie genug bis an mein Ende beklagen."
+
+"Und wollt ihr nicht glauben, was ihr mich höret sagen, 1052
+So vernehmet selber Kriemhilden klagen
+Und all ihr Ingesinde um Siegfriedens Tod."
+Wie erschrak da Siegmund: es schuf ihm wahrhafte Noth.
+
+Mit hundert seiner Mannen er von dem Bette sprang. 1053
+Sie zuckten zu den Händen die scharfen Waffen lang
+Und liefen zu dem Wehruf jammersvoll heran.
+Da kamen tausend Recken, dem kühnen Siegfried unterthan.
+
+Als sie so jämmerlich die Frauen hörten klagen, 1054
+Da kam Vielen erst in Sinn, sie müsten Kleider tragen.
+Wohl mochten sie vor Schmerzen des Sinnes Macht nicht haben:
+Es lag in ihrem Herzen große Schwere begraben.
+
+Da kam der König Siegmund hin, wo er Kriemhild fand. 1055
+Er sprach: "O weh der Reise hierher in dieses Land!
+Wer hat euch euern Gatten, wer hat mir mein Kind
+So mordlich entrißen, da wir bei guten Freunden sind?"
+
+"Ja, kennt ich Den," versetzte die edle Königin, 1056
+"Hold würd ihm nimmer mein Herz noch mein Sinn:
+Ich rieth' ihm so zum Leide, daß all die Freunde sein
+Mit Jammer weinen müsten, glaubt mir, von wegen mein."
+
+Siegmund mit Armen den Fürsten umschloß; 1057
+Da ward von seinen Freunden der Jammer also groß,
+Daß von dem lauten Wehruf Palas und Saal
+Und Worms die weite Veste rings erscholl im Widerhall.
+
+Da konnte Niemand trösten Siegfriedens Weib, 1058
+Man zog aus den Kleidern seinen schönen Leib,
+Wusch ihm seine Wunde und legt' ihn auf die Bahr;
+Allen seinen Leuten wie weh vor Jammer da war!
+
+Es sprachen seine Recken aus Nibelungenland: 1059
+"Immer ihn zu rächen bereit ist unsre Hand.
+Er ist in diesem Hause, von dem es ist geschehn."
+Da eilten sich zu waffnen die Degen in Siegfrieds Lehn.
+
+Die Auserwählten kamen in ihrer Schilde Wehr, 1060
+Elfhundert Recken; die hatt in seinem Heer
+Siegmund der König: seines Sohnes Tod
+Hätt er gern gerochen, wie ihm die Treue gebot.
+
+Sie wusten nicht, wen sollten sie im Streit bestehn, 1061
+Wenn es nicht Gunther wäre und Die in seinem Lehn,
+Die zur Jagd mit Siegfried geritten jenen Tag.
+Kriemhild sah sie gewaffnet: das schuf ihr großes Ungemach.
+
+Wie stark auch ihr Jammer, wie groß war ihre Noth, 1062
+Sie besorgte doch so heftig der Nibelungen Tod
+Von ihrer Brüder Mannen, daß sie dawider sprach:
+Sie warnte sie in Liebe, wie immer Freund mit Freunden pflag.
+
+Da sprach die Jammerreiche: "Herr König Siegmund, 1063
+Was wollt ihr beginnen? Euch ist wohl nicht kund,
+Es hat der König Gunther so manchen kühnen Mann:
+Ihr wollt euch all verderben, greift ihr solche Recken an."
+
+Mit auferhobnen Schilden that ihnen Streiten Noth. 1064
+Die edle Königstochter bat und gebot,
+Daß es meiden sollten die Recken allbereit.
+Daß sie's nicht laßen wollten, das war ein grimmiges Leid.
+
+Sie sprach: "Herr König Siegmund, steht damit noch an, 1065
+Bis es sich beßer fügte: so will ich meinen Mann
+Euch immer rächen helfen. Der mir ihn hat benommen,
+Wird es mir bewiesen, es muß ihm noch zu Schaden kommen.
+
+"Es sind der Uebermüthigen hier am Rhein so viel, 1066
+Daß ich euch zum Streite jetzt nicht rathen will:
+Sie haben wider Einen immer dreißig Mann;
+Laß ihnen Gott gelingen, wie sie uns haben gethan.
+
+"Bleibt hier im Hause und tragt mit mir das Leid, 1067
+Bis es beginnt zu tagen, ihr Helden allbereit:
+Dann helft ihr mir besargen meinen lieben Mann."
+Da sprachen die Degen: "Liebe Frau, das sei gethan."
+
+Es könnt euch des Wunders ein Ende Niemand sagen, 1068
+Die Ritter und die Frauen, wie man sie hörte klagen,
+Bis man des Wehrufs ward in der Stadt gewahr.
+Die edeln Bürger kamen daher in eilender Schar.
+
+Sie klagten mit den Gästen: sie schmerzte der Verlust. 1069
+Was Siegfried verschulde, war ihnen unbewust,
+Weshalb der edle Recke Leben ließ und Leib.
+Da weinte mit den Frauen manchen guten Bürgers Weib.
+
+Schmiede hieß man eilen und würken einen Sarg 1070
+Von Silber und von Golde, mächtig und stark,
+Und ließ ihn wohl beschlagen mit Stahl, der war gut.
+Da war allen Leuten das Herz beschwert und der Muth.
+
+Die Nacht war vergangen: man sagt', es wolle tagen. 1071
+Da ließ die edle Königin hin zum Münster tragen
+Diesen edeln Todten, ihren lieben Mann.
+Mit ihr giengen weinend, was sie der Freunde gewann.
+
+Da sie zum Münster kamen, wie manche Glocke klang! 1072
+Allenthalben hörte man der Pfaffen Sang.
+Da kam der König Gunther hinzu mit seinem Lehn
+Und auch der grimme Hagen; es wäre klüger nicht geschehn.
+
+Er sprach: "Liebe Schwester, o weh des Leides dein; 1073
+Daß wir nicht ledig mochten so großen Schadens sein!
+Wir müßen immer klagen um Siegfriedens Tod."
+"Daran thut ihr Unrecht," sprach die Frau in Jammersnoth.
+
+"Wenn euch das betrübte, so wär es nicht geschehn. 1074
+Ihr hattet mein vergeßen, das muß ich wohl gestehn,
+Als ich so geschieden ward von meinem lieben Mann.
+Wollte Gott vom Himmel, mir selber war es gethan."
+
+Sie hielten sich am Läugnen. Da hub Kriemhild an: 1075
+"Wer unschuldig sein will, leicht ist es dargethan,
+Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn:
+Da mag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit versehn."
+
+Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, 1076
+Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht,
+So bluten ihm die Wunden, wie es auch hier geschah;
+Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah.
+
+Die Wunden floßen wieder so stark als je vorher. 1077
+Die erst schon heftig klagten, die weinten nun noch mehr.
+Da sprach König Gunther: "Nun hört die Wahrheit an:
+Ihn erschlugen Schächer; Hagen hat es nicht gethan."
+
+Sie sprach: "Diese Schächer sind mir wohl bekannt: 1078
+Nun laß es Gott noch rächen von seiner Freunde Hand!
+Gunther und Hagen, ja ihr habt es gethan."
+Da wollten wieder streiten Die Siegfrieden unterthan.
+
+Da sprach aber Kriemhild: "Ertragt mit mir die Noth." 1079
+Da kamen auch die Beiden, wo sie ihn fanden todt,
+Gernot ihr Bruder und Geiselher das Kind.
+Sie beklagten ihn in Treuen; ihre Augen wurden thränenblind.
+
+Sie weinten von Herzen um Kriemhildens Mann. 1080
+Man wollte Messe singen: zum Münster heran
+Sah man allenthalben Frauen und Männer ziehn,
+Die ihn doch leicht verschmerzten, weinten alle jetzt um ihn.
+
+Geiselher und Gernot sprachen: "Schwester mein, 1081
+Nun tröste dich des Todes, es muß wohl also sein.
+Wir wollen dirs ersetzen, so lange wir leben."
+Da wust ihr auf Erden Niemand doch Trost zu geben.
+
+Sein Sarg war geschmiedet wohl um den hohen Tag; 1082
+Man hob ihn von der Bahre, darauf der Todte lag.
+Da wollt ihn noch die Königin nicht laßen begraben:
+Es musten alle Leute große Mühsal erst haben.
+
+In kostbare Zeuge man den Todten wand. 1083
+Gewiss daß man da Niemand ohne Weinen fand.
+Aus ganzem Herzen klagte Ute das edle Weib
+Und all ihr Ingesinde um Siegfrieds herrlichen Leib.
+
+Als die Leute hörten, daß man im Münster sang 1084
+Und ihn besargt hatte, da hob sich großer Drang:
+Um seiner Seele willen was man da Opfer trug!
+Er hatte bei den Feinden doch guter Freunde genug.
+
+Kriemhild die arme zu den Kämmerlingen sprach: 1085
+"Ihr sollt mir zu Liebe leiden Ungemach:
+Die ihm Gutes gönnen und mir blieben hold,
+Um Siegfriedens Seele verteilt an diese sein Gold."
+
+Da war kein Kind so kleine, mocht es Verstand nur haben, 1086
+Das nicht zum Opfer gienge, eh er ward begraben.
+Wohl an hundert Messen man des Tages sang.
+Von Siegfriedens Freunden hob sich da mächtiger Drang.
+
+Als die gesungen waren, verlief die Menge sich. 1087
+Da sprach wieder Kriemhild: "Nicht einsam sollt ihr mich
+Heunt bewachen laßen den auserwählten Degen:
+Es ist an seinem Leibe all meine Freude gelegen.
+
+"Drei Tag und drei Nächte will ich verwachen dran, 1088
+Bis ich mich ersättige an meinem lieben Mann.
+Vielleicht daß Gott gebietet, daß mich auch nimmt der Tod:
+So wäre wohl beendet der armen Kriemhilde Noth."
+
+Zur Herberge giengen die Leute von der Stadt. 1089
+Die Pfaffen und die Mönche sie zu verweilen bat
+Und all sein Ingesinde, das sein billig pflag.
+Sie hatten üble Nächte und gar mühselgen Tag.
+
+Ohne Trank und Speise verblieb da mancher Mann. 1090
+Wers nicht gern entbehrte, dem ward kund gethan,
+Man gab ihm gern die Fülle: das schuf Herr Siegmund.
+Da ward den Nibelungen viel Noth und Beschwerde kund.
+
+In diesen dreien Tagen, so hörten wir sagen, 1091
+Muste mit Kriemhilden viel Mühsal ertragen,
+Wer da singen konnte. Was man auch Opfer trug!
+Die eben arm gewesen, die wurden nun reich genug.
+
+Was man fand der Armen, die es nicht mochten haben, 1092
+Die ließ sie mit dem Golde bringen Opfergaben
+Aus seiner eignen Kammer: er durfte nicht mehr leben,
+Da ward um seine Seele manches Tausend Mark gegeben.
+
+Güter und Gefälle vertheilte sie im Land, 1093
+So viel man der Klöster und guter Leute fand.
+Silber gab man und Gewand den Armen auch genug.
+Sie ließ es wohl erkennen, wie holde Liebe sie ihm trug.
+
+An dem dritten Morgen zur rechten Messezeit 1094
+Sah man bei dem Münster den ganzen Kirchhof weit
+Von der Landleute Weinen also voll:
+Sie dienten ihm im Tode, wie man lieben Freunden soll.
+
+In diesen vier Tagen, so hört ich immerdar, 1095
+Wol an dreißigtausend Mark oder mehr noch gar
+Ward um seine Seele den Armen hingegeben,
+Indes war gar zerronnen seine große Schöne wie sein Leben.
+
+Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096
+Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang.
+Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen.
+Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen.
+
+Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097
+Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann.
+Eh er bestattet wurde, las und sang man da:
+Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah!
+
+Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098
+Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib,
+Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß:
+Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß.
+
+Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099
+Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam.
+"Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin,
+"Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn.
+
+"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100
+Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn,"
+Da bat sie im Jammer so lang und so stark,
+Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg.
+
+Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101
+Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand
+Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut:
+Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut.
+
+Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102
+Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn.
+Da lag ohne Sinne das herrliche Weib:
+Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib.
+
+Als der edle Degen also begraben war, 1103
+Sah man in großem Leide die Helden immerdar,
+Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland:
+Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand.
+
+Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104
+Vor dem großen Leide weder aß noch trank;
+Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr:
+Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither.
+
+Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105
+Den Tag und den Abend bis an den andern Tag.
+Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund.
+Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund.
+
+Kaum daß ihn zur Besinnung zu bringen noch gelang. 1106
+Seine Kräfte waren von starkem Leide krank:
+Das war wohl kein Wunder. Die in seiner Pflicht
+sprachen: "Laßt uns heimziehn: es duldet uns hier länger nicht."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Achtzehntes Abenteuer.
+
+Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb.
+
+
+Der Schwäher Kriemhildens gieng hin, wo er sie fand. 1107
+Er sprach zu der Königin: "Laßt uns in unser Land:
+Wir sind unliebe Gäste, wähn ich, hier am Rhein.
+Kriemhild, liebe Fraue, nun folgt uns zu dem Lande mein.
+
+"Daß man in diesen Landen uns so verwaiset hat 1108
+Eures edeln Mannes durch böslichen Verrath,
+Ihr sollt es nicht entgelten: hold will ich euch sein
+Aus Liebe meines Sohnes und des edeln Kindes sein.
+
+"Ihr sollt auch, Frau, gebieten mit all der Gewalt, 1109
+Die Siegfried euch verstattete, der Degen wohlgestalt.
+Das Land und auch die Krone soll euch zu Diensten stehn.
+Euch sollen gern gehorchen Die in Siegfriedens Lehn."
+
+Da sagte man den Knechten: "Wir reiten heim vor Nacht." 1110
+Da sah man nach den Rossen eine schnelle Jagd:
+Bei den verhaßten Feinden zu leben war ein Leid.
+Den Frauen und den Maiden suchte man ihr Reisekleid.
+
+Als König Siegmund gerne weggeritten wär, 1111
+Da bat ihre Mutter Kriemhilden sehr,
+Sie sollte bei den Freunden im Lande doch bestehn.
+Da sprach die Freudenarme: "Das könnte schwerlich geschehn.
+
+"Wie vermocht ichs, mit den Augen den immer anzusehn, 1112
+Von dem mir armen Weibe so leid ist geschehn?"
+Da sprach der junge Geiselher: "Liebe Schwester mein,
+Du sollst bei deiner Treue hier mit deiner Mutter sein.
+
+"Die dir das Herz beschwerten und trübten dir den Muth, 1113
+Du bedarfst nicht ihrer Dienste, du zehrst von meinem Gut."
+Sie sprach zu dem Recken: "Wie könnte das geschehn?
+Vor Leide müst ich sterben, wenn ich Hagen sollte sehn."
+
+"Dessen überheb ich dich, viel liebe Schwester mein. 1114
+Du sollst bei deinem Bruder Geiselher hier sein;
+Ich will dir wohl vergüten deines Mannes Tod."
+Da sprach die Freudenlose: "Das wäre Kriemhilden Noth."
+
+Als es ihr der Junge so gütlich erbot, 1115
+Da begannen auch zu flehen Ute und Gernot
+Und ihre treuen Freunde, sie möchte da bestehn:
+Sie hätte wenig Sippen unter Siegfriedens Lehn.
+
+"Sie sind euch alle fremde," sprach da Gernot. 1116
+"Wie stark auch einer gelte, so rafft ihn doch der Tod.
+Bedenkt das, liebe Schwester, und tröstet euern Muth:
+Bleibt hier bei euern Freunden, es geräth euch wahrlich gut."
+
+Da gelobte sie dem Bruder, im Lande zu bestehn. 1117
+Man zog herbei die Rosse Denen in Siegmunds Lehn,
+Als sie reiten wollten gen Nibelungenland;
+Da war auch aufgeladen der Recken Zeug und Gewand.
+
+Da gieng König Siegmund vor Kriemhilden stehn 1118
+Und sprach zu der Frauen: "Die in Siegfrieds Lehn
+Warten bei den Rossen: reiten wir denn hin,
+Da ich gar so ungern hier bei den Burgunden bin."
+
+Frau Kriemhild sprach: "Mir rathen hier die Freunde mein, 1119
+Die besten, die ich habe, bei ihnen soll' ich sein.
+Ich habe keinen Blutsfreund in Nibelungenland."
+Leid war es Siegmunden, da er dieß an Kriemhild fand.
+
+Da sprach König Siegmund: "Das laßt euch Niemand sagen: 1120
+Vor allen meinen Freunden sollt ihr die Krone tragen
+Nach rechter Königswürde, wie ihr vordem gethan:
+Ihr sollt es nicht entgelten, daß ihr verloren habt den Mann.
+
+"Fahrt auch mit uns zur Heimat um euer Kindelein: 1121
+Das sollt ihr eine Waise, Frau, nicht laßen sein.
+Ist euer Sohn erwachen, er tröstet euch den Muth.
+Derweil soll euch dienen mancher Degen kühn und gut."
+
+Sie sprach: "Mein Herr Siegmund, ich kann nicht mit euch gehn. 1122
+Ich muß hier verbleiben, was halt mir mag geschehn,
+Bei meinen Anverwandten, die mir helfen klagen."
+Da wollten diese Mären den guten Recken nicht behagen.
+
+Sie sprachen einhellig: "So möchten wir gestehn, 1123
+Es sei in dieser Stunde uns erst ein Leid geschehn.
+Wollt ihr hier im Lande bei unsern Feinden sein,
+So könnte Helden niemals eine Hoffahrt übler gedeihn."
+
+"Ihr sollt ohne Sorge Gott befohlen fahren: 1124
+Ich schaff euch gut Geleite und heiß euch wohl bewahren
+Bis zu euerm Lande; mein liebes Kindelein
+Das soll euch guten Recken auf Gnade befohlen sein."
+
+Als sie das recht vernahmen, sie wolle nicht hindann, 1125
+Da huben Siegfrieds Mannen all zu weinen an.
+Mit welchem Herzensjammer nahm da Siegmund
+Urlaub von Kriemhilden! Da ward ihm Unfreude kund.
+
+"Weh dieses Hofgelages!" sprach der König hehr. 1126
+"Einem König und den Seinen geschieht wohl nimmermehr
+Einer Kurzweil willen, was uns hier ist geschehn:
+Man soll uns nimmer wieder hier bei den Burgunden sehn."
+
+Da sprachen laut die Degen in Siegfriedens Heer: 1127
+"Wohl möchte noch die Reise geschehen hieher,
+Wenn wir den nur fanden, der uns den Herrn erschlug.
+Sie haben Todfeinde bei seinen Freunden genug."
+
+Er küsste Kriemhilden: kläglich sprach er da, 1128
+Als er daheim zu bleiben sie so entschloßen sah:
+"Wir reiten arm an Freuden nun heim in unser Land!
+All mein Kummer ist mir erst jetzo bekannt."
+
+Sie ritten ungeleitet von Worms an den Rhein: 1129
+Sie mochten wohl des Muthes in ihrem Sinne sein,
+Wenn sie in Feindschaft würden angerannt,
+Daß sich schon wehren solle der kühnen Niblungen Hand.
+
+Sie erbaten Urlaub von Niemanden sich. 1130
+Da sah man Geiselheren und Gernot minniglich
+Zu dem König kommen; ihnen war sein Schade leid:
+Das ließen ihn wohl schauen die kühnen Helden allbereit.
+
+Da sprach wohlgezogen der kühne Gernot: 1131
+"Wohl weiß es Gott im Himmel, an Siegfriedens Tod
+Bin ich ganz unschuldig: ich hört auch niemals sagen,
+Wer ihm Feind hier wäre: ich muß ihn billig beklagen."
+
+Da gab ihm gut Geleite Geiselher das Kind. 1132
+Er bracht ohne Sorgen, die sonst bei Leide sind,
+Den König und die Recken heim nach Niederland.
+Wie wenig der Verwandten man dort fröhlich wiederfand!
+
+Wie's ihnen nun ergangen ist, weiß ich nicht zu sagen. 1133
+Man hörte hier Kriemhilden zu allen Zeiten klagen,
+Daß ihr Niemand tröstete das Herz noch den Muth
+Als ihr Bruder Geiselher: der war getreu und auch gut.
+
+Brunhild die schöne des Uebermuthes pflag: 1134
+Wie viel Kriemhild weinte, was fragte sie darnach!
+Sie war zu Lieb und Treue ihr nimmermehr bereit;
+Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild wohl so ungefüges Leid.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Neunzehntes Abenteuer.
+
+Wie der Nibelungenhort nach Worms kam.
+
+
+Als die edle Kriemhild so verwitwet ward, 1135
+Blieb bei ihr im Lande der Markgraf Eckewart
+Zurück mit seinen Mannen, wie ihm die Treu gebot.
+Er diente seiner Frauen willig bis an seinen Tod.
+
+Zu Worms am Münster wies man ihr ein Gezimmer an, 1136
+Weit und geräumig, reich und wohlgethan,
+Wo mit dem Gesinde die Freudenlose saß.
+Sie gieng zur Kirche gerne, mit großer Andacht that sie das.
+
+Wo ihr Freund begraben lag, wie fleißig gieng sie 1137
+Sie that es alle Tage mit trauerndem Sinn
+Und bat seiner Seele Gott den Herrn zu pflegen:
+Gar oft bejammert wurde mit großer Treue der Degen.
+
+Ute und ihr Gesinde sprachen ihr immer zu, 1138
+Und doch im wunden Herzen fand sie so wenig Ruh,
+Es konnte nicht verfangen der Trost, den man ihr bot.
+Sie hatte nach dem Freunde die allergrößeste Noth,
+
+Die nach liebem Manne je ein Weib gewann: 1139
+Ihre große Treue ersah man wohl daran.
+Sie klagt' ihn bis zu Ende, da sie zu sterben kam.
+Bald rächte sie gewaltig mit großer Treue den Gram.
+
+Sie saß in ihrem Leide, das ist alles wahr, 1140
+Nach ihres Mannes Tode bis in das vierte Jahr
+Und hatte nie zu Gunthern gesprochen einen Laut
+Und auch Hagen ihren Feind in all der Zeit nicht erschaut.
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Könnte das geschehn, 1141
+Daß ihr euch die Schwester gewogen möchtet sehn,
+So käm zu diesem Lande der Nibelungen Gold:
+Des mögt ihr viel gewinnen, wird uns die Königin hold."
+
+"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142
+"Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher,
+Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht."
+"Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht."
+
+Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143
+Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn,
+Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind:
+Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind.
+
+Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144
+"Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod.
+Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen:
+Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen."
+
+Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145
+Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt.
+Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn!
+Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin,
+
+"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146
+So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib!
+Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!"
+Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann.
+
+Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147
+Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan
+So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld:
+Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld."
+
+"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148
+"Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!"
+"Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot.
+Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot:
+
+"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149
+Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam.
+Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn:
+Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn.
+
+Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150
+Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das.
+Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn,
+So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.
+
+Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151
+Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr.
+Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann:
+Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.
+
+Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152
+Daß die Königstochter den großen Hort gewann
+Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein:
+Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein.
+
+Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153
+Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot,
+Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag
+Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag.
+
+Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154
+Alberich der kühne sprach zu den Freunden da:
+"Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn,
+Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin.
+
+"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155
+Müsten wir nicht leider uns verloren sehn
+Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal,
+Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl.
+
+"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156
+Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen,
+Und daß ihm dienen muste all dieses Land."
+Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand.
+
+Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157
+Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand
+Zu dem Meere bringen an die Schiffelein
+Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein.
+
+Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158
+Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen
+In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht,
+Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht.
+
+Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159
+Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold,
+Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth.
+Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt.
+
+Der Wunsch lag darunter, ein golden Rüthelein: 1160
+Wer es hätt erkundet, der möchte Meister sein
+Auf der weiten Erde wohl über jeden Mann.
+Von Albrichs Freunden zogen mit Gernot Viele hinan.
+
+Als Gernot der Degen und der junge Geiselher 1161
+Des Horts sich unterwanden, da wurden sie auch Herr
+Des Landes und der Burgen und der Recken wohlgestalt:
+Die musten ihnen dienen zumal durch Furcht und Gewalt.
+
+Als sie den Hort gewannen in König Gunthers Land, 1162
+Und sich darob die Königin der Herrschaft unterwand,
+Kammern und Thürme die wurden voll getragen;
+Man hörte nie von Schätzen so große Wunder wieder sagen.
+
+Und wären auch die Schätze noch größer tausendmal, 1163
+Und wär der edle Siegfried erstanden von dem Fall,
+Gern wäre bei ihm Kriemhild geblieben hemdebloß.
+Nie war zu einem Helden eines Weibes Treue so groß.
+
+Als sie den Hort nun hatte, da brachte sie ins Land 1164
+Viel der fremden Recken; wohl gab der Frauen Hand,
+Daß man so große Milde nie zuvor gesehn.
+Sie übte hohe Güte: das muste man ihr zugestehn.
+
+Den Armen und den Reichen zu geben sie begann. 1165
+Hagen sprach zum König: "Läßt man sie so fortan
+Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn
+So manchen Degen bringen, daß es uns übel muß ergehn."
+
+Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut: 1166
+Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut?
+Ich konnt es kaum erlangen, daß sie mir wurde hold;
+Nicht frag ich, wie sie theilet ihr Gestein und rohes Gold."
+
+Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann 1167
+Doch solche Schätze billig keiner Frauen an:
+Sie bringt es mit Gaben wohl noch an den Tag,
+Da es sehr gereuen die kühnen Burgunden mag."
+
+Da sprach König Gunther: "Ich schwur ihr einen Eid, 1168
+Daß ich ihr nie wieder fügen wollt ein Leid,
+Und will es künftig meiden: sie ist die Schwester mein."
+Da sprach wieder Hagen: "Laßt mich den Schuldigen sein."
+
+Sie nahmen ihre Eide meistens schlecht in Hut: 1169
+Da raubten sie der Witwe das mächtige Gut.
+Hagen aller Schlüßel dazu sich unterwand.
+Ihr Bruder Gernot zürnte, als ihm das wurde bekannt.
+
+Da sprach der junge Geiselher: "Viel Leides ist geschehn 1170
+Von Hagen meiner Schwester: dem sollt ich widerstehn:
+Wär er nicht mein Blutsfreund, es gieng' ihm an den Leib."
+Wieder neues Weinen begann da Siegfriedens Weib.
+
+Da sprach König Gernot: "Eh wir solche Pein 1171
+Um dieses Gold erlitten, wir solltens in den Rhein
+All versenken laßen: so gehört' es Niemand an."
+Sie kam mit Klaggebärde da zu Geiselher heran.
+
+Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172
+Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein."
+Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn,
+Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn."
+
+Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173
+Die allerbesten drunter, die man irgend fand;
+Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß,
+Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das.
+
+Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174
+Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen:
+Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein.
+Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein.
+
+Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175
+Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark,
+Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben:
+So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben.
+
+Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176
+Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann
+Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth.
+Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod.
+
+Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177
+Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann,
+Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen;
+Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen.
+
+Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178
+Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut
+Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage,
+So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage.
+
+Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179
+Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr,
+Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag:
+Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach.
+
+Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180
+Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute
+Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht:
+Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht.
+
+Dazu gab auch Kriemhild hernach ein großes Theil 1181
+Um Siegfriedens Seele und aller Seelen Heil
+Gold und Edelsteine mit williger Hand;
+Getreuer Weib auf Erden ward uns selten noch bekannt.
+
+Seit Kriemhild König Gunthern wieder schenkte Huld 1182
+Und dann doch den großen Hort verlor durch seine Schuld,
+Ihres Herzeleides ward da noch viel mehr:
+Da zöge gern von dannen die Fraue edel und hehr.
+
+Nun war Frau Uten ein Sedelhof bereit 1183
+Zu Lorsch bei ihrem Kloster, reich, groß und weit,
+Dahin von ihren Kindern sie zog und sich verbarg,
+Wo noch die hehre Königin begraben liegt in einem Sarg.
+
+Da sprach die Königswitwe: "Liebe Tochter mein, 1184
+Hier magst du nicht verbleiben: bei mir denn sollst du sein,
+Zu Lorsch in meinem Hause, und läst dein Weinen dann."
+Kriemhild gab zur Antwort: "Wo ließ' ich aber meinen Mann?"
+
+"Den laß nur hier verbleiben," sprach Frau Ute. 1185
+"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da die Gute.
+"Nein, liebe Mutter, davor will ich mich wahren:
+"ein Mann muß von hinnen in Wahrheit auch mit mir fahren."
+
+Da schuf die Jammersreiche, daß man ihn erhub 1186
+Und sein Gebein, das edle, wiederum begrub
+Zu Lorsch bei dem Münster mit Ehren mannigfalt:
+Da liegt im langen Sarge noch der Degen wohlgestalt.
+
+Zu denselben Zeiten, da Kriemhild gesollt 1187
+Zu ihrer Mutter ziehen, wohin sie auch gewollt,
+Da muste sie verbleiben, weil es nicht sollte sein:
+Das schufen neue Mären, die da kamen über Rhein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zwanzigste Abenteuer.
+
+Wie König Etzel um Kriemhilden sandte.
+
+
+Das war in jenen Zeiten, als Frau Helke starb 1188
+Und der König Etzel um andre Frauen warb,
+Da riethen seine Freunde in Burgundenland
+Zu einer stolzen Witwe, die war Frau Kriemhild genannt.
+
+Seit ihm die schöne Helke erstarb, die Königin, 1189
+Sie sprachen: "Sinnt ihr wieder auf edler Frau Gewinn,
+Der höchsten und der besten, die je ein Fürst gewann,
+So nehmet Kriemhilden; der starke Siegfried war ihr Mann."
+
+Da sprach der reiche König: "Wie gienge das wohl an? 1190
+Ich bin ein Heide, ein ungetaufter Mann,
+Sie jedoch ist Christin sie thut es nimmermehr.
+Ein Wunder müst es heißen, käm sie jemals hieher."
+
+Die Schnellen sprachen wieder: "Vielleicht, daß sie es thut 1191
+Um euern hohen Namen und euer großes Gut.
+Man soll es doch versuchen bei dem edeln Weib:
+Euch ziemte wohl zu minnen ihren wonniglichen Leib."
+
+Da sprach der edle König: "Wem ist nun bekannt 1192
+Unter euch am Rheine das Volk und auch das Land?"
+Da sprach von Bechlaren der gute Rüdiger:
+"Kund von Kindesbeinen sind mir die edeln Könige hehr,
+
+"Gunther und Gernot, die edeln Ritter gut; 1193
+Der dritte heißt Geiselher: ein Jeglicher thut,
+Was er nach Zucht und Ehren am besten mag begehn:
+Auch ist von ihren Ahnen noch stäts dasselbe geschehn."
+
+Da sprach wieder Etzel: "Freund, nun sage mir, 1194
+Ob ihr wohl die Krone ziemt zu tragen hier;
+Und hat sie solche Schöne, wie man sie zeiht,
+Meinen besten Freunden sollt es nimmer werden leid."
+
+"Sie vergleicht sich an Schöne wohl der Frauen mein, 1195
+Helke der reichen: nicht schöner könnte sein
+Auf der weiten Erde eine Königin:
+Wen sie erwählt zum Freunde, der mag wohl trösten den Sinn."
+
+Er sprach: "So wirb sie, Rüdiger, so lieb als ich dir sei. 1196
+Und darf ich Kriemhilden jemals liegen bei,
+Das will ich dir lohnen, so gut ich immer kann;
+Auch hast du meinen Willen mit großer Treue gethan.
+
+"Von meinem Kammergute laß ich so viel dir geben, 1197
+Daß du mit den Gefährten in Freude mögest leben;
+Von Rossen und von Kleidern, was ihr nur begehrt,
+Des wird zu der Botschaft euch die Genüge gewährt."
+
+Zur Antwort gab der Markgraf, der reiche Rüdiger: 1198
+"Begehrt' ich deines Gutes, das ziemte mir nicht sehr.
+Ich will dein Bote gerne werden an den Rhein
+Mit meinem eignen Gute; ich hab es aus den Händen dein."
+
+Da sprach der reiche König: "Wann denkt ihr zu fahren 1199
+Nach der Minniglichen? So soll euch Gott bewahren
+Dabei an allen Ehren und auch die Fraue mein;
+Und möge Glück mir helfen, daß sie uns gnädig möge sein."
+
+Da sprach wieder Rüdiger: "Eh wir räumen dieses Land, 1200
+Müßen wir uns rüsten mit Waffen und Gewand,
+Daß wir vor den Königen mit Ehren dürfen stehn:
+Ich will zum Rheine führen fünfhundert Degen ausersehn.
+
+"Wenn man bei den Burgunden mich und die Meinen seh, 1201
+Daß dann einstimmig das Volk im Land gesteh,
+Es habe nie ein König noch so manchen Mann
+So fern daher gesendet, als du zum Rheine gethan.
+
+"Und wiß, edler König, stehst du darob nicht an, 1202
+Sie war dem besten Manne, Siegfrieden unterthan,
+Siegmundens Sohne; du hast ihn hier gesehn:
+Man mocht ihm große Ehre wohl in Wahrheit zugestehn."
+
+Da sprach der König Etzel: "War sie dem Herrn vermählt, 1203
+Sie war so hohes Namens der edle Fürst erwählt,
+Daß ich nicht verschmähen darf die Königin.
+Ob ihrer großen Schönheit gefällt sie wohl meinem Sinn."
+
+Da sprach der Markgraf wieder: "Wohlan, ich will euch sagen, 1204
+Wir heben uns von hinnen in vierundzwanzig Tagen.
+Ich entbiet es Gotelinden, der lieben Fraue mein,
+Daß ich zu Kriemhilden selber wolle Bote sein."
+
+Hin gen Bechelaren sandte Rüdiger 1205
+Boten seinem Weibe, der Markgräfin hehr,
+Er werbe für den König um eine Königin:
+Der guten Helke dachte sie da mit freundlichem Sinn.
+
+Als die Botenkunde die Markgräfin gewann, 1206
+Leid war es ihr zum Theile, zu sorgen hub sie an,
+Ob sie wohl eine Herrin gewänne so wie eh.
+Gedachte sie an Helke, das that ihr inniglich weh.
+
+Nach sieben Tagen Rüdiger ritt aus Heunenland, 1207
+Worüber frohgemuthet man König Etzeln fand.
+Man fertigte die Kleider in der Stadt zu Wien;
+Da wollt er mit der Reise auch nicht länger mehr verziehn.
+
+Zu Bechlaren harrte sein Frau Gotelind 1208
+Und die junge Markgräfin, Rüdigers Kind,
+Sah ihren Vater gerne und Die ihm unterthan;
+Da ward ein liebes Harren von schönen Frauen gethan.
+
+Eh der edle Rüdiger aus der Stadt zu Wien 1209
+Ritt nach Bechlaren, da waren hier für ihn
+Kleider und Gewaffen auf Säumern angekommen.
+Sie fuhren solcherweise, daß ihnen wenig ward genommen.
+
+Als sie zu Bechlaren kamen in die Stadt, 1210
+Für seine Heergesellen um Herbergen bat
+Der Wirth mit holden Worten: die gab man ihnen da.
+Gotelind die reiche den Wirth gar gerne kommen sah.
+
+Auch seine liebe Tochter, die Marfgräfin jung, 1211
+Ob ihres Vaters Kommen war sie froh genung,
+Aus Heunenland die Helden, wie gern sie die sah!
+Mit lachendem Muthe sprach die edle Jungfrau da:
+
+"Willkommen sei mein Vater und Die ihm unterthan." 1212
+Da ward ein schönes Danken von manchem werthen Mann
+Freundlich geboten der jungen Markgräfin.
+Wohl kannte Frau Gotlind des edeln Rüdiger Sinn.
+
+Als sie des Nachts nun bei Rüdigern lag, 1213
+Mit holden Worten fragte die Markgräfin nach,
+Wohin ihn denn gesendet der Fürst von Heunenland?
+"Meine Frau Gotlind," sprach er, "ich mach es gern euch bekannt.
+
+"Meinem Herren werben soll ich ein ander Weib, 1214
+Da ihm ist erstorben der schönen Helke Leib.
+Nun will ich nach Kriemhilden reiten an den Rhein:
+Die soll hier bei den Heunen gewaltge Königin sein."
+
+"Das wollte Gott!" sprach Gotlind, "möcht uns dies Heil geschehn,1215
+Da wir so hohe Ehren ihr hören zugestehn.
+Sie ersetzt uns Helken vielleicht in alten Tagen;
+Wir mögen bei den Heunen sie gerne sehen Krone tragen."
+
+Da sprach Markgraf Rüdiger: "Liebe Fraue mein, 1216
+Die mit mir reiten sollen von hinnen an den Rhein,
+Denen sollt ihr freundlich bieten euer Gut:
+Wenn Helden reichlich leben, so tragen sie hohen Muth."
+
+Sie sprach: "Da ist nicht Einer, wenn er es gerne nähm, 1217
+Ich wollt ihm willig bieten, was Jeglichem genehm,
+Eh ihr von hinnen scheidet und Die euch unterthan."
+Da sprach der Markgraf wieder: "Ihr thut mir Liebe daran."
+
+Hei! was man reicher Zeuge von ihrer Kammer trug! 1218
+Da ward den edeln Recken Gewand zu Theil genug
+Mit allem Fleiß gefüttert vom Hals bis auf die Sporen;
+Die ihm davon gefielen, hatte Rüdger sich erkoren.
+
+Am siebenten Morgen von Bechlaren ritt 1219
+Der Wirth mit seinen Degen. Sie führten Waffen mit
+Und Kleider auch die Fülle durch der Baiern Land.
+Sie wurden auf der Straße von Räubern selten angerannt.
+
+Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein. 1220
+Da konnte diese Märe nicht lang verborgen sein:
+Dem König und den Seinen ward es kund gethan,
+Es kämen fremde Gäste. Der Wirth zu fragen begann,
+
+Ob sie Jemand kennte? das sollte man ihm sagen. 1221
+Man sah die Saumrosse schwere Lasten tragen:
+Wie reich die Helden waren, ward daran erkannt.
+Herberge schuf man ihnen in der weiten Stadt zuhand.
+
+Als die Gäste waren in die Stadt gekommen, 1222
+Ihres Aufzugs hatte man mit Neugier wahrgenommen.
+Sie wunderte, von wannen sie kämen an den Rhein.
+Der Wirth fragte Hagen, wer die Herren möchten sein?
+
+Da sprach der Held von Tronje: "Ich sah sie noch nicht; 1223
+Wenn ich sie erschaue, mag ich euch Bericht
+Wohl geben, von wannen sie ritten in dies Land.
+Sie wären denn gar fremde, so sind sie gleich mir bekannt."
+
+Herbergen hatten die Gäste nun empfahn. 1224
+Der Bote hatte reiche Gewänder angethan
+Mit seinen Heergesellen, als sie zu Hofe ritten.
+Sie trugen gute Kleider, die waren zierlich geschnitten.
+
+Da sprach der schnelle Hagen: "So viel ich mag verstehn, 1225
+Da ich seit langen Tagen den Herrn nicht hab ersehn,
+So sind sie so zu schauen, als wär es Rüdiger
+Aus der Heunen Lande, dieser Degen kühn und hehr."
+
+"Wie sollt ich das glauben," der König sprachs zuhand, 1226
+"Daß der von Bechelaren kam in dieses Land?"
+Kaum hatte König Gunther das Wort gesprochen gar,
+So nahm der kühne Hagen den guten Rüdiger wahr.
+
+Er und seine Freunde liefen ihm entgegen: 1227
+Da sprangen von den Rossen fünfhundert schnelle Degen.
+Wohl empfangen wurden die von Heunenland;
+Niemals trugen Boten wohl so herrlich Gewand.
+
+Da rief von Tronje Hagen mit lauter Stimme Schall: 1228
+"Nun sei'n uns hochwillkommen diese Degen all,
+Der Vogt von Bechelaren mit seiner ganzen Schar."
+Man empfieng mit Ehren die schnellen Heunen fürwahr.
+
+Des Königs nächste Freunde drängten sich heran: 1229
+Da hub von Metzen Ortewein zu Rüdigern an:
+"Wir haben lange Tage hier nicht mehr gesehn
+Also liebe Gäste, das muß ich wahrlich gestehn!"
+
+Sie dankten des Empfanges den Recken allzumal. 1230
+Mit dem Heergesinde giengen sie zum Saal,
+Wo sie den König fanden bei manchem kühnen Mann.
+Der stand empor vom Sitze: das ward aus höfscher Zucht gethan.
+
+Wie freundlich dem Boten er entgegengieng 1231
+Und allen seinen Degen! Gernot auch empfieng
+Den Gast mit hohen Ehren und Die ihm unterthan.
+Den guten Rüdger führte der König an der Hand heran.
+
+Er bracht' ihn zu dem Sitze, darauf er selber saß. 1232
+Den Gästen ließ er schenken (gerne that man das)
+Von dem guten Methe und von dem besten Wein,
+Den man mochte finden in den Landen um den Rhein.
+
+Geiselher und Gere waren auch gekommen, 1233
+Dankwart und Volker, die hatten bald vernommen
+Von den werthen Gästen. Sie waren wohlgemuth:
+Sie empfiengen vor dem König die Ritter edel und gut.
+
+Da sprach von Tronje Hagen zu Gunthern seinem Herrn: 1234
+"Mit Dienst vergelten sollten stäts eure Degen gern,
+Was uns der Markgraf zu Liebe hat gethan;
+Des sollte Lohn empfangen der schönen Gotlinde Mann."
+
+Da sprach der König Gunther: "Ich laße nicht das Fragen: 1235
+Wie beide sich gehaben, das sollt ihr mir sagen,
+Etzel und Frau Helke in der Heunen Land?"
+Der Markgraf gab zur Antwort: "Ich mach es gern euch bekannt."
+
+Da erhob er sich vom Sitze und Die ihm unterthan 1236
+Und sprach zu dem König: "Laßt mich Erlaub empfahn,
+Daß ich die Märe sage, um die mich hat gesandt
+Etzel der König hieher in der Burgunden Land."
+
+Er sprach: "Was man uns immer durch euch entboten hat, 1237
+Erlaub ich euch zu sagen ohne der Freunde Rath.
+Die Märe laßt vernehmen mich und die Degen mein:
+Euch soll nach allen Ehren zu werben hier gestattet sein."
+
+Da sprach der biedre Bote: "Euch entbietet an den Rhein 1238
+Seine treuen Dienste der große König mein,
+Dazu den Freunden allen, die euch zugethan;
+Auch wird euch diese Botschaft mit großer Treue gethan.
+
+"Euch läßt der edle König klagen seine Noth: 1239
+Sein Volk ist ohne Freude, meine Frau die ist todt,
+Helke die reiche, meines Herrn Gemahl:
+An der sind schöne Jungfraun nun verwaist in großer Zahl,
+
+"Edler Fürsten Kinder, die sie erzogen hat; 1240
+Darum hat im Lande nun große Trauer Statt:
+Sie haben leider Niemand mehr, der sie so treulich pflegt,
+Drum wähn ich auch, daß selten des Königs Sorge sich legt."
+
+"Nun lohn ihm Gott," sprach Gunther, "daß er die Dienste sein 1241
+So williglich entbietet mir und den Freunden mein.
+Ich hörte gern die Grüße, die ihr mir kund gethan;
+Auch wollen sie verdienen Die mir treu und unterthan."
+
+Da sprach von Burgunden der edle Gernot: 1242
+"Die Welt mag wohl beklagen der schönen Helke Tod
+Um manche höfsche Tugend, der sie gewohnt zu pflegen."
+Das bestätigte Hagen und mancher andre Degen.
+
+Da sprach wieder Rüdiger, der edle Bote hehr: 1243
+"Erlaubt ihr mir, Herr König, so sag ich euch noch mehr,
+Was mein lieber Herre euch hieher entbot:
+Er lebt in großem Kummer seit der Königin Helke Tod.
+
+"Man sagte meinem Herren, Kriemhild sei ohne Mann, 1244
+Da Siegfried gestorben: und sprach man wahr daran,
+Und wollt ihr ihrs vergönnen, so soll sie Krone tragen
+Vor König Etzels Recken: das gebot mein Herr ihr zu sagen."
+
+Da sprach König Gunther mit wohlgezognem Muth: 1245
+"Sie hört meinen Willen, wenn sie es gerne thut.
+Das will ich euch berichten von heut in dreien Tagen:
+Wenn sie es nicht weigert, wie sollt ichs Etzel versagen?"
+
+Man ließ Gemach bescheiden den Gästen allzuhand. 1246
+Sie fanden solche Pflege, daß Rüdiger gestand,
+Er habe gute Freunde in König Gunthers Lehn.
+Gerne dient' ihm Hagen: ihm war einst Gleiches geschehn.
+
+So verweilte Rüdiger bis an den dritten Tag. 1247
+Der Fürst berief die Räthe, wie er weislich pflag,
+Und fragte seine Freunde, ob sie es gut gethan
+Däuchte, daß Kriemhild Herrn Etzeln nähme zum Mann.
+
+Da riethen sie es alle; nur Hagen stands nicht an. 1248
+Er sprach zu König Gunther, diesem kühnen Mann:
+"Habt ihr kluge Sinne, so seid wohl auf der Hut,
+Wenn sie auch folgen wollte, daß ihr doch nimmer es thut."
+
+"Warum," sprach da Gunther, "ließ' ich es nicht ergehn? 1249
+Was künftig noch der Königin Liebes mag geschehn,
+Will ich ihr gerne gönnen: sie ist die Schwester mein.
+Wir müsten selbst drum werben, sollt es ihr zur Ehre sein."
+
+Da sprach aber Hagen: "Das sprecht ihr unbedacht. 1250
+Wenn ihr Etzeln kenntet wie ich und seine Macht,
+Und ließt ihr sie ihn minnen, wie ich euch höre sagen,
+Das müstet ihr vor Allen mit großem Rechte beklagen."
+
+"Warum?" sprach da Gunther, "leicht vermeid ich das, 1251
+Ihm je so nah zu kommen, daß ich durch seinen Haß
+Leid zu befahren hätte, würd er auch ihr Mann."
+Da sprach wieder Hagen: "Mich dünkt es nimmer wohlgethan."
+
+Da lud man Gernoten und Geiselhern heran, 1252
+Ob die Herren beide däuchte wohlgethan,
+Wenn Frau Kriemhild nähme den mächtgen König hehr.
+Noch widerrieth es Hagen und auch anders Niemand mehr.
+
+Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 1253
+"Nun mögt ihr, Freund Hagen, noch der Treue pflegen:
+Entschädigt sie des Leides, das ihr ihr habt gethan.
+Was ihr noch mag gelingen, das säht ihr billig neidlos an."
+
+"Wohl habt ihr meiner Schwester gefügt so großes Leid," 1254
+Sprach da wieder Geiselher, der Degen allbereit,
+"Ihr hättets wohl verschuldet, wäre sie euch gram:
+Noch Niemand einer Frauen so viel der Freuden benahm."
+
+"Daß ich das wohl erkenne, das sei euch frei bekannt. 1255
+Und soll sie Etzeln nehmen und kommt sie in sein Land,
+Wie sie es fügen möge, viel Leid thut sie uns an.
+Wohl kommt in ihre Dienste da mancher waidliche Mann."
+
+Dawider sprach zu Hagen der kühne Gernot: 1256
+"Es mag dabei verbleiben bis an Beider Tod,
+Daß wir niemals kommen in König Etzels Land.
+Laßt uns ihr Treue leisten: zu Ehren wird uns das gewandt."
+
+Da sprach Hagen wieder: "Das laß ich mir Niemand sagen; 1257
+Und soll die edle Kriemhild Helkens Krone tragen,
+Viel Leid wird sie uns schaffen, wo sie's nur fügen kann:
+Ihr sollt es bleiben laßen, das ständ euch Recken beßer an."
+
+Im Zorn sprach da Geiselher, der schönen Ute Kind: 1258
+Wir wollen doch nicht alle meineidig sein gesinnt.
+Was ihr geschieht zu Ehren, laßt uns froh drum sein.
+Was ihr auch redet, Hagen, ich dien ihr nach der Treue mein."
+
+Als das Hagen hörte, da trübte sich sein Muth. 1259
+Geiselher und Gernot, die stolzen Ritter gut,
+Und Gunther der reiche vereinten endlich sich,
+Wenn es Kriemhild wünsche, sie wolltens dulden williglich.
+
+Da sprach Markgraf Gere: "So geh ich ihr zu sagen, 1260
+Daß sie den König Etzel sich laße wohlhagen.
+Dem ist so mancher Recke mit Furchten unterthan,
+Er mag ihr wohl vergüten, was sie je Leides gewann."
+
+Hin gieng der schnelle Degen, wo er Kriemhilden sah. 1261
+Sie empfieng ihn gütlich; wie balde sprach er da:
+"Ihr mögt mich gern begrüßen und geben Botenbrot,
+Es will das Glück euch scheiden nun von all eurer Noth.
+
+"Es hat um eure Minne, Frau, hiehergesandt 1262
+Der Allerbesten einer, der je ein Königsland
+Gewann mit vollen Ehren und Krone durfte tragen:
+Es werben edle Ritter: das läßt euch euer Bruder sagen."
+
+Da sprach die Jammerreiche: "Verbiete doch euch Gott 1263
+Und allen meinen Freunden, daß sie keinen Spott
+Mit mir Armen treiben: was sollt ich einem Mann,
+Der je Herzensliebe von gutem Weibe gewann?"
+
+Sie widersprach es heftig. Da traten zu ihr her 1264
+Gernot ihr Bruder und der junge Geiselher.
+Sie baten sie in Minne zu trösten ihren Mut.
+Und nehme sie den König, es gerath ihr wahrlich gut.
+
+Bereden mochte Niemand doch die Königin 1265
+Noch einen Mann zu minnen auf Erden fürderhin.
+Da baten sie die Degen: "So laßt es doch geschehn,
+Wenn ihr denn nicht anders wollt, daß euch der Bote möge sehn."
+
+"Das will ich nicht versagen," sprach die Fraue hehr. 1266
+Ich empfange gerne den guten Rüdiger
+Ob seiner höfschen Sitte: wär er nicht hergesandt,
+Jedem andern Boten, dem blieb' ich immer unbekannt."
+
+Sie sprach: "So schickt den Degen morgen früh heran 1267
+Zu meiner Kemenate. Ich bescheid ihn dann:
+Wes ich mich berathen, will ich ihm selber sagen."
+So war ihr jetzt erneuert das große Weinen und Klagen.
+
+Da wünschte sich auch anders nichts der edle Rüdiger, 1268
+Als daß er schauen dürfte die Königin hehr.
+Er wuste sich so weise: könnt es irgend sein,
+So müst er sie bereden, diesen Recken zu frein.
+
+Früh des andern Morgens nach dem Messgesang 1269
+Kamen die edeln Boten; da hub sich großer Drang.
+Die mit Rüdigeren zu Hofe sollten gehn,
+Die sah man wohlgekleidet, manchen Degen ausersehn.
+
+Kriemhilde die arme, in traurigem Muth 1270
+Harrte sie auf Rüdiger, den edeln Boten gut.
+Er fand sie in dem Kleide, das sie für täglich trug:
+Dabei hatt ihr Gesinde reicher Kleider genug.
+
+Sie gieng ihm entgegen zu der Thüre hin 1271
+Und empfieng Etzels Recken mit gütlichem Sinn.
+Nur selbzwölfter trat er herein zu der Fraun;
+Man bot ihm große Ehre; wer möcht auch beßre Boten schaun?
+
+Man hieß den Herren sitzen und Die in seinem Lehn. 1272
+Die beiden Markgrafen sah man vor ihr stehn,
+Eckewart und Gere, die edeln Ritter gut.
+Um der Hausfrau willen sahn sie Niemand wohlgemuth.
+
+Sie sahen vor ihr sitzen manche schöne Maid. 1273
+Da hatte Frau Kriemhild Jammer nur und Leid.
+Ihr Kleid war vor den Brüsten von heißen Thränen naß.
+Das sah der edle Markgraf, der nicht länger vor ihr saß.
+
+Er sprach in großen Züchten: "Viel edles Königskind, 1274
+Mir und den Gefährten, die mit mir kommen sind,
+Sollt ihr, Frau, erlauben, daß wir vor euch stehn
+Und euch melden, weshalb unsre Reise sei geschehn."
+
+"Ich will euch gern erlauben," sprach die Königin, 1275
+"Was ihr wollt, zu reden; also steht mein Sinn,
+daß ich es gerne höre: ihr seid ein Bote gut."
+Da merkten wohl die Andern ihren abgeneigten Muth.
+
+Da sprach von Bechelaren der Markgraf Rüdiger: 1276
+"Euch läßt entbieten, Herrin, Etzel der König hehr
+Große Lieb und Treue hierher in dieses Land;
+Er hat um eure Minne viel gute Recken gesandt.
+
+"Er entbeut euch freundlich Liebe sonder Leid; 1277
+Er sei stäter Freundschaft nun euch hinfort bereit
+Wie Helken einst, der Königin, die ihm am Herzen lag:
+Ihr sollt die Krone tragen, deren sie vor Zeiten pflag."
+
+Da sprach zu ihm die Königin: "Markgraf Rüdiger, 1278
+Wenn meines Herzeleides Jemand kundig war,
+Der würde mir nicht rathen zu einem zweiten Mann:
+Ich verlor der Besten Einen, die je ein Weib noch gewann."
+
+"Was tröstet mehr im Leide", sprach der kühne Mann, 1279
+"Als freundliche Liebe? Wer die gewähren kann
+Und hat sich den erkoren, der ihm zu Herzen kommt,
+Der erfährt wohl, daß im Leide nichts so sehr als Liebe frommt.
+
+"Und geruht ihr zu minnen den edeln Herren mein, 1280
+Zwölf reicher Kronen sollt ihr gewaltig sein.
+Dazu von dreißig Fürsten giebt euch mein Herr das Land,
+Die alle hat bezwungen seine vielgewaltge Hand.
+
+"Ihr sollt auch Herrin werden über manchen werthen Mann, 1281
+Die meiner Frauen Helke waren unterthan,
+Und viel der schönen Maide, einst ihrem Dienst gesellt,
+Von hoher Fürsten Stamme," sprach der hochbeherzte Held.
+
+"Dazu giebt euch der König, gebot er euch zu sagen, 1282
+Wenn ihr geruht die Krone bei meinem Herrn zu tragen,
+Gewalt die allerhöchste, die Helke je gewann:
+Alle Mannen Etzels werden euch da unterthan."
+
+"Wie möchte jemals wieder," sprach die Königin, 1283
+"Eines Helden Weib zu werden gelüsten meinem Sinn?
+Mir hat der Tod an Einem so bittres Leid gethan,
+Daß ichs bis an mein Ende nimmermehr verschmerzen kann."
+
+Die Heunen sprachen wieder: Viel reiche Königin, 1284
+Das Leben geht bei Etzeln so herrlich euch dahin,
+Daß ihr in Wonnen schwebet, weigert ihr es nicht;
+Mancher ziere Degen steht in des reichen Königs Pflicht.
+
+"Helkens Jungfrauen und eure Mägdelein, 1285
+Sollten die beisammen je Ein Gesinde sein,
+Dabei möchten Recken wohl werden wohlgemuth.
+Laßt es euch rathen, Fraue, es bekommt euch wahrlich gut."
+
+Sie sprach mit edler Sitte: "Nun laßt die Rede sein 1286
+Bis morgen in der Frühe, dann tretet zu mir ein,
+Daß ich auf die Werbung euch gebe den Bescheid."
+Da musten Folge leisten die kühnen Degen allbereit.
+
+Als zu den Herbergen sie kamen allzumal, 1287
+Nach Geiselhern zu senden die edle Frau befahl
+Und nach ihrer Mutter: den Beiden sagte sie,
+Ihr gezieme nur zu weinen und alles Andere nie.
+
+Da sprach ihr Bruder Geiselher: "Mir ahnt, Schwester mein, 1288
+Und gerne mag ichs glauben, dein Leid und deine Pein
+Wird König Etzel wenden; und nimmst du ihn zum Mann,
+Was Jemand anders rathe, so dünkt es mich wohlgethan."
+
+"Er mag dirs wohl ersetzen," sprach wieder Geiselher. 1289
+"Vom Rotten bis zum Rheine, von der Elbe bis ans Meer
+Weiß man keinen König gewaltiger als ihn.
+Du magst dich höchlich freuen, heischt er dich zur Königin."
+
+Sie sprach: "Lieber Bruder, wie räthst du mir dazu? 1290
+Weinen und Klagen das käm mir eher zu.
+Wie sollt ich vor den Recken da zu Hofe gehn?
+Hatt ich jemals Schönheit, um die ists lange geschehn."
+
+Da redete Frau Ute der lieben Tochter zu: 1291
+"Was deine Brüder rathen, liebes Kind, das thu.
+Folge deinen Freunden, so mag dirs wohlergehn.
+Hab ich dich doch so lange in großem Jammer gesehn."
+
+Da bat sie, daß vom Himmel ihr würde Rath gesandt: 1292
+Denn hätte sie zu geben Gold, Silber und Gewand
+Wie einst, da er noch lebte, ihr Mann der Degen hehr,
+Sie erlebe doch nicht wieder so frohe Stunden nachher.
+
+Sie dacht in ihrem Sinne: "Und sollt ich meinen Leib 1293
+Einem Heiden geben? Ich bin ein Christenweib;
+Des müst ich billig Schelte von aller Welt empfahn;
+Gäb er mir alle Reiche, es bliebe doch ungethan."
+
+Da ließ sie es bewenden. Die Nacht bis an den Tag 1294
+Die Frau in ihrem Bette voll Gedanken lag.
+Ihre lichten Augen trockneten ihr nicht,
+Bis sie hin zur Mette wieder gieng beim Morgenlicht.
+
+Nun waren auch die Könige zur Messezeit gekommen. 1295
+Sie hatten ihre Schwester an die Hand genommen
+Und riethen ihr zu minnen den von Heunenland.
+Niemand doch die Fraue ein wenig fröhlicher fand.
+
+Da ließ man zu ihr bringen, die Etzel hingesandt, 1296
+Die nun mit Urlaub wollten räumen Gunthers Land,
+Wie es gerathen möge, mit Nein oder Ja!
+Da kam zu Hofe Rüdiger: die Gefährten mahnten ihn da,
+
+Recht zu erforschen des edeln Fürsten Muth 1297
+Und zeitig das zu leisten; das dauchte Jeden gut;
+Ihre Wege wären ferne wieder in ihr Land.
+Man brachte Rüdigeren hin, wo er Kriemhilden fand.
+
+Da bat alsbald der Recke die edle Königin 1298
+Mit minniglichen Worten, zu künden ihren Sinn,
+Was sie entbieten wolle in König Etzels Land.
+Der Held mit seinem Werben bei ihr nur Weigerung fand.
+
+"Sie wolle nimmer wieder minnen einen Mann." 1299
+Dawider sprach der Markgraf: "Das wär nicht recht gethan:
+Was wolltet ihr verderben so minniglichen Leib?
+Ihr werdet noch mit Ehren eines werthen Recken Weib."
+
+Nichts half es, was sie baten, bis daß Rüdiger 1300
+Insgeheim gesprochen mit der Königin hehr,
+Er hoff ihr zu vergüten all ihr Ungemach.
+Da ließ zuletzt ein wenig ihre hohe Trauer nach.
+
+Er sprach zu der Königin: "Laßt euer Weinen sein; 1301
+Hättet ihr bei den Heunen Niemand als mich allein,
+Meine getreuen Freunde und Die mir unterthan,
+Er sollt es schwer entgelten, hätt euch Jemand Leid gethan."
+
+Davon ward erleichtert der Frauen wohl der Muth. 1302
+Sie sprach: "So schwört mir, Rüdiger, was mir Jemand thut,
+Ihr wollt der Erste werden, der rächen will mein Leid."
+Da sprach zu ihr der Markgraf: "Dazu bin ich, Frau, bereit."
+
+Mit allen seinen Mannen schwur ihr da Rüdiger, 1303
+Ihr immer treu zu dienen, und daß die Recken hehr
+Ihr nichts versagen wollten in König Etzels Land,
+Was ihre Ehre heische: das gelobt' ihr Rüdigers Hand.
+
+Da gedachte die Getreue: "Wenn ich gewinnen kann 1304
+So viel stäter Freunde, so seh ichs wenig an,
+Was auch die Leute reden, in meines Jammers Noth.
+Vielleicht wird noch gerochen meines lieben Mannes Tod."
+
+Sie gedachte: "Da Herr Etzel der Recken hat so viel, 1305
+Denen ich gebiete, so thu ich, was ich will.
+Er hat auch solche Schätze, daß ich verschenken kann;
+Mich hat der leide Hagen meines Gutes ohne gethan."
+
+Sie sprach zu Rüdigeren: "Hätt ich nicht vernommen, 1306
+Daß er ein Heide wäre, so wollt ich gerne kommen,
+Wohin er geböte, und nähm ihn zum Mann."
+Da sprach der Markgraf wieder: "Steht darauf, Herrin, nicht an.
+
+"Er ist nicht gar ein Heide, des dürft ihr sicher sein: 1307
+Er ist getauft gewesen, der liebe Herre mein,
+Wenn er auch zu den Heiden wieder übertrat:
+Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, so wird darüber noch Rath.
+
+"Ihm dienen so viel Recken in der Christenheit, 1308
+Daß euch bei dem König nie widerfährt ein Leid.
+Ihr mögt auch leicht erlangen, daß der König gut
+Zu Gott wieder wendet so die Seele wie den Muth."
+
+Da sprachen ihre Brüder: "Verheißt es, Schwester mein, 1309
+Und all euern Kummer laßt in Zukunft sein."
+Des baten sie so lange, bis sie mit Trauer drein
+Vor den Helden willigte, den König Etzel zu frein.
+
+Sie sprach: "Ich muß euch folgen, ich arme Königin! 1310
+Ich fahre zu den Heunen, wann es geschehe, hin,
+Wenn ich Freunde finde, die mich führen in sein Land."
+Darauf bot vor den Helden die schöne Kriemhild die Hand.
+
+Der Markgraf sprach: "Zwei Recken stehn in eurem Lehn, 1311
+Dazu hab ich noch manchen: so kann es wohl geschehn,
+Daß wir euch mit Ehren bringen überrhein,
+Ich laß euch nun nicht länger hier bei den Burgunden sein.
+
+"Fünfhundert Mannen hab ich und der Freunde mein: 1312
+Die sollen euch zu Diensten hier und bei Etzeln sein,
+Was ihr auch gebietet; ich selber steh euch bei
+Und will michs nimmer schämen, mahnt ihr mich künftig meiner Treu.
+
+"Eure Pferdedecken haltet euch bereit; 1313
+Was Rüdiger gerathen hat, wird euch nimmer leid.
+Und sagt es euern Mägdlein, die ihr euch gesellt,
+Uns begegnet unterwegs mancher auserwählte Held."
+
+Sie hatten noch Geschmeide, das sie zu Siegfrieds Zeit 1314
+Beim Reiten getragen, daß sie mit mancher Maid
+Mit Ehren reisen mochte, so sie wollt hindann.
+Hei! was man guter Sättel den schönen Frauen gewann!
+
+Hatten sie schon immer getragen reich Gewand, 1315
+So wurde des zur Reise die Fülle nun zur Hand,
+Weil ihnen von dem König so viel gepriesen ward;
+Sie schloßen auf die Kisten, so lang versperrt und gespart.
+
+Sie waren sehr geschäftig wohl fünftehalben Tag 1316
+Und suchten aus dem Einschlag, so viel darinne lag.
+Ihre Kammer zu erschließen hub da Kriemhild an,
+Sie Alle reich zu machen, Die Rüdigern unterthan.
+
+Sie hatte noch des Goldes von Nibelungenland: 1317
+Das sollte bei den Heunen vertheilen ihre Hand.
+Sechshundert Mäule mochten es nicht von dannen tragen.
+Die Märe hörte Hagen da von Kriemhilden sagen.
+
+Er sprach: "Mir wird Kriemhild doch nimmer wieder hold: 1318
+So muß auch hier verbleiben Siegfriedens Gold.
+Wie ließ' ich meinen Feinden wohl so großes Gut?
+Ich weiß gar wohl, was Kriemhild noch mit diesem Schatze thut.
+
+"Brächte sie ihn von hinnen, ich glaube sicherlich, 1319
+Sie würd ihn nur vertheilen, zu werben wider mich.
+Sie hat auch nicht die Rosse, um ihn hinwegzutragen:
+Behalten will ihn Hagen, das soll man Kriemhilden sagen."
+
+Als sie vernahm die Märe, das schuf ihr grimme Pein. 1320
+Es ward auch den Königen gemeldet allen drein:
+Sie gedachten es zu wenden. Als das nicht geschah,
+Rüdiger der edle sprach mit frohem Muthe da:
+
+"Reiche Königstochter, was klagt ihr um das Gold? 1321
+Euch ist König Etzel so zugethan und hold,
+Ersehn euch seine Augen, er giebt euch solchen Hort,
+Daß ihr ihn nie verschwendet; das verbürgt euch, Frau, mein Wort."
+
+Da sprach zu ihm die Königin: "Viel edler Rüdiger, 1322
+Nie gewann der Schätze eine Königstochter mehr
+Als die, deren Hagen mich ohne hat gethan."
+Da kam ihr Bruder Gernot zu ihrer Kammer heran.
+
+Mit des Königs Macht den Schlüßel stieß er in die Thür. 1323
+Kriemhildens Schätze reichte man herfür,
+An dreißigtausend Marken oder wohl noch mehr,
+Daß es die Gäste nähmen: des freute Gunther sich sehr.
+
+Da sprach von Bechelaren der Gotelinde Mann: 1324
+"Und gehörten all die Schätze noch Kriemhilden an,
+Die man jemals brachte von Nibelungenland,
+Nicht berühren sollt es mein noch der Königin Hand.
+
+"Heißt es aufbewahren, da ichs nicht haben will. 1325
+Ich bracht aus unserm Lande des Meinen her so viel,
+Wir mögens unterweges entrathen wohl mit Fug:
+Wir haben zu der Reise genug und übergenug."
+
+Zwölf Schreine hatten noch ihre Mägdelein 1326
+Des allerbesten Goldes, das irgend mochte sein,
+Bewahrt aus alten Zeiten: das nun verladen ward
+Und viel der Frauenzierde, die sie brauchten auf der Fahrt.
+
+Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327
+Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark:
+Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann.
+Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan.
+
+Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328
+Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein
+Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land?
+Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand."
+
+Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329
+"Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward,
+Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen,
+"Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen.
+
+"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330
+Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an.
+Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod."
+Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot.
+
+Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331
+Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand.
+Ute die reiche und manche schöne Maid
+Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid.
+
+Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332
+Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand.
+Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder;
+Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder.
+
+Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333
+Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot:
+Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land;
+Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt.
+
+Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334
+Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein.
+Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen:
+Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen.
+
+Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335
+Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen.
+Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land.
+Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt.
+
+Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336
+Ihre schnellen Boten in der Heunen Land,
+Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger
+Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr.
+
+Die Boten fuhren schnelle: Eil war ihnen Noth 1337
+Um die große Ehre und das reiche Botenbrot.
+Als sie mit ihren Mären waren heimgekommen,
+Da hatte König Etzel so Liebes selten vernommen.
+
+Der frohen Kunde willen ließ der König geben 1338
+Den Boten solche Gaben, daß sie wohl mochten leben
+Immerdar in Freuden hernach bis an den Tod:
+Mit Wonne war verschwunden des Königs Kummer und Noth.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.
+
+
+Die Boten laßt reiten, so thun wir euch bekannt, 1339
+Wie die Königstochter fuhr durch das Land,
+Und wo von ihr Geiselher schied mit Gernot;
+Sie hatten ihr gedienet, wie ihre Treue gebot.
+
+Sie kamen an die Donau gen Bergen nun geritten. 1340
+Da begannen sie um Urlaub die Königin zu bitten,
+Weil sie wieder wollten reiten an den Rhein.
+Da mocht es ohne Weinen von guten Freunden nicht sein.
+
+Geiselher der schnelle sprach zu der Schwester sein: 1341
+"Schwester, wenn du jemals bedürfen solltest mein,
+Was immer dich gefährde, so mach es mir bekannt,
+Dann reit ich dir zu dienen hin in König Etzels Land."
+
+Die Verwandten alle küsste sie auf den Mund. 1342
+Minniglich sich scheiden sah man da zur Stund
+Die schnellen Burgunden von Rüdigers Geleit.
+Da zog mit der Königin manche wohlgethane Maid,
+
+Hundert und viere; sie trugen schön Gewand 1343
+Von buntgewebten Zeugen; manch breiten Schildesrand
+Führte man der Königin nach auf ihren Wegen.
+Da bat auch um Urlaub Volker der zierliche Degen.
+
+Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344
+Da sagte man die Märe, es kämen angerannt
+Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht
+Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht,
+
+In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345
+Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof:
+Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland,
+Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand.
+
+Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346
+Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid.
+Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind.
+Gute Herberge wies man den Gästen geschwind.
+
+Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347
+Das Volk allenthalben ritt auf sie zu.
+Man gab, was sie bedurften, williglich und froh:
+Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo.
+
+Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348
+Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan,
+Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen,
+Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.
+
+Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349
+Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja:
+Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land:
+Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt."
+
+Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350
+Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind.
+Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut,
+Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth
+
+Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351
+Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war,
+Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn:
+Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn.
+
+Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352
+Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen,
+Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch:
+So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch.
+
+Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353
+Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr.
+Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl,
+Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl.
+
+Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354
+Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt,
+Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht.
+Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht.
+
+Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355
+Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen
+Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan.
+Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran.
+
+Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356
+Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held.
+Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid.
+Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid.
+
+Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357
+Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn
+Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten.
+Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten.
+
+Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358
+Freundlich den andern. Nun führten sie heran
+Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah.
+Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da.
+
+Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359
+Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin,
+Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen.
+Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen.
+
+Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360
+Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt.
+Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann:
+Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan.
+
+Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361
+Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn:
+Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug,
+Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug.
+
+Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362
+Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind.
+Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund.
+Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund.
+
+Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363
+"Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin,
+Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn:
+Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn."
+
+"Nun lohn euch Gott," sprach Kriemhild, "viel edle Gotelind. 1364
+So ich gesund verbleibe mit Botlungens Kind,
+Mag euch zu Gute kommen, daß ihr mich habt gesehn."
+Noch ahnten nicht die Beiden, was später muste geschehn.
+
+Mit Züchten zu einander gieng da manche Maid; 1365
+Zu Diensten waren ihnen die Recken gern bereit.
+Sie setzten nach dem Gruße sich nieder auf den Klee:
+Da lernten sich kennen, die sich fremd gewesen eh.
+
+Man ließ den Frauen schenken. Es war am hohen Tag; 1366
+Das edle Ingesinde der Ruh nicht länger pflag.
+Sie ritten, bis sie fanden viel breiter Hütten stehn:
+Da konnten große Dienste den edeln Gästen geschehn.
+
+Ueber Nacht da pflegen sollten sie der Ruh. 1367
+Die von Bechelaren schickten sich dazu,
+Nach Würden zu bewirthen so manchen werthen Mann.
+So hatte Rüdiger gesorgt, es gebrach nicht viel daran.
+
+Die Fenster an den Mauern sah man offen stehn; 1368
+Man mochte Bechelaren weit erschloßen sehn.
+Da ritten ein die Gäste, die man gerne sah;
+Gut Gemach schuf ihnen der edle Rüdiger da.
+
+Des Markgrafen Tochter mit dem Gesinde gieng 1369
+Dahin, wo sie die Königin minniglich empfieng.
+Da war auch ihre Mutter, Rüdigers Gemahl:
+Liebreich empfangen wurden die Jungfrauen allzumal.
+
+Sie fügten ihre Hände in Eins und giengen dann 1370
+Zu einem weiten Saale, der war gar wohlgethan,
+Vor dem die Donau unten die Flut vorübergoß.
+Da saßen sie im Freien und hatten Kurzweile groß.
+
+Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter noch geschah. 1371
+Daß sie so eilen müsten, darüber klagten da
+Die Recken Kriemhildens; wohl war es ihnen leid.
+Was ihnen guter Degen aus Bechlarn gaben Geleit!
+
+Viel minnigliche Dienste der Markgraf ihnen bot. 1372
+Da gab die Königstochter zwölf Armspangen roth
+Der Tochter Gotlindens und also gut Gewand,
+Daß sie kein beßres brachte hin in König Etzels Land.
+
+Obwohl ihr war benommen der Nibelungen Gold, 1373
+Alle, die sie sahen, machte sie sich hold
+Noch mit dem kleinen Gute, das ihr verblieben war.
+Dem Ingesind des Wirthes bot sie große Gaben dar.
+
+Dafür erwies Frau Gotlind den Gästen von dem Rhein 1374
+Auch so hohe Ehre mit Gaben groß und klein,
+Daß man da der Fremden wohl selten einen fand,
+Der nicht von ihr Gesteine trug oder herrlich Gewand.
+
+Als man nach dem Imbiß fahren sollt hindann, 1375
+Ihre treuen Dienste trug die Hausfrau an
+Mit minniglichen Worten Etzels Gemahl.
+Die liebkos'te scheidend der schönen Jungfrau zumal.
+
+Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376
+So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut,
+Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land."
+Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand!
+
+Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377
+Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn
+Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein,
+Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein.
+
+Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378
+Aus Medelick auf Händen brachte man getragen
+Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein
+Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein.
+
+Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379
+Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland
+Gegen Mautaren an der Donau nieder:
+Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder.
+
+Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380
+Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth,
+Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan.
+Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann!
+
+An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381
+Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit,
+Bis daß man die Heunen sah reiten über Land:
+Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt.
+
+Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382
+Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt,
+Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da
+Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah,
+
+Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383
+Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben,
+Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan.
+Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann.
+
+König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384
+Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand
+Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen
+Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.
+
+Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385
+So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr.
+Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug,
+Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward.
+
+
+Sie blieb zu Traisenmauer bis an den vierten Tag. 1386
+Der Staub in den Straßen derweil nicht stille lag:
+Aufstob er allenthalben wie in hellem Brand.
+Da ritten Etzels Leute durch das Oesterreicherland.
+
+Es war dem König Etzel gemeldet in der Zeit, 1387
+Daß ihm vor Gedanken schwand sein altes Leid,
+Wie herrlich Frau Kriemhild zöge durch das Land.
+Da eilte hin der König, wo er die Minnigliche fand.
+
+Von gar manchen Sprachen sah man auf den Wegen 1388
+Vor König Etzeln reiten viel der kühnen Degen,
+Von Christen und von Heiden manches breite Heer.
+Als sie die Herrin fanden, sie zogen fröhlich einher.
+
+Von Reußen und von Griechen ritt da mancher Mann; 1389
+Die Polen und Walachen zogen geschwind heran
+Auf den guten Rossen, die sie herrlich ritten.
+Da zeigte sich ein Jeder in seinen heimischen Sitten.
+
+Aus dem Land zu Kiew ritt da mancher Mann 1390
+Und die wilden Peschenegen. Mit Bogen hub man an
+Zu schießen nach den Vögeln, die in den Lüften flogen;
+Mit Kräften sie die Pfeile bis zu des Bogens Ende zogen.
+
+Eine Stadt liegt an der Donau im Oesterreicherland, 1391
+Die ist geheißen Tulna. Da ward ihr bekannt
+Manche fremde Sitte, die sie noch niemals sah.
+Da empfiengen sie gar Viele, denen noch Leid von ihr geschah.
+
+Es ritt dem König Etzel ein Ingesind voran, 1392
+Fröhlich und prächtig, höfisch und wohlgethan,
+Wohl vierundzwanzig Fürsten, mächtig und hehr:
+Ihre Königin zu schauen, sie begehrten sonst nichts mehr.
+
+Ramung, der Herzog aus Walachenland, 1393
+Mit siebenhundert Mannen kam er vor sie gerannt.
+Wie fliegende Vögel sah man sie alle fahren.
+Da kam der Fürst Gibeke mit viel herrlichen Scharen.
+
+Hornbog der schnelle ritt mit tausend Mann 1394
+Von des Königs Seite zu seiner Fraun heran.
+Sie prangten und stolzierten nach ihres Landes Sitten.
+Von den Heunenfürsten ward auch da herrlich geritten.
+
+Da kam vom Dänenlande der kühne Hawart 1395
+Und Iring der schnelle, vor allem Falsch bewahrt;
+Von Thüringen Irnfried, ein waidlicher Mann:
+Sie empfiengen Kriemhilden, daß sie viel Ehre gewann,
+
+Mit zwölfhundert Mannen, die zählte ihre Schar. 1396
+Da kam der Degen Blödel mit dreitausend gar,
+König Etzels Bruder aus dem Heunenland:
+Der ritt in stolzem Zuge, bis er die Königin fand.
+
+Da kam der König Etzel und Herr Dieterich 1397
+Mit seinen Helden allen. Da sah man ritterlich
+Manchen edeln Ritter bieder und auch gut.
+Davon ward Kriemhilden gar wohl erhoben der Muth.
+
+Da sprach zu der Königin der edle Rüdiger: 1398
+"Frau, euch will empfangen hier der König hehr.
+Wen ich euch küssen heiße, dem sei der Kuss gegönnt:
+Wißt, daß ihr Etzels Recken nicht alle gleich empfangen könnt."
+
+Da hob man von der Mähre die Königin hehr. 1399
+Etzel der reiche nicht säumt' er länger mehr:
+Er schwang sich von dem Rosse mit manchem kühnen Mann;
+Voller Freuden kam er zu Frau Kriemhilden heran.
+
+Zwei mächtige Fürsten, das ist uns wohlbekannt, 1400
+Giengen bei der Frauen und trugen ihr Gewand,
+Als der König Etzel ihr entgegen gieng
+Und sie den edlen Fürsten mit Küssen gütlich empfieng.
+
+Sie schob hinauf die Binden: ihre Farbe wohlgethan 1401
+Erglänzt' aus dem Golde. Da sagte mancher Mann,
+Frau Helke könne schöner nicht gewesen sein.
+Da stand in der Nähe des Königs Bruder Blödelein.
+
+Den rieth ihr zu küssen Rüdiger der Markgraf reich 1402
+Und den König Gibeke, Dietrichen auch zugleich:
+Zwölf der Recken küsste Etzels Königin;
+Da blickte sie mit Grüßen noch zu manchem Ritter hin.
+
+Während König Etzel bei Kriemhilden stand, 1403
+Thaten junge Degen wie Sitte noch im Land:
+Waffenspiele wurden schön vor ihr geritten;
+Das thaten Christenhelden und Heiden nach ihren Sitten.
+
+Wie ritterlich die Degen in Dietrichens Lehn 1404
+Die splitternden Schäfte in die Lüfte ließen gehn
+Hoch über Schilde aus guter Ritter Hand!
+Vor den deutschen Gästen brach da mancher Schildesrand.
+
+Von der Schäfte Krachen vernahm man lauten Schall. 1405
+Da waren aus dem Lande die Recken kommen all
+Und auch des Königs Gäste, so mancher edle Mann:
+Da gieng der reiche König mit der Königin hindann.
+
+Sie fanden in der Nähe ein herrlich Gezelt. 1406
+Erfüllt war von Hütten rings das ganze Feld;
+Da war nach den Beschwerden Rast für sie bereit.
+Da geleiteten die Helden darunter manche schöne Maid
+
+Zu Kriemhild der Königin, die dort darnieder saß 1407
+Auf reichem Stuhlgewande; der Markgraf hatte das
+So prächtig schaffen laßen, sie fandens schön und gut.
+Da stand dem König Etzel in hohen Freuden der Muth.
+
+Was sie zusammen redeten, das ist mir unbekannt; 1408
+In seiner Rechten ruhte ihre weiße Hand.
+So saßen sie in Minne, als Rüdiger der Degen
+Dem König nicht gestattete, Kriemhildens heimlich zu pflegen.
+
+Da ließ man unterbleiben das Kampfspiel überall; 1409
+Mit Ehren ward beendet der laute Freudenschall.
+Da giengen zu den Hütten Die Etzeln unterthan;
+Herberge wies man ihnen ringsum allenthalben an.
+
+Den Abend und nachtüber fanden sie Ruhe da, 1410
+Bis man den lichten Morgen wieder scheinen sah.
+Da kamen hoch zu Rosse viel Helden ausersehn;
+Hei! was sah man Kurzweil zu des Königs Ehren geschehn!
+
+Nach Würden es zu schaffen der Fürst die Heunen bat. 1411
+Da ritten sie von Tulna gen Wien in die Stadt.
+In schönem Schmucke fand man da Frauen ohne Zahl.
+Sie empfiengen wohl mit Ehren König Etzels Gemahl.
+
+In Ueberfluß und Fülle war da für sie bereit, 1412
+Wes sie nur bedurften. Viel Degen allbereit
+Sahn froh dem Fest entgegen. Herbergen wies man an;
+Die Hochzeit des Königs mit hohen Freuden begann.
+
+Man mochte sie nicht alle herbergen in der Stadt: 1413
+Die nicht Gäste waren, Rüdiger die bat,
+Daß sie Herberge nahmen auf dem Land.
+Wohl weiß ich, daß man immer den König bei Kriemhilden fand.
+
+Dietrich der Degen und mancher andre Held 1414
+Die hatten ihre Muße mit Arbeit eingestellt,
+Auf daß sie den Gästen trösteten den Muth;
+Rüdger und seine Freunde hatten Kurzweile gut.
+
+Die Hochzeit war gefallen auf einen Pfingstentag, 1415
+Wo der König Etzel bei Kriemhilden lag
+In der Stadt zu Wiene. Fürwahr so manchen Mann
+Bei ihrem ersten Manne sie nicht zu Diensten gewann.
+
+Durch Gabe ward sie Manchem, der sie nicht kannte, kund. 1416
+Darüber zu den Gästen hub Mancher an zur Stund:
+"Wir wähnten, Kriemhilden benommen wär ihr Gut,
+Die nun mit ihren Gaben hier so große Wunder thut."
+
+Diese Hochzeit währte siebzehn Tage lang. 1417
+Von keinem andern König weiß der Heldensang,
+Der solche Hochzeit hielte: es ist uns unbekannt.
+Alle, die da waren, die trugen neues Gewand.
+
+Sie hatte nie geseßen daheim in Niederland 1418
+Vor so manchem Recken; auch ist mir wohlbekannt,
+War Siegfried reich an Schätzen, so hatte er doch nicht
+So viel der edeln Recken, als sie hier sah in Etzels Pflicht.
+
+Wohl gab auch nie ein König bei seiner Hochzeit 1419
+So manchen reichen Mantel, lang, tief und weit,
+Noch so gute Kleider, als man hier gewann,
+Die Kriemhildens willen alle wurden vertan.
+
+Ihre Freunde wie die Gäste hatten Einen Muth: 1420
+Sie dachten nichts zu sparen, und wärs das beste Gut.
+Was Einer wünschen mochte, man war dazu bereit;
+Da Standen viel der Degen vor Milde bloß und ohne Kleid.
+
+Wenn sie daran gedachte, wie sie am Rheine saß 1421
+Bei ihrem edeln Manne, ihre Augen wurden naß;
+Doch hehlte sie es immer, daß es Niemand sah,
+Da ihr nach manchem Leide so viel der Ehren geschah.
+
+Was Einer that aus Milde, das war doch gar ein Wind 1422
+Gegen Dietrichen: was Botlungens Kind
+Ihm gegeben hatte, das wurde gar verwandt.
+Da begieng auch große Wunder des milden Rüdiger Hand.
+
+Auch aus Ungarlande der Degen Blödelein 1423
+Ließ da ledig machen manchen Reiseschrein
+Von Silber und von Golde: das ward dahin gegeben.
+Man sah des Königs Helden so recht fröhlich alle leben.
+
+Des Königs Spielleute, Werbel und Schwemmelein, 1424
+Wohl an tausend Marken nahm Jedweder ein
+Bei dem Hofgelage (oder mehr als das),
+Als die schöne Kriemhild bei Etzeln unter Krone saß.
+
+Am achtzehnten Morgen von Wien die Helden ritten. 1425
+In Ritterspielen wurden der Schilde viel verschnitten
+Von Speren, so da führten die Recken an der Hand:
+So kam der König Etzel mit Freuden in der Heunen Land.
+
+In Heimburg der alten verblieb man über Nacht. 1426
+Da konnte Niemand wißen recht des Volkes Macht,
+Mit welchen Heerkräften sie ritten durch das Land.
+Hei! was schöner Frauen man in seiner Heimat fand!
+
+In Misenburg der reichen fieng man zu segeln an. 1427
+Verdeckt ward das Wasser von Ross und auch von Mann,
+Als ob es Erde wäre, was man doch fließen sah.
+Die wegemüden Frauen mochten sich wohl ruhen da.
+
+Zusammen war gebunden manches Schifflein gut, 1428
+Daß ihnen wenig schaden Woge mocht und Flut;
+Darüber ausgebreitet manch köstlich Geleit,
+Als ob sie noch immer beides hatten, Land und Feld.
+
+Nun ward auch in Etzelnburg die Märe kund gethan: 1429
+Da freute sich darinnen beides, Weib und Mann.
+Etzels Ingesinde, des einst Frau Helke pflag,
+Erlebte bei Kriemhilden noch manchen fröhlichen Tag.
+
+Da stand ihrer harrend gar manche edle Maid, 1430
+Die seit Helkens Tode getragen Herzeleid.
+Sieben Königstöchter Kriemhild noch da fand;
+Durch die so ward gezieret König Etzels ganzes Land.
+
+Herrat die Jungfrau noch des Gesindes pflag, 1431
+Helkens Schwestertochter, in der viel Tugend lag,
+Dietrichs Verlobte, eines edeln Königs Sproß,
+Die Tochter Nentweinens, die noch viel Ehren genoß.
+
+Auf der Gäste Kommen freute sich ihr Muth; 1432
+Auch war dazu verwendet viel kostbares Gut.
+Wer könnt euch des bescheiden, wie der König saß seitdem?
+Den Heunen ward nicht wieder eine Königin so genehm.
+
+Als der Fürst mit seinem Weibe geritten kam vom Strand, 1433
+Wer eine Jede führte, das ward da wohl benannt
+Kriemhild der edeln: sie grüßte desto mehr.
+Wie saß an Helkens Stelle sie bald gewaltig und hehr!
+
+Getreulichen Dienstes ward ihr viel bekannt. 1434
+Die Königin vertheilte Gold und Gewand,
+Silber und Gesteine: was sie des überrhein
+Zum Heunenlande brachte, das muste gar vergeben sein.
+
+Auch wurden ihr mit Diensten ergeben allzumal 1435
+Die Freunde des Königs und denen er befahl,
+Daß Helke nie die Königin so gewaltiglich gebot,
+Als sie ihr dienen musten bis an Kriemhildens Tod.
+
+Da stand in solchen Ehren der Hof und auch das Land, 1436
+Daß man zu allen Zeiten die Kurzweile fand,
+Wonach einem Jeden verlangte Herz und Muth;
+Das schuf des Königs Liebe, dazu der Königin Gut.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte.
+
+
+In so hohen Ehren, das ist alles wahr, 1437
+Wohnten sie beisammen bis an das siebte Jahr.
+Eines Sohns war genesen derweil die Königin:
+Das schien König Etzel der allergröste Gewinn.
+
+Bis sie es erlangte, ließ sie nicht ab davon, 1438
+Die Taufe must empfangen König Etzels Sohn
+Nach christlichem Brauche: Ortlieb ward er genannt.
+Darob war große Freude über Etzels ganzem Land.
+
+Der Zucht, deren jemals zuvor Frau Helke pflag, 1439
+Fliß sich Frau Kriemhild darauf gar manchen Tag.
+Es lehrte sie die Sitte Herrat die fremde Maid;
+Die trug noch in der Stille um Helke schmerzliches Leid.
+
+Vor Heimischen und Fremden gestanden allesamt 1440
+Beßer und milder hab eines Königs Land
+Nie eine Frau beseßen: das hielten sie für wahr.
+Des rühmten sie die Heunen bis an das dreizehnte Jahr.
+
+Nun wuste sie, daß Niemand ihr feindlich sei gesinnt, 1441
+Wie oft wohl Königinnen der Fürsten Recken sind,
+Und daß sie täglich mochte zwölf Könge vor sich sehn.
+Sie vergaß auch nicht des Leides, das ihr daheim war geschehn.
+
+Sie gedacht auch noch der Ehren in Nibelungenland, 1442
+Die ihr geboten worden und die ihr Hagens Hand
+Mit Siegfriedens Tode hatte gar benommen,
+Und ob ihm das nicht jemals noch zu Leide sollte kommen.
+
+"Es geschäh, wenn ich ihn bringen möcht in dieses Land." 1443
+Ihr träumte wohl, ihr gienge bei Etzel an der Hand
+Geiselher ihr Bruder; sie küsst' ihn allezeit
+In ihrem sanften Schlafe: das ward zu schmerzlichem Leid.
+
+Der üble Teufel war es wohl, der Kriemhilden rieth, 1444
+Daß sie in Freundschaft von König Gunther schied
+Und ihn zur Sühne küsste in Burgundenland.
+Aufs Neu begann zu triefen von heißen Thränen ihr Gewand.
+
+Es lag ihr an dem Herzen beides, spat und fruh, 1445
+Wie man mit Widerstreben sie doch gebracht dazu,
+Daß sie minnen muste einen heidnischen Mann:
+Die Noth hatt ihr Hagen und Herr Gunther angethan.
+
+Wie sie das rächen möchte, dachte sie alle Tage: 1446
+"Ich bin nun wohl so mächtig, wem es auch missbehage,
+Daß ich meinen Feinden mag schaffen Herzeleid:
+Dazu wär ich dem Hagen von Tronje gerne bereit.
+
+"Nach den Getreuen jammert noch oft die Seele mein; 1447
+Doch die mir Leides thaten, möcht ich bei denen sein,
+So würde noch gerochen meines Friedels Tod.
+Kaum kann ich es erwarten," sprach sie in des Herzens Noth.
+
+Es liebten sie Alle, die dem König unterthan, 1448
+Die Recken Kriemhildens; das war wohlgethan.
+Ihr Kämmerer war Eckewart: drum ward er gern gesehn:
+Kriemhildens Willen konnte Niemand widerstehn.
+
+Sie gedacht auch alle Tage: "Ich will den König bitten," 1449
+Er möcht ihr vergönnen mit gütlichen Sitten,
+Daß man ihre Freunde brächt in der Heunen Land.
+Den argen Willen Niemand an der Königin verstand.
+
+Als eines Nachts Frau Kriemhild bei dem König lag, 1450
+Umfangen mit den Armen hielt er sie, wie er pflag
+Der edeln Frau zu kosen, sie war ihm wie sein Leib,
+Da gedachte ihrer Feinde dieses herrliche Weib.
+
+Sie sprach zu dem König: "Viel lieber Herre mein, 1451
+Ich wollt euch gerne bitten, möcht es mit Hulden sein,
+Daß ihr mich sehen ließet, ob ich verdient den Sold,
+Daß ihr meinen Freunden wäret inniglich hold."
+
+Da sprach der mächtge König, arglos war sein Muth: 1452
+"Des sollt ihr inne werden: was man den Helden thut
+Zu Ehren und zu Gute, mir geschieht ein Dienst daran,
+Da ich von Weibesminne nie beßre Freunde gewann."
+
+Noch sprach zu ihm die Königin: "Ihr wißt so gut wie ich, 1453
+Ich habe hohe Freunde: darum betrübt es mich,
+Daß mich die so selten besuchen hier im Land:
+Ich bin allen Leuten hier nur als freundlos bekannt."
+
+Da sprach der König Etzel: "Viel liebe Fraue mein, 1454
+Däucht' es sie nicht zu ferne, so lüd ich überrhein,
+Die ihr da gerne sähet, hieher zu meinem Land."
+Sie freute sich der Rede, als ihr sein Wille ward bekannt.
+
+Sie sprach: "Wollt ihr mir Treue leisten, Herre mein, 1455
+So sollt ihr Boten senden gen Worms überrhein.
+So entbiet ich meinen Freunden meinen Sinn und Muth:
+So kommen uns zu Lande viel Ritter edel und gut."
+
+Er sprach: "Wenn ihr gebietet, so laß ich es geschehn. 1456
+Ihr könntet eure Freunde nicht so gerne sehn,
+Der edeln Ute Kinder, als ich sie sähe gern:
+Es ist mir ein Kummer, daß sie so fremd uns sind und fern."
+
+Er sprach: "Wenn dirs gefiele, viel liebe Fraue mein, 1457
+Wollt ich als Boten senden zu den Freunden dein
+Meine Fiedelspieler gen Burgundenland."
+Die guten Spielleute ließ man bringen gleich zur Hand.
+
+Die Knappen kamen beide, wo sie den König sahn 1458
+Sitzen bei der Königin. Da sagt' er ihnen an,
+Sie sollten Boten werden nach Burgundenland.
+Auch ließ er ihnen schaffen reiches herrliches Gewand.
+
+Vierundzwanzig Recken schnitt man da das Kleid. 1459
+Ihnen ward auch von dem König gegeben der Bescheid,
+Wie sie Gunthern laden sollten und Die ihm unterthan.
+Frau Kriemhild mit ihnen geheim zu sprechen begann.
+
+Da sprach der reiche König: "Nun hört, wie ihr thut: 1460
+Ich entbiete meinen Freunden alles, was lieb und gut,
+Daß sie geruhn zu reiten hieher in mein Land.
+Ich habe noch gar selten so liebe Gäste gekannt.
+
+"Und wenn sie meinen Willen gesonnen sind zu thun, 1461
+Kriemhilds Verwandte, so mögen sie nicht ruhn
+Und mir zu Liebe kommen zu meinem Hofgelag,
+Da meiner Schwäger Freundschaft mich so sehr erfreuen mag."
+
+Da sprach der Fiedelspieler, der stolze Schwemmelein: 1462
+"Wann soll euer Gastgeber in diesen Landen sein?
+Daß wirs euern Freunden am Rhein mögen sagen."
+Da sprach der König Etzel: "In der nächsten Sonnenwende Tagen."
+
+"Wir thun, was ihr gebietet," sprach da Werbelein. 1463
+Kriemhild ließ die Boten zu ihrem Kämmerlein
+Führen in der Stille und besprach mit ihnen da,
+Wodurch noch manchem Degen bald wenig Liebes geschah.
+
+Sie sprach zu den Boten: "Ihr verdient groß Gut, 1464
+Wenn ihr besonnen meinen Willen thut
+Und sagt, was ich entbiete heim in unser Land:
+Ich mach euch reich an Gute und geb euch herrlich Gewand.
+
+"Wen ihr von meinen Freunden immer möget sehn 1465
+Zu Worms an dem Rheine, dem sollt ihrs nie gestehn,
+Daß ihr mich immer sähet betrübt in meinem Muth;
+Und entbietet meine Grüße diesen Helden kühn und gut.
+
+"Bittet sie zu leisten, was mein Gemahl entbot, 1466
+Und mich dadurch zu scheiden von all meiner Noth.
+Ich scheine hier den Heunen freundlos zu sein.
+Wenn ich ein Ritter hieße ich käme manchmal an den Rhein.
+
+"Und sagt auch Gernoten, dem edeln Bruder mein, 1467
+Daß ihm auf Erden Niemand holder möge sein:
+Bittet, daß er mir bringe hierher in dieses Land
+Unsre besten Freunde: so wird uns Ehre bekannt.
+
+"Sagt auch Geiselheren, ich mahn ihn daran, 1468
+Daß ich mit seinem Willen nie ein Leid gewann:
+Drum sähn ihn hier im Lande gern die Augen mein;
+Auch will ich all mein Leben ihm zu Dienst verpflichtet sein.
+
+"Sagt auch meiner Mutter, wie mir Ehre hier geschieht; 1469
+Und wenn von Tronje Hagen der Reise sich entzieht,
+Wer ihnen zeigen solle die Straßen durch das Land?
+Die Wege zu den Heunen sind von frühauf ihm bekannt."
+
+Nun wusten nicht die Boten, warum das möge sein, 1470
+Daß sie diesen Hagen von Tronje nicht am Rhein
+Bleiben laßen sollten. Bald ward es ihnen leid:
+Durch ihn war manchem Degen mit dem grimmen Tode gedräut.
+
+Botenbrief und Siegel ward ihnen nun gegeben; 1471
+Sie fuhren reich an Gute und mochten herrlich leben.
+Urlaub gab ihnen Etzel und sein schönes Weib;
+Ihnen war auch wohlgezieret mit guten Kleidern der Leib.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten.
+
+
+Als Etzel seine Fiedler hin zum Rheine sandte, 1472
+Da flogen diese Mären von Lande zu Lande:
+Mit schnellen Abgesandten bat er und entbot
+Zu seinem Hofgelage; da holte Mancher sich den Tod.
+
+Die Boten ritten hinnen aus der Heunen Land 1473
+Zu den Burgunden, wohin man sie gesandt
+Zu dreien edeln Königen und ihrer Mannen Heer:
+Daß sie zu Etzeln kämen; da beeilten sie sich sehr.
+
+Zu Bechlaren ritten schon die Boten ein. 1474
+Ihnen diente man da gerne und ließ auch das nicht sein:
+Ihre Grüße sandten Rüdger und Gotelind
+Den Degen an dem Rheine und auch des Markgrafen Kind.
+
+Sie ließen ohne Gaben die Boten nicht hindann, 1475
+Daß desto sanfter führen Die Etzeln unterthan.
+Uten und ihren Söhnen entbot da Rüdiger,
+Ihnen so gewogen hätten sie keinen Markgrafen mehr.
+
+Sie entboten auch Brunhilden Alles, was lieb und gut, 1476
+Ihre stäte Treue und dienstbereiten Muth.
+Da wollten nach der Rede die Boten weiter ziehn;
+Gott bat sie zu bewahren Gotlind die edle Markgräfin.
+
+Eh noch die Boten völlig durchzogen Baierland, 1477
+Werbel der Schnelle den guten Bischof fand.
+Was der da seinen Freunden hin an den Rhein entbot,
+Davon hab ich nicht Kunde; jedoch sein Gold also roth
+
+Gab er den Boten milde. Als sie wollten ziehn, 1478
+"Sollt ich sie bei mir schauen," sprach Bischof Pilgerin,
+"So wär mir wohl zu Muthe, die Schwestersöhne mein:
+Ich mag leider selten zu ihnen kommen an den Rhein."
+
+Was sie für Wege fuhren zum Rhein durch das Land, 1479
+Kann ich euch nicht bescheiden. Ihr Gold und ihr Gewand
+Blieb ihnen unbenommen; man scheute Etzels Zorn:
+So gewaltig herrschte der edle König wohlgeborn.
+
+Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein, 1480
+Gen Worms in die Veste, Werbel und Schwemmelein.
+Da sagte mans dem König und seinen Mannen an,
+Es kämen fremde Boten; Gunther zu fragen begann.
+
+Da sprach der Vogt vom Rheine: "Wer macht uns bekannt, 1481
+Von wannen diese Gäste ritten in das Land?"
+Davon wuste Niemand, bis die Boten sah
+Hagen von Tronje: der begann zu Gunthern da:
+
+"Wir hören Neues heute, dafür will ich euch stehn: 1482
+Etzels Fiedelspieler die hab ich hier gesehn;
+Die hat eure Schwester gesendet an den Rhein:
+Ihres Herren Willen sollen sie uns willkommen sein."
+
+Sie ritten ohne Weilen zu dem Saal heran: 1483
+So herrlich fuhr wohl nimmer eines Fürsten Fiedelmann.
+Des Königs Ingesinde empfieng sie gleich zur Hand;
+Herberge gab man ihnen und bewahrte ihr Gewand.
+
+Ihre Reisekleider waren reich und so wohlgethan, 1484
+Sie mochten wohl mit Ehren sich so dem König nahn;
+Doch wollten sie nicht länger sie dort am Hofe tragen.
+"Ob Jemand sie begehre?" ließen da die Boten fragen.
+
+Da waren auch bedürftige Leute bei der Hand, 1485
+Die sie gerne nahmen: denen wurden sie gesandt.
+Da schmückten mit Gewanden so reich die Gäste sich,
+Wie es Königsboten herrlich stand und wonniglich.
+
+Da gieng mit Urlaube hin, wo der König saß 1486
+Etzels Ingesinde: gerne sah man das.
+Herr Hagen gleich den Boten vom Sitz entgegen sprang,
+Sie freundlich zu begrüßen: des sagten ihm die Knappen Dank.
+
+Da hub er um die Kunde sie zu befragen an, 1487
+Wie Etzel sich gehabe und Die ihm unterthan.
+Da sprach der Fiedelspieler: "Nie beßer stands im Land,
+Das Volk war niemals froher, das sei euch wahrlich bekannt."
+
+Er führte sie dem Wirthe zu; der Königssaal war voll: 1488
+Da empfieng man die Gäste, wie man immer soll
+Boten freundlich grüßen in andrer Könge Land.
+Werbel der Recken viel bei König Gunthern fand.
+
+Der König wohlgezogen zu grüßen sie begann: 1489
+"Willkommen, beide Fiedler, die Etzeln unterthan,
+Mit euern Heergesellen: wozu hat euch gesandt
+Etzel der reiche zu der Burgunden Land?"
+
+Sie neigten sich dem König. Da sprach Werbelein: 1490
+"Euch entbietet seine Dienste der liebe Herre mein
+Und Kriemhild eure Schwester hieher in dieses Land:
+Sie haben uns euch Recken auf gute Treue gesandt."
+
+Da sprach der reiche König: "Der Märe bin ich froh. 1491
+Wie gehabt sich Etzel," der Degen fragte so,
+"Und Kriemhild meine Schwester in der Heunen Land?"
+Da sprach der Fiedelspieler: "Das mach ich gern euch bekannt.
+
+"Beßer wohl gehabten sich Könge nirgend mehr 1492
+Und fröhlicher, das wißet, als die Fürsten hehr
+Und ihre Degen alle, Freund und Untertan.
+Sie freuten sich der Reise, da wir schieden hindann,"
+
+"Nun Dank ihm für die Dienste, die er mir entbeut, 1493
+Ihm und meiner Schwester: gern erfahr ich heut,
+Daß sie in Freuden leben, der König und sein Lehn;
+Meine Frage war nach ihnen in großen Sorgen geschehn."
+
+Die beiden jungen Könige waren auch gekommen, 1494
+Die hatten diese Märe eben erst vernommen.
+Geiselher der junge die Boten gerne sah
+Aus Liebe zu der Schwester; gar minniglich sprach er da:
+
+"Ihr Boten sollt uns beide hochwillkommen sein; 1495
+Kämet ihr geritten nur öfter an den Rhein,
+Ihr fändet hier der Freunde, die ihr gerne möchtet sehn.
+Euch sollte hier zu Lande wenig Leides geschehn."
+
+"Wir versehn uns alles Guten zu euch," sprach Schwemmelein; 1496
+"Ich könnt euch nicht bedeuten mit den Worten mein,
+Wie minnigliche Grüße euch Etzel hat gesandt
+Und eure edle Schwester, die da in hohen Ehren stand.
+
+"An eure Lieb und Treue mahnt euch die Königin 1497
+Und daß ihr stäts gewogen war euer Herz und Sinn.
+Zuvörderst euch, Herr König, sind wir hieher gesandt,
+Daß ihr geruht zu reiten zu ihnen in der Heunen Land.
+
+"Es soll auch mit euch reiten euer Bruder Gernot. 1498
+Etzel der reiche euch Allen das entbot,
+Wenn ihr nicht kommen wolltet, eure Schwester sehn,
+So möcht er doch wohl wißen, was euch von ihm war geschehn,
+
+"Daß ihr ihn also meidet und auch sein Reich und Land. 1499
+Wär euch auch die Königin fremd und unbekannt,
+So möcht er selbst verdienen, ihr kämet ihn zu sehn:
+Wenn ihr das leisten wolltet, so wär ihm Liebes geschehn."
+
+Da sprach der König Gunther: "Nach der siebten Nacht 1500
+Will ich euch bescheiden, wes ich mich bedacht
+Hab im Rath der Freunde; geht derweilen hin
+Zu eurer Herberge und findet gute Ruh darin."
+
+Da sprach wieder Werbel: "Könnt es nicht geschehn, 1501
+Daß wir unsre Fraue, die reiche Ute, sehn,
+Eh wir müden Degen fragten nach der Ruh?"
+Da sprach wohlgezogen der edle Geiselher dazu:
+
+"Das soll euch Niemand wehren; wollt ihr vor sie gehn, 1502
+So ist auch meiner Mutter Will und Wunsch geschehn,
+Denn sie sieht euch gerne um die Schwester mein,
+Frau Kriemhilde: ihr sollt ihr willkommen sein."
+
+Geiselher sie brachte hin, wo er Uten fand. 1503
+Die sah die Boten gerne aus der Heunen Land
+Und empfieng sie freundlich mit wohlgezognem Muth.
+Da sagten ihr die Märe die Boten höfisch und gut.
+
+"Meine Frau läßt euch entbieten," sprach da Schwemmelein, 1504
+"Dienst und stäte Treue, und wenn es möchte sein,
+Daß sie euch öfter sähe, so glaubet sicherlich,
+Wohl keine andre Freude auf Erden wünschte sie sich."
+
+Da sprach die Königin Ute: "Dass kann nun nicht sein. 1505
+So gern ich öfter sähe die liebe Tochter mein,
+So wohnt zu fern uns leider die edle Königin:
+Nun geh ihr immer selig die Zeit mit Etzeln dahin.
+
+"Ihr sollt mich wißen laßen, eh ihr von hinnen müßt, 1506
+Wenn ihr reiten wollet; ich sah in langer Frist
+Boten nicht so gerne, als ich euch gesehn."
+Da gelobten ihr die Knappen, ihr Wille solle geschehn.
+
+Zu den Herbergen giengen Die von Heunenland. 1507
+Der reiche König hatte die Freunde nun besandt.
+Gunther der edle fragte Mann für Mann,
+Was sie darüber dächten? Wohl Manche huben da an,
+
+Er möge wohl reiten in König Etzels Land. 1508
+Das riethen ihm die Besten, die er darunter fand.
+Hagen nur alleine, dem war es grimmig leid.
+Zum König sprach er heimlich: "Mit euch selbst seid ihr im Streit.
+
+Ihr habt doch nicht vergeßen, was ihr von uns geschehn: 1509
+Vor Kriemhilden müßen wir stäts in Sorge stehn.
+Ich schlug ihr zu Tode den Mann mit meiner Hand:
+Wie dürften wir wohl reiten hin in König Etzels Land?"
+
+Da sprach der reiche König: "Meiner Schwester Zürnen schwand. 1510
+Mit minniglichem Kusse, eh sie verließ dieß Land,
+Hat sie uns verziehen, was wir an ihr gethan,
+Es wäre denn, sie stände bei euch, Herr Hagen, noch an."
+
+"Nun laßt euch nicht betrügen," sprach Hagen, "was auch sagen 1511
+Diese Heunenboten: wollt ihrs mit Kriemhild wagen,
+Da verliert ihr zu der Ehre Leben leicht und Leib:
+Sie weiß wohl nachzutragen, dem König Etzel sein Weib!"
+
+Da sprach vor dem Rathe der König Gernot: 1512
+"Ihr mögt aus guten Gründen fürchten dort den Tod
+In heunischen Reichen; ständen wir drum an
+Und mieden unsre Schwester, das wär übel gethan."
+
+Da sprach zu dem Degen der junge Geiselher: 1513
+"Da ihr euch, Freund Hagen, schuldig wißt so sehr,
+So bleibt hier im Lande, euer Heil zu weisen;
+Nur laßt, die sichs getrauen, mit uns zu den Heunen fahren."
+
+Darob begann zu zürnen von Tronje der Held: 1514
+"Ich will nicht, daß euch Jemand sei bei der Fahrt gesellt,
+Der an den Hof zu reiten sich mehr getraut als ich:
+Wollt ihrs nicht bleiben laßen, ich beweis' es euch sicherlich."
+
+Da sprach der Küchenmeister Rumold der Degen: 1515
+"Der Heimischen und Fremden mögt ihr zu Hause pflegen
+Nach euerm Wohlgefallen: da habt ihr vollen Rath;
+Ich glaube nicht, daß Hagen euch noch je vergeiselt hat.
+
+"Wollt ihr nicht Hagen folgen, so räth euch Rumold, 1516
+Der ich euch dienstlich gewogen bin und hold,
+Daß ihr im Lande bleibet nach dem Willen mein
+Und laßt den König Etzel dort bei Kriemhilden sein.
+
+"Wo könntet ihr auf Erden so gut als hier gedeihn? 1517
+Ihr mögt vor euern Feinden daheim geborgen sein,
+Ihr sollt mit guten Kleidern zieren euern Leib,
+Des besten Weines trinken und minnen manches schöne Weib.
+
+"Dazu giebt man euch Speise, so gut sie in der Welt 1518
+Ein König mag gewinnen. Euer Land ist wohl bestellt:
+Der Hochzeit Etzels mögt ihr euch mit Ehren wohl begeben
+Und hier mit euern Freunden in guter Kurzweile leben.
+
+"Und hättet ihr nichts Anderes davon zu zehren hier, 1519
+Ich gab euch Eine Speise die Fülle für und für,
+In Oel gesottne Schnitten. Das ist, was Rumold räth,
+Da es gar so ängstlich, ihr Herrn, dort bei den Heunen steht.
+
+"Hold wird euch Frau Kriemhild doch nimmer, glaubet mir; 1520
+Auch habt ihr und Hagen es nicht verdient an ihr.
+Und wollt ihr nicht verbleiben, wer weiß, wie ihrs beklagt:
+Ihr werdets noch erkennen, ich hab euch Wahrheit gesagt.
+
+"Drum rath ich euch zu bleiben. Reich ist euer Land: 1521
+Ihr könnt hier beßer lösen, was ihr gabt zu Pfand,
+Als dort bei den Heunen: wer weiß, wie es da steht?
+Verbleibt hier, ihr Herren: das ist, was Rumold euch rath."
+
+"Wir wollen nun nicht bleiben," sprach da Gernot. 1522
+"Da es meine Schwester so freundlich uns entbot
+Und Etzel der reiche, was führen wir nicht hin?
+Die nicht mit uns wollen, mögen bleiben immerhin."
+
+"In Treuen," sprach da Rumold, "ich will der Eine sein, 1523
+Der um Etzels Hofgelag kommt nimmer überrhein.
+Wie setzt' ich wohl das Beßre aufs Spiel, das ich gewann?
+Ich will mich selbst so lange am Leben laßen, als ich kann."
+
+"So denk ichs auch zu reiten," sprach Ortwein der Degen: 1524
+"Ich will der Geschäfte zu Hause mit euch pflegen."
+Da sprachen ihrer Viele, sie wollten auch nicht fahren:
+"Gott woll euch, liebe Herren, bei den Heunen wohl bewahren."
+
+Der König Gunther zürnte, als er ward gewahr, 1525
+Sie wollten dort verbleiben, der Ruhe willen zwar:
+"Wir wollens drum nicht laßen, wir müßen an die Fahrt;
+Der waltet guter Sinne, der sich allezeit bewahrt."
+
+Zur Antwort gab da Hagen: "Laßt euch zum Verdruß 1526
+Meine Rede nicht gereichen: was auch geschehen muß,
+Das rath ich euch in Treuen, wenn ihr euch gern bewahrt,
+Daß ihr nur wohlgerüstet zu dem Heunenlande fahrt.
+
+"Wenn ihrs euch unterwindet, so entbietet euer Heer, 1527
+Die Besten, die ihr findet und irgend wißt umher,
+Aus ihnen Allen wähl ich dann tausend Ritter gut:
+So mag euch nicht gefährden der argen Kriemhilde Muth."
+
+"Dem Rathe will ich folgen," sprach der König gleich. 1528
+Da sandt er seine Boten umher in seinem Reich.
+Bald brachte man der Helden dreitausend oder mehr.
+Sie dachten nicht zu finden so großes Leid und Beschwer.
+
+Sie ritten hohes Muthes durch König Gunthers Land. 1529
+Sie verhießen Allen Ross' und Gewand,
+Die ihnen geben wollten zum Heunenland Geleit.
+Da fand viel gute Ritter der König zu der Fahrt bereit.
+
+Da ließ von Tronje Hagen Dankwart den Bruder sein 1530
+Achtzig ihrer Recken führen an den Rhein.
+Sie kamen stolz gezogen; Harnisch und Gewand
+Brachten viel die schnellen König Gunthern in das Land.
+
+Da kam der kühne Volker, ein edler Spielmann, 1531
+Mit dreißig seiner Degen zu der Fahrt heran.
+Ihr Gewand war herrlich, ein König mocht es tragen.
+Er wollte zu den Heunen, ließ er dem Könige sagen.
+
+Wer Volker sei gewesen, das sei euch kund gethan. 1532
+Es war ein edler Herre; ihm waren unterthan
+Viel der guten Recken in Burgundenland;
+Weil er fiedeln konnte, war er der Spielmann genannt.
+
+Hagen wählte tausend, die waren ihm bekannt; 1533
+Was sie in starken Stürmen gefrommt mit ihrer Hand
+Und sonst begangen hatten, das hatt er oft gesehn:
+Auch alle Andern musten ihnen Ehre zugestehn.
+
+Die Boten Kriemhildens der Aufenthalt verdroß; 1534
+Die Furcht vor ihrem Herren war gewaltig groß:
+Sie hielten alle Tage um den Urlaub an.
+Den gönnt' ihnen Hagen nicht: das ward aus Vorsicht gethan.
+
+Er sprach zu seinem Herren: "Wir wollen uns bewahren, 1535
+Daß wir sie reiten laßen, bevor wir selber fahren
+Sieben Tage später in König Etzels Land:
+Trägt man uns argen Willen, das wird so beßer gewandt.
+
+"So mag sich auch Frau Kriemhild bereiten nicht dazu, 1536
+Daß uns nach ihrem Rathe Jemand Schaden thu.
+Will sie es doch versuchen, so fährt sie übel an:
+Wir führen zu den Herren manchen auserwählten Mann."
+
+Die Sättel und die Schilde und all ihr Gewand, 1537
+Das sie führen wollten in König Etzels Land,
+War nun bereit und fertig für manchen kühnen Mann.
+Etzels Spielleute rief man zu Gunthern heran.
+
+Da die Boten kamen, begann Herr Gernot: 1538
+"Der König will leisten, was Etzel uns entbot.
+Wir wollen gerne kommen zu seiner Lustbarkeit
+Und unsre Schwester sehen; daß ihr des außer Zweifel seid."
+
+Da sprach der König Gunther: "Wißt ihr uns zu sagen, 1539
+Wann das Fest beginnt, oder zu welchen Tagen
+Wir erwartet werden?" Da sprach Schwemmelein:
+"Zur nächsten Sonnenwende da soll es in Wahrheit sein."
+
+Der König erlaubte das, war noch nicht geschehn, 1540
+Wenn sie Frau Brunhilden wünschten noch zu sehn,
+Daß sie mit seinem Willen sprächen bei ihr an.
+Dem widerstrebte Volker: da war ihr Liebes gethan.
+
+"Es ist ja Frau Brunhild nun nicht so wohlgemuth, 1541
+Daß ihr sie schauen möchtet," sprach der Ritter gut.
+"Wartet bis morgen, so läßt man sie euch sehn."
+Sie wähnten sie zu schauen, da konnt es doch nicht geschehn.
+
+Da ließ der reiche König, er war den Boten hold, 1542
+Aus eigner hoher Milde daher von seinem Gold
+Auf breiten Schilden bringen; wohl war er reich daran.
+Ihnen ward auch reiche Schenkung von seinen Freunden gethan.
+
+Geiselher und Gernot, Gere und Ortewein, 1543
+Wie sie auch milde waren, das leuchtete wohl ein:
+So reiche Gaben boten sie den Boten an,
+Daß sie's vor ihrem Herren nicht getrauten zu empfahn.
+
+Da sprach zu dem König der Bote Werbelein: 1544
+"Herr König, laßt die Gaben nur hier im Lande sein.
+Wir könnens nicht verführen, weil uns der Herr verbot,
+Daß wir Geschenke nähmen: auch thut es uns wenig Noth."
+
+Da ward der Vogt vom Rheine darüber ungemuth, 1545
+Daß sie verschmähen wollten so reichen Königs Gut.
+Da musten sie empfahen sein Gold und sein Gewand,
+Daß sie es mit sich führten heim in König Etzels Land.
+
+Sie wollten Ute schauen vor ihrer Wiederkehr. 1546
+Die Spielleute brachte der junge Geiselher
+Zu Hof vor seine Mutter; sie entbot der Königin,
+Wenn man ihr Ehre biete, so bedünk es sie Gewinn.
+
+Da ließ die Königswitwe ihre Borten und ihr Gold 1547
+Vertheilen um Kriemhildens, denn der war sie hold,
+Und König Etzels Willen an das Botenpaar.
+Sie mochtens wohl empfahen: getreulich bot sie es dar.
+
+Urlaub genommen hatten nun von Weib und Mann 1548
+Die Boten Kriemhildens; sie fuhren froh hindann
+Bis zum Schwabenlande: dahin ließ Gernot
+Seine Helden sie begleiten, daß sie nirgend litten Noth.
+
+Als die von ihnen schieden, die sie sollten pflegen, 1549
+Gab ihnen Etzels Herschaft Frieden auf den Wegen,
+Daß ihnen Niemand raubte ihr Ross noch ihr Gewand.
+Sie ritten sehr in Eile wieder in der Heunen Land.
+
+Wo sie Freunde wusten, da machten sie es kund, 1550
+In wenig Tagen kämen die Helden von Burgund
+Vom Rhein hergezogen in der Heunen Land.
+Pilgerin, dem Bischof, ward auch die Märe bekannt.
+
+Als sie vor Bechlaren die Straße niederzogen, 1551
+Da ward um die Märe Rüdger nicht betrogen,
+Noch Frau Gotelinde, die Markgräfin hehr.
+Daß sie sie schauen sollten, des freuten beide sich sehr.
+
+Die Spielleute spornten die Rosse mächtig an. 1552
+Sie sanden König Etzeln in seiner Stadt zu Gran,
+Gruß über Grüße, die man ihm her entbot,
+Brachten sie dem Könige: vor Liebe ward er freudenroth.
+
+Als Kriemhild der Königin die Märe ward bekannt, 1553
+Ihre Brüder wollten kommen in ihr Land,
+Da ward ihr wohl zu Muthe: sie gab den Boten Lohn
+Mit reichlichen Geschenken; sie hatte Ehre davon.
+
+Sie sprach: "Nun sagt mir beide, Werbel und Schwemmelein, 1554
+Wer will von meinen Freunden beim Hofgelage sein,
+Von den höchsten, die wir luden hieher in dieses Land?
+Sagt an, was sprach wohl Hagen, als ihm die Mähre ward bekannt?"
+
+"Er kam zu ihrem Rathe an einem Morgen fruh; 1555
+Wenig gute Sprüche redet' er dazu,
+Als sie die Fahrt gelobten nach dem Heunenland:
+Die hat der grimme Hagen die Todesreise genannt.
+
+"Es kommen eure Brüder, die Könge alle drei, 1556
+In herrlichem Muthe. Wer mehr mit ihnen sei,
+Darüber ich des Weitern euch nicht bescheiden kann.
+Es will mit ihnen reiten Volker der kühne Fiedelmann."
+
+"Des mag ich leicht entbehren," sprach die Königin, 1557
+"Daß ich auch Volkern sähe her zu Hofe ziehn;
+Hagen bin ich gewogen, der ist ein Degen gut:
+Daß wir ihn schauen sollen, des hab ich fröhlichen Muth."
+
+Hin gieng die Königstochter, wo sie den König sah. 1558
+Wie ininnigliche Worte sprach Frau Kriemhild da:
+"Wie gefallen euch die Mären, viel lieber Herre mein?
+Wes mich je verlangte, das soll nun bald vollendet sein."
+
+"Dein Will ist meine Freude," der König sprach da so: 1559
+"Ich wär der eignen Freunde nicht so von Herzen froh,
+Wenn sie kommen sollten hieher in unser Land.
+Durch deiner Freunde Liebe viel meiner Sorge verschwand."
+
+Des Königs Amtleute befahlen überall 1560
+Mit Gestühl zu schmücken Pallas und Saal
+Für die lieben Gäste, die da sollten kommen.
+Durch die ward bald dem König viel hoher Freude benommen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie die Könige zu den Heunen fuhren.
+
+
+Wie man dort gebarte, vernahmt ihr nun genug. 1561
+Wohl kamen nie gefahren in solchem stolzen Zug
+So hochgemuthe Degen in eines Königs Land;
+Sie hatten, was sie wollten, beides, Waffen und Gewand.
+
+Der Vogt vom Rheine kleidete aus seinem Heergeleit 1562
+Der Degen tausend sechzig, so gab man uns Bescheid,
+Und neuntausend Knechte zu dem Hofgelag;
+Die sie zu Hause ließen, beweinten es wohl hernach.
+
+Da trug man ihr Geräthe zu Worms übern Hof. 1563
+Wohl sprach da von Speier ein alter Bischof
+Zu der schönen Ute: "Unsre Freunde wollen fahren
+Zu dem Gastgebote: möge Gott sie da bewahren."
+
+Da sprach zu ihren Söhnen Ute, die Fraue gut: 1564
+"Ihr solltet hier verbleiben, Helden hochgemuth.
+Geträumt hat mir heute von ängstlicher Noth,
+Wie all das Gevögel in diesem Lande wäre todt."
+
+"Wer sich an Träume wendet," sprach dawider Hagen, 1565
+"Der weiß noch die rechte Kunde nicht zu sagen,
+Wie es mög am Besten um seine Ehre stehn:
+Es mag mein Herr nur immer mit Urlaub hin zu Hofe gehn.
+
+"Wir wollen gerne reiten in König Etzels Land: 1566
+Da mag wohl Köngen dienen guter Helden Hand,
+So wir da schauen sollen Kriemhildens Hochzeit."
+Hagen rieth die Reise; doch ward es später ihm leid.
+
+Er hätt es widerrathen, nur daß Gernot 1567
+Mit ungefügen Reden ihm Spott entgegenbot.
+Er mahnt' ihn an Siegfried, Frau Kriemhildens Mann:
+Er sprach: "Darum steht Hagen die große Reise nicht an."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Nicht Furcht ist's, daß ich's thu. 1568
+Gebietet ihr es, Helden, so greift immer zu:
+Gern will ich mit euch reiten in König Etzels Land."
+Bald ward von ihm zerhauen mancher Helm und Schildesrand.
+
+Die Schiffe standen fertig zu fahren überrhein; 1569
+Was sie an Kleidern hatten, trugen sie darein.
+Sie fanden viel zu schaffen bis zur Abendzeit;
+Sie huben sich von Hause zur Reise freudig bereit.
+
+Sie schlugen auf im Grase sich Hütten und Gezelt 1570
+Jenseits des Rheines, wo das Lager war bestellt.
+Da bat noch zu verweilen Gunthern sein schönes Weib;
+Sie herzte nachts noch einmal des Mannes waidlichen Leib.
+
+Flöten und Posaunen erschollen morgens fruh 1571
+Den Aufbruch anzukündigen: da griff man bald dazu.
+Wem Liebes lag im Arme, herzte des Freundes Leib;
+Mit Leid trennte Viele des König Etzel Weib.
+
+Der schönen Ute Söhne die hatten einen Mann, 1572
+Der kühn war und bieder; als man die Fahrt begann,
+Sprach er zu dem Könige geheim nach seinem Muth.
+Er sprach: "Ich muß wohl trauern, daß ihr die Hofreise thut."
+
+Er war geheißen Rumold, ein Degen auserkannt. 1573
+Er sprach: "Wem wollt ihr laßen Leute nun und Land?
+Daß Niemand doch euch Recken wenden mag den Muth!
+Die Mären Kriemhildens dauchten mich niemals gut."
+
+"Das Land sei dir befohlen und auch mein Söhnelein; 1574
+Und diene wohl den Frauen: das ist der Wille mein.
+Wen du weinen siehest, dem tröste Herz und Sinn;
+Es wird uns nichts zu Leide Kriemhild thun, die Königin."
+
+Eh man schied von dannen, berieth der König hehr 1575
+Sich mit den höchsten Mannen; er ließ nicht ohne Wehr
+Das Land und die Burgen: die ihrer sollten pflegen,
+Zum Schutze ließ er denen manchen auserwählten Degen.
+
+Die Rosse standen aufgezäumt den Mannen wie den Herrn: 1576
+Mit minniglichem Kusse zog da Mancher fern,
+Dem noch in hohem Muthe lebte Seel und Leib;
+Das muste bald beweinen manches waidliche Weib.
+
+Wehruf und Weinen hörte man genug; 1577
+Auf dem Arm die Königin ihr Kind dem König trug:
+"Wie wollt ihr so verwaisen uns beide auf ein Mal?
+Verbleibet uns zu Liebe," sprach sein jammerreich Gemahl.
+
+"Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein, 1578
+Ihr mögt hier ohne Sorgen in hohem Muthe sein:
+Wir kommen bald euch wieder mit Freuden wohl gesund."
+Sie schieden von den Freunden minniglich zur selben Stund.
+
+Als man die schnellen Recken sah zu den Rossen gehn, 1579
+Fand man viel der Frauen in hoher Trauer stehn.
+Daß sie auf ewig schieden, sagt' ihnen wohl der Muth:
+Zu großem Schaden kommen, das thut Niemanden gut.
+
+Die schnellen Burgunden begannen ihren Zug. 1580
+Da ward in dem Lande das Treiben groß genug;
+Beiderseits des Rheines weinte Weib und Mann.
+Wie auch das Volk gebarte, sie fuhren fröhlich hindann.
+
+Niblungens Helden zogen mit ihnen aus 1581
+In tausend Halsbergen: die hatten dort zu Haus
+Viel schöne Fraun gelaßen und sahn sie nimmermehr.
+Siegfriedens Wunden die schmerzten Kriemhilden sehr.
+
+Nur schwach in jenen Zeiten war der Glaube noch: 1582
+Es sang ihnen Messe ein Kaplan jedoch:
+Der kam gesund zurücke, obwohl aus großer Noth;
+Die andern blieben alle dort im Heunenlande todt.
+
+Da lenkten mit der Reise auf den Mainstrom an 1583
+Hinauf durch Ostfranken Die Gunthern unterthan.
+Hagen war ihr Führer, der war da wohlbekannt.
+Ihr Marschall war Dankwart, der Held von Burgundenland.
+
+Da sie von Ostfranken durch Schwalefelde ritten, 1584
+Da konnte man sie kennen an den herrlichen Sitten,
+Die Fürsten und die Freunde, die Helden lobesam.
+An dem zwölften Morgen der König an die Donau kam.
+
+Da ritt von Tronje Hagen den andern all zuvor: 1585
+Er hielt den Nibelungen zumal den Muth empor.
+Bald sprang der kühne Degen nieder auf den Strand,
+Wo er sein Ross in Eile fest an einem Baume band.
+
+Die Flut war ausgetreten, die Schifflein verborgen: 1586
+Die Nibelungen kamen da in große Sorgen,
+Wie sie hinüber sollten: das Wasser war zu breit.
+Da schwang sich zur Erde mancher Ritter allbereit.
+
+"Uebel," sprach da Hagen, "mag dir wohl hier geschehn, 1587
+König an dem Rheine; du magst es selber sehn:
+Das Wasser ist ergoßen, zu stark ist seine Flut:
+Ich fürchte, wir verlieren noch heute manchen Recken gut."
+
+"Hagen, was verweist ihr mir?" sprach der König hehr, 1588
+"Um eurer Hofzucht willen erschreckt uns nicht noch mehr.
+Ihr sollt die Furt uns suchen hinüber an das Land,
+Daß wir von hinnen bringen beides, Ross' und Gewand."
+
+"Mir ist ja noch," sprach Hagen, "mein Leben nicht so leid, 1589
+Daß ich mich möcht ertränken in diesen Wellen breit:
+Erst soll von meinen Händen ersterben mancher Mann
+In König Etzels Landen, wozu ich gute Lust gewann.
+
+"Bleibet bei dem Wasser, ihr stolzen Ritter gut. 1590
+So geh ich und suche die Fergen bei der Flut,
+Die uns hinüber bringen in Gelfratens Land."
+Da nahm der kühne Hagen seinen festen Schildesrand.
+
+Er war wohl bewaffnet: den Schild er bei sich trug; 1591
+Sein Helm war aufgebunden und glänzte hell genug.
+Ueberm Harnisch führt' er eine breite Waffe mit,
+Die an beiden Schärfen aufs allergrimmigste schnitt.
+
+Er suchte hin und wieder nach einem Schiffersmann. 1592
+Da hört' er Wasser rauschen; zu lauschen hub er an.
+In einem schönen Brunnen that das manch weises Weib:
+Die gedachten da im Bade sich zu kühlen den Leib.
+
+Hagen ward ihrer inne, da schlich er leis heran; 1593
+Sie eilten schnell von hinnen, als sie den Helden sahn.
+Daß sie ihm entrannen, des freuten sie sich sehr.
+Da nahm er ihre Kleider und schadet' ihnen nicht mehr.
+
+Da sprach das eine Meerweib, Hadburg war sie genannt: 1594
+"Hagen, edler Ritter, wir machen euch bekannt,
+Wenn ihr uns dagegen die Kleider wiedergebt,
+Was ihr auf dieser Reise bei den Heunen erlebt."
+
+Sie schwammen wie die Vögel schwebend auf der Flut. 1595
+Da daucht ihn ihr Wißen von den Dingen gut:
+So glaubt' er um so lieber, was sie ihm wollten sagen.
+Sie beschieden ihn darüber, was er begann sie zu fragen.
+
+Sie sprach: "Ihr mögt wohl reiten in König Etzels Land: 1596
+Ich setz euch meine Treue dafür zum Unterpfand:
+Niemals fuhren Helden noch in ein fremdes Reich
+Zu so hohen Ehren: in Wahrheit, ich sag es euch."
+
+Der Rede war da Hagen im Herzen froh und hehr! 1597
+Die Kleider gab man ihnen und säumte sich nicht mehr.
+Als sie umgezogen ihr wunderbar Gewand,
+Vernahm er erst die Wahrheit von der Fahrt in Etzels Land.
+
+Da sprach das andre Meerweib mit Namen Siegelind: 1598
+"Ich will dich warnen, Hagen, Aldrianens Kind.
+Meine Muhme hat dich der Kleider halb belogen:
+Und kommst du zu den Heunen, so bist du übel betrogen.
+
+"Wieder umzukehren, wohl wär es an der Zeit, 1599
+Dieweil ihr kühnen Helden also geladen seid,
+Daß ihr müßt ersterben in der Heunen Land:
+Wer da hinreitet, der hat den Tod an der Hand."
+
+Da sprach aber Hagen: "Ihr trügt mich ohne Noth: 1600
+Wie sollte das sich fügen, daß wir alle todt
+Blieben bei dem Hofgelag durch Jemandes Groll?"
+Da sagten sie dem Degen die Märe deutlich und voll.
+
+Da sprach die Eine wieder: "Es muß nun so geschehn, 1601
+Keiner wird von euch allen die Heimat wiedersehn
+Als der Kaplan des Königs: das ist uns wohlbekannt,
+Der kommt geborgen wieder heim in König Gunthers Land."
+
+Ingrimmen Muthes sprach der kühne Hagen: 1602
+"Das ließen meine Herren schwerlich sich sagen,
+Wir verlören bei den Heunen Leben all und Leib;
+Nun zeig uns übers Wasser, allerweisestes Weib."
+
+Sie sprach: "Willst du nicht anders und soll die Fahrt geschehn, 1603
+So siehst du überm Wasser eine Herberge stehn:
+Darin ist ein Ferge und sonst nicht nah noch fern."
+Weiter nachzufragen, des begab er nun sich gern.
+
+Dem unmuthsvollen Recken rief noch die Eine nach: 1604
+"Nun wartet, Herr Hagen, euch ist auch gar zu jach;
+Vernehmt noch erst die Kunde, wie ihr kommt durchs Land.
+Der Herr dieser Marke der ist Else genannt.
+
+"Sein Bruder ist geheißen Gelfrat der Held, 1605
+Ein Herr im Baierlande: nicht so leicht es hält,
+Wollt ihr durch seine Marke: ihr mögt euch wohl bewahren
+Und sollt auch mit dem Fergen gar bescheidentlich verfahren.
+
+"Der ist so grimmes Muthes, er läßt euch nicht gedeihn, 1606
+Wollt ihr nicht verständig bei dem Helden sein.
+Soll er euch überholen, so bietet ihm den Sold;
+Er hütet dieses Landes und ist Gelfraten hold.
+
+"Und kommt er nicht bei Zeiten, so ruft über Flut 1607
+Und sagt, ihr heißet Amelrich; das war ein Degen gut,
+Der seiner Feinde willen räumte dieses Land:
+So wird der Fährmann kommen, wird ihm der Name genannt."
+
+Der übermüthge Hagen dankte den Frauen hehr 1608
+Des Raths und der Lehre; kein Wörtlein sprach er mehr.
+Dann gieng er bei dem Wasser hinauf an dem Strand,
+Wo er auf jener Seite eine Herberge fand.
+
+Laut begann zu rufen der Degen über Flut: 1609
+"Nun hol mich über, Ferge," sprach der Degen gut,
+"So geb ich dir zum Lohne eine Spange goldesroth;
+Mir thut das Ueberfahren, das wiße, wahrhaftig Noth."
+
+Es brauchte nicht zu dienen der reiche Schiffersmann, 1610
+Lohn nahm er selten von Jemandem an;
+Auch waren seine Knechte zumal von stolzem Muth.
+Noch immer stand Hagen dießseits allein bei der Flut.
+
+Da rief er so gewaltig, der ganze Strom erscholl 1611
+Von des Helden Stärke, die war so groß und voll:
+"Mich Amelrich hol über; ich bin es, Elses Mann,
+Der vor starker Feindschaft aus diesen Landen entrann."
+
+Hoch an seinem Schwerte er ihm die Spange bot, 1612
+Die war schön und glänzte von lichtem Golde roth,
+Daß er ihn überbrächte in Gelfratens Land.
+Der übermüthge Ferge nahm selbst das Ruder an die Hand.
+
+Auch hatte dieser Ferge habsüchtgen Sinn: 1613
+Die Gier nach großem Gute bringt endlich Ungewinn;
+Er dachte zu verdienen Hagens Gold so roth,
+Da litt er von dem Degen hier den schwertgrimmen Tod.
+
+Der Ferge zog gewaltig hinüber an den Strand. 1614
+Welcher ihm genannt war, als er den nicht fand,
+Da hub er an zu zürnen: als er Hagen sah,
+Mit grimmem Ungestüme zu dem Helden sprach er da:
+
+"Ihr mögt wohl sein geheißen mit Namen Amelrich; 1615
+Doch seht ihr dem nicht ähnlich, des ich versehen mich.
+Von Vater und von Mutter war er der Bruder mein:
+Nun ihr mich betrogen habt, so müßt ihr dießhalben sein."
+
+"Nein! um Gotteswillen," sprach Hagen dagegen. 1616
+"Ich bin ein fremder Recke, besorgt um andre Degen.
+So nehmet denn freundlich hin meinen Sold
+Und fahrt uns hinüber: ich bin euch wahrhaftig hold."
+
+Da sprach der Ferge wieder: "Das kann einmal nicht sein. 1617
+Viel der Feinde haben die lieben Herren mein.
+Drum fahr ich keinen Fremden hinüber in ihr Land:
+Wenn euch das Leben lieb ist, so tretet aus an den Strand."
+
+"Das thu ich nicht," sprach Hagen, "traurig ist mein Muth. 1618
+Nehmt zum Gedächtniß die goldne Spange gut
+Und fahrt uns über, tausend Ross' und auch so manchen Mann."
+Da sprach der grimme Ferge: "Das wird nimmer gethan."
+
+Er hob ein starkes Ruder, mächtig und breit, 1619
+Und schlug es auf Hagen (es ward ihm später leid),
+Daß er im Schiffe nieder strauchelt' auf die Knie.
+Solchen grimmen Fergen fand der von Tronje noch nie.
+
+Noch stärker zu erzürnen den kühnen Fremdling, schwang 1620
+Er seine Ruderstange, daß sie gar zersprang,
+Auf das Haupt dem Hagen; er war ein starker Mann:
+Davon Elses Ferge bald großen Schaden gewann.
+
+Mit grimmigem Muthe griff Hagen gleich zur Hand 1621
+Zur Seite nach der Scheide, wo er ein Waffen fand:
+Er schlug das Haupt ihm nieder und warf es auf den Grund.
+Bald wurden diese Mären den stolzen Burgunden kund.
+
+Im selben Augenblicke, als er den Fährmann schlug, 1622
+Glitt das Schiff zur Strömung; das war ihm leid genug.
+Eh er es richten konnte, fiel ihn Ermüdung an:
+Da zog am Ruder kräftig König Gunthers Unterthan.
+
+Er versucht' es umzukehren mit manchem schnellen Schlag, 1623
+Bis ihm das starke Ruder in der Hand zerbrach.
+Er wollte zu den Recken sich wenden an den Strand;
+Da hatt er keines weiter: wie bald er es zusammen band
+
+Mit seinem Schildriemen, einer Borte schmal. 1624
+Hin zu einem Walde wandt er das Schiff zu Thal.
+Da fand er seinen Herren sein harren an dem Strand;
+Es giengen ihm entgegen viel der Degen auserkannt.
+
+Mit Gruß ihn wohl empfiengen die edeln Ritter gut: 1625
+Sie sahen in dem Schiffe rauchen noch das Blut
+Von einer starken Wunde, die er dem Fergen schlug:
+Darüber muste Hagen fragen hören genug.
+
+Als der König Gunther das heiße Blut ersah 1626
+In dem Schiffe schweben, wie bald sprach er da:
+"Wo ist denn, Herr Hagen, der Fährmann hingekommen?
+Eure starken Kräfte haben ihm wohl das Leben benommen."
+
+Da sprach er mit Verläugnen: "Als ich das Schifflein fand 1627
+Bei einer wilden Weide, da löst' es meine Hand.
+Ich habe keinen Fergen heute hier gesehn;
+Leid ist auch Niemand von meinen Händen geschehn."
+
+Da sprach von Burgunden der König Gernot: 1628
+"Heute muß ich bangen um lieber Freunde Tod,
+Da wir keinen Schiffmann hier am Strome sehn:
+Wie wir hinüber kommen, darob muß ich in Sorgen stehn."
+
+Laut rief da Hagen: "Legt auf den Boden her, 1629
+Ihr Knechte, das Geräthe: ich gedenke, daß ich mehr
+Der allerbeste Ferge war, den man am Rheine fand:
+Ich bring euch hinüber gar wohl in Gelfratens Land."
+
+Daß sie desto schneller kämen über Flut, 1630
+Trieb man hinein die Mähren; ihr Schwimmen ward so gut,
+Daß ihnen auch nicht eines der starke Strom benahm.
+Einige trieben ferner, als sie Ermüdung überkam.
+
+Sie trugen zu dem Schiffe ihr Gut und ihre Wehr, 1631
+Nun einmal ihre Reise nicht zu vermeiden mehr.
+Hagen fuhr sie über; da bracht er an den Strand
+Manchen zieren Recken in das unbekannte Land.
+
+Zum ersten fuhr er über tausend Ritter hehr 1632
+Und seine sechzig Degen; dann kamen ihrer mehr:
+Neuntausend Knechte, die bracht er an das Land.
+Des Tags war unmüßig des kühnen Tronejers Hand.
+
+Das Schiff war ungefüge, stark und weit genug: 1633
+Fünfhundert oder drüber es leicht auf einmal trug
+Ihres Volks mit Speise und Waffen über Flut:
+Am Ruder muste ziehen des Tages mancher Ritter gut.
+
+Da er sie wohlgeborgen über Flut gebracht, 1634
+Da war der fremden Märe der schnelle Held bedacht,
+Die ihm verkündet hatte das wilde Meerweib:
+Dem Kaplan des Königs gieng es da schier an Leben und Leib.
+
+Bei seinem Weihgeräthe er den Pfaffen fand, 1635
+Auf dem Heiligthume sich stützend mit der Hand:
+Das kam ihm nicht zu Gute, als Hagen ihn ersah;
+Der unglückselge Priester, viel Beschwerde litt er da.
+
+Er schwang ihn aus dem Schiffe mit jäher Gewalt. 1636
+Da riefen ihrer Viele: "Halt, Hagen, halt!"
+Geiselher der junge hub zu zürnen an;
+Er wollt es doch nicht laßen, bis er ihm Leides gethan.
+
+Da sprach von Burgunden der König Gernot: 1637
+"Was hilft euch wohl, Herr Hagen, des Kaplanes Tod?
+Thät dieß anders Jemand, es sollt ihm werden leid.
+Was verschuldete der Priester, daß ihr so wider ihn seid?"
+
+Der Pfaffe schwamm nach Kräften: er hoffte zu entgehn, 1638
+Wenn ihm nur Jemand hülfe: das konnte nicht geschehn,
+Denn der starke Hagen, gar zornig war sein Muth,
+Stieß ihn zu Grunde wieder; das dauchte Niemanden gut.
+
+Als der arme Pfaffe hier keine Hülfe sah, 1639
+Da wandt er sich ans Ufer; Beschwerde litt er da.
+Ob er nicht schwimmen konnte, doch half ihm Gottes Hand,
+Daß er wohlgeborgen hinwieder kam an den Strand.
+
+Da stand der arme Priester und schüttelte sein Kleid. 1640
+Daran erkannte Hagen, ihm habe Wahrheit,
+Unmeidliche, verkündet das wilde Meerweib.
+Er dachte: "Diese Degen verlieren Leben und Leib."
+
+Als sie das Schiff entladen und ans Gestad geschafft, 1641
+Was darauf beseßen der Könge Ritterschaft,
+Schlug Hagen es in Stücke und warf es in die Flut;
+Das wunderte gewaltig die Recken edel und gut.
+
+"Bruder, warum thut ihr das?" sprach da Dankwart, 1642
+"Wie sollen wir hinüber bei unsrer Wiederfahrt,
+Wenn wir von den Heunen reiten an den Rhein?"
+Hernach sagt' ihm Hagen, das könne nimmermehr sein.
+
+Da sprach der Held von Tronje: "Ich thats mit Wohlbedacht: 1643
+Haben wir einen Feigen in dieses Land gebracht,
+Der uns entrinnen möchte in seines Herzens Noth,
+Der muß an diesen Wogen leiden schmählichen Tod."
+
+Sie führten bei sich Einen aus Burgundenland, 1644
+Der ein gar behender Held und Volker ward genannt.
+Der redete da launig nach seinem kühnen Muth:
+Was Hagen je begangen, den Fiedler dauchte das gut.
+
+Als der Kaplan des Königs das Schiff zerschlagen sah, 1645
+Ueber das Wasser zu Hagen sprach er da:
+"Ihr Mörder ohne Treue, was hatt ich euch gethan,
+Daß mich unschuldgen Pfaffen eur Herz zu ertranken sann?"
+
+Zur Antwort gab ihm Hagen: "Die Rede laßt beiseit: 1646
+Mich kümmert, meiner Treue, daß ihr entkommen seid
+Hier von meinen Händen, das glaubt ohne Spott."
+Da sprach der arme Priester: "Dafür lob ich ewig Gott.
+
+"Ich fürcht euch nun wenig, des dürft ihr sicher sein: 1647
+Fahrt ihr zu den Heunen, so will ich über Rhein.
+Gott laß euch nimmer wieder nach dem Rheine kommen,
+Das wünsch ich euch von Herzen: schier das Leben habt ihr mir genommen."
+
+Da sprach König Gunther zu seinem Kapellan: 1648
+"Ich will euch alles büßen, was Hagen euch gethan
+Hat in seinem Zorne, komm ich an den Rhein
+Mit meinem Leben wieder: des sollt ihr außer Sorge sein.
+
+"Fahrt wieder heim zu Lande; es muß nun also sein. 1649
+Ich entbiete meine Grüße der lieben Frauen mein
+Und meinen andern Freunden, wie ich billig soll:
+Sagt ihnen liebe Märe, daß wir noch alle fuhren wohl."
+
+Die Rosse standen harrend, die Säumer wohl geladen; 1650
+Sie hatten auf der Reise bisher noch keinen Schaden
+Genommen, der sie schmerzte, als des Königs Kaplan:
+Der must auf seinen Füßen sich zum Rheine suchen Bahn.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Dankwart Gelfraten erschlug.
+
+
+Als sie nun alle waren gekommen an den Strand, 1651
+Da fragte König Gunther: "Wer soll uns durch das Land
+Die rechten Wege weisen, daß wir nicht irre gehn?"
+Da sprach der kühne Volker: "Laßt mich das Amt nur versehn."
+
+"Nun haltet an," sprach Hagen, "sei's Ritter oder Knecht: 1652
+Man soll Freunden folgen, das bedünkt mich recht.
+Eine ungefüge Märe mach ich euch bekannt:
+Wir kommen nimmer wieder heim in der Burgunden Land.
+
+"Das sagten mir zwei Meerfraun heute morgen fruh, 1653
+Wir kämen nimmer wieder. Nun rat ich, was man thu:
+Waffnet euch, ihr Helden, ihr sollt euch wohl bewahren:
+Wir finden starke Feinde und müßen drum wehrhaft fahren.
+
+"Ich wähnt auf Lug zu finden die weisen Meerfraun: 1654
+Sie sagten mir, nicht Einer werde wiederschaun
+Die Heimat von uns Allen bis auf den Kapellan;
+Drum hätt ich ihm so gerne heut den Tod angethan."
+
+Da flogen diese Mären von Schar zu Schar einher. 1655
+Bleich vor Schrecken wurden Degen kühn und hehr,
+Als sie die Sorge faßte vor dem herben Tod
+Auf dieser Hofreise: das schuf ihnen wahrlich Noth.
+
+Bei Möringen waren sie über Flut gekommen, 1656
+Wo dem Fährmann Elsen das Leben ward benommen.
+Da sprach Hagen wieder: "Da ich mir so gewann
+Unterwegs der Feinde, so greift man ehstens uns an.
+
+"Ich erschlug den Fährmann heute morgen fruh; 1657
+Sie wißen nun die Kunde. Drum eilt und greifet zu,
+Wenn Gelfrat und Elsen heute hier besteht
+Unser Ingesinde, daß es ihnen übel ergeht.
+
+"Sie sind gar kühn, ich weiß es, es wird gewiss geschehn. 1658
+Drum laßt nur die Rosse in sanftem Schritte gehn,
+Daß nicht Jemand wähne, wir flöhn vor ihrem Heer."
+"Dem Rathe will ich folgen," sprach der junge Geiselher.
+
+"Wer zeigt nun dem Gesinde die Wege durch das Land?" 1659
+Sie sprachen: "Das soll Volker: dem sind hie wohlbekannt
+Die Straßen und die Steige, dem stolzen Fiedelmann."
+Eh mans von ihm verlangte, kam er gewaffnet heran.
+
+Der schnelle Fiedelspieler: den Helm er überband; 1660
+Von herrlicher Farbe war all sein Streitgewand.
+Am Schaft ließ er flattern ein Zeichen, das war roth.
+Bald kam er mit den Königen in eine furchtbare Noth.
+
+Gewisse Kunde hatte Gelfrat nun bekommen 1661
+Von des Fergen Tode; da hatt es auch vernommen
+Else der starke: beiden war es leid.
+Sie besandten ihre Helden: die traf man balde bereit.
+
+Darauf in kurzen Zeiten, nun hört mich weiter an, 1662
+Sah man zu ihnen reiten, denen Schade war gethan,
+In starkem Kriegszuge ein ungefüges Heer:
+Wohl siebenhundert stießen zu Gelfrat oder noch mehr.
+
+Als das den grimmen Feinden nachzuziehn begann, 1663
+Die Herren, die es führten, huben zu jagen an
+Den kühnen Gästen hinterdrein. Sie wollten Rache haben:
+Da musten sie der Freunde hernach noch manchen begraben.
+
+Hagen von Tronje richtete das ein 1664
+(Wie konnte seiner Freunde ein beßrer Hüter sein?),
+Daß er die Nachhut hatte und Die ihm unterthan
+Mit Dankwart seinem Bruder; das war gar weislich gethan.
+
+Ihnen war der Tag zerronnen, den hatten sie nicht mehr. 1665
+Er bangte vor Gefahren für seine Freunde sehr.
+Sie ritten unter Schilden durch der Baiern Land:
+Darnach in kurzer Weile die Helden wurden angerannt.
+
+Beiderseits der Straße und hinter ihnen her 1666
+Vernahm man Hufe schlagen; die Haufen eilten sehr.
+Da sprach der kühne Dankwart: "Gleich fallen sie uns an:
+Bindet auf die Helme, das dünkt mich räthlich gethan."
+
+Sie hielten ein mit Reiten, als es muste sein. 1667
+Da sahen sie im Dunkel der lichten Schilde Schein.
+Nicht länger stille schweigen mochte da der Hagen:
+"Wer verfolgt uns auf der Straße?" Das muste Gelfrat ihm sagen.
+
+Da sprach zu ihm der Markgraf aus der Baiern Land: 1668
+"Wir suchen unsre Feinde, denen sind wir nachgerannt.
+Ich weiß nicht, wer mir heute meinen Fergen schlug:
+Das war ein schneller Degen; mir ist leid um ihn genug."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "War der Ferge dein? 1669
+Er wollt uns nicht fahren; alle Schuld ist mein:
+Ich erschlug den Recken; fürwahr, es that mir Noth:
+Ich hatte von dem Degen schier selbst den grimmigen Tod.
+
+"Ich bot ihm zum Lohne Gold und Gewand, 1670
+Daß er uns überführe, Held, in euer Land.
+Darüber zürnt' er also, daß er nach mir schlug
+Mit starker Ruderstange: da ward ich grimmig genug.
+
+"Ich griff nach dem Schwerte und wehrte seinem Zorn 1671
+Mit einer schweren Wunde: da war der Held verlorn.
+Ich steh euch hier zur Sühne, wie es euch dünke gut."
+Da gieng es an ein Streiten: sie hatten zornigen Muth.
+
+"Ich wuste wohl," sprach Gelfrat, "als hier mit dem Geleit 1672
+Gunther zog vorüber, uns geschäh ein Leid
+Von Hagens Uebermuthe. Nun büßt ers mit dem Leben:
+Für des Fergen Ende soll er selbst hier Bürgschaft geben."
+
+Ueber die Schilde neigten da zum Stich den Sper 1673
+Gelfrat und Hagen; sich zürnten beide schwer.
+Dankwart und Else zusammen herrlich ritten;
+Sie erprobten, wer sie waren: da wurde grimmig gestritten.
+
+Wer je versuchte kühner sich und die Gunst des Glücks? 1674
+Von einem starken Stoße sank Hagen hinterrücks
+Von der Mähre nieder durch Gelfratens Hand.
+Der Brustriem war gebrochen: so ward im Fallen bekannt.
+
+Man hört' auch beim Gesinde krachender Schäfte Schall. 1675
+Da erholte Hagen sich wieder von dem Fall,
+Den er auf das Gras gethan von des Gegners Sper:
+Da zürnte der von Tronje wider Gelfraten sehr.
+
+Wer ihnen hielt die Rosse, das ist mir unbekannt. 1676
+Sie waren aus den Sätteln gekommen auf den Sand,
+Hagen und Gelfrat: nun liefen sie sich an.
+Ihre Gesellen halfen, daß ihnen Streit ward kund gethan.
+
+Wie heftig auch Hagen zu Gelfraten sprang, 1677
+Ein Stück von Ellenlänge der edle Markgraf schwang
+Ihm vom Schilde nieder; das Feuer stob hindann.
+Da wäre schier erstorben König Gunthers Unterthan.
+
+Er rief mit lauter Stimme Dankwarten an: 1678
+"Hilf mir, lieber Bruder, ein schneller starker Mann
+Hat mich hier bestanden: der läßt mich nicht gedeihn."
+Da sprach der kühne Dankwart: "So will ich denn Schiedsmann sein."
+
+Da sprang der Degen näher und schlug ihm solchen Schlag 1679
+Mit einer scharfen Waffe, daß er todt da lag.
+Else wollte Rache nehmen für den Mann:
+Doch er und sein Gesinde schied mit Schaden hindann.
+
+Sein Bruder war erschlagen, selber ward er wund. 1680
+Wohl achtzig seiner Degen wurden gleich zur Stund
+Des grimmen Todes Beute: da muste wohl der Held
+Gunthers Mannen räumen in geschwinder Flucht das Feld.
+
+Als Die vom Baierlande wichen aus dem Wege, 1681
+Man hörte nachhallen die furchtbaren Schläge:
+Da jagten die von Tronje ihren Feinden nach;
+Die es nicht büßen wollten, die hatten wenig Gemach.
+
+Da sprach beim Verfolgen Dankwart der Degen: 1682
+"Kehren wir nun wieder zurück auf unsern Wegen
+Und laßen wir sie reiten: sie sind vom Blute naß.
+Wir eilen zu den Freunden: in Treuen rath ich euch das."
+
+Als sie hinwieder kamen, wo der Schade war geschehn, 1683
+Da sprach von Tronje Hagen: "Helden, laßt uns sehn,
+Wen wir hier vermissen, oder wer uns verlorn
+Hier in diesem Streite gieng durch Gelfratens Zorn."
+
+Sie hatten vier verloren; der Schade ließ sich tragen. 1684
+Sie waren wohl vergolten; dagegen aber lagen
+Deren vom Baierlande mehr als hundert todt.
+Den Tronejern waren von Blut die Schilde trüb und roth.
+
+Ein wenig brach aus Wolken des hellen Mondes Licht; 1685
+Da sprach wieder Hagen: "Hört, berichtet nicht
+Meinen lieben Herren, was hier von uns geschah:
+Bis zum Morgen komme ihnen keine Sorge nah."
+
+Als zu ihnen stießen, die da kamen von dem Streit, 1686
+Da klagte das Gesinde über Müdigkeit:
+"Wie lange sollen wir reiten?" fragte mancher Mann.
+Da sprach der kühne Dankwart: "Wir treffen keine Herberg an.
+
+"Ihr müst alle reiten bis an den hellen Tag." 1687
+Volker der schnelle, der des Gesindes pflag,
+Ließ den Marschall fragen: "Wo kehren wir heut ein?
+Wo rasten unsre Pferde und die lieben Herren mein?"
+
+Da sprach der kühne Dankwart: "Ich weiß es nicht zu sagen: 1688
+Wir können uns nicht ruhen, bis es beginnt zu tagen;
+Wo wir es dann finden, legen wir uns ins Gras."
+Als sie die Kunde hörten, wie leid war Etlichen das!
+
+Sie blieben unverrathen vom heißen Blute roth, 1689
+Bis daß die Sonne die lichten Stralen bot
+Dem Morgen über Berge, wo es der König sah,
+Daß sie gestritten hatten: sehr im Zorne sprach er da:
+
+"Wie nun denn, Freund Hagen? Verschmähtet ihr wohl das, 1690
+Daß ich euch Hülfe brachte, als euch die Ringe naß
+Wurden von dem Blute? Wer hat euch das gethan?"
+Da sprach er: "Else that es: der griff nächten uns an.
+
+"Seines Fergen wegen wurden wir angerannt. 1691
+Da erschlug Gelfraten meines Bruders Hand.
+Zuletzt entrann uns Else, es zwang ihn große Noth:
+Ihnen hundert, uns nur viere blieben da im Streite todt."
+
+Wir können euch nicht melden, wo man die Nachtruh fand. 1692
+All den Landleuten ward es bald bekannt,
+Der edeln Ute Söhne zögen zum Hofgelag.
+Sie wurden wohl empfangen dort zu Paßau bald hernach.
+
+Der werthen Fürsten Oheim, der Bischof Pilgerin, 1693
+Dem wurde wohl zu Muthe, als seine Neffen ihn
+Mit so viel der Recken besuchten da im Land:
+Daß er sie gerne sähe, ward ihnen balde bekannt.
+
+Sie wurden wohl empfangen von Freunden vor dem Ort. 1694
+Nicht all verpflegen mochte man sie in Paßau dort:
+Sie musten übers Wasser, wo Raum sich fand und Feld:
+Da schlugen auf die Knechte Hütten und reich Gezelt.
+
+Sie musten da verweilen einen vollen Tag 1695
+Und eine Nacht darüber. Wie schön man sie verpflag!
+Dann ritten sie von dannen in Rüdigers Land;
+Dem kamen auch die Mären: da ward ihm Freude bekannt,
+
+Als die Wegemüden Nachtruh genommen 1696
+Und sie dem Lande waren näher gekommen,
+Sie fanden auf der Marke schlafen einen Mann,
+Dem von Tronje Hagen ein starkes Waffen abgewann.
+
+Eckewart geheißen war dieser Ritter gut. 1697
+Der gewann darüber gar traurigen Muth,
+Daß er verlor das Waffen durch der Helden Fahrt.
+Rüdgers Grenzmarke, die fand man übel bewahrt.
+
+"O weh mir dieser Schande," sprach da Eckewart. 1698
+"Schwer muß ich beklagen der Burgunden Fahrt.
+Als ich verlor Siegfrieden, hub all mein Kummer an;
+O weh, mein Herr Rüdiger, wie hab ich wider dich gethan!"
+
+Wohl hörte Hagen des edeln Recken Noth: 1699
+Er gab das Schwert ihm wieder, dazu sechs Spangen roth.
+"Die nimm dir, Held, zu Lohne, willst du hold mir sein;
+Du bist ein kühner Degen, lägst du hier noch so allein."
+
+"Gott lohn euch eure Spangen," sprach da Eckewart; 1700
+"Doch muß ich sehr beklagen zu den Heunen eure Fahrt.
+Ihr erschlugt Siegfrieden; hier trägt man euch noch Haß:
+Daß ihr euch wohl behütet, in Treuen rath ich euch das."
+
+"Nun, mög uns Gott behüten," sprach Hagen entgegen. 1701
+"Keine andre Sorge haben diese Degen
+Als um die Herberge, die Fürsten und ihr Lehn,
+Wo wir in diesem Lande heute Nachtruh sollen sehn.
+
+"Vermüdet sind die Rosse uns auf den fernen Wegen, 1702
+Die Speise gar zerronnen," sprach Hagen der Degen:
+"Wir findens nicht zu Kaufe: es wär ein Wirth uns Noth,
+Der uns heute gäbe in seiner Milde das Brot."
+
+Da sprach wieder Eckewart: "Ich zeig euch solchen Wirth, 1703
+Daß Niemand euch im Hause so gut empfangen wird
+Irgend in den Landen, als hier euch mag geschehn,
+Wenn ihr schnellen Degen wollt zu Rüdigern gehn.
+
+"Der Wirth wohnt an der Straße, der beste allerwärts, 1704
+Der je ein Haus beseßen. Milde gebiert sein Herz,
+Wie das Gras mit Blumen der lichte Maimond thut,
+Und soll er Helden dienen, so ist er froh und wohlgemuth."
+
+Da sprach der König Gunther: "Wollt ihr mein Bote sein, 1705
+Ob uns behalten wolle bis an des Tages Schein
+Mein lieber Freund Rüdiger und Die mir unterthan?
+Das will ich stäts verdienen, so gut ich irgend nur kann."
+
+"Der Bote bin ich gerne," sprach da Eckewart, 1706
+Mit gar gutem Willen erhob er sich zur Fahrt
+Rüdigern zu sagen, was er da vernommen.
+Dem war in langen Zeiten so liebe Kunde nicht gekommen.
+
+Man sah zu Bechlaren eilen einen Degen, 1707
+Den Rüdger wohl erkannte; er sprach: "Auf diesen Wegen
+Kommt Eckewart in Eile, Kriemhildens Unterthan."
+Er wähnte schon, die Feinde hätten ihm ein Leid gethan.
+
+Da gieng er vor die Pforte, wo er den Boten fand. 1708
+Der nahm sein Schwert vom Gurte und legt' es aus der Hand.
+Er sprach zu dem Degen: "Was habt ihr vernommen,
+Daß ihr so eilen müßet? hat uns Jemand was genommen?"
+
+"Geschadet hat uns Niemand," sprach Eckewart zuhand; 1709
+"Mich haben drei Könige her zu euch gesandt,
+Gunther von Burgunden, Geiselher und Gernot;
+Jeglicher der Recken euch seine Dienste her entbot.
+
+"Das selbe thut auch Hagen, Volker auch zugleich, 1710
+Mit Fleiß und rechter Treue; dazu bericht ich euch,
+Was des Königs Marschall euch durch mich entbot,
+Es sei den guten Degen eure Herberge Noth."
+
+Mit lachendem Munde sprach da Rüdiger: 1711
+"Nun wohl mir dieser Märe, daß die Könige hehr
+Meinen Dienst verlangen: dazu bin ich bereit.
+Wenn sie ins Haus mir kommen, des bin ich höchlich erfreut."
+
+"Dankwart der Marschall hat euch kund gethan, 1712
+Wer euch zu Hause noch heute zieht heran:
+Sechzig kühner Recken und tausend Ritter gut
+Mit neuntausend Knechten." Da ward ihm fröhlich zu Muth.
+
+"Wohl mir dieser Gäste," sprach da Rüdiger, 1713
+"Daß mir zu Hause kommen diese Recken hehr,
+Denen ich noch selten hab einen Dienst gethan.
+Entgegen reitet ihnen, sei's Freund oder Unterthan."
+
+Da eilte zu den Rossen Ritter so wie Knecht: 1714
+Was sie der Herr geheißen, das dauchte Alle recht.
+Sie brachten ihre Dienste um so schneller dar.
+Noch wust es nicht Frau Gotlind, die in ihrer Kammer war.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie sie nach Bechlaren kamen.
+
+
+Hin gieng der Markgraf, wo er die Frauen fand, 1715
+Sein Weib und seine Tochter. Denen macht' er da bekannt
+Diese liebe Märe, die er jetzt vernommen,
+Daß ihrer Frauen Brüder zu ihrem Hause sollten kommen.
+
+"Viel liebe Traute," sprach da Rüdiger, 1716
+"Ihr sollt sie wohl empfangen, die edeln Könge hehr,
+Wenn sie und ihr Gesinde vor euch zu Hofe gehn;
+Ihr sollt auch freundlich grüßen Hagen in Gunthers Lehn.
+
+"Mit ihnen kommt auch Einer mit Namen Dankwart; 1717
+Ein Andrer heißt Volker, an Ehren wohlbewahrt.
+Die Sechse sollt ihr küssen, ihr und die Tochter mein,
+Und sollt in höfschen Züchten diesen Recken freundlich sein."
+
+Das gelobten ihm die Frauen und warens gern bereit. 1718
+Sie suchten aus den Kisten manch herrliches Kleid,
+Darin sie den Recken entgegen wollten gehn.
+Da mocht ein groß Befleißen von schönen Frauen geschehn.
+
+Gefälschter Frauenzierde gar wenig man da fand; 1719
+Sie trugen auf dem Haupte lichtes goldnes Band,
+Das waren reiche Kränze, damit ihr schönes Haar
+Die Winde nicht verwehten; sie waren höfisch und klar.
+
+In solcher Unmuße laßen wir die Fraun. 1720
+Da war ein schnelles Reiten über Feld zu schaun
+Von Rüdigers Freunden, bis man die Fürsten fand.
+Sie wurden wohl empfangen in des Markgrafen Land.
+
+Als sie der Markgraf zu sich kommen sah, 1721
+Rüdiger der schnelle wie fröhlich sprach er da:
+"Willkommen mir, ihr Herren und Die in euerm Lehn.
+Hier in diesem Lande seid ihr gerne gesehn."
+
+Da dankten ihm die Recken in Treuen ohne Haß. 1722
+Daß sie willkommen waren, wohl erzeigt' er das.
+Besonders grüßt' er Hagen, der war ihm längst bekannt;
+So that er auch mit Volkern, dem Helden aus Burgundenland.
+
+Er begrüßt' auch Dankwarten. Da sprach der kühne Degen: 1723
+"Wollt ihr uns hier versorgen, wer soll dann verpflegen
+Unser Ingesinde aus Worms an dem Rhein?"
+Da begann der Markgraf: "Diese Angst laßet sein.
+
+"All euer Gesinde und was ihr in das Land 1724
+Mit euch geführet habet, Ross, Silber und Gewand,
+Ich schaff ihm solche Hüter, nichts geht davon verloren,
+Das euch zu Schaden brächte nur um einen halben Sporen.
+
+"Spannet auf, ihr Knechte, die Hütten in dem Feld; 1725
+Was ihr hier verlieret, dafür leist ich Entgelt:
+Zieht die Zäume nieder und laßt die Rosse gehn."
+Das war ihnen selten von einem Wirth noch geschehn.
+
+Des freuten sich die Gäste. Als das geschehen war 1726
+Und die Herrn von dannen ritten, legte sich die Schar
+Der Knecht im Grase nieder: sie hatten gut Gemach.
+Sie fandens auf der Reise nicht beßer vor oder nach.
+
+Die Markgräfin eilte vor die Burg zu gehn 1727
+Mit ihrer schönen Tochter. Da sah man bei ihr stehn
+Die minniglichen Frauen und manche schöne Maid:
+Die trugen viel der Spangen und manches herrliche Kleid.
+
+Das edle Gesteine glänzte fern hindann 1728
+Aus ihrem reichen Schmucke: sie waren wohlgethan.
+Da kamen auch die Gäste und sprangen auf den Sand.
+Hei! was man edle Sitten an den Burgunden fand!
+
+Sechsunddreißig Mägdelein und viel andre Fraun, 1729
+Die wohl nach Wunsche waren und wonnig anzuschauen,
+Giengen den Herrn entgegen mit manchem kühnen Mann.
+Da ward ein schönes Grüßen von edeln Frauen gethan.
+
+Die Markgräfin küsste die Könge alle drei; 1730
+So that auch ihre Tochter. Hagen stand dabei.
+Den hieß ihr Vater küssen: da blickte sie ihn an:
+Er dauchte sie so furchtbar, sie hätt es lieber nicht gethan.
+
+Doch muste sie es leisten, wie ihr der Wirth gebot. 1731
+Gemischt ward ihre Farbe, bleich und auch roth.
+Auch Dankwarten küsste sie, darnach den Fiedelmann:
+Seiner Kraft und Kühnheit wegen ward ihm das Grüßen gethan.
+
+Die junge Markgräfin nahm bei der Hand 1732
+Geiselher den jungen von Burgundenland;
+So nahm auch ihre Mutter Gunthern den kühnen Mann.
+Sie giengen mit den Helden beide fröhlich hindann.
+
+Der Wirth gieng mit Gernot in einen weiten Saal. 1733
+Die Ritter und die Frauen setzten sich zumal.
+Man ließ alsdann den Gästen schenken guten Wein:
+Gütlicher bewirthet mochten Helden nimmer sein.
+
+Mit zärtlichen Augen sah da Mancher an 1734
+Rüdigers Tochter, die war so wohlgethan.
+Wohl kos't' in seinem Sinne sie mancher Ritter gut;
+Das mochte sie verdienen: sie trug gar hoch ihren Muth.
+
+Sie gedachten, was sie wollten; nur konnt es nicht geschehn. 1735
+Man sah die guten Ritter hin und wieder spähn
+Nach Mägdelein und Frauen: deren saßen da genug.
+Dem Wirth geneigten Willen der edle Fiedeler trug.
+
+Da wurden sie geschieden, wie Sitte war im Land: 1736
+Zu andern Zimmern giengen Ritter und Fraun zur Hand.
+Man richtete die Tische in dem Saale weit
+Und ward den fremden Gästen zu allen Diensten bereit.
+
+Den Gästen gieng zu Liebe die edle Markgräfin 1737
+Mit ihnen zu den Tischen: die Tochter ließ sie drin
+Bei den Mägdlein weilen, wo sie nach Sitte blieb.
+Daß sie die nicht mehr sahen, das war den Gästen nicht lieb.
+
+Als sie getrunken hatten und gegeßen überall, 1738
+Da führte man die Schöne wieder in den Saal.
+Anmuthge Reden wurden nicht gescheut:
+Viel sprach deren Volker, ein Degen kühn und allbereit.
+
+Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann: 1739
+"Viel reicher Markgraf, Gott hat an euch gethan
+Nach allen seinen Gnaden: er hat euch gegeben
+Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonnigliches Leben.
+
+"Wenn ich ein König wäre," sprach der Fiedelmann, 1740
+"Und sollte Krone tragen, zum Weibe nähm ich dann
+Eure schöne Tochter: die wünschte sich mein Muth.
+Sie ist minniglich zu schauen, dazu edel und gut."
+
+Der Markgraf entgegnete: "Wie möchte das Wohl sein, 1741
+Daß ein König je begehrte der lieben Tochter mein?
+Wir sind hier beide heimatlos, ich und mein Weib,
+Und haben nichts zu geben: was hilft ihr dann der schöne Leib?"
+
+Zur Antwort gab ihm Gernot, der edle Degen gut: 1742
+"Sollt ich ein Weib mir wählen nach meinem Sinn und Muth,
+So wär ich solches Weibes stäts von Herzen froh."
+Darauf versetzte Hagen in höfischen Züchten so:
+
+"Nun soll sich doch beweiben mein Herr Geiselher: 1743
+Es ist so hohen Stammes die Markgräfin hehr,
+Daß wir ihr gerne dienten, ich und all sein Lehn,
+Wenn sie bei den Burgunden unter Krone sollte gehn."
+
+Diese Rede dauchte den Markgrafen gut 1744
+Und auch Gotelinde; wohl freute sich ihr Muth.
+Da schufen es die Helden, daß sie zum Weibe nahm
+Geiselher der edle, wie er es mocht ohne Scham.
+
+Soll ein Ding sich fügen, wer mag ihm widerstehn? 1745
+Man bat die Jungfraue, hin zu Hof zu gehn.
+Da schwur man ihm zu geben das schöne Mägdelein,
+Wogegen er sich erbot, die Wonnigliche zu frein.
+
+Man beschied der Jungfrau Burgen und auch Land. 1746
+Da sicherte mit Eiden des edeln Königs Hand
+Und Gernot der Degen, es werde so gethan.
+Da sprach der Markgraf: "Da ich Burgen nicht gewann,
+
+"So kann ich euch in Treuen nur immer bleiben hold. 1747
+Ich gebe meiner Tochter an Silber und an Gold,
+Was hundert Saumrosse nur immer mögen tragen,
+Daß es wohl nach Ehren euch Helden möge behagen."
+
+Da wurden diese beiden in einen Kreis gestellt 1748
+Nach dem Rechtsgebrauche. Mancher junge Held
+Stand ihr gegenüber in fröhlichem Muth;
+Er gedacht in seinem Sinne, wie noch ein Junger gerne thut.
+
+Als man begann zu fragen die minnigliche Maid, 1749
+Ob sie den Recken wolle, zum Theil war es ihr leid;
+Doch dachte sie zu nehmen den waidlichen Mann.
+Sie schämte sich der Frage, wie manche Maid hat gethan.
+
+Ihr rieth ihr Vater Rüdiger, daß sie spräche ja, 1750
+Und daß sie gern ihn nähme: wie schnell war er da
+Mit seinen weißen Händen, womit er sie umschloß,
+Geiselher der junge! Wie wenig sie ihn doch genoß!
+
+Da begann der Markgraf: "Ihr edeln Könge reich, 1751
+Wenn ihr nun wieder reitet heim in euer Reich,
+So geb ich euch, so ist es am schicklichsten, die Magd,
+Daß ihr sie mit euch führet." Also ward es zugesagt.
+
+Der Schall, den man hörte, der muste nun vergehn. 1752
+Da ließ man die Jungfrau zu ihrer Kammer gehn
+Und auch die Gäste schlafen und ruhn bis an den Tag.
+Da schuf man ihnen Speise: der Wirth sie gütlich verpflag.
+
+Als sie gegeßen hatten und nun von dannen fahren 1753
+Wollten zu den Heunen: "Davor will ich euch wahren,"
+Sprach der edle Markgraf, "ihr sollt noch hier bestehn;
+So liebe Gäste hab ich lange nicht bei mir gesehn."
+
+Dankwart entgegnete: "Das kann ja nicht sein: 1754
+Wo nähmt ihr die Speise, das Brot und auch den Wein,
+Das ihr doch haben müstet für solch ein Heergeleit?"
+Als das der Wirth erhörte, er sprach: "Die Rede laßt beiseit.
+
+"Meine lieben Herren, ihr dürft mir nicht versagen. 1755
+Wohl geb ich euch die Speise zu vierzehen Tagen,
+Euch und dem Gesinde, das mit euch hergekommen.
+Mir hat der König Etzel noch gar selten was genommen."
+
+Wie sehr sie sich wehrten, sie musten da bestehn 1756
+Bis an den vierten Morgen. Da sah man geschehn
+Durch des Wirthes Milde, was weithin ward bekannt:
+Er gab seinen Gästen beides, Ross' und Gewand.
+
+Nicht länger mocht es währen, sie musten an ihr Ziel. 1757
+Seines Gutes konnte Rüdiger nicht viel
+Vor seiner Milde sparen: wonach man trug Begehr,
+Das versagt' er Niemand: er gab es gern den Helden hehr.
+
+Ihr edel Ingesinde brachte vor das Thor 1758
+Gesattelt viel der Rosse; zu ihnen kam davor
+Mancher fremde Recke, den Schild an der Hand,
+Da sie reiten wollten mit ihnen in Etzels Land.
+
+Der Wirth bot seine Gaben den Degen allzumal, 1759
+Eh die edeln Gäste kamen vor den Saal.
+Er konnte wohl mit Ehren in hoher Milde leben.
+Seine schöne Tochter hatt er Geiselhern gegeben;
+
+Da gab er Gernoten eine Waffe gut genug, 1760
+Die hernach in Stürmen der Degen herrlich trug.
+Ihm gönnte wohl die Gabe des Markgrafen Weib;
+Doch verlor der gute Rüdiger davon noch Leben und Leib.
+
+Er gab König Gunthern, dem Helden ohne Gleich, 1761
+Was wohl mit Ehren führte der edle König reich,
+Wie selten er auch Gab empfieng, ein gutes Streitgewand,
+Da neigte sich der König vor des milden Rüdger Hand.
+
+Gotelind bot Hagnen, sie durfte es ohne Scham, 1762
+Ihre freundliche Gabe: da sie der König nahm,
+So sollt auch er nicht fahren zu dem Hofgelag
+Ohn ihre Steuer: der edle Held aber sprach:
+
+"Alles, was ich je gesehn," entgegnete Hagen, 1763
+"So begehr ich nichts weiter von hinnen zu tragen
+Als den Schild, der dorten hängt an der Wand:
+Den möcht ich gerne führen mit mir in der Heunen Land."
+
+Als die Rede Hagens die Markgräfin vernahm, 1764
+Ihres Leids ermahnt' er sie, daß ihr das Weinen kam.
+Mit Schmerzen gedachte sie an Nudungs Tod,
+Den Wittich hatt erschlagen; das schuf ihr Jammer und Noth.
+
+Sie sprach zu dem Degen: "Den Schild will ich euch geben. 1765
+Wollte Gott vom Himmel, daß der noch dürfte leben,
+Der einst ihn hat getragen! er fand im Kampf den Tod.
+Ich muß ihn stäts beweinen: das schafft mir armem Weibe Noth!"
+
+Da erhob sich vom Sitze die Markgräfin mild: 1766
+Mit ihren weißen Händen hob sie herab den Schild
+Und trug ihn hin zu Hagen: der nahm ihn an die Hand.
+Die Gabe war mit Ehren an den Recken gewandt.
+
+Eine Hülle lichten Zeuges auf seinen Farben lag. 1767
+Beßern Schild als diesen beschien wohl nie der Tag.
+Mit edelm Gesteine War er so besetzt,
+Man hätt ihn im Handel wohl auf tausend Mark geschätzt.
+
+Den Schild hinwegzutragen befahl der Degen hehr. 1768
+Da kam sein Bruder Dankwart auch zu Hofe her.
+Dem gab reicher Kleider Rüdigers Kind genug,
+Die er bei den Heunen hernach mit Freuden noch trug.
+
+Wie viel sie der Gaben empfiengen insgemein, 1769
+Nichts würd in ihre Hände davon gekommen sein,
+Wars nicht dem Wirth zu Liebe, der es so gütlich bot.
+Sie wurden ihm so feind hernach, daß sie ihn schlagen musten todt.
+
+Da hatte mit der Fiedel Volker der schnelle Held 1770
+Sich vor Gotelinde höfisch hingestellt.
+Er geigte süße Töne und sang dazu sein Lied:
+Damit nahm er Urlaub, als er von Bechlaren schied.
+
+Da ließ die Markgräfin eine Lade näher tragen. 1771
+Von freundlicher Gabe mögt ihr nun hören sagen:
+Zwölf Spangen, die sie aus ihr nahm, schob sie ihm an die Hand:
+"Die sollt ihr führen, Volker, mit euch in der Heunen Land
+
+"Und sollt sie mir zu Liebe dort am Hofe tragen: 1772
+Wenn ihr wiederkehret, daß man mir möge sagen,
+Wie ihr gedient mir habet bei dem Hofgelag."
+Wie sie ihn gebeten, so that der Degen hernach.
+
+Der Wirth sprach zu den Gästen: "Daß ihr nun sichrer fahrt, 1773
+Will ich euch selbst geleiten: so seid ihr wohl bewahrt,
+Daß ihr auf der Straße nicht werdet angerannt."
+Seine Saumrosse die belud man gleich zur Hand.
+
+Der Wirth war reisefertig und fünfhundert Mann 1774
+Mit Rossen und mit Kleidern: die führt' er hindann
+Zu dem Hofgelage mit fröhlichem Muth;
+Nach Bechelaren kehrte nicht Einer all der Ritter gut.
+
+Mit minniglichen Küssen der Wirth von dannen schied; 1775
+Also that auch Geiselher, wie ihm die Liebe rieth.
+Sie herzten schöne Frauen mit zärtlichem Umfahn:
+Das musten bald beweinen viel Jungfrauen wohlgethan.
+
+Da wurden allenthalben die Fenster aufgethan, 1776
+Als mit seinen Mannen der Markgraf ritt hindann.
+Sie fühlten wohl im Herzen voraus das herbe Leid:
+Drum weinten viel der Frauen und manche waidliche Maid.
+
+Nach den lieben Freunden trug Manche groß Beschwer, 1777
+Die sie in Bechelaren ersahen nimmermehr.
+Doch ritten sie mit Freuden nieder an dem Strand
+Dort im Donauthale bis in das heunische Land.
+
+Da sprach zu den Burgunden der milde Markgraf hehr, 1778
+Rüdiger der edle: "Nun darf nicht länger mehr
+Verhohlen sein die Kunde, daß wir nach Heunland kommen.
+Es hat der König Etzel noch nie so Liebes vernommen."
+
+Da ritt manch schneller Bote ins Oesterreicherland: 1779
+So ward es allenthalben den Leuten bald bekannt,
+Daß die Helden kämen von Worms über Rhein.
+Dem Ingesind des Königs konnt es nicht lieber sein.
+
+Die Boten vordrangen mit diesen Mären, 1780
+Daß die Nibelungen bei den Heunen wären:
+"Du sollst sie wohl empfangen, Kriemhild, Fraue mein:
+Nach großen Ehren kommen dir die lieben Brüder dein."
+
+Als die Königstochter vernahm die Märe, 1781
+Zum Theil wich ihr vom Herzen ihr Leid, das schwere.
+Aus ihres Vaters Lande zog Mancher ihr heran,
+Durch den der König Etzel bald großen Jammer gewann.
+
+"Nun wohl mir diese Freude," sprach da Kriemhild. 1782
+"Hier bringen meine Freunde gar manchen neuen Schild
+Und Panzer glänzend helle: wer nehmen will mein Gold
+Und meines Leids gedenken, dem will ich immer bleiben hold."
+
+Sie gedachte heimlich: "Noch wird zu Allem Rath. 1783
+Der mich an meinen Freuden so gar gepfändet hat,
+Weiß ich es zu fügen, es soll ihm werden leid
+Bei diesem Gastgebote: dazu bin ich gern bereit.
+
+"Ich will es also Schaffen, daß meine Rach ergeht 1784
+Bei diesem Hofgelage, wie es hernach auch steht,
+An seinem argen Leibe, der mir hat benommen
+So viel meiner Wonne: des soll mir nun Entgeltung kommen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Kriemhild Hagen entpfieng.
+
+
+Als die Burgunden kamen auf das Feld, 1785
+Auf schlug man drei Königen gar herrlich Gezelt.
+Sie stießen ein die Fahnen von eitel Golde roth.
+Da wusten nicht die Herren, wie ihnen nah war der Tod.
+
+Da stieg zu den Zinnen Frau Kriemhild hinan 1786
+Und sah auf dem Felde reiten manchen Mann.
+Des freute sich heimlich das wunderschöne Weib:
+"Nun endlich wird gerochen des kühnen Siegfriedes Leib,
+
+"Der mir so mörderlich zu Tode ward geschlagen; 1787
+Ich kann bis an mein Ende ihn nie genug beklagen.
+O weh der großen Ehren, die ich muß verloren schaun:
+So tapfrer Mann lag nimmer noch im Arm einer Fraun.
+
+"Seine große Tugend schafft mir Herzeleid: 1788
+Wenn ich daran gedenke, wie er zu jener Zeit
+Hin ritt mit so gesundem Leib, so mehrt sich meine Klage:
+Mir darf Niemand rügen das große Leid, das ich trage.
+
+"Gott hatt ihn mir zu Manne aus aller Welt erkoren. 1789
+Wär Einem Mann die Tugend Tausender angeboren,
+Viel größere doch Siegfried ganz alleine trug."
+Sehr klagt' um ihn die Königin, zu dem Herzen sie sich schlug.
+
+Alsbald ward dem Berner die Märe kund gethan. 1790
+Da kam er geschwinde über den Hof heran;
+Er hatte Hilbranden der Sitte nach bei sich.
+"Viel edle Königstochter, das ließet ihr billiglich,
+
+"Daß man euch weinen sähe bei dieser Lustbarkeit. 1791
+Ihr habt hieher beschieden aus fremden Landen weit
+Viel der werthen Recken und manchen Biedermann:
+Daß man euch nun weinen sieht, das steht euch gar übel an."
+
+"Ich mahne dich der Treue," sprach sie, "Hildebrand, 1792
+Hast du je Gab empfangen aus meiner milden Hand,
+So räche mich an Hagen: ich gebe dir mein Gold
+Und bin mit guten Treuen bis an mein Ende dir hold."
+
+Da sprach zu ihr der Berner: "Ihr seid ein übel Weib, 1793
+Daß ihr den Freunden rathet an Leben und Leib,
+Und habt so manchen Boten hin an den Rhein gesandt,
+Bis sie euch nun kamen zu Haus mit wehrlicher Hand.
+
+"Höret, Meister Hildebrand, so lieb als ich euch sei: 1794
+Empfangt mir vom Rheine die Könige alle drei
+Und heißt sie hier zu Felde liegen bis an den Tag,
+So warn ich sie mit Treue, so gut ich immer vermag."
+
+Da ritt wohlgezogen Meister Hildebrand, 1795
+Bis er die drei Könige von dem Rheine fand.
+Er sprang vom Pferde ritterlich und ließ sich auf die Knie:
+Die drei Könige vom Rheine so empfing und grüßt' er sie.
+
+"Willkommen seid, Herr Gunther, König an dem Rhein; 1796
+So sei auch Herr Gernot, der liebe Bruder dein,
+Und Geiselher der junge und Hagen, ein starker Mann,
+Und noch manch schneller Recke, die ich nicht alle nennen kann.
+
+"Euch entbeut der Berner, der liebe Herre mein, 1797
+Seine Huld und Freundschaft und will euch hülfreich sein.
+Er räth euch, hier im Felde zu liegen bis zum Tag:
+Dann warnt er euch mit Treuen, so gut er immer vermag.
+
+"Mög euch Gott behüten hier vor aller Noth: 1798
+Schon vor vierthalb Jahren war euch bereit der Tod.
+Geschworen hat Frau Kriemhild, eure Schwester, manchen Eid,
+daß sie an euch will rächen all ihr großes Herzeleid.
+
+"Er entbeut euch, daß ihr meidet, so lieb euch sei das Leben, 1799
+Den Neubau an der Donau, wo euch Herberg ist gegeben:
+Das sollt ihr mir glauben, und käm darein ein Heer,
+Ihr müstet All ersterben und Keiner käme zur Wehr.
+
+"Wißt, in drei schönen Rohren, die hohl von innen sind, 1800
+Schwefel und Kohlen mischten sie falsch gesinnt:
+Das wird angezündet, wenn sie zu Tische gehn.
+Davor sollt ihr euch hüten ihr stolzen Degen ausersehn."
+
+Des erschrak der König, die Rede war ihm leid. 1801
+"Nun lohne Gott dir, Hildebrand, daß du uns gabst Bescheid
+Und daß du hast gewarnet manch heimatlosen Mann.
+Ich seh, wir treffen Treue bei den Heunen wenig an."
+
+Des erlachten die Jungen und hielten es für Spott. 1802
+Da sprachen die Weisen: "Davor behüt uns Gott.
+Wir sind in großer Treue geritten in das Land;
+Sie hat uns manchen Boten hin nach dem Rheine gesandt."
+
+Da sprach wohlgezogen der König Gernot: 1803
+"Meine Schwester Kriemhild hat uns geladen in den Tod.
+Zu großer Treue ritten wir her in diese Statt,
+Da meine schöne Schwester uns vom Rhein geladen hat."
+
+Da sprach der Fiedelspieler, der kühne Volker: 1804
+"Ich kam der Gabe willen vom Rhein geritten her.
+Nun will ich drauf verzichten," so sprach der Fiedelmann:
+"Ich fiedle mit dem Schwerte das allerbeste, das ich kann.
+
+"Erklingen meine Töne, so weichen sie zurück, 1805
+Und wollen sie's nicht laßen, so fügt es leicht das Glück,
+Ich schlag Einem ritterlich einen schnellen Geigenschlag,
+Hat er einen treuen Freund, daß es der beweinen mag."
+
+Als Hildebrand der alte von dannen wollte gehn, 1806
+Geiselher der junge hieß ihn noch stille stehn.
+Er gab ihm einen Mantel, den er ihm zu Ehren trug;
+Für dreißig Mark Goldes hatt er Pfands daran genug.
+
+An sich nahm den Mantel Meister Hildebrand 1807
+Und ritt hin wohlgezogen, wo er den Berner fand.
+"Schaut den reichen Mantel, der hier an mir zu sehn:
+Den gab mir Geiselher das Kind, als ich von ihm wollte gehn."
+
+Als die Burgunden kamen in das Land, 1808
+Da erfuhr es von Berne der alte Hildebrand.
+Er sagt' es seinem Herren. Dietrichen war es leid;
+Er hieß ihn wohl empfangen der kühnen Ritter Geleit.
+
+Da ließ der starke Wolfhart die Pferde führen her; 1809
+Dann ritt mit dem Berner mancher Degen hehr,
+Sie zu begrüßen, zu ihnen auf das Feld.
+Sie hatten aufgeschlagen da manches herrliche Zelt.
+
+Als sie von Tronje Hagen aus der Ferne sah, 1810
+Wohlgezogen sprach er zu seinen Herren da:
+"Nun hebt euch von den Sitzen, ihr Recken wohlgethan,
+Und geht entgegen denen, die euch hier wollen empfahn.
+
+"Dort kommt ein Heergesinde, das ist mir wohl bekannt; 1811
+Es sind viel schnelle Degen von Amelungenland.
+Sie führt Der von Berne, sie tragen hoch den Muth:
+Laßt euch nicht verschmähen die Dienste, die man euch thut."
+
+Da sprang von den Rossen wohl nach Fug und Recht 1812
+Mit Dietrichen nieder mancher Herr und Knecht.
+Sie giengen zu den Gästen, wo man die Helden fand,
+Und begrüßten freundlich Die von der Burgunden Land.
+
+Als sie der edle Dietrich ihm entgegen kommen sah, 1813
+Liebes und Leides zumal ihm dran geschah.
+Er wuste wohl die Märe; leid war ihm ihre Fahrt:
+Er wähnte, Rüdger wüst es und hätt es ihnen offenbart.
+
+"Willkommen mir, ihr Herren, Gunther und Geiselher, 1814
+Gernot und Hagen, Herr Volker auch so sehr,
+Und Dankwart der schnelle: ist euch das nicht bekannt?
+Schwer beweint noch Kriemhild Den von Nibelungenland."
+
+"Sie mag noch lange weinen," so sprach da Hagen: 1815
+"Er liegt seit manchem Jahr schon zu Tod erschlagen.
+Den König der Heunen mag sie nun lieber haben:
+Siegfried kommt nicht wieder, er ist nun lange begraben."
+
+"Siegfriedens Wunden laßen wir nun stehn: 1816
+So lange lebt Frau Kriemhild, mag Schade wohl geschehn."
+So redete von Berne der edle Dieterich:
+"Trost der Nibelungen, davor behüte du dich!"
+
+"Wie soll ich mich behüten?" sprach der König hehr. 1817
+"Etzel sandt uns Boten, was sollt ich fragen mehr?
+Daß wir zu ihm ritten her in dieses Land.
+Auch hat uns manche Botschaft meine Schwester Kriemhild gesandt."
+
+"So will ich euch rathen," sprach wieder Hagen, 1818
+"Laßt euch diese Märe doch zu Ende sagen
+Dieterich den Herren und seine Helden gut,
+Daß sie euch wißen laßen der Frau Kriemhilde Muth."
+
+Da giengen die drei Könige und sprachen unter sich, 1819
+Herr Gunther und Gernot und Herr Dieterich:
+"Nun sag uns, von Berne du edler Ritter gut,
+Was du wißen mögest von der Königin Muth."
+
+Da sprach der Vogt von Berne: "Was soll ich weiter sagen? 1820
+Als daß ich alle Morgen weinen hör und klagen
+Etzels Weib Frau Kriemhild in jämmerlicher Noth
+Zum reichen Gott vom Himmel um des starken Siegfried Tod."
+
+"Es ist halt nicht zu wenden," sprach der kühne Mann, 1821
+Volker der Fiedler, "was ihr uns kund gethan.
+Laßt uns zu Hofe reiten und einmal da besehn,
+Was uns schnellen Degen bei den Heunen möge geschehn."
+
+Die kühnen Burgunden hin zu Hofe ritten: 1822
+Sie kamen stolz gezogen nach ihres Landes Sitten.
+Da wollte bei den Heunen gar mancher kühne Mann
+Von Tronje Hagen schauen, wie der wohl wäre gethan.
+
+Es war durch die Sage dem Volk bekannt genug, 1823
+Daß er von Niederlanden Siegfrieden schlug,
+Aller Recken stärksten, Frau Kriemhildens Mann:
+Drum ward so großes Fragen bei Hof nach Hagen gethan.
+
+Der Held war wohlgewachsen, das ist gewisslich wahr. 1824
+Von Schultern breit und Brüsten; gemischt war sein Haar
+Mit einer greisen Farbe; von Beinen war er lang
+Und schrecklich von Antlitz; er hatte herrlichen Gang.
+
+Da schuf man Herberge den Burgundendegen; 1825
+Gunthers Ingesinde ließ man gesondert legen.
+Das rieth die Königstochter, die ihm viel Haßes trug:
+Daher man bald die Knechte in der Herberg erschlug.
+
+Dankwart, Hagens Bruder, war da Marschall; 1826
+Der König sein Gesinde ihm fleißig anbefahl,
+Daß er es die Fülle mit Speise sollte pflegen.
+Das that auch gar willig und gern dieser kühne Degen.
+
+Kriemhild die schöne mit dem Gesinde gieng, 1827
+Wo sie die Nibelungen mit falschem Muth empfieng:
+Sie küsste Geiselheren und nahm ihn bei der Hand.
+Als das Hagen sah von Tronje, den Helm er fester sich band.
+
+"Nach solchem Empfange," so sprach da Hagen, 1828
+"Mögen wohl Bedenken die schnellen Degen tragen;
+Man grüßt die Fürsten ungleich und den Unterthan:
+Keine gute Reise haben wir zu dieser Hochzeit gethan."
+
+Sie sprach: "Seid willkommen dem, der euch gerne sieht: 1829
+Eurer Freundschaft willen kein Gruß euch hier geschieht.
+Sagt, was ihr mir bringet von Worms überrhein,
+Daß ihr mir so höchlich solltet willkommen sein?"
+
+"Was sind das für Sachen," sprach Hagen entgegen, 1830
+"Daß euch Gaben bringen sollten diese Degen?
+So reich wär ich gewesen, hätt ich das gedacht,
+Daß ich euch meine Gabe zu den Heunen hätt gebracht."
+
+"Nun frag ich um die Märe weiter bei euch an, 1831
+Der Hort der Nibelungen, wohin ward der gethan?
+Der war doch mein eigen, das ist euch wohl bekannt:
+Den solltet ihr mir haben gebracht in König Etzels Land."
+
+"In Treuen, Frau Kriemhild, schon mancher Tag ist hin, 1832
+Den Hort der Nibelungen, seit ich des ledig bin,
+Ihn ließen meine Herren senken in den Rhein:
+Da muß er auch in Wahrheit bis zum jüngsten Tage sein."
+
+Die Königin versetzte: "Ich dacht es wohl vorher. 1833
+Ihr habt mir noch wenig davon gebracht hieher,
+Wiewohl er war mein eigen und ich sein weiland pflag;
+Nach ihm und seinem Herren hab ich manchen leiden Tag."
+
+"Ich bring euch den Teufel!" sprach wieder Hagen, 1834
+"Ich hab an meinem Schilde so viel zu tragen
+Und an meinem Harnisch; mein Helm der ist licht,
+Das Schwert an meiner Seite: drum bring ich ihn euch nicht."
+
+"Es war auch nicht die Meinung, als verlangte mich nach Gold: 1835
+So viel hab ich zu geben, ich entbehre leicht den Sold.
+Eines Mords und Doppelraubes, die man an mir genommen,
+Dafür möcht ich Arme zu lieber Entgeltung kommen."
+
+Da sprach die Königstochter zu den Recken allzumal: 1836
+"Man soll keine Waffen tragen hier im Saal;
+Vertraut sie mir, ihr Helden, zur Verwahrung an."
+"In Treuen," sprach da Hagen, "das wird nimmer gethan.
+
+"Ich begehre nicht der Ehre, Fürstentochter mild, 1837
+Daß ihr zur Herberge tragt meinen Schild
+Und ander Streitgeräthe; ihr seid hier Königin.
+So lehrte mich mein Vater, daß ich selbst ihr Hüter bin."
+
+"O Weh dieses Leides!" sprach da Kriemhild: 1838
+"Warum will mein Bruder und Hagen seinen Schild
+Nicht verwahren laßen? Gewiss, sie sind gewarnt:
+Und wüst ich, wer es hat gethan, der Tod der hielt' ihn umgarnt."
+
+Im Zorn gab ihr Antwort Dietrich sogleich: 1839
+"Ich bin es, der gewarnt hat die edeln Fürsten reich
+Und Hagen den kühnen, der Burgunden Mann:
+Nur zu, du Braut des Teufels, du thust kein Leid mir drum an."
+
+Da schämte sich gewaltig die edle Königin: 1840
+Sie fürchtete sich bitter vor Dietrichs Heldensinn.
+Sie gieng alsdann von dannen, kein Wort mehr sprach sie da,
+Nur daß sie nach den Feinden mit geschwinden Blicken sah.
+
+Da nahmen bei den Händen zwei der Degen sich, 1841
+Der Eine war Hagen, der Andere Dietrich.
+Da sprach wohlgezogen der Degen allbereit:
+"Eure Reise zu den Heunen die ist in Wahrheit mir leid,
+
+"Da die Königstochter so gesprochen hat." 1842
+Da sprach von Tronje Hagen: "Zu Allem wird schon Rath."
+So sprachen zu einander die Recken wohlgethan.
+Das sah der König Etzel, der gleich zu fragen begann:
+
+"Die Märe wust ich gerne," befrug der König sich, 1843
+"Wer der Recke wäre, den dort Herr Dietrich
+So freundlich hat empfangen; er trägt gar hoch den Muth:
+Wie auch sein Vater heiße, er mag wohl sein ein Recke gut."
+
+Antwort gab dem König ein Kriemhildens-Mann: 1844
+"Von Tronje ist er geboren, sein Vater hieß Aldrian;
+Wie zahm er hier gebare, er ist ein grimmer Mann:
+Ich laß euch das noch schauen, daß ich keine Lüge gethan."
+
+"Wie soll ich das erkennen, daß er so grimmig ist?" 1845
+Noch hatt er nicht Kunde von mancher argen List,
+Die wider ihre Freunde die Königin spann,
+Daß aus dem Heunenlande ihr auch nicht Einer entrann.
+
+"Wohl kannt ich Hagen, er war mein Unterthan: 1846
+Lob und große Ehre er hier bei mir gewann.
+Ich macht' ihn zum Ritter und gab ihm mein Gold;
+Weil er sich getreu erwies, war ich immer ihm hold.
+
+"Daher ist mir von Hagen Alles wohlbekannt. 1847
+Zwei edle Kinder bracht ich als Geisel in dieß Land,
+Ihn und von Spanien Walther: die wuchsen hier heran.
+Hagen sandt ich wieder heim; Walther mit Hildegund entrann."
+
+So bedacht er alter Zeiten und was vordem geschehn. 1848
+Seinen Freund von Tronje hatt er hier gesehn,
+Der ihm in seiner Jugend oft große Dienste bot;
+Jetzt schlug er ihm im Alter viel lieber Freunde zu Tod.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Abenteuer.
+
+Wie Hagen und Volker vor Kriemhildens Saal saßen.
+
+
+Da schieden auch die beiden werthen Recken sich, 1849
+Hagen von Tronje und Herr Dieterich.
+Ueber die Achsel blickte Gunthers Unterthan
+Nach einem Heergesellen, den er sich bald gewann.
+
+Neben Geiselheren sah er Volkern stehn, 1850
+Den kunstreichen Fiedler: den bat er mitzugehn,
+Weil er wohl erkannte seinen grimmen Muth:
+Er war an allen Tugenden ein Ritter kühn und auch gut.
+
+Noch ließ man die Herren auf dem Hofe stehn. 1851
+Die Beiden ganz alleine sah man von dannen gehn
+Ueber den Hof hin ferne vor einen Pallas weit:
+Die Auserwählten scheuten sich vor Niemandes Streit.
+
+Sie setzten vor dem Hause sich genüber einem Saal, 1852
+Der war Kriemhilden, auf eine Bank zu Thal.
+An ihrem Leibe glänzte ihr herrlich Gewand;
+Gar Manche, die das sahen, hätten gern sie gekannt.
+
+Wie die wilden Thiere gaffte sie da an, 1853
+Die übermüthgen Helden, mancher Heuneumann.
+Da sah sie durch ein Fenster Etzels Königin:
+Das betrübte wieder der schönen Kriemhilde Sinn.
+
+Sie gedacht ihres Leides; zu weinen hub sie an. 1854
+Das wunderte die Degen, die Etzeln unterthan,
+Was ihr bekümmert hätte so sehr den hohen Muth?
+Da sprach sie: "Das that Hagen, ihr Helden kühn und auch gut."
+
+Sie sprachen zu der Frauen: "Wie ist das geschehn? 1855
+Wir haben euch doch eben noch wohlgemuth gesehn.
+Wie kühn er auch wäre, der es euch hat gethan,
+Befehlt ihr uns die Rache, den Tod müst er empfahn."
+
+"Dem wollt ich immer danken, der rächte dieses Leid: 1856
+Was er nur begehrte, ich wär dazu bereit.
+"Ich fall euch zu Füßen," so sprach des Königs Weib:
+"Rächt mich an Hagen: er verliere Leben und Leib."
+
+Da rüsteten die Kühnen sich, sechzig an der Zahl: 1857
+Kriemhild zu Liebe wollten sie vor den Saal
+Und wollten Hagen schlagen, diesen kühnen Mann,
+Dazu den Fiedelspieler; das ward einmüthig gethan.
+
+Als so gering den Haufen die Königin ersah, 1858
+In grimmem Muthe sprach sie zu den Helden da:
+"Von solchem Unterfangen rath ich abzustehn:
+Ihr dürft in so geringer Zahl nicht mit Hagen streiten gehn.
+
+"So kühn auch und gewaltig Der von Tronje sei, 1859
+Noch ist bei weitem stärker, der ihm da sitzet bei,
+Volker der Fiedler: das ist ein übler Mann:
+Wohl dürft ihr diesen Helden nicht zu so wenigen nahn."
+
+Als sie die Rede hörten, rüsteten sich mehr 1860
+Vierhundert Recken. Der Königin hehr
+Lag sehr am Herzen die Rache für ihr Leid.
+Da wurde bald den Degen große Sorge bereit.
+
+Als sie ihr Gesinde wohlbewaffnet sah, 1861
+Zu den schnellen Recken sprach die Königin da:
+"Nun harrt eine Weile: ihr sollt noch stille stehn.
+Ich will unter Krone hin zu meinen Feinden gehn.
+
+"Hört mich ihm verweisen, was mir hat gethan 1862
+Hagen von Tronje, Gunthers Unterthan.
+Ich weiß ihn so gemuthet, er läugnets nimmermehr:
+So will ich auch nicht fragen, was ihm geschehe nachher."
+
+Da sah der Fiedelspieler, ein kühner Spielmann, 1863
+Die edle Königstochter von der Stiege nahn,
+Die aus dem Hause führte. Als er das ersah,
+Zu seinem Heergesellen sprach der kühne Volker da:
+
+"Nun schauet, Freund Hagen, wie sie dorther naht, 1864
+Die uns ohne Treue ins Land geladen hat.
+Ich sah mit einer Königin nie so manchen Mann
+Die Schwerter in den Händen also streitlustig nahn.
+
+"Wißt ihr, Freund Hagen, daß sie euch abhold sind? 1865
+So will ich euch rathen, daß ihr zu hüten sinnt
+Des Lebens und der Ehre; führwahr, das dünkt mich gut:
+Soviel ich mag erkennen, ist ihnen zornig zu Muth.
+
+"Es sind auch Manche drunter von Brüsten stark und breit: 1866
+Wer seines Lebens hüten will, der thu es beizeit.
+Ich seh sie unter Seide die festen Panzer tragen.
+Was sie damit meinen, das hör ich Niemanden sagen."
+
+Da sprach im Zornmuthe Hagen der kühne Mann: 1867
+"Ich weiß wohl, das wird Alles wider mich gethan,
+Daß sie die lichten Waffen tragen an der Hand;
+Von denen aber reit ich noch in der Burgunden Land.
+
+"Nun sagt mir, Freund Volker, denkt ihr mir beizustehn, 1868
+Wenn mit mir streiten wollen Die in Kriemhilds Lehn?
+Das laßt mich vernehmen, so lieb als ich euch sei.
+Ich steh euch mit Diensten immer wieder treulich bei."
+
+"Sicherlich, ich helf euch," so sprach da Volker. 1869
+"Und säh ich uns entgegen mit seinem ganzen Heer
+Den König Etzel kommen, all meines Lebens Zeit
+Weich ich von eurer Seite aus Furcht nicht eines Fußes breit."
+
+"Nun lohn euch Gott vom Himmel, viel edler Volker! 1870
+Wenn sie mit mir streiten, wes bedarf ich mehr?
+Da ihr mir helfen wollet, wie ich jetzt vernommen,
+So mögen diese Recken fein behutsam näher kommen."
+
+"Stehn wir auf vom Sitze," sprach der Fiedelmann, 1871
+"Vor der Königstochter, so sie nun kommt heran.
+Bieten wir die Ehre der edeln Königin!
+Das bringt uns auch beiden an eignen Ehren Gewinn."
+
+"Nein! wenn ihr mich lieb habt," sprach dawider Hagen. 1872
+"Es möchten diese Degen mit dem Wahn sich tragen,
+Daß ich aus Furcht es thäte und dächte wegzugehn:
+Von dem Sitze mein ich vor ihrer Keinem aufzustehn.
+
+"Daß wir es bleiben laßen, das ziemt uns ganz allein. 1873
+Soll ich dem Ehre bieten, der mir feind will sein?
+Nein, ich thu es nimmer, so lang ich leben soll:
+In aller Welt, was kümmr ich mich um Kriemhildens Groll?"
+
+Der vermeßne Hagen legte über die Schenkel hin 1874
+Eine lichte Waffe, aus deren Knaufe schien
+Mit hellem Glanz ein Jaspis, grüner noch als Gras.
+Wohl erkannte Kriemhild, daß Siegfried einst sie besaß.
+
+Als sie das Schwert erkannte, das schuf ihr große Noth. 1875
+Der Griff war von Golde, der Scheide Borte roth.
+Ermahnt war sie des Leides, zu weinen hub sie an;
+Ich glaube, Hagen hatt es auch eben darum gethan.
+
+Volker der kühne zog näher an die Bank 1876
+Einen starken Fiedelbogen, mächtig und lang,
+Wie ein Schwert geschaffen, scharf dazu und breit.
+So saßen unerschrocken diese Recken allbereit.
+
+Die kühnen Degen beide dauchten sich so hehr, 1877
+Aus Furcht vor Jemandem wollten sie nimmermehr
+Vom Sitz sich erheben. Ihnen schritt da vor den Fuß
+Die edle Königstochter und bot unfreundlichen Gruß.
+
+Sie sprach: "Nun sagt, Herr Hagen, wer hat nach euch gesandt, 1878
+Daß ihr zu reiten wagtet her in dieses Land,
+Da ihr doch wohl wustet, was ihr mir habt gethan?
+Wart ihr bei guten Sinnen, ihr durftets euch nicht unterfahn."
+
+"Nach mir gesandt hat Niemand," sprach er entgegen, 1879
+"Her zu diesem Lande lud man drei Degen,
+Die heißen meine Herren: ich steh in ihrem Lehn;
+Bei keiner Hofreise pfleg ich daheim zu bestehn."
+
+Sie sprach: "Nun sagt mir ferner, was thatet ihr das, 1880
+Daß ihr es verdientet, wenn ich euch trage Haß?
+Ihr erschlugt Siegfrieden, meinen lieben Mann,
+Den ich bis an mein Ende nicht gut beweinen kann."
+
+"Wozu der Rede weiter?" sprach er, "es ist genug: 1881
+Ich bin halt der Hagen, der Siegfrieden schlug,
+Den behenden Degen: wie schwer er das entgalt,
+Daß die Frau Kriemhild die schöne Brunhilde schalt!
+
+"Es wird auch nicht geläugnet, reiche Königin, 1882
+Daß ich an all dem Schaden, dem schlimmen, schuldig bin.
+Nun räch es, wer da wolle, Weib oder Mann.
+Ich müst es wahrlich lügen, ich hab euch viel zu Leid gethan."
+
+Sie sprach: "Da hört ihr, Recken, wie er die Schuld gesteht 1883
+An all meinem Leide: wie's ihm deshalb ergeht,
+Darnach will ich nicht fragen, ihr Etzeln unterthan."
+Die übermüthgen Degen blickten all einander an.
+
+Wär da der Streit erhoben, so hätte man gesehn, 1884
+Wie man den zwei Gesellen müß Ehre zugestehn:
+Das hatten sie in Stürmen oftmals dargethan.
+Was jene sich vermeßen, das gieng aus Furcht nun nicht an.
+
+Da sprach der Recken Einer: "Was seht ihr mich an? 1885
+Was ich zuvor gelobte, das wird nun nicht gethan.
+Um Niemands Gabe laß ich Leben gern und Leib.
+Uns will hier verleiten dem König Etzel sein Weib."
+
+Da sprach ein Andrer wieder: "So steht auch mir der Muth. 1886
+Wer mir Thürme gäbe von rothem Golde gut,
+Diesen Fiedelspieler wollt ich nicht bestehn
+Der schnellen Blicke wegen, die ich hab an ihm ersehn.
+
+"Auch kenn ich diesen Hagen von seiner Jugendzeit: 1887
+Drum weiß ich von dem Recken selber wohl Bescheid.
+In zweiundzwanzig Stürmen hab ich ihn gesehn;
+Da ist mancher Frauen Herzeleid von ihm geschehn.
+
+"Er und Der von Spanien traten manchen Pfad, 1888
+Da sie hier bei Etzeln thaten manche That
+Dem König zu Liebe. Das ist oft geschehn:
+Drum mag man Hagen billig große Ehre zugestehn.
+
+"Damals war der Recke an Jahren noch ein Kind, 1889
+Da waren schon die Knaben wie jetzt kaum Greise sind.
+Nun kam er zu Sinnen und ist ein grimmer Mann;
+Auch trägt er Balmungen, den er übel gewann."
+
+Damit wars entschieden, Niemand suchte Streit. 1890
+Das war der Königstochter im Herzen bitter leid.
+Die Helden giengen wieder; wohl scheuten sie den Tod
+Von den Helden beiden: das that ihnen wahrlich Noth.
+
+Wie oft man verzagend Manches unterläßt, 1891
+Wo der Freund beim Freunde treulich steht und fest!
+Und hat er kluge Sinne, daß er nicht also thut,
+Vor Schaden nimmt sich Mancher durch Besonnenheit in Hut.
+
+Da sprach der kühne Volker: "Da wir nun selber sahn, 1892
+Daß wir hie Feinde finden, wie man uns kund gethan,
+So laß uns zu den Königen hin zu Hofe gehn,
+So darf unsre Herren mit Kampfe Niemand bestehn."
+
+"Gut, ich will euch folgen," sprach Hagen entgegen. 1893
+Da giengen hin die Beiden, wo sie die zieren Degen
+Noch harrend des Empfanges auf dem Hofe sahn.
+Volker der kühne hub da laut zu reden an.
+
+Er sprach zu seinen Herren: "Wie lange wollt ihr stehn 1894
+Und euch drängen laßen? ihr sollt zu Hofe gehn
+Und von dem König hören, wie der gesonnen sei."
+Da sah man sich gesellen der kühnen Helden je zwei.
+
+Dietrich von Berne nahm da an die Hand 1895
+Gunther den reichen von Burgundenland;
+Irnfried nahm Gernoten, diesen kühnen Mann;
+Da gieng mit seinem Schwäher Geiselher zu Hof heran.
+
+Wie bei diesem Zuge gesellt war Jeglicher, 1896
+Volker und Hagen, die schieden sich nicht mehr
+Als noch in Einem Kampfe bis an ihren Tod.
+Das musten bald beweinen edle Fraun in großer Noth.
+
+Da sah man mit den Königen hin zu Hofe ziehn 1897
+Ihres edeln Ingesindes tausend Degen kühn;
+Darüber sechzig Recken waren mitgekommen:
+Die hatt aus seinem Lande der kühne Hagen genommen.
+
+Hawart und Iring, zwei Degen auserkannt, 1898
+Die giengen mit den Königen zu Hofe Hand in Hand;
+Dankwart und Wolfhart, ein theuerlicher Degen,
+Die sah man großer Hofzucht vor den übrigen pflegen.
+
+Als der Vogt vom Rheine in den Pallas gieng, 1899
+Etzel der reiche das länger nicht verhieng:
+Er sprang von seinem Sitze, als er ihn kommen sah.
+Ein Gruß, ein so recht schöner, nie mehr von Köngen geschah.
+
+"Willkommen mir, Herr Gunther und auch Herr Gernot 1900
+Und euer Bruder Geiselher, die ich hieher entbot
+Mit Gruß und treuem Dienste von Worms überrhein,
+Und eure Degen alle sollen mir willkommen sein.
+
+"Laßt euch auch Willkommen, ihr beiden Recken, sagen, 1901
+Volker der kühne und dazu Herr Hagen,
+Mir und meiner Frauen hier in diesem Land:
+Sie hat euch manche Botschaft hin zum Rheine gesandt."
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Das haben wir vernommen. 1902
+Wär ich um meine Herren gen Heunland nicht gekommen,
+So wär ich euch zu Ehren geritten in das Land."
+Da nahm der edle König die lieben Gäste bei der Hand.
+
+Und führte sie zum Sitze hin, wo er selber saß. 1903
+Da schenkte man den Gästen, fleißig that man das,
+In weiten goldnen Schalen Meth, Moraß und Wein
+Und hieß die fremden Degen höchlich willkommen sein.
+
+Da sprach König Etzel: "Das muß ich wohl gestehn, 1904
+Mir könnt in diesen Zeiten nichts Lieberes geschehn
+Als durch euch, ihr Recken, daß ihr gekommen seid;
+Damit ist auch der Königin benommen Kummer und Leid.
+
+"Mich nahm immer Wunder, was ich euch wohl gethan, 1905
+Da ich der edeln Gäste so Manche doch gewann,
+Daß ihr nie zu reiten geruhtet in mein Land;
+Nun ich euch hier ersehen hab, ist mirs zu Freuden gewandt."
+
+Da versetzte Rüdiger, ein Ritter hochgemuth: 1906
+"Ihr mögt sie gern empfahen, ihre Treue die ist gut:
+Der wißen meiner Frauen Brüder schön zu pflegen.
+Sie bringen euch zu Hause manchen waidlichen Degen."
+
+Am Sonnewendenabend waren sie gekommen 1907
+An Etzels Hof, des reichen. Noch selten ward vernommen,
+Daß ein König seine Gäste freundlicher empfieng;
+Darnach er zu Tische wohlgemuth mit ihnen gieng.
+
+Ein Wirth bei seinen Gästen sich holder nie betrug. 1908
+Zu trinken und zu eßen bot man da genug:
+Was sie nur wünschen mochten, das wurde gern gewährt.
+Man hatte von den Helden viel große Wunder gehört.
+
+Der reiche Etzel hatte an ein Gebäude weit 1909
+Viel Fleiß und Müh gewendet und Kosten nicht gescheut:
+Man sah Pallas und Thürme, Gemächer ohne Zahl
+In einer weiten Veste und einen herrlichen Saal.
+
+Den hatt er bauen laßen lang, hoch und weit, 1910
+Weil ihn so viel der Recken heimsuchten jederzeit.
+Auch ander Ingesinde, zwölf reiche Könge hehr
+Und viel der werthen Degen hatt er zu allen Zeiten mehr,
+
+Als je gewann ein König, von dem ich noch vernahm. 1911
+Er lebte so mit Freunden und Mannen wonnesam:
+Gedräng und frohen Zuruf hatte der König gut
+Von manchem schnellen Degen; drum stand wohl hoch ihm der Muth.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Dreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Hagen und Volker Schildwacht standen.
+
+
+Der Tag war nun zu Ende, es nahte sich die Nacht. 1912
+Den reisemüden Recken war die Sorg erwacht,
+Wann sie ruhen sollten und zu Bette gehn.
+Zur Sprache bracht es Hagen: Bescheid ist ihnen geschehn.
+
+Zu dem Wirthe sprach da Gunther: "Gott laß euchs wohlgedeihn: 1913
+Wir wollen schlafen gehen, mag es mit Urlaub sein.
+Wenn ihr das gebietet, kommen wir morgen fruh."
+Der Wirth entließ die Gaste wohlgemuth zu ihrer Ruh.
+
+Von allen Seiten drängen man die Gäste sah. 1914
+Volker der kühne sprach zu den Heunen da:
+"Wie dürft ihr uns Recken so vor die Füße gehn?
+Und wollt ihr das nicht meiden, so wird euch übel geschehn.
+
+"So schlag ich Dem und Jenem so schweren Geigenschlag, 1915
+Hat er einen Treuen, daß ders beweinen mag.
+Nun weicht vor uns Recken, fürwahr, mich dünkt es gut:
+Es heißen Alle Degen und haben doch nicht gleichen Muth."
+
+Als in solchem Zorne sprach der Fiedelmann, 1916
+Hagen der kühne sich umzuschaun begann.
+Er sprach: "Euch räth zum Heile der kühne Fiedeler.
+Geht zu den Herbergen, ihr in Kriemhildens Heer.
+
+"Was ihr habt im Sinne, es fügt sich nicht dazu: 1917
+Wollt ihr was beginnen, so kommt uns morgen fruh
+Und laßt uns Reisemüden heut in Frieden ruhn.
+Ich glaube, niemals werden es Helden williger thun."
+
+Da brachte man die Gäste in einen weiten Saal, 1918
+Zur Nachtruh eingerichtet den Recken allzumal
+Mit köstlichen Betten, lang zumal und breit.
+Gern schuf ihnen Kriemhild das allergrößeste Leid,
+
+Schmucker Decken sah man von Arras da genug 1919
+Aus lichthellem Zeuge und manchen Ueberzug
+Aus Arabischer Seide, so gut sie mochten sein,
+Verbrämt mit goldnen Borten, die gaben herrlichen Schein.
+
+Viel Bettlaken fand man von Hermelin gemacht 1920
+Und von schwarzem Zobel, worunter sie die Nacht
+Sich Ruhe schaffen sollten bis an den lichten Tag.
+Ein König mit dem Volke wohl nimmer herrlicher lag.
+
+"O weh des Nachtlagers!" sprach Geiselher das Kind, 1921
+"Und weh meiner Freunde, die mit uns kommen sind.
+Wie gut es meine Schwester uns auch hier erbot,
+Wir gewinnen, fürcht ich, alle von ihrem Haße den Tod."
+
+"Nun laßt euer Sorgen," sprach Hagen der Degen, 1922
+"Ich will heunte selber der Schildwache pflegen
+Und getrau euch zu behüten bis morgen an den Tag:
+Seit des ohne Sorge: so entrinne, wer da mag."
+
+Da neigten sich ihm Alle und sagten ihm Dank. 1923
+Sie giengen zu den Betten. Da währt' es nicht lang,
+Bis in Ruhe lagen die Helden wohlgethan.
+Hagen der kühne sich da zu waffnen begann.
+
+Da sprach der Fiedelspieler, Volker der Degen: 1924
+"Verschmäht ihrs nicht, Hagen, so will ich mit euch pflegen
+Heunt der Schildwache bis morgen an den Tag."
+Da dankte Volkeren der Degen gütlich und sprach:
+
+"Nun lohn euch Gott vom Himmel, viel lieber Volker! 1925
+Zu allen meinen Sorgen wünsch ich mir Niemand mehr
+Als nur euch alleine, befahr ich irgend Noth.
+Ich will es wohl vergelten, es verwehr es denn der Tod."
+
+Da kleideten die Beiden sich in ihr licht Gewand, 1926
+Jedweder faßte den Schild an seine Hand,
+Sie giengen aus dem Hause vor die Thüre stehn
+Und hüteten der Gäste; das ist mit Treuen geschehn.
+
+Volker der schnelle lehnte von der Hand 1927
+Seinen Schild den guten an des Saales Wand.
+Dann wandt er sich zurücke, wo seine Geige war,
+Und diente seinen Freunden: es ziemt ihm also fürwahr.
+
+Unter des Hauses Thüre setzt' er sich auf den Stein. 1928
+Kühnrer Fiedelspieler mochte nimmer sein.
+Als der Saiten Tönen ihm so hold erklang,
+Die stolzen Heimatlosen die sagten Volkern den Dank.
+
+Da tönten seine Saiten, daß all das Haus erscholl; 1929
+Seine Kraft und sein Geschicke die waren beide voll.
+Süßer und sanfter zu geigen hub er an:
+So spielt' er in den Schlummer gar manchen sorgenden Mann.
+
+Da sie entschlafen waren und Volker das befand, 1930
+Da nahm der Degen wieder den Schild an die Hand
+Und gieng aus dem Hause vor die Thüre stehn,
+Seine Freunde zu behüten vor Denen in Kriemhilds Lehn.
+
+Wohl der Nacht inmitten, wenn es erst da geschah, 1931
+Volker der kühne einen Helm erglänzen sah
+Fernher durch das Dunkel: Die Kriemhild unterthan,
+Hätten an den Gästen gerne Schaden gethan.
+
+Bevor diese Recken Kriemhild hatt entsandt, 1932
+Sie sprach: "Wenn ihr sie findet, so seid um Gott ermahnt,
+Daß ihr Niemand tödtet als den einen Mann,
+Den ungetreuen Hagen; die Andern rühret nicht an."
+
+Da sprach der Fiedelspieler: "Nun seht, Freund Hagen, 1933
+Uns ziemt, diese Sorge gemeinsam zu tragen.
+Gewaffnet vor dem Hause seh ich Leute stehn:
+So viel ich mag erkennen, kommen sie uns zu bestehn."
+
+"So schweigt," sprach da Hagen, "laßt sie erst näher her. 1934
+Eh sie uns inne werden, wird ihrer Helme Wehr
+Zerschroten mit den Schwertern von unser Beider Hand:
+Sie werden Kriemhilden übel wieder heimgesandt."
+
+Der Heunenrecken Einer das gar bald ersah, 1935
+Die Thüre sei behütet: wie schnell sprach er da:
+"Was wir im Sinne hatten, kann nun nicht geschehn:
+Ich seh den Fiedelspieler vor dem Hause Schildwacht stehn.
+
+"Er trägt auf dem Haupte einen Helm von lichtem Glanz, 1936
+Der ist hart und lauter, stark dazu und ganz.
+Auch loh'n die Panzerringe ihm, wie das Feuer thut.
+Daneben steht auch Hagen: die Gäste sind in guter Hut."
+
+Da wandten sie sich wieder. Als Volker das ersah, 1937
+Zu seinem Heergesellen in Zorn sprach er da:
+"Nun laßt mich von dem Hause zu den Recken gehn:
+So frag ich um die Märe Die in Kriemhildens Lehn."
+
+"Nein, wenn ihr mich lieb habt," sprach Hagen entgegen, 1938
+"Kämt ihr aus dem Hause, diese schnellen Degen
+Brächten euch mit Schwertern leicht in solche Noth,
+Daß ich euch helfen müste, wärs aller meiner Freunde Tod.
+
+"Wenn wir dann Beide kämen in den Streit, 1939
+So möchten ihrer zweie oder vier in kurzer Zeit
+Zu dem Hause springen und schüfen solche Noth
+Drinnen an den Schlafenden, daß wir bereuten bis zum Tod."
+
+Da sprach wieder Volker: "So laßt es nur geschehn, 1940
+Daß sie inne werden, wir haben sie gesehn:
+So können uns nicht läugnen Die Kriemhild unterthan,
+Daß sie gerne treulos an den Gästen hätten gethan."
+
+Da rief der Fiedelspieler den Heunen entgegen: 1941
+"Wie geht ihr so bewaffnet, ihr behenden Degen?
+Wollt ihr morden reiten, ihr Kriemhild unterthan?
+So nehmt mich zur Hülfe und meinen Heergesellen an,"
+
+Niemand gab ihm Antwort; zornig war sein Muth: 1942
+"Pfui, feige Bösewichter," sprach der Degen gut,
+"Im Schlaf uns zu ermorden, schlicht ihr dazu heran?
+Das ward so guten Helden bisher noch selten gethan."
+
+Bald ward auch die Märe der Königin bekannt 1943
+Vom Abzug ihrer Boten: wie schwer sie das empfand!
+Da fügte sie es anders; gar grimmig war ihr Muth.
+Da musten bald verderben viel der Helden kühn und gut.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie die Herren zur Kirche giengen.
+
+
+"Mir wird so kühl der Harnisch," sprach da Volker: 1944
+"Die Nacht, wähn ich, wolle nun nicht währen mehr.
+Ich fühl es an den Lüften, es ist nicht weit vom Tag."
+Da weckten sie gar Manchen, der da im Schlafe noch lag.
+
+Da schien der lichte Morgen den Gästen in den Saal. 1945
+Hagen begann zu fragen die Recken allzumal,
+Ob sie zum Münster wollten in die Messe heut.
+Nach christlichen Sitten erscholl der Glocken Geläut.
+
+Der Gesang war ungleich; kein Wunder möcht es sein, 1946
+Daß Christen mit Heiden nicht stimmten überein.
+Da wollten zu der Kirche Die in Gunthers Lehn:
+Man sah sie von den Betten allzumal da erstehn.
+
+Da schnürten sich die Recken in also gut Gewand, 1947
+Daß nie Helden wieder in eines Königs Land
+Beßre Kleider brachten. Hagen war es leid;
+Er sprach: "Ihr thätet beßer, ihr trügt hier anderlei Kleid.
+
+"Nun ist euch doch allen die Märe wohl bekannt: 1948
+Drum statt der Rosenkränze nehmt Waffen an die Hand;
+Statt wohlgesteinter Hüte die lichten Helme gut,
+Da wir so wohl erkennen der argen Kriemhilde Muth.
+
+"Wir müßen heute streiten, das will ich euch sagen. 1949
+Statt seidner Hemden sollt ihr Halsbergen tragen
+Und statt der reichen Mäntel gute Schilde breit:
+zürnt mit euch Jemand, daß ihr wehrhaftig seid.
+
+"Meine lieben Herren, Freund und Mannen mein, 1950
+Tretet in die Kirche mit lauterm Herzen ein
+Und klagt Gott dem reichen eure Sorg und Noth:
+Denn wißt unbezweifelt, es naht uns allen der Tod.
+
+"Ihr sollt auch nicht vergeßen, was je von euch geschah, 1951
+Und fleht vor eurem Gotte andächtig da.
+Laßt euch alle warnen, gute Recken hehr:
+Es wend es Gott im Himmel, so hört ihr keine Messe mehr,"
+
+So giengen zu dem Münster die Fürsten und ihr Lehn. 1952
+Auf dem heiligen Friedhof, da hieß sie stille stehn
+Hagen der kühne, damit man sie nicht schied.
+Er sprach: "Noch weiß ja Niemand, was von den Heunen geschieht.
+
+"Setzt, meine Freunde, die Schilde vor den Fuß 1953
+Und lohnt es, beut euch Jemand feindlichen Gruß,
+Mit tiefen Todeswunden: das ist, was euch Hagen räth.
+So werdet ihr befunden, wie's euch am löblichsten steht."
+
+Volker und Hagen die beiden stellten da 1954
+Sich vor das weite Münster: was darum geschah,
+Sie wolltens dazu bringen, daß sich die Königin
+Mit ihnen drängen müße; wohl war gar grimmig ihr Sinn.
+
+Da kam der Wirth des Landes und auch sein schönes Weib; 1955
+Mit reichem Gewände war ihr geziert der Leib
+Und manchem schnellen Degen, der im Geleit ihr war.
+Da flog der Staub zur Höhe vor der Königin Schar,
+
+Als der reiche König so gewaffnet sah 1956
+Die Fürsten und ihr Ingesind, wie bald sprach er da:
+"Was seh ich meine Freunde unter Helmen gehn?
+Leid war mir meiner Treue, wär ihnen Leid hier geschehn.
+
+"Das wollt ich ihnen büßen, wie sie es däuchte gut. 1957
+Wenn ihnen wer beschwerte das Herz und den Muth,
+So laß ich sie wohl schauen, es sei mir wahrlich leid:
+Was sie gebieten mögen, dazu bin ich gern bereit."
+
+Zur Antwort gab ihm Hagen: "Uns ist kein Leid geschehn. 1958
+Es ist der Herren Sitte, daß sie gewaffnet gehn
+Bei allen Gastgeboten zu dreien vollen Tagen.
+Was uns hier geschähe, wir würden es Etzeln klagen."
+
+Wohl vernahm die Königin Hagens Rede da. 1959
+Wie feindlich sie dem Degen unter die Augen sah!
+Sie wollte doch nicht melden den Brauch in ihrem Land,
+Wie lang bei den Burgunden sie den auch hatte gekannt.
+
+Wie grimm und stark die Königin ihnen abhold wäre, 1960
+Hätte Jemand Etzeln gesagt die rechte Märe,
+Er hätt es wohl gewendet, was nun doch geschah:
+In ihrem hohen Uebermuth verschwiegen sie es Alle da.
+
+Da schritt mit vielem Volke Kriemhild zur Kirchenthür: 1961
+Doch wollten diese Beiden weichen nicht vor ihr
+Zweier Hände Breite: das war den Heunen leid.
+Da muste sie sich drängen mit den Helden allbereit.
+
+Etzels Kämmerlinge die dauchte das nicht gut: 1962
+Wohl hätten sie den Recken gern erzürnt den Muth,
+Wenn sie es wagen dürften vor dem König hehr.
+Da gab es groß Gedränge und doch nichts anderes mehr.
+
+Als nach dem Gottesdienste man auf den Heimweg sann, 1963
+Da kam hoch zu Rosse mancher Heunenmann.
+Auch war bei Kriemhilden manche schöne Maid;
+Wohl Siebentausend zählte der Königin Heergeleit.
+
+Kriemhild mit ihren Frauen in den Fenstern saß 1964
+Bei Etzeln dem reichen; gerne sah er das.
+Sie wollten reiten sehen die Helden auserkannt:
+Hei! was man fremder Recken vor ihnen auf dem Hofe fand!
+
+Nun war auch mit den Rossen der Marschall gekommen. 1965
+Der kühne Dankwart hatte mit sich genommen
+Der Herren Ingesinde von Burgundenland:
+Die Rosse wohlgesattelt man den kühnen Niblungen fand.
+
+Als zu Rossen kamen die Fürsten und ihr Herr, 1966
+Da begann zu rathen der kühne Volker,
+Sie sollten buhurdieren nach ihres Landes Sitten.
+Da wurde von den Helden bald gar herrlich geritten.
+
+Was der Held gerathen, Niemanden wohl verdroß; 1967
+Der Buhurd und der Waffenklang wurden beide groß.
+In dem weiten Hofe kam da mancher Mann;
+Etzel mit Kriemhild es selbst zu schauen begann.
+
+Auf den Buhurd kamen sechshundert Degen. 1968
+Dietrichens Recken, den Gästen entgegen.
+Mit den Burgunden wollten sie sich im Spiel ergehn;
+Wollt es ihr Herr vergönnen, so wär es gerne geschehn.
+
+Hei! Was gute Recken ritten da heran! 1969
+Dietrich dem Helden ward es kund gethan.
+Mit Gunthers Ingesinde das Spiel er verbot;
+Er schonte seiner Leute: das that ihm sicherlich Noth.
+
+Als Dietrichs Gefolge so vermied den Streit, 1970
+Da kamen von Bechlaren Rüdigers Geleit,
+Fünfhundert unter Schilden, vor den Saal geritten.
+Leid wars dem Markgrafen: er hätt es gern nicht gelitten.
+
+Er kam zu ihnen eilends gedrungen durch die Schar 1971
+Und sagte seinen Mannen: sie würden selbst gewahr,
+Daß im Unmuth wären Die Gunthern unterthan:
+Wenn sie das Kampfspiel ließen, so wär ihm Liebes gethan.
+
+Als von ihnen schieden die Helden allbereit, 1972
+Da kamen die von Thüringen, hörten wir Bescheid,
+Und vom Dänenlande der Kühnen tausend Mann.
+Von Stichen sah man fliegen viel der Splitter hoch hinan.
+
+Irnfried und Hawart ritten zum Buhurd hin; 1973
+Ihrer harrten Die vom Rheine mit hochfährtgem Sinn
+Zum Lanzenspiel mit Denen vom Thüringerland:
+Durchbohrt von Stichen wurde mancher schöne Schildesrand.
+
+Da kam der Degen Blödel, dreitausend in der Schar. 1974
+Etzel und Kriemhild nahmen sein wohl war,
+Da vor ihnen Beiden das Ritterspiel geschah.
+Die Königin es gerne aus Haß der Burgunden sah.
+
+Sie gedacht in ihrem Sinne, schier wärs auch so geschehn: 1975
+"Und thäten sie wem Leides, so dürft ich mich versehn,
+Daß es zum Ernste käme: an den Feinden mein
+Würd ich dann gerochen; des wollt ich ohne Sorge sein."
+
+Schrutan und Gibeke ritten zum Buhurd auch, 1976
+Hornbog und Ramung, nach heunischem Gebrauch.
+Sie hielten vor den Helden aus Burgundenland:
+Die Schäfte flogen wirbelnd über des Königssaales Wand.
+
+Wie sie da Alle ritten, das war doch eitel Schall. 1977
+Von Stößen auf die Schilde das Haus und den Saal
+Hörte man ertosen durch manchen Gunthers-Mann.
+Das Lob sich sein Gesinde mit großen Ehren gewann.
+
+Da ward ihre Kurzweil so stark und so groß, 1978
+Daß den Satteldecken der blanke Schweiß entfloß
+Von den guten Rossen, so die Helden ritten.
+Sie versuchten an den Heunen sich mit hochfährtgen Sitten.
+
+Da sprach der kühne Volker, der edle Spielmann: 1979
+"Zu feig sind diese Degen, sie greifen uns nicht an.
+Ich hörte immer sagen, daß sie uns abhold sein:
+Nun könnte die Gelegenheit ihnen doch nicht günstger sein."
+
+"Zu den Ställen wieder," sprach der König hehr, 1980
+"Ziehe man die Rosse; wir reiten wohl noch mehr
+In den Abendstunden, wenn die Zeit erschien.
+Ob dann den Burgunden den Preis wohl giebt die Königin?"
+
+Da sahn sie Einen reiten so stattlich daher, 1981
+Es thats von allen Heunen kein Anderer mehr.
+Er hatt in den Fenstern wohl ein Liebchen traut:
+Er ritt so wohl gekleidet als eines werthen Ritters Braut.
+
+Da sprach wieder Volker: "Wie blieb' es ungethan? 1982
+Jener Weiberliebling muß einen Stoß empfahn.
+Das mag hier Niemand wenden, es geht ihm an den Leib:
+Nicht frag ich, ob drum zürne dem König Etzel sein Weib."
+
+"Nicht doch," sprach der König, "wenn ichs erbitten kann: 1983
+Es schelten uns die Leute, greifen wir sie an:
+Die Heunen laßt beginnen; es kommt wohl bald dahin."
+Noch saß König Etzel am Fester bei der Königin.
+
+"Ich will das Kampfspiel mehren," sprach Hagen jedoch: 1984
+"Laßt diese Frauen und die Degen noch
+Sehn, wie wir reiten können: das ist wohlgethan;
+Man läßt des Lobs doch wenig die Recken Gunthers empfahn."
+
+Volker der schnelle ritt wieder in den Streit. 1985
+Das schuf da viel der Frauen großes Herzeleid.
+Er stach dem reichen Heunen den Sper durch den Leib:
+Das sah man noch beweinen manche Maid und manches Weib.
+
+Alsbald rückt' auch Hagen mit seinen Helden an: 1986
+Mit sechzig seiner Degen zu reiten er begann
+Dahin, wo von dem Fiedler das Spiel war geschehn.
+Etzel und Kriemhild konnten Alles deutlich sehn.
+
+Da wollten auch die Könige den kühnen Fiedler gut 1987
+Unter den Feinden nicht laßen ohne Hut.
+Da ward von tausend Helden mit großer Kunst geritten.
+Sie thaten, was sie lüstete, mit gar hochfährtgen Sitten.
+
+Als der reiche Heune zu Tode war geschlagen, 1988
+Man hörte seiner Freunde Wehruf und Klagen.
+All das Gesinde fragte: "Wer hat das gethan?"
+"Das hat gethan der Fiedler, Volker der kühne Spielmann."
+
+Nach Schwertern und Schilden riefen gleich zur Hand 1989
+Des Markgrafen Freunde von der Heunen Land:
+Zu Tode schlagen wollten sie den Fiedelmann.
+Der Wirth von seinem Fenster daher zu eilen begann.
+
+Da hob sich von den Heunen allenthalben Schall. 1990
+Abstiegen mit dem Volke die Könge vor dem Saal;
+Zurück die Rosse stießen Die Gunthern unterthan.
+Da kam der König Etzel den Streit zu schlichten heran.
+
+Einem Vetter dieses Heunen, den er da bei ihm fand, 1991
+Eine scharfe Waffe brach er ihm aus der Hand
+Und schlug sie all zurücke: er war in großem Zorn.
+"Wie hätt ich meine Dienste an diesen Helden verlorn!
+
+"Wenn ihr diesen Spielmann hättet drum erschlagen, 1992
+Ich ließ' euch alle hängen! das will ich euch sagen.
+Als er erstach den Heunen, sein Reiten wohl ich sah,
+Daß es wider seinen Willen nur durch Straucheln geschah.
+
+"Ihr sollt meine Gäste mit Frieden laßen ziehn." 1993
+So ward er ihr Geleite. Die Rosse zog man hin
+Zu den Herbergen. Sie hatten manchen Knecht,
+Der ihnen war zu Diensten mit allem Fleiße gerecht.
+
+Der Wirth mit seinen Freunden gieng zum Saal zurück: 1994
+Da regte sich kein Zürnen mehr vor seinem Blick.
+Man richtete die Tische, das Wasser man auch trug.
+Da hatten Die vom Rheine der starken Feinde genug.
+
+Unlieb war es Etzeln, doch folgte manche Schar 1995
+Den Fürsten, die mit Waffen wohl versehen war,
+Im Unmuth auf die Gäste, als man zu Tische gieng,
+Den Freund bedacht zu rächen, wenn es günstge Zeit verhieng.
+
+"Daß ihr in Waffen lieber zu Tische geht als bloß," 1996
+Sprach der Wirth des Landes, "die Unart ist zu groß;
+Wer aber an den Gästen den kleinsten Frevel wagt,
+Der büßt es mit dem Haupte: das sei euch Heunen gesagt."
+
+Bevor da niedersaßen die Herren, das währte lang, 1997
+Weil zu sehr mit Sorgen jetzt Frau Kriemhild rang.
+Sie sprach: "Fürst von Berne, heute muß ich flehn
+Zu dir um Rath und Hülfe: meine Sachen ängstlich stehn."
+
+Zur Antwort gab ihr Hildebrand, eine Recke tugendlich: 1998
+"Wer schlägt die Nibelungen, der thut es ohne mich,
+Wie viel man Schätze böte; es wird ihm wahrlich leid.
+Sie sind noch unbezwungen, die schnellen Ritter allbereit."
+
+"Es geht mir nur um Hagen, der hat mir Leid gethan, 1999
+Der Siegfrieden mordete, meinen lieben Mann.
+Wer den von ihnen schiede, dem wär mein Gold bereit:
+Entgält es anders Jemand, das wär mir inniglich leid."
+
+Da sprach Meister Hildebrand: "Wie möchte das geschehn, 2000
+Den ihnen zu erschlagen? Ihr solltet selber sehn:
+Bestünde man den Degen, leicht gäb es eine Noth,
+Daß Arme so wie Reiche dabei erlägen im Tod."
+
+Da sprach dazu Herr Dietrich mit zuchtreichem Sinn: 2001
+"Die Rede laßt bleiben, reiche Königin;
+Mir ist von euern Freunden kein solches Leid geschehn,
+Daß ich sollt im Streite die kühnen Degen bestehn.
+
+"Die Bitte ehrt euch wenig, edel Königsweib, 2002
+Daß ihr den Freunden rathet an Leben und an Leib.
+Sie kamen euch auf Gnade hieher in dieses Land;
+Siegfried bleibt ungerochen wohl von Dietrichens Hand."
+
+Als sie keine Untreu bei dem Berner fand, 2003
+Alsobald gelobte sie Blödeln in die Hand
+Eine weite Landschaft, die Nudung einst besaß;
+Hernach erschlug ihn Dankwart, daß er der Gabe gar vergaß.
+
+Sie sprach: "Du sollst mir helfen, Bruder Blödelein. 2004
+Hier in diesem Hause sind die Feinde mein,
+Die Siegfrieden schlugen, meinen lieben Mann:
+Wer mir das rächen hülfe, dem war ich immer unterthan."
+
+Zur Antwort gab ihr Blödel, der ihr zur Seite saß: 2005
+"Ich darf euern Freunden nicht zeigen solchen Haß,
+Weil sie mein Bruder Etzel so gerne leiden mag:
+Wenn ich sie bestünde, der König säh es mir nicht nach."
+
+"Nicht also, Herr Blödel, ich bin dir immer hold: 2006
+Ich gebe dir zum Lohne mein Silber und mein Gold
+Und eine schöne Witwe, Nudungens Weib:
+So magst du immer kosen ihren minniglichen Leib.
+
+"Das Land zu den Burgen, Alles geb ich dir, 2007
+So lebst du, theurer Ritter, in Freuden stäts mit ihr,
+Wenn du die Mark gewinnest, die Nudung einst besaß.
+Was ich dir hier gelobe, mit Treuen leist ich dir das."
+
+Als Blödel bieten hörte des Lohnes also viel 2008
+Und ihrer Schöne willen die Frau ihm wohlgefiel,
+Im Kampf verdienen wollt er das minnigliche Weib.
+Da muste dieser Recke verlieren Leben und Leib.
+
+Er sprach zu der Königin: "Geht wieder in den Saal. 2009
+Eh man es inne werde, erheb ich großen Schall.
+Hagen muß es büßen, was er euch hat gethan:
+Ich bring euch gebunden König Gunthers Unterthan."
+
+"Nun waffnet euch," sprach Blödel, "ihr all in meinem Lehn, 2010
+Wir wollen zu den Feinden in die Herberge gehn.
+Mir will es nicht erlaßen König Etzels Weib:
+Wir Helden müßen alle verwagen Leben und Leib."
+
+Als den Degen Blödel entließ die Königin, 2011
+Daß er den Streit begänne, zu Tische gieng sie hin
+Mit Etzeln dem Könige und manchem Unterthan.
+Sie hatte schlimme Räthe wider die Gäste gethan.
+
+Wie sie zu Tische giengen, das will ich euch sagen: 2012
+Man sah reiche Könige die Krone vor ihr tragen;
+Manchen hohen Fürsten und viel der werthen Degen
+Sah man großer Demuth vor der Königin pflegen.
+
+Der König wies den Gästen die Sitze überall, 2013
+Den Höchsten und den Besten neben sich im Saal.
+Den Christen und den Heiden die Kost er unterschied;
+Man gab die Fülle beiden, wie es der weise König rieth.
+
+In der Herberge aß ihr Ingesind: 2014
+Von Truchsäßen ward es da allein bedient;
+Die hatten es zu speisen großen Fleiß gepflogen.
+Die Bewirtung und die Freude ward bald mit Jammer aufgewogen.
+
+Da nicht anders konnte erhoben sein der Streit, 2015
+Kriemhilden lag im Herzen begraben altes Leid,
+Da ließ sie zu den Tischen tragen Etzels Sohn:
+Wie könnt ein Weib aus Rache wohl entsetzlicher thun?
+
+Da kamen vier gegangen aus Etzels Ingesind 2016
+Und brachten Ortlieben, das junge Königskind,
+Den Fürsten an die Tafel, wo auch Hagen saß.
+Das Kind must ersterben durch seinen mordlichen Haß.
+
+Als der reiche König seinen Sohn ersah, 2017
+Zu seiner Frauen Brüdern gütlich sprach er da:
+"Nun schaut, meine Freunde, das ist mein einzig Kind
+Und das eurer Schwester, von dem ihr Frommen einst gewinnt.
+
+"Geräth er nach dem Stamme, er wird ein starker Mann, 2018
+Reich dazu und edel, kühn und wohlgethan.
+Erleb ich es, ich geb ihm zwölf reicher Könge Land:
+So thut euch wohl noch Dienste des jungen Ortliebens Hand.
+
+"Darum bät ich gerne euch, lieben Freunde mein, 2019
+Wenn ihr heimwärts reitet wieder an den Rhein,
+Daß ihr dann mit euch nehmet eurer Schwester Kind;
+Und seid auch dem Knaben immer gnädig gesinnt.
+
+"Erzieht ihn nach Ehren, bis er geräth zum Mann: 2020
+Hat euch in den Landen Jemand ein Leid gethan,
+So hilft er euch es rächen, erwuchs ihm erst der Leib."
+Die Rede hörte Kriemhild mit an, König Etzels Weib.
+
+"Ihm sollten wohl vertrauen alle diese Degen, 2021
+Wenn er zum Mann erwüchse," sprach Hagen entgegen;
+"Doch ist der junge König so schwächlich anzusehn:
+Man soll mich selten schauen nach Hof zu Ortlieben gehn."
+
+Der König blickt' auf Hagen; die Rede war ihm leid. 2022
+Wenn er auch nichts erwiederte, der König allbereit,
+Es betrübt' ihn in der Seele und beschwert' ihm den Muth.
+Da waren Hagens Sinne zu keiner Kurzweile gut.
+
+Es schmerzte wie den König sein fürstlich Ingesind, 2023
+Was Hagen da gesprochen hatte von dem Kind.
+Daß sie's vertragen sollten, gieng ihnen allen nah;
+Noch konnten sie nicht wißen, was von dem Recken bald geschah.
+
+Gar Manche, die es hörten und ihm trugen Groll, 2024
+Hätten ihn gern bestanden; der König selber wohl,
+Wenn er mit Ehren dürfte: so käm der Held in Noth.
+Bald that ihm Hagen Aergeres, er schlug ihn ihm vor Augen todt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Blödel mit Dankwart in der Herberge Stritt.
+
+
+Blödels Recken standen gerüstet allzumal. 2025
+In tausend Halsbergen erreichten sie den Saal,
+Wo Dankwart mit den Knechten an den Tischen saß.
+Da hob sich unter Helden der allergrimmigste Haß.
+
+Als der Degen Blödel vor die Tische gieng, 2026
+Dankwart der Marschall ihn freundlich empfieng:
+"Willkommen hier im Hause, mein Herr Blödelein:
+Mich wundert euer Kommen: sagt, was soll die Märe sein?"
+
+"Du brauchst mich nicht zu grüßen," sprach da Blödelein, 2027
+"Denn dieses mein Kommen muß dein Ende sein
+Um Hagen deinen Bruder, der Siegfrieden schlug.
+Des entgiltst du bei den Heunen und andre Helden genug."
+
+"Nicht doch, mein Herr Blödel," sprach da Dankwart, 2028
+"So möchte sehr uns reuen zu Hofe diese Fahrt.
+Ich war ein Kind, als Siegfried Leben ließ und Leib:
+Nicht weiß ich, was mir wolle dem König Etzel sein Weib."
+
+"Ich weiß dir von der Märe nicht mehr zu sagen; 2029
+Es thatens deine Freunde, Gunther und Hagen.
+Nun wehrt euch, ihr Armen, ihr könnt nicht länger leben,
+Ihr müßt mit dem Tode hier ein Pfand Kriemhilden geben."
+
+"Wollt ihrs nicht laßen?" sprach da Dankwart, 2030
+"So gereut mich meines Flehens: hätt ich das gespart!"
+Der schnelle kühne Degen von dem Tische sprang,
+Eine scharfe Waffe zog er, die war gewaltig und lang.
+
+Damit schlug er Blödeln einen schwinden Schwertesschlag, 2031
+Daß ihm das Haupt im Helme vor den Füßen lag.
+"Das sei die Morgengabe," sprach der schnelle Degen,
+"Zu Nudungens Witwe, die du mit Minne solltest pflegen.
+
+"Vermähle man sie morgen einem andern Mann: 2032
+Will er den Brautschatz, wird ihm wie dir gethan."
+Ein getreuer Heune hatt ihm das hinterbracht,
+Wie die Königstochter auf ihr Verderben gedacht.
+
+Da sahen Blödels Mannen, ihr Herr sei erschlagen; 2033
+Das wollten sie den Gästen länger nicht vertragen.
+Mit aufgehobnen Schwertern auf die Knappen ein
+Drangen sie mit Ingrimm: das muste Manchen gereun.
+
+Laut rief da Dankwart all die Knappen an: 2034
+"Ihr seht wohl, edle Knechte, es ist um uns gethan,
+Nun wehrt euch, ihr Armen, wie euch zwingt die Noth,
+Daß ihr ohen Schanden erliegt in wehrlichem Tod."
+
+Die nicht Schwerter hatten, die griffen vor die Bank, 2035
+Vom Boden aufzuheben manchen Schemel lang.
+Die Burgundenknechte wollten nichts vertragen:
+Mit schweren Stühlen sah man starker Beulen viel geschlagen.
+
+Wie grimm die armen Knappen sich wehrten in dem Strauß! 2036
+Sie trieben zu dem Hause die Gewaffneten hinaus:
+Fünfhundert oder drüber erlagen drin dem Tod.
+Da war das Ingesinde vom Blute naß und auch roth.
+
+Diese schwere Botschaft drang in kurzer Zeit 2037
+Zu König Etzels Recken: ihnen wars grimmig leid,
+Daß mit seinen Mannen Blödel den Tod gewann;
+Das hatte Hagens Bruder mit den Knechten gethan.
+
+Eh es vernahm der König, stand schon ein Heunenheer 2038
+In hohem Zorn gerüstet, zweitausend oder mehr.
+Sie giengen zu den Knechten, es muste nun so sein,
+Und ließen des Gesindes darin nicht Einen gedeihn.
+
+Die Ungetreuen brachten vors Haus ein mächtig Heer. 2039
+Die landlosen Knechte standen wohl zu Wehr.
+Was half da Kraft und Kühnheit? sie fanden doch den Tod.
+Darnach in kurzer Weile hob sich noch grimmere Noth.
+
+Nun mögt ihr Wunder hören und Ungeheures sagen: 2040
+Neuntausend Knechte lagen todt geschlagen,
+Darüber zwölf Ritter in Dankwartens Lehn.
+Man sah ihn weltalleine noch bei seinen Feinden stehn.
+
+Der Lärm war beschwichtigt, das Tosen eingestellt. 2041
+Ueber die Achsel blickte Dankwart der Held:
+Er sprach: "O weh der Freunde, die ich fallen sah!
+Nun steh ich leider einsam unter meinen Feinden da."
+
+Die Schwerter fielen heftig auf des Einen Leib: 2042
+Das muste bald beweinen manches Helden Weib.
+Den Schild rückt' er höher, der Riemen ward gesenkt:
+Mit rothem Blute sah man noch manchen Harnisch getränkt.
+
+"O weh mir dieses Leides!" sprach Aldrianens Kind. 2043
+"Nun weicht, Heunenrecken, und laßt mich an den Wind,
+Daß die Lüfte kühlen mich sturmmüden Mann."
+Da drang er auf die Thüre unter Schlägen herrlich an.
+
+Als der Streitmüde aus dem Hause sprang, 2044
+Wie manches Schwert von Neuem auf seinem Helm erklang!
+Die nicht gesehen hatten die Wunder seiner Hand,
+Die sprangen da entgegen dem aus Burgundenland.
+
+"Nun wollte Gott," sprach Dankwart, "daß mir ein Bote käm, 2045
+Durch den mein Bruder Hagen Kunde vernähm,
+Daß ich vor diesen Recken steh in solcher Noth.
+Der hülfe mir von hinnen oder fände selbst den Tod."
+
+Da sprachen Heunenrecken: "Der Bote must Du sein, 2046
+Wenn wir todt dich tragen vor den Bruder dein.
+Dann sieht erst sein Herzeleid Gunthers Unterthan.
+Du hast dem König Etzel hier großen Schaden gethan."
+
+Er sprach: "Nun laßt das Dräuen und weicht zurück von mir, 2047
+Sonst netz ich noch Manchem mit Blut den Harnisch hier.
+Ich will die Märe selber hin zu Hofe tragen
+Und will meinen Herren meinen großen Kummer klagen."
+
+Er verleidete so sehr sich dem Volk in Etzels Lehn, 2048
+Daß sie ihn mit Schwertern nicht wagten zu bestehn:
+Da schoßen sie der Spere so viel ihm in den Rand,
+Er must ihn seiner Schwere wegen laßen aus der Hand.
+
+Sie wähnten ihn zu zwingen, weil er den Schild nicht trug; 2049
+Hei, was er tiefer Wunden durch die Helme schlug!
+Da muste vor ihm Straucheln mancher kühne Mann,
+Daß sich viel Lob und Ehre der kühne Dankwart gewann.
+
+Von beiden Seiten sprangen die Gegner auf ihn zu. 2050
+Wohl kam ihrer Mancher in den Kampf zu fruh.
+Da gieng er vor den Feinden, wie ein Eberschwein
+Im Walde thut vor Hunden: wie möcht er wohl kühner sein?
+
+Sein Weg war stäts aufs Neue genetzt mit heißem Blut. 2051
+Wie konnte je ein Recke allein wohl so gut
+Mit so viel Feinden streiten, als hier von ihm geschehn?
+Man sah Hagens Bruder herrlich hin zu Hofe gehn.
+
+Truchsäßen und Schenken vernahmen Schwerterklang: 2052
+Gar mancher die Getränke aus den Händen schwang
+Oder auch die Speisen, die man zu Hofe trug.
+Da fand er vor der Stiege noch starker Feinde genug.
+
+"Wie nun, ihr Truchsäßen?" sprach der müde Degen, 2053
+"Nun solltet ihr die Gäste gütlich verpflegen
+Und solltet den Herren die edle Speise tragen
+Und ließet mich die Märe meinen lieben Herren sagen."
+
+Wer da den Muth gewonnen und vor die Stieg ihm sprang, 2054
+Deren schlug er etlichen so schweren Schwertesschwang,
+Daß ihm aus Schreck die Andern ließen freie Bahn.
+Da hatten seine Kräfte viel große Wunder gethan.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Dankwart die Märe seinen Herren brachte.
+
+
+Als der kühne Dankwart unter die Thüre trat 2055
+Und Etzels Ingesinde zurückzuweichen bat,
+Mit Blut war beronnen all sein Gewand;
+Eine scharfe Waffe trug er bloß an seiner Hand.
+
+Gerade in der Stunde, als Dankwart trat zur Thür, 2056
+Trug man Ortlieben im Saale für und für
+Von einem Tisch zum andern den Fürsten wohlgeboren:
+Durch seine schlimme Botschaft gieng das Kindlein verloren.
+
+Hellauf rief da Dankwart einem Degen zu: 2057
+"Ihr sitzt, Bruder Hagen, hier zu lang in Ruh.
+Euch und Gott vom Himmel klag ich unsre Noth:
+Ritter und Knechte sind in der Herberge todt."
+
+Der rief ihn hin entgegen: "Wer hat das gethan?" 2058
+"Das that der Degen Blödel und Die ihm unterthan.
+Auch hat ers schwer entgolten, das will ich euch sagen:
+Mit diesen Händen hab ich ihm sein Haupt abgeschlagen."
+
+"Das ist ein kleiner Schade," sprach Hagen unverzagt, 2059
+"Wenn man solche Märe von einem Degen sagt,
+Daß er von Heldenhänden zu Tode sei geschlagen:
+Den sollen desto minder die schönen Frauen beklagen.
+
+"Nun sagt mir, lieber Bruder, wie seid ihr so roth? 2060
+Ich glaube gar, ihr leidet von Wunden große Noth.
+Ist der wo hier im Lande, von dem das ist geschehn?
+Der üble Teufel helf ihm denn: sonst muß es ihm ans Leben gehn."
+
+"Ihr seht mich unverwundet: mein Kleid ist naß von Blut. 2061
+Das floß nur aus Wunden andrer Degen gut,
+Deren ich so Manchen heute hab erschlagen,
+Wenn ichs beschwören sollte, ich wüste nicht die Zahl zu sagen."
+
+Da sprach er: "Bruder Dankwart, so hütet uns die Thür 2062
+Und laßt von den Heunen nicht Einen Mann herfür.
+So red ich mit den Recken, wie uns zwingt die Noth:
+Unser Ingesinde liegt ohne Schuld von ihnen todt."
+
+"Soll ich Kämmrer werden?" sprach der kühne Mann, 2063
+"Bei so reichen Königen steht mir das Amt wohl an:
+Der Stiege will ich hüten nach allen Ehren mein."
+Kriemhildens Recken konnte das nicht leider sein.
+
+"Nun nimmt mich doch Wunder," sprach wieder Hagen, 2064
+"Was sich die Heunen hier in die Ohren sagen:
+Sie möchten sein entbehren, der dort die Thür bewacht
+Und der die Hofmären den Burgunden hat gebracht.
+
+"Ich hörte schon lange von Kriemhilden sagen, 2065
+Daß sie nicht ungerochen ihr Herzleid wolle tragen.
+Nun trinken wir die Minne und zahlen Etzels Wein:
+Der junge Vogt der Heunen muß hier der allererste sein."
+
+Ortlieb das Kind erschlug da Hagen der Degen gut, 2066
+Daß vom Schwerte nieder zur Hand ihm floß das Blut
+Und das Haupt herabsprang der Köngin in den Schoß.
+Da hob sich unter Degen ein Morden grimmig und groß.
+
+Darauf dem Hofmeister der des Kindes pflag, 2067
+Mit beiden Händen schlug er einen schnellen Schlag,
+Daß vor des Tisches Füße das Haupt ihm niederflog:
+Es war ein jämmerlicher Lohn, den er dem Hofmeister wog.
+
+Er sah vor Etzels Tische einen Spielmann: 2068
+Hagen in seinem Zorne lief zu ihm heran.
+Er schlug ihm auf der Geigen herab die rechte Hand.
+"Das habe für die Botschaft in der Burgunden Land."
+
+"Ach meine Hand," sprach Werbel, Etzels Spielmann: 2069
+"Herr Hagen von Tronje, was hatt ich euch gethan?
+Ich kam in großer Treue in eurer Herren Land:
+Wie kläng ich nun die Töne, da ich verlor meine Hand?"
+
+Hagen fragte wenig, und geigt' er nimmermehr. 2070
+Da kühlt' er in dem Hause die grimme Mordlust sehr
+An König Etzels Recken, deren er viel erschlug:
+Er bracht in dem Saale zu Tod der Recken genug.
+
+Volker sein Geselle von dem Tische sprang, 2071
+Daß laut der Fiedelbogen ihm an der Hand erklang.
+Ungefüge siedelte Gunthers Fiedelmann:
+Hei! was er sich zu Feinden der kühnen Heunen gewann!
+
+Auch sprangen von den Tischen die drei Könge hehr. 2072
+Sie wolltens gerne schlichten, eh Schadens würde mehr.
+Doch strebten ihre Kräfte umsonst dawider an,
+Da Volker mit Hagen so sehr zu wüten begann.
+
+Nun sah der Vogt vom Rheine, er scheide nicht den Streit: 2073
+Da schlug der König selber manche Wunde weit
+Durch die lichten Panzer den argen Feinden sein.
+Der Held war behende, das zeigte hier der Augenschein.
+
+Da kam auch zu dem Streite der starke Gernot: 2074
+Wohl schlug er den Heunen manchen Helden todt
+Mit dem scharfen Schwerte, das Rüdeger ihm gab:
+Damit bracht er Manche von Etzels Recken ins Grab.
+
+Der jüngste Sohn Frau Utens auch zu dem Streite sprang: 2075
+Sein Gewaffen herrlich durch die Helme drang
+König Etzels Recken aus der Heunen Land;
+Da that viel große Wunder des kühnen Geiselher Hand.
+
+Wie tapfer alle waren, die Könge wie ihr Lehn, 2076
+Jedennoch sah man Volkern voran all Andern stehn
+Bei den starken Feinden; er war ein Degen gut:
+Er förderte mit Wunden Manchen nieder in das Blut.
+
+Auch wehrten sich gewaltig Die in Etzels Lehn. 2077
+Die Gäste sah man hauend auf und nieder gehn
+Mit den lichten Schwertern durch des Königs Saal.
+Allenthalben hörte man von Wehruf größlichen Schall.
+
+Da wollten die da draußen zu ihren Freunden drin: 2078
+Sie fanden an der Thüre gar wenig Gewinn;
+Da wollten die da drinnen gerne vor den Saal:
+Dankwart ließ keinen die Stieg empor noch zu Thal.
+
+So hob sich vor den Thüren ein ungestümer Drang 2079
+Und von den Schwerthieben auf Helme lauter Klang.
+Da kam der kühne Dankwart in eine große Noth:
+Das berieth sein Bruder, wie ihm die Treue gebot.
+
+Da rief mit lauter Stimme Hagen Volkern an: 2080
+"Seht ihr dort, Geselle, vor manchem Heunenmann
+Meinen Bruder stehen unter starken Schlägen?
+Schützt mir, Freund, den Bruder, eh wir verlieren den Degen."
+
+Der Spielmann entgegnete: "Das soll alsbald geschehn." 2081
+Dann begann er fiedelnd durch den Saal zu gehn:
+Ein hartes Schwert ihm öfters an der Hand erklang.
+Vom Rhein die Recken sagten dafür ihm größlichen Dank.
+
+Volker der kühne zu Dankwarten sprach: 2082
+"Ihr habt erlitten heute großes Ungemach.
+Mich bat euer Bruder, ich sollt euch helfen gehn;
+Wollt ihr nun draußen bleiben, so will ich innerhalben stehn."
+
+Dankwart der schnelle stand außerhalb der Thür: 2083
+So wehrt' er von der Stiege, wer immer trat dafür.
+Man hörte Waffen hallen den Helden an der Hand;
+So that auch innerhalben Volker von Burgundenland.
+
+Da rief der kühne Fiedelmann über die Menge laut: 2084
+"Das Haus ist wohl verschlossen, ihr, Freund Hagen, schaut
+Verschränkt ist so völlig König Etzels Thür,
+Von zweier Helden Händen gehn ihr wohl tausend Riegel für."
+
+Als von Tronje Hagen die Thüre sah in Hut, 2085
+Den Schild warf zurücke der schnelle Degen gut:
+Nun begann er erst zu rächen seiner Freunde Leid.
+Seines Zornes must entgelten mancher Ritter kühn im Streit.
+
+Als der Vogt von Berne das Wunder recht ersah, 2086
+Wie der starke Hagen die Helme brach allda,
+Der Fürst der Amelungen sprang auf eine Bank.
+Er sprach: "Hier schenkt Hagen den allebittersten Trank."
+
+Der Wirth war sehr in Sorgen, sein Weib in gleicher Noth. 2087
+Was schlug man lieber Freunde ihm vor den Augen todt!
+Er selbst war kaum geborgen vor seiner Feinde Schar.
+Er saß in großen Aengsten: was half ihm, daß er König war?
+
+Kriemhild die reiche rief Dietrichen an: 2088
+"Hilf mir mit dem Leben, edler Held, hindann,
+Bei aller Fürsten Tugend aus Amelungenland:
+Denn erreicht mich Hagen, hab ich den Tod an der Hand."
+
+"Wie soll ich euch helfen," sprach da Dietrich, 2089
+"Edle Königstochter? ich sorge selbst um mich.
+Es sind so sehr im Zorne Die Gunthern unterthan,
+Daß ich zu dieser Stunde Niemand Frieden schaffen kann."
+
+"Nicht also, Herr Dietrich, edler Degen gut: 2090
+Laß uns heut erscheinen deinen tugendreichen Muth
+Und hilf mir von hinnen, oder ich bleibe todt.
+Bring mich und den König aus dieser angstvollen Noth."
+
+"Ich will es versuchen, ob euch zu helfen ist, 2091
+Jedoch sah ich wahrlich nicht in langer Frist
+In so bitterm Zorne manchen Ritter gut:
+Ich seh ja durch die Helme von Hieben springen das Blut."
+
+Mit Kraft begann zu rufen der Ritter auserkorn, 2092
+Daß seine Stimme hallte wie ein Büffelhorn
+Und daß die weite Veste von seiner Kraft erscholl.
+Dietrichens Stärke die war gewaltig und voll.
+
+Da hörte König Gunther rufen diesen Mann 2093
+In dem harten Sturme. Zu horchen hub er an:
+"Dietrichens Stimme ist in mein Ohr gekommen,
+Ihm haben unsre Degen wohl der Seinen wen benommen.
+
+"Ich seh ihn auf dem Tische winken mit der Hand. 2094
+Ihr Vettern und Freunde von Burgundenland,
+Haltet ein mit Streiten: laßt hören erst und sehn,
+Was hier Dietrichen von meinen Mannen sei geschehn."
+
+Als so der König Gunther bat und auch gebot, 2095
+Da senkten sie die Schwerter in des Streites Noth.
+Das war Gewalt bewiesen, daß Niemand da mehr schlug.
+Er fragte den von Berne um die Märe schnell genug.
+
+Er sprach: "Viel edler Dietrich, was ist euch geschehn 2096
+Hier von meinen Freunden? Ihr sollt mich willig sehn:
+Zur Sühne und zur Buße bin ich euch bereit.
+Was euch Jemand thäte, das war mir inniglich leid."
+
+Da sprach der edle Dietrich: "Mir ist nichts geschehn! 2097
+Laßt mich aus dem Hause mit euerm Frieden gehn
+Von diesem harten Streite mit dem Gesinde mein.
+Dafür will ich euch Degen stäts zu Dienst beflißen sein."
+
+"Was müßt ihr also flehen?" sprach da Wolfhart, 2098
+"Es hält der Fiedelspieler die Thür nicht so verwahrt,
+Wir erschließen sie so mächtig, daß man ins Freie kann."
+"Nun schweig," sprach da Dietrich, "du hast den Teufel gethan."
+
+Da sprach der König Gunther: "Das sei euch freigestellt: 2099
+Führt aus dem Hause, so viel euch gefällt,
+Ohne meine Feinde: die sollen hier bestehn.
+Von ihnen ist mir Leides bei den Heunen viel geschehn."
+
+Als das der Berner hörte, mit einem Arm umschloß 2100
+Er die edle Königin; ihre Angst war groß;
+Da führt er an dem andern Etzeln aus dem Haus.
+Auch folgten Dietrichen sechshundert Degen hinaus.
+
+Da begann der Markgraf, der edle Rüdiger: 2101
+"Soll aber aus dem Hause noch kommen Jemand mehr,
+Der euch doch gerne diente, so macht es mir kund:
+So walte stäter Friede in getreuer Freunde Bund."
+
+Antwort seinem Schwäher gab Geiselher zuhand: 2102
+"Frieden und Sühne sei euch von uns bekannt;
+Ihr haltet stäte Treu, ihr und euer Lehn,
+Ihr sollt mit euren Freunden ohne Sorgen hinnen gehn."
+
+Als Rüdiger der Markgraf räumte Etzels Saal, 2103
+Fünfhundert oder drüber folgten ihm zumal.
+Das ward von den Helden aus Treue gethan,
+Wodurch König Gunther bald großen Schaden gewann.
+
+Da sah ein Heunenrecken König Etzeln gehn 2104
+Neben Dietrichen: des wollt er Frommen sehn.
+Dem gab der Fiedelspieler einen solchen Schlag,
+Daß ihm gleich am Boden das Haupt vor Etzels Füßen lag.
+
+Als der Wirth des Landes kam vor des Hauses Thor, 2105
+Da wandt er sich und blickte zu Volkern empor:
+"O weh mir dieser Gäste: wie ist das grimme Noth,
+Daß alle meine Recken vor ihnen finden den Tod!"
+
+"Ach weh des Hofgelages!" sprach der König hehr: 2106
+"Da drinnen ficht Einer, der heißt Volker,
+Wie ein wilder Eber und ist ein Fiedelmann;
+Ich dank es meinem Heile, daß ich dem Teufel entrann.
+
+"Seine Weisen lauten übel, sein Bogenstrich ist roth; 2107
+Mir schlagen seine Töne manchen Helden todt.
+Ich weiß nicht, was uns Schuld giebt derselbe Fiedelmann,
+Daß ich in meinem Leben so leiden Gast nicht gewann."
+
+Zur Herberge giengen die beiden Recken hehr, 2108
+Dietrich von Berne und Markgraf Rüdiger.
+Sie selber wollten gerne des Streits entledigt sein
+Und geboten auch den Degen, daß sie den Kampf sollten scheun.
+
+Und hätten sich die Gäste versehn der Leiden, 2109
+Die ihnen werden sollten noch von den Beiden,
+Sie wären aus dem Hause so leicht nicht gekommen,
+Eh sie eine Strafe von den Kühnen hätten genommen.
+
+Sie hatten, die sie wollten, entlaßen aus dem Saal: 2110
+Da hob sich innerhalben ein furchtbarer Schall.
+Die Gäste rächten bitter ihr Leid und ihre Schmach.
+Volker der kühne, hei, was der Helme zerbrach!
+
+Sich kehrte zu dem Schalle Gunther der König hehr: 2111
+"Hört ihr die Töne, Hagen, die dorten Volker
+Mit den Heunen fiedelt, wenn wer zur Thüre trat?
+Es ist ein rother Anstrich, den er am Fiedelbogen hat."
+
+"Es reut mich ohne Maßen," sprach Hagen entgegen, 2112
+"Daß ich je mich scheiden mußte von dem Degen.
+Ich war sein Geselle, er der Geselle mein,
+Und kehren wir je wieder heim, wir wollens noch in Treuen sein.
+
+"Nun schau, hehrer König, Volker ist dir hold: 2113
+Wie will er verdienen dein Silber und dein Gold!
+Sein Fiedelbogen schneidet durch den harten Stahl,
+Er wirft von den Helmen die hellen Zierden zu Thal.
+
+"Ich sah nie Fiedelspieler noch so herrlich stehn, 2114
+Als diesen Tag von Volker dem Degen ist geschehn.
+Seine Weisen hallen durch Helm und Schildesrand:
+Gute Rosse soll er reiten und tragen herrlich Gewand."
+
+So viel der Heunendegen auch waren in dem Saal, 2115
+Nicht Einer blieb am Leben von ihnen allzumal.
+Da war der Schall beschwichtigt, als Niemand blieb zum Streit.
+Die kühnen Recken legten da ihre Schwerter beiseit.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie sie die Todten aus dem Saale warfen.
+
+
+Da setzten sich aus Müdigkeit die Herrn und ruhten aus. 2116
+Volker und Hagen die giengen vor das Haus
+Ueber den Schild sich lehnend in ihrem Uebermuth:
+Da pflagen launger Reden diese beiden Helden gut.
+
+Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 2117
+"Noch dürft ihr, lieben Freunde, nicht der Ruhe pflegen:
+Ihr sollt erst die Todten aus dem Hause tragen.
+Wir werden noch bestanden, das will ich wahrlich euch sagen.
+
+"Sie sollen untern Füßen uns hier nicht länger liegen, 2118
+bevor im Sturm die Heunen mögen uns besiegen,
+Wir haun noch manche Wunde, die gar sanft mir thut.
+Des hab ich," sprach da Geiselher, "einen willigen Muth."
+
+"O wohl mir solches Herren," sprach Hagen entgegen. 2119
+"Der Rath geziemte Niemand als einem solchen Degen,
+Wie unsern jungen Herren wir heute hier gesehn:
+Ihr Burgunden möget all darob in Freuden stehn.
+
+Da folgten sie dem Rathe und trugen vor die Thür 2120
+Siebentausend Todte, die warfen sie dafür.
+Vor des Saales Stiege fielen sie zu Thal:
+Da erhoben ihre Freunde mit Jammern kläglichen Schall.
+
+Auch war darunter Mancher nur so mäßig wund, 2121
+Käm ihm sanftre Pflege, er würde noch gesund;
+Doch von dem hohen Falle fand er nun den Tod.
+Das klagten ihre Freunde; es zwang sie wahrhafte Noth.
+
+Da sprach der Fiedelspieler, der Degen unverzagt: 2122
+"Nun seh ich wohl, sie haben mir Wahrheit gesagt:
+Die Heunen sind feige, sie klagen wie ein Weib,
+Da sie nun pflegen sollten der Schwerverwundeten Leib."
+
+Da mocht ein Markgraf wähnen, er meint es ernst und gut: 2123
+Ihm war der Vettern Einer gefallen in das Blut;
+Den dacht' er wegzutragen und wollt ihn schon umfahn:
+Da schoß ob ihm zu Tode den der kühne Spielmann.
+
+Als das die Andern sahen, sie flohen von dem Saal. 2124
+Dem Spielmann zu fluchen begannen sie zumal.
+Einen Sper hob Volker vom Boden, scharf und hart,
+Der von einem Heunen zu ihm hinauf geschoßen ward.
+
+Den schoß er durch den Burghof zurück kräftiglich 2125
+Ueber ihre Häupter. Das Volk Etzels wich
+Erschreckt von dem Wurfe weiter von dem Haus.
+Vor seinen Kräften hatten alle Leute Schreck und Graus,
+
+Da stand vor dem Hause Etzel mit manchem Mann. 2126
+Volker und Hagen huben zu reden an
+Mit dem Heunenkönig nach ihrem Uebermuth.
+Das schuf bald große Sorge diesen Helden kühn und gut.
+
+"Wohl wär es," sprach da Hagen, "des Volkes Trost im Leid, 2127
+Wenn die Herren föchten allen voran im Streit,
+Wie von meinen Herren hier Jeglicher thut:
+Die hauen durch die Helme, daß von den Schwertern fließt das Blut."
+
+So kühn war König Etzel, er faßte seinen Schild. 2128
+"Nun hütet eures Lebens," sprach da Kriemhild,
+"Und bietet Gold den Recken auf dem Schildesrand,
+Denn erreicht euch Hagen, ihr habt den Tod an der Hand."
+
+So kühn war der König, er ließ nicht vom Streit, 2129
+Wozu so mächtge Fürsten nun selten sind bereit.
+Man must ihn bei den Riemen des Schildes ziehn hindann.
+Hagen der grimme ihn mehr zu höhnen begann:
+
+"Eine nahe Sippe war es," sprach Hagen gleich zur Hand, 2130
+"Die Etzeln zusammen und Siegfried verband:
+Er minnte Kriemhilden, eh sie gesehen dich:
+Feiger König Etzel, warum räthst du wider mich?"
+
+Diese Rede hörte die edle Königin, 2131
+Darüber ward unmuthig Kriemhild in ihrem Sinn,
+Daß er sie schelten durfte vor manchem Etzelsmann.
+Wider die Gäste hub sie aufs Neu zu werben an.
+
+Sie sprach: "Wer von Tronje den Hagen mir schlüge 2132
+Und sein Haupt als Gabe her vor mich trüge,
+Mit rothem Golde füllt' ich ihm Etzels Schildesrand;
+Auch gäb ich ihm zum Lohne viel gute Burgen und Land."
+
+"Ich weiß nicht, was sie zaudern," sprach der Fiedelmann. 2133
+"Nie sah ich, daß Helden so verzagt gethan,
+Wo man bieten hörte also reichen Sold.
+Wohl sollt ihnen Etzel nimmer wieder werden hold.
+
+"Die hier mit Schimpf und Schanden eßen des Königs Brot 2134
+Und jetzt im Stich ihn laßen in der größten Noth,
+Deren seh ich Manchen so recht verzagt da stehn
+Und thun doch so verwegen: sie können nie der Schmach entgehn."
+
+Der mächtige Etzel hatte Jammer und Noth: 2135
+Er beklagte seiner Mannen und Freunde bittern Tod.
+Von manchen Landen standen ihm Recken viel zur Seit
+Und weinten mit dem König sein gewaltiges Leid.
+
+Darob begann zu spotten der kühne Volker: 2136
+"Ich seh hier übel weinen gar manchen Recken hehr.
+Sie helfen schlecht dem König in seiner großen Noth.
+Wohl eßen sie mit Schanden nun schon lange hier sein Brot."
+
+Da gedachten wohl die Besten: "Wahr ists, was Volker sagt." 2137
+Von Niemand doch von allen ward es so schwer beklagt
+Als von Markgraf Iring, dem Herrn aus Dänenland,
+Was sich nach kurzer Weite wohl nach der Wahrheit befand.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Iring erschlagen ward.
+
+
+Da rief der Markgraf Iring aus der Dänen Land: 2138
+"Ich habe nun auf Ehre die Sinne lang gewandt;
+Auch ist von mir das Beste in Stürmen oft geschehn:
+Nun bringt mir mein Gewaffen: so will ich Hagen bestehn."
+
+"Das möcht ich widerrathen," hub da Hagen an, 2139
+"Sonst finden mehr zu klagen Die Etzeln unterthan.
+Springen eurer zweie oder drei in den Saal,
+Die send ich wohlverhauen die Stiege wieder zu Thal."
+
+"Ich wills darum nicht laßen," sprach wieder Iring: 2140
+"Wohl schon oft versucht ich ein gleich gefährlich Ding.
+Wohl will ich mit dem Schwerte allein dich bestehn,
+Und wär von dir im Streite mehr als von Jemand geschehn."
+
+Da ward gewaffnet Iring nach ritterlichem Brauch 2141
+Und Irnfried der kühne von Thüringen auch
+Und Hawart der starke wohl mit tausend Mann:
+Sie wollten Iring helfen, was der Held auch begann.
+
+Da sah der Fiedelspieler ein gewaltig Heer, 2142
+Das mit Iringen gewaffnet zog einher.
+Sie trugen aufgebunden die lichten Helme gut.
+Da ward dem kühnen Volker darüber zornig zu Muth.
+
+"Seht ihr, Freund Hagen, dort Iringen gehn, 2143
+Der euch im Kampf alleine gelobte zu bestehn?
+Wie ziemt Helden Lüge? Führwahr, ich tadl es sehr.
+Es gehn mit ihm gewaffnet tausend Recken oder mehr."
+
+"Nun straft mich nicht Lügen," sprach Hawarts Unterthan, 2144
+"Ich will gerne leisten, was ich euch kund gethan.
+Mein Wort soll um Feigheit nicht gebrochen sein:
+Sei Hagen noch so gräulich, ich besteh ihn ganz allein."
+
+Zu Füßen warf sich Iring den Freunden und dem Lehn, 2145
+Daß sie allein ihn ließen den Recken bestehn.
+Das thaten sie doch ungern, ihnen war zu wohl bekannt
+Der übermütige Hagen aus der Burgunden Land.
+
+Doch bat er sie so lange, bis es zuletzt geschah. 2146
+Als das Ingesinde seinen Willen sah,
+Und daß er warb nach Ehre, da ließen sie ihn gehn.
+Da ward von den Beiden ein grimmes Streiten gesehn.
+
+Iring der Däne hielt hoch empor den Sper, 2147
+Sich deckte mit dem Schilde der theure Degen hehr:
+So lief er auf im Sturme zu Hagen vor den Saal.
+Da erhob sich von den Degen ein gewaltiger Schall.
+
+Die Spere schößen beide kräftig aus der Hand 2148
+Durch die festen Schilde auf ihr licht Gewand,
+Daß die Spersplitter hoch in die Lüfte flogen.
+Da griffen zu den Schwertern die grimmen Degen verwegen.
+
+Die Kraft des kühnen Hagen war ohne Maßen voll; 2149
+Doch schlug nach ihm Iring, daß all die Burg erscholl.
+Der Saal und die Thürme erhallten von den Schlägen.
+Es konnte seinen Willen doch nicht vollführen der Degen.
+
+Iring ließ Hagen unverwundet stehn: 2150
+Auf den Fiedelspieler begann er loszugehn.
+Er wähnt', er sollt ihn zwingen mit seinen grimmen Schlägen,
+Doch wuste sich zu schirmen dieser zierliche Degen.
+
+Da schlug der Fiedelspieler, daß von des Schildes Rand 2151
+Das Gespänge wirbelte von Volkers starker Hand.
+Den ließ er wieder stehen; es war ein übler Mann:
+Jetzt lief er auf Gunther, den Burgundenkönig, an.
+
+Da war nun Jedweder zum Streite stark genug. 2152
+Wie Gunther auf Iring und der auf Gunther schlug,
+Das brachte nicht aus Wunden das fließende Blut.
+Ihre Rüstung wehrt' es, die war zu fest und zu gut.
+
+Gunthern ließ er stehen und lief Gernoten an. 2153
+Das Feuer aus den Ringen er ihm zu haun begann.
+Da hätte von Burgunden der starke Gernot
+Iring den kühnen beinah gesandt in den Tod.
+
+Da sprang er von dem Fürsten; schnell war er genug. 2154
+Der Burgunden viere der Held behend erschlug,
+Des edeln' Heergesindes aus Worms an dem Rhein.
+Darüber mochte Geiselher nicht wohl zorniger sein.
+
+"Gott weiß, Herr Iring," sprach Geiselher das Kind, 2155
+"Ihr müßt mir entgelten, die hier erlegen sind
+Vor euch in dieser Stunde." Da lief er ihn an
+Und schlug den Danenhelden, daß er zu straucheln begann.
+
+Er schoß vor seinen Händen nieder in das Blut, 2156
+Daß sie alle wähnten, dieser Degen gut
+Schlug im Streit nicht wieder einen Schlag mit seinem Schwert.
+Doch lag vor Geiselheren Iring da noch unversehrt.
+
+Von des Helmes Schwirren und von des Schwertes Klang 2157
+Waren seine Sinne so betäubt und krank,
+Daß sich der kühne Degen des Lebens nicht besann.
+Das hatt ihm mit den Kräften der kühne Geiselher gethan.
+
+Als ihm aus dem Haupte das Schwirren jetzt entwich, 2158
+Von dem mächtgen Schlage war das erst fürchterlich,
+Da gedacht er: "Ich lebe und bin auch nirgend wund:
+Nun ist mir erst die Stärke des kühnen Geiselher kund!"
+
+Zu beiden Seiten hört' er seine Feinde stehn. 2159
+Sie hättens wißen sollen, so wär ihm mehr geschehn.
+Auch hatt er Geiselheren vernommen nahe bei:
+Er sann, wie mit dem Leben den Feinden zu entkommen sei.
+
+Wie tobend der Degen aus dem Blute sprang! 2160
+Er mochte seiner Schnelle wohl sagen großen Dank.
+Da lief er aus dem Hause, wo er Hagen fand,
+Und schlug ihm schnelle Schläge mit seiner kraftreichen Hand.
+
+Da gedachte Hagen: "Du must des Todes sein. 2161
+Befriede dich der Teufel, sonst kannst du nicht gedeihn."
+Doch traf Iring Hagnen durch seines Helmes Hut.
+Das that der Held mit Maske; das war eine Waffe gut.
+
+Als der grimme Hagen die Wund an sich empfand, 2162
+Da schwenkte sich gewaltig das Schwert in seiner Hand.
+Es muste vor ihm weichen Hawarts Unterthan:
+Hagen ihm die Stiege hinab zu folgen begann.
+
+Uebers Haupt den Schildrand Iring der kühne schwang. 2163
+Und war dieselbe Stiege drei solcher Stiegen lang,
+Derweil ließ ihn Hagen nicht schlagen einen Schlag.
+Hei, was rother Funken da auf seinem Helme lag!
+
+Doch kam zu den Freunden Iring noch gesund. 2164
+Da wurde diese Märe Kriemhilden kund,
+Was er dem von Tronje hatt im Streit gethan;
+Dafür die Königstochter ihm sehr zu danken begann.
+
+"Nun lohne Gott dir, Iring, erlauchter Degen gut, 2165
+Du hast mir wohl getröstet das Herz und auch den Muth:
+Nun seh ich blutgeröthet Hagens Wehrgewand!"
+Kriemhild nahm ihm selber den Schild vor Freud aus der Hand.
+
+"Ihr mögt ihm mäßig danken," begann da Hagen, 2166
+"Bis jetzt ist viel Großes nicht davon zu sagen;
+Versucht' er es zum andern Mal, er wär ein kühner Mann.
+Die Wunde frommt euch wenig, die ich noch von ihm gewann.
+
+"Daß ihr von meiner Wunde mir seht den Harnisch roth, 2167
+Das hat mich noch erbittert zu manches Mannes Tod.
+Nun bin ich erst im Zorne auf ihn und manchen Mann;
+Mir hat der Degen Iring noch kleinen Schaden gethan."
+
+Da stand dem Wind entgegen Iring von Dänenland; 2168
+Er kühlte sich im Harnisch, den Helm er niederband.
+Da priesen ihn die Leute für streitbar und gut:
+Darüber trug der Markgraf nicht wenig hoch seinen Muth.
+
+Da sprach Iring wieder: "Nun, Freunde, sollt ihr gehn 2169
+Und neue Waffen holen: ich will noch einmal sehn,
+Ob ich bezwingen möge den übermüthgen Mann."
+Sein Schild war verhauen, einen beßern er gewann.
+
+Gewaffnet war der Recke bald in noch festre Wehr. 2170
+Er griff in seinem Zorne nach einem starken Sper,
+Damit wollt er Hagen zum drittenmal bestehn.
+Es brächt ihm Ehr und Frommen, ließ' er das sich vergehn.
+
+Da wollte sein nicht harren Hagen der Degen. 2171
+Mit Schüßen und mit Hieben lief er ihm entgegen
+Die Stiege bis zu Ende; zornig war sein Muth.
+Da kam dem Degen Iring seine Stärke nicht zu gut.
+
+Sie schlugen durch die Schilde, daß es zu lohn begann 2172
+Mit feuerrothem Winde. Hawarts Unterthan
+Ward von Hagens Schwerte da gefährlich wund
+Durch Helm und durch Schildrand; er ward nicht wieder gesund.
+
+Als Iring der Degen der Wunde sich besann, 2173
+Den Schild rückte näher dem Helm der kühne Mann.
+Ihn dauchte voll der Schaden, der ihm war geschehn;
+Bald that ihm aber größern der in König Gunthers Lehn.
+
+Hagen vor seinen Füßen einen Wurfspieß liegen fand: 2174
+Auf Iringen schoß er den von Dänenland,
+Daß man ihm aus dem Haupte die Stange ragen sah.
+Ein grimmes Ende ward ihm von dem Uebermüthgen da.
+
+Iring must entweichen zu seinen Dänen hin. 2175
+Eh man den Helm dem Degen mochte niederziehn,
+Brach man den Sper vom Haupte, da naht' ihm der Tod.
+Das beweinten seine Freunde: es zwang sie wahrhafte Noth.
+
+Da kam die Königstochter auch zu ihm heran: 2176
+Iring den starken hub sie zu klagen an.
+Sie beweinte seine Wunden: es war ihr grimmig leid.
+Da sprach vor seinen Freunden dieser Recke kühn im Streit:
+
+"Laßt eure Klage bleiben, viel hehre Königin. 2177
+Was hilft euer Weinen? Mein Leben muß dahin
+Schwinden aus den Wunden, die an mir offen stehn.
+Der Tod will mich nicht länger euch und Etzeln dienen sehn."
+
+Zu Thüringern und Dänen sprach er hingewandt: 2178
+"Die Gaben, so die Königin euch beut, soll eure Hand
+Nicht zu erwerben trachten, ihr lichtes Gold so roth
+Und besteht ihr Hagen, so müßt ihr schauen den Tod."
+
+Seine Farbe war erblichen, des Todes Zeichen trug 2179
+Iring der kühne; ihnen war es leid genug.
+Es konnte nicht gesunden der Held in Hawarts Lehn:
+Da must es an ein Streiten von den Dänenhelden gehn.
+
+Irnfried und Hawart sprangen vor das Haus 2180
+Wohl mit tausend Helden: einen ungestümen Braus
+Vernahm man allenthalben, kräftig und groß.
+Hei! was man scharfer Spere auf die Burgunden schoß!
+
+Irnfried der kühne lief den Spielmann an, 2181
+Wodurch er großen Schaden von seiner Hand gewann.
+Der edle Fiedelspieler den Landgrafen schlug
+Durch den Helm den festen: wohl war er grimmig genug.
+
+Da schlug dem grimmen Spielmann Irnfried einen Schlag, 2182
+Daß er den Ringpanzer dem Helden zerbrach
+Und sich sein Harnisch färbte von Funken feuerroth.
+Dennoch fiel der Landgraf vor dem Spielmann in den Tod.
+
+Zusammen waren Hagen und Hawart gekommen. 2183
+Da mochte Wunder schauen, wer es wahrgenommen.
+Die Schwerter fielen kräftig den Helden an der Hand:
+Da muste Hawart sterben vor dem aus Burgundenland.
+
+Die Thüringer und Dänen sahn ihre Herren todt. 2184
+Da hub sich vor dem Hause noch grimmere Noth,
+Eh sie die Thür gewannen mit kraftreicher Hand.
+Da ward noch verhauen mancher Helm und Schildesrand.
+
+"Weichet," sprach da Volker, "laßt sie zum Saal herein: 2185
+Was sie im Sinne haben, kann dennoch nicht sein.
+Sie müßen bald ersterben allzumal darin:
+Sie ernten mit dem Tode, was ihnen beut die Königin,"
+
+Als die Uebermüthigen drangen in den Saal, 2186
+Das Haupt ward da Manchem so geneigt zu Thal,
+Daß er ersterben muste vor ihren schnellen Schlägen.
+Wohl stritt der kühne Gernot; so that auch Geiselher der Degen.
+
+Tausend und viere die kamen in das Haus: 2187
+Da hörte man erklingen den hellen Schwertersaus.
+Sie wurden von den Gästen alle drin erschlagen:
+Man mochte große Wunder von den Burgunden sagen.
+
+Darnach ward eine Stille, als der Lärm verscholl. 2188
+Das Blut allenthalben durch die Lücken quoll
+Und zu den Riegelsteinen von den todten Degen:
+Das hatten die vom Rheine gethan mit kräftigen Schlägen.
+
+Da saßen wieder rufend die aus Burgundenland, 2189
+Sie legten mit den Schilden die Waffen aus der Hand.
+Da stand noch vor dem Hause der kühne Spielmann,
+Erwartend, ob noch Jemand zum Streite zöge heran.
+
+Der König klagte heftig, dazu die Königin; 2190
+Mägdelein und Frauen härmten sich den Sinn.
+Der Tod, wähn ich, hatte sich wider sie verschworen:
+Drum giengen durch die Gäste noch viele der Recken verloren.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie die Königin den Saal verbrennen ließ.
+
+
+"Nun bindet ab die Helme," sprach Hagen der Degen: 2191
+"Ich und mein Geselle wollen euer pflegen.
+Und versuchten es noch einmal Die Etzeln unterthan,
+So warn ich meine Herren, so geschwind ich immer kann."
+
+Da band den Helm vom Haupte mancher Ritter gut. 2192
+Sie setzten auf die Leichen sich nieder, die ins Blut
+Waren zum Tode von ihrer Hand gekommen.
+Da ward der edeln Gäste mit Erbittrung wahrgenommen.
+
+Noch vor dem Abend schuf der König hehr 2193
+Und Kriemhild die Königin, daß es der Heunen mehr
+Noch versuchen musten; man sah vor ihnen stehn
+Wohl an zwanzigtausend: die musten da zum Kampfe gehn.
+
+Da drang zu den Gästen ein harter Sturm heran. 2194
+Dankwart, Hagens Bruder, der kraftvolle Mann,
+Sprang von seinen Herren zu den Feinden vor das Thor.
+Sie versahn sich seines Todes; doch sah man heil ihn davor.
+
+Das harte Streiten währte, bis es die Nacht benahm. 2195
+Da wehrten sich die Gäste wie Helden lobesam
+Wider Etzels Recken den sommerlangen Tag.
+Hei! was guter Helden im Tod vor ihnen erlag!
+
+Zu einer Sonnenwende der große Mord geschah: 2196
+Ihres Herzens Jammer rächte Kriemhild da
+An ihren nächsten Freunden und manchem andern Mann,
+Wodurch der König Etzel nie wieder Freude gewann.
+
+Sie hatte nicht gesonnen auf solche Mörderschlacht. 2197
+Als sie den Streit begonnen, hatte sie gedacht,
+Hagen sollt alleine dabei sein Ende sehn.
+Da schuf der böse Teufel, über Alle must es ergehn.
+
+Der Tag war zerronnen; ihnen schuf nun Sorge Noth. 2198
+Sie gedachten, wie doch beßer war ein kurzer Tod,
+Als sich so lang zu quälen in ungefügem Leid.
+Da wünschten einen Frieden die großen Ritter allbereit.
+
+Sie baten, daß man brächte den König vor den Saal. 2199
+Die blutrothen Helden, geschwärzt vom rostgen Stahl,
+Traten aus dem Hause und die drei Könge hehr.
+Sie wusten nicht, wem klagen ihres großen Leids Beschwer.
+
+Etzel und Kriemhild kamen beide her; 2200
+Das Land war ihnen eigen, drum mehrte sich ihr Heer.
+Er sprach zu den Gästen: "Sagt, was begehrt ihr mein?
+Wollt ihr Frieden haben? das könnte nun schwerlich sein
+
+"Nach so großem Schaden, als ihr mir habt gethan. 2201
+Es kommt euch nicht zu Statten, so lang ich athmen kann:
+Mein Kind, das ihr erschluget, und viel der Freunde mein,
+Fried und Sühne soll euch stäts dafür geweigert sein."
+
+Antwort gab ihm Gunther: "Uns zwang wohl große Noth. 2202
+All mein Gesinde lag vor deinen Helden todt
+In der Herberge: verdient ich solchen Sold?
+Ich kam zu dir auf Treue und wähnte, du warst mir hold."
+
+Da sprach von Burgunden Geiselher das Kind: 2203
+"Ihr Helden König Etzels, die noch am Leben sind,
+Wes zeiht ihr mich, ihr Degen? was hatt ich euch gethan,
+Der ich die Fahrt so gütlich zu diesem Lande begann?"
+
+Sie sprachen: "Deiner Güte ist all die Burg hier voll 2204
+Mit Jammer gleich dem Lande; wir gönnten dir es wohl,
+Wärst du nie gekommen von Worms überrhein.
+Das Land ist gar verwaiset durch dich und die Brüder dein."
+
+Da sprach im Zornmuthe Gunther der Held: 2205
+"Wünscht ihr noch dieß Morden im Frieden eingestellt
+Mit uns Heimatlosen, das ist uns beiden gut;
+Es ist gar unverschuldet, was uns König Etzel thut."
+
+Der Wirt sprach zu den Gästen: "mein und euer Leid 2206
+Sind einander ungleich: die große Noth im Streit,
+Der Schaden und die Schande, die ich von euch gewann,
+Dafür soll euer Keiner mir lebend kommen hindann."
+
+Da sprach zu dem König der starke Gernot: 2207
+"So soll euch Gott gebieten, daß ihr die Lieb uns thut:
+Weichet von dem Hause und laßt uns zu euch gehn.
+Wir wissen wohl, bald ist es um unser Leben geschehn.
+
+"Was uns geschehen könne, das laßt schnell ergehn: 2208
+Ihr habt so viel Gesunde, die dürfen uns bestehn
+Und geben uns vom Streite Müden leicht den Tod:
+Wie lange solln wir Recken bleiben in so grimmer Noth?"
+
+Von König Etzels Reden war es fast geschehn, 2209
+Daß sie die Helden ließen aus dem Saale gehn.
+Als das Kriemhild hörte, es war ihr grimmig leid.
+Da war den Heimathlosen mit Nichten Sühne bereit.
+
+"Nein, edle Recken, worauf euch sinnt der Muth, 2210
+Ich will euch treulich raten, daß ihr das nimmer thut,
+Daß ihr die Mordgierigen laßt vor den Saal;
+Sonst müßen eure Freunde leiden tödtlichen Fall.
+
+"Und lebten nur alleine, die Utens Söhne' sind, 2211
+Und kämen meine edeln Brüder an den Wind.
+Daß sie die Panzer kühlten, ihr alle wärt verloren:
+Es wurden kühnre Degen noch nie auf Erden geboren."
+
+Da sprach der junge Geiselher: "Viel schöne Schwester mein, 2212
+Wie hätt ich dir das zugetraut, daß du mich überrhein
+Her zu Lande ladetest in diese große Noth:
+Wie möcht ich an den Heunen hier verdienen den Tod?
+
+"Ich hielt dir stäte Treue, that nie ein Leid dir an: 2213
+Ich kam auch her zu Hilfe geritten in dem Wahn,
+Du wärst mir gewogen, viel liebe Schwester mein,
+Nun schenk uns deine Gnade, da es anders nicht mag sein."
+
+"Ich schenk euch keine Gnade, Ungnad ich selbst gewann: 2214
+Mir hat von Tronje Hagen so großes Leid gethan
+Daheim, und hier zu Lande erschlug er mir mein Kind:
+Das müßen schwer entgelten, die mit euch hergekommen sind."
+
+Wollt ihr mir aber Hagen allein zum Geisel geben, 2215
+So will ichs nicht verweigern, daß ich euch laße leben.
+Denn meine Brüder seid ihr, der gleichen Mutter Kind:
+So red ich um die Sühne mit den Helden, die hier sind."
+
+"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da Gernot. 2216
+"Und waren unser tausend, wir wollten alle todt
+Vor deinen Freunden liegen eh wir dir Einen Mann
+Hier zu Geisel gäben: das wird nimmer gethan."
+
+"Wir müsten doch ersterben," sprach da Geiselher, 2217
+"So soll uns Niemand scheiden von ritterlicher Wehr.
+Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie:
+Verrieth ich meine Treue an einem Freunde doch nie."
+
+Da sprach der kühne Dankwart, es ziemt' ihm wohl zu sagen: 2218
+"Noch steht nicht alleine hier mein Bruder Hagen.
+Die uns den Frieden weigern, beklagen es noch schwer,
+Des sollt ihr inne werden, ich sags euch wahrlich vorher."
+
+Da sprach die Königstochter: "Ihr Helden allbereit, 2219
+Nun geht der Stiege näher und rächt unser Leid.
+Das will ich stäts verdienen, wie ich billig soll:
+Der Uebermuth Hagens, dessen lohn ich ihm wohl.
+
+"Laßt keinen aus dem Hause der Degen allzumal: 2220
+So laß ich an vier Enden anzünden hier den Saal.
+So wird noch wohl gerochen all mein Herzeleid."
+König Etzels Recken sah man bald dazu bereit.
+
+Die noch draußen standen, die trieb man in den Saal 2221
+Mit Schlägen und mit Schüßen: da gab es lauten Schall.
+Doch wollten sich nicht scheiden die Fürsten und ihr Heer:
+Sie ließen von der Treue zu einander nicht mehr.
+
+Den Saal in Brand zu stecken gebot da Etzels Weib. 2222
+Da quälte man den Helden mit Feuersglut den Leib.
+Das Haus vom Wind ergriffen gerieth in hohen Brand.
+Nie wurde solcher Schrecken noch einem Volksheer bekannt.
+
+Da riefen Viele drinnen: "O weh dieser Noth! 2223
+Da möchten wir ja lieber im Sturm liegen todt.
+Das möge Gott erbarmen; wie sind wir all verlorn!
+Wie grimmig rächt die Königin an uns allen ihren Zorn!"
+
+Da sprach darinnen Einer: "Wir finden hier den Tod 2224
+Vor Rauch und vor Feuer: wie grimm ist diese Noth!
+Mir thut vor starker Hitze der Durst so schrecklich weh,
+Ich fürchte, mein Leben in diesen Nöthen zergeh!"
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edlen Ritter gut, 2225
+Wen der Durst will zwingen, der trinke hier das Blut.
+Das ist in solcher Hitze beßer noch als Wein;
+Es mag halt zu trinken hier nichts Beßeres sein."
+
+Hin gieng der Recken Einer, wo er einen Todten fand: 2226
+Er kniet' ihm zu der Wunde, den Helm er niederband.
+Da begann er zu trinken das fließende Blut.
+So wenig ers gewohnt war, er fand es köstlich und gut.
+
+"Nun lohn euch Gott, Herr Hagen," sprach der müde Mann, 2227
+"Daß ich von eurer Lehre so guten Trank gewann.
+Man schenkte mir selten noch einen beßern Wein.
+So lang ich leben bleibe will ich euch stäts gewogen sein."
+
+Als das die Andern hörten, es däuchte ihn so gut, 2228
+Da fanden sich noch Viele, die tranken auch das Blut.
+Davon kam zu Kräften der guten Recken Leib:
+Des entgalt an lieben Freunden bald manches waidliche Weib.
+
+Das Feuer fiel gewaltig auf sie in den Saal: 2229
+Sie wandten mit den Schilden es von sich ab im Fall.
+Der Rauch und auch die Hitze schmerzten sie gar sehr.
+Also großer Jammer geschieht wohl Helden nimmer mehr.
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Stellt euch an die Wand; 2230
+Laßt nicht die Brände fallen auf eurer Helme Band
+Und tretet sie mit Füßen tiefer in das Blut.
+Eine üble Hochzeit ist es, zu der die Königin uns lud."
+
+Unter solchen Nöthen zerrann zuletzt die Nacht. 2231
+Noch hielt vor dem Hause der kühne Spielmann Wacht
+Und Hagen sein Geselle, gelehnt auf Schildesrand,
+Noch größern Leids gewärtig von Denen aus Etzels Land.
+
+Daß der Saal gewölbt war, half den Gästen sehr; 2232
+Dadurch blieben ihrer am Leben desto mehr,
+Wiewohl sie an den Fenstern von Feuer litten Noth.
+Da wehrten sich die Degen, wie Muth und Ehre gebot.
+
+Da sprach der Fiedelspieler: "Gehn wir in den Saal: 2233
+Da wähnen wohl die Heunen, wir seien allzumal
+Von der Qual erstorben, die sie uns angethan:
+Dann kommen doch noch Etliche zum Streit mit ihnen heran."
+
+Da sprach von Burgunden Geiselher das Kind: 2234
+"Ich wähn, es wolle tagen, sich hebt ein kühler Wind.
+Nun laß uns Gott vom Himmel noch liebre Zeit erleben!
+Eine arge Hochzeit hat uns meine Schwester Kriemhild gegeben."
+
+Da sprach wieder Einer: "Ich spüre schon den Tag. 2235
+Wenn es denn uns Degen nicht beßer werden mag,
+So bereitet euch, ihr Recken, zum Streit, das ist uns Noth:
+Da wir doch nicht entrinnen, daß wir mit Ehren liegen todt."
+
+Der König mochte wähnen, die Gäste wären todt 2236
+Von den Beschwerden allen und von des Feuers Noth,
+Da lebten doch so Kühner noch drin sechshundert Mann,
+Daß wohl nie ein König beßre Degen gewann.
+
+Der Heimathlosen Hüter hatten wohl gesehn, 2237
+Daß noch die Gäste lebten, was ihnen auch geschehn
+Zu Schaden war und Leide, den Herrn und ihrem Lehn.
+Man sah sie in dem Hause noch gar wohl geborgen gehn.
+
+Man sagte Kriemhilden, noch Viele lebten drin. 2238
+"Wie wäre das möglich," sprach die Königin,
+"Daß noch Einer lebte nach solcher Feuersnoth?
+Eher will ich glauben, sie fanden Alle den Tod."
+
+Noch wünschten zu entkommen die Fürsten und ihr Lehn, 2239
+Wenn an ihnen Gnade noch jemand ließ' ergehn.
+Die konnten sie nicht finden in der Heunen Land:
+Da rächten sie ihr Sterben mit gar williger Hand.
+
+Schon früh am andern Morgen man ihnen Grüße bot 2240
+Mit heftigem Angriff; wohl schuf das Helden Noth.
+Zu ihnen aufgeschoßen ward mancher scharfe Sper;
+Doch fanden sie darinnen die kühnen Recken wohl zur Wehr.
+
+Dem Heergesinde Etzels war erregt der Muth, 2241
+Daß sie verdienen wollten Frau Kriemhildens Gut
+Und alles willig leisten, was der Fürst gebot:
+Da muste bald noch Mancher von ihnen schauen den Tod.
+
+Von Verheißen und von Gaben mochte man Wunder sagen: 2242
+Sie ließ ihr Gold, das rothe, auf Schilden vor sich tragen;
+Sie gab es Jedem willig, Der es wollt empfahn.
+Nie wurden wider Feinde so große Schätze verthan.
+
+Gewaffnet trat der Recken eine große Macht zur Thür. 2243
+Da sprach der Fiedelspieler. "Wir sind noch immer hier:
+So gern sah ich Helden zum Streiten nimmer kommen,
+Als die das Gold des Königs uns zu verderben genommen."
+
+Da riefen ihrer Viele: "Nur näher zu dem Streit! 2244
+Da wir doch fallen müßen, so thun wirs gern bei Zeit.
+Hier wird Niemand bleiben, als wer doch sterben soll."
+Da staken ihre Schilde gleich von Sperschüßen voll.
+
+Was soll ich weiter sagen? Wohl zwölfhundert Degen 2245
+Versuchtens auf und nieder mit starken Schwertesschlägen.
+Da kühlten an den Feinden die Gäste wohl den Muth.
+Kein Friede war zu hoffen, drum sah man fließen das Blut
+
+Aus tiefen Todeswunden: Deren wurden viel geschlagen. 2246
+Man hörte nach den Freunden Jeglichen klagen.
+Die Biedern starben alle dem reichen König hehr:
+Da hatten liebe Freunde nach ihnen Leid und Beschwer.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Rüdiger erschlagen ward.
+
+
+Die Heimathlosen hatten am Morgen viel gethan. 2247
+Der Gemahl Gotlindens kam zu Hof heran
+Und sah auf beiden Seiten des großen Leids Beschwer:
+Darüber weinte inniglich der getreue Rüdiger.
+
+"O weh, daß ich das Leben," sprach der Held, "gewann 2248
+Und diesem großen Jammer nun Niemand wehren kann.
+So gern ich Frieden schüfe, der König gehts nicht ein,
+Da ihm das Unheil stärker, immer stärker bricht herein."
+
+Zu Dietrichen sandte der gute Rüdiger, 2249
+Ob sie's noch könnten wenden von den Köngen hehr?
+Da entbot ihm Der von Berne: "Wer möcht ihm widerstehn?
+Es will der König Etzel keine Sühne mehr sehn."
+
+Da sah ein Heunenrecke Rüdigern da stehn 2250
+Mit weinenden Augen, wie er ihn oft gesehn.
+Er sprach zu der Königin: "Nun seht, wie er da steht
+Den ihr und König Etzel vor allen Andern habt erhöht
+
+"Und dem doch alles dienet, die Leute wie das Land. 2251
+Wie sind so viel der Burgen an Rüdigern gewandt,
+Deren er so manche von dem König haben mag!
+Er schlug in diesen Stürmen noch keinen löblichen Schlag.
+
+"Mich dünkt, ihn kümmert wenig, was hier mit uns geschieht, 2252
+Wenn er nach seinem Willen bei sich die Fülle sieht.
+Man rühmt, er wäre kühner, als Jemand möge sein:
+Das hat uns schlecht bewiesen in dieser Noth der Augenschein."
+
+Mit traurigem Muthe der vielgetreue Mann, 2253
+Den er so reden hörte, den Heunen sah, er an.
+Er dachte: "Das entgiltst du; du sagst, ich sei verzagt:
+Da hast du deine Mären zu laut bei Hofe gesagt."
+
+Er zwang die Faust zusammen: da lief er ihn an 2254
+Und schlug mit solchen Kräften den Heunischen Mann,
+Daß er ihm vor die Füße niederstürzte todt.
+Da war gemehrt aufs Neue dem König Etzel die Noth.
+
+"Fahr hin, verzagter Bösewicht," sprach da Rüdiger, 2255
+"Ich hatte doch des Leides genug und der Beschwer.
+Daß ich hier nicht fechte, was rügst du mir das?
+Wohl trüg auch ich den Gästen mit Grunde feindlichen Hass,
+
+"Und alles, was ich könnte, thät ich ihnen an, 2256
+Hätt ich nicht hieher geführt Die Gunthern unterthan.
+Ich war ihr Geleite in meines Herren Land:
+Drum darf sie nicht bestreiten meine unselge Hand."
+
+Da sprach zum Markgrafen Etzel der König hehr: 2257
+"Wie habt ihr uns geholfen, viel edler Rüdiger!
+Wir hatten doch der Todten so viel in diesem Land,
+Daß wir nicht mehr bedurften: mit Unrecht schlug ihn eure Hand."
+
+Da sprach der edle Ritter: "Er beschwerte mir den Muth 2258
+Und hat mir bescholten die Ehre wie das Gut,
+Des ich aus deinen Händen so große Gaben nahm,
+Was nun dem Lügenbolde übel auch zu Statten kam."
+
+Da kam die Königstochter, die hatt es auch gesehn, 2259
+Was von des Helden Zorne dem Heunen war geschehn.
+Sie beklagt' es ungefüge, ihre Augen wurden naß.
+Sie sprach zu Rüdigern: Wie verdienten wir das,
+
+"Daß ihr mir und dem König noch mehrt unser Leid? 2260
+Ihr habt uns, edler Rüdiger, verheißen allezeit,
+Ihr wolltet für uns wagen die Ehre wie das Leben;
+Auch hört ich viel der Recken den Preis des Muthes euch geben."
+
+"Ich mahn euch nun der Treue, die mir schwur eure Hand, 2261
+Da ihr mir zu Etzeln riethet, Ritter auserkannt,
+Daß ihr mir dienen wolltet bis an unsern Tod.
+Des war mir armen Weibe noch niemals so bitter Noth."
+
+"Das kann ich nicht läugnen, ich schwur euch, Königin, 2262
+Die Ehre wie das Leben gäb ich für euch dahin:
+Die Seele zu verlieren hab ich nicht geschworen.
+Zu diesem Hofgelage bracht ich die Fürsten wohlgeboren."
+
+Sie sprach: "Gedenke, Rüdiger, der hohen Eide dein 2263
+Von deiner stäten Treue, wie du den Schaden mein
+Immer wolltest rächen und wenden all mein Leid."
+Der Markgraf entgegnete: "Ich war euch stäts zu Dienst bereit."
+
+Etzel der reiche hub auch zu flehen an. 2264
+Da warfen sie sich beide zu Füßen vor den Mann.
+Den guten Markgrafen man da in Kummer sah;
+Der vielgetreue Recke jammervoll begann er da:
+
+"O weh mir Unselgem, muß ich den Tag erleben! 2265
+Aller meiner Ehren soll ich mich nun begeben,
+Aller Zucht und Treue, die Gott mir gebot;
+O weh, Herr des Himmels, daß mirs nicht wenden will der Tod!
+
+"Welches ich nun laße, das Andre zu begehn, 2266
+So ist doch immer übel und arg von mir geschehn.
+Was ich thu und laße, so schilt mich alle Welt.
+Nun möge mich erleuchten, der mich dem Leben gesellt!"
+
+Da baten ihn so dringend der König und sein Weib, 2267
+Daß bald viel Degen musten Leben und Leib
+Von Rüdgers Hand verlieren und selbst Der Held erstarb.
+Nun mögt ihr bald vernehmen, welchen Jammer er erwarb.
+
+Er wuste wohl nur Schaden und Leid sei sein Gewinn. 2268
+Er hätt es auch dem König und der Königin
+Gern versagen wollen: der Held besorgte sehr,
+Erschlug er ihrer Einen, daß er der Welt ein Greuel wär.
+
+Da sprach zu dem Könige dieser kühne Mann: 2269
+"Herr Etzel, nehmt zurücke, was ich von euch gewann,
+Das Land mit den Burgen; bei mir soll nichts bestehn:
+Ich will auf meinen Füßen hinaus in das Elend gehn.
+
+"Alles Gutes ledig räum ich euer Land, 2270
+Mein Weib und meine Tochter nehm ich an die Hand,
+Eh ich so ohne Treue entgegen geh dem Tod:
+Das hieß' auf üble Weise verdienen euer Gold so roth."
+
+Da sprach der König Etzel: "Wer aber hülfe mir? 2271
+Mein Land mit den Leuten, das alles geb ich dir,
+Daß du mich rächest, Rüdiger, an den Feinden mein:
+Du sollst neben Etzeln ein gewaltger König sein."
+
+Da sprach wieder Rüdiger: "Wie dürft ich ihnen schaden? 2272
+Heim zu meinem Hause hab ich sie geladen;
+Trinken und Speise ich ihnen gütlich bot,
+Dazu meine Gabe; und soll ich sie nun schlagen todt?
+
+"Die Leute mögen wähnen, ich sei zu verzagt. 2273
+Keiner meiner Dienste war ihnen je versagt:
+Sollt ich sie nun bekämpfen, das wär nicht wohl gethan.
+So reute mich die Freundschaft, die ich an ihnen gewann.
+
+"Geiselher dem Degen gab ich die Tochter mein: 2274
+Sie konnt auf Erden nimmer beßer verwendet sein,
+Seh ich auf Zucht und Ehre, auf Treu oder Gut.
+Nie ein so junger König trug wohl tugendreichern Muth."
+
+Da sprach wieder Kriemhild: "Viel edler Rüdiger, 2275
+Nun laß dich erbarmen unsres Leids Beschwer,
+Mein und auch des Königs; gedenke wohl daran,
+Daß nie ein Wirth auf Erden so leide Gäste gewann."
+
+Da begann der Markgraf zu der Köngin hehr: 2276
+"Heut muß mit dem Leben entgelten Rüdiger,
+Was ihr und der König mir Liebes habt gethan:
+Dafür muß ich sterben, es steht nicht länger mehr an.
+
+"Ich weiß, daß noch heute meine Burgen und mein Land 2277
+Euch ledig werden müßen von dieser Helden Hand.
+So befehl ich euch auf Gnade mein Weib und mein Kind
+Und all die Heimathlosen, die da zu Bechlaren find."
+
+"Nun lohne Gott dir, Rüdiger!" der König sprach da so; 2278
+Er und die Königin, sie wurden beide froh.
+"Uns seien wohlbefohlen alle Leute dein;
+Auch trau ich meinem Heile, du selber werdest glücklich sein."
+
+Da setzt' er auf die Wage die Seele wie den Leib. 2279
+Da begann zu weinen König Etzels Weib.
+Er sprach: "Ich muß euch halten den Eid, den ich gethan.
+O weh meiner Freunde! wie ungern greif ich sie an."
+
+Man sah ihn von dem König hinweggehn trauriglich. 2280
+Da fand er seine Recken nahe stehn bei sich:
+Er sprach: "Ihr sollt euch waffnen, ihr All in meinem Lehn:
+Die kühnen Burgunden muß ich nun leider bestehn."
+
+Nach den Gewaffen riefen die Helden allzuhand, 2281
+Ob es Helm wäre oder Schildesrand,
+Von dem Ingesinde ward es herbeigetragen.
+Bald hörten leide Märe die stolzen Fremdlinge sagen.
+
+Gewaffnet ward da Rüdiger mit fünfhundert Mann; 2282
+Darüber zwölf Recken zu Hülf er sich gewann.
+Sie wollten Preis erwerben in des Sturmes Noth:
+Sie wusten nicht die Märe, wie ihnen nahe der Tod.
+
+Da sah man unterm Helme den Markgrafen gehn. 2283
+Scharfe Schwerter trugen Die in Rüdgers Lehn,
+Dazu vor den Händen die lichten Schilde breit.
+sah der Fiedelspieler: dem war es ohne Maßen leid.
+
+Da sah der junge Geiselher seinen Schwäher gehn 2284
+Mit aufgebundnem Helme. Wie mocht er da verstehn,
+Wie er damit es meine, es sei denn treu und gut?
+Da gewann der edle König von Herzen fröhlichen Muth.
+
+"Nun wohl mir solcher Freunde," sprach da Geiselher, 2285
+"Wie wir gewonnen haben auf der Fahrt hieher.
+Meines Weibes willen ist uns Hülfe nah:
+Lieb ist mir, meiner Treue, daß diese Heirath geschah."
+
+"Wes ihr euch wohl tröstet" sprach der Fiedelmann: 2286
+"Wann saht ihr noch zur Sühne so viel der Helden nahn
+Mit aufgebundnen Helmen, die Schwerter in der Hand?
+Er will an uns verdienen seine Burgen und sein Land."
+
+Eh der Fiedelspieler die Rede sprach vollaus, 2287
+Den edeln Markgrafen sah man schon vor dem Haus.
+Seinen Schild den guten setzt' er vor den Fuß:
+Da must er seinen Freunden versagen dienstlichen Gruß.
+
+Rüdiger der edle rief da in den Saal: 2288
+"Ihr Kühnen Nibelungen, nun wehrt euch allzumal.
+Ihr solltet mein genießen, ihr entgeltet mein:
+Wir waren ehmals Freunde: der Treue will ich ledig sein."
+
+Da erschraken dieser Märe die Nothbedrängten Schwer. 2289
+Ihnen war der Trost entsunken, den sie gewähnt vorher,
+Da sie bestreiten wollte, dem Jeder Liebe trug.
+Sie hatten von den Feinden schon Leid erfahren genug.
+
+"Das verhüte Gott vom Himmel!" sprach Gunther der Degen, 2290
+"Daß ihr eurer Freundschaft, trätet so entgegen
+Und der großen Treue, darauf uns sann der Muth:
+Ich will euch wohl vertrauen, daß ihr das nimmermehr tuth.
+
+"Es ist nicht mehr zu wenden," sprach der kühne Mann: 2291
+"Ich muß mit euch streiten, wie ich den Schwur gethan.
+Nun wehrt euch, kühne Degen, wenn euch das Leben werth,
+Da mir die Königstochter nicht andre Willkür gewährt."
+
+"Ihr widersagt uns nun zu spät," sprach der König hehr. 2292
+"Nun mög euch Gott vergelten, viel edler Rüdiger,
+Die Treu und die Liebe, die ihr uns habt gethan,
+Wenn ihr bis ans Ende auch halten wolltet daran.
+
+"Wir wollen stäts euch danken, was ihr uns habt gegeben, 2293
+Ich und meine Freunde, laßet ihr uns leben,
+Der herrlichen Gaben, als ihr uns brachtet her
+In Etzels Land mit Treue: des gedenket, edler Rüdiger."
+
+"Wie gern ich euch das gönnte," sprach Rüdiger der Degen, 2294
+"Daß ich euch meiner Gabe die Fülle dürfte wägen
+Nach meinem Wohlgefallen; wie gerne that ich das,
+So es mir nicht erwürbe der edeln Königin Haß!"
+
+"Laßt ab, edler Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2295
+"Nie ward ein Wirth gefunden, der es den Gästen bot
+So freundlich und so gütlich, als uns von euch geschehn.
+Des sollt ihr auch genießen, so wir lebendig entgehn."
+
+"Das wollte Gott," sprach Rüdiger, "viel edler Gernot, 2296
+"Daß ihr am Rheine wäret, und ich wäre todt.
+So rettet' ich die Ehre, da ich euch soll bestehn!
+Es ist noch nie an Degen von Freunden übler geschehn."
+
+"Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2297
+"Eurer reichen Gabe. Mich jammert euer Tod,
+Soll an euch verderben so tugendlicher Muth.
+Hier trag ich eure Waffe, die ihr mir gabet, Degen gut.
+
+"Sie hat mir noch nie versagt in all dieser Noth: 2298
+Es fiel vor ihrer Schärfe mancher Ritter todt.
+Sie ist stark und lauter, herrlich und gut:
+Gewiss, so reiche Gabe kein Recke je wieder thut.
+
+"Und wollt ihr es nicht meiden und wollt ihr uns bestehn, 2299
+Erschlagt ihr mir die Freunde, die hier noch bei mir stehn,
+Mit euerm Schwerte nehm ich Leben euch und Leib.
+So reut ihr mich, Rüdiger, und euer herrliches Weib."
+
+"Das wolle Gott, Herr Gernot, und möcht es geschehn, 2300
+Daß hier nach euerm Willen Alles könnt ergehn
+Und euern Freunden bleiben Leben möcht und Leib,
+Euch sollten wohl vertrauen meine Tochter und mein Weib."
+
+Da sprach von Burgunden der schönen Ute Kind: 2301
+"Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? Die mit mir kommen sind,
+Die sind euch all gewogen; ihr greift übel zu:
+Eure schöne Tochter wollt ihr verwitwen allzufruh.
+
+"Wenn ihr und eure Recken mich wollt im Streit bestehn, 2302
+Wie wär das unfreundlich, wie wenig ließ' es sehn,
+Daß ich euch vertraute vor jedem andern Mann,
+Als ich eure Tochter mir zum Weibe gewann."
+
+"Gedenkt eurer Treue," sprach da Rüdiger. 2303
+Und schickt euch Gott von hinnen, viel edler König hehr,
+"So laßt es nicht entgelten die liebe Tochter mein:
+Bei aller Fürsten Tugend geruht ihr gnädig zu sein."
+
+"So sollt ichs billig halten," sprach Geiselher das Kind; 2304
+"Doch meine hohen Freunde, die noch im Saal hier sind,
+Wenn die von euch ersterben, so muß geschieden sein
+Diese stäte Freundschaft zu dir und der Tochter dein."
+
+"Nun möge Gott uns gnaden," sprach der kühne Mann. 2305
+Da hoben sie die Schilde und wollten nun hinan
+Zu streiten mit den Gästen in Kriemhildens Saal.
+Laut rief da Hagen von der Stiege her zu Thal:
+
+"Verzieht noch eine Weile, viel edler Rüdiger," 2306
+Also sprach da Hagen: "wir reden erst noch mehr,
+Ich und meine Herren, wie uns zwingt die Noth.
+Was hilft es Etzeln, finden wir in der Fremde den Tod?
+
+"Ich steh in großen Sorgen," sprach wieder Hagen, 2307
+"Der Schild, den Frau Gotlind mir gab zu tragen,
+Den haben mir die Heunen zerhauen vor der Hand;
+Ich bracht ihn doch in Treuen her in König Etzels Land.
+
+"Daß es Gott vom Himmel vergönnen wollte, 2308
+Daß ich so guten Schildrand noch tragen sollte,
+Als du hast vor den Händen, viel edler Rüdiger:
+So bedürft ich in dem Sturme keiner Halsberge mehr."
+
+"Wie gern wollt ich dir dienen mit meinem Schilde, 2309
+Dürft ich dir ihn bieten vor Kriemhilde.
+Doch nimm ihn hin, Hagen, und trag ihn an der Hand:
+Hei! dürftest du ihn führen heim in der Burgunden Land!"
+
+Als er den Schild so willig zu geben sich erbot, 2310
+Die Augen wurden Vielen von heißen Thränen roth.
+Es war Die letzte Gabe: es dürft hinfort nicht mehr
+Einem Degen Gabe bieten von Bechlaren Rüdiger.
+
+Wie grimmig auch Hagen, wie hart auch war sein Muth, 2311
+Ihn erbarmte doch die Gabe, die der Degen gut
+So nah seinem Ende noch hatt an ihn gethan.
+Mancher edle Ritter mit ihm zu trauern begann.
+
+"Nun lohn euch Gott im Himmel, viel edler Rüdiger. 2312
+Es wird eures Gleichen auf Erden nimmermehr,
+Der heimathlosen Degen so milde Gabe gebe.
+So möge Gott gebieten, daß eure Milde immer lebe."
+
+"O weh mir dieser Märe," sprach wieder Hagen. 2313
+"Wir hatten Herzensschwere schon so viel zu tragen:
+Das müße Gott erbarmen, gilts uns mit Freunden Streit!"
+Da sprach der Markgraf wieder: "Das ist mir inniglich leid."
+
+"Nun lohn ich euch die Gabe, viel edler Rüdiger: 2314
+Was euch auch widerfahre von diesen Recken hehr,
+Es soll euch nicht berühren im Streit meine Hand,
+Ob ihr sie all erschlüget Die von der Burgunden Land."
+
+Da neigte sich ihm dankend der gute Rüdiger. 2315
+Die Leute weinten alle: Daß nicht zu wenden mehr
+Dieser Herzensjammer, das war zu große Noth.
+Der Vater aller Tugend fand an Rüdiger den Tod.
+
+Da sprach von der Stiege Volker der Fiedelmann: 2316
+"Da mein Geselle Hagen euch trug den Frieden an,
+So biet ich auch so stäten euch von meiner Hand.
+Das habt ihr wohl verdient an uns, da wir kamen in das Land.
+
+"Viel edler Markgraf, mein Bote werdet hier: 2317
+Diese rothen Spangen gab Frau Gotlinde mir,
+Daß ich sie tragen sollte bei dieser Lustbarkeit:
+Ich thu es, schauet selber, daß ihr des mein Zeuge seid."
+
+"Wollt es Gott vom Himmel," sprach da Rüdiger, 2318
+"Daß euch die Markgräfin noch geben dürfte mehr.
+Die Märe sag ich gerne der lieben Trauten mein,
+Seh ich gesund sie wieder: Des sollt ihr außer Zweifel sein."
+
+Nach diesem Angeloben Den Schild hob Rüdiger, 2319
+Sein Muth begann zu toben: nicht länger säumt' er mehr.
+Auf lief er zu den Gästen wohl einem Recken gleich.
+Viel kraftvolle Schläge schlug da dieser Markgraf reich.
+
+Volker und Hagen traten beiseit, 2320
+Wie ihm verheißen hatten die Degen allbereit.
+Noch traf er bei den Thüren so manchen Kühnen an,
+Daß Rüdiger die Feindschaft mit großen Sorgen begann.
+
+Aus Mordbegierde ließen ihn ins Haus hinein 2321
+Gernot und Gunther; das mochten Helden sein.
+Zurück wich da Geiselher: fürwahr, es war ihm leid;
+Er versah sich noch des Lebens, drum mied er Rüdigern im Streit.
+
+Da sprangen zu den Feinden Die in Rüdgers Lehn. 2322
+Hinter ihrem Herren sah man sie kühnlich gehn.
+Schneidende Waffen trugen sie an der Hand:
+Da zerbrachen viel der Helme und mancher herrliche Rand.
+
+Da schlugen auch die Müden noch manchen schnellen Schlag 2323
+Auf die von Bechlaren, der tief und eben brach
+Durch die festen Panzer und drang bis auf das Blut.
+Sie frommten in dem Sturme viel Wunder herrlich und gut.
+
+Das edle Heergesinde war alle nun im Saal. 2324
+Volker und Hagen die sprangen hin zumal:
+Sie gaben Niemand Frieden als dem Einen Mann.
+Das Blut von ihren Hieben von den Helmen niederrann.
+
+Wie da der Schwerter Tosen so grimmig erklang, 2325
+Daß unter ihren Schlägen das Schildgespänge sprang!
+Die Schildsteine rieselten getroffen in das Blut.
+Da fochten sie so grimmig, wie man es nie wieder thut.
+
+Der Vogt von Bechlaren schuf hin und her sich Bahn, 2326
+Wie Einer der mit Ungestüm im Sturme werben kann.
+Des Tages ward an Rüdiger herrlich offenbar,
+Daß er ein Recke wäre, kühn und ohne Tadel gar.
+
+Hier standen diese Recken, Gunther und Gernot, 2327
+Sie schlugen in dem Streite viel der Helden todt.
+Geiselhern und Dankwart am Heile wenig lag:
+Da brachten sie noch Manchen hin zu seinem jüngsten Tag.
+
+Wohl erwies auch Rüdiger, daß er stark war genug, 2328
+Kühn und wohl gewaffnet: hei, was er Helden schlug!
+Das sah ein Burgunde, da schuf der Zorn ihm Noth:
+Davon begann zu nahen des edeln Rüdiger Tod.
+
+Gernot der starke rief den Helden an. 2329
+Er sprach zum Markgrafen: "Ihr wollt mir keinen Mann
+Der Meinen leben laßen, viel edler Rüdiger.
+Das schmerzt mich ohne Maßen: ich ertrag es nicht länger mehr.
+
+"Nun mag euch eure Gabe wohl zu Unstatten kommen, 2330
+Da ihr mir der Freunde habt so viel genommen.
+Nun bietet mir die Stirne, ihr edler kühner Mann:
+So verdien ich eure Gabe, so gut ich immer nur kann."
+
+Bevor da der Markgraf zu ihm gedrungen war. 2331
+Ward noch getrübt vom Blute manch lichter Harnisch klar.
+Da liefen sich einander die Ehrbegiergen an:
+jedweder sich zu schirmen vor starken Wunden begann.
+
+Doch schnitten ihre Schwerter, es schützte nichts dagegen. 2332
+Da schlug den König Gernot Rüdiger der Degen
+Durch den steinharten Helm, daß niederfloß das Blut:
+Das vergalt alsbald ihm dieser Ritter kühn und gut.
+
+Hoch schwang er Rüdgers Gabe, die in der Hand ihm lag; 2333
+Wie wund er war zum Tode, er schlug ihm einen Schlag
+Auf des Helmes Bänder und durch den festen Schild,
+Davon ersterben muste der gute Rüdiger mild.
+
+So reicher Gabe übler gelohnt ward nimmermehr. 2334
+Da fielen beid erschlagen, Gernot und Rüdiger,
+Im Sturm gleichermaßen von beider Kämpfer Hand.
+Da erst ergrimmte Hagen, als er den großen Schaden fand.
+
+Da sprach der Held von Tronje: "Es ist uns schlimm bekommen. 2335
+So großen Schaden haben wir an den Zwein genommen,
+Daß wir ihn nie verwinden, ihr Volk noch ihr Land.
+Uns Heimathlosen bleiben nun Rüdgers Helden zu Pfand."
+
+Da wollte Keiner weiter dem Andern was vertragen: 2336
+Mancher ward darnieder unverletzt geschlagen,
+Der wohl noch wär genesen: ob ihm war solcher Drang,
+Wie heil er sonst gewesen, daß er im Blute doch ertrank.
+
+"Weh mir um den Bruder! der fiel hier in den Tod. 2337
+Was mir zu allen Stunden für leide Märe droht!
+Auch muß mich immer reuen mein Schwäher Rüdiger:
+Der Schad ist beidenthalben und großen Jammers Beschwer."
+
+Als der junge Geiselher sah seinen Bruder todt, 2338
+Die noch im Saale waren, die musten leiden Noth.
+Der Tod suchte eifrig, wo sein Gesinde wär:
+Deren von Bechelaren entgieng kein Einziger mehr.
+
+Gunther und Hagen und auch Geiselher, 2339
+Dankwart und Volker, die guten Degen hehr,
+Die giengen zu der Stelle, wo man sie liegen fand:
+Wie jämmerlich da weinten diese Helden auserkannt!
+
+"Der Tod beraubt uns übel," sprach Geiselher das Kind. 2340
+"Nun laßt euer Weinen und gehn wir an den Wind,
+Daß sich die Panzer kühlen uns streitmüden Degen:
+Es will nicht Gott vom Himmel, daß wir länger leben mögen."
+
+Den sitzen, den sich lehnen sah man manchen Mann. 2341
+Sie waren wieder müßig. Die Rüdgern unterthan
+Waren all erlegen; verhaßt war das Getos.
+So lange blieb es stille, daß es Etzeln verdroß.
+
+"O weh dieses Leides!" sprach die Königin. 2342
+"Sie sprechen allzulange; unsre Feinde drin
+Mögen wohl heil verbleiben vor Rüdigers Hand:
+Er will sie wiederbringen heim in der Burgunden Land.
+
+"Was hilfts, König Etzel, daß wir an ihn vertan, 2343
+Was er nur begehrte? Er that nicht wohl daran:
+Der uns rächen sollte, der will der Sühne pflegen."
+Da gab ihr Volker Antwort, dieser zierliche Degen:
+
+"Dem ist nicht also leider, viel edel Königsweib. 2344
+Und dürft ich Lügen strafen ein so hehres Weib,
+So hättet ihr recht teuflisch Rüdigern verlogen.
+Er und seine Degen sind um die Sühne gar betrogen.
+
+"So williglich vollbracht er, was ihm sein Herr gebot, 2345
+Daß er und sein Gesinde hier fielen in den Tod.
+Nun seht euch um, Frau Kriemhild, wem ihr gebieten wollt:
+Euch war bis an sein Ende Rüdiger getreu und hold.
+
+"Wollt ihr mir nicht glauben, so schaut es selber an." 2346
+Zu ihrem Herzeleide ward es da gethan:
+Man trug ihn hin erschlagen, wo ihn der König sah.
+König Etzels Mannen wohl nimmer leider geschah.
+
+Da sie den Markgrafen todt sahn vor sich tragen, 2347
+Da vermöcht euch kein Schreiber zu schildern noch zu sagen
+Die ungebärdge Klage so von Weib als Mann,
+Die sich aus Herzensjammer da zu erzeigen begann.
+
+König Etzels Jammern war so stark und voll, 2348
+Wie eines Löwen Stimme dem reichen König scholl
+Der Wehruf der Klage; auch ihr schufs große Noth;
+Sie weinten übermäßig um des guten Rüdger Tod.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Achtunddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Dietrichens Recken alle erschlagen wurden.
+
+
+Der Jammer allenthalben zu solchem Maße schwoll, 2349
+Daß von der Wehklage Pallas und Thurm erscholl.
+Da vernahm es auch ein Berner, Dietrichs Unterthan:
+Der schweren Botschaft willen wie eilends kam er heran!
+
+Da sprach er zu dem Fürsten: "Hört mich, Herr Dieterich, 2350
+Was ich noch je erlebte, so herzensjämmerlich
+Hört ich noch niemals klagen, als ich jetzt vernahm.
+Ich glaube, daß der König nun selber zu der Hochzeit kam,
+
+"Wie wären sonst die Leute all in solcher Noth? 2351
+Der König oder Kriemhild Eins ward dem Tod
+Von den kühnen Gästen in ihrem Zorn gesellt.
+Es weint übermäßig mancher auserwählte Held."
+
+Da sprach der Vogt von Berne: "Ihr Getreun in meinem Lehn, 2352
+Seid nicht allzu eilig: was hier auch ist geschehn
+Von den Heimathlosen, sie zwang dazu die Noth:
+Nun laßt sie des genießen, daß ich ihnen Frieden bot."
+
+Da sprach der kühne Wolfhart: "Ich will zum Saale gehn, 2353
+Der Märe nachzufragen, was da sei geschehn,
+Und will euch dann berichten, viel lieber Herre mein,
+Wenn ich es dort erkunde, wie die Sache möge sein."
+
+Da sprach der edle Dietrich: "Wenn man sich Zorns versieht 2354
+Und ungestümes Fragen zur Unzeit dann geschieht,
+Das betrübt den Recken allzuleicht den Muth:
+Drum will ich nicht, Wolfhart, daß ihr die Frage da thut."
+
+Da bat er Helfrichen hin zu gehn geschwind, 2355
+Ob er erkundgen möge bei Etzels Ingesind
+Oder bei den Gästen, was da wär geschehn.
+Da wurde nie bei Leuten so großer Jammer gesehn.
+
+Der Bote kam und fragte: "Was ist hier geschehn?" 2356
+Da ward ihm zum Bescheide: "Nun must uns auch zergehn
+Der Trost, der uns geblieben noch war in Heunenland:
+Hier liegt erschlagen Rüdiger von der Burgunden Hand.
+
+"Nicht Einer ist entkommen, der mit ihm gieng hinein." 2357
+Das konnte Helfrichen nimmer leider sein.
+Wohl mocht er seine Märe noch nie so ungern sagen:
+Er kam zu Dietrichen zurück mit Weinen und Klagen.
+
+"Was bringt ihr uns für Kunde?" sprach da Dieterich, 2358
+"Wie weint ihr so heftig, Degen Helferich?"
+Da sprach der edle Recke: "Wohl hab ich Grund zu klagen.
+Den guten Rüdger haben die Burgunden erschlagen."
+
+Da sprach der Held von Berne: "Das wolle nimmer Gott. 2359
+Eine starke Rache wär es und des Teufels Spott.
+Wie hätt an ihnen Rüdiger verdient solchen Sold?
+Ich weiß wohl die Kunde, er ist den Fremdlingen hold."
+
+Da sprach der kühne Wolfhart: "Und wär es geschehn, 2360
+So sollt es ihnen Allen an Leib und Leben gehn.
+Wenn wirs ertragen wollten, es brächt uns Spott und Schand,
+Uns bot so große Dienste des guten Rüdiger Hand."
+
+Der Vogt von Amelungen erfragt' es gern noch mehr. 2361
+In ein Fenster setzt' er sich, ihm war das Herz so schwer.
+Da hieß er Hildebranden zu den Gästen gehn,
+Bei ihnen zu erforschen, was da wäre geschehn.
+
+Der sturmkühne Recke, Meister Hildebrand, 2362
+Weder Schild noch Waffen trug er an der Hand.
+Er wollt in seinen Züchten zu den Gästen gehn;
+Von seiner Schwester Kinde must er sich gescholten sehn.
+
+Da sprach der grimme Wolfhart: "Geht ihr dahin so bloß, 2363
+So kommt ihr ungescholten nimmer wieder los:
+So müst ihr dann mit Schanden thun die Wiederfahrt;
+Geht ihr dahin in Waffen, so weiß ich, daß es Mancher spart."
+
+Da rüstete der Alte sich nach des Jungen Rath. 2364
+Eh Hildbrand es gewahrte, standen in ihrem Staat
+Die Recken Dietrichs alle, die Schwerter in der Hand.
+Leid war das dem Helden, er hätt es gern noch abgewandt.
+
+Er frag, wohin sie wollten. "Wir wollen mit euch hin; 2365
+Ob von Tronje Hagen wohl dann noch ist so kühn,
+Mit Spott zu euch zu reden, wie ihm zu thun gefällt?"
+Als er die Rede hörte, erlaubt' es ihnen der Held.
+
+Da sah der kühne Volker wohlgewaffnet gehn 2366
+Die Recken von Berne in Dietrichens Lehn,
+Die Schwerter umgegürtet, die Schilde vor der Hand:
+Er sagt' es seinen Herren aus der Burgunden Land.
+
+Da sprach der Fiedelspieler: "Dorten seh ich nahn 2367
+Recht in Feindesweise Die Dietrich unterthan,
+Gewaffnet unter Helmen: sie wollen uns bestehn.
+Nun wird es an das Ueble mit uns Fremdlingen gehn."
+
+Es währte nicht lange, so kam auch Hildebrand: 2368
+Da setzt' er vor die Füße seinen Schildesrand
+Und begann zu fragen Die Gunthern unterthan:
+"O weh, ihr guten Degen, was hatt euch Rüdiger gethan?
+
+"Mich hat mein Herr Dietrich her zu euch gesandt, 2369
+Ob erschlagen liege, Helden, von eurer Hand
+Dieser edle Markgraf, wie man uns gab Bescheid?
+Wir könnten nicht verwinden also schweres Herzeleid."
+
+Da sprach der grimme Hagen: "Die Mär ist ungelogen, 2370
+Wie gern ichs euch gönnte, wärt ihr damit betrogen,
+Rüdigern zu Liebe: so lebt' er uns noch,
+Den nie genug beweinen mögen Fraun und Mannen doch."
+
+Als sie das recht vernahmen, Rüdiger sei todt, 2371
+Da beklagten ihn die Recken, wie ihre Treu gebot.
+Dietrichens Mannen sah man die Thränen gehn
+Uebern Bart zum Kinne: viel Leid war ihnen geschehn.
+
+Siegstab der Herzog von Bern sprach zuhand: 2372
+"O weh, wie all die Güte hier gar ein Ende fand,
+Die uns Rüdiger hier schuf nach unsers Leides Tagen:
+Der Trost der Heimathlosen liegt von euch Degen erschlagen."
+
+Da sprach von Amelungen der Degen Wolfwein: 2373
+"Und wenn ich vor mir liegen hier säh, den Vater mein,
+Mir würde nimmer leider als um Rüdgers Tod.
+O weh, wer soll nun trösten die Markgräfin in ihrer Noth?"
+
+Do sprach im Zornmuthe der kühne Wolfhart: 2374
+"Wer leitet nun die Recken auf mancher Heerfahrt,
+Wie von dem Markgrafen so oft geschehen ist?
+O weh, viel edler Rüdiger, daß du uns so verloren bist!"
+
+Wolfbrand und Helferich und auch Helmnot 2375
+Mit allen ihren Freunden beweinten seinen Tod.
+Nicht mehr fragen mochte vor Seufzen Hildebrand:
+So thut denn, ihr Degen, warum mein Herr uns gesandt.
+
+"Gebt uns den todten Rüdiger aus dem Saal, 2376
+An dem all unsre Freude erlitt den Jammerfall.
+Laßt uns ihm so vergelten, was er an uns gethan
+Hat mit großer Treue und an manchem fremden Mann.
+
+"Wir sind hier auch Vertriebene wie Rüdiger der Degen. 2377
+Wie laßt ihr uns warten? Laßt uns ihn aus den Wegen
+Tragen und im Tode lohnen noch dem Mann:
+Wir hätten es wohl billig bei seinem Leben gethan."
+
+Da sprach der König Gunther: "Nie war ein Dienst so gut, 2378
+Als den ein Freund dem Freunde nach dem Tode thut.
+Das nenn ich stäte Treue, wenn man das leisten kann:
+Ihr lohnt ihm nach Verdienste, er hat euch Liebes gethan."
+
+"Wie lange solln wir flehen?" sprach Wolfart der Held." 2379
+"Da unser Trost der beste liegt von euch gefällt,
+Und wir ihn nun leider nicht länger mögen haben,
+Laßt uns ihn hinnen tragen, daß wir den Recken begraben."
+
+Zur Antwort gab ihm Volker: "Man bringt ihn euch nicht her, 2380
+Holt ihn aus dem Hause, wo der Degen hehr
+Mit tiefen Herzenswunden gefallen ist ins Blut:
+So sind es volle Dienste, die ihr hier Rüdigern thut."
+
+Da sprach der kühne Wolfhart: "Gott weiß, Herr Fiedelmann, 2381
+Ihr müßt uns nicht noch reizen; ihr habt uns Leid gethan.
+Dürft ichs vor meinem Herren, so kämt ihr drum in Noth;
+Doch müßen wir es laßen, weil er den Streit uns verbot."
+
+Da sprach der Fiedelspieler: "Der fürchtet sich zu viel, 2382
+Der, was man ihm verbietet, Alles laßen will:
+Das kann ich nimmer heißen rechten Heldenmuth."
+Die Rede dauchte Hagnen von seinem Heergesellen gut.
+
+"Wollt ihr den Spott nicht laßen," fiel ihm Wolfhart ein, 2383
+"Ich verstimm euch so die Saiten, daß ihr noch am Rhein,
+Wenn je ihr heimreitet, habt davon zu sagen.
+Euer Ueberheben mag ich mit Ehren nicht ertragen."
+
+Da sprach der Fiedelspieler: "Wenn ihr den Saiten mein 2384
+Die guten Töne raubtet, eures Helmes Schein
+Müste trübe werden dabei von meiner Hand,
+Wie ich halt auch reite in der Burgunden Land."
+
+Da wollt er zu ihm springen doch blieb nicht frei die Bahn. 2385
+Hildebrand sein Oheim hielt ihn mit Kräften an.
+"Ich seh, du willst wüthen in deinem dummen Zorn;
+Nun hätten wir auf immer meines Herren Huld verlorn."
+
+"Laßt los den Leuen, Meister, er hat so grimmigen Muth; 2386
+Doch kommt er mir zu nahe," sprach Volker der Degen gut,
+"Hätt er mit seinen Händen die ganze Welt erlagen,
+Ich schlag ihn, daß er nimmermehr ein Widerwort weiß zu sagen."
+
+Darob ergrimmte heftig den Bernern der Muth. 2387
+Den Schild ruckte Wolfhart, ein schneller Recke gut,
+Gleich einem wilden Leuen lief er auf ihn an.
+Die Schar seiner Freunde ihm rasch zu folgen begann.
+
+Mit weiten Sprüngen setzt' er bis vor des Saales Wand; 2388
+Doch ereilt' ihn vor der Stiege der alte Hildebrand:
+Er wollt ihn vor ihm selber nicht laßen in den Streit.
+Zu ihrem Willen fanden sie gern die Gäste bereit.
+
+Da sprang hin zu Hagen Meister Hildebrand: 2389
+Man hörte Waffen klingen an der Helden Hand.
+Sie waren sehr im Zorne, das zeigte sich geschwind:
+Von der Beiden Schwertern gieng der feuerrothe Wind.
+
+Da wurden sie geschieden in des Streites Noth: 2390
+Das thaten die von Berne, wie Kraft und Muth gebot.
+Als sich von Hagen wandte Meister Hildebrand,
+Da kam der starke Wolfhart auf den kühnen Volker gerannt.
+
+Auf den Helm dem Fiedler schlug er solchen Schwang, 2391
+Daß des Schwertes Schärfe durch die Spangen drang.
+Das vergalt mit Ungestüm der kühne Fiedelmann:
+Da schlug er Wolfharten, daß er zu sprühen begann.
+
+Feuers aus den Panzern hieben sie genug; 2392
+Grimmen Haß Jedweder zu dem Andern trug.
+Da schied sie von Berne der Degen Wolfwein;
+Wär er kein Held gewesen, so konnte das nimmer sein.
+
+Gunther der kühne mit williger Hand 2393
+Empfieng die hehren Helden aus Amelungenland.
+Geiselher der junge die lichten Helme gut
+Macht' er in dem Sturme Manchem naß und roth von Blut.
+
+Dankwart, Hagens Bruder, war ein grimmer Mann: 2394
+Was er zuvor im Streite Herrliches gethan
+An König Etzels Recken, das schien nun gar ein Wind:
+Nun erst begann zu toben des kühnen Aldrians Kind.
+
+Ritschart und Gerbart, Helfrich und Wichart 2395
+In manchen Stürmen hatten die selten sich gespart:
+Das ließen sie wohl schauen die in Gunthers Lehn.
+Da sah man Wolfbranden in dem Sturme herrlich gehn.
+
+Da focht, als ob er wüthe, der alte Hildebrand. 2396
+Viel gute Recken musten vor Wolfhartens Hand
+Auf den Tod getroffen sinken in das Blut:
+So rächten Rüdgers Wunden diese Recken kühn und gut.
+
+Da focht der Herzog Siegstab, wie ihm der Zorn gebot. 2397
+Hei! was harter Helme brach in des Sturmes Noth
+An seinen Feinden Dietrichens Schwestersohn!
+Er konnt in dem Sturme nicht gewaltiger drohn.
+
+Volker der Starke, als er das ersah, 2398
+Wie Siegstab der kühne aus Panzerringen da
+Bäche Blutes holte, das schuf dem Biedern Zorn:
+Er sprang ihm hin entgegen: da hatte hier bald verlorn
+
+Von dem Fiedelspieler das Leben Siegstab: 2399
+Volker ihm seiner Künste so vollen Anteil gab,
+Er fiel von seinem Schwerte nieder in den Tod.
+Der alte Hilbrand rächte das, wie ihm sein Eifer gebot.
+
+"O weh des lieben Herren," sprach Meister Hildebrand, 2400
+"Der uns hier erschlagen liegt von Volkers Hand!
+Nun soll der Fiedelspieler auch länger nicht gedeihn."
+Hildebrand der kühne wie könnt er grimmiger sein.
+
+Da schlug er so auf Volker, daß von des Helmes Band 2401
+Die Splitter allwärts stoben bis zu des Saales Wand,
+Vom Helm und auch vom Schilde dem kühnen Spielmann;
+Davon der starke Volker nun auch sein Ende gewann.
+
+Da drangen zu dem Streite Die in Dietrichs Lehn: 2402
+Sie schlugen, daß die Splitter sich wirbelnd musten drehn
+Und man der Schwerter Enden in die Höhe fliegen sah.
+Sie holten aus den Helmen heiße Blutbäche da.
+
+Nun sah von Tronje Hagen Volker den Degen todt: 2403
+Das war ihm bei der Hochzeit die allergröste Noth,
+Die er gewonnen hatte an Freund und Unterthan!
+O weh, wie grimmig Hagen den Freund zu rächen begann!
+
+"Nun soll es nicht genießen der alte Hildebrand: 2404
+Mein Gehilfe liegt erschlagen von des Helden Hand,
+Der beste Heergeselle, den ich je gewann."
+Den Schild rückt' er höher, so gieng er hauend hindann.
+
+Helferich der starke Dankwarten schlug: 2405
+Gunthern und Geiselhern war es leid genug,
+Als sie ihn fallen sahen in der starken Noth;
+Doch hatten seine Hände wohl vergolten seinen Tod.
+
+So viel aus manchen Landen hier Volks versammelt war, 2406
+Viel Fürsten kraftgerüstet gegen die kleine Schar,
+Wären die Christenleute nicht wider sie gewesen,
+Durch ihre Tugend mochten sie vor allen Heiden wohl genesen.
+
+Derweil schuf sich Wolfhart hin und wieder Bahn, 2407
+Alles niederhauend, was Gunthern unterthan.
+Er machte nun zum dritten Mal die Runde durch den Saal:
+Da fiel von seinen Händen gar mancher Recke zu Thal.
+
+Da rief der starke Geiselher Wolfharten an: 2408
+"O weh, daß ich so grimmen Feind je gewann!
+Kühner Ritter edel, nun wende dich hieher!
+Ich will es helfen enden, nicht länger trag ich es mehr."
+
+Zu Geiselheren wandte sich Wolfhart in den Streit. 2409
+Da schlugen sich die Recken manche Wunde weit.
+Mit solchem Ungestüme er zu dem König drang,
+Daß unter seinen Füßen übers Haupt das Blut ihm sprang.
+
+Mit schnellen grimmen Schlägen der schönen Ute Kind 2410
+Empfieng da Wolfharten, den Helden hochgesinnt.
+Wie stark auch war der Degen, wie sollt er hier gedeihn?
+Es konnte nimmer kühner ein so junger König sein.
+
+Da schlug er Wolfharten durch einen Harnisch gut, 2411
+Daß ihm aus der Wunde niederschoß das Blut:
+Zum Tode war verwundet Dietrichens Unterthan.
+Wohl must er sein ein Recke, der solche Werke gethan.
+
+Als der kühne Wolfhart die Wund an sich empfand, 2412
+Den Schild ließ er fallen: höher in der Hand
+Hob er ein starkes Waffen, das war wohl scharf genug:
+Durch Helm und Panzerringe der Degen Geiselhern schlug.
+
+Den grimmen Tod einander hatten sie angethan. 2413
+Da lebt' auch Niemand weiter, der Dietrich unterthan.
+Hildebrand der alte Wolfharten fallen sah:
+Gewiss vor seinem Tode solch Leid ihm nimmer geschah.
+
+Erstorben waren Alle Die in Gunthers Lehn 2414
+Und Die in Dietrichens. Hilbranden sah man gehn,
+Wo Wolfhart war gefallen nieder in das Blut.
+Er umschloß mit Armen den Degen bieder und gut.
+
+Er wollt ihn aus dem Hause tragen mit sich fort; 2415
+Er war zu schwer doch, laßen must ihn der Alte dort.
+Da blickt' aus dem Blute der todwunde Mann:
+Er sah wohl, sein Oheim hülfe gern ihm hindann.
+
+Da sprach der Todwunde: "Viel lieber Oheim mein, 2416
+Mir kann zu dieser Stunde eure Hülfe nicht gedeihn.
+Nun hütet euch vor Hagen, fürwahr, ich rath euch gut:
+Der tragt in seinem Herzen einen grimmigen Muth.
+
+"Und wollen meine Freunde im Tode mich beklagen, 2417
+Den nächsten und den besten sollt ihr von mir sagen,
+Daß sie nicht um mich weinen, das thu nimmer Noth:
+Von eines Königs Händen fand ich hier herrlichen Tod.
+
+"Ich hab auch so vergolten mein Sterben hier im Saal, 2418
+Das schafft noch den Frauen der guten Ritter Qual.
+Wills Jemand von euch wißen, so mögt ihr kühnlich sagen:
+Von meiner Hand alleine liegen hundert wohl erschlagen.
+
+Da gedacht auch Hagen an den Fiedelmann, 2419
+Dem der alte Hildebrand das Leben abgewann:
+Da sprach er zu dem Kühnen: "Ihr entgeltet nun mein Leid.
+Ihr habt uns hier benommen manchen Recken kühn im Streit."
+
+Er schlug auf Hildebranden daß man wohl vernahm 2420
+Balmungen dröhnen, den Siegfrieden nahm
+Hagen der kühne, als er den Helden schlug.
+Da wehrte sich ser Alte: er war auch streitbar genug.
+
+Wolfhartens Oheim ein breites Waffen schwang 2421
+Auf Hagen von Tronje, das scharf den Stahl durchdrang:
+Doch konnt er nicht verwunden Gunthers Unterthan.
+Da schlug ihm Hagen wieder durch einen Harnisch wohlgetan.
+
+Als da Meister Hildebrand die Wunde recht empfand, 2422
+Besorgt' er größern Schaden noch von Hagens Hand.
+Den Schild warf auf den Rücken Dietrichs Unterthan:
+Mit der starken Wunde der Held vor Hagen entrann.
+
+Da lebt' auch von allen den Degen Niemand mehr 2423
+Als Gunther und Hagen, die beiden Recken hehr.
+Mit Blut gieng beronnen der alte Hildebrand:
+Er brachte leide Märe, da er Dietrichen fand.
+
+Schwer bekümmert sitzen sah er da den Mann: 2424
+Noch größern Leides Kunde nun der Fürst gewann.
+Als er Hildebranden im Panzer sah so roth,
+Da fragt' er nach der Ursach, wie ihm die Sorge gebot.
+
+"Nun sagt mir, Meister Hildebrand, wie seid ihr so naß 2425
+Von dem Lebensblute? oder wer that euch das?
+Ihr habt wohl mit den Gästen gestritten in dem Saal?
+Ihr ließt es billig bleiben, wie ich so dringend befahl."
+
+Da sagt' er seinem Herren: "Hagen that es mir: 2426
+Der schlug mir in dem Saale diese Wunde hier,
+Als ich von dem Recken zu wenden mich begann.
+Kaum daß ich mit dem Leben noch dem Teufel entrann."
+
+Da sprach der von Berne: "Gar recht ist euch geschehen, 2427
+Da ihr mich Freundschaft hörtet den Recken zugestehn
+Und doch den Frieden brachet, den ich ihnen bot:
+Wär mirs nicht ewig Schande, ihr solltets büßen mit dem Tod."
+
+"Nun zürnt mir, Herr Dietrich, darob nicht allzusehr: 2428
+An mir und meinen Freunden ist der Schade gar zu schwer.
+Wir wollten Rüdger gerne tragen aus dem Saal:
+Das wollten uns nicht gönnen die, welchen Gunther befahl."
+
+"O weh mir dieses Leides! Ist Rüdiger doch todt? 2429
+Das muß mir sein ein Jammer vor all meiner Noth.
+Gotelind die edle ist meiner Base Kind:
+O weh der armen Waisen, die dort zu Bechlaren sind!"
+
+Herzeleid und Kummer schuf ihm sein Tod: 2430
+Er hub an zu weinen: den Helden zwang die Noth.
+"O weh der treuen Hülfe, die mir an ihm erlag,
+König Etzels Degen, den ich nie verschmerzen mag.
+
+"Könnt ihr mir, Meister Hildebrand, rechte Kunde sagen, 2431
+Wie der Recke heiße, der ihn hat erschlagen?"
+Er sprach "Das that mit Kräften der starke Gernot;
+Von Rüdigers Händen fand auch der König den Tod."
+
+Er sprach zu Hilbranden: "So sagt den Meinen an, 2432
+Daß sie alsbald sich waffnen, so geh ich selbst hinan.
+Und befehlt, daß sie mir bringen mein lichtes Streitgewand:
+Ich selber will nun fragen die Helden aus Burgundenland."
+
+Da sprach Meister Hildebrand: "Wer soll mit euch gehn? 2433
+Die euch am Leben blieben, die seht ihr vor euch stehn:
+Das bin ich ganz alleine; die Andern die sind todt."
+Da erschrak er dieser Märe, es schuf ihm wahrhafte Noth,
+
+Daß er auf Erden nimmer noch solches Leid gewann. 2434
+Er sprach: "Und sind erstorben all Die mir unterthan,
+So hat mein Gott vergeßen, ich, armer Dietrich!
+Ich herrscht' ein mächtger König einst hehr und gewaltiglich."
+
+Wieder sprach da Dietrich: "Wie könnt es nur geschehn, 2435
+Daß sie all erstarben, die Helden ausersehn,
+Vor den Streitmüden, die doch gelitten Noth?
+Mein Unglück schufs alleine, sonst verschonte sie der Tod!
+
+"Wenn dann mein Unheil wollte, es sollte sich begeben, 2436
+So sprecht, blieb von den Gästen Einer noch am Leben?"
+Da sprach Meister Hildebrand: "Das weiß Gott, Niemand mehr
+Als Hagen ganz alleine und Gunther der König hehr."
+
+"O weh, lieber Wolfhart, und hab ich dich verloren, 2437
+So mag mich bald gereuen, daß ich je ward geboren.
+Siegstab und Wolfwein und auch Wolfbrand:
+Wer soll mir denn helfen in der Amelungen Land?
+
+"Helferich der kühne, und ist mir der erschlagen, 2438
+Gerbart und Wichard, wann hör ich auf zu klagen?
+Das ist aller Freuden mir der letzte Tag.
+O weh, daß vor Leide Niemand doch ersterben mag!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Neununddreißigstes Abenteuer.
+
+Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden.
+
+
+Da suchte sich Herr Dietrich selber sein Gewand; 2439
+Ihm half, daß er sich waffnete, der alte Hildebrand.
+Da klagte so gewaltig der kraftvolle Mann,
+Daß von seiner Stimme das Haus zu schüttern begann.
+
+Dann gewann er aber wieder rechten Heldenmuth. 2440
+Im Grimm ward gewaffnet da der Degen gut.
+Seinen Schild, den festen, den nahm er an die Hand:
+Sie giengen bald von dannen, er und Meister Hildebrand.
+
+Da sprach von Tronje Hagen: "Dort seh ich zu uns gehn 2441
+Dietrich den Herren: der will uns bestehn
+Nach dem großen Leide, das wir ihm angethan.
+Nun soll man heute schauen, wen man den Besten nennen kann.
+
+"Und dünkt sich denn von Berne der Degen Dieterich 2442
+Gar so starkes Leibes und so fürchterlich.
+Und will ers an uns rächen was ihm ist geschehn,"
+Also sprach da Hagen, "ich bin wohl Mann ihn zu bestehn."
+
+Die Rede hörte Dietrich mit Meister Hildebrand. 2443
+Er kam, wo er die Recken beide stehen fand
+Außen vor dem Hause, gelehnt an den Saal.
+Seinen Schild den guten, den setzte Dietrich zu Thal.
+
+In leidvollen Sorgen sprach da Dietrich: 2444
+"Wie habt ihr so geworben, Herr Gunther, wider mich,
+Einen Heimathlosen? Was that ich euch wohl je,
+Daß alles meines Trostes ich nun verwaiset mich seh?
+
+"Ihr fandet nicht Genüge an der großen Noth, 2445
+Als ihr uns Rüdigeren, den Recken, schluget todt:
+Ihr missgönntet sie mir alle, Die mir unterthan.
+Wohl hätt ich solchen Leides euch Degen nimmer gethan.
+
+"Gedenkt an euch selber und an euer Leid, 2446
+Eurer Freunde Sterben und all die Noth im Streit,
+Ob es euch guten Degen nicht beschwert den Muth.
+O weh, wie so unsanft mir der Tod Rüdigers thut!
+
+"So leid geschah auf Erden Niemanden je. 2447
+Ihr gedachtet wenig an mein und euer Weh.
+Was ich Freuden hatte, das liegt von euch erschlagen:
+Wohl kann ich meine Freunde nimmer genug beklagen."
+
+"Wir sind wohl nicht so schuldig," sprach Hagen entgegen. 2448
+"Zu diesem Hause kamen alle eure Degen
+Mit großem Fleiß gewaffnet in einer breiten Schar.
+Man hat euch wohl die Märe nicht gesagt, wie sie war."
+
+"Was soll ich andere glauben? mir sagt Hildebrand: 2449
+Euch baten meine Recken vom Amelungenland,
+Daß ihr ihnen Rüdigern gäbet aus dem Haus:
+Da botet ihr Gespötte nur meinen Recken heraus."
+
+Da sprach der Vogt vom Rheine: "Sie wollten Rüdgern tragen, 2450
+Sagten sie, von hinnen: das ließ ich versagen
+Etzeln zum Trotze, nicht aber deinem Heer,
+Bis darob zu schelten Wolfhart begann, der Degen hehr."
+
+Da sprach der Held von Berne: "Es sollte nun so sein. 2451
+Gunther, edler König, bei aller Tugend dein
+Ersetze mir das Herzeleid, das mir von dir geschehn;
+Versühn es, kühner Ritter, so laß ichs ungerochen gehn.
+
+"Ergieb dich mir zum Geisel mit Hagen deinem Mann: 2452
+So will ich euch behüten, so gut ich immer kann,
+Daß euch bei den Heunen hier Niemand Leides thut.
+Ihr sollt an mir erfahren, daß ich getreu bin und gut."
+
+"Das verhüte Gott vom Himmel," sprach Hagen entgegen, 2453
+"Daß sich dir ergeben sollten zwei Degen,
+Die noch in voller Wehre dir gegenüber stehn,
+Das wär uns Unehre: die Feigheit soll nicht geschehn."
+
+"Ihr solltets nicht verweigern," sprach wieder Dietrich. 2454
+"Gunther und Hagen, ihr habt so bitterlich
+Beide mir bekümmert das Herz und auch den Muth,
+Wollt ihr mir das vergüten, daß ihr es billiglich thut.
+
+"Ich geb euch meine Treue, und reich euch drauf die Hand, 2455
+Daß ich mit euch reite heim in euer Land.
+Ich geleit euch wohl nach Ehren, ich stürbe denn den Tod,
+Und will um euch vergeßen all meiner schmerzhaften Noth."
+
+"Begehrt es nicht weiter," sprach wieder Hagen: 2456
+"Wie ziemt es, wenn die Märe wär von uns zu sagen,
+Daß zwei so kühne Degen sich ergäben eurer Hand?
+Sieht man bei euch doch Niemand als alleine Hildebrand."
+
+Da sprach Meister Hildebrand: "Gott weiß, Herr Hagen, 2457
+Den Frieden, den Herr Dietrich euch hat angetragen,
+Es kommt noch an die Stunde vielleicht in kurzer Frist,
+Daß ihr ihn gerne nähmet, und er nicht mehr zu haben ist."
+
+"Auch nähm ich eh den Frieden," sprach Hagen entgegen, 2458
+"Eh ich mit Schimpf und Schande so vor einem Degen
+Flöhe, Meister Hildebrand, als ihr hier habt gethan:
+Ich wähnt auf meine Treue, ihr stündet beßer euerm Mann."
+
+Da sprach Meister Hildebrand: "Was verweiset ihr mir das? 2459
+Nun wer wars, der auf dem Schilde vor dem Wasgensteine saß,
+Als ihm von Spanien Walther so viel der Freunde schlug?
+Wohl habt ihr an euch selber noch zu rügen genug."
+
+Da sprach der edle Dietrich: "Wie ziemt solchen Degen 2460
+Sich mit Worten schelten wie alte Weiber pflegen?
+Ich verbiet es, Meister Hildebrand sprecht hier nicht mehr.
+Mich heimathlosen Recken zwingt so große Beschwer.
+
+"Laßt hören, Freund Hagen," sprach da Dieterich, 2461
+"Was spracht ihr zusammen, ihr Helden tugendlich,
+Als ihr mich gewaffnet sahet zu euch gehn?
+Ihr sagtet, ihr alleine wolltet mich im Streit bestehn."
+
+"Das wird euch Niemand läugnen," sprach Hagen entgegen, 2462
+"Wohl will ichs hier versuchen mit kräftigen Schlägen,
+Es sei denn, mir zerbreche das Nibelungenschwert:
+Mich entrüstet, daß zu Geiseln unser beider ward begehrt."
+
+Als Dietrich erhörte Hagens grimmen Muth, 2463
+Den Schild behende zuckte der schnelle Degen gut.
+Wie rasch ihm von der Stiege entgegen Hagen sprang!
+Niblungs Schwert das gute auf Dietrichen laut erklang.
+
+Da wuste wohl Herr Dietrich, daß der kühne Mann 2464
+Grimmen Muthes fechte; zu schirmen sich begann
+Der edle Vogt von Berne vor ängstlichen Schlägen.
+Wohl erkannt er Hagen, er war ein auserwählter Degen.
+
+Auch scheut' er Balmungen, eine Waffe stark genug. 2465
+Nur unterweilen Dietrich mit Kunst entgegenschlug
+Bis daß er Hagen im Streite doch bezwang.
+Er schlug ihm eine Wunde die gar tief war und lang.
+
+Der edle Dietrich dachte: "Dich schwächte lange Noth; 2466
+Mir brächt es wenig Ehre, gäb ich dir den Tod.
+So will ich nur versuchen, ob ich dich zwingen kann,
+Als Geisel mir zu folgen." Das ward mit Sorgen gethan.
+
+Den Schild ließ er fallen: seine Stärke, die war groß; 2467
+Hagnen von Tronje mit den Armen er umschloß.
+So ward von ihm bezwungen dieser kühne Mann.
+Gunther der edle darob zu trauern begann.
+
+Hagnen band da Dietrich und führt' ihn, wo er fand 2468
+Kriemhild die edle, und gab in ihre Hand
+Den allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug.
+Nach ihrem großen Leide ward sie da fröhlich genug.
+
+Da neigte sich dem Degen vor Freuden Etzels Weib: 2469
+"Nun sei dir immer selig das Herz und auch der Leib.
+Du hast mich wol entschädigt aller meiner Noth:
+Ich will dirs immer danken, es verwehr es denn der Tod."
+
+Da sprach der edle Dietrich: "Nun laßt ihn am Leben, 2470
+Edle Königstochter: es mag sich wohl begeben,
+Daß euch sein Dienst vergütet das Leid, das er euch that:
+Er soll es nicht entgelten, daß ihr ihn gebunden saht."
+
+Da ließ sie Hagnen führen in ein Haftgemach, 2471
+Wo Niemand ihn erschaute und er verschloßen lag.
+Gunther der Edle hub da zu rufen an:
+"Wo blieb der Held von Berne? Er hat mir Leides gethan."
+
+Da gieng ihm hin entgegen von Bern Herr Dieterich. 2472
+Gunthers Kräfte waren stark und ritterlich;
+Da säumt' er sich nicht länger, er rannte vor den Saal.
+Von ihrer Beider Schwertern erhob sich mächtiger Schall.
+
+So großen Ruhm erstritten Dietrich seit alter Zeit, 2473
+In seinem Zorne tobte Gunther zu sehr im Streit:
+Er war nach seinem Leide von Herzen feind dem Mann.
+Ein Wunder must es heißen, daß da Herr Dietrich entrann.
+
+Sie waren alle Beide so stark und muthesvoll, 2474
+Daß von ihren Schlägen Pallas und Thurm erscholl,
+So hieben sie mit Schwertern auf die Helme gut.
+Da zeigte König Gunther einen herrlichen Muth.
+
+Doch zwang ihn Der von Berne, wie Hagnen war geschehn. 2475
+Man mochte durch den Panzer das Blut ihm fließen sehn
+Von einem scharfen Schwerte: das trug Herr Dieterich
+Doch hatte sich Herr Gunther gewehrt, der müde, ritterlich.
+
+Der König ward gebunden von Dietrichens Hand, 2476
+Wie nimmer Könige sollten leiden solch ein Band.
+Er dachte, ließ' er ledig Gunthern und seinen Mann,
+Wem sie begegnen möchten, die müsten all den Tod empfahn.
+
+Dietrich von Berne nahm ihn bei der Hand, 2477
+Er führt' ihn hin gebunden, wo er Kriemhilden fand.
+Ihr war mit seinem Leide des Kummers viel benommen.
+Sie sprach: "König Gunther, nun seid mir höchlich willkommen."
+
+Er sprach: "Ich müst euch danken, viel edle Schwester mein, 2478
+Wenn euer Gruß in Gnaden geschehen könnte sein.
+Ich weiß euch aber, Königin, so zornig von Muth,
+Daß ihr mir und Hagen solchen Gruß im Spotte thut."
+
+Da sprach der Held von Berne: "Königstochter hehr, 2479
+So gute Helden sah, man als Geisel nimmermehr
+Als ich, edle Königin, bracht in eure Hut.
+Nun komme meine Freundschaft den Heimathlosen zu Gut."
+
+Sie sprach, sie thät es gerne. Da gieng Herr Dieterich 2480
+Mit weinenden Augen von den Helden tugendlich.
+Da rächte sich entsetzlich König Etzels Weib:
+Den auserwählten Recken nahm sie Leben und Leib.
+
+Sie ließ sie gesondert in Gefängniss legen, 2481
+Daß sich nie im Leben wiedersahn die Degen,
+Bis sie ihres Bruders Haupt hin vor Hagen trug.
+Kriemhildens Rache ward an Beiden grimm genug.
+
+Hin gieng die Königstochter, wo sie Hagen sah; 2482
+Wie feindselig sprach sie zu dem Recken da:
+"Wollt ihr mir wiedergeben, was ihr mir habt genommen,
+So mögt ihr wohl noch lebend heim zu den Burgunden kommen."
+
+Da sprach der grimme Hagen: "Die Red ist gar verloren, 2483
+Viel edle Königstochter. Den Eid hab ich geschworen,
+Daß ich den Hort nicht zeige: so lange noch am Leben
+Blieb Einer meiner Herren, so wird er Niemand gegeben."
+
+"Ich bring es zu Ende," sprach das edle Weib. 2484
+Dem Bruder nehmen ließ sie Leben da und Leib.
+Man schlug das Haupt ihm nieder: bei den Haaren sie es trug
+Vor den Held von Tronje: da gewann er Leids genug.
+
+Als der Unmuthvolle seines Herren Haupt ersah, 2485
+Wider Kriemhilden sprach der Recke da:
+"Du hasts nach deinem Willen zu Ende nun gebracht;
+Es ist auch so ergangen, wie ich mir hatte gedacht.
+
+"Nun ist von Burgunden der edle König todt, 2486
+Geiselher der junge dazu Herr Gernot.
+Den Hort weiß nun Niemand als Gott und ich allein:
+Der soll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen sein."
+
+Sie sprach: "So habt ihr üble Vergeltung mir gewährt; 2487
+So will ich doch behalten Siegfriedens Schwert.
+Das trug mein holder Friedel, als ich zuletzt ihn sah,
+An dem mir Herzensjammer vor allem Leide geschah."
+
+Sie zog es aus der Scheide, er konnt es nicht wehren. 2488
+Da dachte sie dem Recken das Leben zu versehren.
+Sie schwang es mit den Händen, das Haupt schlug sie ihm ab.
+Das sah der König Etzel, dem es großen Kummer gab.
+
+"Weh!" rief der König, "wie ist hier gefällt 2489
+Von eines Weibes Händen der allerbeste Held,
+Der je im Kampf gefochten und seinen Schildrand trug!
+So feind ich ihm gewesen bin, mir ist leid um ihn genug."
+
+Da sprach Meister Hildebrand: "Es kommt ihr nicht zu gut, 2490
+Daß sie ihn schlagen durfte; was man halt mir thut,
+Ob er mich selber brachte in Angst und große Noth,
+Jedennoch will ich rächen dieses kühnen Tronjers Tod."
+
+Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang: 2491
+Er schlug der Königstochter einen Schwertesschwang.
+Wohl schmerzten solche Dienste von dem Degen sie;
+Was könnt es aber helfen, daß sie so ängstlich schrie?
+
+Die da sterben sollen, die lagen all umher: 2492
+Zu Stücken lag verhauen die Königin hehr.
+Dietrich und Etzel huben zu weinen an
+Und jämmerlich zu klagen manchen Freund und Unterthan.
+
+Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod: 2493
+Die Leute hatten alle Jammer und Noth.
+Mit Leide war beendet des Königs Lustbarkeit,
+Wie immer Leid die Freude am lezten Ende verleiht.
+
+Ich kann euch nicht bescheiden, was seither geschah, 2494
+Als daß man immer weinen Christen und Heiden sah,
+Die Ritter und die Frauen und manche schöne Maid:
+Sie hatten um die Freunde das allergrößeste Leid.
+
+Ich sag euch nun nicht weiter von der großen Noth: 2495
+Die da erschlagen waren, die laßt liegen todt.
+Wie es im Heunenlande dem Volk hernach gerieth,
+Hie hat die Mär ein Ende: das ist _das Nibelungenlied_.
+
+ * * * * *
+
+Statt der letzten fünf Strophen hat b folgende sechs, die beiden letzten
+übereinstimmend mit A.
+
+Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang.
+Er schlug der Königstochter einen schweren Schwertesschwang,
+Mitten wo die Borte den Leib ihr hatt umgeben.
+Davon die Königstochter verlieren must ihr werthes Leben.
+
+Das Schwert schnitt so heftig daß sie nichts empfand,
+Das sie unsanft hätte berührt; sie sprach zuhand:
+"Dein Waffen ist erblindet, du sollst es von dir legen:
+Es ziemt nicht, daß es trage solch ein zierlicher Degen."
+
+Da zog er von dem Finger ein golden Ringelein
+Und warfs ihr vor die Füße: "Hebt ihr das Fingerlein
+Vom Boden auf, so spracht ihr die Wahrheit, edel Weib."
+Sie bückte sich zum Golde: da brach entzwei ihr werther Leib.
+
+So war auch erlegen Kriemhild, o weh der Noth:
+Wie so gar unmüßig war da der Tod.
+Dietrich und Etzel huben zu weinen an,
+Und inniglich klagen sah man so Weib als Mann.
+
+Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod,
+Die Leute hatten alle Jammer und Noth.
+Mit Leid war beendet des Königs Lustbarkeit,
+Wie immer Leid die Freude am letzten Ende verleiht.
+
+Ich kann euch nicht bescheiden was seither geschah,
+Als daß man Fraun und Ritter immer weinen sah,
+Dazu die edeln Knechte, um lieber Freunde Tod.
+Hier hat die Mär ein Ende: das ist die Nibelungennoth.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NIBELUNGENLIED***
+
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
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+ Chief Executive and Director
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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