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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:43:48 -0700 |
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KIRCHHOF 4. + + + + +INHALT. + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens + +Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch + +Von Lagos nach Liverpool + +Die Stadt Kuka in Bornu + +Am BénuÄ“ + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868 + +Der Aschangi-See in Abessinien + +Nach Axum über Hausen und Adua + +Damiette + +Malta + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika + + + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens. + + +Mursuk in Fessan im Januar 1866. + +Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt +hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den +Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte +Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand +würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, +viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise +der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben +Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die +Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der +Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der +Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès +an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter. + +Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das +gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in +ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, +nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem +vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler +und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über +den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie +eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so +anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als +nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas +jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie +Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern +frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk +kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen +desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern. + +Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand +meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in +Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine +Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche +Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt +haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in +Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im +Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen. + +Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor +zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den +Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält +folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand +Si Lalla's bewährt hat: + +"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen +sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt +haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und +Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind +_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach +mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den +Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen +dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur +im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran +ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so +geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie +innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern +Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit +von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und +gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie +vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält +einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so +geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen +hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen +verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien +heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes +Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den +civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom +Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, +als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage +immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern +Platz machen müssen etc." + +Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute +meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur +nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald +sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und +notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf +seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das +Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des +Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. +Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der +Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere +gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien +der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre. + +Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich +will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen +Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt +nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern +Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich +französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, +namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber +zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, +wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder +gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit +undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, +weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als +ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in +Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_ +einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte +beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am +Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu +unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die +sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern, +bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; +überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker +unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und +Türken Eine Religion. + +Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und +sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne +zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen +Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten +Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird +Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden +ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der +Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es +bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So +verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die +Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu +verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn +wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie +sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den +anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht +schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so +ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im +Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in +der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, +und in der Priesterschaft. + +In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von +aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der +Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt +gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den +Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem +christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen +Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. +Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, +haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr +Standpunkt war zur Zeit Abrahams. + +Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für +die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; +diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu +vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche +Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. +Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der +Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die +Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die +Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die +Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in +christlich civilisirtes Land umzuwandeln.-- + + + + +Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch. + + +#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.# + +Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_, +näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica +(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an +Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. +Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und +diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und +Persien vorzugsweise. + +Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes: + +"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und +wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli +eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit +demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern +giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri +auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, +vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer +arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener +machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem +eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, +ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat. +Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch +_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem +eigenthümlich unangenehmen Geschmack." + +Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als +die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der +gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden +vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man +z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des +Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von +manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, +Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle +Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach +Süden exportirt. + +Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder +sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und +rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder +Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen +so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art +Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man +pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit +Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art +Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die +unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden. + +Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt +dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche +Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem +sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine +Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was +Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, +dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in +Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen +kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen. + + + + +Eindruck, den aus mich die Cannabis machte. + +#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.# + + +Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans +Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich +nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste +etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. +Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer). + +Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: +Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene +Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und +Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse. + +Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich +indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse +schwarzen Kaffee ohne Zucker. + +7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne +mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und +befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die +Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln. + +7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die +Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos +scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den +Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse +ich, womit ich angefangen. + +7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls +zählen unmöglich. + +Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer +zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit +den Händen fühle, dass ich liege. + +Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser +Zeilen Stunden zubringe. + +8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem +Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe +vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, +ich will ausgehen. + +8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt +verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; +ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu +petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und +setzte mich vor mein Haus. + +_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön +tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich +und sehe, dass Alles erlogen ist. + +Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_? + +Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir +grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht +ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl +nicht gelähmt. + +Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin +ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft +schweben. + + +#26. Januar Morgens.# + +Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu +schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute +Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen +Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der +Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich +denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, +überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im +Tekrurizustande mich befände. + +Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass + +1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint. + +2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches +eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche +Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen. + +3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe. + +4) Auffallende Lähmung der Willenkraft. + +5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden +vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt. + +6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie. + +7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass +dieser Zustand immer dauern möge. + +8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als +das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen. + +Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch +nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer. + + + + +Von Lagos nach Liverpool + + +Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, +den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der +Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich +Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, +welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe +noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, +untergegangen. + +Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener +Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója +aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie +unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von +Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde +auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der +während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger +herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu +Pferde) begleitet, der schon von Ibà dan an mit mir reiste, und dessen +Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre +Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, +als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten +wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras +lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen +Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im +dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man +öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn +auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt +Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags. + +Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die +jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen +Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art +Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, +wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um +die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen +die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, +Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde +vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur +vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am +schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere +Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere +transportirt werden können. + +Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten +schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen +Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und +hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum +eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder +herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der +ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. +Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die +baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die +gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die +dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man +mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich +hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer +und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von +Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben +Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben +und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte +Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten +Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der +Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse +Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird. +Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen +mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene +angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und +Treiben am Ufer hervorrief. + +Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen +liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am +Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die +Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im +Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger +Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel +zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit +gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 +Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen +Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. +Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit +allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich +westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. +in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir +Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem +grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser +ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um +unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen +etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen +Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln +zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe +Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere +Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine +Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und +Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese +Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also +schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der +Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine +hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die +Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln +bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem +langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die +Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen +wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel +des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. +Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich +selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so +dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern +bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden +Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem +Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu +verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde +unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o +Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so +wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um +nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern +zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, +um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl +gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder +abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen +für viere; endlich indess waren Alle satt. + +Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, +bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils +benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses +Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus +einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten +ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir +gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos +gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit +diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es +erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria +regina) gestickt war. + +Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere +folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit +einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf +jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen +Sprache wird. + +Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich +auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, +welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. +Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das +Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so +lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und +Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem +folgenden Morgen der Fall sein. + +Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem +gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht +starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. +Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass +wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten +sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in +der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die +Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff +folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, +obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste +tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei +eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, +dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich +ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, +schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte +war. + +Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder +von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft +durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich +schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze +überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von +deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone +Zeuge ist. + +Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht +erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration +sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von +allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das +Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer +noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken +und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine +Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, +und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners +übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren. + +Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer +sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas +Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen +oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine +Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und +unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich +neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit +zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an +salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven +gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff +davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich +sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, +oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu +ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr +tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme +aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch +die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe +Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser +füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse. + +Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen +Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe +electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, +taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser +gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die +Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns +wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. +Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, +aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen +unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis +Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden +seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer +Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich +zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren +abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des +Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, +um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun +freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen +hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in +einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne +die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, +sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die +Sonne. + +Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches +Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel +belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos +gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer +grossen Menge von Canoes. + +Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass +ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den +Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer +seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der +Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur +mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung +begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten +Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem +europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, +als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, +der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen +Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit +einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten +Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. +Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in +sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein +unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war. + +Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer +verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen +würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover +hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden +hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes +Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand +mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei +Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen +seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den +Aufenthalt angenehm zu machen. + +Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn +Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann +der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und +jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der +O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer +war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser +über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. +Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der +Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon +betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand +gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, +dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu +erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich +waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie +er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn +Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich +andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles +Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so +schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause +an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte. + +Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen +und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung +aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren. + +Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine +Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt +gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann +Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, +vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, +den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und +Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam +es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor +der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie +durch's hohe Hofthor einzogen. + +Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und +Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet +wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des +gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, +sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen. + +_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon +erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem +englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. +Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten +Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die +zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen +aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des +Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere +Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch +Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera +haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der +grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser +Stadt fast ganz unbekannt. + +Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer +westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen +Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme +genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas +die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch +ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation +durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. +Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir +mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie +übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien +verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte +Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren +Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie +sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige +Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem +Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind +sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt +eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital. + +Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine +hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon +mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn +methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem +dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider +auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen +Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg +zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus +besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf +europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute +es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen +wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die +schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer +spielte, begleitet, sangen. + +Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit +in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen +Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen +Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen +verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu +werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes +Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach +Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt +und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und +Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England +schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur +als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er +leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine +Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere +Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner +gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und +BénuÄ“-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. +Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig +gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche +Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während +meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach +Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen. + +Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom +Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements +der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon +erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, +die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein +Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch +bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr +Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die +westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den +letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren. + +Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das +theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum +Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh +nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere +Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was +Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch +zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist +indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für +Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft +diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein +möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst +liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung +ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, +aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und +eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren +können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch +die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, +ihren Tribut zahlen zu lassen. + +Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar +schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann +Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und +andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen +Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom +indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika +gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth +derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen +Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 +Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei +der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3] +von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in +kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches +Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von +Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden. + +Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und +Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. +Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und +Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie +O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie +haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den +grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht +einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere +Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune +hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst +einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist. + +Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die +wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter +verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten +Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man +glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe +einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, +die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr +schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht +bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas +bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten +Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso +unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, +weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen +noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde +zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als +Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause +James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein +bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James, +ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der +den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf +Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der +liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die +schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und +Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der +Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren +hundert bringen. + +Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und +allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die +grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen +Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, +wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche +Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von +Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im +Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen +Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und +jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer +Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne +Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch +gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den +Missionären, auf den anderen Factoreien etc. + +Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste +Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer +heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. +Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem +hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte +Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See +begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren +hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die +Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes. + +Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell +dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, +nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht +hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, +denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und +Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten +Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in +Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter +zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 +Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: +es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa +Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue +Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der +Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur +en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles +eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse +seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an. + +Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir +dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die +Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter +begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden +hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich +der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas +getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man +noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts +dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich +selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener +Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei +sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich +nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche +Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter +Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur +eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch +durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, +längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren. + +Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis +jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte +deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als +auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die +Betten nichts zu wünschen übrig. + +Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie +Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) +aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand +ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren +Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses +Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf +die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter +den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn +auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste. + +Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem +englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche +Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um +12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus +kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr +Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es +versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch +der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar +keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben +keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen +konnte. + +Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern +waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder +lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, +nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren +wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind +offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger +an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter +vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte +auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die +Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen +ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald +sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die +Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre +Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit +ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande. + +Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10 +Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und +nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 +Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen +Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern +gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo +indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, +von vielen kleinen Negerhütten umgeben. + +Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff +umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den +Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten +Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man +von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte +Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, +Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, +Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, +Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll +gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer +zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in +Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster +Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere +Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld +das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. +B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, +ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten +Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, +der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge +auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die +kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier +indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein +Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon +waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, +den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und +Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier +vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, +fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, +ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich +vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit +der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung +verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher +Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu +gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das +geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der +Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was +leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz +vernachlässigen. + +Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach +Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter +Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs +Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, +sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da +er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde +eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so +komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die +lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf +französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns +zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch +und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch +nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der +allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz +fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, +unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn +auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu +erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch. + +Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage +vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt +fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck +flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön. + +Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, +dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg +dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die +vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen +gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf +hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um +so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen +hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, +und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen +Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor +Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken. + +Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker +aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme +umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit +über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu +handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, +auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere +Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der +Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld +eröffnet hat. + +Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von +der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss +getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der +rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der +Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen +den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, +weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross +sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt +das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten +entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr +an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz +unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang +zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst +bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und +dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, +dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl +die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern +gewöhnliche Volkslieder. + +Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist +jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg +wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. +Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu +erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind +der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle +Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu +finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden. + +Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das +Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage +fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen +vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen. + +Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf +steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den +Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch +nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch +einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier +bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz +besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich +schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die +künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so +ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf +vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt +haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich +hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom +Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, +theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den +Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die +Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, +bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat +zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen +mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten +Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen. + +Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des +Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu +einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch +zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen +sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die +grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem +grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, +als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten +Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne +brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen +Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu +uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir +in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich +bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit +meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape +Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, +weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien +recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti +König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. +Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit +sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann +auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort +Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach +Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir +hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, +er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach +Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so +ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern +ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten. + +Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste +haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war +gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des +Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. +Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch +Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft +anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht +gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten +an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, +lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die +Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst +abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so +grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der +Führung des Dampfers. + +Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den +ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; +zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, +denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren +Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr +endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein +amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der +christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch +anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker. + +Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur +Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. +Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. +Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und +hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste +vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der +indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein +mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, +die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt +die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie +ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, +und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen +ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in +Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die +vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel +treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, +leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels +ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im +Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese +interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in +Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes +Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere +Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch +nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in +unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie +aufzunehmen. + +Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen +ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. +Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man +sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe +meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre +im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch +mehrere europäische Schiffe hier vor Anker. + +Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne +Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu +einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer +Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr +unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen +Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit +gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu +lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten +Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich +unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten. + +Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir +schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir +eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen. + +Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis +auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation +emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in +administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung +selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat +hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von +Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet +sein könnte, wird immer noch vom government of the United States +ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia +vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu +verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der +Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche +Religion angenommen. + +Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt +selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der +Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt +Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse +Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, +und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die +Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der +Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht +hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern +gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 +Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt. + +Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von +Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen +ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel +Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre +Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir +selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser +jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel +zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher +Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose +Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord +vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und +Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer +unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter. + +Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von +tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich +die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag +konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen +des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren +indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die +unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste +von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel +wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch +Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre +Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. +Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der +bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft +Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste +von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche +geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das +schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie +Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich +vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben. + +Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner +Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen +Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das +prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem +Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt +vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut. + +Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr +Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, +Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, +grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des +Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige +Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen +dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, +schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies +imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt +der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im +Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, +hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen +Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir +schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der +wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses +gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen +an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen +die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt +etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei. + +Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten +und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine +Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns +war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so +weniger vom Gesammtbilde verloren. + +Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst +näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief +für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer +Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung +statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses +profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen +zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und +überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem +ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen. + +Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, +obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat +durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem +Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast +gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven +herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und +Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man +sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen +Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. +Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die +Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt +als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt +hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen +Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und +wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am +meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die +Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite +legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich +noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, +als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche +evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im +Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben +desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen +fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und +Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. +Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich +auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen +haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen +Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig +machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die +Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, +weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer +gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten +der ersteren sein dürfte. + +Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit +angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben +thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen +bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege +böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da +Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe +und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind +meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt +man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie +früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen +Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles +durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am +Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies +mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast +alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder +doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die +Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten +Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor +dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen +schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb +die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie +werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das +schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen +mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird. +In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon +weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem +Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie +es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch +ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das +Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie +Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner +junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich +vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, +ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen +Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht +selbst Verse improvisirend. + +Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der +verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, +dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa +200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. +Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, +jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie +an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in +climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie +schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr +bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel +mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses +Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie +wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt +von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren +zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem +Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen +Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden. + +Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, +und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben +wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das +Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr +heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, +dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir +machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal +ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich +fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn +hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne +dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke +indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark +geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen +sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde +natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran +war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison +von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 +Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die +Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über +mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu +hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, +die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer +nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch +eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut +umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht +beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, +die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte +keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, +und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. +Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der +Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum +Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen +hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren. + +Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu +erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap +der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um +6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia +sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des +Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so +fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und +französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann +namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am +Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist +Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen +anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der +Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder +Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im +frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und +etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in +ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt +und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches +in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist. + +Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter +anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er +Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in +Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe +selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei +Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den +Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich +aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig +ausgekehrt hatte. + +Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von +einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes +Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu +besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap +Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf +Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir +doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein +erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche +bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle +hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend +hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer +zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg +bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und +Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze +Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der +Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, +zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten +Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. +Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. +Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine +und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe +mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was +vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung +nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu +nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet +ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. +Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess +später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte +sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und +wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu +verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, +ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und +schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst +bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht +ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als +Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen. + +Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit +denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir +hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der +hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, +so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und +Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank +wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine +junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, +um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines +ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. +Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter +See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so +geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete +Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, +kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für +die herrliche Insel. + +Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira +angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck +erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor +uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig +grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen +wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu +landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen +von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem +eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, +von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte +der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war +und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer +kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten +Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, +obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend +billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu +heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden +war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel +augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte +Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf +bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden. + +Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 +Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. +Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach +einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie +durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen +Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit +ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage +abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit +Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es +traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in +Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten +Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen +Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. + +Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur +noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, +gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, +vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten +Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten +gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder +schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich +anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath +von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind +und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die +eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 +Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag +später in den Docks in Liverpool bei. + + + + +Die Stadt Kuka in Bornu + + + _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des + Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk + der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter + Sclavenhandel._ + + +_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und +gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. +Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande +des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. +Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche +hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites +aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in +unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz +machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss +hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum) +Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der +Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei +anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der +ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka +selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, +welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern +"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, +"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss +Tiefe. + +Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre +1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, +eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der +Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede +be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus +gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem +durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die +Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die +beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke +bilden, beinahe von Osten nach Westen. + +An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren +Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan, +Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt, +residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen +hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd +bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge +kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. +Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus +Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem +der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner +Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters +Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, +nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt +bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom +Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als +Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. +Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser +Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine +andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, +und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der +Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher +hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet +sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der +auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt +indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf +einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato +á¹…ssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und +Overweg an, als Absteigequartier gedient hat. + +In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile +giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar +in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der +Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten +afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen +haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine +_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei +oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere +zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen +_Fato_, Wohnung, haben. + +_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von +Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten +vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann +die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, +endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig +sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber +ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des +_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am +Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt +vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen +_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_ +repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten +haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich +denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das +Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr +häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. +Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die +Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine +Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, +sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie +die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der +Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner +südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo +ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, +welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das +Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, +und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken. + +Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren +europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die +eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess +kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf +den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit +Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren +ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die +Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber +sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede +ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel +die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die +Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, +nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, +welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten +Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. +Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen +in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, +Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen +die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, +Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen +beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe +oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, +Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im +Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem, +länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen. + +Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. +Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer +Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten +zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu +ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen +ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen +Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden. + +Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, +und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe, +welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der +Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, +von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da +kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig +Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein +Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, +der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den +Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf +Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare +Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, +vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser +Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige +mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. +Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut +und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, +selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss +erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, +Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes +Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die +Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so +grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder +Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches +Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten. + +Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt +dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und +husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range +über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten +versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und +mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, +von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen +clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der +_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, +nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen +überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai +erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann +den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; +die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess +eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine +Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_ +haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins +Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der +Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche +Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den +Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes +geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei +mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen +Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der +Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des +Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert +meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum +Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung +verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, +Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung +Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für +die Sklaven. + +Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen +zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die +grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles +zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, +oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem +Nichtsthun hinzugeben. + +Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_ +fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden +_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, +der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es +wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, +dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr +Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich +der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und +der Platz am Westthore der Oststadt. + +Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt +hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten +hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse +lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig +ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, +dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen +kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_ +(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des +_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden +ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder +_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren +Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet +man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse +Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. +Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und +über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist +das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige +Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen +fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder +_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich +mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der +Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so +theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen +muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen +Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine +Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann. + +Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten: +Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, +grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_ +findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass +die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so +viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen +Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, +namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch +nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen +Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, +denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches +Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem +Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf +Borg abgenommen hatte. + +_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer +Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am +grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der +Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es +z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine +Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse +Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch +den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind +die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges +Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, +ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler. + +Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn +auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind +alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen +zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein +gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man +kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel +hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt +werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, +weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem +Austausch ein Ende macht. + +Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man +vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und +dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous; +namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr +leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat +ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans +wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um +Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu +Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; +Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird +es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt. + +Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein +bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der +Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere +Weg nach der Küste vermittelst des BénuÄ“ und Niger ist augenblicklich +für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, +der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden +hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima +von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen +Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, +durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers +hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet. + + + + +Am BénuÄ“ + + +Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst +von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage +noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich +mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche +diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder +war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein +Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte +ich nicht erfahren. + +Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen +eigene kleine Hütten. In den Gegenden am BénuÄ“ sind es hauptsächlich +_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es +giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder +hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_, +_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc. + +Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die +uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, +dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen +Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans +mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im +Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte +Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut +beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die +Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man +sah, dass die Nähe des BénuÄ“ hier schon einen mächtigen Einfluss auf +die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die +Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch +überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der +Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder +Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus +Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an +80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine +Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann +drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir +selbst. + +Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen +hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches +ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder +aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen +kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die +Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, +weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu +Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen +gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend +konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so +dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad +ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse +Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns +plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine +weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig +helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die +Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; +als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu +unseren Füssen sich ausdehnte. + +Aber nein, es war kein See, _es war der BénuÄ“_. Nach rechts und links +dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah +man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen +Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das +ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier +werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden +sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, +sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, +um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir +Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches +nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir +uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. +Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und +sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem +Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser +stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, +an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der +jetzt beim niedrigsten Wasserstande des BénuÄ“ sehr breit war, und +bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein +paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so +waren diese den BénuÄ“ _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs +schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu +halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung +gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine +Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer +_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit +zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins +bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten +Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das +nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder +im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die +Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst +dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den +Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den +Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 +Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie +solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden +wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug +war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 +Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. +Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_ +begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor +der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die +Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz +hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir +stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel +hinüber geschaufelt. + +Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, +wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch +nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein +zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich +vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die +Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne +irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen +dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht +schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, +da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, +Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich +so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, +und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten +vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in +einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu +verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett +aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, +fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort +üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge +Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich +glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine +dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji, +Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese +Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--). +Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji +antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit +einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, +ke l'áfia-lÄ“ á¹…da tégÄ“ etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie +befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief. + +Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu +antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch +schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und +ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom +Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm +entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen +Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station +an der Mündung des BénuÄ“ in den Niger--). Er selbst war gerade nicht +von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens +_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in +Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, +den ich später zu erwidern hätte. + +Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser +Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der +_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die +ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, +überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer +zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen +jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die +Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten BénuÄ“-Ufer, wurden +aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass +nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet +werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und +scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von +Fischen, die der BénuÄ“ ausgezeichnet und in unglaublicher Menge +liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei +hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und +unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell +um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_, +indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass +einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger +_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie +jene zu haben. + +Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten +aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir +uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er +besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde +nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich +recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein +Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und +Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen +unterhalb am BénuÄ“ liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war +keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise +forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den +4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse +stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr +hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, +das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen +gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts +Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu +verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das +Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu +bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von +den 10,000 Muscheln 2000 abdingen. + +Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er +mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber +blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich +in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er +selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er +machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er +wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in +Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir +sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine +Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar. + +Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es +war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die +Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, +es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen +Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren +Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich +beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, +dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht +wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, +dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte +aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers +von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke +durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen +Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen +vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen +tauchte die Sonne wie neu aus dem BénuÄ“, dessen früher staubige, +dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie +im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, +wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon +nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher +sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen +umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die +kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in +Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, +treiben sich nun überall umher. + + * * * * * + +Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko +Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross +genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem +Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende +Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die +bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn +die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich +erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher +beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten +hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem +Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers +vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können. + +Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. +in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall +Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur +zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch +zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des BénuÄ“ wird das Rauchen +allgemein. + +An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche +Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den +Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in +den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die +neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am +linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten +Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer +aus und standen überall an seichten Stellen im BénuÄ“. Die Zeit wurde +mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome +bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht +zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte +_Imaha's_, wo wir bei Sultan _SchimmegÄ“_, einem Freunde des +verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden. + + + + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern. + + +Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen +Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste +gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet +haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche +eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr +beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der +despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator +und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und +Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste +Wohnsitze haben. + +Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, +Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im +Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des +Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen +Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, +sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann +verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der +endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von +den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen. + +Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und +zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern +auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst +"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den +Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er +müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling +sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen +männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die +Königin hat den Titel "derde-ádebi". + +Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, +so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche +damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer +einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch +für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck +"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den +mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber +genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen +eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher +bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". +Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu +thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind +viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von +der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine +zweite Person wissen zu lassen. + +So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so +complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, +der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der +Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, +welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker +nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung +vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während +z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht +einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist +derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in +gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden +Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass +die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, +zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört +es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden. + +Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des +niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen +Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim +verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu +bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen +Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls +nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit +zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt. + +Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat +man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der +mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer +befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger +hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was +blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma). + +Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst +der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses +ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des +Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen +das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, +wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese +der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens +hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel +"ardžino-ma" führt. + +Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen +Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". +Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine +Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und +hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen +und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie +so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen +Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, +dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und +Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma +hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, +jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der +Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer +Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein +Titel ist "mar-ma-kullo-be". + +Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans +betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man +weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, +Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man +andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln +alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die +homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath +und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der +königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, +dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die +Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des +Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken +für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu +besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als +Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit +Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen +und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der +Mai seine Hände abspült. + +Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, +Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit +Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen +ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. +Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du +corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit +sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den +Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst +"katÅ¡ élla-á¹…bursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die +übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die +Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma". + +Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte +hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben +diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser +in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von +Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle +Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel +"billa-ma", und nach Barth auch "tÅ¡ i-ma", während Koello letzteres +Wort mit Abgabensammler übersetzt. + +Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber +des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. +von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den +grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person +präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles +Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, +wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine +Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst +wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben +die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, +denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und +auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, +Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten +nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, +und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch. + +Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen +Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, +welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre +1867 die Einrichtungen der Staaten BautÅ¡ i, Keffi-abd-es-Zenga und +Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit +der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den +nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach +Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren. + +Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr +oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle +den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm +jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als +weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als +solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der +Gläubigen. + +Im Lande BautÅ¡ i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann +nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess BautÅ¡ i) genannt, +steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich +unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen +eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu +entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist, +gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine +Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage +offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und +aburtheilt. + +Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die +eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine +ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines +Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu. +Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den +übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt +hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu +vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte +Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden +sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese +selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das +Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in +BautÅ¡ i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang +nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch +Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke +in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile +Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge +hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein +Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder +Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, +"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua". + +Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem +Ministerium entspricht, versieht in BautÅ¡ i der "galadima", aber fast +ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel +"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls +der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur +vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle +Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in +Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch +ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen +Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst +Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner +das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs +"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten, +wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs +zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs +betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen, +Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden +nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer +ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig +ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter +ist und "serki-n-ara" heisst. + +Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor, +dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch +auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel +ist "serki-n-kurmi". + +Als Truppengattung finden wir in BautÅ¡ i nur Reiter und Infanterie, +letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger +namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter +haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der +Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus +Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der +der Reiterei "serki-n-dauáki". + +Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich +"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen +heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher +_nicht_ Pullovölker, und da diesen in BautÅ¡ i eine grosse Zahl von +Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst +"sénnoa". + +Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische +Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des +mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende +Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt +sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu" +heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa", +wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in +Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der +Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven +verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus +Sklaven bestehen. + +Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber +des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm +natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der +Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung +hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist +"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die +Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es +nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge +nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund +herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von +Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer +"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu +finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der +Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen +Namen "liman" hat. + +Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen +Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein +vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den +König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das +Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird. +Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und +"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der +Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von +der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt +eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische +Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein. + + + + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen. + + +Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise +im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn +man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende +Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment +vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do +you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei, +so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss +und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen +so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner +dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit +auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über +die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden +sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst +zu besuchen Gelegenheit hatte. + +Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der +Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden +Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist +eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen +Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente +hin verbreitet. + +Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen +angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und +unabhängig vom Arabischen Einfluss da. + +Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die +Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und +Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich +vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich +vom genannten Wasserbecken. + +Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet, +vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich +begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt +machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand +haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna +dÇšnnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige +_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr +repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts +Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den +Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern +und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete +wiederholt dann _getta inna dÇšnnia_, worauf der Andere _Lahin +kénnaho_ antwortet. + +Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig +nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen +Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele +killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob +Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob +die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte +untermischend. + +Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte +anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich +auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess +nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann +niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen +indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie +immer eine knieende Stellung ein. + +Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem +Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder, +Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich +zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen +sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand. + +Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während +der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch +_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen. + +Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf +gleiche Weise. + +Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara- +und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als +Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die +Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner +sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_ +gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält. + +Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte +_LalÄ“, LalÄ“, LalÄ“_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand +der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt +aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt +Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die +Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr +bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem +Zustande der Haut: _á¹…da tégÄ“_, wie ist die Haut?, und schalten hin +und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_ +ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte +Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so +viel wie Friede bedeutet. + +Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess +ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die +Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die +Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen +_LalÄ“, LalÄ“_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig, +oder _á¹…gúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies +Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will +man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor +dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht +wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten +Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim +Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten +Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche +Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie +mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht +und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch +selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua +(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches +"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten. + +Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle +unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich +berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter +einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen, +erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie +zuerst grüsst. + +Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie +herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _á¹…dáni, adak ke +l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia lÄ“_. Letztere Redensart ist sehr +gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben +sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart +_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt +werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie +angewandte Wort _gode-á¹…gin_ haben. + +Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse +Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht. +Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend, +sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau +begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange +nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem +Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung +macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine +einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem +auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht +gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen +Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_. + +Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich +specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?", +"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_", +"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich +danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch +ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf +das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss. + +Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie +die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder +machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein +Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von +den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die +Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies +Zurückschlagen. + +Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich +selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und +grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte +Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von +dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder +der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme +bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die MelÄ“-Fulan, ist zum +Theil, und namentlich die MelÄ“-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam +übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem +Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange +Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt. + +"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es +entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie +ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad' +Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit +bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische +zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar +keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba) +hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die +der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne +Umstände sich nähern konnte. + +Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes +_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_; +ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich +nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von +Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen. + +Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am +BénuÄ“ ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den +Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben, +wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen +bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_ +(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch +Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte +Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der +Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den +eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen, +der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern +sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die +sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie +nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen +von Hoch und Niedrig keine Rede. + +Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren BénuÄ“ +besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn +sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden +Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich +haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a, +eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie +ihre Stimme hören können. + +Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen +Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den +Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger. + +Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete +Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss +vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl +wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor +einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus, +worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie +geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält +dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet +man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim +Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder +_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht? + +Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die +Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der +Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse, +welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee +vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich +prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein +Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden. + +Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der +fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch +Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten +Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten, +verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher, +welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther +(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des +Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen +sind, lassen sich indess Details leicht bekommen. + +Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand +begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder +_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und +blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor +ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und +legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst +auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender +Stellung zu reden. + +Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein +Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen +gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde +geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand +begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her +schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper +in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die +O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche +Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf +Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein +Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_. + +Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der +Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als +Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber +nach Europa herübergekommen sind. + +Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit +_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_, +ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst +Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_, +Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man +Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die +Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit +einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden, +namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern. + +Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und +erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des +Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert +_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl. + +Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach +Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort? +_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern, +den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in +dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies +bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das +Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der +Küste von Guinea der Fall ist. + +Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern +(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie +_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im +Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber +richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem +Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein +Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren +ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss. + +Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_ +zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus +und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_, +wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der +Stadt steht's gut. + +Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du +her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise +glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern +das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund, +mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die +Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht. + + + + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9] + + +Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von +Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug +mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten +Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu +bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die +Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die +Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen +Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns +oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen +konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen +Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein +letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier +einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war, +ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden +Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche +zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der +bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in +alle Winde zerstreuen. + +Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine +Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil +oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei +verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder +Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am +weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist +reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer +Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in +Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia) +bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus +vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo +zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist +nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer- +und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit +dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst +Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun, +da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert +abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa +Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es +augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die +Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir +vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus +Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich +wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was +es früher war, Besitz der Galla. + +Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die +wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen +Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach +Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege +zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich +gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den +Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die +Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies, +die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte, +wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route +der Geographie nützlich zu sein. + +Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist +nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind +so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir +vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch +nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt, +glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben +und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen +beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine +jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er +danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte. +Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine +Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von +Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu +wollen. + +Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch +Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt +hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre +gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur +Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden +diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber +weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in +Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die +Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man +ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die +Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig +halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht +als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die +Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten +oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung +äusserer Gebräuche basirt. + +Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant +macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es +hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen. +Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa +ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr +durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos. + +Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im +Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere +tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner +Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe +Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss +nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der +entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier +sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine +in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt +und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach +dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu +einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen +Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der +Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten, +dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier +Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet, +dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr. +Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere +reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen +Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des +Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die +lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler +nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem +Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische +Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode +gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion +kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend +eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für +immer Adieu gesagt zu haben. + +Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte +seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien +alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine +Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres +correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die +eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese +Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich +glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden +aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können, +sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich +vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf, +nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei +dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die +Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag. + +Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten +Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die +beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von +Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher +zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse +Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf +Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur +blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die +ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das +Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder +Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden +hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser +auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge +blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch +trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt +oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden +zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen +in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin. + +Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange +vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von +abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg +zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem +Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den +Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die +Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts +weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse +verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie +hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches +Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise +nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier +zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine +kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten +Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so +freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen +Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich +die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise +anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch +Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen. + +Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von +Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute +jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder +Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter +unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich +war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein +ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die +zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem +Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut, +ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren +Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts +weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches +gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine +breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus +Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte +ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel +weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen +sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen +sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas +weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser +Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht +hinüber sandten, trafen oder reichten nicht. + +So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes +Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir +stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster +Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal +durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der +Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche +Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere +hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und +als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem +Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser +bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten, +nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf +die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher +trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel. + +Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von +halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und +Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war +von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom +früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen +Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein +grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch +Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles, +was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's +lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser +dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der +Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der +Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der +englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die +heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn +sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist +aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die +Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass +Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer +der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben +Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit +dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt, +dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach +einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi +aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese +Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah, +musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen. + +Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe +und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut +ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können, +dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie +behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort +von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend +weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte +bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die +Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in +Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und +mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist, +welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich +das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der +Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch +hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun +abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei +längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich +starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen, +welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken, +wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer, +Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester +bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen +sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach +Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt +einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich +ausgestattet sind. + +Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger +begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu +klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche +Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat, +die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu +werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer, +die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu +bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben +Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege +und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee. + +Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara +zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung +von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit +Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's +an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die +Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung, +so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe, +durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen +Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich +eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier +Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und +basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in +NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die +entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die +Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen +vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda, +aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem +Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein +zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und +Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von +einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer +als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so +will, wie Abdikum, Tebabo und Boa. + +Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die +Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten +verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden +gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht +hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch +fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den +Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden +war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war, +machten wir uns früh Morgens auf. + +Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede +Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und +entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das +Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden, +denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem +Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass +bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock +flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde. +Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika +vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte +anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50 +Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie +man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns, +obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis +Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des +Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen +Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der +Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage, +was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren +fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus +Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte, +warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil +wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als +Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich +sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie +sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen +würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden. +Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in +der Türkei und Aegypten. + +Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach +dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte +anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr +leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in +den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten, +aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und +luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss +über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der +trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester +Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends +einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen +Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber +davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche +Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im +Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die +chokoladenartige Farbe. + +Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der +Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba +Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen +Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in +dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist +Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von +derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer. + +Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege +überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der +östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort +gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn +überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten +Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir +den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort +Laktalab liegt. + +Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner. +Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod. +Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon +in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm +abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die +Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem +gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in +Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi +gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und +anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste +Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und +prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von +Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor +einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh, +ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch +innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten +bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im +Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt. +Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten, +dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst +nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer +mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich +wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass +dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten +Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand +einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust +hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und +sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen, +ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala +käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen. + +Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes +ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für +gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte +schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die +Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker +Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch +jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe +in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie +namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken, +sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie +manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien +übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die +Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare, +welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten +werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung, +so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper +annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt. + +Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu +besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in +Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen, +die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen +alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein +Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer +roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch +offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses +Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von +ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten +Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen +Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich +gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man +mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei, +dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen +Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt +sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden, +wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten +Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen +in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar, +wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt +sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während +man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie +christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie +dafür erkennen. + +Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St. +Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde +man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers +hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben +und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche +wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste +und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder +Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und +man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres +finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24 +Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist +sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba +Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen +ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine +Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder, +wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt. +Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein +anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat. +Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze +Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen +monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht +widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur +Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem +Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die +Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von +aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus +demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr +zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen, +alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass +Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst +geschähe. + +Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles +gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine +Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz +dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener +Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte. +Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg +selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah +entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden +aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden +zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh +stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der +Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die +Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die +jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden. + +Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen, +und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der +Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures +Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk, +das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung +für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist. + +Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte +mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch +Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende, +vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um +dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von +den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und +andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit +eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar +hundert Personen belaufen. + +An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume +aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt +grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls +bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei +andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume +überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt, +weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein +einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir +auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine +Bewandtniss damit habe. + +Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen +Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst +7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die +Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren +Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst +gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von +alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein +scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die +jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war +als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten. + +So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so +zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch +Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von +Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu +befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament +gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken. + +Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich +von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum +Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten +herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem +Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche +Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und +Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird. +Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus +durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und +Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig +von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze +zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und +diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je +eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend +angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber +ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich +der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen +Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann? + + * * * * * + +Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute +begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme, +Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie +in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um +Arznei zu bekommen. + +So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der +Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der +Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in +letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein, +hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber +nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen +gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten +Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich +nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld +haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der +Morgen graute. + +Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine +überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich +bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer +einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch, +Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ +nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären +Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald +man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu +der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen +aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen +Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt +scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern +herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde +Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der +Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu. + +Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die +ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die +Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese +Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und +seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath +vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den +faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie +einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts +dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen +streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen +Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während +seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am +anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren. +Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in +Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion, +dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich +eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er +fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz. +Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und +hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden. + +Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt +die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber +so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder +traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte. +Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch +Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch +erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die +Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch +kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss +beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien +herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das +Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie +selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die +beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den +Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi. + +Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender +kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden +zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben. + + * * * * * + +Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten +wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen, +weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit +den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle +wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn +sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes +wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser, +nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches +gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass +ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu +Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im +Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem +Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch +ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von +Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_ +gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_ +fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem +von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen +Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben. + +Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und +brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu. +Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu +leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr +erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie +aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5 +Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht +worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante +Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und +Bevölkerung arm zu machen. + +Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen +Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten +indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten +unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des +Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. +Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, +der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der +Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine +mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein +südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in +Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. +Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, +um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine +Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr +ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das +Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein +Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die +Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein +eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition +zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die +Bestimmung seiner Höhe, weg. + +Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns +in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, +dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, +andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, +als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über +uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit +uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir +zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende +Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges +dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich +vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte, +so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in +den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt. + +Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle +in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die +Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie +überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, +schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In +der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von +der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst +gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer +ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der +Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne +Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, +herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der +Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen +erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese +Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns +noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess +bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht +weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes +Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er +war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von +Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, +aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild +trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er +unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er +sonst nicht folgen könne. + +Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass +man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim +Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere +Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist +noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in +Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 +Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je +nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen +verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen +Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und +Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort +sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, +wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine +Karawane unbelästigt den Zoll passiren. + +Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim +Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah, +anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas +Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von +Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte +mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es +bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst +dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, +antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, +wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter +ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar +nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu +kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der +Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut +aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der +Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich +einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich +finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber +gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der +Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal +zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, +ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, +dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst +einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als +höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das +dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers +erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere +höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang +der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in +Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung +steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, +auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10] + +Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach +nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich +nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, +als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer +der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und +reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, +sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem +Boden mir gegenüber. + +Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen +Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein +grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz +verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft +haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen +lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während +seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, +ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der +Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, +wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er +selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von +europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als +seine übrigen Kleider. + +Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner +zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen +belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom +Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. +Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei +Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, +wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit +hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; +vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner +Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das +Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11] +genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas +ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein +zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das +Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine +Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen +das Ameublement. + +Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne +alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier +von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, +dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier +in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. +Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und +exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren +Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner +stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den +Christen in bester Eintracht. + +Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und +selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, +Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr +billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu +unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 +Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht +englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so +theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler +brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war +auch für solch hohen Preis keine zu haben. + + * * * * * + +Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich +zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines +seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern +entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. +Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als +Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, +überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen +Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden +verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, +das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die +Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land +gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und +Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu +gehorchen. + +Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei +dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir +und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. +Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das +Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert +hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der +Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen +setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern +vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in +nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern +vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit +des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste +Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine +durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, +denn jede Nacht gab es Gewitter. + +Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der +vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch +einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en +miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und +des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, +waren reichlich vorhanden. + +Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn +Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft +sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege +giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den +Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, +wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit +scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine +Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des +Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche +Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt +oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss +hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis +zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine +Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., +die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem +manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück +trug. + +In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- +oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale +Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter +oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr +Umfang gesehen habe. + +Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen +fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben +Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht +bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende +Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, +einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch +von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf +bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, +erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist +gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der +Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen +halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, +welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen +dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen +Gebirgszuges nördlich vom Tselari. + +Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen +ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse +Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten +See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der +weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die +Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit +Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und +Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach +bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen +angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier +an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige +Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir +blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem +Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben. + +Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess +war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht +am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie +ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj +(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine +Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie +in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen +fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich +entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. +Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden +Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende +Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch +nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. +Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige +Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte. + +Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus +darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen +Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. +Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion +verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als +er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen +Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen +diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich +indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein +prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, +erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft +hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver +und Zündhütchen. + +Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle +Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch +verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der +Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in +Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner. + +Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so +beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen +und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als +ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von +meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition +mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. +Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der +recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische +Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala +immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint +und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der +Heimath fort. + + + Höhenmessungen mit dem Aneroid. + + Abdikum 9250 engl. Fuss. + + Takaze, Bett 5800 " " + + Salit 6200 " " + + Lalibala 7000 " " + + Schegalo 6200 " " + + Bilbala-Gorgis 6170 " " + + Eisemutsch-Thal 6359 " " + + Mári-Thal 5200 " " + + Taba, Ort 6000 " " + + Siba-Pass 6500 " " + + Mokogo-Pass 7800 " " + + Biala-Pass 9000 " " + + Ohlich, Ort 6200 " " + + Telela-Pass 7100 " " + + Sokota 6500 " " + + Emenenagerill-Pass 5600 " " + + Uana-Pass 5550 " " + + Tselari-Bett 3200 " " + + Zaka 4200 " " + + Zamra, Bett 3150 " " + + Fenaroa 4500 " " + + Samre 6000 " " + + + + +Der Aschangi-See in Abessinien + + +Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und +Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' +28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein +von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide +zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That +fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See +begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird +Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln +kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von +hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa +10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss +(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe +Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von +minder hohen Bergen umschlossen. + +Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus +marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst +bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und +der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief +eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse +Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt +haben, ohne indess den Ort anzugeben. + +Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige +wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere +die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um +so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht +ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, +mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in +den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen +lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten +oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom +Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das +Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch +allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu +finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, +dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von +10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss. + +Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist +abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um +einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher, +was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen +erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung +Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat, +so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine +Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach +Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu +können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an +den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen +Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug +natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt +werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder +die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben +werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6 +Luftwärme. + +Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines +unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, +besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem +Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und +diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein +wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir +sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden +Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon +auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche +vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt. + +Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies +spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die +Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums +vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen +Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des +Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als +Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, +während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, +die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an +Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen +Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen +Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen +aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher +runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine +Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige +Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum +Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus +Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, +bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren +Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in +besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist +Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei +es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast +nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts +gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von +den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, +keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen +Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch +eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen +wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten +Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; +Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das +Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als +Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, +kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir +konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen, +ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher +besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem +grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar +nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden. + +An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen +grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und +viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, +ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher +hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. +Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen +und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. +Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten +von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche +Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber +fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen +Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd +erfolglos. + +Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, +mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen +Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein +stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen +Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige +obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und +zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine +längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der +ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen +Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos +Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene +Freundschaft und herzliches Entgegenkommen. + + + + +Nach Axum über Hausen und Adua. + + +In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich +eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht +sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, +die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie +gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von +Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen +war, nach Axum zu gehen. + +Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine +Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, +obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt +den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den +Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, +aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, +von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee +zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen +wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, +dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges +gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von +Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der +Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine +Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef +verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für +die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was +mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer. + +In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei +dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst +Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die +ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in +Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm +entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde +ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das +englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von +Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen +wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in +Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an. + +Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um +3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr +Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der +uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa +eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, +bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist +äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser +der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen +gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege +entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges +Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, +Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten +Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen +des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine +schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer +wurden diese Qualen. + +Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den +District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief +von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden +Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen +Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten +dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu +gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir +selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann +auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen +eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge +Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die +Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch +die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu +Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der +Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger +Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, +bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. +Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein +gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so +gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die +Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre +betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der +Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut +sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von +Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen +und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist +nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts +von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, +die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, +überdeckt sind. + +In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir +konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in +Europa. + +Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten +Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer +Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese +zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham +die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name +andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von +Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien +berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen +war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula +einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten +Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen +ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich +kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls +noch heute Troglodyten sein. + +Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen +entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden +Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den +Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu +passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur +zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein +unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt. + +Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte +entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir +unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an +auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten +Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen +Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres +versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die +herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In +Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der +Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die +Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre +finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so +unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, +an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in +früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es +ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens +dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. +Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu +sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus +gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet. + +Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen +Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als +ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein +bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte +sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es +kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es +weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren +Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen +Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich +wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von +diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist +das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen +wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den +schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu +setzen. + +Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast +durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne +auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur +von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen +der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach +Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden +wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast +durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und +Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess +über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die +Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten +Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den +Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am +Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir +noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den +Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich +erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein +Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf +war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück. +Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte +aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu +verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück +geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; +für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste +als Viehfutter dienen. + +Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber +wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; +wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. +N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, +Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, +halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die +Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden +Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse +Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis +Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel +des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, +hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am +nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess +wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf +einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs +zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort +Gedera. + +Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz +von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der +Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir +umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn +vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den +Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an. + +Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die +Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch +vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz +unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet. +Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt +auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom +Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von +allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den +Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke +versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben, +tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber +selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden +und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und +Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich +nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner +schätze. + +Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger +und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend +nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur +Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen +Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte +Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus +neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie +ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im +Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet +sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern +sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich +befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die +Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier +bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen +Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen +Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter +mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil +dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge +anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten +Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die +Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos +zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als +Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war, +hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein +gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der +Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles +aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen +konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech +und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren +Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter +dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in +einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir +besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit +Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen, +überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst +einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir, +sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige, +was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte, +wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet. +Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche +uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz +Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder +verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was +wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst +gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste. + +Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten +ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr. +Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz +Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen +hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir +höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000 +Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million +zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen +Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig +seine Meinung von Abessinien ist. + +Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge +versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei +Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf +anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem +Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter +Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein +Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine +Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein +Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch +ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem +grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um +den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens +kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz +bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um +seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna +ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen +Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das +Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, +sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig +gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt +zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben +Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und +Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen +Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann +brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell +hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, +dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester +hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so +entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk +brachte. + +Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte +Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin +Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem +unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu +bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei +oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den +Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und +Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. +Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann +später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, +Pantalem genannt. + +Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, +obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es +liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer +durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares +erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15] +gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt +hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus +zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als +auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich +finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in +seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und +Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden +sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum +gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala +thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten +Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude +ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in +Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu +haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, +sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass +hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der +Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche +selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne +jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben +das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser +als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder +Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir +keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne +Bedeutung ausgenommen. + +Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr +übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben +zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, +so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, +dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung +wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus +einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum +findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem +ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt +Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" +führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster +Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. +Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so +scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine +Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte +Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der +Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und +dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen +Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen +nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss +hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia +angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, +erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin. + +Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, +um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene +griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht +vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König +Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene +christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der +Abessinischen Könige führt ihn nicht auf. + +Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten +den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da +wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in +Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, +es ist ein Gebäude der Neuzeit. + +Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied +von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen +sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus +sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber +und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln. + +Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder +rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend +nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. +Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche +Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und +Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den +Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem +Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer +Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir +daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten +Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es +ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich +hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von +vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns +ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann +abziehen. + +Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn +westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, +die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, +welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren +linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns +in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als +Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer +meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte +mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. +Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies +zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde +Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am +Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von +Gemüsebau nichts zu sehen. + +Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, +verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von +Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher +mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals +an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen +Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige +Provinz zurückkehren möge. + +Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze +Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg +zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen. + +Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so +war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu +denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter +Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die +Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten +Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster +Abessiniens, liegt. + +Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem +Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen +halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg +aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten +wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten +abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie +besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre +Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben +treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, +Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit +so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee +Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns +Aufgang zu verschaffen. + +Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe +um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren +herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies +schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien. + +Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf +die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in +Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer +fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit +einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf +Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret +und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen +sitzend einen vergnügten Abend zubrachten. + + + + +Damiette. + + +Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr +sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, +wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu +gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der +grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch +anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen +haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist +jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt +wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig +sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird. + +Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten +und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um +so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen +Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und +die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich +mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des +mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale +fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale +Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch +Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist. + +Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den +Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich +hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da +aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte +und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch +reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit +eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie +fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln +und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus +Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling +Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, +welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische +Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, +es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage. + +Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner +Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof +des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit +einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe +Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. +Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach +einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war +nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm +des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. +Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 +Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten +befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre +Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem +schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff +davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft +bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die +Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus +einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum +Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul +selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten +Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt +ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen +verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen +die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen +lässt. + +Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, +denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die +Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze +Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit +langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich +Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls +nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so +bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, +also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind +nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu +benutzen, aber langsam ging es trotzdem. + +Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener +Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, +wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See +ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss +tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen +sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete +Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig +lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. +Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern +Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser +herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel +nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen +wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren +Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang +Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See +geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern +trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. +Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang +beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um +nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene +kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum +patrouilliren müssen. + +Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss +aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt +sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite. + +Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft +ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen +wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, +in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener +Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem +sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen +Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da +wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten +wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff +hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 +Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der +wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, +kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es +indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es +kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir +gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch +ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus +einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber +Smah[21] nennen, herausragen gesehen. + + * * * * * + +Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler +Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen +des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. +Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so +dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb +übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis +am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser +höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im +Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu +bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und +arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei +jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine +leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und +konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die +Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes +an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging +es zur Stadt. + +Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine +ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. +Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich +und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man +kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, +zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in +einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und +europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten +Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen +besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses +ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was +erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in +Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau +bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster +Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr +Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar +ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde +kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man +nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française. + +Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein +aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind +verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, +und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, +mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. +Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber +früher bedeutend grösser. + +In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann +unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die +Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, +12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer +des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom +Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze +Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige +Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. +Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die +Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. +November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von +Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans +Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer +im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen +Heeres sein. + +Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach +zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen +schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die +Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan +Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt +Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur +Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen +Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war +ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 +gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und +Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, +dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder +aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte. + +Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert +und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith +entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, +welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug +Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die +Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die +Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein. + +Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz +Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die +Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die +christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist +griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von +eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige +wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind +augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen +Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde, +und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen +Schutz. + +"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der +reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch +einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz +entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. +Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen +Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen +hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat +mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich +auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. +"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch +zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte +der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch +machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und +spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere +Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich +fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen +Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette +repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch +spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und +spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich +abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine +Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des +Herrn Consuls zu empfehlen. + +Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir +nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die +Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; +sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft +als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst +correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, +sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu +repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur +irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste +Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu +Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete +genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb +doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell +empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse +Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich +aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin +Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform +und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan +die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann +eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul +um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er +Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, +das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den +norddeutschen und spanischen Salon. + +Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, +welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul +geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das +Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren +lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen +heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von +Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die +Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte +für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er +officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen +übereinstimmen". + +Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, +die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul +Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits +auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles +den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge +ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein +Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von +dieser Familie repräsentirt wird. + +Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe +Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre +Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und +noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. +Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, +nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt +worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. +Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, +vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, +denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung +und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische, +kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten +fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz +roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird +von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus +dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen +(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von +Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die +Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, +und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge +Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt, +die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein +entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der +mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas +zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die +Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen. + +Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht +neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese +haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht +niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die +Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen +Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut +denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt +haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden. + +Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine +katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird, +dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier +Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, +nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, +welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, +steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. +Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich +liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer +italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit +Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, +unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass +hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien +sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege +Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders +schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul +el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen. + +Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, +mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier +die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im +fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis +hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird +damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei +und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die +Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In +neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da +Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt +wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt +gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige +Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 +Meilen nilaufwärts liegt. + +Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die +regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind +nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die +lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der +Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in +welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm +ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem +ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück. + + + + +Malta. + + +Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach +Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird, +tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im +Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten +wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am +interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der +arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in +Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln +am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich +fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie +die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer +Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht +glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich +die Laute ohrgerecht machten. + +Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir +schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren +kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als +Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage, +Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem +Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann. + +Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta, +welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der +Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später +sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige +Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren +Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von +Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger +bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft. +Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche +dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr. +mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an +Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die +Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte. +Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder +Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit +den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath +Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von +Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die +Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen +Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl +dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von +Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem +letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die +Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren +Oberhoheit die Inseln heute noch stehen. + +Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul +des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche +Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch +heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der +Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die +indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind. + +Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von +Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten. +Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben +aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im +Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer +Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und +sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich +befinden. + +Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische +Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen +Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung +von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St. +Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier +und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten +Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige +Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht +Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung +hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence, +die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien, +eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h. +auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet +sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher +Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der +Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann. + +So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil +scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der +Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der +Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft +durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten +der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast +alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's +angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden +verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen +Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist, +so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug +haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang +finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten +smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es +früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu +wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer +erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser +getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere +Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich +einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen +alle viel zu wünschen übrig. + +Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns +der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden +ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei +den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom +Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist +heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt +der grosse Ort Rabatto. + +An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in +dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute +Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess +die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere +Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für +die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in +der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt, +wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine +gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte +ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt +genossen. + +Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei +Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in +Malta scheitern zu lassen. + +Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom +fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel +gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste +Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein +heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_. +Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute +hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu +einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch +weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul +gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der +allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die +Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere +Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch, +respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen +Heidenapostel. + +Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des +Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und +duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen +Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, +vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen +Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt +es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie +und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie +fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die +Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. +Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung +zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und +so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den +Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im +Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie +Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der +Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um +aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten +derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die +"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. +Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber +fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat +sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei +den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta +brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das +mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um +Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich +gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge +der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter. + +Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am +selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht +am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die +berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen +Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, +dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten +Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern +getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, +man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und +Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von +Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch +ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. +Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns +hineinlegend fuhren wir ab. + +Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder +interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl +unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, +sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man +ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in +Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren +froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass +obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach +unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute +Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige +Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu +die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst +hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man +über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und +Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, +mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem +nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen +ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und +die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten +bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus. + +Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss +sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für +alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie +bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen +Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann +kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta +lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so +schlecht wie möglich zu machen. + +Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso +wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. +Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die +Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen +berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. +Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass +Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen +ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht +zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo +gezeigt wird. + +Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene +Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte +vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein +scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute +bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren +konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes +Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist. + +Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, +da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf +unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige +Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan +hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle +ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom +Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen +geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum +erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, +da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen, +und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke +mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den +Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte +bewohnt war. + +Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen +Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief +und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch +einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und +das Gestein ist wie immer Kalk. + +Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an +den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem +Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder +Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu +diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die +Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf +vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere +zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, +auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden +sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die +Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein. + +An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa +Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen +Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten +Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide +diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen. + +Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten +wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich +sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während +unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm +hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication +abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen +können. + +Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten +Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein +kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so +prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, +dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse +Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als +die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt. + +In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt +ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden +war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er +machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von +dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die +Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem +Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar +ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb +benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern +weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in +Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem +Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso +einquartirt. + +Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für +einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir +konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut +bis zum andern Morgen aushalten. + +Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste +Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und +in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern +aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine +Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je +zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von +Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen +inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere +spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch +Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man +eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des +Thurmes der Riesen gegeben. + +Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der +Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, +ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein +Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst +jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf +dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber +nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen +Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch +unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast +eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen +wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das +Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen. + +Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, +welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm +liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die +Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta +über. + +Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen +Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an +dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner +feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser +ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt. + + + + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika. + + +Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse +Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer +weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den +Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es +bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe +Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden +Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, +fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen +berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden +soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das +oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen +Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 +geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil +dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches +von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere +Besprechung zu verdienen. + +Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende +Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief +eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben +hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des +Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa +treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher +ins Auge zu fassen. + +Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so +finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen +Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an +der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte +genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam +beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 +deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. +104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden +ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter +fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches +einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher +Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei +Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin +zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr +gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen +sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem +Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von +dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene +Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche +Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die +Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der +Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und +Barth. + +Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die +ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter +dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. +31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von +Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). +Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der +zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der +glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten +Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid +mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten +angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher +Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen +ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte +der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so +wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch +hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 +Meter ergeben würde. + +Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf +Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser +entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt +existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden +die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer +absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt +man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, +welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und +nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte +dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von +Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben +geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich +dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu +werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die +Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch +giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele +eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ +tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind. + +Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau +heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter +absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen +Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis +zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin +von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und +manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele +darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass +unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, +liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden +existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar +die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des +Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die +Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der +libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese +kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in +Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten +gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der +Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee. + +Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich +bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch +rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit +See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass +die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten. + +Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich +überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, +welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von +silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese +bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der +eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch +gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange +Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen +Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten +und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, +reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und +überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen +geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe +aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von +künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte +Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war +und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon +birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen. + +In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen +Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch +zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression +verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 +Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf +das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier +kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom +Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist +heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten +durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch +weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die +Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen +gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, +geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo +südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne +wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch +eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach +den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, +keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie +geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass +in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga +bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass +übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote +standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase +tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher +aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und +niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, +dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, +Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier +den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, +und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die +Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt +schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen +haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu +sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache +nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer +solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose +Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im +Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., +während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine +Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben. + +Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche +Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium +und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden +ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können +aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch +feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer +verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach +Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und +erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser +verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass +hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode +muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man +versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den +Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und +Tamarisken. + +Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las +man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den +Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch +andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte +aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass +Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der +grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt +fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher +denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder +vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den +fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. +Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese +Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um +dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun +eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, +einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen. + +Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, +welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung +trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus +geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen +schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches +die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen +können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, +Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den +fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor +der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden +geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen +Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen +grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden +könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos +um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum +würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden +Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen +und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber +auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder +unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste +sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des +Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach +Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea +(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, +und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb +der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei +niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr. + + + + +FUSSNOTEN: + + +[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt +sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, +Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben. + +[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn +zu lesen war mir unmöglich. + +[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener +Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000 +Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den +Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern +El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen +sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein +Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird. + +[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner +Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile: +Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-á¹…gimsegeni_, Oststadt += _Kuka-gérgedi_. + +[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu +besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen, +Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte +Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_ +als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser +"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste +sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen, +darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine +Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren. + +[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen +Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm +können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel +des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut +arabisch sprach. + +[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese +Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von +einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt +in Lokódza ist, übersetzt wurden. + +[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese +Sprache übergegangen. + +[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit +der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war, +trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg +ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich +nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der +von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich +mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss. + +[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von +Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an +Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die +Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte +zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber +hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir +Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der +Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi, +also höher stehend als Kassai von Tigre. + +[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch. + +[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen. + +[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint. + +[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares +selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme. + +[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech. + +[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus +geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in +Abessinien eingeführt sein. + +[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche +andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er +führt an: + + "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler." + +ferner: + + "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei + sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle." + +[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in +seiner "Reise nach Abessinien etc." + +[19] Nach v. Heuglin Trachyt. + +[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen +gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf. + +[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch +selten. + +[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt. + +[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G +aussprechen. + +[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction +heisst Mnaidra. + +[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon. + + + + +Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. + +In unserem Verlage ist _erschienen_: + + +GERHARD ROHLFS. + +Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der +Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste +über Rhadames nach Tripoli. + +Mit einer Karte von Nord-Afrika + +von + +#Dr. A. Petermann.# + +Zweite Auflage. + +Preis: 1 Thlr. 20 Ngr. + + * * * * * + +Ferner erschien: + +GERHARD ROHLFS. + +Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen +Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier# +und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#. + +Preis: 1 Thlr. 15 Ngr. + + * * * * * + +Bremen. + +#J. Kühtmann's Buchhandlung.# + + * * * * * + +Druck v. Hirschfeld, Leipzig. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus +den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 *** diff --git a/14142-h/14142-h.htm b/14142-h/14142-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f18b223 --- /dev/null +++ b/14142-h/14142-h.htm @@ -0,0 +1,5627 @@ + +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content= + "text/html; charset=UTF-8"> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Land Und Volk In Afrika, by Gerhard Rohlfs. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + P { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + H1,H2,H3,H4,H5,H6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + } + HR { width: 33%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + BODY{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } +div.center {text-align: center} + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .note {margin-left: 2em; margin-right: 2em; margin-bottom: 1em;} /* footnote */ + .blkquot {margin-left: 4em; margin-right: 4em;} /* block indent */ + .pagenum {position: absolute; left: 92%; font-size: smaller; text-align: right;} /* page numbers */ + .sidenote {width: 20%; margin-bottom: 1em; margin-top: 1em; padding-left: 1em; font-size: smaller; float: right; clear: right;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span {display: block; margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em;} + .poem .caesura {vertical-align: -200%;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***</div> + +<h1>LAND UND VOLK IN AFRIKA</h1> + +<h2>BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.</h2> + +<h3>VON</h3> + +<h2>GERHARD ROHLFS</h2> + +<div class="center"> <b> +<span style='margin-left: 1em;'>BREMEN, 1870.</span><br /> +<span style='margin-left: 1em;'>VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.</span><br /> +<span style='margin-left: 1em;'>U.L. FR. KIRCHHOF 4.</span><br /> + +<br /> +</b></div> + +<hr style='width: 65%;' /> + +<h2>INHALT.</h2> +<br /> +<div class="center"> +<a href='#Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'><b>Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.</b></a><br /> + <a href='#Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'><b>Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.</b></a><br /> + <a href='#Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'><b>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</b></a><br /> + <a href='#Von_Lagos_nach_Liverpool'><b>Von Lagos nach Liverpool</b></a><br /> + <a href='#Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'><b>Die Stadt Kuka in Bornu</b></a><br /> + <a href='#Am_Benu=e'><b>Am BénuÄ“</b></a><br /> + <a href='#Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'><b>Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.</b></a><br /> + <a href='#Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'><b>Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.</b></a><br /> + <a href='#Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'><b>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.</b></a><br /> + <a href='#Der_Aschangi_See_in_Abessinien'><b>Der Aschangi-See in Abessinien</b></a><br /> + <a href='#Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'><b>Nach Axum über Hausen und Adua.</b></a><br /> + <a href='#Damiette'><b>Damiette.</b></a><br /> + <a href='#Malta'><b>Malta.</b></a><br /> + <a href='#Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'><b>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</b></a><br /> + <a href='#FUSSNOTEN'><b>FUSSNOTEN</b></a><br /> + +</div> + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'></a><h2>Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.</h2><a name='Page_1'></a> +<br /> + +<h3>Mursuk in Fessan im Januar 1866.</h3> + +<p>Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt +hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den +Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte +Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand +würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, +viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise +der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben +Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die +Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der +Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der +Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès +an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.</p> + +<p>Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das<a name='Page_2'></a> +gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in +ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, +nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem +vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler +und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über +den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie +eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so +anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als +nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas +jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie +Gelegenheit, mit <i>den Leuten vom kleinen Zelte</i> zu verkehren, sondern +frequentirte nur die <i>Leute der cheima kebira</i>; will man aber ein Volk +kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen +desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.</p> + +<p>Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand +meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in +Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine +Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche +Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt +haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in +Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im<a name='Page_3'></a> +Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.</p> + +<p>Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor +zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den +Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält +folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand +Si Lalla's bewährt hat:</p> + +<p>"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen +sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt +haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und +Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind +<i>Civilisationsversuche vergeblich</i>. Wie sind die Araber heutzutage nach +mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den +Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen +dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur +im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran +ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so +geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie +innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern +Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit +von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und +gar nicht gedrungen ist. Der Ara<a name='Page_4'></a>ber unter seinem Zelte lebt nach wie +vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält +einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so +geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen +hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen +verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien +heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes +Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den +civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom +Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, +als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage +immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern +Platz machen müssen etc."</p> + +<p>Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute +meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur +nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald +sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und +notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf +seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein—hat Frankreich das +Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des +Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. +Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der +Metropole zu <a name='Page_5'></a>verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere +gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien +der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.</p> + +<p>Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich +will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen +Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt +nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern +Eingewanderten<a name='FNanchor_1'></a><a href='#Footnote_1'><sup>[1]</sup></a> und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich +französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, +namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber +zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, +wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder +gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit +undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, +weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als +ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in +Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber <i>neben</i> +einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte +beibehaltend. Im äussersten <a name='Page_6'></a>Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am +Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu +unterwerfen, jedoch <i>nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst</i>. Die +sogenannten <i>Kulughli</i>, Progenitur der Türker mit Araberweibern, +bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; +überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker +unvermischt <i>neben einander</i>. Und doch verbindet Berber, Araber und +Türken Eine Religion.</p> + +<p>Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und +sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne +zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen +Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten +Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird +Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden +ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der +Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es +bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So +verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die +Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu +verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn +wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie +sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es <a name='Page_7'></a>die in den +anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht +schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so +ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im +Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in +der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, +und in der Priesterschaft.</p> + +<p>In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von +aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der +Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt +gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den +Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem +christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen +Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. +Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, +haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr +Standpunkt war zur Zeit Abrahams.</p> + +<p>Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für +die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; +diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu +vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche +Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. +Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der +Kaiser <a name='Page_8'></a>sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die +Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die +Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die +Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in +christlich civilisirtes Land umzuwandeln.—</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'></a><h2><a name='Page_9'></a>Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.</h2> +<br /> + +<h3>Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.</h3> + +<p>Unter <i>Haschisch</i> verstehen die Araber im weitern Sinne jedes <i>Kraut</i>, +näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica +(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an +Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. +Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze <i>Tekruri</i>, und +diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und +Persien vorzugsweise.</p> + +<p>Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:</p> + +<p>"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und +wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli +eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit +demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden <a name='Page_10'></a>Pilgern +giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri +auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, +vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer +arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener +machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem +eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, +ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen <i>Haschischin</i> gegeben hat. +Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch +<i>nicht</i> vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem +eigenthümlich unangenehmen Geschmack."</p> + +<p>Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als +die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der +gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden +vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man +z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des +Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von +manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, +Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle +Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach +Süden exportirt.</p> + +<p>Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder +sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und +rauchen sie <a name='Page_11'></a>rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder +Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen +so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art +Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man +pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit +Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art +Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die +unter dem Namen <i>Majoun</i> verkauft werden.</p> + +<p>Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt +dasselbe einen <i>starken Rausch</i> aus. Europäer jedoch, welche +Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem +sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine +Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was +Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, +dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in +Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen +kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'></a><h2>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</h2> + +<h3>In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.</h3> +<br /> + +<p>Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans +Mohammed el Hakem von Fessan. <a name='Page_12'></a>Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich +nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste +etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. +Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).</p> + +<p>Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: +Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene +Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und +Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.</p> + +<p>Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich +indess,—es ist jetzt 7 Uhr,—merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse +schwarzen Kaffee ohne Zucker.</p> + +<p>7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne +mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und +befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die +Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.</p> + +<p>7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die +Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos +scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den +Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse +ich, womit ich angefangen.</p> + +<p>7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls +zählen unmöglich.</p> + +<p>Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht <a name='Page_13'></a>mit; ein anderer +zündet mir eine Nargile an. Ich rauche <i>und fliege</i>, obgleich ich mit +den Händen fühle, dass ich liege.</p> + +<p>Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser +Zeilen Stunden zubringe.</p> + +<p>8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, <i>und einzelne Theile fallen von meinem +Körper</i>, obgleich ich mich dumm<a name='FNanchor_2'></a><a href='#Footnote_2'><sup>[2]</sup></a> niederschreibe, denn ich habe +vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, +ich will ausgehen.</p> + +<p>8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die <i>Strassen der Stadt +verlängerten sich</i> und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; +ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu +petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und +setzte mich vor mein Haus.</p> + +<p><i>Ich bin ohne allen Willen</i>; die Wand gegenüber meinem Hause war schön +tapezirt, auch hörte ich von fern <i>schöne Musik</i> und jetzt schreibe ich +und sehe, dass Alles erlogen ist.</p> + +<p>Ich will mich legen, <i>aber bin ich wirklich verrückt</i>?</p> + +<p>Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), <i>mein Wille ist ganz weg und in mir +grosser Sturm</i>. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht +ausblasen, <a name='Page_14'></a>aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl +nicht gelähmt.</p> + +<p>Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin +ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft +schweben.</p> +<br /> + +<p><b>26. Januar Morgens.</b></p> + +<p>Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu +schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute +Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen +Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der +Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich +denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, +überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im +Tekrurizustande mich befände.</p> + +<p>Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass</p> + +<p>1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.</p> + +<p>2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches +eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche +Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.</p> + +<p>3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.</p> + +<p>4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.</p> + +<p>5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende <a name='Page_15'></a>Dinge werden +vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.</p> + +<p>6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.</p> + +<p>7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass +dieser Zustand immer dauern möge.</p> + +<p>8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als +das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.</p> + +<p>Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch +nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Von_Lagos_nach_Liverpool'></a><h2><a name='Page_16'></a>Von Lagos nach Liverpool</h2> +<br /> + +<p>Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, +den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der +Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich +Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, +welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe +noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, +untergegangen.</p> + +<p>Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener +Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója +aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie +unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von +Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde +auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der +während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger +herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner <a name='Page_17'></a>(ebenfalls zu +Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen +Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre +Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, +als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten +wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras +lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen +Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im +dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man +öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn +auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt +Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.</p> + +<p>Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die +jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen +Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art +Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, +wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um +die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen +die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, +Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde +vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur +vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am +schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere +Tage weit auf <a name='Page_18'></a>die bequemste und leichteste Weise ins Innere +transportirt werden können.</p> + +<p>Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten +schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen +Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und +hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum +eine reichliche Abnahme fanden—und zum anderen Thore wieder +herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der +ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. +Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die +baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die +gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die +dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man +mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich +hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer +und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von +Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben +Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben +und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte +Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten +Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der +Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse +Blätter eingekochter Kleister aus in<a name='Page_19'></a>dianischem Korne, gegessen wird. +Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen +mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene +angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und +Treiben am Ufer hervorrief.</p> + +<p>Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen +liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am +Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die +Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im +Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger +Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel +zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit +gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 +Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen +Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. +Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit +allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich +westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. +in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir +Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem +grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser +ganzer Reichthum bestand noch in <a name='Page_20'></a>20 Muscheln, was gerade genug war, um +unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen +etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen +Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln +zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe +Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere +Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine +Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und +Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese +Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also +schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der +Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine +hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die +Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln +bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem +langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die +Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen +wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel +des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. +Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich +selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so +dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern +bereit erklärte, aber <a name='Page_21'></a>seine Blicke gar nicht von den verlockenden +Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem +Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu +verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde +unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o +Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so +wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um +nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern +zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, +um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl +gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder +abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen +für viere; endlich indess waren Alle satt.</p> + +<p>Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, +bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils +benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses +Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus +einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten +ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir +gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos +gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit +diesem überzufahren. Es kam <a name='Page_22'></a>dies denn auch bald in Sicht, indem es +erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria +regina) gestickt war.</p> + +<p>Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere +folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit +einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf +jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen +Sprache wird.</p> + +<p>Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich +auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, +welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. +Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das +Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so +lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und +Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem +folgenden Morgen der Fall sein.</p> + +<p>Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem +gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht +starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. +Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass +wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten +sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in +der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die +<a name='Page_23'></a>Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff +folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, +obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste +tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei +eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, +dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich +ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, +schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte +war.</p> + +<p>Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder +von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft +durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich +schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze +überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von +deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone +Zeuge ist.</p> + +<p>Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht +erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration +sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von +allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das +Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer +noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken +und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine +<a name='Page_24'></a>Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, +und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners +übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.</p> + +<p>Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer +sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas +Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen +oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine +Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und +unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich +neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit +zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an +salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven +gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff +davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich +sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, +oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu +ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr +tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme +aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch +die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe +Wellenschlag, abgesehen davon, dass <a name='Page_25'></a>er es fortwährend mit Wasser +füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.</p> + +<p>Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen +Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe +electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, +taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser +gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die +Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns +wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. +Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, +aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen +unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis +Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden +seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer +Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich +zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren +abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des +Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, +um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun +freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen +hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in +einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne +<a name='Page_26'></a>die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, +sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die +Sonne.</p> + +<p>Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches +Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel +belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos +gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer +grossen Menge von Canoes.</p> + +<p>Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass +ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den +Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer +seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der +Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur +mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung +begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten +Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem +europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, +als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, +der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen +Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit +einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten +Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. +Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem <a name='Page_27'></a>Schritte vom Wasser, das in +sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein +unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.</p> + +<p>Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer +verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen +würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover +hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden +hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes +Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand +mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei +Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen +seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den +Aufenthalt angenehm zu machen.</p> + +<p>Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn +Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann +der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und +jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der +O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer +war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser +über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. +Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der +Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den <a name='Page_28'></a>Salon +betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand +gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, +dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu +erweisen, als der englische Gouverneur.—Sowohl Herr Glover als auch ich +waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie +er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn +Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich +andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles +Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so +schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause +an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.</p> + +<p>Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen +und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung +aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.</p> + +<p>Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine +Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt +gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann +Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, +vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, +den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und +<a name='Page_29'></a>Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam +es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor +der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie +durch's hohe Hofthor einzogen.</p> + +<p>Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und +Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet +wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des +gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, +sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.</p> + +<p><i>Lagos</i>, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon +erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem +englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. +Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten +Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die +zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen +aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des +Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere +Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch +Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera +haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der +grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser +Stadt fast ganz unbekannt.</p> + +<p><a name='Page_30'></a>Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer +westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen +Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme +genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas +die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch +ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation +durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. +Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir +mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie +übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien +verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte +Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren +Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie +sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige +Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem +Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind +sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt +eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.</p> + +<p>Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine +hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon +mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn +methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem +dass auch die Mohammedaner mehrere <a name='Page_31'></a>Moscheen in Lagos haben und leider +auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen +Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg +zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus +besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf +europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute +es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen +wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die +schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer +spielte, begleitet, sangen.</p> + +<p>Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit +in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen +Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen +Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen +verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu +werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes +Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach +Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt +und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und +Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England +schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur +als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er +leistete gleich Grosses im Gebiete <a name='Page_32'></a>der afrikanischen Sprachen, seine +Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere +Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner +gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und +BénuÄ“-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. +Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig +gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche +Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während +meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach +Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.</p> + +<p>Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom +Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements +der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon +erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, +die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein +Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch +bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr +Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die +westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den +letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.</p> + +<p>Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das +theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum +Verkauf gebracht <a name='Page_33'></a>wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh +nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere +Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was +Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch +zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist +indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für +Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft +diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein +möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst +liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung +ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, +aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und +eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren +können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch +die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, +ihren Tribut zahlen zu lassen.</p> + +<p>Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar +schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann +Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und +andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen +Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom +indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika +gebracht. Obwohl <a name='Page_34'></a>nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth +derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen +Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 +Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei +der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe<a name='FNanchor_3'></a><a href='#Footnote_3'><sup>[3]</sup></a> +von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in +kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches +Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von +Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.</p> + +<p>Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und +Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. +Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und +Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie +O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie +haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den +grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht<a name='Page_35'></a> +einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere +Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune +hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst +einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.</p> + +<p>Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die +wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter +verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten +Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man +glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe +einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, +die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr +schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht +bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas +bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten +Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso +unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, +weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen +noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde +zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als +Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause +James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein +bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine <a name='Page_36'></a>Frau, Md. James, +ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der +den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf +Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der +liebenswürdigsten Salondamen.—Sie hatte mehrere Male die Güte die +schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und +Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der +Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren +hundert bringen.</p> + +<p>Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und +allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die +grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen +Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, +wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche +Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von +Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im +Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen +Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und +jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer +Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne +Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch +gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den +Missionären, auf den anderen Factoreien etc.</p> + +<p><a name='Page_37'></a>Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste +Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer +heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. +Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem +hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte +Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See +begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren +hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die +Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.</p> + +<p>Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell +dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, +nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht +hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, +denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und +Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten +Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in +Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter +zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 +Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: +es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa +Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch <a name='Page_38'></a>neue +Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der +Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur +en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles +eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse +seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.</p> + +<p>Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir +dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die +Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter +begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden +hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich +der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas +getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man +noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts +dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich +selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener +Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei +sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich +nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche +Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter +Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur +eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch +<a name='Page_39'></a>durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, +längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.</p> + +<p>Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis +jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte +deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als +auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die +Betten nichts zu wünschen übrig.</p> + +<p>Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie +Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) +aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand +ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren +Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses +Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf +die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter +den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn +auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.</p> + +<p>Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem +englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche +Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um +12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus +kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr +Nachmittags das Diner, <a name='Page_40'></a>endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es +versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch +der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar +keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben +keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen +konnte.</p> + +<p>Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern +waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder +lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, +nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren +wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind +offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger +an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter +vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte +auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die +Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen +ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald +sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die +Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre +Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit +ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.</p> + +<p>Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser <a name='Page_41'></a>Sicht, aber gegen 10 +Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und +nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 +Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen +Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern +gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo +indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, +von vielen kleinen Negerhütten umgeben.</p> + +<p>Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff +umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den +Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten +Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man +von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte +Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, +Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, +Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, +Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll +gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer +zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in +Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster +Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere +Flaschen, europäische Ta<a name='Page_42'></a>schentücher, Messer, manchmal auch baares Geld +das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. +B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, +ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten +Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, +der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge +auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die +kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier +indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein +Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon +waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, +den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und +Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier +vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, +fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, +ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.—Es befindet sich +vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit +der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung +verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher +Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu +gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das +geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der +Missionsanstalt auch <a name='Page_43'></a>allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was +leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz +vernachlässigen.</p> + +<p>Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach +Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter +Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs +Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, +sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da +er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde +eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so +komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die +lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf +französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns +zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch +und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch +nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der +allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz +fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, +unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn +auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu +erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.</p> + +<p>Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage +vorher, westlich etwas zu Süd haltend, <a name='Page_44'></a>Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt +fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck +flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.</p> + +<p>Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, +dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg +dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die +vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen +gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf +hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um +so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen +hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, +und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen +Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor +Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.</p> + +<p>Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker +aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme +umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit +über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu +handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, +auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere +Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen <a name='Page_45'></a>alle von der +Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld +eröffnet hat.</p> + +<p>Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von +der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss +getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der +rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der +Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen +den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, +weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross +sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt +das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten +entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr +an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz +unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang +zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst +bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und +dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, +dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl +die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern +gewöhnliche Volkslieder.</p> + +<p>Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist +jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg +wurde schon 1850 <a name='Page_46'></a>von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. +Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu +erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind +der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle +Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu +finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.</p> + +<p>Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das +Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage +fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen +vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.</p> + +<p>Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf +steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den +Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch +nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch +einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier +bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz +besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich +schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die +künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so +ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf +vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt +haben würde, <a name='Page_47'></a>dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich +hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom +Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, +theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den +Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die +Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, +bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat +zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen +mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten +Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.</p> + +<p>Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des +Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu +einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch +zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen +sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die +grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem +grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, +als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten +Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne +brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen +Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu +uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man <a name='Page_48'></a>mir +in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich +bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit +meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape +Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, +weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien +recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti +König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. +Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit +sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann +auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort +Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach +Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir +hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, +er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach +Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so +ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern +ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.</p> + +<p>Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste +haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war +gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des +Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. +Es war für mich um so unangenehmer, als <a name='Page_49'></a>ich von Zeit zu Zeit noch +Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft +anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht +gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten +an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, +lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die +Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst +abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so +grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der +Führung des Dampfers.</p> + +<p>Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den +ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; +zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, +denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren +Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr +endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein +amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der +christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch +anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.</p> + +<p>Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur +Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. +Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. +Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die <a name='Page_50'></a>Kirchen und +hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste +vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der +indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein +mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, +die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt +die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie +ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, +und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen +ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in +Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die +vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel +treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, +leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels +ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im +Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese +interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in +Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes +Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere +Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch +nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in +unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie +aufzunehmen.</p> + +<p><a name='Page_51'></a>Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen +ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. +Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man +sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe +meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre +im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch +mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.</p> + +<p>Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne +Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu +einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer +Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr +unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen +Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit +gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu +lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten +Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich +unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.</p> + +<p>Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir +schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir +eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.</p> + +<p>Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis +auf welche Stufe der Neger sich in <a name='Page_52'></a>Cultur und Civilisation +emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in +administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung +selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat +hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von +Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet +sein könnte, wird immer noch vom government of the United States +ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia +vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu +verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der +Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche +Religion angenommen.</p> + +<p>Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt +selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der +Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt +Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse +Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, +und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die +Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der +Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht +hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern +gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 +Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.</p> + +<p><a name='Page_53'></a>Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von +Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen +ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel +Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre +Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir +selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser +jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel +zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher +Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose +Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord +vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und +Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer +unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.</p> + +<p>Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von +tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich +die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag +konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen +des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren +indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die +unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste +von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel +wie Fernando Po oder St. <a name='Page_54'></a>Thomas, erst später entstand durch +Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre +Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. +Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der +bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft +Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste +von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche +geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das +schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie +Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich +vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.</p> + +<p>Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner +Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen +Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das +prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem +Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt +vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.</p> + +<p>Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr +Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, +Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, +grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des +Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, ei<a name='Page_55'></a>nige +Verschanzungen nach der Seeseite zu—dies Alles untermischt vom tiefen +dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, +schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen—dies +imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt +der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im +Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, +hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen +Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir +schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der +wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses +gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen +an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen +die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt +etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.</p> + +<p>Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten +und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine +Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns +war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so +weniger vom Gesammtbilde verloren.</p> + +<p>Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst +näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief +für Herrn Rosen<a name='Page_56'></a>busch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer +Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung +statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses +profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen +zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und +überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem +ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.</p> + +<p>Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, +obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat +durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem +Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast +gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven +herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und +Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man +sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen +Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. +Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die +Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt +als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt +hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen +Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und +wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältniss<a name='Page_57'></a>mässig am +meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die +Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite +legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich +noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, +als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche +evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im +Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben +desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen +fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und +Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. +Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich +auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen +haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen +Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig +machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die +Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, +weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer +gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten +der ersteren sein dürfte.</p> + +<p>Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit +angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben +thun, wenn man die <a name='Page_58'></a>breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen +bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege +böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da +Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe +und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind +meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt +man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie +früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen +Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles +durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am +Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies +mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast +alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder +doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die +Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten +Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor +dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen +schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb +die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie +werden eingeführt werden—oder kurze Röckchen, wobei natürlich das +schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen +mit chinesischem Absatz zu einem voll<a name='Page_59'></a>kommenen Pariser umgewandelt wird. +In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon +weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem +Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie +es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch +ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das +Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie +Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner +junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich +vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, +ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen +Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht +selbst Verse improvisirend.</p> + +<p>Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der +verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, +dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa +200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. +Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, +jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie +an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in +climatischer Hinsicht stattfindet.—Der Handel von Sierra Leone, wie +schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr +bedeutend, <a name='Page_60'></a>und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel +mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses +Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie +wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt +von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren +zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem +Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen +Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.</p> + +<p>Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, +und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben +wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das +Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr +heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, +dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir +machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal +ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich +fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn +hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne +dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke +indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark +geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbin<a name='Page_61'></a>dung zu bringen +sein dürfte.—Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde +natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran +war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison +von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 +Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die +Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über +mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu +hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, +die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer +nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch +eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut +umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht +beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, +die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte +keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, +und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. +Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der +Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum +Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen +hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.</p> + +<p>Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des <a name='Page_62'></a>Gambiaflusses zu +erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap +der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um +6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia +sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des +Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so +fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und +französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann +namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am +Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist +Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen +anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der +Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder +Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im +frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und +etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in +ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt +und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches +in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.</p> + +<p>Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter +anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er +Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in +Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine <a name='Page_63'></a>Schuhe +selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei +Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den +Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich +aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig +ausgekehrt hatte.</p> + +<p>Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von +einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes +Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu +besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap +Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf +Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir +doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein +erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche +bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle +hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend +hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer +zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg +bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und +Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze +Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der +Natur.—Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, +zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten +<a name='Page_64'></a>Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. +Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. +Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine +und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe +mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was +vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung +nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu +nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet +ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. +Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess +später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte +sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und +wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu +verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, +ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und +schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst +bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht +ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als +Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.</p> + +<p>Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit +denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir +hielten dicht <a name='Page_65'></a>neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der +hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, +so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und +Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank +wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine +junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, +um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines +ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. +Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter +See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so +geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete +Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, +kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für +die herrliche Insel.</p> + +<p>Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira +angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck +erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor +uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig +grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen +wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu +landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen +von den schönen Gärten, von den schattigen <a name='Page_66'></a>Spaziergängen, von dem +eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, +von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte +der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war +und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer +kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten +Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, +obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend +billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu +heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden +war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel +augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte +Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf +bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.</p> + +<p>Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 +Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. +Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach +einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie +durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen +Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit +ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage +abwendig zu machen, bei <a name='Page_67'></a>welchem Unternehmen ich freilich mit +Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es +traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in +Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten +Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen +Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.</p> + +<p>Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur +noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, +gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, +vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten +Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten +gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder +schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich +anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath +von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind +und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die +eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 +Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag +später in den Docks in Liverpool bei.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'></a><h2><a name='Page_68'></a>Die Stadt Kuka in Bornu</h2> + + +<div class='blkquot'><p><i>Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des + Sultans.—Das Christenhaus.—Rathsversammlungen.—Aufzüge und Prunk + der Grossen.—Leben und Treiben auf dem grossen Markte.—Schwunghafter + Sclavenhandel.</i> </p></div> +<br /> + +<p><i>Kuka</i>, von den Bewohnern Sudans <i>Kukaua</i> genannt, ist die Haupt- und +gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. +Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande +des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. +Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche +hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites +aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in +unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz +machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss +hohen <i>Argum-moro</i>- (Pennisetum distichum) und <i>Ngáfoli</i>- (Sorghum) +Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der +Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein <a name='Page_69'></a>Sumpf, und bei +anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der +ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka +selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, +welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern +"<i>Dendal</i>", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, +"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss +Tiefe.</p> + +<p>Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre +1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, +eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der +Weststadt <i>Billa fute be</i>, der Mittelstadt und der Oststadt <i>Billa gede +be</i>.<a name='FNanchor_4'></a><a href='#Footnote_4'><sup>[4]</sup></a> Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus +gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem +durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die +Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die +beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke +bilden, beinahe von Osten nach Westen.</p> + +<p>An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren +Baumaterial blos Thon ist, nichts Be<a name='Page_70'></a>merkenswerthes. Der jetzige Sultan, +Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel <i>Mai</i>, d.h. König, führt, +residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen +hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd +bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge +kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. +Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus +Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem +der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner +Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters +Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, +nachdem die der <i>Séfua</i>, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt +bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom +Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als +Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. +Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser +Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine +andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, +und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der +Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher +hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet +sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der +auch des Frei<a name='Page_71'></a>tags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt +indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf +einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus <i>Fato +á¹…ssara be</i>, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und +Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.</p> + +<p>In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile +giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar +in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der +Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten +afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen +haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine +<i>bienenkorbförmige Strohhüte</i>, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei +oder mehreren geschmückt ist, <i>Ṅgim</i> genannt, und die, wenn mehrere +zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen +<i>Fato</i>, Wohnung, haben.</p> + +<p><i>Die Bevölkerung</i> einer Stadt, die als <i>Hauptmittelpunkt des Handels von +Innerafrika</i> gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten +vertreten sind indess die <i>Kanúri</i> oder eigentlichen Bornubewohner, dann +die <i>Leute aus Kanem</i>, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, +endlich die <i>Teda</i> oder <i>Tebu</i>, die zum Theil in Bornu selbst ansässig +sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber +ausserdem sind die <i>Búdduma</i> oder <i>Jedina</i>, <a name='Page_72'></a>welche die Inseln des +<i>Tsad</i> bewohnen, die <i>Uandala</i> aus den nördlichen Sumpfniederungen am +Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt +vertreten, sowie das <i>weisse</i> Element durch die verschiedenen +<i>Túareg-Stämme</i> der südlichen Sahara und durch <i>Araber</i> und <i>Berber</i> +repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten +haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich +denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das +Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr +häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. +Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die +Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine +Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, +sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie +die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der +Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner +südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo +ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, +welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das +Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, +und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.</p> + +<p>Kuka ist eine <i>Grossstadt</i> und gleicht in manchen Beziehungen unseren +europäischen Hauptstädten. Morgens <a name='Page_73'></a>früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die +eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess +kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf +den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit +Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren +ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die +Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber +sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede +ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel +die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die +Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, +nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, +welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten +Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. +Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen +in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, +Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen +die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, +Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen +beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe +oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, +Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im +Freien. Die gegen Mittag <a name='Page_74'></a>eintretende Hitze gestattet aber Keinem, +länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.</p> + +<p>Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. +Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer +Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten +zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu +ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen +ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen +Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.</p> + +<p>Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, +und darunter namentlich die <i>Cognaua</i> (Plural von <i>Cogna</i>) oder Räthe, +welche die <i>Rathsversammlung</i> oder <i>Nókna</i>, die alle Morgen in der +Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, +von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da +kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig +Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein +Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, +der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den +Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf +Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare +Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, +vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser +<a name='Page_75'></a>Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige +mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. +Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut +und die <i>Cognaua</i> die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, +selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss +erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, +Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes +Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die +Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so +grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder +Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches +Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.</p> + +<p>Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt +dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und +husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range +über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten +versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und +mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, +von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen +clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der +<i>Mai</i> die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, +nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen +überdeckt <a name='Page_76'></a>ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai +erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann +den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; +die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess +eigentlich nur <i>Schürfa</i> (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine +Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten <i>Cognaua</i> +haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins +Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der +Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche +Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den +Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes +geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei +mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen +Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der +Königin Victoria<a name='FNanchor_5'></a><a href='#Footnote_5'><sup>[5]</sup></a>; alle anderen aber müssen, ehe sie die <a name='Page_77'></a>Wohnung des +Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert +meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum +Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung +verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, +Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung +Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für +die Sklaven.</p> + +<p>Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen +zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die +grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles +zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, +oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem +Nichtsthun hinzugeben.</p> + +<p>Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der <i>Markt</i> +fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden +<i>Montag</i> vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, +der <i>alle Tage</i> in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es +wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, +dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr +Nachmittags ist <i>die ganze Stadt ein Markt</i>; Hauptpunkte bilden freilich +der westliche <i>Dendal</i> der Weststadt, dann der <i>Ṅgimgsegeni-Dendal</i> und +der Platz am Westthore der Oststadt.</p> + +<p><a name='Page_78'></a>Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt +hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten +hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse +lederne <i>Botta</i>, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig +ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, +dort liegen <i>Koltsche</i> und <i>Ngángala Erdnüsse</i>, die einen +kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, <i>Kornafrüchte</i> +(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des +<i>Hadjilidj-Baums</i>, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden +ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche <i>Gunda</i> oder +<i>Melonenbaumfrucht</i>, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren +Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet +man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse +Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. +Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und +über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als <i>Gúmgeni</i>. Dies ist +das, was die Araber <i>Kiftah</i> nennen. Auch kleine Brötchen, für einige +Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen +fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos <i>Goro-</i> oder +<i>Kola-Nüsse</i> verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich +mit dem blossen Anblick genügen! Die <i>Goro-Nuss</i>, die nach Kuka von der +Westgegend Afrikas <i>über Kano</i> kommt, <a name='Page_79'></a>wird durch diesen Transport so +theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen +muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen +Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine +Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.</p> + +<p>Interessant sind die Buden, welche <i>europäische Artikel</i> ausbieten: +Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, +grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in <i>Perlen</i> +findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass +die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so +viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen +Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, +namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch +nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen +Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, +denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches +Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem +Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf +Borg abgenommen hatte.</p> + +<p><i>Sklaven</i> sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer +Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während <i>Montags am +grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern.</i> <a name='Page_80'></a>Der +Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es +z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine +Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse +Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch +den <i>grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren</i> sind +die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges +Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, +ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.</p> + +<p>Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn +auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind +alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen +zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein +gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man +kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel +hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt +werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, +weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem +Austausch ein Ende macht.</p> + +<p>Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man +vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und +dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich <a name='Page_81'></a>Rendezvous; +namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr +leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat +ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans +wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um +Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu +Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; +Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird +es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.</p> + +<p>Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein +bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der +Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere +Weg nach der Küste vermittelst des BénuÄ“ und Niger ist augenblicklich +für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, +der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden +hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima +von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen +Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, +durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers +hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Am_Benu=e'></a><h2>A<a name='Page_82'></a>m BénuÄ“</h2> +<br /> + +<p>Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst +von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage +noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich +mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche +diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder +war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein +Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte +ich nicht erfahren.</p> + +<p>Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen +eigene kleine Hütten. In den Gegenden am BénuÄ“ sind es hauptsächlich +<i>Dodo</i> und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es +giebt nämlich <i>Götter, die allgemein sind</i>, und <i>Privatfetische</i>; jeder +hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man <i>Stadtgötter</i>, +<i>Thorgötter</i>, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.</p> + +<p><a name='Page_83'></a>Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die +uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, +dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen +Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans +mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im +Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte +Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut +beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die +Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man +sah, dass die Nähe des BénuÄ“ hier schon einen mächtigen Einfluss auf +die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die +Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch +überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der +Tagesordnung sind, <i>auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder +Pullo</i> (Fulbe) <i>nach Süden zu</i>. Voran gingen zwei riesige Neger aus +Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an +80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine +Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann +drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir +selbst.</p> + +<p>Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen +hörte man von fern das Krachen <a name='Page_84'></a>der Zweige im Gebüsche, durch welches +ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder +aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen +kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die +Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, +weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu +Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen +gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend +konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so +dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad +ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse +Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns +plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine +weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig +helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die +Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; +als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu +unseren Füssen sich ausdehnte.</p> + +<p>Aber nein, es war kein See, <i>es war der BénuÄ“</i>. Nach rechts und links +dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah +man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen +Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.—"Nein, das +ist blos eine Insel, <i>Loko</i>, <a name='Page_85'></a>von <i>Bassa-Negern</i> bewohnt, und hier +werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden +sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, +sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, +um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir +Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches +nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir +uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. +Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und +sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem +Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser +stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, +an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der +jetzt beim niedrigsten Wasserstande des BénuÄ“ sehr breit war, und +bald waren wir den <i>Bassa</i> gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein +paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so +waren diese den BénuÄ“ <i>herauf</i> in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs +schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu +halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung +gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine +Mohammedaner wären, sondern <i>Nassara</i> (Christen, mein mohammedanischer +<i>Diener Hammed</i> liess es sich ganz <a name='Page_86'></a>gern gefallen, hier als Christ mit +zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins +bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten +Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das +nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder +im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die +Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst +dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den +Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den +Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 +Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie +solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden +wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug +war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 +Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. +Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach <i>Loko</i> +begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor +der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die +Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz +hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir +stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel +hinüber geschaufelt.</p> + +<p><a name='Page_87'></a>Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, +wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch +nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein +zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich +vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die +Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne +irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen +dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht +schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, +da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, +Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich +so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, +und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten +vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in +einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu +verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett +aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, +fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort +üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge +Sprachen als: <i>Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe</i> etc. Ich +glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine +dieser Sprachen <a name='Page_88'></a>verständen, und erwiderte sogleich <i>Arabtji, +Berbertji</i>. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese +Negerstämme die <i>Bewohner</i> und <i>Sprache</i> von <i>Bornu</i> (—das Kanúri—). +Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji +antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit +einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, +ke l'áfia-lÄ“ á¹…da tégÄ“ etc.: "Sei gegrüsst; Friede; <i>wie +befindet sich deine Haut</i>" etc. entgegenrief.</p> + +<p>Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu +antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch +schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und +ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche <i>Kanúri</i> vom +Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm +entgegneten, wir wären <i>Inglese</i> und Vettern von den beiden weissen +Christen in Lokója (—der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station +an der Mündung des BénuÄ“ in den Niger—). Er selbst war gerade nicht +von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens +<i>Lafia-Bere-Bere</i>. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in +Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, +den ich später zu erwidern hätte.</p> + +<p>Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser +Kanúri erzählte mir, dass die <a name='Page_89'></a>Bassa auf Loko hauptsächlich von der +<i>Fähre</i> lebten, da hier ein <i>Hauptübergang</i> sei; bei Hochwasser sei die +ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, +überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer +zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen +jungen Leute in hohen <i>auf Pfählen</i> ruhenden Hütten zurückblieben. Die +Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten BénuÄ“-Ufer, wurden +aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass +nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet +werden. Die Bassa sind mit den <i>Afo-</i> und <i>Koto-Negern</i> eng verwandt und +scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von +Fischen, die der BénuÄ“ ausgezeichnet und in unglaublicher Menge +liefert. Dem Aeussern nach sind sie <i>echte Neger</i>, ohne doch dabei +hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und +unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell +um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die <i>Art ihrer Begrüssung</i>, +indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass +einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger +<i>Fetischdiener</i>, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie +jene zu haben.</p> + +<p>Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten +aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir +uns niederge<a name='Page_90'></a>lassen, als der <i>Galadima</i> oder <i>König</i> der Insel kam. Er +besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde +nach einem <i>Araber</i> als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich +recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein +Schiff zu miethen nach <i>Imaha</i> (wird auch von den Arabern und +Soko-Negern <i>Um-Aischa</i> genannt), einem Orte, der drei Tagereisen +unterhalb am BénuÄ“ liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war +keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise +forderten,—sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den +4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse +stand,—sondern weil wir gar kein <i>baares Geld, d.h. Muscheln</i>, mehr +hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, +das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen +gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts +Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu +verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das +Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu +bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von +den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.</p> + +<p>Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er +mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber +blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen <a name='Page_91'></a>sich +in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er +selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er +machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, <i>er +wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in +Handelsverbindung zu treten</i>. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir +sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, <i>Madidi</i>, d.h. eine +Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.</p> + +<p>Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es +war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die +Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, +es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen +Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren +Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich +beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, +dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht +wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, +dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte +aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers +von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke +durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen +Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen +vollkommen sternhellen und unumwölkten Him<a name='Page_92'></a>mel, und am andern Morgen +tauchte die Sonne wie neu aus dem BénuÄ“, dessen früher staubige, +dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie +im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, +wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon +nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher +sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen +umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die +kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in +Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, +treiben sich nun überall umher.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko +Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross +genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem +Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende +Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die +bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn +die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich +erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher +beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten +hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem +Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im <a name='Page_93'></a>Rauche des Feuers +vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.</p> + +<p>Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. +in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall +Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut <i>nur +zum Kauen</i>, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch +zum <i>Schnupfen</i>; erst in der Nähe des BénuÄ“ wird das Rauchen +allgemein.</p> + +<p>An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche +Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den +Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in +den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die +neugierig auf uns herunterschielten,—hier und da, und dies meist am +linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten +Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer +aus und standen überall an seichten Stellen im BénuÄ“. Die Zeit wurde +mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome +bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht +zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte +<i>Imaha's</i>, wo wir bei Sultan <i>SchimmegÄ“</i>, einem Freunde des +verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'></a><h2><a name='Page_94'></a>Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.</h2> +<br /> + +<p>Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen +Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste +gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet +haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche +eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr +beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der +despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator +und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und +Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste +Wohnsitze haben.</p> + +<p>Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, +Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im +Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des +<a name='Page_95'></a>Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen +Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, +sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann +verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der +endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von +den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.</p> + +<p>Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und +zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern +auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst +"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den +Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er +müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling +sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen +männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die +Königin hat den Titel "derde-ádebi".</p> + +<p>Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, +so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche +damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer +einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch +für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck +"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den +<a name='Page_96'></a>mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber +genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen +eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher +bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". +Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu +thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind +viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von +der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine +zweite Person wissen zu lassen.</p> + +<p>So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so +complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, +der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der +Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, +welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker +nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung +vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während +z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht +einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist +derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in +gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden +Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass +die Grossen, wenn sie mit <a name='Page_97'></a>dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, +zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört +es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.</p> + +<p>Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des +niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen +Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim +verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu +bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen +Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls +nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit +zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.</p> + +<p>Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat +man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der +mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer +befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger +hat den Titel "y'eri-ma"<a name='FNanchor_6'></a><a href='#Footnote_6'><sup>[6]</sup></a> (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was +blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).</p> + +<p><a name='Page_98'></a>Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst +der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses +ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des +Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen +das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, +wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese +der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens +hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel +"ardžino-ma" führt.</p> + +<p>Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen +Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". +Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine +Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und +hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen +und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie +so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen +Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, +dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und +Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma +hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, +jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der +Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer +An<a name='Page_99'></a>zahl, die zwischen 3—4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein +Titel ist "mar-ma-kullo-be".</p> + +<p>Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans +betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man +weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, +Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man +andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln +alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die +homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath +und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der +königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, +dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die +Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des +Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken +für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu +besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als +Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit +Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen +und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der +Mai seine Hände abspült.</p> + +<p>Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, +Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit +Pfeil und Bogen, und die <a name='Page_100'></a>Schangermangerabtheilung; alle führen +ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. +Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du +corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit +sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den +Titel "katÅ¡élla-blel", der Infanterieoberst heisst +"katÅ¡élla-á¹…bursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die +übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die +Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".</p> + +<p>Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte +hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben +diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser +in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von +Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle +Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel +"billa-ma", und nach Barth auch "tÅ¡i-ma", während Koello letzteres +Wort mit Abgabensammler übersetzt.</p> + +<p>Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber +des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. +von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den +grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person +präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles +Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, +wenn Alle <a name='Page_101'></a>versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine +Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst +wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben +die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, +denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und +auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, +Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten +nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, +und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.</p> + +<p>Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen +Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, +welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre +1867 die Einrichtungen der Staaten BautÅ¡i, Keffi-abd-es-Zenga und +Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit +der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den +nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach +Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.</p> + +<p>Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr +oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle +den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm +jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen <a name='Page_102'></a>nicht allein als +weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als +solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der +Gläubigen.</p> + +<p>Im Lande BautÅ¡i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann +nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess BautÅ¡i) genannt, +steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich +unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen +eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu +entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist, +gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine +Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage +offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und +aburtheilt.</p> + +<p>Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die +eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine +ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines +Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu. +Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den +übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt +hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu +vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte +Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden +<a name='Page_103'></a>sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese +selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das +Handwerk mache sie verächtlich.—Gerade das Gegentheil nun sehen wir in +BautÅ¡i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang +nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch +Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke +in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile +Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge +hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein +Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder +Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, +"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".</p> + +<p>Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem +Ministerium entspricht, versieht in BautÅ¡i der "galadima", aber fast +ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel +"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls +der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur +vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle +Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in +Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch +ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen +Gelegenheiten <a name='Page_104'></a>mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst +Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner +das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs +"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten, +wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs +zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs +betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen, +Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden +nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer +ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig +ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter +ist und "serki-n-ara" heisst.</p> + +<p>Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor, +dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch +auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel +ist "serki-n-kurmi".</p> + +<p>Als Truppengattung finden wir in BautÅ¡i nur Reiter und Infanterie, +letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger +namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter +haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der +Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus +Euphorbien. Der Befehlshaber der Fuss<a name='Page_105'></a>truppen heisst "serki-n-yáki", der +der Reiterei "serki-n-dauáki".</p> + +<p>Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich +"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen +heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher +<i>nicht</i> Pullovölker, und da diesen in BautÅ¡i eine grosse Zahl von +Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst +"sénnoa".</p> + +<p>Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische +Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des +mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende +Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt +sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu" +heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa", +wörtlich "Spiegel der Elephanten"<a name='FNanchor_7'></a><a href='#Footnote_7'><sup>[7]</sup></a>. Die Königin, obgleich dieselbe in +Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der +Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven +verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus +Sklaven bestehen. </p><a name='Page_106'></a> + +<p>Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber +des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm +natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der +Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung +hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist +"serki<a name='FNanchor_8'></a><a href='#Footnote_8'><sup>[8]</sup></a>-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die +Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es +nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge +nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund +herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von +Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer +"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu +finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der +Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen +Namen "liman" hat.</p> + +<p>Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen +Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein +vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den +König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das +Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird. +Die beiden Waffengattungen, <a name='Page_107'></a>Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und +"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der +Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von +der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt +eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische +Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'></a><h2><a name='Page_108'></a>Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.</h2> +<br /> + +<p>Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise +im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn +man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende +Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment +vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do +you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei, +so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss +und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen +so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner +dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit +auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über +die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden +sind, <a name='Page_109'></a>so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst +zu besuchen Gelegenheit hatte.</p> + +<p>Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der +Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden +Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist +eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen +Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente +hin verbreitet.</p> + +<p>Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen +angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und +unabhängig vom Arabischen Einfluss da.</p> + +<p>Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die +Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und +Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich +vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich +vom genannten Wasserbecken.</p> + +<p>Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet, +vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich +begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt +machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand +haltend: <i>Lahin kénnaho</i> ruft der Erste, worauf der Andere <i>getta inna +dǘnnia</i> hinüber ant<a name='Page_110'></a>wortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige +<i>Lahá, Lahá, Lahá</i>, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr +repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts +Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den +Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern +und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete +wiederholt dann <i>getta inna dǘnnia</i>, worauf der Andere <i>Lahin +kénnaho</i> antwortet.</p> + +<p>Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig +nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen +Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele +killahá, <i>killahénni, killa Allaha</i> unterbrochen sind; man fragt, ob +Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob +die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte +untermischend.</p> + +<p>Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte +anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich +auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess +nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann +niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen +indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie +immer eine knieende Stellung ein.</p> + +<p>Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss <a name='Page_111'></a><i>labáraka</i> (aus dem +Arabischen) und die Antwort <i>lábara Lahá</i> (aus dem Arabischen). Kinder, +Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich +zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen +sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.</p> + +<p>Beim Abschiednehmen sagt man <i>temésches</i> (aus dem Arabischen), während +der Bleibende <i>killaháde</i> nachruft. Jederzeit kann man dann noch +<i>killahá, killahénni, killa Allaha</i> sagen.</p> + +<p>Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf +gleiche Weise.</p> + +<p>Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara- +und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als +Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die +Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner +sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das <i>essalámu aléikum</i> +gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.</p> + +<p>Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte +<i>LalÄ“, LalÄ“, LalÄ“</i> und erkundigen sich dann nach dem Zustand +der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte <i>afi l'abar</i> (l'abar kommt +aus dem Arabischen, von <i>el-achbar</i>, die Neuigkeit, während afi echt +Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die +Hand dabei reichen, oft auch nicht. <a name='Page_112'></a>Gleich darauf—und dies ist sehr +bezeichnend für die empfindlichen Neger—erkundigen sie sich nach dem +Zustande der Haut: <i>á¹…da tégÄ“</i>, wie ist die Haut?, und schalten hin +und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein <i>Hamd alláhi</i> +ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte +Gruss <i>l'áfia</i>, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so +viel wie Friede bedeutet.</p> + +<p>Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess +ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die +Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die +Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen +<i>LalÄ“, LalÄ“</i> mit häufigen <i>Alla-ká-bondjo</i>, Gott sei dir gnädig, +oder <i>á¹…gúbbero degá</i>, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies +Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will +man sehr höflich und unterthänig sein—und namentlich geschieht das vor +dem Sultan—, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht +wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten +Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim +Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten +Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche +Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie +mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht +und Herrlichkeit des <a name='Page_113'></a>Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch +selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua +(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches +"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.</p> + +<p>Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle +unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich +berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter +einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen, +erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie +zuerst grüsst.</p> + +<p>Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie +herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: <i>á¹…dáni, adak ke +l'áfia—adak ke l'áfia, ke l'áfia lÄ“</i>. Letztere Redensart ist sehr +gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben +sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart +<i>usse-usse</i>; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt +werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie +angewandte Wort <i>gode-á¹…gin</i> haben.</p> + +<p>Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse +Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht. +Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend, +sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau +begrüsst z.B. einen Mann nur <a name='Page_114'></a>knieend und unterwegs kniet sie so lange +nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem +Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung +macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine +einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem +auch in Bornu eingeführten Ausruf <i>Ssünno, ssünno</i> oder <i>l'áfia</i> reicht +gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen +Zusammentreffen, haben die Haussaer <i>etjau-etjau</i>.</p> + +<p>Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich +specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "<i>Akekéke</i>", "wie bist Du?", +"<i>kol l'áfia</i>", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "<i>kenna l'áfia</i>", +"wie geht's?", was der Andere mit "<i>ranka schidéde tol amrek</i>" ("ich +danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch +ist) erwiedert. "<i>Allah schibáka ioreih</i>" ist der den Segen Gottes auf +das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.</p> + +<p>Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie +die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder +machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein +Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von +den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die +Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies +Zurückschlagen.</p> + +<p><a name='Page_115'></a>Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich +selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und +grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte +Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von +dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder +der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme +bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die MelÄ“-Fulan, ist zum +Theil, und namentlich die MelÄ“-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam +übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem +Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange +Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.</p> + +<p>"<i>Allah rhina, Allah rhina</i>" rufen sie sich beim Begegnen zu und es +entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie +ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr <i>mad' Allah, mad' +Allah</i>, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit +bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische +zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar +keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba) +hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die +der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne +Umstände sich nähern konnte.</p> + +<p><a name='Page_116'></a>Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes +<i>ualidjim</i>, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes <i>infinidjim</i>; +ausserdem schalten sie überall <i>uódi, dumbódi</i> ein, Worte, die sich +nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von +Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.</p> + +<p>Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am +BénuÄ“ ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den +Haussaern das <i>Ssünno-ssünno</i> und <i>l'áfia-l'áfia</i> herübergenommen haben, +wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen +bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse <i>mábah-mábah</i> +(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch +Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte +Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der +Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den +eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen, +der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern +sie dann ihre nationalen Grüsse <i>kundo-kundo kundore, kundokora</i>, die +sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie +nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen +von Hoch und Niedrig keine Rede.</p> + +<p>Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren BénuÄ“ +besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn +sie ihr Kanoe nicht <a name='Page_117'></a>anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden +Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich +haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a, +eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie +ihre Stimme hören können.</p> + +<p>Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen +Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den +Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.</p> + +<p>Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete +Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss +vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl +wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor +einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch <i>beléni</i> aus, +worauf der Angeredete mit <i>madjiobú</i>, ich danke, oder <i>aku-beni</i>, wie +geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man <i>meeda</i>, ich gehe, und erhält +dann ein <i>ssassamidji</i>, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet +man <i>aku-be-gédi</i>, guten Abend, und bekommt <i>odjilo-suáni</i> zurück. Beim +Aufstehen fragt man <i>uanáni</i>, hast du gut geschlafen?, oder +<i>aku-bolósun</i>, hast du die Nacht gut zugebracht?</p> + +<p>Vor ihrem Fürsten—in diesem Augenblick ist es König Massaban—sind die +Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der +Anwe<a name='Page_118'></a>senden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse, +welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee +vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich +prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein +Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.</p> + +<p>Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der +fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch +Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten +Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten, +verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher, +welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther +(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des +Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen +sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.</p> + +<p>Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand +begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein <i>aku-aku</i> oder +<i>aku-abo</i> gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und +blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor +ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und +legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst +auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender +Stellung zu reden.</p> + +<p><a name='Page_119'></a>Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein +Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen +gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde +geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand +begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her +schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper +in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die +O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche +Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf +Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein +Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von <i>aku-aku</i>.</p> + +<p>Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der +Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als +Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber +nach Europa herübergekommen sind.</p> + +<p>Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit +<i>Awuo</i>, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert <i>miwuo djogba</i>, +ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie <i>henni odje</i>, wo kommst +Du her?, und der Angeredete sagt <i>Ble-o</i>, Friede, oder auch <i>eiko</i>, +Glück auf, und <i>yae</i>, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man +Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die +<a name='Page_120'></a>Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit +einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden, +namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.</p> + +<p>Betreten sie ein Haus, so fragen sie <i>Teoyoteng</i>, wie geht es?, und +erhalten <i>miye-djogba</i>, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des +Abends sagen sie <i>miya wúo</i>, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert +<i>ya wúo djogba</i>, geh', schlafe wohl.</p> + +<p>Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach +Abwesenden zu erkundigen: <i>Djeïbi</i>, wie geht's den Leuten dort? +<i>Ameye-djogba</i>, sind sie wohl? <i>Yeikebukeho</i>, wie geht's den Weibern, +den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in +dem Einen Wort). <i>Ame fe ame ye djogba</i>, sie alle sind wohl. Ueberdies +bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das +Englische <i>good morning</i> eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der +Küste von Guinea der Fall ist.</p> + +<p>Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern +(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie +<i>magye</i>, für "guten Tag" <i>mahao</i>, für "guten Abend" <i>madyo</i>. Im +Allgemeinen ist der Gegengruss <i>Ya-aherar</i> oder <i>Ya-adyo</i>. Dann aber +richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem +Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein +Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen <a name='Page_121'></a>Wochentage geboren +ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt <i>ya eisi</i> zum Gruss.</p> + +<p>Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger <i>me-nopáo</i> und erhalten <i>ya da ya</i> +zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch <i>Wo ho tedeng</i> aus +und <i>me ho ye</i>, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch <i>ming mu ye</i>, +wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf <i>ming mu ye fu</i>, in der +Stadt steht's gut.</p> + +<p>Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss <i>aichia</i>, Wo kommst Du +her? <i>Wufike</i>, oder von wo bist Du? <i>wokohe</i>. Endlich <i>nante ye</i>, reise +glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern +das <i>aku-abo</i> gemein. Häufig mischen sie ein <i>me adamfo</i>, mein Freund, +mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die +Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'></a><h2><a name='Page_122'></a>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.<a name='FNanchor_9'></a><a href='#Footnote_9'><sup>[9]</sup></a></h2> +<br /> + +<p>Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von +Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug +mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten +Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu +bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die +Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die +Einnahme<a name='Page_123'></a> von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen +Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns +oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen +konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen +Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein +letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier +einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war, +ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden +Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche +zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der +bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in +alle Winde zerstreuen.</p> + +<p>Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine +Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil +oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei +verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder +Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am +weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist +reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer +Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in +Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia) +bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus +vulkanisch um <a name='Page_124'></a>Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo +zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist +nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer- +und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit +dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst +Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun, +da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert +abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa +Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es +augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die +Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir +vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus +Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich +wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was +es früher war, Besitz der Galla.</p> + +<p>Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die +wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen +Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach +Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege +zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich +gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den +Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; <a name='Page_125'></a>theils war die +Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies, +die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte, +wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route +der Geographie nützlich zu sein.</p> + +<p>Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist +nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind +so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir +vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch +nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt, +glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben +und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen +beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine +jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er +danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte. +Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine +Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von +Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu +wollen.</p> + +<p>Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch +Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt +hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre +gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer <a name='Page_126'></a>auffasst. Zur +Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden +diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber +weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in +Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die +Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man +ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die +Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig +halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht +als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die +Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten +oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung +äusserer Gebräuche basirt.</p> + +<p>Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant +macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es +hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen. +Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa +ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr +durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.</p> + +<p>Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im +Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere +tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner +<a name='Page_127'></a>Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe +Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss +nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der +entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier +sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine +in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt +und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach +dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu +einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen +Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der +Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten, +dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier +Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet, +dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr. +Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere +reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen +Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des +Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die +lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler +nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem +Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische +Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten <a name='Page_128'></a>Leipziger Mode +gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion +kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend +eine Schule angelegt.—Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für +immer Adieu gesagt zu haben.</p> + +<p>Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte +seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien +alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine +Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres +correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die +eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese +Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich +glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden +aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können, +sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich +vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf, +nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei +dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die +Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.</p> + +<p>Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten +Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die +beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von +Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und <a name='Page_129'></a>nachher +zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse +Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf +Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur +blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die +ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das +Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder +Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden +hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser +auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge +blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch +trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt +oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden +zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen +in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.</p> + +<p>Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange +vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von +abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg +zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem +Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den +Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die +Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, <a name='Page_130'></a>ist nichts +weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse +verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie +hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches +Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise +nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier +zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine +kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten +Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so +freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen +Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich +die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise +anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch +Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.</p> + +<p>Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von +Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute +jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder +Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter +unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich +war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein +ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die +zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem +Gesindel die günstigsten <a name='Page_131'></a>Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut, +ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren +Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts +weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches +gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine +breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus +Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte +ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel +weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen +sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen +sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas +weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser +Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht +hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.</p> + +<p>So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes +Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir +stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster +Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal +durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der +Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche +Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere +hatten Tags vorher die Mörser und grossen Ka<a name='Page_132'></a>nonen herunter gebracht und +als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem +Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser +bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten, +nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf +die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher +trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.</p> + +<p>Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von +halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und +Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war +von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom +früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen +Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein +grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch +Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles, +was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's +lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser +dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der +Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der +Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der +englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die +heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn +sie morgen allein <a name='Page_133'></a>ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist +aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die +Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass +Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer +der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben +Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit +dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt, +dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach +einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi +aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese +Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah, +musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.</p> + +<p>Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe +und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut +ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können, +dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie +behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort +von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend +weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte +bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die +Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in +Abessinien ist es eine <a name='Page_134'></a>grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und +mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist, +welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich +das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der +Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch +hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun +abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei +längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich +starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen, +welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken, +wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer, +Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester +bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen +sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach +Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt +einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich +ausgestattet sind.</p> + +<p>Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger +begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu +klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche +Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat, +die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu +werfen.—Im Be<a name='Page_135'></a>reiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer, +die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu +bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben +Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege +und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.</p> + +<p>Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara +zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung +von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit +Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's +an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die +Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung, +so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe, +durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (<i>von allen schwarzen +Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich +eingeführt haben</i>); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier +Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und +basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in +NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die +entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die +Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen +vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda, +<a name='Page_136'></a>aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem +Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein +zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und +Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von +einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer +als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so +will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.</p> + +<p>Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die +Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten +verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden +gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht +hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch +fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den +Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden +war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war, +machten wir uns früh Morgens auf.</p> + +<p>Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede +Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und +entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das +Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden, +denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem +Kopfe weiter <a name='Page_137'></a>geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass +bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock +flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde. +Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika +vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte +anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50 +Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie +man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns, +obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis +Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des +Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen +Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der +Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage, +was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren +fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus +Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte, +warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil +wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als +Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich +sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie +sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen +würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden. +<a name='Page_138'></a>Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in +der Türkei und Aegypten.</p> + +<p>Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach +dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte +anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr +leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in +den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten, +aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und +luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss +über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der +trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester +Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends +einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen +Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber +davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche +Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im +Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die +chokoladenartige Farbe.</p> + +<p>Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der +Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba +Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen +Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in +dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür <a name='Page_139'></a>gut mit Buschwerk, meist +Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von +derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.</p> + +<p>Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege +überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der +östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort +gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn +überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten +Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir +den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort +Laktalab liegt.</p> + +<p>Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner. +Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod. +Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon +in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm +abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die +Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem +gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in +Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi +gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und +anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste +Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die <a name='Page_140'></a>eitelen und +prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von +Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor +einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh, +ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch +innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten +bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im +Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt. +Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten, +dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst +nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer +mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich +wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass +dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten +Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand +einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust +hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und +sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen, +ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala +käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.</p> + +<p>Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes +ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für +gewöhnlich den Kühen <a name='Page_141'></a>zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte +schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die +Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker +Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch +jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe +in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie +namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken, +sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie +manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien +übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die +Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare, +welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten +werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung, +so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper +annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.</p> + +<p>Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu +besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in +Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen, +die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen +alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein +Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älte<a name='Page_142'></a>rer +roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch +offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses +Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von +ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten +Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen +Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich +gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man +mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei, +dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen +Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt +sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden, +wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten +Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen +in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar, +wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt +sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während +man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie +christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie +dafür erkennen.</p> + +<p>Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St. +Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde +man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers +hervorgegan<a name='Page_143'></a>gen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben +und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche +wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste +und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder +Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und +man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres +finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24 +Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist +sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba +Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen +ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine +Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder, +wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt. +Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein +anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat. +Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze +Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen +monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht +widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur +Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem +Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die +Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche <a name='Page_144'></a>dagegen, die früher von +aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus +demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr +zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen, +alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass +Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst +geschähe.</p> + +<p>Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles +gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine +Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz +dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener +Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte. +Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg +selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah +entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden +aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden +zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh +stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der +Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die +Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die +jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.</p> + +<p>Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese <a name='Page_145'></a>Wunderbauten zu besehen, +und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der +Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures +Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk, +das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung +für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.</p> + +<p>Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte +mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch +Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende, +vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um +dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von +den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und +andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit +eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar +hundert Personen belaufen.</p> + +<p>An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume +aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt +grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls +bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei +andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume +überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt, +weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein +<a name='Page_146'></a>einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir +auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine +Bewandtniss damit habe.</p> + +<p>Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen +Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst +7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die +Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren +Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst +gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von +alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein +scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die +jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war +als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.</p> + +<p>So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so +zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch +Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von +Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu +befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament +gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.</p> + +<p>Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem <a name='Page_147'></a>drei engl. Meilen westlich +von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum +Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten +herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem +Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche +Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und +Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird. +Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus +durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und +Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig +von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze +zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und +diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je +eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend +angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber +ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich +der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen +Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute +begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme, +Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie +in <a name='Page_148'></a>Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um +Arznei zu bekommen.</p> + +<p>So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der +Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der +Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in +letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein, +hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber +nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen +gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten +Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich +nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld +haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der +Morgen graute.</p> + +<p>Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine +überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich +bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer +einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch, +Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ +nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären +Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald +man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu +der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen +aufgeführt stehen <a name='Page_149'></a>einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen +Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt +scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern +herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde +Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der +Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.</p> + +<p>Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die +ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die +Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese +Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und +seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath +vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den +faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie +einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts +dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen +streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen +Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während +seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am +anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren. +Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in +Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion, +dass überall, wo auch nur <a name='Page_150'></a>einige Familien sich finden, sie sich gleich +eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er +fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz. +Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und +hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.</p> + +<p>Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt +die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber +so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder +traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte. +Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch +Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch +erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die +Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch +kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss +beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien +herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das +Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie +selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die +beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den +Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.</p> + +<p>Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übri<a name='Page_151'></a>gens ein elender +kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden +zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten +wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen, +weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit +den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle +wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn +sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes +wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser, +nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches +gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass +ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu +Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im +Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem +Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch +ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von +Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es <i>unmöglich</i> +gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf <i>diesem Wege</i> +fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem +von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen +<a name='Page_152'></a>Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.</p> + +<p>Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und +brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu. +Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu +leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr +erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie +aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5 +Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht +worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante +Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und +Bevölkerung arm zu machen.</p> + +<p>Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen +Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten +indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten +unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des +Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. +Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, +der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der +Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine +mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein +südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in +Verbindung. <a name='Page_153'></a>Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. +Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, +um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine +Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr +ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das +Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein +Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die +Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein +eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition +zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die +Bestimmung seiner Höhe, weg.</p> + +<p>Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns +in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, +dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, +andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, +als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über +uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit +uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir +zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende +Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges +dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich +vom Kopfe bis zu Fuss was<a name='Page_154'></a>serdichte Kleider schnell überziehen konnte, +so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in +den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.</p> + +<p>Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle +in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die +Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie +überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, +schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In +der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von +der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst +gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer +ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der +Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne +Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, +herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der +Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen +erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese +Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns +noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess +bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht +weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes +Umschlagetuch mit breitem rothen <a name='Page_155'></a>Streife seinen ganzen Anzug; aber er +war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von +Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, +aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild +trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er +unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er +sonst nicht folgen könne.</p> + +<p>Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass +man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim +Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere +Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist +noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in +Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 +Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je +nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen +verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen +Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und +Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort +sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, +wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine +Karawane unbelästigt den Zoll passiren.</p> + +<p>Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim +Statthalter von Wag und Gouverneur von <a name='Page_156'></a>Sokota, Namens Borah, +anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas +Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von +Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte +mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es +bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst +dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, +antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, +wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter +ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar +nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu +kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der +Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut +aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der +Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich +einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich +finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber +gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der +Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal +zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, +ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, +dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst +einen Besuch macht, spricht damit <a name='Page_157'></a>aus, dass er den Besuchenden als +höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das +dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers +erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere +höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang +der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in +Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung +steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, +auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.<a name='FNanchor_10'></a><a href='#Footnote_10'><sup>[10]</sup></a></p> + +<p>Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach +nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich +nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, +als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer +der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und +reinlicher als er selbst<a name='Page_158'></a> angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, +sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem +Boden mir gegenüber.</p> + +<p>Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen +Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein +grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz +verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft +haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen +lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während +seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, +ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der +Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, +wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er +selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von +europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als +seine übrigen Kleider.</p> + +<p>Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner +zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen +belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom +Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. +Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei +Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, +wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die <a name='Page_159'></a>besten noch weit +hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; +vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner +Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das +Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat<a name='FNanchor_11'></a><a href='#Footnote_11'><sup>[11]</sup></a> +genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas +ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein +zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das +Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine +Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen +das Ameublement.</p> + +<p>Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne +alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier +von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, +dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier +in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. +Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und +exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren +Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner +stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den +Christen in bester Eintracht.</p> + +<p>Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, <a name='Page_160'></a>Honig, Mehl und +selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, +Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr +billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu +unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 +Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht +englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so +theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler +brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war +auch für solch hohen Preis keine zu haben.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich +zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines +seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern +entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. +Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als +Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, +überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen +Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden +verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, +das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die +Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land +gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und <a name='Page_161'></a>selbst Gobesieh und +Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu +gehorchen.</p> + +<p>Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei +dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir +und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. +Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das +Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert +hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der +Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen +setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern +vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in +nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern +vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit +des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste +Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine +durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, +denn jede Nacht gab es Gewitter.</p> + +<p>Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der +vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch +einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en +miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und +des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, +waren reichlich vorhanden.</p> + +<p><a name='Page_162'></a>Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn +Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft +sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege +giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den +Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, +wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit +scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine +Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des +Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche +Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt +oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss +hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis +zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine +Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., +die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem +manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück +trug.</p> + +<p>In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- +oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale +Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter +oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr +Umfang gesehen habe.</p> + +<p><a name='Page_163'></a>Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen +fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben +Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht +bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende +Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, +einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch +von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf +bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, +erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist +gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der +Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen +halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, +welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen +dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen +Gebirgszuges nördlich vom Tselari.</p> + +<p>Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen +ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse +Zamra<a name='FNanchor_12'></a><a href='#Footnote_12'><sup>[12]</sup></a>-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten +See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss,<a name='Page_164'></a> derselbe, der +weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die +Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit +Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und +Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach +bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen +angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier +an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige +Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir +blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem +Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.</p> + +<p>Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess +war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht +am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie +ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj +(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine +Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie +in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen +fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich +entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. +Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden +Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende +Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewäl<a name='Page_165'></a>tigen konnte und auch +nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. +Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige +Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.</p> + +<p>Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus +darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen +Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. +Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion +verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als +er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen +Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen +diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich +indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein +prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, +erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft +hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver +und Zündhütchen.</p> + +<p>Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle +Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch +verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der +Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in +Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.</p> + +<p><a name='Page_166'></a>Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so +beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen +und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als +ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von +meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition +mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. +Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der +recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische +Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala +immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint +und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der +Heimath fort.</p> + + +<table align='center' border='0' cellpadding='2' cellspacing='5' summary='Höhenmessungen mit dem Aneroid.'> + +<tr><th align='left'>Höhenmessungen mit dem Aneroid.</th></tr> + +<tr><td align='left'>Abdikum</td><td align='left'>9250</td><td align='left'>engl.</td><td align='left'>Fuss.</td></tr> + +<tr><td align='left'>Takaze, Bett</td><td align='left'>5800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Salit</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Lalibala</td><td align='left'>7000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Schegalo</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Bilbala-Gorgis</td><td align='left'>6170</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Eisemutsch-Thal</td><td align='left'>6359</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Mári-Thal</td><td align='left'>5200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Taba, Ort</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Siba-Pass</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Mokogo-Pass</td><td align='left'>7800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Biala-Pass</td><td align='left'>9000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Ohlich, Ort</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Telela-Pass</td><td align='left'>7100</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Sokota</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Emenenagerill-Pass</td><td align='left'>5600</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Uana-Pass</td><td align='left'>5550</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Tselari-Bett</td><td align='left'>3200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Zaka</td><td align='left'>4200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Zamra, Bett</td><td align='left'>3150</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Fenaroa</td><td align='left'>4500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Samre</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +</table> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Der_Aschangi_See_in_Abessinien'></a><h2>D<a name='Page_168'></a>er Aschangi-See in Abessinien</h2> +<br /> + +<p>Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und +Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' +28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein +von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide +zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That +fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See +begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird +Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln +kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von +hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa +10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss +(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe +Ofila-Berg sich befin<a name='Page_169'></a>det, ist der See nach Süden und Osten zu von +minder hohen Bergen umschlossen.</p> + +<p>Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus +marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst +bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und +der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief +eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse +Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt +haben, ohne indess den Ort anzugeben.</p> + +<p>Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige +wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere +die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um +so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht +ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, +mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in +den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen +lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten +oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom +Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das +Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch +allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu +finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, +<a name='Page_170'></a>dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von +10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.</p> + +<p>Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist +abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um +einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher, +was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen +erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung +Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat, +so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine +Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach +Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu +können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an +den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen +Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug +natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt +werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder +die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben +werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6 +Luftwärme.</p> + +<p>Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines +unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, +besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem +Alluvial<a name='Page_171'></a>boden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und +diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein +wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir +sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden +Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon +auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche +vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.</p> + +<p>Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies +spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die +Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums +vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen +Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des +Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als +Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, +während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, +die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an +Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen +Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen +Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen +aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher +runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine +Familien-Wohnung. Im Inneren <a name='Page_172'></a>sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige +Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum +Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus +Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, +bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren +Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in +besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist +Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei +es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast +nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts +gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von +den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, +keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen +Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch +eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen +wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten +Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; +Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das +Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als +Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, +kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir +konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht <a name='Page_173'></a>in Erfahrung bringen, +ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher +besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem +grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar +nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.</p> + +<p>An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen +grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und +viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, +ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher +hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. +Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen +und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. +Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten +von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche +Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber +fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen +Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd +erfolglos.</p> + +<p>Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, +mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen +Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein +stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu <a name='Page_174'></a>Europa hat, einen +Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige +obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und +zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine +längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der +ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen +Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos +Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene +Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'></a><h2><a name='Page_175'></a>Nach Axum über Hausen und Adua.</h2> +<br /> + +<p>In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich +eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht +sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, +die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie +gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von +Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen +war, nach Axum zu gehen.</p> + +<p>Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine +Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, +obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt +den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den +Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, +aber von alle dem geschah <a name='Page_176'></a>nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, +von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee +zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen +wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, +dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges +gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von +Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der +Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine +Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef +verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für +die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was +mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.</p> + +<p>In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei +dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst +Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die +ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in +Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm +entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde +ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das +englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von +Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen +wollten. Indem wir die <a name='Page_177'></a>Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in +Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.</p> + +<p>Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um +3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr +Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der +uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa +eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, +bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist +äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser +der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen +gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile<a name='FNanchor_13'></a><a href='#Footnote_13'><sup>[13]</sup></a> vom Wege +entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges +Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, +Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten +Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen +des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine +schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer +wurden diese Qualen.</p> + +<p>Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den +District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief +von S.O. nach N.W.<a name='Page_178'></a> laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden +Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen +Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten +dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu +gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir +selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann +auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen +eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge +Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die +Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch +die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu +Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der +Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger +Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, +bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. +Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein +gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so +gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die +Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre +betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der +Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut +sind (dies findet man auch auf den hohen <a name='Page_179'></a>südlichen Hochebenen von +Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen +und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist +nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts +von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, +die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, +überdeckt sind.</p> + +<p>In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir +konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in +Europa.</p> + +<p>Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten +Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer +Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese +zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham +die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name +andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von +Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien +berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen +war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula +einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten +Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen +ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich +kommen. Die Be<a name='Page_180'></a>wohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls +noch heute Troglodyten sein.</p> + +<p>Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen +entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden +Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den +Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu +passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur +zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein +unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.</p> + +<p>Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte +entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir +unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an +auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten +Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen +Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres +versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die +herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In +Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der +Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die +Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre +finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so +unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, +an Einem <a name='Page_181'></a>Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in +früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt<a name='FNanchor_14'></a><a href='#Footnote_14'><sup>[14]</sup></a> von Tigre gewesen, jetzt ist es +ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens +dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. +Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu +sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus +gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.</p> + +<p>Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen +Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als +ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein +bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte +sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es +kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es +weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren +Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen +Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich +wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von +diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist +das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben<a name='Page_182'></a> und Weitem gesehen +wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den +schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu +setzen.</p> + +<p>Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast +durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne +auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur +von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen +der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach +Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden +wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast +durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und +Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess +über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die +Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten +Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den +Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am +Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir +noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den +Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich +erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein +Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf +war hoch am Berge hinauf gelegen, das <a name='Page_183'></a>Wasser eine Stunde weit zurück. +Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte +aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu +verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück +geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; +für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste +als Viehfutter dienen.</p> + +<p>Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber +wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; +wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. +N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, +Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, +halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die +Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden +Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse +Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis +Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel +des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, +hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am +nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess +wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf +einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. <a name='Page_184'></a>Halbwegs +zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort +Gedera.</p> + +<p>Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz +von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der +Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir +umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn +vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den +Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.</p> + +<p>Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die +Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch +vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz +unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet. +Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt +auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom +Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von +allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den +Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke +versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben, +tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber +selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden +und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und +Gallinier angeben, 4000 <a name='Page_185'></a>Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich +nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner +schätze.</p> + +<p>Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger +und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend +nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur +Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen +Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte +Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus +neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie +ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im +Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet +sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern +sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich +befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die +Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier +bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen +Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen +Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter +mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil +dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge +anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten +Abes<a name='Page_186'></a>sinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die +Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos +zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als +Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war, +hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein +gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der +Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles +aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen +konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech +und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren +Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter +dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in +einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir +besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit +Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen, +überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst +einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir, +sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige, +was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte, +wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet. +Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche +uns der jetzige <a name='Page_187'></a>Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz +Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder +verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was +wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst +gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste.</p> + +<p>Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten +ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr. +Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz +Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen +hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir +höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000 +Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million +zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen +Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig +seine Meinung von Abessinien ist.</p> + +<p>Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge +versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei +Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf +anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem +Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter +Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein +Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine +Flasche mit <a name='Page_188'></a>Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein +Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch +ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem +grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um +den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens +kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz +bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um +seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna +ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen +Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das +Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, +sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig +gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt +zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben +Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und +Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen +Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann +brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell +hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, +dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester +hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war <a name='Page_189'></a>so +entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk +brachte.</p> + +<p>Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte +Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin +Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem +unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu +bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei +oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den +Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und +Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. +Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann +später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, +Pantalem genannt.</p> + +<p>Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, +obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es +liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer +durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares +erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda<a name='FNanchor_15'></a><a href='#Footnote_15'><sup>[15]</sup></a> +gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt +hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von<a name='Page_190'></a> hier aus +zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als +auch eine Königin regierte, mit Namen Candace<a name='FNanchor_16'></a><a href='#Footnote_16'><sup>[16]</sup></a> oder Judith. Freilich +finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in +seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und +Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden +sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum +gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala +thut<a name='FNanchor_17'></a><a href='#Footnote_17'><sup>[17]</sup></a>. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten +Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude +ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in +Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu +haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, +sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche<a name='Page_191'></a> führen, andeuten, dass +hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der +Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche +selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne +jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben +das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser +als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder +Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir +keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische<a name='FNanchor_18'></a><a href='#Footnote_18'><sup>[18]</sup></a> ohne +Bedeutung ausgenommen.</p> + +<p>Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr +übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben +zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, +so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, +dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung +wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist<a name='FNanchor_19'></a><a href='#Footnote_19'><sup>[19]</sup></a>, muss aus +einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum +findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer<a name='FNanchor_20'></a><a href='#Footnote_20'><sup>[20]</sup></a>.—Dicht<a name='Page_192'></a> bei einem +ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt +Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" +führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster +Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. +Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so +scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine +Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte +Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der +Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und +dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen +Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen +nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss +hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia +angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, +erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.</p> + +<p>Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, +um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene +griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht +vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König +Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene +christliche Arbeiter <a name='Page_193'></a>hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der +Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.</p> + +<p>Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten +den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da +wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in +Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, +es ist ein Gebäude der Neuzeit.</p> + +<p>Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied +von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen +sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus +sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber +und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.</p> + +<p>Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder +rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend +nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. +Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche +Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und +Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.—Sobald man den +Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem +Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer +Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, <a name='Page_194'></a>ersahen wir +daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten +Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es +ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich +hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von +vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns +ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann +abziehen.</p> + +<p>Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn +westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, +die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, +welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren +linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns +in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als +Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer +meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte +mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. +Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies +zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde +Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am +Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von +Gemüsebau nichts zu sehen.</p> + +<p><a name='Page_195'></a>Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, +verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von +Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher +mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals +an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen +Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige +Provinz zurückkehren möge.</p> + +<p>Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze +Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg +zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.</p> + +<p>Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so +war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu +denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter +Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die +Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten +Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster +Abessiniens, liegt.</p> + +<p>Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem +Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen +halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg +aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten +wir am Fusse der eigentlichen <a name='Page_196'></a>Bergfeste, die so steil nach allen Seiten +abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie +besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre +Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben +treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, +Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit +so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee +Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns +Aufgang zu verschaffen.</p> + +<p>Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe +um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren +herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies +schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.</p> + +<p>Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf +die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in +Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer +fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit +einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf +Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret +und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen +sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Damiette'></a><h2><a name='Page_197'></a>Damiette.</h2> +<br /> + +<p>Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr +sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, +wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu +gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der +grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch +anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen +haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist +jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt +wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig +sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.</p> + +<p>Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten +und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um +so angeneh<a name='Page_198'></a>mer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen +Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und +die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich +mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des +mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale +fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale +Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch +Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.</p> + +<p>Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den +Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich +hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da +aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte +und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch +reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit +eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie +fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln +und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus +Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling +Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, +welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische +Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, +<a name='Page_199'></a>es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.</p> + +<p>Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner +Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof +des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit +einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe +Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. +Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach +einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war +nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm +des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. +Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 +Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten +befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre +Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem +schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff +davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft +bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die +Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus +einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum +Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul +selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der ge<a name='Page_200'></a>sammten +Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt +ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen +verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen +die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen +lässt.</p> + +<p>Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, +denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die +Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze +Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit +langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich +Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls +nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so +bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, +also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind +nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu +benutzen, aber langsam ging es trotzdem.</p> + +<p>Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener +Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, +wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See +ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss +tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen +sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete +Brüte<a name='Page_201'></a>stellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig +lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. +Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern +Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser +herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel +nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen +wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren +Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang +Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See +geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern +trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. +Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang +beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um +nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene +kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum +patrouilliren müssen.</p> + +<p>Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss +aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt +sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.</p> + +<p>Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft +ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen +wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, +<a name='Page_202'></a>in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener +Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem +sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen +Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da +wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten +wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff +hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 +Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der +wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, +kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es +indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es +kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir +gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch +ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus +einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber +Smah<a name='FNanchor_21'></a><a href='#Footnote_21'><sup>[21]</sup></a> nennen, herausragen gesehen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler +Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen +des Nils<a name='Page_203'></a> abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. +Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so +dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb +übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis +am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser +höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im +Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu +bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und +arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei +jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine +leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und +konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die +Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes +an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging +es zur Stadt.</p> + +<p>Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine +ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. +Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich +und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man +kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, +zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in +einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und +<a name='Page_204'></a>europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten +Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen +besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses +ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was +erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in +Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau +bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster +Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr +Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar +ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde +kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man +nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.</p> + +<p>Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein +aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind +verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, +und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, +mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. +Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber +früher bedeutend grösser.</p> + +<p>In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann +unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die +Ausschwemmungen <a name='Page_205'></a>des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, +12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer +des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom +Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze +Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige +Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. +Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die +Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. +November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von +Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans +Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer +im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen +Heeres sein.</p> + +<p>Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach +zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen +schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die +Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan +Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt +Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur +Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen +Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war +ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 +gerieth Ludwig <a name='Page_206'></a>der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und +Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, +dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder +aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.</p> + +<p>Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert +und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith +entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, +welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug +Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die +Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die +Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.</p> + +<p>Heutzutage ist Damiette<a name='FNanchor_22'></a><a href='#Footnote_22'><sup>[22]</sup></a> eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz +Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die +Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die +christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist +griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von +eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige +wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind +augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen +Consul hätten, die schwarzweissrothe <a name='Page_207'></a>Flagge weht auf der ganzen Erde, +und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen +Schutz.</p> + +<p>"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der +reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch +einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz +entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. +Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen +Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen +hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat +mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich +auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. +"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch +zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte +der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch +machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und +spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere +Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich +fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen +Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette +repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch +spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und +spanische <a name='Page_208'></a>Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich +abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine +Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des +Herrn Consuls zu empfehlen.</p> + +<p>Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir +nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die +Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; +sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft +als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst +correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, +sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu +repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur +irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste +Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu +Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete +genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb +doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell +empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse +Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich +aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin +Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuni<a name='Page_209'></a>form +und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan +die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann +eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul +um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er +Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, +das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den +norddeutschen und spanischen Salon.</p> + +<p>Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, +welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul +geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das +Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren +lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen +heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von +Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die +Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte +für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er +officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen +übereinstimmen".</p> + +<p>Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, +die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul +Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits +auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, <a name='Page_210'></a>und vorkommenden Falles +den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge +ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein +Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von +dieser Familie repräsentirt wird.</p> + +<p>Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe +Minarets zählte ich, die meisten Djemma,<a name='FNanchor_23'></a><a href='#Footnote_23'><sup>[23]</sup></a> so nennen die Araber ihre +Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und +noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. +Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, +nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt +worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. +Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, +vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, +denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung +und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische, +kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten +fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz +roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird +von sterilen Frauenzimmern so<a name='Page_211'></a> lange geleckt mit der Zunge bis aus +dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen +(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von +Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die +Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, +und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge +Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt, +die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein +entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der +mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas +zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die +Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.</p> + +<p>Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht +neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese +haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht +niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die +Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen +Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut +denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt +haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.</p> + +<p>Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine +katholische Kirche, welche von <a name='Page_212'></a>Vätern des heiligen Grabes bedient wird, +dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier +Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, +nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, +welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, +steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. +Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich +liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer +italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit +Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, +unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass +hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien +sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege +Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders +schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul +el Agam (ï»¢ïº ï»Œï»žïºŽ heissen sie Persien) nennen.</p> + +<p>Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, +mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier +die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im +fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis +hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird +damit, sowie mit getrock<a name='Page_213'></a>neten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei +und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die +Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In +neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da +Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt +wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt +gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige +Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 +Meilen nilaufwärts liegt.</p> + +<p>Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die +regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind +nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die +lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der +Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in +welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm +ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem +ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Malta'></a><h2><a name='Page_214'></a>Malta.</h2> +<br /> + +<p>Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach +Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird, +tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im +Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten +wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am +interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der +arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in +Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln +am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich +fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie +die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer +Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht +glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich +die Laute ohrgerecht machten.</p> + +<p><a name='Page_215'></a>Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir +schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren +kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als +Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage, +Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem +Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.</p> + +<p>Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta, +welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der +Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später +sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige +Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren +Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von +Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger +bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft. +Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche +dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr. +mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an +Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die +Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte. +Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder +Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit +den Normannen die <a name='Page_216'></a>Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath +Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von +Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die +Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen +Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl +dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von +Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem +letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die +Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren +Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.</p> + +<p>Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul +des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche +Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch +heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der +Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die +indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.</p> + +<p>Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von +Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten. +Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben +aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im +Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer +Halbinsel so günstig, dass <a name='Page_217'></a>auf beiden Seiten die prächtigsten und +sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich +befinden.</p> + +<p>Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische +Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen +Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung +von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St. +Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier +und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten +Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige +Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht +Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung +hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence, +die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien, +eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h. +auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet +sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher +Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der +Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.</p> + +<p>So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil +scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der +Malteser, wenn auch <a name='Page_218'></a>nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der +Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft +durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten +der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast +alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's +angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden +verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen +Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist, +so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug +haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang +finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten +smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es +früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu +wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer +erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser +getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere +Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich +einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen +alle viel zu wünschen übrig.</p> + +<p>Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns +der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden +ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. <a name='Page_219'></a>Bei +den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom +Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist +heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt +der grosse Ort Rabatto.</p> + +<p>An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in +dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute +Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess +die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere +Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für +die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in +der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt, +wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine +gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte +ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt +genossen.</p> + +<p>Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei +Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in +Malta scheitern zu lassen.</p> + +<p>Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom +fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel +gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste +Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein +<a name='Page_220'></a>heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im <i>adriatischen Meere</i>. +Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute +hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu +einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch +weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul +gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der +allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die +Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere +Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch, +respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen +Heidenapostel.</p> + +<p>Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des +Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und +duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen +Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, +vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen +Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt +es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie +und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie +fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die +Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. +Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung +zu Nichte, von heftigen Re<a name='Page_221'></a>gen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und +so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den +Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im +Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie +Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der +Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um +aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten +derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die +"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. +Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber +fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat +sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei +den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta +brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das +mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um +Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich +gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge +der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.</p> + +<p>Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am +selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht +am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die +berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der <a name='Page_222'></a>Stadt einen +Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, +dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten +Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern +getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, +man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und +Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von +Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch +ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. +Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns +hineinlegend fuhren wir ab.</p> + +<p>Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder +interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl +unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, +sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man +ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in +Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren +froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass +obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach +unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute +Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige +Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu +die freundlichste Aufnahme. Man muss <a name='Page_223'></a>überhaupt ins Land selbst +hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man +über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und +Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, +mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem +nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen +ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und +die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten +bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.</p> + +<p>Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss +sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für +alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie +bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen +Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann +kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta +lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so +schlecht wie möglich zu machen.</p> + +<p>Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso +wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. +Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die +Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen +berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. +Die meisten und <a name='Page_224'></a>besten Geographen stimmen aber darin überein, dass +Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen +ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht +zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo +gezeigt wird.</p> + +<p>Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene +Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte +vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein +scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute +bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren +konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes +Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.</p> + +<p>Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, +da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf +unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige +Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan +hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle +ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom +Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen +geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum +erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, +da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle <a name='Page_225'></a>Fälle mitnehmen, +und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke +mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den +Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte +bewohnt war.</p> + +<p>Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen +Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief +und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch +einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und +das Gestein ist wie immer Kalk.</p> + +<p>Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an +den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem +Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder +Hedjer-Aim<a name='FNanchor_24'></a><a href='#Footnote_24'><sup>[24]</sup></a> von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu +diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die +Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf +vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere +zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, +auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden +sich auf dem kleinen Museum der<a name='Page_226'></a> Bibliothek, jedoch scheinen die +Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.</p> + +<p>An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa +Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen +Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten +Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide +diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.</p> + +<p>Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten +wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich +sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während +unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm +hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication +abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen +können.</p> + +<p>Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten +Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein +kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so +prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, +dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse +Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als +die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.</p> + +<p>In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt +ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden +war; ein alter dort <a name='Page_227'></a>stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er +machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von +dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die +Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem +Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar +ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb +benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern +weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in +Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem +Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso +einquartirt.</p> + +<p>Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für +einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir +konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut +bis zum andern Morgen aushalten.</p> + +<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste +Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und +in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern +aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine +Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je +zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von +Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen +inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu <a name='Page_228'></a>sein und mehrere +spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch +Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man +eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des +Thurmes der Riesen gegeben.</p> + +<p>Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der +Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, +ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein +Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst +jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf +dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber +nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen +Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch +unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast +eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen +wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das +Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.</p> + +<p>Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, +welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm +liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die +Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta +über.</p> + +<p>Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so <a name='Page_229'></a>dass wir noch selbigen +Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an +dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner +feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser +ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'></a><h2><a name='Page_230'></a>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</h2> +<br /> + +<p>Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse +Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer +weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den +Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es +bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe +Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden +Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, +fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen +berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden +soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das +oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen +Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 +geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil +dadurch zum <a name='Page_231'></a>ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches +von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere +Besprechung zu verdienen.</p> + +<p>Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende +Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief +eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben +hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des +Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa +treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher +ins Auge zu fassen.</p> + +<p>Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so +finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen +Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an +der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte +genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam +beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 +deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. +104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden +ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter +fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches +einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher +Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei +Bir-Ressam die Einsenkung im We<a name='Page_232'></a>sten beginne, so ist das natürlich dahin +zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr +gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen +sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem +Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von +dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene +Dünen getrennt ist.—Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche +Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die +Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der +Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und +Barth.</p> + +<p>Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die +ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter +dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. +31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von +Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). +Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der +zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der +glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten +Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid +mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten +angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher +Höhe mit dem Meere sich <a name='Page_233'></a>befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen +ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte +der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so +wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch +hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 +Meter ergeben würde.</p> + +<p>Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf +Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser +entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt +existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden +die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer +absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt +man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, +welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und +nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte +dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von +Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben +geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich +dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu +werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die +Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch +giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele +eigen<a name='Page_234'></a>thümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ +tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.</p> + +<p>Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau +heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter +absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen +Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis +zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin +von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und +manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele +darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass +unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, +liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden +existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar +die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des +Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die +Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der +libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese +kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in +Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten +gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der +Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.</p> + +<p><a name='Page_235'></a>Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich +bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch +rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit +See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass +die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.</p> + +<p>Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich +überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, +welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von +silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese +bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der +eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch +gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange +Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen +Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten +und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, +reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und +überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen +geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe +aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von +künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte +Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war +und noch heute die Reste des <a name='Page_236'></a>grossen Tempels des Jupiter Ammon +birgt—das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.</p> + +<p>In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen +Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch +zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression +verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 +Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf +das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier +kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom +Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist +heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten +durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch +weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die +Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen +gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, +geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo +südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne +wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch +eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach +den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, +keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie +geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, <a name='Page_237'></a>dass +in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga +bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass +übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote +standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase +tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher +aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und +niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, +dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, +Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier +den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, +und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die +Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt +schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen +haben müsste.<a name='FNanchor_25'></a><a href='#Footnote_25'><sup>[25]</sup></a> Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu +sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache +nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer +solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose +Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im +Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., +während unsere 23 Beobachtungen das Mittel<a name='Page_238'></a> von 767 M.M., also eine +Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.</p> + +<p>Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche +Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium +und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden +ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können +aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch +feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer +verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach +Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und +erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser +verdunstet hat—so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass +hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode +muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man +versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den +Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und +Tamarisken.</p> + +<p>Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las +man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den +Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch +andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte +aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass +Lesseps an solche <a name='Page_239'></a>unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der +grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt +fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher +denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder +vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den +fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. +Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese +Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um +dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun +eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, +einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.</p> + +<p>Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, +welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung +trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus +geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen +schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches +die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen +können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, +Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den +fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor +der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden +geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen +<a name='Page_240'></a>Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen +grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden +könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos +um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum +würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden +Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen +und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber +auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder +unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste +sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des +Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach +Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea +(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, +und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb +der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei +niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='FUSSNOTEN'></a><h2>FUSSNOTEN:</h2> +<br /> + +<a name='Footnote_1'></a><a href='#FNanchor_1'>[1]</a><div class='note'><p> Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt +sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, +Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.</p></div> + +<a name='Footnote_2'></a><a href='#FNanchor_2'>[2]</a><div class='note'><p> Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn +zu lesen war mir unmöglich.</p></div> + +<a name='Footnote_3'></a><a href='#FNanchor_3'>[3]</a><div class='note'><p> Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener +Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000 +Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den +Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern +El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen +sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein +Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.</p></div> + +<a name='Footnote_4'></a><a href='#FNanchor_4'>[4]</a><div class='note'><p> Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner +Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile: +Weststadt = <i>Kuka-gárfote</i>, Mittelstadt = <i>Kuka-á¹…gimsegeni</i>, Oststadt += <i>Kuka-gérgedi</i>.</p></div> + +<a name='Footnote_5'></a><a href='#FNanchor_5'>[5]</a><div class='note'><p> Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu +besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen, +Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als <i>Gegengeschenk</i> sandte +Sultan Omar einst einen <i>Elephantenschwanz</i> und einen <i>Giraffenschwanz</i> +als <i>höchstes Freundschaftszeichen</i>, welches der Bornukönig giebt. Unser +"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste +sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen, +darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine +Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren.</p></div> + +<a name='Footnote_6'></a><a href='#FNanchor_6'>[6]</a><div class='note'><p> Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen +Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm +können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel +des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut +arabisch sprach.</p></div> + +<a name='Footnote_7'></a><a href='#FNanchor_7'>[7]</a><div class='note'><p> Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese +Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von +einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt +in Lokódza ist, übersetzt wurden.</p></div> + +<a name='Footnote_8'></a><a href='#FNanchor_8'>[8]</a><div class='note'><p> Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese +Sprache übergegangen.</p></div> + +<a name='Footnote_9'></a><a href='#FNanchor_9'>[9]</a><div class='note'><p> Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit +der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war, +trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg +ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich +nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der +von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich +mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.</p></div> + +<a name='Footnote_10'></a><a href='#FNanchor_10'>[10]</a><div class='note'><p> Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von +Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an +Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die +Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte +zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber +hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir +Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der +Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi, +also höher stehend als Kassai von Tigre.</p></div> + +<a name='Footnote_11'></a><a href='#FNanchor_11'>[11]</a><div class='note'><p> alga ist Amharisch, arat Tigrisch.</p></div> + +<a name='Footnote_12'></a><a href='#FNanchor_12'>[12]</a><div class='note'><p> Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.</p></div> + +<a name='Footnote_13'></a><a href='#FNanchor_13'>[13]</a><div class='note'><p> Bei Meilen sind immer englische gemeint.</p></div> + +<a name='Footnote_14'></a><a href='#FNanchor_14'>[14]</a><div class='note'><p> In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares +selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.</p></div> + +<a name='Footnote_15'></a><a href='#FNanchor_15'>[15]</a><div class='note'><p> Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.</p></div> + +<a name='Footnote_16'></a><a href='#FNanchor_16'>[16]</a><div class='note'><p> Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus +geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in +Abessinien eingeführt sein.</p></div> + +<a name='Footnote_17'></a><a href='#FNanchor_17'>[17]</a><div class='note'><p> Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche +andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er +führt an:</p></div> + +<div class='blkquot'><p>"Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler." </p></div> + +<p>ferner:</p> + +<div class='blkquot'><p>"Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei + sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle." </p></div> + +<a name='Footnote_18'></a><a href='#FNanchor_18'>[18]</a><div class='note'><p> Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in +seiner "Reise nach Abessinien etc."</p></div> + +<a name='Footnote_19'></a><a href='#FNanchor_19'>[19]</a><div class='note'><p> Nach v. Heuglin Trachyt.</p></div> + +<a name='Footnote_20'></a><a href='#FNanchor_20'>[20]</a><div class='note'><p> v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen +gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.</p></div> + +<a name='Footnote_21'></a><a href='#FNanchor_21'>[21]</a><div class='note'><p> Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch +selten.</p></div> + +<a name='Footnote_22'></a><a href='#FNanchor_22'>[22]</a><div class='note'><p> Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt.</p></div> + +<a name='Footnote_23'></a><a href='#FNanchor_23'>[23]</a><div class='note'><p> Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G +aussprechen.</p></div> + +<a name='Footnote_24'></a><a href='#FNanchor_24'>[24]</a><div class='note'><p> Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction +heisst Mnaidra.</p></div> + +<a name='Footnote_25'></a><a href='#FNanchor_25'>[25]</a><div class='note'><p> Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.</p></div> + + + +<hr style='width: 65%;' /> + +<div class="center"> +Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. <br /> + +<a name='Page_241'></a>In unserem Verlage ist <i>erschienen</i>:<br /> +<br /> + +GERHARD ROHLFS.<br /><br /> + +Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der +Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste +über Rhadames nach Tripoli.<br /><br /> + +Mit einer Karte von Nord-Afrika<br /><br /> + +von<br /><br /> + +<b>Dr. A. Petermann.</b><br /><br /> + +Zweite Auflage.<br /><br /> + +Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.<br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Ferner erschien:<br /><br /> + +GERHARD ROHLFS.<br /><br /> + +Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen +Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General <b>Napier</b> +und einer Karte von Abessinien von <b>Dr. A. Petermann</b>.<br /><br /> + +Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.<br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Bremen.<br /><br /> + +<b>J. Kühtmann's Buchhandlung.</b><br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Druck v. Hirschfeld, Leipzig.<br /><br /> +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***</div> +</body> +</html> + + + + + + diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 + +Author: Gerhard Rohlfs + +Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + + + + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. This file was produced from images +generously made available by the Bibliotheque nationale de France +(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr. + + + + + + +LAND UND VOLK IN AFRIKA + +BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870. + +VON + +GERHARD ROHLFS + + + +BREMEN, 1870. +VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG. +U.L. FR. KIRCHHOF 4. + + + + +INHALT. + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens + +Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch + +Von Lagos nach Liverpool + +Die Stadt Kuka in Bornu + +Am BénuÄ“ + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868 + +Der Aschangi-See in Abessinien + +Nach Axum über Hausen und Adua + +Damiette + +Malta + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika + + + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens. + + +Mursuk in Fessan im Januar 1866. + +Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt +hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den +Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte +Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand +würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, +viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise +der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben +Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die +Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der +Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der +Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès +an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter. + +Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das +gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in +ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, +nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem +vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler +und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über +den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie +eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so +anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als +nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas +jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie +Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern +frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk +kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen +desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern. + +Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand +meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in +Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine +Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche +Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt +haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in +Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im +Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen. + +Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor +zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den +Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält +folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand +Si Lalla's bewährt hat: + +"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen +sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt +haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und +Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind +_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach +mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den +Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen +dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur +im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran +ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so +geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie +innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern +Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit +von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und +gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie +vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält +einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so +geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen +hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen +verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien +heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes +Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den +civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom +Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, +als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage +immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern +Platz machen müssen etc." + +Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute +meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur +nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald +sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und +notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf +seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das +Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des +Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. +Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der +Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere +gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien +der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre. + +Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich +will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen +Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt +nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern +Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich +französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, +namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber +zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, +wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder +gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit +undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, +weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als +ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in +Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_ +einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte +beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am +Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu +unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die +sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern, +bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; +überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker +unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und +Türken Eine Religion. + +Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und +sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne +zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen +Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten +Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird +Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden +ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der +Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es +bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So +verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die +Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu +verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn +wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie +sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den +anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht +schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so +ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im +Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in +der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, +und in der Priesterschaft. + +In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von +aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der +Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt +gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den +Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem +christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen +Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. +Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, +haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr +Standpunkt war zur Zeit Abrahams. + +Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für +die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; +diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu +vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche +Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. +Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der +Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die +Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die +Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die +Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in +christlich civilisirtes Land umzuwandeln.-- + + + + +Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch. + + +#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.# + +Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_, +näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica +(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an +Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. +Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und +diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und +Persien vorzugsweise. + +Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes: + +"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und +wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli +eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit +demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern +giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri +auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, +vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer +arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener +machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem +eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, +ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat. +Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch +_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem +eigenthümlich unangenehmen Geschmack." + +Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als +die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der +gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden +vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man +z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des +Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von +manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, +Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle +Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach +Süden exportirt. + +Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder +sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und +rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder +Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen +so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art +Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man +pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit +Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art +Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die +unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden. + +Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt +dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche +Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem +sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine +Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was +Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, +dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in +Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen +kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen. + + + + +Eindruck, den aus mich die Cannabis machte. + +#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.# + + +Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans +Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich +nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste +etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. +Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer). + +Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: +Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene +Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und +Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse. + +Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich +indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse +schwarzen Kaffee ohne Zucker. + +7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne +mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und +befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die +Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln. + +7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die +Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos +scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den +Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse +ich, womit ich angefangen. + +7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls +zählen unmöglich. + +Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer +zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit +den Händen fühle, dass ich liege. + +Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser +Zeilen Stunden zubringe. + +8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem +Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe +vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, +ich will ausgehen. + +8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt +verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; +ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu +petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und +setzte mich vor mein Haus. + +_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön +tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich +und sehe, dass Alles erlogen ist. + +Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_? + +Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir +grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht +ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl +nicht gelähmt. + +Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin +ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft +schweben. + + +#26. Januar Morgens.# + +Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu +schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute +Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen +Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der +Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich +denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, +überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im +Tekrurizustande mich befände. + +Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass + +1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint. + +2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches +eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche +Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen. + +3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe. + +4) Auffallende Lähmung der Willenkraft. + +5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden +vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt. + +6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie. + +7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass +dieser Zustand immer dauern möge. + +8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als +das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen. + +Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch +nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer. + + + + +Von Lagos nach Liverpool + + +Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, +den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der +Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich +Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, +welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe +noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, +untergegangen. + +Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener +Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója +aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie +unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von +Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde +auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der +während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger +herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu +Pferde) begleitet, der schon von Ibà dan an mit mir reiste, und dessen +Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre +Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, +als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten +wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras +lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen +Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im +dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man +öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn +auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt +Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags. + +Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die +jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen +Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art +Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, +wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um +die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen +die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, +Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde +vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur +vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am +schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere +Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere +transportirt werden können. + +Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten +schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen +Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und +hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum +eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder +herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der +ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. +Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die +baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die +gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die +dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man +mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich +hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer +und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von +Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben +Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben +und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte +Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten +Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der +Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse +Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird. +Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen +mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene +angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und +Treiben am Ufer hervorrief. + +Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen +liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am +Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die +Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im +Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger +Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel +zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit +gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 +Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen +Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. +Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit +allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich +westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. +in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir +Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem +grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser +ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um +unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen +etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen +Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln +zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe +Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere +Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine +Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und +Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese +Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also +schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der +Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine +hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die +Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln +bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem +langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die +Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen +wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel +des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. +Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich +selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so +dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern +bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden +Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem +Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu +verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde +unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o +Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so +wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um +nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern +zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, +um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl +gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder +abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen +für viere; endlich indess waren Alle satt. + +Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, +bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils +benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses +Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus +einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten +ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir +gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos +gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit +diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es +erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria +regina) gestickt war. + +Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere +folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit +einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf +jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen +Sprache wird. + +Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich +auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, +welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. +Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das +Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so +lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und +Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem +folgenden Morgen der Fall sein. + +Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem +gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht +starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. +Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass +wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten +sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in +der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die +Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff +folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, +obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste +tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei +eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, +dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich +ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, +schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte +war. + +Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder +von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft +durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich +schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze +überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von +deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone +Zeuge ist. + +Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht +erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration +sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von +allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das +Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer +noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken +und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine +Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, +und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners +übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren. + +Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer +sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas +Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen +oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine +Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und +unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich +neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit +zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an +salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven +gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff +davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich +sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, +oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu +ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr +tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme +aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch +die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe +Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser +füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse. + +Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen +Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe +electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, +taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser +gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die +Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns +wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. +Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, +aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen +unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis +Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden +seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer +Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich +zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren +abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des +Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, +um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun +freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen +hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in +einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne +die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, +sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die +Sonne. + +Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches +Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel +belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos +gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer +grossen Menge von Canoes. + +Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass +ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den +Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer +seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der +Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur +mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung +begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten +Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem +europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, +als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, +der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen +Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit +einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten +Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. +Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in +sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein +unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war. + +Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer +verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen +würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover +hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden +hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes +Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand +mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei +Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen +seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den +Aufenthalt angenehm zu machen. + +Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn +Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann +der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und +jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der +O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer +war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser +über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. +Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der +Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon +betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand +gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, +dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu +erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich +waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie +er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn +Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich +andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles +Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so +schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause +an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte. + +Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen +und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung +aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren. + +Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine +Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt +gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann +Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, +vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, +den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und +Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam +es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor +der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie +durch's hohe Hofthor einzogen. + +Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und +Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet +wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des +gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, +sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen. + +_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon +erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem +englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. +Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten +Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die +zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen +aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des +Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere +Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch +Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera +haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der +grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser +Stadt fast ganz unbekannt. + +Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer +westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen +Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme +genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas +die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch +ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation +durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. +Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir +mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie +übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien +verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte +Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren +Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie +sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige +Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem +Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind +sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt +eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital. + +Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine +hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon +mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn +methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem +dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider +auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen +Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg +zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus +besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf +europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute +es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen +wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die +schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer +spielte, begleitet, sangen. + +Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit +in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen +Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen +Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen +verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu +werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes +Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach +Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt +und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und +Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England +schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur +als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er +leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine +Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere +Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner +gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und +BénuÄ“-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. +Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig +gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche +Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während +meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach +Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen. + +Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom +Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements +der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon +erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, +die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein +Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch +bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr +Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die +westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den +letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren. + +Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das +theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum +Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh +nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere +Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was +Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch +zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist +indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für +Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft +diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein +möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst +liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung +ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, +aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und +eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren +können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch +die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, +ihren Tribut zahlen zu lassen. + +Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar +schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann +Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und +andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen +Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom +indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika +gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth +derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen +Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 +Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei +der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3] +von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in +kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches +Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von +Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden. + +Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und +Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. +Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und +Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie +O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie +haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den +grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht +einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere +Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune +hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst +einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist. + +Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die +wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter +verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten +Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man +glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe +einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, +die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr +schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht +bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas +bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten +Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso +unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, +weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen +noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde +zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als +Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause +James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein +bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James, +ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der +den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf +Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der +liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die +schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und +Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der +Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren +hundert bringen. + +Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und +allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die +grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen +Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, +wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche +Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von +Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im +Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen +Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und +jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer +Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne +Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch +gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den +Missionären, auf den anderen Factoreien etc. + +Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste +Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer +heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. +Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem +hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte +Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See +begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren +hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die +Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes. + +Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell +dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, +nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht +hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, +denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und +Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten +Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in +Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter +zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 +Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: +es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa +Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue +Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der +Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur +en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles +eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse +seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an. + +Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir +dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die +Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter +begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden +hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich +der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas +getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man +noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts +dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich +selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener +Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei +sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich +nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche +Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter +Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur +eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch +durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, +längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren. + +Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis +jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte +deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als +auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die +Betten nichts zu wünschen übrig. + +Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie +Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) +aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand +ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren +Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses +Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf +die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter +den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn +auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste. + +Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem +englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche +Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um +12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus +kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr +Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es +versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch +der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar +keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben +keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen +konnte. + +Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern +waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder +lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, +nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren +wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind +offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger +an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter +vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte +auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die +Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen +ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald +sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die +Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre +Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit +ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande. + +Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10 +Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und +nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 +Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen +Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern +gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo +indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, +von vielen kleinen Negerhütten umgeben. + +Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff +umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den +Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten +Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man +von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte +Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, +Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, +Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, +Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll +gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer +zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in +Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster +Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere +Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld +das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. +B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, +ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten +Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, +der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge +auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die +kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier +indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein +Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon +waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, +den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und +Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier +vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, +fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, +ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich +vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit +der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung +verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher +Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu +gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das +geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der +Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was +leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz +vernachlässigen. + +Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach +Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter +Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs +Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, +sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da +er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde +eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so +komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die +lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf +französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns +zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch +und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch +nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der +allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz +fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, +unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn +auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu +erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch. + +Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage +vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt +fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck +flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön. + +Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, +dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg +dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die +vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen +gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf +hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um +so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen +hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, +und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen +Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor +Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken. + +Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker +aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme +umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit +über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu +handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, +auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere +Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der +Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld +eröffnet hat. + +Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von +der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss +getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der +rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der +Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen +den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, +weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross +sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt +das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten +entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr +an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz +unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang +zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst +bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und +dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, +dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl +die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern +gewöhnliche Volkslieder. + +Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist +jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg +wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. +Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu +erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind +der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle +Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu +finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden. + +Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das +Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage +fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen +vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen. + +Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf +steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den +Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch +nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch +einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier +bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz +besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich +schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die +künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so +ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf +vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt +haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich +hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom +Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, +theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den +Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die +Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, +bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat +zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen +mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten +Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen. + +Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des +Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu +einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch +zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen +sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die +grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem +grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, +als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten +Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne +brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen +Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu +uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir +in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich +bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit +meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape +Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, +weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien +recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti +König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. +Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit +sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann +auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort +Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach +Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir +hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, +er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach +Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so +ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern +ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten. + +Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste +haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war +gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des +Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. +Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch +Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft +anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht +gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten +an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, +lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die +Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst +abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so +grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der +Führung des Dampfers. + +Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den +ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; +zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, +denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren +Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr +endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein +amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der +christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch +anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker. + +Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur +Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. +Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. +Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und +hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste +vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der +indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein +mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, +die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt +die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie +ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, +und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen +ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in +Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die +vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel +treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, +leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels +ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im +Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese +interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in +Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes +Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere +Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch +nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in +unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie +aufzunehmen. + +Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen +ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. +Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man +sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe +meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre +im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch +mehrere europäische Schiffe hier vor Anker. + +Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne +Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu +einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer +Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr +unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen +Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit +gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu +lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten +Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich +unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten. + +Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir +schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir +eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen. + +Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis +auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation +emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in +administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung +selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat +hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von +Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet +sein könnte, wird immer noch vom government of the United States +ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia +vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu +verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der +Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche +Religion angenommen. + +Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt +selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der +Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt +Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse +Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, +und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die +Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der +Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht +hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern +gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 +Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt. + +Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von +Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen +ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel +Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre +Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir +selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser +jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel +zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher +Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose +Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord +vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und +Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer +unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter. + +Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von +tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich +die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag +konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen +des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren +indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die +unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste +von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel +wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch +Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre +Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. +Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der +bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft +Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste +von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche +geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das +schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie +Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich +vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben. + +Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner +Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen +Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das +prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem +Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt +vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut. + +Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr +Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, +Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, +grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des +Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige +Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen +dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, +schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies +imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt +der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im +Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, +hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen +Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir +schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der +wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses +gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen +an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen +die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt +etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei. + +Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten +und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine +Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns +war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so +weniger vom Gesammtbilde verloren. + +Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst +näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief +für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer +Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung +statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses +profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen +zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und +überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem +ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen. + +Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, +obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat +durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem +Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast +gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven +herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und +Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man +sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen +Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. +Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die +Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt +als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt +hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen +Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und +wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am +meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die +Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite +legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich +noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, +als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche +evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im +Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben +desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen +fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und +Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. +Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich +auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen +haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen +Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig +machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die +Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, +weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer +gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten +der ersteren sein dürfte. + +Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit +angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben +thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen +bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege +böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da +Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe +und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind +meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt +man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie +früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen +Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles +durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am +Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies +mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast +alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder +doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die +Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten +Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor +dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen +schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb +die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie +werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das +schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen +mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird. +In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon +weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem +Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie +es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch +ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das +Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie +Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner +junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich +vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, +ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen +Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht +selbst Verse improvisirend. + +Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der +verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, +dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa +200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. +Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, +jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie +an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in +climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie +schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr +bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel +mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses +Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie +wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt +von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren +zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem +Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen +Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden. + +Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, +und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben +wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das +Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr +heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, +dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir +machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal +ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich +fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn +hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne +dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke +indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark +geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen +sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde +natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran +war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison +von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 +Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die +Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über +mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu +hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, +die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer +nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch +eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut +umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht +beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, +die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte +keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, +und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. +Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der +Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum +Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen +hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren. + +Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu +erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap +der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um +6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia +sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des +Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so +fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und +französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann +namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am +Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist +Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen +anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der +Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder +Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im +frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und +etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in +ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt +und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches +in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist. + +Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter +anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er +Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in +Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe +selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei +Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den +Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich +aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig +ausgekehrt hatte. + +Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von +einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes +Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu +besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap +Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf +Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir +doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein +erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche +bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle +hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend +hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer +zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg +bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und +Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze +Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der +Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, +zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten +Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. +Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. +Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine +und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe +mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was +vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung +nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu +nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet +ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. +Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess +später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte +sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und +wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu +verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, +ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und +schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst +bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht +ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als +Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen. + +Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit +denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir +hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der +hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, +so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und +Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank +wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine +junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, +um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines +ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. +Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter +See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so +geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete +Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, +kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für +die herrliche Insel. + +Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira +angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck +erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor +uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig +grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen +wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu +landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen +von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem +eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, +von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte +der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war +und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer +kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten +Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, +obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend +billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu +heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden +war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel +augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte +Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf +bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden. + +Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 +Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. +Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach +einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie +durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen +Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit +ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage +abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit +Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es +traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in +Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten +Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen +Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. + +Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur +noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, +gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, +vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten +Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten +gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder +schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich +anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath +von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind +und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die +eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 +Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag +später in den Docks in Liverpool bei. + + + + +Die Stadt Kuka in Bornu + + + _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des + Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk + der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter + Sclavenhandel._ + + +_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und +gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. +Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande +des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. +Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche +hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites +aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in +unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz +machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss +hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum) +Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der +Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei +anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der +ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka +selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, +welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern +"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, +"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss +Tiefe. + +Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre +1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, +eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der +Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede +be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus +gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem +durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die +Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die +beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke +bilden, beinahe von Osten nach Westen. + +An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren +Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan, +Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt, +residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen +hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd +bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge +kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. +Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus +Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem +der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner +Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters +Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, +nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt +bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom +Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als +Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. +Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser +Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine +andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, +und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der +Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher +hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet +sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der +auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt +indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf +einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato +á¹…ssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und +Overweg an, als Absteigequartier gedient hat. + +In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile +giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar +in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der +Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten +afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen +haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine +_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei +oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere +zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen +_Fato_, Wohnung, haben. + +_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von +Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten +vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann +die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, +endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig +sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber +ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des +_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am +Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt +vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen +_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_ +repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten +haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich +denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das +Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr +häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. +Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die +Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine +Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, +sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie +die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der +Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner +südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo +ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, +welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das +Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, +und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken. + +Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren +europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die +eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess +kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf +den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit +Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren +ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die +Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber +sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede +ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel +die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die +Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, +nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, +welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten +Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. +Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen +in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, +Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen +die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, +Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen +beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe +oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, +Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im +Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem, +länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen. + +Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. +Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer +Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten +zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu +ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen +ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen +Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden. + +Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, +und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe, +welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der +Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, +von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da +kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig +Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein +Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, +der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den +Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf +Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare +Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, +vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser +Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige +mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. +Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut +und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, +selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss +erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, +Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes +Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die +Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so +grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder +Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches +Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten. + +Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt +dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und +husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range +über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten +versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und +mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, +von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen +clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der +_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, +nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen +überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai +erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann +den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; +die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess +eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine +Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_ +haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins +Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der +Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche +Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den +Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes +geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei +mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen +Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der +Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des +Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert +meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum +Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung +verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, +Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung +Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für +die Sklaven. + +Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen +zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die +grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles +zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, +oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem +Nichtsthun hinzugeben. + +Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_ +fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden +_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, +der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es +wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, +dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr +Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich +der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und +der Platz am Westthore der Oststadt. + +Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt +hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten +hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse +lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig +ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, +dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen +kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_ +(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des +_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden +ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder +_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren +Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet +man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse +Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. +Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und +über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist +das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige +Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen +fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder +_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich +mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der +Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so +theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen +muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen +Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine +Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann. + +Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten: +Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, +grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_ +findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass +die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so +viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen +Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, +namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch +nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen +Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, +denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches +Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem +Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf +Borg abgenommen hatte. + +_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer +Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am +grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der +Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es +z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine +Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse +Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch +den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind +die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges +Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, +ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler. + +Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn +auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind +alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen +zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein +gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man +kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel +hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt +werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, +weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem +Austausch ein Ende macht. + +Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man +vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und +dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous; +namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr +leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat +ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans +wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um +Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu +Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; +Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird +es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt. + +Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein +bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der +Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere +Weg nach der Küste vermittelst des BénuÄ“ und Niger ist augenblicklich +für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, +der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden +hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima +von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen +Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, +durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers +hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet. + + + + +Am BénuÄ“ + + +Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst +von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage +noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich +mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche +diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder +war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein +Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte +ich nicht erfahren. + +Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen +eigene kleine Hütten. In den Gegenden am BénuÄ“ sind es hauptsächlich +_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es +giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder +hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_, +_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc. + +Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die +uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, +dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen +Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans +mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im +Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte +Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut +beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die +Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man +sah, dass die Nähe des BénuÄ“ hier schon einen mächtigen Einfluss auf +die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die +Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch +überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der +Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder +Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus +Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an +80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine +Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann +drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir +selbst. + +Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen +hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches +ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder +aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen +kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die +Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, +weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu +Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen +gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend +konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so +dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad +ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse +Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns +plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine +weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig +helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die +Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; +als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu +unseren Füssen sich ausdehnte. + +Aber nein, es war kein See, _es war der BénuÄ“_. Nach rechts und links +dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah +man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen +Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das +ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier +werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden +sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, +sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, +um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir +Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches +nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir +uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. +Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und +sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem +Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser +stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, +an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der +jetzt beim niedrigsten Wasserstande des BénuÄ“ sehr breit war, und +bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein +paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so +waren diese den BénuÄ“ _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs +schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu +halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung +gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine +Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer +_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit +zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins +bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten +Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das +nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder +im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die +Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst +dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den +Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den +Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 +Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie +solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden +wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug +war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 +Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. +Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_ +begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor +der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die +Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz +hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir +stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel +hinüber geschaufelt. + +Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, +wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch +nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein +zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich +vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die +Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne +irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen +dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht +schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, +da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, +Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich +so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, +und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten +vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in +einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu +verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett +aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, +fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort +üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge +Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich +glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine +dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji, +Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese +Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--). +Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji +antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit +einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, +ke l'áfia-lÄ“ á¹…da tégÄ“ etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie +befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief. + +Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu +antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch +schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und +ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom +Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm +entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen +Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station +an der Mündung des BénuÄ“ in den Niger--). Er selbst war gerade nicht +von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens +_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in +Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, +den ich später zu erwidern hätte. + +Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser +Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der +_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die +ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, +überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer +zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen +jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die +Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten BénuÄ“-Ufer, wurden +aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass +nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet +werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und +scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von +Fischen, die der BénuÄ“ ausgezeichnet und in unglaublicher Menge +liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei +hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und +unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell +um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_, +indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass +einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger +_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie +jene zu haben. + +Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten +aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir +uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er +besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde +nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich +recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein +Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und +Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen +unterhalb am BénuÄ“ liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war +keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise +forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den +4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse +stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr +hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, +das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen +gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts +Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu +verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das +Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu +bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von +den 10,000 Muscheln 2000 abdingen. + +Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er +mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber +blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich +in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er +selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er +machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er +wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in +Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir +sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine +Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar. + +Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es +war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die +Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, +es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen +Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren +Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich +beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, +dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht +wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, +dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte +aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers +von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke +durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen +Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen +vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen +tauchte die Sonne wie neu aus dem BénuÄ“, dessen früher staubige, +dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie +im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, +wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon +nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher +sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen +umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die +kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in +Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, +treiben sich nun überall umher. + + * * * * * + +Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko +Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross +genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem +Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende +Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die +bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn +die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich +erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher +beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten +hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem +Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers +vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können. + +Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. +in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall +Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur +zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch +zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des BénuÄ“ wird das Rauchen +allgemein. + +An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche +Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den +Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in +den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die +neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am +linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten +Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer +aus und standen überall an seichten Stellen im BénuÄ“. Die Zeit wurde +mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome +bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht +zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte +_Imaha's_, wo wir bei Sultan _SchimmegÄ“_, einem Freunde des +verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden. + + + + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern. + + +Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen +Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste +gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet +haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche +eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr +beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der +despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator +und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und +Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste +Wohnsitze haben. + +Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, +Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im +Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des +Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen +Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, +sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann +verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der +endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von +den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen. + +Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und +zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern +auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst +"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den +Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er +müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling +sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen +männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die +Königin hat den Titel "derde-ádebi". + +Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, +so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche +damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer +einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch +für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck +"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den +mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber +genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen +eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher +bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". +Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu +thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind +viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von +der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine +zweite Person wissen zu lassen. + +So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so +complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, +der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der +Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, +welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker +nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung +vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während +z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht +einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist +derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in +gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden +Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass +die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, +zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört +es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden. + +Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des +niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen +Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim +verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu +bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen +Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls +nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit +zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt. + +Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat +man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der +mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer +befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger +hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was +blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma). + +Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst +der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses +ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des +Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen +das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, +wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese +der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens +hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel +"ardžino-ma" führt. + +Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen +Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". +Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine +Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und +hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen +und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie +so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen +Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, +dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und +Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma +hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, +jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der +Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer +Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein +Titel ist "mar-ma-kullo-be". + +Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans +betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man +weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, +Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man +andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln +alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die +homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath +und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der +königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, +dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die +Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des +Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken +für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu +besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als +Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit +Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen +und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der +Mai seine Hände abspült. + +Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, +Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit +Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen +ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. +Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du +corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit +sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den +Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst +"katÅ¡ élla-á¹…bursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die +übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die +Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma". + +Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte +hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben +diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser +in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von +Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle +Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel +"billa-ma", und nach Barth auch "tÅ¡ i-ma", während Koello letzteres +Wort mit Abgabensammler übersetzt. + +Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber +des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. +von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den +grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person +präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles +Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, +wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine +Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst +wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben +die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, +denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und +auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, +Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten +nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, +und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch. + +Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen +Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, +welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre +1867 die Einrichtungen der Staaten BautÅ¡ i, Keffi-abd-es-Zenga und +Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit +der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den +nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach +Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren. + +Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr +oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle +den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm +jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als +weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als +solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der +Gläubigen. + +Im Lande BautÅ¡ i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann +nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess BautÅ¡ i) genannt, +steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich +unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen +eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu +entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist, +gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine +Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage +offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und +aburtheilt. + +Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die +eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine +ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines +Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu. +Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den +übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt +hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu +vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte +Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden +sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese +selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das +Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in +BautÅ¡ i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang +nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch +Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke +in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile +Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge +hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein +Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder +Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, +"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua". + +Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem +Ministerium entspricht, versieht in BautÅ¡ i der "galadima", aber fast +ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel +"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls +der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur +vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle +Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in +Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch +ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen +Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst +Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner +das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs +"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten, +wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs +zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs +betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen, +Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden +nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer +ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig +ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter +ist und "serki-n-ara" heisst. + +Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor, +dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch +auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel +ist "serki-n-kurmi". + +Als Truppengattung finden wir in BautÅ¡ i nur Reiter und Infanterie, +letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger +namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter +haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der +Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus +Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der +der Reiterei "serki-n-dauáki". + +Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich +"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen +heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher +_nicht_ Pullovölker, und da diesen in BautÅ¡ i eine grosse Zahl von +Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst +"sénnoa". + +Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische +Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des +mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende +Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt +sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu" +heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa", +wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in +Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der +Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven +verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus +Sklaven bestehen. + +Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber +des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm +natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der +Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung +hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist +"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die +Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es +nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge +nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund +herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von +Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer +"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu +finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der +Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen +Namen "liman" hat. + +Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen +Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein +vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den +König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das +Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird. +Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und +"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der +Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von +der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt +eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische +Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein. + + + + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen. + + +Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise +im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn +man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende +Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment +vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do +you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei, +so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss +und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen +so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner +dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit +auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über +die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden +sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst +zu besuchen Gelegenheit hatte. + +Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der +Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden +Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist +eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen +Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente +hin verbreitet. + +Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen +angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und +unabhängig vom Arabischen Einfluss da. + +Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die +Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und +Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich +vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich +vom genannten Wasserbecken. + +Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet, +vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich +begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt +machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand +haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna +dÇšnnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige +_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr +repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts +Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den +Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern +und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete +wiederholt dann _getta inna dÇšnnia_, worauf der Andere _Lahin +kénnaho_ antwortet. + +Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig +nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen +Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele +killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob +Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob +die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte +untermischend. + +Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte +anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich +auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess +nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann +niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen +indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie +immer eine knieende Stellung ein. + +Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem +Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder, +Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich +zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen +sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand. + +Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während +der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch +_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen. + +Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf +gleiche Weise. + +Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara- +und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als +Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die +Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner +sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_ +gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält. + +Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte +_LalÄ“, LalÄ“, LalÄ“_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand +der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt +aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt +Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die +Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr +bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem +Zustande der Haut: _á¹…da tégÄ“_, wie ist die Haut?, und schalten hin +und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_ +ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte +Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so +viel wie Friede bedeutet. + +Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess +ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die +Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die +Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen +_LalÄ“, LalÄ“_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig, +oder _á¹…gúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies +Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will +man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor +dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht +wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten +Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim +Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten +Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche +Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie +mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht +und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch +selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua +(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches +"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten. + +Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle +unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich +berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter +einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen, +erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie +zuerst grüsst. + +Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie +herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _á¹…dáni, adak ke +l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia lÄ“_. Letztere Redensart ist sehr +gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben +sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart +_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt +werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie +angewandte Wort _gode-á¹…gin_ haben. + +Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse +Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht. +Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend, +sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau +begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange +nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem +Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung +macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine +einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem +auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht +gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen +Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_. + +Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich +specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?", +"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_", +"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich +danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch +ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf +das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss. + +Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie +die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder +machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein +Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von +den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die +Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies +Zurückschlagen. + +Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich +selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und +grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte +Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von +dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder +der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme +bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die MelÄ“-Fulan, ist zum +Theil, und namentlich die MelÄ“-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam +übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem +Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange +Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt. + +"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es +entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie +ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad' +Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit +bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische +zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar +keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba) +hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die +der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne +Umstände sich nähern konnte. + +Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes +_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_; +ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich +nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von +Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen. + +Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am +BénuÄ“ ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den +Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben, +wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen +bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_ +(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch +Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte +Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der +Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den +eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen, +der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern +sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die +sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie +nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen +von Hoch und Niedrig keine Rede. + +Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren BénuÄ“ +besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn +sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden +Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich +haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a, +eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie +ihre Stimme hören können. + +Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen +Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den +Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger. + +Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete +Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss +vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl +wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor +einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus, +worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie +geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält +dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet +man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim +Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder +_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht? + +Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die +Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der +Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse, +welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee +vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich +prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein +Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden. + +Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der +fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch +Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten +Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten, +verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher, +welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther +(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des +Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen +sind, lassen sich indess Details leicht bekommen. + +Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand +begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder +_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und +blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor +ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und +legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst +auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender +Stellung zu reden. + +Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein +Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen +gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde +geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand +begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her +schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper +in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die +O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche +Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf +Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein +Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_. + +Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der +Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als +Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber +nach Europa herübergekommen sind. + +Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit +_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_, +ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst +Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_, +Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man +Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die +Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit +einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden, +namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern. + +Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und +erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des +Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert +_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl. + +Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach +Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort? +_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern, +den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in +dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies +bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das +Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der +Küste von Guinea der Fall ist. + +Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern +(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie +_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im +Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber +richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem +Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein +Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren +ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss. + +Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_ +zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus +und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_, +wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der +Stadt steht's gut. + +Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du +her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise +glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern +das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund, +mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die +Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht. + + + + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9] + + +Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von +Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug +mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten +Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu +bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die +Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die +Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen +Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns +oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen +konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen +Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein +letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier +einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war, +ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden +Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche +zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der +bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in +alle Winde zerstreuen. + +Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine +Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil +oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei +verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder +Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am +weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist +reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer +Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in +Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia) +bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus +vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo +zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist +nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer- +und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit +dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst +Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun, +da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert +abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa +Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es +augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die +Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir +vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus +Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich +wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was +es früher war, Besitz der Galla. + +Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die +wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen +Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach +Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege +zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich +gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den +Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die +Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies, +die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte, +wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route +der Geographie nützlich zu sein. + +Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist +nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind +so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir +vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch +nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt, +glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben +und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen +beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine +jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er +danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte. +Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine +Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von +Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu +wollen. + +Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch +Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt +hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre +gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur +Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden +diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber +weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in +Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die +Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man +ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die +Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig +halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht +als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die +Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten +oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung +äusserer Gebräuche basirt. + +Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant +macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es +hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen. +Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa +ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr +durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos. + +Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im +Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere +tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner +Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe +Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss +nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der +entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier +sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine +in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt +und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach +dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu +einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen +Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der +Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten, +dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier +Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet, +dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr. +Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere +reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen +Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des +Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die +lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler +nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem +Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische +Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode +gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion +kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend +eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für +immer Adieu gesagt zu haben. + +Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte +seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien +alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine +Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres +correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die +eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese +Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich +glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden +aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können, +sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich +vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf, +nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei +dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die +Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag. + +Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten +Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die +beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von +Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher +zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse +Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf +Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur +blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die +ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das +Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder +Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden +hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser +auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge +blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch +trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt +oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden +zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen +in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin. + +Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange +vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von +abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg +zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem +Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den +Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die +Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts +weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse +verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie +hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches +Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise +nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier +zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine +kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten +Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so +freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen +Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich +die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise +anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch +Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen. + +Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von +Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute +jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder +Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter +unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich +war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein +ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die +zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem +Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut, +ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren +Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts +weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches +gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine +breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus +Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte +ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel +weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen +sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen +sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas +weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser +Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht +hinüber sandten, trafen oder reichten nicht. + +So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes +Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir +stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster +Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal +durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der +Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche +Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere +hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und +als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem +Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser +bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten, +nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf +die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher +trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel. + +Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von +halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und +Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war +von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom +früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen +Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein +grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch +Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles, +was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's +lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser +dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der +Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der +Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der +englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die +heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn +sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist +aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die +Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass +Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer +der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben +Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit +dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt, +dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach +einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi +aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese +Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah, +musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen. + +Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe +und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut +ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können, +dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie +behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort +von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend +weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte +bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die +Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in +Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und +mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist, +welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich +das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der +Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch +hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun +abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei +längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich +starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen, +welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken, +wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer, +Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester +bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen +sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach +Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt +einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich +ausgestattet sind. + +Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger +begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu +klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche +Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat, +die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu +werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer, +die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu +bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben +Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege +und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee. + +Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara +zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung +von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit +Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's +an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die +Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung, +so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe, +durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen +Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich +eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier +Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und +basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in +NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die +entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die +Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen +vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda, +aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem +Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein +zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und +Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von +einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer +als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so +will, wie Abdikum, Tebabo und Boa. + +Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die +Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten +verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden +gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht +hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch +fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den +Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden +war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war, +machten wir uns früh Morgens auf. + +Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede +Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und +entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das +Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden, +denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem +Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass +bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock +flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde. +Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika +vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte +anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50 +Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie +man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns, +obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis +Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des +Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen +Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der +Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage, +was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren +fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus +Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte, +warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil +wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als +Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich +sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie +sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen +würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden. +Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in +der Türkei und Aegypten. + +Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach +dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte +anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr +leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in +den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten, +aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und +luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss +über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der +trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester +Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends +einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen +Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber +davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche +Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im +Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die +chokoladenartige Farbe. + +Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der +Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba +Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen +Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in +dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist +Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von +derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer. + +Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege +überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der +östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort +gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn +überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten +Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir +den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort +Laktalab liegt. + +Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner. +Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod. +Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon +in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm +abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die +Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem +gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in +Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi +gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und +anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste +Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und +prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von +Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor +einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh, +ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch +innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten +bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im +Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt. +Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten, +dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst +nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer +mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich +wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass +dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten +Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand +einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust +hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und +sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen, +ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala +käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen. + +Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes +ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für +gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte +schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die +Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker +Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch +jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe +in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie +namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken, +sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie +manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien +übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die +Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare, +welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten +werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung, +so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper +annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt. + +Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu +besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in +Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen, +die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen +alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein +Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer +roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch +offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses +Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von +ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten +Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen +Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich +gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man +mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei, +dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen +Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt +sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden, +wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten +Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen +in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar, +wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt +sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während +man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie +christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie +dafür erkennen. + +Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St. +Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde +man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers +hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben +und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche +wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste +und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder +Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und +man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres +finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24 +Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist +sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba +Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen +ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine +Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder, +wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt. +Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein +anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat. +Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze +Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen +monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht +widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur +Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem +Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die +Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von +aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus +demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr +zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen, +alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass +Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst +geschähe. + +Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles +gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine +Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz +dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener +Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte. +Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg +selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah +entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden +aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden +zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh +stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der +Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die +Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die +jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden. + +Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen, +und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der +Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures +Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk, +das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung +für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist. + +Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte +mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch +Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende, +vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um +dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von +den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und +andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit +eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar +hundert Personen belaufen. + +An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume +aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt +grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls +bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei +andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume +überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt, +weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein +einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir +auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine +Bewandtniss damit habe. + +Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen +Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst +7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die +Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren +Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst +gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von +alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein +scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die +jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war +als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten. + +So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so +zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch +Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von +Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu +befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament +gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken. + +Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich +von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum +Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten +herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem +Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche +Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und +Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird. +Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus +durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und +Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig +von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze +zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und +diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je +eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend +angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber +ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich +der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen +Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann? + + * * * * * + +Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute +begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme, +Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie +in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um +Arznei zu bekommen. + +So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der +Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der +Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in +letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein, +hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber +nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen +gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten +Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich +nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld +haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der +Morgen graute. + +Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine +überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich +bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer +einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch, +Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ +nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären +Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald +man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu +der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen +aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen +Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt +scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern +herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde +Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der +Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu. + +Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die +ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die +Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese +Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und +seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath +vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den +faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie +einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts +dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen +streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen +Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während +seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am +anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren. +Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in +Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion, +dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich +eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er +fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz. +Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und +hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden. + +Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt +die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber +so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder +traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte. +Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch +Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch +erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die +Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch +kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss +beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien +herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das +Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie +selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die +beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den +Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi. + +Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender +kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden +zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben. + + * * * * * + +Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten +wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen, +weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit +den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle +wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn +sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes +wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser, +nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches +gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass +ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu +Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im +Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem +Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch +ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von +Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_ +gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_ +fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem +von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen +Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben. + +Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und +brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu. +Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu +leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr +erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie +aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5 +Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht +worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante +Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und +Bevölkerung arm zu machen. + +Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen +Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten +indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten +unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des +Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. +Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, +der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der +Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine +mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein +südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in +Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. +Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, +um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine +Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr +ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das +Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein +Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die +Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein +eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition +zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die +Bestimmung seiner Höhe, weg. + +Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns +in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, +dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, +andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, +als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über +uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit +uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir +zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende +Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges +dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich +vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte, +so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in +den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt. + +Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle +in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die +Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie +überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, +schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In +der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von +der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst +gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer +ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der +Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne +Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, +herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der +Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen +erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese +Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns +noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess +bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht +weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes +Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er +war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von +Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, +aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild +trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er +unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er +sonst nicht folgen könne. + +Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass +man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim +Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere +Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist +noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in +Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 +Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je +nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen +verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen +Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und +Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort +sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, +wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine +Karawane unbelästigt den Zoll passiren. + +Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim +Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah, +anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas +Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von +Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte +mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es +bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst +dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, +antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, +wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter +ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar +nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu +kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der +Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut +aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der +Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich +einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich +finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber +gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der +Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal +zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, +ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, +dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst +einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als +höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das +dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers +erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere +höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang +der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in +Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung +steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, +auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10] + +Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach +nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich +nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, +als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer +der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und +reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, +sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem +Boden mir gegenüber. + +Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen +Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein +grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz +verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft +haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen +lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während +seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, +ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der +Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, +wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er +selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von +europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als +seine übrigen Kleider. + +Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner +zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen +belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom +Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. +Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei +Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, +wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit +hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; +vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner +Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das +Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11] +genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas +ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein +zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das +Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine +Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen +das Ameublement. + +Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne +alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier +von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, +dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier +in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. +Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und +exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren +Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner +stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den +Christen in bester Eintracht. + +Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und +selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, +Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr +billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu +unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 +Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht +englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so +theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler +brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war +auch für solch hohen Preis keine zu haben. + + * * * * * + +Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich +zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines +seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern +entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. +Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als +Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, +überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen +Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden +verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, +das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die +Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land +gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und +Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu +gehorchen. + +Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei +dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir +und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. +Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das +Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert +hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der +Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen +setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern +vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in +nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern +vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit +des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste +Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine +durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, +denn jede Nacht gab es Gewitter. + +Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der +vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch +einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en +miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und +des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, +waren reichlich vorhanden. + +Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn +Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft +sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege +giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den +Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, +wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit +scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine +Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des +Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche +Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt +oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss +hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis +zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine +Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., +die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem +manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück +trug. + +In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- +oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale +Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter +oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr +Umfang gesehen habe. + +Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen +fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben +Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht +bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende +Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, +einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch +von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf +bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, +erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist +gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der +Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen +halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, +welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen +dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen +Gebirgszuges nördlich vom Tselari. + +Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen +ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse +Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten +See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der +weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die +Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit +Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und +Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach +bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen +angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier +an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige +Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir +blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem +Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben. + +Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess +war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht +am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie +ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj +(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine +Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie +in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen +fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich +entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. +Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden +Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende +Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch +nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. +Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige +Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte. + +Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus +darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen +Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. +Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion +verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als +er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen +Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen +diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich +indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein +prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, +erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft +hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver +und Zündhütchen. + +Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle +Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch +verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der +Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in +Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner. + +Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so +beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen +und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als +ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von +meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition +mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. +Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der +recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische +Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala +immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint +und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der +Heimath fort. + + + Höhenmessungen mit dem Aneroid. + + Abdikum 9250 engl. Fuss. + + Takaze, Bett 5800 " " + + Salit 6200 " " + + Lalibala 7000 " " + + Schegalo 6200 " " + + Bilbala-Gorgis 6170 " " + + Eisemutsch-Thal 6359 " " + + Mári-Thal 5200 " " + + Taba, Ort 6000 " " + + Siba-Pass 6500 " " + + Mokogo-Pass 7800 " " + + Biala-Pass 9000 " " + + Ohlich, Ort 6200 " " + + Telela-Pass 7100 " " + + Sokota 6500 " " + + Emenenagerill-Pass 5600 " " + + Uana-Pass 5550 " " + + Tselari-Bett 3200 " " + + Zaka 4200 " " + + Zamra, Bett 3150 " " + + Fenaroa 4500 " " + + Samre 6000 " " + + + + +Der Aschangi-See in Abessinien + + +Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und +Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' +28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein +von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide +zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That +fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See +begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird +Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln +kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von +hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa +10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss +(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe +Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von +minder hohen Bergen umschlossen. + +Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus +marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst +bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und +der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief +eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse +Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt +haben, ohne indess den Ort anzugeben. + +Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige +wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere +die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um +so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht +ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, +mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in +den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen +lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten +oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom +Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das +Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch +allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu +finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, +dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von +10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss. + +Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist +abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um +einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher, +was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen +erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung +Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat, +so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine +Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach +Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu +können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an +den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen +Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug +natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt +werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder +die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben +werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6 +Luftwärme. + +Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines +unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, +besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem +Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und +diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein +wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir +sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden +Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon +auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche +vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt. + +Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies +spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die +Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums +vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen +Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des +Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als +Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, +während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, +die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an +Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen +Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen +Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen +aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher +runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine +Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige +Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum +Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus +Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, +bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren +Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in +besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist +Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei +es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast +nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts +gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von +den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, +keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen +Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch +eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen +wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten +Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; +Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das +Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als +Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, +kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir +konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen, +ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher +besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem +grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar +nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden. + +An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen +grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und +viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, +ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher +hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. +Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen +und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. +Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten +von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche +Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber +fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen +Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd +erfolglos. + +Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, +mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen +Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein +stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen +Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige +obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und +zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine +längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der +ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen +Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos +Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene +Freundschaft und herzliches Entgegenkommen. + + + + +Nach Axum über Hausen und Adua. + + +In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich +eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht +sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, +die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie +gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von +Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen +war, nach Axum zu gehen. + +Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine +Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, +obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt +den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den +Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, +aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, +von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee +zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen +wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, +dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges +gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von +Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der +Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine +Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef +verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für +die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was +mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer. + +In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei +dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst +Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die +ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in +Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm +entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde +ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das +englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von +Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen +wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in +Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an. + +Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um +3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr +Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der +uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa +eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, +bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist +äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser +der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen +gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege +entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges +Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, +Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten +Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen +des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine +schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer +wurden diese Qualen. + +Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den +District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief +von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden +Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen +Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten +dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu +gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir +selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann +auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen +eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge +Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die +Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch +die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu +Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der +Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger +Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, +bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. +Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein +gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so +gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die +Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre +betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der +Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut +sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von +Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen +und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist +nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts +von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, +die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, +überdeckt sind. + +In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir +konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in +Europa. + +Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten +Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer +Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese +zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham +die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name +andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von +Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien +berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen +war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula +einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten +Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen +ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich +kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls +noch heute Troglodyten sein. + +Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen +entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden +Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den +Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu +passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur +zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein +unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt. + +Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte +entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir +unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an +auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten +Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen +Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres +versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die +herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In +Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der +Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die +Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre +finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so +unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, +an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in +früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es +ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens +dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. +Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu +sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus +gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet. + +Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen +Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als +ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein +bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte +sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es +kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es +weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren +Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen +Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich +wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von +diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist +das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen +wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den +schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu +setzen. + +Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast +durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne +auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur +von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen +der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach +Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden +wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast +durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und +Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess +über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die +Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten +Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den +Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am +Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir +noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den +Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich +erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein +Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf +war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück. +Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte +aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu +verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück +geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; +für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste +als Viehfutter dienen. + +Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber +wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; +wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. +N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, +Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, +halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die +Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden +Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse +Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis +Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel +des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, +hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am +nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess +wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf +einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs +zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort +Gedera. + +Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz +von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der +Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir +umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn +vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den +Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an. + +Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die +Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch +vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz +unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet. +Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt +auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom +Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von +allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den +Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke +versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben, +tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber +selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden +und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und +Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich +nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner +schätze. + +Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger +und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend +nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur +Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen +Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte +Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus +neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie +ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im +Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet +sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern +sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich +befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die +Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier +bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen +Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen +Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter +mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil +dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge +anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten +Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die +Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos +zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als +Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war, +hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein +gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der +Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles +aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen +konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech +und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren +Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter +dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in +einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir +besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit +Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen, +überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst +einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir, +sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige, +was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte, +wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet. +Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche +uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz +Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder +verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was +wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst +gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste. + +Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten +ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr. +Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz +Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen +hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir +höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000 +Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million +zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen +Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig +seine Meinung von Abessinien ist. + +Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge +versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei +Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf +anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem +Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter +Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein +Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine +Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein +Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch +ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem +grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um +den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens +kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz +bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um +seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna +ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen +Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das +Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, +sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig +gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt +zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben +Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und +Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen +Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann +brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell +hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, +dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester +hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so +entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk +brachte. + +Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte +Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin +Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem +unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu +bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei +oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den +Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und +Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. +Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann +später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, +Pantalem genannt. + +Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, +obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es +liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer +durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares +erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15] +gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt +hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus +zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als +auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich +finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in +seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und +Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden +sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum +gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala +thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten +Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude +ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in +Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu +haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, +sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass +hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der +Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche +selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne +jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben +das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser +als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder +Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir +keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne +Bedeutung ausgenommen. + +Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr +übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben +zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, +so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, +dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung +wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus +einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum +findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem +ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt +Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" +führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster +Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. +Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so +scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine +Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte +Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der +Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und +dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen +Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen +nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss +hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia +angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, +erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin. + +Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, +um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene +griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht +vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König +Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene +christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der +Abessinischen Könige führt ihn nicht auf. + +Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten +den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da +wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in +Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, +es ist ein Gebäude der Neuzeit. + +Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied +von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen +sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus +sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber +und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln. + +Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder +rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend +nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. +Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche +Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und +Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den +Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem +Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer +Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir +daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten +Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es +ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich +hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von +vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns +ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann +abziehen. + +Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn +westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, +die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, +welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren +linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns +in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als +Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer +meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte +mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. +Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies +zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde +Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am +Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von +Gemüsebau nichts zu sehen. + +Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, +verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von +Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher +mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals +an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen +Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige +Provinz zurückkehren möge. + +Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze +Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg +zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen. + +Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so +war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu +denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter +Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die +Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten +Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster +Abessiniens, liegt. + +Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem +Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen +halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg +aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten +wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten +abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie +besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre +Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben +treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, +Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit +so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee +Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns +Aufgang zu verschaffen. + +Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe +um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren +herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies +schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien. + +Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf +die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in +Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer +fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit +einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf +Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret +und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen +sitzend einen vergnügten Abend zubrachten. + + + + +Damiette. + + +Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr +sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, +wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu +gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der +grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch +anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen +haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist +jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt +wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig +sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird. + +Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten +und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um +so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen +Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und +die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich +mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des +mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale +fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale +Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch +Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist. + +Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den +Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich +hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da +aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte +und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch +reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit +eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie +fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln +und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus +Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling +Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, +welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische +Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, +es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage. + +Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner +Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof +des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit +einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe +Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. +Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach +einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war +nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm +des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. +Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 +Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten +befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre +Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem +schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff +davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft +bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die +Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus +einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum +Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul +selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten +Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt +ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen +verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen +die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen +lässt. + +Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, +denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die +Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze +Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit +langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich +Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls +nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so +bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, +also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind +nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu +benutzen, aber langsam ging es trotzdem. + +Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener +Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, +wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See +ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss +tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen +sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete +Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig +lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. +Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern +Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser +herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel +nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen +wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren +Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang +Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See +geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern +trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. +Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang +beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um +nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene +kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum +patrouilliren müssen. + +Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss +aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt +sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite. + +Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft +ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen +wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, +in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener +Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem +sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen +Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da +wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten +wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff +hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 +Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der +wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, +kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es +indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es +kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir +gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch +ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus +einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber +Smah[21] nennen, herausragen gesehen. + + * * * * * + +Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler +Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen +des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. +Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so +dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb +übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis +am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser +höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im +Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu +bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und +arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei +jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine +leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und +konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die +Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes +an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging +es zur Stadt. + +Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine +ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. +Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich +und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man +kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, +zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in +einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und +europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten +Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen +besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses +ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was +erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in +Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau +bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster +Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr +Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar +ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde +kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man +nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française. + +Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein +aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind +verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, +und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, +mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. +Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber +früher bedeutend grösser. + +In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann +unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die +Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, +12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer +des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom +Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze +Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige +Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. +Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die +Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. +November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von +Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans +Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer +im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen +Heeres sein. + +Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach +zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen +schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die +Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan +Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt +Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur +Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen +Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war +ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 +gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und +Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, +dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder +aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte. + +Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert +und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith +entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, +welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug +Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die +Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die +Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein. + +Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz +Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die +Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die +christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist +griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von +eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige +wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind +augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen +Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde, +und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen +Schutz. + +"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der +reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch +einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz +entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. +Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen +Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen +hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat +mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich +auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. +"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch +zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte +der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch +machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und +spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere +Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich +fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen +Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette +repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch +spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und +spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich +abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine +Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des +Herrn Consuls zu empfehlen. + +Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir +nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die +Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; +sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft +als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst +correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, +sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu +repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur +irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste +Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu +Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete +genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb +doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell +empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse +Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich +aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin +Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform +und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan +die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann +eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul +um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er +Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, +das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den +norddeutschen und spanischen Salon. + +Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, +welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul +geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das +Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren +lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen +heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von +Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die +Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte +für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er +officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen +übereinstimmen". + +Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, +die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul +Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits +auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles +den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge +ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein +Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von +dieser Familie repräsentirt wird. + +Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe +Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre +Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und +noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. +Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, +nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt +worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. +Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, +vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, +denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung +und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische, +kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten +fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz +roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird +von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus +dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen +(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von +Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die +Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, +und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge +Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt, +die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein +entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der +mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas +zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die +Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen. + +Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht +neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese +haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht +niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die +Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen +Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut +denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt +haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden. + +Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine +katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird, +dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier +Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, +nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, +welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, +steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. +Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich +liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer +italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit +Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, +unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass +hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien +sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege +Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders +schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul +el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen. + +Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, +mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier +die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im +fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis +hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird +damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei +und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die +Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In +neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da +Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt +wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt +gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige +Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 +Meilen nilaufwärts liegt. + +Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die +regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind +nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die +lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der +Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in +welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm +ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem +ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück. + + + + +Malta. + + +Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach +Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird, +tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im +Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten +wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am +interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der +arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in +Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln +am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich +fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie +die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer +Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht +glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich +die Laute ohrgerecht machten. + +Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir +schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren +kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als +Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage, +Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem +Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann. + +Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta, +welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der +Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später +sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige +Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren +Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von +Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger +bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft. +Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche +dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr. +mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an +Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die +Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte. +Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder +Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit +den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath +Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von +Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die +Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen +Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl +dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von +Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem +letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die +Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren +Oberhoheit die Inseln heute noch stehen. + +Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul +des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche +Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch +heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der +Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die +indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind. + +Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von +Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten. +Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben +aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im +Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer +Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und +sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich +befinden. + +Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische +Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen +Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung +von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St. +Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier +und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten +Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige +Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht +Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung +hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence, +die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien, +eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h. +auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet +sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher +Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der +Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann. + +So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil +scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der +Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der +Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft +durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten +der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast +alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's +angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden +verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen +Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist, +so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug +haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang +finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten +smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es +früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu +wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer +erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser +getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere +Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich +einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen +alle viel zu wünschen übrig. + +Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns +der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden +ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei +den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom +Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist +heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt +der grosse Ort Rabatto. + +An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in +dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute +Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess +die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere +Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für +die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in +der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt, +wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine +gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte +ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt +genossen. + +Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei +Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in +Malta scheitern zu lassen. + +Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom +fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel +gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste +Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein +heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_. +Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute +hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu +einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch +weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul +gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der +allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die +Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere +Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch, +respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen +Heidenapostel. + +Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des +Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und +duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen +Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, +vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen +Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt +es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie +und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie +fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die +Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. +Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung +zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und +so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den +Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im +Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie +Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der +Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um +aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten +derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die +"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. +Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber +fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat +sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei +den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta +brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das +mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um +Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich +gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge +der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter. + +Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am +selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht +am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die +berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen +Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, +dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten +Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern +getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, +man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und +Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von +Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch +ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. +Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns +hineinlegend fuhren wir ab. + +Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder +interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl +unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, +sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man +ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in +Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren +froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass +obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach +unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute +Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige +Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu +die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst +hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man +über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und +Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, +mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem +nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen +ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und +die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten +bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus. + +Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss +sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für +alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie +bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen +Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann +kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta +lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so +schlecht wie möglich zu machen. + +Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso +wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. +Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die +Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen +berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. +Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass +Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen +ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht +zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo +gezeigt wird. + +Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene +Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte +vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein +scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute +bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren +konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes +Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist. + +Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, +da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf +unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige +Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan +hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle +ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom +Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen +geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum +erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, +da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen, +und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke +mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den +Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte +bewohnt war. + +Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen +Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief +und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch +einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und +das Gestein ist wie immer Kalk. + +Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an +den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem +Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder +Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu +diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die +Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf +vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere +zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, +auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden +sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die +Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein. + +An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa +Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen +Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten +Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide +diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen. + +Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten +wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich +sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während +unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm +hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication +abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen +können. + +Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten +Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein +kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so +prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, +dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse +Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als +die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt. + +In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt +ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden +war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er +machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von +dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die +Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem +Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar +ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb +benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern +weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in +Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem +Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso +einquartirt. + +Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für +einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir +konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut +bis zum andern Morgen aushalten. + +Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste +Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und +in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern +aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine +Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je +zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von +Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen +inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere +spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch +Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man +eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des +Thurmes der Riesen gegeben. + +Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der +Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, +ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein +Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst +jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf +dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber +nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen +Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch +unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast +eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen +wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das +Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen. + +Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, +welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm +liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die +Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta +über. + +Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen +Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an +dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner +feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser +ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt. + + + + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika. + + +Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse +Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer +weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den +Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es +bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe +Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden +Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, +fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen +berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden +soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das +oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen +Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 +geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil +dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches +von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere +Besprechung zu verdienen. + +Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende +Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief +eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben +hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des +Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa +treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher +ins Auge zu fassen. + +Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so +finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen +Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an +der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte +genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam +beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 +deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. +104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden +ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter +fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches +einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher +Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei +Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin +zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr +gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen +sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem +Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von +dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene +Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche +Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die +Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der +Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und +Barth. + +Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die +ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter +dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. +31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von +Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). +Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der +zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der +glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten +Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid +mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten +angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher +Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen +ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte +der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so +wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch +hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 +Meter ergeben würde. + +Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf +Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser +entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt +existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden +die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer +absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt +man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, +welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und +nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte +dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von +Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben +geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich +dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu +werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die +Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch +giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele +eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ +tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind. + +Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau +heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter +absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen +Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis +zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin +von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und +manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele +darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass +unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, +liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden +existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar +die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des +Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die +Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der +libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese +kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in +Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten +gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der +Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee. + +Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich +bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch +rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit +See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass +die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten. + +Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich +überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, +welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von +silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese +bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der +eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch +gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange +Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen +Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten +und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, +reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und +überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen +geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe +aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von +künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte +Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war +und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon +birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen. + +In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen +Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch +zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression +verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 +Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf +das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier +kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom +Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist +heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten +durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch +weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die +Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen +gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, +geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo +südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne +wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch +eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach +den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, +keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie +geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass +in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga +bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass +übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote +standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase +tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher +aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und +niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, +dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, +Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier +den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, +und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die +Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt +schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen +haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu +sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache +nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer +solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose +Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im +Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., +während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine +Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben. + +Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche +Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium +und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden +ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können +aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch +feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer +verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach +Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und +erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser +verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass +hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode +muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man +versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den +Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und +Tamarisken. + +Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las +man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den +Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch +andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte +aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass +Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der +grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt +fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher +denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder +vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den +fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. +Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese +Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um +dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun +eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, +einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen. + +Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, +welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung +trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus +geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen +schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches +die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen +können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, +Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den +fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor +der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden +geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen +Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen +grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden +könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos +um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum +würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden +Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen +und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber +auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder +unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste +sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des +Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach +Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea +(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, +und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb +der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei +niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr. + + + + +FUSSNOTEN: + + +[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt +sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, +Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben. + +[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn +zu lesen war mir unmöglich. + +[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener +Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000 +Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den +Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern +El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen +sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein +Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird. + +[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner +Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile: +Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-á¹…gimsegeni_, Oststadt += _Kuka-gérgedi_. + +[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu +besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen, +Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte +Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_ +als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser +"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste +sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen, +darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine +Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren. + +[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen +Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm +können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel +des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut +arabisch sprach. + +[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese +Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von +einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt +in Lokódza ist, übersetzt wurden. + +[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese +Sprache übergegangen. + +[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit +der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war, +trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg +ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich +nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der +von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich +mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss. + +[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von +Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an +Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die +Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte +zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber +hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir +Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der +Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi, +also höher stehend als Kassai von Tigre. + +[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch. + +[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen. + +[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint. + +[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares +selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme. + +[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech. + +[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus +geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in +Abessinien eingeführt sein. + +[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche +andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er +führt an: + + "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler." + +ferner: + + "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei + sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle." + +[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in +seiner "Reise nach Abessinien etc." + +[19] Nach v. Heuglin Trachyt. + +[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen +gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf. + +[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch +selten. + +[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt. + +[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G +aussprechen. + +[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction +heisst Mnaidra. + +[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon. + + + + +Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. + +In unserem Verlage ist _erschienen_: + + +GERHARD ROHLFS. + +Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der +Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste +über Rhadames nach Tripoli. + +Mit einer Karte von Nord-Afrika + +von + +#Dr. A. Petermann.# + +Zweite Auflage. + +Preis: 1 Thlr. 20 Ngr. + + * * * * * + +Ferner erschien: + +GERHARD ROHLFS. + +Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen +Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier# +und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#. + +Preis: 1 Thlr. 15 Ngr. + + * * * * * + +Bremen. + +#J. Kühtmann's Buchhandlung.# + + * * * * * + +Druck v. Hirschfeld, Leipzig. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus +den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + +***** This file should be named 14142-0.txt or 14142-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/4/1/4/14142/ + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/14142-0.zip b/old/14142-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..986776f --- /dev/null +++ b/old/14142-0.zip diff --git a/old/14142-8.txt b/old/14142-8.txt new file mode 100644 index 0000000..57ebacc --- /dev/null +++ b/old/14142-8.txt @@ -0,0 +1,5981 @@ +The Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den +Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 + +Author: Gerhard Rohlfs + +Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + + + + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. This file was produced from images +generously made available by the Bibliotheque nationale de France +(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr. + + + + + +LAND UND VOLK IN AFRIKA + +BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870. + +VON + +GERHARD ROHLFS + + + +BREMEN, 1870. +VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG. +U.L. FR. KIRCHHOF 4. + + + + +INHALT. + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens + +Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch + +Von Lagos nach Liverpool + +Die Stadt Kuka in Bornu + +Am Bénue + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868 + +Der Aschangi-See in Abessinien + +Nach Axum über Hausen und Adua + +Damiette + +Malta + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika + + + + +Bemerkungen über die Zukunft Algeriens. + + +Mursuk in Fessan im Januar 1866. + +Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt +hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den +Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte +Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand +würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, +viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise +der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben +Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die +Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der +Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der +Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès +an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter. + +Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das +gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in +ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, +nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem +vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler +und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über +den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie +eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so +anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als +nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas +jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie +Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern +frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk +kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen +desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern. + +Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand +meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in +Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine +Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche +Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt +haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in +Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im +Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen. + +Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor +zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den +Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält +folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand +Si Lalla's bewährt hat: + +"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen +sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt +haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und +Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind +_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach +mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den +Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen +dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur +im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran +ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so +geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie +innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern +Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit +von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und +gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie +vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält +einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so +geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen +hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen +verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien +heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes +Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den +civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom +Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, +als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage +immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern +Platz machen müssen etc." + +Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute +meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur +nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald +sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und +notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf +seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das +Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des +Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. +Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der +Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere +gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien +der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre. + +Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich +will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen +Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt +nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern +Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich +französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, +namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber +zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, +wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder +gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit +undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, +weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als +ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in +Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_ +einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte +beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am +Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu +unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die +sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern, +bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; +überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker +unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und +Türken Eine Religion. + +Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und +sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne +zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen +Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten +Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird +Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden +ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der +Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es +bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So +verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die +Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu +verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn +wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie +sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den +anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht +schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so +ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im +Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in +der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, +und in der Priesterschaft. + +In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von +aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der +Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt +gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den +Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem +christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen +Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. +Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, +haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr +Standpunkt war zur Zeit Abrahams. + +Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für +die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; +diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu +vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche +Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. +Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der +Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die +Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die +Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die +Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in +christlich civilisirtes Land umzuwandeln.-- + + + + +Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch. + + +#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.# + +Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_, +näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica +(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an +Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. +Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und +diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und +Persien vorzugsweise. + +Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes: + +"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und +wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli +eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit +demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern +giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri +auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, +vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer +arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener +machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem +eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, +ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat. +Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch +_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem +eigenthümlich unangenehmen Geschmack." + +Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als +die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der +gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden +vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man +z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des +Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von +manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, +Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle +Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach +Süden exportirt. + +Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder +sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und +rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder +Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen +so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art +Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man +pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit +Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art +Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die +unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden. + +Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt +dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche +Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem +sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine +Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was +Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, +dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in +Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen +kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen. + + + + +Eindruck, den aus mich die Cannabis machte. + +#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.# + + +Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans +Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich +nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste +etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. +Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer). + +Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: +Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene +Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und +Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse. + +Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich +indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse +schwarzen Kaffee ohne Zucker. + +7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne +mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und +befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die +Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln. + +7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die +Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos +scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den +Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse +ich, womit ich angefangen. + +7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls +zählen unmöglich. + +Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer +zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit +den Händen fühle, dass ich liege. + +Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser +Zeilen Stunden zubringe. + +8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem +Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe +vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, +ich will ausgehen. + +8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt +verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; +ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu +petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und +setzte mich vor mein Haus. + +_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön +tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich +und sehe, dass Alles erlogen ist. + +Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_? + +Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir +grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht +ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl +nicht gelähmt. + +Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin +ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft +schweben. + + +#26. Januar Morgens.# + +Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu +schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute +Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen +Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der +Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich +denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, +überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im +Tekrurizustande mich befände. + +Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass + +1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint. + +2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches +eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche +Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen. + +3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe. + +4) Auffallende Lähmung der Willenkraft. + +5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden +vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt. + +6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie. + +7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass +dieser Zustand immer dauern möge. + +8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als +das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen. + +Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch +nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer. + + + + +Von Lagos nach Liverpool + + +Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, +den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der +Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich +Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, +welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe +noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, +untergegangen. + +Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener +Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója +aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie +unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von +Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde +auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der +während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger +herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu +Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen +Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre +Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, +als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten +wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras +lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen +Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im +dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man +öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn +auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt +Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags. + +Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die +jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen +Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art +Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, +wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um +die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen +die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, +Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde +vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur +vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am +schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere +Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere +transportirt werden können. + +Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten +schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen +Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und +hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum +eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder +herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der +ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. +Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die +baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die +gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die +dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man +mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich +hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer +und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von +Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben +Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben +und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte +Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten +Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der +Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse +Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird. +Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen +mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene +angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und +Treiben am Ufer hervorrief. + +Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen +liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am +Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die +Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im +Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger +Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel +zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit +gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 +Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen +Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. +Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit +allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich +westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. +in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir +Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem +grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser +ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um +unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen +etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen +Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln +zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe +Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere +Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine +Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und +Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese +Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also +schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der +Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine +hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die +Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln +bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem +langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die +Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen +wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel +des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. +Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich +selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so +dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern +bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden +Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem +Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu +verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde +unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o +Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so +wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um +nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern +zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, +um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl +gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder +abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen +für viere; endlich indess waren Alle satt. + +Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, +bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils +benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses +Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus +einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten +ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir +gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos +gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit +diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es +erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria +regina) gestickt war. + +Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere +folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit +einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf +jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen +Sprache wird. + +Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich +auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, +welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. +Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das +Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so +lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und +Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem +folgenden Morgen der Fall sein. + +Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem +gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht +starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. +Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass +wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten +sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in +der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die +Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff +folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, +obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste +tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei +eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, +dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich +ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, +schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte +war. + +Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder +von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft +durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich +schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze +überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von +deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone +Zeuge ist. + +Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht +erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration +sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von +allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das +Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer +noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken +und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine +Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, +und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners +übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren. + +Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer +sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas +Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen +oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine +Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und +unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich +neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit +zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an +salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven +gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff +davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich +sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, +oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu +ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr +tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme +aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch +die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe +Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser +füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse. + +Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen +Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe +electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, +taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser +gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die +Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns +wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. +Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, +aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen +unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis +Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden +seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer +Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich +zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren +abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des +Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, +um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun +freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen +hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in +einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne +die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, +sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die +Sonne. + +Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches +Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel +belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos +gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer +grossen Menge von Canoes. + +Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass +ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den +Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer +seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der +Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur +mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung +begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten +Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem +europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, +als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, +der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen +Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit +einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten +Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. +Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in +sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein +unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war. + +Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer +verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen +würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover +hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden +hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes +Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand +mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei +Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen +seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den +Aufenthalt angenehm zu machen. + +Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn +Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann +der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und +jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der +O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer +war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser +über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. +Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der +Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon +betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand +gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, +dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu +erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich +waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie +er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn +Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich +andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles +Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so +schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause +an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte. + +Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen +und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung +aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren. + +Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine +Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt +gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann +Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, +vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, +den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und +Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam +es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor +der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie +durch's hohe Hofthor einzogen. + +Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und +Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet +wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des +gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, +sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen. + +_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon +erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem +englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. +Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten +Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die +zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen +aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des +Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere +Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch +Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera +haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der +grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser +Stadt fast ganz unbekannt. + +Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer +westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen +Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme +genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas +die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch +ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation +durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. +Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir +mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie +übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien +verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte +Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren +Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie +sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige +Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem +Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind +sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt +eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital. + +Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine +hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon +mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn +methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem +dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider +auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen +Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg +zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus +besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf +europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute +es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen +wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die +schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer +spielte, begleitet, sangen. + +Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit +in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen +Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen +Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen +verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu +werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes +Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach +Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt +und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und +Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England +schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur +als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er +leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine +Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere +Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner +gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und +Bénue-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. +Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig +gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche +Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während +meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach +Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen. + +Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom +Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements +der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon +erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, +die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein +Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch +bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr +Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die +westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den +letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren. + +Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das +theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum +Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh +nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere +Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was +Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch +zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist +indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für +Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft +diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein +möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst +liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung +ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, +aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und +eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren +können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch +die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, +ihren Tribut zahlen zu lassen. + +Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar +schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann +Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und +andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen +Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom +indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika +gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth +derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen +Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 +Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei +der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3] +von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in +kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches +Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von +Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden. + +Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und +Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. +Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und +Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie +O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie +haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den +grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht +einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere +Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune +hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst +einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist. + +Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die +wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter +verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten +Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man +glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe +einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, +die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr +schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht +bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas +bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten +Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso +unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, +weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen +noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde +zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als +Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause +James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein +bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James, +ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der +den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf +Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der +liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die +schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und +Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der +Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren +hundert bringen. + +Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und +allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die +grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen +Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, +wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche +Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von +Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im +Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen +Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und +jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer +Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne +Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch +gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den +Missionären, auf den anderen Factoreien etc. + +Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste +Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer +heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. +Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem +hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte +Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See +begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren +hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die +Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes. + +Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell +dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, +nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht +hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, +denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und +Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten +Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in +Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter +zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 +Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: +es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa +Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue +Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der +Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur +en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles +eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse +seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an. + +Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir +dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die +Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter +begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden +hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich +der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas +getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man +noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts +dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich +selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener +Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei +sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich +nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche +Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter +Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur +eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch +durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, +längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren. + +Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis +jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte +deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als +auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die +Betten nichts zu wünschen übrig. + +Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie +Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) +aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand +ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren +Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses +Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf +die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter +den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn +auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste. + +Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem +englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche +Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um +12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus +kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr +Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es +versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch +der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar +keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben +keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen +konnte. + +Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern +waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder +lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, +nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren +wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind +offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger +an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter +vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte +auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die +Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen +ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald +sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die +Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre +Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit +ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande. + +Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10 +Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und +nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 +Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen +Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern +gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo +indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, +von vielen kleinen Negerhütten umgeben. + +Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff +umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den +Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten +Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man +von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte +Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, +Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, +Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, +Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll +gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer +zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in +Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster +Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere +Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld +das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. +B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, +ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten +Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, +der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge +auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die +kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier +indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein +Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon +waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, +den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und +Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier +vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, +fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, +ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich +vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit +der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung +verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher +Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu +gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das +geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der +Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was +leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz +vernachlässigen. + +Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach +Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter +Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs +Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, +sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da +er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde +eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so +komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die +lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf +französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns +zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch +und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch +nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der +allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz +fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, +unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn +auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu +erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch. + +Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage +vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt +fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck +flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön. + +Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, +dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg +dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die +vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen +gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf +hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um +so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen +hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, +und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen +Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor +Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken. + +Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker +aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme +umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit +über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu +handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, +auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere +Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der +Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld +eröffnet hat. + +Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von +der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss +getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der +rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der +Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen +den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, +weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross +sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt +das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten +entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr +an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz +unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang +zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst +bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und +dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, +dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl +die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern +gewöhnliche Volkslieder. + +Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist +jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg +wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. +Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu +erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind +der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle +Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu +finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden. + +Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das +Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage +fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen +vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen. + +Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf +steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den +Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch +nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch +einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier +bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz +besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich +schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die +künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so +ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf +vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt +haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich +hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom +Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, +theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den +Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die +Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, +bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat +zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen +mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten +Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen. + +Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des +Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu +einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch +zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen +sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die +grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem +grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, +als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten +Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne +brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen +Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu +uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir +in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich +bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit +meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape +Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, +weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien +recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti +König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. +Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit +sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann +auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort +Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach +Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir +hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, +er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach +Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so +ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern +ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten. + +Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste +haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war +gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des +Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. +Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch +Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft +anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht +gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten +an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, +lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die +Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst +abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so +grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der +Führung des Dampfers. + +Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den +ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; +zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, +denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren +Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr +endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein +amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der +christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch +anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker. + +Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur +Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. +Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. +Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und +hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste +vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der +indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein +mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, +die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt +die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie +ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, +und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen +ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in +Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die +vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel +treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, +leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels +ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im +Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese +interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in +Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes +Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere +Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch +nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in +unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie +aufzunehmen. + +Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen +ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. +Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man +sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe +meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre +im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch +mehrere europäische Schiffe hier vor Anker. + +Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne +Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu +einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer +Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr +unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen +Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit +gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu +lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten +Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich +unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten. + +Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir +schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir +eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen. + +Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis +auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation +emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in +administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung +selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat +hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von +Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet +sein könnte, wird immer noch vom government of the United States +ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia +vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu +verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der +Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche +Religion angenommen. + +Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt +selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der +Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt +Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse +Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, +und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die +Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der +Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht +hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern +gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 +Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt. + +Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von +Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen +ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel +Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre +Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir +selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser +jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel +zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher +Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose +Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord +vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und +Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer +unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter. + +Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von +tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich +die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag +konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen +des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren +indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die +unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste +von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel +wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch +Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre +Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. +Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der +bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft +Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste +von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche +geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das +schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie +Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich +vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben. + +Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner +Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen +Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das +prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem +Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt +vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut. + +Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr +Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, +Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, +grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des +Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige +Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen +dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, +schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies +imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt +der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im +Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, +hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen +Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir +schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der +wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses +gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen +an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen +die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt +etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei. + +Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten +und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine +Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns +war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so +weniger vom Gesammtbilde verloren. + +Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst +näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief +für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer +Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung +statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses +profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen +zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und +überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem +ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen. + +Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, +obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat +durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem +Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast +gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven +herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und +Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man +sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen +Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. +Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die +Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt +als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt +hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen +Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und +wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am +meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die +Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite +legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich +noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, +als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche +evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im +Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben +desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen +fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und +Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. +Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich +auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen +haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen +Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig +machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die +Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, +weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer +gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten +der ersteren sein dürfte. + +Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit +angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben +thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen +bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege +böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da +Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe +und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind +meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt +man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie +früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen +Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles +durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am +Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies +mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast +alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder +doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die +Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten +Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor +dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen +schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb +die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie +werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das +schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen +mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird. +In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon +weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem +Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie +es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch +ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das +Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie +Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner +junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich +vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, +ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen +Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht +selbst Verse improvisirend. + +Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der +verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, +dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa +200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. +Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, +jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie +an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in +climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie +schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr +bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel +mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses +Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie +wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt +von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren +zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem +Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen +Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden. + +Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, +und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben +wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das +Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr +heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, +dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir +machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal +ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich +fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn +hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne +dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke +indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark +geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen +sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde +natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran +war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison +von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 +Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die +Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über +mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu +hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, +die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer +nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch +eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut +umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht +beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, +die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte +keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, +und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. +Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der +Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum +Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen +hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren. + +Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu +erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap +der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um +6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia +sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des +Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so +fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und +französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann +namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am +Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist +Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen +anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der +Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder +Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im +frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und +etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in +ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt +und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches +in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist. + +Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter +anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er +Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in +Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe +selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei +Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den +Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich +aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig +ausgekehrt hatte. + +Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von +einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes +Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu +besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap +Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf +Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir +doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein +erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche +bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle +hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend +hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer +zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg +bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und +Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze +Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der +Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, +zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten +Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. +Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. +Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine +und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe +mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was +vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung +nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu +nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet +ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. +Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess +später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte +sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und +wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu +verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, +ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und +schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst +bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht +ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als +Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen. + +Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit +denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir +hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der +hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, +so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und +Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank +wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine +junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, +um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines +ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. +Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter +See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so +geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete +Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, +kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für +die herrliche Insel. + +Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira +angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck +erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor +uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig +grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen +wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu +landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen +von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem +eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, +von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte +der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war +und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer +kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten +Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, +obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend +billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu +heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden +war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel +augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte +Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf +bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden. + +Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 +Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. +Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach +einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie +durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen +Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit +ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage +abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit +Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es +traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in +Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten +Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen +Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. + +Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur +noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, +gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, +vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten +Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten +gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder +schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich +anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath +von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind +und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die +eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 +Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag +später in den Docks in Liverpool bei. + + + + +Die Stadt Kuka in Bornu + + + _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des + Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk + der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter + Sclavenhandel._ + + +_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und +gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. +Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande +des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. +Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche +hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites +aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in +unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz +machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss +hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum) +Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der +Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei +anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der +ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka +selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, +welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern +"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, +"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss +Tiefe. + +Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre +1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, +eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der +Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede +be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus +gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem +durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die +Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die +beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke +bilden, beinahe von Osten nach Westen. + +An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren +Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan, +Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt, +residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen +hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd +bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge +kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. +Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus +Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem +der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner +Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters +Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, +nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt +bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom +Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als +Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. +Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser +Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine +andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, +und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der +Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher +hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet +sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der +auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt +indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf +einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato +nssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und +Overweg an, als Absteigequartier gedient hat. + +In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile +giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar +in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der +Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten +afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen +haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine +_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei +oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere +zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen +_Fato_, Wohnung, haben. + +_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von +Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten +vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann +die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, +endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig +sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber +ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des +_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am +Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt +vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen +_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_ +repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten +haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich +denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das +Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr +häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. +Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die +Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine +Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, +sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie +die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der +Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner +südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo +ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, +welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das +Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, +und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken. + +Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren +europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die +eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess +kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf +den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit +Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren +ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die +Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber +sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede +ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel +die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die +Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, +nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, +welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten +Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. +Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen +in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, +Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen +die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, +Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen +beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe +oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, +Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im +Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem, +länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen. + +Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. +Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer +Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten +zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu +ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen +ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen +Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden. + +Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, +und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe, +welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der +Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, +von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da +kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig +Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein +Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, +der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den +Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf +Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare +Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, +vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser +Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige +mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. +Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut +und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, +selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss +erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, +Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes +Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die +Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so +grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder +Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches +Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten. + +Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt +dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und +husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range +über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten +versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und +mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, +von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen +clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der +_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, +nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen +überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai +erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann +den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; +die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess +eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine +Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_ +haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins +Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der +Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche +Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den +Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes +geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei +mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen +Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der +Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des +Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert +meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum +Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung +verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, +Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung +Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für +die Sklaven. + +Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen +zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die +grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles +zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, +oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem +Nichtsthun hinzugeben. + +Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_ +fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden +_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, +der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es +wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, +dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr +Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich +der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und +der Platz am Westthore der Oststadt. + +Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt +hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten +hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse +lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig +ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, +dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen +kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_ +(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des +_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden +ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder +_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren +Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet +man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse +Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. +Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und +über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist +das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige +Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen +fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder +_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich +mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der +Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so +theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen +muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen +Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine +Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann. + +Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten: +Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, +grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_ +findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass +die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so +viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen +Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, +namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch +nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen +Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, +denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches +Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem +Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf +Borg abgenommen hatte. + +_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer +Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am +grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der +Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es +z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine +Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse +Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch +den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind +die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges +Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, +ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler. + +Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn +auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind +alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen +zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein +gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man +kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel +hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt +werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, +weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem +Austausch ein Ende macht. + +Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man +vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und +dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous; +namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr +leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat +ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans +wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um +Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu +Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; +Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird +es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt. + +Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein +bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der +Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere +Weg nach der Küste vermittelst des Bénue und Niger ist augenblicklich +für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, +der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden +hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima +von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen +Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, +durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers +hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet. + + + + +Am Bénue + + +Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst +von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage +noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich +mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche +diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder +war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein +Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte +ich nicht erfahren. + +Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen +eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénue sind es hauptsächlich +_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es +giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder +hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_, +_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc. + +Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die +uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, +dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen +Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans +mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im +Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte +Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut +beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die +Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man +sah, dass die Nähe des Bénue hier schon einen mächtigen Einfluss auf +die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die +Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch +überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der +Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder +Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus +Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an +80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine +Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann +drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir +selbst. + +Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen +hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches +ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder +aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen +kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die +Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, +weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu +Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen +gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend +konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so +dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad +ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse +Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns +plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine +weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig +helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die +Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; +als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu +unseren Füssen sich ausdehnte. + +Aber nein, es war kein See, _es war der Bénue_. Nach rechts und links +dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah +man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen +Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das +ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier +werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden +sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, +sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, +um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir +Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches +nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir +uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. +Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und +sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem +Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser +stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, +an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der +jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénue sehr breit war, und +bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein +paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so +waren diese den Bénue _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs +schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu +halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung +gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine +Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer +_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit +zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins +bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten +Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das +nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder +im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die +Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst +dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den +Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den +Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 +Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie +solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden +wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug +war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 +Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. +Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_ +begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor +der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die +Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz +hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir +stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel +hinüber geschaufelt. + +Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, +wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch +nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein +zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich +vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die +Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne +irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen +dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht +schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, +da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, +Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich +so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, +und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten +vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in +einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu +verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett +aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, +fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort +üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge +Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich +glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine +dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji, +Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese +Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--). +Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji +antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit +einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, +ke l'áfia-le nda tége etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie +befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief. + +Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu +antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch +schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und +ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom +Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm +entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen +Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station +an der Mündung des Bénue in den Niger--). Er selbst war gerade nicht +von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens +_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in +Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, +den ich später zu erwidern hätte. + +Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser +Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der +_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die +ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, +überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer +zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen +jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die +Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénue-Ufer, wurden +aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass +nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet +werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und +scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von +Fischen, die der Bénue ausgezeichnet und in unglaublicher Menge +liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei +hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und +unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell +um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_, +indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass +einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger +_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie +jene zu haben. + +Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten +aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir +uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er +besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde +nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich +recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein +Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und +Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen +unterhalb am Bénue liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war +keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise +forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den +4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse +stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr +hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, +das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen +gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts +Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu +verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das +Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu +bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von +den 10,000 Muscheln 2000 abdingen. + +Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er +mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber +blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich +in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er +selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er +machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er +wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in +Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir +sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine +Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar. + +Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es +war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die +Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, +es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen +Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren +Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich +beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, +dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht +wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, +dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte +aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers +von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke +durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen +Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen +vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen +tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénue, dessen früher staubige, +dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie +im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, +wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon +nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher +sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen +umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die +kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in +Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, +treiben sich nun überall umher. + + * * * * * + +Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko +Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross +genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem +Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende +Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die +bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn +die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich +erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher +beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten +hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem +Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers +vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können. + +Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. +in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall +Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur +zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch +zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénue wird das Rauchen +allgemein. + +An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche +Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den +Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in +den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die +neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am +linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten +Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer +aus und standen überall an seichten Stellen im Bénue. Die Zeit wurde +mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome +bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht +zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte +_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmege_, einem Freunde des +verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden. + + + + +Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern. + + +Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen +Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste +gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet +haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche +eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr +beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der +despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator +und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und +Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste +Wohnsitze haben. + +Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, +Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im +Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des +Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen +Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, +sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann +verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der +endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von +den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen. + +Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und +zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern +auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst +"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den +Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er +müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling +sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen +männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die +Königin hat den Titel "derde-ádebi". + +Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, +so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche +damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer +einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch +für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck +"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den +mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber +genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen +eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher +bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". +Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu +thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind +viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von +der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine +zweite Person wissen zu lassen. + +So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so +complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, +der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der +Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, +welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker +nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung +vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während +z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht +einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist +derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in +gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden +Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass +die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, +zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört +es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden. + +Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des +niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen +Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim +verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu +bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen +Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls +nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit +zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt. + +Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat +man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der +mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer +befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger +hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was +blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma). + +Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst +der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses +ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des +Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen +das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, +wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese +der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens +hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel +"ardzino-ma" führt. + +Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen +Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". +Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine +Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und +hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen +und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie +so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen +Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, +dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und +Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma +hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, +jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der +Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer +Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein +Titel ist "mar-ma-kullo-be". + +Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans +betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man +weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, +Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man +andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln +alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die +homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath +und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der +königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, +dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die +Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des +Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken +für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu +besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als +Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit +Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen +und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der +Mai seine Hände abspült. + +Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, +Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit +Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen +ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. +Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du +corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit +sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den +Titel "katsélla-blel", der Infanterieoberst heisst +"kats élla-nbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die +übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die +Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma". + +Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte +hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben +diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser +in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von +Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle +Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel +"billa-ma", und nach Barth auch "ts i-ma", während Koello letzteres +Wort mit Abgabensammler übersetzt. + +Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber +des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. +von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den +grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person +präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles +Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, +wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine +Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst +wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben +die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, +denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und +auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, +Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten +nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, +und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch. + +Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen +Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, +welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre +1867 die Einrichtungen der Staaten Bauts i, Keffi-abd-es-Zenga und +Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit +der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den +nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach +Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren. + +Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr +oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle +den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm +jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als +weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als +solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der +Gläubigen. + +Im Lande Bauts i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann +nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bauts i) genannt, +steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich +unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen +eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu +entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist, +gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine +Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage +offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und +aburtheilt. + +Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die +eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine +ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines +Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu. +Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den +übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt +hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu +vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte +Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden +sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese +selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das +Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in +Bauts i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang +nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch +Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke +in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile +Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge +hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein +Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder +Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, +"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua". + +Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem +Ministerium entspricht, versieht in Bauts i der "galadima", aber fast +ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel +"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls +der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur +vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle +Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in +Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch +ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen +Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst +Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner +das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs +"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten, +wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs +zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs +betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen, +Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden +nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer +ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig +ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter +ist und "serki-n-ara" heisst. + +Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor, +dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch +auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel +ist "serki-n-kurmi". + +Als Truppengattung finden wir in Bauts i nur Reiter und Infanterie, +letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger +namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter +haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der +Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus +Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der +der Reiterei "serki-n-dauáki". + +Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich +"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen +heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher +_nicht_ Pullovölker, und da diesen in Bauts i eine grosse Zahl von +Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst +"sénnoa". + +Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische +Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des +mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende +Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt +sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu" +heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa", +wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in +Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der +Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven +verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus +Sklaven bestehen. + +Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber +des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm +natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der +Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung +hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist +"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die +Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es +nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge +nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund +herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von +Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer +"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu +finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der +Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen +Namen "liman" hat. + +Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen +Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein +vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den +König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das +Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird. +Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und +"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der +Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von +der englischen Colonie Lokódza aus, sollten Missionäre dem jetzt +eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische +Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein. + + + + +Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen. + + +Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise +im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn +man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende +Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment +vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do +you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei, +so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss +und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen +so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner +dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit +auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über +die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden +sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst +zu besuchen Gelegenheit hatte. + +Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der +Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden +Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist +eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen +Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente +hin verbreitet. + +Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen +angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und +unabhängig vom Arabischen Einfluss da. + +Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die +Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und +Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich +vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich +vom genannten Wasserbecken. + +Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet, +vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich +begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt +machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand +haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna +dunnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige +_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr +repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts +Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den +Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern +und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete +wiederholt dann _getta inna dunnia_, worauf der Andere _Lahin +kénnaho_ antwortet. + +Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig +nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen +Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele +killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob +Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob +die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte +untermischend. + +Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte +anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich +auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess +nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann +niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen +indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie +immer eine knieende Stellung ein. + +Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem +Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder, +Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich +zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen +sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand. + +Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während +der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch +_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen. + +Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf +gleiche Weise. + +Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara- +und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als +Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die +Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner +sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_ +gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält. + +Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte +_Lale, Lale, Lale_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand +der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt +aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt +Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die +Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr +bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem +Zustande der Haut: _nda tége_, wie ist die Haut?, und schalten hin +und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_ +ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte +Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so +viel wie Friede bedeutet. + +Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess +ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die +Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die +Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen +_Lale, Lale_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig, +oder _ngúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies +Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will +man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor +dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht +wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten +Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim +Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten +Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche +Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie +mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht +und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch +selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua +(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches +"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten. + +Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle +unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich +berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter +einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen, +erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie +zuerst grüsst. + +Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie +herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _ndáni, adak ke +l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia le_. Letztere Redensart ist sehr +gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben +sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart +_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt +werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie +angewandte Wort _gode-ngin_ haben. + +Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse +Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht. +Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend, +sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau +begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange +nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem +Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung +macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine +einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem +auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht +gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen +Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_. + +Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich +specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?", +"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_", +"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich +danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch +ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf +das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss. + +Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie +die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder +machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein +Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von +den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die +Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies +Zurückschlagen. + +Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich +selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und +grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte +Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von +dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder +der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme +bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Mele-Fulan, ist zum +Theil, und namentlich die Mele-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam +übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem +Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange +Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt. + +"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es +entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie +ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad' +Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit +bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische +zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar +keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba) +hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die +der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne +Umstände sich nähern konnte. + +Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes +_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_; +ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich +nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von +Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen. + +Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am +Bénue ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den +Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben, +wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen +bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_ +(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch +Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte +Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der +Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den +eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen, +der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern +sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die +sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie +nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen +von Hoch und Niedrig keine Rede. + +Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bénue +besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn +sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden +Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich +haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a, +eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie +ihre Stimme hören können. + +Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen +Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den +Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger. + +Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete +Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss +vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl +wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor +einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus, +worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie +geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält +dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet +man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim +Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder +_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht? + +Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die +Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der +Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse, +welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee +vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich +prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein +Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden. + +Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der +fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch +Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten +Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten, +verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher, +welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther +(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des +Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen +sind, lassen sich indess Details leicht bekommen. + +Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand +begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder +_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und +blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor +ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und +legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst +auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender +Stellung zu reden. + +Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein +Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen +gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde +geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand +begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her +schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper +in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die +O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche +Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf +Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein +Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_. + +Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der +Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als +Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber +nach Europa herübergekommen sind. + +Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit +_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_, +ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst +Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_, +Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man +Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die +Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit +einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden, +namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern. + +Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und +erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des +Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert +_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl. + +Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach +Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort? +_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern, +den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in +dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies +bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das +Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der +Küste von Guinea der Fall ist. + +Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern +(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie +_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im +Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber +richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem +Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein +Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren +ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss. + +Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_ +zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus +und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_, +wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der +Stadt steht's gut. + +Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du +her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise +glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern +das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund, +mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die +Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht. + + + + +Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9] + + +Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von +Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug +mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten +Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu +bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die +Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die +Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen +Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns +oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen +konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen +Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein +letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier +einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war, +ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden +Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche +zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der +bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in +alle Winde zerstreuen. + +Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine +Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil +oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei +verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder +Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am +weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist +reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer +Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in +Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia) +bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus +vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo +zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist +nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer- +und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit +dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst +Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun, +da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert +abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa +Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es +augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die +Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir +vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus +Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich +wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was +es früher war, Besitz der Galla. + +Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die +wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen +Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach +Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege +zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich +gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den +Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die +Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies, +die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte, +wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route +der Geographie nützlich zu sein. + +Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist +nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind +so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir +vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch +nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt, +glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben +und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen +beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine +jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er +danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte. +Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine +Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von +Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu +wollen. + +Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch +Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt +hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre +gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur +Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden +diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber +weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in +Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die +Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man +ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die +Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig +halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht +als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die +Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten +oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung +äusserer Gebräuche basirt. + +Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant +macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es +hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen. +Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa +ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr +durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos. + +Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im +Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere +tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner +Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe +Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss +nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der +entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier +sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine +in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt +und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach +dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu +einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen +Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der +Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten, +dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier +Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet, +dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr. +Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere +reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen +Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des +Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die +lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler +nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem +Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische +Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode +gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion +kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend +eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für +immer Adieu gesagt zu haben. + +Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte +seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien +alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine +Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres +correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die +eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese +Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich +glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden +aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können, +sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich +vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf, +nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei +dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die +Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag. + +Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten +Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die +beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von +Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher +zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse +Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf +Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur +blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die +ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das +Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder +Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden +hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser +auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge +blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch +trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt +oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden +zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen +in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin. + +Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange +vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von +abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg +zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem +Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den +Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die +Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts +weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse +verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie +hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches +Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise +nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier +zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine +kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten +Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so +freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen +Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich +die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise +anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch +Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen. + +Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von +Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute +jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder +Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter +unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich +war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein +ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die +zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem +Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut, +ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren +Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts +weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches +gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine +breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus +Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte +ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel +weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen +sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen +sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas +weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser +Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht +hinüber sandten, trafen oder reichten nicht. + +So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes +Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir +stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster +Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal +durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der +Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche +Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere +hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und +als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem +Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser +bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten, +nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf +die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher +trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel. + +Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von +halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und +Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war +von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom +früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen +Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein +grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch +Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles, +was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's +lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser +dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der +Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der +Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der +englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die +heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn +sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist +aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die +Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass +Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer +der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben +Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit +dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt, +dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach +einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi +aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese +Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah, +musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen. + +Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe +und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut +ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können, +dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie +behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort +von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend +weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte +bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die +Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in +Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und +mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist, +welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich +das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der +Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch +hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun +abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei +längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich +starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen, +welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken, +wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer, +Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester +bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen +sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach +Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt +einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich +ausgestattet sind. + +Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger +begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu +klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche +Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat, +die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu +werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer, +die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu +bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben +Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege +und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee. + +Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara +zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung +von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit +Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's +an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die +Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung, +so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe, +durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen +Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich +eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier +Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und +basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in +NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die +entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die +Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen +vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda, +aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem +Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein +zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und +Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von +einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer +als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so +will, wie Abdikum, Tebabo und Boa. + +Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die +Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten +verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden +gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht +hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch +fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den +Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden +war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war, +machten wir uns früh Morgens auf. + +Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede +Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und +entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das +Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden, +denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem +Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass +bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock +flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde. +Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika +vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte +anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50 +Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie +man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns, +obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis +Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des +Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen +Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der +Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage, +was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren +fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus +Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte, +warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil +wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als +Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich +sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie +sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen +würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden. +Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in +der Türkei und Aegypten. + +Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach +dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte +anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr +leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in +den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten, +aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und +luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss +über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der +trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester +Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends +einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen +Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber +davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche +Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im +Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die +chokoladenartige Farbe. + +Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der +Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba +Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen +Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in +dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist +Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von +derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer. + +Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege +überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der +östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort +gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn +überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten +Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir +den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort +Laktalab liegt. + +Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner. +Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod. +Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon +in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm +abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die +Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem +gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in +Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi +gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und +anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste +Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und +prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von +Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor +einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh, +ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch +innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten +bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im +Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt. +Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten, +dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst +nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer +mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich +wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass +dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten +Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand +einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust +hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und +sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen, +ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala +käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen. + +Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes +ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für +gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte +schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die +Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker +Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch +jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe +in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie +namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken, +sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie +manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien +übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die +Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare, +welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten +werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung, +so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper +annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt. + +Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu +besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in +Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen, +die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen +alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein +Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer +roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch +offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses +Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von +ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten +Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen +Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich +gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man +mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei, +dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen +Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt +sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden, +wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten +Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen +in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar, +wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt +sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während +man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie +christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie +dafür erkennen. + +Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St. +Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde +man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers +hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben +und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche +wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste +und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder +Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und +man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres +finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24 +Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist +sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba +Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen +ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine +Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder, +wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt. +Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein +anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat. +Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze +Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen +monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht +widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur +Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem +Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die +Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von +aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus +demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr +zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen, +alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass +Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst +geschähe. + +Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles +gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine +Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz +dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener +Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte. +Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg +selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah +entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden +aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden +zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh +stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der +Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die +Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die +jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden. + +Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen, +und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der +Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures +Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk, +das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung +für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist. + +Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte +mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch +Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende, +vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um +dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von +den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und +andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit +eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar +hundert Personen belaufen. + +An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume +aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt +grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls +bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei +andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume +überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt, +weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein +einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir +auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine +Bewandtniss damit habe. + +Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen +Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst +7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die +Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren +Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst +gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von +alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein +scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die +jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war +als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten. + +So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so +zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch +Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von +Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu +befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament +gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken. + +Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich +von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum +Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten +herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem +Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche +Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und +Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird. +Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus +durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und +Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig +von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze +zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und +diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je +eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend +angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber +ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich +der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen +Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann? + + * * * * * + +Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute +begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme, +Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie +in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um +Arznei zu bekommen. + +So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der +Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der +Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in +letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein, +hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber +nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen +gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten +Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich +nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld +haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der +Morgen graute. + +Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine +überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich +bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer +einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch, +Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ +nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären +Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald +man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu +der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen +aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen +Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt +scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern +herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde +Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der +Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu. + +Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die +ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die +Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese +Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und +seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath +vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den +faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie +einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts +dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen +streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen +Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während +seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am +anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren. +Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in +Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion, +dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich +eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er +fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz. +Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und +hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden. + +Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt +die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber +so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder +traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte. +Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch +Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch +erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die +Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch +kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss +beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien +herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das +Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie +selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die +beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den +Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi. + +Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender +kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden +zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben. + + * * * * * + +Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten +wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen, +weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit +den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle +wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn +sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes +wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser, +nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches +gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass +ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu +Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im +Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem +Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch +ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von +Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_ +gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_ +fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem +von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen +Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben. + +Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und +brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu. +Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu +leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr +erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie +aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5 +Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht +worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante +Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und +Bevölkerung arm zu machen. + +Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen +Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten +indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten +unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des +Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. +Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, +der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der +Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine +mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein +südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in +Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. +Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, +um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine +Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr +ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das +Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein +Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die +Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein +eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition +zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die +Bestimmung seiner Höhe, weg. + +Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns +in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, +dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, +andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, +als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über +uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit +uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir +zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende +Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges +dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich +vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte, +so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in +den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt. + +Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle +in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die +Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie +überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, +schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In +der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von +der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst +gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer +ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der +Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne +Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, +herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der +Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen +erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese +Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns +noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess +bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht +weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes +Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er +war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von +Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, +aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild +trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er +unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er +sonst nicht folgen könne. + +Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass +man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim +Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere +Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist +noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in +Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 +Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je +nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen +verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen +Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und +Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort +sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, +wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine +Karawane unbelästigt den Zoll passiren. + +Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim +Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah, +anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas +Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von +Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte +mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es +bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst +dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, +antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, +wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter +ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar +nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu +kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der +Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut +aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der +Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich +einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich +finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber +gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der +Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal +zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, +ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, +dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst +einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als +höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das +dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers +erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere +höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang +der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in +Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung +steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, +auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10] + +Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach +nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich +nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, +als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer +der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und +reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, +sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem +Boden mir gegenüber. + +Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen +Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein +grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz +verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft +haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen +lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während +seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, +ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der +Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, +wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er +selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von +europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als +seine übrigen Kleider. + +Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner +zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen +belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom +Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. +Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei +Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, +wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit +hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; +vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner +Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das +Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11] +genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas +ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein +zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das +Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine +Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen +das Ameublement. + +Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne +alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier +von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, +dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier +in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. +Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und +exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren +Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner +stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den +Christen in bester Eintracht. + +Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und +selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, +Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr +billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu +unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 +Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht +englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so +theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler +brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war +auch für solch hohen Preis keine zu haben. + + * * * * * + +Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich +zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines +seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern +entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. +Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als +Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, +überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen +Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden +verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, +das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die +Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land +gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und +Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu +gehorchen. + +Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei +dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir +und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. +Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das +Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert +hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der +Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen +setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern +vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in +nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern +vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit +des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste +Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine +durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, +denn jede Nacht gab es Gewitter. + +Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der +vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch +einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en +miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und +des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, +waren reichlich vorhanden. + +Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn +Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft +sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege +giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den +Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, +wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit +scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine +Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des +Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche +Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt +oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss +hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis +zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine +Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., +die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem +manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück +trug. + +In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- +oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale +Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter +oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr +Umfang gesehen habe. + +Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen +fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben +Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht +bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende +Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, +einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch +von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf +bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, +erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist +gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der +Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen +halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, +welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen +dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen +Gebirgszuges nördlich vom Tselari. + +Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen +ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse +Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten +See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der +weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die +Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit +Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und +Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach +bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen +angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier +an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige +Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir +blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem +Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben. + +Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess +war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht +am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie +ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj +(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine +Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie +in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen +fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich +entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. +Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden +Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende +Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch +nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. +Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige +Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte. + +Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus +darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen +Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. +Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion +verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als +er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen +Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen +diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich +indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein +prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, +erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft +hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver +und Zündhütchen. + +Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle +Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch +verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der +Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in +Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner. + +Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so +beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen +und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als +ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von +meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition +mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. +Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der +recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische +Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala +immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint +und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der +Heimath fort. + + + Höhenmessungen mit dem Aneroid. + + Abdikum 9250 engl. Fuss. + + Takaze, Bett 5800 " " + + Salit 6200 " " + + Lalibala 7000 " " + + Schegalo 6200 " " + + Bilbala-Gorgis 6170 " " + + Eisemutsch-Thal 6359 " " + + Mári-Thal 5200 " " + + Taba, Ort 6000 " " + + Siba-Pass 6500 " " + + Mokogo-Pass 7800 " " + + Biala-Pass 9000 " " + + Ohlich, Ort 6200 " " + + Telela-Pass 7100 " " + + Sokota 6500 " " + + Emenenagerill-Pass 5600 " " + + Uana-Pass 5550 " " + + Tselari-Bett 3200 " " + + Zaka 4200 " " + + Zamra, Bett 3150 " " + + Fenaroa 4500 " " + + Samre 6000 " " + + + + +Der Aschangi-See in Abessinien + + +Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und +Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' +28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein +von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide +zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That +fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See +begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird +Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln +kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von +hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa +10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss +(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe +Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von +minder hohen Bergen umschlossen. + +Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus +marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst +bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und +der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief +eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse +Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt +haben, ohne indess den Ort anzugeben. + +Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige +wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere +die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um +so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht +ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, +mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in +den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen +lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten +oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom +Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das +Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch +allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu +finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, +dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von +10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss. + +Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist +abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um +einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher, +was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen +erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung +Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat, +so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine +Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach +Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu +können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an +den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen +Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug +natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt +werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder +die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben +werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6 +Luftwärme. + +Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines +unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, +besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem +Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und +diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein +wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir +sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden +Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon +auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche +vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt. + +Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies +spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die +Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums +vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen +Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des +Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als +Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, +während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, +die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an +Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen +Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen +Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen +aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher +runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine +Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige +Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum +Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus +Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, +bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren +Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in +besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist +Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei +es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast +nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts +gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von +den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, +keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen +Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch +eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen +wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten +Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; +Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das +Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als +Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, +kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir +konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen, +ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher +besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem +grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar +nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden. + +An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen +grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und +viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, +ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher +hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. +Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen +und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. +Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten +von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche +Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber +fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen +Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd +erfolglos. + +Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, +mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen +Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein +stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen +Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige +obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und +zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine +längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der +ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen +Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos +Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene +Freundschaft und herzliches Entgegenkommen. + + + + +Nach Axum über Hausen und Adua. + + +In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich +eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht +sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, +die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie +gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von +Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen +war, nach Axum zu gehen. + +Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine +Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, +obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt +den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den +Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, +aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, +von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee +zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen +wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, +dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges +gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von +Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der +Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine +Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef +verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für +die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was +mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer. + +In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei +dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst +Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die +ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in +Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm +entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde +ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das +englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von +Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen +wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in +Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an. + +Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um +3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr +Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der +uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa +eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, +bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist +äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser +der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen +gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege +entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges +Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, +Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten +Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen +des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine +schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer +wurden diese Qualen. + +Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den +District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief +von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden +Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen +Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten +dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu +gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir +selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann +auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen +eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge +Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die +Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch +die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu +Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der +Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger +Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, +bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. +Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein +gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so +gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die +Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre +betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der +Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut +sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von +Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen +und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist +nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts +von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, +die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, +überdeckt sind. + +In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir +konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in +Europa. + +Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten +Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer +Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese +zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham +die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name +andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von +Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien +berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen +war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula +einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten +Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen +ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich +kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls +noch heute Troglodyten sein. + +Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen +entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden +Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den +Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu +passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur +zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein +unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt. + +Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte +entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir +unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an +auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten +Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen +Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres +versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die +herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In +Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der +Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die +Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre +finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so +unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, +an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in +früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es +ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens +dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. +Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu +sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus +gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet. + +Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen +Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als +ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein +bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte +sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es +kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es +weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren +Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen +Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich +wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von +diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist +das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen +wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den +schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu +setzen. + +Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast +durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne +auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur +von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen +der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach +Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden +wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast +durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und +Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess +über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die +Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten +Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den +Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am +Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir +noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den +Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich +erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein +Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf +war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück. +Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte +aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu +verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück +geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; +für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste +als Viehfutter dienen. + +Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber +wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; +wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. +N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, +Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, +halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die +Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden +Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse +Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis +Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel +des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, +hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am +nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess +wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf +einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs +zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort +Gedera. + +Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz +von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der +Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir +umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn +vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den +Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an. + +Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die +Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch +vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz +unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet. +Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt +auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom +Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von +allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den +Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke +versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben, +tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber +selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden +und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und +Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich +nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner +schätze. + +Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger +und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend +nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur +Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen +Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte +Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus +neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie +ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im +Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet +sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern +sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich +befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die +Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier +bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen +Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen +Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter +mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil +dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge +anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten +Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die +Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos +zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als +Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war, +hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein +gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der +Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles +aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen +konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech +und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren +Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter +dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in +einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir +besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit +Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen, +überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst +einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir, +sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige, +was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte, +wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet. +Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche +uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz +Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder +verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was +wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst +gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste. + +Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten +ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr. +Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz +Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen +hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir +höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000 +Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million +zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen +Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig +seine Meinung von Abessinien ist. + +Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge +versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei +Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf +anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem +Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter +Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein +Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine +Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein +Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch +ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem +grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um +den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens +kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz +bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um +seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna +ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen +Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das +Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, +sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig +gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt +zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben +Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und +Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen +Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann +brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell +hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, +dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester +hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so +entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk +brachte. + +Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte +Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin +Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem +unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu +bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei +oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den +Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und +Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. +Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann +später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, +Pantalem genannt. + +Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, +obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es +liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer +durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares +erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15] +gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt +hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus +zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als +auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich +finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in +seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und +Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden +sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum +gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala +thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten +Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude +ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in +Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu +haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, +sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass +hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der +Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche +selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne +jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben +das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser +als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder +Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir +keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne +Bedeutung ausgenommen. + +Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr +übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben +zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, +so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, +dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung +wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus +einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum +findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem +ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt +Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" +führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster +Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. +Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so +scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine +Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte +Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der +Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und +dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen +Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen +nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss +hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia +angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, +erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin. + +Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, +um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene +griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht +vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König +Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene +christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der +Abessinischen Könige führt ihn nicht auf. + +Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten +den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da +wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in +Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, +es ist ein Gebäude der Neuzeit. + +Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied +von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen +sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus +sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber +und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln. + +Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder +rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend +nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. +Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche +Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und +Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den +Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem +Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer +Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir +daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten +Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es +ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich +hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von +vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns +ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann +abziehen. + +Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn +westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, +die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, +welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren +linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns +in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als +Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer +meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte +mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. +Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies +zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde +Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am +Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von +Gemüsebau nichts zu sehen. + +Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, +verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von +Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher +mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals +an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen +Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige +Provinz zurückkehren möge. + +Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze +Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg +zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen. + +Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so +war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu +denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter +Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die +Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten +Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster +Abessiniens, liegt. + +Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem +Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen +halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg +aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten +wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten +abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie +besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre +Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben +treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, +Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit +so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee +Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns +Aufgang zu verschaffen. + +Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe +um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren +herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies +schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien. + +Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf +die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in +Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer +fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit +einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf +Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret +und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen +sitzend einen vergnügten Abend zubrachten. + + + + +Damiette. + + +Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr +sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, +wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu +gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der +grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch +anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen +haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist +jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt +wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig +sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird. + +Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten +und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um +so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen +Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und +die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich +mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des +mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale +fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale +Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch +Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist. + +Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den +Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich +hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da +aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte +und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch +reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit +eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie +fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln +und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus +Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling +Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, +welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische +Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, +es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage. + +Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner +Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof +des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit +einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe +Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. +Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach +einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war +nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm +des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. +Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 +Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten +befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre +Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem +schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff +davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft +bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die +Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus +einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum +Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul +selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten +Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt +ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen +verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen +die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen +lässt. + +Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, +denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die +Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze +Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit +langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich +Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls +nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so +bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, +also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind +nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu +benutzen, aber langsam ging es trotzdem. + +Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener +Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, +wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See +ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss +tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen +sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete +Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig +lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. +Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern +Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser +herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel +nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen +wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren +Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang +Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See +geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern +trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. +Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang +beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um +nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene +kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum +patrouilliren müssen. + +Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss +aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt +sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite. + +Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft +ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen +wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, +in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener +Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem +sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen +Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da +wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten +wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff +hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 +Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der +wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, +kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es +indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es +kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir +gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch +ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus +einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber +Smah[21] nennen, herausragen gesehen. + + * * * * * + +Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler +Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen +des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. +Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so +dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb +übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis +am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser +höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im +Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu +bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und +arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei +jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine +leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und +konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die +Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes +an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging +es zur Stadt. + +Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine +ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. +Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich +und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man +kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, +zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in +einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und +europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten +Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen +besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses +ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was +erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in +Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau +bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster +Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr +Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar +ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde +kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man +nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française. + +Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein +aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind +verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, +und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, +mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. +Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber +früher bedeutend grösser. + +In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann +unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die +Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, +12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer +des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom +Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze +Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige +Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. +Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die +Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. +November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von +Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans +Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer +im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen +Heeres sein. + +Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach +zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen +schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die +Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan +Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt +Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur +Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen +Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war +ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 +gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und +Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, +dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder +aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte. + +Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert +und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith +entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, +welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug +Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die +Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die +Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein. + +Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz +Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die +Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die +christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist +griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von +eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige +wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind +augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen +Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde, +und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen +Schutz. + +"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der +reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch +einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz +entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. +Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen +Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen +hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat +mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich +auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. +"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch +zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte +der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch +machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und +spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere +Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich +fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen +Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette +repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch +spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und +spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich +abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine +Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des +Herrn Consuls zu empfehlen. + +Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir +nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die +Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; +sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft +als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst +correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, +sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu +repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur +irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste +Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu +Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete +genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb +doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell +empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse +Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich +aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin +Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform +und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan +die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann +eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul +um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er +Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, +das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den +norddeutschen und spanischen Salon. + +Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, +welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul +geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das +Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren +lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen +heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von +Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die +Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte +für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er +officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen +übereinstimmen". + +Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, +die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul +Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits +auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles +den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge +ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein +Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von +dieser Familie repräsentirt wird. + +Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe +Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre +Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und +noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. +Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, +nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt +worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. +Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, +vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, +denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung +und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische, +kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten +fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz +roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird +von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus +dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen +(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von +Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die +Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, +und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge +Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt, +die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein +entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der +mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas +zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die +Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen. + +Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht +neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese +haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht +niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die +Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen +Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut +denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt +haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden. + +Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine +katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird, +dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier +Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, +nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, +welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, +steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. +Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich +liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer +italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit +Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, +unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass +hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien +sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege +Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders +schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul +el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen. + +Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, +mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier +die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im +fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis +hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird +damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei +und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die +Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In +neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da +Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt +wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt +gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige +Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 +Meilen nilaufwärts liegt. + +Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die +regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind +nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die +lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der +Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in +welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm +ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem +ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück. + + + + +Malta. + + +Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach +Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird, +tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im +Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten +wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am +interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der +arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in +Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln +am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich +fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie +die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer +Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht +glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich +die Laute ohrgerecht machten. + +Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir +schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren +kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als +Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage, +Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem +Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann. + +Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta, +welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der +Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später +sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige +Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren +Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von +Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger +bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft. +Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche +dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr. +mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an +Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die +Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte. +Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder +Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit +den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath +Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von +Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die +Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen +Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl +dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von +Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem +letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die +Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren +Oberhoheit die Inseln heute noch stehen. + +Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul +des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche +Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch +heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der +Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die +indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind. + +Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von +Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten. +Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben +aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im +Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer +Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und +sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich +befinden. + +Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische +Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen +Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung +von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St. +Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier +und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten +Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige +Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht +Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung +hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence, +die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien, +eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h. +auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet +sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher +Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der +Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann. + +So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil +scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der +Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der +Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft +durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten +der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast +alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's +angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden +verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen +Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist, +so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug +haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang +finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten +smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es +früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu +wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer +erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser +getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere +Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich +einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen +alle viel zu wünschen übrig. + +Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns +der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden +ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei +den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom +Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist +heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt +der grosse Ort Rabatto. + +An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in +dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute +Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess +die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere +Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für +die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in +der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt, +wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine +gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte +ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt +genossen. + +Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei +Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in +Malta scheitern zu lassen. + +Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom +fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel +gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste +Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein +heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_. +Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute +hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu +einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch +weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul +gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der +allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die +Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere +Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch, +respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen +Heidenapostel. + +Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des +Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und +duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen +Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, +vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen +Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt +es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie +und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie +fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die +Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. +Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung +zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und +so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den +Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im +Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie +Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der +Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um +aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten +derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die +"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. +Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber +fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat +sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei +den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta +brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das +mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um +Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich +gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge +der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter. + +Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am +selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht +am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die +berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen +Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, +dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten +Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern +getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, +man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und +Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von +Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch +ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. +Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns +hineinlegend fuhren wir ab. + +Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder +interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl +unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, +sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man +ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in +Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren +froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass +obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach +unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute +Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige +Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu +die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst +hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man +über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und +Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, +mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem +nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen +ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und +die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten +bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus. + +Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss +sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für +alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie +bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen +Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann +kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta +lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so +schlecht wie möglich zu machen. + +Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso +wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. +Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die +Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen +berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. +Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass +Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen +ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht +zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo +gezeigt wird. + +Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene +Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte +vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein +scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute +bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren +konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes +Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist. + +Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, +da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf +unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige +Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan +hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle +ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom +Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen +geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum +erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, +da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen, +und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke +mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den +Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte +bewohnt war. + +Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen +Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief +und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch +einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und +das Gestein ist wie immer Kalk. + +Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an +den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem +Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder +Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu +diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die +Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf +vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere +zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, +auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden +sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die +Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein. + +An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa +Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen +Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten +Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide +diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen. + +Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten +wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich +sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während +unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm +hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication +abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen +können. + +Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten +Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein +kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so +prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, +dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse +Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als +die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt. + +In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt +ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden +war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er +machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von +dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die +Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem +Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar +ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb +benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern +weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in +Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem +Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso +einquartirt. + +Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für +einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir +konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut +bis zum andern Morgen aushalten. + +Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste +Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und +in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern +aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine +Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je +zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von +Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen +inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere +spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch +Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man +eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des +Thurmes der Riesen gegeben. + +Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der +Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, +ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein +Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst +jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf +dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber +nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen +Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch +unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast +eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen +wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das +Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen. + +Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, +welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm +liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die +Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta +über. + +Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen +Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an +dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner +feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser +ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt. + + + + +Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika. + + +Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse +Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer +weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den +Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es +bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe +Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden +Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, +fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen +berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden +soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das +oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen +Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 +geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil +dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches +von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere +Besprechung zu verdienen. + +Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende +Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief +eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben +hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des +Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa +treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher +ins Auge zu fassen. + +Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so +finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen +Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an +der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte +genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam +beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 +deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. +104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden +ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter +fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches +einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher +Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei +Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin +zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr +gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen +sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem +Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von +dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene +Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche +Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die +Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der +Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und +Barth. + +Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die +ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter +dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. +31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von +Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). +Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der +zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der +glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten +Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid +mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten +angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher +Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen +ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte +der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so +wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch +hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 +Meter ergeben würde. + +Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf +Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser +entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt +existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden +die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer +absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt +man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, +welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und +nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte +dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von +Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben +geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich +dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu +werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die +Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch +giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele +eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ +tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind. + +Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau +heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter +absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen +Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis +zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin +von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und +manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele +darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass +unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, +liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden +existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar +die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des +Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die +Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der +libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese +kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in +Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten +gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der +Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee. + +Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich +bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch +rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit +See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass +die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten. + +Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich +überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, +welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von +silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese +bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der +eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch +gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange +Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen +Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten +und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, +reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und +überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen +geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe +aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von +künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte +Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war +und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon +birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen. + +In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen +Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch +zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression +verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 +Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf +das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier +kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom +Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist +heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten +durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch +weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die +Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen +gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, +geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo +südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne +wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch +eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach +den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, +keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie +geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass +in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga +bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass +übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote +standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase +tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher +aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und +niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, +dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, +Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier +den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, +und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die +Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt +schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen +haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu +sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache +nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer +solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose +Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im +Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., +während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine +Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben. + +Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche +Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium +und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden +ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können +aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch +feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer +verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach +Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und +erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser +verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass +hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode +muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man +versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den +Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und +Tamarisken. + +Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las +man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den +Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch +andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte +aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass +Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der +grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt +fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher +denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder +vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den +fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. +Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese +Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um +dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun +eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, +einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen. + +Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, +welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung +trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus +geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen +schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches +die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen +können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, +Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den +fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor +der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden +geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen +Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen +grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden +könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos +um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum +würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden +Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen +und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber +auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder +unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste +sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des +Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach +Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea +(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, +und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb +der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei +niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr. + + + + +FUSSNOTEN: + + +[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt +sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, +Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben. + +[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn +zu lesen war mir unmöglich. + +[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener +Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000 +Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den +Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern +El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen +sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein +Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird. + +[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner +Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile: +Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-ngimsegeni_, Oststadt += _Kuka-gérgedi_. + +[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu +besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen, +Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte +Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_ +als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser +"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste +sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen, +darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine +Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren. + +[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen +Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm +können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel +des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut +arabisch sprach. + +[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese +Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von +einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt +in Lokódza ist, übersetzt wurden. + +[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese +Sprache übergegangen. + +[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit +der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war, +trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg +ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich +nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der +von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich +mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss. + +[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von +Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an +Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die +Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte +zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber +hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir +Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der +Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi, +also höher stehend als Kassai von Tigre. + +[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch. + +[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen. + +[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint. + +[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares +selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme. + +[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech. + +[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus +geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in +Abessinien eingeführt sein. + +[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche +andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er +führt an: + + "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler." + +ferner: + + "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei + sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle." + +[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in +seiner "Reise nach Abessinien etc." + +[19] Nach v. Heuglin Trachyt. + +[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen +gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf. + +[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch +selten. + +[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt. + +[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G +aussprechen. + +[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction +heisst Mnaidra. + +[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon. + + + + +Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. + +In unserem Verlage ist _erschienen_: + + +GERHARD ROHLFS. + +Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der +Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste +über Rhadames nach Tripoli. + +Mit einer Karte von Nord-Afrika + +von + +#Dr. A. Petermann.# + +Zweite Auflage. + +Preis: 1 Thlr. 20 Ngr. + + * * * * * + +Ferner erschien: + +GERHARD ROHLFS. + +Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen +Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier# +und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#. + +Preis: 1 Thlr. 15 Ngr. + + * * * * * + +Bremen. + +#J. Kühtmann's Buchhandlung.# + + * * * * * + +Druck v. Hirschfeld, Leipzig. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus +den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + +***** This file should be named 14142-8.txt or 14142-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/4/1/4/14142/ + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 + +Author: Gerhard Rohlfs + +Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + + + + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. This file was produced from images +generously made available by the Bibliotheque nationale de France +(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr. + + + + + + +</pre> + + + + +<h1>LAND UND VOLK IN AFRIKA</h1> + +<h2>BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.</h2> + +<h3>VON</h3> + +<h2>GERHARD ROHLFS</h2> + +<div class="center"> <b> +<span style='margin-left: 1em;'>BREMEN, 1870.</span><br /> +<span style='margin-left: 1em;'>VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.</span><br /> +<span style='margin-left: 1em;'>U.L. FR. KIRCHHOF 4.</span><br /> + +<br /> +</b></div> + +<hr style='width: 65%;' /> + +<h2>INHALT.</h2> +<br /> +<div class="center"> +<a href='#Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'><b>Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.</b></a><br /> + <a href='#Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'><b>Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.</b></a><br /> + <a href='#Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'><b>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</b></a><br /> + <a href='#Von_Lagos_nach_Liverpool'><b>Von Lagos nach Liverpool</b></a><br /> + <a href='#Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'><b>Die Stadt Kuka in Bornu</b></a><br /> + <a href='#Am_Benu=e'><b>Am BénuÄ“</b></a><br /> + <a href='#Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'><b>Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.</b></a><br /> + <a href='#Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'><b>Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.</b></a><br /> + <a href='#Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'><b>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.</b></a><br /> + <a href='#Der_Aschangi_See_in_Abessinien'><b>Der Aschangi-See in Abessinien</b></a><br /> + <a href='#Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'><b>Nach Axum über Hausen und Adua.</b></a><br /> + <a href='#Damiette'><b>Damiette.</b></a><br /> + <a href='#Malta'><b>Malta.</b></a><br /> + <a href='#Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'><b>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</b></a><br /> + <a href='#FUSSNOTEN'><b>FUSSNOTEN</b></a><br /> + +</div> + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'></a><h2>Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.</h2><a name='Page_1'></a> +<br /> + +<h3>Mursuk in Fessan im Januar 1866.</h3> + +<p>Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt +hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den +Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte +Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand +würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, +viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise +der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben +Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die +Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der +Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der +Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès +an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.</p> + +<p>Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das<a name='Page_2'></a> +gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in +ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, +nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem +vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler +und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über +den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie +eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so +anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als +nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas +jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie +Gelegenheit, mit <i>den Leuten vom kleinen Zelte</i> zu verkehren, sondern +frequentirte nur die <i>Leute der cheima kebira</i>; will man aber ein Volk +kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen +desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.</p> + +<p>Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand +meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in +Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine +Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche +Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt +haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in +Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im<a name='Page_3'></a> +Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.</p> + +<p>Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor +zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den +Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält +folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand +Si Lalla's bewährt hat:</p> + +<p>"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen +sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt +haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und +Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind +<i>Civilisationsversuche vergeblich</i>. Wie sind die Araber heutzutage nach +mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den +Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen +dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur +im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran +ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so +geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie +innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern +Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit +von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und +gar nicht gedrungen ist. Der Ara<a name='Page_4'></a>ber unter seinem Zelte lebt nach wie +vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält +einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so +geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen +hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen +verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien +heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes +Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den +civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom +Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, +als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage +immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern +Platz machen müssen etc."</p> + +<p>Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute +meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur +nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald +sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und +notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf +seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein—hat Frankreich das +Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des +Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. +Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der +Metropole zu <a name='Page_5'></a>verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere +gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien +der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.</p> + +<p>Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich +will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen +Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt +nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern +Eingewanderten<a name='FNanchor_1'></a><a href='#Footnote_1'><sup>[1]</sup></a> und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich +französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, +namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber +zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, +wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder +gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit +undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, +weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als +ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in +Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber <i>neben</i> +einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte +beibehaltend. Im äussersten <a name='Page_6'></a>Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am +Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu +unterwerfen, jedoch <i>nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst</i>. Die +sogenannten <i>Kulughli</i>, Progenitur der Türker mit Araberweibern, +bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; +überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker +unvermischt <i>neben einander</i>. Und doch verbindet Berber, Araber und +Türken Eine Religion.</p> + +<p>Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und +sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne +zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen +Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten +Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird +Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden +ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der +Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es +bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So +verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die +Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu +verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn +wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie +sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es <a name='Page_7'></a>die in den +anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht +schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so +ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im +Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in +der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, +und in der Priesterschaft.</p> + +<p>In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von +aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der +Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt +gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den +Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem +christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen +Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. +Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, +haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr +Standpunkt war zur Zeit Abrahams.</p> + +<p>Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für +die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; +diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu +vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche +Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. +Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der +Kaiser <a name='Page_8'></a>sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die +Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die +Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die +Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in +christlich civilisirtes Land umzuwandeln.—</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'></a><h2><a name='Page_9'></a>Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.</h2> +<br /> + +<h3>Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.</h3> + +<p>Unter <i>Haschisch</i> verstehen die Araber im weitern Sinne jedes <i>Kraut</i>, +näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica +(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an +Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. +Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze <i>Tekruri</i>, und +diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und +Persien vorzugsweise.</p> + +<p>Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:</p> + +<p>"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und +wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli +eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit +demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden <a name='Page_10'></a>Pilgern +giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri +auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, +vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer +arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener +machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem +eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, +ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen <i>Haschischin</i> gegeben hat. +Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch +<i>nicht</i> vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem +eigenthümlich unangenehmen Geschmack."</p> + +<p>Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als +die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der +gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden +vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man +z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des +Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von +manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, +Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle +Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach +Süden exportirt.</p> + +<p>Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder +sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und +rauchen sie <a name='Page_11'></a>rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder +Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen +so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art +Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man +pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit +Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art +Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die +unter dem Namen <i>Majoun</i> verkauft werden.</p> + +<p>Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt +dasselbe einen <i>starken Rausch</i> aus. Europäer jedoch, welche +Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem +sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine +Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was +Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, +dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in +Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen +kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'></a><h2>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</h2> + +<h3>In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.</h3> +<br /> + +<p>Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans +Mohammed el Hakem von Fessan. <a name='Page_12'></a>Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich +nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste +etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. +Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).</p> + +<p>Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: +Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene +Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und +Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.</p> + +<p>Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich +indess,—es ist jetzt 7 Uhr,—merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse +schwarzen Kaffee ohne Zucker.</p> + +<p>7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne +mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und +befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die +Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.</p> + +<p>7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die +Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos +scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den +Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse +ich, womit ich angefangen.</p> + +<p>7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls +zählen unmöglich.</p> + +<p>Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht <a name='Page_13'></a>mit; ein anderer +zündet mir eine Nargile an. Ich rauche <i>und fliege</i>, obgleich ich mit +den Händen fühle, dass ich liege.</p> + +<p>Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser +Zeilen Stunden zubringe.</p> + +<p>8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, <i>und einzelne Theile fallen von meinem +Körper</i>, obgleich ich mich dumm<a name='FNanchor_2'></a><a href='#Footnote_2'><sup>[2]</sup></a> niederschreibe, denn ich habe +vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, +ich will ausgehen.</p> + +<p>8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die <i>Strassen der Stadt +verlängerten sich</i> und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; +ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu +petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und +setzte mich vor mein Haus.</p> + +<p><i>Ich bin ohne allen Willen</i>; die Wand gegenüber meinem Hause war schön +tapezirt, auch hörte ich von fern <i>schöne Musik</i> und jetzt schreibe ich +und sehe, dass Alles erlogen ist.</p> + +<p>Ich will mich legen, <i>aber bin ich wirklich verrückt</i>?</p> + +<p>Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), <i>mein Wille ist ganz weg und in mir +grosser Sturm</i>. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht +ausblasen, <a name='Page_14'></a>aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl +nicht gelähmt.</p> + +<p>Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin +ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft +schweben.</p> +<br /> + +<p><b>26. Januar Morgens.</b></p> + +<p>Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu +schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute +Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen +Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der +Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich +denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, +überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im +Tekrurizustande mich befände.</p> + +<p>Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass</p> + +<p>1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.</p> + +<p>2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches +eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche +Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.</p> + +<p>3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.</p> + +<p>4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.</p> + +<p>5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende <a name='Page_15'></a>Dinge werden +vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.</p> + +<p>6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.</p> + +<p>7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass +dieser Zustand immer dauern möge.</p> + +<p>8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als +das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.</p> + +<p>Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch +nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Von_Lagos_nach_Liverpool'></a><h2><a name='Page_16'></a>Von Lagos nach Liverpool</h2> +<br /> + +<p>Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, +den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der +Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich +Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, +welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe +noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, +untergegangen.</p> + +<p>Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener +Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója +aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie +unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von +Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde +auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der +während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger +herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner <a name='Page_17'></a>(ebenfalls zu +Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen +Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre +Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, +als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten +wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras +lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen +Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im +dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man +öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn +auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt +Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.</p> + +<p>Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die +jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen +Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art +Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, +wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um +die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen +die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, +Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde +vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur +vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am +schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere +Tage weit auf <a name='Page_18'></a>die bequemste und leichteste Weise ins Innere +transportirt werden können.</p> + +<p>Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten +schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen +Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und +hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum +eine reichliche Abnahme fanden—und zum anderen Thore wieder +herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der +ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. +Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die +baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die +gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die +dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man +mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich +hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer +und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von +Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben +Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben +und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte +Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten +Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der +Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse +Blätter eingekochter Kleister aus in<a name='Page_19'></a>dianischem Korne, gegessen wird. +Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen +mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene +angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und +Treiben am Ufer hervorrief.</p> + +<p>Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen +liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am +Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die +Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im +Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger +Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel +zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit +gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 +Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen +Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. +Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit +allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich +westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. +in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir +Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem +grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser +ganzer Reichthum bestand noch in <a name='Page_20'></a>20 Muscheln, was gerade genug war, um +unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen +etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen +Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln +zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe +Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere +Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine +Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und +Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese +Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also +schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der +Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine +hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die +Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln +bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem +langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die +Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen +wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel +des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. +Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich +selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so +dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern +bereit erklärte, aber <a name='Page_21'></a>seine Blicke gar nicht von den verlockenden +Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem +Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu +verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde +unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o +Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so +wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um +nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern +zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, +um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl +gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder +abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen +für viere; endlich indess waren Alle satt.</p> + +<p>Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, +bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils +benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses +Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus +einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten +ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir +gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos +gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit +diesem überzufahren. Es kam <a name='Page_22'></a>dies denn auch bald in Sicht, indem es +erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria +regina) gestickt war.</p> + +<p>Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere +folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit +einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf +jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen +Sprache wird.</p> + +<p>Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich +auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, +welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. +Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das +Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so +lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und +Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem +folgenden Morgen der Fall sein.</p> + +<p>Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem +gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht +starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. +Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass +wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten +sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in +der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die +<a name='Page_23'></a>Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff +folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, +obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste +tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei +eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, +dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich +ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, +schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte +war.</p> + +<p>Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder +von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft +durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich +schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze +überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von +deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone +Zeuge ist.</p> + +<p>Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht +erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration +sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von +allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das +Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer +noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken +und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine +<a name='Page_24'></a>Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, +und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners +übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.</p> + +<p>Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer +sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas +Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen +oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine +Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und +unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich +neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit +zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an +salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven +gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff +davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich +sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, +oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu +ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr +tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme +aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch +die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe +Wellenschlag, abgesehen davon, dass <a name='Page_25'></a>er es fortwährend mit Wasser +füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.</p> + +<p>Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen +Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe +electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, +taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser +gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die +Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns +wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. +Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, +aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen +unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis +Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden +seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer +Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich +zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren +abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des +Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, +um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun +freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen +hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in +einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne +<a name='Page_26'></a>die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, +sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die +Sonne.</p> + +<p>Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches +Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel +belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos +gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer +grossen Menge von Canoes.</p> + +<p>Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass +ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den +Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer +seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der +Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur +mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung +begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten +Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem +europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, +als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, +der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen +Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit +einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten +Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. +Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem <a name='Page_27'></a>Schritte vom Wasser, das in +sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein +unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.</p> + +<p>Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer +verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen +würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover +hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden +hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes +Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand +mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei +Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen +seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den +Aufenthalt angenehm zu machen.</p> + +<p>Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn +Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann +der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und +jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der +O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer +war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser +über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. +Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der +Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den <a name='Page_28'></a>Salon +betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand +gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, +dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu +erweisen, als der englische Gouverneur.—Sowohl Herr Glover als auch ich +waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie +er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn +Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich +andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles +Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so +schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause +an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.</p> + +<p>Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen +und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung +aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.</p> + +<p>Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine +Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt +gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann +Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, +vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, +den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und +<a name='Page_29'></a>Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam +es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor +der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie +durch's hohe Hofthor einzogen.</p> + +<p>Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und +Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet +wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des +gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, +sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.</p> + +<p><i>Lagos</i>, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon +erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem +englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. +Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten +Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die +zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen +aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des +Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere +Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch +Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera +haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der +grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser +Stadt fast ganz unbekannt.</p> + +<p><a name='Page_30'></a>Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer +westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen +Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme +genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas +die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch +ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation +durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. +Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir +mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie +übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien +verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte +Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren +Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie +sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige +Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem +Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind +sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt +eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.</p> + +<p>Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine +hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon +mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn +methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem +dass auch die Mohammedaner mehrere <a name='Page_31'></a>Moscheen in Lagos haben und leider +auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen +Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg +zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus +besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf +europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute +es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen +wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die +schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer +spielte, begleitet, sangen.</p> + +<p>Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit +in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen +Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen +Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen +verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu +werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes +Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach +Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt +und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und +Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England +schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur +als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er +leistete gleich Grosses im Gebiete <a name='Page_32'></a>der afrikanischen Sprachen, seine +Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere +Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner +gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und +BénuÄ“-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. +Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig +gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche +Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während +meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach +Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.</p> + +<p>Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom +Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements +der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon +erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, +die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein +Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch +bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr +Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die +westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den +letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.</p> + +<p>Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das +theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum +Verkauf gebracht <a name='Page_33'></a>wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh +nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere +Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was +Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch +zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist +indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für +Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft +diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein +möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst +liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung +ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, +aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und +eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren +können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch +die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, +ihren Tribut zahlen zu lassen.</p> + +<p>Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar +schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann +Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und +andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen +Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom +indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika +gebracht. Obwohl <a name='Page_34'></a>nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth +derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen +Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 +Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei +der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe<a name='FNanchor_3'></a><a href='#Footnote_3'><sup>[3]</sup></a> +von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in +kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches +Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von +Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.</p> + +<p>Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und +Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. +Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und +Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie +O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie +haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den +grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht<a name='Page_35'></a> +einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere +Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune +hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst +einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.</p> + +<p>Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die +wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter +verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten +Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man +glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe +einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, +die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr +schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht +bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas +bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten +Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso +unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, +weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen +noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde +zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als +Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause +James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein +bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine <a name='Page_36'></a>Frau, Md. James, +ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der +den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf +Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der +liebenswürdigsten Salondamen.—Sie hatte mehrere Male die Güte die +schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und +Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der +Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren +hundert bringen.</p> + +<p>Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und +allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die +grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen +Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, +wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche +Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von +Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im +Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen +Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und +jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer +Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne +Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch +gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den +Missionären, auf den anderen Factoreien etc.</p> + +<p><a name='Page_37'></a>Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste +Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer +heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. +Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem +hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte +Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See +begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren +hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die +Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.</p> + +<p>Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell +dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, +nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht +hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, +denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und +Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten +Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in +Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter +zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 +Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: +es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa +Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch <a name='Page_38'></a>neue +Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der +Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur +en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles +eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse +seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.</p> + +<p>Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir +dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die +Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter +begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden +hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich +der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas +getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man +noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts +dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich +selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener +Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei +sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich +nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche +Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter +Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur +eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch +<a name='Page_39'></a>durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, +längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.</p> + +<p>Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis +jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte +deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als +auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die +Betten nichts zu wünschen übrig.</p> + +<p>Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie +Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) +aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand +ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren +Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses +Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf +die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter +den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn +auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.</p> + +<p>Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem +englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche +Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um +12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus +kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr +Nachmittags das Diner, <a name='Page_40'></a>endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es +versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch +der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar +keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben +keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen +konnte.</p> + +<p>Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern +waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder +lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, +nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren +wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind +offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger +an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter +vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte +auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die +Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen +ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald +sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die +Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre +Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit +ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.</p> + +<p>Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser <a name='Page_41'></a>Sicht, aber gegen 10 +Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und +nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 +Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen +Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern +gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo +indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, +von vielen kleinen Negerhütten umgeben.</p> + +<p>Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff +umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den +Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten +Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man +von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte +Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, +Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, +Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, +Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll +gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer +zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in +Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster +Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere +Flaschen, europäische Ta<a name='Page_42'></a>schentücher, Messer, manchmal auch baares Geld +das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. +B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, +ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten +Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, +der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge +auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die +kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier +indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein +Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon +waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, +den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und +Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier +vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, +fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, +ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.—Es befindet sich +vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit +der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung +verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher +Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu +gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das +geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der +Missionsanstalt auch <a name='Page_43'></a>allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was +leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz +vernachlässigen.</p> + +<p>Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach +Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter +Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs +Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, +sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da +er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde +eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so +komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die +lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf +französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns +zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch +und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch +nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der +allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz +fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, +unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn +auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu +erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.</p> + +<p>Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage +vorher, westlich etwas zu Süd haltend, <a name='Page_44'></a>Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt +fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck +flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.</p> + +<p>Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, +dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg +dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die +vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen +gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf +hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um +so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen +hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, +und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen +Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor +Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.</p> + +<p>Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker +aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme +umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit +über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu +handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, +auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere +Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen <a name='Page_45'></a>alle von der +Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld +eröffnet hat.</p> + +<p>Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von +der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss +getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der +rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der +Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen +den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, +weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross +sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt +das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten +entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr +an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz +unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang +zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst +bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und +dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, +dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl +die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern +gewöhnliche Volkslieder.</p> + +<p>Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist +jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg +wurde schon 1850 <a name='Page_46'></a>von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. +Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu +erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind +der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle +Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu +finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.</p> + +<p>Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das +Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage +fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen +vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.</p> + +<p>Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf +steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den +Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch +nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch +einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier +bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz +besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich +schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die +künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so +ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf +vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt +haben würde, <a name='Page_47'></a>dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich +hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom +Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, +theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den +Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die +Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, +bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat +zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen +mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten +Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.</p> + +<p>Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des +Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu +einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch +zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen +sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die +grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem +grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, +als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten +Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne +brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen +Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu +uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man <a name='Page_48'></a>mir +in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich +bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit +meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape +Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, +weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien +recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti +König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. +Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit +sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann +auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort +Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach +Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir +hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, +er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach +Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so +ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern +ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.</p> + +<p>Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste +haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war +gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des +Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. +Es war für mich um so unangenehmer, als <a name='Page_49'></a>ich von Zeit zu Zeit noch +Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft +anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht +gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten +an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, +lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die +Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst +abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so +grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der +Führung des Dampfers.</p> + +<p>Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den +ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; +zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, +denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren +Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr +endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein +amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der +christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch +anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.</p> + +<p>Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur +Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. +Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. +Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die <a name='Page_50'></a>Kirchen und +hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste +vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der +indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein +mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, +die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt +die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie +ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, +und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen +ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in +Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die +vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel +treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, +leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels +ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im +Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese +interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in +Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes +Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere +Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch +nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in +unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie +aufzunehmen.</p> + +<p><a name='Page_51'></a>Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen +ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. +Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man +sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe +meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre +im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch +mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.</p> + +<p>Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne +Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu +einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer +Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr +unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen +Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit +gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu +lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten +Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich +unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.</p> + +<p>Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir +schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir +eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.</p> + +<p>Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis +auf welche Stufe der Neger sich in <a name='Page_52'></a>Cultur und Civilisation +emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in +administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung +selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat +hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von +Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet +sein könnte, wird immer noch vom government of the United States +ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia +vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu +verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der +Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche +Religion angenommen.</p> + +<p>Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt +selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der +Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt +Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse +Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, +und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die +Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der +Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht +hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern +gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 +Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.</p> + +<p><a name='Page_53'></a>Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von +Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen +ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel +Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre +Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir +selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser +jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel +zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher +Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose +Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord +vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und +Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer +unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.</p> + +<p>Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von +tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich +die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag +konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen +des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren +indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die +unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste +von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel +wie Fernando Po oder St. <a name='Page_54'></a>Thomas, erst später entstand durch +Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre +Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. +Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der +bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft +Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste +von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche +geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das +schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie +Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich +vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.</p> + +<p>Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner +Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen +Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das +prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem +Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt +vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.</p> + +<p>Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr +Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, +Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, +grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des +Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, ei<a name='Page_55'></a>nige +Verschanzungen nach der Seeseite zu—dies Alles untermischt vom tiefen +dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, +schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen—dies +imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt +der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im +Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, +hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen +Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir +schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der +wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses +gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen +an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen +die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt +etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.</p> + +<p>Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten +und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine +Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns +war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so +weniger vom Gesammtbilde verloren.</p> + +<p>Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst +näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief +für Herrn Rosen<a name='Page_56'></a>busch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer +Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung +statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses +profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen +zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und +überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem +ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.</p> + +<p>Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, +obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat +durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem +Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast +gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven +herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und +Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man +sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen +Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. +Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die +Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt +als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt +hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen +Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und +wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältniss<a name='Page_57'></a>mässig am +meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die +Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite +legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich +noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, +als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche +evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im +Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben +desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen +fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und +Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. +Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich +auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen +haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen +Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig +machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die +Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, +weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer +gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten +der ersteren sein dürfte.</p> + +<p>Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit +angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben +thun, wenn man die <a name='Page_58'></a>breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen +bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege +böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da +Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe +und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind +meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt +man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie +früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen +Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles +durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am +Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies +mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast +alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder +doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die +Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten +Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor +dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen +schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb +die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie +werden eingeführt werden—oder kurze Röckchen, wobei natürlich das +schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen +mit chinesischem Absatz zu einem voll<a name='Page_59'></a>kommenen Pariser umgewandelt wird. +In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon +weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem +Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie +es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch +ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das +Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie +Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner +junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich +vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, +ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen +Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht +selbst Verse improvisirend.</p> + +<p>Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der +verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, +dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa +200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. +Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, +jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie +an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in +climatischer Hinsicht stattfindet.—Der Handel von Sierra Leone, wie +schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr +bedeutend, <a name='Page_60'></a>und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel +mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses +Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie +wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt +von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren +zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem +Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen +Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.</p> + +<p>Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, +und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben +wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das +Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr +heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, +dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir +machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal +ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich +fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn +hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne +dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke +indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark +geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbin<a name='Page_61'></a>dung zu bringen +sein dürfte.—Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde +natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran +war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison +von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 +Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die +Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über +mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu +hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, +die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer +nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch +eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut +umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht +beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, +die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte +keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, +und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. +Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der +Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum +Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen +hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.</p> + +<p>Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des <a name='Page_62'></a>Gambiaflusses zu +erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap +der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um +6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia +sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des +Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so +fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und +französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann +namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am +Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist +Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen +anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der +Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder +Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im +frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und +etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in +ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt +und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches +in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.</p> + +<p>Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter +anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er +Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in +Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine <a name='Page_63'></a>Schuhe +selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei +Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den +Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich +aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig +ausgekehrt hatte.</p> + +<p>Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von +einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes +Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu +besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap +Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf +Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir +doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein +erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche +bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle +hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend +hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer +zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg +bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und +Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze +Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der +Natur.—Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, +zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten +<a name='Page_64'></a>Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. +Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. +Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine +und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe +mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was +vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung +nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu +nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet +ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. +Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess +später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte +sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und +wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu +verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, +ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und +schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst +bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht +ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als +Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.</p> + +<p>Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit +denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir +hielten dicht <a name='Page_65'></a>neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der +hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, +so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und +Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank +wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine +junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, +um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines +ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. +Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter +See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so +geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete +Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, +kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für +die herrliche Insel.</p> + +<p>Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira +angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck +erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor +uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig +grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen +wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu +landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen +von den schönen Gärten, von den schattigen <a name='Page_66'></a>Spaziergängen, von dem +eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, +von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte +der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war +und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer +kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten +Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, +obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend +billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu +heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden +war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel +augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte +Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf +bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.</p> + +<p>Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 +Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. +Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach +einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie +durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen +Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit +ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage +abwendig zu machen, bei <a name='Page_67'></a>welchem Unternehmen ich freilich mit +Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es +traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in +Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten +Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen +Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.</p> + +<p>Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur +noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, +gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, +vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten +Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten +gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder +schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich +anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath +von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind +und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die +eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 +Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag +später in den Docks in Liverpool bei.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'></a><h2><a name='Page_68'></a>Die Stadt Kuka in Bornu</h2> + + +<div class='blkquot'><p><i>Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des + Sultans.—Das Christenhaus.—Rathsversammlungen.—Aufzüge und Prunk + der Grossen.—Leben und Treiben auf dem grossen Markte.—Schwunghafter + Sclavenhandel.</i> </p></div> +<br /> + +<p><i>Kuka</i>, von den Bewohnern Sudans <i>Kukaua</i> genannt, ist die Haupt- und +gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. +Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande +des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. +Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche +hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites +aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in +unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz +machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss +hohen <i>Argum-moro</i>- (Pennisetum distichum) und <i>Ngáfoli</i>- (Sorghum) +Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der +Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein <a name='Page_69'></a>Sumpf, und bei +anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der +ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka +selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, +welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern +"<i>Dendal</i>", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, +"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss +Tiefe.</p> + +<p>Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre +1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, +eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der +Weststadt <i>Billa fute be</i>, der Mittelstadt und der Oststadt <i>Billa gede +be</i>.<a name='FNanchor_4'></a><a href='#Footnote_4'><sup>[4]</sup></a> Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus +gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem +durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die +Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die +beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke +bilden, beinahe von Osten nach Westen.</p> + +<p>An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren +Baumaterial blos Thon ist, nichts Be<a name='Page_70'></a>merkenswerthes. Der jetzige Sultan, +Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel <i>Mai</i>, d.h. König, führt, +residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen +hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd +bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge +kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. +Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus +Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem +der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner +Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters +Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, +nachdem die der <i>Séfua</i>, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt +bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom +Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als +Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. +Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser +Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine +andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, +und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der +Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher +hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet +sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der +auch des Frei<a name='Page_71'></a>tags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt +indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf +einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus <i>Fato +á¹…ssara be</i>, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und +Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.</p> + +<p>In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile +giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar +in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der +Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten +afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen +haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine +<i>bienenkorbförmige Strohhüte</i>, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei +oder mehreren geschmückt ist, <i>Ṅgim</i> genannt, und die, wenn mehrere +zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen +<i>Fato</i>, Wohnung, haben.</p> + +<p><i>Die Bevölkerung</i> einer Stadt, die als <i>Hauptmittelpunkt des Handels von +Innerafrika</i> gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten +vertreten sind indess die <i>Kanúri</i> oder eigentlichen Bornubewohner, dann +die <i>Leute aus Kanem</i>, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, +endlich die <i>Teda</i> oder <i>Tebu</i>, die zum Theil in Bornu selbst ansässig +sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber +ausserdem sind die <i>Búdduma</i> oder <i>Jedina</i>, <a name='Page_72'></a>welche die Inseln des +<i>Tsad</i> bewohnen, die <i>Uandala</i> aus den nördlichen Sumpfniederungen am +Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt +vertreten, sowie das <i>weisse</i> Element durch die verschiedenen +<i>Túareg-Stämme</i> der südlichen Sahara und durch <i>Araber</i> und <i>Berber</i> +repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten +haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich +denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das +Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr +häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. +Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die +Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine +Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, +sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie +die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der +Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner +südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo +ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, +welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das +Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, +und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.</p> + +<p>Kuka ist eine <i>Grossstadt</i> und gleicht in manchen Beziehungen unseren +europäischen Hauptstädten. Morgens <a name='Page_73'></a>früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die +eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess +kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf +den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit +Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren +ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die +Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber +sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede +ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel +die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die +Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, +nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, +welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten +Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. +Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen +in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, +Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen +die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, +Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen +beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe +oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, +Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im +Freien. Die gegen Mittag <a name='Page_74'></a>eintretende Hitze gestattet aber Keinem, +länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.</p> + +<p>Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. +Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer +Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten +zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu +ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen +ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen +Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.</p> + +<p>Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, +und darunter namentlich die <i>Cognaua</i> (Plural von <i>Cogna</i>) oder Räthe, +welche die <i>Rathsversammlung</i> oder <i>Nókna</i>, die alle Morgen in der +Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, +von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da +kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig +Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein +Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, +der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den +Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf +Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare +Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, +vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser +<a name='Page_75'></a>Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige +mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. +Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut +und die <i>Cognaua</i> die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, +selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss +erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, +Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes +Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die +Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so +grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder +Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches +Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.</p> + +<p>Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt +dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und +husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range +über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten +versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und +mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, +von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen +clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der +<i>Mai</i> die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, +nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen +überdeckt <a name='Page_76'></a>ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai +erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann +den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; +die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess +eigentlich nur <i>Schürfa</i> (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine +Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten <i>Cognaua</i> +haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins +Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der +Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche +Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den +Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes +geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei +mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen +Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der +Königin Victoria<a name='FNanchor_5'></a><a href='#Footnote_5'><sup>[5]</sup></a>; alle anderen aber müssen, ehe sie die <a name='Page_77'></a>Wohnung des +Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert +meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum +Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung +verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, +Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung +Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für +die Sklaven.</p> + +<p>Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen +zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die +grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles +zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, +oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem +Nichtsthun hinzugeben.</p> + +<p>Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der <i>Markt</i> +fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden +<i>Montag</i> vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, +der <i>alle Tage</i> in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es +wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, +dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr +Nachmittags ist <i>die ganze Stadt ein Markt</i>; Hauptpunkte bilden freilich +der westliche <i>Dendal</i> der Weststadt, dann der <i>Ṅgimgsegeni-Dendal</i> und +der Platz am Westthore der Oststadt.</p> + +<p><a name='Page_78'></a>Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt +hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten +hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse +lederne <i>Botta</i>, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig +ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, +dort liegen <i>Koltsche</i> und <i>Ngángala Erdnüsse</i>, die einen +kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, <i>Kornafrüchte</i> +(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des +<i>Hadjilidj-Baums</i>, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden +ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche <i>Gunda</i> oder +<i>Melonenbaumfrucht</i>, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren +Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet +man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse +Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. +Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und +über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als <i>Gúmgeni</i>. Dies ist +das, was die Araber <i>Kiftah</i> nennen. Auch kleine Brötchen, für einige +Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen +fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos <i>Goro-</i> oder +<i>Kola-Nüsse</i> verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich +mit dem blossen Anblick genügen! Die <i>Goro-Nuss</i>, die nach Kuka von der +Westgegend Afrikas <i>über Kano</i> kommt, <a name='Page_79'></a>wird durch diesen Transport so +theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen +muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen +Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine +Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.</p> + +<p>Interessant sind die Buden, welche <i>europäische Artikel</i> ausbieten: +Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, +grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in <i>Perlen</i> +findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass +die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so +viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen +Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, +namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch +nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen +Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, +denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches +Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem +Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf +Borg abgenommen hatte.</p> + +<p><i>Sklaven</i> sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer +Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während <i>Montags am +grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern.</i> <a name='Page_80'></a>Der +Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es +z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine +Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse +Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch +den <i>grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren</i> sind +die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges +Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, +ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.</p> + +<p>Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn +auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind +alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen +zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein +gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man +kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel +hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt +werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, +weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem +Austausch ein Ende macht.</p> + +<p>Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man +vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und +dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich <a name='Page_81'></a>Rendezvous; +namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr +leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat +ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans +wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um +Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu +Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; +Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird +es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.</p> + +<p>Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein +bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der +Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere +Weg nach der Küste vermittelst des BénuÄ“ und Niger ist augenblicklich +für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, +der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden +hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima +von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen +Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, +durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers +hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Am_Benu=e'></a><h2>A<a name='Page_82'></a>m BénuÄ“</h2> +<br /> + +<p>Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst +von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage +noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich +mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche +diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder +war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein +Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte +ich nicht erfahren.</p> + +<p>Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen +eigene kleine Hütten. In den Gegenden am BénuÄ“ sind es hauptsächlich +<i>Dodo</i> und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es +giebt nämlich <i>Götter, die allgemein sind</i>, und <i>Privatfetische</i>; jeder +hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man <i>Stadtgötter</i>, +<i>Thorgötter</i>, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.</p> + +<p><a name='Page_83'></a>Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die +uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, +dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen +Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans +mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im +Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte +Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut +beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die +Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man +sah, dass die Nähe des BénuÄ“ hier schon einen mächtigen Einfluss auf +die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die +Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch +überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der +Tagesordnung sind, <i>auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder +Pullo</i> (Fulbe) <i>nach Süden zu</i>. Voran gingen zwei riesige Neger aus +Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an +80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine +Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann +drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir +selbst.</p> + +<p>Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen +hörte man von fern das Krachen <a name='Page_84'></a>der Zweige im Gebüsche, durch welches +ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder +aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen +kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die +Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, +weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu +Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen +gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend +konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so +dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad +ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse +Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns +plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine +weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig +helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die +Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; +als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu +unseren Füssen sich ausdehnte.</p> + +<p>Aber nein, es war kein See, <i>es war der BénuÄ“</i>. Nach rechts und links +dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah +man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen +Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.—"Nein, das +ist blos eine Insel, <i>Loko</i>, <a name='Page_85'></a>von <i>Bassa-Negern</i> bewohnt, und hier +werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden +sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, +sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, +um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir +Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches +nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir +uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. +Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und +sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem +Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser +stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, +an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der +jetzt beim niedrigsten Wasserstande des BénuÄ“ sehr breit war, und +bald waren wir den <i>Bassa</i> gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein +paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so +waren diese den BénuÄ“ <i>herauf</i> in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs +schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu +halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung +gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine +Mohammedaner wären, sondern <i>Nassara</i> (Christen, mein mohammedanischer +<i>Diener Hammed</i> liess es sich ganz <a name='Page_86'></a>gern gefallen, hier als Christ mit +zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins +bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten +Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das +nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder +im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die +Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst +dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den +Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den +Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 +Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie +solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden +wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug +war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 +Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. +Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach <i>Loko</i> +begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor +der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die +Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz +hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir +stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel +hinüber geschaufelt.</p> + +<p><a name='Page_87'></a>Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, +wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch +nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein +zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich +vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die +Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne +irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen +dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht +schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, +da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, +Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich +so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, +und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten +vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in +einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu +verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett +aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, +fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort +üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge +Sprachen als: <i>Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe</i> etc. Ich +glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine +dieser Sprachen <a name='Page_88'></a>verständen, und erwiderte sogleich <i>Arabtji, +Berbertji</i>. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese +Negerstämme die <i>Bewohner</i> und <i>Sprache</i> von <i>Bornu</i> (—das Kanúri—). +Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji +antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit +einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, +ke l'áfia-lÄ“ á¹…da tégÄ“ etc.: "Sei gegrüsst; Friede; <i>wie +befindet sich deine Haut</i>" etc. entgegenrief.</p> + +<p>Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu +antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch +schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und +ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche <i>Kanúri</i> vom +Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm +entgegneten, wir wären <i>Inglese</i> und Vettern von den beiden weissen +Christen in Lokója (—der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station +an der Mündung des BénuÄ“ in den Niger—). Er selbst war gerade nicht +von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens +<i>Lafia-Bere-Bere</i>. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in +Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, +den ich später zu erwidern hätte.</p> + +<p>Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser +Kanúri erzählte mir, dass die <a name='Page_89'></a>Bassa auf Loko hauptsächlich von der +<i>Fähre</i> lebten, da hier ein <i>Hauptübergang</i> sei; bei Hochwasser sei die +ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, +überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer +zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen +jungen Leute in hohen <i>auf Pfählen</i> ruhenden Hütten zurückblieben. Die +Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten BénuÄ“-Ufer, wurden +aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass +nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet +werden. Die Bassa sind mit den <i>Afo-</i> und <i>Koto-Negern</i> eng verwandt und +scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von +Fischen, die der BénuÄ“ ausgezeichnet und in unglaublicher Menge +liefert. Dem Aeussern nach sind sie <i>echte Neger</i>, ohne doch dabei +hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und +unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell +um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die <i>Art ihrer Begrüssung</i>, +indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass +einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger +<i>Fetischdiener</i>, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie +jene zu haben.</p> + +<p>Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten +aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir +uns niederge<a name='Page_90'></a>lassen, als der <i>Galadima</i> oder <i>König</i> der Insel kam. Er +besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde +nach einem <i>Araber</i> als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich +recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein +Schiff zu miethen nach <i>Imaha</i> (wird auch von den Arabern und +Soko-Negern <i>Um-Aischa</i> genannt), einem Orte, der drei Tagereisen +unterhalb am BénuÄ“ liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war +keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise +forderten,—sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den +4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse +stand,—sondern weil wir gar kein <i>baares Geld, d.h. Muscheln</i>, mehr +hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, +das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen +gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts +Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu +verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das +Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu +bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von +den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.</p> + +<p>Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er +mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber +blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen <a name='Page_91'></a>sich +in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er +selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er +machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, <i>er +wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in +Handelsverbindung zu treten</i>. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir +sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, <i>Madidi</i>, d.h. eine +Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.</p> + +<p>Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es +war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die +Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, +es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen +Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren +Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich +beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, +dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht +wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, +dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte +aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers +von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke +durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen +Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen +vollkommen sternhellen und unumwölkten Him<a name='Page_92'></a>mel, und am andern Morgen +tauchte die Sonne wie neu aus dem BénuÄ“, dessen früher staubige, +dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie +im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, +wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon +nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher +sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen +umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die +kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in +Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, +treiben sich nun überall umher.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko +Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross +genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem +Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende +Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die +bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn +die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich +erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher +beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten +hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem +Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im <a name='Page_93'></a>Rauche des Feuers +vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.</p> + +<p>Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. +in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall +Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut <i>nur +zum Kauen</i>, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch +zum <i>Schnupfen</i>; erst in der Nähe des BénuÄ“ wird das Rauchen +allgemein.</p> + +<p>An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche +Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den +Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in +den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die +neugierig auf uns herunterschielten,—hier und da, und dies meist am +linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten +Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer +aus und standen überall an seichten Stellen im BénuÄ“. Die Zeit wurde +mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome +bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht +zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte +<i>Imaha's</i>, wo wir bei Sultan <i>SchimmegÄ“</i>, einem Freunde des +verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'></a><h2><a name='Page_94'></a>Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.</h2> +<br /> + +<p>Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen +Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste +gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet +haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche +eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr +beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der +despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator +und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und +Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste +Wohnsitze haben.</p> + +<p>Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, +Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im +Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des +<a name='Page_95'></a>Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen +Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, +sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann +verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der +endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von +den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.</p> + +<p>Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und +zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern +auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst +"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den +Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er +müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling +sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen +männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die +Königin hat den Titel "derde-ádebi".</p> + +<p>Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, +so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche +damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer +einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch +für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck +"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den +<a name='Page_96'></a>mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber +genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen +eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher +bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". +Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu +thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind +viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von +der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine +zweite Person wissen zu lassen.</p> + +<p>So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so +complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, +der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der +Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, +welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker +nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung +vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während +z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht +einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist +derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in +gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden +Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass +die Grossen, wenn sie mit <a name='Page_97'></a>dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, +zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört +es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.</p> + +<p>Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des +niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen +Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim +verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu +bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen +Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls +nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit +zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.</p> + +<p>Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat +man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der +mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer +befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger +hat den Titel "y'eri-ma"<a name='FNanchor_6'></a><a href='#Footnote_6'><sup>[6]</sup></a> (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was +blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).</p> + +<p><a name='Page_98'></a>Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst +der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses +ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des +Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen +das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, +wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese +der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens +hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel +"ardžino-ma" führt.</p> + +<p>Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen +Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". +Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine +Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und +hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen +und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie +so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen +Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, +dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und +Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma +hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, +jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der +Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer +An<a name='Page_99'></a>zahl, die zwischen 3—4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein +Titel ist "mar-ma-kullo-be".</p> + +<p>Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans +betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man +weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, +Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man +andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln +alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die +homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath +und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der +königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, +dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die +Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des +Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken +für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu +besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als +Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit +Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen +und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der +Mai seine Hände abspült.</p> + +<p>Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, +Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit +Pfeil und Bogen, und die <a name='Page_100'></a>Schangermangerabtheilung; alle führen +ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. +Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du +corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit +sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den +Titel "katÅ¡élla-blel", der Infanterieoberst heisst +"katÅ¡élla-á¹…bursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die +übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die +Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".</p> + +<p>Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte +hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben +diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser +in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von +Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle +Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel +"billa-ma", und nach Barth auch "tÅ¡i-ma", während Koello letzteres +Wort mit Abgabensammler übersetzt.</p> + +<p>Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber +des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. +von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den +grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person +präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles +Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, +wenn Alle <a name='Page_101'></a>versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine +Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst +wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben +die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, +denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und +auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, +Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten +nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, +und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.</p> + +<p>Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen +Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, +welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre +1867 die Einrichtungen der Staaten BautÅ¡i, Keffi-abd-es-Zenga und +Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit +der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den +nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach +Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.</p> + +<p>Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr +oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle +den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm +jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen <a name='Page_102'></a>nicht allein als +weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als +solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der +Gläubigen.</p> + +<p>Im Lande BautÅ¡i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann +nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess BautÅ¡i) genannt, +steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich +unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen +eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu +entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist, +gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine +Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage +offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und +aburtheilt.</p> + +<p>Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die +eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine +ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines +Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu. +Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den +übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt +hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu +vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte +Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden +<a name='Page_103'></a>sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese +selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das +Handwerk mache sie verächtlich.—Gerade das Gegentheil nun sehen wir in +BautÅ¡i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang +nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch +Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke +in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile +Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge +hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein +Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder +Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider, +"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".</p> + +<p>Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem +Ministerium entspricht, versieht in BautÅ¡i der "galadima", aber fast +ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel +"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls +der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur +vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle +Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in +Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch +ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen +Gelegenheiten <a name='Page_104'></a>mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst +Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner +das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs +"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten, +wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs +zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs +betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen, +Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden +nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer +ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig +ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter +ist und "serki-n-ara" heisst.</p> + +<p>Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor, +dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch +auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel +ist "serki-n-kurmi".</p> + +<p>Als Truppengattung finden wir in BautÅ¡i nur Reiter und Infanterie, +letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger +namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter +haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der +Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus +Euphorbien. Der Befehlshaber der Fuss<a name='Page_105'></a>truppen heisst "serki-n-yáki", der +der Reiterei "serki-n-dauáki".</p> + +<p>Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich +"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen +heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher +<i>nicht</i> Pullovölker, und da diesen in BautÅ¡i eine grosse Zahl von +Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst +"sénnoa".</p> + +<p>Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische +Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des +mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende +Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt +sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu" +heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa", +wörtlich "Spiegel der Elephanten"<a name='FNanchor_7'></a><a href='#Footnote_7'><sup>[7]</sup></a>. Die Königin, obgleich dieselbe in +Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der +Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven +verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus +Sklaven bestehen. </p><a name='Page_106'></a> + +<p>Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber +des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm +natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der +Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung +hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist +"serki<a name='FNanchor_8'></a><a href='#Footnote_8'><sup>[8]</sup></a>-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die +Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es +nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge +nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund +herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von +Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer +"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu +finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der +Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen +Namen "liman" hat.</p> + +<p>Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen +Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein +vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den +König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das +Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird. +Die beiden Waffengattungen, <a name='Page_107'></a>Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und +"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der +Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von +der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt +eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische +Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'></a><h2><a name='Page_108'></a>Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.</h2> +<br /> + +<p>Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise +im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn +man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende +Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment +vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do +you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei, +so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss +und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen +so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner +dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit +auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über +die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden +sind, <a name='Page_109'></a>so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst +zu besuchen Gelegenheit hatte.</p> + +<p>Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der +Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden +Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist +eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen +Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente +hin verbreitet.</p> + +<p>Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen +angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und +unabhängig vom Arabischen Einfluss da.</p> + +<p>Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die +Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und +Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich +vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich +vom genannten Wasserbecken.</p> + +<p>Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet, +vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich +begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt +machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand +haltend: <i>Lahin kénnaho</i> ruft der Erste, worauf der Andere <i>getta inna +dǘnnia</i> hinüber ant<a name='Page_110'></a>wortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige +<i>Lahá, Lahá, Lahá</i>, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr +repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts +Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den +Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern +und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete +wiederholt dann <i>getta inna dǘnnia</i>, worauf der Andere <i>Lahin +kénnaho</i> antwortet.</p> + +<p>Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig +nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen +Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele +killahá, <i>killahénni, killa Allaha</i> unterbrochen sind; man fragt, ob +Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob +die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte +untermischend.</p> + +<p>Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte +anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich +auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess +nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann +niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen +indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie +immer eine knieende Stellung ein.</p> + +<p>Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss <a name='Page_111'></a><i>labáraka</i> (aus dem +Arabischen) und die Antwort <i>lábara Lahá</i> (aus dem Arabischen). Kinder, +Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich +zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen +sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.</p> + +<p>Beim Abschiednehmen sagt man <i>temésches</i> (aus dem Arabischen), während +der Bleibende <i>killaháde</i> nachruft. Jederzeit kann man dann noch +<i>killahá, killahénni, killa Allaha</i> sagen.</p> + +<p>Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf +gleiche Weise.</p> + +<p>Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara- +und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als +Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die +Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner +sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das <i>essalámu aléikum</i> +gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.</p> + +<p>Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte +<i>LalÄ“, LalÄ“, LalÄ“</i> und erkundigen sich dann nach dem Zustand +der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte <i>afi l'abar</i> (l'abar kommt +aus dem Arabischen, von <i>el-achbar</i>, die Neuigkeit, während afi echt +Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die +Hand dabei reichen, oft auch nicht. <a name='Page_112'></a>Gleich darauf—und dies ist sehr +bezeichnend für die empfindlichen Neger—erkundigen sie sich nach dem +Zustande der Haut: <i>á¹…da tégÄ“</i>, wie ist die Haut?, und schalten hin +und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein <i>Hamd alláhi</i> +ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte +Gruss <i>l'áfia</i>, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so +viel wie Friede bedeutet.</p> + +<p>Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess +ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die +Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die +Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen +<i>LalÄ“, LalÄ“</i> mit häufigen <i>Alla-ká-bondjo</i>, Gott sei dir gnädig, +oder <i>á¹…gúbbero degá</i>, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies +Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will +man sehr höflich und unterthänig sein—und namentlich geschieht das vor +dem Sultan—, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht +wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten +Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim +Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten +Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche +Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie +mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht +und Herrlichkeit des <a name='Page_113'></a>Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch +selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua +(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches +"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.</p> + +<p>Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle +unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich +berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter +einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen, +erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie +zuerst grüsst.</p> + +<p>Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie +herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: <i>á¹…dáni, adak ke +l'áfia—adak ke l'áfia, ke l'áfia lÄ“</i>. Letztere Redensart ist sehr +gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben +sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart +<i>usse-usse</i>; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt +werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie +angewandte Wort <i>gode-á¹…gin</i> haben.</p> + +<p>Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse +Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht. +Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend, +sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau +begrüsst z.B. einen Mann nur <a name='Page_114'></a>knieend und unterwegs kniet sie so lange +nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem +Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung +macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine +einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem +auch in Bornu eingeführten Ausruf <i>Ssünno, ssünno</i> oder <i>l'áfia</i> reicht +gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen +Zusammentreffen, haben die Haussaer <i>etjau-etjau</i>.</p> + +<p>Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich +specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "<i>Akekéke</i>", "wie bist Du?", +"<i>kol l'áfia</i>", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "<i>kenna l'áfia</i>", +"wie geht's?", was der Andere mit "<i>ranka schidéde tol amrek</i>" ("ich +danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch +ist) erwiedert. "<i>Allah schibáka ioreih</i>" ist der den Segen Gottes auf +das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.</p> + +<p>Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie +die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder +machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein +Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von +den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die +Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies +Zurückschlagen.</p> + +<p><a name='Page_115'></a>Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich +selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und +grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte +Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von +dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder +der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme +bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die MelÄ“-Fulan, ist zum +Theil, und namentlich die MelÄ“-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam +übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem +Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange +Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.</p> + +<p>"<i>Allah rhina, Allah rhina</i>" rufen sie sich beim Begegnen zu und es +entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie +ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr <i>mad' Allah, mad' +Allah</i>, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit +bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische +zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar +keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba) +hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die +der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne +Umstände sich nähern konnte.</p> + +<p><a name='Page_116'></a>Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes +<i>ualidjim</i>, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes <i>infinidjim</i>; +ausserdem schalten sie überall <i>uódi, dumbódi</i> ein, Worte, die sich +nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von +Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.</p> + +<p>Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am +BénuÄ“ ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den +Haussaern das <i>Ssünno-ssünno</i> und <i>l'áfia-l'áfia</i> herübergenommen haben, +wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen +bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse <i>mábah-mábah</i> +(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch +Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte +Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der +Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den +eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen, +der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern +sie dann ihre nationalen Grüsse <i>kundo-kundo kundore, kundokora</i>, die +sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie +nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen +von Hoch und Niedrig keine Rede.</p> + +<p>Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren BénuÄ“ +besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn +sie ihr Kanoe nicht <a name='Page_117'></a>anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden +Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich +haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a, +eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie +ihre Stimme hören können.</p> + +<p>Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen +Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den +Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.</p> + +<p>Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete +Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss +vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl +wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor +einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch <i>beléni</i> aus, +worauf der Angeredete mit <i>madjiobú</i>, ich danke, oder <i>aku-beni</i>, wie +geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man <i>meeda</i>, ich gehe, und erhält +dann ein <i>ssassamidji</i>, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet +man <i>aku-be-gédi</i>, guten Abend, und bekommt <i>odjilo-suáni</i> zurück. Beim +Aufstehen fragt man <i>uanáni</i>, hast du gut geschlafen?, oder +<i>aku-bolósun</i>, hast du die Nacht gut zugebracht?</p> + +<p>Vor ihrem Fürsten—in diesem Augenblick ist es König Massaban—sind die +Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der +Anwe<a name='Page_118'></a>senden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse, +welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee +vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich +prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein +Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.</p> + +<p>Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der +fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch +Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten +Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten, +verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher, +welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther +(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des +Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen +sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.</p> + +<p>Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand +begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein <i>aku-aku</i> oder +<i>aku-abo</i> gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und +blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor +ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und +legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst +auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender +Stellung zu reden.</p> + +<p><a name='Page_119'></a>Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein +Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen +gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde +geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand +begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her +schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper +in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die +O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche +Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf +Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein +Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von <i>aku-aku</i>.</p> + +<p>Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der +Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als +Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber +nach Europa herübergekommen sind.</p> + +<p>Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit +<i>Awuo</i>, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert <i>miwuo djogba</i>, +ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie <i>henni odje</i>, wo kommst +Du her?, und der Angeredete sagt <i>Ble-o</i>, Friede, oder auch <i>eiko</i>, +Glück auf, und <i>yae</i>, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man +Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die +<a name='Page_120'></a>Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit +einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden, +namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.</p> + +<p>Betreten sie ein Haus, so fragen sie <i>Teoyoteng</i>, wie geht es?, und +erhalten <i>miye-djogba</i>, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des +Abends sagen sie <i>miya wúo</i>, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert +<i>ya wúo djogba</i>, geh', schlafe wohl.</p> + +<p>Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach +Abwesenden zu erkundigen: <i>Djeïbi</i>, wie geht's den Leuten dort? +<i>Ameye-djogba</i>, sind sie wohl? <i>Yeikebukeho</i>, wie geht's den Weibern, +den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in +dem Einen Wort). <i>Ame fe ame ye djogba</i>, sie alle sind wohl. Ueberdies +bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das +Englische <i>good morning</i> eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der +Küste von Guinea der Fall ist.</p> + +<p>Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern +(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie +<i>magye</i>, für "guten Tag" <i>mahao</i>, für "guten Abend" <i>madyo</i>. Im +Allgemeinen ist der Gegengruss <i>Ya-aherar</i> oder <i>Ya-adyo</i>. Dann aber +richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem +Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein +Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen <a name='Page_121'></a>Wochentage geboren +ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt <i>ya eisi</i> zum Gruss.</p> + +<p>Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger <i>me-nopáo</i> und erhalten <i>ya da ya</i> +zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch <i>Wo ho tedeng</i> aus +und <i>me ho ye</i>, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch <i>ming mu ye</i>, +wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf <i>ming mu ye fu</i>, in der +Stadt steht's gut.</p> + +<p>Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss <i>aichia</i>, Wo kommst Du +her? <i>Wufike</i>, oder von wo bist Du? <i>wokohe</i>. Endlich <i>nante ye</i>, reise +glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern +das <i>aku-abo</i> gemein. Häufig mischen sie ein <i>me adamfo</i>, mein Freund, +mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die +Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'></a><h2><a name='Page_122'></a>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.<a name='FNanchor_9'></a><a href='#Footnote_9'><sup>[9]</sup></a></h2> +<br /> + +<p>Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von +Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug +mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten +Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu +bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die +Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die +Einnahme<a name='Page_123'></a> von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen +Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns +oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen +konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen +Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein +letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier +einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war, +ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden +Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche +zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der +bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in +alle Winde zerstreuen.</p> + +<p>Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine +Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil +oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei +verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder +Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am +weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist +reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer +Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in +Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia) +bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus +vulkanisch um <a name='Page_124'></a>Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo +zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist +nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer- +und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit +dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst +Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun, +da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert +abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa +Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es +augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die +Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir +vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus +Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich +wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was +es früher war, Besitz der Galla.</p> + +<p>Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die +wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen +Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach +Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege +zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich +gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den +Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; <a name='Page_125'></a>theils war die +Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies, +die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte, +wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route +der Geographie nützlich zu sein.</p> + +<p>Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist +nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind +so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir +vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch +nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt, +glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben +und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen +beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine +jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er +danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte. +Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine +Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von +Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu +wollen.</p> + +<p>Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch +Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt +hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre +gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer <a name='Page_126'></a>auffasst. Zur +Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden +diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber +weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in +Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die +Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man +ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die +Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig +halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht +als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die +Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten +oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung +äusserer Gebräuche basirt.</p> + +<p>Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant +macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es +hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen. +Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa +ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr +durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.</p> + +<p>Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im +Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere +tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner +<a name='Page_127'></a>Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe +Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss +nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der +entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier +sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine +in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt +und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach +dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu +einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen +Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der +Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten, +dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier +Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet, +dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr. +Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere +reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen +Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des +Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die +lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler +nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem +Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische +Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten <a name='Page_128'></a>Leipziger Mode +gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion +kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend +eine Schule angelegt.—Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für +immer Adieu gesagt zu haben.</p> + +<p>Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte +seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien +alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine +Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres +correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die +eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese +Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich +glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden +aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können, +sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich +vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf, +nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei +dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die +Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.</p> + +<p>Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten +Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die +beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von +Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und <a name='Page_129'></a>nachher +zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse +Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf +Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur +blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die +ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das +Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder +Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden +hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser +auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge +blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch +trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt +oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden +zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen +in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.</p> + +<p>Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange +vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von +abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg +zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem +Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den +Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die +Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, <a name='Page_130'></a>ist nichts +weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse +verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie +hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches +Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise +nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier +zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine +kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten +Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so +freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen +Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich +die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise +anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch +Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.</p> + +<p>Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von +Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute +jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder +Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter +unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich +war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein +ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die +zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem +Gesindel die günstigsten <a name='Page_131'></a>Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut, +ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren +Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts +weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches +gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine +breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus +Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte +ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel +weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen +sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen +sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas +weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser +Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht +hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.</p> + +<p>So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes +Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir +stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster +Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal +durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der +Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche +Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere +hatten Tags vorher die Mörser und grossen Ka<a name='Page_132'></a>nonen herunter gebracht und +als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem +Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser +bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten, +nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf +die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher +trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.</p> + +<p>Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von +halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und +Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war +von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom +früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen +Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein +grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch +Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles, +was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's +lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser +dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der +Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der +Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der +englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die +heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn +sie morgen allein <a name='Page_133'></a>ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist +aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die +Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass +Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer +der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben +Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit +dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt, +dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach +einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi +aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese +Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah, +musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.</p> + +<p>Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe +und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut +ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können, +dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie +behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort +von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend +weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte +bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die +Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in +Abessinien ist es eine <a name='Page_134'></a>grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und +mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist, +welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich +das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der +Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch +hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun +abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei +längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich +starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen, +welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken, +wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer, +Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester +bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen +sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach +Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt +einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich +ausgestattet sind.</p> + +<p>Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger +begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu +klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche +Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat, +die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu +werfen.—Im Be<a name='Page_135'></a>reiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer, +die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu +bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben +Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege +und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.</p> + +<p>Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara +zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung +von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit +Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's +an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die +Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung, +so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe, +durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (<i>von allen schwarzen +Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich +eingeführt haben</i>); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier +Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und +basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in +NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die +entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die +Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen +vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda, +<a name='Page_136'></a>aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem +Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein +zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und +Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von +einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer +als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so +will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.</p> + +<p>Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die +Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten +verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden +gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht +hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch +fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den +Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden +war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war, +machten wir uns früh Morgens auf.</p> + +<p>Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede +Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und +entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das +Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden, +denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem +Kopfe weiter <a name='Page_137'></a>geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass +bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock +flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde. +Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika +vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte +anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50 +Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie +man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns, +obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis +Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des +Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen +Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der +Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage, +was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren +fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus +Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte, +warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil +wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als +Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich +sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie +sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen +würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden. +<a name='Page_138'></a>Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in +der Türkei und Aegypten.</p> + +<p>Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach +dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte +anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr +leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in +den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten, +aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und +luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss +über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der +trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester +Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends +einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen +Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber +davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche +Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im +Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die +chokoladenartige Farbe.</p> + +<p>Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der +Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba +Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen +Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in +dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür <a name='Page_139'></a>gut mit Buschwerk, meist +Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von +derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.</p> + +<p>Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege +überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der +östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort +gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn +überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten +Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir +den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort +Laktalab liegt.</p> + +<p>Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner. +Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod. +Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon +in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm +abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die +Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem +gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in +Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi +gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und +anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste +Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die <a name='Page_140'></a>eitelen und +prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von +Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor +einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh, +ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch +innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten +bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im +Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt. +Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten, +dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst +nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer +mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich +wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass +dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten +Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand +einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust +hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und +sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen, +ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala +käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.</p> + +<p>Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes +ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für +gewöhnlich den Kühen <a name='Page_141'></a>zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte +schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die +Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker +Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch +jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe +in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie +namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken, +sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie +manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien +übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die +Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare, +welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten +werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung, +so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper +annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.</p> + +<p>Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu +besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in +Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen, +die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen +alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein +Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älte<a name='Page_142'></a>rer +roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch +offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses +Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von +ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten +Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen +Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich +gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man +mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei, +dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen +Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt +sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden, +wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten +Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen +in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar, +wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt +sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während +man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie +christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie +dafür erkennen.</p> + +<p>Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St. +Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde +man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers +hervorgegan<a name='Page_143'></a>gen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben +und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche +wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste +und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder +Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und +man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres +finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24 +Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist +sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba +Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen +ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine +Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder, +wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt. +Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein +anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat. +Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze +Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen +monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht +widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur +Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem +Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die +Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche <a name='Page_144'></a>dagegen, die früher von +aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus +demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr +zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen, +alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass +Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst +geschähe.</p> + +<p>Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles +gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine +Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz +dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener +Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte. +Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg +selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah +entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden +aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden +zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh +stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der +Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die +Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die +jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.</p> + +<p>Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese <a name='Page_145'></a>Wunderbauten zu besehen, +und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der +Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures +Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk, +das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung +für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.</p> + +<p>Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte +mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch +Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende, +vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um +dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von +den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und +andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit +eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar +hundert Personen belaufen.</p> + +<p>An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume +aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt +grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls +bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei +andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume +überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt, +weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein +<a name='Page_146'></a>einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir +auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine +Bewandtniss damit habe.</p> + +<p>Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen +Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst +7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die +Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren +Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst +gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von +alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein +scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die +jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war +als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.</p> + +<p>So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so +zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch +Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von +Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu +befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament +gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.</p> + +<p>Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem <a name='Page_147'></a>drei engl. Meilen westlich +von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum +Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten +herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem +Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche +Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und +Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird. +Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus +durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und +Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig +von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze +zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und +diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je +eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend +angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber +ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich +der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen +Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute +begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme, +Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie +in <a name='Page_148'></a>Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um +Arznei zu bekommen.</p> + +<p>So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der +Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der +Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in +letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein, +hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber +nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen +gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten +Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich +nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld +haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der +Morgen graute.</p> + +<p>Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine +überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich +bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer +einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch, +Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ +nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären +Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald +man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu +der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen +aufgeführt stehen <a name='Page_149'></a>einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen +Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt +scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern +herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde +Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der +Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.</p> + +<p>Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die +ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die +Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese +Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und +seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath +vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den +faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie +einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts +dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen +streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen +Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während +seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am +anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren. +Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in +Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion, +dass überall, wo auch nur <a name='Page_150'></a>einige Familien sich finden, sie sich gleich +eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er +fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz. +Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und +hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.</p> + +<p>Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt +die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber +so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder +traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte. +Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch +Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch +erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die +Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch +kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss +beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien +herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das +Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie +selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die +beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den +Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.</p> + +<p>Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übri<a name='Page_151'></a>gens ein elender +kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden +zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten +wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen, +weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit +den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle +wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn +sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes +wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser, +nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches +gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass +ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu +Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im +Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem +Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch +ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von +Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es <i>unmöglich</i> +gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf <i>diesem Wege</i> +fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem +von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen +<a name='Page_152'></a>Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.</p> + +<p>Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und +brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu. +Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu +leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr +erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie +aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5 +Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht +worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante +Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und +Bevölkerung arm zu machen.</p> + +<p>Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen +Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten +indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten +unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des +Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. +Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, +der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der +Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine +mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein +südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in +Verbindung. <a name='Page_153'></a>Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. +Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, +um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine +Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr +ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das +Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein +Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die +Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein +eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition +zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die +Bestimmung seiner Höhe, weg.</p> + +<p>Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns +in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, +dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, +andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, +als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über +uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit +uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir +zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende +Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges +dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich +vom Kopfe bis zu Fuss was<a name='Page_154'></a>serdichte Kleider schnell überziehen konnte, +so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in +den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.</p> + +<p>Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle +in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die +Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie +überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, +schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In +der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von +der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst +gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer +ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der +Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne +Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, +herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der +Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen +erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese +Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns +noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess +bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht +weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes +Umschlagetuch mit breitem rothen <a name='Page_155'></a>Streife seinen ganzen Anzug; aber er +war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von +Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, +aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild +trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er +unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er +sonst nicht folgen könne.</p> + +<p>Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass +man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim +Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere +Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist +noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in +Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 +Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je +nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen +verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen +Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und +Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort +sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, +wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine +Karawane unbelästigt den Zoll passiren.</p> + +<p>Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim +Statthalter von Wag und Gouverneur von <a name='Page_156'></a>Sokota, Namens Borah, +anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas +Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von +Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte +mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es +bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst +dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, +antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, +wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter +ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar +nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu +kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der +Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut +aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der +Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich +einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich +finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber +gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der +Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal +zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, +ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, +dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst +einen Besuch macht, spricht damit <a name='Page_157'></a>aus, dass er den Besuchenden als +höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das +dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers +erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere +höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang +der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in +Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung +steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, +auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.<a name='FNanchor_10'></a><a href='#Footnote_10'><sup>[10]</sup></a></p> + +<p>Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach +nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich +nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, +als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer +der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und +reinlicher als er selbst<a name='Page_158'></a> angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, +sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem +Boden mir gegenüber.</p> + +<p>Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen +Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein +grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz +verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft +haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen +lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während +seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, +ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der +Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, +wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er +selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von +europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als +seine übrigen Kleider.</p> + +<p>Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner +zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen +belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom +Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. +Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei +Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, +wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die <a name='Page_159'></a>besten noch weit +hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; +vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner +Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das +Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat<a name='FNanchor_11'></a><a href='#Footnote_11'><sup>[11]</sup></a> +genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas +ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein +zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das +Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine +Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen +das Ameublement.</p> + +<p>Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne +alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier +von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, +dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier +in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. +Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und +exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren +Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner +stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den +Christen in bester Eintracht.</p> + +<p>Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, <a name='Page_160'></a>Honig, Mehl und +selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, +Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr +billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu +unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 +Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht +englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so +theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler +brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war +auch für solch hohen Preis keine zu haben.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich +zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines +seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern +entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. +Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als +Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, +überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen +Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden +verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, +das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die +Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land +gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und <a name='Page_161'></a>selbst Gobesieh und +Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu +gehorchen.</p> + +<p>Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei +dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir +und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. +Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das +Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert +hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der +Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen +setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern +vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in +nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern +vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit +des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste +Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine +durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, +denn jede Nacht gab es Gewitter.</p> + +<p>Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der +vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch +einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en +miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und +des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, +waren reichlich vorhanden.</p> + +<p><a name='Page_162'></a>Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn +Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft +sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege +giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den +Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, +wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit +scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine +Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des +Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche +Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt +oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss +hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis +zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine +Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., +die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem +manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück +trug.</p> + +<p>In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- +oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale +Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter +oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr +Umfang gesehen habe.</p> + +<p><a name='Page_163'></a>Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen +fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben +Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht +bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende +Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, +einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch +von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf +bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, +erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist +gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der +Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen +halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, +welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen +dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen +Gebirgszuges nördlich vom Tselari.</p> + +<p>Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen +ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse +Zamra<a name='FNanchor_12'></a><a href='#Footnote_12'><sup>[12]</sup></a>-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten +See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss,<a name='Page_164'></a> derselbe, der +weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die +Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit +Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und +Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach +bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen +angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier +an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige +Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir +blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem +Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.</p> + +<p>Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess +war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht +am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie +ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj +(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine +Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie +in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen +fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich +entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. +Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden +Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende +Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewäl<a name='Page_165'></a>tigen konnte und auch +nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. +Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige +Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.</p> + +<p>Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus +darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen +Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. +Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion +verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als +er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen +Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen +diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich +indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein +prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, +erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft +hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver +und Zündhütchen.</p> + +<p>Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle +Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch +verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der +Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in +Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.</p> + +<p><a name='Page_166'></a>Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so +beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen +und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als +ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von +meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition +mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. +Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der +recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische +Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala +immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint +und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der +Heimath fort.</p> + + +<table align='center' border='0' cellpadding='2' cellspacing='5' summary='Höhenmessungen mit dem Aneroid.'> + +<tr><th align='left'>Höhenmessungen mit dem Aneroid.</th></tr> + +<tr><td align='left'>Abdikum</td><td align='left'>9250</td><td align='left'>engl.</td><td align='left'>Fuss.</td></tr> + +<tr><td align='left'>Takaze, Bett</td><td align='left'>5800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Salit</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Lalibala</td><td align='left'>7000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Schegalo</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Bilbala-Gorgis</td><td align='left'>6170</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Eisemutsch-Thal</td><td align='left'>6359</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Mári-Thal</td><td align='left'>5200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Taba, Ort</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Siba-Pass</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Mokogo-Pass</td><td align='left'>7800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Biala-Pass</td><td align='left'>9000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Ohlich, Ort</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Telela-Pass</td><td align='left'>7100</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Sokota</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Emenenagerill-Pass</td><td align='left'>5600</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Uana-Pass</td><td align='left'>5550</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Tselari-Bett</td><td align='left'>3200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Zaka</td><td align='left'>4200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Zamra, Bett</td><td align='left'>3150</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Fenaroa</td><td align='left'>4500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +<tr><td align='left'>Samre</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr> + +</table> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Der_Aschangi_See_in_Abessinien'></a><h2>D<a name='Page_168'></a>er Aschangi-See in Abessinien</h2> +<br /> + +<p>Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und +Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' +28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein +von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide +zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That +fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See +begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird +Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln +kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von +hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa +10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss +(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe +Ofila-Berg sich befin<a name='Page_169'></a>det, ist der See nach Süden und Osten zu von +minder hohen Bergen umschlossen.</p> + +<p>Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus +marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst +bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und +der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief +eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse +Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt +haben, ohne indess den Ort anzugeben.</p> + +<p>Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige +wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere +die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um +so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht +ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, +mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in +den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen +lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten +oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom +Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das +Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch +allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu +finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, +<a name='Page_170'></a>dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von +10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.</p> + +<p>Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist +abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um +einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher, +was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen +erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung +Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat, +so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine +Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach +Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu +können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an +den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen +Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug +natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt +werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder +die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben +werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6 +Luftwärme.</p> + +<p>Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines +unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, +besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem +Alluvial<a name='Page_171'></a>boden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und +diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein +wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir +sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden +Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon +auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche +vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.</p> + +<p>Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies +spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die +Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums +vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen +Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des +Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als +Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, +während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, +die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an +Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen +Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen +Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen +aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher +runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine +Familien-Wohnung. Im Inneren <a name='Page_172'></a>sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige +Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum +Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus +Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, +bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren +Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in +besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist +Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei +es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast +nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts +gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von +den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, +keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen +Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch +eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen +wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten +Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; +Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das +Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als +Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, +kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir +konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht <a name='Page_173'></a>in Erfahrung bringen, +ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher +besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem +grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar +nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.</p> + +<p>An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen +grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und +viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, +ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher +hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. +Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen +und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. +Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten +von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche +Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber +fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen +Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd +erfolglos.</p> + +<p>Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, +mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen +Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein +stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu <a name='Page_174'></a>Europa hat, einen +Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige +obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und +zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine +längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der +ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen +Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos +Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene +Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'></a><h2><a name='Page_175'></a>Nach Axum über Hausen und Adua.</h2> +<br /> + +<p>In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich +eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht +sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, +die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie +gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von +Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen +war, nach Axum zu gehen.</p> + +<p>Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine +Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, +obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt +den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den +Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, +aber von alle dem geschah <a name='Page_176'></a>nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, +von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee +zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen +wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, +dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges +gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von +Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der +Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine +Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef +verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für +die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was +mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.</p> + +<p>In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei +dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst +Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die +ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in +Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm +entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde +ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das +englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von +Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen +wollten. Indem wir die <a name='Page_177'></a>Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in +Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.</p> + +<p>Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um +3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr +Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der +uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa +eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, +bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist +äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser +der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen +gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile<a name='FNanchor_13'></a><a href='#Footnote_13'><sup>[13]</sup></a> vom Wege +entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges +Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, +Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten +Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen +des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine +schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer +wurden diese Qualen.</p> + +<p>Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den +District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief +von S.O. nach N.W.<a name='Page_178'></a> laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden +Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen +Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten +dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu +gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir +selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann +auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen +eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge +Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die +Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch +die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu +Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der +Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger +Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, +bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. +Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein +gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so +gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die +Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre +betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der +Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut +sind (dies findet man auch auf den hohen <a name='Page_179'></a>südlichen Hochebenen von +Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen +und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist +nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts +von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, +die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, +überdeckt sind.</p> + +<p>In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir +konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in +Europa.</p> + +<p>Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten +Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer +Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese +zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham +die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name +andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von +Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien +berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen +war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula +einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten +Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen +ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich +kommen. Die Be<a name='Page_180'></a>wohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls +noch heute Troglodyten sein.</p> + +<p>Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen +entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden +Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den +Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu +passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur +zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein +unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.</p> + +<p>Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte +entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir +unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an +auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten +Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen +Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres +versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die +herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In +Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der +Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die +Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre +finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so +unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, +an Einem <a name='Page_181'></a>Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in +früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt<a name='FNanchor_14'></a><a href='#Footnote_14'><sup>[14]</sup></a> von Tigre gewesen, jetzt ist es +ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens +dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. +Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu +sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus +gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.</p> + +<p>Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen +Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als +ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein +bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte +sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es +kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es +weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren +Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen +Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich +wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von +diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist +das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben<a name='Page_182'></a> und Weitem gesehen +wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den +schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu +setzen.</p> + +<p>Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast +durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne +auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur +von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen +der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach +Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden +wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast +durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und +Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess +über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die +Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten +Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den +Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am +Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir +noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den +Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich +erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein +Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf +war hoch am Berge hinauf gelegen, das <a name='Page_183'></a>Wasser eine Stunde weit zurück. +Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte +aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu +verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück +geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; +für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste +als Viehfutter dienen.</p> + +<p>Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber +wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; +wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. +N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, +Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, +halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die +Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden +Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse +Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis +Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel +des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, +hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am +nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess +wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf +einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. <a name='Page_184'></a>Halbwegs +zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort +Gedera.</p> + +<p>Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz +von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der +Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir +umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn +vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den +Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.</p> + +<p>Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die +Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch +vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz +unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet. +Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt +auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom +Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von +allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den +Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke +versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben, +tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber +selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden +und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und +Gallinier angeben, 4000 <a name='Page_185'></a>Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich +nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner +schätze.</p> + +<p>Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger +und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend +nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur +Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen +Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte +Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus +neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie +ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im +Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet +sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern +sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich +befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die +Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier +bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen +Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen +Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter +mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil +dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge +anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten +Abes<a name='Page_186'></a>sinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die +Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos +zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als +Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war, +hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein +gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der +Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles +aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen +konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech +und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren +Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter +dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in +einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir +besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit +Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen, +überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst +einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir, +sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige, +was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte, +wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet. +Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche +uns der jetzige <a name='Page_187'></a>Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz +Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder +verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was +wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst +gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste.</p> + +<p>Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten +ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr. +Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz +Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen +hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir +höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000 +Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million +zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen +Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig +seine Meinung von Abessinien ist.</p> + +<p>Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge +versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei +Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf +anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem +Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter +Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein +Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine +Flasche mit <a name='Page_188'></a>Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein +Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch +ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem +grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um +den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens +kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz +bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um +seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna +ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen +Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das +Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, +sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig +gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt +zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben +Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und +Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen +Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann +brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell +hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, +dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester +hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war <a name='Page_189'></a>so +entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk +brachte.</p> + +<p>Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte +Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin +Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem +unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu +bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei +oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den +Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und +Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. +Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann +später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, +Pantalem genannt.</p> + +<p>Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, +obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es +liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer +durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares +erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda<a name='FNanchor_15'></a><a href='#Footnote_15'><sup>[15]</sup></a> +gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt +hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von<a name='Page_190'></a> hier aus +zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als +auch eine Königin regierte, mit Namen Candace<a name='FNanchor_16'></a><a href='#Footnote_16'><sup>[16]</sup></a> oder Judith. Freilich +finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in +seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und +Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden +sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum +gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala +thut<a name='FNanchor_17'></a><a href='#Footnote_17'><sup>[17]</sup></a>. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten +Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude +ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in +Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu +haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, +sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche<a name='Page_191'></a> führen, andeuten, dass +hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der +Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche +selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne +jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben +das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser +als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder +Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir +keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische<a name='FNanchor_18'></a><a href='#Footnote_18'><sup>[18]</sup></a> ohne +Bedeutung ausgenommen.</p> + +<p>Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr +übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben +zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, +so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, +dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung +wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist<a name='FNanchor_19'></a><a href='#Footnote_19'><sup>[19]</sup></a>, muss aus +einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum +findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer<a name='FNanchor_20'></a><a href='#Footnote_20'><sup>[20]</sup></a>.—Dicht<a name='Page_192'></a> bei einem +ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt +Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" +führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster +Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. +Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so +scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine +Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte +Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der +Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und +dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen +Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen +nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss +hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia +angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, +erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.</p> + +<p>Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, +um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene +griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht +vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König +Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene +christliche Arbeiter <a name='Page_193'></a>hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der +Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.</p> + +<p>Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten +den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da +wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in +Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, +es ist ein Gebäude der Neuzeit.</p> + +<p>Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied +von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen +sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus +sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber +und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.</p> + +<p>Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder +rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend +nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. +Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche +Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und +Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.—Sobald man den +Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem +Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer +Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, <a name='Page_194'></a>ersahen wir +daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten +Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es +ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich +hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von +vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns +ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann +abziehen.</p> + +<p>Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn +westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, +die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, +welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren +linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns +in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als +Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer +meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte +mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. +Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies +zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde +Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am +Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von +Gemüsebau nichts zu sehen.</p> + +<p><a name='Page_195'></a>Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, +verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von +Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher +mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals +an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen +Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige +Provinz zurückkehren möge.</p> + +<p>Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze +Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg +zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.</p> + +<p>Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so +war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu +denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter +Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die +Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten +Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster +Abessiniens, liegt.</p> + +<p>Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem +Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen +halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg +aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten +wir am Fusse der eigentlichen <a name='Page_196'></a>Bergfeste, die so steil nach allen Seiten +abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie +besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre +Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben +treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, +Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit +so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee +Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns +Aufgang zu verschaffen.</p> + +<p>Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe +um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren +herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies +schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.</p> + +<p>Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf +die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in +Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer +fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit +einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf +Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret +und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen +sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Damiette'></a><h2><a name='Page_197'></a>Damiette.</h2> +<br /> + +<p>Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr +sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, +wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu +gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der +grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch +anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen +haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist +jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt +wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig +sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.</p> + +<p>Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten +und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um +so angeneh<a name='Page_198'></a>mer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen +Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und +die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich +mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des +mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale +fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale +Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch +Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.</p> + +<p>Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den +Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich +hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da +aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte +und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch +reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit +eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie +fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln +und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus +Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling +Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, +welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische +Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, +<a name='Page_199'></a>es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.</p> + +<p>Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner +Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof +des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit +einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe +Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. +Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach +einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war +nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm +des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. +Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 +Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten +befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre +Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem +schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff +davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft +bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die +Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus +einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum +Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul +selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der ge<a name='Page_200'></a>sammten +Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt +ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen +verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen +die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen +lässt.</p> + +<p>Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, +denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die +Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze +Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit +langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich +Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls +nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so +bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, +also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind +nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu +benutzen, aber langsam ging es trotzdem.</p> + +<p>Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener +Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, +wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See +ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss +tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen +sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete +Brüte<a name='Page_201'></a>stellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig +lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. +Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern +Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser +herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel +nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen +wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren +Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang +Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See +geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern +trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. +Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang +beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um +nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene +kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum +patrouilliren müssen.</p> + +<p>Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss +aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt +sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.</p> + +<p>Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft +ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen +wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, +<a name='Page_202'></a>in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener +Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem +sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen +Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da +wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten +wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff +hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 +Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der +wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, +kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es +indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es +kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir +gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch +ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus +einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber +Smah<a name='FNanchor_21'></a><a href='#Footnote_21'><sup>[21]</sup></a> nennen, herausragen gesehen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler +Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen +des Nils<a name='Page_203'></a> abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. +Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so +dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb +übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis +am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser +höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im +Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu +bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und +arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei +jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine +leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und +konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die +Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes +an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging +es zur Stadt.</p> + +<p>Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine +ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. +Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich +und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man +kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, +zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in +einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und +<a name='Page_204'></a>europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten +Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen +besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses +ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was +erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in +Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau +bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster +Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr +Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar +ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde +kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man +nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.</p> + +<p>Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein +aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind +verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, +und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, +mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. +Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber +früher bedeutend grösser.</p> + +<p>In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann +unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die +Ausschwemmungen <a name='Page_205'></a>des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, +12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer +des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom +Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze +Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige +Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. +Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die +Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. +November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von +Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans +Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer +im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen +Heeres sein.</p> + +<p>Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach +zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen +schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die +Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan +Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt +Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur +Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen +Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war +ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 +gerieth Ludwig <a name='Page_206'></a>der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und +Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, +dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder +aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.</p> + +<p>Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert +und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith +entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, +welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug +Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die +Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die +Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.</p> + +<p>Heutzutage ist Damiette<a name='FNanchor_22'></a><a href='#Footnote_22'><sup>[22]</sup></a> eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz +Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die +Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die +christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist +griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von +eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige +wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind +augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen +Consul hätten, die schwarzweissrothe <a name='Page_207'></a>Flagge weht auf der ganzen Erde, +und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen +Schutz.</p> + +<p>"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der +reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch +einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz +entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. +Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen +Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen +hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat +mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich +auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. +"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch +zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte +der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch +machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und +spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere +Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich +fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen +Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette +repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch +spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und +spanische <a name='Page_208'></a>Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich +abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine +Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des +Herrn Consuls zu empfehlen.</p> + +<p>Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir +nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die +Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; +sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft +als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst +correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, +sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu +repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur +irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste +Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu +Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete +genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb +doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell +empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse +Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich +aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin +Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuni<a name='Page_209'></a>form +und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan +die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann +eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul +um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er +Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, +das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den +norddeutschen und spanischen Salon.</p> + +<p>Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, +welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul +geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das +Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren +lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen +heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von +Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die +Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte +für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er +officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen +übereinstimmen".</p> + +<p>Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, +die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul +Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits +auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, <a name='Page_210'></a>und vorkommenden Falles +den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge +ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein +Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von +dieser Familie repräsentirt wird.</p> + +<p>Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe +Minarets zählte ich, die meisten Djemma,<a name='FNanchor_23'></a><a href='#Footnote_23'><sup>[23]</sup></a> so nennen die Araber ihre +Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und +noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. +Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, +nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt +worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. +Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, +vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, +denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung +und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische, +kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten +fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz +roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird +von sterilen Frauenzimmern so<a name='Page_211'></a> lange geleckt mit der Zunge bis aus +dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen +(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von +Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die +Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, +und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge +Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt, +die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein +entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der +mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas +zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die +Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.</p> + +<p>Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht +neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese +haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht +niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die +Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen +Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut +denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt +haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.</p> + +<p>Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine +katholische Kirche, welche von <a name='Page_212'></a>Vätern des heiligen Grabes bedient wird, +dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier +Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, +nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, +welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, +steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. +Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich +liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer +italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit +Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, +unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass +hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien +sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege +Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders +schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul +el Agam (ï»¢ïº ï»Œï»žïºŽ heissen sie Persien) nennen.</p> + +<p>Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, +mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier +die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im +fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis +hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird +damit, sowie mit getrock<a name='Page_213'></a>neten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei +und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die +Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In +neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da +Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt +wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt +gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige +Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 +Meilen nilaufwärts liegt.</p> + +<p>Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die +regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind +nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die +lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der +Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in +welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm +ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem +ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Malta'></a><h2><a name='Page_214'></a>Malta.</h2> +<br /> + +<p>Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach +Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird, +tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im +Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten +wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am +interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der +arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in +Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln +am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich +fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie +die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer +Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht +glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich +die Laute ohrgerecht machten.</p> + +<p><a name='Page_215'></a>Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir +schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren +kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als +Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage, +Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem +Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.</p> + +<p>Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta, +welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der +Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später +sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige +Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren +Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von +Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger +bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft. +Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche +dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr. +mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an +Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die +Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte. +Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder +Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit +den Normannen die <a name='Page_216'></a>Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath +Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von +Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die +Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen +Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl +dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von +Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem +letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die +Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren +Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.</p> + +<p>Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul +des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche +Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch +heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der +Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die +indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.</p> + +<p>Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von +Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten. +Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben +aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im +Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer +Halbinsel so günstig, dass <a name='Page_217'></a>auf beiden Seiten die prächtigsten und +sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich +befinden.</p> + +<p>Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische +Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen +Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung +von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St. +Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier +und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten +Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige +Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht +Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung +hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence, +die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien, +eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h. +auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet +sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher +Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der +Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.</p> + +<p>So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil +scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der +Malteser, wenn auch <a name='Page_218'></a>nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der +Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft +durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten +der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast +alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's +angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden +verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen +Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist, +so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug +haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang +finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten +smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es +früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu +wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer +erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser +getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere +Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich +einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen +alle viel zu wünschen übrig.</p> + +<p>Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns +der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden +ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. <a name='Page_219'></a>Bei +den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom +Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist +heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt +der grosse Ort Rabatto.</p> + +<p>An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in +dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute +Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess +die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere +Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für +die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in +der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt, +wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine +gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte +ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt +genossen.</p> + +<p>Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei +Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in +Malta scheitern zu lassen.</p> + +<p>Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom +fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel +gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste +Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein +<a name='Page_220'></a>heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im <i>adriatischen Meere</i>. +Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute +hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu +einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch +weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul +gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der +allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die +Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere +Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch, +respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen +Heidenapostel.</p> + +<p>Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des +Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und +duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen +Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, +vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen +Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt +es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie +und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie +fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die +Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. +Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung +zu Nichte, von heftigen Re<a name='Page_221'></a>gen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und +so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den +Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im +Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie +Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der +Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um +aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten +derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die +"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. +Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber +fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat +sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei +den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta +brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das +mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um +Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich +gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge +der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.</p> + +<p>Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am +selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht +am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die +berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der <a name='Page_222'></a>Stadt einen +Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, +dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten +Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern +getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, +man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und +Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von +Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch +ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. +Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns +hineinlegend fuhren wir ab.</p> + +<p>Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder +interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl +unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, +sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man +ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in +Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren +froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass +obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach +unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute +Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige +Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu +die freundlichste Aufnahme. Man muss <a name='Page_223'></a>überhaupt ins Land selbst +hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man +über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und +Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, +mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem +nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen +ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und +die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten +bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.</p> + +<p>Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss +sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für +alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie +bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen +Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann +kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta +lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so +schlecht wie möglich zu machen.</p> + +<p>Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso +wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. +Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die +Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen +berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. +Die meisten und <a name='Page_224'></a>besten Geographen stimmen aber darin überein, dass +Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen +ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht +zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo +gezeigt wird.</p> + +<p>Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene +Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte +vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein +scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute +bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren +konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes +Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.</p> + +<p>Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, +da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf +unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige +Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan +hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle +ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom +Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen +geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum +erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, +da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle <a name='Page_225'></a>Fälle mitnehmen, +und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke +mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den +Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte +bewohnt war.</p> + +<p>Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen +Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief +und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch +einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und +das Gestein ist wie immer Kalk.</p> + +<p>Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an +den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem +Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder +Hedjer-Aim<a name='FNanchor_24'></a><a href='#Footnote_24'><sup>[24]</sup></a> von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu +diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die +Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf +vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere +zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, +auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden +sich auf dem kleinen Museum der<a name='Page_226'></a> Bibliothek, jedoch scheinen die +Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.</p> + +<p>An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa +Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen +Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten +Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide +diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.</p> + +<p>Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten +wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich +sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während +unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm +hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication +abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen +können.</p> + +<p>Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten +Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein +kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so +prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, +dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse +Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als +die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.</p> + +<p>In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt +ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden +war; ein alter dort <a name='Page_227'></a>stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er +machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von +dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die +Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem +Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar +ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb +benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern +weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in +Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem +Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso +einquartirt.</p> + +<p>Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für +einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir +konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut +bis zum andern Morgen aushalten.</p> + +<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste +Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und +in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern +aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine +Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je +zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von +Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen +inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu <a name='Page_228'></a>sein und mehrere +spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch +Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man +eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des +Thurmes der Riesen gegeben.</p> + +<p>Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der +Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, +ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein +Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst +jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf +dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber +nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen +Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch +unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast +eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen +wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das +Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.</p> + +<p>Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, +welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm +liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die +Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta +über.</p> + +<p>Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so <a name='Page_229'></a>dass wir noch selbigen +Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an +dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner +feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser +ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'></a><h2><a name='Page_230'></a>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</h2> +<br /> + +<p>Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse +Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer +weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den +Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es +bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe +Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden +Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, +fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen +berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden +soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das +oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen +Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 +geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil +dadurch zum <a name='Page_231'></a>ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches +von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere +Besprechung zu verdienen.</p> + +<p>Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende +Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief +eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben +hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des +Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa +treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher +ins Auge zu fassen.</p> + +<p>Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so +finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen +Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an +der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte +genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam +beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 +deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. +104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden +ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter +fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches +einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher +Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei +Bir-Ressam die Einsenkung im We<a name='Page_232'></a>sten beginne, so ist das natürlich dahin +zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr +gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen +sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem +Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von +dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene +Dünen getrennt ist.—Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche +Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die +Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der +Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und +Barth.</p> + +<p>Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die +ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter +dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. +31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von +Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). +Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der +zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der +glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten +Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid +mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten +angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher +Höhe mit dem Meere sich <a name='Page_233'></a>befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen +ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte +der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so +wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch +hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 +Meter ergeben würde.</p> + +<p>Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf +Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser +entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt +existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden +die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer +absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt +man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, +welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und +nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte +dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von +Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben +geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich +dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu +werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die +Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch +giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele +eigen<a name='Page_234'></a>thümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ +tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.</p> + +<p>Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau +heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter +absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen +Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis +zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin +von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und +manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele +darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass +unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, +liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden +existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar +die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des +Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die +Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der +libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese +kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in +Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten +gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der +Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.</p> + +<p><a name='Page_235'></a>Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich +bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch +rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit +See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass +die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.</p> + +<p>Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich +überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, +welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von +silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese +bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der +eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch +gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange +Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen +Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten +und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, +reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und +überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen +geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe +aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von +künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte +Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war +und noch heute die Reste des <a name='Page_236'></a>grossen Tempels des Jupiter Ammon +birgt—das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.</p> + +<p>In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen +Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch +zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression +verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 +Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf +das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier +kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom +Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist +heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten +durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch +weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die +Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen +gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, +geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo +südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne +wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch +eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach +den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, +keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie +geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, <a name='Page_237'></a>dass +in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga +bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass +übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote +standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase +tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher +aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und +niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, +dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, +Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier +den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, +und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die +Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt +schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen +haben müsste.<a name='FNanchor_25'></a><a href='#Footnote_25'><sup>[25]</sup></a> Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu +sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache +nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer +solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose +Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im +Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., +während unsere 23 Beobachtungen das Mittel<a name='Page_238'></a> von 767 M.M., also eine +Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.</p> + +<p>Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche +Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium +und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden +ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können +aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch +feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer +verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach +Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und +erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser +verdunstet hat—so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass +hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode +muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man +versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den +Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und +Tamarisken.</p> + +<p>Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las +man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den +Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch +andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte +aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass +Lesseps an solche <a name='Page_239'></a>unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der +grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt +fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher +denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder +vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den +fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. +Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese +Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um +dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun +eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, +einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.</p> + +<p>Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, +welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung +trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus +geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen +schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches +die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen +können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, +Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den +fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor +der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden +geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen +<a name='Page_240'></a>Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen +grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden +könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos +um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum +würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden +Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen +und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber +auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder +unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste +sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des +Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach +Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea +(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, +und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb +der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei +niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='FUSSNOTEN'></a><h2>FUSSNOTEN:</h2> +<br /> + +<a name='Footnote_1'></a><a href='#FNanchor_1'>[1]</a><div class='note'><p> Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt +sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, +Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.</p></div> + +<a name='Footnote_2'></a><a href='#FNanchor_2'>[2]</a><div class='note'><p> Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn +zu lesen war mir unmöglich.</p></div> + +<a name='Footnote_3'></a><a href='#FNanchor_3'>[3]</a><div class='note'><p> Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener +Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000 +Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den +Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern +El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen +sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein +Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.</p></div> + +<a name='Footnote_4'></a><a href='#FNanchor_4'>[4]</a><div class='note'><p> Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner +Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile: +Weststadt = <i>Kuka-gárfote</i>, Mittelstadt = <i>Kuka-á¹…gimsegeni</i>, Oststadt += <i>Kuka-gérgedi</i>.</p></div> + +<a name='Footnote_5'></a><a href='#FNanchor_5'>[5]</a><div class='note'><p> Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu +besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen, +Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als <i>Gegengeschenk</i> sandte +Sultan Omar einst einen <i>Elephantenschwanz</i> und einen <i>Giraffenschwanz</i> +als <i>höchstes Freundschaftszeichen</i>, welches der Bornukönig giebt. Unser +"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste +sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen, +darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine +Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren.</p></div> + +<a name='Footnote_6'></a><a href='#FNanchor_6'>[6]</a><div class='note'><p> Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen +Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm +können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel +des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut +arabisch sprach.</p></div> + +<a name='Footnote_7'></a><a href='#FNanchor_7'>[7]</a><div class='note'><p> Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese +Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von +einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt +in Lokódza ist, übersetzt wurden.</p></div> + +<a name='Footnote_8'></a><a href='#FNanchor_8'>[8]</a><div class='note'><p> Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese +Sprache übergegangen.</p></div> + +<a name='Footnote_9'></a><a href='#FNanchor_9'>[9]</a><div class='note'><p> Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit +der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war, +trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg +ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich +nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der +von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich +mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.</p></div> + +<a name='Footnote_10'></a><a href='#FNanchor_10'>[10]</a><div class='note'><p> Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von +Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an +Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die +Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte +zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber +hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir +Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der +Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi, +also höher stehend als Kassai von Tigre.</p></div> + +<a name='Footnote_11'></a><a href='#FNanchor_11'>[11]</a><div class='note'><p> alga ist Amharisch, arat Tigrisch.</p></div> + +<a name='Footnote_12'></a><a href='#FNanchor_12'>[12]</a><div class='note'><p> Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.</p></div> + +<a name='Footnote_13'></a><a href='#FNanchor_13'>[13]</a><div class='note'><p> Bei Meilen sind immer englische gemeint.</p></div> + +<a name='Footnote_14'></a><a href='#FNanchor_14'>[14]</a><div class='note'><p> In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares +selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.</p></div> + +<a name='Footnote_15'></a><a href='#FNanchor_15'>[15]</a><div class='note'><p> Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.</p></div> + +<a name='Footnote_16'></a><a href='#FNanchor_16'>[16]</a><div class='note'><p> Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus +geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in +Abessinien eingeführt sein.</p></div> + +<a name='Footnote_17'></a><a href='#FNanchor_17'>[17]</a><div class='note'><p> Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche +andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er +führt an:</p></div> + +<div class='blkquot'><p>"Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler." </p></div> + +<p>ferner:</p> + +<div class='blkquot'><p>"Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei + sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle." </p></div> + +<a name='Footnote_18'></a><a href='#FNanchor_18'>[18]</a><div class='note'><p> Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in +seiner "Reise nach Abessinien etc."</p></div> + +<a name='Footnote_19'></a><a href='#FNanchor_19'>[19]</a><div class='note'><p> Nach v. Heuglin Trachyt.</p></div> + +<a name='Footnote_20'></a><a href='#FNanchor_20'>[20]</a><div class='note'><p> v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen +gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.</p></div> + +<a name='Footnote_21'></a><a href='#FNanchor_21'>[21]</a><div class='note'><p> Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch +selten.</p></div> + +<a name='Footnote_22'></a><a href='#FNanchor_22'>[22]</a><div class='note'><p> Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt.</p></div> + +<a name='Footnote_23'></a><a href='#FNanchor_23'>[23]</a><div class='note'><p> Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G +aussprechen.</p></div> + +<a name='Footnote_24'></a><a href='#FNanchor_24'>[24]</a><div class='note'><p> Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction +heisst Mnaidra.</p></div> + +<a name='Footnote_25'></a><a href='#FNanchor_25'>[25]</a><div class='note'><p> Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.</p></div> + + + +<hr style='width: 65%;' /> + +<div class="center"> +Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. <br /> + +<a name='Page_241'></a>In unserem Verlage ist <i>erschienen</i>:<br /> +<br /> + +GERHARD ROHLFS.<br /><br /> + +Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der +Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste +über Rhadames nach Tripoli.<br /><br /> + +Mit einer Karte von Nord-Afrika<br /><br /> + +von<br /><br /> + +<b>Dr. A. Petermann.</b><br /><br /> + +Zweite Auflage.<br /><br /> + +Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.<br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Ferner erschien:<br /><br /> + +GERHARD ROHLFS.<br /><br /> + +Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen +Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General <b>Napier</b> +und einer Karte von Abessinien von <b>Dr. A. Petermann</b>.<br /><br /> + +Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.<br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Bremen.<br /><br /> + +<b>J. Kühtmann's Buchhandlung.</b><br /><br /> + +<hr style='width: 45%;' /> + +Druck v. Hirschfeld, Leipzig.<br /><br /> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus +den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** + +***** This file should be named 14142-h.htm or 14142-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/4/1/4/14142/ + +Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online +Distributed Proofreading Team. 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