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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14221 ***
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 14221-h.htm or 14221-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h/14221-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h.zip)
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+ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE
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+Tausend und einer Nacht nacherzählt
+
+von
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+LUDWIG FULDA
+
+Mit Bildern von Max Liebert
+
+Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
+
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+[Illustration: K]
+
+
+
+Kommt, Kinder, faßt mich bei der Hand!
+Ich führ' euch in das Morgenland
+Und in sein Märchenparadies
+Auf einem wohlbekannten Pfade.
+Vor langen, langen Jahren wies
+Ihn die berühmte Schehersade
+Dem argen Sultan Scheherban,
+Sodaß der greuliche Tyrann--
+Weil ihre Kunst, in bunten Bildern
+Ihm eine Zauberwelt zu schildern,
+Unwiderstehlich ihn berauschte--
+Vergessend Speis' und Trank und Ruh',
+Ihr volle tausend Nächte lauschte
+Und eine weitre noch dazu.
+
+Von jenen köstlichen Geschichten,
+Mit denen sie sein Ohr betört,
+Will ich euch eine nun berichten;
+Seid also mäuschenstill und hört:
+
+In einer Hauptstadt fern im Osten,
+So fern, daß nur mit viel Gefahr
+Und ungeheuren Reisekosten
+Man ihr zu nahn imstande war,
+Jedoch so reich an Herrlichkeiten,
+Daß niemand ihresgleichen sah,
+Dort lebte vor geraumen Zeiten
+Ein Bürger namens Mustapha
+Mit seiner Frau und seinem Sohn.
+Sein Brot erwarb er sich als Schneider;
+Sein Handwerk aber trug ihm leider
+Trotz allem Fleiß nur magren Lohn,
+Und knapp war drum bei ihm bemessen
+Das Mittag- wie das Abendessen.
+
+Den Sohn--man hieß ihn Aladdin--
+Konnt' er nur mangelhaft erziehn;
+So ward aus dem ein rechter Flegel,
+Der gut tat, nur solang' er schlief,
+Der schon frühmorgens in der Regel
+Barfüßig auf die Gasse lief,
+Sich dort herumtrieb nach Belieben
+Mit andern kleinen Tagedieben
+Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen
+Den Heimweg zeigen ließ die Nacht,
+Auf jeden Unfug war bedacht,
+Sich aber sträubte, was zu lernen.
+Der Vater hieb den Arm sich lahm,
+Sah schließlich ein, mit solchem Rangen
+Sei nichts Gescheites anzufangen,
+Und wurde krank und starb vor Gram.
+
+Der Bursch, nun fünfzehn Jahr' schon alt,
+Groß, schlank, fast männlich von Gestalt,
+Statt auf die Hosen sich zu setzen
+Für seiner Mutter Unterhalt,
+Fuhr fort, auf öffentlichen Plätzen
+Herumzulungern ohne Ziel
+Und seine Tage zu vergeuden
+In rohen Müßiggängerfreuden,
+In plumpem Spaß und wildem Spiel.
+
+Einst, als er in gewohnter Art
+Sich raufte mit der Gassenjugend,
+Merkt' er, daß eifrig nach ihm lugend
+Ein fremder Mann mit schwarzem Bart
+Und afrikanischen Gewändern
+Ihm scheinbar im Vorüberschlendern
+Sich näherte. Der Fremde blieb
+Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,
+Mein junger Freund, und laß mich wissen:
+Wer ist dein Vater?" Aladdin
+Versetzte: "Längst schon hat mir ihn
+Des Todes rauhe Hand entrissen.
+Im Leben hieß er Mustapha."
+Die hellen Tränen rollten da
+Dem Fremdling über beide Wangen:
+"O Glück, daß ich, mein Sohn, dich treffe,"
+Sprach er mit zärtlichem Umfangen;
+"Du bist ja mein geliebter Neffe.
+Dein Vater war mein Bruderherz;
+Ich aber bin ununterbrochen
+Schon auf der Reise hundert Wochen,
+Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz
+Mich bei der Nachricht übermannt
+Von seinem traurigen Geschicke;
+Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke
+Dich an der Ähnlichkeit erkannt!"
+Drauf hieß er ihn die Mutter grüßen
+Und zog ein Beutelchen heraus
+Und gab ihm Geld.
+
+ Auf raschen Füßen
+Lief Aladdin vergnügt nach Haus,
+Um seiner Mutter klipp und klar
+Den ganzen Handel zu erzählen.
+Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,
+Wie sehr sie drob verwundert war.
+Mit rechten Dingen kaum geschah's!
+Wo war der Oheim hergekommen,
+Da sie doch nie zuvor vernommen
+Von einem Bruder Mustaphas?
+Doch weil das Gelb gar lustig klang,
+Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;
+Und abends wollten beide grad
+Von ihrem kargen Mahle naschen,
+Als jener Mann mit vollen Flaschen
+Und Früchten in die Stube trat,
+Um selber sich zu Gast zu laden.
+Von Rührung überwältigt schier
+Blickt' er sich um, als woll' er hier
+Von neuem sich in Tränen baden,
+Und sagte: "Teure Schwägerin,
+Wohl vierzig Jahre flossen hin,
+Seit ich dies Heimatland verlassen,
+Um in der Fremde Fuß zu fassen
+Und dem erträumten Glücke nach
+Den halben Erdkreis zu durchstreifen;
+Es läßt sich also gut begreifen,
+Daß nie mein Bruder von mir sprach.
+Nun aber endlich heimgekehrt
+Und trostlos, weil an seinem Herd
+Ich ihn lebendig nicht mehr finde,
+Den sehnsuchtsvoll ich suchte--nun
+Will wenigstens ich seinem Kinde,
+Was ich vermag, zuliebe tun."
+
+Zu Aladdin gewandt hierbei,
+Begann er freundlich ihn zu fragen,
+In welchem Handwerk er beschlagen
+Und welcher Zunft beflissen sei.
+Der Bursche schwieg verlegen still;
+Die Mutter aber sprach betrübt:
+"Kein Handwerk hat er je geübt,
+Weil er durchaus nichts lernen will.
+Da hilft kein Warnen und kein Schelten;
+Ich glaube wahrlich, daß noch selten
+Es einen solchen Faulpelz gab.
+Er bringt mich an den Bettelstab,
+Und nächstens weis' ich ihm die Türe.
+Sein Vater würde sich im Grab
+Umdrehn, wenn er davon erführe."
+
+Der Fremdling mahnte drauf den Jungen
+In mildem, väterlichem Ton:
+"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;
+Doch treibt man etwas nur gezwungen,
+Dann wird es einem leicht vergällt.
+Berufe gibt es viel auf Erden;
+Du mußt nicht grad ein Schneider werden,
+Und wenn kein Handwerk dir gefällt,
+So will ich gerne mich verpflichten,
+Im feinsten städtischen Bazare
+Dir einen Laden einzurichten
+Mit Linnenzeug, mit Seidenware,
+Kostbaren Teppichen und Stoffen,
+Sodaß Gewinn und neuer Kauf
+Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:
+Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"
+Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,
+Erklärte schmunzelnd sich bereit;
+Die Mutter schwamm in Seligkeit,
+Hieß ihn sich tausendmal bedanken
+Und zweifelte nicht länger dran,
+Der unbekannte Biedermann,
+Der gleich ein ganzes Warenlager
+Dem Sohn zu schenken sich erbot,
+Sei niemand anders als ihr Schwager.
+
+Am nächsten Tag ums Morgenrot
+Erschien der neue Oheim wieder,
+Nahm seinen lieben Neffen mit,
+Ging ihm zur Seite Schritt für Schritt
+In den Bazaren auf und nieder,
+hielt an vor einem Kleiderstand
+Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle
+Sich auszusuchen ein Gewand,
+Das ihm besonders gut gefalle.
+Freigebig kauft' er ihm dazu
+Noch Turban, Gürtel, Strümpfe, Schuh',
+Bis von dem Scheitel zu den Zehen
+Er einem jungen Prinzen glich.
+"Du sollst nun alle Tage mich
+Begleiten beim Spazierengehen,"
+Sprach sein Beschützer großmutvoll;
+"Denn freien Blick und Welterfahrung
+Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.
+Dem Geist wird mühelos die Nahrung
+Geboten, deren er bedarf,
+Wenn klar das Auge sieht und scharf.
+Einsaugen wirst auf unsern Gängen
+Die Bildung du wie Luft und Licht
+Und läufst bei solchem Unterricht
+Niemals Gefahr, dich anzustrengen."
+
+Gesagt, getan. Sie gingen beide
+Von jetzt ab täglich durch die Stadt,
+Und Aladdin, im neuen Kleide
+Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,
+Sich wißbegierig anzusehn,
+Was ihm sein guter Oheim zeigte.
+Sie wandelten durch weitverzweigte
+Gewölbe, Hallen und Moscheen,
+Betrachteten die schönsten Läden,
+Der Straßen emsiges Gewühl,
+Die Brunnen, draus erquickend kühl
+Das Wasser schoß in Silberfäden,
+Von hohen Palmen überschattet,
+Und drangen durch ein Gittertor,
+Wo freier Zutritt war gestattet,
+zum Prachtpalast des Sultans vor.
+Auch pilgerten sie manchen Tag,
+Die Glieder doppelt rüstig regend,
+Hinaus in die begrünte Gegend,
+Bis fern die Stadt im Rücken lag
+Und zu den Gärten sie gelangten,
+Drin unter üppigem Gerank
+Die wundersamsten Blumen prangten,
+Umspült von Teichen spiegelblank.
+
+[Illustration: Aladdin im Zaubergarten]
+
+
+
+
+2.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem auf solchen Wanderungen
+Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen
+Erschlossen, führte sein Begleiter
+Auf nie zuvor betretnem Pfad
+Ihn eines Morgens weit und weiter,
+Aufwärts und abwärts, krumm und grad.
+Bald war kein menschlich Wesen rings
+Und auch kein Haus mehr zu entdecken;
+Doch unaufhaltsam weiter ging's.
+Schon türmte hinter öden Strecken
+Sich des Gebirges steile Mauer;
+Das Tal, von Felsen eingezwängt,
+Ward allgemach zur Schlucht verengt,
+Und endlich, von des Marsches Dauer
+Erschöpft, hätt' Aladdin sich gerne
+Zur Rückkehr wieder umgewandt;
+Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!
+Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.
+Noch ein paar Schritte durch das Tal--
+Was ich sodann dir zeigen werde,
+Das wirst auf der gesamten Erde
+Du nicht erspähn zum zweitenmal."
+
+So setzten ihren Weg sie fort
+Und kamen bis zu einem Ort,
+Den riesenhafte Felsenwälle
+Allseitig schienen zu verrammeln.
+Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"
+Er hieß ihn trocknes Reisig sammeln,
+Schlug Feuer, das bald lustig sprühte,
+Warf Räucherwerk aus einer Düte
+Hinein und murmelte dann leise,
+Sobald sich Qualm und Schwefelduft
+Verbreiteten in dichtem Kreise,
+Seltsame Formeln in die Luft.
+
+Da gab's ein Krachen und ein Beben,
+Als stürzten Erd' und Himmel ein;
+zutage trat ein Quaderstein
+Und in der Mitte dran, zum Heben,
+Ein Ring aus Eisen. Aladdin,
+Von Angst geschüttelt, wollte fliehn;
+Der Oheim aber hieb sogleich
+Ihm einen solchen Backenstreich,
+Daß ihm der Kopf geriet ins Wackeln,
+Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt
+Als zweiter Vater vorgesetzt;
+Kein Sträuben duld' ich und kein Fackeln.
+Gehorch' mir, und du wirst erproben,
+Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz
+Liegt ein für dich bestimmter Schatz,
+Der, wenn du glücklich ihn gehoben,
+Dich reicher macht als alle Reichen
+Der ganzen Welt. Den Quaderstein
+Darf niemand außer dir allein
+Berühren; dir nur wird er weichen."
+
+[Illustration: Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel]
+
+Und richtig, als nach bangem Säumen
+Der Bursch am Eisenringe zog,
+Konnt' er den Stein beiseite räumen,
+Obwohl er hundert Zentner wog,
+Und er gewahrte drunter Stufen
+Nebst einer Tür. "In diesen Schacht
+zu steigen bist nur du berufen,"
+Begann der Oheim; "drum gib acht
+Auf alles, was ich nun dafür
+Zu deinem Schutz dir anempfehle.
+Geöffnet findest du die Tür;
+Sie führt in drei gewölbte Säle.
+In jedem stehn vier große Becken
+Voll Gold und Silber; doch laß ab,
+Die Hand nach ihnen auszustrecken.
+Schürz' auch dein Kleid und gürt' es knapp;
+Denn streift es irgendwo die Wände,
+So mußt du deinen Tod erwarten.
+An jenes dritten Saales Ende
+Wird auftun sich vor dir ein Garten,
+Bepflanzt mit Bäumen mannigfalt,
+Ein jeder voll mit Frucht behangen.
+Geh' nur gradaus, dann wirst du bald
+Zu einer Treppe hingelangen;
+Ersteige sie getrost: sie mündet
+Auf eine stattliche Terrasse;
+In einer Nische angezündet
+Steht eine Lampe dort. Die fasse,
+Verlösch' sie, gieß' die Flüssigkeit
+Mitsamt dem Docht heraus, verhülle
+Sie sorgsam unter deinem Kleid
+Und bring' sie mir. Wenn dich die Fülle
+Des Gartens etwa lockt, so pflück'
+Auf deinem Weg hierher zurück
+Dir von den Früchten nach Belieben.
+Und nun, zu deinem eignen Glück
+Befolg', was ich dir vorgeschrieben."
+Er steckte noch für jeden Fall
+Ihm einen Ring an seinen Finger;
+Der werde sich als Hilfebringer
+Bewähren stets und überall.
+
+So stieg denn Aladdin hinunter;
+Die Säle fand er laut Bericht,
+Berührte deren Wände nicht,
+Kam in den Garten, eilte munter
+Hinan die Treppen zur Terrasse,
+Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr
+Streng nach Geheiß, damit er nur
+Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,
+Und kehrte, nun er unterm Kleide
+Die Lampe sicher hielt verwahrt,
+Zum Garten um. O Augenweide!
+Denn Früchte von verschiedner Art
+Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,
+Teils hell, teils dunkel, weiß und blau,
+Rot, gelblich, violett und grün,
+Und allesamt in buntem Scheine
+Durchsichtig wie von innrem Glühn.
+Es waren lauter Edelsteine.
+Da flammten, funkelten und brannten
+Türkise, Perlen, Diamanten,
+Smaragd, Rubin, Saphir, Topas
+Von gänzlich beispiellosem Werte.
+Doch Aladdin, der unbelehrte,
+Hielt sie für nur gefärbtes Glas.
+Er hätte lieber von den Zweigen
+Sich süße Trauben oder Feigen
+Gepflückt; als Spielzeug aber war
+Der bunte Tand ganz annehmbar.
+Drum nahm er sich von jeder Sorte,
+So viel er in die Taschen zwang,
+Schritt die drei Säle sacht entlang
+Und kam zurück zur Eingangspforte.
+Den Oheim, der mit allen Zeichen
+Der Ungeduld hier Wache stand,
+Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand
+Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.
+Der aber rief in einem groben
+Befehlerton: "Die Lampe her!"
+"Du sollst sie haben nach Begehr,"
+Sprach Aladdin, "sobald ich oben."
+Der Oheim schrie mit steter Steigrung:
+"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn
+Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:
+"Wart', bitte, bis ich oben bin."
+Des Oheims Wut ward ungeheuer;
+Schnell goß er Räucherwerk ins Feuer,
+Indem er eine Formel schnaubte.
+Der Quader klappte drauf im Nu
+Dem Aladdin grad überm Haupte
+Wie eines Kastens Deckel zu.--
+
+Wer wird aus diesem Oheim klug?
+Ein Bruder Mustaphas? Behüte!
+Verwandtschaft, Rührung, Herzensgüte
+War samt und sonders Lug und Trug.
+Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,
+Nein, fern in Afrika daheim,
+Und hatte diesen Vogelleim
+Aus gutem Grund sich auserkoren.
+Nachdem er nämlich festgestellt
+Durch Hexerei, daß in der Welt
+Es eine Wunderlampe gebe,
+Die zu der höchsten Macht erhebe,
+Ja, Geister fähig sei zu binden,
+Hatt' er in einem Zauberbuch
+Nach manch vergeblichem Versuch
+Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,
+Und so, von Habgier angefacht,
+Flugs auf die Reise sich gemacht.
+Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,
+Selbst in das Schatzgewölb' zu dringen,
+Deswegen war vor allen Dingen
+Er einem Werkzeug auf der Fährte,
+Das ihm dazu geeignet schien.
+Sein Auge fiel auf Aladdin
+Als einen unerfahrnen Knaben;
+Wenn ihm die Lampe der geschafft,
+Dann durch der Zauberformel Kraft
+Wollt' er lebendig ihn begraben,
+Damit er nichts davon verriete.
+
+Und nun? Gescheitert war der Plan,
+Die jahrelange Müh' vertan!
+Statt des Gewinnes eine Niete!
+Vorzeitig hatte ja sein Zorn
+Auf immerdar den Wunderborn
+Mitsamt der Lampe zugeriegelt,
+Und alle seine Kunst und List
+Hätt' ihn kein zweites Mal entsiegelt.
+So, mit sich selbst in argem Zwist,
+Von Grimm gefoltert und von Scham,
+Vermied er's, länger zu verweilen,
+Und reiste wieder tausend Meilen
+Dahin zurück, woher er kam.
+
+
+
+
+3.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer schildert Aladdins Entsetzen,
+Als er sich hilflos, wie ein Fink
+In eines Vogelfängers Netzen,
+Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!
+Vergebens, daß er laut und schrille
+Nach dem vermeinten Oheim rief;
+Mit Bleigewicht bedeckte tief
+Ihn Dunkelheit und Grabesstille.
+Vergebens, daß ihn Furcht und Schauer
+zurück durch die drei Säle trieb;
+Der Zugang zu dem Garten blieb
+Verschlossen wie durch eine Mauer,
+Und nicht imstand, sich zu befrei'n
+Aus diesem schrecklichen Gefängnis,
+Fing in verzweifelter Bedrängnis
+Er an zu weinen und zu Schrei'n,
+Bis endlich vor Entkräftung krank
+Er auf den Boden niedersank.
+
+So, nicht imstand mehr, sich zu regen,
+Lag er entbehrend Speis' und Trank
+Und blickte seinem Tod entgegen
+Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,
+Als er die schwachen Hände hob,
+Um Gottes Beistand zu erbitten,
+Da--ganz von ungefähr--verschob
+An seinem Finger sich der Ring,
+Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,
+Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.
+Bevor ein Augenblick verging,
+Erhob auf einmal, fürchterlich
+Von Wuchs und Antlitz und Gebärde,
+Ein Geist sich vor ihm aus der Erde
+Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!
+Dein Sklav' bin ich und aller derer,
+Die diesen Ring am Finger tragen."
+
+Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen
+Dem Aladdin das Sprechen schwerer
+Als je zuvor; doch nur bedacht
+Auf Rettung, gab er schnell dem Geist
+Zur Antwort: "Wer du immer seist,
+Hilf mir, sofern's in deiner Macht,
+Aus diesem schauerlichen Orte!"
+Gesprochen waren kaum die Worte,
+Da fand er sich bei Tageshelle,
+Nachdem er einen Ruck verspürt,
+Im Freien wieder an der Stelle,
+Wohin der Zaubrer ihn geführt.
+Doch zeigte sich kein Quader mehr
+Und keine Tür zum Gruftgemäuer;
+Nur vom erloschnen Reisigfeuer
+Ein Häuflein Asche lag umher.
+
+Zwar froh, jedoch zum Sterben matt
+Und halb verhungert, suchte gierig
+Er nach dem Heimweg in die Stadt.
+Zum Glück war das nicht allzu schwierig.
+Die Felsen halfen eng und dicht
+Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,
+Den vor drei Tagen er begangen.
+Die Gärten kamen bald in Sicht,
+Und weit schon grüßten ihn voraus
+Die wohlbekannten Türm' und Dächer.
+Er schleppte, schwach und immer schwächer,
+Sich bis zu seiner Mutter Haus
+Und schlug, sobald er es betreten,
+Ohnmächtig in der Stube hin.
+
+Die Mutter, die von Anbeginn
+Die Zeit mit Weinen und mit Beten
+Verbracht und ihn zuletzt, beraubt
+Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,
+War auf das eifrigste bestrebt,
+Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
+Er aber sagte, kaum belebt:
+"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen
+Mir was zu essen her; denn fasten
+Mußt' ich drei Tage ganz und gar."
+Sie gab ihm, was im Hause war,
+Und warnt' ihn, sich zu überhasten,
+Denn was man rasch hinunterwürge,
+Das könne man nicht gut verdau'n,
+Und nur damit er ihr verbürge,
+Langsam und ordentlich zu kau'n,
+Drum solle, während er bei Tisch,
+Ihn keine Frag' und Antwort quälen;
+Er mög' ihr eher nichts erzählen,
+Als bis er gänzlich satt und frisch.
+
+Er folgte diesem guten Rat,
+Indem er so nur Stumm beschäftigt
+Dem Leibeswohl Genüge tat.
+Dann aber, durch das Mahl gekräftigt,
+Beschrieb im kleinen und im großen
+Er nach der Reihe ganz genau,
+Was ihm inzwischen zugestoßen;
+Er wies, als ihm die wackre Frau
+Nicht wollte glauben und drauf schwor,
+Daß er geträumt, an seinem Finger
+Den Ring und zog die bunten Dinger,
+Die er vom Baum gepflückt, hervor.
+Auch sie, weil nirgends noch dergleichen
+Sie je gewahrt und stets verkehrt
+Mit armen Leuten, nie mit reichen,
+Verkannte völlig deren Wert.
+Sie meinte zwar, daß ihr Besitzer
+Sich an dem farbigen Geglitzer
+Erfreuen könnte; doch dies Lob
+Erschien dem Sohne nicht beträchtlich,
+Weshalb er sie beinah verächtlich
+In irdgendeine Lade schob.
+Die mitgebrachte Lampe kam
+Nicht besser weg; zu keinem Zwecke
+Schien tauglich dieser Trödelkram,
+Als um zu rosten in der Ecke.
+
+Zuletzt gestanden sich die Zwei,
+Die Schuld an all dem Unheil trage
+Des falschen Oheims Schurkerei;
+Denn klärlich trat es nun zutage,
+Daß Aladdin von diesem Bösen
+Geweiht war schnödem Untergang
+Und nur durch Zufall ihm gelang,
+Sich lebend aus dem Garn zu lösen.
+Die Mutter ließ zu Schimpf und Schmach
+Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;
+Doch waren, noch dieweil sie sprach,
+Dem Sohn die Augen zugefallen.
+Er hatte ja zwei volle Nächte
+Vom Schlaf gemieden zugebracht;
+Drum heischte der schon vor der Nacht
+Heut unbezwinglich seine Rechte.
+Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen
+Die Frau den Taumelnden zu Bett;
+Da lag er reglos wie ein Brett
+Und schnarchte bis zum späten Morgen.
+
+Kaum aber war er endlich wach,
+Als auch sein Hunger wiederkehrte
+Und nach dem Frühstück er begehrte.
+Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,
+Ich habe keinen Bissen Brot;
+Denn alles, was ich noch besessen,
+Das hast du gestern aufgegessen.
+Wie helfen wir uns aus der Not?
+Ich muß erst wieder näh'n und spinnen,
+Bevor ich was verdienen kann."
+"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann
+Der Sohn nach einigem Besinnen.
+"Für unsern heutigen Bedarf
+Genügt's, die Lampe zu verkaufen,
+Die gestern ich beiseite warf.
+Ich will mit ihr zum Händler laufen;
+Der wird gewiß mir einen Groschen
+Dafür bezahlen oder zwei."
+
+Die Mutter holte sie herbei
+Und sprach: "Ihr Glanz ist längst erloschen;
+Auch ist von Staub und Rost und Schmutze
+Von oben sie bis unten voll;
+Wenn sie der Händler kaufen soll,
+Ist's ratsam, daß ich erst sie putze."
+So nahm sie Wasser denn und Sand;
+Kaum aber hatte sie zu scheuern
+Begonnen mit geübter Hand,
+Da stieg in einer Ungeheuern
+Und grauenhaften Schreckgestalt,
+Des Zimmers ganzen Raum erfüllend,
+Ein Geist vor ihr herauf, der brüllend
+Mit markerschütternder Gewalt
+Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?
+Um dir zu dienen, komm' ich her.
+Gehorchen muß ich jedermann,
+Der diese Lampe hält in Händen."
+Allein, bevor er Zeit gewann,
+Um seine Rede zu vollenden,
+Fiel, außerstand, sich zu bemeistern,
+Die Mutter um und rang nach Luft.
+
+[Illustration: Das Erscheinen des Geistes]
+
+Doch Aladdin, der in der Gruft
+Gelernt, wie man mit solchen Geistern
+Verfährt, ergriff die Lampe schnell
+Und säumte nicht, ihm zu befehlen:
+"Ein gutes Frühstück schaff' zur Stell'!"
+Der Geist verschwand. Nicht drei zu zählen
+Vermochte man, da kam er wieder
+Mit einer großen Silberplatte
+Und setzte sie behutsam nieder.
+Was irgend man zu wünschen hatte,
+Das bot sich drauf in Fülle dar:
+Zwölf Silberschüsseln, drin ein feines
+Und reiches Mahl enthalten war,
+Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,
+Vier Brote von dem besten Mehl,
+Kurzum ein Frühstück ohne Fehl.
+
+Die Mutter lag in Ohnmacht noch,
+Wie sich der Geist bereits empfohlen,
+Und konnt' erst langsam sich erholen,
+Indem den würzigen Duft sie roch.
+Der Sohn erfaßte sie beim Arm
+Und drängte sie, den guten Speisen
+Geziemend Ehre zu erweisen;
+Denn ewig blieben sie nicht warm.
+Sie sprach, verblüfft im höchsten Grade:
+"Woher denn dieser Überfluß?
+Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"
+Drauf Aladdin: "Zuerst Genuß,
+Erklärungen dann hinterdrein."
+Und unbedenklich hieb er ein.
+Die Mutter, vor Erstaunen wirr,
+Betrachtete bei jeder Pause,
+Die stattfand zwischen ihrem Schmause,
+Das schöne silberne Geschirr,
+Und als die Zwei gesättigt, lag
+Noch ganz genug in jeder Schüssel
+Für diesen und den nächsten Tag.
+Sie fragte wieder nach dem Schlüssel
+Zu diesem seltsamen Erlebnis,
+Und als der Sohn ihr wahrheitstreu
+Geschildert hatte das Begebnis,
+Versetzte sie voll banger Scheu:
+"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;
+Drum folg' mir, wirf die Lampe fort
+Und nimm den Druck von meinem Herzen."
+"Nein," rief er, "einen solchen Hort
+Soll, wer ihn einmal hat, behüten.
+Nun ist, was erst ich nicht begriff,
+Mir klar--des falschen Oheims Kniff
+Sowie der Grund von seinem Wüten.
+Durchaus die Lampe wollt' er haben,
+Weil sie versehn mit Wundergaben,
+Und jetzt mit Recht gehört sie mir.
+Ich will sie bergen zwar und Schützen
+Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,
+Im Notfall aber sie benützen,
+Sie und den Ring an meiner Hand.
+Vertrauen darf ich meinem Glücke,
+Weil dieses Schurken arge Tücke
+Sich so zum Guten hat gewandt."
+
+
+
+
+4.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Einmal geht alles auf die Neige,
+Hält man damit auch sparsam Haus,
+Und daß der Hunger dauernd schweige,
+Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.
+Die Schüsseln wurden also leer,
+Und Aladdin, dem unterm Gurte
+Bereits der Magen wieder knurrte,
+Nahm von den zwölfen eine her
+Und trug in seines Mantels Falten
+Sie heimlich, um sie feilzuhalten,
+Zum Trödler in der nächsten Gasse;
+Doch als der höchst verschmitzte Greis
+Die Frage tat, um welchen Preis
+Er ihm die Schüssel überlasse,
+Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,
+Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.
+Der alte Gauner, der begehrlich
+Geprüft ihr stattliches Gewicht
+Und merkte, daß der junge Fant
+Von seinem Schatze nichts verstand,
+Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf
+Er etwas noch davon erfahre,
+Geschwind ein Goldstück für die Ware.
+Mit diesem flog in muntrem Lauf,
+Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,
+Der Bursch zum Bäcker und zum Schlächter,
+Dieweil ihm jener schlaue Fuchs
+Nachsah mit leisem Hohngelächter.
+
+In solcher Art allmählich ließ
+Elf Schüsseln, eine nach der andern,
+Wenn ihn die Not von neuem stieß,
+Nichtsahnend er zum Trödler wandern.
+Nun kam ihm bei dem nächsten Fall
+Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;
+Nur konnt' er die nicht selber tragen;
+War viel zu schwer doch ihr Metall.
+So bat er, weil er noch nicht klüger
+Geworden, jenen Schelm ins Haus,
+Und schleunig zahlte der Betrüger
+Goldstücker zehn dafür ihm aus.
+
+Die zwölfte Schüssel blieb zurück.
+Nachdem das schöne Geld zerflossen,
+Wollt' er zum Trödler kurz entschlossen
+Verschleppen auch dies letzte Stück.
+Doch mitten auf dem Wege trat
+Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen
+Und sagte: "Nicht der Neugier wegen
+Frag' ich, warum den gleichen Pfad
+Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.
+Hier wohnt ein Trödler in der Nähe;
+Hast du mit dem dich eingelassen,
+Dann sei gewarnt und sieh dich vor;
+Denn jeden haut er übers Ohr.
+Ich will mich gern damit befassen,
+Zu schätzen, was dir etwa feil,
+Und nimmer würdest du betrogen."
+
+Der Bursche hatte mittlerweil
+Die Schüssel aus dem Kleid gezogen.
+Die sah der Goldschmied ohne Worte
+Von allen Seiten lang sich an
+Mit Kennerblick und fragte dann,
+Ob er schon andre dieser Sorte
+Veräußert hab' und für wieviel.
+"Ein Goldstück hat er mir gegeben,"
+Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,
+Der Spitzbub kennt nicht Maß noch Ziel,"
+Versetzte jener voll Empörung.
+"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut
+Und hast in gründlicher Betörung
+Verschleudert ein beträchtlich Gut.
+Für solche Schüssel sondergleichen
+Ein Goldstück! O der Ungebühr!
+Denn achtundsechzig will dafür
+Ich auf dem Fleck dir überreichen."
+
+Von diesem Tag an war das Darben
+Für Sohn und Mutter abgestellt,
+Und übermalt mit Rosenfarben
+Schien die zuvor so graue Welt.
+Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,
+Ließ Aladdin der Lampe Geist,
+Ob auch der Mutter vor ihm bangte,
+Erscheinen und gebot ihm dreist,
+Ein neues Frühstück anzurichten;
+Pünktlich vollzog der seine Pflichten.
+Die Silberschüsseln und die Platten
+Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,
+Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,
+Den vollen Preis ihm zu erstatten.
+Fortan drum ward es ihnen leicht,
+Bequem zu leben und behaglich;
+Doch weil es leider niemals fraglich,
+Daß Mißgunst hinterm Glücke schleicht
+Und man sich hüten muß vor Neidern,
+Vermieden sie trotz gutem Trunk
+Und gutem Essen jeden Prunk
+In ihrem Haus und ihren Kleidern
+Und hielten hinter sich'rem Schloß
+Dadurch geheim den goldnen Bronnen,
+Der ihnen unversiegbar floß.
+
+Vier Jahre waren so verronnen.
+Zu einem schmucken jungen Manne
+War Aladdin herangereist,
+Gerad und schlank wie eine Tanne.
+Ein winzig Bärtchen, zart geschweift,
+Sproß über seinem Lippenrand,
+Und niemand hätte mehr den Lümmel,
+Der einst in müßigem Getümmel
+Die Zeit vertan, in ihm erkannt.
+Sein Blick war jetzt nicht mehr getrübt
+Von Trägheit, seine Geisteskräfte
+Durch ernsten Umgang eingeübt
+Auf die verschiedensten Geschäfte.
+Der Menschen Treiben insgesamt,
+Ihr Wirken, Trachten, Fürchten, Hoffen
+In jedem Handwerk, jedem Amt
+Lag wie ein Buch nun vor ihm offen.
+Er hatte viel Verkehr gepflegt
+In Wechselstuben, Kaufmannsläden
+Und sich in seinem Tun und Reden
+Ein vornehm Wesen zugelegt.
+Jetzt ward ihm auch von selber kund,
+Was einst er nicht gewagt zu träumen:
+Daß all die Früchte feurig bunt
+Von jenes Zaubergartens Bäumen
+Kein farbig Glas, wie er gedacht,
+Vielmehr die köstlichsten Juwelen.
+Er nahm sich aber wohl in acht,
+Aus Furcht, man könnt' ihn drum bestehlen,
+Es irgend jemand zu erzählen.
+Der Mutter selbst verschwieg er's streng.
+
+Durchwandelnd eines Tags die Straßen,
+Vernahm er ungewohntermaßen
+Ein laut Bumbum und Schnettretteng.
+Zum Schall von Pauken und Trompeten
+Rief öffentlich ein Herold aus,
+Man möge schließen jedes Haus
+Und nicht die Straße mehr betreten.
+Prinzessin Bedrulbudur nämlich,
+Des Sultans Tochter, wolle heute
+Zum Bade gehn, und zwar bequemlich
+Gesichert vorm Gegaff der Leute.
+
+Weil Neugier doppelt heftig loht,
+Wenn ihr begegnet ein Verbot,
+Ward alsogleich durch dies Verfahren
+In Aladdin der Wunsch erweckt,
+Die Sultanstochter unbedeckt
+Von ihrem Schleier zu gewahren.
+Er schlich deshalb auf leichten Sohlen
+Zur Tür des Bades katzenhaft
+Und kauerte sodann verstohlen
+Sich hinter einer Säule Schaft.
+Er hatte noch nicht lang geharrt,
+Als schon mit einem großen Staate
+Von Frauen die Prinzessin nahte.
+Sie nahm, von seiner Gegenwart
+Nichts merkend, gänzlich unbefangen
+Im Vorraum ihren Schleier ab,
+Und Aladdin, drei Schritte knapp
+Entfernt, vermochte nach Verlangen
+Ihr Antlitz hüllenlos zu schaun.
+War auch--die Mutter ausgenommen--
+Bisher von unvermummten Frau'n
+Ihm keine zu Gesicht gekommen,
+So ward mit einem Schlag ihm klar,
+Daß diese hier die schönste war.
+
+[Illustration: Aladdin belauscht die Prinzessin]
+
+Herab in reicher Lockenflut
+Floß ihr kastanienbraunes Haar
+Auf ihrer Augen dunkle Glut
+Ihr Blick war sittsam und voll Güte,
+Die Wangen sanft gerundet, weich
+Und rosenrot wie Pfirsichblüte,
+Die Lippen zwei Korallen gleich.
+Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel,
+Und ihre liebliche Gestalt
+Verriet in Reizen tausendfalt
+Holdseligkeit vereint mit Adel.
+Kein Wunder drum, daß Aladdin,
+Nachdem die Herrliche verschwunden,
+Noch immerdar wie festgebunden
+Und wie verzaubert sich erschien.
+
+Obwohl erstarrt zu Stein und Erz
+Er sich zu rühren nicht vermochte,
+Konnt' er empfinden, wie sein Herz
+In seiner Brust vernehmlich pochte.
+Sogar als er zuletzt gewaltsam
+Sich loszureißen war gewillt,
+Verfolgte dennoch unaufhaltsam
+Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.
+
+Der Mutter war's ein leichtes Ding,
+Sein ganz und gar verändert Wesen
+Gleich von der Stirn ihm abzulesen.
+Sie wunderte sich drob und fing
+Ihn auszuforschen an, warum
+Er so zerstreut, verstört und stumm;
+Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen
+Ein Streit? Ein Ärger? Ein Verdruß?
+Doch er, wie eine harte Nuß,
+Blieb unzugänglich und verschwiegen.
+Auch als am Abend auf den Tisch
+Von ihr ein braungebratner Hase
+Getragen ward und in die Nase
+Der Duft ihm drang verführerisch,
+Schob er, der immer seinen Mann
+Gestanden sonst als guter Esser,
+Hinweg die Gabel und das Messer
+Und rührte keinen Bissen an.
+Da merkte sie, daß an dem Toren
+Heut jedes Mittel war verloren,
+Und beide schwiegen um die Wette.
+Er träumte wachend, seufzte tief
+Und ging zu guter Letzt zu Bette;
+Doch fraglich ist es, ob er schlief.
+
+
+
+
+5.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Am Morgen drauf--am Spinnrad schon
+Saß die besorgte Frau voll trüber
+Gedanken--trat herein ihr Sohn
+Und setzte sich ihr gegenüber.
+"Ach, Mutter," hob er an, "vergib
+Mir nur mein gestriges Betragen;
+Verzeih' mir, daß auf deine Fragen
+Ich dir die Antwort schuldig blieb.
+Doch wenn du mir's mit Recht verübelt,
+Heut will ich offen dir gestehn:
+Ich kann, so viel ich nachgegrübelt,
+Nicht fassen, was mit mir geschehn.
+Ich bin nicht krank, und dennoch lieber
+Hätt' ich den ärgsten Schmerz gefühlt
+Als dieses rätselhafte Fieber,
+Das mir im Innern tobt und wühlt.
+Mit Namen weiß ich's nicht zu nennen
+Und weiß auch nicht, wie man's behebt;
+Du aber wirst's gewiß erkennen,
+Wenn du vernimmst, was ich erlebt."
+Drauf gab er ihr genaue Kunde,
+Wie gestern bei dem Badegang
+Der Sultanstochter ihm gelang,
+Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde
+Befreit vom Schleier zu erblicken,
+Und wie dies Bild seit jener Stunde
+Sein herz an unsichtbaren Stricken
+Hinziehe zu der schönen Fee.
+"Kurzum", so schloß er seine Schildrung,
+"Kein Zweifel, für mein tödlich Weh
+Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung,
+Es wäre denn, daß unverweilt
+Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt
+Von allen Nöten und Beschwerden;
+Gefaßt somit ist mein Entschluß:
+Prinzessin Bedrulbudur muß
+Auf immerdar die Meine werden!"
+
+Die Mutter, die von ihrem Spinnen
+Ablassend eifrig zugehört,
+Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen?
+Ja, bist so völlig du betört?
+An solch unmögliches Beginnen
+Denkt nur ein ausgemachter Narr."
+"Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst;
+Zwar wußt' ich, daß du lachen wirst;
+Doch mein Entschluß ist fest und starr.
+Und ob du zehnmal sagst, entglitten
+Sei mir mein sämtlicher Verstand,
+Es bleibt dabei, den Sultan bitten
+Will ich um seiner Tochter Hand."
+
+"Mein Sohn," begann die Mutter ernst,
+"Damit du recht erwägen lernst,
+Wie kindisch deine Reden sind,
+Antworte mir: Wer soll es wagen
+Ihm diese Bitte vorzutragen?"
+"Du selbst!" rief Aladdin geschwind.
+"Ich? Gott behüte mich davor!
+Schon der Gedanke macht mich beben!
+Wie dürftest du dein Aug' erheben
+Zu einem Sultanskind empor?
+Hast du vergessen, daß ein Schneider
+Bescheidnen Rangs dein Vater war,
+All deine Ahnen Hungerleider?
+Und ist, so frag' ich, nicht sogar
+Für unsres Herrschers Schwiegersohn
+Ein Prinz noch von zu niedrem Stande,
+Falls er in seinem Heimatlande
+Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
+
+Sie predigte nur tauben Ohren.
+"Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn;
+Ich hab' es mir einmal geschworen,
+Und nichts erschüttert mich darin.
+Solange mich des Himmels Bau
+Nicht krachend unter seinen Lasten
+Begräbt, werd' ich nicht ruhn und rasten,
+Bis die Prinzessin meine Frau.
+Ja, wenn du mich nicht elend sterben
+Willst sehn bereits am heut'gen Tag,
+Dann mußt du, kost' es, was es mag,
+In meinem Namen um sie werben."
+
+[Illustration: Ein Herold verkündet das Nahen der Prinzessin]
+
+Die Mutter wurde höchst verlegen.
+Ihn zum Verzicht auf seinen Plan
+Durch Überredung zu bewegen,
+Schien hoffnungslos bei solchem Wahn.
+Nochmals versuchte sie's mit Güte:
+"Gott weiß, daß für mein armes Teil
+Ich allezeit mich um dein Heil
+Mit meiner ganzen Kraft bemühte.
+Für dich vollbrächt' ich schlimmsten Falles
+Die schwerste Tat aus eignem Trieb;
+Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb
+Tut eine Mutter freudig alles.
+Ja, wenn ein Mädchen dir gefiele,
+zu vornehm weder noch zu reich,
+Nicht säumen würd' ich, sondern gleich
+Dir ebnen deinen Weg zum Ziele,
+In deinem Namen um sie frei'n
+Und meinen Segen dir verleihn.
+Doch nimm nur an von ungefähr,
+Daß ich dir deinen Willen täte,
+Verwegen vor den Sultan träte
+Mit solchem frevelnden Begehr--
+Würd' überhaupt ich vorgelassen?
+Würd' augenblicklich nach Gebühr
+Nicht einer mich beim Arme fassen
+Und mich befördern vor die Tür?
+Nimm aber an, daß mir's gelänge,
+Durch all der Bittenden Gedränge
+Dem Sultan selber mich zu nah'n,
+Und er, der gnädig ist für jeden,
+Wär's auch sein letzter Untertan,
+Gestattete mir frei zu reden--
+Wie dann begründ' ich dein Gesuch?
+Welch ein Verdienst ist dir zu eigen?
+Kann ich auf deinen Namen zeigen
+In irgendeinem Ehrenbuch?
+Kannst du durch eine seltne Leistung,
+Durch eine vielgerühmte Kunst
+Nachsicht verschaffen der Erdreistung,
+zu flehn um diese höchste Gunst?
+Und sei noch dessen eingedenk,
+Daß man vorm Sultan darf erscheinen
+Nicht ohne kostbares Geschenk.
+Du selber wirst wohl kaum vermeinen,
+Es finde sich in deiner Habe
+Ein Kleinod von so hehrem Glanz,
+Daß ich es bieten könnt' als Gabe
+Dem größten Herrn des Morgenlands."
+"Ei, grade wenn ich dies bedenke,"
+Versetzte ruhig Aladdin,
+"Dann wird mir neuer Mut verliehn.
+Ich hätte nichts, was zum Geschenke
+Für einen Sultan gut genug?
+Entsinn' dich doch der hübschen Sachen,
+Die dazumal ich bei mir trug,
+Als ich der Höhle finstrem Rachen
+Entronnen war mit heiler Haut,
+Und die mein Mangel an Erfahrung
+Für bunte Gläser angeschaut.
+Längst aber ward mir Offenbarung;
+Lernt' ich doch von den Juwelieren
+Den Unterschied von falsch und echt.
+Juwelen sind es, nicht zu schlecht,
+Um eine Krone zu verzieren
+Durch auserlesne Farb' und Art.
+Die werden, kann ich dir versprechen,
+Dem Sultan, wenn er sie gewahrt,
+Gewaltig in die Augen stechen,
+Sodaß er überfließt von Gnade."
+
+Die Zauberfrüchte kurz und gut
+Nahm insgesamt er aus der Lade,
+Worin bis heute sie geruht,
+Und ordnete sie mit Bedacht
+In einer schönen alten Vase,
+Die seiner Mutter eine Base
+Einst zum Geburtstag überbracht.
+Ja freilich, von gemeinem Glase
+Kam dieses lautre Feuer nicht,
+Das nun mit stärkerem Gefunkel
+Sie blendete bei Tageslicht
+Als in des Abends halbem Dunkel.
+
+Nachdem an dem erhabnen Schimmer
+Die beiden lange sich geletzt,
+Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt?
+Sag', Mutter, zweifelst du noch immer,
+Daß mein Geschenk der Sultan schätzt?
+Du wirst, so wett' ich, im Palast
+Mit dieser Gabe gut empfangen.
+Sprich, welchen Einwand du noch hast,
+Um mir zu weigern mein Verlangen?"
+
+Zwar konnt' er sie nicht überzeugen;
+Doch weil er wild und wilder bat,
+So wußte sie sich keinen Rat
+Als widerstrebend sich zu beugen.
+"Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst,
+Will ich das Wagnis auf mich nehmen,
+Will trotzend meiner Herzensangst
+Mich zu dem schweren Gang bequemen.
+Nur gib nicht mir die Schuld, wenn später
+Daraus entquillt ein Unglücksborn,
+Und wenn uns in gerechtem Zorn
+Der Fürst bestraft als Missetäter."
+"Warum denn gleich das Ärgste glauben?"
+Erwiderte der Sohn ihr heiter.
+"Und sollt' er wirklich zürnend schnauben,
+Dann hilft gewiß mein Glück mir weiter.
+Die Lampe, die nun schon seit Jahren
+Auf Wunsch uns üppig tränkt und speist,
+Wird mir auch künftig in Gefahren
+Als Beistand senden ihren Geist."
+
+So wußt' er überaus gewandt
+Auch ihren letzten Widerstand
+Mit Gründen aller Art zu brechen,
+Und sie erklärte sich bereit,
+Beim Sultan morgen vorzusprechen,
+Wenn's im Bereich der Möglichkeit.
+
+
+
+
+6.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Vor lauter Ungeduld erweckte
+Bereits vor Tag, bei Dämmerschein
+Der Sohn die Mutter, und sie steckte
+Sich in ihr Feierkleid hinein.
+Die Vase, bis zum Rand gefüllt
+Mit den Juwelen, ward in Linnen
+Von ihr behutsam eingehüllt;
+Ein feines weißes Tuch für innen,
+Ein gröberes als Überzug,
+Sodaß, nachdem sie die vier Enden
+Verknotet mit geschickten Händen,
+Sie das Geschenk als Bündel trug.
+
+Sie machte dergestalt beklommen
+Nach dem Palast sich auf den Weg,
+Und grad als dort sie angekommen,
+Ward aufgetan das Torgeheg'.
+Erst ging hinein der Großvezier
+Mit andern hohen Würdenträgern,
+Lakaien, Reisigen und Jägern;
+Dahinter drängten, zahllos schier,
+In dichtem Schwarm sich all die Leute,
+Die bei des Herrschers Diwan heute
+Drauf rechneten, der Huld von oben
+Abzugewinnen einen Strahl.
+So, gehend halb und halb geschoben,
+Kam sie zum weiten, lichten Saal,
+Worin der Diwan ward gehalten.
+Dort saß der Sultan in Person,
+Umwogt von seines Purpurs Falten,
+Ihr gegenüber auf dem Thron,
+Der Großvezier an seiner Seite,
+Sodann, gewärtig seines Winks,
+Ein äußerst stattliches Geleite
+Von Staatsbeamten rechts und links.
+
+Wer nun der Reihe nach gerufen
+Herantrat an des Thrones Stufen,
+Der legte seine Bittschrift nieder,
+Sprach zur Begründung einen Satz,
+Erhielt Bescheid und mußt' hinwieder
+Dem Nächsten räumen seinen Platz.
+Die Mutter war noch lang' nicht dran;
+Doch ehe sie sich recht besann,
+Verstrich des Diwans kurze Stunde.
+Der Fürst stand auf, entließ die Zahl
+Der Harrenden und schritt im Bunde
+Mit seinem Hofstaat aus dem Saal.
+Der Schwarm verlief sich, und sie ging,
+Da weiteres Bemühn vergeblich,
+Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich
+Enttäuscht und mißgestimmt empfing.
+Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen;
+Doch fühlte sie sich frei von Schuld,
+Ermahnte sanft ihn zur Geduld
+Und gab ihr Wort, sie werde morgen
+Von neuem hingehn.--Welche Qual!
+Der arme Junge saß auf Kohlen.
+Denn fruchtlos mußte siebenmal
+Sie den Versuch noch wiederholen,
+Stets mit dem nämlichen Verlauf:
+Sie kam und sah den Sultan thronen,
+Recht sprechen, warnen und belohnen,
+Und immer wieder brach er auf,
+Bevor an ihr die Reihe war.
+So hätte dort wohl unabwendlich
+Sie Tag für Tag ein volles Jahr
+Gewartet, wäre sie nicht endlich
+Dem Blick des Herrschers aufgefallen,
+Weil ohne Bittschrift in der Hand
+Sie stets als hinterste von allen
+Dem Thron grad gegenüberstand.
+
+Drum, als der Diwan war beendet
+Am siebten Tag und er sich eben
+In sein Gemach zurückbegeben,
+Sprach er zum Großvezier gewendet:
+"Geraume Zeit bemerk' ich schon,
+Wie täglich, wenn ich Sitzung halte,
+Sich gegenüber meinem Thron
+Erwartend aufstellt eine Alte.
+Sie trägt was in ein Tuch geschlagen
+Und steht so bis zum Schlusse still.
+Kannst du mir künden, was sie will?"
+"Vermutlich will sie sich beklagen,"
+Erwiderte der Großvezier.
+"Du weißt ja, Herr, wie häufig Frauen
+Ein unbedeutend Leid vor dir
+Mit großem Wortschwall wiederkauen.
+Vielleicht hat man zu wenig Mehl
+Ihr auf dem Markte zugewogen,
+Vielleicht beim Wechseln sie betrogen."
+Der Sultan gab ihm drauf Befehl,
+Sie nächstesmal ihm vorzuführen.
+
+Und richtig, tags darauf, sofort
+Nachdem man aufgetan die Türen,
+Stand sie beharrlich wieder dort.
+Der Sultan winkte vor Beginn
+Der Sitzung, als er sie erblickte,
+Dem Großvezier, und dieser nickte
+Zum Obersten der Wache hin.
+Der gab der Mutter flugs ein Zeichen,
+Mit ihm zu gehn, gebot sodann
+Den Vorderen, vor ihr zu weichen,
+Und brachte sie zum Thron heran.
+Dort warf sie sich--weil dies gebührend
+Ihr schien nach allgemeinem Brauch--
+Vorm Sultan nieder auf den Bauch,
+Den Boden mit der Stirn berührend.
+Doch er befahl ihr aufzustehn
+Und sagte: "Gute Frau, tagtäglich
+Hab' ich seither dich unbeweglich
+Dort nah dem Eingang harren sehn.
+Was ist es, sprich, das du begehrst?"
+
+Sie warf sich nochmals nieder erst
+Und hauchte, vor Erregung heiser:
+"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,
+Den Anlaß du von mir erfährt,
+Der mich bewog zu diesem Schritte,
+Vernimm die demutsvolle Bitte,
+Daß mein unglaubliches Verlangen
+Du gnädig im voraus verzeihst;
+Denn ich vergehe fast vor Bangen.
+Erscheint ja doch mein Unterfangen
+Sogar mir selber allzu dreist."
+
+Der Sultan, um ihr Mut zu machen,
+Ließ augenblicks den ganzen Hauf
+Des Volks entfernen durch die Wachen
+Und forderte den Hofstaat auf,
+Ihn mit der Frau allein zu lassen;
+zurück blieb nur der Großvezier.
+"Du darfst", so sprach er dann zu ihr,
+"Nunmehr getrost ein Herz dir fassen.
+Was immer dein Begehren sei,
+Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande,
+Vergeben. Also rede frei!"
+
+Da lösten sich die Zungenbande
+Der Mutter. Ohne weitre Scheu
+Berichtete sie wahrheitstreu,
+Durch welch geheimes Abenteuer
+Sich seiner Tochter Aladdin,
+Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn
+Seitdem verzehre wildes Feuer;
+Wie redlich sie sich unterdessen
+Ihn abzukühlen angestrengt,
+Doch wie von Leidenschaft besessen
+Er sie zu diesem Gang gedrängt.
+Nur seiner Drohung, daß er sterbe,
+Wenn nicht um deren Hand sie werbe,
+Die doch fürwahr, mit ihm verglichen,
+Nicht minder unerreichbar fern
+Als an dem Firmament ein Stern,
+Sei schließlich zögernd sie gewichen.
+
+Der Sultan, keineswegs empört
+Noch spöttisch, äußerte die Frage,
+Nachdem er ruhig zugehört,
+Was in dem Tuch verhüllt sie trage.
+Sogleich entnahm sie wunschgemäß
+Dem Bündel das Geschenk des Sohnes
+Und stellte vor den Fuß des Thrones
+Das vollbeladene Gefäß.
+Der Herrscher, von dem bunten Scheine
+Geblendet, wähnte sich im Traum
+Und traute seinen Augen kaum
+Beim Anblick all der Edelsteine,
+So groß und prächtig, wie noch keine
+Zeit seines Lebens er geschaut,
+Und in Betrachtung ganz versunken
+Saß er ein Weilchen ohne Laut.
+Dann aber rief er freudetrunken:
+"Wie schön! Wie köstlich! Wie vollendet!",
+Nahm jeden einzeln in die Hand
+Und sprach, zum Großvezier gewendet:
+"Sag', ob in meinem ganzen Land
+In allen Ländern dieser Erde
+Man je was gleich Vollkommnes fand?"
+Mit beifallspendender Gebärde
+Gab dies der Großvezier ihm zu,
+Worauf er fortfuhr: "Möchtest du
+Behaupten, daß ich einen Mann,
+Der solcherlei vermag zu schenken,
+Nicht, ohne lang' mich zu bedenken,
+zum Schwiegersohn erwählen kann?"
+
+Der Großvezier war sehr betroffen
+Von diesem Wort. Seit Jahren schon
+Ließ nämlich ihn der Sultan hoffen,
+Er werde seinen eignen Sohn
+Mit der Prinzessin einst vermählen.
+Er sagte drum ins Ohr ihm leise:
+"Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen,
+Daß dies Geschenk von höchstem Preise
+Der Sultanstochter würdig ist;
+Doch gönne mir drei Monat Frist.
+Mein Sohn, den vormals du zum Gatten
+Ihr zu bestimmen hast beehrt,
+Stellt sicher dies Geschenk in Schatten
+Durch eins von doppelt reichem Wert."
+
+Das schien dem Sultan eine Flause;
+Doch gab er seiner Bitte nach,
+Weil er sein Günstling war, und sprach
+Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause
+Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:
+Den Antrag, den er stellte, wies
+Ich nicht zurück; drei Monat sind
+Vonnöten aber, eh' zum Gatten
+Ich jemand gebe meinem Kind,
+Um sie geziemend auszustatten.
+Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."
+
+Die Mutter ging nach Haus zurück,
+Und diesmal bebten ihre Glieder
+Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glück.
+
+
+
+
+7.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer könnte wohl in Worte fassen,
+Wie selig unser junger Held,
+Nachdem die Mutter ihm bestellt,
+Was ihm der Sultan melden lassen!
+O Wonne, daß nach langem Dürsten,
+Nach vielen Nächten ohne Schlaf
+Die Botschaft aus dem Mund des Fürsten
+Sein kühnstes Hoffen übertraf!
+Er tanzte rund herum im Zimmer,
+Schwor in den feurigsten Ergüssen
+Der Mutter Dankbarkeit auf immer
+Und überhäufte sie mit Küssen.
+Drei volle Monat waren freilich
+Als vorgeschriebne Wartezeit
+Für seine Sehnsucht endlos weit.
+Es war darum gewiß verzeihlich,
+Daß ihn des Ziels Erwartung quälte
+Und er beständig nach der Uhr
+Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,
+Vielmehr auch die Minuten zählte.--
+Zwei Monat waren abgelaufen,
+Als eines Morgens ahnungslos
+Die Mutter sich, um was zu kaufen,
+Zum Markt begab. Ein laut Getos'
+Der Fröhlichkeit scholl ihr entgegen,
+Als wär' ein Fest herangerückt;
+Mit Blumenkränzen allerwegen
+Ward eilig Haus für Haus geschmückt,
+Und Lämpchen wurden hundertfach
+Hinaufgereicht auf hohe Leitern
+Für Prachtbeleuchtung auf dem Dach.
+Die Straßen wimmelten von Reitern
+Auf edlen, reichgezierten Pferden,
+Und alt und jung war aufgeputzt.
+Die Mutter, ganz und gar verdutzt,
+Vermochte draus nicht klug zu werden.
+Sie fragte drum den ersten besten,
+Weshalb denn heute jedermann
+Sich rüste wie zu großen Festen.
+Der gab zur Antwort: "Schau mal an,
+Das weißt du nicht? Ei, das erzählt sich
+Ja doch die ganze Stadt erfreut;
+Dem Sohn des Großveziers vermählt sich
+Prinzessin Bedrulbudur heut."
+
+Die Gute flog bestürzt nach Haus
+Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle
+Befand, entgegen auf der Schwelle:
+"Ach, Ärmster, nun ist alles aus!
+Den Sultan hat sein Wort gereut;
+Denn im Palast ist Hochzeit heut.
+Dort wird mit feierlichem Prunke
+Der Sohn des Großveziers getraut,
+Und die Prinzessin ist die Braut."
+
+Als ob des Blitzes jäher Funke
+Durchzucke seines Lebens Mark,
+Empfand sich Aladdin zerschmettert,
+Blieb standhaft aber doch und stark;
+Und als verzweifelnd er durchblättert
+Seite für Seite sein Gedächtnis
+Nach Mitteln gegen diese Pein,
+Fiel ihm des falschen Freunds Vermächtnis,
+Die Wunderlampe, wieder ein.
+Zur Mutter sprach er drauf entschieden:
+"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!
+Laß schaun, wer heute mehr zufrieden,
+Ich oder dieser Bräutigam."
+
+Er tat, was ihm bereits geläufig:
+In seine Kammer eingeschlossen
+Rieb er die Lampe, wie schon häufig,
+Und aus dem Boden aufgeschossen
+Erschien der Geist gleich einem Riesen,
+Ihn fragend: "Was ist dein Geheiß?"
+Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiß
+Mir öfters dienstbar dich erwiesen
+Bei Wünschen, die gering und nichtig.
+Das Werk jedoch, das ich dir nun
+Befehlen will für mich zu tun,
+Ist über alle Maßen wichtig.
+Du sollst mir meine Qualen lindern
+Und drum als unsichtbarer Gast
+Die Hochzeit, die heut im Palast
+Gefeiert werden soll, verhindern.
+Begib dich hin, vom Wind getragen,
+Ergreif' den Bräutigam beim Kragen,
+Entführ' in ein Versteck ihn, sperr'
+Dort fest ihn ein und laß verborgen
+Ihn schmachten bis zum nächsten Morgen."
+Der Geist versetzte fügsam: "Herr,
+Wie du befiehlst," und war verschwunden.
+
+Am Hofe ward mit aller Kraft
+Inzwischen seit den frühsten Stunden
+Für die Vermählung vorgeschafft.
+Mit einem wahrhaft beispiellosen
+Und noch nicht dagewesnen Glanz
+War der Palast verwandelt ganz
+In einen duft'gen Hain voll Rosen.
+Die Tafel funkelte von Gold;
+Prunkteppiche von schwerster Seide
+Bedeckten sorgsam aufgerollt
+Zu wundersamer Augenweide
+Den Marmorboden und die Treppe,
+Und rings mit Perlenschmuck beschwert
+Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe
+Drei Fürstentümer auf an Wert.
+
+Der ganze Hofstaat war beisammen
+Nebst Sendlingen aus aller Welt;
+Den angefachten Opferflammen
+Entstieg der Rauch zum Himmelszelt.
+Grad sollte die Vermählungsfeier
+Beginnen; Festmusik erscholl;
+Schon trat herein in ihrem Schleier
+Die Sultanstochter anmutsvoll
+An ihres hohen Vaters Arm,
+Und in der Würdenträger Schwarm
+Schritt ihr entgegen ihr Verlobter--
+Da plötzlich Nacht und wieder Licht;
+Der Geist erfüllte mit erprobter
+Vollendung seine Dienerpflicht.
+Man sah sich an, man sah sich um,
+Die Augen starr, die Mienen dumm:
+Was war geschehn? Der Bräutigam
+Stand nicht mehr dort, wo er gestanden
+Grad eben, sondern war abhanden,
+Wie fortgewischt von einem Schwamm.
+Man forschte, spähte; doch vergebens.
+Der Großvezier, der schon geglaubt,
+Er sei am Ziele seines Strebens,
+Schien vor Erregung sinnberaubt.
+Der Hofstaat mit betäubtem Hirne
+Begann zu tuscheln, dicht geschart;
+Der Sultan runzelte die Stirne
+Und brummte was in seinen Bart.
+Die Gäste ratlos und befangen,
+Verkrümelten sich allgemach,
+Und über der Prinzessin Wangen
+Herunter floß ein Tränenbach.
+
+Die Feierstimmung war verraucht,
+Verwandelt alle Lust in Wehe.
+Denn da zum Abschluß einer Ehe
+Den Bräutigam man dringend braucht,
+So blieb am Ende keine Wahl,
+Als die Vermählung zu verschieben
+Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,
+Bis man ihn wieder aufgetrieben.
+Der Sultan flößte seiner Tochter
+Gar zärtlich Tröstung ein und Mut;
+Allein mit Mühe nur vermocht' er
+Zu stillen ihrer Augen Flut,
+Obwohl weit mehr verletzte Scham
+Und schwergekränkter Stolz die Quelle
+Der Tränen war als Herzensgram.
+
+Am nächsten Morgen aber kam
+Der Großvezier in höchster Schnelle
+Zum Sultan, der halb ungeduldig,
+Halb mürrisch ihm entgegensah,
+Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!
+Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,
+Noch weiß er selbst, was ihm geschah.
+Gebiete drum, daß man die Feier
+Heut rüsten soll zum zweitenmal,
+Und gib dadurch zurück dem Freier,
+Was ihm ein Unstern gestern stahl."
+Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht
+Ihm vorkam, war der Fürst erbötig;
+Denn für sein Ansehn schien ihm nötig,
+Daß alles möglichst ward vertuscht.
+Die Hauptstadt wurde von Trompeten
+Und Pauken abermals durchlärmt,
+Das Hochzeitsessen aufgewärmt
+Und alle Gäste neu gebeten.
+
+Als Aladdin, dem keine Spur
+Von sämtlichen Begebenheiten
+Entgangen war, davon erfuhr,
+Beschloß er, herzhaft fortzuschreiten
+Auf seinem Pfade bis zum Sieg.
+Den Geist beschwor er drum von neuem,
+Und als dem Boden er entstieg,
+Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem
+Gehorsam, was ich dir befohlen,
+Genau vollbracht. Dieselbe Not
+zwingt mich indessen, mein Gebot
+Von gestern dir zu wiederholen.
+Den Sohn des Großveziers entführe
+Heut abermals in gleicher Art,
+Und hinter fest verschlossner Türe
+Halt' ihn bis morgen früh verwahrt!"
+
+Der Geist entfernte sich, die Tat
+Alsbald wie tags zuvor verrichtend;
+Nur diesmal in noch stärkrem Grad
+Als gestern wirkte sie vernichtend.
+Im feierlichsten Augenblick
+Verschwand urplötzlich aus dem Saale
+Durch ein unfaßliches Geschick
+Der Bräutigam zum zweiten Male.
+Vom ganzen Hof und hohen Adel
+Ward er gesucht wie eine Nadel.
+In alle Winkel ward geguckt,
+Gestöbert ward in allen Ecken;
+Er war so wenig zu entdecken,
+Als ob der Boden ihn geschluckt.
+Hiermit begann ein Trauerspiel:
+Prinzessin Bedrulbudur raufte
+Die schönen Haare sich und fiel
+Bewußtlos hin; der Sultan schnaufte
+Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;
+Der unglückselige Großvezier
+Wand sich in Krämpfen wie ein Wurm,
+Die Augen rollend rings im Kreise;
+Die Gäste flohen gruppenweise,
+Wie eine Herde vor dem Sturm,
+Und seufzend sprach der Oberkoch
+In tiefem, hoffnungslosem Härmen
+Zum Küchenjungen: "Einmal noch
+Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht wärmen."
+
+
+
+
+8.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Großvezier fand keinen Schlummer
+In dieser Nacht. Am andern Tag
+Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer
+Halb krank er noch im Bette lag,
+Trat aschenfahl und übernächtig
+Sein Sohn herein. Der Vater schrie,
+Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig:
+"Hinweg mit dir, und laß dich nie
+Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:
+"Mein Vater, schein' ich so verdächtig,
+Daß du Gehör mir weigern willst?
+Wenn dir bekannt, was unverschuldet
+Ich heut und gestern nacht erduldet,
+So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt.
+Ich wurde beidemal gepackt
+Von unsichtbaren Fäusten, stärker
+Als Menschenhand, und eingesackt
+In einen engen, finstren Kerker,
+Zu schmal, um nieder mich zu legen,
+Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;
+Die Tür von außen fest verrammelt
+Und alles Rütteln ohne Zweck!
+So kauert' ich, noch kaum gesammelt
+Vom ersten fürchterlichen Schreck,
+Erneuter Hexerei gewärtig,
+Gefaßt auf meinen Untergang
+Und mit dem Erdendasein fertig,
+Wer weiß, wieviele Stunden lang,
+Bis endlich beidemal die Tür
+Von selber aufsprang. Aber gäbe
+Man tausend Bräute mir dafür,
+Ich möchte nicht, solang' ich lebe,
+Dies noch ein drittes Mal erleiden.
+So sehr mir die Prinzessin teuer,
+Ich will sie lieber dauernd meiden,
+Als dem geheimen Ungeheuer
+Zum Spielball dienen unbeschränkt.
+Ich glaube, Bedrulbudur denkt
+Hierin nicht anders, und sie kann,
+Auch wenn sie liebenswert mich findet,
+Nicht recht vertrauen einem Mann,
+Der unfreiwillig stets verschwindet.
+Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen
+Verhängnis nicht mit Unrecht grollst,
+Daß du den Sultan bitten sollst,
+Er möge die Verlobung lösen."
+
+Der Großvezier erkannte klar,
+Wenn auch im Innersten bekümmert:
+Sein Lieblingsplan von manchem Jahr
+Lag rettungslos vor ihm zertrümmert,
+Sodaß, wie nun die Sache stand,
+Statt auf ein Wunder noch zu harren,
+Er selber den verfahrnen Karren
+Am besten stecken ließ im Sand.
+Er trug dem Sultan untertänig
+Drum seines Sohnes Bitte vor
+Und fand ein sehr geneigtes Ohr.
+Der Herrscher freute sich nicht wenig,
+Als unverhofft er sie vernahm,
+Daß dem Entschluß, den er im stillen
+Gefaßt um seiner Tochter willen,
+Ihr Bräutigam entgegenkam.
+
+Mit Windeseile flog die Kunde
+Von der Entlobung durch die Stadt,
+War tagelang in aller Munde;
+Doch schließlich schwatzte man sich satt.
+Es wußte ja vom wahren Grunde
+Nur Aladdin allein Bescheid,
+Und da nunmehr sein Weizen blühte,
+Nahm mit beruhigtem Gemüte
+Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.
+
+Erst als ein Monat noch entwichen
+Und so, wie vorbestimmt, verstrichen
+Die ganze Frist von dreien, sandte
+Von neuem er die Mutter fort
+Zum Sultan, der sie gleich erkannte
+Und sich an sein gegebnes Wort
+Erinnerte. Mit freiem Mute
+Bat sie den Fürsten auf den Knien,
+Gewähren mög' er Aladdin,
+Was zu versprechen er geruhte,
+Da die bedungne Frist vorbei.
+
+Dem Sultan war die Mahnung peinlich.
+Er hatte ja für unwahrscheinlich
+Gehalten, daß die Schwärmerei
+Des jungen Manns nach so viel Wochen
+Noch immer nicht erloschen sei;
+Denn was er unbedacht versprochen,
+War niemals ernst gemeint gewesen.
+Konnt' er zum Gatten seines Kinds
+Wohl einen Schwiegersohn erlesen,
+Der nicht geboren war als Prinz?
+Und doch vor offener Verneinung
+Sich scheuend, zog im Widerstreit
+Er seinen Großvezier beiseit
+Und fragte leis nach dessen Meinung.
+"Herr," sagte jener gleichfalls leis,
+"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,
+Genügt es, einen solchen Preis
+Für die Prinzessin festzusetzen,
+Daß, wenn des Werbers Überfluß
+An Geld und Gut auch ohnegleichen,
+Trotz allem er die Segel streichen
+Und voll Beschämung abziehn muß."
+
+Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;
+Deshalb sich zu der Mutter eilig
+Umwendend sprach er: "Gute Frau,
+Ich gab mein Wort und halt' es heilig.
+Dein Sohn soll keinen Hindernissen
+Begegnen; aber um zu wissen,
+Was er zur Morgengabe beut,
+Und ob er wirklich zur Erringung
+Der hohen Braut kein Opfer scheut,
+Mach' ich ihm eines zur Bedingung:
+Ich fordre, daß er vierzig Becken
+Von schwerstem Gold mir schicken soll,
+Die sämtlich bis zum Rande voll
+Von herrlichen Juwelen stecken,
+Den damals mir geschenkten gleich,
+Die jeden Stein im ganzen Reich
+Weitaus an Schönheit übertrafen,
+Hertragen sollen diese Fracht
+Auf Häupten vierzig schwarze Sklaven
+In reicher, auserlesner Tracht,
+Geführt von vierzig jungen weißen,
+Die noch verschwenderischer gleißen.
+Dies die Bedingung. Wird genau
+Von ihm bestanden diese Probe,
+Dann--höre, daß ich's laut gelobe--
+Wird meine Tochter seine Frau."
+
+Die Mutter schritt bedenklich heim,
+Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,
+Des Herrschers Fordrung werd' auf immer
+In ihrem Sohne jeden Keim
+Des närrischen Begehrs ersticken.
+Doch als von diesem Trost beseelt
+Sie klipp und klar ihm aufgezählt,
+Was er dem Sultan solle schicken,
+Und sicher dachte, daß erschrocken
+Er sich bequeme zum Verzicht,
+Rief er mit strahlendem Gesicht
+Und überschäumendem Frohlocken:
+"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt
+Im Glauben, daß durch die Bedingung
+Er mich ins Bockshorn jagen wird.
+Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung
+Solch eines Probestücks die Macht?
+Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen
+Befriedigen. Er soll erstaunen,
+Und du nicht minder. Gib nur acht!"
+
+Er ging in seine Kammer, rieb
+Die Lampe, bis der Geist erschienen,
+Der unterwürfig ihm zu dienen
+Wie stets bereit war. Er beschrieb
+Des Herrschers Anspruch ihm ausführlich
+Und fragte dann, ob er dies all
+Ihm schaffen könne Knall und Fall.
+Der Geist erwiderte: "Natürlich."
+"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,
+Damit ich flugs den ganzen Tand
+Ihm senden kann."
+
+ Der Geist entschwand
+Und kam nach nicht viel größrer Weile,
+Als während man die Augenlider
+Zuschließt und öffnet, wie geheißen
+Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,
+Sowie mit vierzig jungen weißen,
+Sodaß der umfangreiche Zug
+Sich auf die Straße mußt' erstrecken,
+Weil Haus und Hof nicht weit genug.
+Ein jeder von den schwarzen trug
+Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,
+Und jedes Becken wies in Fülle
+Demanten, Perlen und Berylle,
+Smaragd, Saphir, Topas, Rubin
+Von höchstem Reiz des Farbenspieles
+Und überlegen noch um vieles
+Den Früchten, die sich Aladdin
+Im Zaubergarten einst gepflückt.
+Nachdem das Werk soweit geglückt,
+Rief er die Mutter, die mit starren,
+Weit aufgerissnen Augen gaffte.
+"Schau," sprach er, "muß der Sultan harren?
+Gesteh', daß ich zur Stelle schaffte,
+Was er vorhin sich ausbedang!
+Jetzt aber zögere nicht lang
+Und bringe meine Morgengabe
+Geradeswegs in den Palast,
+Damit an meiner großen Hast
+Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,
+Mein Herz nach so viel Sturmgebraus
+Zu steuern in der Ehe Hafen."
+
+Die Mutter schritt somit voraus
+Dem wundersamen Zug der Sklaven.
+Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus
+Entströmten gierige Beschauer,
+So daß in Kürze jung und alt
+Zu einer dichten Menschenmauer
+Auf allen Straßen stand geballt.
+Was irgend Beine hatte, lief,
+Was irgend Lungen hatte, rief
+Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,
+Man möge kommen, sehn und staunen.
+Einmütig wurde die Verkündung
+Des Urteils allerorten laut,
+Daß in der Stadt seit ihrer Gründung
+Man solchen Aufwand nie geschaut,
+Nie Sklaven edler von Gestalt,
+Von Wuchs und Haltung angetroffen,
+So bunt geschmückt, so mannigfalt
+Bekleidet mit den feinsten Stoffen.
+In schöner Ordnung--denn zur Seite
+Den schwarzen Beckenträgern war
+Jeweils ein weißer als Geleite--
+Hinwandelten sie Paar für Paar.
+Dazu der Edelsteine Glänzen,
+Der vierzigfache Spiegelschein
+Des lautren Goldes--allgemein
+War die Begeistrung ohne Grenzen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Die Nachricht war gleich einem Blitze
+Gedrungen an der Pförtner Ohr,
+Eh' des Palastes offnem Tor
+Sich näherte des Zuges Spitze.
+Sie sahn den schmucken Vordermann
+Der achtzig Sklaven mit Verbeugung
+Für einen fremden König an
+Und wollten drum zur Ehrbezeugung
+Ihm küssen seines Kleides Saum.
+Doch der erwiderte: "Gebt Raum
+Und bückt euch lieber vor dem Rechten.
+Ich bin nur einer von den Knechten
+In unsres großen Herren Sold."
+So stieg der Zug hinan die Treppen;
+Die Schwarzen hatten arg zu schleppen
+An ihrer schweren Last von Gold,
+Und von den weißen angeleitet
+Betraten sie den lichten Saal
+Des Diwans. Längst schon vorbereitet
+Und überaus gespannt befahl
+Der Sultan, daß man ihnen Platz
+Gewähre. Kunstgerechterweise
+Vor ihm gereiht in halbem Kreise
+Beeilten sie sich, ihren Schatz
+Am Fuß des Thrones aufzustellen,
+Worauf nach wohlversehnem Amt
+Sowohl die Dunklen als die Hellen
+Sich niederwarfen insgesamt.
+
+[Illustration: Die gestörte Hochzeitsfeier]
+
+Die Mutter nahte nun dem Thron
+Und sprach mit vielen Huldigungen:
+"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,
+Erhabner, was du dir bedungen.
+Er hofft, es werde dir gefallen
+Und der Prinzessin ebenfalls."
+Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen
+Imstande, mit gerecktem Hals
+Und überzeugt, ihn wolle necken
+Ein Trug der Sinne, blickte bald
+Verwundert auf die vierzig Becken
+Mit ihrem funkelnden Gehalt
+Von größrem Wert als ganze Länder,
+Bald auf die fürstlichen Gewänder
+Der achtzig wohlgestalten Sklaven
+Und sagte laut zum Großvezier:
+"Fürwahr, der Himmel soll mich strafen
+Wenn ein Geschenk wie dieses hier
+Je Sultanstöchtern ward geboten!"
+"So ist es," stimmte jener bei,
+zumal er einsah, daß der Knoten
+Nicht anders mehr zu lösen sei.
+Wie hätte noch der Fürst sein Wort
+Zurückziehn können als Empfänger
+Von solchem beispiellosen Hort?
+Er fragte jetzt sogar nicht länger
+Nach des Bewerbers Rang und Stand
+Und allen andern Eigenschaften;
+Für jeden Vorzug konnt' als Pfand
+Sein ungeheurer Reichtum haften.
+"Geh'," sprach er drum in mildem Ton
+Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen
+Gefühlen ich und offnen Armen
+Ihn grüßen will als Schwiegersohn."
+
+So waren jetzt nach hartem Ringen
+Die Schwierigkeiten weggeräumt;
+Sie selber durft' ihm Kunde bringen,
+Daß alles, was er sich erträumt,
+Was für unmöglich ihr gegolten,
+Was als Verrücktheit sie gescholten,
+Und was ihm ihre Zweifelsucht
+Verargt als frevelhaft verstiegen,
+Ihm jetzt als eine reife Frucht
+Bereit war in den Schoß zu fliegen.
+
+Er aber, wenn auch überschwenglich
+Beglückt, ließ keine Zeit entfliehn,
+Um das zu tun, was unumgänglich
+Ihm zu des Werkes Krönung schien.
+Er hieß den Geist von neuem kommen
+Und sprach, als dieser schnell genaht:
+"Bereite mir sofort ein Bad
+Und bring', nachdem ich es genommen,
+Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,
+Wie sonst es nur ein König trägt."
+Er fühlte drauf alsbald sich machtvoll
+Erfaßt und durch die Luft bewegt.
+Ein schöner Raum, an allen Wänden
+Mit buntem Marmor ausgelegt,
+Empfing ihn; dort bedient, gepflegt
+Von zarten, unsichtbaren Händen,
+Nahm er das Bad in einer lauen,
+Von Wohlgeruch erfüllten Flut.
+Sodann, erquickt und ausgeruht,
+Konnt' er in einem Spiegel schauen,
+Daß er zu seinem Vorteil ganz
+Verwandelt, schöner war und schmucker.
+Statt des bisherigen Gewands,
+Das immer noch den armen Schlucker
+Verraten hatte, fand er Kleider,
+So prächtig, so mit Gold bestickt,
+Daß jeder Prinz und Fürst als Neider
+Nach ihnen hätte hingeblickt.
+
+Sobald er fertig angezogen,
+Erschien der Geist auf seinen Wink,
+Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!
+Ich habe mittlerweil erwogen,
+Was mir noch fehlt. Ein edles Roß
+Verlang' ich, das an Schönheit alle
+Verdunkelt in des Sultans Stalle;
+Zu diesem ferner einen Troß
+Von Sklaven, jenen gleich zu achten
+An Kleiderprunk und Stattlichkeit,
+Die mein Geschenk dem Sultan brachten;
+Acht Sklavinnen dann zum Geleit
+Für meine Mutter, deren jede
+Ihr ein so köstliches Gewand
+Soll bringen, daß im ganzen Land
+Bald von nichts andrem mehr die Rede.
+Auch einen Beutel mit zehntausend
+Goldstücken brauch' ich noch. Nur schnell
+Ans Werk!"
+
+ Der Geist entschwebte sausend,
+Und alles war im Nu zur Stell'.
+Den Sklavinnen gab Aladdin
+Befehl, zur Mutter hinzueilen
+Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.
+Das bare Gold ließ er verteilen
+An feine Sklaven, mit der Weisung,
+Sie sollten's auf der ganzen Länge
+Des Wegs mit voller Hand zur Speisung
+Der Armut werfen in die Menge.
+Er stieg zu Pferd und zog inmitten
+Des Trosses durch die Straßen hin.
+Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,
+Daß er noch nie zuvor geritten,
+Weil mit dem feinsten Ebenmaß
+Und Anstand er im Sattel saß.
+
+[Illustration: Aladdin reitet zum Schloß des Sultans]
+
+Vielköpfig, massig, nicht zu zählen,
+Lief wiederum das Volk herbei;
+Betäubend schwang aus allen Kehlen
+Sich Beifallruf und Jubelschrei,
+Besonders wenn, vom Sklaventroß
+Geschnellt, als ungewohnter Segen
+So rechts wie links ein Hagelregen
+Von goldnen Münzen sich ergoß.
+Wer war der Ritter hoch zu Roß?
+Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,
+Nicht einmal einer unter zehn,
+Die noch vor kurzem ihn gesehn,
+Den alten Aladdin erkennen.
+Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich,
+Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich;
+Denn zu der Lampe Wunderkräften
+Gehörte die geheime Macht,
+Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht,
+Auch äußern Adel anzuheften.
+So lag am Tage sonnenklar,
+Daß all der Pracht, womit er prunkte,
+Durch sein Verdienst er würdig war.
+Er wurde rasch zum Mittelpunkte
+Für jedes Auge; jauchzend hob
+Zum Himmel ihn des Volkes Lob
+Und gönnte gern ihm dieser Erde
+Vollkommenstes und reichstes Heil.
+
+Bis zum Palasttor mittlerweil
+Gelangt, stieg artig er vom Pferde.
+Die Pförtner bildeten zwei Reihen
+Von Tor zu Tür, um dem Empfang
+Vermehrte Würde zu verleihen;
+Durch diese schritt er sacht entlang,
+Trat in den Saal und vor den Thron.
+Der Sultan, seiner harrend schon,
+War überrascht und höchst erbaut
+Sowohl von seiner Prachtentfaltung
+Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,
+Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,
+Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,
+An seine Vaterbrust und ließ,
+Indem er ihn willkommen hieß,
+Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
+
+"Erlauchter Fürst," sprach Aladdin,
+"Ich danke dir, daß mein Erkühnen,
+Statt es durch harten Spruch zu sühnen,
+So nachsichtsvoll du mir verziehn.
+Ich wüßte nichts, was mich entschuldigt,
+Als daß mein Herz, von holdem Zwang
+Besiegt, in willenlosem Drang
+Der reizenden Prinzessin huldigt,
+Und daß die Liebe, die gewaltsam
+In meinem Innern flammt und loht,
+Nicht enden wird, bis unaufhaltsam
+Mein Leben selbst erlischt im Tod."
+
+"Mein Freund," versetze halb im Scherz
+Der Sultan, "um durch dieses Feuer
+Heillos versengt zu sehn dein Herz,
+Halt' ich fortan dich viel zu teuer.
+Ist dies das Mittel, dich zu töten,
+So weiß ich, was dich heilen soll."
+Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl
+Musik von Zimbeln und von Flöten.
+Er führte drauf ihn liebevoll
+Zum wunderbaren Nebensaal,
+Worin bereits auf goldnen Tellern
+War aufgetischt ein leckres Mahl,
+Das aus den kaiserlichen Kellern
+Versorgt war mit dem besten Wein.
+Der Sultan aß mit ihm allein;
+Der Großvezier und all die Herrn
+Von Rang und von Geblüt umkreisten
+Den vollbesetzen Tisch von fern
+Und mußten zusehn, wie sie speisten.
+
+
+
+
+10.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nach Tische ward an Aladdin
+Vom Sultan väterlich die Frage
+Gerichtet, ob es ihm behage,
+Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.
+Er gab zur Antwort: "Herr, du weißt,
+Wie sehr ich nach dem Glück verlange,
+Das die Prinzessin mir verheißt.
+Jedoch damit ich ihrem Range
+Gemäß an unserm Hochzeitstag
+Sogleich in tadellosen Räumen
+Ein neues Heim ihr bieten mag,
+Laß noch für kurze Zeit mich säumen.
+Ein Schloß, versehn mit jeder Zier,
+Will ich errichten. Weise mir
+Drum einen angemessnen Bauplatz."
+Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast
+Die Auswahl. Hier vor dem Palast
+Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,
+Wo für dein Schloß genügend Raum.
+Nur laß es möglichst rasch erbauen;
+Denn, glaube mir, ich kann es kaum
+Erwarten, euch vermählt zu schauen."
+Nach dem Gelöbnis, daß er sicher
+Den Bau nach Kräften fördern werde,
+Nahm Aladdin mit feierlicher
+Umarmung Abschied, stieg zu Pferde
+Und trabte durch die gleichen Gassen
+Mit dem Gefolg zurück nach Haus,
+Umbrandet wieder von den Massen
+Des Volks mit lautem Jubelbraus.
+
+Daheim kaum angelangt, beschwor
+Den Geist er abermals und sagte:
+"Schon dein bisherig Wirken ragte
+Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.
+Doch zu dem ungemeinen Werke,
+Das jetzt mir unentbehrlich ist,
+Bedarf ich deiner ganzen Stärke.
+Du sollst in möglichst kurzer Frist
+Grad gegenüber vom Palaste
+Des Sultans mir ein stolzes Schloß
+Errichten, das vom Erdgeschoß
+Bis zu des Daches Flaggenmaste
+Der Sultanstochter, meiner Frau,
+Trotz ihrem sehr verwöhnten Auge
+Zur künftigen Behausung tauge.
+Welch ein Gestein du für den Bau
+Verwenden willst, ob Marmorquadern,
+Schneeweiß mit feinen schwarzen Adern,
+Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,
+Das stell' ich ganz in dein Ermessen;
+Doch sollst du--dies beding' ich nur--
+Nicht einen großen Saal vergessen
+Im obern Stockwerk, der bekrönt
+Von einer Kuppel, an den Wänden
+Durch Gold und Silber sei verschönt.
+Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,
+Er vierundzwanzig Fenster zählen;
+Die Rahmen seien alabastern,
+Das Gitter sollst du mit Juwelen
+Von unerreichtem Glanz bepflastern.
+An einem wohlverwahrten Platz
+Befinde ferner sich ein Schatz
+Gemünzten Goldes aufgespeichert,
+Der für mein Lebtag mich bereichert.
+Auch will ich, daß man eine Flucht
+Von Küchen trifft am rechten Orte,
+Nebst Vorratskammern jeder Sorte,
+Und Ställe voll von edler Zucht.
+Ingleichen soll das Lustschloß innen
+Bevölkert sein mit einem Heer
+Von Dienern und von Dienerinnen.--
+Das alles schaff' mir nach Begehr,
+Und wenn du fertig bist, komm wieder."
+
+Als er dem Geiste dies gebot,
+Sank abendlich die Sonne nieder.
+Am andern Tag ums Morgenrot
+Erschien der Geist an seinem Bette:
+"Vollendet ist, was du bestellt;
+Schau," sprach er, "ob es dir gefällt."
+Er trug darauf ihn an die Stätte.
+Wie sehr war Aladdin verwundert!
+Da stand, erbaut in einer Nacht,
+Ein Schloß, wie noch kein halb Jahrhundert
+Voll Menschenarbeit es vollbracht.
+Er glaubte wahrlich nur zu träumen,
+Als ihn der Geist in allen Räumen
+Herumgeleitete. Da war
+Sein Auftrag Punkt für Punkt vollzogen,
+Bei weitem überholt sogar:
+Gewölbe, Säulen, Pfeiler, Bogen
+Von höchster Schönheit, ein Gewimmel
+Von Dienstbeflissnen überall;
+An Silberkrippen in dem Stall
+Die schönsten Rappen, Füchse, Schimmel;
+Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam
+In Küch' und Kammern schon verfacht;
+Der Schatz in sicherem Gewahrsam,
+Von einem Schließer treu bewacht,
+Mit Gold gefüllte Riesensäcke,
+Gehäuft, getürmt bis an die Decke.
+
+Nachdem sich Aladdin das Ganze
+Von Grund aus angesehn, zumal
+Auch noch den großen Kuppelsaal,
+Sprach er, geblendet von dem Glanze,
+zum Geist: "Ich muß dir Beifall zollen;
+Befriedigt wurde musterhaft
+Von dir mein Wünschen und mein Wollen.
+Nun sei nur noch herbeigeschafft
+Ein langer Teppich aus Damast,
+Von feenhaftem Farbenschimmer;
+Du sollst, befehl' ich, vom Palast
+Des Sultans ihn bis an die Zimmer
+Der Herrin dieses Schlosses breiten.
+Ihn soll auf ihrer Wanderung
+Ins neue Heim ihr Fuß beschreiten."
+Der Geist entfernte sich im Schwung,
+Und eh' sich's Aladdin versah,
+Lag der damastne Teppich da.
+Der Geist kam wieder ohne Rast
+Und trug nach Haus ihn unverdrossen,
+Grad als die Pforten am Palast
+Des Sultans wurden aufgeschlossen.
+
+Die Pförtner wunderten sich sehr,
+Als drüben, dicht vor ihren Nasen,
+Wo gestern noch die Stätte leer
+Und nur bewachsen war mit Rasen,
+Ein Wunderbauwerk hoch und hehr
+Sie ragen sahen in die Lüfte.
+Die Nachricht schwirrte mit Gesumm
+Beflügelt im Palast herum;
+Der Hofstaat machte höchst verblüffte
+Gesichter, und der Großvezier
+Lief, als er eine Weile stier
+Den rätselhaften Spuk beglotzt,
+zum Sultan hin und sprach entrüstet:
+"Wer sich mit einem Kunststück brüstet,
+Das jeglicher Erfahrung trotzt,
+Der steht im Bund mit Zauberei!"
+Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,
+Man muß nicht gleich das Schlimmste denken.
+Was ist denn weiter auch dabei?
+Ein Mann, der so vermag zu schenken,
+Den drum mein fürstliches Vertrau'n
+Erkor zu meiner Tochter Gatten,
+Der kann sich wohl den Spaß gestatten,
+Ein Schloß in einer Nacht zu bau'n.
+Er gibt als reichster Mann der Welt
+Uns nur ein augenfällig Zeichen,
+Daß man mit sehr viel barem Geld
+So ziemlich alles kann erreichen.
+Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,
+Und wenn du trachtest, ihn als Frucht
+Von Zauberkünsten hinzustellen,
+So spricht aus dir die Eifersucht."--
+
+Zur Stunde, da sich so die beiden
+Besprachen, war in ihrem Haus
+Die Mutter Aladdins drauf aus,
+Mit jenem Staat sich zu bekleiden,
+Den ihr die Sklavinnen gespendet,
+Und ließ, nachdem durch deren Walten
+Ihr Putz in Bälde war vollendet,
+Von ihnen sich die Schleppe halten
+Auf ihrem Wege zum Palast.
+Auch Aladdin, im Vaterhause
+zum allerletztenmal zu Gast,
+Brach auf nach kurzer Ruhepause.
+Die vielbewährte Wunderlampe
+Nahm er dabei wohlweislich mit,
+Bestieg sein flinkes Pferd und ritt
+Gradaus zu seines Schlosses Rampe.
+
+[Illustration: Der Sultan erblickt das Schloß Aladdins]
+
+Der feierliche Freudenklang
+Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten
+Erscholl der Mutter zum Empfang.
+Von des Palastes Zinnen wehten
+Im Winde fröhlich bunte Fahnen;
+Aus Schalen strömte Balsamduft;
+Der Hofstaat stand auf den Altanen
+Und schwenkte Tücher durch die Luft.
+Die Stadt ward neuerdings geschmückt
+Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;
+Viel deutlicher war den Gesichtern
+Des Frohsinns Stempel aufgedrückt
+Als beim gestörten Hochzeitsfeste
+Von damals. Die verdutzte Schar
+Des Volks erblickte zwei Paläste,
+Wo tags zuvor nur einer war;
+Zumal bestaunten sie den neuen,
+Und laut bekannte jedermann,
+Er müsse den Vergleich nicht scheuen,
+Ja, steh' dem alten weit voran.
+
+Inzwischen ward, weil sich der Freier
+Ausdrücklich hatte vorbehalten,
+In seinem eignen Schloß die Feier
+Der Hochzeit glänzend zu gestalten,
+Vom Sultan öffentlich erklärt,
+Daß gültig nun zu Recht bestehe
+Prinzessin Bedrulbudurs Ehe
+Mit dem Gemahl, der ihrer wert,
+Und dem sein Vaterherz gewogen;
+Auch wurde der Vertrag vollzogen
+Mit hergebrachter Förmlichkeit.
+Dann leerten einen Freudenbecher
+Die Mutter und der Fürst zuzweit.
+Er selber gab ihr das Geleit
+In der Prinzessin Wohngemächer.
+Dort kam in ihrem reichen Schmuck
+Und ihrer Schönheit holdem Prangen
+Die Braut entgegen ihr gegangen
+Mit einem warmen Händedruck
+Und einem Kuß auf ihre Wangen.
+Sie nahm, bereit zur Überführung
+In ihres Ehegatten Schloß,
+Vom Vater Abschied. Beiden floß
+Ein Tränenstrom herab vor Rührung.
+Und als der Sonne letztes Blinken
+Gewichen war dem Dämmerschein,
+Da formte sich der Zug. Zur Linken
+Schritt ihr die Mutter, hinterdrein
+Die Sklavinnen und Zofen all,
+Voran ein Trupp von Musikanten
+Mit schmetterndem Posaunenschall,
+Zuletzt unzählige Trabanten,
+Lakaien, Pfeifer, Paukenschläger
+Und Knappen, die als Fackelträger
+Dem Zuge Licht zu spenden hatten.
+So schwebte die Gebieterin
+Auf dem damastnen Teppich hin
+Zum kerzenhellen Schloß des Gatten,
+Und all das heitre Volksgewimmel
+Entsandte wie aus einem Mund
+Gebet und Segenswunsch zum Himmel
+Für ihren jungen Ehebund.
+
+
+
+
+11.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Von seiner Dienerschaft umgeben
+Stand Aladdin am Eingangstor
+Und führte mit beglücktem Beben
+Die Braut zum Kuppelsaal empor.
+Sie war beim ersten Anblick schon
+Entzückt von ihm, da beim Vergleiche
+Sie fand, daß nimmer ihm der Sohn
+Des Großveziers das Wasser reiche.
+Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,
+Was er im Innersten empfand,
+Wie nun das Traumbild seiner Liebe
+Holdselig leibhaft vor ihm stand!
+Er rief: "Du Herrlichste von allen,
+Vor der das Taggestirn erbleicht,
+Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht
+Verurteilt bin, dir zu mißfallen!"
+"Mein Prinz--denn dieser Name scheint",
+Versetzte sie, "dir zu gebühren--
+Mir hat mein Vater dich zu küren
+Befohlen und mich dir vereint.
+Des Vaters Willen sich zu fügen
+Ist einer guten Tochter Pflicht;
+Doch ich vollzog sie mit Vergnügen;
+Denn wisse, du mißfällst mir nicht."
+
+Mit dieser feinen Antwort scheuchte
+Sie seiner Sorge letzten Rest;
+Und nun begann ein Zauberfest,
+Das ihr viel Staunenswerter deuchte,
+Als was daheim sie je geschaut.
+Die Tafel überschwemmten Rosen,
+Von Diamanten rings betaut;
+Von einer gleichfalls grenzenlosen
+Verschwendung zeugten die Pokale,
+Die Schüsseln, Teller, Gabeln, Messer;
+Sogar die Speisen waren besser
+Als je beim kaiserlichen Mahle.
+Zu Flötenspiel und Lautenklang
+Ertönte, reizend anzuhören,
+Ein doppelstimmiger Gesang
+Von allerliebsten Mädchenchören.
+Nach Schluß des Mahls erschien ein Schwarm
+Von Tänzern und von Tänzerinnen,
+Um einen Reigen zu beginnen.
+Der Schloßherr selbst bot seinen Arm
+Der Herrin, und voll Anmut schwangen
+Nach einem alten Brauch des Lands
+Die Neuvermählten sich im Tanz.
+Die Mitternacht war längst vergangen,
+Da sich im Schloß zu Ende neigte
+Die Lustbarkeit.
+
+ Am Tag darauf,
+Als schon des Sonnenballes Lauf
+Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,
+Schritt Aladdin mit einem Heere
+Von Dienern auf dem kurzen Pfad
+Hinüber zum Palast und bat
+Den Schwiegervater um die Ehre,
+Sein Schloß in Augenschein zu nehmen.
+Gewiß, der Sultan mochte gern
+Zu dieser Einkehr sich bequemen
+Und ging, begleitet von den Herrn
+Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fuße.
+
+Das Schloß, obwohl er's nun schon oft
+Von seinem Fenster aus mit Muße
+Betrachtet, schien ihm unverhofft
+Noch prächtiger, als er es nah
+Und näher jetzt vor Augen sah.
+Im Innern erst vermochte kaum
+Er sein Entzücken zu bemeistern,
+Und gar der große Kuppelraum
+Schien grenzenlos ihn zu begeistern.
+Er sprach zum Großvezier: "Ein Wunder
+Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.
+Hiergegen ist, bei meinem Bart,
+Mein eigener Palast nur Plunder."
+
+Doch als er wieder heimgekehrt,
+Um manchen großen Eindruck reicher.
+Da schlängelte der alte Schleicher
+Von Großvezier sich unbegehrt
+An ihn heran mit dem Vermerk:
+"Wer könnte diesen Bau betrachten,
+Erhabner, ohne für ein Werk
+Der Zauberkunst ihn zu erachten?"
+Der Sultan drauf mit strengem Blick:
+"Das hochzeitliche Mißgeschick,
+Das deinem Sohn so schlecht bekam,
+Kannst du noch immer nicht verschmerzen,
+Bist Aladdin deswegen gram
+Und suchst ihn grundlos anzuschwärzen."
+
+So scheiterte die Lästrung kläglich.
+Der Fürst begab, sobald er wach,
+Vielmehr von jetzt ab sich tagtäglich
+Gleich in sein Lieblingswohngemach,
+Wo freien Ausblick er genoß
+Auf seines Schwiegersohnes Schloß,
+Und ward nicht müd, vom Fenster aus,
+Ganz in Bewunderung vergraben,
+An Form und Schmuck des stolzen Baus
+Das Auge stundenlang zu laben.
+Wer aber dächte, daß nunmehr
+Sich Aladdin daheim verschlossen
+Und ferngehalten vom Verkehr,
+Der hätte gänzlich fehlgeschossen.
+Im Gegenteil, er ward beständig
+Lustwandelnd in der Stadt gesehn,
+Ging zum Gebet in die Moscheen,
+Tat manchen Einkauf eigenhändig,
+War bei den hohen Edelleuten
+Oft zu Besuch, und jedesmal,
+Wenn er mit einer großen Zahl
+Betreßter Diener ausritt, streuten
+Sie Gold umher aus vollen Händen.
+An seines Schlosses Pforten kam
+Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden
+Vollauf beladen Abschied nahm.
+
+Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,
+Ins Feld hinausstob ungehemmt,
+Ward jedes Dorf auf seinen Wegen
+Von einem Goldstrom überschwemmt.
+Kein Wunder war's, wenn dergestalt
+Ihm der Berühmtheit Rosenwolke
+Das Haupt umspann, und wenn er bald
+Vergöttert ward vom ganzen Volke.
+Er aber wurde drum nicht eitel,
+Nein, zeigte dem bedrohten Staat
+Sich von der Zehe bis zum Scheitel
+Als echten Helden durch die Tat:
+Des Reichs gesamte Grenze stand
+In eines Aufruhrs hellem Brand.
+Der Feldherrn keiner konnt' ihn dämpfen,
+Bis Aladdin, dem Ruf der Not
+Gehorchend, mannhaft sich erbot,
+Auf eigne Faust ihn zu bekämpfen.
+Vom Herrscher an des Heeres Spitze
+Berufen zog er in das Feld,
+Nicht achtend Mühsal, Frost und Hitze!
+Bald war von ihm der Feind umstellt
+Und wurde wie beim Hasenjagen
+Trotz aller seiner Übermacht
+In einer einz'gen großen Schlacht
+Zerstreut und in die Flucht geschlagen.
+Dann führte seine tapfren Krieger
+Er heimwärts im Triumph, das Haupt
+Von einem Ruhmeskranz umlaubt,
+Und hieß nun Aladdin der Sieger.--
+
+In stetem Fluß allmählich reihte
+Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;
+Er aber ward es kaum gewahr
+An seiner schönen Gattin Seite,
+Geliebt und liebend, hochgeachtet
+Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.
+Die Bosheit, die von Urbeginn
+Das Gute zu vernichten trachtet,
+Sollt' aber nach der Gnadenfrist
+Auch ihn mit hartem Streiche treffen.
+
+[Illustration: Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" über Aladdin]
+
+Der Zaubrer, der mit schnöder List
+Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,
+Dann heimgewandert und seit Jahren
+In Afrika nun wieder saß,
+Wollt' eines Tages, rein zum Spaß,
+Genaueres davon erfahren,
+Wie Aladdin zugrund gegangen.
+Denn daß der Bursch aus jener Gruft
+Nie mehr, nachdem er drin gefangen,
+Zurückgekehrt zu Licht und Luft,
+War nicht im mindesten ihm fraglich;
+Die Frage, die er noch gespart,
+Galt einzig seiner Todesart.
+Er setzte sich darum behaglich
+An einen Tisch, worauf mit Sand
+Gefüllt ein Viereck sich befand
+In Schachtelform, nahm einen Stift
+Und zog damit nach Zaubrerweise
+Im Sande Linien und Kreise
+Nebst Lettern einer fremden Schrift.
+Berechnend, murmelnd unverständlich,
+Nach Grundsatz, Regel und Gebot
+Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich
+Heraus, daß Aladdin nicht tot,
+Nein, daß er aus der Gruft entsprungen,
+Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen
+Und obendrein als der Gemahl
+Der Sultanstochter herrlich lebe.
+
+Ha, war das tückische Gewebe
+Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,
+Krebsrot und wieder kreideblaß
+Und dann vor Mißgunst gelb und gelber.
+"Wie?" rief er aus in Wut und Haß,
+"Der Schatz, den mühsam für mich selber
+Ich ausgespürt mit saurem Schweiß,
+In zähem, jahrelangem Fleiß,
+Der Lampe hohe Wunderkraft
+Ward mir zu meines Forschens Lohne
+Von einem niedren Schneidersohne,
+Von einem Tagedieb entrafft!
+Er, den vermodert ich gewähnt,
+Er darf zu schwelgen sich erfrechen
+Im Reichtum, den er mir entlehnt!
+Doch nur Geduld, ich will mich rächen!"
+Er warf somit am selben Tag
+Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen
+Und galoppierte stracks von hinnen
+Zum Reich, das fern im Osten lag.
+
+
+
+
+12.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem er auf der langen Reise
+Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,
+Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,
+Sich nur genährt mit knapper Speise,
+Mit kargem Trank erfrischt, gelangte
+Der Zaubrer in des Sultans Reich,
+Und bald vor seinen Augen prangte
+Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich
+Ihm damals kläglich war mißlungen.
+In einem kleinen Gasthaus stieg
+Er ab, um seinen Rachekrieg
+Zu fördern durch Erkundigungen.
+
+Das Wichtigste ward ihm natürlich
+Enthüllt, bevor ein Tag verfloß;
+Denn alle Welt sprach unwillkürlich
+Von Aladdin und seinem Schloß.
+Er ließ zu dem berühmten Bau
+Von seinem Wirt sich hingeleiten,
+Und als er ihn von allen Seiten
+Beschnüffelt hatte ganz genau,
+Da wußt' er, daß dem Aladdin
+Zu einem Werk von solcher Größe
+Nur jene Lampe Kraft verliehn.
+Er gab sich selber Rippenstöße
+Vor Ärger, weil dies Meisterstück
+Ihn völlig erst ermessen lehrte,
+Was ihm entgangen war, und kehrte
+Zu seinem Gasthaus dann zurück.
+
+Wo mochte wohl die Lampe stecken?
+Wenn ihren Aufbewahrungsplatz
+Er fähig wäre zu entdecken,
+Dann könnt' er den ersehnten Schatz
+Von ihm erlisten, Raub um Raub,
+Und von der angemaßten Zinne
+Zurück ihn schmettern in den Staub.
+Er nahm behend wie eine Spinne,
+Die rastlos webt an ihrem Netze,
+Das Zauberviereck wieder vor,
+Und durch die magischen Gesetze,
+Die mit Gekritzel er beschwor
+Und knifflicher Berechnungsart,
+Ward bald unfehlbar ihm verraten:
+Die Lampe war im Schloß verwahrt.
+
+Der Zufall, der verruchten Taten
+Oft beisteht, war auch ihm gewogen.
+Willkommen traf die Nachricht ihn,
+Daß vor drei Tagen Aladdin
+Auf eine große Jagd gezogen
+Und fern sei bis zum Wochenschluß.
+Er trat in eines Klempners Laden
+Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden
+Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß
+zwölf Lampen haben, nagelneu,
+Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"
+Erwiderte mit breitem Lachen
+Der Klempner--denn er war erfreut,
+Solch glänzendes Geschäft zu machen--
+"Gleich zwölf? So viele hab' ich heut
+zwar nicht auf Lager; doch bis morgen
+Werd' ich die fehlenden besorgen."
+
+Mit einem Korb am Arme kam
+Der Zaubrer wieder tags darauf,
+Verpackte drin den ganzen Kram,
+Gab für den abgeschlossnen Kauf
+Weit höhern Preis als nach Verpflichtung,
+Bewegte dann sich in der Richtung
+Des Schlosses langsam durch die Stadt
+Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:
+"Hört, hört! Wer alte Lampen hat,
+Kann hier sie gegen neue tauschen."
+Die Leute dachten allgemein:
+"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."
+Die Kinder hielten ihn zum Narren
+Und liefen gröhlend hinterdrein.
+Ihn aber konnt' es nicht beirren;
+Er ließ im Korb die Lampen klirren
+Und wiederholte hundertmal
+Aus Leibeskräften sein Gekrähe
+Bis in des Schlosses nächste Nähe.
+
+In ihrem großen Kuppelsaal
+Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne
+Der Kinder und die schrillen Töne
+Des Rufers drangen auch zu ihr,
+Und einer Sklavin aufzutragen
+Gebot ihr drum die Wißbegier,
+Sie mög' hinuntergehn und fragen,
+Was dieser wüste Lärm bedeute.
+Die Sklavin ging und lachte hell,
+Da sie zurückkam: "Der Gesell,
+Der dort umringt wird von der Meute,
+Ist ohne Zweifel gänzlich toll.
+Sein Tragkorb ist von einem Haufen
+Der schönsten neuen Lampen voll;
+Er aber will sie nicht verkaufen,
+Nein, will sie tauschen gegen alte."
+
+Auch der Prinzessin Lachen schallte
+Nun laut und klang im Echo nach,
+Bis eine andre Sklavin sprach:
+"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,
+Da sich's um alte Lampen dreht
+Und gleich hier neben auf dem Spinde
+Zufällig eine solche steht,
+So könnte man, wenn's dir beliebt,
+Erproben, ob der Kerl tatsächlich
+Für diese da, die schon gebrechlich,
+Uns eine nagelneue gibt."
+
+Dem stimmte die Prinzessin zu.--
+Klang dir im Innern keine Warnung,
+O Bedrulbudur? Ahntest du
+Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung?
+Die Wunderlampe war's, die dort
+Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,
+Weil Aladdin, der immerfort
+Sie sonst mit sich herumgetragen,
+Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld
+Verloren gehn, nicht auf die Jagd
+Sie mitgenommen. Wer nun fragt,
+Warum aufs Spind er sie gestellt,
+Anstatt sie sorgsam einzuschließen,
+Den darf die Antwort nicht verdrießen,
+Daß hin und wieder ein Versehn
+Wohl jedem unterläuft im Leben,
+Und daß die Allerklügsten eben
+Die dümmsten Fehler oft begehn.
+Die Sklavin nahm die Lampe, trug
+Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,
+Hielt ihm sie hin und sagte munter:
+"Wenn diese da dir alt genug,
+Gib eine neue mir zum Tausche."
+Zugreifend voll Begier verschlang
+Er mit den Augen seinen Fang
+In schlecht verhehltem Freudenrausche;
+Dann ließ er unters Kleid ihn wandern.
+Den Korb jedoch mit den zwölf andern
+Wies er der Sklavin vor zur Wahl.
+Sie wählte lachend, und die Rotte
+Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.
+
+Doch er, geschmeidig wie ein Aal,
+Entkam durch eine Seitengasse,
+Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich
+Geborgen hatte vor der Masse,
+Den angefüllten Korb im Stich
+Und lief davon, sein Gasthaus meidend.
+Was lag ihm noch an seinem Pferd?
+Was lag an andrem Geldeswert?
+Jetzt war nur eins für ihn entscheidend!
+Nachdem er eine halbe Meile
+Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,
+Beschloß er, noch für eine Weile
+Sich zu gedulden, bis die Nacht
+Ihm Schutz vor Überrumplung böte.
+Erst als im Westen sich verlor
+Der letzte Schein der Abendröte,
+Zog er die Lampe sacht hervor
+Und rieb sie.
+
+ "Was ist dein Begehr?"
+So rief im nächsten Augenblicke
+Der Geist, an Länge, Breite, Dicke
+Fünfmal so massig wie ein Bär;
+"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,
+Daß ich gehorsam dich bediene."
+Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:
+"Du sollst das Schloß, das jener Wicht
+Von dir sich hat erbauen lassen,
+Mit seinen sämtlichen Insassen
+Und mir zugleich alsbald von da
+Forttragen durch des Äthers Wellen
+Und an dem Punkt in Afrika,
+Wo ich daheim bin, niederstellen."
+Gehorsam seinem neuen Meister
+Vollzog der Geist noch in der Nacht
+Mit Hilfe seiner Nebengeister
+Den Auftrag.
+
+ Zeitig aufgewacht
+Begab der Sultan sich wie täglich
+Zum Fenster, um in froher Schau
+Zu mustern den erhabnen Bau.
+Sein Staunen aber war unsäglich,
+Als er den leeren Platz erblickte,
+Vom Schloß dagegen keine Spur.
+Er rieb die Augen sich, er zwickte
+Sich in den Arm; dies konnte nur
+Entweder Trug sein oder Traum!
+Doch welche Vorsicht er auch übte,
+Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte
+Den Himmel bis zum fernsten Saum.
+Unzweifelhaft, er träumte nicht!
+Mit steifem, starrem Angesicht
+Stand er und stand wie angewurzelt
+Und murmelte: "Das Schloß ist fort,
+Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt,
+So lägen doch die Trümmer dort.
+Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!"
+Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen,
+Ließ er dem Großvezier bestellen,
+Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.
+
+Der Großvezier kam angerannt;
+Der Sultan faßte seine Hand,
+Zog ihn zum Fenster hin und fragte
+Voll Spannung: "Wirst du was gewahr
+Vom Schloß, das gestern hier noch ragte?
+Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."
+Der Großvezier war höchst betroffen;
+Jedoch er sammelte sich bald.
+"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,
+Was mir schon längst für sicher galt,
+Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?
+Dies Schloß, ich wiederhol' es frei,
+So schnell verschwunden wie errichtet,
+Es war ein Werk der Zauberei."
+
+Der Sultan, der dem Lästerwort
+Nicht mehr zu widerstehn vermochte,
+Ward kirschrot im Gesicht; er kochte
+Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!
+Ein Gauner, listig und verlogen,
+Hat an der Nase mich gezogen!
+Wo ist der Schurk', der das gewagt?
+Noch heute soll sein Blut verschäumen!"
+Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen,
+Bis er zurückkehrt von der Jagd."
+"Nichts da! Das wäre zu viel Schonung,"
+Entgegnete der Sultan wild;
+"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,
+Mit der man Hochverrat vergilt.
+Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach!
+Die sollen unterwegs ihn greifen,
+Verhaften und mit Schimpf und Schmach
+Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Auf seinem Rückweg nach der Stadt
+Begriffen, ahnungslos und heiter,
+Traf Aladdin die dreißig Reiter.
+Ihr Hauptmann grüßte höflich glatt,
+Und er, von Heimweh schon beschwingt
+Und in der Meinung, jene wären
+Vorausgesandt zu seinen Ehren,
+Sah sich mit einem Schlag umringt.
+"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklären,"
+Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,
+Der Unheil meldet, spricht nicht gern.
+Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,
+Befohlen, dich als Staatsverbrecher
+In Haft zu nehmen und gefangen
+Zu führen vor sein Angesicht."
+"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"
+Rief Aladdin mit heißen Wangen.
+Drauf jener: "Prinz, das weiß ich nicht."
+"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,
+Was eures Amts! Ich folg' euch willig,
+Ist's auch gewiß nicht recht und billig,
+Was unverschuldet mir geschieht."
+Er warb vom Pferd geholt, an Armen
+Und Hals mit Ketten fest umschnürt
+Und so zum Schrecken und Erbarmen
+Des Volkes in die Stadt geführt.
+
+Der Liebling aller war in Not!
+Man wußte nicht, aus welchem Grunde,
+Sah nur ihn von Gefahr bedroht
+Und wollte drum, zu raschem Bunde
+Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.
+Ein Teil ergriff metallne Waffen,
+Ein andrer Steine, Knüttel, Stangen,
+Den Reitern sperrend Weg und Raum;
+Mit ihrem Häftling konnten kaum
+Sie bis in den Palast gelangen.
+
+Der Sultan, der bereits ihr Nah'n
+Erwartet hatte vom Altan,
+Befahl dem Henker, alsogleich
+Dem Schändlichen, der sein Vertrauen
+Getäuscht, mit einem scharfen Streich
+Das Frevlerhaupt herabzuhauen.
+Es ward ihm keine Frist verliehn,
+Sich durch Verteidigung zu retten;
+Der Henker hieß, nachdem die Ketten
+Ihm abgestreift, ihn niederknien,
+Band ihm sodann die Augen zu,
+Erhob das Richtschwert, wie befohlen,
+Um auf des Herrschers Wink im Nu
+zum Streich gewaltig auszuholen.
+
+[Illustration: Aladdins schlimmste Stunde]
+
+Da--was ist das? Was dröhnt und gellt?
+Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?
+Vom Volke haben viele Tausend
+Im Aufruhr den Palast umstellt.
+Man reißt und rüttelt an den Mauern,
+Man bricht aus ihnen Stein um Stein,
+Und lange kann es nicht mehr dauern,
+Da stürzen sie zertrümmert ein,
+Und alle Tore klaffen splitternd.
+"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd
+Zum Sultan sich der Großvezier,
+"Schau hin, wie meuterische Horden,
+Vollständig zügellos geworden,
+Gleich einem grimmen Riesentier
+Sich gegen deine Mauern türmen!
+Der Mensch hat auch dein Volk behext,
+Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,
+Dann wird es den Palast erstürmen."
+
+Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.
+Er merkte wohl, daß durch den Tod
+Prinz Aladdins das Reich in Flammen
+Auflodern würde. Drum gebot
+Er dem verblüfften Henker knapp
+Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;
+Der nahm die Binde von ihm ab,
+Und den erregten Menschenmassen
+Ward mit Trompetenstoß verkündigt,
+Der Sultan habe kurz und gut,
+Wie sehr auch Aladdin gesündigt,
+Ihn zu begnadigen geruht.
+Dies Wort, voll Beifallslärm umtönt,
+Goß Öl in die erzürnten Wogen;
+Die sämtlichen Empörer zogen
+Nach Haus beschwichtigt und versöhnt.
+
+Doch Aladdin, als er befreit
+Sich sah, hob zum Altan die Hände:
+"Herr," bat er flehentlich, "vollende
+Die Gnade, die du mir geweiht,
+Und sage mir, durch welch Verbrechen
+Verdient' ich solch ein Strafgericht?"
+"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,
+Zu tun, als wüßtest du das nicht?
+Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!
+Dein Stolzes Schloß, wo mag es liegen?
+Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."
+Als Aladdin emporgestiegen,
+Ließ er ihn durch das Fenster blicken
+Und fragte barsch: "Was siehst du da?"
+Der Ärmste glaubte zu ersticken,
+Als er die leere Stelle sah.
+Versteinert, reglos blieb er stehn,
+War nicht imstande, sich zu sammeln,
+Geschweige denn ein Wort zu stammeln.
+
+"Nun sprich! Kannst du dein Schloß erspähn?"
+So forschte jener streng und hart.
+"Bekenne, wo es hingekommen,
+Und was aus meiner Tochter ward!"
+"Mein Fürst," sprach Aladdin beklommen,
+"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,
+Was mittlerweil sich hier begeben,
+So schwör' ich dir bei meinem Leben,
+Ich habe keinen Teil daran!"
+Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten
+Entschuldigst du dein Bubenstück!
+Gern will ich auf das Schloß verzichten;
+Jedoch mein Kind gib mir zurück!
+Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz
+Dir deinen Kopf herunterschlagen,
+Als wäre der ein Tannenklotz."
+"Herr, eine Frist von vierzig Tagen
+Gewähre mir!" bat Aladdin.
+"Ich werde, sollt' es mir mißlingen,
+Verlornes wiederzuerringen,
+Mich meiner Strafe nicht entziehn."
+Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;
+Ich will dir diese Frist vergönnen.
+Du würdest doch um keinen Preis
+Dem Rächerarm entrinnen können."
+
+Bekümmert, mit gesenktem Haupt
+Schlich Aladdin wie ausgestoßen
+Von dannen, und dieselben Großen,
+An deren Freundschaft er geglaubt,
+Die gestern noch ihm auf dem Fuß
+Gefolgt, um sich vor ihm zu bücken,
+Vermieden heute seinen Gruß
+Und kehrten lieblos ihm den Rücken.
+Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?
+Er lief, im Kopfe wirr und kraus,
+Umher, die Stadt von Haus zu Haus,
+Von Tür zu Tür nach allen Enden
+Durchwandernd, ohne zu verstehn,
+In welcher Absicht, fragte jeden
+Mit abgeriss'nen irren Reden,
+Ob irgendwer sein Schloß gesehn.
+Gar manche wurden übermannt
+Von Mitleid; andre wieder lachten
+Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,
+Er sei nicht richtig bei Verstand.
+
+Nachdem er so mit müdem Blick
+Drei Tage lang herumgeschlendert,
+Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick
+Sich so bejammernswert geändert,
+Er nicht mehr weilen, sondern trollte
+Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.
+Unendlich lag vor ihm die Welt;
+Nur wußt' er nicht, wohin er sollte.
+"Weh mir! Ich ward so bettelarm,
+Daß ich mein traurig Los verfluche!"
+So rief er aus in bittrem Harm.
+"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,
+Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,
+Wo find' ich die Geliebte wieder?
+Weit besser, daß die Augenlider
+Der Tod mir schließt auf immerdar!"
+Er näherte sich einem Fluß
+Und wollt', um seine Qual zu kürzen,
+Sich mit verzweifeltem Entschluß
+Kopfüber in die Fluten stürzen.
+Es war um Sonnenuntergang;
+Der Feuerball mit letztem Blinken
+Schien ihm den Abschiedsgruß zu winken.
+Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.
+
+Das Ufer war an dieser Stelle
+Besonders steil, und seinen Rand
+Umschloß ein kahles Felsenband
+In rauh zerklüftetem Gefalle,
+Sodaß der lebensmüde Springer
+An einem Felsstück hängen blieb
+Und jener Ring, den er am Finger
+Noch immer trug, daran sich rieb.
+Das war sein Glück; denn alsobald
+Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,
+Stand mächtig vor ihm aufgerichtet
+Desselben Geistes Schreckgestalt,
+Der einst ihm in der Gruft erschienen,
+Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.
+Mir zu gebieten ist dein Recht;
+Sag' an, womit kann ich dir dienen?"
+
+[Illustration: Der Geist führt Aladdin nach Afrika]
+
+Drauf Aladdin: "O Geist, errette
+Zum zweiten Male mich vom Tod
+Und bring', bevor der Morgen loht,
+Mein Schloß zurück zur alten Stätte!"
+Der Geist versetzte: "Dies Gebot
+Verträgt sich nicht mit meinem Walten.
+Ich diene nur dem Ring. Du mußt
+Dich an den Geist der Lampe halten."
+"Nun wohl; jedoch wenn dir bewußt,
+Wo sich zurzeit mein Schloß befindet,"
+Sprach Aladdin, "befehl' ich dir
+Kraft dieses Ringes, der dich bindet:
+Befördre mich sogleich von hier
+Gradaus an seinen neuen Platz!"
+Kaum ausgesprochen war der Satz,
+Da trug beflügelt ihn der Riese
+Nach Afrika, zu jenem Ort,
+Wo nun inmitten einer Wiese
+Das Bauwerk stand, und setzte dort
+Ihn sänftlich nieder auf das Gras.
+
+Zwar blieb es Aladdin verborgen,
+Daß er im Innern Afrikas
+Gelandet war; doch er genas
+Von allen Martern, allen Sorgen,
+Als er den wohlbekannten Bau
+Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer
+Gewahrte, ja sogar die Zimmer
+Dicht vor sich sah, die seiner Frau
+Zur Wohnung dienten; und sie schlief
+Wahrscheinlich dort schon fest und tief.
+Um Lärm und Aufsehn zu vermeiden,
+Hielt er gewaltsam sich zurück,
+Wie schwer's auch war, so nah dem Glück
+Bis morgen früh sich zu bescheiden.
+Er streckte, von der langen Pein
+Ermattet, unter einer Palme
+Sich aus zum Schlummer, und die Halme
+Des Grases wiegten mild ihn ein.
+
+
+
+
+14.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Erweckt von süßen Vogelliedern
+Hob er sich mit gestählten Gliedern
+Vom Lager zeitig, und gelenkt
+Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude
+Sein erster Blick auf das Gebäude,
+Das ihm erschien wie neu geschenkt.
+Auch die Prinzessin, die vor Kummer
+Und tausend Ängsten Nacht für Nacht
+In all der Zeit nur wenig Schlummer
+Gefunden hatte, war erwacht.
+Wer aber schildert ihre Wonne,
+Da vor dem Fenster sich im Strahl
+Der eben aufgegangnen Sonne
+Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!
+Erst wechselten sie hundertfach
+Kußhände, Grüße, Flüsterworte;
+Dann schlich durch eine kleine Pforte
+Verstohlen er in ihr Gemach.
+
+Versteht sich, daß die Neuvereinten
+Sich herzten, sich im Überschwang
+Umschlungen hielten endlos lang
+Und heiße Freudentränen weinten
+In ihres Wiedersehens Rausch.
+Zuletzt indessen unterbrach
+Der Zärtlichkeiten holden Tausch
+Bedeutsam Aladdin und sprach:
+"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
+Ich muß, eh wir einander klagen,
+Was wir erlebt in diesen Tagen,
+Vor allem dich nach dem Verbleib
+Der unscheinbaren Lampe fragen,
+Die, während ich zur Jagd gezogen,
+Im Saale stand auf einem Spind."
+"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
+Ich selber wurde ja betrogen.
+Längst ahnt mir, daß uns ihretwegen
+Ereilte dieser Schicksalsschlag."
+Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
+Ich töricht unterlassen, lag
+Die Schuld an mir. Doch jetzt erwägen
+Wir besser, was den Schaden heilt.
+Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
+
+Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
+Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
+Den Händler kenn' ich! Dieser Schuft,
+Schon einmal wollt' er mich vernichten."
+Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
+Wie nachts unmerklich durch die Luft
+Entführt, sie morgens beim Erwachen
+Sich hier in diesem fremden Land
+Befunden, Afrika genannt,
+Und wie der Kerl mit frechem Lachen
+Sich ihr als Schloßherrn vorgestellt.
+Drauf Aladdin mit Zornesfunken
+Im Auge: "Solchen Erzhalunken
+Hat nie zuvor gesehn die Welt.
+Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
+Wo er die Lampe hält versteckt?"
+Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
+Konnt' ich, daß unterm Kleid verdeckt
+Er sie beständig bei sich trägt.
+Denn seit ich hier bin, kommt er täglich
+Zu längerem Besuch und legt
+Es darauf ab, mich unerträglich
+Mit ekler Huldigung zu quälen.
+Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
+Ich solle zum Gemahl ihn wählen,
+Weil du nicht mehr am Leben seist.
+Mein Vater habe dir im Zorn
+Den Kopf herunterschlagen lassen.
+Dies Lied begann er stets von vorn,
+Obwohl ich glühend ihn zu hassen
+Beteuerte. Der eitle Wahn
+Erfüllt ihn, daß ich auf die Dauer
+Nicht widerstehe, wenn die Trauer
+Um dich allmählich abgetan.
+So hab' ich stets vor seiner List
+Und seiner Schlechtigkeit gezittert
+Bis heute, wo du bei mir bist."
+
+"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
+"Was andres blühen, als er meint.
+Sei nur getrost! Von diesem bösen,
+Ruchlosen, ränkevollen Feind
+Werd' ich uns hoffentlich erlösen.
+Was auch geschieht, mit Zuversicht
+Vertraue mir bis zur Entscheidung,
+Und siehst du später in Verkleidung
+Mich wiederkehren, staune nicht."
+Sobald er seines Schlosses Mauern
+Verlassen, ging er querfeldein
+Und traf in einem Palmenhain
+Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
+Er fragte diesen nach dem Wege
+Zur nächsten Stadt, und ob sein Kleid
+Mit ihm zu wechseln er bereit.
+Der Bauer war durchaus nicht träge,
+Für dieses Fremden reiche Tracht
+Sein schäbig Zeug daranzusetzen,
+Und Aladdin, nachdem er sacht
+Geschlüpft war in die alten Fetzen,
+Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
+Der Stadt entgegen, kam hinein
+Und fragt' in einem Krämerladen,
+Ob ein gewisses Pülverlein
+Zu haben sei. Der Krämer nickte,
+Betonte nur, weil das geflickte
+Gewand des Käufers ein Beweis
+Der Armut schien, den hohen Preis.
+Doch als der Fremde nicht verlegen
+Ein Goldstück aus dem Beutel zog,
+Bracht' er das Pulver ihm und wog
+Ein Lot ihm ab.
+
+ Auf gleichen Wegen
+Kam Aladdin ins Schloß zurück
+Und sprach zu seiner Gattin: "Höre!
+Notwendig für mein Wagestück
+Ist mir dein Beistand. Ich beschwöre
+Dich drum, befolge meinen Rat!
+Wirf dich in deinen schönsten Staat,
+Schmück' mit Geschmeide dich und Spangen,
+Um den Entführer, wenn er naht,
+Mit wärmstem Gruße zu empfangen.
+Damit kein Argwohn ihn beirrt,
+Stell' dich, als ob du mich vergessen,
+Wenn dir's auch noch so sauer wird,
+Und lad' ihn ein zum Abendessen.
+Sobald er dann mit dir in frecher
+Behaglichkeit bei Tische sitzt,
+Laß ihm kredenzen einen Becher,
+Gefüllt mit Wein, in den verschmitzt
+Vorher dies Pulver du gestreut,
+Und bitt' ihn höflich, dir zu Ehren
+In einem Zug ihn auszuleeren.
+Von dieser Bitte hocherfreut
+Wird er den Wein hinuntertrinken
+Und leblos auf den Boden sinken,
+Bevor er noch den Trunk bereut."
+
+Wenn dieses Spiel auch recht verfänglich
+Ihr vorkam, so versprach sie fest,
+Sie werde tun, was unumgänglich.
+Er barg sich für des Tages Rest
+In einem abgelegnen Flügel
+Des Schlosses. Als die fernen Hügel
+Die Dämmerung mit ihrem grauen
+Gewebe langsam überspann,
+Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
+Mit deren Beistand sie begann,
+Aufs wunderbarste sich zu schmücken.
+Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
+Ihr angelegt und zum Entzücken
+Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
+Ihr Gürtel, ihre Spangen waren
+Gleichwie der Reif in ihren Haaren
+Mit Diamanten dicht besetzt;
+Und um den Hals die Perlenkette--
+Welch noch so große Fürstin hätte
+Sich glücklich nicht mit ihr geschätzt?
+Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
+Ihr Bild in einem Spiegel an
+Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
+Der nicht von so viel Reiz geblendet
+Vor mir die Waffen mußte strecken?"
+Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
+Empor, worin schon für das Mahl
+Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
+
+Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
+Als pünktlich zur gewohnten Stunde
+Der Zaubrer eintrat und erstarrt
+Von so viel reichem Schmuck im Bunde
+Mit so viel Schönheit stehen blieb.
+Sie schritt holdselig ihm entgegen,
+Als wäre sein Besuch ihr lieb,
+Und tat, als ob nur seinetwegen
+Sie so verlockend sich und prächtig
+Gekleidet. Zögernd nahm er Platz,
+Noch immer keines Wortes mächtig.
+"Freund, sollte dich der Gegensatz
+In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
+Begann sie lächelnd, "So vernimm,
+Ich mag mich jetzt nicht länger grämen.
+Denn daß durch meines Vaters Grimm
+Mein Gatte seinen Tod gefunden,
+Davon hast du mich überzeugt.
+Gesetzt auch, daß ich tiefgebeugt
+Mit unheilbaren Herzenswunden
+Wehklagen wollt' um ihn beständig,
+Er würde doch nicht mehr lebendig.
+Ich gönn' ihm seine Grabesrast,
+Und weil sich meine Fesseln lösten,
+Bin ich entschlossen, mich zu trösten,
+Und lade dich bei mir zu Gast."
+
+[Illustration: Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder]
+
+Der Zaubrer bildete frohlockend
+Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
+Sah sich im Geiste schon am Ziel
+Des kühnsten Wunsches, dankte stockend
+Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
+Wie dort zu ihm verführerisch
+Nun ihre Blicke sich erhoben,
+Da schien es ihm unzweifelhaft,
+Sie habe sich in ihn vergafft
+Und wolle sich mit ihm verloben.
+Ein üppig Mahl ward aufgetragen,
+Und eine Sklavin reichte Wein.
+Selbst schenkte die Prinzessin ein,
+Goß unbemerkbar ohne Zagen
+Das Pulver in des Gastes Becher
+Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
+Bereiten, dann als wackrer Zecher
+Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
+"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
+Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
+So rief er hochbeglückt und leerte
+Den Becher aus bis auf den Grund.
+Nach einem letzten kurzen Schnaufen
+Fiel er bewußtlos rücklings hin.
+
+Geholt von einer Dienerin
+Kam Aladdin herbeigelaufen.
+Als Bedrulbudur ihn umschlang,
+Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
+Denn mancherlei bleibt mir noch immer
+Zu tun, obwohl dir dies gelang."
+Nachdem sie sich entfernt, verlor
+Er keine Zeit. Er riß der Leiche
+Das Kleid auf, zog die wunderreiche
+Geraubte Lampe draus hervor,
+Ließ das entseelte Jammerbild
+Fortschaffen von zwei starken Knechten
+Hinaus ins nächtige Gefild,
+Damit die Geier sein gedächten,
+Wenn sie's gelüstete nach Speise,
+Berief dann in gewohnter Weise
+Den Geist und sagte: "Bring' sofort
+Mein Schloß an seine alte Stelle!"
+Noch nicht vollendet war das Wort,
+Als schon der Geist in Windesschnelle
+Mit fast unmerklichem Vollzug
+Das Bauwerk durch die Lüfte trug.
+
+
+
+
+15.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Sultan, der bis jetzt unendlich
+Um seine Tochter sich gegrämt,
+War vor Verwundrung wie gelähmt
+Als morgens breit und gegenständlich,
+Zurückgekehrt zum alten Platz
+Das Schloß zu ihm herübergrüßte.
+Der Anblick bot ihm für verbüßte
+Betrübnis reichlichen Ersatz.
+Er ließ ein Pferd sich satteln, trabte
+Zum Schloß, verfügte sich geschwind
+Zu seinem lang entbehrten Kind
+Und ihre Zärtlichkeit erlabte
+Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
+Welch unglückselige Verkettung
+Sie damals plötzlich ihm entrissen,
+Und welchem Umstand ihre Rettung
+Zu danken sei. Mit knappen Strichen
+Erzählte sie vom fürchterlichen
+Schwarzkünstler, der durch Zaubermacht
+Sie mit dem Schloß entführt bei Nacht;
+Wie von dem Schändlichen bedrückt
+Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
+Bis ihrem Gatten es geglückt,
+List gegen List ihm obzusiegen.
+
+Ihr Vater war damit zufrieden,
+Und als nunmehr auch Aladdin
+Ins Zimmer kam, da zog er ihn
+An seine Brust und sprach: "Hienieden
+Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
+Vergib mir, wenn aus Übereilung,
+Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
+Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
+Indem du mir mein Kind befreit
+Und sie behütet hast vor Schande;
+Dies dank' ich dir für alle Zeit."--
+Gefeiert ward im ganzen Lande
+Die Wiederkehr des jungen Paars.
+Ihr Glück verdüsterte kein Schatten.
+Doch nicht die letzte Prüfung war's,
+Die beide zu bestehen hatten.
+
+Der Zaubrer nämlich, der ein Leben
+Von großer Zähigkeit besaß,
+War durch das Pulver, als dem Fraß
+Der Geier man ihn übergeben,
+In Wahrheit nur betäubt gewesen,
+Von seinem Scheintod aufgewacht
+Am nächsten Tag und bald genesen.
+Er schwor, von Racheglut entfacht
+Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
+Er wolle vor Vergeltungseifer
+Nicht rasten fürder und nicht rosten,
+Und drum begann zum drittenmal
+Er schleunigst über Berg und Tal
+Die Reise nach dem fernen Osten.
+
+Nach einem ganzen Wanderjahr
+Voll Mühe, Drangsal und Gefahr
+Kaum in der Hauptstadt angekommen,
+War er nach einem neuen Kniff
+Umschau zu halten im Begriff.
+Er hörte dort von einer frommen,
+Betagten Wundertäterin
+Erzählen, die Fatime hieß
+Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
+Der stillen Andacht überließ
+In einer abgeschiednen Klause.
+Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
+Schlich er zu ihrem kleinen Hause
+Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
+Drang in ihr ärmlich Zimmer, weckte
+Mit rohem Schütteln die Erschreckte,
+Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
+"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
+Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
+Sie mußt' ihm ihre Kleider lassen
+Sowie den Schleier und die Haube,
+Nebst dem geweihten Rosenkranz.
+Obwohl dem Räuber sie sich ganz
+Willfährig zeigte, ja, zum Raube
+Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
+Stach er sie vorsichtshalber tot.
+
+Sodann vor einem Spiegel schor
+Den Bart sich weg der Halsabschneider,
+Warf sich in seines Opfers Kleider,
+Und als die Sonne stieg empor,
+Trat er verschleiert auf die Gasse.
+Der eine sprach zum andern: "Schau,
+Dort geht einher die fromme Frau,"
+Und eine große Menschenmasse
+Umgab ihn rings voll Dankgefühl
+Und folgte, Segenswünsche hegend,
+Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.--
+Als die Prinzessin das Gewühl,
+Vom Kuppelsaal herunterlugend,
+Wahrnahm und obendrein erfuhr,
+Daß all dies bunte Volk der Spur
+Fatimens folge, deren Tugend
+Und Heiligkeit ihr längst bekannt
+Als der Verehrung Gegenstand
+Und als das Vorbild frommer Sitten,
+Da dachte sie, daß ihr gezieme,
+Die Frau zu sich heraufzubitten.
+Zu der vermeintlichen Fatime
+Kam eine Botin, sie zu holen.
+Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
+Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
+Als er mit ihr den Saal erstieg,
+Und fing, nachdem er ihn betreten,
+Mit solcher Inbrunst an zu beten,
+Daß die Prinzessin sich verneigte
+Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
+Sie ansprach mit verstellter Stimme,
+Sowie nur hinter Schleiern zeigte
+Sein glattgeschorenes Gesicht,
+Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
+Und sprach "Laß mich die Gunst begehren,
+Fatime, daß du dauernd weilst
+An unserm Herd und gute Lehren
+Zu frommem Wandel mir erteilst."
+Der abgefeimte Tückebold
+Erklärte gern sich einverstanden;
+Das war es ja, was er gewollt!
+"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
+Im Schloß," fuhr die Prinzessin fort
+In ihrer gläubigen Betonung,
+"Und deiner Andacht wirst du dort
+Obliegen können ohne Störung.
+Erst aber mögest du mir ehrlich
+Gestehn, wie dir das Schloß gefällt."
+Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
+Ist seinesgleichen auf der Welt;
+Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
+Und dem Geschmack der Farbenwahl,
+Bedrückt mich, daß in diesem Saal
+Noch etwas mangelt zur Vollendung."
+"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Drängen
+Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
+Von dieser Kuppel müßt' ein Ei
+Des Vogels Roch herunterhängen."
+Sie fragte, wo man das wohl fände.
+Der Zaubrer drauf: "Gewaltig groß
+Ist dieser Roch und nistet bloß
+Auf Spitzen schroffer Bergeswände."
+Sie dankte für den Rat und führte
+Die falsche Heilige, noch immer
+Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.
+
+[Illustration: Aladdin tötet den verkleideten Zauberer]
+
+Zum Saal zurückgekehrt, verspürte
+Nun die Prinzessin, an der Angel
+Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,
+Den nie zuvor sie wahrgenommen.--
+Als Aladdin von einem Ritt
+Heimkommend ihr entgegenschritt,
+War sie so wunderlich beklommen,
+Daß er sie fragte nach dem Grund.
+Sie mußt' ihm ihr Gelüst enthüllen,
+Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,
+Gab ihr sein Wort, ihn zu erfüllen.
+Er ging alsbald in sein Gemach
+Und rieb sie Lampe, die verschlossen
+Jetzt stand in einem sichren Fach.
+Nachdem der Geist emporgeschossen,
+Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,
+Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch
+Im Saal ein Ei des Vogels Roch.
+Verschaff mir's binnen drei Minuten!"
+
+Kaum war das Wort entflohn, da fing
+Der Geist so furchtbar an zu dröhnen,
+Zu schrei'n, zu wimmern und zu stöhnen,
+Daß Hören ihm und Sehn verging
+Und zitternd er zu Boden sank.
+"Elender," brüllte mit Gepolter
+Der Riese, "spannst du mich zum Dank
+Für meinen Frondienst auf die Folter?
+Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen
+Als Deckenschmuck für seinen Saal
+Dir meinen eignen Vater bringen?
+Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl
+Dich und dein Schloß in Asche wandelt.
+Ich weiß zu deinem Glück, du hast
+Nicht aus dir selber so gehandelt.
+Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.
+Er ward nicht von dir umgebracht,
+Nein, kam ins Land, um sich zu rächen,
+Ergatterte durch ein Verbrechen
+Der heiligen Fatime Tracht,
+Und deine Frau, von ihm umgarnt,
+Trieb zu dem schändlichen Befehle
+Dich arglos an. Drum sei gewarnt;
+Er will dir meuchlings an die Kehle."
+Sprach's und verschwand. Sofort verfügte
+Sich Aladdin zurück zum Saal,
+Wo seine Gattin sich vergnügte
+Mit einem Ballspiel, und befahl,
+Man mög' ihm gleich Fatime holen.
+
+"Sei mir gegrüßt!" rief Aladdin,
+Als der vermummte Feind erschien;
+"Denn warm hat man dich mir empfohlen.
+Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."
+Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,
+Und er bemerkte, wie der Strolch
+Ein Messer unter seinem Kleide
+Heimlich herauszog aus der Scheide.
+Schnell griff er seinen eignen Dolch
+Und bohrte dessen scharfes Erz
+Dem Schurken mitten in das Herz.
+Von seinem Blute ward im Saal
+Der Boden ringsumher gerötet.
+
+"Weh, was begingst du, mein Gemahl?
+Du hast die Heilige getötet!"
+Schrie Bedrulbudur sich verfärbend.
+Er aber sprach voll Seelenruh':
+"Nein, liebe Gattin, komm herzu!
+Hätt' ich gesäumt, so läge sterbend
+Ich selber hier; denn dieser Tote
+Bekam den Lohn, der ihm gebührt:
+Erkenn' ihn, der dich einst entführt
+Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."
+
+So hatte glücklich unser Held
+Sich des Verfolgers nun entledigt,
+Der ihm beharrlich nachgestellt,
+Und ward vom Schicksal reich entschädigt
+Für allen ausgestandnen Harm.
+In der geliebten Tochter Arm
+Entschlief im hohen Greisenalter
+Der Sultan, und sein Schwiegersohn
+Mit seiner Frau stieg als Verwalter
+Des weiten Reiches auf den Thron.
+Sie herrschten als beglückte Leute,
+Umringt von Kind und Kindeskind,
+Und wenn sie nicht gestorben sind,
+So leben sie gewiß noch heute.
+
+[Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14221 ***