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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/14915-8.txt b/14915-8.txt new file mode 100644 index 0000000..67fb5de --- /dev/null +++ b/14915-8.txt @@ -0,0 +1,14511 @@ +The Project Gutenberg eBook, Das Nibelungenlied, by Unknown, Translated by +Karl Joseph Simrock + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Das Nibelungenlied + +Author: Unknown + +Release Date: February 5, 2005 [eBook #14915] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NIBELUNGENLIED*** + + +E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed +Proofreading Team + + + +DAS NIBELUNGENLIED + +Uebersetzt + +von + +KARL SIMROCK + + + + + + + +Vorrede. + +Den Vorwurf, der meinen Uebersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen, der +Nibelungen namentlich, gemacht worden ist, als hätten sie den +Originalen Abbruch gethan, könnte ich mir schon gefallen laßen, denn +sie müsten sie, wenn er begründet sein sollte, übertroffen haben. +Leider vermag das keine Uebersetzung, und so werde ich mich statt jenes +schmeichelhaften Tadels mit dem bescheidenen Lobe begnügen müßen, +Unzählige, und vielleicht den Ankläger selbst, den Originalen zugeführt +zu haben. Daß dieß Uebersetzungen, und zwar besonders solche thun, die +Zeile für Zeile, gleichsam Wort für Wort übertragen, ist Goethes +Ausspruch, auf den ich mich schon im Freidank S. XIII. berufen durfte. +"Sie erregen," sagt der Altmeister, "eine unwiderstehliche Sehnsucht +nach dem Original." Weil aber immer etwas hangen bleibt, will ich, die +Anklage ganz aus dem Felde zu schlagen, diese Sehnsucht zu befriedigen +helfen, indem ich das Original neben die Uebersetzung stelle. + +Ueber den Schaden, welchen Uebersetzungen anrichten könnten, (seht was +ein storch den foeten schade, noch minre schaden hânt si mîn), habe ich +mich in der Vorrede zur 1. Aufl. mit stärkern Worten ausgesprochen als +ich es hier nach dem Spruche de mortuis nil nisi bene dürfte. Ich laße +aber diese frühe Vorrede auch aus andern Gründen wieder abdrucken, muß +indes bemerken, daß ich jetzt nicht mehr drei, sondern vier Hebungen im +ersten Halbvers annehme. Ferner laß ich, weil darin zweier in der +"Einleitung" mitgetheilter Gedichte und einer "Weihe" gedacht ist, auch +diese folgen; ja vielleicht wird es mir nicht verdacht, wenn ich auch +die Erwiederung Fouqués, an welchen jene "Weihe" gerichtet war, aus dem +Gesellschafter, 1827 Nr. 85 (28. Mai) einrücke. + +Um das Auge nicht zu beleidigen, geb ich Urschrift und Uebersetzung mit +der gleichen Schrift, die mir, nachdem einige Zeichen hinzugekommen +sind, auch für das Mittelhochdeutsche die geeignete scheint. Das +Neuhochdeutsche anlangend, so hat Jacob Grimm, der sich in einem Briefe +an F. Pfeiffer beschwert, daß er nicht einmal das ß, wo es organisch +ist, durchzusetzen vermocht habe, dieß durch den Gebrauch der runden +Schrift, die man ausschließlich lateinisch zu nennen pflegt, als ob die +eckige nicht den gleichen Ursprung hätte, selber verwirkt, denn diese +Schrift hat kein ß, und nicht Jeder ist in der Lage, sich eins +schnitzen zu laßen, ja er selber war es nicht immer. Sie hat eigentlich +auch kein k und verführte J. Grimm selbst zu der ungeheuerlichen +Schreibung Cöln, was Zöln gesprochen werden müste, vergl. Cölibat, und +also die Kölner, die sich ihrer bedienen, zu Zölnern und Sündern wider +die deutsche Lautlehre macht. Für das Mittelhochdeutsche hat sie erst +Beneke und in den Nibelungen Lachmann durchgesetzt; jedoch hat Lachmann +die Prachtausgabe seiner Zwanzig Lieder mit eigens dazu gegoßenen +wunderschönen eckigen s.g. deutschen Lettern drucken laßen. Ich selbst +habe sowohl im _Lesebuch_ als im _Wartburgkrieg_ zu der s.g. +lateinischen greifen müßen, weil es da der Mühe nicht lohnte, für die +Umlaute des langen a und o sowie für das weichere z, das wir ß nennen +und schreiben, eigene Zeichen (æ und oe und z) schnitzen und gießen zu +laßen, wie das hier geschehen konnte. + +Die Nebeneinanderstellung von Text und Original nöthigte zu genauerm +Anschluß an das Original, das aber erst redigiert werden muste, denn +ich konnte keiner der drei Faßungen (Recensionen), in denen das Gedicht +vorliegt, ausschließlich vertrauen: keine bewahrt allein das Echte, ja +in keiner sind alle Strophen vereinigt, durch deren Verbindung Original +und Uebersetzung nun einige hundert Strophen mehr zählen als die +Handschrift A, deren Text ich zwar zu Grunde legte, von dem ich aber +unzählige Mal abgewichen bin, manchmal vielleicht ohne Noth, aber +schwerlich je ohne Grund. Nur in gleichgültigen Fällen hab ich den Text +vorgezogen, der sich am wohllautendsten übertragen ließ. So ist +allerdings mein Text kein kritischer; aber er wird dem endgültig durch +die Kritik herzustellenden in den meisten Fällen vorgearbeitet haben. + +Die bisherigen kritischen Ausgaben haben sich Einer der drei Faßungen +des Textes, welche man mit A, B und C zu bezeichnen pflegt, näher +angeschloßen: die von der Hagensche von 1826 hielt sich an B (St. +Galler Handschrift), die Lachmannsche an A, die Holtzmannsche und +Zarnckesche an C, und indem Jeder die seinige für die echte und +alleinseligmachende erklärte, erwarben sie sich das große Verdienst, +uns von jeder dieser drei Faßungen ein zuverläßiges und anschauliches +Bild vor Augen gestellt, und so der Ermittelung des ursprünglichen +allen dreien zu Grunde liegenden Textes Vorschub geleistet zu haben. +Einen Anfang zu solcher Kritik hat Bartsch (Untersuchungen über das +Nibelungenlied, 1865) gemacht; aber seine Ausgabe, die zu B +zurückgekehrt ist, benutzt die gewonnenen Ergebnisse nur theilweise. +Der Text des ersten Dichters, der die vorhandenen Lieder mit Hülfe des +lateinischen Nibelungenliedes Konrad des Schreibers zu einem Ganzen +verband, wird zwar schwerlich jemals hergestellt werden können, denn +das Gedicht scheint seitdem mehrfache Ueberarbeitungen erfahren zu +haben, theils um die Sprache zu verjüngen, theils um Versbau und Reim +mit den Ansprüchen der neuern Zeit in Uebereinstimmung zu bringen; +offenbar sind auch große Theile des Gedichts aus der knappen Weise des +Volkslieds, die sich z.B. in Lachmanns viertem Liede zeigt, von höfisch +gebildeten Volkssängern in die reichere, glänzendere und gefühlvollere +Darstellung, die wir an den Rüdigern betreffenden Abenteuern bewundern, +umgebildet worden, wenn dieß nicht schon, wie Wackernagel (Sechs +Bruchstücke 1866, S. 30 ff.) annimmt, an den Liedern selbst, vor ihrer +Aufnahme in das Gedicht, geschehen war: wir müßen ihm aber so nahe zu +kommen suchen als möglich. + +Daß die strophische Eintheilung schon dem _ersten_ Dichter des Ganzen +vorschwebte, scheint mir keineswegs außer allen Zweifel gestellt, viel +weniger, daß sie auch schon in den Liedern, welche er benutzen konnte, +durchgesetzt war: darum kann ich die Forderung, daß der Sinn nicht aus +einer Strophe in die andere übergehen solle, nicht für haltbar ansehen, +während Mittelreime, ein anderes Lachmannsches Kennzeichen unechter +Strophen, sich schon in den ältesten der Nibelungenstrophe verwandten +Liedern finden, und sich auch Jedem, der in dieser Strophe zu dichten +versucht, von selber aufdrängen. Das neuere Hildebrandslied, Uhland +330, hat dagegen nicht einen einzigen Mittelreim; die aus B +eingeschaltete Warnung vor einer Art Pulververschwörung (28. Abenteuer) +gleichfalls keine und das Abenteuer mit Gelfrat und Else (Str. +1561-1566), das ein ebenso müßiger Einschub ist, hat nur einen, während +Sie in ältern und echten Theilen nicht gar selten sind, wo freilich +Lachmann die ungenauern übersieht, und die, welche nur auf eine Hebung +reimen, gar nicht in Anschlag bringt. Ich denke mir hiernach den +Hergang wie folgt. Zuerst waren nur einzelne Lieder vorhanden, wie wir +in der Edda die ganze Heldensage in Liedern dargestellt finden, die ich +für Uebersetzungen deutscher halte, freilich sehr unvollkommen durch +das Gedächtniss überliefert. Diese Lieder waren in alliterierenden +Langzeilen verfaßt, wie uns davon im Hildebrandslied ein Beispiel +vorliegt. Zugleich waren sie vom heidnischen Geist erfüllt, so daß z.B. +der Drachenkampf, Brunhildens Versenkung in den Todesschlaf und +Wiedererweckung durch Siegfried, der durch die Webelohe ritt, und +manches Andere, christlichen Zuhörern nicht wohl mehr ausführlich +vorgetragen werden konnte, von der Blutrache abgesehen, von der wir +nicht wißen wie frühe sie der christliche Geist in Gattenrache +gemildert habe. Dieses seines heidnischen Inhalts wegen muste das +deutsche Epos so gut als das brittische bei Galfred von Monmouth, das +fränkische bei Pseudoturpin einmal, um von den gröbsten Paganismen +gereinigt zu werden, durch das Mönchslatein hindurchgehen, wie es +selbst der Thiersage nicht erlaßen ward, und wie uns dafür im +Waltharius, im Rudlieb die Beispiele, im lateinischen Nibelungenlied +des Schreibers Konrad die Beweise vorliegen. + +Dieses lateinische Nibelungenlied, denn ein Lied darf es seines, unserm +Liede entsprechenden Inhalts wegen heißen, wenn es auch in Prosa +verfaßt war, ward auf Befehl Bischof Pilgrims, der zwischen 970-991 +Bischof von Paßau war, also unter den ersten sächsischen Kaisern, wo +die lateinische Klosterdichtung in der Blüthe stand, geschrieben, bald +nach dem Waltharius, den Eckehart I. (+ 973) dichtete, und Eckehart IV. +(+ 1036) auf Befehl Bischof Aribos von Mainz (1021-1031) durchsah und +metrisch verbeßerte. Wir fanden hier schon zwei Bischöfe, die sich der +deutschen Heldensage annahmen; ein dritter war Erkenbald, Bischof von +Straßburg (951-991), welchem Gerald den Waltharius, an dem er irgendwie +betheiligt war, mit einer lateinischen Widmung übersandte (Lat. Ged. +von Grimm und Schmeller, S. 61); der vierte, aber leider der letzte, +war Erzbischof Siegfried von Mainz (1060-1081): ihm ward es schon zum +Vorwurf gemacht, daß ihm die deutsche Heldensage noch in Sinn und +Gemüth lag, indem er lieber die Lieder von Etzel und den Amelungen +singen, als den Augustinus und Gregorius vorlesen hörte. Dieß, wenn ich +nicht irre, von Holtzmann selbst zuerst beigebrachte Zeugniss lehrt, +daß die lateinische Klosterdichtung, die sich so gern mit volksmäßigen +oder, was gleichbedeutend ist, deutschen Gegenständen, Heldensagen, +Thiersagen und Volksmärchen beschäftigte, in der sächsischen Zeit noch +von den höchsten Prälaten begünstigt werden durfte, während es ihnen in +der salischen, wo die Geistlichkeit wieder in deutscher Sprache +biblische, namentlich alttestamentliche Gegenstände, und zwar mit +größerer Inbrunst als in der Otfridischen Zeit, behandelte, zum Vorwurf +gereichte: denn eben jener Bischof Günther von Bamberg, der durch das +Ezzolied bekannt ist, wird nach jenem Zeugnisse von Probst Herman +ermahnt, nicht länger mit einem Manne so unchristlicher Gesinnung zu +verkehren, wie ihm jener Erzbischof Siegfried von Mainz, seiner +Vorliebe für die deutsche Heldensage wegen, zu sein schien. + +In der Blüthezeit der lateinischen Klosterdichtung, wo unter den +Ottonen die Literatur in deutscher Sprache fast ganz verstummte, konnte +wohl ein _lateinisches_ Nibelungenlied, und als ein solches wird es +auch ausdrücklich bezeugt, aber schwerlich ein deutsches gedichtet, +d.h. in jener Zeit von einem Geistlichen, wie Pilgrims Schreiber Konrad +gewesen sein wird, niedergeschrieben werden. Daß es uns nicht erhalten +blieb, dürfen wir bedauern; es ist aber schwerlich auf unser +Nationalepos ohne Wirkung geblieben: dem Verfaßer des zweiten Theils, +der ursprünglich den Namen der _Nibelunge nôt_ führte, scheint es +vorgelegen zu haben, denn er entnimmt ihm den Namen des Bischofs +Pilgrim, den wahrscheinlich schon sein Schreiber Konrad seinem Bericht +eingefügt hatte. Aber auch dem Dichter des ersten Theils, der +Siegfrieds Tod heißen könnte, hat es vorgelegen, ja ihm war es am +nöthigsten, weil es ihn lehren konnte wie die Lücken seines Gedichts +auszufüllen seien, die durch Ausscheidung der heidnischen Bestandtheile +in der ersten Hälfte der Sage nothwendig entstehen musten. Neben der +lateinischen Erzählung Konrads benutzten beide auch deutsche Lieder, +jüngere und ältere; aber dem Dichter des zweiten Theils lag eine +größere Fülle von Liedern vor, auch waren sie im Wachsthum wohl nicht +so zurückgeblieben als die des ersten: im zwölften Jahrhundert war die +Siegfriedssage, die am Rheine spielt, wo die Einflüße der welschen +Dichtung auf die heimische Sage nachtheiliger wirkten, fast schon +verblasst, während die Dietrichssage, die im zweiten Teil hervortritt, +an der Donau und am Inn noch fortblühte, namentlich aber auch am Hofe +zu Wien Gehör und Pflege fand. + +Die ersten neunzehn Abenteuer bilden den ersten Rheinischen Theil des +Gedichts, das seine eigene Einleitung hat in den ersten zwölf Strophen, +die auf den Inhalt des damals wohl schon vorhandenen zweiten Theils +zwar gelegentlich (Str. l, 5, 6) schon Bezug nehmen, aber doch nur von +dem Hofe zu Worms und den burgundischen Helden handeln. Noch +entschiedener gehört der nun folgende _Traum Kriemhildens_ mit der +Deutung der Mutter Str. 13-18 nur zu diesem ersten Theil; es ist aber +ein Lied für sich, das der Dichter vorfand und einrückte. Keineswegs +bildet es einen Bestandtheil des von Lachmann s. g. ersten Liedes, +vielmehr ist es selber das erste und älteste von allen. Es gehört noch +der Zeit an, wo Reim und Alliteration, wie im Liede von der Samariterin +(Lesebuch 35) und noch bei Otfried, nebeneinander zum Schmuck verwendet +wurden. Sein hohes Alter beweist auch, daß der eddische Mythus von +Odin, der als Falke von Gunnlödh entfliegt und von Riesen in +Adlersgestalt verfolgt wird (vergl. Havamal 104-110 und D 58), in +diesem Traume Kriemhilds nachklingt. Das Bild des Falken für den +Geliebten ist also uralt, und weit über die Grenzen Deutschland hinaus +verbreitet gewesen. Vergl. MSF. S. 230. In der ältesten deutschen +Lyrik, die sich aus dem Epos entwickelt hat, kehrt es bei Dietmar von +Eist: + +Es stuont ein vrouwe aleine + +Lesebuch 58, und den dem Kürnberg zugeschriebenen Liedern zurück. Weil +aber in letztern zu dem Bilde des Falken auch noch die Nibelungenstrophe +kommt, für die kein älteres Zeugniss vorhanden ist, gerieth man auf den +abenteuerlichen Einfall, den Kürnberg nicht etwa bloß für den Verfaßer +unseres Liedes von Kriemhildens Traum, nein des ganzen Nibelungenliedes, +auszugeben! + +Was wißen wir denn von Kürnberg? Nichts als daß er eine Weise erfunden +hat. + +Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne. Lesebuch 52. + +Es ist eine Frau, die hier spricht, wie auch in dem verwandten Liede +bei Dietmar von Eist, dessen soeben gedacht wurde. Auf der Zinne ihrer +Burg stehend, hörte sie von einem Ritter ein Lied singen _in Kürnberges +wise_. Wise kann zweierlei bedeuten, das Versmaß oder die Melodie; wir +wißen also nicht einmal ob dieser Kürnberg der Dichter oder der +Componist der Weise war, in der sie singen hörte, denn schon im +Ezzoliede, Lesebuch 40, war das Amt des Dichters und Componisten +geschieden: + +Ezzo begunde scriben, Wille vant die wîse. + +Eine Weise war nach Kürnberg benannt, die Weise in der jene Frau singen +hörte, aber nicht, wie man annimmt, die Weise des Liedes, in welcher +sie uns dieß berichtet, also nicht die Nibelungenstrophe noch die sie +begleitende Melodie. Sie hörte ein Lied singen in Kürnbergs Weise; wie +diese Weise lautete oder wie sie beschaffen war, ob eine Gesangweise +oder ein Versmaß gemeint sei, erfahren wir nicht. Dem Kürnberg gehörte +nur die Weise des Liedes, welches die Frau vor ihrer Burg singen hörte; +ihm die Nibelungenstrophe zuzuschreiben, haben wir also nicht den +entferntesten Grund: wie soll er denn nun gar das Nibelungenlied +verfaßt haben? + +Man sagt, die Pariser Handschrift der Minnesänger schreibe dem Kürnberg +die in der Nibelungenstrophe gedichteten ältesten Lieder zu: mithin +habe dieser die bei ihm zuerst auftretende Nibelungenstrophe erfunden. +Aber die Pariser Handschrift ordnet bekanntlich die Lieder nach +Verfaßern und diese Verfaßer wieder nach Ständen, indem sie mit Kaiser +Heinrich beginnt, hierauf Könige, Herzoge, Markgrafen, Grafen, Ritter +folgen läßt und Zuletzt mit bürgerlichen Meistern schließt. Für +Volkslieder, die keinen oder doch keinen namhaften Verfaßer haben, +fehlte ihr eine Rubrik. Solche waren aber die dem von Kürnberg, und +ohne bekannten Verfaßer auch die dem Spervogel zugeschriebenen Lieder +und Sprüche. Mit welchem Leichtsinn der Sammler der Pariser +Liederhandschrift sich aus der Sache zog, sehen wir an den Sprüchen, +die er dem _Spervogel_ zuschreibt. Bekanntlich sind es zwei Weisen, in +welchen die dem Spervogel zugewiesenen Sprüche gedichtet sind, eine +größere und eine kleinere. In der größern, die voransteht, begegnet der +Name Spervogel gleich in dem dritten Spruche: der Sammler, der um einen +Namen verlegen war, griff ihn frisch heraus und setzte ihn über beide +Spruchreihen, die jetzt Spervogel verfaßt zu haben schien, obgleich der +dritte Spruch, in welchem er vorkam: + +swer suochet rât und volget des, der habe danc, +alse min geselle _Spervogel_ sanc ic. + +deutlich besagte, daß nicht der Verfaßer, sondern einer seiner Freunde +diesen Namen führte. Hätte er weiter lesen wollen und wäre bis zum 7. +Spruche der II. Reihe gelangt, in welchem sich _Heriger_ als Verfaßer +angiebt, so würde er wohl diesem, nicht dem Spervogel beide +Spruchreihen zugeschrieben haben. Mich wundert, daß Haupt, der bei +Kaiser Heinrichs Liedern auf das Zeugniss der Pariser Handschrift kein +Gewicht legt und auch schon für _zweifelhaft_ hält, ob die dem Kürnberg +zugeschriebenen Lieder ihm gehören, bei Spervogel, wo der Leichtsinn +des Sammlers am Tage liegt, seinem Zeugniss vertrauen mag. Vergl. MSF. +S. 238. + +Daß dem Dichter in jenem 7. Spruch das Alter nicht, wie Haupt meint, +wegen fremder Entkräftung, vielmehr der eigenen wegen zuwider ist, +zeigt die folgende Strophe, wo er es beklagt, nicht zum Bau eines +Hauses griffen zu haben, als ihm zuerst der Bart entsprang, denn darum +müße er jetzt, im Alter, "mit arbeiten ringen". Um zu zeigen, wie enge +diese beiden Strophen zusammengehören und sich untereinander erläutern, +setze ich die erste, worin der Name Heriger erscheint, hieher, weil da +dem _gransprunge man_ eingeschärft wird, bei Zeiten für sichere +Herberge zu sorgen. + +Mich müet das alter sêre, +wan ez _Hergêre_ +alle sîne kraft benan. +es sol der gransprunge man +bedenken sich enzite, +swenn er ze hove werde leit, +daz er ze gewissen herbergen rite. + +Mit demselben Leichtsinn nun wie bei Spervogel geht der Sammler der +Pariser Handschrift, die man auch die Manessische nennt, zu Werke, +indem er dem Kürnberg eine kleine Sammlung volksmäßiger Lieder +zuschreibt, bloß weil ihm die vierte Strophe den Namen Kürnberg darbot. +Ich will nun die ganze Strophe hiehersetzen, und ihr die wahrscheinlich +zu demselben Liede gehörigen Strophen folgen laßen. + +"Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne, +dâ hôrt ich einen rîter vil wol singen +in Kürenberges wîse al ûs der menigin. +er muoz mir diu lant rûmen ald ich geniete mich sîn.'-- + +"Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengewant, +wan ich muos einer vrouwen rûmen diu lant. +diu wil mich des betwingen daz ich ir holt si: +si muoz der mîner minne immer darbende sin. + +Wîb unde vederspil die werdent lihte zam: +swer si ze rehte lucket sô suochent si den man. +als warb ein schoene rîter umb eine vrouwen guot; +als ich dar an gedenke sô stêt wol hôhe mîn muot.' + +_Uebersetzung._ + +"So spät noch stand ich gestern an einer Zinne, +Da hört ich einen Ritter lieblich singen; +In des Kürnbergs Weise es aus der Menge klang: +Er muß das Land mir räumen, sonst leg ich ihn in meinen Zwang."-- + +"Nun bringt mein Ross und bringt mir mein Eisengewand, +Denn einer Frauen räumen muß ich dieses Land. +Sie will mich zwingen, daß ich ihr gewogen sei: +Sie bleibt meiner Minne immer ledig und frei. + +Ein Weib und ein Federspiel, die werden leichtlich zahm: +Wer sie nur weiß zu locken, so suchen sie den Mann. +So warb ein schöner Ritter um eine Fraue gut; +Wenn ich daran gedenke so trag ich hoch meinen Muth." + +In der ersten Strophe hört die fürstliche Frau, die gegen Abend an der +Zinne ihrer Burg steht, einen Ritter aus der davor versammelten Menge +ein Lied singen in der Weise Kürnbergs. Diese mag damals sehr bekannt +gewesen sein, jetzt weiß Niemand mehr von ihr. Die Stimme des Ritters, +ja der Ritter selbst, gefällt aber der Fürstin so sehr, daß sie auf ihn +zu fahnden beschließt: ihm soll nur die Wahl bleiben, ihr Geliebter zu +werden oder ihr das Land zu räumen. + +Die zweite Strophe, denn das Gedicht ist ein "Wechsel", sehen wir nun +dem Ritter in den Mund gelegt, der seinem Knappen befiehlt, ihm Ross +und Rüstung herbeizubringen, denn er müße einer Frau das Land räumen, +die ihn zwingen wolle, ihr hold zu sein: er möge aber ihr Geliebter +nicht werden. Man sieht, diese zweite Strophe schließt sich genau an +die erste, obgleich sie in der Handschrift weit von ihr entfernt steht. + +Die dritte, welche in der Handschrift den Schluß der fünfzehn Strophen +begreifenden kleinen Liedersammlung bildet, setze ich nach Vermuthung +an den Schluß unseres Liedes. Der Ritter fährt fort zu singen: wir +hören wieder das uns schon aus Kriemhildens Traum bekannte Gleichniss +von dem Falken, mit dem aber hier die Frau, nicht der Mann verglichen +wird: "Frauen und Federspiel sind leicht zu zähmen, wenn man sie nur zu +locken versteht." So hat Er es verstanden, und das verleiht ihm hohen +Muth, daß er gewust hat, sich jene fürstliche Frau geneigt zu machen, +von der er sich jedoch nicht feßeln zu laßen gedenkt. + +Noch ein andermal hören wir in den s.g. Kürnbergschen Liedern jenes +erste Lied von Kriemhilds Traum nachklingen. Man könnte zur Noth an +dasselbe Liebesverhältniss denken. Das Lied besteht wieder aus drei +Strophen, die dießmal auch in der Handschrift beisammen stehen. Die +Frau ist es wieder, die spricht; sie klagt um den entschwundenen +Geliebten: + +"Es hat mir an dem herzen vil dicke wê getân, +daz mich des geluste des ich niht mohte hân +noch niemer mac gewinnen: daz ist schedelich; +jone mein ich golt noch silber, es ist den liuten gelîch. + +Ich zôch mir einen valken, mêre danne ein jâr: +dô ich in gezamete als ich in wolte hân, +und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, +er huop sich ûs vil hohe und vloug in anderin lant. + +Sit sach ich den valken schône vliegen, +er vuorte an sînem vuoze sidine riemen +und was im sîn gevidere alrôt guldin. +Got sende si zesamene die geliep weln gerne sin.' + +_Uebersetzung._ + +"Es hat mir an dem Herzen gar manchmal weh gethan, +Daß mich des gelüstete was mir nicht werden kann +Und was ich nie gewinne: der Schade der ist groß; +Nicht mein' ich Gold noch Silber, von den Leuten red ich bloß. + +Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr; +Als er nun gezähmt war nach meinem Willen gar, +Und ich ihm sein Gefieder mit Golde wohl bewand, +Er hob sich auf gewaltig und flog in ein ander Land. + +Nun sah ich den Falken herrlich fliegen, +Er führt an seinem Fuße seidene Riemen, +Und strahlt' ihm sein Gefieder ganz von rothem Gold; +Gott sende sie zusammen, die sich lieb sind und hold." + +In der ersten Strophe beklagt es die Frau, daß sie sich eines Dinges +hat gelüsten laßen, das sie nicht haben konnte und vielleicht nie +gewinnen mag. Das kann auf das Verhältniss zu jenem Ritter gehen: +ausdrücklich fügt sie hinzu, sie denke dabei an Leute, nicht an Gold +noch Silber. + +Das zweite Gesetz erwähnt wieder des Federspiels, indem sie mit dem +entflogenen Falken den entschwundenen Geliebten meint. Das Verhältniss +scheint aber hier, wenn es nicht ein anderes ist, vertrauter und +inniger gedacht als wir es aus dem ersten Liede kennen lernten. Sie +hatte den Falken sich nach Wunsch gezähmt, ja sein Gefieder mit Gold +bewunden, wie König Oswald dem Raben, der an seinem Hofe erzogen war, +die Flügel mit Gold beschlagen ließ ehe er ihn als Boten aussandte. + +Hier schließt sich das dritte Gesetz an, denn noch der flüchtige, in +andere Lande entwichene Falke schleppte die alten Feßeln nach: er war +"der freie Vogel nicht mehr, er hatte schon Jemand angehört". Seidene +Riemen führt er am Fuße; sein Gefieder war noch von rothem Gold +bewunden. Die Schlußzeile spricht den Wunsch nach Wiedervereinigung der +Liebenden und somit ein größeres Vertrauen auf den Geliebten aus als +das erste Lied und selbst der Anfang des zweiten erwarten ließ. + +Zur Vergleichung mag noch das erwähnte Lied Dietmars von Eist mit dem +Bilde des Falken hier stehen: + +Es stuont eine vrouwe alleine +und warte über heide +und warte ir liebes, +so gesach si valken vliegen: + +"Sô wol dir valke, daz du bist! +du vliugest swar dir liep ist: +du erkiusest in dem walde +einen boum der dir gevalle. + +Alsô hân ouch ich getân: +ich erkôs mir selbe einen man; +den welten mîne ougen; +daz nîdent schoene vrouwen. +ouwê, wan lânt si mir mîn liep? +jo engerte ich ir dekeiner trûtes niet.' + +_Uebersetzung._ + +Es stand eine Frau alleine +Und blickte über Haide, +Und blickte nach dem Lieben, +Da sah sie Falken fliegen. + +"So wohl dir, Falke, daß du bist! +Du fliegst wohin dir lieb ist. +Du suchst dir in dem Walde +Einen Baum der dir gefalle. + +Also hab auch ich gethan: +Ich ersah mir einen Mann, +Den erwählten meine Augen; +Das neiden andre Frauen. +O weh, so laßt mir doch mein Lieb: +Ich stellte ja nach euern Liebsten nie." + +Auch ein verwandtes altitalienisches Sonett hat Haupt beigebracht: + +Tapina me, che amava uno sparviero! + amava'l tanto ch'io me ne moria. + a lo richiamo ben m'era maniero, + ed unque troppo pascer no'l dovia. + +Or è montato e salito si altero, + assai più altero ehe far non solia, + ed è assiso dentro a un verziero + e un' altra donna l'averà in balia. + +Isparvier mio, com'io t'avea nodrito! + sonaglio d'oro ti facea portare, + perchè nell' uccellar fossi più ardito. + +Or sei salito siccome lo mare, + ed hai rotti li geti, e se' fuggito + quand eri fermo nel tuo uccellare. + +_Freie Nachbildung._ + +Ich Arme, einen Sperber lieb zu haben! + So liebt ich ihn, daß Sehnsucht mich verzehrt. + An meinem Ruf schien sich sein Herz zu laben; + Oft hat er Kost aus meiner Hand begehrt. + +Nun stieg er auf so stolz und so erhaben, + Viel stolzer als er mir sich je bewährt. + In einen Garten flog er überm Graben + Und eine andre Herrin hält ihn werth. + +Wie reicht ich dir, mein Sperber, Leckerbißen! + Goldene Schellen gab ich dir zu tragen, + Dich freudiger zur Vogeljagd zu wißen. + +Nun flogst du hin und läßest mich verzagen: + Du hast die Bande frevelhaft zerrißen + Just da du meisterlich verstandst zu jagen. + + * * * * * + +Die nahe Verwandtschaft der beiden angeblich Kürnbergschen Lieder mit +dem von Kriemhildens Traum hat auf den Gedanken geführt, sie möchten +alle drei demselben Dichter gehören. Ein sehr armer Dichter, der +dreimal dasselbe Motiv gebrauchte! Sie können nicht einmal aus +derselben Zeit herrühren: das von Kriemhilds Traum mag nach seinem an +den Mythus anklingenden Inhalt wie nach der fast ganz alliterierenden +Form leicht ein Jahrhundert älter sein. + +Weder der Dichter der beiden Lieder vom Falken noch der von Kriemhilds +Traum kann die Nibelungenstrophe erfunden haben: nur die beiden ersten +Gesetze von Kriemhilds Traum bewahren noch den alten Gliederbau dieser +Strophe, und von den sechs ausgehobenen angeblich Kürnbergschen +Gesetzen nur noch das erste und das letzte. Nach dieser ursprünglichen +Gliederung finden wir in den Nibelungen noch eine Anzahl +alterthümlicher Strophen gebildet, bei dem s.g. Kürnberg noch fünf; +einige so gebaute haben sich auch in dem neuern Volkslied erhalten, +z.B. das bekannte + +Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken, +Und wer einen lieben Buhlen hat, der soll ihm winken u.s.w. + +Nach ihr war nur die dritte Langzeile um eine Hebung gekürzt; die drei +andern zeigten noch die vollen acht Hebungen der alten epischen, einst +alliterierten Langzeile; nur fiel in den beiden ersten Zeilen, welche +als Aufgesang anzusehen waren, die letzte Senkung aus und die beiden +letzten Hebungen trugen den Reim, der also nur scheinbar klingend war, +denn auf den spätern klingenden Reim fällt nur Eine Hebung, die zweite +Sylbe ist unbetont. Solche zwei Hebungen tragende Reime waren: zinne: +singen, vliegen: riemen, Kriemhilde: wilde, Uoten: guoten. In den +Anfängen der alten Lieder, die stäts am festesten im Gedächtniss +hafteten, hat sich die alte Gliederung am längsten erhalten, so in den +beiden ersten Strophen des Liedes von Kriemhilds Traum, dann Strophe +1362, wo ein Lied und zugleich ein Abenteuer anfängt. + +Dô Etzel sîne botschaft zúo dem Rine sándè, +dô vlugen disiu mære von lándè ze lándè. + +ferner Nr. 1653, der Anfang des 16. Lachmannschen Liedes: + +die boten vür strichen mit den m'ærèn, +daz die Niblungen zuo den Hiunen wæren, + +endlich Nr. 1571, wo nach dem langen störenden Einschub von Gelfrat und +Else das vierte Lachmannsche Lied wieder einsetzt: + +Dô die wegemüeden rúowè genâmèn +unde si dem lande nu näher quâmen u. s. w. + +An andern Stellen mag die alte Structur durch die Schönheit der Strophe +geschützt worden sein, wie in den beiden aufeinander folgenden Str. +2132 und 2133. + +Der Schreiber der Handschrift A, der keinen Sinn mehr für die alte +Metrik hatte, wie er denn auch zweisilbige stumpfe Wörter in die Cäsur +setzte, die zwei Hebungen tragen soll, und der achten Halbzeile oft nur +drei Hebungen giebt, nahm auch schon an vier Hebungen in der zweiten +und vierten Halbzeile Anstoß und gleich in der ersten Strophe, wo er +sie nicht verkennen konnte, glaubte er den Anfang umbilden zu müßen, +was er sonst nicht gebraucht hätte; in der folgenden Strophe ließ er +die scheinbar klingenden Reime bestehen, weil sich hier die genannten +Halbzeilen auch zu drei Hebungen lesen ließen. Durch diese Umbildung +aber geriethen die alten Schlußreime in die Cäsur: + +Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac +wie si einen valken wilde züge manegen tac, + +ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig +waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den +Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der +si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte +damit das + +in ir hohen eren + +des alten Liedes umschrieben werden, denn _in disen_ höhen êren lautete +es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen +Einleitung davor gerückt wurden. + +Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs +vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: _Die Nibelungenstrophe +und ihr Ursprung_, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß, +näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen +Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist, +daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im +Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer +Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen +erwartete. + +Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in _Liedern_ +entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst +letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin +auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei +Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen. +Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda, +also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die +Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten +Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie +gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen +Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das +Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen +Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem +Falken, dem Epos. + +Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der +epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte +sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der +Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren +Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung +finden. + +Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der +Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint, +in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit +überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk +machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos. + +Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe, +die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise +gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie +anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie +nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer +Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine +Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu +laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung +wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet, +daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den +zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der +ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte; +und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der +Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war, +der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten +aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den +angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man +ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich +zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir +ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach +Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch +zwei Strophen belegte Variation. + +Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes, +neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung +nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der +gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise +annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns +fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe +bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich +hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in +den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der +Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des +Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber +unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht +Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um +eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9. + +Soll der Dichter des Nibelungenlieds alte epische Lieder nicht +eingeflochten, soll er nur aus der vielgestaltigen Sage geschöpft, und +die Lieder, die er etwa schon vorfand, in ein neues Maß umgegoßen +haben, warum nannte er dann seinen Namen nicht, warum trat er +bescheiden hinter seinen Quellen zurück? da er doch bei solcher Annahme +ein größerer Dichter gewesen wäre als Wolfram. Will man vergeßen, indem +man den Kürnberg als den Dichter der Nibelungen ausruft, daß es den +Gedichten des volksmäßigen Sagekreises eigenthümlich ist, im Gegensatz +zu der von Veldeke geimpften höfischen Dichtung, keinen Verfaßer zu +haben? Wen will man nächstens für den Dichter der Gudrun ausgeben, der +noch nicht einmal in allen Theilen Lieder zu Grunde liegen, wer soll +den großen Rosengarten, den Ortnit, den Wolfdietrich, den Alphart +gedichtet haben, und wer das deutsche Waltherslied, aus der die +Eckeharte schöpften? Soll dabei mit derselben Freigebigkeit verfahren +werden, womit man das Nibelungenlied an den von Kürnberg verschenkte, +so werden sich ja wohl Namen finden, die uns ebenso leere Schälle sind. +Könnte nicht Spervogel die Gudrun gedichtet haben?--Wen hat man nicht +schon für den Dichter des Nibelungenliedes ausgegeben? Heinrich von +Ofterdingen, von dem ich im "Wartburtkrieg" erwiesen habe, daß er +keineswegs eine fabelhafte Person war, indem er die echten Strophen des +Räthselspiels verfaßt hat, die den zweiten Theil dieses selbst lange +Zeit unenträthselten Gedichtes bilden, dann seinen Beschützer, den +allerdings fabelhaften Klingsor von Ungerland, der aber nicht aus +Ungerland, sondern aus dem Parzival kam, Konrad von Würzburg, Rudolf +von Ems, für den zwei Hohenemser Handschriften angeführt werden +könnten, Walther von der Vogelweide, und endlich den vielleicht wieder +erdichteten Kürnberg, für dessen Dasein als Dichter oder Componisten +wir nur das schwache Zeugniss eines Liedes haben. Johannes von Müller +rieth auf einen schweizerischen Eschenbach von Unspunnen; warum Niemand +auf den baierischen Wolfram, der unter allen höfischen Dichtern dem +heimischen Sagenkreise am vertrautesten war, dem er seinen Friedebrand +von Schotten, seinen Hüteger, seine Hernant und Herlinde und andere +Helden der Nordseesage entnahm, dessen Reim und Sprache deutsch-epische +Färbung zeigt, der die deutsche Alliteration auf die welsche +Namengebung anwandte, der so oft auf die Heldensage und zweimal sogar +auf einzelne Strophen des Nibelungenlieds (1408 5-8 und 1462) anspielt, +und der vielleicht wirklich einmal die Hand an das Gedicht gelegt hat, +nur gewiss nicht die letzte Hand, denn diese merzte gewisse Wolfram +eigenthümliche Reime sorgfältig aus. + +Soll ich mich über das ABC der Handschriften erklären, so gestehe ich A +den Vorzug zu, denn obwohl der Schreiber dieser kürzesten Handschrift +überaus nachläßig war, so gab er doch seine alte und gute Vortage +getreulich wieder ohne sich andere Aenderungen als seiner, eine jüngere +Zeit verrathenden metrischen Irrthümer wegen zu gestatten; höchstens +kommen einige schwache Zusatzstrophen wie Str. 3 auf seine Rechnung, +während C, auf der ältesten und sorgfältigsten Handschrift ruhend, und +gleichfalls von einer trefflichen Vorlage ausgehend dem volksmäßigen +Gedicht einen feinern höfischen Schliff zu verleihen sucht. Doch sind +viele Aenderungen in C wahre Verbeßerungen, wie auch das eine ist, daß +wir das ganze Gedicht nun das _Nibelungenlied_ genannt finden, da der +Name der _Nibelunge nôt_ nur auf den zweiten Theil bezogen werden +konnte, zumal die Burgunden im ersten Theil noch nicht Nibelungen +heißen. Von den Strophen, die C allein hat, ist ein Theil echt und alt +und der Ueberarbeiter wird sie schon in seiner Vorlage gefunden haben: +auf Str. 1518 scheint schon Wolfram anzuspielen. Andere sind sehr +schwach und eine, nach Str. 2305, konnte ich mich nicht entschließen +aufzunehmen, weil sie mir das ganze Gedicht verleidet hätte. Sie mag +indes, damit man nichts vermisse, hier stehen, doch ohne Uebersetzung, +deren ich sie nicht würdig halte. + +H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen. + wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen? + er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen, + daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen. + +Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und +Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort +nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in +die Heimat entlaßen werden! + +B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen, +entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für +die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der +sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler +Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen. +Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb +den _gemeinen_ genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft. + + * * * * * + +Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache +finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit +seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man +beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische +Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas +genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der +Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater +Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2. +Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die +Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die +ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder +ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein +geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich +verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche +Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso +gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was +Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms +Heldensage S.2. + +Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als +der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die +später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am +Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt +hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug +hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte +die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er +einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland +76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir +auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In +_Borbet_, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das +anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie +w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so +erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer +der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns +(Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen +hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103 +gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm +Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch +jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der +kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter +dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas; +in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im +südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms +und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich +bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf _Einbett_, +_Wilbett_ und _Warbett_ zurückführen laßen. Das gemeinsame _-bett_ +kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern +Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B. +in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher +gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als + +1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in + Tyrol, Panzer I, S. 5. + +2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in + Oberbaiern. P. 23. + +3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern. + P. 31. + +4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in + Niederbaiern. P. 69. + +5. S. Einbede, S. Warbede, S. Villebede zu Worms. P. 206. + +6. S. Einbetta, S. Worbetta, S. Wilbetta in Straßburg. + P. 208. + +Die letzte Namensform, unter welchen die mittlere Schwester erscheint, +Worbetta, kann zur Erklärung des alten Namens Borbetomagus verwandt +werden. Wir sahen unter 3, daß in S. Gberpet b statt w eingetreten war; +wandeln wir den urkundlichen Namen Worbetta in derselben Weise, wie +wirklich _Barbeth_ bei Panzer 69 begegnet, so haben wir Borbetta, also +gerade die Namensform, die wir bedürfen. Von Borbet, der mittlern der +drei Schwertern, wird also Worms (Borbetomagus) heißen, und es liegt +nahe, Aehnliches von dem alten Namen der Stadt Metz, Civitas +Mediomatricorum, zu vermuthen: von der mittlern der drei Schwestern, +die den Kelten Mütter hießen, hat auch sie den Namen. Diese mittlere +ist die mächtigere der dreie, ja die eigentliche Gottheit, die sich in +ihren Schwestern nur vervielfältigt. So steht auch in Upsala Thôr als +der mächtigste in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, "ita ut +potentissimus", sagt Adam von Bremen, "in medio solium habeat +triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. Gr. Myth. 102. +Uhland Schriften VI, 176. Da wir diese, die nicht zufällig in allen +sechs Meldungen in der Mitte stehen kann, bei Panzer 61, 275, 297 auch +Held, ja Rachel (die rächende Hel) Panzer 18, 83, 372 genannt finden, +So ergiebt sich, daß sie Hel, die verborgene Göttin, ist, die als +Göttin der Unterwelt ebenso Tod als Leben spendet, indem alles Leben +von ihr ausgeht und wieder in ihren mütterlichen Schooß zurückkehrt. +Dazu stimmt, daß diese drei Schwestern, die wir den Nornen, deutschen +Parzen, gleichstellen dürfen, bei Panzer 53 auch _Hailräthinnen_ +genannt finden, weil sie die Schicksale der Menschen beriethen, ja daß +sie nicht nur wider die Pest angerufen wurden, Panzer 23, 70, 110, +sondern auch bei Entbindungen Hülfe gewährten (Panzer 362), wie +Schwangere auch bei den Alten die diva triformis anriefen, Hor. III, +22. Ihre Namen sind mit -bett zusammengesetzt, wie wir auch von +Hünenbetten, von Brunhildebette u.s.w. wißen, was ich Handb. der Myth. +368 auf den heidnischen Opferaltar (piot goth. biuds, oder petti goth. +badi lectisternium) gedeutet habe, der in dem Walde (lucus) stand, der +ihnen einst geheiligt war, und der jetzt der Gemeinde von ihnen +geschenkt sein sollte. Nimmt man diesen zweiten Theil der +Zusammensetzung, -bett, als nur auf ihren Tempel (Hof) bezüglich +hinweg, so erklärt sich die erste Sylbe in Einbett aus Agin, Egin +Schrecken, wie Einhart auch Eginhart heißt. Sie ist die Todesgöttin, +die finstere Seite der Hel. Freundlicher lautet der dritte Name +Wilbett, die willfährige, Wunsch und Willen gewährende, die lichte +Seite der verborgenen Göttin. Nicht so einleuchtend ist der mittlere +Name, Warbett oder Gwerbett, aus Zwist und Streit zu erklären; doch +kann er auf den innern Gegensatz im Wesen der Göttin, die bald lohnend, +bald strafend auftritt, bezogen werden. Die Namen aus der deutschen +Sprache zu deuten, gestattet Cäsars Meldung (B.G. II. 51) über die +Vangionen in Ariovists Heer, womit Tacitus (ipsam Rheni ripam haud +dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Germ. 28) +und Plinius IV, 17 stimmt. Sie wohnten, ein deutsches Volk, im +keltischen Lande, weshalb es nicht auffallen kann, wenn der Name ihrer +Hauptstadt Borbetomagus eine vox hybrida ist, da wir -magus als ein +keltisches Wort kennen. Wir sehen aber, wie ich schon Handb. 368 +bemerkte, wie irrig die Annahme unserer Rheinischen Alterthumsforscher +über die Matronenculte ist, daß alle diese Gottheiten der celtischen, +nicht der germanischen Sprache angehörten, wogegen sich Grimm schon bei +Gelegenheit der den matronis arvagastiabus und andrustehiabus +gewidmeten Votivsteine aussprach. Ob auch die Namen Kriemhild und +Brunhild, die wir in den Nibelungen in Worms finden, auf die beiden +entgegengesetzten Seiten der Unterweltsgöttin zu deuten seien, getraue +ich mir nicht zu entscheiden; gewiss ist nur, daß -hilde eine Nebenform +von Hel ist: es steht für hilende, wie spilde (Walther 45, 38) für +spilende, und bezeichnet die verhohlene und verhehlende, verborgene und +verbergende Göttin. Wenn in Kriemhild die erste Sylbe nicht aus grîma, +Larve, Helm, Rüstung, sondern aus Grimm, Wuth, atrocitas zu deuten ist, +wie in der Edda nicht sie, sondern ihre Mutter Grimhild heißt, so +möchte sie an die finstere Seite der Göttin gemahnen, obgleich die im +ersten Theil noch holdselig erschienen war, erst im zweiten als ihres +geliebten Gemahls furchtbare Rächerin auftritt. + +Kleine Druckversehen, einige fehlende Circumflexe, einige dô für dâ +u.u. bittet man zu verbeßern. + +Bonn im Juni 1868. K.S. + + + + +Vorrede + +zur ersten Auflage der Uebersetzung. + +Schon vor manchen Jahren, als ich das Lied der Nibelungen zuerst kennen +lernte und mit Staunen die Wirkungen wahrnahm, die das herrliche +Gedicht auf mein Gemüth hervorbrachte, entstand in mir der Wunsch, +diese reinen kräftigen Töne in neuhochdeutscher Dichtersprache +widerhallen zu hören. Um so mehr wunderte ich mich bei dem Fleiße, +welchen Männer wie Voss, Schlegel, Tieck u.A. ausländischen +Dichterwerken widmeten, ja bei der Pflege, welche sogar einem +niederdeutschen Gedichte zu Theil ward, daß keiner unserer Dichter das +Nibelungenlied einer gleichen Aufmerksamkeit würdigte. Denn Tieck hatte +seinen früher angekündigten Vorsatz einer Uebertragung desselben nicht +zur That reifen laßen und Uebersetzungen von Philologen, wie Von der +Hagen und Büsching, entsprachen den künstlerischen Anforderungen nicht. +Die Hagensche steht namentlich der Sprache der Urschrift für den Zweck +der Verständlichkeit allzunahe, und die Büschingsche ist fast nur eine +prosaische mit beibehaltenen Endreimen. Lange harrte ich daher +vergebens, ob nicht einer unserer gefeierten Sänger, von denen mir +besonders Uhland, Rückert und Gustav Schwab zu einem solchen +Unternehmen berufen schienen, der gegen das Gedicht einreißenden und +durch die bisherigen Bearbeitungen nur gesteigerten Gleichgültigkeit +des größern Publikums steuern werde. Mögen es also die Kunstrichter, +wenn sie können, entschuldigen, daß ein ruhmloser Jünger der Kunst, +dessen Name vor ihren kritischen Stühlen kaum noch erscholl, seine +geringen Kräfte an einer Arbeit versucht hat, deren fast +unüberwindliche Schwierigkeiten so viele erprobte und fähigere Männer +abgeschreckt zu haben scheint. + +Eine Rechtfertigung des Unternehmens von Seiten der Nützlichkeit bedarf +es nicht. Es ist albern zu glauben, daß eine Uebersetzung dem Studium +des Originals Abbruch thun werde, vielmehr wird sie es erleichtern und +befördern, und die gegenwärtige ist durch ihre Leichtverständlichkeit +und Wohlfeilheit darauf berechnet, denselben recht viele Theilnehmer zu +gewinnen. Hoffentlich wird Mancher, der bis jetzt die poetische +Schönheit des Gedichts nicht geahnt hatte, und sie nun erst durch die +Uebersetzung kennen lernt, sich das Studium des Originals nicht +verdrießen laßen, während er früher die damit verbundene Anstrengung +scheute, weil er nicht wuste ob er dafür durch einen entsprechenden +geistigen Genuß werde entschädigt werden. Bei diesem Studium selbst +bietet ihm die Uebersetzung abermals ein willkommenes Hülfsmittel dar. +Eben so wenig Berücksichtigung verdient der andere Einwurf, daß sich +das Original ohne Beihülfe einer Uebersetzung verstehen laße, und wenn +Manche (wie A.W. von Schlegel) sogar meinen, es müste dahin kommen, daß +jeder Bürger und Bauer sein Nibelungenlied in der Ursprache lese, wie +jeder Grieche seinen Homer, so sind das Träume, die, wenn sie je in +Erfüllung gehen sollten, nur durch Uebersetzungen, die das Volk erst +belehrten, welchen Schatz es an dem Gedichte besitzt, verwirklicht +werden könnten. + +Wenn das Titelblatt die Uebersetzung eines mittelhochdeutschen Gedichts +ankündigt, so kann darunter allerdings nur eine Uebertragung in die +neuhochdeutsche Sprache verstanden werden; allein man darf darum nicht +fordern, daß auch jedes darin zugelaßene Wort neuhochdeutsch sein +solle: vielmehr genügte, im Ganzen die Formen der neuhochdeutschen +Grammatik zu Grunde zu legen, was von den frühern Uebersetzern nicht +geschehen war, und die Anforderung allgemeiner Verständlichkeit nie +unberücksichtigt zu laßen. Man kann auch die neuhochdeutsche Sprache +noch von der Sprache unserer neuern Dichter unterscheiden, in welche +Manches aufgenommen ist, was mehr der mittelhochdeutschen anzugehören +scheint. Eben dieß aber kam mir bei der Uebersetzung wesentlich zu +Gute, indem ohne dieß die kindliche Naivetät, die treuherzige Einfalt +des Ausdrucks verloren gegangen wäre, und die alterthümliche Farbe des +Gedichts völlig hätte verwischt werden müßen. Alles freilich was sich +neuhochdeutsche Dichter der letzten Zeit wohl erlaubt haben, verbot die +Rücksicht auf allgemeine Faßlichkeit zu benutzen; Worte aber wie Degen, +Recke, Minne, und Fügungen wie "Schwester mein", statt meine Schwester +werden nirgend Anstoß erregen. Das beste Muster einer dem +Mittelhochdeutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen +nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten, +und man wird finden, daß ich mich bestrebt habe, ihm nachzufolgen; +Tiecks Behandlung aber dünkte mich zu gewaltthätig und namentlich +enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die +heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete. Dieß mit Achtung +vor dem Genius des Dichters. + +Was die Versart der Urschrift betrifft, die sich der Uebersetzer bemüht +hat so genau als möglich nachzubilden, so darf man nicht vergeßen, daß +in den Nibelungen weder wie bei uns heutzutage die Verse nach Füßen +gemeßen, noch wie bei unsern Nachbarn die Sylben gezählt werden. +Vielmehr zählt man bloß die Hebungen, deren in jedem Halbvers drei, in +der zweiten Hälfte des vierten Verses jeder Strophe aber gewöhnlich +vier vorkommen, ohne daß ihnen eine gleiche Anzahl von Senkungen zu +entsprechen brauchte. Es geschieht daher häufig, daß die Hebungen in +aufeinander folgende Sylben zu stehen kommen, wie dieß gleich im +zweiten Verse der Uebersetzung + +Von préiswérthen Helden, von kühnem Wágespiel + +der Fall ist, obgleich sich dieselbe Erscheinung im Original erst in +der ändern Hälfte des Verses zeigt. Dagegen hat gleich der fünfte Vers: + +Es wúchs in Búrgónden ein édel Mägdelein + +die Hebungen auf derselben Stelle wie das Original nebeneinander. Wie +groß daher der Unterschied des eigentlichen Nibelungenverses von dem +sei, was man gewöhnlich dafür ausgiebt, und wie sehr dieses an Wohllaut +und Mannigfaltigkeit von jenem übertroffen wird, kann die Vergleichung +des zweiten der in der "Einleitung" mitgetheilten Gedichte mit der +"Weihe" lehren. Am Schluß der Verse bloß männliche Reime zu gestatten, +wie der Urtext nur "stumpfe" zuläßt und die "klingenden" ausschließt, +war nicht thunlich, weil die Pflicht, so viel als mit der +neuhochdeutschen Sprache verträglich von dem Urtext zu retten, manche +Schlußreime des Originals beizubehalten gebot, diese aber wegen des +kurzen Vocals in der ersten Sylbe, welcher die erste stumm macht, nach +mittelhochdeutscher Verskunst für stumpfe (männliche) Reime galten, +während sie nach den unsrigen für weibliche, oder wenn man so sagen +soll, für klingende gehalten werden. + +Hinsichtlich des Textes bedarf es bloß der Angabe, daß ich in der Regel +dem Lachmannschen gefolgt bin, auf welchen sich auch die Strophenzahlen +beziehen; daß ich aber auch weniger alte und verbürgte Strophen anderer +Ausgaben aufgenommen, jedoch mit einem Sternchen bezeichnet habe. + +Man wird mir schwerlich vorwerfen können, allzufrei übertragen zu +haben. Worttreue ist keine Pflicht: sie gleicht der Treue Eulenspiegels +zu seinem Meister dem Schneider. Wie vieler Verbeßerungen aber die +Uebersetzung noch fähig wäre, fühlt Niemand lebhafter als ich, der, +obgleich ich das Manuscript kurz vor dem Drucke einer nochmaligen +strengen Durchsicht unterwarf, schon jetzt an dem mir vorliegenden +ersten Aushängebogen wieder Tausenderlei auszustellen hätte ohne darum +an dem Unternehmen irre zu werden; denn wann dürfte bei einem solchen +Werke die kritische Feile ruhn? Die Aufnahme, die diesem ersten +Versuche seitens des großen Publicums zu Theil werden wird, und die +Nachhülfe, die ich von belehrenden Kritiken sachkundiger Männer +erwarte, mögen darüber entscheiden, ob ich ihn dereinst in +vollendeterer Gestalt der Welt vorlegen werde. Möchte der Leser nur +einen Theil des Genußes empfinden, welchen die Arbeit dem Uebersetzer +gewährte! + +_Berlin_, den 12. December 1826. + + * * * * * + +Weihe + +an Friedrich Baron de la Motte Fouqué. + +Vom Ursitz deutscher Völker, aus ferner Heidenzeit +Erklingt uns eine Kunde von Lieb und Heldenstreit; +Sie lebt in zwei Gestalten bei deutschen Stämmen fort +Und sie ist unsres Volkes urerster Schirm und Hort. + +Die Eine, werther Sänger, hat Dein Gesang verklärt, +Von Deinem treuen Geiste durchglühet und genährt: +Nun leuchtet in Walhalla, den Asen beigesellt, +Sigurd der Schlangentödter, der edle Norderheld. + +Die Andre bringt ein Jünger dafür zum Dank Dir dar, +Ein Lied des Deinen würdig, durch Andrer Sangkunst zwar: +Es wurzelt in dem Boden der starren Heidennacht, +Vom milden Christenhimmel das Laubwerk überdacht. + +Wär Deine fromme Treue, die nie von Arg gewust, +Dein Herz voll Kraft und Milde in jeder deutschen Brust, +Der Name flöge wieder bis an die Sternenwand +Siegfrieds des Drachentödters vom Nibelungenland. + +_Bonn_, den 4. November 1826. + + * * * * * + +_An Karl Simrock._ + +Dankesgruß für die Zueignung des Nibelungenliedes. + +Wer Lieder wagt zu singen im deutschen Dichterwald +Weckt meist vielfaches Tönen, das rings ihm wiederhallt. +Doch das altgute Spruchwort: "Es schallt vom Wald heraus +Wie's in den Wald hineinschallt," geht hier nicht immer aus. + +Schon Mancher hat gesungen in treuer Lieb und Lust, +Und Schmähruf drang entgegen zerstachelnd ihm die Brust: +Da gilts denn freilich Sanglust, wenn fort man singen soll; +Doch Herz quillt immer über, ist nur das Herz recht voll. + +So hats der treue Siegfried in Wort und That gemacht; +Lohnt' ihm das Wer mit Undank, des hatt' er wenig Acht, +Er blieb ein treuer Degen wie ehmal so fortan +Und so solls nach ihm machen jedweder echte Mann. + +Er frage nach dem Lohn nicht; Gott schickt von selbst ihm Lohn, +Weckt aus verwandten Herzen ihm manch verwandten Ton. +So hast Du mir gesungen: vom Herzen giengs ins Herz: +Wir pilgern treu verbunden durchs Weltthal himmelwärts. + +L.M. Fouqué. + + * * * * * + +Einleitung. + +_Der Nibelungenhort._ + +I. + +Es war einmal ein König, +Ein König wars am Rhein, +Der liebte nichts so wenig +Als Hader, Gram und Pein. +Es grollten seine Degen +Um einen Schatz im Land +Und wären fast erlegen +Vor ihrer eignen Hand. + +Da sprach er zu den Edeln: +"Was frommt euch alles Gold, +Wenn ihr mit euern Schedeln +Den Hort erkaufen sollt? +Ein Ende sei der Plage, +Versenkt es in den Rhein: +Bis zu dem jüngsten Tage +Mags da verborgen sein." + +Da senkten es die Stolzen +Hinunter in die Flut; +Es ist wohl gar geschmolzen, +Seitdem es da geruht. +Zerronnen in den Wellen +Des Stroms, der drüber rollt, +Läßt es die Trauben schwellen +Und glänzen gleich dem Gold. + +Daß doch ein Jeder dächte +Wie dieser König gut, +Auf daß kein Leid ihn brächte +Um seinen hohen Muth. +So senkten wir hinunter +Den Kummer in den Rhein +Und tränken froh und munter +Von seinem goldnen Wein. + + +II. + +Einem Ritter wohlgeboren im schönen Schwabenland +War von dem weisen Könige die Märe wohlbekannt, +Der den Hort versenken ließ in des Rheines Flut: +Wie er ihm nachspüre erwog er lang in seinem Muth. + +"Darunter lag von Golde ein Wunschrüthelein; +Wenn ich den Hort erwürbe, mein eigen müst es sein: +Wer Meister wär der Gerte, das ist mir wohl bekannt, +Dem wär sie nicht zu Kaufe um alles kaiserliche Land." + +Auf seinem Streitrosse mit Harnisch, Schild und Schwert +Verließ der Heimat Gauen der stolze Degen werth: +Nach _Lochheim_ wollt er reiten bei Worms an dem Rhein, +Wo die Schätze sollten in der Flut begraben sein. + +Der werthe Held vertauschte sein ritterlich Gewand +Mit eines Fischers Kleide, den er am Ufer fand, +Den Helm mit dem Barete, sein getreues Ross +Mit einem guten Schifflein, das lustig auf den Wellen floß. + +Seine Waffe war das Ruder, die Stange war sein Sper: +So kreuzt er auf den Wellen manch lieben Tag umher +Und fischte nach dem Horte; die Zeit war ihm nicht lang; +Er erholte von der Arbeit sich bei Zechgelag und Gesang. + +Um das alte Wormes und tiefer um den Rhein +Bis sich die Berge senken, da wächst ein guter Wein: +Er gleicht so recht an Farbe dem Nibelungengold, +Das in der Flut zerronnen in der Reben Adern rollt. + +Den trank er alle Tage, beides, spät und früh, +Wenn er Rast sich gönnte von der Arbeit Müh. +Er war so rein und lauter, er war so hell und gut, +Er stärkte seine Sinne und erhöht' ihm Kraft und Muth. + +Auch hört er Märe singen, die sang der Degen nach, +Von Alberich dem Zwerge, der des Hortes pflag, +Von hohem Liebeswerben, von Siegfriedens Tod, +Von Kriemhilds grauser Rache und der Nibelungen Noth. + +Da nahm der Degen wieder das Ruder an die Hand +Und forschte nach dem Horte am weingrünen Strand. +Mit Hacken und mit Schaufeln drang er auf den Grund, +Mit Netzen und mit Stangen: ihm wurden Mühsale kund. + +Von des Weines Güte empfieng er Kraft genug, +Daß er des Tags Beschwerde wohlgemuth ertrug. +Sein Lied mit stolzer Fülle aus der Kehle drang, +Daß es nachgesungen von allen Bergen wiederklang. + +So schifft' er immer weiter zu Thal den grünen Rhein, +Nach dem Horte forschend bei Hochgesang und Wein. +Am großen Loch bei Bingen erst seine Stimme schwoll, +Hei! wie ein starkes Singen an der Lurlei widerscholl! + +Doch fand er in der Tiefe vom Golde keine Spur, +Nicht in des Stromes Bette, im Becher blinkt' es nur. +Da sprach der biedre Degen: "Nun leuchtet erst mir ein: +Ich gieng den Hort zu suchen: der große Hort, das ist der Wein. + +"Der hat aus alten Zeiten noch bewahrt die Kraft, +Daß er zu großen Thaten erregt die Ritterschaft. +Aus der Berge Schachten stammt sein Feuergeist, +Der den blöden Sänger in hohen Thaten unterweist. + +"Er hat aus alten Zeiten mir ein Lied vertraut, +Wie er zuerst der Wogen verborgnen Grund geschaut; +Wie Siegfried ward erschlagen um schnöden Golds Gewinn +Und wie ihr Leid gerochen Kriemhild, die edle Königin. + +"Mein Schifflein laß ich fahren, die Gier des Goldes flieht, +Der Hort ward zu Weine, der Wein ward mir zum Lied, +Zum Liede, das man gerne nach tausend Jahren singt +Und das in diesen Tagen von allen Zungen wiederklingt. + +"Ich gieng den Hort zu suchen, mein Sang, das ist der Hort, +Es begrub ihn nicht die Welle, er lebt unsterblich fort." +Sein Schifflein ließ er fahren und sang sein Lied im Land: +Das ward vor allen Königen, vor allen Kaisern bekannt. + +Laut ward es gesungen im Lande weit und breit, +Hat neu sich aufgeschwungen in dieser späten Zeit. +Nun mögt ihr erst verstehen, ein altgesprochen Wort: +"Das Lied der Nibelungen, das ist der Nibelungenhort." + +K. S. + + * * * * * + + + + +Das Nibelungenlied. + + + + +Erstes Abenteuer. + +Wie Kriemhilden träumte. + + +Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 1 +Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit, +Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen, +Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen. + +Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 2 +Daß in allen Landen nichts Schönres mochte sein. +Kriemhild war sie geheißen, und ward ein schönes Weib, +Um die viel Degen musten verlieren Leben und Leib. + +Die Minnigliche lieben brachte Keinem Scham; 3 +Um die viel Recken warben, Niemand war ihr gram. +Schön war ohne Maßen die edle Maid zu schaun; +Der Jungfrau höfsche Sitte wär eine Zier allen Fraun. + +Es pflegten sie drei Könige edel und reich, 4 +Gunther und Gernot, die Recken ohne Gleich, +Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen; +Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen. + +Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 5 +Unmaßen kühn nach Kräften, die Recken lobesam. +Nach den Burgunden war ihr Land genannt; +Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land. + +In Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. 6 +Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft +Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, +Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit. + +Ute hieß ihre Mutter, die reiche Königin, 7 +Und Dankrat ihr Vater, der ihnen zum Gewinn +Das Erbe ließ im Tode, vordem ein starker Mann, +Der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann. + +Die drei Könge waren, wie ich kund gethan, 8 +Stark und hohen Muthes; ihnen waren unterthan +Auch die besten Recken, davon man hat gesagt, +Von großer Kraft und Kühnheit, in allen Streiten unverzagt. + +Das war von Tronje Hagen, und der Bruder sein, 9 +Dankwart der Schnelle, von Metz Herr Ortewein, +Die beiden Markgrafen Gere und Eckewart, +Volker von Alzei, an allen Kräften wohlbewahrt, + +Rumold der Küchenmeister, ein theuerlicher Degen, 10 +Sindold und Hunold: die Herren musten pflegen +Des Hofes und der Ehren, den Köngen unterthan. +Noch hatten sie viel Recken, die ich nicht alle nennen kann. + +Dankwart war Marschall; so war der Neffe sein 11 +Truchseß des Königs, von Metz Herr Ortewein. +Sindold war Schenke, ein waidlicher Degen, +Und Kämmerer Hunold: sie konnten hoher Ehren pflegen. + +Von des Hofes Ehre von ihrer weiten Kraft, 12 +Von ihrer hohen Würdigkeit und von der Ritterschaft, +Wie sie die Herren übten mit Freuden all ihr Leben, +Davon weiß wahrlich Niemand euch volle Kunde zu geben. + +In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, 13 +Sie zög einen Falken, stark-, schön- und wilden; +Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte sehn: +Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn. + +Sie sagt' ihrer Mutter den Traum, Frau Uten: 14 +Die wust ihn nicht zu deuten als so der guten: +"Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann: +Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn gethan." + +"Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 15 +Ohne Reckenminne will ich immer sein; +So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod, +Daß ich von Mannesminne nie gewinnen möge Noth." + +"Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16 +"Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, +Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib, +Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib." + +"Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17 +Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein, +Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; +Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!" + +Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18 +So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei, +Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann, +Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann. + +Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19 +Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod +Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn! +Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn. + + * * * * * + + + + +Zweites Abenteuer. + +Von Siegfrieden. + + +Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20 +Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind, +In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt, +Unten am Rheine, Xanten war sie genannt. + +Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21 +Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt. +Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann: +Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann! + +Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22 +Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth. +Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land: +Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand! + +Bevor der kühne Degen voll erwuchs zum Mann, 23 +Da hatt er solche Wunder mit seiner Hand gethan, +Davon man immer wieder singen mag und sagen; +Wir müßen viel verschweigen von ihm in heutigen Tagen. + +In seinen besten Zeiten, bei seinen jungen Tagen 24 +Mochte man viel Wunder von Siegfrieden sagen, +Wie Ehr an ihm erblühte und wie schön er war zu schaun: +Drum dachten sein in Minne viel der waidlichen Fraun. + +Man erzog ihn mit dem Fleiße, wie ihm geziemend war; 25 +Was ihm Zucht und Sitte der eigne Sinn gebar! +Das ward noch eine Zierde für seines Vaters Land, +Daß man zu allen Dingen ihn so recht herrlich fand. + +Er war nun so erwachsen, mit an den Hof zu gehn. 26 +Die Leute sahn ihn gerne; viel Fraun und Mädchen schön +Wünschten wohl, er käme dahin doch immerdar; +Hold waren ihm gar viele, des ward der Degen wohl gewahr. + +Selten ohne Hüter man reiten ließ das Kind. 27 +Mit Kleidern hieß ihn zieren seine Mutter Siegelind; +Auch pflegten sein die Weisen, denen Ehre war bekannt: +Drum möcht er wohl gewinnen so die Leute wie das Land, + +Nun war er in der Stärke, daß er wohl Waffen trug: 28 +Wes er dazu bedurfte, des gab man ihm genug. +Schon sann er zu werben um manches schöne Kind; +Die hätten wohl mit Ehren den schönen Siegfried geminnt. + +Da ließ sein Vater Siegmund kund thun seinem Lehn, 29 +Mit lieben Freunden woll er ein Hofgelag begehn. +Da brachte man die Märe in andrer Könge Land. +Den Heimischen und Gästen gab er Ross und Gewand. + +Wen man finden mochte, der nach der Eltern Art 30 +Ritter werden sollte, die edeln Knappen zart +Lud man nach dem Lande zu der Lustbarkeit, +Wo sie das Schwert empfiengen mit Siegfried zu gleicher Zeit. + +Man mochte Wunder sagen von dem Hofgelag. 31 +Siegmund und Siegelind gewannen an dem Tag +Viel Ehre durch die Gaben, die spendet' ihre Hand: +Drum sah man viel der Fremden zu ihnen reiten in das Land. + +Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet sein 32 +Mit dem jungen Könige. Manch schönes Mägdelein +Sah man am Werk geschäftig: ihm waren alle hold. +Viel edle Steine legten die Frauen da in das Gold, + +Die sie mit Borten wollten auf die Kleider nähn 33 +Den jungen stolzen Recken; das muste so ergehn. +Der Wirth ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mann +Zu der Sonnenwende, wo Siegfried Ritters Stand gewann. + +Da gieng zu einem Münster mancher reiche Knecht 34 +Und viel der edeln Ritter. Die Alten thaten recht, +Daß sie den Jungen dienten, wie ihnen war geschehn, +Sie hatten Kurzweile und freuten sich es zu sehn. + +Als man da Gott zu Ehren eine Messe sang, 35 +Da hub sich von den Leuten ein gewaltiger Drang, +Da sie zu Rittern wurden dem Ritterbrauch gemäß +Mit also hohen Ehren, so leicht nicht wieder geschähs. + +Sie eilten, wo sie fanden geschirrter Rosse viel. 36 +Da ward in Siegmunds Hofe so laut das Ritterspiel, +Daß man ertosen hörte Pallas und Saal. +Die hochbeherzten Degen begannen fröhlichen Schall. + +Von Alten und von Jungen mancher Stoß erklang, 37 +Daß der Schäfte Brechen in die Lüfte drang. +Die Splitter sah man fliegen bis zum Saal hinan. +Die Kurzweile sahen die Fraun und Männer mit an. + +Der Wirth bat es zu laßen. Man zog die Rosse fort; 38 +Wohl sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort +Und viel der edeln Steine auf das Gras gefällt +Von des lichten Schildes Spangen: die hatten Stöße zerschellt. + +Da setzten sich die Gäste, wohin man ihnen rieth, 39 +zu Tisch, wo von Ermüdung viel edle Kost sie schied +Und Wein der allerbeste, des man die Fülle trug. +Den Heimischen und Fremden bot man Ehren da genug. + +So viel sie Kurzweile gefunden all den Tag, 40 +Das fahrende Gesinde doch keiner Ruhe pflag: +Sie dienten um die Gabe, die man da reichlich fand; +Ihr Lob ward zur Zierde König Siegmunds ganzem Land. + +Da ließ der Fürst verleihen Siegfried, dem jungen Mann, 41 +Das Land und die Burgen, wie sonst er selbst gethan. +Seinen Schwertgenoßen gab er mit milder Hand: +So freute sie die Reise, die sie geführt in das Land. + +Das Hofgelage währte bis an den siebten Tag. 42 +Sieglind die reiche der alten Sitte pflag, +Daß sie dem Sohn zu Liebe vertheilte rothes Gold: +Sie könnt es wohl verdienen, daß ihm die Leute waren hold. + +Da war zuletzt kein armer Fahrender mehr im Land. 43 +Ihnen stoben Kleider und Rosse von der Hand, +Als hätten sie zu leben nicht mehr denn einen Tag. +Man sah nie Ingesinde, das so großer Milde pflag. + +Mit preiswerthen Ehren zergieng die Lustbarkeit. 44 +Man hörte wohl die Reichen sagen nach der Zeit, +Daß sie dem Jungen gerne wären unterthan; +Das begehrte nicht Siegfried, dieser waidliche Mann. + +So lange sie noch lebten, Siegmund und Siegelind, 45 +Wollte nicht Krone tragen der beiden liebes Kind; +Doch wollt er herrlich wenden alle die Gewalt, +Die in den Landen fürchtete der Degen kühn und wohlgestalt. + +Ihn durfte Niemand schelten: seit er die Waffen nahm, 46 +Pflag er der Ruh nur selten, der Recke lobesam. +Er suchte nur zu streiten und seine starke Hand +Macht' ihn zu allen Zeiten in fremden Reichen wohlbekannt. + + * * * * * + + + + +Drittes Abenteuer. + +Wie Siegfried nach Worms kam. + + +Den Herrn beschwerte selten irgend ein Herzeleid. 47 +Er hörte Kunde sagen, wie eine schöne Maid +Bei den Burgunden wäre, nach Wünschen wohlgethan, +Von der er bald viel Freuden und auch viel Leides gewann. + +Von ihrer hohen Schöne vernahm man weit und breit, 48 +Und auch ihr Hochgemüthe ward zur selben Zeit +Bei der Jungfrauen den Helden oft bekannt: +Das ladete der Gäste viel in König Gunthers Land. + +So viel um ihre Minne man Werbende sah, 49 +Kriemhild in ihrem Sinne sprach dazu nicht Ja, +Daß sie einen wollte zum geliebten Mann: +Er war ihr noch gar fremde, dem sie bald ward unterthan. + +Dann sann auf hohe Minne Sieglindens Kind: 50 +All der Andern Werben war wider ihn ein Wind. +Er mochte wohl verdienen ein Weib so auserwählt: +Bald ward die edle Kriemhild dem kühnen Siegfried vermählt. + +Ihm riethen seine Freunde und Die in seinem Lehn, 51 +Hab er stäte Minne sich zum Ziel ersehn, +So soll er werben, daß er sich der Wahl nicht dürfe schämen. +Da sprach der edle Siegfried: "So will ich Kriemhilden nehmen, + +"Die edle Königstochter von Burgundenland, 52 +Um ihre große Schöne. Das ist mir wohl bekannt, +Kein Kaiser sei so mächtig, hätt er zu frein im Sinn, +Dem nicht zum minnen ziemte diese reiche Königin." + +Solche Märe hörte der König Siegmund. 53 +Es sprachen seine Leute: also ward ihm kund +Seines Kindes Wille. Es war ihm höchlich leid, +Daß er werben wolle um diese herrliche Maid. + +Es erfuhr es auch die Königin, die edle Siegelind: 54 +Die muste große Sorge tragen um ihr Kind, +Weil sie wohl Gunthern kannte und Die in seinem Heer +Die Werbung dem Degen zu verleiden fliß man sich sehr. + +Da sprach der kühne Siegfried: "Viel lieber Vater mein, 55 +Ohn edler Frauen Minne wollt ich immer sein, +Wenn ich nicht werben dürfte nach Herzensliebe frei." +Was Jemand reden mochte, so blieb er immer dabei. + +"Ist dir nicht abzurathen," der König sprach da so, 56 +"So bin ich deines Willens von ganzem Herzen froh +Und will dirs fügen helfen, so gut ich immer kann; +Doch hat der König Gunther manchen hochfährtgen Mann. + +"Und wär es anders Niemand als Hagen der Degen, 57 +Der kann im Uebermuthe wohl der Hochfahrt pflegen, +So daß ich sehr befürchte, es mög uns werden leid, +Wenn wir werben wollen um diese herrliche Maid." + +"Wie mag uns das gefährden!" hub da Siegfried an: 58 +"Was ich mir im Guten da nicht erbitten kann, +Will ich schon sonst erwerben mit meiner starken Hand, +Ich will von ihm erzwingen so die Leute wie das Land." + +"Leid ist mir deine Rede," sprach König Siegmund, 59 +"Denn würde diese Märe dort am Rheine kund, +Du dürftest nimmer reiten in König Gunthers Land. +Gunther und Gernot die sind mir lange bekannt. + +"Mit Gewalt erwerben kann Niemand die Magd," 60 +Sprach der König Siegmund, "das ist mir wohl gesagt; +Willst du jedoch mit Recken reiten in das Land, +Die Freunde, die wir haben, die werden eilends besandt." + +"So ist mir nicht zu Muthe," fiel ihm Siegfried ein, 61 +"Daß mir Recken sollten folgen an den Rhein +Einer Heerfahrt willen: das wäre mir wohl leid, +Sollt ich damit erzwingen diese herrliche Maid. + +"Ich will sie schon erwerben allein mit meiner Hand. 62 +Ich will mit zwölf Gesellen in König Gunthers Land; +Dazu sollt ihr mir helfen, Vater Siegmund." +Da gab man seinen Degen zu Kleidern grau und auch bunt. + +Da vernahm auch diese Märe seine Mutter Siegelind; 63 +Sie begann zu trauern um ihr liebes Kind:, +Sie bangt' es zu verlieren durch Die in Gunthers Heer. +Die edle Königstochter weinte darüber sehr. + +Siegfried der Degen gieng hin, wo er sie sah. 64 +Wider seine Mutter gütlich sprach er da: +"Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein: +Wohl will ich ohne Sorgen vor allen Weiganden sein. + +"Nun helft mir zu der Reise nach Burgundenland, 65 +Daß mich und meine Recken ziere solch Gewand, +Wie so stolze Degen mit Ehren mögen tragen: +Dafür will ich immer den Dank von Herzen euch sagen." + +"Ist dir nicht abzurathen," sprach Frau Siegelind, 66 +So helf ich dir zur Reise, mein einziges Kind, +Mit den besten Kleidern, die je ein Ritter trug, +Dir und deinen Degen: ihr sollt der haben genug." + +Da neigte sich ihr dankend Siegfried der junge Mann. 67 +Er sprach: "Nicht mehr Gesellen nehm ich zur Fahrt mir an +Als der Recken zwölfe: verseht die mit Gewand. +Ich möchte gern erfahren, wie's um Kriemhild sei bewandt." + +Da saßen schöne Frauen über Nacht und Tag, 68 +Daß ihrer selten Eine der Muße eher pflag, +Bis sie gefertigt hatten Siegfriedens Staat. +Er wollte seiner Reise nun mit nichten haben Rath. + +Sein Vater hieß ihm zieren sein ritterlich Gewand, 69 +Womit er räumen wollte König Siegmunds Land. +Ihre lichten Panzer die wurden auch bereit +Und ihre festen Helme, ihre Schilde schön und breit. + +Nun sahen sie die Reise zu den Burgunden nahn. 70 +Um sie begann zu sorgen beides, Weib und Mann, +Ob sie je wiederkommen sollten in das Land. +Sie geboten aufzusäumen die Waffen und das Gewand. + +Schön waren ihre Rosse, ihr Reitzeug goldesroth; 71 +Wenn wer sich höher dauchte, so war es ohne Noth, +Als der Degen Siegfried und Die ihm unterthan. +Nun hielt er um Urlaub zu den Burgunden an. + +Den gaben ihm mit Trauern König und Königin. 72 +Er tröstete sie beide mit minniglichem Sinn +Und sprach: "Ihr sollt nicht weinen um den Willen mein: +Immer ohne Sorgen mögt ihr um mein Leben sein." + +Es war leid den Recken, auch weinte manche Maid; 73 +Sie ahnten wohl im Herzen, daß sie es nach der Zeit +Noch schwer entgelten müsten durch lieber Freunde Tod. +Sie hatten Grund zu klagen, es that ihnen wahrlich Noth. + +Am siebenten Morgen zu Worms an den Strand 74 +Ritten schon die Kühnen; all ihr Gewand +War von rothem Golde, ihr Reitzeug wohlbestellt; +Ihnen giengen sanft die Rosse, die sich da Siegfried gesellt. + +Neu waren ihre Schilde, licht dazu und breit, 75 +Und schön ihre Helme, als mit dem Geleit +Siegfried der kühne ritt in Gunthers Land. +Man ersah an Helden nie mehr so herrlich Gewand. + +Der Schwerter Enden giengen nieder auf die Sporen; 76 +Scharfe Spere führten die Ritter auserkoren. +Von zweier Spannen Breite war, welchen Siegfried trug; +Der hatt an seinen Schneiden grimmer Schärfe genug. + +Goldfarbne Zäume führten sie an der Hand; 77 +Der Brustriem war von Seide: so kamen sie ins Land. +Da gafften sie die Leute allenthalben an: +Gunthers Mannen liefen sie zu empfangen heran. + +Die hochbeherzten Recken, Ritter so wie Knecht, 78 +Liefen den Herrn entgegen, so war es Fug und Recht, +Und begrüßten diese Gäste in ihrer Herren Land; +Die Pferde nahm man ihnen und die Schilde von der Hand. + +Da wollten sie die Rosse ziehn zu ihrer Rast; 79 +Da sprach aber Siegfried alsbald, der kühne Gast: +"Laßt uns noch die Pferde stehen kurze Zeit: +Wir reiten bald von hinnen; dazu bin ich ganz bereit. + +"Man soll uns auch die Schilde nicht von dannen tragen; 80 +Wo ich den König finde, kann mir das Jemand sagen, +Gunther den reichen aus Burgundenland?" +Da sagt' es ihm Einer, dem es wohl war bekannt. + +"Wollt ihr den König finden, das mag gar leicht geschehn: 81 +In jenem weiten Saale hab ich ihn gesehn +Unter seinen Helden; da geht zu ihm hinan, +So mögt ihr bei ihm finden manchen herrlichen Mann." + +Nun waren auch die Mären dem König schon gesagt, 82 +Daß auf dem Hofe wären Ritter unverzagt: +Sie führten lichte Panzer und herrlich Gewand; +Sie erkenne Niemand in der Burgunden Land. + +Den König nahm es Wunder, woher gekommen sei'n 83 +Die herrlichen Recken im Kleid von lichtem Schein +Und mit so guten Schilden, so neu und so breit; +Das ihm das Niemand sagte, das war König Gunthern leid. + +Zur Antwort gab dem König von Metz Herr Ortewein; 84 +Stark und kühnes Muthes mocht er wohl sein: +"Da wir sie nicht erkennen, so heißt Jemand gehn +Nach meinem Oheim Hagen: dem sollt ihr sie laßen sehn. + +"Ihm sind wohl kund die Reiche und alles fremde Land; 85 +Erkennt er die Herren, das macht er uns bekannt." +Der König ließ ihn holen und Die in seinem Lehn: +Da sah man ihn herrlich mit Recken hin zu Hofe gehn. + +Warum nach ihm der König, frug Hagen da, geschickt? 86 +"Es werden fremde Degen in meinem Haus erblickt, +Die Niemand mag erkennen: habt ihr in fremdem Land +Sie wohl schon gesehen? das macht mir, Hagen bekannt." + +"Das will ich," sprach Hagen. Zum Fenster schritt er drauf, 87 +Da ließ er nach den Gästen den Augen freien Lauf. +Wohl gefiel ihm ihr Geräthe und all ihr Gewand; +Doch waren sie ihm fremde in der Burgunden Land. + +Er sprach, woher die Recken auch kämen an den Rhein, 88 +Es möchten selber Fürsten oder Fürstenboten sein. +"Schön sind ihre Rosse und ihr Gewand ist gut; +Von wannen sie auch ritten, es sind Helden hochgemuth." + +Also sprach da Hagen: "Soviel ich mag verstehn, 89 +Hab ich gleich im Leben Siegfrieden nie gesehn, +So will ich doch wohl glauben, wie es damit auch steht, +Daß er es sei, der Degen, der so herrlich dorten geht. + +"Er bringt neue Mären her in dieses Land: 90 +Die kühnen Nibelungen schlug des Helden Hand, +Die reichen Königssöhne Schilbung und Nibelung; +Er wirkte große Wunder mit des starken Armes Schwung. + +"Als der Held alleine ritt aller Hülfe bar, 91 +Fand er an einem Berge, so hört ich immerdar, +Bei König Niblungs Horte manchen kühnen Mann; +Sie waren ihm gar fremde, bis er hier die Kunde gewann. + +"Der Hort König Nibelungs ward hervorgetragen 92 +Aus einem hohlen Berge: nun hört Wunder sagen, +Wie ihn theilen wollten Die Niblung unterthan. +Das sah der Degen Siegfried, den es zu wundern begann. + +"So nah kam er ihnen, daß er die Helden sah 93 +Und ihn die Degen wieder. Der Eine sagte da: +"Hier kommt der starke Siegfried, der Held aus Niederland." +Seltsame Abenteuer er bei den Nibelungen fand. + +"Den Recken wohl empfiengen Schilbung und Nibelung. 94 +Einhellig baten die edeln Fürsten jung, +Daß ihnen theilen möchte den Schatz der kühne Mann: +Das begehrten sie, bis endlich ers zu geloben begann. + +"Er sah so viel Gesteines, wie wir hören sagen, 95 +Hundert Leiterwagen die möchten es nicht tragen, +Noch mehr des rothen Goldes von Nibelungenland: +Das Alles sollte theilen des kühnen Siegfriedes Hand. + +"Sie gaben ihm zum Lohne König Niblungs Schwert: 96 +Da wurden sie des Dienstes gar übel gewährt, +Den ihnen leisten sollte Siegfried der Degen gut. +Er könnt es nicht vollbringen: sie hatten zornigen Muth. + +"So must er ungetheilet die Schätze laßen stehn. 97 +Da bestanden ihn die Degen in der zwei Könge Lehn: +Mit ihres Vaters Schwerte, das Balmung war genannt, +Stritt ihnen ab der Kühne den Hort und Nibelungenland + +"Da hatten sie zu Freunden kühne zwölf Mann, 98 +Die starke Riesen waren: was konnt es sie verfahn? +Die erschlug im Zorne Siegfriedens Hand +Und siebenhundert Recken zwang er vom Nibelungenland. + +"Mit dem guten Schwerte, geheißen Balmung. 99 +Vom Schrecken überwältigt war mancher Degen jung +Zumal vor dem Schwerte und vor dem kühnen Mann: +Das Land mit den Burgen machten sie ihm unterthan. + +"Dazu die reichen Könige die schlug er beide todt. 100 +Er kam durch Albrichen darauf in große Noth: +Der wollte seine Herren rächen allzuhand, +Eh er die große Stärke noch an Siegfrieden fand. + +"Mit Streit bestehen konnt ihn da nicht der starke Zwerg. 101 +Wie die wilden Leuen liefen sie an den Berg, +Wo er die Tarnkappe Albrichen abgewann: +Da war des Hortes Meister Siegfried der schreckliche Mann. + +"Die sich getraut zu fechten, die lagen all erschlagen. 102 +Den Schatz ließ er wieder nach dem Berge tragen, +Dem ihn entnommen hatten Die Niblung unterthan. +Alberich der starke das Amt des Kämmrers gewann. + +"Er must ihm Eide schwören, er dien ihm als sein Knecht, 103 +Zu aller Art Diensten ward er ihm gerecht." +So sprach von Tronje Hagen: "Das hat der Held gethan; +Also große Kräfte nie mehr ein Recke gewann. + +"Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: 104 +Einen Linddrachen schlug des Helden Hand; +Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut. +So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut. + +"Man soll ihn wohl empfangen, der beste Rath ist das, 105 +Damit wir nicht verdienen des schnellen Recken Haß. +Er ist so kühnes Sinnes, man seh ihn freundlich an: +Er hat mit seinen Kräften so manche Wunder gethan." + +Da sprach der mächtge König: "Gewiss, du redest wahr: 106 +Nun sieh, wie stolz er dasteht vor des Streits Gefahr, +Dieser kühne Degen und Die in seinem Lehn! +Wir wollen ihm entgegen hinab zu dem Recken gehn." + +"Das mögt ihr," sprach da Hagen, "mit allen Ehren schon: 107 +Er ist von edelm Stamme eines reichen Königs Sohn; +Auch hat er die Gebäre, mich dünkt, beim Herren Christ, +Es sei nicht kleine Märe, um die er hergeritten ist." + +Da sprach der Herr des Landes: "Nun sei er uns willkommen. 108 +Er ist kühn und edel, das hab ich wohl vernommen; +Des soll er auch genießen im Burgundenland." +Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand. + +Der Wirth und seine Recken empfiengen so den Mann, 109 +Daß wenig an dem Gruße gebrach, den er gewann; +Des neigte sich vor ihnen der Degen ausersehn +In großen Züchten sah man ihn mit seinen Recken stehn. + +"Mich wundert diese Märe," sprach der Wirth zuhand, 110 +"Von wannen, edler Siegfried, ihr kamt in dieses Land +Oder was ihr wollet suchen zu Worms an dem Rhein?" +Da sprach der Gast zum König: "Das soll euch unverhohlen sein. + +"Ich habe sagen hören in meines Vaters Land, 111 +An euerm Hofe wären, das hätt ich gern erkannt, +Die allerkühnsten Recken, so hab ich oft vernommen, +Die je gewann ein König: darum bin ich hieher gekommen. + +"So hör ich auch euch selber viel Mannheit zugestehn, 112 +Man habe keinen König noch je so kühn gesehn. +Das rühmen viel der Leute in all diesem Land; +Nun kann ichs nicht verwinden, bis ich die Wahrheit befand. + +"Ich bin auch ein Recke und soll die Krone tragen: 113 +Ich möcht es gerne fügen, daß sie von mir sagen, +Daß ich mit Recht besäße die Leute wie das Land. +Mein Haupt und meine Ehre setz ich dawider zu Pfand. + +Wenn ihr denn so kühn seid, wie euch die Sage zeiht, 114 +So frag ich nicht, ists Jemand lieb oder leid: +Ich will von euch erzwingen, was euch angehört, +Das Land und die Burgen unterwerf ich meinem Schwert." + +Der König war verwundert und all sein Volk umher, 115 +Als sie vernahmen sein seltsam Begehr, +Daß er ihm zu nehmen gedächte Leut und Land. +Das hörten seine Degen, die wurden zornig zuhand. + +"Wie sollt ich das verdienen," sprach Gunther der Degen, 116 +Wes mein Vater lange mit Ehren durfte pflegen, +Daß wir das verlören durch Jemands Ueberkraft? +Das wäre schlecht bewiesen, daß wir auch pflegen Ritterschaft!" + +"Ich will davon nicht laßen," fiel ihm der Kühne drein, 117 +"Von deinen Kräften möge dein Land befriedet sein, +Ich will es nun verwalten; doch auch das Erbe mein, +Erwirbst du es durch Stärke, es soll dir unterthänig sein. + +"Dein Erbe wie das meine wir schlagen gleich sie an, 118 +Und wer von uns den Andern überwinden kann, +Dem soll es alles dienen, die Leute wie das Land." +Dem widersprach da Hagen und mit ihm Gernot zuhand. + +"So stehn uns nicht die Sinne," sprach da Gernot, 119 +"Nach neuen Lands Gewinne, daß Jemand sollte todt +Vor Heldeshänden liegen: reich ist unser Land, +Das uns mit Recht gehorsamt, zu Niemand beßer bewandt." + +In grimmigem Muthe standen da die Freunde sein. 120 +Da war auch darunter von Metz Herr Ortewein. +Der Sprach: "Die Sühne ist mir von Herzen leid: +Euch ruft der starke Siegfried ohn allen Grund in den Streit. + +"Wenn ihr und eure Brüder ihm auch nicht steht zur Wehr, 121 +Und ob er bei sich führte ein ganzes Königsheer, +So wollt ichs doch erstreiten, daß der starke Held +Also hohen Uebermuth, wohl mit Recht bei Seite stellt." + +Darüber zürnte mächtig der Held von Niederland: 122 +"Nicht wider mich vermeßen darf sich deine Hand: +Ich bin ein reicher König, du bist in Königs Lehn; +Deiner zwölfe dürften mich nicht im Streite bestehn." + +Nach Schwertern rief da heftig von Metz Herr Ortewein: 123 +Er durfte Hagens Schwestersohn von Tronje wahrlich sein; +Daß er so lang geschwiegen, das war dem König leid. +Da sprach zum Frieden Gernot, ein Ritter kühn und allbereit. + +"Laßt euer Zürnen bleiben," hub er zu Ortwein an, 124 +"Uns hat der edle Siegfried noch solches nicht gethan; +Wir scheiden es in Güte wohl noch, das rath ich sehr, +Und haben ihn zum Freunde; es geziemt uns wahrlich mehr." + +Da sprach der starke Hagen "Uns ist billig leid 125 +und all euern Degen, daß er je zum Streit +an den Rhein geritten: was ließ er das nicht sein? +So übel nie begegnet wären ihm die Herren mein." + +Da sprach wieder Siegfried, der kraftvolle Held: 126 +"Wenn euch, was ich gesprochen, Herr Hagen, missfällt, +So will ich schauen laßen, wie noch die Hände mein +Gedenken so gewaltig bei den Burgunden zu sein." + +"Das hoff ich noch zu wenden," sprach da Gernot. 127 +Allen seinen Degen zu reden er verbot +In ihrem Uebermuthe, was ihm wäre leid. +Da gedacht auch Siegfried an die viel herrliche Maid. + +"Wie geziemt' uns mit euch zu streiten?" sprach wieder Gernot 128 +"Wie viel dabei der Helden auch fielen in den Tod, +Wenig Ehre brächt uns so ungleicher Streit." +Die Antwort hielt da Siegfried, König Siegmunds Sohn, bereit: + +Warum zögert Hagen und auch Ortewein, 129 +Daß er nicht zum Streite eilt mit den Freunden sein, +Deren er so manchen bei den Burgunden hat?" +Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rath. + +"Ihr sollt uns willkommen sein," sprach Geiselher das Kind, 130 +"Und eure Heergesellen, die hier bei euch find: +Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein." +Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein. + +Da sprach der Wirth des Landes: "Alles, was uns gehört, 131 +Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch unverwehrt; +Wir wollen mit euch theilen unser Gut und Blut." +Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Muth. + +Da ließ man ihnen wahren all ihr Wehrgewand; 132 +Man suchte Herbergen, die besten, die man fand: +Siegfriedens Knappen schuf man gut Gemach. +Man sah den Fremdling gerne in Burgundenland hernach. + +Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen, 133 +Mehr zu tausend Malen, als ich euch könnte sagen; +Das hatte seine Kühnheit verdient, das glaubt fürwahr. +Ihn sah wohl selten Jemand, der ihm nicht gewogen war. + +Flißen sich der Kurzweil die Könge und ihr Lehn, 134 +So war er stäts der Beste, was man auch ließ geschehn. +Es konnt ihm Niemand folgen, so groß war seine Kraft, +Ob sie den Stein warfen oder schoßen den Schaft. + +Nach höfscher Sitte ließen sich auch vor den Fraun 135 +Der Kurzweile pflegend die kühnen Ritter schaun: +Da sah man stäts den Helden gern von Niederland; +Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt. + +Die schönen Fraun am Hofe erfragten Märe, 136 +Wer der stolze fremde Recke wäre. +"Er ist so schön gewachsen, so reich ist sein Gewand!" +Da sprachen ihrer Viele: "Das ist der Held von Niederland." + +Was man beginnen wollte, er war dazu bereit; 137 +Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid, +Und auch nur ihn die Schöne, die er noch nie gesehn, +Und die sich doch viel Gutes von ihm schon heimlich versehn. + +Wenn man auf dem Hofe das Waffenspiel begann, 138 +Ritter so wie Knappen, immer sah es an +Kriemhild aus den Fenstern, die Königstochter hehr; +Keiner andern Kurzweil hinfort bedurfte sie mehr. + +Und wüst er, daß ihn sähe, die er im Herzen trug, 139 +Davon hätt er Kurzweil immerdar genug. +Ersähn sie seine Augen, ich glaube sicherlich, +Keine andre Freude hier auf Erden wünscht' er sich. + +Wenn er bei den Recken auf dem Hofe stand, 140 +Wie man noch zur Kurzweil pflegt in allem Land, +Wie stand dann so minniglich das Sieglindenkind, +Daß manche Frau ihm heimlich war von Herzen hold gesinnt. + +Er gedacht auch manchmal: "Wie soll das geschehn, 141 +Daß ich das edle Mägdlein mit Augen möge sehn, +Die ich von Herzen minne, wie ich schon längst gethan? +Die ist mir noch gar fremde; mit Trauern denk ich daran." + +So oft die reichen Könige ritten in ihr Land, 142 +So musten auch die Recken mit ihnen all zur Hand. +Auch Siegfried ritt mit ihnen: das war der Frauen leid; +Er litt von ihrer Minne auch Beschwer zu mancher Zeit. + +So wohnt' er bei den Herren, das ist alles wahr, 143 +In König Gunthers Lande völliglich ein Jahr, +Daß er die Minnigliche in all der Zeit nicht sah, +Durch die ihm bald viel Liebes und auch viel Leides geschah. + + * * * * * + + + + +Viertes Abenteuer. + +Wie Siegfried mit den Sachsen stritt. + + +Da kamen fremde Mären in König Gunthers Land 144 +Durch Boten aus der Ferne ihnen zugesandt +Von unbekannten Recken, die ihnen trugen Haß +Als sie die Rede hörten, gar sehr betrübte sie das. + +Die will ich euch nennen: es war Lüdeger 145 +Aus der Sachsen Lande, ein mächtger König hehr; +Dazu vom Dänenlande der König Lüdegast: +Die gewannen zu dem Kriege gar manchen herrlichen Gast. + +Ihre Boten kamen in König Gunthers Land, 146 +Die seine Widersacher hatten hingesandt. +Da frug man um die Märe die Unbekannten gleich +Und führte bald die Boten zu Hofe vor den König reich. + +Schön grüßte sie der König und sprach: "Seid willkommen! 147 +Wer euch hieher gesendet, hab ich noch nicht vernommen: +Das sollt ihr hören laßen," sprach der König gut. +Da bangten sie gewaltig vor des grimmen Gunther Muth. + +"Wollt ihr uns, Herr, erlauben, daß wir euch Bericht 148 +Von unsrer Märe sagen, wir hehlen sie euch nicht. +Wir nennen euch die Herren, die uns hieher gesandt: +Lüdegast und Lüdeger die suchen heim euer Land. + +Ihren Zorn habt ihr verdienet: wir vernahmen das 149 +Gar wohl, die Herren tragen euch beide großen Haß. +Sie wollen heerfahrten gen Worms an den Rhein; +Ihnen helfen viel der Degen: laßt euch das zur Warnung sein. + +"Binnen zwölf Wochen muß ihre Fahrt geschehn; 150 +Habt ihr nun guter Freunde, so laßt es bald ersehn, +Die euch befrieden helfen die Burgen und das Land: +Hier werden sie verhauen manchen Helm und Schildesrand. + +"Oder wollt ihr unterhandeln, so macht es offenbar; 151 +So reitet euch so nahe nicht gar manche Schar +Eurer starken Feinde zu bitterm Herzeleid, +Davon verderben müßen viel der Ritter kühn im Streit." + +"Nun harrt eine Weile (ich künd euch meinen Muth), 152 +Bis ich mich recht bedachte," sprach der König gut. +"Hab ich noch Getreue, denen will ichs sagen, +Diese schwere Botschaft muß ich meinen Freunden klagen." + +Dem mächtigen Gunther war es leid genug; 153 +Den Botenspruch er heimlich in seinem Herzen trug. +Er hieß berufen Hagen und Andr' in seinem Lehn +Und hieß auch gar geschwinde zu Hof nach Gernoten gehn. + +Da kamen ihm die Besten, so viel man deren fand. 154 +Er sprach: "Die Feinde wollen heimsuchen unser Land +Mit starken Heerfahrten; das sei euch geklagt. +Es ist gar unverschuldet, daß sie uns haben widersagt." + +"Dem wehren wir mit Schwertern," sprach da Gernot, 155 +"Da sterben nur, die müßen: die laßet liegen todt. +Ich werde nicht vergeßen darum der Ehre mein: +Unsre Widersacher sollen uns willkommen sein." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Das dünkt mich nicht gut; 156 +Lüdegast und Lüdeger sind voll Uebermuth. +Wir können uns nicht sammeln in so kurzen Tagen," +So sprach der kühne Recke: "ihr sollt es Siegfrieden sagen." + +Da gab man den Boten Herbergen in der Stadt. 157 +Wie feind sie ihnen waren, sie gut zu pflegen bat +Gunther der reiche, das war wohlgethan, +Bis er erprobt an Freunden, wer ihm zu Hülfe zög heran. + +Der König trug im Herzen Sorge doch und Leid. 158 +Da sah ihn also trauern ein Ritter allbereit, +Der nicht wißen konnte, was ihm war geschehn: +Da bat er König Gunthern, ihm den Grund zu gestehn. + +"Mich nimmt höchlich Wunder," sprach da Siegfried, 159 +"Wie die frohe Weise so völlig von euch schied, +Deren ihr so lange mit uns mochtet pflegen." +Zur Antwort gab ihm Gunther, dieser zierliche Degen: + +"Wohl mag ich allen Leuten nicht von dem Leide sagen, 160 +Das ich muß verborgen in meinem Herzen tragen: +Stäten Freunden klagen soll man des Herzens Noth." +Siegfriedens Farbe ward da bleich und wieder roth. + +Er sprach zu dem Könige: "Was blieb euch je versagt? 161 +Ich will euch wenden helfen das Leid, das ihr klagt. +Wollt ihr Freunde suchen, so will ich einer sein +Und getrau es zu vollbringen mit Ehren bis ans Ende mein." + +"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried, die Rede dünkt mich gut; 162 +Und kann mir auch nicht helfen eure Kraft und hoher Muth, +So freut mich doch die Märe, daß ihr so hold mir seid: +Leb ich noch eine Weile, ich vergelt es mit der Zeit. + +Ich will euch hören laßen, was mich traurig macht. 163 +Von Boten meiner Feinde ward mir hinterbracht, +Mit Heerfahrten kämen sie mich zu suchen hie: +Das geschah uns von Degen in diesen Landen noch nie." + +"Das laßt euch nicht betrüben," sprach da Siegfried, 164 +"Sänftet eur Gemüthe und thut, wie ich euch rieth: +Laßt mich euch erwerben Ehre so wie Frommen, +Bevor eure Feinde her zu diesen Landen kommen. + +"Und hätten dreißigtausend Helfer sich ersehn 165 +Eure starken Feinde, doch wollt ich sie bestehn, +Hätt ich auch selbst nur tausend: verlaßt euch auf mich." +Da sprach der König Gunther: "Das verdien ich stäts um dich." + +"So heißt mir eurer Leute gewinnen tausend Mann, 166 +Da ich von den Meinen nicht mehr hier stellen kann +Als der Recken zwölfe; so wehr ich euer Land. +Immer soll getreulich euch dienen Siegfriedens Hand. + +"Dazu soll Hagen helfen und auch Ortewein, 167 +Dankwart und Sindold, die lieben Recken dein. +Auch soll da mit uns reiten Volker der kühne Mann: +Der soll die Fahne führen: keinen Beßern trefft ihr an. + +"Und laßt die Boten reiten heim in ihrer Herren Land; 168 +Daß sie uns bald da sehen, macht ihnen das bekannt, +So daß unsre Burgen befriedet mögen sein." +Der König hieß besenden Freund und Mannen insgemein. + +Zu Hofe giengen wieder Die Lüdeger gesandt; 169 +Sie freuten sich der Reise zurück ins Heimatland. +Ihnen bot da reiche Gabe Gunther der König gut +Und sicheres Geleite: des waren sie wohlgemuth. + +"Nun sagt," sprach da Gunther, "meinen starken Feinden an, 170 +Ihre Reise bliebe beßer ungethan; +Doch wollten sie mich suchen hier in meinem Land, +Wir zerrännen denn die Freunde, ihnen werde Noth bekannt." + +Den Boten reiche Gaben man da zur Stelle trug: 171 +Deren hatte Gunther zu geben genug. +Das durften nicht verschmähen Die Lüdeger gesandt. +Sie baten um Urlaub und räumten fröhlich das Land. + +Als die Boten waren gen Dänemark gekommen, 172 +Und der König Lüdegast den Bericht vernommen, +Was sie am Rhein geredet, als das ihm ward gesagt, +Seine übermüthge Botschaft ward da bereut und beklagt. + +Sie sagten ihm, sie hätten manch kühnen Mann im Lehn: 173 +"Darunter sah man Einen vor König Gunthern stehn, +Der war geheißen Siegfried, ein Held aus Niederland." +Leid wars Lüdegasten, als er die Dinge so befand. + +Als Die vom Dänenlande hörten diese Mär, 174 +Da eilten sie, der Helfer zu gewinnen desto mehr, +Bis der König Lüdegast zwanzigtausend Mann +Seiner kühnen Degen zu seiner Heerfahrt gewann. + +Da besandte sich von Sachsen auch König Lüdeger, 175 +Bis sie vierzigtausend hatten und wohl mehr, +Die mit ihnen ritten gen Burgundenland. +Da hatt auch schon zu Hause der König Gunther gesandt + +Zu seinen nächsten Freunden und seiner Brüder Heer, 176 +Womit sie fahren wollten im Kriegszug einher, +Und auch mit Hagens Recken: das that den Helden Noth. +Darum musten Degen bald erschauen den Tod. + +Sie schickten sich zur Reise; sie wollten nun hindann. 177 +Die Fahne muste führen Volker der kühne Mann, +Da sie reiten wollten von Worms über Rhein; +Hagen von Tronje der muste Scharmeister sein. + +Mit ihnen ritt auch Sindold und der kühne Hunold, 178 +Die wohl verdienen konnten reicher Könge Gold. +Dankwart, Hagens Bruder, und auch Ortewein +Die mochten wohl mit Ehren bei dem Heerzuge sein. + +"Herr König," sprach da Siegfried, "bleibet ihr zu Haus: 179 +Da mir eure Degen folgen zu dem Strauß, +So weilt bei den Frauen und tragt hohen Muth: +Ich will euch wohl behüten die Ehre so wie das Gut. + +"Die euch heimsuchen wollten zu Worms an dem Rhein, 180 +Will euch davor bewahren, daß sie euch schädlich sei'n: +Wir wollen ihnen reiten so nah ins eigne Land, +Daß ihnen bald in Sorge der Uebermuth wird gewandt." + +Vom Rheine sie durch Hessen mit ihren Helden ritten 181 +Nach dem Sachsenlande: da wurde bald gestritten. +Mit Raub und mit Brande verheerten sie das Land, +Daß bald den Fürsten beiden ward Noth und Sorge bekannt. + +Sie kamen an die Marke; die Knechte rückten an. 182 +Siegfried der starke zu fragen da begann: +"Wer soll nun der Hüter des Gesindes sein?" +Wohl konnte nie den Sachsen ein Heerzug übler gedeihn. + +Sie sprachen: "Laßt der Knappen hüten auf den Wegen 183 +Dankwart den kühnen, das ist ein schneller Degen: +Wir verlieren desto minder durch Die in Lüdgers Lehn; +Laßt ihn mit Ortweinen hie die Nachhut versehn." + +"So will ich selber reiten," sprach Siegfried der Degen, 184 +"Den Feinden gegenüber der Warte zu pflegen, +Bis ich recht erkunde, wo die Recken sind." +Da stand bald in den Waffen der schönen Siegelinde Kind. + +Das Volk befahl er Hagen, als er zog hindann, 185 +Ihm und Gernoten, diesem kühnen Mann. +So ritt er hin alleine in der Sachsen Land, +Wo er die rechte Märe wohl bald mit Ehren befand. + +Er sah ein groß Geschwader, das auf dem Felde zog, 186 +Und die Kraft der Seinen gewaltig überwog: +Es waren vierzigtausend oder wohl noch mehr. +Siegfried in hohem Muthe sah gar fröhlich das Heer. + +Da hatte sich ein Recke auch aus der Feinde Schar 187 +Erhoben auf die Warte, der wohl gewappnet war: +Den sah der Degen Siegfried und ihn der kühne Mann; +Jedweder auf den andern mit Zorn zu blicken begann. + +Ich sag euch, wer der wäre, der hier der Warte pflag; 188 +Ein lichter Schild von Golde ihm vor der Linken lag. +Es war der König Lüdegast, der hütete sein Heer. +Der edle Fremdling sprengte herrlich wider ihn einher. + +Nun hatt auch ihn Herr Lüdegast sich feindlich erkoren: 189 +Ihre Rosse reizten Beide zur Seite mit den Sporen; +Sie neigten auf die Schilde mit aller Macht den Schaft: +Da kam der hehre König darob in großer Sorgen Haft. + +Dem Stich gehorsam trugen die Rosse pfeilgeschwind 190 +Die Könige zusammen, als wehte sie der Wind; +Dann mit den Zäumen wandten sie ritterlich zurück: +Die grimmen Zwei versuchten da mit dem Schwerte das Glück. + +Da schlug der Degen Siegfried, das Feld erscholl umher. 191 +Aus dem Helme stoben, als obs von Bränden wär, +Die feuerrothen Funken von des Helden Hand; +Da stritt mit großen Kräften der kühne Vogt von Niederland. + +Auch ihm schlug Herr Lüdegast manch grimmen Schlag; 192 +Jedweder auf dem Schilde mit ganzer Stärke lag. +Da hatten es wohl dreißig erspäht aus seiner Schar: +Eh die ihm Hülfe brachten, der Sieg doch Siegfrieden war + +Mit drei starken Wunden, die er dem König schlug 193 +Durch einen lichten Harnisch; der war doch fest genug. +Das Schwert mit seiner Schärfe entlockte Wunden Blut; +Da gewann König Lüdegast einen traurigen Muth. + +Er bat ihn um sein Leben und bot ihm all sein Land 194 +Und sagt' ihm, er wäre Lüdegast genannt. +Da kamen seine Recken: die hatten wohl gesehn, +Was da von ihnen beiden auf der Warte war geschehn. + +Er führt' ihn gern von dannen: da ward er angerannt 195 +Von dreißig seiner Mannen; doch wehrte seine Hand +Seinen edeln Geisel mit ungestümen Schlägen. +Bald that noch größern Schaden dieser zierliche Degen. + +Die Dreißig zu Tode wehrlich er schlug; 196 +Ihrer Einen ließ er leben: der ritt da schnell genug +Und brachte hin die Märe von dem, was hier geschehn; +Auch konnte man die Wahrheit an seinem rothen Helme sehn. + +Gar leid wars den Recken aus dem Dänenland, 197 +Als ihres Herrn Gefängniss ihnen ward bekannt. +Man sagt' es seinem Bruder: der fieng zu toben an +In ungestümem Zorne: ihm war gar wehe gethan. + +Lüdegast der König war hinweggebracht 198 +Zu Gunthers Ingesinde von Siegfrieds Uebermacht. +Er befahl ihn Hagen: der kühne Recke gut, +Als er vernahm die Märe, da gewann er fröhlichen Muth. + +Man gebot den Burgunden: "Die Fahne bindet an." 199 +"Wohlauf," sprach da Siegfried, "hier wird noch mehr gethan +Vor Abendzeit, verlier ich Leben nicht und Leib: +Das betrübt im Sachsenlande noch manches waidliche Weib. + +"Ihr Helden vom Rheine, ihr sollt mein nehmen wahr: 200 +Ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar. +Da seht ihr Helme hauen von guter Helden Hand: +Eh wir uns wieder wenden, wird ihnen Sorge bekannt." + +Zu den Rossen sprangen Gernot und Die ihm unterthan. 201 +Die Heerfahne faßte der kühne Spielmann, +Volker der Degen, und ritt der Schar vorauf. +Da war auch das Gesinde zum Streite muthig und wohlauf. + +Sie führten doch der Degen nicht mehr denn tausend Mann, 202 +Darüber zwölf Recken. Zu stieben da begann +Der Staub von den Straßen: sie ritten über Land; +Man sah von ihnen scheinen manchen schönen Schildesrand. + +Nun waren auch die Sachsen gekommen und ihr Heer 203 +Mit Schwertern wohlgewachsen; die Klingen schnitten sehr, +Das hab ich wohl vernommen, den Helden an der Hand: +Da wollten sie die Gäste von Burgen wehren und Land. + +Der Herren Scharmeister führten das Volk heran. 204 +Da war auch Siegfried kommen mit den zwölf Mann, +Die er mit sich führte aus dem Niederland. +Des Tags sah man im Sturme manche blutige Hand. + +Sindold und Hunold und auch Gernot 205 +Die schlugen in dem Streite viel der Helden todt, +Eh sie ihrer Kühnheit noch selber mochten traun: +Das musten bald beweinen viel der waidlichen Fraun. + +Volker und Hagen und auch Ortwein 206 +Leschten in dem Streite manches Helmes Schein +Mit fließendem Blute, die Kühnen in der Schlacht. +Von Dankwarten wurden viel große Wunder vollbracht. + +Da versuchten auch die Dänen waidlich ihre Hand; 207 +Von Stößen laut erschallte mancher Schildesrand +Und von den scharfen Schwertern, womit man Wunden schlug. +Die streitkühnen Sachsen thaten Schadens auch genug. + +Als die Burgunden drangen in den Streit, 208 +Von ihnen ward gehauen manche Wunde weit: +Ueber die Sättel fließen sah man das Blut; +So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut. + +Man hörte laut erhallen den Helden an der Hand 209 +Ihre scharfen Waffen, als Die von Niederland +Ihrem Herrn nachdrangen in die dichten Reihn; +Die zwölfe kamen ritterlich zugleich mit Siegfried hinein. + +Deren vom Rheine kam ihnen Niemand nach. 210 +Man konnte fließen sehen den blutrothen Bach +Durch die lichten Helme von Siegfriedens Hand, +Eh er Lüdegeren vor seinen Heergesellen fand. + +Dreimal die Kehre hat er nun genommen 211 +Bis an des Heeres Ende; da war auch Hagen kommen: +Der half ihm wohl vollbringen im Kampfe seinen Muth. +Da muste bald ersterben vor ihnen mancher Ritter gut. + +Als der starke Lüdeger Siegfrieden fand, 212 +Wie er so erhaben trug in seiner Hand +Balmung den guten und da so Manchen schlug, +Darüber ward der Kühne vor Zorn ingrimmig genug. + +Da gab es stark Gedränge und lauten Schwerterklang, 213 +Wo ihr Ingesinde auf einander drang. +Da versuchten desto heftiger die beiden Recken sich; +Die Scharen wichen beide: der Kämpen Haß ward fürchterlich. + +Dem Vogt vom Sachsenlande war es wohl bekannt, 214 +Sein Bruder sei gefangen: drum war er zornentbrannt; +Nicht wust er, ders vollbrachte, sei der Sieglindensohn. +Man zeihte des Gernoten; hernach befand er es schon. + +Da schlug so starke Schläge Lüdegers Schwert, 215 +Siegfrieden unterm Sattel niedersank das Pferd; +Doch bald erhob sichs wieder: der kühne Siegfried auch +Gewann jetzt im Sturme einen furchtbaren Brauch. + +Dabei half ihm Hagen wohl und Gernot, 216 +Dankwart und Volker: da lagen Viele todt. +Sindold und Hunold und Ortwein der Degen +Die konnten in dem Streite zum Tode Manchen niederlegen. + +Untrennbar im Kampfe waren die Fürsten hehr. 217 +Ueber die Helme fliegen sah man manchen Sper +Durch die lichten Schilde von der Helden Hand; +Auch ward von Blut geröthet mancher herrliche Rand. + +In dem starken Sturme sank da mancher Mann 218 +Von den Rossen nieder. Einander rannten an +Siegfried der kühne und König Lüdeger; +Man sah da Schäfte fliegen und manchen schneidigen Sper. + +Der Schildbeschlag des Königs zerstob vor Siegfrieds Hand. 219 +Sieg zu erwerben dachte der Held von Niederland +An den kühnen Sachsen; die litten Ungemach. +Hei! was da lichte Panzer der kühne Dankwart zerbrach! + +Da hatte König Lüdeger auf einem Schild erkannt 220 +Eine gemalte Krone vor Siegfriedens Hand: +Da sah er wohl, es wäre der kraftreiche Mann. +Laut auf zu seinen Freunden der Held zu rufen begann: + +"Begebt euch des Streites, ihr all mir unterthan! 221 +Den Sohn König Siegmunds traf ich hier an, +Siegfried den starken hab ich hier erkannt; +Den hat der üble Teufel her zu den Sachsen gefandt." + +Er gebot die Fahnen zu senken in dem Streit. 222 +Friedens er begehrte: der ward ihm nach der Zeit; +Doch must er Geisel werden in König Gunthers Land: +Das hatt an ihm erzwungen des kühnen Siegfriedes Hand. + +Nach allgemeinem Rathe ließ man ab vom Streit. 223 +Viel zerschlagner Helme und der Schilde weit +Legten sie aus Händen; so viel man deren fand, +Die waren blutgeröthet von der Burgunden Hand. + +Sie fiengen, wen sie wollten: sie hatten volle Macht. 224 +Gernot und Hagen, die schnellen, hatten Acht, +Daß man die Wunden bahrte; da führten sie hindann +Gefangen nach dem Rheine der Kühnen fünfhundert Mann. + +Die sieglosen Recken zum Dänenlande ritten. 225 +Da hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten, +Daß man sie loben sollte: das war den Helden leid. +Da beklagten ihre Freunde die Gefallnen in dem Streit. + +Sie ließen ihre Waffen aufsäumen nach dem Rhein. 226 +Es hatte wohl geworben mit den Gefährten sein +Siegfried der starke und hatt es gut vollbracht: +Das must ihm zugestehen König Gunthers ganze Macht. + +Gen Worms sandte Boten der König Gernot: 227 +Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot, +Wie ihm gelungen wäre und all seinem Lehn: +Es war da von den Kühnen nach allen Ehren geschehn. + +Die Botenknaben liefen; so ward es angesagt. 228 +Da freuten sich in Liebe, die eben Leid geklagt, +Dieser frohen Märe, die ihnen war gekommen. +Da ward von edlen Frauen großes Fragen vernommen, + +Wie es den Herrn gelungen wär in des Königs Heer. 229 +Man rief der Boten Einen zu Kriemhilden her. +Das geschah verstohlen, sie durfte es wohl nicht laut: +Denn Einer war darunter, dem sie längst ihr Herz vertraut. + +Als sie in ihre Kammer den Boten kommen sah, 230 +Kriemhild die schöne gar gütlich sprach sie da: +"Nun sag mir liebe Märe, so geb ich dir mein Gold, +Und thust dus ohne Trügen, will ich dir immer bleiben hold. + +"Wie schied aus dem Streite mein Bruder Gernot 231 +Und meine andern Freunde? Blieb uns nicht Mancher todt? +Wer that da das Beste? das sollst du mir sagen" +Da sprach der biedre Bote: "Wir hatten nirgend einen Zagen. + +"Zuvorderst in dem Streite ritt Niemand so wohl, 232 +Hehre Königstochter, wenn ich es sagen soll, +Als der edle Fremdling aus dem Niederland: +Da wirkte große Wunder des kühnen Siegfriedes Hand. + +"Was von den Recken allen im Streit da geschehn, 233 +Dankwart und Hagen und des Königs ganzem Lehn, +Wie wehrlich sie auch stritten, das war doch wie ein Wind +Nur gegen Siegfrieden, König Siegmundens Kind. + +"Sie haben in dem Sturme der Helden viel erschlagen; 234 +Doch möcht euch dieser Wunder ein Ende Niemand sagen, +Die da Siegfried wirkte, ritt er in den Streit. +Den Fraun an ihren Freunden that er mächtiges Leid. + +"Auch muste vor ihm fallen der Friedel mancher Braut. 235 +Seine Schläge schollen auf Helmen also laut, +Daß sie aus Wunden brachten das fließende Blut: +Er ist in allen Dingen ein Ritter kühn und auch gut. + +"Da hat auch viel begangen von Metz Herr Ortewein: 236 +Was er nur mocht erlangen mit dem Schwerte sein, +Das fiel vor ihm verwundet oder meistens todt. +Da schuf euer Bruder die allergrößeste Noth, + +"Die jemals in Stürmen mochte sein geschehn; 237 +Man muß dem Auserwählten die Wahrheit zugestehn. +Die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt, +Daß sie vor allen Schanden die Ehre haben bewahrt. + +"Man sah von ihren Händen der Sättel viel geleert, 238 +Als so laut das Feld erhallte von manchem lichten Schwert. +Die Recken vom Rheine die ritten allezeit, +Daß ihre Feinde beßer vermieden hätten den Streit. + +"Auch die kühnen Tronjer schufen großes Leid, 239 +Als mit Volkskräften das Heer sich traf im Streit. +Da schlug so Manchen nieder des kühnen Hagen Hand, +Es wäre viel zu sagen davon in der Burgunden Land. + +"Sindold und Hunold in Gernotens Heer 240 +Und Rumold der kühne schufen so viel Beschwer, +König Lüdger mag es beklagen allezeit, +Daß er meine Herren am Rhein berief in den Streit. + +"Kampf, den allerhöchsten, der irgend da geschah, 241 +Vom Ersten bis zum Letzten, den Jemand nur sah, +Hat Siegfried gefochten mit wehrlicher Hand: +Er bringt reiche Geisel her in König Gunthers Land. + +"Die zwang mit seinen Kräften der streitbare Held, 242 +Wovon der König Lüdegast den Schaden nun behält +Und vom Sachsenlande sein Bruder Lüdeger. +Nun hört meine Märe, viel edle Königin hehr! + +"Gefangen hat sie beide Siegfriedens Hand: 243 +Nie so mancher Geisel kam in dieses Land, +Als nun seine Kühnheit bringt an den Rhein." +Ihr konnten diese Mären nicht willkommener sein. + +"Man führt der Gesunden fünfhundert oder mehr 244 +Und der zum Sterben Wunden, wißt, Königin hehr, +Wohl achtzig blutge Bahren her in unser Land: +Die hat zumeist verhauen des kühnen Siegfriedes Hand. + +"Die uns im Uebermuthe widersagten hier am Rhein, 245 +Die müßen nun Gefangene König Gunthers sein; +Die bringt man mit Freuden her in dieses Land." +Ihre lichte Farb erblühte, als ihr die Märe ward bekannt. + +Ihr schönes Antlitz wurde vor Freuden rosenroth, 246 +Da lebend war geschieden aus so großer Noth +Der waidliche Recke, Siegfried der junge Mann. +Sie war auch froh der Freunde und that wohl weislich daran. + +Die Schöne sprach: "Du machtest mir frohe Mär bekannt: 247 +Ich laße dir zum Lohne geben reich Gewand, +Und zehn Mark von Golde heiß ich dir tragen." +Drum mag man solche Botschaft reichen Frauen gerne sagen. + +Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid. 248 +Da trat an die Fenster manche schöne Maid +Und schaute nach der Straße, wo man reiten fand +Viel hochherzge Degen in der Burgunden Land. + +Da kamen die Gesunden, der Wunden Schar auch kam: 249 +Die mochten grüßen hören von Freunden ohne Scham. +Der Wirth ritt seinen Gästen entgegen hocherfreut: +Mit Freuden war beendet all sein mächtiges Leid. + +Da empfieng er wohl die Seinen, die Fremden auch zugleich, 250 +Wie es nicht anders ziemte dem Könige reich, +Als denen gütlich danken, die da waren kommen, +Daß sie den Sieg mit Ehren im Sturme hatten genommen. + +Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251 +Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen, +Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann; +Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan. + +Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252 +Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land. +Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal; +Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall. + +Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253 +Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat; +Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich. +Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich. + +Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254 +Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen: +Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann. +Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan." + +"Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255 +"Solche hohe Geisel gewann kein König mehr. +Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut +Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut." + +"Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256 +Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn, +Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land +Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand. + +Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257 +Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag. +Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein; +Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein. + +Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258 +Blutgefärbter Sättel sah man da genug. +Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun. +Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun. + +Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259 +Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll; +Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen: +Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen! + +Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260 +Silber ungewogen, dazu das lichte Gold, +Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth. +Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot. + +Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261 +Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut. +Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn: +Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn. + +Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262 +Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an, +Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag: +Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag." + +Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263 +Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt, +Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn; +Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn. + +Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264 +So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold +Und all seine Freunde, die das mit angesehn, +Was da von seinen Händen war im Streite geschehn. + +Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265 +Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit: +Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt. +Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land. + +Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266 +Das that mit gutem Willen mancher junge Degen. +Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand +Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land. + +Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267 +Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen, +Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an. +Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran, + +Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268 +Ute die reiche vernahm die Märe sagen +Von den stolzen Recken, die da sollten kommen: +Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen. + +Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269 +Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid +Und viel der jungen Recken aus Burgundenland. +Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand. + + * * * * * + + + + +Fünftes Abenteuer. + +Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah. + + +Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270 +Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein +Und den Königen zu Liebe kamen in das Land. +Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand. + +Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271 +Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid, +Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag: +Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag. + +Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272 +Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt +Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da. +Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah. + +Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273 +Zierliche Schilde und herrlich Gewand +Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag. +Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach. + +Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274 +Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod; +Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen. +Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen: + +Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275 +Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß +Hatten alle Leute, so viel man immer fand: +Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land. + +An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276 +Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn, +Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen. +Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen. + +Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277 +Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland +Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie, +Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh. + +Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278 +Wie wir das Hofgelage am besten stellen an, +Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit; +Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut." + +Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279 +"Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein, +So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn, +Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn. + +"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280 +Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun? +Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn." +Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn. + +"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281 +Alle, die's erfuhren, waren darüber froh. +Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön, +Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn. + +Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282 +So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand, +Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit. +Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid. + +Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283 +Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr, +Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland: +Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt. + +Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284 +Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn +Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: +Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land. + +Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285 +Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen +Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid. +Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid. + +Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286 +Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn, +Die alle harrend standen, ob es möchte sein, +Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein. + +Da kam die Minnigliche, wie das Morgenroth 287 +Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Noth, +Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. +Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn. + +Von ihrem Kleide leuchtete mancher edle Stein; 288 +Ihre rosenrothe Farbe gab wonniglichen Schein. +Was Jemand wünschen mochte, er muste doch gestehn, +Daß er hier auf Erden noch nicht so Schönes gesehn. + +Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, 289 +Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt, +So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut: +Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Muth. + +Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her; 290 +Die hochgemuthen Degen ließen es nicht mehr: +Sie drängten, daß sie sähen die minnigliche Maid. +Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid. + +Er sann in seinem Sinne: "Wie dacht ich je daran, 291 +Daß ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn; +Soll ich dich aber meiden, so wär ich sanfter todt." +Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder roth. + +Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292 +Als wär er entworfen auf einem Pergamen +Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand, +Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand. + +Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293 +Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen. +Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun: +Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun. + +Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294 +"Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot, +Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn +Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn. + +"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295 +Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen: +Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen, +Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen." + +Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296 +Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland: +"Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn, +Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn." + +Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297 +Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid, +Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn. +In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön. + +Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298 +Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da: +"Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut." +Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth. + +Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299 +Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth; +Mit liebem Blick der Augen sahn einander an +Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan. + +Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300 +In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt. +Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan. +Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran. + +Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301 +Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen +So viel hoher Wonne, als er da gewann, +Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann. + +Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302 +Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn, +Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin." +Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin. + +Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303 +Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr. +Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann: +Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan. + +Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304 +"Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund, +Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand: +Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land." + +Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305 +Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen +Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn. +Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn. + +Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306 +Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun, +Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren; +Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren. + +Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307 +Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank, +Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug: +Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug. + +Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308 +Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam. +Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid, +Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit. + +"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309 +"Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind +So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn." +Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn. + +"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310 +"Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen, +Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt: +Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt." + +Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311 +Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd, +So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn. +Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn. + +Freude und Wonne und lauten Schwerterschall 312 +Vernahm man alle Tage vor König Gunthers Saal, +Davor und darinnen von manchem kühnen Mann. +Von Ortwein und Hagen wurden Wunder viel gethan. + +Was man zu üben wünschte, dazu sah man bereit 313 +In völligem Maße die Degen kühn im Streit. +Da machten vor den Gästen die Recken sich bekannt; +Es war eine Zierde König Gunthers ganzem Land. + +Die lange wund gelegen, wagten sich an den Wind: 314 +Sie wollten kurzweilen mit des Königs Ingesind, +Schirmen mit den Schilden und schießen manchen Schaft. +Des halfen ihnen Viele; sie hatten größliche Kraft. + +Bei dem Hofgelage ließ sie der Wirth verpflegen 315 +Mit der besten Speise; es durfte sich nicht regen +Nur der kleinste Tadel, der Fürsten mag entstehn; +Man sah ihn jetzo freundlich hin zu seinen Gästen gehn. + +Er sprach: "Ihr guten Recken, bevor ihr reitet hin, 316 +So nehmt meine Gaben: also fleht mein Sinn, +Ich will euch immer danken; verschmäht nicht mein Gut: +Es unter euch zu theilen hab ich willigen Muth." + +Die vom Dänenlande sprachen gleich zur Hand: 317 +"Bevor wir wieder reiten heim in unser Land, +Gewährt uns stäten Frieden: das ist uns Recken noth; +Uns sind von euern Degen viel der lieben Freunde todt." + +Genesen von den Wunden war Lüdegast derweil; 318 +Der Vogt des Sachsenlandes war bald vom Kampfe heil. +Etliche Todte ließen sie im Land. +Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand. + +Er sprach zu dem Recken: "Nun rath mir, wie ich thu. 319 +Unsre Gäste wollen reiten morgen fruh +Und gehn um stäte Sühne mich und die Meinen an: +Nun rath, kühner Degen, was dich dünke wohlgethan. + +"Was mir die Herrn bieten, das will ich dir sagen: 320 +Was fünfhundert Mähren an Gold mögen tragen, +Das bieten sie mir gerne für ihre Freiheit an." +Da sprach aber Siegfried: "Das wär übel gethan. + +"Ihr sollt sie beide ledig von hinnen laßen ziehn; 321 +Nur daß die edeln Recken sich hüten fürderhin +Vor feindlichem Reiten her in euer Land, +Laßt euch zu Pfande geben der beiden Könige Hand." + +"Dem Rathe will ich folgen." So giengen sie hindann. 322 +Seinen Widersachern ward es kundgethan, +Des Golds begehre Niemand, das sie geboten eh. +Daheim den lieben Freunden war nach den heermüden weh. + +Viel Schilde schatzbeladen trug man da herbei: 323 +Das theilt' er ungewogen seinen Freunden frei, +An fünfhundert Marken und Manchem wohl noch mehr; +Gernot rieth es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr. + +Um Urlaub baten alle, sie wollten nun hindann. 324 +Da kamen die Gäste vor Kriemhild heran +Und dahin auch, wo Frau Ute saß, die Königin. +Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin. + +Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten. 325 +Doch verblieb im Lande mit herrlichen Sitten +Der König mit den Seinen und mancher edle Mann: +Die giengen alle Tage zu Frau Kriemhild heran. + +Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held, 326 +Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt. +Der König hörte sagen, er wolle nun hindann: +Geiselher der junge ihn von der Reise gewann. + +"Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr? 327 +Hört meine Bitte, bleibt bei den Recken hier, +Bei Gunther dem König und bei seinem Lehn: +Hier sind viel schöne Frauen, die läßt man euch gerne sehn." + +Da sprach der starke Siegfried: "So laßt die Rosse stehn. 328 +Von hinnen wollt ich reiten, das laß ich mir vergehn. +Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land: +Davon hat mich Herr Geiselher mit großen Treuen gewandt." + +So verblieb der Kühne dem Freund zu Liebe dort. 329 +Auch wär ihm in den Landen an keinem andern Ort +So wohl als hier geworden: daher es nun geschah, +Daß er alle Tage die schöne Kriemhild ersah. + +Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb. 330 +Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb; +Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Noth; +Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer todt. + + * * * * * + + + + +Sechstes Abenteuer. + +Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr. + + +Wieder neue Märe erhob sich über Rhein: 331 +Man sagte sich, da wäre manch schönes Mägdelein. +Sich eins davon zu werben sann König Gunthers Muth. +Das dauchte seine Recken und die Herren alle gut. + +Es war eine Königin geseßen über Meer, 332 +Ihr zu vergleichen war keine andre mehr. +Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft; +Sie schoß mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft. + +Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang; 333 +Wer ihrer Minne gehrte, der muste sonder Wank +Drei Spiel' ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren; +Gebrach es ihm an Einem, so war das Haupt ihm verloren. + +Die Königstochter hatte das manchesmal gethan. 334 +Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgethan. +Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib. +Drum musten bald viel Degen verlieren Leben und Leib. + +Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr, 335 +Ward es von allen Seiten berathen hin und her, +Welche ihr Herr sich sollte zum Gemahl erschaun, +Die er zum Weibe wollte und dem Land geziemte zur Fraun. + +Da sprach der Vogt vom Rheine: "Ich will an die See 336 +Hin zu Brunhilden, wie es mir ergeh. +Um ihre Minne wag ich Leben und Leib, +Die will ich verlieren, gewinn ich nicht sie zum Weib." + +"Das möcht ich widerrathen," sprach Siegfried wider ihn: 337 +"So grimmiger Sitte pflegt die Königin, +Um ihre Minne werben, das kommt hoch zu stehn: +Drum mögt ihrs wohl entrathen, auf diese Reise zu gehn." + +Da sprach der König Gunther: "Ein Weib ward noch nie 338 +So stark und kühn geboren, im Streit wollt ich sie +Leichtlich überwinden allein mit meiner Hand." +"Schweigt," sprach da Siegfried, "sie ist euch noch unbekannt. + +"Und wären eurer viere, die könnten nicht gedeihn 339 +Vor ihrem grimmen Zorne: drum laßt den Willen sein, +Das rath ich euch in Treuen: entgeht ihr gern dem Tod, +So macht um ihre Minne euch nicht vergebliche Noth." + +"Sei sie so stark sie wolle, die Reise muß ergehn 340 +Hin zu Brunhilden, mag mir was will geschehn. +Ihrer hohen Schönheit willen gewagt muß es sein: +Vielleicht daß Gott mir füget, daß sie uns folgt an den Rhein." + +"So will ich euch rathen," begann da Hagen, 341 +"Bittet Siegfrieden, mit euch zu tragen +Die Last dieser Sorge; das ist der beste Rath, +Weil er von Brunhilden so gute Kunde doch hat." + +Er sprach: "Viel edler Siegfried, willst du mir Helfer sein 342 +Zu werben um die Schöne? Thu nach der Bitte mein; +Und gewinn ich mir zur Trauten das herrliche Weib, +So verwag ich deinetwillen Ehre, Leben und Leib." + +Zur Antwort gab ihm Siegfried, König Siegmunds Sohn: 343 +"Ich will es thun, versprichst du die Schwester mir zum Lohn, +Kriemhild die schöne, eine Königin hehr: +So begehr ich keines Dankes nach meinen Arbeiten mehr." + +"Das gelob ich," sprach Gunther, "Siegfried, dir an die Hand. 344 +Und kommt die schöne Brunhild hieher in dieses Land, +So will ich dir zum Weibe meine Schwester geben: +So magst du mit der Schönen immer in Freuden leben." + +Des schwuren sich Eide diese Recken hehr. 345 +Da schuf es ihnen beiden viel Müh und Beschwer, +Eh sie die Wohlgethane brachten an den Rhein. +Es musten die Kühnen darum in großen Sorgen sein. + +Von wilden Gezwergen hab ich hören sagen, 346 +Daß sie in hohlen Bergen wohnen und Schirme tragen, +Die heißen Tarnkappen, von wunderbarer Art; +Wer sie am Leibe trage, der sei gar wohl darin bewahrt + +Vor Schlägen und vor Stichen; ihn mög auch Niemand sehn, 347 +So lang er drin verweile; hören doch und spähn +Mag er nach feinem Willen, daß Niemand ihn erschaut; +Ihm wachsen auch die Kräfte, wie uns die Märe vertraut. + +Die Tarnkappe führte Siegfried mit hindann, 348 +Die der kühne Degen mit Sorgen einst gewann +Von einem Gezwerge mit Namen Alberich. +Da schickten sich zur Reise Recken kühn und ritterlich. + +Wenn der starke Siegfried die Tarnkappe trug, 349 +So gewann er drinnen der Kräfte genug, +Zwölf Männer Stärke, so wird uns gesagt. +Er erwarb mit großen Listen diese herrliche Magd. + +Auch war so beschaffen die Nebelkappe gut, 350 +Ein Jeder mochte drinnen thun nach seinem Muth, +Was er immer wollte, daß ihn doch Niemand sah. +Damit gewann er Brunhild, durch die ihm bald viel Leid geschah. + +"Nun sage mir, Siegfried, eh unsre Fahrt gescheh, 351 +Wie wir mit vollen Ehren kommen über See? +Sollen wir Ritter führen in Brunhildens Land? +Dreißigtausend Degen die werden eilends besandt." + +"Wie viel wir Volkes führten," sprach Siegfried wider ihn, 352 +"So grimmiger Sitte pflegt die Königin, +Das müste doch ersterben vor ihrem Uebermuth. +Ich will euch beßer rathen, Degen ihr kühn und gut. + +"In Reckenweise fahren laßt uns zu Thal den Rhein. 353 +Die will ich euch nennen, die das sollen sein: +Zu uns zwein noch zweie und Niemand anders mehr, +Daß wir die Frau erwerben, was auch geschehe nachher. + +"Der Gesellen bin ich einer, du sollst der andre sein, 354 +Und Hagen sei der dritte: wir mögen wohl gedeihn; +Der vierte das sei Dankwart, dieser kühne Mann. +Es dürfen Andrer tausend zum Streite nimmer uns nahn." + +"Die Märe wüst ich gerne," der König sprach da so, 355 +"Eh wir von hinnen führen, des wär ich herzlich froh, +Was wir für Kleider sollten vor Brunhilden tragen, +Die uns geziemen möchten: Siegfried, das sollst du mir sagen." + +"Gewand das allerbeste, das man irgend fand, 356 +Trägt man zu allen Zeiten in Brunhildens Land: +Drum laß uns reiche Kleider vor der Frauen tragen, +Daß wirs nicht Schande haben, hört man künftig von uns sagen." + +Da sprach der gute Degen: "So will ich selber gehn 357 +Zu meiner lieben Mutter, ob es nicht mag geschehn, +Daß ihre schönen Mägde uns schaffen solch Gewand, +Das wir mit Ehren tragen in der hehren Jungfrau Land." + +Da Sprach von Tronje Hagen mit herrlichen Sitten: 358 +"Was wollt ihr eure Mutter um solche Dienste bitten? +Laßt eure Schwester hören euern Sinn und Muth: +Die ist so kunstreich, unsre Kleider werden gut." + +Da entbot er seiner Schwester, er wünsche sie zu sehn 359 +Und auch der Degen Siegfried. Eh sie das ließ geschehn, +Da hatte sich die Schöne geschmückt mit reichem Kleid. +Daß die Herren kamen, schuf ihr wenig Herzeleid. + +Da war auch ihr Gesinde geziert nach seinem Stand. 360 +Die Fürsten kamen beide; als sie das befand, +Erhob sie sich vom Sitze: wie höfisch sie da gieng, +Als sie den edeln Fremdling und ihren Bruder empfieng! + +"Willkommen sei mein Bruder und der Geselle sein. 361 +Nun möcht ich gerne wissen," Sprach das Mägdelein, +"Was euch Herrn geliebe, daß ihr zu Hofe kommt: +Laßt mich doch hören, was euch edeln Recken frommt." + +Da sprach König Gunther: "Frau, ich wills euch sagen. 362 +Wir müßen große Sorge bei hohem Muthe tragen: +Wir wollen werben reiten fern in fremdes Land +Und hätten zu der Reise gerne zierlich Gewand." + +"Nun sitzt, lieber Bruder," sprach das Königskind, 363 +"Und laßt mich erst erfahren, Wer die Frauen sind, +Die ihr begehrt zu minnen in fremder Könge Land." +Die Auserwählten beide nahm das Mägdlein bei der Hand: + +Hin gieng sie mit den Beiden, wo sie geseßen war 364 +Auf prächtgen Ruhebetten, das glaubt mir fürwahr, +Mit eingewirkten Bildern, in Gold wohl erhaben. +Sie mochten bei der Frauen gute Kurzweile haben. + +Freundliche Blicke und gütliches Sehn, 365 +Des mochte von den Beiden da wohl viel geschehn. +Er trug sie in dem Herzen, sie war ihm wie sein Leben. +Er erwarb mit großem Dienste, daß sie ihm ward zu Weib gegeben. + +Da sprach der edle König: "Viel liebe Schwester mein, 366 +Ohne deine Hülfe kann es nimmer sein. +Wir wollen abenteuern in Brunhildens Land; +Da müßen wir vor Frauen tragen herrlich Gewand." + +Da sprach die Königstochter: "Viel lieber Bruder mein, 367 +Kann euch an meiner Hülfe dabei gelegen sein, +So sollt ihr inne werden, ich bin dazu bereit; +Versagte sie ein Andrer euch, das wäre Kriemhilden leid. + +"Ihr sollt mich, edler Ritter, nicht in Sorgen bitten, 368 +Ihr sollt nur gebieten mit herrlichen Sitten: +Was euch gefallen möge, dazu bin ich bereit +Und thus mit gutem Willen," sprach die wonnigliche Maid. + +"Wir wollen, liebe Schwester, tragen gut Gewand: 369 +Das soll bereiten helfen eure weiße Hand. +Laßt eure Mägdlein sorgen, daß es uns herrlich steht, +Da man uns diese Reise doch vergebens widerräth." + +Da begann die Jungfrau: "Nun hört, was ich sage, 370 +Wir haben selber Seide: befehlt, daß man uns trage +Gestein auf den Schilden, so schaffen wir das Kleid, +Das ihr mit Ehren traget vor der herrlichen Maid." + +"Wer sind die Gesellen," sprach die Königin, 371 +"Die mit euch gekleidet zu Hofe sollen ziehn?" +"Das bin ich selbvierter; noch Zwei aus meinem Lehn, +Dankwart und Hagen, sollen mit uns zu Hofe gehn. + +"Nun merkt, liebe Schwester, wohl, was wir euch sagen: 372 +Sorgt, daß wir vier Gesellen zu vier Tagen tragen +Je der Kleider dreierlei und also gut Gewand, +Daß wir ohne Schande räumen Brunhildens Land." + +Das gelobte sie den Recken; die Herren schieden hin. 373 +Da berief der Jungfraun Kriemhild die Königin +Aus ihrer Kemenate dreißig Mägdelein, +Die gar sinnreich mochten zu solcher Kunstübung sein. + +In arabische Seide, so weiß als der Schnee, 374 +Und gute Zazamanker, so grün als der Klee, +Legten sie Gesteine: das gab ein gut Gewand; +Kriemhild die schöne schnitts mit eigener Hand. + +Von seltner Fische Häuten Bezüge wohlgethan, 375 +Zu schauen fremd den Leuten, so viel man nur gewann, +Bedeckten sie mit Seide: darein ward Gold getragen: +Man mochte große Wunder von den lichten Kleidern sagen. + +Aus dem Land Marocco und auch von Libya 376 +Der allerbesten Seide, die man jemals sah +Königskinder tragen, der hatten sie genug. +Wohl ließ sie Kriemhild schauen, wie sie Liebe für sie trug. + +Da sie so theure Kleider begehrt zu ihrer Fahrt, 377 +Hermelinfelle wurden nicht gespart, +Darauf von Kohlenschwärze mancher Flecken lag: +Das trügen schnelle Helden noch gern bei einem Hofgelag. + +Aus arabischem Golde glänzte mancher Stein; 378 +Der Frauen Unmuße war nicht zu klein. +Sie schufen die Gewände in sieben Wochen Zeit; +Da war auch ihr Gewaffen den guten Degen bereit. + +Als sie gerüstet standen, sah man auf dem Rhein 379 +Fleißiglich gezimmert ein starkes Schiffelein, +Das sie da tragen sollte hernieder an die See. +Den edeln Jungfrauen war von Arbeiten weh. + +Da sagte man den Recken, es sei für sie zur Hand, 380 +Das sie tragen sollten, das zierliche Gewand. +Was sie erbeten hatten, das war nun geschehn; +Da wollten sie nicht länger mehr am Rheine bestehn. + +Zu den Heergesellen ein Bote ward gesandt, 381 +Ob sie schauen wollten ihr neues Gewand, +Ob es den Helden wäre zu kurz oder lang. +Es war von rechtem Maße; des sagten sie den Frauen Dank. + +Vor wen sie immer kamen, die musten all gestehn, 382 +Sie hätten nie auf Erden schöner Gewand gesehn. +Drum mochten sie es gerne da zu Hofe tragen; +Von beßerm Ritterstaate wuste Niemand mehr zu sagen. + +Den edeln Maiden wurde höchlich Dank gesagt. 383 +Da baten um Urlaub die Recken unverzagt; +In ritterlichen Züchten thaten die Herren das. +Da wurden lichte Augen getrübt von Weinen und naß. + +Sie sprach: "Viel lieber Bruder, ihr bliebet beßer hier 384 +Und würbt andre Frauen: klüger schien' es mir, +Wo ihr nicht wagen müstet Leben und Leib. +Ihr fändet in der Nähe wohl ein so hochgeboren Weib." + +Sie ahnten wohl im Herzen ihr künftig Ungemach. 385 +Sie musten alle weinen, was da auch Einer sprach. +Das Gold vor ihren Brüsten ward von Thränen fahl; +Die fielen ihnen dichte von den Augen zuthal. + +Da sprach sie: "Herr Siegfried, laßt euch befohlen sein 386 +Auf Treu und auf Gnade den lieben Bruder mein, +Daß ihn nichts gefährde in Brunhildens Land." +Das versprach der Kühne Frau Kriemhilden in die Hand. + +Da sprach der edle Degen: "So lang mein Leben währt, 387 +So bleibt von allen Sorgen, Herrin, unbeschwert; +Ich bring ihn euch geborgen wieder an den Rhein. +Das glaubt bei Leib und Leben." Da dankt' ihm schön das Mägdelein. + +Die goldrothen Schilde trug man an den Strand 388 +Und schaffte zu dem Schiffe all ihr Rüstgewand; +Ihre Rosse ließ man bringen: sie wollten nun hindann. +Wie da von schönen Frauen so großes Weinen begann! + +Da stellte sich ins Fenster manch minnigliches Kind. 389 +Das Schiff mit seinem Segel ergriff ein hoher Wind. +Die stolzen Heergesellen saßen auf dem Rhein; +Da sprach der König Gunther: "Wer soll nun Schiffmeister sein?" + +"Das will ich," sprach Siegfried: "ich kann euch auf der Flut 390 +Wohl von hinnen führen, das wißt, Helden gut; +Die rechten Wasserstraßen sind mir wohl bekannt." +So schieden sie mit Freuden aus der Burgunden Land. + +Eine Ruderstange Siegfried ergriff; 391 +Vom Gestade schob er kräftig das Schiff. +Gunther der kühne ein Ruder selber nahm. +Da huben sich vom Lande die schnellen Ritter lobesam. + +Sie führten reichlich Speise, dazu guten Wein, 392 +Den besten, den sie finden mochten um den Rhein. +Ihre Rosse standen still in guter Ruh; +Das Schiff gieng so eben, kein Ungemach stieß ihnen zu. + +Ihre starken Segelseile streckte die Luft mit Macht; 393 +Sie fuhren zwanzig Meilen, eh niedersank die Nacht, +Mit günstigem Winde nieder nach der See; +Ihr starkes Arbeiten that noch schönen Frauen weh. + +An dem zwölften Morgen, wie wir hören sagen, 394 +Da hatten sie die Winde weit hinweggetragen +Nach Isenstein der Veste in Brunhildens Land, +Das ihrer Keinem außer Siegfried bekannt. + +Als der König Gunther so viel der Burgen sah 395 +Und auch der weiten Marken, wie bald sprach er da: +"Nun sagt mir, Freund Siegfried, ist euch das bekannt? +Wem sind diese Burgen und wem das herrliche Land? + +"Ich hab all mein Leben, das muß ich wohl gestehn, 396 +So wohlgebauter Burgen nie so viel gesehn +Irgend in den Landen, als wir hier ersahn; +Der sie erbauen konnte, war wohl ein mächtiger Mann." + +Zur Antwort gab ihm Siegfried: "Das ist mir wohlbekannt; 397 +Brunhilden sind sie, die Burgen wie das Land +Und Isenstein die Veste, glaubt mir fürwahr: +Da mögt ihr heute schauen schöner Frauen große Schar. + +"Ich will euch Helden rathen: seid all von einem Muth 398 +Und sprecht in gleichem Sinne, so dünkt es mich gut. +Denn wenn wir heute vor Brunhilden gehn, +So müßen wir in Sorgen vor der Königstochter stehn. + +"Wenn wir die Minnigliche bei ihren Leuten sehn, 399 +Sollt ihr erlauchte Helden nur Einer Rede stehn: +Gunther sei mein Lehnsherr und ich ihm unterthan; +So wird ihm sein Verlangen nach seinem Wunsche gethan." + +Sie waren all willfährig zu thun, wie er sie hieß: 400 +In seinem Uebermuthe es auch nicht Einer ließ. +Sie sprachen, wie er wollte; wohl frommt' es ihnen da, +Als der König Gunther die schöne Brunhild ersah. + +"Wohl thu ichs nicht so gerne dir zu lieb allein, 401 +Als um deine Schwester, das schöne Mägdelein. +Die ist mir wie die Seele und wie mein eigner Leib; +Ich will es gern verdienen, daß sie werde mein Weib." + + * * * * * + + + + +Siebentes Abenteuer. + +Wie Gunther Brunhilden gewann. + + +Ihr Schifflein unterdessen war auf dem Meer 402 +Zur Burg heran gefloßen: da sah der König hehr +Oben in den Fenstern manche schöne Maid. +Daß er sie nicht erkannte, das war in Wahrheit ihm leid. + +Er fragte Siegfrieden, den Gesellen sein: 403 +"Hättet ihr wohl Kunde um diese Mägdelein, +Die dort hernieder schauen nach uns auf die Flut? +Wie ihr Herr auch heiße, so tragen sie hohen Muth." + +Da sprach der kühne Siegfried: "Nun sollt ihr heimlich spähn 404 +Nach den Jungfrauen und sollt mir dann gestehn, +Welche ihr nehmen wolltet, wär euch die Wahl verliehn." +"Das will ich," sprach Gunther, dieser Ritter schnell und kühn. + +"So schau ich ihrer Eine in jenem Fenster an, 405 +Im schneeweißen Kleide, die ist so wohlgethan: +Die wählen meine Augen, so schön ist sie von Leib. +Wenn ich gebieten dürfte, sie müste werden mein Weib." + +"Dir hat recht erkoren deiner Augen Schein: 406 +Es ist die edle Brunhild, das schöne Mägdelein, +Nach der das Herz dir ringet, der Sinn und auch der Muth." +All ihr Gebaren dauchte König Gunthern gut. + +Da hieß die Königstochter von den Fenstern gehn 407 +Die minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehn +Zum Anblick für die Fremden; sie folgten unverwandt. +Was da die Frauen thaten, das ist uns auch wohl bekannt. + +Sie zierten sich entgegen den unkunden Herrn, 408 +Wie es immer thaten schöne Frauen gern. +Dann an die engen Fenster traten sie heran, +Wo sie die Helden sahen: das ward aus Neugier gethan. + +Nur ihrer Viere waren, die kamen in das Land. 409 +Siegfried der kühne ein Ross zog auf den Strand. +Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen an: +Große Ehre dauchte sich König Gunther gethan. + +Er hielt ihm bei dem Zaume das zierliche Ross, 410 +Das war gut und stattlich, stark dazu und groß, +Bis der König Gunther fest im Sattel saß. +Also dient' ihm Siegfried, was er hernach doch ganz vergaß. + +Dann zog er auch das seine aus dem Schiff heran: 411 +Er hatte solche Dienste gar selten sonst gethan, +Daß er am Steigreif Helden gestanden wär. +Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen hehr. + +Es war in gleicher Weise den Helden allbereit 412 +Von schneeblanker Farbe das Ross und auch das Kleid, +Dem einen wie dem andern, und schön der Schilde Rand: +Die warfen hellen Schimmer an der edeln Recken Hand. + +Ihre Sättel wohlgesteinet, die Brustriemen schmal: 413 +So ritten sie herrlich vor Brunhildens Saal; +Daran hiengen Schellen von lichtem Golde roth. +Sie kamen zu dem Lande, wie ihr Hochsinn gebot, + +Mit Speren neu geschliffen, mit wohlgeschaffnem Schwert, 414 +Das bis auf die Sporen gieng den Helden werth. +Die Wohlgemuthen führten es scharf genug und breit. +Das alles sah Brunhild, diese herrliche Maid. + +Mit ihnen kam auch Dankwart und sein Bruder Hagen: 415 +Diese beide trugen, wie wir hören sagen, +Von rabenschwarzer Farbe reichgewirktes Kleid; +Neu waren ihre Schilde, gut, dazu auch lang und breit. + +Von India dem Lande trugen sie Gestein, 416 +Das warf an ihrem Kleide auf und ab den Schein. +Sie ließen unbehütet das Schifflein bei der Flut; +So ritten nach der Veste diese Helden kühn und gut. + +Sechsundachtzig Thürme sahn sie darin zumal, 417 +Drei weite Pfalzen und einen schönen Saal +Von edelm Marmelsteine, so grün wie das Gras, +Darin die Königstochter mit ihrem Ingefinde saß. + +Die Burg war erschloßen und weithin aufgethan, 418 +Brunhildes Mannen liefen alsbald heran +Und empfiengen die Gäste in ihrer Herrin Land. +Die Rosse nahm man ihnen und die Schilde von der Hand. + +Da sprach der Kämmrer Einer: "Gebt uns euer Schwert 419 +Und die lichten Panzer." "Das wird euch nicht gewährt," +Sprach Hagen von Tronje, "wir wollens selber tragen." +Da begann ihm Siegfried von des Hofs Gebrauch zu sagen: + +"In dieser Burg ist Sitte, das will ich euch sagen, 420 +Keine Waffen dürfen da die Gäste tragen: +Laßt sie von hinnen bringen, das ist wohlgethan." +Ihm folgte wider Willen Hagen, König Gunthers Mann. + +Man ließ den Gästen schenken und schaffen gute Ruh. 421 +Manchen schnellen Recken sah man dem Hofe zu +Allenthalben eilen in fürstlichem Gewand; +Doch wurden nach den Kühnen ringsher die Blicke gesandt. + +Nun wurden auch Brunhilden gesagt die Mären, 422 +Daß unbekannte Recken gekommen wären +In herrlichem Gewande gefloßen auf der Flut. +Da begann zu fragen diese Jungfrau schön und gut: + +"Ihr sollt mich hören laßen," sprach das Mägdelein, 423 +"Wer die unbekannten Recken mögen sein, +Die ich dort stehen sehe in meiner Burg so hehr, +Und wem zu Lieb die Helden wohl gefahren sind hieher." + +Des Gesindes sprach da Einer: "Frau, ich muß gestehn, 424 +Daß ich ihrer Keinen je zuvor gesehn; +Doch Einer steht darunter, der Siegfrieds Weise hat: +Den sollt ihr wohl empfangen, das ist in Treuen mein Rath. + +"Der andre der Gesellen, gar löblich dünkt er mich; 425 +Wenn er die Macht besäße, zum König ziemt' er sich +Ob weiten Fürstenlanden, sollt er die versehn. +Man sieht ihn bei den Andern so recht herrlich da stehn. + +"Der dritte der Gesellen, der hat gar herben Sinn, 426 +Doch schönen Wuchs nicht minder, reiche Königin. +Die Blicke sind gewaltig, deren so viel er thut: +Er trägt in seinem Sinne, wähn ich, grimmigen Muth. + +"Der jüngste darunter, gar löblich dünkt er mich: 427 +Man sieht den reichen Degen so recht minniglich +In jungfräulicher Sitte und edler Haltung stehn: +Wir müstens alle fürchten, wär ihm ein Leid hier geschehn. + +"So freundlich er gebahre, so wohlgethan sein Leib, 428 +Er brächte doch zum Weinen manch waidliches Weib, +Wenn er zürnen sollte; sein Wuchs ist wohl so gut, +Er ist an allen Tugenden ein Degen kühn und wohlgemuth." + +Da sprach die Königstochter: "Nun bringt mir mein Gewand: 429 +Und ist der starke Siegfried gekommen in mein Land +Um meiner Minne willen, es geht ihm an den Leib: +Ich fürcht ihn nicht so heftig, daß ich würde sein Weib." + +Brunhild die schöne trug bald erlesen Kleid. 430 +Auch gab ihr Geleite manche schöne Maid, +Wohl hundert oder drüber, sie all in reicher Zier. +Die Gäste kam zu schauen manches edle Weib mit ihr. + +Mit ihnen giengen Degen aus Isenland, 431 +Brunhildens Recken, die Schwerter in der Hand, +Fünfhundert oder drüber; das war den Gästen leid. +Aufstanden von den Sitzen die kühnen Helden allbereit. + +Als die Königstochter Siegfrieden sah, 432 +Wohlgezogen sprach sie zu dem Gaste da: +"Seid willkommen, Siegfried, hier in diesem Land. +Was meint eure Reise? das macht mir, bitt ich, bekannt." + +"Viel Dank muß ich euch sagen, Frau Brunhild, 433 +Daß ihr mich geruht zu grüßen, Fürstentochter mild, +Vor diesem edeln Recken, der hier vor mir steht: +Denn der ist mein Lehnsherr; der Ehre Siegfried wohl enträth. + +"Er ist am Rheine König: was soll ich sagen mehr? 434 +Dir nur zu Liebe fuhren wir hierher. +Er will dich gerne minnen, was ihm geschehen mag. +Nun bedenke dich bei Zeiten: mein Herr läßt nimmermehr nach. + +"Er ist geheißen Gunther, ein König reich und hehr. 435 +Erwirbt er deine Minne, nicht mehr ist sein Begehr. +Deinthalb mit ihm that ich diese Fahrt; +Wenn er mein Herr nicht wäre, ich hätt es sicher gespart." + +Sie sprach: "Wenn er dein Herr ist und du in seinem Lehn, 436 +Will er, die ich ertheile, meine Spiele dann bestehn +Und bleibt darin der Meister, so werd ich sein Weib; +Doch ists, daß ich gewinne, es geht euch allen an den Leib." + +Da sprach von Tronje Hagen: "So zeig uns, Königin, 437 +Was ihr für Spiel' ertheilet. Eh euch den Gewinn +Mein Herr Gunther ließe, so müst es übel sein: +Er mag wohl noch erwerben ein so schönes Mägdelein." + +"Den Stein soll er werfen und springen darnach, 438 +Den Sper mit mir schießen: drum sei euch nicht zu jach. +Ihr verliert hier mit der Ehre Leben leicht und Leib: +Drum mögt ihr euch bedenken," sprach das minnigliche Weib. + +Siegfried der schnelle gieng zu dem König hin 439 +Und bat ihn, frei zu reden mit der Königin +Ganz nach seinem Willen; angstlos soll er sein: +"Ich will dich wohl behüten vor ihr mit den Listen mein." + +Da sprach der König Gunther: "Königstochter hehr, 440 +Ertheilt mir, was ihr wollet, und wär es auch noch mehr, +Eurer Schönheit willen bestünd ich Alles gern. +Mein Haupt will ich verlieren, gewinnt ihr mich nicht zum Herrn." + +Als da seine Rede vernahm die Königin, 441 +Bat sie, wie ihr ziemte, das Spiel nicht zu verziehn. +Sie ließ sich zum Streite bringen ihr Gewand, +Einen goldnen Panzer und einen guten Schildesrand. + +Ein seiden Waffenhemde zog sich an die Maid, 442 +Das ihr keine Waffe verletzen konnt im Streit, +Von Zeugen wohlgeschaffen aus Libya dem Land: +Lichtgewirkte Borten erglänzten rings an dem Rand. + +Derweil hatt ihr Uebermuth den Gästen schwer gedräut. 443 +Dankwart und Hagen die standen unerfreut. +Wie es dem Herrn ergienge, sorgte sehr ihr Muth. +Sie dachten: "Unsre Reise bekommt uns Recken nicht gut." + +Derweilen gieng Siegfried, der listige Mann, 444 +Eh es wer bemerkte, an das Schiff heran, +Wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand, +In die er hurtig schlüpfte: da war er Niemand bekannt. + +Er eilte bald zurücke und fand hier Recken viel: 445 +Die Königin ertheilte da ihr hohes Spiel. +Da gieng er hin verstohlen und daß ihn Niemand sah +Von Allen, die da waren, was durch Zauber geschah. + +Es war ein Kreis gezogen, wo das Spiel geschehn 446 +Vor kühnen Recken sollte, die es wollten sehn. +Wohl siebenhundert sah man Waffen tragen: +Wer das Spiel gewänne, das sollten sie nach Wahrheit sagen. + +Da war gekommen Brunhild, die man gewaffnet fand, 447 +Als ob sie streiten wolle um aller Könge Land. +Wohl trug sie auf der Seide viel Golddrähte fein; +Ihre minnigliche Farbe gab darunter holden Schein. + +Nun kam ihr Gesinde, das trug herbei zuhand 448 +Aus allrothem Golde einen Schildesrand +Mit hartem Stahlbeschlage, mächtig groß und breit, +Worunter spielen wollte diese minnigliche Maid. + +An einer edeln Borte ward der Schild getragen, 449 +Auf der Edelsteine, grasgrüne, lagen; +Die tauschten mannigfaltig Gefunkel mit dem Gold. +Er bedurfte großer Kühnheit, dem die Jungfrau wurde hold. + +Der Schild war untern Buckeln, so ward uns gesagt, 450 +Von dreier Spannen Dicke; den trug hernach die Magd. +An Stahl und auch an Golde war er reich genug, +Den ihrer Kämmrer Einer mit Mühe selbvierter trug. + +Als der starke Hagen den Schild hertragen sah, 451 +In großem Unmuthe sprach der Tronjer da: +"Wie nun, König Gunther? An Leben gehts und Leib: +Die ihr begehrt zu minnen, die ist ein teuflisches Weib." + +Hört noch von ihren Kleidern: deren hatte sie genug. 452 +Von Azagauger Seide einen Wappenrock sie trug, +Der kostbar war und edel: daran warf hellen Schein +Von der Königstochter gar mancher herrliche Stein. + +Da brachten sie der Frauen mächtig und breit 453 +Einen scharfen Wurfspieß; den verschoß sie allezeit, +Stark und ungefüge, groß dazu und schwer. +An seinen beiden Seiten schnitt gar grimmig der Sper. + +Von des Spießes Schwere höret Wunder sagen: 454 +Wohl hundert Pfund Eisen war dazu verschlagen. +Ihn trugen mühsam Dreie von Brunhildens Heer: +Gunther der edle rang mit Sorgen da schwer. + +Er dacht in seinem Sinne: "Was soll das sein hier? 455 +Der Teufel aus der Hölle, wie schützt' er sich vor ihr? +War ich mit meinem Leben wieder an dem Rhein, +Sie dürfte hier wohl lange meiner Minne ledig sein." + +Er trug in seinen Sorgen, das wißet, Leid genug. 456 +All seine Rüstung man ihm zur Stelle trug. +Gewappnet Stand der reiche König bald darin. +Vor Leid hätte Hagen schier gar verwandelt den Sinn. + +Da sprach Hagens Bruder, der kühne Dankwart: 457 +"Mich reut in der Seele her zu Hof die Fahrt. +Nun hießen wir einst Recken! wie verlieren wir den Leib! +Soll uns in diesem Lande nun verderben ein Weib? + +"Des muß mich sehr verdrießen, daß ich kam in dieses Land. 458 +Hätte mein Bruder Hagen sein Schwert an der Hand +Und auch ich das meine, so sollten sachte gehn +Mit ihrem Uebermuthe Die in Brunhildens Lehn. + +Sie sollten sich bescheiden, das glaubet mir nur. 459 +Hätt ich den Frieden tausendmal bestärkt mit einem Schwur, +Bevor ich sterben sähe den lieben Herren mein, +Das Leben müste laßen dieses schöne Mägdelein." + +"Wir möchten ungefangen wohl räumen dieses Land," 460 +Sprach sein Bruder Hagen, "hätten wir das Gewand, +Des wir zum Streit bedürfen, und die Schwerter gut, +So sollte sich wohl sänften der schönen Fraue Uebermuth." + +Wohl hörte, was er sagte, die Fraue wohlgethan; 461 +Ueber die Achsel sah sie ihn lächelnd an. +"Nun er so kühn sich dünket, so bringt doch ihr Gewand, +Ihre scharfen Waffen gebt den Helden an die Hand. + +"Es kümmert mich so wenig, ob sie gewaffnet sind, 462 +Als ob sie bloß da stünden," so sprach das Königskind. +"Ich fürchte Niemands Stärke, den ich noch je gekannt: +Ich mag auch wohl genesen im Streit vor des Königs Hand." + +Als man die Waffen brachte, wie die Maid gebot, 463 +Dankwart der kühne ward vor Freuden roth. +"Nun spielt, was ihr wollet," sprach der Degen werth, +"Gunther ist unbezwungen: wir haben wieder unser Schwert." + +Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein: 464 +Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein, +Groß und ungefüge, rund dabei und breit. +Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit. + +Den warf sie allerwegen, wie sie den Sper verschoß. 465 +Darüber war die Sorge der Burgunden groß. +"Wen will der König werben?" sprach da Hagen laut: +"Wär sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!" + +An ihre weißen Arme sie die Ärmel wand, 466 +Sie schickte sich und faßte den Schild an die Hand, +Sie schwang den Spieß zur Höhe: das war des Kampfe Beginn. +Gunther und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn. + +Und wär ihm da Siegfried zu Hülfe nicht gekommen, 467 +So hätte sie dem König das Leben wohl benommen. +Er trat hinzu verstohlen und rührte seine Hand; +Gunther seine Künste mit großen Sorgen befand. + +"Wer wars, der mich berührte?" dachte der kühne Mann, 468 +Und wie er um sich blickte, da traf er Niemand an. +Er sprach: "Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein: +Du sollst ganz ohne Sorge vor der Königin sein." + +(Er sprach:) "Gieb aus den Händen den Schild, laß mich ihn tragen 469 +Und behalt im Sinne, was du mich hörest sagen: +Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn." +Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn. + +"Verhehl auch meine Künste, das ist uns beiden gut: 470 +So mag die Königstochter den hohen Uebermuth +Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist: +Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermißt." + +Da schoß mit ganzen Kräften die herrliche Maid 471 +Den Sper nach einem neuen Schild, mächtig und breit; +Den trug an der Linken Sieglindens Kind. +Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind. + +Des starken Spießes Schneide den Schild ganz durchdrang, 472 +Daß das Feuer lohend aus den Ringen sprang. +Von dem Schuße fielen die kraftvollen Degen: +War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen. + +Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. 473 +Bald sprang er auf die Füße: da nahm der Degen gut +Den Sper, den sie geschoßen ihm hatte durch den Rand: +Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand. + +Er dacht: "Ich will nicht schießen das Mägdlein wonniglich." 474 +Des Spießes Schneide kehrt' er hinter den Rücken sich; +Mit der Sperstange schoß er auf ihr Gewand, +Daß es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand. + +Das Feuer stob vom Panzer, als trieb' es der Wind. 475 +Es hatte wohl geschoßen der Sieglinde Kind: +Sie vermochte mit den Kräften dem Schuße nicht zu stehn; +Das war von König Gunthern in Wahrheit nimmer geschehn. + +Brunhild die schöne bald auf die Füße sprang: 476 +"Gunther, edler Ritter, des Schußes habe Dank!" +Sie wähnt', er hätt es selber mit seiner Kraft gethan +Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann. + +Da gieng sie hin geschwinde, zornig war ihr Muth, 477 +Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut; +Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand, +Dann sprang sie nach dem Wurfe, daß laut erklang ihr Gewand. + +Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit: 478 +Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid. +Hin gieng der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag: +Gunther must ihn wägen, des Wurfs der Verholne pflag. + +Siegfried war kräftig, kühn und auch lang; 479 +Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang. +Ein großes Wunder war es und künstlich genug, +Daß er in dem Sprunge den König Gunther noch trug. + +Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein: 480 +Gunther wars, der Degen, den man sah allein. +Brunhild die schöne ward vor Zorne roth; +Gewendet hatte Siegfried dem König Gunther den Tod. + +Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, 481 +Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah: +"Ihr, meine Freund und Mannen, tretet gleich heran: +Ihr sollt dem König Gunther alle werden unterthan." + +Da legten die Kühnen die Waffen von der Hand 482 +Und boten sich zu Füßen von Burgundenland +Gunther dem reichen, so mancher kühne Mann: +Sie wähnten, die Spiele hätt er mit eigner Kraft gethan. + +Er grüßte sie gar minniglich; wohl trug er höfschen Sinn. 483 +Da nahm ihn bei der Rechten die schöne Königin: +Sie erlaubt' ihm, zu gebieten in ihrem ganzen Land. +Des freute sich da Hagen, der Degen kühn und gewandt. + +Sie bat den edeln Ritter mit ihr zurück zu gehn 484 +Zu dem weiten Saale, wo mancher Mann zu sehn, +Und mans aus Furcht dem Degen nun desto beßer bot. +Siegfrieds Kräfte hatten sie erledigt aller Noth. + +Siegfried der schnelle war wohl schlau genug, 485 +Daß er die Tarnkappe aufzubewahren trug. +Dann gieng er zu dem Saale, wo manche Fraue saß: +Er sprach zu dem König, gar listiglich that er das: + +"Was säumt ihr, Herr König, und beginnt die Spiele nicht, 486 +Die euch aufzugeben die Königin verspricht? +Laßt uns doch bald erschauen, wie es damit bestellt." +Als wüst er nichts von allem, so that der listige Held. + +Da sprach die Königstochter: "Wie konnte das geschehn, 487 +Daß ihr nicht die Spiele, Herr Siegfried, habt gesehn, +Worin hier Sieg errungen hat König Gunthers Hand?" +Zur Antwort gab ihr Hagen aus der Burgunden Land: + +Er sprach: "Da habt ihr, Königin, uns betrübt den Muth: 488 +Da war bei dem Schiffe Siegfried der Degen gut, +Als der Vogt vom Rheine das Spiel euch abgewann; +Drum ist es ihm unkundig," sprach da Gunthers Unterthan, + +"Nun wohl mir dieser Märe," sprach Siegfried der Held, 489 +"Daß hier eure Hochfahrt also ward gefällt, +Und Jemand lebt, der euer Meister möge sein. +Nun sollt ihr, edle Jungfrau, uns hinnen folgen an den Rhein." + +Da sprach die Wohlgethane: "Das mag noch nicht geschehn. 490 +Erst frag ich meine Vettern und Die in meinem Lehn. +Ich darf ja nicht so leichthin räumen dieß mein Land: +Meine höchsten Freunde die werden erst noch besandt." + +Da ließ sie ihre Boten nach allen Seiten gehn: 491 +Sie besandte ihre Freunde und Die in ihrem Lehn, +Daß sie zum Isensteine kämen unverwandt; +Einem jeden ließ sie geben reiches, herrliches Gewand. + +Da ritten alle Tage Beides, spat und fruh, 492 +Der Veste Brunhildens die Recken scharweis zu. +"Nun ja doch," sprach da Hagen, "was haben wir gethan! +Wir erwarten uns zum Schaden hier Die Brunhild unterthan." + +"Wenn sie mit ihren Kräften kommen in dieß Land, 493 +Der Königin Gedanken die sind uns unbekannt: +Wie, wenn sie uns zürnte? so wären wir verloren, +Und wär das edle Mägdlein uns zu großen Sorgen geboren!" + +Da sprach der starke Siegfried: "Dem will ich widerstehn. 494 +Was euch da Sorge schaffet, das laß ich nicht geschehn. +Ich will euch Hülfe bringen her in dieses Land +Durch auserwählte Degen: die sind euch noch unbekannt. + +"Ihr sollt nach mir nicht fragen, ich will von hinnen fahren; 495 +Gott möge eure Ehre derweil wohl bewahren. +Ich komme bald zurücke und bring euch tausend Mann +Der allerbesten Degen, deren Jemand Kunde gewann." + +"So bleibt nur nicht zu lange," der König sprach da so, 496 +"Wir sind eurer Hülfe nicht unbillig froh." +Er sprach: "Ich komme wieder gewiss in wenig Tagen. +Ihr hättet mich versendet, sollt ihr der Königin sagen." + + * * * * * + + + + +Achtes Abenteuer. + +Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr. + + +Von dannen gieng da Siegfried zum Hafen an den Strand 497 +In seiner Tarnkappe, wo er ein Schifflein fand. +Darin stand verborgen König Siegmunds Kind: +Er führt' es bald von dannen, als ob es wehte der Wind. + +Den Steuermann sah Niemand, wie schnell das Schifflein floß 498 +Von Siegfriedens Kräften, die waren also groß. +Da wähnten sie, es trieb es ein eigner starker Wind: +Nein, es führt' es Siegfried, der schönen Sieglinde Kind. + +Nach des Tags Verlaufe und in der einen Nacht 499 +Kam er zu einem Lande von gewaltger Macht: +Es war wohl hundert Rasten und noch darüber lang, +Das Land der Nibelungen, wo er den großen Schatz errang. + +Der Held fuhr alleine nach einem Werder breit: 500 +Sein Schiff band er feste, der Ritter allbereit. +Er fand auf einem Berge eine Burg gelegen +Und suchte Herberge, wie die Wegemüden pflegen. + +Da kam er vor die Pforte, die ihm verschloßen stand: 501 +Sie bewachten ihre Ehre, wie Sitte noch im Land. +Ans Thor begann zu klopfen der unbekannte Mann: +Das wurde wohl behütet; da traf er innerhalben an + +Einen Ungefügen, der da der Wache pflag, 502 +Bei dem zu allen Zeiten sein Gewaffen lag. +Der sprach: "Wer pocht so heftig da draußen an das Thor?" +Da wandelte die Stimme der kühne Siegfried davor + +Und sprach: "Ich bin ein Recke: thut mir auf alsbald, 503 +Sonst erzürn ich Etlichen hier außen mit Gewalt, +Der gern in Ruhe läge und hätte sein Gemach." +Das verdroß den Pförtner, als da Siegfried also sprach. + +Der kühne Riese hatte die Rüstung angethan, 504 +Den Helm aufs Haupt gehoben, der gewaltge Mann: +Den Schild alsbald ergriffen und schwang nun auf das Thor. +Wie lief er Siegfrieden da so grimmig an davor! + +Wie er zu wecken wage so manchen kühnen Mann? 505 +Da wurden schnelle Schläge von seiner Hand gethan. +Der edle Fremdling schirmte sich vor manchem Schlag; +Da hieb ihm der Pförtner in Stücke seines Schilds Beschlag + +Mit einer Eisenstange: so litt der Degen Noth. 506 +Schier begann zu fürchten der Held den grimmen Tod, +Als der Thürhüter so mächtig auf ihn schlug. +Dafür war ihm gewogen sein Herre Siegfried genug. + +Sie stritten so gewaltig, die Burg gab Widerhall: 507 +Man hörte fern das Tosen in König Niblungs Saal. +Doch zwang er den Pförtner zuletzt, daß er ihn band; +Kund ward diese Märe in allem Nibelungenland. + +Das Streiten hatte ferne gehört durch den Berg 508 +Alberich der kühne, ein wildes Gezwerg. +Er waffnete sich balde und lief hin, wo er fand +Diesen edeln Fremdling, als er den Riesen eben band. + +Alberich war muthig, dazu auch stark genug. 509 +Helm und Panzerringe er am Leibe trug +Und eine schwere Geisel von Gold an seiner Hand. +Da lief er hin geschwinde, wo er Siegfrieden fand. + +Sieben schwere Knöpfe hiengen vorn daran, 510 +Womit er vor der Linken den Schild dem kühnen Mann +So bitterlich zergerbte, in Splitter gieng er fast. +In Sorgen um sein Leben gerieth der herrliche Gast. + +Den Schild er ganz zerbrochen seiner Hand entschwang: 511 +Da stieß er in die Scheide eine Waffe, die war lang. +Seinen Kammerwärter wollt er nicht schlagen todt: +Er schonte seiner Leute, wie ihm die Treue gebot. + +Mit den starken Händen Albrichen lief er an, 512 +Und erfaßte bei dem Barte den altgreisen Mann. +Den zuckt' er ungefüge: der Zwerg schrie auf vor Schmerz. +Des jungen Helden Züchtigung gieng Alberichen ans Herz. + +Laut rief der Kühne: "Nun laßt mir das Leben: 513 +Und hätt ich einem Helden mich nicht schon ergeben, +Dem ich schwören muste, ich war ihm unterthan, +Ich dient euch, bis ich stürbe," so sprach der listige Mann. + +Er band auch Alberichen wie den Riesen eh: 514 +Siegfriedens Kräfte thaten ihm gar weh. +Der Zwerg begann zu fragen: "Wie seid ihr genannt?" +Er sprach: "Ich heiße Siegfried: ich wähnt, ich wär euch bekannt." + +"So wohl mir diese Kunde," sprach da Alberich, 515 +"An euern Heldenwerken spürt ich nun sicherlich, +Daß ihrs wohl verdientet, des Landes Herr zu sein. +Ich thu, was ihr gebietet, laßt ihr nur mich gedeihn." + +Da sprach der Degen Siegfried: "So macht euch auf geschwind 516 +Und bringt mir her der Besten, die in der Veste sind, +Tausend Nibelungen; die will ich vor mir sehn. +So laß ich euch kein Leides an euerm Leben geschehn." + +Albrichen und den Riesen löst' er von dem Band. 517 +Hin lief der Zwerg geschwinde, wo er die Recken fand. +Sorglich erweckt' er Die in Niblungs Lehn +Und sprach: "Wohlauf, ihr Helden, ihr sollt zu Siegfrieden gehn." + +Sie sprangen von den Betten und waren gleich bereit: 518 +Tausend schnelle Ritter standen im Eisenkleid. +Er brachte sie zur Stelle, wo er Siegfried fand: +Der grüßte schön die Degen und gab Manchem die Hand. + +Viel Kerzen ließ man zünden; man schenkt' ihm lautern Trank. 519 +Daß sie so bald gekommen, des sagt' er Allen Dank. +Er sprach: "Ihr sollt von hinnen mir folgen über Flut." +Dazu fand er willig diese Helden kühn und gut. + +Wohl dreißig hundert Recken kamen ungezählt: 520 +Von denen wurden tausend der besten auserwählt, +Man brachte ihre Helme und ander Rüstgewand, +Da er sie führen wollte hin zu Brunhildens Land. + +Er sprach: "Ihr guten Ritter, Eins laßt euch sagen: 521 +Ihr sollt reiche Kleider dort am Hofe tragen, +Denn uns wird da schauen manch minnigliches Weib: +Darum sollt ihr zieren mit guten Kleidern den Leib." + +Nun möchten mich die Thoren vielleicht der Lüge zeihn: 522 +Wie konnten so viel Ritter wohl beisammen sein? +Wo nähmen sie die Speise? Wo nähmen sie Gewand? +Und besäß er dreißig Lande, er brächt es nimmer zu Stand. + +Ihr habt doch wol vernommen, Siegfried war gar reich. 523 +Sein war der Nibelungenhort, dazu das Königreich. +Drum gab er seinen Degen völliglich genug; +Es ward ja doch nicht minder, wie viel man von dem Schatze trug. + +Eines frühen Morgens begannen sie die Fahrt: 524 +Was schneller Mannen hatte da Siegfried sich geschart! +Sie führten gute Rosse und herrlich Gewand: +Sie kamen stolz gezogen hin zu Brunhildens Land. + +Da stand in den Zinnen manch minnigliches Kind. 525 +Da sprach die Königstochter: "Weiß Jemand, wer die sind, +Die ich dort fließen sehe so fern auf der See? +Sie führen reiche Segel, die sind noch weißer als der Schnee." + +Da sprach der Vogt vom Rheine: "Es ist mein Heergeleit, 526 +Das ich auf der Reise verließ von hier nicht weit: +Ich habe sie besendet: nun sind sie, Frau, gekommen." +Der herrlichen Gäste ward mit Züchten wahrgenommen. + +Da sah man Siegfrieden im Schiffe stehn voran 527 +In herrlichem Gewande mit manchem andern Mann. +Da sprach die Königstochter: "Herr König, wollt mir sagen: +Soll ich die Gäste grüßen oder ihnen Gruß versagen?" + +Er sprach: "Ihr sollt entgegen ihnen vor den Pallas gehn, 528 +Ob ihr sie gerne sehet, daß sie das wohl verstehn." +Da that die Königstochter, wie ihr der König rieth; +Siegfrieden mit dem Gruße sie von den Andern unterschied. + +Herberge gab man ihnen und wahrt' ihr Gewand. 529 +Da waren so viel Gäste gekommen in das Land, +Daß sie sich allenthalben drängten mit den Scharen: +Da wollten heim die Kühnen zu den Burgunden fahren. + +Da sprach die Königstochter: "Dem blieb ich immer hold, 530 +Der zu vertheilen wüste mein Silber und mein Gold +Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann." +Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann: + +"Viel edle Königstochter, laßt mich der Schlüßel pflegen; 531 +Ich will es so vertheilen," sprach der kühne Degen, +"Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein." +Daß er milde wäre, das leuchtete da wohl ein. + +Als sich Hagens Bruder der Schlüßel unterwand, 532 +So manche reiche Gabe bot des Helden Hand: +Wer Einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben, +Daß die Armen alle da in Freuden mochten leben. + +Wohl mit hundert Pfunden gab er ohne Wahl. 533 +Da gieng in reichem Kleide Mancher aus dem Saal, +Der nie zuvor im Leben so hehr Gewand noch trug. +Die Königin erfuhr es: da war es ihr leid genug. + +Sie sprach zu dem König: "Des hätt ich gerne Rath, 534 +Daß nichts mir soll verbleiben von meinem Kleiderstaat +Vor euerm Kämmerlinge: er verschwendet all mein Gold. +Wer dem noch widerstände, dem wollt ich immer bleiben hold. + +"Er giebt so reiche Gaben: der Degen wähnet eben, 535 +Ich habe nach dem Tode gesandt: ich will noch leben +Und kann wol selbst verschwenden meines Vaters Gut." +Nie hatt einer Königin Kämmerer so milden Muth. + +Da sprach von Tronje Hagen: "Frau, euch sei bekannt: 536 +Der König vom Rheine hat Gold und Gewand +Zu geben solche Fülle, daß es nicht Noth ihm thut, +Von hier hinweg zu führen einen Theil von Brunhilds Gut." + +"Nein, wenn ihr mich liebet," sprach sie zu den Herrn, 537 +"Zwanzig Reiseschreine füllt ich mir gern +Mit Gold und mit Seide: das soll meine Hand +Vertheilen, so wir kommen heim in der Burgunden Land." + +Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. 538 +Der Frauen Kämmerlinge musten zugegen sein: +Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Unterthan. +Gunther und Hagen darob zu lachen begann. + +Da sprach die Königstochter: "Wem laß ich nun mein Land? 539 +Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand." +Da sprach der edle König: "So rufet wen herbei, +Der euch dazu gefalle, daß er zum Vogt geordnet sei." + +Ihrer nächsten Freunde Einen die Jungfrau bei sich sah; 540 +Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da: +"Nun laßt euch sein befohlen die Burgen und das Land, +Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt." + +Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mann, 541 +Die mit ihr fahren sollten gen Burgund hindann +Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland. +Sie schickten sich zur Reise: man sah sie reiten nach dem Strand. + +Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, 542 +Dazu wol hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun. +Sie säumten sich nicht länger, sie eilten nun hindann: +Die sie zu Hause ließen, wie Manche hub zu weinen an! + +In höfischen Züchten räumte die Frau ihr Land, 543 +Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand. +Mit gutem Urlaube kamen sie aufs Meer; +Ihres Vaters Lande sah die Jungfrau nimmermehr. + +Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; 544 +Aller Kurzweile hatten sie da viel. +Auch hob sich zu der Reise der rechte Wasserwind. +Sie fuhren ab vom Lande: das beweinte mancher Mutter Kind. + +Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt: 545 +Ihre Kurzweil wurde bis in sein Haus gespart +Zu Worms in der Veste zu einem Hofgelag, +Dahin mit ihren Helden sie fröhlich kamen hernach. + + * * * * * + + + + +Neuntes Abenteuer. + +Wie Siegfried nach Worms gesandt wird. + + +Da sie gefahren waren voll neun Tage, 546 +Da sprach von Tronje Hagen: "Nun hört, was ich sage. +Wir säumen mit der Kunde nach Worms an den Rhein: +Nun sollten eure Boten schon bei den Burgunden sein." + +Da sprach König Gunther: "Ihr redet recht daran; 547 +Auch hätt uns wohl Niemand die Fahrt so gern gethan +Als ihr selbst, Freund Hagen: nun reitet in mein Land, +Unsre Hofreise macht Niemand beßer da bekannt." + +"Nun wißt, lieber Herre, ich bin kein Bote gut: 548 +Laßt mich der Kammer pflegen und bleiben auf der Flut. +Ich will hier bei den Frauen behüten ihr Gewand, +Bis daß wir sie bringen in der Burgunden Land. + +"Nein, bittet Siegfrieden um die Botschaft dahin: 549 +Der mag sie wohl verrichten mit zuchtreichem Sinn. +Versagt er euch die Reise, ihr sollt mit guten Sitten +Bei eurer Schwester Liebe um die Fahrt ihn freundlich bitten." + +Er sandte nach dem Recken: der kam, als man ihn fand. 550 +Er sprach zu ihm: "Wir nahen uns schon meinem Land; +Da sollt ich Boten senden der lieben Schwester mein +Und auch meiner Mutter, daß wir kommen an den Rhein. + +"So bitt ich euch, Herr Siegfried, daß ihr die Reise thut, 551 +Ich wills euch immer danken," so sprach der Degen gut. +Da weigerte sich Siegfried, dieser kühne Mann, +Bis ihn König Gunther sehr zu flehen begann. + +Er sprach: "Ihr sollt reiten um den Willen mein, 552 +Dazu auch um Kriemhild, das schöne Mägdelein, +Daß es mit mir vergelte die herrliche Maid." +Als Siegfried das hörte, da war der Recke bald bereit. + +"Entbietet, was ihr wollet, es soll gemeldet sein: 553 +Ich will es gern bestellen um das schöne Mägdelein. +Die ich im Herzen trage, verzichtet' ich auf die? +Leisten will ich Alles, was ihr gebietet, um sie." + +"So sagt meiner Mutter, Ute der Königin, 554 +Daß ich auf dieser Reise hohes Muthes bin. +Wie wir geworben haben, sagt meinen Brüdern an; +Auch unsern Freunden werde diese Märe kund gethan. + +Ihr sollt auch nichts verschweigen der schönen Schwester mein, 555 +Ich woll ihr mit Brunhild stäts zu Diensten sein; +So sagt auch dem Gesinde und wer mir unterthan, +Was je mein Herz sich wünschte, daß ich das Alles gewann. + +"Und saget Ortweinen, dem lieben Neffen mein, 556 +Daß er Gestühl errichten laße bei dem Rhein; +Den Mannen auch und Freunden sei es kund gethan, +Ich stelle mit Brunhilden eine große Hochzeit an. + +"Und bittet meine Schwester, werd ihr das bekannt, 557 +Daß ich mit meinen Gästen gekommen sei ins Land, +Daß sie dann wohl empfange die liebe Traute mein: +So woll ich Kriemhilden stäts zu Dienst erbötig sein." + +Da bat bei Brunhilden und ihrem Ingesind 558 +Alsbald um den Urlaub Siegfried, Sigmunds Kind, +Wie es ihm geziemte: da ritt er an den Rhein. +Es könnt in allen Landen ein beßrer Bote nicht sein. + +Mit vierundzwanzig Recken zu Worms kam er an; 559 +Ohne den König kam er, das wurde kund gethan. +Da mühten all die Degen in Jammer sich und Noth, +Besorgt, daß dort der König gefunden habe den Tod. + +Sie stiegen von den Rossen und trugen hohen Muth; 560 +Da kam alsbald Herr Geiselher, der junge König gut, +Und Gernot, sein Bruder, wie hurtig sprach er da, +Als er den König Gunther nicht bei Siegfrieden sah: + +"Willkommen, Herr Siegfried, ich bitte, sagt mir an: 561 +Wo habt ihr meinen Bruder, den König, hingethan? +Brunhildens Stärke hat ihn uns wol benommen; +So wär uns sehr zu Schaden ihre hohe Minne gekommen." + +"Die Sorge laßt fahren: euch und den Freunden sein 562 +Entbietet seine Dienste der Heergeselle mein. +Ich verließ ihn wohlgeborgen: er hat mich euch gesandt, +Daß ich sein Bote würde, mit Mären her in euer Land. + +"Nun helft mir es fügen, wie es auch gescheh, 563 +Daß ich die Königin Ute und eure Schwester seh; +Die soll ich hören laßen, was ihr zu wißen thut +Gunther und Frau Brunhild; um sie beide steht es gut." + +Da sprach der junge Geiselher: "So sprecht bei ihnen an; 564 +Da habt ihr meiner Schwester einen Liebesdienst gethan. +Sie trägt noch große Sorge um den Bruder mein: +Die Maid sieht euch gerne: dafür will ich euch Bürge sein." + +Da sprach der Degen Siegfried: "Wo ich ihr dienen kann, 565 +Das soll immer treulich und willig sein gethan. +Wer sagt nun, daß ich komme, den beiden Frauen an?" +Da warb die Botschaft Geiselher, dieser waidliche Mann. + +Geiselher der junge sprach zu der Mutter da 566 +Und auch zu seiner Schwester, als er die beiden sah: +"Uns ist gekommen Siegfried, der Held aus Niederland; +Ihn hat mein Bruder Gunther her zum Rheine gesandt. + +"Er bringt uns die Kunde, wie's um den König steht; 567 +Nun sollt ihr ihm erlauben, daß er zu Hofe geht: +Er bringt die rechten Mären uns her von Isenland." +Noch war den edeln Frauen große Sorge nicht gewandt. + +Sie sprangen nach dem Staate und kleideten sich drein 568 +Und luden Siegfrieden nach Hof zu kommen ein. +Das that der Degen williglich, weil er sie gerne sah. +Kriemhild die edle sprach zu ihm in Güte da: + +"Willkommen, Herr Siegfried, ein Ritter ohne Gleich. 569 +Wo blieb mein Bruder Gunther, der edle König reich? +Durch Brunhilds Stärke, fürcht' ich, gieng er uns verloren: +O weh mir armen Mägdelein, daß ich je ward geboren!" + +Da sprach der kühne Ritter: "Nun gebt mir Botenbrot, 570 +Ihr zwei schönen Frauen weinet ohne Noth. +Ich verließ ihn wohlgeborgen, das thu ich euch bekannt: +Sie haben mich euch beiden mit der Märe hergesandt. + +"Mit freundlicher Liebe, viel edle Herrin mein, 571 +Entbeut euch seine Dienste er und die Traute sein. +Nun laßt euer Weinen: sie wollen balde kommen." +Sie hatte lange Tage so liebe Märe nicht vernommen. + +Mit schneeweißem Kleide aus Augen wohlgethan 572 +Wischte sie die Thränen; zu danken hub sie an +Dem Boten dieser Märe, die ihr war gekommen. +Ihr war die große Trauer und auch ihr Weinen benommen. + +Sie hieß den Boten sitzen: des war er gern bereit. 573 +Da sprach die Minnigliche: "Es wäre mir nicht leid, +Wenn ich euch geben dürfte zum Botenlohn mein Gold. +Dazu seid ihr zu vornehm: so bleib ich sonst denn euch hold. + +"Und würden dreißig Lande," sprach er, "mein genannt, 574 +So empfieng' ich Gabe doch gern aus eurer Hand." +Da sprach die Wohlgezogne: "Wohlan, es soll geschehn." +Da hieß sie ihren Kämmerer nach dem Botenlohne gehn. + +Vierundzwanzig Spangen mit Edelsteinen gut 575 +Gab sie ihm zum Lohne. So stund des Helden Muth: +Er wollt es nicht behalten: er gab es unverwandt +Ihren schönen Maiden, die er in der Kammer fand. + +Ihre Dienste bot ihm die Mutter gütlich an. 576 +"Ich soll euch ferner sagen," sprach der kühne Mann, +"Um was der König bittet, gelangt er an den Rhein: +Wenn ihr das, Fraue, leistet, er will euch stäts gewogen sein. + +"Seine reichen Gäste, das ist sein Begehr, 577 +Sollt ihr wohl empfangen; auch bittet er euch sehr, +Entgegen ihm zu reiten vor Worms ans Gestad. +Das ists, warum der König euch in Treun gebeten hat." + +"Das will ich gern vollbringen," sprach die schöne Magd: 578 +"Worin ich ihm kann dienen, das ist ihm unversagt. +Mit freundlicher Treue wird all sein Wunsch gethan." +Da mehrte sich die Farbe, die sie vor Freude gewann. + +Nie sah man Fürstenboten beßer wohl empfahn: 579 +Wenn sie ihn küssen durfte, sie hätt es gern gethan; +Minniglich er anders doch von der Frauen schied. +Da thaten die Burgunden, wie da Siegfried ihnen rieth. + +Sindold und Hunold und Rumold der Degen 580 +Großer Unmuße musten sie da pflegen, +Als sie die Sitze richteten vor Worms an dem Strand: +Die Schaffner des Königs man sehr beflißen da fand. + +Ortwein und Gere säumten auch nicht mehr, 581 +Sie sandten nach den Freunden allwärts umher, +Die Hochzeit anzusagen, die da sollte sein; +Der zierten sich entgegen viel der schönen Mägdelein. + +Der Pallas und die Wände waren allzumal 582 +Verziert der Gäste wegen; König Gunthers Saal +Ward herrlich ausgerüstet für manchen fremden Mann; +Das große Hofgelage mit hohen Freuden begann. + +Da ritten allenthalben die Wege durch das Land 583 +Der drei Könge Freunde; die hatte man besandt, +Die Gäste zu empfangen, die da sollten kommen. +Da wurden aus dem Einschlag viel reicher Kleider genommen. + +Bald brachte man die Kunde, daß man schon reiten sah 584 +Brunhilds Gefolge: Gedränge gab es da +Von des Volkes Menge in Burgundenland. +Hei! was man kühner Degen da zu beiden Seiten fand! + +Da sprach die schöne Kriemhild: "Ihr, meine Mägdelein, 585 +Die bei dem Empfange mit mir wollen sein, +Die suchen aus den Kisten ihr allerbest Gewand: +So wird uns Lob und Ehre von den Gästen zuerkannt." + +Da kamen auch die Recken und ließen vor sich her 586 +Schöne Sättel tragen von rothem Golde schwer, +Daß drauf die Frauen ritten von Worms an den Rhein. +Beßer Pferdgeräthe konnte wohl nimmer sein. + +Wie warf da von den Mähren den Schein das lichte Gold! 587 +Viel Edelsteine glänzten von den Zäumen hold; +Die goldenen Schemel auf lichtem Teppich gut +Brachte man den Frauen: sie hatten fröhlichen Muth. + +Die Frauenpferde standen auf dem Hof bereit, 588 +Wie gemeldet wurde, für manche edle Maid. +Die schmalen Brustriemen sah man die Mähren tragen +Von der besten Seide, davon man je hörte sagen. + +Sechsundachtzig Frauen traten da heraus, 589 +Die Kopfgebinde trugen; zu Kriemhild vor das Haus +Zogen die Schönen jetzt in reichem Kleid; +Da kam in vollem Schmucke auch manche waidliche Maid, + +Fünfzig und viere aus Burgundenland: 590 +Es waren auch die besten, die man irgend fand. +Man sah sie gelblockig unter lichten Borten gehn. +Was sich bedingt der König, das sah er fleißig geschehn. + +Von kostbaren Zeugen, den besten, die man fand, 591 +Trugen sie vor den Gästen manch herrlich Gewand. +Zu ihrer schönen Farbe stand es ihnen gut: +Wer Einer abhold wäre, litte wohl an schwachem Muth. + +Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand. 592 +Da schmückte sich gar Manche den Arm und auch die Hand +Mit Spangen auf der Seide, die sie sollten tragen. +Es könnt euch dieß Befleißen Niemand wohl zu Ende sagen. + +Viel Gürtel kunstgeschaffen, kostbar und lang, 593 +Ueber lichte Kleider die Hand der Frauen schwang +Um edle Ferransröcke von Zeug aus Arabia, +Wie man sie besser in aller Welt nicht ersah. + +Man sah in Brustgeschmeide manch schöne Maid 594 +Minniglich sich schnüren. Die mochte tragen Leid, +Deren lichte Farbe das Kleid nicht überschien. +So schönes Ingesinde hat nun keine Königin. + +Als die Minniglichen nun trugen ihr Gewand, 595 +Die sie da führen sollten, die kamen unverwandt, +Die hochgemuthen Recken in großer Zahl daher; +Man bracht auch hin viel Schilde und manchen eschenen Sper. + + * * * * * + + + + +Zehntes Abenteuer. + +Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt. + + +Jenseits des Rheins sah man dem Gestad 596 +Mit allen seinen Gästen den König schon genaht. +Da sah man auch am Zaume leiten manche Maid: +Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit. + +Als bei den Schiffen ankam von Isenland die Schar 597 +Und die der Nibelungen, die Siegfried eigen war, +Sie eilten an das Ufer; wohl fliß sich ihre Hand, +Als man des Königs Freunde jenseits am Gestade fand. + +Nun hört auch die Märe von der Königin, 598 +Ute der reichen, wie sie die Mägdlein hin +Brachte von der Veste und selber ritt zum Strand. +Da wurden mit einander viel Maid' und Ritter bekannt. + +Der Markgraf Gere führte am Zaum Kriemhildens Pferd 599 +Bis vor das Thor der Veste; Siegfried der Degen werth +Durft ihr weiter dienen; sie war so schön und hehr. +Das ward ihm wohl vergolten von der Jungfrau nachher. + +Ortwein der kühne führte Ute die Königin, 600 +Und so ritt mancher Ritter neben den Frauen hin. +Zu festlichem Empfange, das mag man wohl gestehn, +Wurden nie der Frauen so viel beisammen gesehn. + +Viel hohe Ritterspiele wurden da getrieben 601 +Von preiswerthen Helden (wie wär es unterblieben?) +Vor Kriemhild der schönen, die zu den Schiffen kam. +Da hub man von den Mähren viel der Frauen lobesam. + +Der König war gelandet mit fremder Ritterschaft. 602 +Wie brach da vor den Frauen mancher starke Schaft! +Man hört' auf den Schilden erklingen Stoß auf Stoß. +Hei! reicher Buckeln Schallen ward im Gedränge da groß! + +Vor dem Hafen standen die Frauen minniglich; 603 +Gunther mit seinen Gästen hub von den Schiffen sich: +Er führte Brunhilden selber an der Hand. +Wider einander leuchtete schön Gestein und licht Gewand. + +In höfischen Züchten hin Frau Kriemhild gieng, 604 +Wo sie Frau Brunhilden und ihr Gesind empfieng. +Man konnte lichte Hände am Kränzlein rücken sehn, +Da sich die Beiden küssten: das war aus Liebe geschehn. + +Da sprach wohlgezogen Kriemhild das Mägdelein: 605 +"Ihr sollt uns willkommen in diesem Lande sein, +Mir und meiner Mutter, und Allen, die uns treu +Von Mannen und von Freunden." Da verneigten sich die Zwei. + +Oftmals mit den Armen umfiengen sich die Fraun. 606 +So minniglich Empfangen war nimmer noch zu schaun, +Als die Frauen beide der Braut da thaten kund, +Frau Ute mit der Tochter: sie küssten oft den süßen Mund. + +Da Brunhilds Frauen alle nun standen auf dem Strand, 607 +Von waidlichen Recken wurden bei der Hand +Freundlich genommen viel Frauen ausersehn. +Man sah die edeln Maide vor Frau Brunhilden stehn. + +Bis der Empfang vorüber war, das währte lange Zeit, 608 +Manch rosigem Munde war da ein Kuß bereit. +Noch standen bei einander die Königinnen reich: +Das freuten sich zu schauen viel der Recken ohne Gleich. + +Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher, 609 +Man hab also Schönes gesehen nimmermehr +Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug. +Man sah an ihrer Schöne auch nicht den mindesten Trug. + +Wer Frauen schätzen konnte und minniglichen Leib, 610 +Der pries um ihre Schöne König Gunthers Weib; +Doch sprachen da die Kenner, die es recht besehn, +Man müße vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn. + +Nun giengen zu einander Mägdelein und Fraun; 611 +Es war in hoher Zierde manch schönes Weib zu schaun. +Da standen seidne Hütten und manches reiche Zelt, +Womit man erfüllt sah hier vor Worms das ganze Feld. + +Des Könige Freunde drängten sich, um sie zu sehn. 612 +Da hieß man Brunhilden und Kriemhilden gehn +Und all die Fraun mit ihnen hin, wo sich Schatten fand; +Es führten sie die Degen aus der Burgunden Land. + +Nun waren auch die Gäste zu Ross geseßen all; 613 +Da gabs beim Lanzenbrechen durch Schilde lauten Schall. +Das Feld begann zu stäuben, als ob das ganze Land +Entbrannt wär in der Lohe: da machten Helden sich bekannt. + +Was da die Recken thaten, sah manche Maid mit an. 614 +Wohl ritt mit seinen Degen Siegfried der kühne Mann +In mancher Wiederkehre vorbei an dem Gezelt; +Der Nibelungen führte tausend Degen der Held. + +Da kam von Tronje Hagen, wie ihm der König rieth; 615 +Der Held mit guter Sitte die Ritterspiele schied, +Daß sie nicht bestaubten die schönen Mägdelein: +Da mochten ihm die Gäste gerne wohl gehorsam sein. + +Da sprach der edle Gernot: "Die Rosse laßt stehn, 616 +Bis es beginnt zu kühlen, daß wir die Frauen schön +Mit unserm Dank geleiten bis vor den weiten Saal; +Will dann der König reiten, find er euch bereit zumal." + +Das Kampfspiel war vergangen über all dem Feld: 617 +Da giengen kurzweilen in manches hohe Zelt +Die Ritter zu den Frauen um hoher Lust Gewinn: +Da vertrieben sie die Stunden, bis sie weiter sollten ziehn. + +Vor des Abends Nahen, als sank der Sonne Licht 618 +Und es begann zu kühlen, ließ man es länger nicht: +Zu der Veste huben Fraun und Ritter sich; +Mit Augen ward geliebkost mancher Schönen minniglich. + +Von guten Knechten wurden viel Pferde müd geritten 619 +Vor den Hochgemuthen nach des Landes Sitten, +Bis vor dem Saale abstieg der König werth. +Da diente man den Frauen und hob sie nieder vom Pferd. + +Da wurden auch geschieden die Königinnen reich. 620 +Hin gieng Frau Ute und Kriemhild zugleich +Mit ihrem Ingesinde in ein weites Haus: +Da vernahm man allenthalben der Freude rauschenden Braus. + +Man richtete die Stühle: der König wollte gehn 621 +Zu Tisch mit den Gästen. Da sah man bei ihm stehn +Brunhild die schöne, die da die Krone trug +In des Königs Lande: sie erschien wohl reich genug. + +Da sah man schöne Sitze und gute Tafeln breit 622 +Mit Speisen beladen, so hörten wir Bescheid. +Was sie da haben sollten, wie wenig fehlte dran! +Da sah man bei dem König gar manchen herrlichen Mann. + +Des Wirthes Kämmerlinge im Becken goldesroth 623 +Reichten ihnen Wasser. Das wär vergebne Noth, +Sagte wer, man hätte je fleißgern Dienst gethan +Bei eines Fürsten Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran. + +Eh der Vogt am Rheine hier das Wasser nahm, 624 +Zu Gunthern trat da Siegfried, er durft es ohne Scham, +Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zu Pfand, +Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland. + +Er sprach zu ihm: "Gedenket, mir schwur eure Hand, 625 +Wenn wir Frau Brunhild brächten in dieß Land, +Ihr gäbt mir eure Schwester: wo blieb nun der Eid? +Ihr wißt, bei eurer Reise war keine Mühe mir leid." + +Da sprach der Wirth zum Gaste: "Recht, daß ihr mich mahnt. 626 +Ich will den Eid nicht brechen, den ich schwur mit Mund und Hand, +Ich helf es euch fügen, so gut es mag geschehn." +Da hieß man Kriemhilden zu Hof vor den König gehn. + +Mit ihren schönen Maiden kam sie vor den Saal. 627 +Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Thal: +"Nun heißt wiederkehren diese Mägdelein: +Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein." + +Hin brachten sie Kriemhilden, wo man den König fand: 628 +Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land. +In dem weiten Saale hieß man sie stille stehn; +Frau Brunhilden sah man eben auch zu Tische gehn. + +Sie hatte keine Kunde, was da im Werke war. 629 +Da sprach König Dankrats Sohn zu seiner Mannen Schar: +"Helft mir, daß meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann." +Sie sprachen einhellig: "Das wäre gar wohl gethan." + +Da sprach der König Gunther: "Schwester, edle Maid, 630 +Bei deiner Zucht und Güte löse meinen Eid. +Ich schwur dich einem Recken, und nimmst du ihn zum Mann, +So hast du meinen Willen mit großen Treuen gethan." + +Die edle Maid versetzte: "Lieber Bruder mein, 631 +Ihr sollt mich nicht flehen, ich will gehorsam sein. +Wie ihr mir gebietet, so soll es sein gethan: +Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann." + +Von lieber Augenweide Ward Siegfrieds Farbe roth: 632 +Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot. +Man ließ sie mit einander in einem Kreise stehn, +Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn? + +Scheu, wie Mädchen pflegen, schämte sie sich ein Theil; 633 +Jedoch war Siegfrieden so günstig Glück und Heil, +Daß sie nicht verschmähen wollte seine Hand. +Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Held von Niederland. + +Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, 634 +Ein gütlich Umfangen war da alsbald bereit +Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart: +Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart. + +Sich schied das Gesinde. Als das geschah, 635 +Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah, +Mit Kriemhilden sitzen; da dient' ihm mancher Mann. +Man sah die Nibelungen mit ihm den Sitzen sich nahm. + +Der König saß zu Tische bei Brunhild der Maid. 636 +Da sah sie Kriemhilden (nichts war ihr je so leid) +Bei Siegfrieden sitzen: zu weinen hub sie an, +Daß ihr manch heiße Thräne über lichte Wangen rann. + +Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637 +Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein? +Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan +Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann." + +"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638 +"Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid. +Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein: +Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein." + +Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639 +Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will, +Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben. +Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben." + +Sie sprach: "Mich jammern immer ihre Schönheit, ihre Zucht; 640 +Wüst ich, wohin ich sollte, ich nähme gern die Flucht +Und wollt euch nimmer eher nahe liegen bei, +Bis ich wüste, weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei." + +Da sprach König Gunther: "Ich mach es euch bekannt: 641 +Er hat selber Burgen wie ich und weites Land. +Das dürft ihr sicher glauben, er ist ein König reich: +Drum gönn ich ihm zum Weibe die schöne Magd ohne Gleich." + +Was ihr der König sagte, traurig blieb ihr Muth. 642 +Da eilte von den Tischen mancher Ritter gut: +Das Kampfspiel ward so heftig, daß rings die Burg erklang. +Dem Wirth bei seinen Gästen ward die Weile viel zu lang. + +Er dacht: "Ich läge sanfter der schönen Frauen bei." 643 +Er wurde des Gedankens nicht mehr im Herzen frei, +Von ihrer Minne müße ihm Liebes viel geschehn. +Da begann er freundlich Frau Brunhilden anzusehn. + +Vom Ritterspiel die Gäste bat man abzustehn: 644 +Mit seinem Weibe wollte zu Bett der König gehn. +Vor des Saales Stiege begegneten da +Sich Kriemhild und Brunhild; noch in Güte das geschah. + +Da kam ihr Ingesinde; sie säumten länger nicht: 645 +Ihre reichen Kämmerlinge brachten ihnen Licht. +Es theilten sich die Recken in beider Könge Lehn. +Da sah man viel der Degen hinweg mit Siegfrieden gehn. + +Die Helden kamen beide hin, wo sie sollten liegen. 646 +Da dachte Jedweder mit Minnen obzusiegen +Den minniglichen Frauen: des freute sich ihr Muth. +Siegfriedens Kurzweil die wurde herrlich und gut. + +Als Siegfried der Degen bei Kriemhilden lag 647 +Und er da der Jungfrau so minniglich pflag +Mit seinem edeln Minnen, sie ward ihm wie sein Leben: +Er hätte nicht die eine für tausend andre gegeben. + +Ich sag euch nicht weiter, wie er der Frauen pflag. 648 +Nun hört diese Märe, wie König Gunther lag +Bei Brunhild der Frauen; der zierliche Degen +Hätte leichtlich sanfter bei andern Frauen gelegen. + +Das Volk hatt ihn verlaßen zumal, so Frau als Mann: 649 +Da ward die Kemenate balde zugethan. +Er wähnt', er solle kosen ihren minniglichen Leib: +Da währt' es noch gar lange, bevor sie wurde sein Weib. + +Im weißen Linnenhemde gieng sie ins Bett hinein. 650 +Der edle Ritter dachte: "Nun ist das alles mein, +Wes mich je verlangte in allen meinen Tagen." +Sie must ob ihrer Schöne mit großem Recht ihm behagen. + +Das Licht begann zu bergen des edeln Königs Hand. 651 +Hin gieng der kühne Degen, wo er die Jungfrau fand. +Er legte sich ihr nahe: seine Freude die war groß, +Als die Minnigliche der Held mit Armen umschloß. + +Minnigliches Kosen möcht er da viel begehn, 652 +Ließe das willig die edle Frau geschehn. +Doch zürnte sie gewaltig: den Herrn betrübte das. +Er wähnt, er fände Freude, da fand er feindlichen Haß. + +Sie sprach: "Edler Ritter, laßt euch das vergehn: 653 +Was ihr da habt im Sinne, das kann nicht geschehn. +Ich will noch Jungfrau bleiben, Herr König, merkt euch das, +Bis ich die Mär erfahre." Da faßte Gunther ihr Haß. + +Er rang nach ihrer Minne und zerrauft' ihr Kleid. 654 +Da griff nach einem Gürtel die herrliche Maid, +Einer starken Borte, die sie um sich trug: +Da that sie dem König großen Leides genug. + +Die Füß und die Hände sie ihm zusammenband, 655 +Zu einem Nagel trug sie ihn und hieng ihn an die Wand. +Als er im Schlaf sie störte, sein Minnen sie verbot. +Von ihrer Stärke hätt er beinah gewonnen den Tod. + +Da begann zu flehen, der Meister sollte sein: 656 +"Nun löst mir die Bande, viel edle Fraue mein. +Ich getrau euch, schöne Herrin, doch nimmer obzusiegen +Und will auch wahrlich selten mehr so nahe bei euch liegen." + +Sie frug nicht, wie ihm wäre, da sie in Ruhe lag. 657 +Dort must er hangen bleiben die Nacht bis an den Tag, +Bis der lichte Morgen durchs Fenster warf den Schein: +Hatt er je Kraft beseßen, die ward an seinem Leibe klein. + +"Nun sagt mir, Herr Gunther, ist euch das etwa leid, 658 +Wenn euch gebunden finden," sprach die schöne Maid, +"Eure Kämmerlinge von einer Frauen Hand?" +Da sprach der edle Ritter: "Das würd euch übel gewandt. + +"Auch wär mirs wenig Ehre," sprach der edle Mann: 659 +"Bei eurer Zucht und Güte nehmt mich nun bei euch an. +Und ist euch meine Minne denn so mächtig leid, +So will ich nie berühren mit meiner Hand euer Kleid." + +Da löste sie den König, daß er nicht länger hieng; 660 +Wieder an das Bette er zu der Frauen gieng. +Er legte sich so ferne, daß er ihr Hemde fein +Nicht oft darnach berührte: auch wollte sie des ledig sein. + +Da kam auch ihr Gesinde, das brachte neu Gewand: 661 +Des war heute Morgen genug für sie zur Hand. +Wie froh man da gebahrte, traurig war genug +Der edle Wirth des Landes, wie er des Tags die Krone trug. + +Nach des Landes Sitte, die zu begehen Pflicht, 662 +Unterließ es Gunther mit Brunhild länger nicht: +Sie giengen nach dem Münster, wo man die Messe sang. +Dahin auch kam Herr Siegfried; da hob sich mächtiger Drang. + +Nach königlichen Ehren war da für sie bereit, 663 +Was sie haben sollten, die Krone wie das Kleid. +Da ließen sie sich weihen: als das war geschehn, +Da sah man unter Krone alle Viere herrlich stehn. + +Das Schwert empfiengen Knappen, sechshundert oder mehr, 664 +Den Königen zu Ehren auf meines Worts Gewähr. +Da hob sich große Freude in Burgundenland: +Man hörte Schäfte brechen an der Schwertdegen Hand. + +Da saßen in den Fenstern die schönen Mägdelein. 665 +Sie sahen vor sich leuchten manches Schildes Schein. +Nun hatte sich der König getrennt von seinem Lehn: +Was man beginnen mochte, er ließ es trauernd geschehn. + +Ihm und Siegfrieden ungleich stand der Muth: 666 +Wohl wuste, was ihm fehlte, der edle Ritter gut. +Da gieng er zu dem König, zu fragen er begann: +"Wie ists euch gelungen die Nacht, das saget mir an." + +Da sprach der Wirth zum Gaste: "Den Schimpf und den Schaden 667 +Hab ich an meiner Frauen in mein Haus geladen. +Ich wähnte sie zu minnen, wie schnell sie mich da band! +Zu einem Nagel trug sie mich und hieng mich hoch an die Wand. + +"Da hieng ich sehr in Aengsten die Nacht bis an den Tag. 668 +Eh sie mich wieder löste, wie sanft sie da lag! +Das sei dir in der Stille geklagt in Freundlichkeit." +Da sprach der starke Siegfried: "Das ist in Wahrheit mir leid. + +"Das will ich euch beweisen, verschmerzt ihr den Verdruß. 669 +Ich schaffe, daß sie heute Nacht so nah euch liegen muß, +Daß sie euch ihre Minne nicht länger vorenthält." +Die Rede hörte gerne nach seinem Leide der Held. + +"Nun schau meine Hände, wie die geschwollen sind: 670 +Die drückte sie so mächtig, als wär ich ein Kind, +Daß Blut mir allenthalben aus den Nägeln drang. +Ich hegte keinen Zweifel, mein Leben währe nicht lang." + +Da sprach der starke Siegfried: "Es wird noch Alles gut. 671 +Uns Beiden war wohl ungleich heute Nacht zu Muth. +Mir ist deine Schwester wie Leben lieb und Leib! +So muß nun auch Frau Brunhild noch heute werden dein Weib. + +"Ich komme heut Abend zu deinem Kämmerlein 672 +Also wohl verborgen in der Tarnkappe mein, +Daß sich meiner Künste Niemand mag versehn. +Laß dann die Kämmerlinge zu ihren Herbergen gehn: + +"So lesch ich den Knappen die Lichter an der Hand: 673 +Bei diesem Wahrzeichen sei dir bekannt, +Daß ich hereingetreten. Wohl zwing ich dir dein Weib, +Daß du sie heute minnest, ich verlör' denn Leben und Leib." + +"Wenn du sie nicht minnest," der König sprach da so, 674 +"Meine liebe Fraue: des Andern bin ich froh; +Was du auch thust und nähmst du Leben ihr und Leib, +Das wollt ich wohl verschmerzen: sie ist ein schreckliches Weib." + +"Das nehm ich," sprach da Siegfried, "auf die Treue mein, 675 +Daß ich sie nicht berühre; die liebe Schwester dein +Geht mir über alle, die ich jemals sah." +Wohl glaubte König Gunther der Rede Siegfriedens da. + +Da gabs von Ritterspielen Freude so wie Noth. 676 +Den Buhurd und das Lärmen man allzumal verbot. +Als die Frauen sollten nach dem Saale gehn, +Geboten Kämmerlinge den Leuten, nicht im Weg zu stehn. + +Von Rossen und von Leuten räumte man den Hof. 677 +Der Frauen Jedwede führt' ein Bischof, +Als sie vor den Königen zu Tische sollten gehn. +Ihnen folgten zu den Stühlen viel der Degen ausersehn. + +Bei seinem Weib der König in froher Hoffnung saß: 678 +Was Siegfried ihm verheißen, im Sinne lag ihm das. +Der eine Tag ihn dauchte wohl dreißig Tage lang: +Nach Brunhildens Minne all sein Denken ihm rang. + +Er konnt es kaum erwarten, bis vorbei das Mahl. 679 +Brunhild die schöne rief man aus dem Saal +Und auch Kriemhilden: sie sollten schlafen gehn: +Hei! was man kühner Degen sah vor den Königinnen stehn! + +Siegfried der Herre gar minniglich saß 680 +Bei seinem schönen Weibe mit Freuden ohne Haß. +Sie kos'te seine Hände mit ihrer weißen Hand, +Bis er ihr vor den Augen, sie wuste nicht wie, verschwand. + +Da sie mit ihm spielte und sie ihn nicht mehr sah, 681 +Zu seinem Ingesinde sprach die Königin da: +"Mich wundert sehr, wo ist doch der König hingekommen? +Wer hat seine Hände mir aus den meinen genommen?" + +Sie ließ die Rede bleiben. Da eilt' er hinzugehn, 682 +Wo er die Kämmerlinge fand mit Lichtern stehn: +Die lescht' er unversehens den Knappen an der Hand: +Daß es Siegfried wäre, das war da Gunthern bekannt. + +Wohl wust er, was er wolle: er ließ von dannen gehn 683 +Mägdelein und Frauen. Als das war geschehn, +Der edle König selber verschloß der Kammer Thür: +Starker Riegel zweie die warf er eilends dafür. + +Hinterm Bettvorhange barg er der Kerzen Licht. 684 +Ein Spiel sogleich begannen, vermeiden ließ sichs nicht, +Siegfried der starke und die schöne Maid: +Das war dem König Gunther beides lieb und auch leid. + +Da legte sich Siegfried der Königin bei. 685 +Sie sprach: "Nun laßt es, Gunther, wie lieb es euch auch sei, +Daß ihr nicht Noth erleidet heute so wie eh: +Oder euch geschieht hier von meinen Händen wieder Weh." + +Er hehlte seine Stimme, kein Wörtlein sprach er da. 686 +Wohl hörte König Gunther, obgleich er sie nicht sah, +Daß Heimliches von Beiden wenig geschehen sei; +Nicht viel bequeme Ruhe im Bette fanden die Zwei. + +Er stellte sich, als wär er Gunther der König reich; 687 +Er umschloß mit Armen das Mägdlein ohne Gleich. +Sie warf ihn aus dem Bette dabei auf eine Bank, +Daß laut an einem Schemel ihm das Haupt davon erklang. + +Wieder auf mit Kräften sprang der kühne Mann, 688 +Es beßer zu versuchen: wie er das begann, +Daß er sie zwingen wollte, da widerfuhr ihm Weh. +Ich glaube nicht, daß solche Wehr von Frauen je wieder gescheh. + +Da ers nicht laßen wollte, das Mägdlein aufsprang: 689 +"Euch ziemt nicht zu zerraufen mein Hemd also blank. +Ihr seid ungezogen: das wird euch noch leid. +Des bring ich euch wohl inne," sprach die waidliche Maid. + +Sie umschloß mit den Armen den theuerlichen Degen 690 +Und wollt ihn auch in Bande wie den König legen, +Daß sie im Bette läge mit Gemächlichkeit. +Wie grimmig sie das rächte, daß er zerzerret ihr Kleid! + +Was half ihm da die Stärke, was seine große Kraft? 691 +Sie erwies dem Degen ihres Leibes Meisterschaft. +Sie trug ihn übermächtig, das muste nur so sein, +Und drückt ihn ungefüge bei dem Bett an einen Schrein. + +"O weh," gedacht er, "soll ich Leben nun und Leib 692 +Von einer Maid verlieren, so mag jedes Weib +In allen künftgen Zeiten tragen Frevelmuth +Dem Mann gegenüber, die es sonst wohl nimmer thut." + +Der König hörte Alles; er bangte für den Mann. 693 +Da schämte sich Siegfried, zu zürnen fieng er an. +Mit ungefügen Kräften ihr widersetzt' er sich +Und versuchte seine Stärke an Brunhilden ängstiglich. + +Wie sie ihn niederdrückte, sein Zorn erzwang es noch 694 +Und seine starken Kräfte, daß ihr zum Trotz er doch +Sich aufrichten konnte; seine Angst war groß. +Sie gaben in der Kammer sich her und hin manchen Stoß. + +Auch litt König Gunther Sorgen und Beschwer: 695 +Er muste manchmal flüchten vor ihnen hin und her. +Sie rangen so gewaltig, daß es Wunder nahm, +Wie Eins vor dem Andern mit dem Leben noch entkam. + +Den König Gunther ängstigte beiderseits die Noth; 696 +Doch fürchtet' er am meisten Siegfriedens Tod. +Wohl hätte sie dem Degen das Leben schier benommen: +Dürft er nur, er wär ihm gern zu Hülfe gekommen. + +Gar lange zwischen Beiden dauerte der Streit; 697 +Da bracht er an das Bette zuletzt zurück die Maid: +Wie sehr sie sich auch wehrte, die Wehr ward endlich schwach. +Gunther in seinen Sorgen hieng mancherlei Gedanken nach. + +Es währte lang dem König, bis Siegfried sie bezwang. 698 +Sie drückte seine Hände, daß aus den Nägeln sprung +Das Blut von ihren Kräften; das war dem Helden leid. +Da zwang er zu verläugnen diese herrliche Maid + +Den ungestümen Willen, den sie erst dargethan. 699 +Alles vernahm der König, doch hört ers schweigend an. +Er drückte sie ans Bette, daß sie aufschrie laut: +Des starken Siegfrieds Kräfte schmerzten übel die Braut. + +Da griff sie nach der Hüfte, wo sie die Borte fand, 700 +Und dacht' ihn zu binden: doch wehrt' es seine Hand, +Daß ihr die Glieder krachten, dazu der ganze Leib. +Da war der Streit zu Ende: da wurde sie Gunthers Weib. + +Sie sprach: "Edler König, nimm mir das Leben nicht: 701 +Was ich dir that zu Leide, vergüt ich dir nach Pflicht. +Ich wehre mich nicht wieder der edeln Minne dein: +Ich hab es wohl erfahren, daß du magst Frauen Meister sein." + +Aufstand da Siegfried, liegen blieb die Maid, 702 +Als dächt er abzuwerfen eben nur das Kleid. +Er zog ihr vom Finger ein Ringlein von Gold, +Daß es nicht gewahrte die edle Königin hold, + +Auch nahm er ihren Gürtel, eine Borte gut. 703 +Ich weiß nicht, geschah es aus hohem Uebermuth. +Er gab ihn seinem Weibe: das ward ihm später leid. +Da lagen bei einander der König und die schöne Maid. + +Er pflag der Frauen minniglich, wie es geziemend war: 704 +Scham und Zorn verschmerzen muste sie da gar. +Von seinen Heimlichkeiten ihre lichte Farb erblich. +Hei! wie von der Minne die große Kraft ihr entwich! + +Da war auch sie nicht stärker als ein ander Weib. 705 +Minniglich umfieng er ihren schönen Leib; +Wenn sie noch widerstände, was könnt es sie verfahn? +Das hatt ihr Alles Gunther mit seinem Minnen gethan. + +Wie minniglich der Degen da bei der Frauen lag 706 +In freundlicher Liebe bis an den lichten Tag! +Inzwischen war Herr Siegfried längst schon hindann: +Da ward er wohl empfangen von einer Frauen wohlgethan. + +Er wich allen Fragen aus, die sie erdacht, 707 +Und hehlt' ihr noch lang, was er mitgebracht, +Bis er daheim das Kleinod ihr doch am Ende gab: +Das brachte viel der Degen mit ihm selber ins Grab. + +Dem Wirth am andern Morgen viel höher stand der Muth, 708 +Als am ersten Tage: da ward die Freude gut +In allen seinen Landen bei manchem edeln Mann. +Die er zu Hof geladen, denen ward viel Dienst gethan. + +Vierzehn Tage währte diese Lustbarkeit, 709 +Daß sich der Schall nicht legte in so langer Zeit +Von aller Lust und Kurzweil, die man erdenken mag. +Wohl verwandte hohe Kosten der König bei dem Hofgelag. + +Des edeln Wirthes Freunde, wie es der Herr gewollt, 710 +Verschenkten ihm zu Ehren Kleider und rothes Gold, +Silber auch und Rosse an manchen fremden Mann. +Die gerne Gaben nahmen, die schieden fröhlich hindann. + +Auch der kühne Siegfried aus dem Niederland 711 +Mit seinen tausend Mannen --all das Gewand, +Das sie gebracht zum Rheine, ward ganz dahin gegeben, +Schöne Ross' und Sättel: sie wusten herrlich zu leben. + +Bevor die reiche Gabe noch alle war verwandt, 712 +Schon daucht es die zu lange, die wollten in ihr Land. +Nie sah man ein Gesinde mehr so wohl verpflegen. +So endete die Hochzeit: da schied von dannen mancher Degen. + + * * * * * + + + + +Eilftes Abenteuer. + +Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte. + + +Als die Gäste waren gefahren all davon, 713 +Da sprach zu dem Gesinde König Siegmunds Sohn: +"Wir wollen auch uns rüsten zur Fahrt in unser Land." +Lieb ward es seinem Weibe, als ihr die Märe ward bekannt. + +Sie sprach zu ihrem Manne: "Wann sollen wir nun fahren? 714 +So sehr damit zu eilen will ich mich bewahren: +Erst sollen mit mir theilen meine Brüder dieses Land." +Leid war es Siegfrieden, als ers an Kriemhilden fand. + +Die Fürsten giengen zu ihm und sprachen alle drei: 715 +"Wißt nun, Herr Siegfried, daß euch immer sei +Unser Dienst mit Treue bereit bis in den Tod." +Er neigte sich den Herren, da mans so wohl ihm erbot. + +"Wir wolln auch mit euch theilen," sprach Geiselher das Kind, 716 +"Das Land und die Burgen, die unser eigen sind, +Und was der weiten Reiche uns ist unterthan; +Ihr empfangt mit Kriemhild euer volles Theil daran." + +Der Sohn König Siegmunds sprach zu den Fürsten da, 717 +Als er den guten Willen der Herren hört und sah: +"Gott laß euch euer Erbe gesegnet immer sein +Und auch die Leute drinnen: es mag die liebe Fraue mein + +"Des Theils wohl entrathen, den ihr ihr wolltet geben: 718 +Wo sie soll Krone tragen, mögen wirs erleben, +Da muß sie reicher werden, als wer ist auf der Welt. +Was ihr sonst gebietet, ich bin euch dienstlich gesellt." + +Da sprach aber Kriemhild: "Wenn ihr mein Land verschmäht, 719 +Um die Burgundendegen es so gering nicht fleht; +Die mag ein König gerne führen in sein Land: +Wohl soll sie mit mir theilen meiner lieben Brüder Hand." + +Da sprach König Gernot: "Nimm, die du willst, mit dir. 720 +Die gerne mit dir reiten, du findest Viele hier. +Von dreißighundert Recken nimm dir tausend Mann +Zu deinem Hausgesinde." Kriemhild zu senden begann + +Nach Hagen von Tronje und nach Ortwein, 721 +Ob sie und ihre Freunde Kriemhildens wollten sein. +Da gewann darüber Hagen ein zorniges Leben: +Er sprach: "Uns kann Gunther in der Welt an Niemand vergeben. + +"Ander Ingesinde nehmt zu eurer Fahrt; 722 +Ihr werdet ja wohl kennen der Tronejer Art. +Wir müßen bei den Königen bleiben so fortan +Und denen ferner dienen, deren Dienst wir stäts versahn." + +Sie ließen es bewenden und machten sich bereit. 723 +Ihres edeln Ingesindes nahm Kriemhild zum Geleit +Zweiunddreißig Mägdelein und fünfhundert Mann; +Eckewart der Markgraf zog mit Kriemhild hindann. + +Da nahmen alle Urlaub, Ritter so wie Knecht, 724 +Mägdelein und Frauen: so war es Fug und Recht. +Unter Küssen scheiden sah man sie unverwandt, +Und jene räumten fröhlich dem König Gunther das Land. + +Da geleiteten die Freunde sie fern auf ihren Wegen. 725 +Allenthalben ließ man ihnen Nachtherberge legen, +Wo sie die nehmen wollten in der Könge Land. +Da wurden bald auch Boten dem König Siegmund gesandt, + +Damit er wißen sollte und auch Frau Siegelind, 726 +Sein Sohn solle kommen mit Frau Utens Kind, +Kriemhild der schönen, von Worms über Rhein. +Diese Mären konnten ihnen nimmer lieber sein. + +"Wohl mir," sprach da Siegmund, "daß ich den Tag soll sehn, 727 +Da hier die schöne Kriemhild soll unter Krone gehn! +Das erhöht im Werthe mir all das Erbe mein: +Mein Sohn Siegfried soll nun selbst hier König sein." + +Da gab ihnen Siegelind zu Kleidern Sammet roth 728 +Und schweres Gold und Silber: das war ihr Botenbrot. +Sie freute sich der Märe, die sie da vernahm. +All ihr Ingesinde sich mit Fleiß zu kleiden begann. + +Man sagt' ihr, wer da käme mit Siegfried in das Land. 729 +Da hieß sie Gestühle errichten gleich zur Hand, +Wo er vor den Freunden sollt unter Krone gehn. +Entgegen ritten ihnen Die in König Siegmunds Lehn. + +Wer beßer wäre empfangen, mir ist es unbekannt, 730 +Als die Helden wurden in Siegmundens Land. +Kriemhilden seine Mutter Sieglind entgegenritt +Mit viel der schönen Frauen; kühne Ritter zogen mit + +Wohl eine Tagereise, bis man die Gäste sah. 731 +Die Heimischen und Fremden litten Beschwerde da, +Bis sie endlich kamen zu einer Veste weit, +Die Santen war geheißen, wo sie Krone trugen nach der Zeit. + +Mit lachendem Munde Siegmund und Siegelind 732 +Manche liebe Weile küssten sie Utens Kind +Und Siegfried den Degen; ihnen war ihr Leid benommen. +All ihr Ingesinde hieß man fröhlich willkommen. + +Da brachten sie die Gäste vor König Siegmunds Saal. 733 +Die schönen Jungfrauen hub man allzumal +Von den Mähren nieder; da war mancher Mann, +Der den schönen Frauen mit Fleiß zu dienen begann. + +So prächtig ihre Hochzeit am Rhein war bekannt, 734 +Doch gab man hier den Helden köstlicher Gewand, +Als sie all ihr Leben je zuvor getragen. +Man mochte große Wunder von ihrem Reichthume sagen. + +So saßen sie in Ehren und hatten genug. 735 +Was goldrothe Kleider ihr Ingesinde trug! +Edel Gestein und Borten sah man gewirkt darin. +So verpflag sie fleißig Sieglind die edle Königin. + +Da sprach vor seinen Freunden der König Siegmund: 736 +"Allen meinen Freunden thu ichs heute kund, +Daß Siegfried meine Krone hier hinfort soll tragen." +Die Märe hörten gerne Die von Niederlanden sagen. + +Er befahl ihm seine Krone mit Gericht und Land: 737 +Da war er Herr und König. Wem er den Rechtsspruch fand +Und wen er strafen sollte, das wurde so gethan, +Daß man wohl fürchten durfte der schönen Kriemhilde Mann. + +In diesen hohen Ehren lebt' er, das ist wahr, 738 +Und richtet' unter Krone bis an das zehnte Jahr, +Da die schöne Königin einen Sohn gewann, +An dem des Königs Freunde ihren Wunsch und Willen sahn. + +Alsbald ließ man ihn taufen und einen Namen nehmen: 739 +Gunther, nach seinem Oheim, des dürft er sich nicht schämen. +Gerieth' er nach den Freunden, er würd ein kühner Mann. +Man erzog ihn sorgsam: sie thaten auch recht daran. + +In denselben Zeiten starb Frau Siegelind: 740 +Da nahm die volle Herrschaft der edeln Ute Kind, +Wie so reicher Frauen geziemte wohl im Land. +Es ward genug betrauert, daß der Tod sie hatt entwandt. + +Nun hatt auch dort am Rheine, wie wir hören sagen, 741 +Gunther dem reichen einen Sohn getragen +Brunhild die schöne in Burgundenland. +Dem Helden zu Liebe ward er Siegfried genannt. + +Mit welchen Sorgen immer man sein hüten hieß! 742 +Von Hofmeistern Gunther ihn Alles lehren ließ, +Was er bedürfen möchte, erwüchs' er einst zum Mann. +Hei, was ihm bald das Unglück der Verwandten abgewann! + +Zu allen Zeiten Märe war so viel gesagt, 743 +Wie doch so herrlich die Degen unverzagt +Zu allen Stunden lebten in Siegmundens Land: +So lebt' auch König Gunther mit seinen Freunden auserkannt. + +Das Land der Nibelungen war Siegfried unterthan 744 +(Keiner seiner Freunde je größern Schatz gewann) +Mit Schilbungens Recken und der Beiden Gut. +Darüber trug der Kühne desto höher den Muth. + +Hort den allermeisten, den je ein Held gewann, 745 +Nach den ersten Herren, besaß der kühne Mann, +Den vor einem Berge seine Hand erwarb im Streit: +Er schlug darum zu Tode manchen Ritter allbereit. + +Vollauf besaß er Ehre, und hätt ers halb entbehrt, 746 +Doch müste man gestehen dem edeln Recken werth, +Daß er der Beste wäre, der je auf Rossen saß. +Man scheute seine Stärke, mit allem Grunde that man das. + + * * * * * + + + + +Zwölftes Abenteuer. + +Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud. + + +Da dacht auch alle Tage Brunhild die Königin: 747 +"Wie trägt nur Frau Kriemhild so übermüthgen Sinn! +Nun ist doch unser Eigen Siegfried ihr Mann: +Der hat uns nun schon lange wenig Dienste gethan." + +Das trug sie im Herzen in großer Heimlichkeit; 748 +Daß sie ihr fremde blieben, das war der Frauen leid. +Daß man ihr nicht zinste von des Fürsten Land, +Woher das wohl käme, das hätte sie gern erkannt. + +Sie versucht' es bei dem König, ob es nicht geschehn 749 +Möchte, daß sie Kriemhild noch sollte wiedersehn. +Sie vertraut' ihm heimlich, worauf ihr sann der Muth; +Da dauchte den König der Frauen Rede nicht gut. + +"Wie könnten wir sie bringen," sprach der König hehr, 750 +"Her zu diesem Lande? das fügt sich nimmermehr. +Sie wohnen uns zu ferne: ich darf sie nicht drum bitten." +Da gab ihm Brunhild Antwort mit gar hochfährtgen Sitten: + +"Und wäre noch so mächtig eines Königs Mann, 751 +Was ihm sein Herr gebietet, das muß doch sein gethan." +Lächeln muste Gunther ihrer Rede da: +Er nahm es nicht als Dienst an, wenn er Siegfrieden sah. + +Sie sprach: "Lieber Herre, bei der Liebe mein, 752 +Hilf mir, daß Siegfried und die Schwester dein +Zu diesem Lande kommen und wir sie hier ersehn: +So könnte mir auf Erden nimmer lieber geschehn. + +"Deiner Schwester Güte, ihr wohlgezogner Muth, 753 +Wenn ich daran gedenke, wie wohl mirs immer thut; +Wie wir beisammen saßen, als ich dir ward vermählt! +Sie hat sich mit Ehren den kühnen Siegfried erwählt." + +Da bat sie ihn so lange, bis der König sprach: 754 +"Nun wißt, daß ich Gäste nicht lieber sehen mag. +Ihr mögt mich leicht erbitten: ich will die Boten mein +Zu ihnen beiden senden, daß sie kommen an den Rhein." + +Da sprach die Königstochter: "So sollt ihr mir sagen, 755 +Wann ihr sie wollt besenden, oder zu welchen Tagen +Die lieben Freunde sollen kommen in dieß Land; +Die ihr dahin wollt senden, die macht zuvor mir bekannt." + +"Das will ich," sprach der König: "dreißig aus meinem Lehn 756 +Laß ich zu ihnen reiten." Die hieß er vor sich gehn: +Durch sie entbot er Märe in Siegfriedens Land. +Da beschenkte sie Frau Brunhild mit manchem reichen Gewand. + +Der König sprach: "Ihr Recken sollt von mir sagen 757 +Und nichts von dem verschweigen, was ich euch aufgetragen, +Siegfried dem starken und der Schwester mein, +Ihnen dürf auf Erden nimmer Jemand holder sein. + +"Und bittet, daß sie beide uns kommen an den Rhein: 758 +Dafür will ich und Brunhild ihnen stäts gewogen sein. +Vor dieser Sonnenwende soll er hier Manchen sehn, +Er und seine Mannen, die ihm Ehre laßen geschehn. + +"Vermeldet auch dem König Siegmund die Dienste mein, 759 +Daß ich und meine Freunde ihm stäts gewogen sei'n. +Und bittet meine Schwester, daß sie's nicht unterläßt +Und zu den Freunden reitet: nie ziemt' ihr so ein Freudenfest." + +Brunhild und Ute und was man Frauen fand, 760 +Die entboten ihre Dienste in Siegfriedens Land +Den minniglichen Frauen und manchem kühnen Mann. +Nach Wunsch des Königs hoben sich bald die Boten hindann. + +Sie standen reisefertig; ihr Ross und ihr Gewand 761 +War ihnen angekommen: da räumten sie das Land. +Sie eilten zu dem Ziele, dahin sie wollten fahren. +Der König hieß die Boten durch Geleite wohl bewahren. + +Innerhalb zwölf Tagen kamen sie in das Land, 762 +Zu Nibelungens Veste, wohin man sie gesandt, +In der Mark zu Norweg fanden sie den Degen: +Ross und Leute waren müde von den langen Wegen. + +Siegfried und Kriemhilden war eilends hinterbracht, 763 +Daß Ritter kommen waren, die trügen solche Tracht, +Wie bei den Burgunden man trug der Sitte nach. +Sie sprang von einem Bette, darauf die Ruhende lag. + +Zu einem Fenster ließ sie eins ihrer Mägdlein gehn; 764 +Die sah den kühnen Gere auf dem Hofe stehn, +Ihn und die Gefährten, die man dahin gesandt. +Ihr Herzeleid zu stillen, wie liebe Kunde sie fand! + +Sie sprach zu dem Könige: "Seht ihr, wie sie stehn, 765 +Die mit dem starken Gere auf dem Hofe gehn, +Die uns mein Bruder Gunther nieder schickt den Rhein." +Da sprach der starke Siegfried: "Die sollen uns willkommen sein." + +All ihr Ingesinde lief hin, wo man sie sah. 766 +Jeder an seinem Theile gütlich sprach er da +Das Beste, was er konnte, zu den Boten hehr. +Ihres Kommens freute der König Siegmund sich sehr. + +Herbergen ließ man Geren und Die ihm unterthan 767 +Und ihrer Rosse warten. Die Boten brachte man +Dahin, wo Herr Siegfried bei Kriemhilden saß. +Sie sahn den Boten gerne sicherlich ohne allen Haß. + +Der Wirth mit seinem Weibe erhob sich gleich zur Hand. 768 +Wohl ward empfangen Gere aus Burgundenland +Mit seinen Fahrtgenossen in König Gunthers Lehn. +Den Markgrafen Gere bat man nicht länger zu stehn. + +"Erlaubt uns die Botschaft, eh wir uns setzen gehn; 769 +Uns wegemüde Gäste, laßt uns so lange stehn, +So melden wir die Märe, die euch zu wißen thut +Gunther mit Brunhilden: es geht ihnen beiden gut. + +"Und was euch Frau Ute, eure Mutter, her entbot, 770 +Geiselher der junge und auch Herr Gernot +Und eure nächsten Freunde: die haben uns gesandt +Und entbieten euch viele Dienste aus der Burgunden Land." + +"Lohn ihnen Gott," sprach Siegfried; "ich versah zu ihnen wohl 771 +Mich aller Lieb und Treue, wie man zu Freunden soll. +So thut auch ihre Schwester; ihr sollt uns ferner sagen, +Ob unsre lieben Freunde hohen Muth daheim noch tragen. + +"Hat ihnen, seit wir schieden, Jemand ein Leid gethan 772 +Meiner Fraue Brüdern? Das saget mir an. +Ich wollt es ihnen immer mit Treue helfen tragen, +Bis ihre Widersacher meine Dienste müsten beklagen." + +Antwort gab der Markgraf Gere, ein Ritter gut: 773 +"Sie sind in allen Züchten mit Freuden wohlgemuth. +Sie laden euch zum Rheine zu einer Lustbarkeit +Sie sähn euch gar gerne, daß ihr des außer Zweifel seid. + +"Sie bitten meine Fraue auch mit euch zu kommen. 774 +Wenn nun der Winter ein Ende hat genommen, +Vor dieser Sonnenwende da möchten sie euch sehn." +Da sprach der starke Siegfried: "Das könnte schwerlich geschehn." + +Da sprach wieder Gere von Burgundenland: 775 +"Eure Mutter Ute hat euch sehr gemahnt +Mit Gernot und Geiselher, ihr sollt es nicht versagen. +Daß ihr so ferne wohnet, hör ich sie täglich beklagen. + +"Brunhild meine Herrin und ihre Mägdelein 776 +Freuen sich der Kunde, und könnt es jemals sein, +Daß sie euch wiedersähen, ihnen schuf es hohen Muth." +Da dauchten diese Mären die schöne Kriemhilde gut. + +Gere war ihr Vetter: der Wirth ihn sitzen hieß; 777 +Den Gästen hieß er schenken, nicht länger man das ließ. +Da kam dazu auch Siegmund: als der die Boten sah, +Freundlich sprach der König zu den Burgunden da: + +"Willkommen uns, ihr Recken in König Gunthers Lehn. 778 +Da sich Kriemhilden zum Weibe hat ersehn +Mein Sohn Siegfried, man sollt euch öfter schaun +In diesem Lande, dürften wir bei euch auf Freundschaft vertraun. + +Sie sprachen: Wenn er wolle, sie würden gerne kommen. 779 +Ihnen ward mit Freuden die Müdigkeit benommen. +Man hieß die Boten sitzen; Speise man ihnen trug: +Deren schuf da Siegfried den lieben Gästen genug. + +Sie musten da verweilen volle neun Tage. 780 +Darob erhoben endlich die schnellen Ritter Klage, +Daß sie nicht wieder reiten durften in ihr Land. +Da hatt auch König Siegfried zu seinen Freunden gesandt: + +Er fragte, was sie riethen: er solle nach dem Rhein. 781 +"Es ließ mich entbieten Gunther der Schwager mein, +Er und seine Brüder, zu einer Lustbarkeit: +Ich möcht ihm gerne kommen, liegt gleich sein Land mir so weit. + +"Sie bitten Kriemhilden, mit mir zu ziehn. 782 +Nun rathet, liebe Freunde, wie kommen wir dahin? +Und sollt ich Heerfahrten durch dreißig Herren Land, +Gern dienstbereit erwiese sich ihnen Siegfriedens Hand." + +Da sprachen seine Recken: "Steht euch zur Fahrt der Muth 783 +Nach dem Hofgelage, wir rathen, was ihr thut: +Ihr sollt mit tausend Recken reiten an den Rhein: +So mögt ihr wohl mit Ehren bei den Burgunden sein." + +Da sprach von Niederlanden der König Siegmund: 784 +"Wollt ihr zum Hofgelage, was thut ihr mirs nicht kund? +Ich will mit euch reiten, wenn ihrs zufrieden seid; +Hundert Degen führ ich, damit mehr ich eur Geleit." + +"Wollt ihr mit uns reiten, lieber Vater mein," 785 +Sprach der kühne Siegfried, "des will ich fröhlich sein. +Binnen zwölf Tagen räum ich unser Land." +Die sie begleiten sollten, denen gab man Ross' und Gewand. + +Als dem edeln König zur Reise stand der Muth, 786 +Da ließ man wieder reiten die schnellen Degen gut. +Seiner Frauen Brüdern entbot er an den Rhein, +Daß er gerne wolle bei ihrem Hofgelage sein. + +Siegfried und Kriemhild, so hörten wir sagen, 787 +Beschenkten so die Boten, es mochten es nicht tragen +Die Pferde nach der Heimat: er war ein reicher Mann. +Ihre starken Säumer trieb man zur Reise fröhlich an. + +Da schuf dem Volke Kleider Siegfried und Siegemund. 788 +Eckewart der Markgraf ließ da gleich zur Stund +Frauenkleider suchen, die besten, die man fand +Und irgend mocht erwerben in Siegfriedens ganzem Land. + +Die Sättel und die Schilde man da bereiten ließ. 789 +Den Rittern und den Frauen, die er sich folgen hieß, +Gab man, was sie wollten; nichts gebrach daran. +Er brachte seinen Freunden manchen herrlichen Mann. + +Nun wandten sich die Boten zurück und eilten sehr. 790 +Da kam zu den Burgunden Gere, der Degen hehr, +Und wurde schön empfangen: sie schwangen sich zu Thal +Von Rossen und von Mähren dort vor König Gunthers Saal. + +Die Jungen und die Alten kamen, wie man thut, 791 +Und fragten nach der Märe. Da sprach der Ritter gut: +"Wenn ichs dem König sage, wird es auch euch bekannt." +Er gieng mit den Gesellen dahin, wo er Gunthern fand. + +Der König vor Freude von dem Seßel sprang; 792 +Daß sie so bald gekommen, sagt' ihnen Dank +Brunhild die Schöne. Zu den Boten sprach er da: +"Wie gehabt sich Siegfried, von dem mir Liebe viel geschah?" + +Da sprach der kühne Gere: "Er ward vor Freuden roth, 793 +Er und eure Schwester. So holde Mär entbot +Seinen Freunden nimmer noch zuvor ein Mann, +Als euch der edle Siegfried und sein Vater hat gethan." + +Da sprach zum Markgrafen des reichen Königs Weib: 794 +"Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? Hat noch ihr schöner Leib +Die hohe Zier behalten, deren sie mochte pflegen?" +Er sprach: "Sie kommen beide; mit ihnen mancher kühne Degen." + +Ute ließ die Boten alsbald vor sich gehn. 795 +Da wars an ihrem Fragen leichtlich zu verstehn, +Was sie zu wißen wünsche: "War Kriemhild noch wohlauf?" +Er gab Bescheid, sie kam auch nach kurzer Tage Verlauf. + +Da blieb auch nicht verhohlen am Hof der Botensold, 796 +Den ihnen Siegfried schenkte, die Kleider und das Gold: +Die ließ man alle schaun in der drei Fürsten Lehn. +Da musten sie ihm Ehre wohl für Milde zugestehn. + +"Er mag," sprach da Hagen, "mit vollen Händen geben: 797 +Er könnt es nicht verschwenden, und sollt er ewig leben. +Den Hort der Nibelungen beschließt des Königs Hand; +Hei! daß er jemals käme her in der Burgunden Land!" + +Da freuten sich die Degen am Hof im Voraus, 798 +Daß sie kommen sollten. Beflißen überaus +Sah man spät und frühe Die in der Könge Lehn. +Welch herrlich Gestühle ließ man vor der Burg erstehn! + +Hunold der kühne und Sindold der Degen 799 +Hatten wenig Muße: des Amtes muste pflegen +Truchseß auch und Schenke und richten manche Bank; +Auch Ortwein war behülflich: des sagt' ihnen Gunther Dank. + +Rumold der Küchenmeister, wie herrscht' er in der Zeit 800 +Ob seinen Unterthanen, gar manchem Keßel weit, +Häfen und Pfannen; hei! was man deren fand! +Denen ward da Kost bereitet, die da kamen in das Land. + +Der Frauen Arbeiten waren auch nicht klein: 801 +Sie bereiteten die Kleider, darauf manch edler Stein, +Des Stralen ferne glänzten, gewirkt war in das Gold; +Wenn sie die anlegten, ward ihnen Männiglich hold. + + * * * * * + + + + +Dreizehntes Abenteuer. + +Wie sie zum Hofgelage fuhren. + + +All ihr Bemühen laßen wir nun sein 802 +Und sagen, wie Frau Kriemhild und ihre Mägdelein +Hin zum Rheine fuhren von Nibelungenland. +Niemals trugen Rosse so viel herrlich Gewand. + +Viel Saumschreine wurden versendet auf den Wegen. 803 +Da ritt mit seinen Freunden Siegfried der Degen +Und die Königstochter in hoher Freuden Wahn; +Da war es ihnen Allen zu großem Leide gethan. + +Sie ließen in der Heimat Siegfrieds Kindelein 804 +Und Kriemhildens bleiben; das muste wohl so sein. +Aus ihrer Hofreise erwuchs ihm viel Beschwer: +Seinen Vater, seine Mutter ersah das Kindlein nimmermehr. + +Mit ihnen ritt von dannen Siegmund der König hehr. 805 +Hätt er ahnen können, wie es ihm nachher +Beim Hofgelag ergienge, er hätt es nicht gesehn: +Ihm konnt an lieben Freunden größer Leid nicht geschehn. + +Vorausgesandte Boten verhießen sie bei Zeit. 806 +Entgegen ritten ihnen in herrlichem Geleit +Von Utens Freunden viele und König Gunthers Lehn. +Der Wirth ließ großen Eifer für die lieben Gäste sehn. + +Er gieng zu Brunhilden, wo er sie sitzen fand: 807 +"Wie empfieng euch meine Schwester, da ihr kamet in dieß Land? +So will ich, daß ihr Siegfrieds Gemahl empfangen sollt." +"Das thu ich", sprach sie, "gerne: ich bin ihr billiglich hold." + +Da sprach der mächtige König: "Sie kommen morgen fruh; 808 +Wollt ihr sie empfangen, so greift nur bald dazu, +Daß sie uns in der Veste nicht überraschen hie: +Mir sind so liebe Gäste nicht oft gekommen wie sie." + +Ihre Mägdelein und Frauen ließ sie da zur Hand 809 +Gute Kleider suchen, die besten, die man fand, +Die ihr Ingesinde vor Gästen mochte tragen. +Das thaten sie doch gerne: das mag man für Wahrheit sagen. + +Sie zu empfangen eilten auch Die in Gunthers Lehn; 810 +All seine Recken hieß er mit sich gehn. +Da ritt die Königstochter hinweg in stolzem Zug. +Die lieben Gäste grüßte sie alle freudig genug. + +Mit wie hohen Ehren da empfieng man sie! 811 +Sie dauchte, daß Frau Kriemhild Brunhilden nie +So wohl empfangen habe in Burgundenland. +Allen, die es sahen, war hohe Wonne bekannt. + +Nun war auch Siegfried kommen mit seiner Leute Heer. 812 +Da sah man die Helden sich wenden hin und her +Im Feld allenthalben mit ungezählten Scharen. +Vor Staub und Drängen konnte sich da Niemand bewahren. + +Als der Wirth des Landes Siegfrieden sah 813 +Und Siegmund den König, wie gütlich sprach er da: +"Nun seid mir hochwillkommen und all den Freunden mein; +Wir wollen hohen Muthes ob eurer Hofreise sein." + +"Nun lohn euch Gott," sprach Siegmund, der ehrbegierge Mann. 814 +"Seit mein Sohn Siegfried euch zum Freund gewann, +Rieth mir all mein Sinnen, wie ich euch möchte sehn." +Da sprach König Gunther: "Nun freut mich, daß es geschehn." + +Siegfried ward empfangen, wie man das wohl gesollt, 815 +Mit viel großen Ehren; ein Jeder ward ihm hold. +Des half mit Rittersitten Gernot und Geiselher; +Man bot es lieben Gästen so gütlich wohl nimmermehr. + +Nun konnten sich einander die Königinnen schaun. 816 +Da sah man Sättel leeren und viel der schönen Fraun +Von der Helden Händen gehoben auf das Gras: +Wer gerne Frauen diente, wie selten der da müßig saß! + +Da giengen zu einander die Frauen minniglich. 817 +Darüber höchlich freuten viel der Ritter sich, +Daß der Beiden Grüßen so minniglich ergieng. +Man sah da manchen Recken, der Frauendienste begieng. + +Das herrliche Gesinde nahm sich bei der Hand; 818 +Züchtiglich sich neigen man allerorten fand +Und minniglich sich küssen viel Frauen wohlgethan. +Das sahen gerne Gunthers und Siegfrieds Mannen mit an. + +Sie säumten da nicht länger und ritten nach der Stadt. 819 +Der Wirth seinen Gästen zu erweisen hat, +Daß man sie gerne sähe in der Burgunden Land. +Manches schöne Kampfspiel man vor den Jungfrauen fand. + +Da ließ von Tronje Hagen und auch Ortewein, 820 +Wie sie gewaltig waren, wohl offenkundig sein. +Was sie gebieten mochten, das ward alsbald gethan. +Man sah die lieben Gäste viel Dienst von ihnen empfahn. + +Man hörte Schilde hallen vor der Veste Thor 821 +Von Stichen und von Stößen. Lange hielt davor +Der Wirth mit seinen Gästen, bis alle waren drin, +In mancher Kurzweil giengen ihnen schnell die Stunden hin. + +Vor den weiten Gästesaal sie nun in Freuden ritten. 822 +Viel kunstvolle Decken, reich und wohlgeschnitten, +Sah man von den Sätteln den Frauen wohlgethan +Allenthalben hangen; da kamen Diener heran. + +Zu Gemache wiesen sie die Gäste da. 823 +Hin und wieder blicken man Brunhilden sah +Nach Kriemhild der Frauen; schön war sie genug: +Den Glanz noch vor dem Golde ihre hehre Farbe trug. + +Da vernahm man allenthalben zu Worms in der Stadt 824 +Den Jubel des Gesindes. König Gunther bat +Dankwart, seinen Marschall, es wohl zu verpflegen: +Da ließ er die Gäste in gute Herbergen legen. + +Draußen und darinnen beköstigte man sie: 825 +So wohl gewartet wurde fremder Gäste nie. +Was Einer wünschen mochte, das war ihm gern gewährt: +So reich war der König, es blieb Keinem was verwehrt. + +Man dient' ihnen freundlich und ohn allen Haß. 826 +Der König zu Tische mit seinen Gästen saß; +Siegfrieden ließ man sitzen, wie er sonst gethan. +Mit ihm gieng zu Tische gar mancher waidliche Mann. + +Zwölfhundert Recken setzten sich dahin 827 +Mit ihm an der Tafel. Brunhild die Königin +Gedachte, wie ein Dienstmann nicht reicher möge sein. +Noch war sie ihm günstig, sie ließ ihn gerne gedeihn. + +Es war an einem Abend, da so der König saß, 828 +Viel reiche Kleider wurden da vom Weine naß, +Als die Schenken sollten zu den Tischen gehn: +Da sah man volle Dienste mit großem Fleiße geschehn. + +Wie bei Hofgelagen Sitte mochte sein, 829 +Ließ man zur Ruh geleiten Fraun und Mägdelein. +Von wannen wer gekommen, der Wirth ihm Sorge trug; +In gütlichen Ehren gab man Allen genug. + +Die Nacht war zu Ende, sich hob des Tages Schein, 830 +Aus den Saumschreinen mancher Edelstein +Erglänzt' auf gutem Kleide; das schuf der Frauen Hand. +Aus der Lade suchten sie manches herrliche Gewand. + +Eh es noch völlig tagte, kamen vor den Saal 831 +Ritter viel und Knechte: da hob sich wieder Schall +Vor einer Frühmesse, die man dem König sang. +So ritten junge Helden, der König sagt' ihnen Dank. + +Da klangen die Posaunen von manchem kräftgen Stoß; 832 +Von Flöten und Drommeten ward der Schall so groß, +Worms die weite Veste gab lauten Widerhall. +Auf die Rosse sprangen die kühnen Helden überall. + +Da hob sich in dem Lande ein hohes Ritterspiel 833 +Von manchem guten Recken: man fand ihrer viel, +Deren junge Herzen füllte froher Muth. +Unter Schilden sah man manchen zieren Ritter gut. + +Da ließen in den Fenstern die herrlichen Fraun 834 +Und viel der schönen Maide sich im Schmucke schaun. +Sie sahen kurzweilen manchen kühnen Mann: +Der Wirth mit seinen Freunden zu reiten selber begann. + +So vertrieben sie die Weile, die dauchte sie nicht lang. 835 +Da lud zu dem Dome mancher Glocke Klang: +Den Frauen kamen Rosse, da ritten sie hindann; +Den edeln Königinnen folgte mancher kühne Mann. + +Sie stiegen vor dem Münster nieder auf das Gras. 836 +Noch hegte zu den Gästen Brunhild keinen Haß. +Sie giengen unter Krone in das Münster weit. +Bald schied sich diese Liebe: das wirkte grimmiger Neid. + +Als die Messe war gesungen, sah man sie weiter ziehn 837 +Unter hohen Ehren. Sie giengen heiter hin +Zu des Königs Tischen. Ihre Freude nicht erlag +Bei diesen Lustbarkeiten bis gegen den eilften Tag. + +Die Königin gedachte: "Ich wills nicht länger tragen. 838 +Wie ich es fügen möge, Kriemhild muß mir sagen, +Warum uns so lange den Zins versaß ihr Mann: +Der ist doch unser Eigen: der Frag ich nicht entrathen kann." + +So harrte sie der Stunde, bis es der Teufel rieth, 839 +Daß sie das Hofgelage und die Lust mit Leide schied. +Was ihr lag am Herzen, zu Lichte must es kommen: +Drum ward in manchen Landen durch sie viel Jammer vernommen. + + * * * * * + + + + +Vierzehntes Abenteuer. + +Wie die Königinnen sich schalten. + + +Es war vor einer Vesper, als man den Schall vernahm, 840 +Der von manchem Recken auf dem Hofe kam: +Sie stellten Ritterspiele der Kurzweil willen an. +Da eilten es zu schauen Frauen viel und mancher Mann. + +Da saßen beisammen die Königinnen reich 841 +Und gedachten zweier Recken, die waren ohne Gleich. +Da sprach die schöne Kriemhild: "Ich hab einen Mann, +Dem wären diese Reiche alle billig unterthan." + +Da sprach zu ihr Frau Brunhild: "Wie könnte das wohl sein? 842 +Wenn Anders Niemand lebte als du und er allein, +So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn: +So lange Gunther lebte, so könnt es nimmer geschehn." + +Da sprach Kriemhild wieder: "Siehst du, wie er steht, 843 +Wie er da so herrlich vor allen Recken geht, +Wie der lichte Vollmond vor den Sternen thut! +Darob mag ich wohl immer tragen fröhlichen Muth." + +Da sprach wieder Brunhild: "Wie waidlich sei dein Mann, 844 +Wie schön und wie bieder, so steht ihm doch voran +Gunther der Recke, der edle Bruder dein: +muß vor allen Königen, das wiße du wahrlich, sein." + +Da sprach Kriemhild wieder: "So werth ist mein Mann, 845 +Daß er ohne Grund nicht solch Lob von mir gewann. +An gar manchen Dingen ist seine Ehre groß. +Glaubst du das, Brunhild? er ist wohl Gunthers Genoß!" + +"Das sollst du mir, Kriemhild, im Argen nicht verstehn; 846 +Es ist auch meine Rede nicht ohne Grund geschehn. +Ich hört' es Beide sagen, als ich zuerst sie sah, +Und als des Königs Willen in meinen Spielen geschah. + +"Und da er meine Minne so ritterlich gewann, 847 +Da sagt' es Siegfried selber, er sei des Königs Mann: +Drum halt ich ihn für eigen: ich hört' es ihn gestehn." +Da sprach die schöne Kriemhild: "So wär mir übel geschehn. + +"Wie hätten so geworben die edeln Brüder mein, 848 +Daß ich des Eigenmannes Gemahl sollte sein? +Darum will ich, Brunhild, gar freundlich dich bitten, +Laß mir zu Lieb die Rede hinfort mit gütlichen Sitten." + +Die Königin versetzte: "Sie laßen mag ich nicht: 849 +Wie thät ich auf so manchen Ritter wohl Verzicht, +Der uns mit dem Degen zu Dienst ist unterthan?" +Kriemhild die Schöne hub da sehr zu zürnen an. + +"Dem must du wohl entsagen, daß er in der Welt 850 +Dir irgend Dienste leiste. Werther ist der Held +Als mein Bruder Gunther, der Degen unverzagt. +Erlaß mich der Dinge, die du mir jetzo gesagt. + +"Auch muß mich immer wundern, wenn er dein Dienstmann ist 851 +Und du ob uns Beiden So gewaltig bist, +Warum er dir so lange den Zins verseßen hat; +Deines Uebermuthes wär ich billig nun satt." + +"Du willst dich überheben," sprach da die Königin. 852 +"Wohlan, ich will doch schauen, ob man dich fürderhin +So hoch in Ehren halte, als man mich selber thut." +Die Frauen waren beide in sehr zornigem Muth. + +Da sprach wieder Kriemhild: "Das wird dir wohl bekannt: 853 +Da du meinen Siegfried dein eigen hast genannt, +So sollen heut die Degen der beiden Könge sehen, +Ob ich vor der Königin wohl zur Kirche dürfe gehn. + +"Ich laße dich wohl schauen, daß ich edel bin und frei, 854 +Und daß mein Mann viel werther als der deine sei. +Ich will damit auch selber nicht bescholten sein: +Du sollst noch heute sehen, wie die Eigenholde dein + +"Zu Hof geht vor den Helden in Burgundenland. 855 +Ich will höher gelten, als man je gekannt +Eine Königstochter, die noch die Krone trug." +Unter den Frauen hob sich der Haß da grimm genug. + +Da sprach Brunhild wieder: "Willst du nicht eigen sein, 856 +So must du dich scheiden mit den Frauen dein +Von meinem Ingesinde, wenn wir zum Münster gehn." +"In Treuen," sprach da Kriemhild, "also soll es geschehn." + +"Nun kleidet euch, ihr Maide," hub da Kriemhild an: 857 +"Ob ich frei von Schande hier nicht verbleiben kann, +Laßt es heute schauen, besitzt ihr reichen Staat; +Sie soll es noch verläugnen, was ihr Mund gesprochen hat." + +Ihnen war das leicht zu rathen; sie suchten reich Gewand. 858 +Wie bald man da im Schmucke viel Fraun und Maide fand! +Da gieng mit dem Gesinde des edeln Wirths Gemahl; +Zu Wunsch gekleidet ward auch die schöne Kriemhild zumal + +Mit dreiundvierzig Maiden, die sie zum Rhein gebracht; 859 +Die trugen lichte Zeuge, in Arabien gemacht. +So kamen zu dem Münster die Mägdlein wohlgethan. +Ihrer harrten vor dem Hause Die Siegfrieden unterthan. + +Die Leute nahm es Wunder, warum das geschah, 860 +Daß man die Königinnen so geschieden sah, +Und daß sie bei einander nicht giengen so wie eh. +Das gerieth noch manchem Degen zu Sorgen und großem Weh. + +Nun stand vor dem Münster König Gunthers Weib. 861 +Da fanden viel der Ritter genehmen Zeitvertreib +Bei den schönen Frauen, die sie da nahmen wahr. +Da kam die edle Kriemhild mit mancher herrlichen Schar. + +Was Kleider je getragen eines edeln Ritters Kind, 862 +Gegen ihr Gesinde war alles nur wie Wind. +Sie war so reich an Gute, dreißig Königsfraun +Mochten die Pracht nicht zeigen, die da an ihr war zu schaun. + +Was man auch wünschen mochte, Niemand konnte sagen, 863 +Daß er so reiche Kleider je gesehen tragen, +Als da zur Stunde trugen ihre Mägdlein wohlgethan. +Brunhilden wars zu Leide, sonst hätt es Kriemhild nicht gethan. + +Nun kamen sie zusammen vor dem Münster weit. 864 +Die Hausfrau des Königs aus ingrimmem Neid +Hieß da Kriemhilden unwirsch stille stehn: +"Es soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn." + +Da sprach die schöne Kriemhild, zornig war ihr Muth: 865 +"Hättest du noch geschwiegen, das wär dir wohl gut. +Du hast geschändet selber deinen schönen Leib: +Mocht eines Mannes Kebse je werden Königesweib?" + +"Wen willst du hier verkebsen?" sprach des Königs Weib. 866 +"Das thu ich dich," sprach Kriemhild: "deinen schönen Leib +Hat Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann: +Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdthum gewann. + +"Wo blieben deine Sinne? Es war doch arge List: 867 +Was ließest du ihn minnen, wenn er dein Dienstmann ist? +Ich höre dich," sprach Kriemhild, "ohn alle Ursach klagen." +"In Wahrheit," sprach da Brunhild, "das will ich doch Gunthern sagen." + +"Wie mag mich das gefährden? Dein Uebermuth hat dich betrogen: 868 +Du hast mich mit Reden in deine Dienste gezogen, +Daß wiße du in Treuen, es ist mir immer leid: +Zu trauter Freundschaft bin ich dir nimmer wieder bereit." + +Brunhild begann zu weinen; Kriemhild es nicht verhieng, 869 +Vor des Königs Weibe sie in das Münster gieng +Mit ihrem Ingesinde. Da hub sich großer Haß; +Es wurden lichte Augen sehr getrübt davon und naß. + +Wie man da Gott auch diente oder Jemand sang, 870 +Brunhilden währte die Weile viel zu lang. +War allzutrübe der Sinn und auch der Muth: +Des muste bald entgelten mancher Degen kühn und gut. + +Brunhild mit ihren Frauen gieng vor das Münster stehn. 871 +Sie gedachte: "Ich muß von Kriemhild mehr zu hören sehn, +Wes mich so laut hier zeihte das wortscharfe Weib: +Und wenn er sichs gerühmt hat, gehts ihm an Leben und Leib!" + +Nun kam die edle Kriemhild mit manchem kühnen Mann. 872 +Da begann Frau Brunhild: "Haltet hier noch an. +Ihr wolltet mich verkebsen: laßt uns Beweise sehn, +Mir ist von euern Reden, das wißet, übel geschehn." + +Da sprach die schöne Kriemhild: "Was laßt ihr mich nicht gehn? 873 +Ich bezeug es mit dem Golde, an meiner Hand zu sehn. +Das brachte mir Siegfried, nachdem er bei euch lag." +Nie erlebte Brunhild wohl einen leidigen Tag. + +Sie sprach: "Dieß Gold das edle, das ward mir gestohlen 874 +Und blieb mir lange Jahre übel verhohlen: +Ich komme nun dahinter, wer mir es hat genommen." +Die Frauen waren beide in großen Unmuth gekommen. + +Da sprach wieder Kriemhild: "Ich will nicht sein der Dieb. 875 +Du hättest schweigen sollen, wär dir Ehre lieb. +Ich bezeug es mit dem Gürtel, den ich umgethan, +Ich habe nicht gelogen: wohl wurde Siegfried dein Mann." + +Von Niniveer Seide sie eine Borte trug 876 +Mit edelm Gesteine, die war wohl schön genug. +Als Brunhild sie erblickte, zu weinen hub sie an. +Das muste Gunther wißen und alle Die ihm unterthan. + +Da sprach des Landes Königin: "Sendet her zu mir 877 +Den König vom Rheine: hören soll er hier, +Wie sehr seine Schwester schändet meinen Leib: +Sie sagt vor allen Leuten, ich sei Siegfriedens Weib." + +Der König kam mit Recken: als er weinen sah 878 +Brunhild seine Traute, gütlich sprach er da: +"Von wem, liebe Fraue, ist euch ein Leid geschehn?" +Sie sprach zu dem König: "Unfröhlich muß ich hier stehn. + +Aller meiner Ehren hat die Schwester dein 879 +Mich berauben wollen. Geklagt soll dir sein, +Sie sagt: ich sei die Kebse von Siegfried ihrem Mann." +Da sprach König Gunther: "So hat sie übel gethan." + +"Sie trägt hier meinen Gürtel, den ich längst verloren, 880 +Und mein Gold das rothe. Daß ich je ward geboren, +Des muß mich sehr gereuen: befreist du, Herr, mich nicht +Solcher großen Schande, ich minne nie wieder dich." + +Da sprach König Gunther: "So ruft ihn herbei: 881 +Hat er sichs gerühmet, das gesteh er frei, +Er woll es denn läugnen, der Held von Niederland." +Da ward der kühne Siegfried bald hin zu ihnen gesandt. + +Als Siegfried der Degen die Unmuthvollen sah 882 +Und den Grund nicht wuste, balde sprach er da: +"Was weinen diese Frauen? das macht mir bekannt: +Oder wessentwegen wurde hier nach mir gesandt" + +Da sprach König Gunther: "Groß Herzleid fand ich hier. 883 +Eine Märe sagte mein Weib Frau Brunhild mir: +Du habest dich gerühmet, du wärst ihr erster Mann. +So spricht dein Weib Frau Kriemhild: hast du, Degen, das gethan?" + +"Niemals," sprach da Siegfried; "und hat sie das gesagt, 884 +Nicht eher will ich ruhen, bis sie es beklagt, +Und will davon mich reinigen vor deinem ganzen Heer +Mit meinen hohen Eiden, ich sagte Solches nimmermehr." + +Da sprach der Fürst vom Rheine: "Wohlan, das zeige mir. 885 +Der Eid, den du geboten, geschieht der allhier, +Aller falschen Dinge laß ich dich ledig gehn." +Man ließ in einem Ringe die stolzen Burgunden stehn. + +Da bot der kühne Siegfried zum Eide hin die Hand. 886 +Da sprach der reiche König: "Jetzt hab ich wohl erkannt, +Ihr seid hieran unschuldig und sollt des ledig gehn: +Des euch Kriemhild zeihte, das ist nicht von euch geschehn." + +Da sprach wieder Siegfried: "Und kommt es ihr zu Gut, 887 +Daß deinem schönen Weibe sie so betrübt den Muth, +Das wäre mir wahrlich aus der Maßen leid." +Da blickten zu einander die Ritter kühn und allbereit. + +"Man soll so Frauen ziehen," sprach Siegfried der Degen, 888 +"Daß sie üppge Reden laßen unterwegen; +Verbiet es deinem Weibe, ich will es meinem thun. +Solchen Uebermuthes in Wahrheit schäm ich mich nun." + +Viel schöne Frauen wurden durch Reden schon entzweit. 889 +Da erzeigte Brunhild solche Traurigkeit, +Daß es erbarmen muste Die in Gunthers Lehn. +Von Tronje Hagen sah man zu der Königin gehn. + +Er fragte, was ihr wäre, da er sie weinend fand. 890 +Sie sagt' ihm die Märe. Er gelobt' ihr gleich zur Hand, +Daß es büßen sollte der Kriemhilde Mann, +Oder man treff ihn nimmer unter Fröhlichen an. + +Ueber die Rede kamen Ortwein und Gernot, 891 +Allda die Helden riethen zu Siegfriedens Tod. +Dazu kam auch Geiselher, der schönen Ute Kind; +Als er die Rede hörte, sprach der Getreue geschwind: + +"O weh, ihr guten Knechte, warum thut ihr das? 892 +Siegfried verdiente ja niemals solchen Haß, +Daß er darum verlieren Leben sollt und Leib: +Auch sind es viel Dinge, um die wohl zürnet ein Weib." + +"Sollen wir Gäuche ziehen?" sprach Hagen entgegen: 893 +"Das brächte wenig Ehre solchen guten Degen. +Daß er sich rühmen durfte der lieben Frauen mein, +Ich will des Todes sterben oder es muß gerochen sein." + +Da sprach der König selber: "Er hat uns nichts gethan 894 +Als Liebes und Gutes: leb er denn fortan. +Was sollt ich dem Recken hegen solchen Haß? +Er bewies uns immer Treue, gar williglich that er das." + +Da begann der Degen von Metz Herr Ortewein: 895 +"Wohl kann ihm nicht mehr helfen die große Stärke sein. +Will es mein Herr erlauben, ich thu ihm alles Leid." +Da waren ihm die Helden ohne Grund zu schaden bereit. + +Dem folgte doch Niemand, außer daß Hagen 896 +Alle Tage pflegte zu Gunthern zu sagen: +Wenn Siegfried nicht mehr lebte, ihm würden unterthan +Manches Königs Lande. Da hub der Held zu trauern an. + +Man ließ es bewenden und gieng dem Kampfspiel nach. 897 +Hei! was man starker Schäfte vor dem Münster brach +Vor Siegfriedens Weibe bis hinan zum Saal! +Mit Unmuth sah es Mancher, dem König Gunther befahl. + +Der König sprach: "Laßt fahren den mordlichen Zorn. 898 +Er ist uns zu Ehren und zum Heil geborn; +Auch ist so grimmer Stärke der wunderkühne Mann, +Wenn ers inne würde, so dürfte Niemand ihm nahn." + +"Nicht doch," sprach da Hagen, "da dürft ihr ruhig sein: 899 +Wir leiten in der Stille alles sorglich ein. +Brunhildens Weinen soll ihm werden leid. +Immer sei ihm Hagen zu Haß und Schaden bereit." + +Da sprach der König Gunther: "Wie möcht es geschehn?" 900 +Zur Antwort gab ihm Hagen: "Das sollt ihr bald verstehn: +Wir laßen Boten reiten her in dieses Land, +Uns offnen Krieg zu künden, die hier Niemand sind bekannt. + +"Dann sagt ihr vor den Gästen, ihr wollt mit euerm Lehn 901 +Euch zur Heerfahrt rüsten. Sieht er das geschehn, +So verspricht er euch zu helfen; dann gehts ihm an den Leib, +Erfahr ich nur die Märe von des kühnen Recken Weib." + +Der König folgte leider seines Dienstmanns Rath. 902 +So huben an zu sinnen auf Untreu und Verrath, +Eh es wer erkannte, die Ritter auserkoren: +Durch zweier Frauen Zanken gieng da mancher Held verloren. + + * * * * * + + + + +Fünfzehntes Abenteuer. + +Wie Siegfried verrathen ward. + + +Man sah am vierten Morgen zweiunddreißig Mann 903 +Hin zu Hofe reiten: da ward es kund gethan +Gunther dem reichen, es droh ihm neuer Streit. +Die Lüge schuf den Frauen das allergrößeste Leid. + +Sie gewannen Urlaub, an den Hof zu gehn. 904 +Da sagten sie, sie ständen in Lüdegers Lehn, +Den einst bezwungen hatte Siegfriedens Hand +Und ihn als Geisel brachte König Gunthern in das Land. + +Die Boten grüßte Gunther und hieß sie sitzen gehn. 905 +Einer sprach darunter: "Herr König, laßt uns stehn, +Daß wir die Mären sagen, die euch entboten sind. +Wohl habt ihr zu Feinden, das wißt, mancher Mutter Kind. + +"Euch wiedersagen Lüdegast und König Lüdeger: 906 +Denen schuft ihr weiland grimmige Beschwer; +Nun wollen sie mit Heereskraft reiten in dieß Land." +Gunther begann zu zürnen, als wär es ihm unbekannt. + +Man ließ die falschen Boten zu den Herbergen gehn. 907 +Wie mochte da Siegfried der Tücke sich versehn, +Er oder anders Jemand, die man so listig spann? +Doch war es ihnen selber zu großem Leide gethan. + +Der König mit den Freunden gieng raunend ab und zu: 908 +Hagen von Tronje ließ ihm keine Ruh, +Noch wollt es Mancher wenden in des Königs Lehn; +Doch nicht vermocht er Hagen von seinen Räthen abzustehn. + +Eines Tages Siegfried die Degen raunend fand. 909 +Da begann zu fragen der Held der Niederland: +"Wie traurig geht der König und Die ihm unterthan? +Das helf ich immer rächen, hat ihnen wer ein Leid gethan." + +Da sprach König Gunther: "Wohl hab ich Herzeleid: 910 +Lüdegast und Lüdeger drohn mir wieder Streit. +Mit Heerfahrten wollen sie reiten in mein Land." +Da sprach der kühne Degen: "Dem soll Siegfriedens Hand + +"Nach allen euern Ehren mit Kräften widerstehn; 911 +Von mir geschieht den Degen, was ihnen einst geschehn. +Ihre Burgen leg ich wüste und dazu ihr Land, +Eh ich ablaße: des sei mein Haupt euer Pfand. + +"Ihr mit euern Mannen nehmt der Heimat wahr; 912 +Laßt mich zu ihnen reiten mit meiner Leute Schar. +Daß ich euch gerne diene, laß ich euch wohl sehn: +Von mir soll euern Feinden, das wißet, übel geschehn." + +"Nun wohl mir dieser Märe," der König sprach da so, 913 +Als wär er seiner Hülfe alles Ernstes froh. +Tief neigte sich in Falschheit der ungetreue Mann. +Da sprach der edle Siegfried: "Laßt euch keine Sorge nahn." + +Sie schickten mit den Knechten zu der Fahrt sich an: 914 +Siegfrieden und den Seinen ward es zum Schein gethan. +Da hieß er sich rüsten Die von Niederland: +Siegfriedens Recken suchten ihr Streitgewand. + +Da sprach der starke Siegfried: "Mein Vater Siegmund, 915 +Bleibt ihr hier im Lande: wir kehren bald gesund, +Will Gott uns Glück verleihen, wieder an den Rhein. +Ihr sollt bei dem König unterdessen fröhlich sein." + +Da wollten sie von dannen: die Fähnlein band man an. 916 +Umher standen Viele, die Gunthern unterthan +Und hatten nicht erfahren, wie es damit bewandt. +Groß Heergesinde war es, das da bei Siegfrieden stand. + +Die Panzer und die Helme man auf die Rosse lud; 917 +Aus dem Lande wollten viel starke Recken gut. +Da gieng von Tronje Hagen hin, wo er Kriemhild fand; +Er bat sie um Urlaub: sie wollten räumen das Land. + +"Nun wohl mir," sprach Kriemhild, "daß ich den Mann gewann." 918 +Der meine lieben Freunde so wohl beschützen kann, +Wie hier mein Herr Siegfried an meinen Brüdern thut: +Darum trag ich," sprach die Königin, "immer fröhlichen Muth. + +"Lieber Freund Hagen, nun hoff ich, ihr gedenkt, 919 +Daß ich euch gerne diene; ich hab euch nie gekränkt. +Das komme mir zu Gute an meinem lieben Mann: +Laßt es ihn nicht entgelten, was ich Brunhilden gethan. + +"Des hat mich schon gereuet," sprach das edle Weib, 920 +"Auch hat er so zerbleuet zur Strafe mir den Leib, +Daß ich je beschwerte mit Reden ihr den Muth, +Er hat es wohl gerochen, dieser Degen kühn und gut." + +Da sprach er: "Ihr versöhnt euch wohl nach wenig Tagen. 921 +Kriemhild, liebe Herrin, nun sollt ihr mir sagen, +Wie ich euch dienen möge an Siegfried euerm Herrn. +Ich gönn es niemand beßer und thu es, Königin, gern." + +"Ich wär ohn alle Sorge," sprach da das edle Weib, 922 +"Daß man ihm im Kampfe Leben nähm und Leib, +Wenn er nicht folgen wollte seinem Uebermuth; +So wär immer sicher dieser Degen kühn und gut." + +"Fürchtet ihr, Herrin," Hagen da begann, 923 +"Daß er verwundet werde, so vertraut mir an, +Wie soll ichs beginnen, dem zu widerstehn? +Ihn zu schirmen will ich immer bei ihm reiten und gehn." + +Sie sprach: "Du bist mir Sippe, so will ich dir es sein: 924 +Ich befehle dir auf Treue den holden Gatten mein. +Daß du mir behütest den geliebten Mann." +Was beßer wär verschwiegen, vertraute da sie ihm an. + +Sie sprach: "Mein Mann ist tapfer, dazu auch stark genug. 925 +Als er den Linddrachen an dem Berge schlug, +Da badet' in dem Blute der Degen allbereit, +Daher ihn keine Waffe je versehren mocht im Streit. + +"Jedoch bin ich in Sorgen, wenn er im Kampfe steht 926 +Und aus der Helden Hände mancher Sperwurf geht, +Daß ich da verliere meinen lieben Mann. +Hei! was ich Sorgen oft um Siegfried gewann! + +"Mein lieber Freund, ich meld es nun auf Gnade dir, 927 +Daß du deine Treue bewähren mögst an mir, +Wo man mag verwunden meinen lieben Mann. +Das sollst du nun vernehmen: es ist auf Gnade gethan. + +"Als von des Drachen Wunden floß das heiße Blut, 928 +Und sich darinne badete der kühne Recke gut, +Da fiel ihm auf die Achseln ein Lindenblatt so breit: +Da kann man ihn verwunden; das schafft mir Sorgen und Leid." + +Da sprach von Tronje Hagen: "So näht auf sein Gewand 929 +Mir ein kleines Zeichen mit eigener Hand, +Wo ich ihn schirmen müße, mag ich daran verstehn." +Sie wähnt' ihn so zu fristen; auf seinen Tod wars abgesehn. + +Sie sprach: "Mit feiner Seide näh ich auf sein Gewand 930 +Insgeheim ein Kreuzchen: da soll, Held, deine Hand +Mir den Mann behüten, wenns ins Gedränge geht, +Und er vor seinen Feinden in den starken Stürmen steht." + +"Das thu ich," sprach da Hagen, "viel liebe Herrin mein." 931 +Wohl wähnte da die Gute, sein Frommen sollt es sein: +Da war hiemit verrathen der Kriemhilde Mann. +Urtaub nahm da Hagen: da gieng er fröhlich hindann. + +Was er erfahren hatte, bat ihn sein Herr zu sagen. 932 +"Mögt ihr die Reise wenden, so laßt uns reiten jagen. +Ich weiß nun wohl die Kunde, wie ich ihn tödten soll. +Wollt ihr die Jagd bestellen?" "Das thu ich," sprach der König, "wohl." + +Der Dienstmann des Königs war froh und wohlgemuth. 933 +Gewiss, daß solche Bosheit kein Recke wieder thut +Bis zum jüngsten Tage, als da von ihm geschah, +Da sich seiner Treue die schöne Königin versah. + +Früh des andern Morgens mit wohl tausend Mann 934 +Ritt Siegfried der Degen mit frohem Muth hindann: +Er wähnt', er solle rächen seiner Freunde Leid. +So nah ritt ihm Hagen, daß er beschaute sein Kleid. + +Als er ersah das Zeichen, da schickt' er ungesehn, 935 +Andre Mär zu bringen, zwei aus seinem Lehn: +In Frieden sollte bleiben König Gunthers Land; +Es habe sie Herr Lüdeger zu dem König gesandt. + +Wie ungerne Siegfried abließ vom Streit, 936 +Eh er gerochen hatte seiner Freunde Leid! +Kaum hielten ihn zurücke Die Gunthern unterthan. +Da ritt er zu dem König, der ihm zu danken begann: + +"Nun lohn euch Gott, Freund Siegfried, den willigen Sinn, 937 +Daß ihr so gerne thatet, was mir vonnöthen schien: +Das will ich euch vergelten, wie ich billig soll. +Vor allen meinen Freunden vertrau ich euch immer wohl. + +"Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn, 938 +So laßt uns nun Bären und Schweine jagen gehn +Nach dem Odenwalde, wie ich oft gethan." +Gerathen hatte Hagen das, dieser ungetreue Mann. + +"Allen meinen Gästen soll man das nun sagen, 939 +Ich denke früh zu reiten: die mit mir wollen jagen, +Die laßt sich fertig halten; die aber hier bestehn, +Kurzweilen mit den Frauen: so sei mir Liebes geschehn." + +Mit herrlichen Sitten sprach da Siegfried: 940 +"Wenn ihr jagen reitet, da will ich gerne mit. +So sollt ihr mir leihen einen Jägersmann +Mit etlichen Bracken: So reit ich mit euch in den Tann." + +"Wollt ihr nur Einen?" frug Gunther zuhand; 941 +"Ich leih euch, wollt ihr, viere, denen wohl bekannt +Der Wald ist und die Steige, wo viel Wildes ist, +Daß ihr des Wegs unkundig nicht ledig wieder heimwärts müßt." + +Da ritt zu seinem Weibe der Degen unverzagt. 942 +Derweil hatte Hagen dem König gesagt, +Wie er verderben wolle den herrlichen Degen. +So großer Untreue sollt ein Mann nimmer pflegen. + +Als die Ungetreuen beschloßen seinen Tod, 943 +Da wusten sie es Alle. Geiselher und Gernot +Wollten nicht mit jagen. Weiß nicht, aus welchem Groll +Sie ihn nicht verwarnten; doch des entgalten sie voll. + + * * * * * + + + + +Sechzehntes Abenteuer. + +Wie Siegfried erschlagen ward. + + +Gunther und Hagen, die Recken wohlgethan 944 +Gelobten mit Untreuen ein Birschen in den Tann. +Mit ihren scharfen Spießen wollten sie jagen Schwein' +Und Bären und Wisende: was mochte Kühneres sein? + +Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. 945 +Man bracht ihnen Speise aller Art dahin. +An einem kühlen Brunnen ließ er da das Leben: +Den Rath hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben. + +Da gieng der kühne Degen hin, wo er Kriemhild fand. 946 +Schon war aufgeladen das edle Birschgewand +Ihm und den Gefährten: sie wollten über Rhein. +Da konnte Kriemhilden nicht leider zu Muthe sein. + +Seine liebe Traute küsst' er auf den Mund: 947 +"Gott laße mich dich, Liebe, noch wiedersehn gesund +Und deine Augen mich auch; mit holden Freunden dein +Kürze dir die Stunden: ich kann nun nicht bei dir sein." + +Da gedachte sie der Märe, sie durft es ihm nicht sagen, 948 +Nach der sie Hagen fragte: da begann zu klagen +Die edle Königstochter, daß ihr das Leben ward: +Ohne Maßen weinte die wunderschöne Fraue zart. + +Sie sprach zu dem Recken: "Laßt euer Jagen sein: 949 +Mir träumte heunt von Leide, wie euch zwei wilde Schwein +Ueber die Haide jagten: da wurden Blumen roth. +Daß ich so bitter weine, das thut mir armem Weibe Noth. + +"Wohl muß ich fürchten Etlicher Verrath, 950 +Wenn man den und jenen vielleicht beleidigt hat, +Die uns verfolgen könnten mit feindlichem Haß. +Bleibt hier, lieber Herre, mit Treuen rath ich euch das." + +Er sprach: "Liebe Traute, ich kehr in kurzer Zeit; 951 +Ich weiß nicht, daß hier Jemand mir Haß trüg oder Neid. +Alle deine Freunde sind insgemein mir hold; +Auch verdient' ich von den Degen wohl nicht anderlei Sold." + +"Ach nein, lieber Siegfried: wohl fürcht ich deinen Fall. 952 +Mir träumte heunt von Leide, wie über dir zu Thal +Fielen zwei Berge, daß ich dich nie mehr sah: +Und willst du von mir scheiden, das geht mir inniglich nah." + +Er umfieng mit Armen das zuchtreiche Weib, 953 +Mit holden Küssen herzt' er ihr den schönen Leib. +Da nahm er Urlaub und schied in kurzer Stund: +Sie ersah ihn leider darnach nicht wieder gesund. + +Da ritten sie von dannen in einen tiefen Tann 954 +Der Kurzweile willen; manch kühner Rittersmann +Ritt mit dem König; hinaus gesendet ward +Auch viel der edeln Speise, die sie brauchten zu der Fahrt. + +Manch Saumross zog beladen vor ihnen überrhein, 955 +Das den Jagdgesellen das Brot trug und den Wein, +Das Fleisch mit den Fischen und Vorrath aller Art, +Wie sie ein reicher König wohl haben mag auf der Fahrt. + +Da ließ man herbergen bei dem Walde grün 956 +Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn, +Wo sie da jagen wollten, auf breitem Angergrund. +Auch Siegfried war gekommen: das ward dem Könige kund. + +Von den Jagdgesellen ward umhergestellt 957 +Die Wart an allen Enden: da sprach der kühne Held, +Siegfried der starke: "Wer soll uns in den Wald +Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?" + +"Wollen wir uns scheiden," hub da Hagen an, 958 +"Eh wir beginnen zu jagen hier im Tann: +So mögen wir erkennen, ich und der Herre mein, +Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sei'n. + +"Leute so wie Hunde, wir theilen uns darein: 959 +Dann fährt, wohin ihm lüstet, Jeglicher allein" +Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank." +Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang. + +Da sprach der edle Siegfried: "Der Hunde hab ich Rath 960 +Bis auf einen Bracken, der so genoßen hat, +Daß er die Fährte spüre der Thiere durch den Tann. +Wir kommen wohl zum Jagen!" sprach der Kriemhilde Mann. + +Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich 961 +Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich, +Wo sie viel Wildes fanden: was des erstöbert ward, +Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art. + +Was da der Brack ersprengte, das schlug mit seiner Hand 962 +Siegfried der kühne, der Held von Niederland. +Sein Ross lief so geschwinde, daß ihm nicht viel entrann: +Das Lob er bei dem Jagen vor ihnen allen gewann. + +Er war in allen Dingen mannhaft genug. 963 +Das erste der Thiere, die er zu Tode schlug, +War ein starker Büffel, den traf des Helden Hand: +Nicht lang darauf der Degen einen grimmen Leuen fand. + +Als den der Hund ersprengte, schoß er ihn mit dem Bogen 964 +Und dem scharfen Pfeile, den er darauf gezogen; +Der Leu lief nach dem Schuße nur dreier Sprünge lang. +Seine Jagdgesellen, die sagten Siegfrieden Dank. + +Einen Wisend schlug er wieder darnach und einen Elk, 965 +Vier starker Auer nieder und einen grimmen Schelk, +So schnell trug ihn die Mähre, daß ihm nichts entsprang: +Hinden und Hirsche wurden viele sein Fang. + +Einen großen Eber trieb der Spürhund auf. 966 +Als der flüchtig wurde, da kam in schnellem Lauf +Alles Jagens Meister und nahm zum Ziel ihn gleich. +Anlief das Schwein im Zorne diesen Helden tugendreich. + +Da schlug es mit dem Schwerte der Kriemhilde Mann: 967 +Das hätt ein andrer Jäger nicht so leicht gethan. +Als er nun gefällt lag, fieng man den Spürhund. +Seine reiche Beute wurde den Burgunden allen kund. + +Da sprachen seine Jäger: "Kann es füglich sein, 968 +So laßt uns, Herr Siegfried, des Wilds ein Theil gedeihn: +Ihr wollt uns heute leeren den Berg und auch den Tann." +Darob begann zu lächeln der Degen kühn und wohlgethan. + +Da vernahm man allenthalben Lärmen und Getos. 969 +Von Leuten und von Hunden ward der Schall so groß, +Man hörte widerhallen den Berg und auch den Tann. +Vierundzwanzig Meuten hatten die Jäger losgethan. + +Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt. 970 +Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugetheilt +Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn, +Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn. + +Die Jagd war zu Ende, doch nicht so ganz und gar, 971 +Zu der Feuerstelle brachte der Jäger Schar +Häute mancher Thiere und des Wilds genug. +Hei! was des zur Küche des Königs Ingesinde trug! + +Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn, 972 +Daß er zum Imbiß wolle; da wurde laut ins Horn +Einmal gestoßen: so machten sie bekannt, +Daß man den edeln Fürsten nun bei den Herbergen fand. + +Da sprach ein Jäger Siegfrieds: "Mit eines Hornes Schall 973 +Ward uns kund gegeben, Herr, daß wir nun all +Zur Herberge sollen: erwiedre ichs, das behagt." +Da ward nach den Gesellen mit Blasen lange gefragt. + +Da sprach der edle Siegfried: "Nun räumen wir den Wald." 974 +Sein Ross trug ihn eben; die Andern folgten bald. +Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldthier fürchterlich, +Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich: + +"Ich schaff uns Jagdgesellen eine Kurzweil. 975 +Da seh ich einen Bären: den Bracken löst vom Seil. +Zu den Herbergen soll mit uns der Bär: +Er kann uns nicht entrinnen, und flöh er auch noch so sehr." + +Da lös'ten sie den Bracken: der Bär sprang hindann. 976 +Da wollt ihn erreiten der Kriemhilde Mann. +Er kam in eine Bergschlucht: da konnt er ihm nicht bei: +Das starke Thier wähnte von den Jägern schon sich frei. + +Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut 977 +Und begann ihm nachzulaufen. Das Thier war ohne Hut, +ES konnt ihm nicht entrinnen: er fieng es allzuhand; +Ohn es zu verwunden, der Degen eilig es band. + +Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann. 978 +Er band es an den Sattel; auf saß der Schnelle dann +Und bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Muth +Zu einer Kurzweile, dieser Degen kühn und gut. + +Er ritt zur Herberge in welcher Herrlichkeit! 979 +Sein Sper war gewaltig, stark dazu und breit; +Eine schmucke Waffe hieng ihm herab bis auf den Sporn; +Von rothem Golde führte der Held ein herrliches Horn. + +Von beßerm Birschgewande hört ich niemals sagen. 980 +Einen Rock von schwarzem Zeuge sah man ihn tragen +Und einen Hut von Zobel, der reich war genug. +Hei! was edler Borten an seinem Köcher er trug! + +Ein Vlies von einem Panther war darauf gezogen 981 +Des Wohlgeruches wegen. Auch trug er einen Bogen: +Mit einer Winde must ihn ziehen an, +Wer ihn spannen wollte, er hätt es selbst denn gethan. + +Von fremden Tierhäuten war all sein Gewand, 982 +Das man von Kopf zu Füßen bunt überhangen fand. +Aus dem lichten Rauchwerk zu beiden Seiten hold +An dem kühnen Jägermeister schien manche Flitter von Gold. + +Auch führt' er Balmungen, das breite schmucke Schwert: 983 +Das war solcher Schärfe, nichts blieb unversehrt, +Wenn man es schlug auf Helme: seine Schneiden waren gut. +Der herrliche Jäger trug gar hoch seinen Muth. + +Wenn ich euch der Märe ganz bescheiden soll, 984 +So war sein edler Köcher guter Pfeile voll, +Mit goldenen Röhren, die Eisen händebreit. +Was er traf mit Schießen, dem war das Ende nicht weit. + +Da ritt der edle Ritter stattlich aus dem Tann. 985 +Gunthers Leute sahen, wie er ritt heran. +Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Ross: +Da trug er an dem Sattel einen Bären stark und groß. + +Als er vom Ross gestiegen, löst' er ihm das Band 986 +Vom Mund und von den Füßen: die Hunde gleich zur Hand +Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn. +Das Thier zu Walde wollte: das erschreckte manchen Mann. + +Der Bär durch die Küche von dem Lärm gerieth: 987 +Hei! was er Küchenknechte da vom Feuer schied! +Gestürzt ward mancher Keßel, verschleudert mancher Brand; +Hei! was man guter Speisen in der Asche liegen fand! + +Da sprang von den Sitzen Herr und Knecht zumal. 988 +Der Bär begann zu zürnen; der König gleich befahl +Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag; +Und war es Wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag. + +Mit Bogen und mit Spießen, man säumte sich nicht mehr, 989 +Liefen hin die Schnellen, wo da gieng der Bär; +Doch wollte Niemand schießen, von Hunden wars zu voll. +So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl. + +Der Bär begann zu fliehen vor der Hunde Zahl; 990 +Ihm konnte Niemand folgen als Kriemhilds Gemahl. +Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug. +Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug. + +Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann. 991 +Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran. +Auf schönem Anger saßen der Helden da genug. +Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug! + +Die Schenken waren säumig, sie brachten nicht den Wein; 992 +So gut bewirthet mochten sonst Helden nimmer sein. +Wären manche drunter nicht so falsch dabei, +So wären wohl die Degen aller Schanden los und frei. + +Des wurde da nicht inne der verrathne kühne Mann, 993 +Daß man solche Tücke wider sein Leben spann. +Er war in höfschen Züchten alles Truges bar; +Seines Todes must entgelten, dem es nie ein Frommen war. + +Da sprach der edle Siegfried: "Mich verwundert sehr, 994 +Man trägt uns aus der Küche doch so viel daher, +Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein? +Pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein. + +"Ich möcht es doch verdienen, bedächte man mich gut." 995 +Von seinem Tisch der König sprach mit falschem Muth: +"Wir büßen euch ein andermal, was heut uns muß entgehn; +Die Schuld liegt an Hagen, der will uns verdursten sehn." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Lieber Herre mein, 996 +Ich wähnte, das Birschen sollte heute sein +Fern im Spechtsharte: den Wein hin sandt ich dort. +Heute giebt es nichts zu trinken, doch vermeid ich es hinfort." + +Da sprach der edle Siegfried: "Dem weiß ich wenig Dank: 997 +Man sollte sieben Lasten mit Meth und Lautertrank +Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein, +So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edeln Ritter schnell, 998 +Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell: +Daß ihr mir nicht zürnet, da rath, ich hinzugehn." +Der Rath war manchem Degen zu großem Leide geschehn. + +Siegfried den Recken zwang des Durstes Noth; 999 +Den Tisch hinwegzurücken der Held alsbald gebot: +Er wollte vor die Berge zu dem Brunnen gehn. +Da war der Rath aus Arglist von den Degen geschehn. + +Man hieß das Wild auf Wagen führen in das Land, 1000 +Das da verhauen hatte Siegfriedens Hand. +Wer es auch sehen mochte, sprach großen Ruhm ihm nach. +Hagen seine Treue sehr an Siegfrieden brach. + +Als sie von dannen wollten zu der Linde breit, 1001 +Da sprach von Tronje Hagen: "Ich hörte jederzeit, +Es könne Niemand folgen Kriemhilds Gemahl, +Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir das einmal!" + +Da sprach von Niederlanden der Degen kühn und gut: 1002 +"Das mögt ihr wohl versuchen: wenn ihr mit mir thut +Einen Wettlauf nach dem Brunnen? Soll das geschehn, +So habe der gewonnen, den wir den vordersten sehn." + +"Wohl, laßt es uns versuchen," sprach Hagen der Degen. 1003 +Da sprach der starke Siegfried: "So will ich mich legen, +Verlier ich, euch zu Füßen nieder in das Gras." +Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das! + +Da sprach der kühne Degen: "Noch mehr will ich euch sagen: 1004 +Gewand und Gewaffen will ich bei mir tragen, +Den Wurfspieß samt dem Schilde und all mein Birschgewand." +Das Schwert und den Köcher um die Glieder schnell er band. + +Die Kleider vom Leibe zogen die Andern da: 1005 +In zwei weißen Hemden man beide stehen sah. +Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee; +Man sah bei dem Brunnen den schnellen Siegfried doch eh. + +Den Preis in allen Dingen vor Manchem man ihm gab. 1006 +Da löst' er schnell die Waffe, den Köcher legt' er ab, +Den starken Spieß lehnt' er an den Lindenast. +Bei des Brunnens Fluße stand der herrliche Gast. + +Die höfsche Zucht erwies da Siegfried daran; 1007 +Den Schild legt' er nieder, wo der Brunnen rann; +Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank +Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank. + +Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; 1008 +Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut. +Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann: +Also hätt auch gerne der kühne Siegfried gethan. + +Da entgalt er seiner höfschen Zucht; den Bogen und das Schwert 1009 +Trug beiseite Hagen von dem Degen werth. +Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspieß fand, +Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand. + +Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, 1010 +Er schoß ihn durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang +Das Blut von seinem Herzen an Hagens Gewand. +Kein Held begeht wohl wieder solche Unthat nach der Hand. + +Den Gerschaft im Herzen ließ er ihm stecken tief. 1011 +Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief, +So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann! +Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann, + +Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; 1012 +Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang. +Nun wähnt' er da zu finden Bogen oder Schwert, +Gewiß, so hätt er Hagnen den verdienten Lohn gewährt. + +Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 1013 +Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand. +Den rafft' er von dem Brunnen und rannte Hagen an: +Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Unterthan. + +Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, 1014 +Daß von dem Schilde nieder wirbelte genug +Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast: +So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast. + +Da muste Hagen fallen von seiner Hand zu Thal; 1015 +Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall. +Hätt er sein Schwert in Händen, so wär er Hagens Tod. +Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Noth. + +Seine Farbe war erblichen; er konnte nicht mehr stehn. 1016 +Seines Leibes Stärke muste ganz zergehn, +Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug. +Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug. + +Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann. 1017 +Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann. +Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Noth +Die da gerathen hatten mit Untreue seinen Tod. + +Da sprach der Todwunde: "Weh, ihr bösen Zagen, 1018 +Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen? +Ich war euch stäts gewogen und sterbe nun daran. +Ihr habt an euern Freunden leider übel gethan. + +"Die sind davon bescholten, so viele noch geborn 1019 +Werden nach diesem Tage: ihr habt euern Zorn +Allzusehr gerochen an dem Leben mein. +Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein." + +Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag. 1020 +Es war ihrer Vielen ein freudeloser Tag. +Wer Treue kannt und Ehre, der hat ihn beklagt: +Das verdient' auch wohl um Alle dieser Degen unverzagt. + +Der König der Burgunden klagt' auch seinen Tod. 1021 +Da sprach der Todwunde: "Das thut nimmer Noth, +Daß der um Schaden weine, von dem man ihn gewann: +Er verdient groß Schelten, er hätt es beßer nicht gethan." + +Da sprach der grimme Hagen: "Ich weiß nicht, was euch reut: 1022 +Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut. +Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn; +Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn." + +"Ihr mögt euch leichtlich rühmen," sprach Der von Niederland. 1023 +"Hätt ich die mörderische Weis an euch erkannt, +Vor euch behütet hätt ich Leben wohl und Leib. +Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild mein Weib. + +"Nun mög es Gott erbarmen, daß ich gewann den Sohn, 1024 +Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon, +Daß seine Freunde Jemand meuchlerisch erschlagen: +Hätt ich Zeit und Weile, das müst ich billig beklagen. + +"Wohl nimmer hat begangen so großen Mord ein Mann," 1025 +Sprach er zu dem König, "als ihr an mir gethan. +Ich erhielt euch unbescholten in großer Angst und Noth; +Ihr habt mir schlimm vergolten, daß ich so wohl es euch bot." + +Da sprach im Jammer weiter der todwunde Held: 1026 +"Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt +An Jemand Treue pflegen, so laßt befohlen sein +Doch auf eure Gnade euch die liebe Traute mein. + +"Es komm ihr zu Gute, daß sie eure Schwester ist: 1027 +Sei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist. +Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn: +Nie ist an liebem Freunde einem Weibe so leid geschehn." + +Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Noth gebot, 1028 +Und sprach aus jammerndem Herzen: "Mein mordlicher Tod +Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen: +Glaubt mir in rechten Treuen, daß ihr euch selber habt erschlagen. + +Die Blumen allenthalben waren vom Blute naß. 1029 +Da rang er mit dem Tode, nicht lange that er das, +Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr. +Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr. + +Als die Herren sahen den edlen Helden todt, 1030 +Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde roth. +Da giengen sie zu Rathe, wie sie es stellten an, +Daß es verhohlen bliebe, Hagen hab es gethan. + +Da sprachen ihrer Viele: "Ein Unfall ist geschehn; 1031 +Ihr sollt es alle hehlen und Einer Rede stehn: +Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann, +Erschlugen ihn Schächer, als er fuhr durch den Tann." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Ich bring ihn in das Land. 1032 +Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt, +Die so betrüben konnte der Königin hohen Muth; +Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und thut." + +Von denselben Brunnen, wo Siegfried ward erschlagen, 1033 +Sollt ihr die rechte Wahrheit von mir hören sagen. +Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenheim. +Da fließt noch der Brunnen, kein Zweifel kann daran sein. + + * * * * * + + + + +Siebzehntes Abenteuer. + +Wie Siegfried beklagt und begraben ward. + + +Da harrten sie des Abends und fuhren über Rhein; 1034 +Es mochte nie von Helden ein schlimmer Jagen sein. +Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib: +Sein muste bald entgelten viel guter Weigande Leib. + +Von großem Uebermuthe mögt ihr nun hören sagen 1035 +Und schrecklicher Rache. Bringen ließ Hagen +Den erschlagen Siegfried von Nibelungenland +Vor eine Kemenate, darin sich Kriemhild befand. + +Er ließ ihn ihr verstohlen legen vor die Thür, 1036 +Daß sie ihn finden müße, wenn morgen sie herfür +Zu der Mette gienge frühe vor dem Tag, +Deren Frau Kriemhild wohl selten eine verlag. + +Da hörte man wie immer zum Münster das Geläut: 1037 +Kriemhild die schöne weckte manche Maid. +Ein Licht ließ sie sich bringen, dazu auch ihr Gewand; +Da kam der Kämmrer Einer hin, wo er Siegfrieden fand. + +Er sah ihn roth von Blute, all sein Gewand war naß: 1038 +Daß sein Herr es wäre, mit Nichten wust er das. +Da trug er in die Kammer das Licht in seiner Hand, +Bei dem da Frau Kriemhild viel leide Märe befand. + +Als sie mit den Frauen zum Münster wollte gehn, 1039 +"Frau," sprach der Kämmerer, "wollt noch stille stehn: +Es liegt vor dem Gemache ein Ritter todtgeschlagen." +"O weh," sprach da Kriemhild, "was willst du solche Botschaft sagen?" + +Eh sie noch selbst gesehen, es sei ihr lieber Mann, 1040 +An die Frage Hagens hub sie zu denken an, +Wie er ihn schützen möchte: da ahnte sie ihr Leid. +Mit seinem Tod entsagte sie nun aller Fröhlichkeit. + +Da sank sie zur Erden, kein Wort mehr sprach sie da; 1041 +Die schöne Freudenlose man da liegen sah. +Kriemhildens Jammer wurde groß und voll; +Sie schrie nach der Ohnmacht, daß all die Kammer erscholl. + +Da sprach ihr Gesinde: "Es kann ein Fremder sein." 1042 +Das Blut ihr aus dem Munde brach vor Herzenspein. +"Nein, es ist Siegfried, mein geliebter Mann: +Brunhild hats gerathen und Hagen hat es gethan." + +Sie ließ sich hingeleiten, wo sie den Helden fand; 1043 +Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand. +So roth er war von Blute, sie hat ihn gleich erkannt: +Da lag zu großem Jammer der Held von Nibelungenland. + +Da rief in Jammerlauten die Königin mild: 1044 +"O weh mir dieses Leides! Nun ist dir doch dein Schild +Mit Schwertern nicht verhauen! dich fällte Meuchelmord. +Und wüst ich, wer der Thäter wär, ich wollt es rächen immerfort." + +All ihr Ingesinde klagte laut und schrie 1045 +Mit seiner lieben Frauen; heftig schmerzte sie +Ihr edler Herr und König, den sie da sahn verlorn. +Gar übel hatte Hagen gerochen Brunhildens Zorn. + +Da sprach die Jammerhafte: "Nun soll Einer gehn 1046 +Und mir in Eile wecken Die in Siegfrieds Lehn +Und soll auch Siegmunden meinen Jammer sagen, +Ob er mir helfen wolle den kühnen Siegfried beklagen." + +Da lief dahin ein Bote, wo er sie liegen fand, 1047 +Siegfriedens Helden von Nibelungenland. +Mit den leiden Mären die Freud er ihnen nahm; +Sie wollten es nicht glauben, bis man das Weinen vernahm. + +Auch kam dahin der Bote, wo der König lag. 1048 +Siegmund der Herre keines Schlafes pflag, +Als ob das Herz ihm sagte, was ihm wär geschehn, +Er sollte seinen lieben Sohn lebend nimmer wiedersehn. + +"Wacht auf, König Siegmund, mich hieß nach euch gehn 1049 +Kriemhild, meine Herrin; der ist ein Leid geschehn, +Das ihr vor allem Leide wohl das Herz versehrt; +Das sollt ihr klagen helfen, da es auch euch widerfährt." + +Auf richtete sich Siegmund und sprach: "Was beklagt 1050 +Denn die schöne Kriemhild, wie du mir hast gesagt?" +Der Bote sprach mit Weinen: "Sie hat wohl Grund zu klagen +Es liegt von Niederlanden der kühne Siegfried erschlagen." + +Da sprach König Siegmund: "Laßt das Scherzen sein 1051 +Mit so böser Märe von dem Sohne mein +Und sagt es Niemand wieder, daß er sei erschlagen, +Denn ich könnt ihn nie genug bis an mein Ende beklagen." + +"Und wollt ihr nicht glauben, was ihr mich höret sagen, 1052 +So vernehmet selber Kriemhilden klagen +Und all ihr Ingesinde um Siegfriedens Tod." +Wie erschrak da Siegmund: es schuf ihm wahrhafte Noth. + +Mit hundert seiner Mannen er von dem Bette sprang. 1053 +Sie zuckten zu den Händen die scharfen Waffen lang +Und liefen zu dem Wehruf jammersvoll heran. +Da kamen tausend Recken, dem kühnen Siegfried unterthan. + +Als sie so jämmerlich die Frauen hörten klagen, 1054 +Da kam Vielen erst in Sinn, sie müsten Kleider tragen. +Wohl mochten sie vor Schmerzen des Sinnes Macht nicht haben: +Es lag in ihrem Herzen große Schwere begraben. + +Da kam der König Siegmund hin, wo er Kriemhild fand. 1055 +Er sprach: "O weh der Reise hierher in dieses Land! +Wer hat euch euern Gatten, wer hat mir mein Kind +So mordlich entrißen, da wir bei guten Freunden sind?" + +"Ja, kennt ich Den," versetzte die edle Königin, 1056 +"Hold würd ihm nimmer mein Herz noch mein Sinn: +Ich rieth' ihm so zum Leide, daß all die Freunde sein +Mit Jammer weinen müsten, glaubt mir, von wegen mein." + +Siegmund mit Armen den Fürsten umschloß; 1057 +Da ward von seinen Freunden der Jammer also groß, +Daß von dem lauten Wehruf Palas und Saal +Und Worms die weite Veste rings erscholl im Widerhall. + +Da konnte Niemand trösten Siegfriedens Weib, 1058 +Man zog aus den Kleidern seinen schönen Leib, +Wusch ihm seine Wunde und legt' ihn auf die Bahr; +Allen seinen Leuten wie weh vor Jammer da war! + +Es sprachen seine Recken aus Nibelungenland: 1059 +"Immer ihn zu rächen bereit ist unsre Hand. +Er ist in diesem Hause, von dem es ist geschehn." +Da eilten sich zu waffnen die Degen in Siegfrieds Lehn. + +Die Auserwählten kamen in ihrer Schilde Wehr, 1060 +Elfhundert Recken; die hatt in seinem Heer +Siegmund der König: seines Sohnes Tod +Hätt er gern gerochen, wie ihm die Treue gebot. + +Sie wusten nicht, wen sollten sie im Streit bestehn, 1061 +Wenn es nicht Gunther wäre und Die in seinem Lehn, +Die zur Jagd mit Siegfried geritten jenen Tag. +Kriemhild sah sie gewaffnet: das schuf ihr großes Ungemach. + +Wie stark auch ihr Jammer, wie groß war ihre Noth, 1062 +Sie besorgte doch so heftig der Nibelungen Tod +Von ihrer Brüder Mannen, daß sie dawider sprach: +Sie warnte sie in Liebe, wie immer Freund mit Freunden pflag. + +Da sprach die Jammerreiche: "Herr König Siegmund, 1063 +Was wollt ihr beginnen? Euch ist wohl nicht kund, +Es hat der König Gunther so manchen kühnen Mann: +Ihr wollt euch all verderben, greift ihr solche Recken an." + +Mit auferhobnen Schilden that ihnen Streiten Noth. 1064 +Die edle Königstochter bat und gebot, +Daß es meiden sollten die Recken allbereit. +Daß sie's nicht laßen wollten, das war ein grimmiges Leid. + +Sie sprach: "Herr König Siegmund, steht damit noch an, 1065 +Bis es sich beßer fügte: so will ich meinen Mann +Euch immer rächen helfen. Der mir ihn hat benommen, +Wird es mir bewiesen, es muß ihm noch zu Schaden kommen. + +"Es sind der Uebermüthigen hier am Rhein so viel, 1066 +Daß ich euch zum Streite jetzt nicht rathen will: +Sie haben wider Einen immer dreißig Mann; +Laß ihnen Gott gelingen, wie sie uns haben gethan. + +"Bleibt hier im Hause und tragt mit mir das Leid, 1067 +Bis es beginnt zu tagen, ihr Helden allbereit: +Dann helft ihr mir besargen meinen lieben Mann." +Da sprachen die Degen: "Liebe Frau, das sei gethan." + +Es könnt euch des Wunders ein Ende Niemand sagen, 1068 +Die Ritter und die Frauen, wie man sie hörte klagen, +Bis man des Wehrufs ward in der Stadt gewahr. +Die edeln Bürger kamen daher in eilender Schar. + +Sie klagten mit den Gästen: sie schmerzte der Verlust. 1069 +Was Siegfried verschulde, war ihnen unbewust, +Weshalb der edle Recke Leben ließ und Leib. +Da weinte mit den Frauen manchen guten Bürgers Weib. + +Schmiede hieß man eilen und würken einen Sarg 1070 +Von Silber und von Golde, mächtig und stark, +Und ließ ihn wohl beschlagen mit Stahl, der war gut. +Da war allen Leuten das Herz beschwert und der Muth. + +Die Nacht war vergangen: man sagt', es wolle tagen. 1071 +Da ließ die edle Königin hin zum Münster tragen +Diesen edeln Todten, ihren lieben Mann. +Mit ihr giengen weinend, was sie der Freunde gewann. + +Da sie zum Münster kamen, wie manche Glocke klang! 1072 +Allenthalben hörte man der Pfaffen Sang. +Da kam der König Gunther hinzu mit seinem Lehn +Und auch der grimme Hagen; es wäre klüger nicht geschehn. + +Er sprach: "Liebe Schwester, o weh des Leides dein; 1073 +Daß wir nicht ledig mochten so großen Schadens sein! +Wir müßen immer klagen um Siegfriedens Tod." +"Daran thut ihr Unrecht," sprach die Frau in Jammersnoth. + +"Wenn euch das betrübte, so wär es nicht geschehn. 1074 +Ihr hattet mein vergeßen, das muß ich wohl gestehn, +Als ich so geschieden ward von meinem lieben Mann. +Wollte Gott vom Himmel, mir selber war es gethan." + +Sie hielten sich am Läugnen. Da hub Kriemhild an: 1075 +"Wer unschuldig sein will, leicht ist es dargethan, +Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn: +Da mag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit versehn." + +Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, 1076 +Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht, +So bluten ihm die Wunden, wie es auch hier geschah; +Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah. + +Die Wunden floßen wieder so stark als je vorher. 1077 +Die erst schon heftig klagten, die weinten nun noch mehr. +Da sprach König Gunther: "Nun hört die Wahrheit an: +Ihn erschlugen Schächer; Hagen hat es nicht gethan." + +Sie sprach: "Diese Schächer sind mir wohl bekannt: 1078 +Nun laß es Gott noch rächen von seiner Freunde Hand! +Gunther und Hagen, ja ihr habt es gethan." +Da wollten wieder streiten Die Siegfrieden unterthan. + +Da sprach aber Kriemhild: "Ertragt mit mir die Noth." 1079 +Da kamen auch die Beiden, wo sie ihn fanden todt, +Gernot ihr Bruder und Geiselher das Kind. +Sie beklagten ihn in Treuen; ihre Augen wurden thränenblind. + +Sie weinten von Herzen um Kriemhildens Mann. 1080 +Man wollte Messe singen: zum Münster heran +Sah man allenthalben Frauen und Männer ziehn, +Die ihn doch leicht verschmerzten, weinten alle jetzt um ihn. + +Geiselher und Gernot sprachen: "Schwester mein, 1081 +Nun tröste dich des Todes, es muß wohl also sein. +Wir wollen dirs ersetzen, so lange wir leben." +Da wust ihr auf Erden Niemand doch Trost zu geben. + +Sein Sarg war geschmiedet wohl um den hohen Tag; 1082 +Man hob ihn von der Bahre, darauf der Todte lag. +Da wollt ihn noch die Königin nicht laßen begraben: +Es musten alle Leute große Mühsal erst haben. + +In kostbare Zeuge man den Todten wand. 1083 +Gewiss daß man da Niemand ohne Weinen fand. +Aus ganzem Herzen klagte Ute das edle Weib +Und all ihr Ingesinde um Siegfrieds herrlichen Leib. + +Als die Leute hörten, daß man im Münster sang 1084 +Und ihn besargt hatte, da hob sich großer Drang: +Um seiner Seele willen was man da Opfer trug! +Er hatte bei den Feinden doch guter Freunde genug. + +Kriemhild die arme zu den Kämmerlingen sprach: 1085 +"Ihr sollt mir zu Liebe leiden Ungemach: +Die ihm Gutes gönnen und mir blieben hold, +Um Siegfriedens Seele verteilt an diese sein Gold." + +Da war kein Kind so kleine, mocht es Verstand nur haben, 1086 +Das nicht zum Opfer gienge, eh er ward begraben. +Wohl an hundert Messen man des Tages sang. +Von Siegfriedens Freunden hob sich da mächtiger Drang. + +Als die gesungen waren, verlief die Menge sich. 1087 +Da sprach wieder Kriemhild: "Nicht einsam sollt ihr mich +Heunt bewachen laßen den auserwählten Degen: +Es ist an seinem Leibe all meine Freude gelegen. + +"Drei Tag und drei Nächte will ich verwachen dran, 1088 +Bis ich mich ersättige an meinem lieben Mann. +Vielleicht daß Gott gebietet, daß mich auch nimmt der Tod: +So wäre wohl beendet der armen Kriemhilde Noth." + +Zur Herberge giengen die Leute von der Stadt. 1089 +Die Pfaffen und die Mönche sie zu verweilen bat +Und all sein Ingesinde, das sein billig pflag. +Sie hatten üble Nächte und gar mühselgen Tag. + +Ohne Trank und Speise verblieb da mancher Mann. 1090 +Wers nicht gern entbehrte, dem ward kund gethan, +Man gab ihm gern die Fülle: das schuf Herr Siegmund. +Da ward den Nibelungen viel Noth und Beschwerde kund. + +In diesen dreien Tagen, so hörten wir sagen, 1091 +Muste mit Kriemhilden viel Mühsal ertragen, +Wer da singen konnte. Was man auch Opfer trug! +Die eben arm gewesen, die wurden nun reich genug. + +Was man fand der Armen, die es nicht mochten haben, 1092 +Die ließ sie mit dem Golde bringen Opfergaben +Aus seiner eignen Kammer: er durfte nicht mehr leben, +Da ward um seine Seele manches Tausend Mark gegeben. + +Güter und Gefälle vertheilte sie im Land, 1093 +So viel man der Klöster und guter Leute fand. +Silber gab man und Gewand den Armen auch genug. +Sie ließ es wohl erkennen, wie holde Liebe sie ihm trug. + +An dem dritten Morgen zur rechten Messezeit 1094 +Sah man bei dem Münster den ganzen Kirchhof weit +Von der Landleute Weinen also voll: +Sie dienten ihm im Tode, wie man lieben Freunden soll. + +In diesen vier Tagen, so hört ich immerdar, 1095 +Wol an dreißigtausend Mark oder mehr noch gar +Ward um seine Seele den Armen hingegeben, +Indes war gar zerronnen seine große Schöne wie sein Leben. + +Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096 +Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang. +Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen. +Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen. + +Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097 +Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann. +Eh er bestattet wurde, las und sang man da: +Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah! + +Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098 +Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib, +Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß: +Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß. + +Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099 +Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam. +"Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin, +"Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn. + +"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100 +Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn," +Da bat sie im Jammer so lang und so stark, +Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg. + +Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101 +Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand +Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut: +Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut. + +Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102 +Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn. +Da lag ohne Sinne das herrliche Weib: +Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib. + +Als der edle Degen also begraben war, 1103 +Sah man in großem Leide die Helden immerdar, +Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland: +Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand. + +Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104 +Vor dem großen Leide weder aß noch trank; +Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr: +Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither. + +Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105 +Den Tag und den Abend bis an den andern Tag. +Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund. +Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund. + +Kaum daß ihn zur Besinnung zu bringen noch gelang. 1106 +Seine Kräfte waren von starkem Leide krank: +Das war wohl kein Wunder. Die in seiner Pflicht +sprachen: "Laßt uns heimziehn: es duldet uns hier länger nicht." + + * * * * * + + + + +Achtzehntes Abenteuer. + +Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb. + + +Der Schwäher Kriemhildens gieng hin, wo er sie fand. 1107 +Er sprach zu der Königin: "Laßt uns in unser Land: +Wir sind unliebe Gäste, wähn ich, hier am Rhein. +Kriemhild, liebe Fraue, nun folgt uns zu dem Lande mein. + +"Daß man in diesen Landen uns so verwaiset hat 1108 +Eures edeln Mannes durch böslichen Verrath, +Ihr sollt es nicht entgelten: hold will ich euch sein +Aus Liebe meines Sohnes und des edeln Kindes sein. + +"Ihr sollt auch, Frau, gebieten mit all der Gewalt, 1109 +Die Siegfried euch verstattete, der Degen wohlgestalt. +Das Land und auch die Krone soll euch zu Diensten stehn. +Euch sollen gern gehorchen Die in Siegfriedens Lehn." + +Da sagte man den Knechten: "Wir reiten heim vor Nacht." 1110 +Da sah man nach den Rossen eine schnelle Jagd: +Bei den verhaßten Feinden zu leben war ein Leid. +Den Frauen und den Maiden suchte man ihr Reisekleid. + +Als König Siegmund gerne weggeritten wär, 1111 +Da bat ihre Mutter Kriemhilden sehr, +Sie sollte bei den Freunden im Lande doch bestehn. +Da sprach die Freudenarme: "Das könnte schwerlich geschehn. + +"Wie vermocht ichs, mit den Augen den immer anzusehn, 1112 +Von dem mir armen Weibe so leid ist geschehn?" +Da sprach der junge Geiselher: "Liebe Schwester mein, +Du sollst bei deiner Treue hier mit deiner Mutter sein. + +"Die dir das Herz beschwerten und trübten dir den Muth, 1113 +Du bedarfst nicht ihrer Dienste, du zehrst von meinem Gut." +Sie sprach zu dem Recken: "Wie könnte das geschehn? +Vor Leide müst ich sterben, wenn ich Hagen sollte sehn." + +"Dessen überheb ich dich, viel liebe Schwester mein. 1114 +Du sollst bei deinem Bruder Geiselher hier sein; +Ich will dir wohl vergüten deines Mannes Tod." +Da sprach die Freudenlose: "Das wäre Kriemhilden Noth." + +Als es ihr der Junge so gütlich erbot, 1115 +Da begannen auch zu flehen Ute und Gernot +Und ihre treuen Freunde, sie möchte da bestehn: +Sie hätte wenig Sippen unter Siegfriedens Lehn. + +"Sie sind euch alle fremde," sprach da Gernot. 1116 +"Wie stark auch einer gelte, so rafft ihn doch der Tod. +Bedenkt das, liebe Schwester, und tröstet euern Muth: +Bleibt hier bei euern Freunden, es geräth euch wahrlich gut." + +Da gelobte sie dem Bruder, im Lande zu bestehn. 1117 +Man zog herbei die Rosse Denen in Siegmunds Lehn, +Als sie reiten wollten gen Nibelungenland; +Da war auch aufgeladen der Recken Zeug und Gewand. + +Da gieng König Siegmund vor Kriemhilden stehn 1118 +Und sprach zu der Frauen: "Die in Siegfrieds Lehn +Warten bei den Rossen: reiten wir denn hin, +Da ich gar so ungern hier bei den Burgunden bin." + +Frau Kriemhild sprach: "Mir rathen hier die Freunde mein, 1119 +Die besten, die ich habe, bei ihnen soll' ich sein. +Ich habe keinen Blutsfreund in Nibelungenland." +Leid war es Siegmunden, da er dieß an Kriemhild fand. + +Da sprach König Siegmund: "Das laßt euch Niemand sagen: 1120 +Vor allen meinen Freunden sollt ihr die Krone tragen +Nach rechter Königswürde, wie ihr vordem gethan: +Ihr sollt es nicht entgelten, daß ihr verloren habt den Mann. + +"Fahrt auch mit uns zur Heimat um euer Kindelein: 1121 +Das sollt ihr eine Waise, Frau, nicht laßen sein. +Ist euer Sohn erwachen, er tröstet euch den Muth. +Derweil soll euch dienen mancher Degen kühn und gut." + +Sie sprach: "Mein Herr Siegmund, ich kann nicht mit euch gehn. 1122 +Ich muß hier verbleiben, was halt mir mag geschehn, +Bei meinen Anverwandten, die mir helfen klagen." +Da wollten diese Mären den guten Recken nicht behagen. + +Sie sprachen einhellig: "So möchten wir gestehn, 1123 +Es sei in dieser Stunde uns erst ein Leid geschehn. +Wollt ihr hier im Lande bei unsern Feinden sein, +So könnte Helden niemals eine Hoffahrt übler gedeihn." + +"Ihr sollt ohne Sorge Gott befohlen fahren: 1124 +Ich schaff euch gut Geleite und heiß euch wohl bewahren +Bis zu euerm Lande; mein liebes Kindelein +Das soll euch guten Recken auf Gnade befohlen sein." + +Als sie das recht vernahmen, sie wolle nicht hindann, 1125 +Da huben Siegfrieds Mannen all zu weinen an. +Mit welchem Herzensjammer nahm da Siegmund +Urlaub von Kriemhilden! Da ward ihm Unfreude kund. + +"Weh dieses Hofgelages!" sprach der König hehr. 1126 +"Einem König und den Seinen geschieht wohl nimmermehr +Einer Kurzweil willen, was uns hier ist geschehn: +Man soll uns nimmer wieder hier bei den Burgunden sehn." + +Da sprachen laut die Degen in Siegfriedens Heer: 1127 +"Wohl möchte noch die Reise geschehen hieher, +Wenn wir den nur fanden, der uns den Herrn erschlug. +Sie haben Todfeinde bei seinen Freunden genug." + +Er küsste Kriemhilden: kläglich sprach er da, 1128 +Als er daheim zu bleiben sie so entschloßen sah: +"Wir reiten arm an Freuden nun heim in unser Land! +All mein Kummer ist mir erst jetzo bekannt." + +Sie ritten ungeleitet von Worms an den Rhein: 1129 +Sie mochten wohl des Muthes in ihrem Sinne sein, +Wenn sie in Feindschaft würden angerannt, +Daß sich schon wehren solle der kühnen Niblungen Hand. + +Sie erbaten Urlaub von Niemanden sich. 1130 +Da sah man Geiselheren und Gernot minniglich +Zu dem König kommen; ihnen war sein Schade leid: +Das ließen ihn wohl schauen die kühnen Helden allbereit. + +Da sprach wohlgezogen der kühne Gernot: 1131 +"Wohl weiß es Gott im Himmel, an Siegfriedens Tod +Bin ich ganz unschuldig: ich hört auch niemals sagen, +Wer ihm Feind hier wäre: ich muß ihn billig beklagen." + +Da gab ihm gut Geleite Geiselher das Kind. 1132 +Er bracht ohne Sorgen, die sonst bei Leide sind, +Den König und die Recken heim nach Niederland. +Wie wenig der Verwandten man dort fröhlich wiederfand! + +Wie's ihnen nun ergangen ist, weiß ich nicht zu sagen. 1133 +Man hörte hier Kriemhilden zu allen Zeiten klagen, +Daß ihr Niemand tröstete das Herz noch den Muth +Als ihr Bruder Geiselher: der war getreu und auch gut. + +Brunhild die schöne des Uebermuthes pflag: 1134 +Wie viel Kriemhild weinte, was fragte sie darnach! +Sie war zu Lieb und Treue ihr nimmermehr bereit; +Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild wohl so ungefüges Leid. + + * * * * * + + + + +Neunzehntes Abenteuer. + +Wie der Nibelungenhort nach Worms kam. + + +Als die edle Kriemhild so verwitwet ward, 1135 +Blieb bei ihr im Lande der Markgraf Eckewart +Zurück mit seinen Mannen, wie ihm die Treu gebot. +Er diente seiner Frauen willig bis an seinen Tod. + +Zu Worms am Münster wies man ihr ein Gezimmer an, 1136 +Weit und geräumig, reich und wohlgethan, +Wo mit dem Gesinde die Freudenlose saß. +Sie gieng zur Kirche gerne, mit großer Andacht that sie das. + +Wo ihr Freund begraben lag, wie fleißig gieng sie 1137 +Sie that es alle Tage mit trauerndem Sinn +Und bat seiner Seele Gott den Herrn zu pflegen: +Gar oft bejammert wurde mit großer Treue der Degen. + +Ute und ihr Gesinde sprachen ihr immer zu, 1138 +Und doch im wunden Herzen fand sie so wenig Ruh, +Es konnte nicht verfangen der Trost, den man ihr bot. +Sie hatte nach dem Freunde die allergrößeste Noth, + +Die nach liebem Manne je ein Weib gewann: 1139 +Ihre große Treue ersah man wohl daran. +Sie klagt' ihn bis zu Ende, da sie zu sterben kam. +Bald rächte sie gewaltig mit großer Treue den Gram. + +Sie saß in ihrem Leide, das ist alles wahr, 1140 +Nach ihres Mannes Tode bis in das vierte Jahr +Und hatte nie zu Gunthern gesprochen einen Laut +Und auch Hagen ihren Feind in all der Zeit nicht erschaut. + +Da sprach von Tronje Hagen: "Könnte das geschehn, 1141 +Daß ihr euch die Schwester gewogen möchtet sehn, +So käm zu diesem Lande der Nibelungen Gold: +Des mögt ihr viel gewinnen, wird uns die Königin hold." + +"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142 +"Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher, +Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht." +"Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht." + +Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143 +Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn, +Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind: +Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind. + +Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144 +"Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod. +Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen: +Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen." + +Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145 +Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt. +Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn! +Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin, + +"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146 +So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib! +Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!" +Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann. + +Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147 +Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan +So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld: +Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld." + +"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148 +"Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!" +"Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot. +Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot: + +"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149 +Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam. +Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn: +Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn. + +Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150 +Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das. +Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn, +So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn. + +Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151 +Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr. +Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann: +Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan. + +Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152 +Daß die Königstochter den großen Hort gewann +Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein: +Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein. + +Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153 +Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot, +Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag +Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag. + +Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154 +Alberich der kühne sprach zu den Freunden da: +"Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn, +Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin. + +"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155 +Müsten wir nicht leider uns verloren sehn +Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal, +Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl. + +"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156 +Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen, +Und daß ihm dienen muste all dieses Land." +Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand. + +Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157 +Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand +Zu dem Meere bringen an die Schiffelein +Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein. + +Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158 +Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen +In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht, +Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht. + +Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159 +Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold, +Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth. +Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt. + +Der Wunsch lag darunter, ein golden Rüthelein: 1160 +Wer es hätt erkundet, der möchte Meister sein +Auf der weiten Erde wohl über jeden Mann. +Von Albrichs Freunden zogen mit Gernot Viele hinan. + +Als Gernot der Degen und der junge Geiselher 1161 +Des Horts sich unterwanden, da wurden sie auch Herr +Des Landes und der Burgen und der Recken wohlgestalt: +Die musten ihnen dienen zumal durch Furcht und Gewalt. + +Als sie den Hort gewannen in König Gunthers Land, 1162 +Und sich darob die Königin der Herrschaft unterwand, +Kammern und Thürme die wurden voll getragen; +Man hörte nie von Schätzen so große Wunder wieder sagen. + +Und wären auch die Schätze noch größer tausendmal, 1163 +Und wär der edle Siegfried erstanden von dem Fall, +Gern wäre bei ihm Kriemhild geblieben hemdebloß. +Nie war zu einem Helden eines Weibes Treue so groß. + +Als sie den Hort nun hatte, da brachte sie ins Land 1164 +Viel der fremden Recken; wohl gab der Frauen Hand, +Daß man so große Milde nie zuvor gesehn. +Sie übte hohe Güte: das muste man ihr zugestehn. + +Den Armen und den Reichen zu geben sie begann. 1165 +Hagen sprach zum König: "Läßt man sie so fortan +Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn +So manchen Degen bringen, daß es uns übel muß ergehn." + +Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut: 1166 +Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut? +Ich konnt es kaum erlangen, daß sie mir wurde hold; +Nicht frag ich, wie sie theilet ihr Gestein und rohes Gold." + +Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann 1167 +Doch solche Schätze billig keiner Frauen an: +Sie bringt es mit Gaben wohl noch an den Tag, +Da es sehr gereuen die kühnen Burgunden mag." + +Da sprach König Gunther: "Ich schwur ihr einen Eid, 1168 +Daß ich ihr nie wieder fügen wollt ein Leid, +Und will es künftig meiden: sie ist die Schwester mein." +Da sprach wieder Hagen: "Laßt mich den Schuldigen sein." + +Sie nahmen ihre Eide meistens schlecht in Hut: 1169 +Da raubten sie der Witwe das mächtige Gut. +Hagen aller Schlüßel dazu sich unterwand. +Ihr Bruder Gernot zürnte, als ihm das wurde bekannt. + +Da sprach der junge Geiselher: "Viel Leides ist geschehn 1170 +Von Hagen meiner Schwester: dem sollt ich widerstehn: +Wär er nicht mein Blutsfreund, es gieng' ihm an den Leib." +Wieder neues Weinen begann da Siegfriedens Weib. + +Da sprach König Gernot: "Eh wir solche Pein 1171 +Um dieses Gold erlitten, wir solltens in den Rhein +All versenken laßen: so gehört' es Niemand an." +Sie kam mit Klaggebärde da zu Geiselher heran. + +Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172 +Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein." +Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn, +Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn." + +Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173 +Die allerbesten drunter, die man irgend fand; +Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß, +Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das. + +Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174 +Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen: +Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein. +Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein. + +Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175 +Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark, +Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben: +So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben. + +Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176 +Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann +Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth. +Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod. + +Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177 +Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann, +Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen; +Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen. + +Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178 +Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut +Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage, +So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage. + +Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179 +Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr, +Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag: +Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach. + +Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180 +Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute +Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht: +Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht. + +Dazu gab auch Kriemhild hernach ein großes Theil 1181 +Um Siegfriedens Seele und aller Seelen Heil +Gold und Edelsteine mit williger Hand; +Getreuer Weib auf Erden ward uns selten noch bekannt. + +Seit Kriemhild König Gunthern wieder schenkte Huld 1182 +Und dann doch den großen Hort verlor durch seine Schuld, +Ihres Herzeleides ward da noch viel mehr: +Da zöge gern von dannen die Fraue edel und hehr. + +Nun war Frau Uten ein Sedelhof bereit 1183 +Zu Lorsch bei ihrem Kloster, reich, groß und weit, +Dahin von ihren Kindern sie zog und sich verbarg, +Wo noch die hehre Königin begraben liegt in einem Sarg. + +Da sprach die Königswitwe: "Liebe Tochter mein, 1184 +Hier magst du nicht verbleiben: bei mir denn sollst du sein, +Zu Lorsch in meinem Hause, und läst dein Weinen dann." +Kriemhild gab zur Antwort: "Wo ließ' ich aber meinen Mann?" + +"Den laß nur hier verbleiben," sprach Frau Ute. 1185 +"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da die Gute. +"Nein, liebe Mutter, davor will ich mich wahren: +"ein Mann muß von hinnen in Wahrheit auch mit mir fahren." + +Da schuf die Jammersreiche, daß man ihn erhub 1186 +Und sein Gebein, das edle, wiederum begrub +Zu Lorsch bei dem Münster mit Ehren mannigfalt: +Da liegt im langen Sarge noch der Degen wohlgestalt. + +Zu denselben Zeiten, da Kriemhild gesollt 1187 +Zu ihrer Mutter ziehen, wohin sie auch gewollt, +Da muste sie verbleiben, weil es nicht sollte sein: +Das schufen neue Mären, die da kamen über Rhein. + + * * * * * + + + + +Zwanzigste Abenteuer. + +Wie König Etzel um Kriemhilden sandte. + + +Das war in jenen Zeiten, als Frau Helke starb 1188 +Und der König Etzel um andre Frauen warb, +Da riethen seine Freunde in Burgundenland +Zu einer stolzen Witwe, die war Frau Kriemhild genannt. + +Seit ihm die schöne Helke erstarb, die Königin, 1189 +Sie sprachen: "Sinnt ihr wieder auf edler Frau Gewinn, +Der höchsten und der besten, die je ein Fürst gewann, +So nehmet Kriemhilden; der starke Siegfried war ihr Mann." + +Da sprach der reiche König: "Wie gienge das wohl an? 1190 +Ich bin ein Heide, ein ungetaufter Mann, +Sie jedoch ist Christin sie thut es nimmermehr. +Ein Wunder müst es heißen, käm sie jemals hieher." + +Die Schnellen sprachen wieder: "Vielleicht, daß sie es thut 1191 +Um euern hohen Namen und euer großes Gut. +Man soll es doch versuchen bei dem edeln Weib: +Euch ziemte wohl zu minnen ihren wonniglichen Leib." + +Da sprach der edle König: "Wem ist nun bekannt 1192 +Unter euch am Rheine das Volk und auch das Land?" +Da sprach von Bechlaren der gute Rüdiger: +"Kund von Kindesbeinen sind mir die edeln Könige hehr, + +"Gunther und Gernot, die edeln Ritter gut; 1193 +Der dritte heißt Geiselher: ein Jeglicher thut, +Was er nach Zucht und Ehren am besten mag begehn: +Auch ist von ihren Ahnen noch stäts dasselbe geschehn." + +Da sprach wieder Etzel: "Freund, nun sage mir, 1194 +Ob ihr wohl die Krone ziemt zu tragen hier; +Und hat sie solche Schöne, wie man sie zeiht, +Meinen besten Freunden sollt es nimmer werden leid." + +"Sie vergleicht sich an Schöne wohl der Frauen mein, 1195 +Helke der reichen: nicht schöner könnte sein +Auf der weiten Erde eine Königin: +Wen sie erwählt zum Freunde, der mag wohl trösten den Sinn." + +Er sprach: "So wirb sie, Rüdiger, so lieb als ich dir sei. 1196 +Und darf ich Kriemhilden jemals liegen bei, +Das will ich dir lohnen, so gut ich immer kann; +Auch hast du meinen Willen mit großer Treue gethan. + +"Von meinem Kammergute laß ich so viel dir geben, 1197 +Daß du mit den Gefährten in Freude mögest leben; +Von Rossen und von Kleidern, was ihr nur begehrt, +Des wird zu der Botschaft euch die Genüge gewährt." + +Zur Antwort gab der Markgraf, der reiche Rüdiger: 1198 +"Begehrt' ich deines Gutes, das ziemte mir nicht sehr. +Ich will dein Bote gerne werden an den Rhein +Mit meinem eignen Gute; ich hab es aus den Händen dein." + +Da sprach der reiche König: "Wann denkt ihr zu fahren 1199 +Nach der Minniglichen? So soll euch Gott bewahren +Dabei an allen Ehren und auch die Fraue mein; +Und möge Glück mir helfen, daß sie uns gnädig möge sein." + +Da sprach wieder Rüdiger: "Eh wir räumen dieses Land, 1200 +Müßen wir uns rüsten mit Waffen und Gewand, +Daß wir vor den Königen mit Ehren dürfen stehn: +Ich will zum Rheine führen fünfhundert Degen ausersehn. + +"Wenn man bei den Burgunden mich und die Meinen seh, 1201 +Daß dann einstimmig das Volk im Land gesteh, +Es habe nie ein König noch so manchen Mann +So fern daher gesendet, als du zum Rheine gethan. + +"Und wiß, edler König, stehst du darob nicht an, 1202 +Sie war dem besten Manne, Siegfrieden unterthan, +Siegmundens Sohne; du hast ihn hier gesehn: +Man mocht ihm große Ehre wohl in Wahrheit zugestehn." + +Da sprach der König Etzel: "War sie dem Herrn vermählt, 1203 +Sie war so hohes Namens der edle Fürst erwählt, +Daß ich nicht verschmähen darf die Königin. +Ob ihrer großen Schönheit gefällt sie wohl meinem Sinn." + +Da sprach der Markgraf wieder: "Wohlan, ich will euch sagen, 1204 +Wir heben uns von hinnen in vierundzwanzig Tagen. +Ich entbiet es Gotelinden, der lieben Fraue mein, +Daß ich zu Kriemhilden selber wolle Bote sein." + +Hin gen Bechelaren sandte Rüdiger 1205 +Boten seinem Weibe, der Markgräfin hehr, +Er werbe für den König um eine Königin: +Der guten Helke dachte sie da mit freundlichem Sinn. + +Als die Botenkunde die Markgräfin gewann, 1206 +Leid war es ihr zum Theile, zu sorgen hub sie an, +Ob sie wohl eine Herrin gewänne so wie eh. +Gedachte sie an Helke, das that ihr inniglich weh. + +Nach sieben Tagen Rüdiger ritt aus Heunenland, 1207 +Worüber frohgemuthet man König Etzeln fand. +Man fertigte die Kleider in der Stadt zu Wien; +Da wollt er mit der Reise auch nicht länger mehr verziehn. + +Zu Bechlaren harrte sein Frau Gotelind 1208 +Und die junge Markgräfin, Rüdigers Kind, +Sah ihren Vater gerne und Die ihm unterthan; +Da ward ein liebes Harren von schönen Frauen gethan. + +Eh der edle Rüdiger aus der Stadt zu Wien 1209 +Ritt nach Bechlaren, da waren hier für ihn +Kleider und Gewaffen auf Säumern angekommen. +Sie fuhren solcherweise, daß ihnen wenig ward genommen. + +Als sie zu Bechlaren kamen in die Stadt, 1210 +Für seine Heergesellen um Herbergen bat +Der Wirth mit holden Worten: die gab man ihnen da. +Gotelind die reiche den Wirth gar gerne kommen sah. + +Auch seine liebe Tochter, die Marfgräfin jung, 1211 +Ob ihres Vaters Kommen war sie froh genung, +Aus Heunenland die Helden, wie gern sie die sah! +Mit lachendem Muthe sprach die edle Jungfrau da: + +"Willkommen sei mein Vater und Die ihm unterthan." 1212 +Da ward ein schönes Danken von manchem werthen Mann +Freundlich geboten der jungen Markgräfin. +Wohl kannte Frau Gotlind des edeln Rüdiger Sinn. + +Als sie des Nachts nun bei Rüdigern lag, 1213 +Mit holden Worten fragte die Markgräfin nach, +Wohin ihn denn gesendet der Fürst von Heunenland? +"Meine Frau Gotlind," sprach er, "ich mach es gern euch bekannt. + +"Meinem Herren werben soll ich ein ander Weib, 1214 +Da ihm ist erstorben der schönen Helke Leib. +Nun will ich nach Kriemhilden reiten an den Rhein: +Die soll hier bei den Heunen gewaltge Königin sein." + +"Das wollte Gott!" sprach Gotlind, "möcht uns dies Heil geschehn,1215 +Da wir so hohe Ehren ihr hören zugestehn. +Sie ersetzt uns Helken vielleicht in alten Tagen; +Wir mögen bei den Heunen sie gerne sehen Krone tragen." + +Da sprach Markgraf Rüdiger: "Liebe Fraue mein, 1216 +Die mit mir reiten sollen von hinnen an den Rhein, +Denen sollt ihr freundlich bieten euer Gut: +Wenn Helden reichlich leben, so tragen sie hohen Muth." + +Sie sprach: "Da ist nicht Einer, wenn er es gerne nähm, 1217 +Ich wollt ihm willig bieten, was Jeglichem genehm, +Eh ihr von hinnen scheidet und Die euch unterthan." +Da sprach der Markgraf wieder: "Ihr thut mir Liebe daran." + +Hei! was man reicher Zeuge von ihrer Kammer trug! 1218 +Da ward den edeln Recken Gewand zu Theil genug +Mit allem Fleiß gefüttert vom Hals bis auf die Sporen; +Die ihm davon gefielen, hatte Rüdger sich erkoren. + +Am siebenten Morgen von Bechlaren ritt 1219 +Der Wirth mit seinen Degen. Sie führten Waffen mit +Und Kleider auch die Fülle durch der Baiern Land. +Sie wurden auf der Straße von Räubern selten angerannt. + +Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein. 1220 +Da konnte diese Märe nicht lang verborgen sein: +Dem König und den Seinen ward es kund gethan, +Es kämen fremde Gäste. Der Wirth zu fragen begann, + +Ob sie Jemand kennte? das sollte man ihm sagen. 1221 +Man sah die Saumrosse schwere Lasten tragen: +Wie reich die Helden waren, ward daran erkannt. +Herberge schuf man ihnen in der weiten Stadt zuhand. + +Als die Gäste waren in die Stadt gekommen, 1222 +Ihres Aufzugs hatte man mit Neugier wahrgenommen. +Sie wunderte, von wannen sie kämen an den Rhein. +Der Wirth fragte Hagen, wer die Herren möchten sein? + +Da sprach der Held von Tronje: "Ich sah sie noch nicht; 1223 +Wenn ich sie erschaue, mag ich euch Bericht +Wohl geben, von wannen sie ritten in dies Land. +Sie wären denn gar fremde, so sind sie gleich mir bekannt." + +Herbergen hatten die Gäste nun empfahn. 1224 +Der Bote hatte reiche Gewänder angethan +Mit seinen Heergesellen, als sie zu Hofe ritten. +Sie trugen gute Kleider, die waren zierlich geschnitten. + +Da sprach der schnelle Hagen: "So viel ich mag verstehn, 1225 +Da ich seit langen Tagen den Herrn nicht hab ersehn, +So sind sie so zu schauen, als wär es Rüdiger +Aus der Heunen Lande, dieser Degen kühn und hehr." + +"Wie sollt ich das glauben," der König sprachs zuhand, 1226 +"Daß der von Bechelaren kam in dieses Land?" +Kaum hatte König Gunther das Wort gesprochen gar, +So nahm der kühne Hagen den guten Rüdiger wahr. + +Er und seine Freunde liefen ihm entgegen: 1227 +Da sprangen von den Rossen fünfhundert schnelle Degen. +Wohl empfangen wurden die von Heunenland; +Niemals trugen Boten wohl so herrlich Gewand. + +Da rief von Tronje Hagen mit lauter Stimme Schall: 1228 +"Nun sei'n uns hochwillkommen diese Degen all, +Der Vogt von Bechelaren mit seiner ganzen Schar." +Man empfieng mit Ehren die schnellen Heunen fürwahr. + +Des Königs nächste Freunde drängten sich heran: 1229 +Da hub von Metzen Ortewein zu Rüdigern an: +"Wir haben lange Tage hier nicht mehr gesehn +Also liebe Gäste, das muß ich wahrlich gestehn!" + +Sie dankten des Empfanges den Recken allzumal. 1230 +Mit dem Heergesinde giengen sie zum Saal, +Wo sie den König fanden bei manchem kühnen Mann. +Der stand empor vom Sitze: das ward aus höfscher Zucht gethan. + +Wie freundlich dem Boten er entgegengieng 1231 +Und allen seinen Degen! Gernot auch empfieng +Den Gast mit hohen Ehren und Die ihm unterthan. +Den guten Rüdger führte der König an der Hand heran. + +Er bracht' ihn zu dem Sitze, darauf er selber saß. 1232 +Den Gästen ließ er schenken (gerne that man das) +Von dem guten Methe und von dem besten Wein, +Den man mochte finden in den Landen um den Rhein. + +Geiselher und Gere waren auch gekommen, 1233 +Dankwart und Volker, die hatten bald vernommen +Von den werthen Gästen. Sie waren wohlgemuth: +Sie empfiengen vor dem König die Ritter edel und gut. + +Da sprach von Tronje Hagen zu Gunthern seinem Herrn: 1234 +"Mit Dienst vergelten sollten stäts eure Degen gern, +Was uns der Markgraf zu Liebe hat gethan; +Des sollte Lohn empfangen der schönen Gotlinde Mann." + +Da sprach der König Gunther: "Ich laße nicht das Fragen: 1235 +Wie beide sich gehaben, das sollt ihr mir sagen, +Etzel und Frau Helke in der Heunen Land?" +Der Markgraf gab zur Antwort: "Ich mach es gern euch bekannt." + +Da erhob er sich vom Sitze und Die ihm unterthan 1236 +Und sprach zu dem König: "Laßt mich Erlaub empfahn, +Daß ich die Märe sage, um die mich hat gesandt +Etzel der König hieher in der Burgunden Land." + +Er sprach: "Was man uns immer durch euch entboten hat, 1237 +Erlaub ich euch zu sagen ohne der Freunde Rath. +Die Märe laßt vernehmen mich und die Degen mein: +Euch soll nach allen Ehren zu werben hier gestattet sein." + +Da sprach der biedre Bote: "Euch entbietet an den Rhein 1238 +Seine treuen Dienste der große König mein, +Dazu den Freunden allen, die euch zugethan; +Auch wird euch diese Botschaft mit großer Treue gethan. + +"Euch läßt der edle König klagen seine Noth: 1239 +Sein Volk ist ohne Freude, meine Frau die ist todt, +Helke die reiche, meines Herrn Gemahl: +An der sind schöne Jungfraun nun verwaist in großer Zahl, + +"Edler Fürsten Kinder, die sie erzogen hat; 1240 +Darum hat im Lande nun große Trauer Statt: +Sie haben leider Niemand mehr, der sie so treulich pflegt, +Drum wähn ich auch, daß selten des Königs Sorge sich legt." + +"Nun lohn ihm Gott," sprach Gunther, "daß er die Dienste sein 1241 +So williglich entbietet mir und den Freunden mein. +Ich hörte gern die Grüße, die ihr mir kund gethan; +Auch wollen sie verdienen Die mir treu und unterthan." + +Da sprach von Burgunden der edle Gernot: 1242 +"Die Welt mag wohl beklagen der schönen Helke Tod +Um manche höfsche Tugend, der sie gewohnt zu pflegen." +Das bestätigte Hagen und mancher andre Degen. + +Da sprach wieder Rüdiger, der edle Bote hehr: 1243 +"Erlaubt ihr mir, Herr König, so sag ich euch noch mehr, +Was mein lieber Herre euch hieher entbot: +Er lebt in großem Kummer seit der Königin Helke Tod. + +"Man sagte meinem Herren, Kriemhild sei ohne Mann, 1244 +Da Siegfried gestorben: und sprach man wahr daran, +Und wollt ihr ihrs vergönnen, so soll sie Krone tragen +Vor König Etzels Recken: das gebot mein Herr ihr zu sagen." + +Da sprach König Gunther mit wohlgezognem Muth: 1245 +"Sie hört meinen Willen, wenn sie es gerne thut. +Das will ich euch berichten von heut in dreien Tagen: +Wenn sie es nicht weigert, wie sollt ichs Etzel versagen?" + +Man ließ Gemach bescheiden den Gästen allzuhand. 1246 +Sie fanden solche Pflege, daß Rüdiger gestand, +Er habe gute Freunde in König Gunthers Lehn. +Gerne dient' ihm Hagen: ihm war einst Gleiches geschehn. + +So verweilte Rüdiger bis an den dritten Tag. 1247 +Der Fürst berief die Räthe, wie er weislich pflag, +Und fragte seine Freunde, ob sie es gut gethan +Däuchte, daß Kriemhild Herrn Etzeln nähme zum Mann. + +Da riethen sie es alle; nur Hagen stands nicht an. 1248 +Er sprach zu König Gunther, diesem kühnen Mann: +"Habt ihr kluge Sinne, so seid wohl auf der Hut, +Wenn sie auch folgen wollte, daß ihr doch nimmer es thut." + +"Warum," sprach da Gunther, "ließ' ich es nicht ergehn? 1249 +Was künftig noch der Königin Liebes mag geschehn, +Will ich ihr gerne gönnen: sie ist die Schwester mein. +Wir müsten selbst drum werben, sollt es ihr zur Ehre sein." + +Da sprach aber Hagen: "Das sprecht ihr unbedacht. 1250 +Wenn ihr Etzeln kenntet wie ich und seine Macht, +Und ließt ihr sie ihn minnen, wie ich euch höre sagen, +Das müstet ihr vor Allen mit großem Rechte beklagen." + +"Warum?" sprach da Gunther, "leicht vermeid ich das, 1251 +Ihm je so nah zu kommen, daß ich durch seinen Haß +Leid zu befahren hätte, würd er auch ihr Mann." +Da sprach wieder Hagen: "Mich dünkt es nimmer wohlgethan." + +Da lud man Gernoten und Geiselhern heran, 1252 +Ob die Herren beide däuchte wohlgethan, +Wenn Frau Kriemhild nähme den mächtgen König hehr. +Noch widerrieth es Hagen und auch anders Niemand mehr. + +Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 1253 +"Nun mögt ihr, Freund Hagen, noch der Treue pflegen: +Entschädigt sie des Leides, das ihr ihr habt gethan. +Was ihr noch mag gelingen, das säht ihr billig neidlos an." + +"Wohl habt ihr meiner Schwester gefügt so großes Leid," 1254 +Sprach da wieder Geiselher, der Degen allbereit, +"Ihr hättets wohl verschuldet, wäre sie euch gram: +Noch Niemand einer Frauen so viel der Freuden benahm." + +"Daß ich das wohl erkenne, das sei euch frei bekannt. 1255 +Und soll sie Etzeln nehmen und kommt sie in sein Land, +Wie sie es fügen möge, viel Leid thut sie uns an. +Wohl kommt in ihre Dienste da mancher waidliche Mann." + +Dawider sprach zu Hagen der kühne Gernot: 1256 +"Es mag dabei verbleiben bis an Beider Tod, +Daß wir niemals kommen in König Etzels Land. +Laßt uns ihr Treue leisten: zu Ehren wird uns das gewandt." + +Da sprach Hagen wieder: "Das laß ich mir Niemand sagen; 1257 +Und soll die edle Kriemhild Helkens Krone tragen, +Viel Leid wird sie uns schaffen, wo sie's nur fügen kann: +Ihr sollt es bleiben laßen, das ständ euch Recken beßer an." + +Im Zorn sprach da Geiselher, der schönen Ute Kind: 1258 +Wir wollen doch nicht alle meineidig sein gesinnt. +Was ihr geschieht zu Ehren, laßt uns froh drum sein. +Was ihr auch redet, Hagen, ich dien ihr nach der Treue mein." + +Als das Hagen hörte, da trübte sich sein Muth. 1259 +Geiselher und Gernot, die stolzen Ritter gut, +Und Gunther der reiche vereinten endlich sich, +Wenn es Kriemhild wünsche, sie wolltens dulden williglich. + +Da sprach Markgraf Gere: "So geh ich ihr zu sagen, 1260 +Daß sie den König Etzel sich laße wohlhagen. +Dem ist so mancher Recke mit Furchten unterthan, +Er mag ihr wohl vergüten, was sie je Leides gewann." + +Hin gieng der schnelle Degen, wo er Kriemhilden sah. 1261 +Sie empfieng ihn gütlich; wie balde sprach er da: +"Ihr mögt mich gern begrüßen und geben Botenbrot, +Es will das Glück euch scheiden nun von all eurer Noth. + +"Es hat um eure Minne, Frau, hiehergesandt 1262 +Der Allerbesten einer, der je ein Königsland +Gewann mit vollen Ehren und Krone durfte tragen: +Es werben edle Ritter: das läßt euch euer Bruder sagen." + +Da sprach die Jammerreiche: "Verbiete doch euch Gott 1263 +Und allen meinen Freunden, daß sie keinen Spott +Mit mir Armen treiben: was sollt ich einem Mann, +Der je Herzensliebe von gutem Weibe gewann?" + +Sie widersprach es heftig. Da traten zu ihr her 1264 +Gernot ihr Bruder und der junge Geiselher. +Sie baten sie in Minne zu trösten ihren Mut. +Und nehme sie den König, es gerath ihr wahrlich gut. + +Bereden mochte Niemand doch die Königin 1265 +Noch einen Mann zu minnen auf Erden fürderhin. +Da baten sie die Degen: "So laßt es doch geschehn, +Wenn ihr denn nicht anders wollt, daß euch der Bote möge sehn." + +"Das will ich nicht versagen," sprach die Fraue hehr. 1266 +Ich empfange gerne den guten Rüdiger +Ob seiner höfschen Sitte: wär er nicht hergesandt, +Jedem andern Boten, dem blieb' ich immer unbekannt." + +Sie sprach: "So schickt den Degen morgen früh heran 1267 +Zu meiner Kemenate. Ich bescheid ihn dann: +Wes ich mich berathen, will ich ihm selber sagen." +So war ihr jetzt erneuert das große Weinen und Klagen. + +Da wünschte sich auch anders nichts der edle Rüdiger, 1268 +Als daß er schauen dürfte die Königin hehr. +Er wuste sich so weise: könnt es irgend sein, +So müst er sie bereden, diesen Recken zu frein. + +Früh des andern Morgens nach dem Messgesang 1269 +Kamen die edeln Boten; da hub sich großer Drang. +Die mit Rüdigeren zu Hofe sollten gehn, +Die sah man wohlgekleidet, manchen Degen ausersehn. + +Kriemhilde die arme, in traurigem Muth 1270 +Harrte sie auf Rüdiger, den edeln Boten gut. +Er fand sie in dem Kleide, das sie für täglich trug: +Dabei hatt ihr Gesinde reicher Kleider genug. + +Sie gieng ihm entgegen zu der Thüre hin 1271 +Und empfieng Etzels Recken mit gütlichem Sinn. +Nur selbzwölfter trat er herein zu der Fraun; +Man bot ihm große Ehre; wer möcht auch beßre Boten schaun? + +Man hieß den Herren sitzen und Die in seinem Lehn. 1272 +Die beiden Markgrafen sah man vor ihr stehn, +Eckewart und Gere, die edeln Ritter gut. +Um der Hausfrau willen sahn sie Niemand wohlgemuth. + +Sie sahen vor ihr sitzen manche schöne Maid. 1273 +Da hatte Frau Kriemhild Jammer nur und Leid. +Ihr Kleid war vor den Brüsten von heißen Thränen naß. +Das sah der edle Markgraf, der nicht länger vor ihr saß. + +Er sprach in großen Züchten: "Viel edles Königskind, 1274 +Mir und den Gefährten, die mit mir kommen sind, +Sollt ihr, Frau, erlauben, daß wir vor euch stehn +Und euch melden, weshalb unsre Reise sei geschehn." + +"Ich will euch gern erlauben," sprach die Königin, 1275 +"Was ihr wollt, zu reden; also steht mein Sinn, +daß ich es gerne höre: ihr seid ein Bote gut." +Da merkten wohl die Andern ihren abgeneigten Muth. + +Da sprach von Bechelaren der Markgraf Rüdiger: 1276 +"Euch läßt entbieten, Herrin, Etzel der König hehr +Große Lieb und Treue hierher in dieses Land; +Er hat um eure Minne viel gute Recken gesandt. + +"Er entbeut euch freundlich Liebe sonder Leid; 1277 +Er sei stäter Freundschaft nun euch hinfort bereit +Wie Helken einst, der Königin, die ihm am Herzen lag: +Ihr sollt die Krone tragen, deren sie vor Zeiten pflag." + +Da sprach zu ihm die Königin: "Markgraf Rüdiger, 1278 +Wenn meines Herzeleides Jemand kundig war, +Der würde mir nicht rathen zu einem zweiten Mann: +Ich verlor der Besten Einen, die je ein Weib noch gewann." + +"Was tröstet mehr im Leide", sprach der kühne Mann, 1279 +"Als freundliche Liebe? Wer die gewähren kann +Und hat sich den erkoren, der ihm zu Herzen kommt, +Der erfährt wohl, daß im Leide nichts so sehr als Liebe frommt. + +"Und geruht ihr zu minnen den edeln Herren mein, 1280 +Zwölf reicher Kronen sollt ihr gewaltig sein. +Dazu von dreißig Fürsten giebt euch mein Herr das Land, +Die alle hat bezwungen seine vielgewaltge Hand. + +"Ihr sollt auch Herrin werden über manchen werthen Mann, 1281 +Die meiner Frauen Helke waren unterthan, +Und viel der schönen Maide, einst ihrem Dienst gesellt, +Von hoher Fürsten Stamme," sprach der hochbeherzte Held. + +"Dazu giebt euch der König, gebot er euch zu sagen, 1282 +Wenn ihr geruht die Krone bei meinem Herrn zu tragen, +Gewalt die allerhöchste, die Helke je gewann: +Alle Mannen Etzels werden euch da unterthan." + +"Wie möchte jemals wieder," sprach die Königin, 1283 +"Eines Helden Weib zu werden gelüsten meinem Sinn? +Mir hat der Tod an Einem so bittres Leid gethan, +Daß ichs bis an mein Ende nimmermehr verschmerzen kann." + +Die Heunen sprachen wieder: Viel reiche Königin, 1284 +Das Leben geht bei Etzeln so herrlich euch dahin, +Daß ihr in Wonnen schwebet, weigert ihr es nicht; +Mancher ziere Degen steht in des reichen Königs Pflicht. + +"Helkens Jungfrauen und eure Mägdelein, 1285 +Sollten die beisammen je Ein Gesinde sein, +Dabei möchten Recken wohl werden wohlgemuth. +Laßt es euch rathen, Fraue, es bekommt euch wahrlich gut." + +Sie sprach mit edler Sitte: "Nun laßt die Rede sein 1286 +Bis morgen in der Frühe, dann tretet zu mir ein, +Daß ich auf die Werbung euch gebe den Bescheid." +Da musten Folge leisten die kühnen Degen allbereit. + +Als zu den Herbergen sie kamen allzumal, 1287 +Nach Geiselhern zu senden die edle Frau befahl +Und nach ihrer Mutter: den Beiden sagte sie, +Ihr gezieme nur zu weinen und alles Andere nie. + +Da sprach ihr Bruder Geiselher: "Mir ahnt, Schwester mein, 1288 +Und gerne mag ichs glauben, dein Leid und deine Pein +Wird König Etzel wenden; und nimmst du ihn zum Mann, +Was Jemand anders rathe, so dünkt es mich wohlgethan." + +"Er mag dirs wohl ersetzen," sprach wieder Geiselher. 1289 +"Vom Rotten bis zum Rheine, von der Elbe bis ans Meer +Weiß man keinen König gewaltiger als ihn. +Du magst dich höchlich freuen, heischt er dich zur Königin." + +Sie sprach: "Lieber Bruder, wie räthst du mir dazu? 1290 +Weinen und Klagen das käm mir eher zu. +Wie sollt ich vor den Recken da zu Hofe gehn? +Hatt ich jemals Schönheit, um die ists lange geschehn." + +Da redete Frau Ute der lieben Tochter zu: 1291 +"Was deine Brüder rathen, liebes Kind, das thu. +Folge deinen Freunden, so mag dirs wohlergehn. +Hab ich dich doch so lange in großem Jammer gesehn." + +Da bat sie, daß vom Himmel ihr würde Rath gesandt: 1292 +Denn hätte sie zu geben Gold, Silber und Gewand +Wie einst, da er noch lebte, ihr Mann der Degen hehr, +Sie erlebe doch nicht wieder so frohe Stunden nachher. + +Sie dacht in ihrem Sinne: "Und sollt ich meinen Leib 1293 +Einem Heiden geben? Ich bin ein Christenweib; +Des müst ich billig Schelte von aller Welt empfahn; +Gäb er mir alle Reiche, es bliebe doch ungethan." + +Da ließ sie es bewenden. Die Nacht bis an den Tag 1294 +Die Frau in ihrem Bette voll Gedanken lag. +Ihre lichten Augen trockneten ihr nicht, +Bis sie hin zur Mette wieder gieng beim Morgenlicht. + +Nun waren auch die Könige zur Messezeit gekommen. 1295 +Sie hatten ihre Schwester an die Hand genommen +Und riethen ihr zu minnen den von Heunenland. +Niemand doch die Fraue ein wenig fröhlicher fand. + +Da ließ man zu ihr bringen, die Etzel hingesandt, 1296 +Die nun mit Urlaub wollten räumen Gunthers Land, +Wie es gerathen möge, mit Nein oder Ja! +Da kam zu Hofe Rüdiger: die Gefährten mahnten ihn da, + +Recht zu erforschen des edeln Fürsten Muth 1297 +Und zeitig das zu leisten; das dauchte Jeden gut; +Ihre Wege wären ferne wieder in ihr Land. +Man brachte Rüdigeren hin, wo er Kriemhilden fand. + +Da bat alsbald der Recke die edle Königin 1298 +Mit minniglichen Worten, zu künden ihren Sinn, +Was sie entbieten wolle in König Etzels Land. +Der Held mit seinem Werben bei ihr nur Weigerung fand. + +"Sie wolle nimmer wieder minnen einen Mann." 1299 +Dawider sprach der Markgraf: "Das wär nicht recht gethan: +Was wolltet ihr verderben so minniglichen Leib? +Ihr werdet noch mit Ehren eines werthen Recken Weib." + +Nichts half es, was sie baten, bis daß Rüdiger 1300 +Insgeheim gesprochen mit der Königin hehr, +Er hoff ihr zu vergüten all ihr Ungemach. +Da ließ zuletzt ein wenig ihre hohe Trauer nach. + +Er sprach zu der Königin: "Laßt euer Weinen sein; 1301 +Hättet ihr bei den Heunen Niemand als mich allein, +Meine getreuen Freunde und Die mir unterthan, +Er sollt es schwer entgelten, hätt euch Jemand Leid gethan." + +Davon ward erleichtert der Frauen wohl der Muth. 1302 +Sie sprach: "So schwört mir, Rüdiger, was mir Jemand thut, +Ihr wollt der Erste werden, der rächen will mein Leid." +Da sprach zu ihr der Markgraf: "Dazu bin ich, Frau, bereit." + +Mit allen seinen Mannen schwur ihr da Rüdiger, 1303 +Ihr immer treu zu dienen, und daß die Recken hehr +Ihr nichts versagen wollten in König Etzels Land, +Was ihre Ehre heische: das gelobt' ihr Rüdigers Hand. + +Da gedachte die Getreue: "Wenn ich gewinnen kann 1304 +So viel stäter Freunde, so seh ichs wenig an, +Was auch die Leute reden, in meines Jammers Noth. +Vielleicht wird noch gerochen meines lieben Mannes Tod." + +Sie gedachte: "Da Herr Etzel der Recken hat so viel, 1305 +Denen ich gebiete, so thu ich, was ich will. +Er hat auch solche Schätze, daß ich verschenken kann; +Mich hat der leide Hagen meines Gutes ohne gethan." + +Sie sprach zu Rüdigeren: "Hätt ich nicht vernommen, 1306 +Daß er ein Heide wäre, so wollt ich gerne kommen, +Wohin er geböte, und nähm ihn zum Mann." +Da sprach der Markgraf wieder: "Steht darauf, Herrin, nicht an. + +"Er ist nicht gar ein Heide, des dürft ihr sicher sein: 1307 +Er ist getauft gewesen, der liebe Herre mein, +Wenn er auch zu den Heiden wieder übertrat: +Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, so wird darüber noch Rath. + +"Ihm dienen so viel Recken in der Christenheit, 1308 +Daß euch bei dem König nie widerfährt ein Leid. +Ihr mögt auch leicht erlangen, daß der König gut +Zu Gott wieder wendet so die Seele wie den Muth." + +Da sprachen ihre Brüder: "Verheißt es, Schwester mein, 1309 +Und all euern Kummer laßt in Zukunft sein." +Des baten sie so lange, bis sie mit Trauer drein +Vor den Helden willigte, den König Etzel zu frein. + +Sie sprach: "Ich muß euch folgen, ich arme Königin! 1310 +Ich fahre zu den Heunen, wann es geschehe, hin, +Wenn ich Freunde finde, die mich führen in sein Land." +Darauf bot vor den Helden die schöne Kriemhild die Hand. + +Der Markgraf sprach: "Zwei Recken stehn in eurem Lehn, 1311 +Dazu hab ich noch manchen: so kann es wohl geschehn, +Daß wir euch mit Ehren bringen überrhein, +Ich laß euch nun nicht länger hier bei den Burgunden sein. + +"Fünfhundert Mannen hab ich und der Freunde mein: 1312 +Die sollen euch zu Diensten hier und bei Etzeln sein, +Was ihr auch gebietet; ich selber steh euch bei +Und will michs nimmer schämen, mahnt ihr mich künftig meiner Treu. + +"Eure Pferdedecken haltet euch bereit; 1313 +Was Rüdiger gerathen hat, wird euch nimmer leid. +Und sagt es euern Mägdlein, die ihr euch gesellt, +Uns begegnet unterwegs mancher auserwählte Held." + +Sie hatten noch Geschmeide, das sie zu Siegfrieds Zeit 1314 +Beim Reiten getragen, daß sie mit mancher Maid +Mit Ehren reisen mochte, so sie wollt hindann. +Hei! was man guter Sättel den schönen Frauen gewann! + +Hatten sie schon immer getragen reich Gewand, 1315 +So wurde des zur Reise die Fülle nun zur Hand, +Weil ihnen von dem König so viel gepriesen ward; +Sie schloßen auf die Kisten, so lang versperrt und gespart. + +Sie waren sehr geschäftig wohl fünftehalben Tag 1316 +Und suchten aus dem Einschlag, so viel darinne lag. +Ihre Kammer zu erschließen hub da Kriemhild an, +Sie Alle reich zu machen, Die Rüdigern unterthan. + +Sie hatte noch des Goldes von Nibelungenland: 1317 +Das sollte bei den Heunen vertheilen ihre Hand. +Sechshundert Mäule mochten es nicht von dannen tragen. +Die Märe hörte Hagen da von Kriemhilden sagen. + +Er sprach: "Mir wird Kriemhild doch nimmer wieder hold: 1318 +So muß auch hier verbleiben Siegfriedens Gold. +Wie ließ' ich meinen Feinden wohl so großes Gut? +Ich weiß gar wohl, was Kriemhild noch mit diesem Schatze thut. + +"Brächte sie ihn von hinnen, ich glaube sicherlich, 1319 +Sie würd ihn nur vertheilen, zu werben wider mich. +Sie hat auch nicht die Rosse, um ihn hinwegzutragen: +Behalten will ihn Hagen, das soll man Kriemhilden sagen." + +Als sie vernahm die Märe, das schuf ihr grimme Pein. 1320 +Es ward auch den Königen gemeldet allen drein: +Sie gedachten es zu wenden. Als das nicht geschah, +Rüdiger der edle sprach mit frohem Muthe da: + +"Reiche Königstochter, was klagt ihr um das Gold? 1321 +Euch ist König Etzel so zugethan und hold, +Ersehn euch seine Augen, er giebt euch solchen Hort, +Daß ihr ihn nie verschwendet; das verbürgt euch, Frau, mein Wort." + +Da sprach zu ihm die Königin: "Viel edler Rüdiger, 1322 +Nie gewann der Schätze eine Königstochter mehr +Als die, deren Hagen mich ohne hat gethan." +Da kam ihr Bruder Gernot zu ihrer Kammer heran. + +Mit des Königs Macht den Schlüßel stieß er in die Thür. 1323 +Kriemhildens Schätze reichte man herfür, +An dreißigtausend Marken oder wohl noch mehr, +Daß es die Gäste nähmen: des freute Gunther sich sehr. + +Da sprach von Bechelaren der Gotelinde Mann: 1324 +"Und gehörten all die Schätze noch Kriemhilden an, +Die man jemals brachte von Nibelungenland, +Nicht berühren sollt es mein noch der Königin Hand. + +"Heißt es aufbewahren, da ichs nicht haben will. 1325 +Ich bracht aus unserm Lande des Meinen her so viel, +Wir mögens unterweges entrathen wohl mit Fug: +Wir haben zu der Reise genug und übergenug." + +Zwölf Schreine hatten noch ihre Mägdelein 1326 +Des allerbesten Goldes, das irgend mochte sein, +Bewahrt aus alten Zeiten: das nun verladen ward +Und viel der Frauenzierde, die sie brauchten auf der Fahrt. + +Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327 +Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark: +Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann. +Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan. + +Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328 +Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein +Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land? +Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand." + +Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329 +"Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward, +Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen, +"Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen. + +"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330 +Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an. +Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod." +Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot. + +Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331 +Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand. +Ute die reiche und manche schöne Maid +Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid. + +Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332 +Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand. +Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder; +Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder. + +Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333 +Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot: +Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land; +Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt. + +Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334 +Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein. +Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen: +Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen. + +Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335 +Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen. +Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land. +Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt. + +Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336 +Ihre schnellen Boten in der Heunen Land, +Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger +Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr. + +Die Boten fuhren schnelle: Eil war ihnen Noth 1337 +Um die große Ehre und das reiche Botenbrot. +Als sie mit ihren Mären waren heimgekommen, +Da hatte König Etzel so Liebes selten vernommen. + +Der frohen Kunde willen ließ der König geben 1338 +Den Boten solche Gaben, daß sie wohl mochten leben +Immerdar in Freuden hernach bis an den Tod: +Mit Wonne war verschwunden des Königs Kummer und Noth. + + * * * * * + + + + +Einundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr. + + +Die Boten laßt reiten, so thun wir euch bekannt, 1339 +Wie die Königstochter fuhr durch das Land, +Und wo von ihr Geiselher schied mit Gernot; +Sie hatten ihr gedienet, wie ihre Treue gebot. + +Sie kamen an die Donau gen Bergen nun geritten. 1340 +Da begannen sie um Urlaub die Königin zu bitten, +Weil sie wieder wollten reiten an den Rhein. +Da mocht es ohne Weinen von guten Freunden nicht sein. + +Geiselher der schnelle sprach zu der Schwester sein: 1341 +"Schwester, wenn du jemals bedürfen solltest mein, +Was immer dich gefährde, so mach es mir bekannt, +Dann reit ich dir zu dienen hin in König Etzels Land." + +Die Verwandten alle küsste sie auf den Mund. 1342 +Minniglich sich scheiden sah man da zur Stund +Die schnellen Burgunden von Rüdigers Geleit. +Da zog mit der Königin manche wohlgethane Maid, + +Hundert und viere; sie trugen schön Gewand 1343 +Von buntgewebten Zeugen; manch breiten Schildesrand +Führte man der Königin nach auf ihren Wegen. +Da bat auch um Urlaub Volker der zierliche Degen. + +Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344 +Da sagte man die Märe, es kämen angerannt +Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht +Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht, + +In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345 +Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof: +Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland, +Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand. + +Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346 +Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid. +Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind. +Gute Herberge wies man den Gästen geschwind. + +Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347 +Das Volk allenthalben ritt auf sie zu. +Man gab, was sie bedurften, williglich und froh: +Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo. + +Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348 +Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan, +Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen, +Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen. + +Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349 +Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja: +Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land: +Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt." + +Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350 +Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind. +Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut, +Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth + +Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351 +Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war, +Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn: +Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn. + +Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352 +Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen, +Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch: +So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch. + +Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353 +Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr. +Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl, +Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl. + +Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354 +Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt, +Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht. +Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht. + +Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355 +Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen +Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan. +Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran. + +Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356 +Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held. +Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid. +Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid. + +Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357 +Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn +Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten. +Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten. + +Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358 +Freundlich den andern. Nun führten sie heran +Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah. +Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da. + +Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359 +Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin, +Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen. +Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen. + +Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360 +Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt. +Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann: +Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan. + +Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361 +Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn: +Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug, +Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug. + +Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362 +Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind. +Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund. +Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund. + +Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363 +"Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin, +Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn: +Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn." + +"Nun lohn euch Gott," sprach Kriemhild, "viel edle Gotelind. 1364 +So ich gesund verbleibe mit Botlungens Kind, +Mag euch zu Gute kommen, daß ihr mich habt gesehn." +Noch ahnten nicht die Beiden, was später muste geschehn. + +Mit Züchten zu einander gieng da manche Maid; 1365 +Zu Diensten waren ihnen die Recken gern bereit. +Sie setzten nach dem Gruße sich nieder auf den Klee: +Da lernten sich kennen, die sich fremd gewesen eh. + +Man ließ den Frauen schenken. Es war am hohen Tag; 1366 +Das edle Ingesinde der Ruh nicht länger pflag. +Sie ritten, bis sie fanden viel breiter Hütten stehn: +Da konnten große Dienste den edeln Gästen geschehn. + +Ueber Nacht da pflegen sollten sie der Ruh. 1367 +Die von Bechelaren schickten sich dazu, +Nach Würden zu bewirthen so manchen werthen Mann. +So hatte Rüdiger gesorgt, es gebrach nicht viel daran. + +Die Fenster an den Mauern sah man offen stehn; 1368 +Man mochte Bechelaren weit erschloßen sehn. +Da ritten ein die Gäste, die man gerne sah; +Gut Gemach schuf ihnen der edle Rüdiger da. + +Des Markgrafen Tochter mit dem Gesinde gieng 1369 +Dahin, wo sie die Königin minniglich empfieng. +Da war auch ihre Mutter, Rüdigers Gemahl: +Liebreich empfangen wurden die Jungfrauen allzumal. + +Sie fügten ihre Hände in Eins und giengen dann 1370 +Zu einem weiten Saale, der war gar wohlgethan, +Vor dem die Donau unten die Flut vorübergoß. +Da saßen sie im Freien und hatten Kurzweile groß. + +Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter noch geschah. 1371 +Daß sie so eilen müsten, darüber klagten da +Die Recken Kriemhildens; wohl war es ihnen leid. +Was ihnen guter Degen aus Bechlarn gaben Geleit! + +Viel minnigliche Dienste der Markgraf ihnen bot. 1372 +Da gab die Königstochter zwölf Armspangen roth +Der Tochter Gotlindens und also gut Gewand, +Daß sie kein beßres brachte hin in König Etzels Land. + +Obwohl ihr war benommen der Nibelungen Gold, 1373 +Alle, die sie sahen, machte sie sich hold +Noch mit dem kleinen Gute, das ihr verblieben war. +Dem Ingesind des Wirthes bot sie große Gaben dar. + +Dafür erwies Frau Gotlind den Gästen von dem Rhein 1374 +Auch so hohe Ehre mit Gaben groß und klein, +Daß man da der Fremden wohl selten einen fand, +Der nicht von ihr Gesteine trug oder herrlich Gewand. + +Als man nach dem Imbiß fahren sollt hindann, 1375 +Ihre treuen Dienste trug die Hausfrau an +Mit minniglichen Worten Etzels Gemahl. +Die liebkos'te scheidend der schönen Jungfrau zumal. + +Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376 +So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut, +Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land." +Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand! + +Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377 +Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn +Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein, +Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein. + +Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378 +Aus Medelick auf Händen brachte man getragen +Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein +Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein. + +Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379 +Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland +Gegen Mautaren an der Donau nieder: +Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder. + +Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380 +Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth, +Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan. +Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann! + +An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381 +Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit, +Bis daß man die Heunen sah reiten über Land: +Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt. + +Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382 +Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt, +Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da +Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah, + +Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383 +Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben, +Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan. +Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann. + +König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384 +Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand +Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen +Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen. + +Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385 +So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr. +Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug, +Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug. + + * * * * * + + + + +Zweiundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward. + + +Sie blieb zu Traisenmauer bis an den vierten Tag. 1386 +Der Staub in den Straßen derweil nicht stille lag: +Aufstob er allenthalben wie in hellem Brand. +Da ritten Etzels Leute durch das Oesterreicherland. + +Es war dem König Etzel gemeldet in der Zeit, 1387 +Daß ihm vor Gedanken schwand sein altes Leid, +Wie herrlich Frau Kriemhild zöge durch das Land. +Da eilte hin der König, wo er die Minnigliche fand. + +Von gar manchen Sprachen sah man auf den Wegen 1388 +Vor König Etzeln reiten viel der kühnen Degen, +Von Christen und von Heiden manches breite Heer. +Als sie die Herrin fanden, sie zogen fröhlich einher. + +Von Reußen und von Griechen ritt da mancher Mann; 1389 +Die Polen und Walachen zogen geschwind heran +Auf den guten Rossen, die sie herrlich ritten. +Da zeigte sich ein Jeder in seinen heimischen Sitten. + +Aus dem Land zu Kiew ritt da mancher Mann 1390 +Und die wilden Peschenegen. Mit Bogen hub man an +Zu schießen nach den Vögeln, die in den Lüften flogen; +Mit Kräften sie die Pfeile bis zu des Bogens Ende zogen. + +Eine Stadt liegt an der Donau im Oesterreicherland, 1391 +Die ist geheißen Tulna. Da ward ihr bekannt +Manche fremde Sitte, die sie noch niemals sah. +Da empfiengen sie gar Viele, denen noch Leid von ihr geschah. + +Es ritt dem König Etzel ein Ingesind voran, 1392 +Fröhlich und prächtig, höfisch und wohlgethan, +Wohl vierundzwanzig Fürsten, mächtig und hehr: +Ihre Königin zu schauen, sie begehrten sonst nichts mehr. + +Ramung, der Herzog aus Walachenland, 1393 +Mit siebenhundert Mannen kam er vor sie gerannt. +Wie fliegende Vögel sah man sie alle fahren. +Da kam der Fürst Gibeke mit viel herrlichen Scharen. + +Hornbog der schnelle ritt mit tausend Mann 1394 +Von des Königs Seite zu seiner Fraun heran. +Sie prangten und stolzierten nach ihres Landes Sitten. +Von den Heunenfürsten ward auch da herrlich geritten. + +Da kam vom Dänenlande der kühne Hawart 1395 +Und Iring der schnelle, vor allem Falsch bewahrt; +Von Thüringen Irnfried, ein waidlicher Mann: +Sie empfiengen Kriemhilden, daß sie viel Ehre gewann, + +Mit zwölfhundert Mannen, die zählte ihre Schar. 1396 +Da kam der Degen Blödel mit dreitausend gar, +König Etzels Bruder aus dem Heunenland: +Der ritt in stolzem Zuge, bis er die Königin fand. + +Da kam der König Etzel und Herr Dieterich 1397 +Mit seinen Helden allen. Da sah man ritterlich +Manchen edeln Ritter bieder und auch gut. +Davon ward Kriemhilden gar wohl erhoben der Muth. + +Da sprach zu der Königin der edle Rüdiger: 1398 +"Frau, euch will empfangen hier der König hehr. +Wen ich euch küssen heiße, dem sei der Kuss gegönnt: +Wißt, daß ihr Etzels Recken nicht alle gleich empfangen könnt." + +Da hob man von der Mähre die Königin hehr. 1399 +Etzel der reiche nicht säumt' er länger mehr: +Er schwang sich von dem Rosse mit manchem kühnen Mann; +Voller Freuden kam er zu Frau Kriemhilden heran. + +Zwei mächtige Fürsten, das ist uns wohlbekannt, 1400 +Giengen bei der Frauen und trugen ihr Gewand, +Als der König Etzel ihr entgegen gieng +Und sie den edlen Fürsten mit Küssen gütlich empfieng. + +Sie schob hinauf die Binden: ihre Farbe wohlgethan 1401 +Erglänzt' aus dem Golde. Da sagte mancher Mann, +Frau Helke könne schöner nicht gewesen sein. +Da stand in der Nähe des Königs Bruder Blödelein. + +Den rieth ihr zu küssen Rüdiger der Markgraf reich 1402 +Und den König Gibeke, Dietrichen auch zugleich: +Zwölf der Recken küsste Etzels Königin; +Da blickte sie mit Grüßen noch zu manchem Ritter hin. + +Während König Etzel bei Kriemhilden stand, 1403 +Thaten junge Degen wie Sitte noch im Land: +Waffenspiele wurden schön vor ihr geritten; +Das thaten Christenhelden und Heiden nach ihren Sitten. + +Wie ritterlich die Degen in Dietrichens Lehn 1404 +Die splitternden Schäfte in die Lüfte ließen gehn +Hoch über Schilde aus guter Ritter Hand! +Vor den deutschen Gästen brach da mancher Schildesrand. + +Von der Schäfte Krachen vernahm man lauten Schall. 1405 +Da waren aus dem Lande die Recken kommen all +Und auch des Königs Gäste, so mancher edle Mann: +Da gieng der reiche König mit der Königin hindann. + +Sie fanden in der Nähe ein herrlich Gezelt. 1406 +Erfüllt war von Hütten rings das ganze Feld; +Da war nach den Beschwerden Rast für sie bereit. +Da geleiteten die Helden darunter manche schöne Maid + +Zu Kriemhild der Königin, die dort darnieder saß 1407 +Auf reichem Stuhlgewande; der Markgraf hatte das +So prächtig schaffen laßen, sie fandens schön und gut. +Da stand dem König Etzel in hohen Freuden der Muth. + +Was sie zusammen redeten, das ist mir unbekannt; 1408 +In seiner Rechten ruhte ihre weiße Hand. +So saßen sie in Minne, als Rüdiger der Degen +Dem König nicht gestattete, Kriemhildens heimlich zu pflegen. + +Da ließ man unterbleiben das Kampfspiel überall; 1409 +Mit Ehren ward beendet der laute Freudenschall. +Da giengen zu den Hütten Die Etzeln unterthan; +Herberge wies man ihnen ringsum allenthalben an. + +Den Abend und nachtüber fanden sie Ruhe da, 1410 +Bis man den lichten Morgen wieder scheinen sah. +Da kamen hoch zu Rosse viel Helden ausersehn; +Hei! was sah man Kurzweil zu des Königs Ehren geschehn! + +Nach Würden es zu schaffen der Fürst die Heunen bat. 1411 +Da ritten sie von Tulna gen Wien in die Stadt. +In schönem Schmucke fand man da Frauen ohne Zahl. +Sie empfiengen wohl mit Ehren König Etzels Gemahl. + +In Ueberfluß und Fülle war da für sie bereit, 1412 +Wes sie nur bedurften. Viel Degen allbereit +Sahn froh dem Fest entgegen. Herbergen wies man an; +Die Hochzeit des Königs mit hohen Freuden begann. + +Man mochte sie nicht alle herbergen in der Stadt: 1413 +Die nicht Gäste waren, Rüdiger die bat, +Daß sie Herberge nahmen auf dem Land. +Wohl weiß ich, daß man immer den König bei Kriemhilden fand. + +Dietrich der Degen und mancher andre Held 1414 +Die hatten ihre Muße mit Arbeit eingestellt, +Auf daß sie den Gästen trösteten den Muth; +Rüdger und seine Freunde hatten Kurzweile gut. + +Die Hochzeit war gefallen auf einen Pfingstentag, 1415 +Wo der König Etzel bei Kriemhilden lag +In der Stadt zu Wiene. Fürwahr so manchen Mann +Bei ihrem ersten Manne sie nicht zu Diensten gewann. + +Durch Gabe ward sie Manchem, der sie nicht kannte, kund. 1416 +Darüber zu den Gästen hub Mancher an zur Stund: +"Wir wähnten, Kriemhilden benommen wär ihr Gut, +Die nun mit ihren Gaben hier so große Wunder thut." + +Diese Hochzeit währte siebzehn Tage lang. 1417 +Von keinem andern König weiß der Heldensang, +Der solche Hochzeit hielte: es ist uns unbekannt. +Alle, die da waren, die trugen neues Gewand. + +Sie hatte nie geseßen daheim in Niederland 1418 +Vor so manchem Recken; auch ist mir wohlbekannt, +War Siegfried reich an Schätzen, so hatte er doch nicht +So viel der edeln Recken, als sie hier sah in Etzels Pflicht. + +Wohl gab auch nie ein König bei seiner Hochzeit 1419 +So manchen reichen Mantel, lang, tief und weit, +Noch so gute Kleider, als man hier gewann, +Die Kriemhildens willen alle wurden vertan. + +Ihre Freunde wie die Gäste hatten Einen Muth: 1420 +Sie dachten nichts zu sparen, und wärs das beste Gut. +Was Einer wünschen mochte, man war dazu bereit; +Da Standen viel der Degen vor Milde bloß und ohne Kleid. + +Wenn sie daran gedachte, wie sie am Rheine saß 1421 +Bei ihrem edeln Manne, ihre Augen wurden naß; +Doch hehlte sie es immer, daß es Niemand sah, +Da ihr nach manchem Leide so viel der Ehren geschah. + +Was Einer that aus Milde, das war doch gar ein Wind 1422 +Gegen Dietrichen: was Botlungens Kind +Ihm gegeben hatte, das wurde gar verwandt. +Da begieng auch große Wunder des milden Rüdiger Hand. + +Auch aus Ungarlande der Degen Blödelein 1423 +Ließ da ledig machen manchen Reiseschrein +Von Silber und von Golde: das ward dahin gegeben. +Man sah des Königs Helden so recht fröhlich alle leben. + +Des Königs Spielleute, Werbel und Schwemmelein, 1424 +Wohl an tausend Marken nahm Jedweder ein +Bei dem Hofgelage (oder mehr als das), +Als die schöne Kriemhild bei Etzeln unter Krone saß. + +Am achtzehnten Morgen von Wien die Helden ritten. 1425 +In Ritterspielen wurden der Schilde viel verschnitten +Von Speren, so da führten die Recken an der Hand: +So kam der König Etzel mit Freuden in der Heunen Land. + +In Heimburg der alten verblieb man über Nacht. 1426 +Da konnte Niemand wißen recht des Volkes Macht, +Mit welchen Heerkräften sie ritten durch das Land. +Hei! was schöner Frauen man in seiner Heimat fand! + +In Misenburg der reichen fieng man zu segeln an. 1427 +Verdeckt ward das Wasser von Ross und auch von Mann, +Als ob es Erde wäre, was man doch fließen sah. +Die wegemüden Frauen mochten sich wohl ruhen da. + +Zusammen war gebunden manches Schifflein gut, 1428 +Daß ihnen wenig schaden Woge mocht und Flut; +Darüber ausgebreitet manch köstlich Geleit, +Als ob sie noch immer beides hatten, Land und Feld. + +Nun ward auch in Etzelnburg die Märe kund gethan: 1429 +Da freute sich darinnen beides, Weib und Mann. +Etzels Ingesinde, des einst Frau Helke pflag, +Erlebte bei Kriemhilden noch manchen fröhlichen Tag. + +Da stand ihrer harrend gar manche edle Maid, 1430 +Die seit Helkens Tode getragen Herzeleid. +Sieben Königstöchter Kriemhild noch da fand; +Durch die so ward gezieret König Etzels ganzes Land. + +Herrat die Jungfrau noch des Gesindes pflag, 1431 +Helkens Schwestertochter, in der viel Tugend lag, +Dietrichs Verlobte, eines edeln Königs Sproß, +Die Tochter Nentweinens, die noch viel Ehren genoß. + +Auf der Gäste Kommen freute sich ihr Muth; 1432 +Auch war dazu verwendet viel kostbares Gut. +Wer könnt euch des bescheiden, wie der König saß seitdem? +Den Heunen ward nicht wieder eine Königin so genehm. + +Als der Fürst mit seinem Weibe geritten kam vom Strand, 1433 +Wer eine Jede führte, das ward da wohl benannt +Kriemhild der edeln: sie grüßte desto mehr. +Wie saß an Helkens Stelle sie bald gewaltig und hehr! + +Getreulichen Dienstes ward ihr viel bekannt. 1434 +Die Königin vertheilte Gold und Gewand, +Silber und Gesteine: was sie des überrhein +Zum Heunenlande brachte, das muste gar vergeben sein. + +Auch wurden ihr mit Diensten ergeben allzumal 1435 +Die Freunde des Königs und denen er befahl, +Daß Helke nie die Königin so gewaltiglich gebot, +Als sie ihr dienen musten bis an Kriemhildens Tod. + +Da stand in solchen Ehren der Hof und auch das Land, 1436 +Daß man zu allen Zeiten die Kurzweile fand, +Wonach einem Jeden verlangte Herz und Muth; +Das schuf des Königs Liebe, dazu der Königin Gut. + + * * * * * + + + + +Dreiundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte. + + +In so hohen Ehren, das ist alles wahr, 1437 +Wohnten sie beisammen bis an das siebte Jahr. +Eines Sohns war genesen derweil die Königin: +Das schien König Etzel der allergröste Gewinn. + +Bis sie es erlangte, ließ sie nicht ab davon, 1438 +Die Taufe must empfangen König Etzels Sohn +Nach christlichem Brauche: Ortlieb ward er genannt. +Darob war große Freude über Etzels ganzem Land. + +Der Zucht, deren jemals zuvor Frau Helke pflag, 1439 +Fliß sich Frau Kriemhild darauf gar manchen Tag. +Es lehrte sie die Sitte Herrat die fremde Maid; +Die trug noch in der Stille um Helke schmerzliches Leid. + +Vor Heimischen und Fremden gestanden allesamt 1440 +Beßer und milder hab eines Königs Land +Nie eine Frau beseßen: das hielten sie für wahr. +Des rühmten sie die Heunen bis an das dreizehnte Jahr. + +Nun wuste sie, daß Niemand ihr feindlich sei gesinnt, 1441 +Wie oft wohl Königinnen der Fürsten Recken sind, +Und daß sie täglich mochte zwölf Könge vor sich sehn. +Sie vergaß auch nicht des Leides, das ihr daheim war geschehn. + +Sie gedacht auch noch der Ehren in Nibelungenland, 1442 +Die ihr geboten worden und die ihr Hagens Hand +Mit Siegfriedens Tode hatte gar benommen, +Und ob ihm das nicht jemals noch zu Leide sollte kommen. + +"Es geschäh, wenn ich ihn bringen möcht in dieses Land." 1443 +Ihr träumte wohl, ihr gienge bei Etzel an der Hand +Geiselher ihr Bruder; sie küsst' ihn allezeit +In ihrem sanften Schlafe: das ward zu schmerzlichem Leid. + +Der üble Teufel war es wohl, der Kriemhilden rieth, 1444 +Daß sie in Freundschaft von König Gunther schied +Und ihn zur Sühne küsste in Burgundenland. +Aufs Neu begann zu triefen von heißen Thränen ihr Gewand. + +Es lag ihr an dem Herzen beides, spat und fruh, 1445 +Wie man mit Widerstreben sie doch gebracht dazu, +Daß sie minnen muste einen heidnischen Mann: +Die Noth hatt ihr Hagen und Herr Gunther angethan. + +Wie sie das rächen möchte, dachte sie alle Tage: 1446 +"Ich bin nun wohl so mächtig, wem es auch missbehage, +Daß ich meinen Feinden mag schaffen Herzeleid: +Dazu wär ich dem Hagen von Tronje gerne bereit. + +"Nach den Getreuen jammert noch oft die Seele mein; 1447 +Doch die mir Leides thaten, möcht ich bei denen sein, +So würde noch gerochen meines Friedels Tod. +Kaum kann ich es erwarten," sprach sie in des Herzens Noth. + +Es liebten sie Alle, die dem König unterthan, 1448 +Die Recken Kriemhildens; das war wohlgethan. +Ihr Kämmerer war Eckewart: drum ward er gern gesehn: +Kriemhildens Willen konnte Niemand widerstehn. + +Sie gedacht auch alle Tage: "Ich will den König bitten," 1449 +Er möcht ihr vergönnen mit gütlichen Sitten, +Daß man ihre Freunde brächt in der Heunen Land. +Den argen Willen Niemand an der Königin verstand. + +Als eines Nachts Frau Kriemhild bei dem König lag, 1450 +Umfangen mit den Armen hielt er sie, wie er pflag +Der edeln Frau zu kosen, sie war ihm wie sein Leib, +Da gedachte ihrer Feinde dieses herrliche Weib. + +Sie sprach zu dem König: "Viel lieber Herre mein, 1451 +Ich wollt euch gerne bitten, möcht es mit Hulden sein, +Daß ihr mich sehen ließet, ob ich verdient den Sold, +Daß ihr meinen Freunden wäret inniglich hold." + +Da sprach der mächtge König, arglos war sein Muth: 1452 +"Des sollt ihr inne werden: was man den Helden thut +Zu Ehren und zu Gute, mir geschieht ein Dienst daran, +Da ich von Weibesminne nie beßre Freunde gewann." + +Noch sprach zu ihm die Königin: "Ihr wißt so gut wie ich, 1453 +Ich habe hohe Freunde: darum betrübt es mich, +Daß mich die so selten besuchen hier im Land: +Ich bin allen Leuten hier nur als freundlos bekannt." + +Da sprach der König Etzel: "Viel liebe Fraue mein, 1454 +Däucht' es sie nicht zu ferne, so lüd ich überrhein, +Die ihr da gerne sähet, hieher zu meinem Land." +Sie freute sich der Rede, als ihr sein Wille ward bekannt. + +Sie sprach: "Wollt ihr mir Treue leisten, Herre mein, 1455 +So sollt ihr Boten senden gen Worms überrhein. +So entbiet ich meinen Freunden meinen Sinn und Muth: +So kommen uns zu Lande viel Ritter edel und gut." + +Er sprach: "Wenn ihr gebietet, so laß ich es geschehn. 1456 +Ihr könntet eure Freunde nicht so gerne sehn, +Der edeln Ute Kinder, als ich sie sähe gern: +Es ist mir ein Kummer, daß sie so fremd uns sind und fern." + +Er sprach: "Wenn dirs gefiele, viel liebe Fraue mein, 1457 +Wollt ich als Boten senden zu den Freunden dein +Meine Fiedelspieler gen Burgundenland." +Die guten Spielleute ließ man bringen gleich zur Hand. + +Die Knappen kamen beide, wo sie den König sahn 1458 +Sitzen bei der Königin. Da sagt' er ihnen an, +Sie sollten Boten werden nach Burgundenland. +Auch ließ er ihnen schaffen reiches herrliches Gewand. + +Vierundzwanzig Recken schnitt man da das Kleid. 1459 +Ihnen ward auch von dem König gegeben der Bescheid, +Wie sie Gunthern laden sollten und Die ihm unterthan. +Frau Kriemhild mit ihnen geheim zu sprechen begann. + +Da sprach der reiche König: "Nun hört, wie ihr thut: 1460 +Ich entbiete meinen Freunden alles, was lieb und gut, +Daß sie geruhn zu reiten hieher in mein Land. +Ich habe noch gar selten so liebe Gäste gekannt. + +"Und wenn sie meinen Willen gesonnen sind zu thun, 1461 +Kriemhilds Verwandte, so mögen sie nicht ruhn +Und mir zu Liebe kommen zu meinem Hofgelag, +Da meiner Schwäger Freundschaft mich so sehr erfreuen mag." + +Da sprach der Fiedelspieler, der stolze Schwemmelein: 1462 +"Wann soll euer Gastgeber in diesen Landen sein? +Daß wirs euern Freunden am Rhein mögen sagen." +Da sprach der König Etzel: "In der nächsten Sonnenwende Tagen." + +"Wir thun, was ihr gebietet," sprach da Werbelein. 1463 +Kriemhild ließ die Boten zu ihrem Kämmerlein +Führen in der Stille und besprach mit ihnen da, +Wodurch noch manchem Degen bald wenig Liebes geschah. + +Sie sprach zu den Boten: "Ihr verdient groß Gut, 1464 +Wenn ihr besonnen meinen Willen thut +Und sagt, was ich entbiete heim in unser Land: +Ich mach euch reich an Gute und geb euch herrlich Gewand. + +"Wen ihr von meinen Freunden immer möget sehn 1465 +Zu Worms an dem Rheine, dem sollt ihrs nie gestehn, +Daß ihr mich immer sähet betrübt in meinem Muth; +Und entbietet meine Grüße diesen Helden kühn und gut. + +"Bittet sie zu leisten, was mein Gemahl entbot, 1466 +Und mich dadurch zu scheiden von all meiner Noth. +Ich scheine hier den Heunen freundlos zu sein. +Wenn ich ein Ritter hieße ich käme manchmal an den Rhein. + +"Und sagt auch Gernoten, dem edeln Bruder mein, 1467 +Daß ihm auf Erden Niemand holder möge sein: +Bittet, daß er mir bringe hierher in dieses Land +Unsre besten Freunde: so wird uns Ehre bekannt. + +"Sagt auch Geiselheren, ich mahn ihn daran, 1468 +Daß ich mit seinem Willen nie ein Leid gewann: +Drum sähn ihn hier im Lande gern die Augen mein; +Auch will ich all mein Leben ihm zu Dienst verpflichtet sein. + +"Sagt auch meiner Mutter, wie mir Ehre hier geschieht; 1469 +Und wenn von Tronje Hagen der Reise sich entzieht, +Wer ihnen zeigen solle die Straßen durch das Land? +Die Wege zu den Heunen sind von frühauf ihm bekannt." + +Nun wusten nicht die Boten, warum das möge sein, 1470 +Daß sie diesen Hagen von Tronje nicht am Rhein +Bleiben laßen sollten. Bald ward es ihnen leid: +Durch ihn war manchem Degen mit dem grimmen Tode gedräut. + +Botenbrief und Siegel ward ihnen nun gegeben; 1471 +Sie fuhren reich an Gute und mochten herrlich leben. +Urlaub gab ihnen Etzel und sein schönes Weib; +Ihnen war auch wohlgezieret mit guten Kleidern der Leib. + + * * * * * + + + + +Vierundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten. + + +Als Etzel seine Fiedler hin zum Rheine sandte, 1472 +Da flogen diese Mären von Lande zu Lande: +Mit schnellen Abgesandten bat er und entbot +Zu seinem Hofgelage; da holte Mancher sich den Tod. + +Die Boten ritten hinnen aus der Heunen Land 1473 +Zu den Burgunden, wohin man sie gesandt +Zu dreien edeln Königen und ihrer Mannen Heer: +Daß sie zu Etzeln kämen; da beeilten sie sich sehr. + +Zu Bechlaren ritten schon die Boten ein. 1474 +Ihnen diente man da gerne und ließ auch das nicht sein: +Ihre Grüße sandten Rüdger und Gotelind +Den Degen an dem Rheine und auch des Markgrafen Kind. + +Sie ließen ohne Gaben die Boten nicht hindann, 1475 +Daß desto sanfter führen Die Etzeln unterthan. +Uten und ihren Söhnen entbot da Rüdiger, +Ihnen so gewogen hätten sie keinen Markgrafen mehr. + +Sie entboten auch Brunhilden Alles, was lieb und gut, 1476 +Ihre stäte Treue und dienstbereiten Muth. +Da wollten nach der Rede die Boten weiter ziehn; +Gott bat sie zu bewahren Gotlind die edle Markgräfin. + +Eh noch die Boten völlig durchzogen Baierland, 1477 +Werbel der Schnelle den guten Bischof fand. +Was der da seinen Freunden hin an den Rhein entbot, +Davon hab ich nicht Kunde; jedoch sein Gold also roth + +Gab er den Boten milde. Als sie wollten ziehn, 1478 +"Sollt ich sie bei mir schauen," sprach Bischof Pilgerin, +"So wär mir wohl zu Muthe, die Schwestersöhne mein: +Ich mag leider selten zu ihnen kommen an den Rhein." + +Was sie für Wege fuhren zum Rhein durch das Land, 1479 +Kann ich euch nicht bescheiden. Ihr Gold und ihr Gewand +Blieb ihnen unbenommen; man scheute Etzels Zorn: +So gewaltig herrschte der edle König wohlgeborn. + +Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein, 1480 +Gen Worms in die Veste, Werbel und Schwemmelein. +Da sagte mans dem König und seinen Mannen an, +Es kämen fremde Boten; Gunther zu fragen begann. + +Da sprach der Vogt vom Rheine: "Wer macht uns bekannt, 1481 +Von wannen diese Gäste ritten in das Land?" +Davon wuste Niemand, bis die Boten sah +Hagen von Tronje: der begann zu Gunthern da: + +"Wir hören Neues heute, dafür will ich euch stehn: 1482 +Etzels Fiedelspieler die hab ich hier gesehn; +Die hat eure Schwester gesendet an den Rhein: +Ihres Herren Willen sollen sie uns willkommen sein." + +Sie ritten ohne Weilen zu dem Saal heran: 1483 +So herrlich fuhr wohl nimmer eines Fürsten Fiedelmann. +Des Königs Ingesinde empfieng sie gleich zur Hand; +Herberge gab man ihnen und bewahrte ihr Gewand. + +Ihre Reisekleider waren reich und so wohlgethan, 1484 +Sie mochten wohl mit Ehren sich so dem König nahn; +Doch wollten sie nicht länger sie dort am Hofe tragen. +"Ob Jemand sie begehre?" ließen da die Boten fragen. + +Da waren auch bedürftige Leute bei der Hand, 1485 +Die sie gerne nahmen: denen wurden sie gesandt. +Da schmückten mit Gewanden so reich die Gäste sich, +Wie es Königsboten herrlich stand und wonniglich. + +Da gieng mit Urlaube hin, wo der König saß 1486 +Etzels Ingesinde: gerne sah man das. +Herr Hagen gleich den Boten vom Sitz entgegen sprang, +Sie freundlich zu begrüßen: des sagten ihm die Knappen Dank. + +Da hub er um die Kunde sie zu befragen an, 1487 +Wie Etzel sich gehabe und Die ihm unterthan. +Da sprach der Fiedelspieler: "Nie beßer stands im Land, +Das Volk war niemals froher, das sei euch wahrlich bekannt." + +Er führte sie dem Wirthe zu; der Königssaal war voll: 1488 +Da empfieng man die Gäste, wie man immer soll +Boten freundlich grüßen in andrer Könge Land. +Werbel der Recken viel bei König Gunthern fand. + +Der König wohlgezogen zu grüßen sie begann: 1489 +"Willkommen, beide Fiedler, die Etzeln unterthan, +Mit euern Heergesellen: wozu hat euch gesandt +Etzel der reiche zu der Burgunden Land?" + +Sie neigten sich dem König. Da sprach Werbelein: 1490 +"Euch entbietet seine Dienste der liebe Herre mein +Und Kriemhild eure Schwester hieher in dieses Land: +Sie haben uns euch Recken auf gute Treue gesandt." + +Da sprach der reiche König: "Der Märe bin ich froh. 1491 +Wie gehabt sich Etzel," der Degen fragte so, +"Und Kriemhild meine Schwester in der Heunen Land?" +Da sprach der Fiedelspieler: "Das mach ich gern euch bekannt. + +"Beßer wohl gehabten sich Könge nirgend mehr 1492 +Und fröhlicher, das wißet, als die Fürsten hehr +Und ihre Degen alle, Freund und Untertan. +Sie freuten sich der Reise, da wir schieden hindann," + +"Nun Dank ihm für die Dienste, die er mir entbeut, 1493 +Ihm und meiner Schwester: gern erfahr ich heut, +Daß sie in Freuden leben, der König und sein Lehn; +Meine Frage war nach ihnen in großen Sorgen geschehn." + +Die beiden jungen Könige waren auch gekommen, 1494 +Die hatten diese Märe eben erst vernommen. +Geiselher der junge die Boten gerne sah +Aus Liebe zu der Schwester; gar minniglich sprach er da: + +"Ihr Boten sollt uns beide hochwillkommen sein; 1495 +Kämet ihr geritten nur öfter an den Rhein, +Ihr fändet hier der Freunde, die ihr gerne möchtet sehn. +Euch sollte hier zu Lande wenig Leides geschehn." + +"Wir versehn uns alles Guten zu euch," sprach Schwemmelein; 1496 +"Ich könnt euch nicht bedeuten mit den Worten mein, +Wie minnigliche Grüße euch Etzel hat gesandt +Und eure edle Schwester, die da in hohen Ehren stand. + +"An eure Lieb und Treue mahnt euch die Königin 1497 +Und daß ihr stäts gewogen war euer Herz und Sinn. +Zuvörderst euch, Herr König, sind wir hieher gesandt, +Daß ihr geruht zu reiten zu ihnen in der Heunen Land. + +"Es soll auch mit euch reiten euer Bruder Gernot. 1498 +Etzel der reiche euch Allen das entbot, +Wenn ihr nicht kommen wolltet, eure Schwester sehn, +So möcht er doch wohl wißen, was euch von ihm war geschehn, + +"Daß ihr ihn also meidet und auch sein Reich und Land. 1499 +Wär euch auch die Königin fremd und unbekannt, +So möcht er selbst verdienen, ihr kämet ihn zu sehn: +Wenn ihr das leisten wolltet, so wär ihm Liebes geschehn." + +Da sprach der König Gunther: "Nach der siebten Nacht 1500 +Will ich euch bescheiden, wes ich mich bedacht +Hab im Rath der Freunde; geht derweilen hin +Zu eurer Herberge und findet gute Ruh darin." + +Da sprach wieder Werbel: "Könnt es nicht geschehn, 1501 +Daß wir unsre Fraue, die reiche Ute, sehn, +Eh wir müden Degen fragten nach der Ruh?" +Da sprach wohlgezogen der edle Geiselher dazu: + +"Das soll euch Niemand wehren; wollt ihr vor sie gehn, 1502 +So ist auch meiner Mutter Will und Wunsch geschehn, +Denn sie sieht euch gerne um die Schwester mein, +Frau Kriemhilde: ihr sollt ihr willkommen sein." + +Geiselher sie brachte hin, wo er Uten fand. 1503 +Die sah die Boten gerne aus der Heunen Land +Und empfieng sie freundlich mit wohlgezognem Muth. +Da sagten ihr die Märe die Boten höfisch und gut. + +"Meine Frau läßt euch entbieten," sprach da Schwemmelein, 1504 +"Dienst und stäte Treue, und wenn es möchte sein, +Daß sie euch öfter sähe, so glaubet sicherlich, +Wohl keine andre Freude auf Erden wünschte sie sich." + +Da sprach die Königin Ute: "Dass kann nun nicht sein. 1505 +So gern ich öfter sähe die liebe Tochter mein, +So wohnt zu fern uns leider die edle Königin: +Nun geh ihr immer selig die Zeit mit Etzeln dahin. + +"Ihr sollt mich wißen laßen, eh ihr von hinnen müßt, 1506 +Wenn ihr reiten wollet; ich sah in langer Frist +Boten nicht so gerne, als ich euch gesehn." +Da gelobten ihr die Knappen, ihr Wille solle geschehn. + +Zu den Herbergen giengen Die von Heunenland. 1507 +Der reiche König hatte die Freunde nun besandt. +Gunther der edle fragte Mann für Mann, +Was sie darüber dächten? Wohl Manche huben da an, + +Er möge wohl reiten in König Etzels Land. 1508 +Das riethen ihm die Besten, die er darunter fand. +Hagen nur alleine, dem war es grimmig leid. +Zum König sprach er heimlich: "Mit euch selbst seid ihr im Streit. + +Ihr habt doch nicht vergeßen, was ihr von uns geschehn: 1509 +Vor Kriemhilden müßen wir stäts in Sorge stehn. +Ich schlug ihr zu Tode den Mann mit meiner Hand: +Wie dürften wir wohl reiten hin in König Etzels Land?" + +Da sprach der reiche König: "Meiner Schwester Zürnen schwand. 1510 +Mit minniglichem Kusse, eh sie verließ dieß Land, +Hat sie uns verziehen, was wir an ihr gethan, +Es wäre denn, sie stände bei euch, Herr Hagen, noch an." + +"Nun laßt euch nicht betrügen," sprach Hagen, "was auch sagen 1511 +Diese Heunenboten: wollt ihrs mit Kriemhild wagen, +Da verliert ihr zu der Ehre Leben leicht und Leib: +Sie weiß wohl nachzutragen, dem König Etzel sein Weib!" + +Da sprach vor dem Rathe der König Gernot: 1512 +"Ihr mögt aus guten Gründen fürchten dort den Tod +In heunischen Reichen; ständen wir drum an +Und mieden unsre Schwester, das wär übel gethan." + +Da sprach zu dem Degen der junge Geiselher: 1513 +"Da ihr euch, Freund Hagen, schuldig wißt so sehr, +So bleibt hier im Lande, euer Heil zu weisen; +Nur laßt, die sichs getrauen, mit uns zu den Heunen fahren." + +Darob begann zu zürnen von Tronje der Held: 1514 +"Ich will nicht, daß euch Jemand sei bei der Fahrt gesellt, +Der an den Hof zu reiten sich mehr getraut als ich: +Wollt ihrs nicht bleiben laßen, ich beweis' es euch sicherlich." + +Da sprach der Küchenmeister Rumold der Degen: 1515 +"Der Heimischen und Fremden mögt ihr zu Hause pflegen +Nach euerm Wohlgefallen: da habt ihr vollen Rath; +Ich glaube nicht, daß Hagen euch noch je vergeiselt hat. + +"Wollt ihr nicht Hagen folgen, so räth euch Rumold, 1516 +Der ich euch dienstlich gewogen bin und hold, +Daß ihr im Lande bleibet nach dem Willen mein +Und laßt den König Etzel dort bei Kriemhilden sein. + +"Wo könntet ihr auf Erden so gut als hier gedeihn? 1517 +Ihr mögt vor euern Feinden daheim geborgen sein, +Ihr sollt mit guten Kleidern zieren euern Leib, +Des besten Weines trinken und minnen manches schöne Weib. + +"Dazu giebt man euch Speise, so gut sie in der Welt 1518 +Ein König mag gewinnen. Euer Land ist wohl bestellt: +Der Hochzeit Etzels mögt ihr euch mit Ehren wohl begeben +Und hier mit euern Freunden in guter Kurzweile leben. + +"Und hättet ihr nichts Anderes davon zu zehren hier, 1519 +Ich gab euch Eine Speise die Fülle für und für, +In Oel gesottne Schnitten. Das ist, was Rumold räth, +Da es gar so ängstlich, ihr Herrn, dort bei den Heunen steht. + +"Hold wird euch Frau Kriemhild doch nimmer, glaubet mir; 1520 +Auch habt ihr und Hagen es nicht verdient an ihr. +Und wollt ihr nicht verbleiben, wer weiß, wie ihrs beklagt: +Ihr werdets noch erkennen, ich hab euch Wahrheit gesagt. + +"Drum rath ich euch zu bleiben. Reich ist euer Land: 1521 +Ihr könnt hier beßer lösen, was ihr gabt zu Pfand, +Als dort bei den Heunen: wer weiß, wie es da steht? +Verbleibt hier, ihr Herren: das ist, was Rumold euch rath." + +"Wir wollen nun nicht bleiben," sprach da Gernot. 1522 +"Da es meine Schwester so freundlich uns entbot +Und Etzel der reiche, was führen wir nicht hin? +Die nicht mit uns wollen, mögen bleiben immerhin." + +"In Treuen," sprach da Rumold, "ich will der Eine sein, 1523 +Der um Etzels Hofgelag kommt nimmer überrhein. +Wie setzt' ich wohl das Beßre aufs Spiel, das ich gewann? +Ich will mich selbst so lange am Leben laßen, als ich kann." + +"So denk ichs auch zu reiten," sprach Ortwein der Degen: 1524 +"Ich will der Geschäfte zu Hause mit euch pflegen." +Da sprachen ihrer Viele, sie wollten auch nicht fahren: +"Gott woll euch, liebe Herren, bei den Heunen wohl bewahren." + +Der König Gunther zürnte, als er ward gewahr, 1525 +Sie wollten dort verbleiben, der Ruhe willen zwar: +"Wir wollens drum nicht laßen, wir müßen an die Fahrt; +Der waltet guter Sinne, der sich allezeit bewahrt." + +Zur Antwort gab da Hagen: "Laßt euch zum Verdruß 1526 +Meine Rede nicht gereichen: was auch geschehen muß, +Das rath ich euch in Treuen, wenn ihr euch gern bewahrt, +Daß ihr nur wohlgerüstet zu dem Heunenlande fahrt. + +"Wenn ihrs euch unterwindet, so entbietet euer Heer, 1527 +Die Besten, die ihr findet und irgend wißt umher, +Aus ihnen Allen wähl ich dann tausend Ritter gut: +So mag euch nicht gefährden der argen Kriemhilde Muth." + +"Dem Rathe will ich folgen," sprach der König gleich. 1528 +Da sandt er seine Boten umher in seinem Reich. +Bald brachte man der Helden dreitausend oder mehr. +Sie dachten nicht zu finden so großes Leid und Beschwer. + +Sie ritten hohes Muthes durch König Gunthers Land. 1529 +Sie verhießen Allen Ross' und Gewand, +Die ihnen geben wollten zum Heunenland Geleit. +Da fand viel gute Ritter der König zu der Fahrt bereit. + +Da ließ von Tronje Hagen Dankwart den Bruder sein 1530 +Achtzig ihrer Recken führen an den Rhein. +Sie kamen stolz gezogen; Harnisch und Gewand +Brachten viel die schnellen König Gunthern in das Land. + +Da kam der kühne Volker, ein edler Spielmann, 1531 +Mit dreißig seiner Degen zu der Fahrt heran. +Ihr Gewand war herrlich, ein König mocht es tragen. +Er wollte zu den Heunen, ließ er dem Könige sagen. + +Wer Volker sei gewesen, das sei euch kund gethan. 1532 +Es war ein edler Herre; ihm waren unterthan +Viel der guten Recken in Burgundenland; +Weil er fiedeln konnte, war er der Spielmann genannt. + +Hagen wählte tausend, die waren ihm bekannt; 1533 +Was sie in starken Stürmen gefrommt mit ihrer Hand +Und sonst begangen hatten, das hatt er oft gesehn: +Auch alle Andern musten ihnen Ehre zugestehn. + +Die Boten Kriemhildens der Aufenthalt verdroß; 1534 +Die Furcht vor ihrem Herren war gewaltig groß: +Sie hielten alle Tage um den Urlaub an. +Den gönnt' ihnen Hagen nicht: das ward aus Vorsicht gethan. + +Er sprach zu seinem Herren: "Wir wollen uns bewahren, 1535 +Daß wir sie reiten laßen, bevor wir selber fahren +Sieben Tage später in König Etzels Land: +Trägt man uns argen Willen, das wird so beßer gewandt. + +"So mag sich auch Frau Kriemhild bereiten nicht dazu, 1536 +Daß uns nach ihrem Rathe Jemand Schaden thu. +Will sie es doch versuchen, so fährt sie übel an: +Wir führen zu den Herren manchen auserwählten Mann." + +Die Sättel und die Schilde und all ihr Gewand, 1537 +Das sie führen wollten in König Etzels Land, +War nun bereit und fertig für manchen kühnen Mann. +Etzels Spielleute rief man zu Gunthern heran. + +Da die Boten kamen, begann Herr Gernot: 1538 +"Der König will leisten, was Etzel uns entbot. +Wir wollen gerne kommen zu seiner Lustbarkeit +Und unsre Schwester sehen; daß ihr des außer Zweifel seid." + +Da sprach der König Gunther: "Wißt ihr uns zu sagen, 1539 +Wann das Fest beginnt, oder zu welchen Tagen +Wir erwartet werden?" Da sprach Schwemmelein: +"Zur nächsten Sonnenwende da soll es in Wahrheit sein." + +Der König erlaubte das, war noch nicht geschehn, 1540 +Wenn sie Frau Brunhilden wünschten noch zu sehn, +Daß sie mit seinem Willen sprächen bei ihr an. +Dem widerstrebte Volker: da war ihr Liebes gethan. + +"Es ist ja Frau Brunhild nun nicht so wohlgemuth, 1541 +Daß ihr sie schauen möchtet," sprach der Ritter gut. +"Wartet bis morgen, so läßt man sie euch sehn." +Sie wähnten sie zu schauen, da konnt es doch nicht geschehn. + +Da ließ der reiche König, er war den Boten hold, 1542 +Aus eigner hoher Milde daher von seinem Gold +Auf breiten Schilden bringen; wohl war er reich daran. +Ihnen ward auch reiche Schenkung von seinen Freunden gethan. + +Geiselher und Gernot, Gere und Ortewein, 1543 +Wie sie auch milde waren, das leuchtete wohl ein: +So reiche Gaben boten sie den Boten an, +Daß sie's vor ihrem Herren nicht getrauten zu empfahn. + +Da sprach zu dem König der Bote Werbelein: 1544 +"Herr König, laßt die Gaben nur hier im Lande sein. +Wir könnens nicht verführen, weil uns der Herr verbot, +Daß wir Geschenke nähmen: auch thut es uns wenig Noth." + +Da ward der Vogt vom Rheine darüber ungemuth, 1545 +Daß sie verschmähen wollten so reichen Königs Gut. +Da musten sie empfahen sein Gold und sein Gewand, +Daß sie es mit sich führten heim in König Etzels Land. + +Sie wollten Ute schauen vor ihrer Wiederkehr. 1546 +Die Spielleute brachte der junge Geiselher +Zu Hof vor seine Mutter; sie entbot der Königin, +Wenn man ihr Ehre biete, so bedünk es sie Gewinn. + +Da ließ die Königswitwe ihre Borten und ihr Gold 1547 +Vertheilen um Kriemhildens, denn der war sie hold, +Und König Etzels Willen an das Botenpaar. +Sie mochtens wohl empfahen: getreulich bot sie es dar. + +Urlaub genommen hatten nun von Weib und Mann 1548 +Die Boten Kriemhildens; sie fuhren froh hindann +Bis zum Schwabenlande: dahin ließ Gernot +Seine Helden sie begleiten, daß sie nirgend litten Noth. + +Als die von ihnen schieden, die sie sollten pflegen, 1549 +Gab ihnen Etzels Herschaft Frieden auf den Wegen, +Daß ihnen Niemand raubte ihr Ross noch ihr Gewand. +Sie ritten sehr in Eile wieder in der Heunen Land. + +Wo sie Freunde wusten, da machten sie es kund, 1550 +In wenig Tagen kämen die Helden von Burgund +Vom Rhein hergezogen in der Heunen Land. +Pilgerin, dem Bischof, ward auch die Märe bekannt. + +Als sie vor Bechlaren die Straße niederzogen, 1551 +Da ward um die Märe Rüdger nicht betrogen, +Noch Frau Gotelinde, die Markgräfin hehr. +Daß sie sie schauen sollten, des freuten beide sich sehr. + +Die Spielleute spornten die Rosse mächtig an. 1552 +Sie sanden König Etzeln in seiner Stadt zu Gran, +Gruß über Grüße, die man ihm her entbot, +Brachten sie dem Könige: vor Liebe ward er freudenroth. + +Als Kriemhild der Königin die Märe ward bekannt, 1553 +Ihre Brüder wollten kommen in ihr Land, +Da ward ihr wohl zu Muthe: sie gab den Boten Lohn +Mit reichlichen Geschenken; sie hatte Ehre davon. + +Sie sprach: "Nun sagt mir beide, Werbel und Schwemmelein, 1554 +Wer will von meinen Freunden beim Hofgelage sein, +Von den höchsten, die wir luden hieher in dieses Land? +Sagt an, was sprach wohl Hagen, als ihm die Mähre ward bekannt?" + +"Er kam zu ihrem Rathe an einem Morgen fruh; 1555 +Wenig gute Sprüche redet' er dazu, +Als sie die Fahrt gelobten nach dem Heunenland: +Die hat der grimme Hagen die Todesreise genannt. + +"Es kommen eure Brüder, die Könge alle drei, 1556 +In herrlichem Muthe. Wer mehr mit ihnen sei, +Darüber ich des Weitern euch nicht bescheiden kann. +Es will mit ihnen reiten Volker der kühne Fiedelmann." + +"Des mag ich leicht entbehren," sprach die Königin, 1557 +"Daß ich auch Volkern sähe her zu Hofe ziehn; +Hagen bin ich gewogen, der ist ein Degen gut: +Daß wir ihn schauen sollen, des hab ich fröhlichen Muth." + +Hin gieng die Königstochter, wo sie den König sah. 1558 +Wie ininnigliche Worte sprach Frau Kriemhild da: +"Wie gefallen euch die Mären, viel lieber Herre mein? +Wes mich je verlangte, das soll nun bald vollendet sein." + +"Dein Will ist meine Freude," der König sprach da so: 1559 +"Ich wär der eignen Freunde nicht so von Herzen froh, +Wenn sie kommen sollten hieher in unser Land. +Durch deiner Freunde Liebe viel meiner Sorge verschwand." + +Des Königs Amtleute befahlen überall 1560 +Mit Gestühl zu schmücken Pallas und Saal +Für die lieben Gäste, die da sollten kommen. +Durch die ward bald dem König viel hoher Freude benommen. + + * * * * * + + + + +Fünfundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie die Könige zu den Heunen fuhren. + + +Wie man dort gebarte, vernahmt ihr nun genug. 1561 +Wohl kamen nie gefahren in solchem stolzen Zug +So hochgemuthe Degen in eines Königs Land; +Sie hatten, was sie wollten, beides, Waffen und Gewand. + +Der Vogt vom Rheine kleidete aus seinem Heergeleit 1562 +Der Degen tausend sechzig, so gab man uns Bescheid, +Und neuntausend Knechte zu dem Hofgelag; +Die sie zu Hause ließen, beweinten es wohl hernach. + +Da trug man ihr Geräthe zu Worms übern Hof. 1563 +Wohl sprach da von Speier ein alter Bischof +Zu der schönen Ute: "Unsre Freunde wollen fahren +Zu dem Gastgebote: möge Gott sie da bewahren." + +Da sprach zu ihren Söhnen Ute, die Fraue gut: 1564 +"Ihr solltet hier verbleiben, Helden hochgemuth. +Geträumt hat mir heute von ängstlicher Noth, +Wie all das Gevögel in diesem Lande wäre todt." + +"Wer sich an Träume wendet," sprach dawider Hagen, 1565 +"Der weiß noch die rechte Kunde nicht zu sagen, +Wie es mög am Besten um seine Ehre stehn: +Es mag mein Herr nur immer mit Urlaub hin zu Hofe gehn. + +"Wir wollen gerne reiten in König Etzels Land: 1566 +Da mag wohl Köngen dienen guter Helden Hand, +So wir da schauen sollen Kriemhildens Hochzeit." +Hagen rieth die Reise; doch ward es später ihm leid. + +Er hätt es widerrathen, nur daß Gernot 1567 +Mit ungefügen Reden ihm Spott entgegenbot. +Er mahnt' ihn an Siegfried, Frau Kriemhildens Mann: +Er sprach: "Darum steht Hagen die große Reise nicht an." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Nicht Furcht ist's, daß ich's thu. 1568 +Gebietet ihr es, Helden, so greift immer zu: +Gern will ich mit euch reiten in König Etzels Land." +Bald ward von ihm zerhauen mancher Helm und Schildesrand. + +Die Schiffe standen fertig zu fahren überrhein; 1569 +Was sie an Kleidern hatten, trugen sie darein. +Sie fanden viel zu schaffen bis zur Abendzeit; +Sie huben sich von Hause zur Reise freudig bereit. + +Sie schlugen auf im Grase sich Hütten und Gezelt 1570 +Jenseits des Rheines, wo das Lager war bestellt. +Da bat noch zu verweilen Gunthern sein schönes Weib; +Sie herzte nachts noch einmal des Mannes waidlichen Leib. + +Flöten und Posaunen erschollen morgens fruh 1571 +Den Aufbruch anzukündigen: da griff man bald dazu. +Wem Liebes lag im Arme, herzte des Freundes Leib; +Mit Leid trennte Viele des König Etzel Weib. + +Der schönen Ute Söhne die hatten einen Mann, 1572 +Der kühn war und bieder; als man die Fahrt begann, +Sprach er zu dem Könige geheim nach seinem Muth. +Er sprach: "Ich muß wohl trauern, daß ihr die Hofreise thut." + +Er war geheißen Rumold, ein Degen auserkannt. 1573 +Er sprach: "Wem wollt ihr laßen Leute nun und Land? +Daß Niemand doch euch Recken wenden mag den Muth! +Die Mären Kriemhildens dauchten mich niemals gut." + +"Das Land sei dir befohlen und auch mein Söhnelein; 1574 +Und diene wohl den Frauen: das ist der Wille mein. +Wen du weinen siehest, dem tröste Herz und Sinn; +Es wird uns nichts zu Leide Kriemhild thun, die Königin." + +Eh man schied von dannen, berieth der König hehr 1575 +Sich mit den höchsten Mannen; er ließ nicht ohne Wehr +Das Land und die Burgen: die ihrer sollten pflegen, +Zum Schutze ließ er denen manchen auserwählten Degen. + +Die Rosse standen aufgezäumt den Mannen wie den Herrn: 1576 +Mit minniglichem Kusse zog da Mancher fern, +Dem noch in hohem Muthe lebte Seel und Leib; +Das muste bald beweinen manches waidliche Weib. + +Wehruf und Weinen hörte man genug; 1577 +Auf dem Arm die Königin ihr Kind dem König trug: +"Wie wollt ihr so verwaisen uns beide auf ein Mal? +Verbleibet uns zu Liebe," sprach sein jammerreich Gemahl. + +"Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein, 1578 +Ihr mögt hier ohne Sorgen in hohem Muthe sein: +Wir kommen bald euch wieder mit Freuden wohl gesund." +Sie schieden von den Freunden minniglich zur selben Stund. + +Als man die schnellen Recken sah zu den Rossen gehn, 1579 +Fand man viel der Frauen in hoher Trauer stehn. +Daß sie auf ewig schieden, sagt' ihnen wohl der Muth: +Zu großem Schaden kommen, das thut Niemanden gut. + +Die schnellen Burgunden begannen ihren Zug. 1580 +Da ward in dem Lande das Treiben groß genug; +Beiderseits des Rheines weinte Weib und Mann. +Wie auch das Volk gebarte, sie fuhren fröhlich hindann. + +Niblungens Helden zogen mit ihnen aus 1581 +In tausend Halsbergen: die hatten dort zu Haus +Viel schöne Fraun gelaßen und sahn sie nimmermehr. +Siegfriedens Wunden die schmerzten Kriemhilden sehr. + +Nur schwach in jenen Zeiten war der Glaube noch: 1582 +Es sang ihnen Messe ein Kaplan jedoch: +Der kam gesund zurücke, obwohl aus großer Noth; +Die andern blieben alle dort im Heunenlande todt. + +Da lenkten mit der Reise auf den Mainstrom an 1583 +Hinauf durch Ostfranken Die Gunthern unterthan. +Hagen war ihr Führer, der war da wohlbekannt. +Ihr Marschall war Dankwart, der Held von Burgundenland. + +Da sie von Ostfranken durch Schwalefelde ritten, 1584 +Da konnte man sie kennen an den herrlichen Sitten, +Die Fürsten und die Freunde, die Helden lobesam. +An dem zwölften Morgen der König an die Donau kam. + +Da ritt von Tronje Hagen den andern all zuvor: 1585 +Er hielt den Nibelungen zumal den Muth empor. +Bald sprang der kühne Degen nieder auf den Strand, +Wo er sein Ross in Eile fest an einem Baume band. + +Die Flut war ausgetreten, die Schifflein verborgen: 1586 +Die Nibelungen kamen da in große Sorgen, +Wie sie hinüber sollten: das Wasser war zu breit. +Da schwang sich zur Erde mancher Ritter allbereit. + +"Uebel," sprach da Hagen, "mag dir wohl hier geschehn, 1587 +König an dem Rheine; du magst es selber sehn: +Das Wasser ist ergoßen, zu stark ist seine Flut: +Ich fürchte, wir verlieren noch heute manchen Recken gut." + +"Hagen, was verweist ihr mir?" sprach der König hehr, 1588 +"Um eurer Hofzucht willen erschreckt uns nicht noch mehr. +Ihr sollt die Furt uns suchen hinüber an das Land, +Daß wir von hinnen bringen beides, Ross' und Gewand." + +"Mir ist ja noch," sprach Hagen, "mein Leben nicht so leid, 1589 +Daß ich mich möcht ertränken in diesen Wellen breit: +Erst soll von meinen Händen ersterben mancher Mann +In König Etzels Landen, wozu ich gute Lust gewann. + +"Bleibet bei dem Wasser, ihr stolzen Ritter gut. 1590 +So geh ich und suche die Fergen bei der Flut, +Die uns hinüber bringen in Gelfratens Land." +Da nahm der kühne Hagen seinen festen Schildesrand. + +Er war wohl bewaffnet: den Schild er bei sich trug; 1591 +Sein Helm war aufgebunden und glänzte hell genug. +Ueberm Harnisch führt' er eine breite Waffe mit, +Die an beiden Schärfen aufs allergrimmigste schnitt. + +Er suchte hin und wieder nach einem Schiffersmann. 1592 +Da hört' er Wasser rauschen; zu lauschen hub er an. +In einem schönen Brunnen that das manch weises Weib: +Die gedachten da im Bade sich zu kühlen den Leib. + +Hagen ward ihrer inne, da schlich er leis heran; 1593 +Sie eilten schnell von hinnen, als sie den Helden sahn. +Daß sie ihm entrannen, des freuten sie sich sehr. +Da nahm er ihre Kleider und schadet' ihnen nicht mehr. + +Da sprach das eine Meerweib, Hadburg war sie genannt: 1594 +"Hagen, edler Ritter, wir machen euch bekannt, +Wenn ihr uns dagegen die Kleider wiedergebt, +Was ihr auf dieser Reise bei den Heunen erlebt." + +Sie schwammen wie die Vögel schwebend auf der Flut. 1595 +Da daucht ihn ihr Wißen von den Dingen gut: +So glaubt' er um so lieber, was sie ihm wollten sagen. +Sie beschieden ihn darüber, was er begann sie zu fragen. + +Sie sprach: "Ihr mögt wohl reiten in König Etzels Land: 1596 +Ich setz euch meine Treue dafür zum Unterpfand: +Niemals fuhren Helden noch in ein fremdes Reich +Zu so hohen Ehren: in Wahrheit, ich sag es euch." + +Der Rede war da Hagen im Herzen froh und hehr! 1597 +Die Kleider gab man ihnen und säumte sich nicht mehr. +Als sie umgezogen ihr wunderbar Gewand, +Vernahm er erst die Wahrheit von der Fahrt in Etzels Land. + +Da sprach das andre Meerweib mit Namen Siegelind: 1598 +"Ich will dich warnen, Hagen, Aldrianens Kind. +Meine Muhme hat dich der Kleider halb belogen: +Und kommst du zu den Heunen, so bist du übel betrogen. + +"Wieder umzukehren, wohl wär es an der Zeit, 1599 +Dieweil ihr kühnen Helden also geladen seid, +Daß ihr müßt ersterben in der Heunen Land: +Wer da hinreitet, der hat den Tod an der Hand." + +Da sprach aber Hagen: "Ihr trügt mich ohne Noth: 1600 +Wie sollte das sich fügen, daß wir alle todt +Blieben bei dem Hofgelag durch Jemandes Groll?" +Da sagten sie dem Degen die Märe deutlich und voll. + +Da sprach die Eine wieder: "Es muß nun so geschehn, 1601 +Keiner wird von euch allen die Heimat wiedersehn +Als der Kaplan des Königs: das ist uns wohlbekannt, +Der kommt geborgen wieder heim in König Gunthers Land." + +Ingrimmen Muthes sprach der kühne Hagen: 1602 +"Das ließen meine Herren schwerlich sich sagen, +Wir verlören bei den Heunen Leben all und Leib; +Nun zeig uns übers Wasser, allerweisestes Weib." + +Sie sprach: "Willst du nicht anders und soll die Fahrt geschehn, 1603 +So siehst du überm Wasser eine Herberge stehn: +Darin ist ein Ferge und sonst nicht nah noch fern." +Weiter nachzufragen, des begab er nun sich gern. + +Dem unmuthsvollen Recken rief noch die Eine nach: 1604 +"Nun wartet, Herr Hagen, euch ist auch gar zu jach; +Vernehmt noch erst die Kunde, wie ihr kommt durchs Land. +Der Herr dieser Marke der ist Else genannt. + +"Sein Bruder ist geheißen Gelfrat der Held, 1605 +Ein Herr im Baierlande: nicht so leicht es hält, +Wollt ihr durch seine Marke: ihr mögt euch wohl bewahren +Und sollt auch mit dem Fergen gar bescheidentlich verfahren. + +"Der ist so grimmes Muthes, er läßt euch nicht gedeihn, 1606 +Wollt ihr nicht verständig bei dem Helden sein. +Soll er euch überholen, so bietet ihm den Sold; +Er hütet dieses Landes und ist Gelfraten hold. + +"Und kommt er nicht bei Zeiten, so ruft über Flut 1607 +Und sagt, ihr heißet Amelrich; das war ein Degen gut, +Der seiner Feinde willen räumte dieses Land: +So wird der Fährmann kommen, wird ihm der Name genannt." + +Der übermüthge Hagen dankte den Frauen hehr 1608 +Des Raths und der Lehre; kein Wörtlein sprach er mehr. +Dann gieng er bei dem Wasser hinauf an dem Strand, +Wo er auf jener Seite eine Herberge fand. + +Laut begann zu rufen der Degen über Flut: 1609 +"Nun hol mich über, Ferge," sprach der Degen gut, +"So geb ich dir zum Lohne eine Spange goldesroth; +Mir thut das Ueberfahren, das wiße, wahrhaftig Noth." + +Es brauchte nicht zu dienen der reiche Schiffersmann, 1610 +Lohn nahm er selten von Jemandem an; +Auch waren seine Knechte zumal von stolzem Muth. +Noch immer stand Hagen dießseits allein bei der Flut. + +Da rief er so gewaltig, der ganze Strom erscholl 1611 +Von des Helden Stärke, die war so groß und voll: +"Mich Amelrich hol über; ich bin es, Elses Mann, +Der vor starker Feindschaft aus diesen Landen entrann." + +Hoch an seinem Schwerte er ihm die Spange bot, 1612 +Die war schön und glänzte von lichtem Golde roth, +Daß er ihn überbrächte in Gelfratens Land. +Der übermüthge Ferge nahm selbst das Ruder an die Hand. + +Auch hatte dieser Ferge habsüchtgen Sinn: 1613 +Die Gier nach großem Gute bringt endlich Ungewinn; +Er dachte zu verdienen Hagens Gold so roth, +Da litt er von dem Degen hier den schwertgrimmen Tod. + +Der Ferge zog gewaltig hinüber an den Strand. 1614 +Welcher ihm genannt war, als er den nicht fand, +Da hub er an zu zürnen: als er Hagen sah, +Mit grimmem Ungestüme zu dem Helden sprach er da: + +"Ihr mögt wohl sein geheißen mit Namen Amelrich; 1615 +Doch seht ihr dem nicht ähnlich, des ich versehen mich. +Von Vater und von Mutter war er der Bruder mein: +Nun ihr mich betrogen habt, so müßt ihr dießhalben sein." + +"Nein! um Gotteswillen," sprach Hagen dagegen. 1616 +"Ich bin ein fremder Recke, besorgt um andre Degen. +So nehmet denn freundlich hin meinen Sold +Und fahrt uns hinüber: ich bin euch wahrhaftig hold." + +Da sprach der Ferge wieder: "Das kann einmal nicht sein. 1617 +Viel der Feinde haben die lieben Herren mein. +Drum fahr ich keinen Fremden hinüber in ihr Land: +Wenn euch das Leben lieb ist, so tretet aus an den Strand." + +"Das thu ich nicht," sprach Hagen, "traurig ist mein Muth. 1618 +Nehmt zum Gedächtniß die goldne Spange gut +Und fahrt uns über, tausend Ross' und auch so manchen Mann." +Da sprach der grimme Ferge: "Das wird nimmer gethan." + +Er hob ein starkes Ruder, mächtig und breit, 1619 +Und schlug es auf Hagen (es ward ihm später leid), +Daß er im Schiffe nieder strauchelt' auf die Knie. +Solchen grimmen Fergen fand der von Tronje noch nie. + +Noch stärker zu erzürnen den kühnen Fremdling, schwang 1620 +Er seine Ruderstange, daß sie gar zersprang, +Auf das Haupt dem Hagen; er war ein starker Mann: +Davon Elses Ferge bald großen Schaden gewann. + +Mit grimmigem Muthe griff Hagen gleich zur Hand 1621 +Zur Seite nach der Scheide, wo er ein Waffen fand: +Er schlug das Haupt ihm nieder und warf es auf den Grund. +Bald wurden diese Mären den stolzen Burgunden kund. + +Im selben Augenblicke, als er den Fährmann schlug, 1622 +Glitt das Schiff zur Strömung; das war ihm leid genug. +Eh er es richten konnte, fiel ihn Ermüdung an: +Da zog am Ruder kräftig König Gunthers Unterthan. + +Er versucht' es umzukehren mit manchem schnellen Schlag, 1623 +Bis ihm das starke Ruder in der Hand zerbrach. +Er wollte zu den Recken sich wenden an den Strand; +Da hatt er keines weiter: wie bald er es zusammen band + +Mit seinem Schildriemen, einer Borte schmal. 1624 +Hin zu einem Walde wandt er das Schiff zu Thal. +Da fand er seinen Herren sein harren an dem Strand; +Es giengen ihm entgegen viel der Degen auserkannt. + +Mit Gruß ihn wohl empfiengen die edeln Ritter gut: 1625 +Sie sahen in dem Schiffe rauchen noch das Blut +Von einer starken Wunde, die er dem Fergen schlug: +Darüber muste Hagen fragen hören genug. + +Als der König Gunther das heiße Blut ersah 1626 +In dem Schiffe schweben, wie bald sprach er da: +"Wo ist denn, Herr Hagen, der Fährmann hingekommen? +Eure starken Kräfte haben ihm wohl das Leben benommen." + +Da sprach er mit Verläugnen: "Als ich das Schifflein fand 1627 +Bei einer wilden Weide, da löst' es meine Hand. +Ich habe keinen Fergen heute hier gesehn; +Leid ist auch Niemand von meinen Händen geschehn." + +Da sprach von Burgunden der König Gernot: 1628 +"Heute muß ich bangen um lieber Freunde Tod, +Da wir keinen Schiffmann hier am Strome sehn: +Wie wir hinüber kommen, darob muß ich in Sorgen stehn." + +Laut rief da Hagen: "Legt auf den Boden her, 1629 +Ihr Knechte, das Geräthe: ich gedenke, daß ich mehr +Der allerbeste Ferge war, den man am Rheine fand: +Ich bring euch hinüber gar wohl in Gelfratens Land." + +Daß sie desto schneller kämen über Flut, 1630 +Trieb man hinein die Mähren; ihr Schwimmen ward so gut, +Daß ihnen auch nicht eines der starke Strom benahm. +Einige trieben ferner, als sie Ermüdung überkam. + +Sie trugen zu dem Schiffe ihr Gut und ihre Wehr, 1631 +Nun einmal ihre Reise nicht zu vermeiden mehr. +Hagen fuhr sie über; da bracht er an den Strand +Manchen zieren Recken in das unbekannte Land. + +Zum ersten fuhr er über tausend Ritter hehr 1632 +Und seine sechzig Degen; dann kamen ihrer mehr: +Neuntausend Knechte, die bracht er an das Land. +Des Tags war unmüßig des kühnen Tronejers Hand. + +Das Schiff war ungefüge, stark und weit genug: 1633 +Fünfhundert oder drüber es leicht auf einmal trug +Ihres Volks mit Speise und Waffen über Flut: +Am Ruder muste ziehen des Tages mancher Ritter gut. + +Da er sie wohlgeborgen über Flut gebracht, 1634 +Da war der fremden Märe der schnelle Held bedacht, +Die ihm verkündet hatte das wilde Meerweib: +Dem Kaplan des Königs gieng es da schier an Leben und Leib. + +Bei seinem Weihgeräthe er den Pfaffen fand, 1635 +Auf dem Heiligthume sich stützend mit der Hand: +Das kam ihm nicht zu Gute, als Hagen ihn ersah; +Der unglückselge Priester, viel Beschwerde litt er da. + +Er schwang ihn aus dem Schiffe mit jäher Gewalt. 1636 +Da riefen ihrer Viele: "Halt, Hagen, halt!" +Geiselher der junge hub zu zürnen an; +Er wollt es doch nicht laßen, bis er ihm Leides gethan. + +Da sprach von Burgunden der König Gernot: 1637 +"Was hilft euch wohl, Herr Hagen, des Kaplanes Tod? +Thät dieß anders Jemand, es sollt ihm werden leid. +Was verschuldete der Priester, daß ihr so wider ihn seid?" + +Der Pfaffe schwamm nach Kräften: er hoffte zu entgehn, 1638 +Wenn ihm nur Jemand hülfe: das konnte nicht geschehn, +Denn der starke Hagen, gar zornig war sein Muth, +Stieß ihn zu Grunde wieder; das dauchte Niemanden gut. + +Als der arme Pfaffe hier keine Hülfe sah, 1639 +Da wandt er sich ans Ufer; Beschwerde litt er da. +Ob er nicht schwimmen konnte, doch half ihm Gottes Hand, +Daß er wohlgeborgen hinwieder kam an den Strand. + +Da stand der arme Priester und schüttelte sein Kleid. 1640 +Daran erkannte Hagen, ihm habe Wahrheit, +Unmeidliche, verkündet das wilde Meerweib. +Er dachte: "Diese Degen verlieren Leben und Leib." + +Als sie das Schiff entladen und ans Gestad geschafft, 1641 +Was darauf beseßen der Könge Ritterschaft, +Schlug Hagen es in Stücke und warf es in die Flut; +Das wunderte gewaltig die Recken edel und gut. + +"Bruder, warum thut ihr das?" sprach da Dankwart, 1642 +"Wie sollen wir hinüber bei unsrer Wiederfahrt, +Wenn wir von den Heunen reiten an den Rhein?" +Hernach sagt' ihm Hagen, das könne nimmermehr sein. + +Da sprach der Held von Tronje: "Ich thats mit Wohlbedacht: 1643 +Haben wir einen Feigen in dieses Land gebracht, +Der uns entrinnen möchte in seines Herzens Noth, +Der muß an diesen Wogen leiden schmählichen Tod." + +Sie führten bei sich Einen aus Burgundenland, 1644 +Der ein gar behender Held und Volker ward genannt. +Der redete da launig nach seinem kühnen Muth: +Was Hagen je begangen, den Fiedler dauchte das gut. + +Als der Kaplan des Königs das Schiff zerschlagen sah, 1645 +Ueber das Wasser zu Hagen sprach er da: +"Ihr Mörder ohne Treue, was hatt ich euch gethan, +Daß mich unschuldgen Pfaffen eur Herz zu ertranken sann?" + +Zur Antwort gab ihm Hagen: "Die Rede laßt beiseit: 1646 +Mich kümmert, meiner Treue, daß ihr entkommen seid +Hier von meinen Händen, das glaubt ohne Spott." +Da sprach der arme Priester: "Dafür lob ich ewig Gott. + +"Ich fürcht euch nun wenig, des dürft ihr sicher sein: 1647 +Fahrt ihr zu den Heunen, so will ich über Rhein. +Gott laß euch nimmer wieder nach dem Rheine kommen, +Das wünsch ich euch von Herzen: schier das Leben habt ihr mir genommen." + +Da sprach König Gunther zu seinem Kapellan: 1648 +"Ich will euch alles büßen, was Hagen euch gethan +Hat in seinem Zorne, komm ich an den Rhein +Mit meinem Leben wieder: des sollt ihr außer Sorge sein. + +"Fahrt wieder heim zu Lande; es muß nun also sein. 1649 +Ich entbiete meine Grüße der lieben Frauen mein +Und meinen andern Freunden, wie ich billig soll: +Sagt ihnen liebe Märe, daß wir noch alle fuhren wohl." + +Die Rosse standen harrend, die Säumer wohl geladen; 1650 +Sie hatten auf der Reise bisher noch keinen Schaden +Genommen, der sie schmerzte, als des Königs Kaplan: +Der must auf seinen Füßen sich zum Rheine suchen Bahn. + + * * * * * + + + + +Sechsundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Dankwart Gelfraten erschlug. + + +Als sie nun alle waren gekommen an den Strand, 1651 +Da fragte König Gunther: "Wer soll uns durch das Land +Die rechten Wege weisen, daß wir nicht irre gehn?" +Da sprach der kühne Volker: "Laßt mich das Amt nur versehn." + +"Nun haltet an," sprach Hagen, "sei's Ritter oder Knecht: 1652 +Man soll Freunden folgen, das bedünkt mich recht. +Eine ungefüge Märe mach ich euch bekannt: +Wir kommen nimmer wieder heim in der Burgunden Land. + +"Das sagten mir zwei Meerfraun heute morgen fruh, 1653 +Wir kämen nimmer wieder. Nun rat ich, was man thu: +Waffnet euch, ihr Helden, ihr sollt euch wohl bewahren: +Wir finden starke Feinde und müßen drum wehrhaft fahren. + +"Ich wähnt auf Lug zu finden die weisen Meerfraun: 1654 +Sie sagten mir, nicht Einer werde wiederschaun +Die Heimat von uns Allen bis auf den Kapellan; +Drum hätt ich ihm so gerne heut den Tod angethan." + +Da flogen diese Mären von Schar zu Schar einher. 1655 +Bleich vor Schrecken wurden Degen kühn und hehr, +Als sie die Sorge faßte vor dem herben Tod +Auf dieser Hofreise: das schuf ihnen wahrlich Noth. + +Bei Möringen waren sie über Flut gekommen, 1656 +Wo dem Fährmann Elsen das Leben ward benommen. +Da sprach Hagen wieder: "Da ich mir so gewann +Unterwegs der Feinde, so greift man ehstens uns an. + +"Ich erschlug den Fährmann heute morgen fruh; 1657 +Sie wißen nun die Kunde. Drum eilt und greifet zu, +Wenn Gelfrat und Elsen heute hier besteht +Unser Ingesinde, daß es ihnen übel ergeht. + +"Sie sind gar kühn, ich weiß es, es wird gewiss geschehn. 1658 +Drum laßt nur die Rosse in sanftem Schritte gehn, +Daß nicht Jemand wähne, wir flöhn vor ihrem Heer." +"Dem Rathe will ich folgen," sprach der junge Geiselher. + +"Wer zeigt nun dem Gesinde die Wege durch das Land?" 1659 +Sie sprachen: "Das soll Volker: dem sind hie wohlbekannt +Die Straßen und die Steige, dem stolzen Fiedelmann." +Eh mans von ihm verlangte, kam er gewaffnet heran. + +Der schnelle Fiedelspieler: den Helm er überband; 1660 +Von herrlicher Farbe war all sein Streitgewand. +Am Schaft ließ er flattern ein Zeichen, das war roth. +Bald kam er mit den Königen in eine furchtbare Noth. + +Gewisse Kunde hatte Gelfrat nun bekommen 1661 +Von des Fergen Tode; da hatt es auch vernommen +Else der starke: beiden war es leid. +Sie besandten ihre Helden: die traf man balde bereit. + +Darauf in kurzen Zeiten, nun hört mich weiter an, 1662 +Sah man zu ihnen reiten, denen Schade war gethan, +In starkem Kriegszuge ein ungefüges Heer: +Wohl siebenhundert stießen zu Gelfrat oder noch mehr. + +Als das den grimmen Feinden nachzuziehn begann, 1663 +Die Herren, die es führten, huben zu jagen an +Den kühnen Gästen hinterdrein. Sie wollten Rache haben: +Da musten sie der Freunde hernach noch manchen begraben. + +Hagen von Tronje richtete das ein 1664 +(Wie konnte seiner Freunde ein beßrer Hüter sein?), +Daß er die Nachhut hatte und Die ihm unterthan +Mit Dankwart seinem Bruder; das war gar weislich gethan. + +Ihnen war der Tag zerronnen, den hatten sie nicht mehr. 1665 +Er bangte vor Gefahren für seine Freunde sehr. +Sie ritten unter Schilden durch der Baiern Land: +Darnach in kurzer Weile die Helden wurden angerannt. + +Beiderseits der Straße und hinter ihnen her 1666 +Vernahm man Hufe schlagen; die Haufen eilten sehr. +Da sprach der kühne Dankwart: "Gleich fallen sie uns an: +Bindet auf die Helme, das dünkt mich räthlich gethan." + +Sie hielten ein mit Reiten, als es muste sein. 1667 +Da sahen sie im Dunkel der lichten Schilde Schein. +Nicht länger stille schweigen mochte da der Hagen: +"Wer verfolgt uns auf der Straße?" Das muste Gelfrat ihm sagen. + +Da sprach zu ihm der Markgraf aus der Baiern Land: 1668 +"Wir suchen unsre Feinde, denen sind wir nachgerannt. +Ich weiß nicht, wer mir heute meinen Fergen schlug: +Das war ein schneller Degen; mir ist leid um ihn genug." + +Da sprach von Tronje Hagen: "War der Ferge dein? 1669 +Er wollt uns nicht fahren; alle Schuld ist mein: +Ich erschlug den Recken; fürwahr, es that mir Noth: +Ich hatte von dem Degen schier selbst den grimmigen Tod. + +"Ich bot ihm zum Lohne Gold und Gewand, 1670 +Daß er uns überführe, Held, in euer Land. +Darüber zürnt' er also, daß er nach mir schlug +Mit starker Ruderstange: da ward ich grimmig genug. + +"Ich griff nach dem Schwerte und wehrte seinem Zorn 1671 +Mit einer schweren Wunde: da war der Held verlorn. +Ich steh euch hier zur Sühne, wie es euch dünke gut." +Da gieng es an ein Streiten: sie hatten zornigen Muth. + +"Ich wuste wohl," sprach Gelfrat, "als hier mit dem Geleit 1672 +Gunther zog vorüber, uns geschäh ein Leid +Von Hagens Uebermuthe. Nun büßt ers mit dem Leben: +Für des Fergen Ende soll er selbst hier Bürgschaft geben." + +Ueber die Schilde neigten da zum Stich den Sper 1673 +Gelfrat und Hagen; sich zürnten beide schwer. +Dankwart und Else zusammen herrlich ritten; +Sie erprobten, wer sie waren: da wurde grimmig gestritten. + +Wer je versuchte kühner sich und die Gunst des Glücks? 1674 +Von einem starken Stoße sank Hagen hinterrücks +Von der Mähre nieder durch Gelfratens Hand. +Der Brustriem war gebrochen: so ward im Fallen bekannt. + +Man hört' auch beim Gesinde krachender Schäfte Schall. 1675 +Da erholte Hagen sich wieder von dem Fall, +Den er auf das Gras gethan von des Gegners Sper: +Da zürnte der von Tronje wider Gelfraten sehr. + +Wer ihnen hielt die Rosse, das ist mir unbekannt. 1676 +Sie waren aus den Sätteln gekommen auf den Sand, +Hagen und Gelfrat: nun liefen sie sich an. +Ihre Gesellen halfen, daß ihnen Streit ward kund gethan. + +Wie heftig auch Hagen zu Gelfraten sprang, 1677 +Ein Stück von Ellenlänge der edle Markgraf schwang +Ihm vom Schilde nieder; das Feuer stob hindann. +Da wäre schier erstorben König Gunthers Unterthan. + +Er rief mit lauter Stimme Dankwarten an: 1678 +"Hilf mir, lieber Bruder, ein schneller starker Mann +Hat mich hier bestanden: der läßt mich nicht gedeihn." +Da sprach der kühne Dankwart: "So will ich denn Schiedsmann sein." + +Da sprang der Degen näher und schlug ihm solchen Schlag 1679 +Mit einer scharfen Waffe, daß er todt da lag. +Else wollte Rache nehmen für den Mann: +Doch er und sein Gesinde schied mit Schaden hindann. + +Sein Bruder war erschlagen, selber ward er wund. 1680 +Wohl achtzig seiner Degen wurden gleich zur Stund +Des grimmen Todes Beute: da muste wohl der Held +Gunthers Mannen räumen in geschwinder Flucht das Feld. + +Als Die vom Baierlande wichen aus dem Wege, 1681 +Man hörte nachhallen die furchtbaren Schläge: +Da jagten die von Tronje ihren Feinden nach; +Die es nicht büßen wollten, die hatten wenig Gemach. + +Da sprach beim Verfolgen Dankwart der Degen: 1682 +"Kehren wir nun wieder zurück auf unsern Wegen +Und laßen wir sie reiten: sie sind vom Blute naß. +Wir eilen zu den Freunden: in Treuen rath ich euch das." + +Als sie hinwieder kamen, wo der Schade war geschehn, 1683 +Da sprach von Tronje Hagen: "Helden, laßt uns sehn, +Wen wir hier vermissen, oder wer uns verlorn +Hier in diesem Streite gieng durch Gelfratens Zorn." + +Sie hatten vier verloren; der Schade ließ sich tragen. 1684 +Sie waren wohl vergolten; dagegen aber lagen +Deren vom Baierlande mehr als hundert todt. +Den Tronejern waren von Blut die Schilde trüb und roth. + +Ein wenig brach aus Wolken des hellen Mondes Licht; 1685 +Da sprach wieder Hagen: "Hört, berichtet nicht +Meinen lieben Herren, was hier von uns geschah: +Bis zum Morgen komme ihnen keine Sorge nah." + +Als zu ihnen stießen, die da kamen von dem Streit, 1686 +Da klagte das Gesinde über Müdigkeit: +"Wie lange sollen wir reiten?" fragte mancher Mann. +Da sprach der kühne Dankwart: "Wir treffen keine Herberg an. + +"Ihr müst alle reiten bis an den hellen Tag." 1687 +Volker der schnelle, der des Gesindes pflag, +Ließ den Marschall fragen: "Wo kehren wir heut ein? +Wo rasten unsre Pferde und die lieben Herren mein?" + +Da sprach der kühne Dankwart: "Ich weiß es nicht zu sagen: 1688 +Wir können uns nicht ruhen, bis es beginnt zu tagen; +Wo wir es dann finden, legen wir uns ins Gras." +Als sie die Kunde hörten, wie leid war Etlichen das! + +Sie blieben unverrathen vom heißen Blute roth, 1689 +Bis daß die Sonne die lichten Stralen bot +Dem Morgen über Berge, wo es der König sah, +Daß sie gestritten hatten: sehr im Zorne sprach er da: + +"Wie nun denn, Freund Hagen? Verschmähtet ihr wohl das, 1690 +Daß ich euch Hülfe brachte, als euch die Ringe naß +Wurden von dem Blute? Wer hat euch das gethan?" +Da sprach er: "Else that es: der griff nächten uns an. + +"Seines Fergen wegen wurden wir angerannt. 1691 +Da erschlug Gelfraten meines Bruders Hand. +Zuletzt entrann uns Else, es zwang ihn große Noth: +Ihnen hundert, uns nur viere blieben da im Streite todt." + +Wir können euch nicht melden, wo man die Nachtruh fand. 1692 +All den Landleuten ward es bald bekannt, +Der edeln Ute Söhne zögen zum Hofgelag. +Sie wurden wohl empfangen dort zu Paßau bald hernach. + +Der werthen Fürsten Oheim, der Bischof Pilgerin, 1693 +Dem wurde wohl zu Muthe, als seine Neffen ihn +Mit so viel der Recken besuchten da im Land: +Daß er sie gerne sähe, ward ihnen balde bekannt. + +Sie wurden wohl empfangen von Freunden vor dem Ort. 1694 +Nicht all verpflegen mochte man sie in Paßau dort: +Sie musten übers Wasser, wo Raum sich fand und Feld: +Da schlugen auf die Knechte Hütten und reich Gezelt. + +Sie musten da verweilen einen vollen Tag 1695 +Und eine Nacht darüber. Wie schön man sie verpflag! +Dann ritten sie von dannen in Rüdigers Land; +Dem kamen auch die Mären: da ward ihm Freude bekannt, + +Als die Wegemüden Nachtruh genommen 1696 +Und sie dem Lande waren näher gekommen, +Sie fanden auf der Marke schlafen einen Mann, +Dem von Tronje Hagen ein starkes Waffen abgewann. + +Eckewart geheißen war dieser Ritter gut. 1697 +Der gewann darüber gar traurigen Muth, +Daß er verlor das Waffen durch der Helden Fahrt. +Rüdgers Grenzmarke, die fand man übel bewahrt. + +"O weh mir dieser Schande," sprach da Eckewart. 1698 +"Schwer muß ich beklagen der Burgunden Fahrt. +Als ich verlor Siegfrieden, hub all mein Kummer an; +O weh, mein Herr Rüdiger, wie hab ich wider dich gethan!" + +Wohl hörte Hagen des edeln Recken Noth: 1699 +Er gab das Schwert ihm wieder, dazu sechs Spangen roth. +"Die nimm dir, Held, zu Lohne, willst du hold mir sein; +Du bist ein kühner Degen, lägst du hier noch so allein." + +"Gott lohn euch eure Spangen," sprach da Eckewart; 1700 +"Doch muß ich sehr beklagen zu den Heunen eure Fahrt. +Ihr erschlugt Siegfrieden; hier trägt man euch noch Haß: +Daß ihr euch wohl behütet, in Treuen rath ich euch das." + +"Nun, mög uns Gott behüten," sprach Hagen entgegen. 1701 +"Keine andre Sorge haben diese Degen +Als um die Herberge, die Fürsten und ihr Lehn, +Wo wir in diesem Lande heute Nachtruh sollen sehn. + +"Vermüdet sind die Rosse uns auf den fernen Wegen, 1702 +Die Speise gar zerronnen," sprach Hagen der Degen: +"Wir findens nicht zu Kaufe: es wär ein Wirth uns Noth, +Der uns heute gäbe in seiner Milde das Brot." + +Da sprach wieder Eckewart: "Ich zeig euch solchen Wirth, 1703 +Daß Niemand euch im Hause so gut empfangen wird +Irgend in den Landen, als hier euch mag geschehn, +Wenn ihr schnellen Degen wollt zu Rüdigern gehn. + +"Der Wirth wohnt an der Straße, der beste allerwärts, 1704 +Der je ein Haus beseßen. Milde gebiert sein Herz, +Wie das Gras mit Blumen der lichte Maimond thut, +Und soll er Helden dienen, so ist er froh und wohlgemuth." + +Da sprach der König Gunther: "Wollt ihr mein Bote sein, 1705 +Ob uns behalten wolle bis an des Tages Schein +Mein lieber Freund Rüdiger und Die mir unterthan? +Das will ich stäts verdienen, so gut ich irgend nur kann." + +"Der Bote bin ich gerne," sprach da Eckewart, 1706 +Mit gar gutem Willen erhob er sich zur Fahrt +Rüdigern zu sagen, was er da vernommen. +Dem war in langen Zeiten so liebe Kunde nicht gekommen. + +Man sah zu Bechlaren eilen einen Degen, 1707 +Den Rüdger wohl erkannte; er sprach: "Auf diesen Wegen +Kommt Eckewart in Eile, Kriemhildens Unterthan." +Er wähnte schon, die Feinde hätten ihm ein Leid gethan. + +Da gieng er vor die Pforte, wo er den Boten fand. 1708 +Der nahm sein Schwert vom Gurte und legt' es aus der Hand. +Er sprach zu dem Degen: "Was habt ihr vernommen, +Daß ihr so eilen müßet? hat uns Jemand was genommen?" + +"Geschadet hat uns Niemand," sprach Eckewart zuhand; 1709 +"Mich haben drei Könige her zu euch gesandt, +Gunther von Burgunden, Geiselher und Gernot; +Jeglicher der Recken euch seine Dienste her entbot. + +"Das selbe thut auch Hagen, Volker auch zugleich, 1710 +Mit Fleiß und rechter Treue; dazu bericht ich euch, +Was des Königs Marschall euch durch mich entbot, +Es sei den guten Degen eure Herberge Noth." + +Mit lachendem Munde sprach da Rüdiger: 1711 +"Nun wohl mir dieser Märe, daß die Könige hehr +Meinen Dienst verlangen: dazu bin ich bereit. +Wenn sie ins Haus mir kommen, des bin ich höchlich erfreut." + +"Dankwart der Marschall hat euch kund gethan, 1712 +Wer euch zu Hause noch heute zieht heran: +Sechzig kühner Recken und tausend Ritter gut +Mit neuntausend Knechten." Da ward ihm fröhlich zu Muth. + +"Wohl mir dieser Gäste," sprach da Rüdiger, 1713 +"Daß mir zu Hause kommen diese Recken hehr, +Denen ich noch selten hab einen Dienst gethan. +Entgegen reitet ihnen, sei's Freund oder Unterthan." + +Da eilte zu den Rossen Ritter so wie Knecht: 1714 +Was sie der Herr geheißen, das dauchte Alle recht. +Sie brachten ihre Dienste um so schneller dar. +Noch wust es nicht Frau Gotlind, die in ihrer Kammer war. + + * * * * * + + + + +Siebenundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie sie nach Bechlaren kamen. + + +Hin gieng der Markgraf, wo er die Frauen fand, 1715 +Sein Weib und seine Tochter. Denen macht' er da bekannt +Diese liebe Märe, die er jetzt vernommen, +Daß ihrer Frauen Brüder zu ihrem Hause sollten kommen. + +"Viel liebe Traute," sprach da Rüdiger, 1716 +"Ihr sollt sie wohl empfangen, die edeln Könge hehr, +Wenn sie und ihr Gesinde vor euch zu Hofe gehn; +Ihr sollt auch freundlich grüßen Hagen in Gunthers Lehn. + +"Mit ihnen kommt auch Einer mit Namen Dankwart; 1717 +Ein Andrer heißt Volker, an Ehren wohlbewahrt. +Die Sechse sollt ihr küssen, ihr und die Tochter mein, +Und sollt in höfschen Züchten diesen Recken freundlich sein." + +Das gelobten ihm die Frauen und warens gern bereit. 1718 +Sie suchten aus den Kisten manch herrliches Kleid, +Darin sie den Recken entgegen wollten gehn. +Da mocht ein groß Befleißen von schönen Frauen geschehn. + +Gefälschter Frauenzierde gar wenig man da fand; 1719 +Sie trugen auf dem Haupte lichtes goldnes Band, +Das waren reiche Kränze, damit ihr schönes Haar +Die Winde nicht verwehten; sie waren höfisch und klar. + +In solcher Unmuße laßen wir die Fraun. 1720 +Da war ein schnelles Reiten über Feld zu schaun +Von Rüdigers Freunden, bis man die Fürsten fand. +Sie wurden wohl empfangen in des Markgrafen Land. + +Als sie der Markgraf zu sich kommen sah, 1721 +Rüdiger der schnelle wie fröhlich sprach er da: +"Willkommen mir, ihr Herren und Die in euerm Lehn. +Hier in diesem Lande seid ihr gerne gesehn." + +Da dankten ihm die Recken in Treuen ohne Haß. 1722 +Daß sie willkommen waren, wohl erzeigt' er das. +Besonders grüßt' er Hagen, der war ihm längst bekannt; +So that er auch mit Volkern, dem Helden aus Burgundenland. + +Er begrüßt' auch Dankwarten. Da sprach der kühne Degen: 1723 +"Wollt ihr uns hier versorgen, wer soll dann verpflegen +Unser Ingesinde aus Worms an dem Rhein?" +Da begann der Markgraf: "Diese Angst laßet sein. + +"All euer Gesinde und was ihr in das Land 1724 +Mit euch geführet habet, Ross, Silber und Gewand, +Ich schaff ihm solche Hüter, nichts geht davon verloren, +Das euch zu Schaden brächte nur um einen halben Sporen. + +"Spannet auf, ihr Knechte, die Hütten in dem Feld; 1725 +Was ihr hier verlieret, dafür leist ich Entgelt: +Zieht die Zäume nieder und laßt die Rosse gehn." +Das war ihnen selten von einem Wirth noch geschehn. + +Des freuten sich die Gäste. Als das geschehen war 1726 +Und die Herrn von dannen ritten, legte sich die Schar +Der Knecht im Grase nieder: sie hatten gut Gemach. +Sie fandens auf der Reise nicht beßer vor oder nach. + +Die Markgräfin eilte vor die Burg zu gehn 1727 +Mit ihrer schönen Tochter. Da sah man bei ihr stehn +Die minniglichen Frauen und manche schöne Maid: +Die trugen viel der Spangen und manches herrliche Kleid. + +Das edle Gesteine glänzte fern hindann 1728 +Aus ihrem reichen Schmucke: sie waren wohlgethan. +Da kamen auch die Gäste und sprangen auf den Sand. +Hei! was man edle Sitten an den Burgunden fand! + +Sechsunddreißig Mägdelein und viel andre Fraun, 1729 +Die wohl nach Wunsche waren und wonnig anzuschauen, +Giengen den Herrn entgegen mit manchem kühnen Mann. +Da ward ein schönes Grüßen von edeln Frauen gethan. + +Die Markgräfin küsste die Könge alle drei; 1730 +So that auch ihre Tochter. Hagen stand dabei. +Den hieß ihr Vater küssen: da blickte sie ihn an: +Er dauchte sie so furchtbar, sie hätt es lieber nicht gethan. + +Doch muste sie es leisten, wie ihr der Wirth gebot. 1731 +Gemischt ward ihre Farbe, bleich und auch roth. +Auch Dankwarten küsste sie, darnach den Fiedelmann: +Seiner Kraft und Kühnheit wegen ward ihm das Grüßen gethan. + +Die junge Markgräfin nahm bei der Hand 1732 +Geiselher den jungen von Burgundenland; +So nahm auch ihre Mutter Gunthern den kühnen Mann. +Sie giengen mit den Helden beide fröhlich hindann. + +Der Wirth gieng mit Gernot in einen weiten Saal. 1733 +Die Ritter und die Frauen setzten sich zumal. +Man ließ alsdann den Gästen schenken guten Wein: +Gütlicher bewirthet mochten Helden nimmer sein. + +Mit zärtlichen Augen sah da Mancher an 1734 +Rüdigers Tochter, die war so wohlgethan. +Wohl kos't' in seinem Sinne sie mancher Ritter gut; +Das mochte sie verdienen: sie trug gar hoch ihren Muth. + +Sie gedachten, was sie wollten; nur konnt es nicht geschehn. 1735 +Man sah die guten Ritter hin und wieder spähn +Nach Mägdelein und Frauen: deren saßen da genug. +Dem Wirth geneigten Willen der edle Fiedeler trug. + +Da wurden sie geschieden, wie Sitte war im Land: 1736 +Zu andern Zimmern giengen Ritter und Fraun zur Hand. +Man richtete die Tische in dem Saale weit +Und ward den fremden Gästen zu allen Diensten bereit. + +Den Gästen gieng zu Liebe die edle Markgräfin 1737 +Mit ihnen zu den Tischen: die Tochter ließ sie drin +Bei den Mägdlein weilen, wo sie nach Sitte blieb. +Daß sie die nicht mehr sahen, das war den Gästen nicht lieb. + +Als sie getrunken hatten und gegeßen überall, 1738 +Da führte man die Schöne wieder in den Saal. +Anmuthge Reden wurden nicht gescheut: +Viel sprach deren Volker, ein Degen kühn und allbereit. + +Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann: 1739 +"Viel reicher Markgraf, Gott hat an euch gethan +Nach allen seinen Gnaden: er hat euch gegeben +Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonnigliches Leben. + +"Wenn ich ein König wäre," sprach der Fiedelmann, 1740 +"Und sollte Krone tragen, zum Weibe nähm ich dann +Eure schöne Tochter: die wünschte sich mein Muth. +Sie ist minniglich zu schauen, dazu edel und gut." + +Der Markgraf entgegnete: "Wie möchte das Wohl sein, 1741 +Daß ein König je begehrte der lieben Tochter mein? +Wir sind hier beide heimatlos, ich und mein Weib, +Und haben nichts zu geben: was hilft ihr dann der schöne Leib?" + +Zur Antwort gab ihm Gernot, der edle Degen gut: 1742 +"Sollt ich ein Weib mir wählen nach meinem Sinn und Muth, +So wär ich solches Weibes stäts von Herzen froh." +Darauf versetzte Hagen in höfischen Züchten so: + +"Nun soll sich doch beweiben mein Herr Geiselher: 1743 +Es ist so hohen Stammes die Markgräfin hehr, +Daß wir ihr gerne dienten, ich und all sein Lehn, +Wenn sie bei den Burgunden unter Krone sollte gehn." + +Diese Rede dauchte den Markgrafen gut 1744 +Und auch Gotelinde; wohl freute sich ihr Muth. +Da schufen es die Helden, daß sie zum Weibe nahm +Geiselher der edle, wie er es mocht ohne Scham. + +Soll ein Ding sich fügen, wer mag ihm widerstehn? 1745 +Man bat die Jungfraue, hin zu Hof zu gehn. +Da schwur man ihm zu geben das schöne Mägdelein, +Wogegen er sich erbot, die Wonnigliche zu frein. + +Man beschied der Jungfrau Burgen und auch Land. 1746 +Da sicherte mit Eiden des edeln Königs Hand +Und Gernot der Degen, es werde so gethan. +Da sprach der Markgraf: "Da ich Burgen nicht gewann, + +"So kann ich euch in Treuen nur immer bleiben hold. 1747 +Ich gebe meiner Tochter an Silber und an Gold, +Was hundert Saumrosse nur immer mögen tragen, +Daß es wohl nach Ehren euch Helden möge behagen." + +Da wurden diese beiden in einen Kreis gestellt 1748 +Nach dem Rechtsgebrauche. Mancher junge Held +Stand ihr gegenüber in fröhlichem Muth; +Er gedacht in seinem Sinne, wie noch ein Junger gerne thut. + +Als man begann zu fragen die minnigliche Maid, 1749 +Ob sie den Recken wolle, zum Theil war es ihr leid; +Doch dachte sie zu nehmen den waidlichen Mann. +Sie schämte sich der Frage, wie manche Maid hat gethan. + +Ihr rieth ihr Vater Rüdiger, daß sie spräche ja, 1750 +Und daß sie gern ihn nähme: wie schnell war er da +Mit seinen weißen Händen, womit er sie umschloß, +Geiselher der junge! Wie wenig sie ihn doch genoß! + +Da begann der Markgraf: "Ihr edeln Könge reich, 1751 +Wenn ihr nun wieder reitet heim in euer Reich, +So geb ich euch, so ist es am schicklichsten, die Magd, +Daß ihr sie mit euch führet." Also ward es zugesagt. + +Der Schall, den man hörte, der muste nun vergehn. 1752 +Da ließ man die Jungfrau zu ihrer Kammer gehn +Und auch die Gäste schlafen und ruhn bis an den Tag. +Da schuf man ihnen Speise: der Wirth sie gütlich verpflag. + +Als sie gegeßen hatten und nun von dannen fahren 1753 +Wollten zu den Heunen: "Davor will ich euch wahren," +Sprach der edle Markgraf, "ihr sollt noch hier bestehn; +So liebe Gäste hab ich lange nicht bei mir gesehn." + +Dankwart entgegnete: "Das kann ja nicht sein: 1754 +Wo nähmt ihr die Speise, das Brot und auch den Wein, +Das ihr doch haben müstet für solch ein Heergeleit?" +Als das der Wirth erhörte, er sprach: "Die Rede laßt beiseit. + +"Meine lieben Herren, ihr dürft mir nicht versagen. 1755 +Wohl geb ich euch die Speise zu vierzehen Tagen, +Euch und dem Gesinde, das mit euch hergekommen. +Mir hat der König Etzel noch gar selten was genommen." + +Wie sehr sie sich wehrten, sie musten da bestehn 1756 +Bis an den vierten Morgen. Da sah man geschehn +Durch des Wirthes Milde, was weithin ward bekannt: +Er gab seinen Gästen beides, Ross' und Gewand. + +Nicht länger mocht es währen, sie musten an ihr Ziel. 1757 +Seines Gutes konnte Rüdiger nicht viel +Vor seiner Milde sparen: wonach man trug Begehr, +Das versagt' er Niemand: er gab es gern den Helden hehr. + +Ihr edel Ingesinde brachte vor das Thor 1758 +Gesattelt viel der Rosse; zu ihnen kam davor +Mancher fremde Recke, den Schild an der Hand, +Da sie reiten wollten mit ihnen in Etzels Land. + +Der Wirth bot seine Gaben den Degen allzumal, 1759 +Eh die edeln Gäste kamen vor den Saal. +Er konnte wohl mit Ehren in hoher Milde leben. +Seine schöne Tochter hatt er Geiselhern gegeben; + +Da gab er Gernoten eine Waffe gut genug, 1760 +Die hernach in Stürmen der Degen herrlich trug. +Ihm gönnte wohl die Gabe des Markgrafen Weib; +Doch verlor der gute Rüdiger davon noch Leben und Leib. + +Er gab König Gunthern, dem Helden ohne Gleich, 1761 +Was wohl mit Ehren führte der edle König reich, +Wie selten er auch Gab empfieng, ein gutes Streitgewand, +Da neigte sich der König vor des milden Rüdger Hand. + +Gotelind bot Hagnen, sie durfte es ohne Scham, 1762 +Ihre freundliche Gabe: da sie der König nahm, +So sollt auch er nicht fahren zu dem Hofgelag +Ohn ihre Steuer: der edle Held aber sprach: + +"Alles, was ich je gesehn," entgegnete Hagen, 1763 +"So begehr ich nichts weiter von hinnen zu tragen +Als den Schild, der dorten hängt an der Wand: +Den möcht ich gerne führen mit mir in der Heunen Land." + +Als die Rede Hagens die Markgräfin vernahm, 1764 +Ihres Leids ermahnt' er sie, daß ihr das Weinen kam. +Mit Schmerzen gedachte sie an Nudungs Tod, +Den Wittich hatt erschlagen; das schuf ihr Jammer und Noth. + +Sie sprach zu dem Degen: "Den Schild will ich euch geben. 1765 +Wollte Gott vom Himmel, daß der noch dürfte leben, +Der einst ihn hat getragen! er fand im Kampf den Tod. +Ich muß ihn stäts beweinen: das schafft mir armem Weibe Noth!" + +Da erhob sich vom Sitze die Markgräfin mild: 1766 +Mit ihren weißen Händen hob sie herab den Schild +Und trug ihn hin zu Hagen: der nahm ihn an die Hand. +Die Gabe war mit Ehren an den Recken gewandt. + +Eine Hülle lichten Zeuges auf seinen Farben lag. 1767 +Beßern Schild als diesen beschien wohl nie der Tag. +Mit edelm Gesteine War er so besetzt, +Man hätt ihn im Handel wohl auf tausend Mark geschätzt. + +Den Schild hinwegzutragen befahl der Degen hehr. 1768 +Da kam sein Bruder Dankwart auch zu Hofe her. +Dem gab reicher Kleider Rüdigers Kind genug, +Die er bei den Heunen hernach mit Freuden noch trug. + +Wie viel sie der Gaben empfiengen insgemein, 1769 +Nichts würd in ihre Hände davon gekommen sein, +Wars nicht dem Wirth zu Liebe, der es so gütlich bot. +Sie wurden ihm so feind hernach, daß sie ihn schlagen musten todt. + +Da hatte mit der Fiedel Volker der schnelle Held 1770 +Sich vor Gotelinde höfisch hingestellt. +Er geigte süße Töne und sang dazu sein Lied: +Damit nahm er Urlaub, als er von Bechlaren schied. + +Da ließ die Markgräfin eine Lade näher tragen. 1771 +Von freundlicher Gabe mögt ihr nun hören sagen: +Zwölf Spangen, die sie aus ihr nahm, schob sie ihm an die Hand: +"Die sollt ihr führen, Volker, mit euch in der Heunen Land + +"Und sollt sie mir zu Liebe dort am Hofe tragen: 1772 +Wenn ihr wiederkehret, daß man mir möge sagen, +Wie ihr gedient mir habet bei dem Hofgelag." +Wie sie ihn gebeten, so that der Degen hernach. + +Der Wirth sprach zu den Gästen: "Daß ihr nun sichrer fahrt, 1773 +Will ich euch selbst geleiten: so seid ihr wohl bewahrt, +Daß ihr auf der Straße nicht werdet angerannt." +Seine Saumrosse die belud man gleich zur Hand. + +Der Wirth war reisefertig und fünfhundert Mann 1774 +Mit Rossen und mit Kleidern: die führt' er hindann +Zu dem Hofgelage mit fröhlichem Muth; +Nach Bechelaren kehrte nicht Einer all der Ritter gut. + +Mit minniglichen Küssen der Wirth von dannen schied; 1775 +Also that auch Geiselher, wie ihm die Liebe rieth. +Sie herzten schöne Frauen mit zärtlichem Umfahn: +Das musten bald beweinen viel Jungfrauen wohlgethan. + +Da wurden allenthalben die Fenster aufgethan, 1776 +Als mit seinen Mannen der Markgraf ritt hindann. +Sie fühlten wohl im Herzen voraus das herbe Leid: +Drum weinten viel der Frauen und manche waidliche Maid. + +Nach den lieben Freunden trug Manche groß Beschwer, 1777 +Die sie in Bechelaren ersahen nimmermehr. +Doch ritten sie mit Freuden nieder an dem Strand +Dort im Donauthale bis in das heunische Land. + +Da sprach zu den Burgunden der milde Markgraf hehr, 1778 +Rüdiger der edle: "Nun darf nicht länger mehr +Verhohlen sein die Kunde, daß wir nach Heunland kommen. +Es hat der König Etzel noch nie so Liebes vernommen." + +Da ritt manch schneller Bote ins Oesterreicherland: 1779 +So ward es allenthalben den Leuten bald bekannt, +Daß die Helden kämen von Worms über Rhein. +Dem Ingesind des Königs konnt es nicht lieber sein. + +Die Boten vordrangen mit diesen Mären, 1780 +Daß die Nibelungen bei den Heunen wären: +"Du sollst sie wohl empfangen, Kriemhild, Fraue mein: +Nach großen Ehren kommen dir die lieben Brüder dein." + +Als die Königstochter vernahm die Märe, 1781 +Zum Theil wich ihr vom Herzen ihr Leid, das schwere. +Aus ihres Vaters Lande zog Mancher ihr heran, +Durch den der König Etzel bald großen Jammer gewann. + +"Nun wohl mir diese Freude," sprach da Kriemhild. 1782 +"Hier bringen meine Freunde gar manchen neuen Schild +Und Panzer glänzend helle: wer nehmen will mein Gold +Und meines Leids gedenken, dem will ich immer bleiben hold." + +Sie gedachte heimlich: "Noch wird zu Allem Rath. 1783 +Der mich an meinen Freuden so gar gepfändet hat, +Weiß ich es zu fügen, es soll ihm werden leid +Bei diesem Gastgebote: dazu bin ich gern bereit. + +"Ich will es also Schaffen, daß meine Rach ergeht 1784 +Bei diesem Hofgelage, wie es hernach auch steht, +An seinem argen Leibe, der mir hat benommen +So viel meiner Wonne: des soll mir nun Entgeltung kommen." + + * * * * * + + + + +Achtundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Kriemhild Hagen entpfieng. + + +Als die Burgunden kamen auf das Feld, 1785 +Auf schlug man drei Königen gar herrlich Gezelt. +Sie stießen ein die Fahnen von eitel Golde roth. +Da wusten nicht die Herren, wie ihnen nah war der Tod. + +Da stieg zu den Zinnen Frau Kriemhild hinan 1786 +Und sah auf dem Felde reiten manchen Mann. +Des freute sich heimlich das wunderschöne Weib: +"Nun endlich wird gerochen des kühnen Siegfriedes Leib, + +"Der mir so mörderlich zu Tode ward geschlagen; 1787 +Ich kann bis an mein Ende ihn nie genug beklagen. +O weh der großen Ehren, die ich muß verloren schaun: +So tapfrer Mann lag nimmer noch im Arm einer Fraun. + +"Seine große Tugend schafft mir Herzeleid: 1788 +Wenn ich daran gedenke, wie er zu jener Zeit +Hin ritt mit so gesundem Leib, so mehrt sich meine Klage: +Mir darf Niemand rügen das große Leid, das ich trage. + +"Gott hatt ihn mir zu Manne aus aller Welt erkoren. 1789 +Wär Einem Mann die Tugend Tausender angeboren, +Viel größere doch Siegfried ganz alleine trug." +Sehr klagt' um ihn die Königin, zu dem Herzen sie sich schlug. + +Alsbald ward dem Berner die Märe kund gethan. 1790 +Da kam er geschwinde über den Hof heran; +Er hatte Hilbranden der Sitte nach bei sich. +"Viel edle Königstochter, das ließet ihr billiglich, + +"Daß man euch weinen sähe bei dieser Lustbarkeit. 1791 +Ihr habt hieher beschieden aus fremden Landen weit +Viel der werthen Recken und manchen Biedermann: +Daß man euch nun weinen sieht, das steht euch gar übel an." + +"Ich mahne dich der Treue," sprach sie, "Hildebrand, 1792 +Hast du je Gab empfangen aus meiner milden Hand, +So räche mich an Hagen: ich gebe dir mein Gold +Und bin mit guten Treuen bis an mein Ende dir hold." + +Da sprach zu ihr der Berner: "Ihr seid ein übel Weib, 1793 +Daß ihr den Freunden rathet an Leben und Leib, +Und habt so manchen Boten hin an den Rhein gesandt, +Bis sie euch nun kamen zu Haus mit wehrlicher Hand. + +"Höret, Meister Hildebrand, so lieb als ich euch sei: 1794 +Empfangt mir vom Rheine die Könige alle drei +Und heißt sie hier zu Felde liegen bis an den Tag, +So warn ich sie mit Treue, so gut ich immer vermag." + +Da ritt wohlgezogen Meister Hildebrand, 1795 +Bis er die drei Könige von dem Rheine fand. +Er sprang vom Pferde ritterlich und ließ sich auf die Knie: +Die drei Könige vom Rheine so empfing und grüßt' er sie. + +"Willkommen seid, Herr Gunther, König an dem Rhein; 1796 +So sei auch Herr Gernot, der liebe Bruder dein, +Und Geiselher der junge und Hagen, ein starker Mann, +Und noch manch schneller Recke, die ich nicht alle nennen kann. + +"Euch entbeut der Berner, der liebe Herre mein, 1797 +Seine Huld und Freundschaft und will euch hülfreich sein. +Er räth euch, hier im Felde zu liegen bis zum Tag: +Dann warnt er euch mit Treuen, so gut er immer vermag. + +"Mög euch Gott behüten hier vor aller Noth: 1798 +Schon vor vierthalb Jahren war euch bereit der Tod. +Geschworen hat Frau Kriemhild, eure Schwester, manchen Eid, +daß sie an euch will rächen all ihr großes Herzeleid. + +"Er entbeut euch, daß ihr meidet, so lieb euch sei das Leben, 1799 +Den Neubau an der Donau, wo euch Herberg ist gegeben: +Das sollt ihr mir glauben, und käm darein ein Heer, +Ihr müstet All ersterben und Keiner käme zur Wehr. + +"Wißt, in drei schönen Rohren, die hohl von innen sind, 1800 +Schwefel und Kohlen mischten sie falsch gesinnt: +Das wird angezündet, wenn sie zu Tische gehn. +Davor sollt ihr euch hüten ihr stolzen Degen ausersehn." + +Des erschrak der König, die Rede war ihm leid. 1801 +"Nun lohne Gott dir, Hildebrand, daß du uns gabst Bescheid +Und daß du hast gewarnet manch heimatlosen Mann. +Ich seh, wir treffen Treue bei den Heunen wenig an." + +Des erlachten die Jungen und hielten es für Spott. 1802 +Da sprachen die Weisen: "Davor behüt uns Gott. +Wir sind in großer Treue geritten in das Land; +Sie hat uns manchen Boten hin nach dem Rheine gesandt." + +Da sprach wohlgezogen der König Gernot: 1803 +"Meine Schwester Kriemhild hat uns geladen in den Tod. +Zu großer Treue ritten wir her in diese Statt, +Da meine schöne Schwester uns vom Rhein geladen hat." + +Da sprach der Fiedelspieler, der kühne Volker: 1804 +"Ich kam der Gabe willen vom Rhein geritten her. +Nun will ich drauf verzichten," so sprach der Fiedelmann: +"Ich fiedle mit dem Schwerte das allerbeste, das ich kann. + +"Erklingen meine Töne, so weichen sie zurück, 1805 +Und wollen sie's nicht laßen, so fügt es leicht das Glück, +Ich schlag Einem ritterlich einen schnellen Geigenschlag, +Hat er einen treuen Freund, daß es der beweinen mag." + +Als Hildebrand der alte von dannen wollte gehn, 1806 +Geiselher der junge hieß ihn noch stille stehn. +Er gab ihm einen Mantel, den er ihm zu Ehren trug; +Für dreißig Mark Goldes hatt er Pfands daran genug. + +An sich nahm den Mantel Meister Hildebrand 1807 +Und ritt hin wohlgezogen, wo er den Berner fand. +"Schaut den reichen Mantel, der hier an mir zu sehn: +Den gab mir Geiselher das Kind, als ich von ihm wollte gehn." + +Als die Burgunden kamen in das Land, 1808 +Da erfuhr es von Berne der alte Hildebrand. +Er sagt' es seinem Herren. Dietrichen war es leid; +Er hieß ihn wohl empfangen der kühnen Ritter Geleit. + +Da ließ der starke Wolfhart die Pferde führen her; 1809 +Dann ritt mit dem Berner mancher Degen hehr, +Sie zu begrüßen, zu ihnen auf das Feld. +Sie hatten aufgeschlagen da manches herrliche Zelt. + +Als sie von Tronje Hagen aus der Ferne sah, 1810 +Wohlgezogen sprach er zu seinen Herren da: +"Nun hebt euch von den Sitzen, ihr Recken wohlgethan, +Und geht entgegen denen, die euch hier wollen empfahn. + +"Dort kommt ein Heergesinde, das ist mir wohl bekannt; 1811 +Es sind viel schnelle Degen von Amelungenland. +Sie führt Der von Berne, sie tragen hoch den Muth: +Laßt euch nicht verschmähen die Dienste, die man euch thut." + +Da sprang von den Rossen wohl nach Fug und Recht 1812 +Mit Dietrichen nieder mancher Herr und Knecht. +Sie giengen zu den Gästen, wo man die Helden fand, +Und begrüßten freundlich Die von der Burgunden Land. + +Als sie der edle Dietrich ihm entgegen kommen sah, 1813 +Liebes und Leides zumal ihm dran geschah. +Er wuste wohl die Märe; leid war ihm ihre Fahrt: +Er wähnte, Rüdger wüst es und hätt es ihnen offenbart. + +"Willkommen mir, ihr Herren, Gunther und Geiselher, 1814 +Gernot und Hagen, Herr Volker auch so sehr, +Und Dankwart der schnelle: ist euch das nicht bekannt? +Schwer beweint noch Kriemhild Den von Nibelungenland." + +"Sie mag noch lange weinen," so sprach da Hagen: 1815 +"Er liegt seit manchem Jahr schon zu Tod erschlagen. +Den König der Heunen mag sie nun lieber haben: +Siegfried kommt nicht wieder, er ist nun lange begraben." + +"Siegfriedens Wunden laßen wir nun stehn: 1816 +So lange lebt Frau Kriemhild, mag Schade wohl geschehn." +So redete von Berne der edle Dieterich: +"Trost der Nibelungen, davor behüte du dich!" + +"Wie soll ich mich behüten?" sprach der König hehr. 1817 +"Etzel sandt uns Boten, was sollt ich fragen mehr? +Daß wir zu ihm ritten her in dieses Land. +Auch hat uns manche Botschaft meine Schwester Kriemhild gesandt." + +"So will ich euch rathen," sprach wieder Hagen, 1818 +"Laßt euch diese Märe doch zu Ende sagen +Dieterich den Herren und seine Helden gut, +Daß sie euch wißen laßen der Frau Kriemhilde Muth." + +Da giengen die drei Könige und sprachen unter sich, 1819 +Herr Gunther und Gernot und Herr Dieterich: +"Nun sag uns, von Berne du edler Ritter gut, +Was du wißen mögest von der Königin Muth." + +Da sprach der Vogt von Berne: "Was soll ich weiter sagen? 1820 +Als daß ich alle Morgen weinen hör und klagen +Etzels Weib Frau Kriemhild in jämmerlicher Noth +Zum reichen Gott vom Himmel um des starken Siegfried Tod." + +"Es ist halt nicht zu wenden," sprach der kühne Mann, 1821 +Volker der Fiedler, "was ihr uns kund gethan. +Laßt uns zu Hofe reiten und einmal da besehn, +Was uns schnellen Degen bei den Heunen möge geschehn." + +Die kühnen Burgunden hin zu Hofe ritten: 1822 +Sie kamen stolz gezogen nach ihres Landes Sitten. +Da wollte bei den Heunen gar mancher kühne Mann +Von Tronje Hagen schauen, wie der wohl wäre gethan. + +Es war durch die Sage dem Volk bekannt genug, 1823 +Daß er von Niederlanden Siegfrieden schlug, +Aller Recken stärksten, Frau Kriemhildens Mann: +Drum ward so großes Fragen bei Hof nach Hagen gethan. + +Der Held war wohlgewachsen, das ist gewisslich wahr. 1824 +Von Schultern breit und Brüsten; gemischt war sein Haar +Mit einer greisen Farbe; von Beinen war er lang +Und schrecklich von Antlitz; er hatte herrlichen Gang. + +Da schuf man Herberge den Burgundendegen; 1825 +Gunthers Ingesinde ließ man gesondert legen. +Das rieth die Königstochter, die ihm viel Haßes trug: +Daher man bald die Knechte in der Herberg erschlug. + +Dankwart, Hagens Bruder, war da Marschall; 1826 +Der König sein Gesinde ihm fleißig anbefahl, +Daß er es die Fülle mit Speise sollte pflegen. +Das that auch gar willig und gern dieser kühne Degen. + +Kriemhild die schöne mit dem Gesinde gieng, 1827 +Wo sie die Nibelungen mit falschem Muth empfieng: +Sie küsste Geiselheren und nahm ihn bei der Hand. +Als das Hagen sah von Tronje, den Helm er fester sich band. + +"Nach solchem Empfange," so sprach da Hagen, 1828 +"Mögen wohl Bedenken die schnellen Degen tragen; +Man grüßt die Fürsten ungleich und den Unterthan: +Keine gute Reise haben wir zu dieser Hochzeit gethan." + +Sie sprach: "Seid willkommen dem, der euch gerne sieht: 1829 +Eurer Freundschaft willen kein Gruß euch hier geschieht. +Sagt, was ihr mir bringet von Worms überrhein, +Daß ihr mir so höchlich solltet willkommen sein?" + +"Was sind das für Sachen," sprach Hagen entgegen, 1830 +"Daß euch Gaben bringen sollten diese Degen? +So reich wär ich gewesen, hätt ich das gedacht, +Daß ich euch meine Gabe zu den Heunen hätt gebracht." + +"Nun frag ich um die Märe weiter bei euch an, 1831 +Der Hort der Nibelungen, wohin ward der gethan? +Der war doch mein eigen, das ist euch wohl bekannt: +Den solltet ihr mir haben gebracht in König Etzels Land." + +"In Treuen, Frau Kriemhild, schon mancher Tag ist hin, 1832 +Den Hort der Nibelungen, seit ich des ledig bin, +Ihn ließen meine Herren senken in den Rhein: +Da muß er auch in Wahrheit bis zum jüngsten Tage sein." + +Die Königin versetzte: "Ich dacht es wohl vorher. 1833 +Ihr habt mir noch wenig davon gebracht hieher, +Wiewohl er war mein eigen und ich sein weiland pflag; +Nach ihm und seinem Herren hab ich manchen leiden Tag." + +"Ich bring euch den Teufel!" sprach wieder Hagen, 1834 +"Ich hab an meinem Schilde so viel zu tragen +Und an meinem Harnisch; mein Helm der ist licht, +Das Schwert an meiner Seite: drum bring ich ihn euch nicht." + +"Es war auch nicht die Meinung, als verlangte mich nach Gold: 1835 +So viel hab ich zu geben, ich entbehre leicht den Sold. +Eines Mords und Doppelraubes, die man an mir genommen, +Dafür möcht ich Arme zu lieber Entgeltung kommen." + +Da sprach die Königstochter zu den Recken allzumal: 1836 +"Man soll keine Waffen tragen hier im Saal; +Vertraut sie mir, ihr Helden, zur Verwahrung an." +"In Treuen," sprach da Hagen, "das wird nimmer gethan. + +"Ich begehre nicht der Ehre, Fürstentochter mild, 1837 +Daß ihr zur Herberge tragt meinen Schild +Und ander Streitgeräthe; ihr seid hier Königin. +So lehrte mich mein Vater, daß ich selbst ihr Hüter bin." + +"O Weh dieses Leides!" sprach da Kriemhild: 1838 +"Warum will mein Bruder und Hagen seinen Schild +Nicht verwahren laßen? Gewiss, sie sind gewarnt: +Und wüst ich, wer es hat gethan, der Tod der hielt' ihn umgarnt." + +Im Zorn gab ihr Antwort Dietrich sogleich: 1839 +"Ich bin es, der gewarnt hat die edeln Fürsten reich +Und Hagen den kühnen, der Burgunden Mann: +Nur zu, du Braut des Teufels, du thust kein Leid mir drum an." + +Da schämte sich gewaltig die edle Königin: 1840 +Sie fürchtete sich bitter vor Dietrichs Heldensinn. +Sie gieng alsdann von dannen, kein Wort mehr sprach sie da, +Nur daß sie nach den Feinden mit geschwinden Blicken sah. + +Da nahmen bei den Händen zwei der Degen sich, 1841 +Der Eine war Hagen, der Andere Dietrich. +Da sprach wohlgezogen der Degen allbereit: +"Eure Reise zu den Heunen die ist in Wahrheit mir leid, + +"Da die Königstochter so gesprochen hat." 1842 +Da sprach von Tronje Hagen: "Zu Allem wird schon Rath." +So sprachen zu einander die Recken wohlgethan. +Das sah der König Etzel, der gleich zu fragen begann: + +"Die Märe wust ich gerne," befrug der König sich, 1843 +"Wer der Recke wäre, den dort Herr Dietrich +So freundlich hat empfangen; er trägt gar hoch den Muth: +Wie auch sein Vater heiße, er mag wohl sein ein Recke gut." + +Antwort gab dem König ein Kriemhildens-Mann: 1844 +"Von Tronje ist er geboren, sein Vater hieß Aldrian; +Wie zahm er hier gebare, er ist ein grimmer Mann: +Ich laß euch das noch schauen, daß ich keine Lüge gethan." + +"Wie soll ich das erkennen, daß er so grimmig ist?" 1845 +Noch hatt er nicht Kunde von mancher argen List, +Die wider ihre Freunde die Königin spann, +Daß aus dem Heunenlande ihr auch nicht Einer entrann. + +"Wohl kannt ich Hagen, er war mein Unterthan: 1846 +Lob und große Ehre er hier bei mir gewann. +Ich macht' ihn zum Ritter und gab ihm mein Gold; +Weil er sich getreu erwies, war ich immer ihm hold. + +"Daher ist mir von Hagen Alles wohlbekannt. 1847 +Zwei edle Kinder bracht ich als Geisel in dieß Land, +Ihn und von Spanien Walther: die wuchsen hier heran. +Hagen sandt ich wieder heim; Walther mit Hildegund entrann." + +So bedacht er alter Zeiten und was vordem geschehn. 1848 +Seinen Freund von Tronje hatt er hier gesehn, +Der ihm in seiner Jugend oft große Dienste bot; +Jetzt schlug er ihm im Alter viel lieber Freunde zu Tod. + + * * * * * + + + + +Neunundzwanzigstes Abenteuer. + +Wie Hagen und Volker vor Kriemhildens Saal saßen. + + +Da schieden auch die beiden werthen Recken sich, 1849 +Hagen von Tronje und Herr Dieterich. +Ueber die Achsel blickte Gunthers Unterthan +Nach einem Heergesellen, den er sich bald gewann. + +Neben Geiselheren sah er Volkern stehn, 1850 +Den kunstreichen Fiedler: den bat er mitzugehn, +Weil er wohl erkannte seinen grimmen Muth: +Er war an allen Tugenden ein Ritter kühn und auch gut. + +Noch ließ man die Herren auf dem Hofe stehn. 1851 +Die Beiden ganz alleine sah man von dannen gehn +Ueber den Hof hin ferne vor einen Pallas weit: +Die Auserwählten scheuten sich vor Niemandes Streit. + +Sie setzten vor dem Hause sich genüber einem Saal, 1852 +Der war Kriemhilden, auf eine Bank zu Thal. +An ihrem Leibe glänzte ihr herrlich Gewand; +Gar Manche, die das sahen, hätten gern sie gekannt. + +Wie die wilden Thiere gaffte sie da an, 1853 +Die übermüthgen Helden, mancher Heuneumann. +Da sah sie durch ein Fenster Etzels Königin: +Das betrübte wieder der schönen Kriemhilde Sinn. + +Sie gedacht ihres Leides; zu weinen hub sie an. 1854 +Das wunderte die Degen, die Etzeln unterthan, +Was ihr bekümmert hätte so sehr den hohen Muth? +Da sprach sie: "Das that Hagen, ihr Helden kühn und auch gut." + +Sie sprachen zu der Frauen: "Wie ist das geschehn? 1855 +Wir haben euch doch eben noch wohlgemuth gesehn. +Wie kühn er auch wäre, der es euch hat gethan, +Befehlt ihr uns die Rache, den Tod müst er empfahn." + +"Dem wollt ich immer danken, der rächte dieses Leid: 1856 +Was er nur begehrte, ich wär dazu bereit. +"Ich fall euch zu Füßen," so sprach des Königs Weib: +"Rächt mich an Hagen: er verliere Leben und Leib." + +Da rüsteten die Kühnen sich, sechzig an der Zahl: 1857 +Kriemhild zu Liebe wollten sie vor den Saal +Und wollten Hagen schlagen, diesen kühnen Mann, +Dazu den Fiedelspieler; das ward einmüthig gethan. + +Als so gering den Haufen die Königin ersah, 1858 +In grimmem Muthe sprach sie zu den Helden da: +"Von solchem Unterfangen rath ich abzustehn: +Ihr dürft in so geringer Zahl nicht mit Hagen streiten gehn. + +"So kühn auch und gewaltig Der von Tronje sei, 1859 +Noch ist bei weitem stärker, der ihm da sitzet bei, +Volker der Fiedler: das ist ein übler Mann: +Wohl dürft ihr diesen Helden nicht zu so wenigen nahn." + +Als sie die Rede hörten, rüsteten sich mehr 1860 +Vierhundert Recken. Der Königin hehr +Lag sehr am Herzen die Rache für ihr Leid. +Da wurde bald den Degen große Sorge bereit. + +Als sie ihr Gesinde wohlbewaffnet sah, 1861 +Zu den schnellen Recken sprach die Königin da: +"Nun harrt eine Weile: ihr sollt noch stille stehn. +Ich will unter Krone hin zu meinen Feinden gehn. + +"Hört mich ihm verweisen, was mir hat gethan 1862 +Hagen von Tronje, Gunthers Unterthan. +Ich weiß ihn so gemuthet, er läugnets nimmermehr: +So will ich auch nicht fragen, was ihm geschehe nachher." + +Da sah der Fiedelspieler, ein kühner Spielmann, 1863 +Die edle Königstochter von der Stiege nahn, +Die aus dem Hause führte. Als er das ersah, +Zu seinem Heergesellen sprach der kühne Volker da: + +"Nun schauet, Freund Hagen, wie sie dorther naht, 1864 +Die uns ohne Treue ins Land geladen hat. +Ich sah mit einer Königin nie so manchen Mann +Die Schwerter in den Händen also streitlustig nahn. + +"Wißt ihr, Freund Hagen, daß sie euch abhold sind? 1865 +So will ich euch rathen, daß ihr zu hüten sinnt +Des Lebens und der Ehre; führwahr, das dünkt mich gut: +Soviel ich mag erkennen, ist ihnen zornig zu Muth. + +"Es sind auch Manche drunter von Brüsten stark und breit: 1866 +Wer seines Lebens hüten will, der thu es beizeit. +Ich seh sie unter Seide die festen Panzer tragen. +Was sie damit meinen, das hör ich Niemanden sagen." + +Da sprach im Zornmuthe Hagen der kühne Mann: 1867 +"Ich weiß wohl, das wird Alles wider mich gethan, +Daß sie die lichten Waffen tragen an der Hand; +Von denen aber reit ich noch in der Burgunden Land. + +"Nun sagt mir, Freund Volker, denkt ihr mir beizustehn, 1868 +Wenn mit mir streiten wollen Die in Kriemhilds Lehn? +Das laßt mich vernehmen, so lieb als ich euch sei. +Ich steh euch mit Diensten immer wieder treulich bei." + +"Sicherlich, ich helf euch," so sprach da Volker. 1869 +"Und säh ich uns entgegen mit seinem ganzen Heer +Den König Etzel kommen, all meines Lebens Zeit +Weich ich von eurer Seite aus Furcht nicht eines Fußes breit." + +"Nun lohn euch Gott vom Himmel, viel edler Volker! 1870 +Wenn sie mit mir streiten, wes bedarf ich mehr? +Da ihr mir helfen wollet, wie ich jetzt vernommen, +So mögen diese Recken fein behutsam näher kommen." + +"Stehn wir auf vom Sitze," sprach der Fiedelmann, 1871 +"Vor der Königstochter, so sie nun kommt heran. +Bieten wir die Ehre der edeln Königin! +Das bringt uns auch beiden an eignen Ehren Gewinn." + +"Nein! wenn ihr mich lieb habt," sprach dawider Hagen. 1872 +"Es möchten diese Degen mit dem Wahn sich tragen, +Daß ich aus Furcht es thäte und dächte wegzugehn: +Von dem Sitze mein ich vor ihrer Keinem aufzustehn. + +"Daß wir es bleiben laßen, das ziemt uns ganz allein. 1873 +Soll ich dem Ehre bieten, der mir feind will sein? +Nein, ich thu es nimmer, so lang ich leben soll: +In aller Welt, was kümmr ich mich um Kriemhildens Groll?" + +Der vermeßne Hagen legte über die Schenkel hin 1874 +Eine lichte Waffe, aus deren Knaufe schien +Mit hellem Glanz ein Jaspis, grüner noch als Gras. +Wohl erkannte Kriemhild, daß Siegfried einst sie besaß. + +Als sie das Schwert erkannte, das schuf ihr große Noth. 1875 +Der Griff war von Golde, der Scheide Borte roth. +Ermahnt war sie des Leides, zu weinen hub sie an; +Ich glaube, Hagen hatt es auch eben darum gethan. + +Volker der kühne zog näher an die Bank 1876 +Einen starken Fiedelbogen, mächtig und lang, +Wie ein Schwert geschaffen, scharf dazu und breit. +So saßen unerschrocken diese Recken allbereit. + +Die kühnen Degen beide dauchten sich so hehr, 1877 +Aus Furcht vor Jemandem wollten sie nimmermehr +Vom Sitz sich erheben. Ihnen schritt da vor den Fuß +Die edle Königstochter und bot unfreundlichen Gruß. + +Sie sprach: "Nun sagt, Herr Hagen, wer hat nach euch gesandt, 1878 +Daß ihr zu reiten wagtet her in dieses Land, +Da ihr doch wohl wustet, was ihr mir habt gethan? +Wart ihr bei guten Sinnen, ihr durftets euch nicht unterfahn." + +"Nach mir gesandt hat Niemand," sprach er entgegen, 1879 +"Her zu diesem Lande lud man drei Degen, +Die heißen meine Herren: ich steh in ihrem Lehn; +Bei keiner Hofreise pfleg ich daheim zu bestehn." + +Sie sprach: "Nun sagt mir ferner, was thatet ihr das, 1880 +Daß ihr es verdientet, wenn ich euch trage Haß? +Ihr erschlugt Siegfrieden, meinen lieben Mann, +Den ich bis an mein Ende nicht gut beweinen kann." + +"Wozu der Rede weiter?" sprach er, "es ist genug: 1881 +Ich bin halt der Hagen, der Siegfrieden schlug, +Den behenden Degen: wie schwer er das entgalt, +Daß die Frau Kriemhild die schöne Brunhilde schalt! + +"Es wird auch nicht geläugnet, reiche Königin, 1882 +Daß ich an all dem Schaden, dem schlimmen, schuldig bin. +Nun räch es, wer da wolle, Weib oder Mann. +Ich müst es wahrlich lügen, ich hab euch viel zu Leid gethan." + +Sie sprach: "Da hört ihr, Recken, wie er die Schuld gesteht 1883 +An all meinem Leide: wie's ihm deshalb ergeht, +Darnach will ich nicht fragen, ihr Etzeln unterthan." +Die übermüthgen Degen blickten all einander an. + +Wär da der Streit erhoben, so hätte man gesehn, 1884 +Wie man den zwei Gesellen müß Ehre zugestehn: +Das hatten sie in Stürmen oftmals dargethan. +Was jene sich vermeßen, das gieng aus Furcht nun nicht an. + +Da sprach der Recken Einer: "Was seht ihr mich an? 1885 +Was ich zuvor gelobte, das wird nun nicht gethan. +Um Niemands Gabe laß ich Leben gern und Leib. +Uns will hier verleiten dem König Etzel sein Weib." + +Da sprach ein Andrer wieder: "So steht auch mir der Muth. 1886 +Wer mir Thürme gäbe von rothem Golde gut, +Diesen Fiedelspieler wollt ich nicht bestehn +Der schnellen Blicke wegen, die ich hab an ihm ersehn. + +"Auch kenn ich diesen Hagen von seiner Jugendzeit: 1887 +Drum weiß ich von dem Recken selber wohl Bescheid. +In zweiundzwanzig Stürmen hab ich ihn gesehn; +Da ist mancher Frauen Herzeleid von ihm geschehn. + +"Er und Der von Spanien traten manchen Pfad, 1888 +Da sie hier bei Etzeln thaten manche That +Dem König zu Liebe. Das ist oft geschehn: +Drum mag man Hagen billig große Ehre zugestehn. + +"Damals war der Recke an Jahren noch ein Kind, 1889 +Da waren schon die Knaben wie jetzt kaum Greise sind. +Nun kam er zu Sinnen und ist ein grimmer Mann; +Auch trägt er Balmungen, den er übel gewann." + +Damit wars entschieden, Niemand suchte Streit. 1890 +Das war der Königstochter im Herzen bitter leid. +Die Helden giengen wieder; wohl scheuten sie den Tod +Von den Helden beiden: das that ihnen wahrlich Noth. + +Wie oft man verzagend Manches unterläßt, 1891 +Wo der Freund beim Freunde treulich steht und fest! +Und hat er kluge Sinne, daß er nicht also thut, +Vor Schaden nimmt sich Mancher durch Besonnenheit in Hut. + +Da sprach der kühne Volker: "Da wir nun selber sahn, 1892 +Daß wir hie Feinde finden, wie man uns kund gethan, +So laß uns zu den Königen hin zu Hofe gehn, +So darf unsre Herren mit Kampfe Niemand bestehn." + +"Gut, ich will euch folgen," sprach Hagen entgegen. 1893 +Da giengen hin die Beiden, wo sie die zieren Degen +Noch harrend des Empfanges auf dem Hofe sahn. +Volker der kühne hub da laut zu reden an. + +Er sprach zu seinen Herren: "Wie lange wollt ihr stehn 1894 +Und euch drängen laßen? ihr sollt zu Hofe gehn +Und von dem König hören, wie der gesonnen sei." +Da sah man sich gesellen der kühnen Helden je zwei. + +Dietrich von Berne nahm da an die Hand 1895 +Gunther den reichen von Burgundenland; +Irnfried nahm Gernoten, diesen kühnen Mann; +Da gieng mit seinem Schwäher Geiselher zu Hof heran. + +Wie bei diesem Zuge gesellt war Jeglicher, 1896 +Volker und Hagen, die schieden sich nicht mehr +Als noch in Einem Kampfe bis an ihren Tod. +Das musten bald beweinen edle Fraun in großer Noth. + +Da sah man mit den Königen hin zu Hofe ziehn 1897 +Ihres edeln Ingesindes tausend Degen kühn; +Darüber sechzig Recken waren mitgekommen: +Die hatt aus seinem Lande der kühne Hagen genommen. + +Hawart und Iring, zwei Degen auserkannt, 1898 +Die giengen mit den Königen zu Hofe Hand in Hand; +Dankwart und Wolfhart, ein theuerlicher Degen, +Die sah man großer Hofzucht vor den übrigen pflegen. + +Als der Vogt vom Rheine in den Pallas gieng, 1899 +Etzel der reiche das länger nicht verhieng: +Er sprang von seinem Sitze, als er ihn kommen sah. +Ein Gruß, ein so recht schöner, nie mehr von Köngen geschah. + +"Willkommen mir, Herr Gunther und auch Herr Gernot 1900 +Und euer Bruder Geiselher, die ich hieher entbot +Mit Gruß und treuem Dienste von Worms überrhein, +Und eure Degen alle sollen mir willkommen sein. + +"Laßt euch auch Willkommen, ihr beiden Recken, sagen, 1901 +Volker der kühne und dazu Herr Hagen, +Mir und meiner Frauen hier in diesem Land: +Sie hat euch manche Botschaft hin zum Rheine gesandt." + +Da sprach von Tronje Hagen: "Das haben wir vernommen. 1902 +Wär ich um meine Herren gen Heunland nicht gekommen, +So wär ich euch zu Ehren geritten in das Land." +Da nahm der edle König die lieben Gäste bei der Hand. + +Und führte sie zum Sitze hin, wo er selber saß. 1903 +Da schenkte man den Gästen, fleißig that man das, +In weiten goldnen Schalen Meth, Moraß und Wein +Und hieß die fremden Degen höchlich willkommen sein. + +Da sprach König Etzel: "Das muß ich wohl gestehn, 1904 +Mir könnt in diesen Zeiten nichts Lieberes geschehn +Als durch euch, ihr Recken, daß ihr gekommen seid; +Damit ist auch der Königin benommen Kummer und Leid. + +"Mich nahm immer Wunder, was ich euch wohl gethan, 1905 +Da ich der edeln Gäste so Manche doch gewann, +Daß ihr nie zu reiten geruhtet in mein Land; +Nun ich euch hier ersehen hab, ist mirs zu Freuden gewandt." + +Da versetzte Rüdiger, ein Ritter hochgemuth: 1906 +"Ihr mögt sie gern empfahen, ihre Treue die ist gut: +Der wißen meiner Frauen Brüder schön zu pflegen. +Sie bringen euch zu Hause manchen waidlichen Degen." + +Am Sonnewendenabend waren sie gekommen 1907 +An Etzels Hof, des reichen. Noch selten ward vernommen, +Daß ein König seine Gäste freundlicher empfieng; +Darnach er zu Tische wohlgemuth mit ihnen gieng. + +Ein Wirth bei seinen Gästen sich holder nie betrug. 1908 +Zu trinken und zu eßen bot man da genug: +Was sie nur wünschen mochten, das wurde gern gewährt. +Man hatte von den Helden viel große Wunder gehört. + +Der reiche Etzel hatte an ein Gebäude weit 1909 +Viel Fleiß und Müh gewendet und Kosten nicht gescheut: +Man sah Pallas und Thürme, Gemächer ohne Zahl +In einer weiten Veste und einen herrlichen Saal. + +Den hatt er bauen laßen lang, hoch und weit, 1910 +Weil ihn so viel der Recken heimsuchten jederzeit. +Auch ander Ingesinde, zwölf reiche Könge hehr +Und viel der werthen Degen hatt er zu allen Zeiten mehr, + +Als je gewann ein König, von dem ich noch vernahm. 1911 +Er lebte so mit Freunden und Mannen wonnesam: +Gedräng und frohen Zuruf hatte der König gut +Von manchem schnellen Degen; drum stand wohl hoch ihm der Muth. + + * * * * * + + + + +Dreißigstes Abenteuer. + +Wie Hagen und Volker Schildwacht standen. + + +Der Tag war nun zu Ende, es nahte sich die Nacht. 1912 +Den reisemüden Recken war die Sorg erwacht, +Wann sie ruhen sollten und zu Bette gehn. +Zur Sprache bracht es Hagen: Bescheid ist ihnen geschehn. + +Zu dem Wirthe sprach da Gunther: "Gott laß euchs wohlgedeihn: 1913 +Wir wollen schlafen gehen, mag es mit Urlaub sein. +Wenn ihr das gebietet, kommen wir morgen fruh." +Der Wirth entließ die Gaste wohlgemuth zu ihrer Ruh. + +Von allen Seiten drängen man die Gäste sah. 1914 +Volker der kühne sprach zu den Heunen da: +"Wie dürft ihr uns Recken so vor die Füße gehn? +Und wollt ihr das nicht meiden, so wird euch übel geschehn. + +"So schlag ich Dem und Jenem so schweren Geigenschlag, 1915 +Hat er einen Treuen, daß ders beweinen mag. +Nun weicht vor uns Recken, fürwahr, mich dünkt es gut: +Es heißen Alle Degen und haben doch nicht gleichen Muth." + +Als in solchem Zorne sprach der Fiedelmann, 1916 +Hagen der kühne sich umzuschaun begann. +Er sprach: "Euch räth zum Heile der kühne Fiedeler. +Geht zu den Herbergen, ihr in Kriemhildens Heer. + +"Was ihr habt im Sinne, es fügt sich nicht dazu: 1917 +Wollt ihr was beginnen, so kommt uns morgen fruh +Und laßt uns Reisemüden heut in Frieden ruhn. +Ich glaube, niemals werden es Helden williger thun." + +Da brachte man die Gäste in einen weiten Saal, 1918 +Zur Nachtruh eingerichtet den Recken allzumal +Mit köstlichen Betten, lang zumal und breit. +Gern schuf ihnen Kriemhild das allergrößeste Leid, + +Schmucker Decken sah man von Arras da genug 1919 +Aus lichthellem Zeuge und manchen Ueberzug +Aus Arabischer Seide, so gut sie mochten sein, +Verbrämt mit goldnen Borten, die gaben herrlichen Schein. + +Viel Bettlaken fand man von Hermelin gemacht 1920 +Und von schwarzem Zobel, worunter sie die Nacht +Sich Ruhe schaffen sollten bis an den lichten Tag. +Ein König mit dem Volke wohl nimmer herrlicher lag. + +"O weh des Nachtlagers!" sprach Geiselher das Kind, 1921 +"Und weh meiner Freunde, die mit uns kommen sind. +Wie gut es meine Schwester uns auch hier erbot, +Wir gewinnen, fürcht ich, alle von ihrem Haße den Tod." + +"Nun laßt euer Sorgen," sprach Hagen der Degen, 1922 +"Ich will heunte selber der Schildwache pflegen +Und getrau euch zu behüten bis morgen an den Tag: +Seit des ohne Sorge: so entrinne, wer da mag." + +Da neigten sich ihm Alle und sagten ihm Dank. 1923 +Sie giengen zu den Betten. Da währt' es nicht lang, +Bis in Ruhe lagen die Helden wohlgethan. +Hagen der kühne sich da zu waffnen begann. + +Da sprach der Fiedelspieler, Volker der Degen: 1924 +"Verschmäht ihrs nicht, Hagen, so will ich mit euch pflegen +Heunt der Schildwache bis morgen an den Tag." +Da dankte Volkeren der Degen gütlich und sprach: + +"Nun lohn euch Gott vom Himmel, viel lieber Volker! 1925 +Zu allen meinen Sorgen wünsch ich mir Niemand mehr +Als nur euch alleine, befahr ich irgend Noth. +Ich will es wohl vergelten, es verwehr es denn der Tod." + +Da kleideten die Beiden sich in ihr licht Gewand, 1926 +Jedweder faßte den Schild an seine Hand, +Sie giengen aus dem Hause vor die Thüre stehn +Und hüteten der Gäste; das ist mit Treuen geschehn. + +Volker der schnelle lehnte von der Hand 1927 +Seinen Schild den guten an des Saales Wand. +Dann wandt er sich zurücke, wo seine Geige war, +Und diente seinen Freunden: es ziemt ihm also fürwahr. + +Unter des Hauses Thüre setzt' er sich auf den Stein. 1928 +Kühnrer Fiedelspieler mochte nimmer sein. +Als der Saiten Tönen ihm so hold erklang, +Die stolzen Heimatlosen die sagten Volkern den Dank. + +Da tönten seine Saiten, daß all das Haus erscholl; 1929 +Seine Kraft und sein Geschicke die waren beide voll. +Süßer und sanfter zu geigen hub er an: +So spielt' er in den Schlummer gar manchen sorgenden Mann. + +Da sie entschlafen waren und Volker das befand, 1930 +Da nahm der Degen wieder den Schild an die Hand +Und gieng aus dem Hause vor die Thüre stehn, +Seine Freunde zu behüten vor Denen in Kriemhilds Lehn. + +Wohl der Nacht inmitten, wenn es erst da geschah, 1931 +Volker der kühne einen Helm erglänzen sah +Fernher durch das Dunkel: Die Kriemhild unterthan, +Hätten an den Gästen gerne Schaden gethan. + +Bevor diese Recken Kriemhild hatt entsandt, 1932 +Sie sprach: "Wenn ihr sie findet, so seid um Gott ermahnt, +Daß ihr Niemand tödtet als den einen Mann, +Den ungetreuen Hagen; die Andern rühret nicht an." + +Da sprach der Fiedelspieler: "Nun seht, Freund Hagen, 1933 +Uns ziemt, diese Sorge gemeinsam zu tragen. +Gewaffnet vor dem Hause seh ich Leute stehn: +So viel ich mag erkennen, kommen sie uns zu bestehn." + +"So schweigt," sprach da Hagen, "laßt sie erst näher her. 1934 +Eh sie uns inne werden, wird ihrer Helme Wehr +Zerschroten mit den Schwertern von unser Beider Hand: +Sie werden Kriemhilden übel wieder heimgesandt." + +Der Heunenrecken Einer das gar bald ersah, 1935 +Die Thüre sei behütet: wie schnell sprach er da: +"Was wir im Sinne hatten, kann nun nicht geschehn: +Ich seh den Fiedelspieler vor dem Hause Schildwacht stehn. + +"Er trägt auf dem Haupte einen Helm von lichtem Glanz, 1936 +Der ist hart und lauter, stark dazu und ganz. +Auch loh'n die Panzerringe ihm, wie das Feuer thut. +Daneben steht auch Hagen: die Gäste sind in guter Hut." + +Da wandten sie sich wieder. Als Volker das ersah, 1937 +Zu seinem Heergesellen in Zorn sprach er da: +"Nun laßt mich von dem Hause zu den Recken gehn: +So frag ich um die Märe Die in Kriemhildens Lehn." + +"Nein, wenn ihr mich lieb habt," sprach Hagen entgegen, 1938 +"Kämt ihr aus dem Hause, diese schnellen Degen +Brächten euch mit Schwertern leicht in solche Noth, +Daß ich euch helfen müste, wärs aller meiner Freunde Tod. + +"Wenn wir dann Beide kämen in den Streit, 1939 +So möchten ihrer zweie oder vier in kurzer Zeit +Zu dem Hause springen und schüfen solche Noth +Drinnen an den Schlafenden, daß wir bereuten bis zum Tod." + +Da sprach wieder Volker: "So laßt es nur geschehn, 1940 +Daß sie inne werden, wir haben sie gesehn: +So können uns nicht läugnen Die Kriemhild unterthan, +Daß sie gerne treulos an den Gästen hätten gethan." + +Da rief der Fiedelspieler den Heunen entgegen: 1941 +"Wie geht ihr so bewaffnet, ihr behenden Degen? +Wollt ihr morden reiten, ihr Kriemhild unterthan? +So nehmt mich zur Hülfe und meinen Heergesellen an," + +Niemand gab ihm Antwort; zornig war sein Muth: 1942 +"Pfui, feige Bösewichter," sprach der Degen gut, +"Im Schlaf uns zu ermorden, schlicht ihr dazu heran? +Das ward so guten Helden bisher noch selten gethan." + +Bald ward auch die Märe der Königin bekannt 1943 +Vom Abzug ihrer Boten: wie schwer sie das empfand! +Da fügte sie es anders; gar grimmig war ihr Muth. +Da musten bald verderben viel der Helden kühn und gut. + + * * * * * + + + + +Einunddreißigstes Abenteuer. + +Wie die Herren zur Kirche giengen. + + +"Mir wird so kühl der Harnisch," sprach da Volker: 1944 +"Die Nacht, wähn ich, wolle nun nicht währen mehr. +Ich fühl es an den Lüften, es ist nicht weit vom Tag." +Da weckten sie gar Manchen, der da im Schlafe noch lag. + +Da schien der lichte Morgen den Gästen in den Saal. 1945 +Hagen begann zu fragen die Recken allzumal, +Ob sie zum Münster wollten in die Messe heut. +Nach christlichen Sitten erscholl der Glocken Geläut. + +Der Gesang war ungleich; kein Wunder möcht es sein, 1946 +Daß Christen mit Heiden nicht stimmten überein. +Da wollten zu der Kirche Die in Gunthers Lehn: +Man sah sie von den Betten allzumal da erstehn. + +Da schnürten sich die Recken in also gut Gewand, 1947 +Daß nie Helden wieder in eines Königs Land +Beßre Kleider brachten. Hagen war es leid; +Er sprach: "Ihr thätet beßer, ihr trügt hier anderlei Kleid. + +"Nun ist euch doch allen die Märe wohl bekannt: 1948 +Drum statt der Rosenkränze nehmt Waffen an die Hand; +Statt wohlgesteinter Hüte die lichten Helme gut, +Da wir so wohl erkennen der argen Kriemhilde Muth. + +"Wir müßen heute streiten, das will ich euch sagen. 1949 +Statt seidner Hemden sollt ihr Halsbergen tragen +Und statt der reichen Mäntel gute Schilde breit: +zürnt mit euch Jemand, daß ihr wehrhaftig seid. + +"Meine lieben Herren, Freund und Mannen mein, 1950 +Tretet in die Kirche mit lauterm Herzen ein +Und klagt Gott dem reichen eure Sorg und Noth: +Denn wißt unbezweifelt, es naht uns allen der Tod. + +"Ihr sollt auch nicht vergeßen, was je von euch geschah, 1951 +Und fleht vor eurem Gotte andächtig da. +Laßt euch alle warnen, gute Recken hehr: +Es wend es Gott im Himmel, so hört ihr keine Messe mehr," + +So giengen zu dem Münster die Fürsten und ihr Lehn. 1952 +Auf dem heiligen Friedhof, da hieß sie stille stehn +Hagen der kühne, damit man sie nicht schied. +Er sprach: "Noch weiß ja Niemand, was von den Heunen geschieht. + +"Setzt, meine Freunde, die Schilde vor den Fuß 1953 +Und lohnt es, beut euch Jemand feindlichen Gruß, +Mit tiefen Todeswunden: das ist, was euch Hagen räth. +So werdet ihr befunden, wie's euch am löblichsten steht." + +Volker und Hagen die beiden stellten da 1954 +Sich vor das weite Münster: was darum geschah, +Sie wolltens dazu bringen, daß sich die Königin +Mit ihnen drängen müße; wohl war gar grimmig ihr Sinn. + +Da kam der Wirth des Landes und auch sein schönes Weib; 1955 +Mit reichem Gewände war ihr geziert der Leib +Und manchem schnellen Degen, der im Geleit ihr war. +Da flog der Staub zur Höhe vor der Königin Schar, + +Als der reiche König so gewaffnet sah 1956 +Die Fürsten und ihr Ingesind, wie bald sprach er da: +"Was seh ich meine Freunde unter Helmen gehn? +Leid war mir meiner Treue, wär ihnen Leid hier geschehn. + +"Das wollt ich ihnen büßen, wie sie es däuchte gut. 1957 +Wenn ihnen wer beschwerte das Herz und den Muth, +So laß ich sie wohl schauen, es sei mir wahrlich leid: +Was sie gebieten mögen, dazu bin ich gern bereit." + +Zur Antwort gab ihm Hagen: "Uns ist kein Leid geschehn. 1958 +Es ist der Herren Sitte, daß sie gewaffnet gehn +Bei allen Gastgeboten zu dreien vollen Tagen. +Was uns hier geschähe, wir würden es Etzeln klagen." + +Wohl vernahm die Königin Hagens Rede da. 1959 +Wie feindlich sie dem Degen unter die Augen sah! +Sie wollte doch nicht melden den Brauch in ihrem Land, +Wie lang bei den Burgunden sie den auch hatte gekannt. + +Wie grimm und stark die Königin ihnen abhold wäre, 1960 +Hätte Jemand Etzeln gesagt die rechte Märe, +Er hätt es wohl gewendet, was nun doch geschah: +In ihrem hohen Uebermuth verschwiegen sie es Alle da. + +Da schritt mit vielem Volke Kriemhild zur Kirchenthür: 1961 +Doch wollten diese Beiden weichen nicht vor ihr +Zweier Hände Breite: das war den Heunen leid. +Da muste sie sich drängen mit den Helden allbereit. + +Etzels Kämmerlinge die dauchte das nicht gut: 1962 +Wohl hätten sie den Recken gern erzürnt den Muth, +Wenn sie es wagen dürften vor dem König hehr. +Da gab es groß Gedränge und doch nichts anderes mehr. + +Als nach dem Gottesdienste man auf den Heimweg sann, 1963 +Da kam hoch zu Rosse mancher Heunenmann. +Auch war bei Kriemhilden manche schöne Maid; +Wohl Siebentausend zählte der Königin Heergeleit. + +Kriemhild mit ihren Frauen in den Fenstern saß 1964 +Bei Etzeln dem reichen; gerne sah er das. +Sie wollten reiten sehen die Helden auserkannt: +Hei! was man fremder Recken vor ihnen auf dem Hofe fand! + +Nun war auch mit den Rossen der Marschall gekommen. 1965 +Der kühne Dankwart hatte mit sich genommen +Der Herren Ingesinde von Burgundenland: +Die Rosse wohlgesattelt man den kühnen Niblungen fand. + +Als zu Rossen kamen die Fürsten und ihr Herr, 1966 +Da begann zu rathen der kühne Volker, +Sie sollten buhurdieren nach ihres Landes Sitten. +Da wurde von den Helden bald gar herrlich geritten. + +Was der Held gerathen, Niemanden wohl verdroß; 1967 +Der Buhurd und der Waffenklang wurden beide groß. +In dem weiten Hofe kam da mancher Mann; +Etzel mit Kriemhild es selbst zu schauen begann. + +Auf den Buhurd kamen sechshundert Degen. 1968 +Dietrichens Recken, den Gästen entgegen. +Mit den Burgunden wollten sie sich im Spiel ergehn; +Wollt es ihr Herr vergönnen, so wär es gerne geschehn. + +Hei! Was gute Recken ritten da heran! 1969 +Dietrich dem Helden ward es kund gethan. +Mit Gunthers Ingesinde das Spiel er verbot; +Er schonte seiner Leute: das that ihm sicherlich Noth. + +Als Dietrichs Gefolge so vermied den Streit, 1970 +Da kamen von Bechlaren Rüdigers Geleit, +Fünfhundert unter Schilden, vor den Saal geritten. +Leid wars dem Markgrafen: er hätt es gern nicht gelitten. + +Er kam zu ihnen eilends gedrungen durch die Schar 1971 +Und sagte seinen Mannen: sie würden selbst gewahr, +Daß im Unmuth wären Die Gunthern unterthan: +Wenn sie das Kampfspiel ließen, so wär ihm Liebes gethan. + +Als von ihnen schieden die Helden allbereit, 1972 +Da kamen die von Thüringen, hörten wir Bescheid, +Und vom Dänenlande der Kühnen tausend Mann. +Von Stichen sah man fliegen viel der Splitter hoch hinan. + +Irnfried und Hawart ritten zum Buhurd hin; 1973 +Ihrer harrten Die vom Rheine mit hochfährtgem Sinn +Zum Lanzenspiel mit Denen vom Thüringerland: +Durchbohrt von Stichen wurde mancher schöne Schildesrand. + +Da kam der Degen Blödel, dreitausend in der Schar. 1974 +Etzel und Kriemhild nahmen sein wohl war, +Da vor ihnen Beiden das Ritterspiel geschah. +Die Königin es gerne aus Haß der Burgunden sah. + +Sie gedacht in ihrem Sinne, schier wärs auch so geschehn: 1975 +"Und thäten sie wem Leides, so dürft ich mich versehn, +Daß es zum Ernste käme: an den Feinden mein +Würd ich dann gerochen; des wollt ich ohne Sorge sein." + +Schrutan und Gibeke ritten zum Buhurd auch, 1976 +Hornbog und Ramung, nach heunischem Gebrauch. +Sie hielten vor den Helden aus Burgundenland: +Die Schäfte flogen wirbelnd über des Königssaales Wand. + +Wie sie da Alle ritten, das war doch eitel Schall. 1977 +Von Stößen auf die Schilde das Haus und den Saal +Hörte man ertosen durch manchen Gunthers-Mann. +Das Lob sich sein Gesinde mit großen Ehren gewann. + +Da ward ihre Kurzweil so stark und so groß, 1978 +Daß den Satteldecken der blanke Schweiß entfloß +Von den guten Rossen, so die Helden ritten. +Sie versuchten an den Heunen sich mit hochfährtgen Sitten. + +Da sprach der kühne Volker, der edle Spielmann: 1979 +"Zu feig sind diese Degen, sie greifen uns nicht an. +Ich hörte immer sagen, daß sie uns abhold sein: +Nun könnte die Gelegenheit ihnen doch nicht günstger sein." + +"Zu den Ställen wieder," sprach der König hehr, 1980 +"Ziehe man die Rosse; wir reiten wohl noch mehr +In den Abendstunden, wenn die Zeit erschien. +Ob dann den Burgunden den Preis wohl giebt die Königin?" + +Da sahn sie Einen reiten so stattlich daher, 1981 +Es thats von allen Heunen kein Anderer mehr. +Er hatt in den Fenstern wohl ein Liebchen traut: +Er ritt so wohl gekleidet als eines werthen Ritters Braut. + +Da sprach wieder Volker: "Wie blieb' es ungethan? 1982 +Jener Weiberliebling muß einen Stoß empfahn. +Das mag hier Niemand wenden, es geht ihm an den Leib: +Nicht frag ich, ob drum zürne dem König Etzel sein Weib." + +"Nicht doch," sprach der König, "wenn ichs erbitten kann: 1983 +Es schelten uns die Leute, greifen wir sie an: +Die Heunen laßt beginnen; es kommt wohl bald dahin." +Noch saß König Etzel am Fester bei der Königin. + +"Ich will das Kampfspiel mehren," sprach Hagen jedoch: 1984 +"Laßt diese Frauen und die Degen noch +Sehn, wie wir reiten können: das ist wohlgethan; +Man läßt des Lobs doch wenig die Recken Gunthers empfahn." + +Volker der schnelle ritt wieder in den Streit. 1985 +Das schuf da viel der Frauen großes Herzeleid. +Er stach dem reichen Heunen den Sper durch den Leib: +Das sah man noch beweinen manche Maid und manches Weib. + +Alsbald rückt' auch Hagen mit seinen Helden an: 1986 +Mit sechzig seiner Degen zu reiten er begann +Dahin, wo von dem Fiedler das Spiel war geschehn. +Etzel und Kriemhild konnten Alles deutlich sehn. + +Da wollten auch die Könige den kühnen Fiedler gut 1987 +Unter den Feinden nicht laßen ohne Hut. +Da ward von tausend Helden mit großer Kunst geritten. +Sie thaten, was sie lüstete, mit gar hochfährtgen Sitten. + +Als der reiche Heune zu Tode war geschlagen, 1988 +Man hörte seiner Freunde Wehruf und Klagen. +All das Gesinde fragte: "Wer hat das gethan?" +"Das hat gethan der Fiedler, Volker der kühne Spielmann." + +Nach Schwertern und Schilden riefen gleich zur Hand 1989 +Des Markgrafen Freunde von der Heunen Land: +Zu Tode schlagen wollten sie den Fiedelmann. +Der Wirth von seinem Fenster daher zu eilen begann. + +Da hob sich von den Heunen allenthalben Schall. 1990 +Abstiegen mit dem Volke die Könge vor dem Saal; +Zurück die Rosse stießen Die Gunthern unterthan. +Da kam der König Etzel den Streit zu schlichten heran. + +Einem Vetter dieses Heunen, den er da bei ihm fand, 1991 +Eine scharfe Waffe brach er ihm aus der Hand +Und schlug sie all zurücke: er war in großem Zorn. +"Wie hätt ich meine Dienste an diesen Helden verlorn! + +"Wenn ihr diesen Spielmann hättet drum erschlagen, 1992 +Ich ließ' euch alle hängen! das will ich euch sagen. +Als er erstach den Heunen, sein Reiten wohl ich sah, +Daß es wider seinen Willen nur durch Straucheln geschah. + +"Ihr sollt meine Gäste mit Frieden laßen ziehn." 1993 +So ward er ihr Geleite. Die Rosse zog man hin +Zu den Herbergen. Sie hatten manchen Knecht, +Der ihnen war zu Diensten mit allem Fleiße gerecht. + +Der Wirth mit seinen Freunden gieng zum Saal zurück: 1994 +Da regte sich kein Zürnen mehr vor seinem Blick. +Man richtete die Tische, das Wasser man auch trug. +Da hatten Die vom Rheine der starken Feinde genug. + +Unlieb war es Etzeln, doch folgte manche Schar 1995 +Den Fürsten, die mit Waffen wohl versehen war, +Im Unmuth auf die Gäste, als man zu Tische gieng, +Den Freund bedacht zu rächen, wenn es günstge Zeit verhieng. + +"Daß ihr in Waffen lieber zu Tische geht als bloß," 1996 +Sprach der Wirth des Landes, "die Unart ist zu groß; +Wer aber an den Gästen den kleinsten Frevel wagt, +Der büßt es mit dem Haupte: das sei euch Heunen gesagt." + +Bevor da niedersaßen die Herren, das währte lang, 1997 +Weil zu sehr mit Sorgen jetzt Frau Kriemhild rang. +Sie sprach: "Fürst von Berne, heute muß ich flehn +Zu dir um Rath und Hülfe: meine Sachen ängstlich stehn." + +Zur Antwort gab ihr Hildebrand, eine Recke tugendlich: 1998 +"Wer schlägt die Nibelungen, der thut es ohne mich, +Wie viel man Schätze böte; es wird ihm wahrlich leid. +Sie sind noch unbezwungen, die schnellen Ritter allbereit." + +"Es geht mir nur um Hagen, der hat mir Leid gethan, 1999 +Der Siegfrieden mordete, meinen lieben Mann. +Wer den von ihnen schiede, dem wär mein Gold bereit: +Entgält es anders Jemand, das wär mir inniglich leid." + +Da sprach Meister Hildebrand: "Wie möchte das geschehn, 2000 +Den ihnen zu erschlagen? Ihr solltet selber sehn: +Bestünde man den Degen, leicht gäb es eine Noth, +Daß Arme so wie Reiche dabei erlägen im Tod." + +Da sprach dazu Herr Dietrich mit zuchtreichem Sinn: 2001 +"Die Rede laßt bleiben, reiche Königin; +Mir ist von euern Freunden kein solches Leid geschehn, +Daß ich sollt im Streite die kühnen Degen bestehn. + +"Die Bitte ehrt euch wenig, edel Königsweib, 2002 +Daß ihr den Freunden rathet an Leben und an Leib. +Sie kamen euch auf Gnade hieher in dieses Land; +Siegfried bleibt ungerochen wohl von Dietrichens Hand." + +Als sie keine Untreu bei dem Berner fand, 2003 +Alsobald gelobte sie Blödeln in die Hand +Eine weite Landschaft, die Nudung einst besaß; +Hernach erschlug ihn Dankwart, daß er der Gabe gar vergaß. + +Sie sprach: "Du sollst mir helfen, Bruder Blödelein. 2004 +Hier in diesem Hause sind die Feinde mein, +Die Siegfrieden schlugen, meinen lieben Mann: +Wer mir das rächen hülfe, dem war ich immer unterthan." + +Zur Antwort gab ihr Blödel, der ihr zur Seite saß: 2005 +"Ich darf euern Freunden nicht zeigen solchen Haß, +Weil sie mein Bruder Etzel so gerne leiden mag: +Wenn ich sie bestünde, der König säh es mir nicht nach." + +"Nicht also, Herr Blödel, ich bin dir immer hold: 2006 +Ich gebe dir zum Lohne mein Silber und mein Gold +Und eine schöne Witwe, Nudungens Weib: +So magst du immer kosen ihren minniglichen Leib. + +"Das Land zu den Burgen, Alles geb ich dir, 2007 +So lebst du, theurer Ritter, in Freuden stäts mit ihr, +Wenn du die Mark gewinnest, die Nudung einst besaß. +Was ich dir hier gelobe, mit Treuen leist ich dir das." + +Als Blödel bieten hörte des Lohnes also viel 2008 +Und ihrer Schöne willen die Frau ihm wohlgefiel, +Im Kampf verdienen wollt er das minnigliche Weib. +Da muste dieser Recke verlieren Leben und Leib. + +Er sprach zu der Königin: "Geht wieder in den Saal. 2009 +Eh man es inne werde, erheb ich großen Schall. +Hagen muß es büßen, was er euch hat gethan: +Ich bring euch gebunden König Gunthers Unterthan." + +"Nun waffnet euch," sprach Blödel, "ihr all in meinem Lehn, 2010 +Wir wollen zu den Feinden in die Herberge gehn. +Mir will es nicht erlaßen König Etzels Weib: +Wir Helden müßen alle verwagen Leben und Leib." + +Als den Degen Blödel entließ die Königin, 2011 +Daß er den Streit begänne, zu Tische gieng sie hin +Mit Etzeln dem Könige und manchem Unterthan. +Sie hatte schlimme Räthe wider die Gäste gethan. + +Wie sie zu Tische giengen, das will ich euch sagen: 2012 +Man sah reiche Könige die Krone vor ihr tragen; +Manchen hohen Fürsten und viel der werthen Degen +Sah man großer Demuth vor der Königin pflegen. + +Der König wies den Gästen die Sitze überall, 2013 +Den Höchsten und den Besten neben sich im Saal. +Den Christen und den Heiden die Kost er unterschied; +Man gab die Fülle beiden, wie es der weise König rieth. + +In der Herberge aß ihr Ingesind: 2014 +Von Truchsäßen ward es da allein bedient; +Die hatten es zu speisen großen Fleiß gepflogen. +Die Bewirtung und die Freude ward bald mit Jammer aufgewogen. + +Da nicht anders konnte erhoben sein der Streit, 2015 +Kriemhilden lag im Herzen begraben altes Leid, +Da ließ sie zu den Tischen tragen Etzels Sohn: +Wie könnt ein Weib aus Rache wohl entsetzlicher thun? + +Da kamen vier gegangen aus Etzels Ingesind 2016 +Und brachten Ortlieben, das junge Königskind, +Den Fürsten an die Tafel, wo auch Hagen saß. +Das Kind must ersterben durch seinen mordlichen Haß. + +Als der reiche König seinen Sohn ersah, 2017 +Zu seiner Frauen Brüdern gütlich sprach er da: +"Nun schaut, meine Freunde, das ist mein einzig Kind +Und das eurer Schwester, von dem ihr Frommen einst gewinnt. + +"Geräth er nach dem Stamme, er wird ein starker Mann, 2018 +Reich dazu und edel, kühn und wohlgethan. +Erleb ich es, ich geb ihm zwölf reicher Könge Land: +So thut euch wohl noch Dienste des jungen Ortliebens Hand. + +"Darum bät ich gerne euch, lieben Freunde mein, 2019 +Wenn ihr heimwärts reitet wieder an den Rhein, +Daß ihr dann mit euch nehmet eurer Schwester Kind; +Und seid auch dem Knaben immer gnädig gesinnt. + +"Erzieht ihn nach Ehren, bis er geräth zum Mann: 2020 +Hat euch in den Landen Jemand ein Leid gethan, +So hilft er euch es rächen, erwuchs ihm erst der Leib." +Die Rede hörte Kriemhild mit an, König Etzels Weib. + +"Ihm sollten wohl vertrauen alle diese Degen, 2021 +Wenn er zum Mann erwüchse," sprach Hagen entgegen; +"Doch ist der junge König so schwächlich anzusehn: +Man soll mich selten schauen nach Hof zu Ortlieben gehn." + +Der König blickt' auf Hagen; die Rede war ihm leid. 2022 +Wenn er auch nichts erwiederte, der König allbereit, +Es betrübt' ihn in der Seele und beschwert' ihm den Muth. +Da waren Hagens Sinne zu keiner Kurzweile gut. + +Es schmerzte wie den König sein fürstlich Ingesind, 2023 +Was Hagen da gesprochen hatte von dem Kind. +Daß sie's vertragen sollten, gieng ihnen allen nah; +Noch konnten sie nicht wißen, was von dem Recken bald geschah. + +Gar Manche, die es hörten und ihm trugen Groll, 2024 +Hätten ihn gern bestanden; der König selber wohl, +Wenn er mit Ehren dürfte: so käm der Held in Noth. +Bald that ihm Hagen Aergeres, er schlug ihn ihm vor Augen todt. + + * * * * * + + + + +Zweiunddreißigstes Abenteuer. + +Wie Blödel mit Dankwart in der Herberge Stritt. + + +Blödels Recken standen gerüstet allzumal. 2025 +In tausend Halsbergen erreichten sie den Saal, +Wo Dankwart mit den Knechten an den Tischen saß. +Da hob sich unter Helden der allergrimmigste Haß. + +Als der Degen Blödel vor die Tische gieng, 2026 +Dankwart der Marschall ihn freundlich empfieng: +"Willkommen hier im Hause, mein Herr Blödelein: +Mich wundert euer Kommen: sagt, was soll die Märe sein?" + +"Du brauchst mich nicht zu grüßen," sprach da Blödelein, 2027 +"Denn dieses mein Kommen muß dein Ende sein +Um Hagen deinen Bruder, der Siegfrieden schlug. +Des entgiltst du bei den Heunen und andre Helden genug." + +"Nicht doch, mein Herr Blödel," sprach da Dankwart, 2028 +"So möchte sehr uns reuen zu Hofe diese Fahrt. +Ich war ein Kind, als Siegfried Leben ließ und Leib: +Nicht weiß ich, was mir wolle dem König Etzel sein Weib." + +"Ich weiß dir von der Märe nicht mehr zu sagen; 2029 +Es thatens deine Freunde, Gunther und Hagen. +Nun wehrt euch, ihr Armen, ihr könnt nicht länger leben, +Ihr müßt mit dem Tode hier ein Pfand Kriemhilden geben." + +"Wollt ihrs nicht laßen?" sprach da Dankwart, 2030 +"So gereut mich meines Flehens: hätt ich das gespart!" +Der schnelle kühne Degen von dem Tische sprang, +Eine scharfe Waffe zog er, die war gewaltig und lang. + +Damit schlug er Blödeln einen schwinden Schwertesschlag, 2031 +Daß ihm das Haupt im Helme vor den Füßen lag. +"Das sei die Morgengabe," sprach der schnelle Degen, +"Zu Nudungens Witwe, die du mit Minne solltest pflegen. + +"Vermähle man sie morgen einem andern Mann: 2032 +Will er den Brautschatz, wird ihm wie dir gethan." +Ein getreuer Heune hatt ihm das hinterbracht, +Wie die Königstochter auf ihr Verderben gedacht. + +Da sahen Blödels Mannen, ihr Herr sei erschlagen; 2033 +Das wollten sie den Gästen länger nicht vertragen. +Mit aufgehobnen Schwertern auf die Knappen ein +Drangen sie mit Ingrimm: das muste Manchen gereun. + +Laut rief da Dankwart all die Knappen an: 2034 +"Ihr seht wohl, edle Knechte, es ist um uns gethan, +Nun wehrt euch, ihr Armen, wie euch zwingt die Noth, +Daß ihr ohen Schanden erliegt in wehrlichem Tod." + +Die nicht Schwerter hatten, die griffen vor die Bank, 2035 +Vom Boden aufzuheben manchen Schemel lang. +Die Burgundenknechte wollten nichts vertragen: +Mit schweren Stühlen sah man starker Beulen viel geschlagen. + +Wie grimm die armen Knappen sich wehrten in dem Strauß! 2036 +Sie trieben zu dem Hause die Gewaffneten hinaus: +Fünfhundert oder drüber erlagen drin dem Tod. +Da war das Ingesinde vom Blute naß und auch roth. + +Diese schwere Botschaft drang in kurzer Zeit 2037 +Zu König Etzels Recken: ihnen wars grimmig leid, +Daß mit seinen Mannen Blödel den Tod gewann; +Das hatte Hagens Bruder mit den Knechten gethan. + +Eh es vernahm der König, stand schon ein Heunenheer 2038 +In hohem Zorn gerüstet, zweitausend oder mehr. +Sie giengen zu den Knechten, es muste nun so sein, +Und ließen des Gesindes darin nicht Einen gedeihn. + +Die Ungetreuen brachten vors Haus ein mächtig Heer. 2039 +Die landlosen Knechte standen wohl zu Wehr. +Was half da Kraft und Kühnheit? sie fanden doch den Tod. +Darnach in kurzer Weile hob sich noch grimmere Noth. + +Nun mögt ihr Wunder hören und Ungeheures sagen: 2040 +Neuntausend Knechte lagen todt geschlagen, +Darüber zwölf Ritter in Dankwartens Lehn. +Man sah ihn weltalleine noch bei seinen Feinden stehn. + +Der Lärm war beschwichtigt, das Tosen eingestellt. 2041 +Ueber die Achsel blickte Dankwart der Held: +Er sprach: "O weh der Freunde, die ich fallen sah! +Nun steh ich leider einsam unter meinen Feinden da." + +Die Schwerter fielen heftig auf des Einen Leib: 2042 +Das muste bald beweinen manches Helden Weib. +Den Schild rückt' er höher, der Riemen ward gesenkt: +Mit rothem Blute sah man noch manchen Harnisch getränkt. + +"O weh mir dieses Leides!" sprach Aldrianens Kind. 2043 +"Nun weicht, Heunenrecken, und laßt mich an den Wind, +Daß die Lüfte kühlen mich sturmmüden Mann." +Da drang er auf die Thüre unter Schlägen herrlich an. + +Als der Streitmüde aus dem Hause sprang, 2044 +Wie manches Schwert von Neuem auf seinem Helm erklang! +Die nicht gesehen hatten die Wunder seiner Hand, +Die sprangen da entgegen dem aus Burgundenland. + +"Nun wollte Gott," sprach Dankwart, "daß mir ein Bote käm, 2045 +Durch den mein Bruder Hagen Kunde vernähm, +Daß ich vor diesen Recken steh in solcher Noth. +Der hülfe mir von hinnen oder fände selbst den Tod." + +Da sprachen Heunenrecken: "Der Bote must Du sein, 2046 +Wenn wir todt dich tragen vor den Bruder dein. +Dann sieht erst sein Herzeleid Gunthers Unterthan. +Du hast dem König Etzel hier großen Schaden gethan." + +Er sprach: "Nun laßt das Dräuen und weicht zurück von mir, 2047 +Sonst netz ich noch Manchem mit Blut den Harnisch hier. +Ich will die Märe selber hin zu Hofe tragen +Und will meinen Herren meinen großen Kummer klagen." + +Er verleidete so sehr sich dem Volk in Etzels Lehn, 2048 +Daß sie ihn mit Schwertern nicht wagten zu bestehn: +Da schoßen sie der Spere so viel ihm in den Rand, +Er must ihn seiner Schwere wegen laßen aus der Hand. + +Sie wähnten ihn zu zwingen, weil er den Schild nicht trug; 2049 +Hei, was er tiefer Wunden durch die Helme schlug! +Da muste vor ihm Straucheln mancher kühne Mann, +Daß sich viel Lob und Ehre der kühne Dankwart gewann. + +Von beiden Seiten sprangen die Gegner auf ihn zu. 2050 +Wohl kam ihrer Mancher in den Kampf zu fruh. +Da gieng er vor den Feinden, wie ein Eberschwein +Im Walde thut vor Hunden: wie möcht er wohl kühner sein? + +Sein Weg war stäts aufs Neue genetzt mit heißem Blut. 2051 +Wie konnte je ein Recke allein wohl so gut +Mit so viel Feinden streiten, als hier von ihm geschehn? +Man sah Hagens Bruder herrlich hin zu Hofe gehn. + +Truchsäßen und Schenken vernahmen Schwerterklang: 2052 +Gar mancher die Getränke aus den Händen schwang +Oder auch die Speisen, die man zu Hofe trug. +Da fand er vor der Stiege noch starker Feinde genug. + +"Wie nun, ihr Truchsäßen?" sprach der müde Degen, 2053 +"Nun solltet ihr die Gäste gütlich verpflegen +Und solltet den Herren die edle Speise tragen +Und ließet mich die Märe meinen lieben Herren sagen." + +Wer da den Muth gewonnen und vor die Stieg ihm sprang, 2054 +Deren schlug er etlichen so schweren Schwertesschwang, +Daß ihm aus Schreck die Andern ließen freie Bahn. +Da hatten seine Kräfte viel große Wunder gethan. + + * * * * * + + + + +Dreiunddreißigstes Abenteuer. + +Wie Dankwart die Märe seinen Herren brachte. + + +Als der kühne Dankwart unter die Thüre trat 2055 +Und Etzels Ingesinde zurückzuweichen bat, +Mit Blut war beronnen all sein Gewand; +Eine scharfe Waffe trug er bloß an seiner Hand. + +Gerade in der Stunde, als Dankwart trat zur Thür, 2056 +Trug man Ortlieben im Saale für und für +Von einem Tisch zum andern den Fürsten wohlgeboren: +Durch seine schlimme Botschaft gieng das Kindlein verloren. + +Hellauf rief da Dankwart einem Degen zu: 2057 +"Ihr sitzt, Bruder Hagen, hier zu lang in Ruh. +Euch und Gott vom Himmel klag ich unsre Noth: +Ritter und Knechte sind in der Herberge todt." + +Der rief ihn hin entgegen: "Wer hat das gethan?" 2058 +"Das that der Degen Blödel und Die ihm unterthan. +Auch hat ers schwer entgolten, das will ich euch sagen: +Mit diesen Händen hab ich ihm sein Haupt abgeschlagen." + +"Das ist ein kleiner Schade," sprach Hagen unverzagt, 2059 +"Wenn man solche Märe von einem Degen sagt, +Daß er von Heldenhänden zu Tode sei geschlagen: +Den sollen desto minder die schönen Frauen beklagen. + +"Nun sagt mir, lieber Bruder, wie seid ihr so roth? 2060 +Ich glaube gar, ihr leidet von Wunden große Noth. +Ist der wo hier im Lande, von dem das ist geschehn? +Der üble Teufel helf ihm denn: sonst muß es ihm ans Leben gehn." + +"Ihr seht mich unverwundet: mein Kleid ist naß von Blut. 2061 +Das floß nur aus Wunden andrer Degen gut, +Deren ich so Manchen heute hab erschlagen, +Wenn ichs beschwören sollte, ich wüste nicht die Zahl zu sagen." + +Da sprach er: "Bruder Dankwart, so hütet uns die Thür 2062 +Und laßt von den Heunen nicht Einen Mann herfür. +So red ich mit den Recken, wie uns zwingt die Noth: +Unser Ingesinde liegt ohne Schuld von ihnen todt." + +"Soll ich Kämmrer werden?" sprach der kühne Mann, 2063 +"Bei so reichen Königen steht mir das Amt wohl an: +Der Stiege will ich hüten nach allen Ehren mein." +Kriemhildens Recken konnte das nicht leider sein. + +"Nun nimmt mich doch Wunder," sprach wieder Hagen, 2064 +"Was sich die Heunen hier in die Ohren sagen: +Sie möchten sein entbehren, der dort die Thür bewacht +Und der die Hofmären den Burgunden hat gebracht. + +"Ich hörte schon lange von Kriemhilden sagen, 2065 +Daß sie nicht ungerochen ihr Herzleid wolle tragen. +Nun trinken wir die Minne und zahlen Etzels Wein: +Der junge Vogt der Heunen muß hier der allererste sein." + +Ortlieb das Kind erschlug da Hagen der Degen gut, 2066 +Daß vom Schwerte nieder zur Hand ihm floß das Blut +Und das Haupt herabsprang der Köngin in den Schoß. +Da hob sich unter Degen ein Morden grimmig und groß. + +Darauf dem Hofmeister der des Kindes pflag, 2067 +Mit beiden Händen schlug er einen schnellen Schlag, +Daß vor des Tisches Füße das Haupt ihm niederflog: +Es war ein jämmerlicher Lohn, den er dem Hofmeister wog. + +Er sah vor Etzels Tische einen Spielmann: 2068 +Hagen in seinem Zorne lief zu ihm heran. +Er schlug ihm auf der Geigen herab die rechte Hand. +"Das habe für die Botschaft in der Burgunden Land." + +"Ach meine Hand," sprach Werbel, Etzels Spielmann: 2069 +"Herr Hagen von Tronje, was hatt ich euch gethan? +Ich kam in großer Treue in eurer Herren Land: +Wie kläng ich nun die Töne, da ich verlor meine Hand?" + +Hagen fragte wenig, und geigt' er nimmermehr. 2070 +Da kühlt' er in dem Hause die grimme Mordlust sehr +An König Etzels Recken, deren er viel erschlug: +Er bracht in dem Saale zu Tod der Recken genug. + +Volker sein Geselle von dem Tische sprang, 2071 +Daß laut der Fiedelbogen ihm an der Hand erklang. +Ungefüge siedelte Gunthers Fiedelmann: +Hei! was er sich zu Feinden der kühnen Heunen gewann! + +Auch sprangen von den Tischen die drei Könge hehr. 2072 +Sie wolltens gerne schlichten, eh Schadens würde mehr. +Doch strebten ihre Kräfte umsonst dawider an, +Da Volker mit Hagen so sehr zu wüten begann. + +Nun sah der Vogt vom Rheine, er scheide nicht den Streit: 2073 +Da schlug der König selber manche Wunde weit +Durch die lichten Panzer den argen Feinden sein. +Der Held war behende, das zeigte hier der Augenschein. + +Da kam auch zu dem Streite der starke Gernot: 2074 +Wohl schlug er den Heunen manchen Helden todt +Mit dem scharfen Schwerte, das Rüdeger ihm gab: +Damit bracht er Manche von Etzels Recken ins Grab. + +Der jüngste Sohn Frau Utens auch zu dem Streite sprang: 2075 +Sein Gewaffen herrlich durch die Helme drang +König Etzels Recken aus der Heunen Land; +Da that viel große Wunder des kühnen Geiselher Hand. + +Wie tapfer alle waren, die Könge wie ihr Lehn, 2076 +Jedennoch sah man Volkern voran all Andern stehn +Bei den starken Feinden; er war ein Degen gut: +Er förderte mit Wunden Manchen nieder in das Blut. + +Auch wehrten sich gewaltig Die in Etzels Lehn. 2077 +Die Gäste sah man hauend auf und nieder gehn +Mit den lichten Schwertern durch des Königs Saal. +Allenthalben hörte man von Wehruf größlichen Schall. + +Da wollten die da draußen zu ihren Freunden drin: 2078 +Sie fanden an der Thüre gar wenig Gewinn; +Da wollten die da drinnen gerne vor den Saal: +Dankwart ließ keinen die Stieg empor noch zu Thal. + +So hob sich vor den Thüren ein ungestümer Drang 2079 +Und von den Schwerthieben auf Helme lauter Klang. +Da kam der kühne Dankwart in eine große Noth: +Das berieth sein Bruder, wie ihm die Treue gebot. + +Da rief mit lauter Stimme Hagen Volkern an: 2080 +"Seht ihr dort, Geselle, vor manchem Heunenmann +Meinen Bruder stehen unter starken Schlägen? +Schützt mir, Freund, den Bruder, eh wir verlieren den Degen." + +Der Spielmann entgegnete: "Das soll alsbald geschehn." 2081 +Dann begann er fiedelnd durch den Saal zu gehn: +Ein hartes Schwert ihm öfters an der Hand erklang. +Vom Rhein die Recken sagten dafür ihm größlichen Dank. + +Volker der kühne zu Dankwarten sprach: 2082 +"Ihr habt erlitten heute großes Ungemach. +Mich bat euer Bruder, ich sollt euch helfen gehn; +Wollt ihr nun draußen bleiben, so will ich innerhalben stehn." + +Dankwart der schnelle stand außerhalb der Thür: 2083 +So wehrt' er von der Stiege, wer immer trat dafür. +Man hörte Waffen hallen den Helden an der Hand; +So that auch innerhalben Volker von Burgundenland. + +Da rief der kühne Fiedelmann über die Menge laut: 2084 +"Das Haus ist wohl verschlossen, ihr, Freund Hagen, schaut +Verschränkt ist so völlig König Etzels Thür, +Von zweier Helden Händen gehn ihr wohl tausend Riegel für." + +Als von Tronje Hagen die Thüre sah in Hut, 2085 +Den Schild warf zurücke der schnelle Degen gut: +Nun begann er erst zu rächen seiner Freunde Leid. +Seines Zornes must entgelten mancher Ritter kühn im Streit. + +Als der Vogt von Berne das Wunder recht ersah, 2086 +Wie der starke Hagen die Helme brach allda, +Der Fürst der Amelungen sprang auf eine Bank. +Er sprach: "Hier schenkt Hagen den allebittersten Trank." + +Der Wirth war sehr in Sorgen, sein Weib in gleicher Noth. 2087 +Was schlug man lieber Freunde ihm vor den Augen todt! +Er selbst war kaum geborgen vor seiner Feinde Schar. +Er saß in großen Aengsten: was half ihm, daß er König war? + +Kriemhild die reiche rief Dietrichen an: 2088 +"Hilf mir mit dem Leben, edler Held, hindann, +Bei aller Fürsten Tugend aus Amelungenland: +Denn erreicht mich Hagen, hab ich den Tod an der Hand." + +"Wie soll ich euch helfen," sprach da Dietrich, 2089 +"Edle Königstochter? ich sorge selbst um mich. +Es sind so sehr im Zorne Die Gunthern unterthan, +Daß ich zu dieser Stunde Niemand Frieden schaffen kann." + +"Nicht also, Herr Dietrich, edler Degen gut: 2090 +Laß uns heut erscheinen deinen tugendreichen Muth +Und hilf mir von hinnen, oder ich bleibe todt. +Bring mich und den König aus dieser angstvollen Noth." + +"Ich will es versuchen, ob euch zu helfen ist, 2091 +Jedoch sah ich wahrlich nicht in langer Frist +In so bitterm Zorne manchen Ritter gut: +Ich seh ja durch die Helme von Hieben springen das Blut." + +Mit Kraft begann zu rufen der Ritter auserkorn, 2092 +Daß seine Stimme hallte wie ein Büffelhorn +Und daß die weite Veste von seiner Kraft erscholl. +Dietrichens Stärke die war gewaltig und voll. + +Da hörte König Gunther rufen diesen Mann 2093 +In dem harten Sturme. Zu horchen hub er an: +"Dietrichens Stimme ist in mein Ohr gekommen, +Ihm haben unsre Degen wohl der Seinen wen benommen. + +"Ich seh ihn auf dem Tische winken mit der Hand. 2094 +Ihr Vettern und Freunde von Burgundenland, +Haltet ein mit Streiten: laßt hören erst und sehn, +Was hier Dietrichen von meinen Mannen sei geschehn." + +Als so der König Gunther bat und auch gebot, 2095 +Da senkten sie die Schwerter in des Streites Noth. +Das war Gewalt bewiesen, daß Niemand da mehr schlug. +Er fragte den von Berne um die Märe schnell genug. + +Er sprach: "Viel edler Dietrich, was ist euch geschehn 2096 +Hier von meinen Freunden? Ihr sollt mich willig sehn: +Zur Sühne und zur Buße bin ich euch bereit. +Was euch Jemand thäte, das war mir inniglich leid." + +Da sprach der edle Dietrich: "Mir ist nichts geschehn! 2097 +Laßt mich aus dem Hause mit euerm Frieden gehn +Von diesem harten Streite mit dem Gesinde mein. +Dafür will ich euch Degen stäts zu Dienst beflißen sein." + +"Was müßt ihr also flehen?" sprach da Wolfhart, 2098 +"Es hält der Fiedelspieler die Thür nicht so verwahrt, +Wir erschließen sie so mächtig, daß man ins Freie kann." +"Nun schweig," sprach da Dietrich, "du hast den Teufel gethan." + +Da sprach der König Gunther: "Das sei euch freigestellt: 2099 +Führt aus dem Hause, so viel euch gefällt, +Ohne meine Feinde: die sollen hier bestehn. +Von ihnen ist mir Leides bei den Heunen viel geschehn." + +Als das der Berner hörte, mit einem Arm umschloß 2100 +Er die edle Königin; ihre Angst war groß; +Da führt er an dem andern Etzeln aus dem Haus. +Auch folgten Dietrichen sechshundert Degen hinaus. + +Da begann der Markgraf, der edle Rüdiger: 2101 +"Soll aber aus dem Hause noch kommen Jemand mehr, +Der euch doch gerne diente, so macht es mir kund: +So walte stäter Friede in getreuer Freunde Bund." + +Antwort seinem Schwäher gab Geiselher zuhand: 2102 +"Frieden und Sühne sei euch von uns bekannt; +Ihr haltet stäte Treu, ihr und euer Lehn, +Ihr sollt mit euren Freunden ohne Sorgen hinnen gehn." + +Als Rüdiger der Markgraf räumte Etzels Saal, 2103 +Fünfhundert oder drüber folgten ihm zumal. +Das ward von den Helden aus Treue gethan, +Wodurch König Gunther bald großen Schaden gewann. + +Da sah ein Heunenrecken König Etzeln gehn 2104 +Neben Dietrichen: des wollt er Frommen sehn. +Dem gab der Fiedelspieler einen solchen Schlag, +Daß ihm gleich am Boden das Haupt vor Etzels Füßen lag. + +Als der Wirth des Landes kam vor des Hauses Thor, 2105 +Da wandt er sich und blickte zu Volkern empor: +"O weh mir dieser Gäste: wie ist das grimme Noth, +Daß alle meine Recken vor ihnen finden den Tod!" + +"Ach weh des Hofgelages!" sprach der König hehr: 2106 +"Da drinnen ficht Einer, der heißt Volker, +Wie ein wilder Eber und ist ein Fiedelmann; +Ich dank es meinem Heile, daß ich dem Teufel entrann. + +"Seine Weisen lauten übel, sein Bogenstrich ist roth; 2107 +Mir schlagen seine Töne manchen Helden todt. +Ich weiß nicht, was uns Schuld giebt derselbe Fiedelmann, +Daß ich in meinem Leben so leiden Gast nicht gewann." + +Zur Herberge giengen die beiden Recken hehr, 2108 +Dietrich von Berne und Markgraf Rüdiger. +Sie selber wollten gerne des Streits entledigt sein +Und geboten auch den Degen, daß sie den Kampf sollten scheun. + +Und hätten sich die Gäste versehn der Leiden, 2109 +Die ihnen werden sollten noch von den Beiden, +Sie wären aus dem Hause so leicht nicht gekommen, +Eh sie eine Strafe von den Kühnen hätten genommen. + +Sie hatten, die sie wollten, entlaßen aus dem Saal: 2110 +Da hob sich innerhalben ein furchtbarer Schall. +Die Gäste rächten bitter ihr Leid und ihre Schmach. +Volker der kühne, hei, was der Helme zerbrach! + +Sich kehrte zu dem Schalle Gunther der König hehr: 2111 +"Hört ihr die Töne, Hagen, die dorten Volker +Mit den Heunen fiedelt, wenn wer zur Thüre trat? +Es ist ein rother Anstrich, den er am Fiedelbogen hat." + +"Es reut mich ohne Maßen," sprach Hagen entgegen, 2112 +"Daß ich je mich scheiden mußte von dem Degen. +Ich war sein Geselle, er der Geselle mein, +Und kehren wir je wieder heim, wir wollens noch in Treuen sein. + +"Nun schau, hehrer König, Volker ist dir hold: 2113 +Wie will er verdienen dein Silber und dein Gold! +Sein Fiedelbogen schneidet durch den harten Stahl, +Er wirft von den Helmen die hellen Zierden zu Thal. + +"Ich sah nie Fiedelspieler noch so herrlich stehn, 2114 +Als diesen Tag von Volker dem Degen ist geschehn. +Seine Weisen hallen durch Helm und Schildesrand: +Gute Rosse soll er reiten und tragen herrlich Gewand." + +So viel der Heunendegen auch waren in dem Saal, 2115 +Nicht Einer blieb am Leben von ihnen allzumal. +Da war der Schall beschwichtigt, als Niemand blieb zum Streit. +Die kühnen Recken legten da ihre Schwerter beiseit. + + * * * * * + + + + +Vierunddreißigstes Abenteuer. + +Wie sie die Todten aus dem Saale warfen. + + +Da setzten sich aus Müdigkeit die Herrn und ruhten aus. 2116 +Volker und Hagen die giengen vor das Haus +Ueber den Schild sich lehnend in ihrem Uebermuth: +Da pflagen launger Reden diese beiden Helden gut. + +Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 2117 +"Noch dürft ihr, lieben Freunde, nicht der Ruhe pflegen: +Ihr sollt erst die Todten aus dem Hause tragen. +Wir werden noch bestanden, das will ich wahrlich euch sagen. + +"Sie sollen untern Füßen uns hier nicht länger liegen, 2118 +bevor im Sturm die Heunen mögen uns besiegen, +Wir haun noch manche Wunde, die gar sanft mir thut. +Des hab ich," sprach da Geiselher, "einen willigen Muth." + +"O wohl mir solches Herren," sprach Hagen entgegen. 2119 +"Der Rath geziemte Niemand als einem solchen Degen, +Wie unsern jungen Herren wir heute hier gesehn: +Ihr Burgunden möget all darob in Freuden stehn. + +Da folgten sie dem Rathe und trugen vor die Thür 2120 +Siebentausend Todte, die warfen sie dafür. +Vor des Saales Stiege fielen sie zu Thal: +Da erhoben ihre Freunde mit Jammern kläglichen Schall. + +Auch war darunter Mancher nur so mäßig wund, 2121 +Käm ihm sanftre Pflege, er würde noch gesund; +Doch von dem hohen Falle fand er nun den Tod. +Das klagten ihre Freunde; es zwang sie wahrhafte Noth. + +Da sprach der Fiedelspieler, der Degen unverzagt: 2122 +"Nun seh ich wohl, sie haben mir Wahrheit gesagt: +Die Heunen sind feige, sie klagen wie ein Weib, +Da sie nun pflegen sollten der Schwerverwundeten Leib." + +Da mocht ein Markgraf wähnen, er meint es ernst und gut: 2123 +Ihm war der Vettern Einer gefallen in das Blut; +Den dacht' er wegzutragen und wollt ihn schon umfahn: +Da schoß ob ihm zu Tode den der kühne Spielmann. + +Als das die Andern sahen, sie flohen von dem Saal. 2124 +Dem Spielmann zu fluchen begannen sie zumal. +Einen Sper hob Volker vom Boden, scharf und hart, +Der von einem Heunen zu ihm hinauf geschoßen ward. + +Den schoß er durch den Burghof zurück kräftiglich 2125 +Ueber ihre Häupter. Das Volk Etzels wich +Erschreckt von dem Wurfe weiter von dem Haus. +Vor seinen Kräften hatten alle Leute Schreck und Graus, + +Da stand vor dem Hause Etzel mit manchem Mann. 2126 +Volker und Hagen huben zu reden an +Mit dem Heunenkönig nach ihrem Uebermuth. +Das schuf bald große Sorge diesen Helden kühn und gut. + +"Wohl wär es," sprach da Hagen, "des Volkes Trost im Leid, 2127 +Wenn die Herren föchten allen voran im Streit, +Wie von meinen Herren hier Jeglicher thut: +Die hauen durch die Helme, daß von den Schwertern fließt das Blut." + +So kühn war König Etzel, er faßte seinen Schild. 2128 +"Nun hütet eures Lebens," sprach da Kriemhild, +"Und bietet Gold den Recken auf dem Schildesrand, +Denn erreicht euch Hagen, ihr habt den Tod an der Hand." + +So kühn war der König, er ließ nicht vom Streit, 2129 +Wozu so mächtge Fürsten nun selten sind bereit. +Man must ihn bei den Riemen des Schildes ziehn hindann. +Hagen der grimme ihn mehr zu höhnen begann: + +"Eine nahe Sippe war es," sprach Hagen gleich zur Hand, 2130 +"Die Etzeln zusammen und Siegfried verband: +Er minnte Kriemhilden, eh sie gesehen dich: +Feiger König Etzel, warum räthst du wider mich?" + +Diese Rede hörte die edle Königin, 2131 +Darüber ward unmuthig Kriemhild in ihrem Sinn, +Daß er sie schelten durfte vor manchem Etzelsmann. +Wider die Gäste hub sie aufs Neu zu werben an. + +Sie sprach: "Wer von Tronje den Hagen mir schlüge 2132 +Und sein Haupt als Gabe her vor mich trüge, +Mit rothem Golde füllt' ich ihm Etzels Schildesrand; +Auch gäb ich ihm zum Lohne viel gute Burgen und Land." + +"Ich weiß nicht, was sie zaudern," sprach der Fiedelmann. 2133 +"Nie sah ich, daß Helden so verzagt gethan, +Wo man bieten hörte also reichen Sold. +Wohl sollt ihnen Etzel nimmer wieder werden hold. + +"Die hier mit Schimpf und Schanden eßen des Königs Brot 2134 +Und jetzt im Stich ihn laßen in der größten Noth, +Deren seh ich Manchen so recht verzagt da stehn +Und thun doch so verwegen: sie können nie der Schmach entgehn." + +Der mächtige Etzel hatte Jammer und Noth: 2135 +Er beklagte seiner Mannen und Freunde bittern Tod. +Von manchen Landen standen ihm Recken viel zur Seit +Und weinten mit dem König sein gewaltiges Leid. + +Darob begann zu spotten der kühne Volker: 2136 +"Ich seh hier übel weinen gar manchen Recken hehr. +Sie helfen schlecht dem König in seiner großen Noth. +Wohl eßen sie mit Schanden nun schon lange hier sein Brot." + +Da gedachten wohl die Besten: "Wahr ists, was Volker sagt." 2137 +Von Niemand doch von allen ward es so schwer beklagt +Als von Markgraf Iring, dem Herrn aus Dänenland, +Was sich nach kurzer Weite wohl nach der Wahrheit befand. + + * * * * * + + + + +Fünfunddreißigstes Abenteuer. + +Wie Iring erschlagen ward. + + +Da rief der Markgraf Iring aus der Dänen Land: 2138 +"Ich habe nun auf Ehre die Sinne lang gewandt; +Auch ist von mir das Beste in Stürmen oft geschehn: +Nun bringt mir mein Gewaffen: so will ich Hagen bestehn." + +"Das möcht ich widerrathen," hub da Hagen an, 2139 +"Sonst finden mehr zu klagen Die Etzeln unterthan. +Springen eurer zweie oder drei in den Saal, +Die send ich wohlverhauen die Stiege wieder zu Thal." + +"Ich wills darum nicht laßen," sprach wieder Iring: 2140 +"Wohl schon oft versucht ich ein gleich gefährlich Ding. +Wohl will ich mit dem Schwerte allein dich bestehn, +Und wär von dir im Streite mehr als von Jemand geschehn." + +Da ward gewaffnet Iring nach ritterlichem Brauch 2141 +Und Irnfried der kühne von Thüringen auch +Und Hawart der starke wohl mit tausend Mann: +Sie wollten Iring helfen, was der Held auch begann. + +Da sah der Fiedelspieler ein gewaltig Heer, 2142 +Das mit Iringen gewaffnet zog einher. +Sie trugen aufgebunden die lichten Helme gut. +Da ward dem kühnen Volker darüber zornig zu Muth. + +"Seht ihr, Freund Hagen, dort Iringen gehn, 2143 +Der euch im Kampf alleine gelobte zu bestehn? +Wie ziemt Helden Lüge? Führwahr, ich tadl es sehr. +Es gehn mit ihm gewaffnet tausend Recken oder mehr." + +"Nun straft mich nicht Lügen," sprach Hawarts Unterthan, 2144 +"Ich will gerne leisten, was ich euch kund gethan. +Mein Wort soll um Feigheit nicht gebrochen sein: +Sei Hagen noch so gräulich, ich besteh ihn ganz allein." + +Zu Füßen warf sich Iring den Freunden und dem Lehn, 2145 +Daß sie allein ihn ließen den Recken bestehn. +Das thaten sie doch ungern, ihnen war zu wohl bekannt +Der übermütige Hagen aus der Burgunden Land. + +Doch bat er sie so lange, bis es zuletzt geschah. 2146 +Als das Ingesinde seinen Willen sah, +Und daß er warb nach Ehre, da ließen sie ihn gehn. +Da ward von den Beiden ein grimmes Streiten gesehn. + +Iring der Däne hielt hoch empor den Sper, 2147 +Sich deckte mit dem Schilde der theure Degen hehr: +So lief er auf im Sturme zu Hagen vor den Saal. +Da erhob sich von den Degen ein gewaltiger Schall. + +Die Spere schößen beide kräftig aus der Hand 2148 +Durch die festen Schilde auf ihr licht Gewand, +Daß die Spersplitter hoch in die Lüfte flogen. +Da griffen zu den Schwertern die grimmen Degen verwegen. + +Die Kraft des kühnen Hagen war ohne Maßen voll; 2149 +Doch schlug nach ihm Iring, daß all die Burg erscholl. +Der Saal und die Thürme erhallten von den Schlägen. +Es konnte seinen Willen doch nicht vollführen der Degen. + +Iring ließ Hagen unverwundet stehn: 2150 +Auf den Fiedelspieler begann er loszugehn. +Er wähnt', er sollt ihn zwingen mit seinen grimmen Schlägen, +Doch wuste sich zu schirmen dieser zierliche Degen. + +Da schlug der Fiedelspieler, daß von des Schildes Rand 2151 +Das Gespänge wirbelte von Volkers starker Hand. +Den ließ er wieder stehen; es war ein übler Mann: +Jetzt lief er auf Gunther, den Burgundenkönig, an. + +Da war nun Jedweder zum Streite stark genug. 2152 +Wie Gunther auf Iring und der auf Gunther schlug, +Das brachte nicht aus Wunden das fließende Blut. +Ihre Rüstung wehrt' es, die war zu fest und zu gut. + +Gunthern ließ er stehen und lief Gernoten an. 2153 +Das Feuer aus den Ringen er ihm zu haun begann. +Da hätte von Burgunden der starke Gernot +Iring den kühnen beinah gesandt in den Tod. + +Da sprang er von dem Fürsten; schnell war er genug. 2154 +Der Burgunden viere der Held behend erschlug, +Des edeln' Heergesindes aus Worms an dem Rhein. +Darüber mochte Geiselher nicht wohl zorniger sein. + +"Gott weiß, Herr Iring," sprach Geiselher das Kind, 2155 +"Ihr müßt mir entgelten, die hier erlegen sind +Vor euch in dieser Stunde." Da lief er ihn an +Und schlug den Danenhelden, daß er zu straucheln begann. + +Er schoß vor seinen Händen nieder in das Blut, 2156 +Daß sie alle wähnten, dieser Degen gut +Schlug im Streit nicht wieder einen Schlag mit seinem Schwert. +Doch lag vor Geiselheren Iring da noch unversehrt. + +Von des Helmes Schwirren und von des Schwertes Klang 2157 +Waren seine Sinne so betäubt und krank, +Daß sich der kühne Degen des Lebens nicht besann. +Das hatt ihm mit den Kräften der kühne Geiselher gethan. + +Als ihm aus dem Haupte das Schwirren jetzt entwich, 2158 +Von dem mächtgen Schlage war das erst fürchterlich, +Da gedacht er: "Ich lebe und bin auch nirgend wund: +Nun ist mir erst die Stärke des kühnen Geiselher kund!" + +Zu beiden Seiten hört' er seine Feinde stehn. 2159 +Sie hättens wißen sollen, so wär ihm mehr geschehn. +Auch hatt er Geiselheren vernommen nahe bei: +Er sann, wie mit dem Leben den Feinden zu entkommen sei. + +Wie tobend der Degen aus dem Blute sprang! 2160 +Er mochte seiner Schnelle wohl sagen großen Dank. +Da lief er aus dem Hause, wo er Hagen fand, +Und schlug ihm schnelle Schläge mit seiner kraftreichen Hand. + +Da gedachte Hagen: "Du must des Todes sein. 2161 +Befriede dich der Teufel, sonst kannst du nicht gedeihn." +Doch traf Iring Hagnen durch seines Helmes Hut. +Das that der Held mit Maske; das war eine Waffe gut. + +Als der grimme Hagen die Wund an sich empfand, 2162 +Da schwenkte sich gewaltig das Schwert in seiner Hand. +Es muste vor ihm weichen Hawarts Unterthan: +Hagen ihm die Stiege hinab zu folgen begann. + +Uebers Haupt den Schildrand Iring der kühne schwang. 2163 +Und war dieselbe Stiege drei solcher Stiegen lang, +Derweil ließ ihn Hagen nicht schlagen einen Schlag. +Hei, was rother Funken da auf seinem Helme lag! + +Doch kam zu den Freunden Iring noch gesund. 2164 +Da wurde diese Märe Kriemhilden kund, +Was er dem von Tronje hatt im Streit gethan; +Dafür die Königstochter ihm sehr zu danken begann. + +"Nun lohne Gott dir, Iring, erlauchter Degen gut, 2165 +Du hast mir wohl getröstet das Herz und auch den Muth: +Nun seh ich blutgeröthet Hagens Wehrgewand!" +Kriemhild nahm ihm selber den Schild vor Freud aus der Hand. + +"Ihr mögt ihm mäßig danken," begann da Hagen, 2166 +"Bis jetzt ist viel Großes nicht davon zu sagen; +Versucht' er es zum andern Mal, er wär ein kühner Mann. +Die Wunde frommt euch wenig, die ich noch von ihm gewann. + +"Daß ihr von meiner Wunde mir seht den Harnisch roth, 2167 +Das hat mich noch erbittert zu manches Mannes Tod. +Nun bin ich erst im Zorne auf ihn und manchen Mann; +Mir hat der Degen Iring noch kleinen Schaden gethan." + +Da stand dem Wind entgegen Iring von Dänenland; 2168 +Er kühlte sich im Harnisch, den Helm er niederband. +Da priesen ihn die Leute für streitbar und gut: +Darüber trug der Markgraf nicht wenig hoch seinen Muth. + +Da sprach Iring wieder: "Nun, Freunde, sollt ihr gehn 2169 +Und neue Waffen holen: ich will noch einmal sehn, +Ob ich bezwingen möge den übermüthgen Mann." +Sein Schild war verhauen, einen beßern er gewann. + +Gewaffnet war der Recke bald in noch festre Wehr. 2170 +Er griff in seinem Zorne nach einem starken Sper, +Damit wollt er Hagen zum drittenmal bestehn. +Es brächt ihm Ehr und Frommen, ließ' er das sich vergehn. + +Da wollte sein nicht harren Hagen der Degen. 2171 +Mit Schüßen und mit Hieben lief er ihm entgegen +Die Stiege bis zu Ende; zornig war sein Muth. +Da kam dem Degen Iring seine Stärke nicht zu gut. + +Sie schlugen durch die Schilde, daß es zu lohn begann 2172 +Mit feuerrothem Winde. Hawarts Unterthan +Ward von Hagens Schwerte da gefährlich wund +Durch Helm und durch Schildrand; er ward nicht wieder gesund. + +Als Iring der Degen der Wunde sich besann, 2173 +Den Schild rückte näher dem Helm der kühne Mann. +Ihn dauchte voll der Schaden, der ihm war geschehn; +Bald that ihm aber größern der in König Gunthers Lehn. + +Hagen vor seinen Füßen einen Wurfspieß liegen fand: 2174 +Auf Iringen schoß er den von Dänenland, +Daß man ihm aus dem Haupte die Stange ragen sah. +Ein grimmes Ende ward ihm von dem Uebermüthgen da. + +Iring must entweichen zu seinen Dänen hin. 2175 +Eh man den Helm dem Degen mochte niederziehn, +Brach man den Sper vom Haupte, da naht' ihm der Tod. +Das beweinten seine Freunde: es zwang sie wahrhafte Noth. + +Da kam die Königstochter auch zu ihm heran: 2176 +Iring den starken hub sie zu klagen an. +Sie beweinte seine Wunden: es war ihr grimmig leid. +Da sprach vor seinen Freunden dieser Recke kühn im Streit: + +"Laßt eure Klage bleiben, viel hehre Königin. 2177 +Was hilft euer Weinen? Mein Leben muß dahin +Schwinden aus den Wunden, die an mir offen stehn. +Der Tod will mich nicht länger euch und Etzeln dienen sehn." + +Zu Thüringern und Dänen sprach er hingewandt: 2178 +"Die Gaben, so die Königin euch beut, soll eure Hand +Nicht zu erwerben trachten, ihr lichtes Gold so roth +Und besteht ihr Hagen, so müßt ihr schauen den Tod." + +Seine Farbe war erblichen, des Todes Zeichen trug 2179 +Iring der kühne; ihnen war es leid genug. +Es konnte nicht gesunden der Held in Hawarts Lehn: +Da must es an ein Streiten von den Dänenhelden gehn. + +Irnfried und Hawart sprangen vor das Haus 2180 +Wohl mit tausend Helden: einen ungestümen Braus +Vernahm man allenthalben, kräftig und groß. +Hei! was man scharfer Spere auf die Burgunden schoß! + +Irnfried der kühne lief den Spielmann an, 2181 +Wodurch er großen Schaden von seiner Hand gewann. +Der edle Fiedelspieler den Landgrafen schlug +Durch den Helm den festen: wohl war er grimmig genug. + +Da schlug dem grimmen Spielmann Irnfried einen Schlag, 2182 +Daß er den Ringpanzer dem Helden zerbrach +Und sich sein Harnisch färbte von Funken feuerroth. +Dennoch fiel der Landgraf vor dem Spielmann in den Tod. + +Zusammen waren Hagen und Hawart gekommen. 2183 +Da mochte Wunder schauen, wer es wahrgenommen. +Die Schwerter fielen kräftig den Helden an der Hand: +Da muste Hawart sterben vor dem aus Burgundenland. + +Die Thüringer und Dänen sahn ihre Herren todt. 2184 +Da hub sich vor dem Hause noch grimmere Noth, +Eh sie die Thür gewannen mit kraftreicher Hand. +Da ward noch verhauen mancher Helm und Schildesrand. + +"Weichet," sprach da Volker, "laßt sie zum Saal herein: 2185 +Was sie im Sinne haben, kann dennoch nicht sein. +Sie müßen bald ersterben allzumal darin: +Sie ernten mit dem Tode, was ihnen beut die Königin," + +Als die Uebermüthigen drangen in den Saal, 2186 +Das Haupt ward da Manchem so geneigt zu Thal, +Daß er ersterben muste vor ihren schnellen Schlägen. +Wohl stritt der kühne Gernot; so that auch Geiselher der Degen. + +Tausend und viere die kamen in das Haus: 2187 +Da hörte man erklingen den hellen Schwertersaus. +Sie wurden von den Gästen alle drin erschlagen: +Man mochte große Wunder von den Burgunden sagen. + +Darnach ward eine Stille, als der Lärm verscholl. 2188 +Das Blut allenthalben durch die Lücken quoll +Und zu den Riegelsteinen von den todten Degen: +Das hatten die vom Rheine gethan mit kräftigen Schlägen. + +Da saßen wieder rufend die aus Burgundenland, 2189 +Sie legten mit den Schilden die Waffen aus der Hand. +Da stand noch vor dem Hause der kühne Spielmann, +Erwartend, ob noch Jemand zum Streite zöge heran. + +Der König klagte heftig, dazu die Königin; 2190 +Mägdelein und Frauen härmten sich den Sinn. +Der Tod, wähn ich, hatte sich wider sie verschworen: +Drum giengen durch die Gäste noch viele der Recken verloren. + + * * * * * + + + + +Sechsunddreißigstes Abenteuer. + +Wie die Königin den Saal verbrennen ließ. + + +"Nun bindet ab die Helme," sprach Hagen der Degen: 2191 +"Ich und mein Geselle wollen euer pflegen. +Und versuchten es noch einmal Die Etzeln unterthan, +So warn ich meine Herren, so geschwind ich immer kann." + +Da band den Helm vom Haupte mancher Ritter gut. 2192 +Sie setzten auf die Leichen sich nieder, die ins Blut +Waren zum Tode von ihrer Hand gekommen. +Da ward der edeln Gäste mit Erbittrung wahrgenommen. + +Noch vor dem Abend schuf der König hehr 2193 +Und Kriemhild die Königin, daß es der Heunen mehr +Noch versuchen musten; man sah vor ihnen stehn +Wohl an zwanzigtausend: die musten da zum Kampfe gehn. + +Da drang zu den Gästen ein harter Sturm heran. 2194 +Dankwart, Hagens Bruder, der kraftvolle Mann, +Sprang von seinen Herren zu den Feinden vor das Thor. +Sie versahn sich seines Todes; doch sah man heil ihn davor. + +Das harte Streiten währte, bis es die Nacht benahm. 2195 +Da wehrten sich die Gäste wie Helden lobesam +Wider Etzels Recken den sommerlangen Tag. +Hei! was guter Helden im Tod vor ihnen erlag! + +Zu einer Sonnenwende der große Mord geschah: 2196 +Ihres Herzens Jammer rächte Kriemhild da +An ihren nächsten Freunden und manchem andern Mann, +Wodurch der König Etzel nie wieder Freude gewann. + +Sie hatte nicht gesonnen auf solche Mörderschlacht. 2197 +Als sie den Streit begonnen, hatte sie gedacht, +Hagen sollt alleine dabei sein Ende sehn. +Da schuf der böse Teufel, über Alle must es ergehn. + +Der Tag war zerronnen; ihnen schuf nun Sorge Noth. 2198 +Sie gedachten, wie doch beßer war ein kurzer Tod, +Als sich so lang zu quälen in ungefügem Leid. +Da wünschten einen Frieden die großen Ritter allbereit. + +Sie baten, daß man brächte den König vor den Saal. 2199 +Die blutrothen Helden, geschwärzt vom rostgen Stahl, +Traten aus dem Hause und die drei Könge hehr. +Sie wusten nicht, wem klagen ihres großen Leids Beschwer. + +Etzel und Kriemhild kamen beide her; 2200 +Das Land war ihnen eigen, drum mehrte sich ihr Heer. +Er sprach zu den Gästen: "Sagt, was begehrt ihr mein? +Wollt ihr Frieden haben? das könnte nun schwerlich sein + +"Nach so großem Schaden, als ihr mir habt gethan. 2201 +Es kommt euch nicht zu Statten, so lang ich athmen kann: +Mein Kind, das ihr erschluget, und viel der Freunde mein, +Fried und Sühne soll euch stäts dafür geweigert sein." + +Antwort gab ihm Gunther: "Uns zwang wohl große Noth. 2202 +All mein Gesinde lag vor deinen Helden todt +In der Herberge: verdient ich solchen Sold? +Ich kam zu dir auf Treue und wähnte, du warst mir hold." + +Da sprach von Burgunden Geiselher das Kind: 2203 +"Ihr Helden König Etzels, die noch am Leben sind, +Wes zeiht ihr mich, ihr Degen? was hatt ich euch gethan, +Der ich die Fahrt so gütlich zu diesem Lande begann?" + +Sie sprachen: "Deiner Güte ist all die Burg hier voll 2204 +Mit Jammer gleich dem Lande; wir gönnten dir es wohl, +Wärst du nie gekommen von Worms überrhein. +Das Land ist gar verwaiset durch dich und die Brüder dein." + +Da sprach im Zornmuthe Gunther der Held: 2205 +"Wünscht ihr noch dieß Morden im Frieden eingestellt +Mit uns Heimatlosen, das ist uns beiden gut; +Es ist gar unverschuldet, was uns König Etzel thut." + +Der Wirt sprach zu den Gästen: "mein und euer Leid 2206 +Sind einander ungleich: die große Noth im Streit, +Der Schaden und die Schande, die ich von euch gewann, +Dafür soll euer Keiner mir lebend kommen hindann." + +Da sprach zu dem König der starke Gernot: 2207 +"So soll euch Gott gebieten, daß ihr die Lieb uns thut: +Weichet von dem Hause und laßt uns zu euch gehn. +Wir wissen wohl, bald ist es um unser Leben geschehn. + +"Was uns geschehen könne, das laßt schnell ergehn: 2208 +Ihr habt so viel Gesunde, die dürfen uns bestehn +Und geben uns vom Streite Müden leicht den Tod: +Wie lange solln wir Recken bleiben in so grimmer Noth?" + +Von König Etzels Reden war es fast geschehn, 2209 +Daß sie die Helden ließen aus dem Saale gehn. +Als das Kriemhild hörte, es war ihr grimmig leid. +Da war den Heimathlosen mit Nichten Sühne bereit. + +"Nein, edle Recken, worauf euch sinnt der Muth, 2210 +Ich will euch treulich raten, daß ihr das nimmer thut, +Daß ihr die Mordgierigen laßt vor den Saal; +Sonst müßen eure Freunde leiden tödtlichen Fall. + +"Und lebten nur alleine, die Utens Söhne' sind, 2211 +Und kämen meine edeln Brüder an den Wind. +Daß sie die Panzer kühlten, ihr alle wärt verloren: +Es wurden kühnre Degen noch nie auf Erden geboren." + +Da sprach der junge Geiselher: "Viel schöne Schwester mein, 2212 +Wie hätt ich dir das zugetraut, daß du mich überrhein +Her zu Lande ladetest in diese große Noth: +Wie möcht ich an den Heunen hier verdienen den Tod? + +"Ich hielt dir stäte Treue, that nie ein Leid dir an: 2213 +Ich kam auch her zu Hilfe geritten in dem Wahn, +Du wärst mir gewogen, viel liebe Schwester mein, +Nun schenk uns deine Gnade, da es anders nicht mag sein." + +"Ich schenk euch keine Gnade, Ungnad ich selbst gewann: 2214 +Mir hat von Tronje Hagen so großes Leid gethan +Daheim, und hier zu Lande erschlug er mir mein Kind: +Das müßen schwer entgelten, die mit euch hergekommen sind." + +Wollt ihr mir aber Hagen allein zum Geisel geben, 2215 +So will ichs nicht verweigern, daß ich euch laße leben. +Denn meine Brüder seid ihr, der gleichen Mutter Kind: +So red ich um die Sühne mit den Helden, die hier sind." + +"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da Gernot. 2216 +"Und waren unser tausend, wir wollten alle todt +Vor deinen Freunden liegen eh wir dir Einen Mann +Hier zu Geisel gäben: das wird nimmer gethan." + +"Wir müsten doch ersterben," sprach da Geiselher, 2217 +"So soll uns Niemand scheiden von ritterlicher Wehr. +Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie: +Verrieth ich meine Treue an einem Freunde doch nie." + +Da sprach der kühne Dankwart, es ziemt' ihm wohl zu sagen: 2218 +"Noch steht nicht alleine hier mein Bruder Hagen. +Die uns den Frieden weigern, beklagen es noch schwer, +Des sollt ihr inne werden, ich sags euch wahrlich vorher." + +Da sprach die Königstochter: "Ihr Helden allbereit, 2219 +Nun geht der Stiege näher und rächt unser Leid. +Das will ich stäts verdienen, wie ich billig soll: +Der Uebermuth Hagens, dessen lohn ich ihm wohl. + +"Laßt keinen aus dem Hause der Degen allzumal: 2220 +So laß ich an vier Enden anzünden hier den Saal. +So wird noch wohl gerochen all mein Herzeleid." +König Etzels Recken sah man bald dazu bereit. + +Die noch draußen standen, die trieb man in den Saal 2221 +Mit Schlägen und mit Schüßen: da gab es lauten Schall. +Doch wollten sich nicht scheiden die Fürsten und ihr Heer: +Sie ließen von der Treue zu einander nicht mehr. + +Den Saal in Brand zu stecken gebot da Etzels Weib. 2222 +Da quälte man den Helden mit Feuersglut den Leib. +Das Haus vom Wind ergriffen gerieth in hohen Brand. +Nie wurde solcher Schrecken noch einem Volksheer bekannt. + +Da riefen Viele drinnen: "O weh dieser Noth! 2223 +Da möchten wir ja lieber im Sturm liegen todt. +Das möge Gott erbarmen; wie sind wir all verlorn! +Wie grimmig rächt die Königin an uns allen ihren Zorn!" + +Da sprach darinnen Einer: "Wir finden hier den Tod 2224 +Vor Rauch und vor Feuer: wie grimm ist diese Noth! +Mir thut vor starker Hitze der Durst so schrecklich weh, +Ich fürchte, mein Leben in diesen Nöthen zergeh!" + +Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edlen Ritter gut, 2225 +Wen der Durst will zwingen, der trinke hier das Blut. +Das ist in solcher Hitze beßer noch als Wein; +Es mag halt zu trinken hier nichts Beßeres sein." + +Hin gieng der Recken Einer, wo er einen Todten fand: 2226 +Er kniet' ihm zu der Wunde, den Helm er niederband. +Da begann er zu trinken das fließende Blut. +So wenig ers gewohnt war, er fand es köstlich und gut. + +"Nun lohn euch Gott, Herr Hagen," sprach der müde Mann, 2227 +"Daß ich von eurer Lehre so guten Trank gewann. +Man schenkte mir selten noch einen beßern Wein. +So lang ich leben bleibe will ich euch stäts gewogen sein." + +Als das die Andern hörten, es däuchte ihn so gut, 2228 +Da fanden sich noch Viele, die tranken auch das Blut. +Davon kam zu Kräften der guten Recken Leib: +Des entgalt an lieben Freunden bald manches waidliche Weib. + +Das Feuer fiel gewaltig auf sie in den Saal: 2229 +Sie wandten mit den Schilden es von sich ab im Fall. +Der Rauch und auch die Hitze schmerzten sie gar sehr. +Also großer Jammer geschieht wohl Helden nimmer mehr. + +Da sprach von Tronje Hagen: "Stellt euch an die Wand; 2230 +Laßt nicht die Brände fallen auf eurer Helme Band +Und tretet sie mit Füßen tiefer in das Blut. +Eine üble Hochzeit ist es, zu der die Königin uns lud." + +Unter solchen Nöthen zerrann zuletzt die Nacht. 2231 +Noch hielt vor dem Hause der kühne Spielmann Wacht +Und Hagen sein Geselle, gelehnt auf Schildesrand, +Noch größern Leids gewärtig von Denen aus Etzels Land. + +Daß der Saal gewölbt war, half den Gästen sehr; 2232 +Dadurch blieben ihrer am Leben desto mehr, +Wiewohl sie an den Fenstern von Feuer litten Noth. +Da wehrten sich die Degen, wie Muth und Ehre gebot. + +Da sprach der Fiedelspieler: "Gehn wir in den Saal: 2233 +Da wähnen wohl die Heunen, wir seien allzumal +Von der Qual erstorben, die sie uns angethan: +Dann kommen doch noch Etliche zum Streit mit ihnen heran." + +Da sprach von Burgunden Geiselher das Kind: 2234 +"Ich wähn, es wolle tagen, sich hebt ein kühler Wind. +Nun laß uns Gott vom Himmel noch liebre Zeit erleben! +Eine arge Hochzeit hat uns meine Schwester Kriemhild gegeben." + +Da sprach wieder Einer: "Ich spüre schon den Tag. 2235 +Wenn es denn uns Degen nicht beßer werden mag, +So bereitet euch, ihr Recken, zum Streit, das ist uns Noth: +Da wir doch nicht entrinnen, daß wir mit Ehren liegen todt." + +Der König mochte wähnen, die Gäste wären todt 2236 +Von den Beschwerden allen und von des Feuers Noth, +Da lebten doch so Kühner noch drin sechshundert Mann, +Daß wohl nie ein König beßre Degen gewann. + +Der Heimathlosen Hüter hatten wohl gesehn, 2237 +Daß noch die Gäste lebten, was ihnen auch geschehn +Zu Schaden war und Leide, den Herrn und ihrem Lehn. +Man sah sie in dem Hause noch gar wohl geborgen gehn. + +Man sagte Kriemhilden, noch Viele lebten drin. 2238 +"Wie wäre das möglich," sprach die Königin, +"Daß noch Einer lebte nach solcher Feuersnoth? +Eher will ich glauben, sie fanden Alle den Tod." + +Noch wünschten zu entkommen die Fürsten und ihr Lehn, 2239 +Wenn an ihnen Gnade noch jemand ließ' ergehn. +Die konnten sie nicht finden in der Heunen Land: +Da rächten sie ihr Sterben mit gar williger Hand. + +Schon früh am andern Morgen man ihnen Grüße bot 2240 +Mit heftigem Angriff; wohl schuf das Helden Noth. +Zu ihnen aufgeschoßen ward mancher scharfe Sper; +Doch fanden sie darinnen die kühnen Recken wohl zur Wehr. + +Dem Heergesinde Etzels war erregt der Muth, 2241 +Daß sie verdienen wollten Frau Kriemhildens Gut +Und alles willig leisten, was der Fürst gebot: +Da muste bald noch Mancher von ihnen schauen den Tod. + +Von Verheißen und von Gaben mochte man Wunder sagen: 2242 +Sie ließ ihr Gold, das rothe, auf Schilden vor sich tragen; +Sie gab es Jedem willig, Der es wollt empfahn. +Nie wurden wider Feinde so große Schätze verthan. + +Gewaffnet trat der Recken eine große Macht zur Thür. 2243 +Da sprach der Fiedelspieler. "Wir sind noch immer hier: +So gern sah ich Helden zum Streiten nimmer kommen, +Als die das Gold des Königs uns zu verderben genommen." + +Da riefen ihrer Viele: "Nur näher zu dem Streit! 2244 +Da wir doch fallen müßen, so thun wirs gern bei Zeit. +Hier wird Niemand bleiben, als wer doch sterben soll." +Da staken ihre Schilde gleich von Sperschüßen voll. + +Was soll ich weiter sagen? Wohl zwölfhundert Degen 2245 +Versuchtens auf und nieder mit starken Schwertesschlägen. +Da kühlten an den Feinden die Gäste wohl den Muth. +Kein Friede war zu hoffen, drum sah man fließen das Blut + +Aus tiefen Todeswunden: Deren wurden viel geschlagen. 2246 +Man hörte nach den Freunden Jeglichen klagen. +Die Biedern starben alle dem reichen König hehr: +Da hatten liebe Freunde nach ihnen Leid und Beschwer. + + * * * * * + + + + +Siebenunddreißigstes Abenteuer. + +Wie Rüdiger erschlagen ward. + + +Die Heimathlosen hatten am Morgen viel gethan. 2247 +Der Gemahl Gotlindens kam zu Hof heran +Und sah auf beiden Seiten des großen Leids Beschwer: +Darüber weinte inniglich der getreue Rüdiger. + +"O weh, daß ich das Leben," sprach der Held, "gewann 2248 +Und diesem großen Jammer nun Niemand wehren kann. +So gern ich Frieden schüfe, der König gehts nicht ein, +Da ihm das Unheil stärker, immer stärker bricht herein." + +Zu Dietrichen sandte der gute Rüdiger, 2249 +Ob sie's noch könnten wenden von den Köngen hehr? +Da entbot ihm Der von Berne: "Wer möcht ihm widerstehn? +Es will der König Etzel keine Sühne mehr sehn." + +Da sah ein Heunenrecke Rüdigern da stehn 2250 +Mit weinenden Augen, wie er ihn oft gesehn. +Er sprach zu der Königin: "Nun seht, wie er da steht +Den ihr und König Etzel vor allen Andern habt erhöht + +"Und dem doch alles dienet, die Leute wie das Land. 2251 +Wie sind so viel der Burgen an Rüdigern gewandt, +Deren er so manche von dem König haben mag! +Er schlug in diesen Stürmen noch keinen löblichen Schlag. + +"Mich dünkt, ihn kümmert wenig, was hier mit uns geschieht, 2252 +Wenn er nach seinem Willen bei sich die Fülle sieht. +Man rühmt, er wäre kühner, als Jemand möge sein: +Das hat uns schlecht bewiesen in dieser Noth der Augenschein." + +Mit traurigem Muthe der vielgetreue Mann, 2253 +Den er so reden hörte, den Heunen sah, er an. +Er dachte: "Das entgiltst du; du sagst, ich sei verzagt: +Da hast du deine Mären zu laut bei Hofe gesagt." + +Er zwang die Faust zusammen: da lief er ihn an 2254 +Und schlug mit solchen Kräften den Heunischen Mann, +Daß er ihm vor die Füße niederstürzte todt. +Da war gemehrt aufs Neue dem König Etzel die Noth. + +"Fahr hin, verzagter Bösewicht," sprach da Rüdiger, 2255 +"Ich hatte doch des Leides genug und der Beschwer. +Daß ich hier nicht fechte, was rügst du mir das? +Wohl trüg auch ich den Gästen mit Grunde feindlichen Hass, + +"Und alles, was ich könnte, thät ich ihnen an, 2256 +Hätt ich nicht hieher geführt Die Gunthern unterthan. +Ich war ihr Geleite in meines Herren Land: +Drum darf sie nicht bestreiten meine unselge Hand." + +Da sprach zum Markgrafen Etzel der König hehr: 2257 +"Wie habt ihr uns geholfen, viel edler Rüdiger! +Wir hatten doch der Todten so viel in diesem Land, +Daß wir nicht mehr bedurften: mit Unrecht schlug ihn eure Hand." + +Da sprach der edle Ritter: "Er beschwerte mir den Muth 2258 +Und hat mir bescholten die Ehre wie das Gut, +Des ich aus deinen Händen so große Gaben nahm, +Was nun dem Lügenbolde übel auch zu Statten kam." + +Da kam die Königstochter, die hatt es auch gesehn, 2259 +Was von des Helden Zorne dem Heunen war geschehn. +Sie beklagt' es ungefüge, ihre Augen wurden naß. +Sie sprach zu Rüdigern: Wie verdienten wir das, + +"Daß ihr mir und dem König noch mehrt unser Leid? 2260 +Ihr habt uns, edler Rüdiger, verheißen allezeit, +Ihr wolltet für uns wagen die Ehre wie das Leben; +Auch hört ich viel der Recken den Preis des Muthes euch geben." + +"Ich mahn euch nun der Treue, die mir schwur eure Hand, 2261 +Da ihr mir zu Etzeln riethet, Ritter auserkannt, +Daß ihr mir dienen wolltet bis an unsern Tod. +Des war mir armen Weibe noch niemals so bitter Noth." + +"Das kann ich nicht läugnen, ich schwur euch, Königin, 2262 +Die Ehre wie das Leben gäb ich für euch dahin: +Die Seele zu verlieren hab ich nicht geschworen. +Zu diesem Hofgelage bracht ich die Fürsten wohlgeboren." + +Sie sprach: "Gedenke, Rüdiger, der hohen Eide dein 2263 +Von deiner stäten Treue, wie du den Schaden mein +Immer wolltest rächen und wenden all mein Leid." +Der Markgraf entgegnete: "Ich war euch stäts zu Dienst bereit." + +Etzel der reiche hub auch zu flehen an. 2264 +Da warfen sie sich beide zu Füßen vor den Mann. +Den guten Markgrafen man da in Kummer sah; +Der vielgetreue Recke jammervoll begann er da: + +"O weh mir Unselgem, muß ich den Tag erleben! 2265 +Aller meiner Ehren soll ich mich nun begeben, +Aller Zucht und Treue, die Gott mir gebot; +O weh, Herr des Himmels, daß mirs nicht wenden will der Tod! + +"Welches ich nun laße, das Andre zu begehn, 2266 +So ist doch immer übel und arg von mir geschehn. +Was ich thu und laße, so schilt mich alle Welt. +Nun möge mich erleuchten, der mich dem Leben gesellt!" + +Da baten ihn so dringend der König und sein Weib, 2267 +Daß bald viel Degen musten Leben und Leib +Von Rüdgers Hand verlieren und selbst Der Held erstarb. +Nun mögt ihr bald vernehmen, welchen Jammer er erwarb. + +Er wuste wohl nur Schaden und Leid sei sein Gewinn. 2268 +Er hätt es auch dem König und der Königin +Gern versagen wollen: der Held besorgte sehr, +Erschlug er ihrer Einen, daß er der Welt ein Greuel wär. + +Da sprach zu dem Könige dieser kühne Mann: 2269 +"Herr Etzel, nehmt zurücke, was ich von euch gewann, +Das Land mit den Burgen; bei mir soll nichts bestehn: +Ich will auf meinen Füßen hinaus in das Elend gehn. + +"Alles Gutes ledig räum ich euer Land, 2270 +Mein Weib und meine Tochter nehm ich an die Hand, +Eh ich so ohne Treue entgegen geh dem Tod: +Das hieß' auf üble Weise verdienen euer Gold so roth." + +Da sprach der König Etzel: "Wer aber hülfe mir? 2271 +Mein Land mit den Leuten, das alles geb ich dir, +Daß du mich rächest, Rüdiger, an den Feinden mein: +Du sollst neben Etzeln ein gewaltger König sein." + +Da sprach wieder Rüdiger: "Wie dürft ich ihnen schaden? 2272 +Heim zu meinem Hause hab ich sie geladen; +Trinken und Speise ich ihnen gütlich bot, +Dazu meine Gabe; und soll ich sie nun schlagen todt? + +"Die Leute mögen wähnen, ich sei zu verzagt. 2273 +Keiner meiner Dienste war ihnen je versagt: +Sollt ich sie nun bekämpfen, das wär nicht wohl gethan. +So reute mich die Freundschaft, die ich an ihnen gewann. + +"Geiselher dem Degen gab ich die Tochter mein: 2274 +Sie konnt auf Erden nimmer beßer verwendet sein, +Seh ich auf Zucht und Ehre, auf Treu oder Gut. +Nie ein so junger König trug wohl tugendreichern Muth." + +Da sprach wieder Kriemhild: "Viel edler Rüdiger, 2275 +Nun laß dich erbarmen unsres Leids Beschwer, +Mein und auch des Königs; gedenke wohl daran, +Daß nie ein Wirth auf Erden so leide Gäste gewann." + +Da begann der Markgraf zu der Köngin hehr: 2276 +"Heut muß mit dem Leben entgelten Rüdiger, +Was ihr und der König mir Liebes habt gethan: +Dafür muß ich sterben, es steht nicht länger mehr an. + +"Ich weiß, daß noch heute meine Burgen und mein Land 2277 +Euch ledig werden müßen von dieser Helden Hand. +So befehl ich euch auf Gnade mein Weib und mein Kind +Und all die Heimathlosen, die da zu Bechlaren find." + +"Nun lohne Gott dir, Rüdiger!" der König sprach da so; 2278 +Er und die Königin, sie wurden beide froh. +"Uns seien wohlbefohlen alle Leute dein; +Auch trau ich meinem Heile, du selber werdest glücklich sein." + +Da setzt' er auf die Wage die Seele wie den Leib. 2279 +Da begann zu weinen König Etzels Weib. +Er sprach: "Ich muß euch halten den Eid, den ich gethan. +O weh meiner Freunde! wie ungern greif ich sie an." + +Man sah ihn von dem König hinweggehn trauriglich. 2280 +Da fand er seine Recken nahe stehn bei sich: +Er sprach: "Ihr sollt euch waffnen, ihr All in meinem Lehn: +Die kühnen Burgunden muß ich nun leider bestehn." + +Nach den Gewaffen riefen die Helden allzuhand, 2281 +Ob es Helm wäre oder Schildesrand, +Von dem Ingesinde ward es herbeigetragen. +Bald hörten leide Märe die stolzen Fremdlinge sagen. + +Gewaffnet ward da Rüdiger mit fünfhundert Mann; 2282 +Darüber zwölf Recken zu Hülf er sich gewann. +Sie wollten Preis erwerben in des Sturmes Noth: +Sie wusten nicht die Märe, wie ihnen nahe der Tod. + +Da sah man unterm Helme den Markgrafen gehn. 2283 +Scharfe Schwerter trugen Die in Rüdgers Lehn, +Dazu vor den Händen die lichten Schilde breit. +sah der Fiedelspieler: dem war es ohne Maßen leid. + +Da sah der junge Geiselher seinen Schwäher gehn 2284 +Mit aufgebundnem Helme. Wie mocht er da verstehn, +Wie er damit es meine, es sei denn treu und gut? +Da gewann der edle König von Herzen fröhlichen Muth. + +"Nun wohl mir solcher Freunde," sprach da Geiselher, 2285 +"Wie wir gewonnen haben auf der Fahrt hieher. +Meines Weibes willen ist uns Hülfe nah: +Lieb ist mir, meiner Treue, daß diese Heirath geschah." + +"Wes ihr euch wohl tröstet" sprach der Fiedelmann: 2286 +"Wann saht ihr noch zur Sühne so viel der Helden nahn +Mit aufgebundnen Helmen, die Schwerter in der Hand? +Er will an uns verdienen seine Burgen und sein Land." + +Eh der Fiedelspieler die Rede sprach vollaus, 2287 +Den edeln Markgrafen sah man schon vor dem Haus. +Seinen Schild den guten setzt' er vor den Fuß: +Da must er seinen Freunden versagen dienstlichen Gruß. + +Rüdiger der edle rief da in den Saal: 2288 +"Ihr Kühnen Nibelungen, nun wehrt euch allzumal. +Ihr solltet mein genießen, ihr entgeltet mein: +Wir waren ehmals Freunde: der Treue will ich ledig sein." + +Da erschraken dieser Märe die Nothbedrängten Schwer. 2289 +Ihnen war der Trost entsunken, den sie gewähnt vorher, +Da sie bestreiten wollte, dem Jeder Liebe trug. +Sie hatten von den Feinden schon Leid erfahren genug. + +"Das verhüte Gott vom Himmel!" sprach Gunther der Degen, 2290 +"Daß ihr eurer Freundschaft, trätet so entgegen +Und der großen Treue, darauf uns sann der Muth: +Ich will euch wohl vertrauen, daß ihr das nimmermehr tuth. + +"Es ist nicht mehr zu wenden," sprach der kühne Mann: 2291 +"Ich muß mit euch streiten, wie ich den Schwur gethan. +Nun wehrt euch, kühne Degen, wenn euch das Leben werth, +Da mir die Königstochter nicht andre Willkür gewährt." + +"Ihr widersagt uns nun zu spät," sprach der König hehr. 2292 +"Nun mög euch Gott vergelten, viel edler Rüdiger, +Die Treu und die Liebe, die ihr uns habt gethan, +Wenn ihr bis ans Ende auch halten wolltet daran. + +"Wir wollen stäts euch danken, was ihr uns habt gegeben, 2293 +Ich und meine Freunde, laßet ihr uns leben, +Der herrlichen Gaben, als ihr uns brachtet her +In Etzels Land mit Treue: des gedenket, edler Rüdiger." + +"Wie gern ich euch das gönnte," sprach Rüdiger der Degen, 2294 +"Daß ich euch meiner Gabe die Fülle dürfte wägen +Nach meinem Wohlgefallen; wie gerne that ich das, +So es mir nicht erwürbe der edeln Königin Haß!" + +"Laßt ab, edler Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2295 +"Nie ward ein Wirth gefunden, der es den Gästen bot +So freundlich und so gütlich, als uns von euch geschehn. +Des sollt ihr auch genießen, so wir lebendig entgehn." + +"Das wollte Gott," sprach Rüdiger, "viel edler Gernot, 2296 +"Daß ihr am Rheine wäret, und ich wäre todt. +So rettet' ich die Ehre, da ich euch soll bestehn! +Es ist noch nie an Degen von Freunden übler geschehn." + +"Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2297 +"Eurer reichen Gabe. Mich jammert euer Tod, +Soll an euch verderben so tugendlicher Muth. +Hier trag ich eure Waffe, die ihr mir gabet, Degen gut. + +"Sie hat mir noch nie versagt in all dieser Noth: 2298 +Es fiel vor ihrer Schärfe mancher Ritter todt. +Sie ist stark und lauter, herrlich und gut: +Gewiss, so reiche Gabe kein Recke je wieder thut. + +"Und wollt ihr es nicht meiden und wollt ihr uns bestehn, 2299 +Erschlagt ihr mir die Freunde, die hier noch bei mir stehn, +Mit euerm Schwerte nehm ich Leben euch und Leib. +So reut ihr mich, Rüdiger, und euer herrliches Weib." + +"Das wolle Gott, Herr Gernot, und möcht es geschehn, 2300 +Daß hier nach euerm Willen Alles könnt ergehn +Und euern Freunden bleiben Leben möcht und Leib, +Euch sollten wohl vertrauen meine Tochter und mein Weib." + +Da sprach von Burgunden der schönen Ute Kind: 2301 +"Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? Die mit mir kommen sind, +Die sind euch all gewogen; ihr greift übel zu: +Eure schöne Tochter wollt ihr verwitwen allzufruh. + +"Wenn ihr und eure Recken mich wollt im Streit bestehn, 2302 +Wie wär das unfreundlich, wie wenig ließ' es sehn, +Daß ich euch vertraute vor jedem andern Mann, +Als ich eure Tochter mir zum Weibe gewann." + +"Gedenkt eurer Treue," sprach da Rüdiger. 2303 +Und schickt euch Gott von hinnen, viel edler König hehr, +"So laßt es nicht entgelten die liebe Tochter mein: +Bei aller Fürsten Tugend geruht ihr gnädig zu sein." + +"So sollt ichs billig halten," sprach Geiselher das Kind; 2304 +"Doch meine hohen Freunde, die noch im Saal hier sind, +Wenn die von euch ersterben, so muß geschieden sein +Diese stäte Freundschaft zu dir und der Tochter dein." + +"Nun möge Gott uns gnaden," sprach der kühne Mann. 2305 +Da hoben sie die Schilde und wollten nun hinan +Zu streiten mit den Gästen in Kriemhildens Saal. +Laut rief da Hagen von der Stiege her zu Thal: + +"Verzieht noch eine Weile, viel edler Rüdiger," 2306 +Also sprach da Hagen: "wir reden erst noch mehr, +Ich und meine Herren, wie uns zwingt die Noth. +Was hilft es Etzeln, finden wir in der Fremde den Tod? + +"Ich steh in großen Sorgen," sprach wieder Hagen, 2307 +"Der Schild, den Frau Gotlind mir gab zu tragen, +Den haben mir die Heunen zerhauen vor der Hand; +Ich bracht ihn doch in Treuen her in König Etzels Land. + +"Daß es Gott vom Himmel vergönnen wollte, 2308 +Daß ich so guten Schildrand noch tragen sollte, +Als du hast vor den Händen, viel edler Rüdiger: +So bedürft ich in dem Sturme keiner Halsberge mehr." + +"Wie gern wollt ich dir dienen mit meinem Schilde, 2309 +Dürft ich dir ihn bieten vor Kriemhilde. +Doch nimm ihn hin, Hagen, und trag ihn an der Hand: +Hei! dürftest du ihn führen heim in der Burgunden Land!" + +Als er den Schild so willig zu geben sich erbot, 2310 +Die Augen wurden Vielen von heißen Thränen roth. +Es war Die letzte Gabe: es dürft hinfort nicht mehr +Einem Degen Gabe bieten von Bechlaren Rüdiger. + +Wie grimmig auch Hagen, wie hart auch war sein Muth, 2311 +Ihn erbarmte doch die Gabe, die der Degen gut +So nah seinem Ende noch hatt an ihn gethan. +Mancher edle Ritter mit ihm zu trauern begann. + +"Nun lohn euch Gott im Himmel, viel edler Rüdiger. 2312 +Es wird eures Gleichen auf Erden nimmermehr, +Der heimathlosen Degen so milde Gabe gebe. +So möge Gott gebieten, daß eure Milde immer lebe." + +"O weh mir dieser Märe," sprach wieder Hagen. 2313 +"Wir hatten Herzensschwere schon so viel zu tragen: +Das müße Gott erbarmen, gilts uns mit Freunden Streit!" +Da sprach der Markgraf wieder: "Das ist mir inniglich leid." + +"Nun lohn ich euch die Gabe, viel edler Rüdiger: 2314 +Was euch auch widerfahre von diesen Recken hehr, +Es soll euch nicht berühren im Streit meine Hand, +Ob ihr sie all erschlüget Die von der Burgunden Land." + +Da neigte sich ihm dankend der gute Rüdiger. 2315 +Die Leute weinten alle: Daß nicht zu wenden mehr +Dieser Herzensjammer, das war zu große Noth. +Der Vater aller Tugend fand an Rüdiger den Tod. + +Da sprach von der Stiege Volker der Fiedelmann: 2316 +"Da mein Geselle Hagen euch trug den Frieden an, +So biet ich auch so stäten euch von meiner Hand. +Das habt ihr wohl verdient an uns, da wir kamen in das Land. + +"Viel edler Markgraf, mein Bote werdet hier: 2317 +Diese rothen Spangen gab Frau Gotlinde mir, +Daß ich sie tragen sollte bei dieser Lustbarkeit: +Ich thu es, schauet selber, daß ihr des mein Zeuge seid." + +"Wollt es Gott vom Himmel," sprach da Rüdiger, 2318 +"Daß euch die Markgräfin noch geben dürfte mehr. +Die Märe sag ich gerne der lieben Trauten mein, +Seh ich gesund sie wieder: Des sollt ihr außer Zweifel sein." + +Nach diesem Angeloben Den Schild hob Rüdiger, 2319 +Sein Muth begann zu toben: nicht länger säumt' er mehr. +Auf lief er zu den Gästen wohl einem Recken gleich. +Viel kraftvolle Schläge schlug da dieser Markgraf reich. + +Volker und Hagen traten beiseit, 2320 +Wie ihm verheißen hatten die Degen allbereit. +Noch traf er bei den Thüren so manchen Kühnen an, +Daß Rüdiger die Feindschaft mit großen Sorgen begann. + +Aus Mordbegierde ließen ihn ins Haus hinein 2321 +Gernot und Gunther; das mochten Helden sein. +Zurück wich da Geiselher: fürwahr, es war ihm leid; +Er versah sich noch des Lebens, drum mied er Rüdigern im Streit. + +Da sprangen zu den Feinden Die in Rüdgers Lehn. 2322 +Hinter ihrem Herren sah man sie kühnlich gehn. +Schneidende Waffen trugen sie an der Hand: +Da zerbrachen viel der Helme und mancher herrliche Rand. + +Da schlugen auch die Müden noch manchen schnellen Schlag 2323 +Auf die von Bechlaren, der tief und eben brach +Durch die festen Panzer und drang bis auf das Blut. +Sie frommten in dem Sturme viel Wunder herrlich und gut. + +Das edle Heergesinde war alle nun im Saal. 2324 +Volker und Hagen die sprangen hin zumal: +Sie gaben Niemand Frieden als dem Einen Mann. +Das Blut von ihren Hieben von den Helmen niederrann. + +Wie da der Schwerter Tosen so grimmig erklang, 2325 +Daß unter ihren Schlägen das Schildgespänge sprang! +Die Schildsteine rieselten getroffen in das Blut. +Da fochten sie so grimmig, wie man es nie wieder thut. + +Der Vogt von Bechlaren schuf hin und her sich Bahn, 2326 +Wie Einer der mit Ungestüm im Sturme werben kann. +Des Tages ward an Rüdiger herrlich offenbar, +Daß er ein Recke wäre, kühn und ohne Tadel gar. + +Hier standen diese Recken, Gunther und Gernot, 2327 +Sie schlugen in dem Streite viel der Helden todt. +Geiselhern und Dankwart am Heile wenig lag: +Da brachten sie noch Manchen hin zu seinem jüngsten Tag. + +Wohl erwies auch Rüdiger, daß er stark war genug, 2328 +Kühn und wohl gewaffnet: hei, was er Helden schlug! +Das sah ein Burgunde, da schuf der Zorn ihm Noth: +Davon begann zu nahen des edeln Rüdiger Tod. + +Gernot der starke rief den Helden an. 2329 +Er sprach zum Markgrafen: "Ihr wollt mir keinen Mann +Der Meinen leben laßen, viel edler Rüdiger. +Das schmerzt mich ohne Maßen: ich ertrag es nicht länger mehr. + +"Nun mag euch eure Gabe wohl zu Unstatten kommen, 2330 +Da ihr mir der Freunde habt so viel genommen. +Nun bietet mir die Stirne, ihr edler kühner Mann: +So verdien ich eure Gabe, so gut ich immer nur kann." + +Bevor da der Markgraf zu ihm gedrungen war. 2331 +Ward noch getrübt vom Blute manch lichter Harnisch klar. +Da liefen sich einander die Ehrbegiergen an: +jedweder sich zu schirmen vor starken Wunden begann. + +Doch schnitten ihre Schwerter, es schützte nichts dagegen. 2332 +Da schlug den König Gernot Rüdiger der Degen +Durch den steinharten Helm, daß niederfloß das Blut: +Das vergalt alsbald ihm dieser Ritter kühn und gut. + +Hoch schwang er Rüdgers Gabe, die in der Hand ihm lag; 2333 +Wie wund er war zum Tode, er schlug ihm einen Schlag +Auf des Helmes Bänder und durch den festen Schild, +Davon ersterben muste der gute Rüdiger mild. + +So reicher Gabe übler gelohnt ward nimmermehr. 2334 +Da fielen beid erschlagen, Gernot und Rüdiger, +Im Sturm gleichermaßen von beider Kämpfer Hand. +Da erst ergrimmte Hagen, als er den großen Schaden fand. + +Da sprach der Held von Tronje: "Es ist uns schlimm bekommen. 2335 +So großen Schaden haben wir an den Zwein genommen, +Daß wir ihn nie verwinden, ihr Volk noch ihr Land. +Uns Heimathlosen bleiben nun Rüdgers Helden zu Pfand." + +Da wollte Keiner weiter dem Andern was vertragen: 2336 +Mancher ward darnieder unverletzt geschlagen, +Der wohl noch wär genesen: ob ihm war solcher Drang, +Wie heil er sonst gewesen, daß er im Blute doch ertrank. + +"Weh mir um den Bruder! der fiel hier in den Tod. 2337 +Was mir zu allen Stunden für leide Märe droht! +Auch muß mich immer reuen mein Schwäher Rüdiger: +Der Schad ist beidenthalben und großen Jammers Beschwer." + +Als der junge Geiselher sah seinen Bruder todt, 2338 +Die noch im Saale waren, die musten leiden Noth. +Der Tod suchte eifrig, wo sein Gesinde wär: +Deren von Bechelaren entgieng kein Einziger mehr. + +Gunther und Hagen und auch Geiselher, 2339 +Dankwart und Volker, die guten Degen hehr, +Die giengen zu der Stelle, wo man sie liegen fand: +Wie jämmerlich da weinten diese Helden auserkannt! + +"Der Tod beraubt uns übel," sprach Geiselher das Kind. 2340 +"Nun laßt euer Weinen und gehn wir an den Wind, +Daß sich die Panzer kühlen uns streitmüden Degen: +Es will nicht Gott vom Himmel, daß wir länger leben mögen." + +Den sitzen, den sich lehnen sah man manchen Mann. 2341 +Sie waren wieder müßig. Die Rüdgern unterthan +Waren all erlegen; verhaßt war das Getos. +So lange blieb es stille, daß es Etzeln verdroß. + +"O weh dieses Leides!" sprach die Königin. 2342 +"Sie sprechen allzulange; unsre Feinde drin +Mögen wohl heil verbleiben vor Rüdigers Hand: +Er will sie wiederbringen heim in der Burgunden Land. + +"Was hilfts, König Etzel, daß wir an ihn vertan, 2343 +Was er nur begehrte? Er that nicht wohl daran: +Der uns rächen sollte, der will der Sühne pflegen." +Da gab ihr Volker Antwort, dieser zierliche Degen: + +"Dem ist nicht also leider, viel edel Königsweib. 2344 +Und dürft ich Lügen strafen ein so hehres Weib, +So hättet ihr recht teuflisch Rüdigern verlogen. +Er und seine Degen sind um die Sühne gar betrogen. + +"So williglich vollbracht er, was ihm sein Herr gebot, 2345 +Daß er und sein Gesinde hier fielen in den Tod. +Nun seht euch um, Frau Kriemhild, wem ihr gebieten wollt: +Euch war bis an sein Ende Rüdiger getreu und hold. + +"Wollt ihr mir nicht glauben, so schaut es selber an." 2346 +Zu ihrem Herzeleide ward es da gethan: +Man trug ihn hin erschlagen, wo ihn der König sah. +König Etzels Mannen wohl nimmer leider geschah. + +Da sie den Markgrafen todt sahn vor sich tragen, 2347 +Da vermöcht euch kein Schreiber zu schildern noch zu sagen +Die ungebärdge Klage so von Weib als Mann, +Die sich aus Herzensjammer da zu erzeigen begann. + +König Etzels Jammern war so stark und voll, 2348 +Wie eines Löwen Stimme dem reichen König scholl +Der Wehruf der Klage; auch ihr schufs große Noth; +Sie weinten übermäßig um des guten Rüdger Tod. + + * * * * * + + + + +Achtunddreißigstes Abenteuer. + +Wie Dietrichens Recken alle erschlagen wurden. + + +Der Jammer allenthalben zu solchem Maße schwoll, 2349 +Daß von der Wehklage Pallas und Thurm erscholl. +Da vernahm es auch ein Berner, Dietrichs Unterthan: +Der schweren Botschaft willen wie eilends kam er heran! + +Da sprach er zu dem Fürsten: "Hört mich, Herr Dieterich, 2350 +Was ich noch je erlebte, so herzensjämmerlich +Hört ich noch niemals klagen, als ich jetzt vernahm. +Ich glaube, daß der König nun selber zu der Hochzeit kam, + +"Wie wären sonst die Leute all in solcher Noth? 2351 +Der König oder Kriemhild Eins ward dem Tod +Von den kühnen Gästen in ihrem Zorn gesellt. +Es weint übermäßig mancher auserwählte Held." + +Da sprach der Vogt von Berne: "Ihr Getreun in meinem Lehn, 2352 +Seid nicht allzu eilig: was hier auch ist geschehn +Von den Heimathlosen, sie zwang dazu die Noth: +Nun laßt sie des genießen, daß ich ihnen Frieden bot." + +Da sprach der kühne Wolfhart: "Ich will zum Saale gehn, 2353 +Der Märe nachzufragen, was da sei geschehn, +Und will euch dann berichten, viel lieber Herre mein, +Wenn ich es dort erkunde, wie die Sache möge sein." + +Da sprach der edle Dietrich: "Wenn man sich Zorns versieht 2354 +Und ungestümes Fragen zur Unzeit dann geschieht, +Das betrübt den Recken allzuleicht den Muth: +Drum will ich nicht, Wolfhart, daß ihr die Frage da thut." + +Da bat er Helfrichen hin zu gehn geschwind, 2355 +Ob er erkundgen möge bei Etzels Ingesind +Oder bei den Gästen, was da wär geschehn. +Da wurde nie bei Leuten so großer Jammer gesehn. + +Der Bote kam und fragte: "Was ist hier geschehn?" 2356 +Da ward ihm zum Bescheide: "Nun must uns auch zergehn +Der Trost, der uns geblieben noch war in Heunenland: +Hier liegt erschlagen Rüdiger von der Burgunden Hand. + +"Nicht Einer ist entkommen, der mit ihm gieng hinein." 2357 +Das konnte Helfrichen nimmer leider sein. +Wohl mocht er seine Märe noch nie so ungern sagen: +Er kam zu Dietrichen zurück mit Weinen und Klagen. + +"Was bringt ihr uns für Kunde?" sprach da Dieterich, 2358 +"Wie weint ihr so heftig, Degen Helferich?" +Da sprach der edle Recke: "Wohl hab ich Grund zu klagen. +Den guten Rüdger haben die Burgunden erschlagen." + +Da sprach der Held von Berne: "Das wolle nimmer Gott. 2359 +Eine starke Rache wär es und des Teufels Spott. +Wie hätt an ihnen Rüdiger verdient solchen Sold? +Ich weiß wohl die Kunde, er ist den Fremdlingen hold." + +Da sprach der kühne Wolfhart: "Und wär es geschehn, 2360 +So sollt es ihnen Allen an Leib und Leben gehn. +Wenn wirs ertragen wollten, es brächt uns Spott und Schand, +Uns bot so große Dienste des guten Rüdiger Hand." + +Der Vogt von Amelungen erfragt' es gern noch mehr. 2361 +In ein Fenster setzt' er sich, ihm war das Herz so schwer. +Da hieß er Hildebranden zu den Gästen gehn, +Bei ihnen zu erforschen, was da wäre geschehn. + +Der sturmkühne Recke, Meister Hildebrand, 2362 +Weder Schild noch Waffen trug er an der Hand. +Er wollt in seinen Züchten zu den Gästen gehn; +Von seiner Schwester Kinde must er sich gescholten sehn. + +Da sprach der grimme Wolfhart: "Geht ihr dahin so bloß, 2363 +So kommt ihr ungescholten nimmer wieder los: +So müst ihr dann mit Schanden thun die Wiederfahrt; +Geht ihr dahin in Waffen, so weiß ich, daß es Mancher spart." + +Da rüstete der Alte sich nach des Jungen Rath. 2364 +Eh Hildbrand es gewahrte, standen in ihrem Staat +Die Recken Dietrichs alle, die Schwerter in der Hand. +Leid war das dem Helden, er hätt es gern noch abgewandt. + +Er frag, wohin sie wollten. "Wir wollen mit euch hin; 2365 +Ob von Tronje Hagen wohl dann noch ist so kühn, +Mit Spott zu euch zu reden, wie ihm zu thun gefällt?" +Als er die Rede hörte, erlaubt' es ihnen der Held. + +Da sah der kühne Volker wohlgewaffnet gehn 2366 +Die Recken von Berne in Dietrichens Lehn, +Die Schwerter umgegürtet, die Schilde vor der Hand: +Er sagt' es seinen Herren aus der Burgunden Land. + +Da sprach der Fiedelspieler: "Dorten seh ich nahn 2367 +Recht in Feindesweise Die Dietrich unterthan, +Gewaffnet unter Helmen: sie wollen uns bestehn. +Nun wird es an das Ueble mit uns Fremdlingen gehn." + +Es währte nicht lange, so kam auch Hildebrand: 2368 +Da setzt' er vor die Füße seinen Schildesrand +Und begann zu fragen Die Gunthern unterthan: +"O weh, ihr guten Degen, was hatt euch Rüdiger gethan? + +"Mich hat mein Herr Dietrich her zu euch gesandt, 2369 +Ob erschlagen liege, Helden, von eurer Hand +Dieser edle Markgraf, wie man uns gab Bescheid? +Wir könnten nicht verwinden also schweres Herzeleid." + +Da sprach der grimme Hagen: "Die Mär ist ungelogen, 2370 +Wie gern ichs euch gönnte, wärt ihr damit betrogen, +Rüdigern zu Liebe: so lebt' er uns noch, +Den nie genug beweinen mögen Fraun und Mannen doch." + +Als sie das recht vernahmen, Rüdiger sei todt, 2371 +Da beklagten ihn die Recken, wie ihre Treu gebot. +Dietrichens Mannen sah man die Thränen gehn +Uebern Bart zum Kinne: viel Leid war ihnen geschehn. + +Siegstab der Herzog von Bern sprach zuhand: 2372 +"O weh, wie all die Güte hier gar ein Ende fand, +Die uns Rüdiger hier schuf nach unsers Leides Tagen: +Der Trost der Heimathlosen liegt von euch Degen erschlagen." + +Da sprach von Amelungen der Degen Wolfwein: 2373 +"Und wenn ich vor mir liegen hier säh, den Vater mein, +Mir würde nimmer leider als um Rüdgers Tod. +O weh, wer soll nun trösten die Markgräfin in ihrer Noth?" + +Do sprach im Zornmuthe der kühne Wolfhart: 2374 +"Wer leitet nun die Recken auf mancher Heerfahrt, +Wie von dem Markgrafen so oft geschehen ist? +O weh, viel edler Rüdiger, daß du uns so verloren bist!" + +Wolfbrand und Helferich und auch Helmnot 2375 +Mit allen ihren Freunden beweinten seinen Tod. +Nicht mehr fragen mochte vor Seufzen Hildebrand: +So thut denn, ihr Degen, warum mein Herr uns gesandt. + +"Gebt uns den todten Rüdiger aus dem Saal, 2376 +An dem all unsre Freude erlitt den Jammerfall. +Laßt uns ihm so vergelten, was er an uns gethan +Hat mit großer Treue und an manchem fremden Mann. + +"Wir sind hier auch Vertriebene wie Rüdiger der Degen. 2377 +Wie laßt ihr uns warten? Laßt uns ihn aus den Wegen +Tragen und im Tode lohnen noch dem Mann: +Wir hätten es wohl billig bei seinem Leben gethan." + +Da sprach der König Gunther: "Nie war ein Dienst so gut, 2378 +Als den ein Freund dem Freunde nach dem Tode thut. +Das nenn ich stäte Treue, wenn man das leisten kann: +Ihr lohnt ihm nach Verdienste, er hat euch Liebes gethan." + +"Wie lange solln wir flehen?" sprach Wolfart der Held." 2379 +"Da unser Trost der beste liegt von euch gefällt, +Und wir ihn nun leider nicht länger mögen haben, +Laßt uns ihn hinnen tragen, daß wir den Recken begraben." + +Zur Antwort gab ihm Volker: "Man bringt ihn euch nicht her, 2380 +Holt ihn aus dem Hause, wo der Degen hehr +Mit tiefen Herzenswunden gefallen ist ins Blut: +So sind es volle Dienste, die ihr hier Rüdigern thut." + +Da sprach der kühne Wolfhart: "Gott weiß, Herr Fiedelmann, 2381 +Ihr müßt uns nicht noch reizen; ihr habt uns Leid gethan. +Dürft ichs vor meinem Herren, so kämt ihr drum in Noth; +Doch müßen wir es laßen, weil er den Streit uns verbot." + +Da sprach der Fiedelspieler: "Der fürchtet sich zu viel, 2382 +Der, was man ihm verbietet, Alles laßen will: +Das kann ich nimmer heißen rechten Heldenmuth." +Die Rede dauchte Hagnen von seinem Heergesellen gut. + +"Wollt ihr den Spott nicht laßen," fiel ihm Wolfhart ein, 2383 +"Ich verstimm euch so die Saiten, daß ihr noch am Rhein, +Wenn je ihr heimreitet, habt davon zu sagen. +Euer Ueberheben mag ich mit Ehren nicht ertragen." + +Da sprach der Fiedelspieler: "Wenn ihr den Saiten mein 2384 +Die guten Töne raubtet, eures Helmes Schein +Müste trübe werden dabei von meiner Hand, +Wie ich halt auch reite in der Burgunden Land." + +Da wollt er zu ihm springen doch blieb nicht frei die Bahn. 2385 +Hildebrand sein Oheim hielt ihn mit Kräften an. +"Ich seh, du willst wüthen in deinem dummen Zorn; +Nun hätten wir auf immer meines Herren Huld verlorn." + +"Laßt los den Leuen, Meister, er hat so grimmigen Muth; 2386 +Doch kommt er mir zu nahe," sprach Volker der Degen gut, +"Hätt er mit seinen Händen die ganze Welt erlagen, +Ich schlag ihn, daß er nimmermehr ein Widerwort weiß zu sagen." + +Darob ergrimmte heftig den Bernern der Muth. 2387 +Den Schild ruckte Wolfhart, ein schneller Recke gut, +Gleich einem wilden Leuen lief er auf ihn an. +Die Schar seiner Freunde ihm rasch zu folgen begann. + +Mit weiten Sprüngen setzt' er bis vor des Saales Wand; 2388 +Doch ereilt' ihn vor der Stiege der alte Hildebrand: +Er wollt ihn vor ihm selber nicht laßen in den Streit. +Zu ihrem Willen fanden sie gern die Gäste bereit. + +Da sprang hin zu Hagen Meister Hildebrand: 2389 +Man hörte Waffen klingen an der Helden Hand. +Sie waren sehr im Zorne, das zeigte sich geschwind: +Von der Beiden Schwertern gieng der feuerrothe Wind. + +Da wurden sie geschieden in des Streites Noth: 2390 +Das thaten die von Berne, wie Kraft und Muth gebot. +Als sich von Hagen wandte Meister Hildebrand, +Da kam der starke Wolfhart auf den kühnen Volker gerannt. + +Auf den Helm dem Fiedler schlug er solchen Schwang, 2391 +Daß des Schwertes Schärfe durch die Spangen drang. +Das vergalt mit Ungestüm der kühne Fiedelmann: +Da schlug er Wolfharten, daß er zu sprühen begann. + +Feuers aus den Panzern hieben sie genug; 2392 +Grimmen Haß Jedweder zu dem Andern trug. +Da schied sie von Berne der Degen Wolfwein; +Wär er kein Held gewesen, so konnte das nimmer sein. + +Gunther der kühne mit williger Hand 2393 +Empfieng die hehren Helden aus Amelungenland. +Geiselher der junge die lichten Helme gut +Macht' er in dem Sturme Manchem naß und roth von Blut. + +Dankwart, Hagens Bruder, war ein grimmer Mann: 2394 +Was er zuvor im Streite Herrliches gethan +An König Etzels Recken, das schien nun gar ein Wind: +Nun erst begann zu toben des kühnen Aldrians Kind. + +Ritschart und Gerbart, Helfrich und Wichart 2395 +In manchen Stürmen hatten die selten sich gespart: +Das ließen sie wohl schauen die in Gunthers Lehn. +Da sah man Wolfbranden in dem Sturme herrlich gehn. + +Da focht, als ob er wüthe, der alte Hildebrand. 2396 +Viel gute Recken musten vor Wolfhartens Hand +Auf den Tod getroffen sinken in das Blut: +So rächten Rüdgers Wunden diese Recken kühn und gut. + +Da focht der Herzog Siegstab, wie ihm der Zorn gebot. 2397 +Hei! was harter Helme brach in des Sturmes Noth +An seinen Feinden Dietrichens Schwestersohn! +Er konnt in dem Sturme nicht gewaltiger drohn. + +Volker der Starke, als er das ersah, 2398 +Wie Siegstab der kühne aus Panzerringen da +Bäche Blutes holte, das schuf dem Biedern Zorn: +Er sprang ihm hin entgegen: da hatte hier bald verlorn + +Von dem Fiedelspieler das Leben Siegstab: 2399 +Volker ihm seiner Künste so vollen Anteil gab, +Er fiel von seinem Schwerte nieder in den Tod. +Der alte Hilbrand rächte das, wie ihm sein Eifer gebot. + +"O weh des lieben Herren," sprach Meister Hildebrand, 2400 +"Der uns hier erschlagen liegt von Volkers Hand! +Nun soll der Fiedelspieler auch länger nicht gedeihn." +Hildebrand der kühne wie könnt er grimmiger sein. + +Da schlug er so auf Volker, daß von des Helmes Band 2401 +Die Splitter allwärts stoben bis zu des Saales Wand, +Vom Helm und auch vom Schilde dem kühnen Spielmann; +Davon der starke Volker nun auch sein Ende gewann. + +Da drangen zu dem Streite Die in Dietrichs Lehn: 2402 +Sie schlugen, daß die Splitter sich wirbelnd musten drehn +Und man der Schwerter Enden in die Höhe fliegen sah. +Sie holten aus den Helmen heiße Blutbäche da. + +Nun sah von Tronje Hagen Volker den Degen todt: 2403 +Das war ihm bei der Hochzeit die allergröste Noth, +Die er gewonnen hatte an Freund und Unterthan! +O weh, wie grimmig Hagen den Freund zu rächen begann! + +"Nun soll es nicht genießen der alte Hildebrand: 2404 +Mein Gehilfe liegt erschlagen von des Helden Hand, +Der beste Heergeselle, den ich je gewann." +Den Schild rückt' er höher, so gieng er hauend hindann. + +Helferich der starke Dankwarten schlug: 2405 +Gunthern und Geiselhern war es leid genug, +Als sie ihn fallen sahen in der starken Noth; +Doch hatten seine Hände wohl vergolten seinen Tod. + +So viel aus manchen Landen hier Volks versammelt war, 2406 +Viel Fürsten kraftgerüstet gegen die kleine Schar, +Wären die Christenleute nicht wider sie gewesen, +Durch ihre Tugend mochten sie vor allen Heiden wohl genesen. + +Derweil schuf sich Wolfhart hin und wieder Bahn, 2407 +Alles niederhauend, was Gunthern unterthan. +Er machte nun zum dritten Mal die Runde durch den Saal: +Da fiel von seinen Händen gar mancher Recke zu Thal. + +Da rief der starke Geiselher Wolfharten an: 2408 +"O weh, daß ich so grimmen Feind je gewann! +Kühner Ritter edel, nun wende dich hieher! +Ich will es helfen enden, nicht länger trag ich es mehr." + +Zu Geiselheren wandte sich Wolfhart in den Streit. 2409 +Da schlugen sich die Recken manche Wunde weit. +Mit solchem Ungestüme er zu dem König drang, +Daß unter seinen Füßen übers Haupt das Blut ihm sprang. + +Mit schnellen grimmen Schlägen der schönen Ute Kind 2410 +Empfieng da Wolfharten, den Helden hochgesinnt. +Wie stark auch war der Degen, wie sollt er hier gedeihn? +Es konnte nimmer kühner ein so junger König sein. + +Da schlug er Wolfharten durch einen Harnisch gut, 2411 +Daß ihm aus der Wunde niederschoß das Blut: +Zum Tode war verwundet Dietrichens Unterthan. +Wohl must er sein ein Recke, der solche Werke gethan. + +Als der kühne Wolfhart die Wund an sich empfand, 2412 +Den Schild ließ er fallen: höher in der Hand +Hob er ein starkes Waffen, das war wohl scharf genug: +Durch Helm und Panzerringe der Degen Geiselhern schlug. + +Den grimmen Tod einander hatten sie angethan. 2413 +Da lebt' auch Niemand weiter, der Dietrich unterthan. +Hildebrand der alte Wolfharten fallen sah: +Gewiss vor seinem Tode solch Leid ihm nimmer geschah. + +Erstorben waren Alle Die in Gunthers Lehn 2414 +Und Die in Dietrichens. Hilbranden sah man gehn, +Wo Wolfhart war gefallen nieder in das Blut. +Er umschloß mit Armen den Degen bieder und gut. + +Er wollt ihn aus dem Hause tragen mit sich fort; 2415 +Er war zu schwer doch, laßen must ihn der Alte dort. +Da blickt' aus dem Blute der todwunde Mann: +Er sah wohl, sein Oheim hülfe gern ihm hindann. + +Da sprach der Todwunde: "Viel lieber Oheim mein, 2416 +Mir kann zu dieser Stunde eure Hülfe nicht gedeihn. +Nun hütet euch vor Hagen, fürwahr, ich rath euch gut: +Der tragt in seinem Herzen einen grimmigen Muth. + +"Und wollen meine Freunde im Tode mich beklagen, 2417 +Den nächsten und den besten sollt ihr von mir sagen, +Daß sie nicht um mich weinen, das thu nimmer Noth: +Von eines Königs Händen fand ich hier herrlichen Tod. + +"Ich hab auch so vergolten mein Sterben hier im Saal, 2418 +Das schafft noch den Frauen der guten Ritter Qual. +Wills Jemand von euch wißen, so mögt ihr kühnlich sagen: +Von meiner Hand alleine liegen hundert wohl erschlagen. + +Da gedacht auch Hagen an den Fiedelmann, 2419 +Dem der alte Hildebrand das Leben abgewann: +Da sprach er zu dem Kühnen: "Ihr entgeltet nun mein Leid. +Ihr habt uns hier benommen manchen Recken kühn im Streit." + +Er schlug auf Hildebranden daß man wohl vernahm 2420 +Balmungen dröhnen, den Siegfrieden nahm +Hagen der kühne, als er den Helden schlug. +Da wehrte sich ser Alte: er war auch streitbar genug. + +Wolfhartens Oheim ein breites Waffen schwang 2421 +Auf Hagen von Tronje, das scharf den Stahl durchdrang: +Doch konnt er nicht verwunden Gunthers Unterthan. +Da schlug ihm Hagen wieder durch einen Harnisch wohlgetan. + +Als da Meister Hildebrand die Wunde recht empfand, 2422 +Besorgt' er größern Schaden noch von Hagens Hand. +Den Schild warf auf den Rücken Dietrichs Unterthan: +Mit der starken Wunde der Held vor Hagen entrann. + +Da lebt' auch von allen den Degen Niemand mehr 2423 +Als Gunther und Hagen, die beiden Recken hehr. +Mit Blut gieng beronnen der alte Hildebrand: +Er brachte leide Märe, da er Dietrichen fand. + +Schwer bekümmert sitzen sah er da den Mann: 2424 +Noch größern Leides Kunde nun der Fürst gewann. +Als er Hildebranden im Panzer sah so roth, +Da fragt' er nach der Ursach, wie ihm die Sorge gebot. + +"Nun sagt mir, Meister Hildebrand, wie seid ihr so naß 2425 +Von dem Lebensblute? oder wer that euch das? +Ihr habt wohl mit den Gästen gestritten in dem Saal? +Ihr ließt es billig bleiben, wie ich so dringend befahl." + +Da sagt' er seinem Herren: "Hagen that es mir: 2426 +Der schlug mir in dem Saale diese Wunde hier, +Als ich von dem Recken zu wenden mich begann. +Kaum daß ich mit dem Leben noch dem Teufel entrann." + +Da sprach der von Berne: "Gar recht ist euch geschehen, 2427 +Da ihr mich Freundschaft hörtet den Recken zugestehn +Und doch den Frieden brachet, den ich ihnen bot: +Wär mirs nicht ewig Schande, ihr solltets büßen mit dem Tod." + +"Nun zürnt mir, Herr Dietrich, darob nicht allzusehr: 2428 +An mir und meinen Freunden ist der Schade gar zu schwer. +Wir wollten Rüdger gerne tragen aus dem Saal: +Das wollten uns nicht gönnen die, welchen Gunther befahl." + +"O weh mir dieses Leides! Ist Rüdiger doch todt? 2429 +Das muß mir sein ein Jammer vor all meiner Noth. +Gotelind die edle ist meiner Base Kind: +O weh der armen Waisen, die dort zu Bechlaren sind!" + +Herzeleid und Kummer schuf ihm sein Tod: 2430 +Er hub an zu weinen: den Helden zwang die Noth. +"O weh der treuen Hülfe, die mir an ihm erlag, +König Etzels Degen, den ich nie verschmerzen mag. + +"Könnt ihr mir, Meister Hildebrand, rechte Kunde sagen, 2431 +Wie der Recke heiße, der ihn hat erschlagen?" +Er sprach "Das that mit Kräften der starke Gernot; +Von Rüdigers Händen fand auch der König den Tod." + +Er sprach zu Hilbranden: "So sagt den Meinen an, 2432 +Daß sie alsbald sich waffnen, so geh ich selbst hinan. +Und befehlt, daß sie mir bringen mein lichtes Streitgewand: +Ich selber will nun fragen die Helden aus Burgundenland." + +Da sprach Meister Hildebrand: "Wer soll mit euch gehn? 2433 +Die euch am Leben blieben, die seht ihr vor euch stehn: +Das bin ich ganz alleine; die Andern die sind todt." +Da erschrak er dieser Märe, es schuf ihm wahrhafte Noth, + +Daß er auf Erden nimmer noch solches Leid gewann. 2434 +Er sprach: "Und sind erstorben all Die mir unterthan, +So hat mein Gott vergeßen, ich, armer Dietrich! +Ich herrscht' ein mächtger König einst hehr und gewaltiglich." + +Wieder sprach da Dietrich: "Wie könnt es nur geschehn, 2435 +Daß sie all erstarben, die Helden ausersehn, +Vor den Streitmüden, die doch gelitten Noth? +Mein Unglück schufs alleine, sonst verschonte sie der Tod! + +"Wenn dann mein Unheil wollte, es sollte sich begeben, 2436 +So sprecht, blieb von den Gästen Einer noch am Leben?" +Da sprach Meister Hildebrand: "Das weiß Gott, Niemand mehr +Als Hagen ganz alleine und Gunther der König hehr." + +"O weh, lieber Wolfhart, und hab ich dich verloren, 2437 +So mag mich bald gereuen, daß ich je ward geboren. +Siegstab und Wolfwein und auch Wolfbrand: +Wer soll mir denn helfen in der Amelungen Land? + +"Helferich der kühne, und ist mir der erschlagen, 2438 +Gerbart und Wichard, wann hör ich auf zu klagen? +Das ist aller Freuden mir der letzte Tag. +O weh, daß vor Leide Niemand doch ersterben mag!" + + * * * * * + + + + +Neununddreißigstes Abenteuer. + +Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden. + + +Da suchte sich Herr Dietrich selber sein Gewand; 2439 +Ihm half, daß er sich waffnete, der alte Hildebrand. +Da klagte so gewaltig der kraftvolle Mann, +Daß von seiner Stimme das Haus zu schüttern begann. + +Dann gewann er aber wieder rechten Heldenmuth. 2440 +Im Grimm ward gewaffnet da der Degen gut. +Seinen Schild, den festen, den nahm er an die Hand: +Sie giengen bald von dannen, er und Meister Hildebrand. + +Da sprach von Tronje Hagen: "Dort seh ich zu uns gehn 2441 +Dietrich den Herren: der will uns bestehn +Nach dem großen Leide, das wir ihm angethan. +Nun soll man heute schauen, wen man den Besten nennen kann. + +"Und dünkt sich denn von Berne der Degen Dieterich 2442 +Gar so starkes Leibes und so fürchterlich. +Und will ers an uns rächen was ihm ist geschehn," +Also sprach da Hagen, "ich bin wohl Mann ihn zu bestehn." + +Die Rede hörte Dietrich mit Meister Hildebrand. 2443 +Er kam, wo er die Recken beide stehen fand +Außen vor dem Hause, gelehnt an den Saal. +Seinen Schild den guten, den setzte Dietrich zu Thal. + +In leidvollen Sorgen sprach da Dietrich: 2444 +"Wie habt ihr so geworben, Herr Gunther, wider mich, +Einen Heimathlosen? Was that ich euch wohl je, +Daß alles meines Trostes ich nun verwaiset mich seh? + +"Ihr fandet nicht Genüge an der großen Noth, 2445 +Als ihr uns Rüdigeren, den Recken, schluget todt: +Ihr missgönntet sie mir alle, Die mir unterthan. +Wohl hätt ich solchen Leides euch Degen nimmer gethan. + +"Gedenkt an euch selber und an euer Leid, 2446 +Eurer Freunde Sterben und all die Noth im Streit, +Ob es euch guten Degen nicht beschwert den Muth. +O weh, wie so unsanft mir der Tod Rüdigers thut! + +"So leid geschah auf Erden Niemanden je. 2447 +Ihr gedachtet wenig an mein und euer Weh. +Was ich Freuden hatte, das liegt von euch erschlagen: +Wohl kann ich meine Freunde nimmer genug beklagen." + +"Wir sind wohl nicht so schuldig," sprach Hagen entgegen. 2448 +"Zu diesem Hause kamen alle eure Degen +Mit großem Fleiß gewaffnet in einer breiten Schar. +Man hat euch wohl die Märe nicht gesagt, wie sie war." + +"Was soll ich andere glauben? mir sagt Hildebrand: 2449 +Euch baten meine Recken vom Amelungenland, +Daß ihr ihnen Rüdigern gäbet aus dem Haus: +Da botet ihr Gespötte nur meinen Recken heraus." + +Da sprach der Vogt vom Rheine: "Sie wollten Rüdgern tragen, 2450 +Sagten sie, von hinnen: das ließ ich versagen +Etzeln zum Trotze, nicht aber deinem Heer, +Bis darob zu schelten Wolfhart begann, der Degen hehr." + +Da sprach der Held von Berne: "Es sollte nun so sein. 2451 +Gunther, edler König, bei aller Tugend dein +Ersetze mir das Herzeleid, das mir von dir geschehn; +Versühn es, kühner Ritter, so laß ichs ungerochen gehn. + +"Ergieb dich mir zum Geisel mit Hagen deinem Mann: 2452 +So will ich euch behüten, so gut ich immer kann, +Daß euch bei den Heunen hier Niemand Leides thut. +Ihr sollt an mir erfahren, daß ich getreu bin und gut." + +"Das verhüte Gott vom Himmel," sprach Hagen entgegen, 2453 +"Daß sich dir ergeben sollten zwei Degen, +Die noch in voller Wehre dir gegenüber stehn, +Das wär uns Unehre: die Feigheit soll nicht geschehn." + +"Ihr solltets nicht verweigern," sprach wieder Dietrich. 2454 +"Gunther und Hagen, ihr habt so bitterlich +Beide mir bekümmert das Herz und auch den Muth, +Wollt ihr mir das vergüten, daß ihr es billiglich thut. + +"Ich geb euch meine Treue, und reich euch drauf die Hand, 2455 +Daß ich mit euch reite heim in euer Land. +Ich geleit euch wohl nach Ehren, ich stürbe denn den Tod, +Und will um euch vergeßen all meiner schmerzhaften Noth." + +"Begehrt es nicht weiter," sprach wieder Hagen: 2456 +"Wie ziemt es, wenn die Märe wär von uns zu sagen, +Daß zwei so kühne Degen sich ergäben eurer Hand? +Sieht man bei euch doch Niemand als alleine Hildebrand." + +Da sprach Meister Hildebrand: "Gott weiß, Herr Hagen, 2457 +Den Frieden, den Herr Dietrich euch hat angetragen, +Es kommt noch an die Stunde vielleicht in kurzer Frist, +Daß ihr ihn gerne nähmet, und er nicht mehr zu haben ist." + +"Auch nähm ich eh den Frieden," sprach Hagen entgegen, 2458 +"Eh ich mit Schimpf und Schande so vor einem Degen +Flöhe, Meister Hildebrand, als ihr hier habt gethan: +Ich wähnt auf meine Treue, ihr stündet beßer euerm Mann." + +Da sprach Meister Hildebrand: "Was verweiset ihr mir das? 2459 +Nun wer wars, der auf dem Schilde vor dem Wasgensteine saß, +Als ihm von Spanien Walther so viel der Freunde schlug? +Wohl habt ihr an euch selber noch zu rügen genug." + +Da sprach der edle Dietrich: "Wie ziemt solchen Degen 2460 +Sich mit Worten schelten wie alte Weiber pflegen? +Ich verbiet es, Meister Hildebrand sprecht hier nicht mehr. +Mich heimathlosen Recken zwingt so große Beschwer. + +"Laßt hören, Freund Hagen," sprach da Dieterich, 2461 +"Was spracht ihr zusammen, ihr Helden tugendlich, +Als ihr mich gewaffnet sahet zu euch gehn? +Ihr sagtet, ihr alleine wolltet mich im Streit bestehn." + +"Das wird euch Niemand läugnen," sprach Hagen entgegen, 2462 +"Wohl will ichs hier versuchen mit kräftigen Schlägen, +Es sei denn, mir zerbreche das Nibelungenschwert: +Mich entrüstet, daß zu Geiseln unser beider ward begehrt." + +Als Dietrich erhörte Hagens grimmen Muth, 2463 +Den Schild behende zuckte der schnelle Degen gut. +Wie rasch ihm von der Stiege entgegen Hagen sprang! +Niblungs Schwert das gute auf Dietrichen laut erklang. + +Da wuste wohl Herr Dietrich, daß der kühne Mann 2464 +Grimmen Muthes fechte; zu schirmen sich begann +Der edle Vogt von Berne vor ängstlichen Schlägen. +Wohl erkannt er Hagen, er war ein auserwählter Degen. + +Auch scheut' er Balmungen, eine Waffe stark genug. 2465 +Nur unterweilen Dietrich mit Kunst entgegenschlug +Bis daß er Hagen im Streite doch bezwang. +Er schlug ihm eine Wunde die gar tief war und lang. + +Der edle Dietrich dachte: "Dich schwächte lange Noth; 2466 +Mir brächt es wenig Ehre, gäb ich dir den Tod. +So will ich nur versuchen, ob ich dich zwingen kann, +Als Geisel mir zu folgen." Das ward mit Sorgen gethan. + +Den Schild ließ er fallen: seine Stärke, die war groß; 2467 +Hagnen von Tronje mit den Armen er umschloß. +So ward von ihm bezwungen dieser kühne Mann. +Gunther der edle darob zu trauern begann. + +Hagnen band da Dietrich und führt' ihn, wo er fand 2468 +Kriemhild die edle, und gab in ihre Hand +Den allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug. +Nach ihrem großen Leide ward sie da fröhlich genug. + +Da neigte sich dem Degen vor Freuden Etzels Weib: 2469 +"Nun sei dir immer selig das Herz und auch der Leib. +Du hast mich wol entschädigt aller meiner Noth: +Ich will dirs immer danken, es verwehr es denn der Tod." + +Da sprach der edle Dietrich: "Nun laßt ihn am Leben, 2470 +Edle Königstochter: es mag sich wohl begeben, +Daß euch sein Dienst vergütet das Leid, das er euch that: +Er soll es nicht entgelten, daß ihr ihn gebunden saht." + +Da ließ sie Hagnen führen in ein Haftgemach, 2471 +Wo Niemand ihn erschaute und er verschloßen lag. +Gunther der Edle hub da zu rufen an: +"Wo blieb der Held von Berne? Er hat mir Leides gethan." + +Da gieng ihm hin entgegen von Bern Herr Dieterich. 2472 +Gunthers Kräfte waren stark und ritterlich; +Da säumt' er sich nicht länger, er rannte vor den Saal. +Von ihrer Beider Schwertern erhob sich mächtiger Schall. + +So großen Ruhm erstritten Dietrich seit alter Zeit, 2473 +In seinem Zorne tobte Gunther zu sehr im Streit: +Er war nach seinem Leide von Herzen feind dem Mann. +Ein Wunder must es heißen, daß da Herr Dietrich entrann. + +Sie waren alle Beide so stark und muthesvoll, 2474 +Daß von ihren Schlägen Pallas und Thurm erscholl, +So hieben sie mit Schwertern auf die Helme gut. +Da zeigte König Gunther einen herrlichen Muth. + +Doch zwang ihn Der von Berne, wie Hagnen war geschehn. 2475 +Man mochte durch den Panzer das Blut ihm fließen sehn +Von einem scharfen Schwerte: das trug Herr Dieterich +Doch hatte sich Herr Gunther gewehrt, der müde, ritterlich. + +Der König ward gebunden von Dietrichens Hand, 2476 +Wie nimmer Könige sollten leiden solch ein Band. +Er dachte, ließ' er ledig Gunthern und seinen Mann, +Wem sie begegnen möchten, die müsten all den Tod empfahn. + +Dietrich von Berne nahm ihn bei der Hand, 2477 +Er führt' ihn hin gebunden, wo er Kriemhilden fand. +Ihr war mit seinem Leide des Kummers viel benommen. +Sie sprach: "König Gunther, nun seid mir höchlich willkommen." + +Er sprach: "Ich müst euch danken, viel edle Schwester mein, 2478 +Wenn euer Gruß in Gnaden geschehen könnte sein. +Ich weiß euch aber, Königin, so zornig von Muth, +Daß ihr mir und Hagen solchen Gruß im Spotte thut." + +Da sprach der Held von Berne: "Königstochter hehr, 2479 +So gute Helden sah, man als Geisel nimmermehr +Als ich, edle Königin, bracht in eure Hut. +Nun komme meine Freundschaft den Heimathlosen zu Gut." + +Sie sprach, sie thät es gerne. Da gieng Herr Dieterich 2480 +Mit weinenden Augen von den Helden tugendlich. +Da rächte sich entsetzlich König Etzels Weib: +Den auserwählten Recken nahm sie Leben und Leib. + +Sie ließ sie gesondert in Gefängniss legen, 2481 +Daß sich nie im Leben wiedersahn die Degen, +Bis sie ihres Bruders Haupt hin vor Hagen trug. +Kriemhildens Rache ward an Beiden grimm genug. + +Hin gieng die Königstochter, wo sie Hagen sah; 2482 +Wie feindselig sprach sie zu dem Recken da: +"Wollt ihr mir wiedergeben, was ihr mir habt genommen, +So mögt ihr wohl noch lebend heim zu den Burgunden kommen." + +Da sprach der grimme Hagen: "Die Red ist gar verloren, 2483 +Viel edle Königstochter. Den Eid hab ich geschworen, +Daß ich den Hort nicht zeige: so lange noch am Leben +Blieb Einer meiner Herren, so wird er Niemand gegeben." + +"Ich bring es zu Ende," sprach das edle Weib. 2484 +Dem Bruder nehmen ließ sie Leben da und Leib. +Man schlug das Haupt ihm nieder: bei den Haaren sie es trug +Vor den Held von Tronje: da gewann er Leids genug. + +Als der Unmuthvolle seines Herren Haupt ersah, 2485 +Wider Kriemhilden sprach der Recke da: +"Du hasts nach deinem Willen zu Ende nun gebracht; +Es ist auch so ergangen, wie ich mir hatte gedacht. + +"Nun ist von Burgunden der edle König todt, 2486 +Geiselher der junge dazu Herr Gernot. +Den Hort weiß nun Niemand als Gott und ich allein: +Der soll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen sein." + +Sie sprach: "So habt ihr üble Vergeltung mir gewährt; 2487 +So will ich doch behalten Siegfriedens Schwert. +Das trug mein holder Friedel, als ich zuletzt ihn sah, +An dem mir Herzensjammer vor allem Leide geschah." + +Sie zog es aus der Scheide, er konnt es nicht wehren. 2488 +Da dachte sie dem Recken das Leben zu versehren. +Sie schwang es mit den Händen, das Haupt schlug sie ihm ab. +Das sah der König Etzel, dem es großen Kummer gab. + +"Weh!" rief der König, "wie ist hier gefällt 2489 +Von eines Weibes Händen der allerbeste Held, +Der je im Kampf gefochten und seinen Schildrand trug! +So feind ich ihm gewesen bin, mir ist leid um ihn genug." + +Da sprach Meister Hildebrand: "Es kommt ihr nicht zu gut, 2490 +Daß sie ihn schlagen durfte; was man halt mir thut, +Ob er mich selber brachte in Angst und große Noth, +Jedennoch will ich rächen dieses kühnen Tronjers Tod." + +Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang: 2491 +Er schlug der Königstochter einen Schwertesschwang. +Wohl schmerzten solche Dienste von dem Degen sie; +Was könnt es aber helfen, daß sie so ängstlich schrie? + +Die da sterben sollen, die lagen all umher: 2492 +Zu Stücken lag verhauen die Königin hehr. +Dietrich und Etzel huben zu weinen an +Und jämmerlich zu klagen manchen Freund und Unterthan. + +Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod: 2493 +Die Leute hatten alle Jammer und Noth. +Mit Leide war beendet des Königs Lustbarkeit, +Wie immer Leid die Freude am lezten Ende verleiht. + +Ich kann euch nicht bescheiden, was seither geschah, 2494 +Als daß man immer weinen Christen und Heiden sah, +Die Ritter und die Frauen und manche schöne Maid: +Sie hatten um die Freunde das allergrößeste Leid. + +Ich sag euch nun nicht weiter von der großen Noth: 2495 +Die da erschlagen waren, die laßt liegen todt. +Wie es im Heunenlande dem Volk hernach gerieth, +Hie hat die Mär ein Ende: das ist _das Nibelungenlied_. + + * * * * * + +Statt der letzten fünf Strophen hat b folgende sechs, die beiden letzten +übereinstimmend mit A. + +Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang. +Er schlug der Königstochter einen schweren Schwertesschwang, +Mitten wo die Borte den Leib ihr hatt umgeben. +Davon die Königstochter verlieren must ihr werthes Leben. + +Das Schwert schnitt so heftig daß sie nichts empfand, +Das sie unsanft hätte berührt; sie sprach zuhand: +"Dein Waffen ist erblindet, du sollst es von dir legen: +Es ziemt nicht, daß es trage solch ein zierlicher Degen." + +Da zog er von dem Finger ein golden Ringelein +Und warfs ihr vor die Füße: "Hebt ihr das Fingerlein +Vom Boden auf, so spracht ihr die Wahrheit, edel Weib." +Sie bückte sich zum Golde: da brach entzwei ihr werther Leib. + +So war auch erlegen Kriemhild, o weh der Noth: +Wie so gar unmüßig war da der Tod. +Dietrich und Etzel huben zu weinen an, +Und inniglich klagen sah man so Weib als Mann. + +Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod, +Die Leute hatten alle Jammer und Noth. +Mit Leid war beendet des Königs Lustbarkeit, +Wie immer Leid die Freude am letzten Ende verleiht. + +Ich kann euch nicht bescheiden was seither geschah, +Als daß man Fraun und Ritter immer weinen sah, +Dazu die edeln Knechte, um lieber Freunde Tod. +Hier hat die Mär ein Ende: das ist die Nibelungennoth. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NIBELUNGENLIED*** + + +******* This file should be named 14915-8.txt or 14915-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/9/1/14915 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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