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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:43:48 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***
+
+LAND UND VOLK IN AFRIKA
+
+BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.
+
+VON
+
+GERHARD ROHLFS
+
+
+
+BREMEN, 1870.
+VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
+U.L. FR. KIRCHHOF 4.
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens
+
+Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+Am Bénuē
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+Nach Axum über Hausen und Adua
+
+Damiette
+
+Malta
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika
+
+
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.
+
+
+Mursuk in Fessan im Januar 1866.
+
+Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt
+hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
+Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte
+Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
+würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr,
+viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
+der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben
+Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
+Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
+Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
+Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès
+an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
+
+Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
+gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
+ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
+nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem
+vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler
+und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über
+den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie
+eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so
+anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
+nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
+jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
+Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
+frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
+kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen
+desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
+
+Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand
+meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in
+Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine
+Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
+Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt
+haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
+Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
+Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
+
+Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
+zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
+Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält
+folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
+Si Lalla's bewährt hat:
+
+"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
+sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt
+haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
+Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind
+_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
+mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
+Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
+dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur
+im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran
+ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
+geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie
+innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
+Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
+von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
+gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
+vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält
+einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so
+geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
+hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen
+verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien
+heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes
+Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
+civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom
+Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
+als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
+immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
+Platz machen müssen etc."
+
+Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute
+meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
+nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
+sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und
+notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
+seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das
+Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
+Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
+Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der
+Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere
+gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
+der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
+
+Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich
+will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
+Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
+nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern
+Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich
+französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens,
+namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber
+zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker,
+wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
+gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit
+undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
+weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
+ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in
+Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
+einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
+beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
+Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
+unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
+sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern,
+bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt;
+überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker
+unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
+Türken Eine Religion.
+
+Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und
+sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne
+zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen
+Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
+Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
+Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
+ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der
+Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es
+bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
+verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die
+Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu
+verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
+wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie
+sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
+anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
+schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so
+ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im
+Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
+der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
+und in der Priesterschaft.
+
+In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von
+aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
+Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
+gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
+Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
+christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
+Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B.
+Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen,
+haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
+Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
+
+Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für
+die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist;
+diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu
+vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche
+Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist.
+Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der
+Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
+Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die
+Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
+Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
+christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--
+
+
+
+
+Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.
+
+
+#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#
+
+Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
+näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
+(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an
+Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
+Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
+diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
+Persien vorzugsweise.
+
+Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
+
+"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
+wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
+eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
+demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
+giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
+auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
+vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
+arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
+machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
+eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
+ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
+Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch
+_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem
+eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
+
+Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
+die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
+gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden
+vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man
+z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des
+Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von
+manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
+Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle
+Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
+Süden exportirt.
+
+Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
+sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und
+rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
+Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
+so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
+Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man
+pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
+Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art
+Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
+unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.
+
+Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt
+dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche
+Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem
+sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
+Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
+Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
+dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
+Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen
+kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
+
+
+
+
+Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.
+
+#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#
+
+
+Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
+Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
+nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste
+etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
+Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
+
+Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
+Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
+Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
+Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
+
+Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
+indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
+schwarzen Kaffee ohne Zucker.
+
+7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
+mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und
+befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
+Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
+
+7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
+Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
+scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
+Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
+ich, womit ich angefangen.
+
+7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls
+zählen unmöglich.
+
+Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
+zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
+den Händen fühle, dass ich liege.
+
+Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
+Zeilen Stunden zubringe.
+
+8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
+Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
+vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
+ich will ausgehen.
+
+8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
+verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch;
+ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
+petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und
+setzte mich vor mein Haus.
+
+_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön
+tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich
+und sehe, dass Alles erlogen ist.
+
+Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_?
+
+Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
+grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
+ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
+nicht gelähmt.
+
+Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin
+ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft
+schweben.
+
+
+#26. Januar Morgens.#
+
+Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu
+schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
+Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
+Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
+Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich
+denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe,
+überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
+Tekrurizustande mich befände.
+
+Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
+
+1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
+
+2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
+eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche
+Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
+
+3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
+
+4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
+
+5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
+vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
+
+6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
+
+7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
+dieser Zustand immer dauern möge.
+
+8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als
+das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
+
+Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch
+nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
+
+
+
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+
+Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
+den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
+Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
+Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen,
+welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe
+noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
+untergegangen.
+
+Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
+Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója
+aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
+unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von
+Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
+auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der
+während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger
+herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
+Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen
+Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre
+Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
+als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten
+wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
+lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
+Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
+dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man
+öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
+auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt
+Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
+
+Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
+jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
+Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
+Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
+wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
+die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen
+die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
+Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde
+vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur
+vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
+schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere
+Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
+transportirt werden können.
+
+Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten
+schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen
+Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und
+hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum
+eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
+herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
+ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt.
+Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
+baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
+gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
+dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
+mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich
+hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer
+und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
+Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben
+Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
+und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte
+Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
+Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der
+Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
+Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
+Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
+mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
+angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und
+Treiben am Ufer hervorrief.
+
+Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
+liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am
+Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die
+Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
+Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger
+Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
+zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
+gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10
+Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
+Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
+Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
+allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
+westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
+in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
+Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem
+grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser
+ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
+unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
+etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen
+Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln
+zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe
+Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere
+Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
+Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und
+Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese
+Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also
+schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
+Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
+hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die
+Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
+bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
+langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die
+Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
+wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel
+des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde.
+Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
+selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so
+dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern
+bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
+Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
+Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
+verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde
+unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o
+Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so
+wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
+nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern
+zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt,
+um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl
+gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder
+abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen
+für viere; endlich indess waren Alle satt.
+
+Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
+bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils
+benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
+Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus
+einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten
+ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
+gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos
+gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit
+diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
+erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
+regina) gestickt war.
+
+Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
+folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
+einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf
+jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
+Sprache wird.
+
+Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich
+auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
+welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug.
+Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
+Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so
+lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und
+Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
+folgenden Morgen der Fall sein.
+
+Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
+gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
+starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen.
+Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
+wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten
+sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in
+der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
+Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
+folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
+obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
+tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei
+eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
+dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
+ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
+schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte
+war.
+
+Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
+von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
+durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich
+schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
+überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
+deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
+Zeuge ist.
+
+Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
+erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
+sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von
+allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
+Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
+noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
+und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine
+Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
+und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
+übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
+
+Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
+sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
+Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen
+oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
+Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
+unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich
+neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
+zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an
+salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven
+gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
+davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
+sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
+oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu
+ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
+tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme
+aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
+die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
+Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser
+füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
+
+Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen
+Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
+electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
+taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
+gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die
+Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
+wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand.
+Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen,
+aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
+unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis
+Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden
+seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer
+Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich
+zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
+abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des
+Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
+um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
+freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
+hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
+einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
+die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
+sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
+Sonne.
+
+Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
+Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
+belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
+gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer
+grossen Menge von Canoes.
+
+Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
+ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den
+Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer
+seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
+Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur
+mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung
+begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
+Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
+europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus,
+als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
+der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen
+Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
+einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
+Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien.
+Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
+sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
+unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
+
+Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer
+verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
+würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
+hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
+hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes
+Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
+mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
+Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
+seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
+Aufenthalt angenehm zu machen.
+
+Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
+Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann
+der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und
+jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
+O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
+war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
+über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
+Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
+Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon
+betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
+gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
+dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
+erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
+waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
+er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn
+Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich
+andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
+Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
+schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
+an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
+
+Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
+und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
+aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
+
+Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine
+Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt
+gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
+Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
+vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
+den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und
+Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
+es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor
+der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie
+durch's hohe Hofthor einzogen.
+
+Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
+Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet
+wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
+gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
+sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
+
+_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon
+erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
+englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
+Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten
+Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die
+zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen
+aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
+Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
+Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
+Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
+haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
+grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
+Stadt fast ganz unbekannt.
+
+Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
+westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
+Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme
+genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas
+die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
+ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation
+durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben.
+Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
+mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
+übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien
+verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte
+Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
+Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
+sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
+Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
+Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind
+sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt
+eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
+
+Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
+hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon
+mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
+methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
+dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
+auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
+Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg
+zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
+besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf
+europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
+es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen
+wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die
+schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
+spielte, begleitet, sangen.
+
+Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
+in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
+Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
+Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
+verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu
+werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
+Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
+Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
+und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
+Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
+schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
+als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
+leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
+Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere
+Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
+gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
+Bénuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
+Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
+gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche
+Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während
+meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
+Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
+
+Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
+Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements
+der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
+erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos,
+die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein
+Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch
+bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
+Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
+westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
+letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
+
+Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das
+theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum
+Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh
+nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
+Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was
+Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
+zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist
+indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für
+Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
+diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
+möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
+liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
+ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede,
+aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
+eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren
+können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
+die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden,
+ihren Tribut zahlen zu lassen.
+
+Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
+schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
+Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
+andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
+Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom
+indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika
+gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth
+derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
+Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
+Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
+der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3]
+von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
+kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
+Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von
+Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
+
+Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
+Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
+Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
+Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie
+O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie
+haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
+grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
+einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
+Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
+hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst
+einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
+
+Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die
+wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
+verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
+Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
+glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe
+einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
+die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr
+schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
+bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas
+bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten
+Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso
+unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie,
+weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
+noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde
+zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
+Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
+James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein
+bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James,
+ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der
+den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
+Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
+liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die
+schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
+Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
+Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren
+hundert bringen.
+
+Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
+allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
+grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen
+Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That,
+wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
+Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von
+Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
+Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
+Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und
+jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
+Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
+Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch
+gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
+Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
+
+Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
+Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
+heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
+Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
+hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
+Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See
+begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
+hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
+Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
+
+Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
+dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
+nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
+hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
+denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und
+Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
+Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
+Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
+zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
+Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet:
+es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
+Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue
+Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
+Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
+en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
+eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
+seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
+
+Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir
+dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die
+Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter
+begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
+hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
+der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas
+getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
+noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
+dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
+selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
+Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
+sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
+nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche
+Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
+Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur
+eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
+durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun,
+längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
+
+Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis
+jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte
+deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
+auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die
+Betten nichts zu wünschen übrig.
+
+Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
+Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
+aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand
+ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
+Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
+Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
+die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter
+den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
+auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
+
+Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
+englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
+Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
+12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus
+kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr
+Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
+versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch
+der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
+keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
+keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
+konnte.
+
+Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern
+waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
+lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun,
+nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren
+wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind
+offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
+an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter
+vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
+auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
+Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
+ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
+sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
+Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
+Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
+ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
+
+Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
+Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und
+nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
+Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
+Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern
+gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
+indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war,
+von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
+
+Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
+umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den
+Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
+Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
+von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
+Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos,
+Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien,
+Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen,
+Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
+gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
+zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in
+Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster
+Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
+Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld
+das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z.
+B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
+ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten
+Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun,
+der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge
+auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die
+kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier
+indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein
+Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
+waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
+den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und
+Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier
+vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge,
+fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth,
+ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich
+vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit
+der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung
+verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
+Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
+gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
+geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der
+Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was
+leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
+vernachlässigen.
+
+Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach
+Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
+Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs
+Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
+sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da
+er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde
+eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
+komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
+lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
+französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
+zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch
+und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
+nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
+allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz
+fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war,
+unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
+auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
+erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
+
+Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
+vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
+fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
+flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
+
+Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
+dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg
+dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die
+vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen
+gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf
+hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um
+so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen
+hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
+und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
+Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor
+Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
+
+Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker
+aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme
+umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit
+über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
+handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
+auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere
+Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
+Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld
+eröffnet hat.
+
+Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von
+der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss
+getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der
+rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
+Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
+den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
+weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross
+sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
+das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
+entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
+an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
+unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
+zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst
+bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
+dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch,
+dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl
+die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern
+gewöhnliche Volkslieder.
+
+Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist
+jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg
+wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen.
+Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu
+erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind
+der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle
+Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
+finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
+
+Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
+Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
+fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
+vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
+
+Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
+steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
+Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch
+nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
+einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
+bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
+besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
+schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
+künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
+ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
+vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt
+haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
+hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
+Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
+theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
+Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die
+Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
+bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
+zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen
+mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
+Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
+
+Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
+Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
+einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
+zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen
+sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die
+grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem
+grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
+als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten
+Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne
+brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
+Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu
+uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir
+in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich
+bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit
+meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
+Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit,
+weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien
+recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti
+König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
+Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
+sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann
+auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort
+Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
+Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir
+hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe,
+er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach
+Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so
+ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern
+ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
+
+Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste
+haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
+gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
+Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war.
+Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
+Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft
+anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
+gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
+an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können,
+lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
+Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
+abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
+grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
+Führung des Dampfers.
+
+Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den
+ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess;
+zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck,
+denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren
+Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
+endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
+amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der
+christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
+anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
+
+Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur
+Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
+Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
+Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
+hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste
+vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
+indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein
+mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel,
+die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt
+die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie
+ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
+und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
+ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in
+Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
+vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
+treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
+leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels
+ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im
+Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese
+interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in
+Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
+Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere
+Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
+nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in
+unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie
+aufzunehmen.
+
+Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen
+ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
+Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
+sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
+meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre
+im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch
+mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
+
+Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne
+Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu
+einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
+Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
+unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen
+Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
+gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
+lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
+Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich
+unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
+
+Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
+schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir
+eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
+
+Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
+auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
+emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in
+administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung
+selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
+hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
+Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet
+sein könnte, wird immer noch vom government of the United States
+ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia
+vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu
+verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der
+Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche
+Religion angenommen.
+
+Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt
+selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
+Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt
+Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse
+Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit,
+und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
+Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
+Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
+hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern
+gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000
+Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
+
+Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
+Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
+ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
+Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
+Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir
+selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
+jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel
+zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
+Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose
+Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord
+vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
+Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer
+unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
+
+Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von
+tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
+die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
+konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
+des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
+indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die
+unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste
+von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel
+wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch
+Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre
+Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
+Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der
+bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft
+Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste
+von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche
+geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
+schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
+Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
+vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
+
+Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner
+Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
+Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
+prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem
+Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
+vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
+
+Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr
+Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
+Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen,
+grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des
+Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige
+Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
+dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
+schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies
+imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
+der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im
+Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
+hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
+Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
+schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
+wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses
+gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
+an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
+die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
+etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
+
+Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
+und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
+Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns
+war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
+weniger vom Gesammtbilde verloren.
+
+Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
+näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
+für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer
+Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
+statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
+profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen
+zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
+überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem
+ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
+
+Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
+obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
+durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
+Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
+gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven
+herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und
+Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man
+sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
+Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
+Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
+Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
+als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt
+hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
+Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und
+wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am
+meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die
+Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
+legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
+noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
+als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
+evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
+Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
+desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen
+fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
+Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt.
+Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich
+auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
+haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
+Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig
+machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die
+Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
+weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer
+gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
+der ersteren sein dürfte.
+
+Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
+angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben
+thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen
+bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
+böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da
+Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
+und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind
+meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
+man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
+früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
+Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
+durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
+Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
+mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
+alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder
+doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die
+Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
+Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
+dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
+schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb
+die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
+werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das
+schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen
+mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
+In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon
+weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
+Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
+es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
+ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
+Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie
+Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
+junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich
+vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend,
+ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
+Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
+selbst Verse improvisirend.
+
+Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der
+verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir,
+dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa
+200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
+Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
+jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
+an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
+climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
+schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
+bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
+mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
+Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
+wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
+von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
+zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
+Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
+Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
+
+Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
+und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
+wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
+Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
+heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
+dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
+machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
+ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich
+fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
+hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
+dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
+indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
+geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
+sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
+natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
+war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
+von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60
+Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die
+Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über
+mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
+hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen,
+die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
+nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch
+eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut
+umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht
+beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
+die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte
+keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
+und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
+Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
+Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
+Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
+hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
+
+Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu
+erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
+der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
+6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
+sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des
+Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
+fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und
+französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
+namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
+Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist
+Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
+anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der
+Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder
+Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
+frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
+etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
+ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt
+und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
+in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
+
+Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
+anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
+Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
+Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
+selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei
+Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den
+Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
+aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig
+ausgekehrt hatte.
+
+Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
+einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes
+Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu
+besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
+Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf
+Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
+doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
+erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
+bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle
+hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend
+hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
+zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg
+bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
+Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
+Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
+Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
+zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
+Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
+Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
+Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine
+und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
+mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
+vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
+nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu
+nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet
+ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
+Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
+später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
+sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
+wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu
+verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt,
+ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und
+schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
+bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht
+ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
+Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
+
+Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
+denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir
+hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der
+hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
+so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
+Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
+wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
+junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
+um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
+ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war.
+Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
+See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so
+geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
+Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
+kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für
+die herrliche Insel.
+
+Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
+angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
+erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
+uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig
+grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen
+wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
+landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
+von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem
+eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
+von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
+der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war
+und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer
+kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
+Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind,
+obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
+billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu
+heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
+war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
+augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
+Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
+bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
+
+Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
+Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
+Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach
+einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
+durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
+Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
+ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage
+abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
+Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es
+traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in
+Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten
+Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
+Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der
+Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
+
+Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur
+noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
+gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
+vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
+Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
+gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
+schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich
+anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath
+von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
+und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die
+eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
+Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
+später in den Docks in Liverpool bei.
+
+
+
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+
+ _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
+ Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk
+ der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
+ Sclavenhandel._
+
+
+_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und
+gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl.
+Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
+des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
+Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
+hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
+aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
+unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz
+machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
+hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum)
+Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der
+Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
+anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
+ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
+selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
+welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern
+"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte,
+"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
+Tiefe.
+
+Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre
+1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
+eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
+Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
+be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
+gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem
+durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die
+Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die
+beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
+bilden, beinahe von Osten nach Westen.
+
+An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren
+Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
+Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt,
+residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen
+hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
+bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge
+kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven.
+Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
+Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
+der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
+Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
+Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete,
+nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
+bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
+Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
+Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln.
+Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser
+Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
+andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können,
+und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
+Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher
+hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
+sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
+auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
+indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf
+einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
+ṅssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und
+Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
+
+In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
+giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar
+in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der
+Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
+afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
+haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
+_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei
+oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
+zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
+_Fato_, Wohnung, haben.
+
+_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
+Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten
+vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
+die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt,
+endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig
+sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber
+ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
+_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am
+Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
+vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
+_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
+repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten
+haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
+denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
+Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
+häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
+Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die
+Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine
+Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes,
+sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
+die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
+Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
+südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
+ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
+welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das
+Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
+und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
+
+Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
+europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
+eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess
+kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
+den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
+Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren
+ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
+Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
+sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
+ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
+die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
+Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft,
+nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben,
+welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
+Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
+Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen
+in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben,
+Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen
+die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
+Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
+beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe
+oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
+Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
+Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
+länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
+
+Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
+Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer
+Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
+zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu
+ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
+ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
+Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
+
+Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
+und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe,
+welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der
+Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge,
+von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
+kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
+Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein
+Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
+der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
+Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
+Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare
+Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
+vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser
+Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
+mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes.
+Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
+und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
+selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss
+erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu,
+Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes
+Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
+Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so
+grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
+Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
+Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
+
+Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
+dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
+husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
+über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten
+versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und
+mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben,
+von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
+clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
+_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen,
+nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen
+überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
+erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
+den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
+die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess
+eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine
+Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
+haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins
+Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der
+Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche
+Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den
+Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes
+geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
+mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
+Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
+Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des
+Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert
+meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum
+Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
+verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel,
+Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung
+Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für
+die Sklaven.
+
+Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
+zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
+grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles
+zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück,
+oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
+Nichtsthun hinzugeben.
+
+Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
+fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
+_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
+der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
+wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
+dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr
+Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
+der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
+der Platz am Westthore der Oststadt.
+
+Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt
+hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten
+hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse
+lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig
+ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide,
+dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen
+kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_
+(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des
+_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden
+ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
+_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
+Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
+man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse
+Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
+Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und
+über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist
+das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige
+Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen
+fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
+_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
+mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
+Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
+theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
+muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen
+Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
+Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
+
+Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten:
+Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
+grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
+findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
+die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so
+viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen
+Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
+namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch
+nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
+Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden,
+denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches
+Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
+Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
+Borg abgenommen hatte.
+
+_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
+Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am
+grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
+Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es
+z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
+Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse
+Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
+den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
+die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges
+Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
+ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
+
+Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
+auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind
+alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
+zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
+gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man
+kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel
+hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt
+werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
+weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
+Austausch ein Ende macht.
+
+Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
+vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
+dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
+namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
+leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat
+ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans
+wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um
+Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
+Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
+Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
+es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
+
+Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
+bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der
+Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere
+Weg nach der Küste vermittelst des Bénuē und Niger ist augenblicklich
+für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
+der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
+hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
+von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen
+Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
+durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
+hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.
+
+
+
+
+Am Bénuē
+
+
+Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst
+von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage
+noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
+mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche
+diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
+war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein
+Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
+ich nicht erfahren.
+
+Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
+eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénuē sind es hauptsächlich
+_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
+giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
+hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_,
+_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.
+
+Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die
+uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
+dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
+Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
+mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
+Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
+Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
+beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
+Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
+sah, dass die Nähe des Bénuē hier schon einen mächtigen Einfluss auf
+die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die
+Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch
+überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der
+Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder
+Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
+Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
+80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
+Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann
+drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir
+selbst.
+
+Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
+hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches
+ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
+aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
+kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
+Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten,
+weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu
+Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen
+gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
+konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so
+dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
+ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse
+Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
+plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
+weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig
+helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
+Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
+als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
+unseren Füssen sich ausdehnte.
+
+Aber nein, es war kein See, _es war der Bénuē_. Nach rechts und links
+dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah
+man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen
+Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
+ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
+werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden
+sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
+sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden,
+um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
+Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
+nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir
+uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
+Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und
+sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem
+Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser
+stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
+an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
+jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und
+bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
+paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
+waren diese den Bénuē _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
+schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
+halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
+gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine
+Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
+_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
+zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
+bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten
+Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
+nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder
+im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
+Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
+dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
+Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den
+Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100
+Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
+solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
+wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
+war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
+Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren.
+Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
+begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor
+der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
+Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
+hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
+stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
+hinüber geschaufelt.
+
+Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss,
+wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
+nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
+zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich
+vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
+Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
+irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
+dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht
+schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
+da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte,
+Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
+so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten,
+und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
+vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
+einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu
+verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett
+aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte,
+fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
+üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge
+Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
+glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine
+dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji,
+Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese
+Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--).
+Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
+antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
+einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
+ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie
+befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
+
+Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu
+antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
+schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
+ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom
+Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
+entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
+Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station
+an der Mündung des Bénuē in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
+von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens
+_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in
+Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde,
+den ich später zu erwidern hätte.
+
+Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
+Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der
+_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die
+ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag,
+überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer
+zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen
+jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die
+Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden
+aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass
+nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet
+werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
+scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von
+Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
+liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
+hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
+unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell
+um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_,
+indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass
+einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
+_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie
+jene zu haben.
+
+Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten
+aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
+uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er
+besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde
+nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
+recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
+Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
+Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
+unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war
+keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
+forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
+4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse
+stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
+hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
+das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
+gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
+Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu
+verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
+Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
+bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
+den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
+
+Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er
+mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
+blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich
+in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
+selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
+machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
+wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in
+Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
+sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
+Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
+
+Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es
+war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die
+Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
+es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
+Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
+Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
+beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig,
+dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht
+wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt,
+dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
+aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers
+von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
+durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
+Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
+vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen
+tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige,
+dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
+im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
+wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
+nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
+sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen
+umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
+kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in
+Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
+treiben sich nun überall umher.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
+Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
+genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem
+Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende
+Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
+bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
+die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich
+erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
+beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
+hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
+Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
+vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
+
+Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B.
+in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall
+Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
+zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
+zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen
+allgemein.
+
+An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche
+Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
+Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
+den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
+neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
+linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
+Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
+aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde
+mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
+bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht
+zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
+_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmegē_, einem Freunde des
+verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
+
+
+
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
+
+
+Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen
+Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
+gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
+haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
+eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
+beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
+despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator
+und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und
+Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
+Wohnsitze haben.
+
+Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
+Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im
+Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
+Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
+Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
+sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
+verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
+endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von
+den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
+
+Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
+zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
+auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst
+"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den
+Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
+müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling
+sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen
+männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
+Königin hat den Titel "derde-ádebi".
+
+Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
+so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
+damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer
+einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch
+für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
+"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den
+mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber
+genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen
+eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
+bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
+Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
+thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind
+viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
+der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
+zweite Person wissen zu lassen.
+
+So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
+complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker,
+der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der
+Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen,
+welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker
+nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung
+vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während
+z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
+einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
+derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in
+gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
+Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass
+die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden,
+zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört
+es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
+
+Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
+niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen
+Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
+verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu
+bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
+Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls
+nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
+zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
+
+Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat
+man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der
+mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
+befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
+hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
+blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
+
+Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst
+der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses
+ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
+Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
+das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande,
+wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese
+der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
+hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel
+"ardžino-ma" führt.
+
+Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen
+Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
+Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine
+Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und
+hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen
+und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie
+so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen
+Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur,
+dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und
+Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
+hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
+jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der
+Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer
+Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein
+Titel ist "mar-ma-kullo-be".
+
+Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
+betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
+weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
+Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man
+andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
+alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die
+homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath
+und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der
+königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen,
+dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
+Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des
+Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
+für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu
+besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
+Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
+Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen
+und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
+Mai seine Hände abspült.
+
+Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
+Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
+Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen
+ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
+Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
+corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit
+sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
+Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst
+"katš élla-ṅbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die
+übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die
+Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
+
+Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte
+hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben
+diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
+in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von
+Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
+Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
+"billa-ma", und nach Barth auch "tš i-ma", während Koello letzteres
+Wort mit Abgabensammler übersetzt.
+
+Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber
+des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl.
+von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den
+grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person
+präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles
+Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
+wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine
+Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
+wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
+die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
+denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und
+auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht,
+Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
+nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen,
+und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
+
+Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
+Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche,
+welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
+1867 die Einrichtungen der Staaten Bautš i, Keffi-abd-es-Zenga und
+Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit
+der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
+nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
+Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.
+
+Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr
+oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
+den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
+jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als
+weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als
+solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der
+Gläubigen.
+
+Im Lande Bautš i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann
+nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautš i) genannt,
+steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich
+unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen
+eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
+entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
+gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
+Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage
+offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und
+aburtheilt.
+
+Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die
+eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
+ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
+Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
+Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den
+übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt
+hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
+vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
+Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
+sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese
+selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
+Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
+Bautš i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang
+nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch
+Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke
+in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile
+Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge
+hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein
+Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder
+Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider,
+"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".
+
+Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
+Ministerium entspricht, versieht in Bautš i der "galadima", aber fast
+ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel
+"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls
+der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur
+vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle
+Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in
+Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
+ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
+Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst
+Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner
+das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs
+"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten,
+wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs
+zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs
+betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
+Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
+nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer
+ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig
+ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
+ist und "serki-n-ara" heisst.
+
+Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor,
+dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
+auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
+ist "serki-n-kurmi".
+
+Als Truppengattung finden wir in Bautš i nur Reiter und Infanterie,
+letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
+namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
+haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der
+Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
+Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der
+der Reiterei "serki-n-dauáki".
+
+Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich
+"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen
+heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher
+_nicht_ Pullovölker, und da diesen in Bautš i eine grosse Zahl von
+Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
+"sénnoa".
+
+Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische
+Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
+mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
+Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
+sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu"
+heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa",
+wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in
+Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der
+Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
+verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
+Sklaven bestehen.
+
+Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber
+des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
+natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der
+Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung
+hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
+"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die
+Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es
+nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge
+nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
+herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von
+Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer
+"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu
+finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der
+Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
+Namen "liman" hat.
+
+Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
+Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein
+vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den
+König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das
+Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird.
+Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und
+"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der
+Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
+der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt
+eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische
+Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.
+
+
+
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.
+
+
+Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
+im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn
+man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende
+Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment
+vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do
+you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei,
+so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss
+und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen
+so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
+dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
+auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über
+die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden
+sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst
+zu besuchen Gelegenheit hatte.
+
+Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der
+Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
+Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist
+eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
+Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
+hin verbreitet.
+
+Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen
+angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und
+unabhängig vom Arabischen Einfluss da.
+
+Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
+Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und
+Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich
+vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich
+vom genannten Wasserbecken.
+
+Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet,
+vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
+begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
+machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
+haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna
+dǚnnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige
+_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr
+repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
+Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den
+Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
+und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete
+wiederholt dann _getta inna dÇšnnia_, worauf der Andere _Lahin
+kénnaho_ antwortet.
+
+Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
+nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
+Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
+killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob
+Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
+die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte
+untermischend.
+
+Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte
+anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich
+auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
+nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
+niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen
+indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie
+immer eine knieende Stellung ein.
+
+Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem
+Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder,
+Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich
+zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
+sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.
+
+Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während
+der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch
+_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen.
+
+Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf
+gleiche Weise.
+
+Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara-
+und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
+Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
+Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner
+sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_
+gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.
+
+Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte
+_Lalē, Lalē, Lalē_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand
+der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt
+aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt
+Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
+Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr
+bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem
+Zustande der Haut: _ṅda tégē_, wie ist die Haut?, und schalten hin
+und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_
+ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte
+Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
+viel wie Friede bedeutet.
+
+Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess
+ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die
+Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die
+Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen
+_Lalē, Lalē_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig,
+oder _ṅgúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
+Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
+man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor
+dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
+wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten
+Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
+Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten
+Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche
+Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie
+mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht
+und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch
+selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua
+(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
+"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.
+
+Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
+unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich
+berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter
+einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen,
+erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
+zuerst grüsst.
+
+Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie
+herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _ṅdáni, adak ke
+l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia lē_. Letztere Redensart ist sehr
+gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben
+sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart
+_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt
+werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie
+angewandte Wort _gode-á¹…gin_ haben.
+
+Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse
+Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
+Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
+sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau
+begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange
+nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem
+Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung
+macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
+einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem
+auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht
+gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
+Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_.
+
+Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich
+specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?",
+"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_",
+"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich
+danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch
+ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf
+das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.
+
+Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie
+die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
+machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
+Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von
+den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die
+Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies
+Zurückschlagen.
+
+Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
+selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und
+grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte
+Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
+dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
+der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme
+bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Melē-Fulan, ist zum
+Theil, und namentlich die Melē-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
+übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem
+Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
+Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.
+
+"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es
+entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie
+ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad'
+Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
+bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische
+zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
+keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
+hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die
+der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne
+Umstände sich nähern konnte.
+
+Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes
+_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_;
+ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich
+nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
+Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.
+
+Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am
+Bénuē ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
+Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben,
+wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
+bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_
+(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
+Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
+Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der
+Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
+eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
+der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern
+sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die
+sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie
+nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen
+von Hoch und Niedrig keine Rede.
+
+Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bénuē
+besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
+sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden
+Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
+haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a,
+eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
+ihre Stimme hören können.
+
+Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen
+Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
+Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.
+
+Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
+Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
+vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl
+wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor
+einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus,
+worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie
+geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält
+dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
+man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim
+Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder
+_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht?
+
+Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die
+Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der
+Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse,
+welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
+vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich
+prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein
+Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.
+
+Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der
+fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
+Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten
+Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten,
+verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher,
+welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
+(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des
+Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
+sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.
+
+Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand
+begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder
+_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und
+blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor
+ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und
+legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
+auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender
+Stellung zu reden.
+
+Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
+Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
+gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
+geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
+begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her
+schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper
+in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die
+O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche
+Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
+Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
+Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_.
+
+Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
+Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als
+Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
+nach Europa herübergekommen sind.
+
+Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit
+_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_,
+ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst
+Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_,
+Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
+Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
+Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
+einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden,
+namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.
+
+Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und
+erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
+Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
+_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl.
+
+Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
+Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort?
+_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern,
+den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
+dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies
+bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das
+Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der
+Küste von Guinea der Fall ist.
+
+Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
+(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie
+_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im
+Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber
+richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
+Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
+Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren
+ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss.
+
+Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_
+zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus
+und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,
+wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der
+Stadt steht's gut.
+
+Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du
+her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise
+glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern
+das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,
+mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die
+Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.
+
+
+
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]
+
+
+Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
+Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
+mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten
+Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
+bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die
+Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
+Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
+Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
+oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen
+konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen
+Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein
+letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier
+einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war,
+ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden
+Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
+zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
+bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in
+alle Winde zerstreuen.
+
+Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
+Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
+oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
+verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder
+Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
+weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
+reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
+Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
+Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
+bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
+vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo
+zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
+nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer-
+und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
+dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
+Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
+da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert
+abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa
+Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es
+augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
+Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
+vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
+Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
+wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
+es früher war, Besitz der Galla.
+
+Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
+wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
+Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach
+Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege
+zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
+gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den
+Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die
+Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
+die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
+wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
+der Geographie nützlich zu sein.
+
+Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
+nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
+so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
+vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
+nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt,
+glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben
+und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen
+beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine
+jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er
+danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
+Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine
+Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
+Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu
+wollen.
+
+Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch
+Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
+hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
+gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur
+Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
+diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
+weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
+Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die
+Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
+ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die
+Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
+halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
+als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die
+Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
+oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
+äusserer Gebräuche basirt.
+
+Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
+macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
+hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen.
+Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa
+ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
+durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.
+
+Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
+Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
+tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
+Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe
+Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
+nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
+entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
+sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
+in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
+und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
+dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu
+einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
+Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der
+Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
+dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
+Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet,
+dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
+Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
+reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen
+Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des
+Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die
+lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
+nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
+Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
+Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode
+gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion
+kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
+eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für
+immer Adieu gesagt zu haben.
+
+Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
+seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
+alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine
+Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres
+correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
+eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
+Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
+glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden
+aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können,
+sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich
+vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
+nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei
+dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
+Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.
+
+Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
+Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
+beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
+Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher
+zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
+Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf
+Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
+blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
+ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das
+Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
+Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden
+hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
+auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
+blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
+trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt
+oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
+zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen
+in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.
+
+Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
+vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
+abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
+zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
+Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
+Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
+Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts
+weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse
+verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie
+hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
+Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise
+nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
+zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
+kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
+Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
+freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen
+Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich
+die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise
+anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
+Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.
+
+Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von
+Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute
+jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
+Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
+unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich
+war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein
+ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die
+zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
+Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
+ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren
+Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
+weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
+gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine
+breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus
+Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
+ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
+weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen
+sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
+sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
+weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
+Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
+hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.
+
+So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
+Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
+stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster
+Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
+durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der
+Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche
+Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
+hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und
+als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
+Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser
+bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten,
+nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf
+die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
+trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.
+
+Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
+halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
+Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
+von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom
+früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
+Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
+grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
+Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
+was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
+lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
+dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der
+Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
+Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
+englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
+heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
+sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist
+aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
+Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
+Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
+der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
+Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit
+dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
+dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
+einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
+aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese
+Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah,
+musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.
+
+Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
+und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut
+ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können,
+dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
+behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
+von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
+weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte
+bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
+Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in
+Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und
+mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist,
+welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich
+das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
+Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
+hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun
+abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
+längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich
+starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen,
+welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
+wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer,
+Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
+bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
+sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
+Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
+einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich
+ausgestattet sind.
+
+Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger
+begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu
+klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche
+Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat,
+die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
+werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer,
+die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
+bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben
+Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
+und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.
+
+Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
+zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
+von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit
+Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
+an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
+Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
+so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
+durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen
+Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
+eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
+Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
+basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
+NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
+entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
+Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
+vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
+aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
+Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
+zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und
+Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
+einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
+als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
+will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.
+
+Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die
+Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
+verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
+gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
+hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch
+fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
+Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden
+war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
+machten wir uns früh Morgens auf.
+
+Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
+Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und
+entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das
+Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
+denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
+Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass
+bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
+flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
+Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika
+vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
+anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50
+Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
+man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
+obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
+Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
+Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
+Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
+Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
+was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
+fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
+Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
+warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil
+wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
+Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich
+sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie
+sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
+würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden.
+Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
+der Türkei und Aegypten.
+
+Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
+dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte
+anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
+leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in
+den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
+aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und
+luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss
+über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
+trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
+Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends
+einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen
+Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
+davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche
+Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im
+Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
+chokoladenartige Farbe.
+
+Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
+Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba
+Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen
+Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
+dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist
+Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von
+derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.
+
+Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
+überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der
+östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort
+gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
+überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
+Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
+den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
+Laktalab liegt.
+
+Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner.
+Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
+Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
+in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
+abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die
+Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem
+gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
+Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi
+gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und
+anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste
+Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und
+prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von
+Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
+einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh,
+ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
+innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten
+bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im
+Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt.
+Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
+dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
+nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer
+mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
+wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
+dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten
+Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand
+einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
+hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und
+sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
+ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
+käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.
+
+Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
+ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für
+gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte
+schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
+Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker
+Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch
+jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
+in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
+namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken,
+sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
+manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
+übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
+Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
+welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
+werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung,
+so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper
+annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.
+
+Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
+besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
+Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
+die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
+alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
+Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer
+roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
+offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses
+Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von
+ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten
+Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
+Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich
+gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man
+mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
+dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
+Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
+sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden,
+wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
+Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
+in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
+wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
+sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während
+man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
+christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie
+dafür erkennen.
+
+Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St.
+Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde
+man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers
+hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
+und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche
+wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste
+und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
+Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
+man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres
+finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
+Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist
+sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba
+Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
+ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
+Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
+wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt.
+Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
+anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat.
+Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
+Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen
+monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
+widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
+Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
+Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
+Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von
+aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus
+demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
+zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen,
+alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass
+Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst
+geschähe.
+
+Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
+gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine
+Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
+dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
+Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte.
+Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
+selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
+entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden
+aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
+zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh
+stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der
+Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
+Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die
+jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.
+
+Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,
+und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
+Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
+Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk,
+das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
+für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.
+
+Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
+mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
+Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
+vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
+dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von
+den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
+andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit
+eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
+hundert Personen belaufen.
+
+An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume
+aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
+grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
+bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei
+andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume
+überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
+weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
+einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
+auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine
+Bewandtniss damit habe.
+
+Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen
+Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
+7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die
+Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
+Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
+gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von
+alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
+scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
+jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
+als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.
+
+So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
+zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
+Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
+Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu
+befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
+gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.
+
+Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich
+von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
+Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten
+herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
+Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche
+Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und
+Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
+Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
+durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
+Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig
+von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
+zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
+diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
+eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend
+angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber
+ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich
+der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
+Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?
+
+ * * * * *
+
+Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute
+begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme,
+Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
+in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
+Arznei zu bekommen.
+
+So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der
+Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
+Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in
+letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
+hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
+nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen
+gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
+Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich
+nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
+haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
+Morgen graute.
+
+Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
+überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
+bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
+einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch,
+Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ
+nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären
+Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
+man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
+der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen
+aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
+Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt
+scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
+herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
+Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
+Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.
+
+Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die
+ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die
+Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese
+Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
+seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath
+vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
+faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
+einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts
+dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
+streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen
+Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während
+seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
+anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
+Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
+Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion,
+dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich
+eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
+fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
+Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
+hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.
+
+Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
+die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
+so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
+traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte.
+Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
+Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
+erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
+Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
+kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
+beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
+herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
+Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie
+selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
+beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den
+Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.
+
+Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender
+kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden
+zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.
+
+ * * * * *
+
+Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
+wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
+weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
+den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
+wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
+sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
+wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
+nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches
+gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass
+ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
+Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
+Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem
+Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch
+ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
+Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_
+gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_
+fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem
+von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen
+Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.
+
+Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und
+brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu.
+Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu
+leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
+erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie
+aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
+Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht
+worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
+Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
+Bevölkerung arm zu machen.
+
+Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen
+Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
+indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten
+unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des
+Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
+Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet,
+der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der
+Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine
+mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein
+südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
+Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
+Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
+um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
+Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
+ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
+Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
+Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
+Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein
+eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
+zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
+Bestimmung seiner Höhe, weg.
+
+Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns
+in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
+dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen,
+andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
+als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über
+uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
+uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
+zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
+Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
+dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
+vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte,
+so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
+den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.
+
+Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle
+in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die
+Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
+überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
+schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In
+der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
+der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
+gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
+ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
+Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne
+Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
+herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der
+Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen
+erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
+Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
+noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
+bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht
+weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
+Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er
+war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
+Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig,
+aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
+trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
+unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
+sonst nicht folgen könne.
+
+Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
+man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim
+Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere
+Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
+noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
+Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
+Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je
+nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen
+verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
+Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und
+Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort
+sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
+wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine
+Karawane unbelästigt den Zoll passiren.
+
+Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
+Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah,
+anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas
+Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von
+Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
+mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es
+bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst
+dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
+antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
+wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter
+ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
+nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
+kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der
+Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut
+aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
+Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
+einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich
+finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
+gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der
+Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
+zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
+ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf,
+dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
+einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als
+höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
+dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers
+erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
+höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
+der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in
+Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
+steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen,
+auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]
+
+Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
+nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
+nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
+als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer
+der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
+reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
+sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem
+Boden mir gegenüber.
+
+Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen
+Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
+grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz
+verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft
+haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen
+lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während
+seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
+ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der
+Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
+wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
+selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
+europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als
+seine übrigen Kleider.
+
+Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
+zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
+belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom
+Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt.
+Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
+Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut,
+wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit
+hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen;
+vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner
+Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das
+Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11]
+genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
+ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
+zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
+Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine
+Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen
+das Ameublement.
+
+Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
+alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
+von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns,
+dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
+in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind.
+Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und
+exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
+Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
+stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
+Christen in bester Eintracht.
+
+Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und
+selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
+Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr
+billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu
+unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5
+Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht
+englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
+theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler
+brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
+auch für solch hohen Preis keine zu haben.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich
+zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
+seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
+entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
+Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
+Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
+überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
+Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden
+verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
+das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die
+Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land
+gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und
+Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
+gehorchen.
+
+Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
+dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir
+und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt.
+Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das
+Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert
+hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
+Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
+setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
+vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
+nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
+vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit
+des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste
+Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
+durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut,
+denn jede Nacht gab es Gewitter.
+
+Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
+vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
+einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
+miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
+des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen,
+waren reichlich vorhanden.
+
+Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
+Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft
+sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
+giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
+Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
+wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
+scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine
+Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
+Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
+Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt
+oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
+hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
+zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
+Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
+die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
+manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück
+trug.
+
+In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
+oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale
+Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter
+oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
+Umfang gesehen habe.
+
+Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
+fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben
+Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
+bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende
+Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
+einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
+von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
+bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
+erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
+gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
+Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
+halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
+welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
+dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen
+Gebirgszuges nördlich vom Tselari.
+
+Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
+ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
+Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
+See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der
+weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
+Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit
+Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und
+Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
+bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
+angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
+an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
+Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
+blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
+Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.
+
+Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
+war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht
+am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
+ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
+(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine
+Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
+in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen
+fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
+entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei.
+Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
+Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
+Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch
+nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte.
+Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige
+Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.
+
+Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
+darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen
+Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
+Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
+verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
+er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
+Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
+diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
+indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
+prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
+erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft
+hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
+und Zündhütchen.
+
+Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
+Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
+verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der
+Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
+Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.
+
+Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
+beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
+und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
+ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
+meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
+mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
+Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
+recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
+Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
+immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
+und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der
+Heimath fort.
+
+
+ Höhenmessungen mit dem Aneroid.
+
+ Abdikum 9250 engl. Fuss.
+
+ Takaze, Bett 5800 " "
+
+ Salit 6200 " "
+
+ Lalibala 7000 " "
+
+ Schegalo 6200 " "
+
+ Bilbala-Gorgis 6170 " "
+
+ Eisemutsch-Thal 6359 " "
+
+ Mári-Thal 5200 " "
+
+ Taba, Ort 6000 " "
+
+ Siba-Pass 6500 " "
+
+ Mokogo-Pass 7800 " "
+
+ Biala-Pass 9000 " "
+
+ Ohlich, Ort 6200 " "
+
+ Telela-Pass 7100 " "
+
+ Sokota 6500 " "
+
+ Emenenagerill-Pass 5600 " "
+
+ Uana-Pass 5550 " "
+
+ Tselari-Bett 3200 " "
+
+ Zaka 4200 " "
+
+ Zamra, Bett 3150 " "
+
+ Fenaroa 4500 " "
+
+ Samre 6000 " "
+
+
+
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+
+Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
+Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8'
+28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein
+von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
+zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
+fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See
+begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
+Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln
+kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
+hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa
+10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss
+(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe
+Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von
+minder hohen Bergen umschlossen.
+
+Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus
+marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
+bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
+der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief
+eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
+Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
+haben, ohne indess den Ort anzugeben.
+
+Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
+wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere
+die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
+so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
+ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
+mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
+den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
+lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
+oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
+Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
+Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch
+allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu
+finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
+dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
+10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.
+
+Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
+abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um
+einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher,
+was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
+erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
+Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat,
+so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
+Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
+Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
+können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
+den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
+Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug
+natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
+werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
+die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben
+werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
+Luftwärme.
+
+Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
+unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
+besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
+Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
+diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
+wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir
+sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
+Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon
+auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche
+vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.
+
+Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
+spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
+Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
+vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen
+Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
+Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als
+Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
+während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
+die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
+Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen
+Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
+Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
+aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher
+runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
+Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige
+Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum
+Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus
+Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln,
+bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren
+Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
+besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
+Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
+es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
+nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
+gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
+den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe,
+keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
+Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
+eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen
+wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
+Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht;
+Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
+Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
+Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden,
+kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
+konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen,
+ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher
+besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem
+grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
+nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.
+
+An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen
+grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
+viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
+ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher
+hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind.
+Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen
+und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört.
+Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten
+von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche
+Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber
+fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
+Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
+erfolglos.
+
+Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
+mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen
+Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
+stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen
+Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige
+obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
+zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
+längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der
+ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
+Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos
+Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
+Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.
+
+
+
+
+Nach Axum über Hausen und Adua.
+
+
+In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
+eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
+sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition,
+die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
+gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
+Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen
+war, nach Axum zu gehen.
+
+Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
+Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
+obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
+den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den
+Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können,
+aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
+von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
+zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen
+wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch,
+dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges
+gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
+Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
+Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
+Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef
+verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für
+die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
+mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.
+
+In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
+dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
+Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
+ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
+Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm
+entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
+ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
+englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
+Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen
+wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
+Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.
+
+Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um
+3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
+Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der
+uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
+eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
+bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist
+äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser
+der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
+gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege
+entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
+Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben,
+Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten
+Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
+des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
+schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer
+wurden diese Qualen.
+
+Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den
+District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
+von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
+Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
+Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten
+dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
+gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
+selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
+auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
+eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge
+Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
+Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch
+die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
+Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
+Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger
+Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen,
+bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen.
+Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein
+gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
+gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
+Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
+betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
+Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut
+sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von
+Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen
+und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
+nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts
+von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet,
+die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
+überdeckt sind.
+
+In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
+konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
+Europa.
+
+Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
+Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
+Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese
+zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
+die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name
+andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
+Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
+berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
+war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
+einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
+Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen
+ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich
+kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
+noch heute Troglodyten sein.
+
+Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
+entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
+Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den
+Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
+passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
+zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
+unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.
+
+Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte
+entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
+unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
+auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
+Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
+Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
+versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
+herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
+Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
+Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
+Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
+finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so
+unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück,
+an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
+früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es
+ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens
+dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
+Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
+sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus
+gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.
+
+Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen
+Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
+ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
+bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte
+sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
+kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
+weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
+Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
+Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
+wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
+diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
+das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen
+wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
+schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
+setzen.
+
+Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
+durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne
+auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
+von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen
+der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
+Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
+wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
+durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
+Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
+über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die
+Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten
+Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
+Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am
+Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir
+noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
+Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
+erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein
+Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
+war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück.
+Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte
+aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
+verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück
+geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
+für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste
+als Viehfutter dienen.
+
+Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber
+wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
+wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
+N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten,
+Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
+halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die
+Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
+Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
+Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
+Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
+des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben,
+hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
+nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
+wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf
+einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs
+zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort
+Gedera.
+
+Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
+von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
+Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
+umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn
+vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
+Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.
+
+Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
+Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
+vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz
+unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet.
+Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
+auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
+Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
+allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
+Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
+versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
+tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber
+selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden
+und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
+Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
+nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
+schätze.
+
+Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
+und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend
+nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur
+Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen
+Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte
+Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
+neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
+ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im
+Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
+sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern
+sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
+befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die
+Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier
+bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
+Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen
+Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
+mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
+dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge
+anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
+Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die
+Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
+zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
+Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
+hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein
+gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der
+Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
+aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen
+konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
+und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren
+Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
+dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
+einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
+besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
+Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
+überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
+einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
+sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
+was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte,
+wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
+Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche
+uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
+Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
+verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
+wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
+gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste.
+
+Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten
+ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr.
+Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
+Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
+hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir
+höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000
+Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
+zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
+Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
+seine Meinung von Abessinien ist.
+
+Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
+versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
+Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf
+anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
+Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter
+Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
+Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
+Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
+Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch
+ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
+grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
+den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
+kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
+bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um
+seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
+ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
+Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
+Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen,
+sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
+gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt
+zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
+Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
+Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
+Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
+brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell
+hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
+dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
+hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so
+entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
+brachte.
+
+Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte
+Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin
+Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
+unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
+bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei
+oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
+Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und
+Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
+Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann
+später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
+Pantalem genannt.
+
+Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
+obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es
+liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer
+durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares
+erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15]
+gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
+hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus
+zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
+auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich
+finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
+seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und
+Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden
+sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
+gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
+thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
+Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude
+ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
+Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu
+haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen,
+sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass
+hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
+Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
+selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
+jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
+das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser
+als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder
+Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
+keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne
+Bedeutung ausgenommen.
+
+Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
+übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben
+zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären,
+so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
+dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
+wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus
+einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
+findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem
+ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
+Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao"
+führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster
+Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre.
+Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
+scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
+Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte
+Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
+Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
+dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
+Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen
+nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
+hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia
+angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
+erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.
+
+Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb,
+um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
+griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
+vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König
+Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
+christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
+Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.
+
+Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
+den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da
+wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
+Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
+es ist ein Gebäude der Neuzeit.
+
+Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
+von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
+sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus
+sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
+und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.
+
+Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
+rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
+nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
+Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche
+Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
+Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den
+Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem
+Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
+Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir
+daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
+Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es
+ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
+hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
+vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns
+ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
+abziehen.
+
+Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
+westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
+die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
+welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren
+linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns
+in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
+Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
+meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte
+mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre.
+Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
+zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde
+Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
+Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
+Gemüsebau nichts zu sehen.
+
+Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
+verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
+Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
+mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
+an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
+Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
+Provinz zurückkehren möge.
+
+Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
+Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg
+zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.
+
+Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
+war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
+denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
+Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
+Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
+Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster
+Abessiniens, liegt.
+
+Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
+Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
+halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg
+aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
+wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
+abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
+besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre
+Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
+treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig,
+Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
+so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
+Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns
+Aufgang zu verschaffen.
+
+Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
+um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
+herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
+schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.
+
+Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
+die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
+Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
+fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
+einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf
+Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
+und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen
+sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.
+
+
+
+
+Damiette.
+
+
+Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
+sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
+wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
+gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
+grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
+anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
+haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist
+jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
+wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
+sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.
+
+Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten
+und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
+so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
+Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
+die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
+mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
+mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
+fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale
+Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch
+Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.
+
+Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den
+Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich
+hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da
+aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
+und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
+reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit
+eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie
+fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
+und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
+Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
+Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
+welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
+Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That,
+es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.
+
+Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
+Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof
+des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
+einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe
+Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
+Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach
+einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
+nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
+des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
+Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
+Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
+befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
+Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
+schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
+davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
+bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die
+Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
+einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum
+Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul
+selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten
+Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
+ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
+verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
+die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen
+lässt.
+
+Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
+denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die
+Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
+Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
+langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich
+Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
+nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so
+bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël,
+also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
+nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
+benutzen, aber langsam ging es trotzdem.
+
+Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
+Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
+wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
+ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
+tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen
+sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
+Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
+lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
+Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern
+Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser
+herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
+nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen
+wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren
+Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
+Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
+geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
+trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
+Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
+beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
+nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene
+kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
+patrouilliren müssen.
+
+Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
+aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
+sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.
+
+Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
+ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
+wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
+in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener
+Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
+sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
+Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
+wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten
+wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
+hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
+Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der
+wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
+kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
+indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
+kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
+gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
+ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
+einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
+Smah[21] nennen, herausragen gesehen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
+Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
+des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
+Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
+dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
+übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
+am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
+höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
+Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu
+bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
+arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
+jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine
+leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
+konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
+Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
+an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
+es zur Stadt.
+
+Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
+ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
+Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich
+und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
+kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
+zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in
+einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
+europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten
+Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
+besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
+ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
+erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
+Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
+bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
+Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
+Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar
+ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
+kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man
+nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.
+
+Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
+aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
+verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
+und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet,
+mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön.
+Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber
+früher bedeutend grösser.
+
+In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann
+unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die
+Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt,
+12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
+des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
+Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
+Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige
+Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
+Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
+Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
+November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von
+Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
+Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer
+im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen
+Heeres sein.
+
+Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
+zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
+schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
+Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
+Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
+Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
+Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
+Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
+ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
+gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und
+Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
+dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder
+aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.
+
+Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
+und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
+entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück,
+welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
+Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
+Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
+Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.
+
+Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
+Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
+Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die
+christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist
+griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von
+eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
+wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind
+augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
+Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde,
+und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen
+Schutz.
+
+"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
+reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch
+einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
+entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
+Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
+Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
+hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
+mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich
+auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
+"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
+zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte
+der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
+machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
+spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere
+Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
+fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen
+Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette
+repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
+spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
+spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
+abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine
+Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
+Herrn Consuls zu empfehlen.
+
+Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir
+nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die
+Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's;
+sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
+als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
+correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde,
+sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu
+repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
+irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste
+Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu
+Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
+genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
+doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
+empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
+Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
+aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin
+Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform
+und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
+die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
+eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
+um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
+Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
+das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
+norddeutschen und spanischen Salon.
+
+Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
+welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
+geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das
+Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
+lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen
+heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
+Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die
+Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte
+für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er
+officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen
+übereinstimmen".
+
+Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
+die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul
+Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
+auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles
+den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge
+ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
+Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von
+dieser Familie repräsentirt wird.
+
+Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
+Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre
+Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und
+noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
+Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
+nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt
+worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke.
+Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
+vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel,
+denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
+und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
+kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
+fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz
+roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
+von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus
+dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
+(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
+Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
+Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
+und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
+Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt,
+die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
+entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der
+mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
+zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
+Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.
+
+Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht
+neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
+haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
+niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die
+Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
+Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
+denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
+haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.
+
+Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
+katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird,
+dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
+Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden,
+nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude,
+welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
+steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind.
+Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
+liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
+italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit
+Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend,
+unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
+hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien
+sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege
+Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders
+schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
+el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen.
+
+Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude,
+mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier
+die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
+fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis
+hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
+damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei
+und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
+Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In
+neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da
+Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
+wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
+gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige
+Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
+Meilen nilaufwärts liegt.
+
+Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
+regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
+nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
+lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
+Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
+welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
+ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
+ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.
+
+
+
+
+Malta.
+
+
+Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
+Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird,
+tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im
+Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
+wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am
+interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
+arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
+Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
+am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich
+fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie
+die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer
+Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
+glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
+die Laute ohrgerecht machten.
+
+Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir
+schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren
+kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
+Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage,
+Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem
+Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.
+
+Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta,
+welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
+Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später
+sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
+Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren
+Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
+Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
+bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft.
+Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche
+dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
+mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
+Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
+Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte.
+Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
+Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
+den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
+Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
+Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
+Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
+Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
+dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
+Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
+letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
+Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren
+Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.
+
+Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul
+des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche
+Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
+heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der
+Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
+indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.
+
+Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
+Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
+Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben
+aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
+Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
+Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und
+sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich
+befinden.
+
+Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische
+Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
+Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
+von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St.
+Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier
+und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten
+Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
+Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht
+Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
+hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
+die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
+eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
+auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
+sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher
+Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
+Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.
+
+So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil
+scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
+Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der
+Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft
+durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten
+der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
+alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's
+angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
+verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen
+Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
+so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
+haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
+finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
+smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
+früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu
+wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer
+erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
+getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
+Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
+einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
+alle viel zu wünschen übrig.
+
+Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns
+der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
+ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei
+den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom
+Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
+heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
+der grosse Ort Rabatto.
+
+An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
+dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
+Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess
+die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere
+Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für
+die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
+der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
+wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
+gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
+ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
+genossen.
+
+Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei
+Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
+Malta scheitern zu lassen.
+
+Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
+fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
+gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste
+Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein
+heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_.
+Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute
+hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu
+einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch
+weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
+gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
+allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die
+Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere
+Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch,
+respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen
+Heidenapostel.
+
+Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des
+Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
+duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
+Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
+vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
+Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt
+es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
+und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie
+fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
+Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen.
+Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung
+zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
+so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den
+Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im
+Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
+Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
+Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um
+aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
+derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die
+"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr.
+Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
+fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat
+sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei
+den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
+brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
+mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
+Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich
+gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge
+der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.
+
+Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
+selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
+am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
+berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen
+Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
+dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten
+Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern
+getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
+man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und
+Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
+Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
+ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
+Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
+hineinlegend fuhren wir ab.
+
+Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
+interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
+unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
+sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
+ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in
+Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
+froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
+obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach
+unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute
+Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
+Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
+die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst
+hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
+über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
+Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden,
+mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem
+nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
+ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
+die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten
+bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
+
+Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
+sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für
+alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
+bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen
+Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
+kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta
+lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
+schlecht wie möglich zu machen.
+
+Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
+wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt.
+Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
+Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
+berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
+Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass
+Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
+ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
+zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
+gezeigt wird.
+
+Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
+Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
+vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein
+scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
+bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren
+konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes
+Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
+
+Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
+da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
+unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige
+Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan
+hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle
+ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
+Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
+geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum
+erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen,
+da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen,
+und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
+mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den
+Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
+bewohnt war.
+
+Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
+Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief
+und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
+einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und
+das Gestein ist wie immer Kalk.
+
+Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
+den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
+Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder
+Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
+diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
+Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf
+vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
+zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände,
+auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
+sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die
+Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.
+
+An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
+Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen
+Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
+Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide
+diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.
+
+Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
+wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich
+sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während
+unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
+hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication
+abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen
+können.
+
+Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten
+Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
+kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
+prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
+dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse
+Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
+die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.
+
+In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
+ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
+war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
+machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
+dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
+Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem
+Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar
+ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
+benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
+weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
+Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
+Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
+einquartirt.
+
+Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für
+einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
+konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
+bis zum andern Morgen aushalten.
+
+Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste
+Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und
+in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern
+aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
+Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
+zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
+Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
+inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere
+spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
+Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
+eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
+Thurmes der Riesen gegeben.
+
+Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der
+Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
+ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
+Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
+jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
+dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
+nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
+Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch
+unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast
+eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
+wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
+Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.
+
+Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
+welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
+liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die
+Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
+über.
+
+Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen
+Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an
+dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
+feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
+ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.
+
+
+
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.
+
+
+Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
+Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer
+weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
+Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
+bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe
+Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
+Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat,
+fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen
+berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
+soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
+oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
+Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10
+geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
+dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
+von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere
+Besprechung zu verdienen.
+
+Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende
+Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief
+eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
+hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des
+Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
+treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher
+ins Auge zu fassen.
+
+Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
+finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen
+Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an
+der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
+genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
+beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15
+deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
+104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden
+ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter
+fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
+einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
+Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei
+Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin
+zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
+gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
+sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
+Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
+dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene
+Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
+Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
+Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der
+Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
+Barth.
+
+Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die
+ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
+dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
+31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
+Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
+Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der
+zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der
+glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
+Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
+mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
+angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
+Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen
+ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte
+der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
+wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
+hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
+Meter ergeben würde.
+
+Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf
+Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser
+entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt
+existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
+die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer
+absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt
+man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
+welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und
+nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte
+dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
+Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben
+geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich
+dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
+werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die
+Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
+giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele
+eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
+tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.
+
+Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau
+heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter
+absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
+Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
+zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
+von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
+manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele
+darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
+unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
+liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
+existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar
+die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
+Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die
+Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der
+libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
+kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in
+Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten
+gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
+Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.
+
+Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
+bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
+rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit
+See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
+die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.
+
+Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich
+überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
+welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
+silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese
+bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der
+eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch
+gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange
+Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen
+Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
+und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase,
+reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
+überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen
+geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe
+aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von
+künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte
+Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
+und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon
+birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.
+
+In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
+Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
+zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
+verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50
+Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf
+das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier
+kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
+Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
+heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten
+durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
+weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
+Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
+gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen,
+geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo
+südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
+wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
+eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
+den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
+keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
+geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass
+in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga
+bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass
+übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
+standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
+tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
+aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
+niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
+dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen,
+Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
+den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
+und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die
+Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
+schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen
+haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
+sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
+nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
+solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
+Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
+Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
+während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine
+Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.
+
+Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
+Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
+und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
+ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können
+aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
+feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
+verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach
+Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
+erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
+verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass
+hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode
+muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man
+versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den
+Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und
+Tamarisken.
+
+Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
+man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den
+Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
+andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
+aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass
+Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
+grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
+fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher
+denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder
+vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den
+fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen.
+Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
+Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um
+dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun
+eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte,
+einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.
+
+Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte,
+welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung
+trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus
+geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
+schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches
+die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen
+können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein,
+Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
+fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor
+der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden
+geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen
+Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
+grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
+könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
+um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
+würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden
+Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen
+und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
+auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
+unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
+sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
+Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
+Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
+(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser,
+und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
+der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei
+niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+
+[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
+sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
+Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.
+
+[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
+zu lesen war mir unmöglich.
+
+[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener
+Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000
+Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den
+Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern
+El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen
+sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
+Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.
+
+[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner
+Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile:
+Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-ṅgimsegeni_, Oststadt
+= _Kuka-gérgedi_.
+
+[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
+besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen,
+Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte
+Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_
+als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser
+"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste
+sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
+darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine
+Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren.
+
+[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen
+Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
+können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel
+des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut
+arabisch sprach.
+
+[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
+Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von
+einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
+in Lokódza ist, übersetzt wurden.
+
+[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
+Sprache übergegangen.
+
+[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
+der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
+trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg
+ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich
+nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
+von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
+mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.
+
+[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von
+Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
+Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die
+Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
+zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
+hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir
+Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der
+Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
+also höher stehend als Kassai von Tigre.
+
+[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch.
+
+[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.
+
+[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint.
+
+[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares
+selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.
+
+[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.
+
+[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus
+geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in
+Abessinien eingeführt sein.
+
+[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
+andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er
+führt an:
+
+ "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler."
+
+ferner:
+
+ "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei
+ sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle."
+
+[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
+seiner "Reise nach Abessinien etc."
+
+[19] Nach v. Heuglin Trachyt.
+
+[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen
+gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.
+
+[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
+selten.
+
+[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt.
+
+[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
+aussprechen.
+
+[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction
+heisst Mnaidra.
+
+[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.
+
+
+
+
+Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig.
+
+In unserem Verlage ist _erschienen_:
+
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der
+Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste
+über Rhadames nach Tripoli.
+
+Mit einer Karte von Nord-Afrika
+
+von
+
+#Dr. A. Petermann.#
+
+Zweite Auflage.
+
+Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Ferner erschien:
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen
+Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier#
+und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#.
+
+Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Bremen.
+
+#J. Kühtmann's Buchhandlung.#
+
+ * * * * *
+
+Druck v. Hirschfeld, Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus
+den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***
diff --git a/14142-h/14142-h.htm b/14142-h/14142-h.htm
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+ </style>
+ </head>
+<body>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***</div>
+
+<h1>LAND UND VOLK IN AFRIKA</h1>
+
+<h2>BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.</h2>
+
+<h3>VON</h3>
+
+<h2>GERHARD ROHLFS</h2>
+
+<div class="center"> <b>
+<span style='margin-left: 1em;'>BREMEN, 1870.</span><br />
+<span style='margin-left: 1em;'>VERLAG VON J. K&Uuml;HTMANN'S BUCHHANDLUNG.</span><br />
+<span style='margin-left: 1em;'>U.L. FR. KIRCHHOF 4.</span><br />
+
+<br />
+</b></div>
+
+<hr style='width: 65%;' />
+
+<h2>INHALT.</h2>
+<br />
+<div class="center">
+<a href='#Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'><b>Bemerkungen &uuml;ber die Zukunft Algeriens.</b></a><br />
+ <a href='#Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'><b>Beobachtungen &uuml;ber die Wirkungen des Haschisch.</b></a><br />
+ <a href='#Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'><b>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</b></a><br />
+ <a href='#Von_Lagos_nach_Liverpool'><b>Von Lagos nach Liverpool</b></a><br />
+ <a href='#Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'><b>Die Stadt Kuka in Bornu</b></a><br />
+ <a href='#Am_Benu=e'><b>Am B&eacute;nuē</b></a><br />
+ <a href='#Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'><b>Titulaturen und W&uuml;rden in einigen Centralnegerl&auml;ndern.</b></a><br />
+ <a href='#Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'><b>Die Art der Begr&uuml;ssungen bei verschiedenen Neger-St&auml;mmen.</b></a><br />
+ <a href='#Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'><b>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.</b></a><br />
+ <a href='#Der_Aschangi_See_in_Abessinien'><b>Der Aschangi-See in Abessinien</b></a><br />
+ <a href='#Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'><b>Nach Axum &uuml;ber Hausen und Adua.</b></a><br />
+ <a href='#Damiette'><b>Damiette.</b></a><br />
+ <a href='#Malta'><b>Malta.</b></a><br />
+ <a href='#Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'><b>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</b></a><br />
+ <a href='#FUSSNOTEN'><b>FUSSNOTEN</b></a><br />
+
+</div>
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'></a><h2>Bemerkungen &uuml;ber die Zukunft Algeriens.</h2><a name='Page_1'></a>
+<br />
+
+<h3>Mursuk in Fessan im Januar 1866.</h3>
+
+<p>Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter get&auml;uscht, wenn er geglaubt
+hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
+Zustand einer Colonie kennen lernen zu k&ouml;nnen. Schon um civilisirte
+V&ouml;lker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
+w&uuml;rdigen und beurtheilen zu k&ouml;nnen, darf man nicht als grosser Herr,
+viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
+der Kaiserin Katharine in S&uuml;d-Russland, der man alle Tage dieselben
+Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
+Provinzen gut bev&ouml;lkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
+Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
+Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abb&egrave;s
+an die Landstrasse ger&uuml;ckt; so erz&auml;hlen uns die Lokalbl&auml;tter.</p>
+
+<p>Die Araber gr&uuml;ndlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das<a name='Page_2'></a>
+gelingt nur bei langj&auml;hrigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
+ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
+nicht eines Vornehmen, sondern eines Bed&uuml;rftigen; denn selbst einem
+vornehmen Religionsgenossen gegen&uuml;ber sind die Araber L&uuml;gner, Heuchler
+und Prahler. Unter allen anderen Umst&auml;nden ist man nur zu geneigt, &uuml;ber
+den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrth&uuml;mer zu verfallen, wie
+eben erst der Kaiser und fr&uuml;her der bekannte General Daumas, der so
+anziehende B&uuml;cher &uuml;ber die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
+nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
+jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
+Gelegenheit, mit <i>den Leuten vom kleinen Zelte</i> zu verkehren, sondern
+frequentirte nur die <i>Leute der cheima kebira</i>; will man aber ein Volk
+kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den h&ouml;chsten Kreisen
+desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.</p>
+
+<p>Ich nun w&uuml;rde nicht gewagt haben, &uuml;ber einen so delicaten Gegenstand
+meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langj&auml;hriger Aufenthalt in
+Algerien selbst, dann eine dreij&auml;hrige Reise durch Marokko und seine
+W&uuml;ste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
+Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit G&uuml;te noch mit Gewalt
+haben dringen k&ouml;nnen), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
+Ber&uuml;hrung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im<a name='Page_3'></a>
+Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Meine Ansicht &uuml;ber die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
+zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
+Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enth&auml;lt
+folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
+Si Lalla's bew&auml;hrt hat:</p>
+
+<p>&quot;Ich glaube die Franzosen k&ouml;nnen sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
+sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engl&auml;nder in Indien gehabt
+haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
+Treiben sich auf die intoleranteste Religion gr&uuml;ndet, die existirt, sind
+<i>Civilisationsversuche vergeblich</i>. Wie sind die Araber heutzutage nach
+mehr als 30-j&auml;hrigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
+St&auml;dten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
+dem franz&ouml;sischen P&ouml;bel im Absinthtrinken, dass sie aber daf&uuml;r auch nur
+im Geringsten christlich religi&ouml;se Grunds&auml;tze angenommen h&auml;tten, daran
+ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
+geschmeidig und umg&auml;nglich sie &auml;usserlich geworden sind, dass sie
+innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
+Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
+von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
+gar nicht gedrungen ist. Der Ara<a name='Page_4'></a>ber unter seinem Zelte lebt nach wie
+vor und hasst die Christen ebenso wie fr&uuml;her, und wenn er sich enth&auml;lt
+einen Ungl&auml;ubigen zu t&ouml;dten, um daf&uuml;r das Paradies zu erlangen, so
+geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
+h&auml;tten l&auml;ngst wie die Engl&auml;nder in Nordamerika mit den Eingebornen
+verfahren sollen, n&auml;mlich dieselben zur&uuml;ckdr&auml;ngen, dann w&auml;re Algerien
+heutzutage ein ruhiges, nur von Europ&auml;ern bewohntes und cultivirtes
+Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
+civilisirten Grunds&auml;tzen unserer Epoche nicht &uuml;bereinstimmend. Vom
+Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
+als in der N&auml;he, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
+immer V&ouml;lker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
+Platz machen m&uuml;ssen etc.&quot;</p>
+
+<p>Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grunds&auml;tze sind auch noch heute
+meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
+nach fr&uuml;her oder sp&auml;ter jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
+sie sich stark genug f&uuml;hlt, um auf eigenen F&uuml;ssen stehen zu k&ouml;nnen, und
+notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
+seine beiden einzigen Inseln wird beschr&auml;nkt sein&mdash;hat Frankreich das
+Gl&uuml;ck gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
+Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
+Diese aussergew&ouml;hnliche Lage w&uuml;rde es gestatten, die Colonie so mit der
+Metropole zu <a name='Page_5'></a>verschmelzen, dass f&uuml;r Frankreich an eine sp&auml;tere
+gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
+der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken w&auml;re.</p>
+
+<p>Dazu geh&ouml;rt aber vor allen Dingen, dass die Bev&ouml;lkerung Eine sei. Ich
+will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
+Europ&auml;ern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
+nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen L&auml;ndern
+Eingewanderten<a name='FNanchor_1'></a><a href='#Footnote_1'><sup>[1]</sup></a> und namentlich ihre Abk&ouml;mmlinge fast g&auml;nzlich
+franz&ouml;sische Sitten und Gebr&auml;uche angenommen haben und meistens,
+namentlich die j&uuml;ngere Generation, auch die franz&ouml;sische Sprache. Aber
+zwei in jeder Beziehung so g&auml;nzlich von einander verschiedene V&ouml;lker,
+wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
+gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der h&ouml;chste Unsinn. Seit
+undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
+weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
+ein von Gott auserw&auml;hltes Volk &uuml;berzeugt ist. Seit tausend Jahren in
+Besitz der Nordk&uuml;ste Afrika's, sehen wir Berber und Araber <i>neben</i>
+einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
+beibehaltend. Im &auml;ussersten <a name='Page_6'></a>Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
+Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
+unterwerfen, jedoch <i>nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst</i>. Die
+sogenannten <i>Kulughli</i>, Progenitur der T&uuml;rker mit Araberweibern,
+bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in T&uuml;rken oder umgekehrt;
+&uuml;berall, wo die T&uuml;rken die Araber beherrschen, bestehen beide V&ouml;lker
+unvermischt <i>neben einander</i>. Und doch verbindet Berber, Araber und
+T&uuml;rken Eine Religion.</p>
+
+<p>Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu pl&uuml;ndern und
+sich raubend umherzutreiben nehmen k&ouml;nnen? Versuche man doch eine Hy&auml;ne
+zu z&auml;hmen! Der Araber ist moralisch &uuml;berzeugt, dass er den franz&ouml;sischen
+Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
+Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
+Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
+ist. M&ouml;gen die Gef&uuml;hlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdr&auml;ngen der
+Indianer durch die Engl&auml;nder, jeder vern&uuml;nftige Mensch findet es
+bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
+verabscheuungswerth die modernen franz&ouml;sischen Araberlobhudler die
+Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen m&ouml;gen, so ist nicht zu
+verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
+w&auml;ren die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so w&auml;ren sie
+sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es <a name='Page_7'></a>die in den
+anderen L&auml;ndern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
+schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen V&ouml;lkern, so
+ist die Verarmung des Landes, die Entv&ouml;lkerung Spaniens nicht im
+Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
+der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
+und in der Priesterschaft.</p>
+
+<p>In der That sehen wir, dass in den L&auml;ndern, die sich abgeschlossen von
+aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
+Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
+gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
+Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
+christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
+Christen die Hauptbev&ouml;lkerung bildeten; aber in den L&auml;ndern, wie z.B.
+Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Ber&uuml;hrung kamen,
+haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
+Standpunkt war zur Zeit Abrahams.</p>
+
+<p>M&ouml;ge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das f&uuml;r
+die W&uuml;ste geboren ist, dahin zur&uuml;ckdr&auml;ngen, woher es gekommen ist;
+diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europ&auml;ern zu
+vereinigen, werden von selbst zur&uuml;ckkommen und m&uuml;ssen die christliche
+Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation m&ouml;glich ist.
+Durch das Verdr&auml;ngen der Araber in Masse in die W&uuml;ste hinein wird der
+Kaiser <a name='Page_8'></a>sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
+Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und m&ouml;ge die
+Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
+Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
+christlich civilisirtes Land umzuwandeln.&mdash;</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'></a><h2><a name='Page_9'></a>Beobachtungen &uuml;ber die Wirkungen des Haschisch.</h2>
+<br />
+
+<h3>Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.</h3>
+
+<p>Unter <i>Haschisch</i> verstehen die Araber im weitern Sinne jedes <i>Kraut</i>,
+n&auml;her jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
+(nach Linn&eacute; in die Klasse Dioccia pentandria geh&ouml;rend), weil an
+Vorz&uuml;glichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
+Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze <i>Tekruri</i>, und
+diesen Namen f&uuml;hrt sie auch in der T&uuml;rkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
+Persien vorzugsweise.</p>
+
+<p>Graf d'Escayrac de Lauture sagt &uuml;ber die Pflanze Folgendes:</p>
+
+<p>&quot;Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
+wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
+eingef&uuml;hrt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
+demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden <a name='Page_10'></a>Pilgern
+giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
+auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
+vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
+arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung &quot;verbessern, vollkommener
+machen&quot; bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
+eigenth&uuml;mlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
+ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen <i>Haschischin</i> gegeben hat.
+Dieser Stoff, Harz, ist von einer sch&ouml;nen gr&uuml;nen Farbe, die jedoch
+<i>nicht</i> vom Chlorophyll herr&uuml;hrt, kleberig-z&auml;h und von einem
+eigenth&uuml;mlich unangenehmen Geschmack.&quot;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;ge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
+die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
+gem&auml;ssigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach S&uuml;den
+vordringt, je seltener und kr&uuml;ppelhafter gedeiht dieselbe. W&auml;hrend man
+z.B. &auml;usserst sch&ouml;ne Exemplare in den gem&auml;ssigten Bergregionen des
+Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine H&ouml;he von
+manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
+Tuat und Fessan die Pflanze nur k&uuml;mmerlich, obgleich die Bewohner alle
+Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
+S&uuml;den exportirt.</p>
+
+<p>Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
+sie zerschneiden die getrockneten Bl&auml;tter und Bl&uuml;then sehr klein und
+rauchen sie <a name='Page_11'></a>rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
+Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
+so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
+Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker vers&uuml;sst, oder endlich man
+pulverisirt Bl&auml;tter und Bl&uuml;then, und schluckt dies Pulver rein oder mit
+Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gew&uuml;rzen zu einer Art
+Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
+unter dem Namen <i>Majoun</i> verkauft werden.</p>
+
+<p>Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer &uuml;bt
+dasselbe einen <i>starken Rausch</i> aus. Europ&auml;er jedoch, welche
+Beobachtungen dar&uuml;ber anstellen wollen, k&ouml;nnen dies nur, entweder indem
+sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
+Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
+Araber, Perser und T&uuml;rken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
+dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
+Ber&uuml;hrung kommt. Zwei Theel&ouml;ffel voll Haschisch gen&uuml;gen, um einen
+kr&auml;ftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'></a><h2>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</h2>
+
+<h3>In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.</h3>
+<br />
+
+<p>Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
+Mohammed el Hakem von Fessan. <a name='Page_12'></a>Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
+nehme zwei Theel&ouml;ffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeer&ouml;ste
+etwas ged&ouml;rrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
+Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).</p>
+
+<p>Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
+Kameelfleisch mit rothen R&uuml;ben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
+R&uuml;ben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
+Radieschen bestehend; Brod, Butter und K&auml;se.</p>
+
+<p>Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
+indess,&mdash;es ist jetzt 7 Uhr,&mdash;merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
+schwarzen Kaffee ohne Zucker.</p>
+
+<p>7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
+mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er sp&uuml;re stark die Wirkung und
+befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
+Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.</p>
+
+<p>7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
+Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
+scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
+Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
+ich, womit ich angefangen.</p>
+
+<p>7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schl&auml;gt so, dass ich jeden Schlag h&ouml;re, Puls
+z&auml;hlen unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht <a name='Page_13'></a>mit; ein anderer
+z&uuml;ndet mir eine Nargile an. Ich rauche <i>und fliege</i>, obgleich ich mit
+den H&auml;nden f&uuml;hle, dass ich liege.</p>
+
+<p>Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
+Zeilen Stunden zubringe.</p>
+
+<p>8 Uhr. Mein Blut schl&auml;gt Wellen, <i>und einzelne Theile fallen von meinem
+K&ouml;rper</i>, obgleich ich mich dumm<a name='FNanchor_2'></a><a href='#Footnote_2'><sup>[2]</sup></a> niederschreibe, denn ich habe
+vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
+ich will ausgehen.</p>
+
+<p>8 Uhr 20 Minuten. Ich tr&auml;umte, ich ginge aus, die <i>Strassen der Stadt
+verl&auml;ngerten sich</i> und waren mir ganz unbekannt, die H&auml;user sehr hoch;
+ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
+petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zur&uuml;ck und
+setzte mich vor mein Haus.</p>
+
+<p><i>Ich bin ohne allen Willen</i>; die Wand gegen&uuml;ber meinem Hause war sch&ouml;n
+tapezirt, auch h&ouml;rte ich von fern <i>sch&ouml;ne Musik</i> und jetzt schreibe ich
+und sehe, dass Alles erlogen ist.</p>
+
+<p>Ich will mich legen, <i>aber bin ich wirklich verr&uuml;ckt</i>?</p>
+
+<p>Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), <i>mein Wille ist ganz weg und in mir
+grosser Sturm</i>. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
+ausblasen, <a name='Page_14'></a>aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
+nicht gel&auml;hmt.</p>
+
+<p>Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angef&uuml;llt. Ich bin
+ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, w&uuml;rde ich in der Luft
+schweben.</p>
+<br />
+
+<p><b>26. Januar Morgens.</b></p>
+
+<p>Bis so weit hatte ich gestern Verm&ouml;gen gehabt, w&auml;hrend des Rausches zu
+schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
+Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
+Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
+Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos getr&auml;umt habe? Es fand sich
+denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vern&uuml;nftig gesprochen habe,
+&uuml;berhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
+Tekrurizustande mich bef&auml;nde.</p>
+
+<p>Nachtr&auml;glich kann ich nun noch constatiren, dass</p>
+
+<p>1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.</p>
+
+<p>2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
+eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es f&uuml;r den im Rausche
+Befindlichen unm&ouml;glich ist, ihn zu z&auml;hlen.</p>
+
+<p>3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.</p>
+
+<p>4) Auffallende L&auml;hmung der Willenkraft.</p>
+
+<p>5) Das Ged&auml;chtniss verliert seine Regeln, naheliegende <a name='Page_15'></a>Dinge werden
+vergessen, andere aus l&auml;ngst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.</p>
+
+<p>6) Alles erscheint in den sch&ouml;nsten Farben und in vollkommener Harmonie.</p>
+
+<p>7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
+dieser Zustand immer dauern m&ouml;ge.</p>
+
+<p>8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verr&uuml;cktsein, als
+das, was wir Europ&auml;er unter Rausch verstehen, zu nennen.</p>
+
+<p>Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und versp&uuml;re auch
+nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Von_Lagos_nach_Liverpool'></a><h2><a name='Page_16'></a>Von Lagos nach Liverpool</h2>
+<br />
+
+<p>Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
+den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen &quot;Das Land der
+Schwarzen&quot; schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
+Icor&oacute;du verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos &uuml;berzusetzen,
+welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, w&auml;ren wir zuletzt beinahe
+noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
+untergegangen.</p>
+
+<p>Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
+Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lok&oacute;ja
+aus als Geschenk f&uuml;r den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
+unsere Packesel zur&uuml;ckgelassen, indem ich mich allein fr&uuml;h Morgens von
+Mak&uacute;m, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
+auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger No&euml;l, der
+w&auml;hrend der langen Reise sich zu einem unerm&uuml;dlichen Fussg&auml;nger
+herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner <a name='Page_17'></a>(ebenfalls zu
+Pferde) begleitet, der schon von Ib&agrave;dan an mit mir reiste, und dessen
+Frau, welche auf dem Kopfe grosse K&uuml;rbisschalen trug, in denen sie ihre
+Vorr&auml;the hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
+als ob sie w&uuml;ssten, dass auch sie nun bald w&uuml;rden erl&ouml;st sein, schritten
+wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
+lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
+Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
+dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so &uuml;berwachsen, dass man
+&ouml;fter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
+auch ohne weitere Ereignisse und Unf&auml;lle die wichtige Handelsstadt
+Ikor&oacute;du ungef&auml;hr gegen 1 Uhr Nachmittags.</p>
+
+<p>Ikor&oacute;du, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
+jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
+Verh&auml;ltnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
+wetteifert jetzt mit Abeok&uacute;ta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
+die Landesproducte, haupts&auml;chlich Palm&ouml;l, Palmn&uuml;sse und Baumwolle gegen
+die europ&auml;ischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
+Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikor&oacute;du w&uuml;rde
+vielleicht bald Abeok&uacute;ta bedeutend im Handel &uuml;bertreffen, weil es nur
+vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
+schiffbaren Ogun-Flusse l&auml;ge, sodass also die Producte schon mehrere
+Tage weit auf <a name='Page_18'></a>die bequemste und leichteste Weise ins Innere
+transportirt werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wir hielten uns &uuml;brigens gar nicht in Ikor&oacute;du auf, sondern durchritten
+schnell die Stadt und den l&auml;rmenden Markt, wo neben einheimischen
+Producten, europ&auml;ische Artikel en d&eacute;tail verkauft wurden, und
+haupts&auml;chlich unser Altonaer K&uuml;mmel und schlechter amerikanischer Rum
+eine reichliche Abnahme fanden&mdash;und zum anderen Thore wieder
+herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
+ungef&auml;hr eine Viertelstunde s&uuml;dwestlich von der Stadt entfernt liegt.
+Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
+baumumkr&auml;nzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
+gegen&uuml;berliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
+dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
+mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfl&auml;che vor sich
+hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner H&uuml;tten, theils leer
+und f&uuml;r etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
+Verk&auml;ufern und Gark&ouml;chen besetzt, welche damit besch&auml;ftigt waren, neben
+Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
+und kleine Mehlk&uuml;gelchen in Palm&ouml;l zu r&ouml;sten, oder eine starkgepfefferte
+Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
+Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der K&uuml;ste in der
+Y&oacute;ruba-Sprache &uuml;bliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
+Bl&auml;tter eingekochter Kleister aus in<a name='Page_19'></a>dianischem Korne, gegessen wird.
+Auch 20-30 gr&ouml;ssere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
+mit der g&uuml;nstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
+angesegelt, welches einen reizenden Anblick gew&auml;hrte, und viel Leben und
+Treiben am Ufer hervorrief.</p>
+
+<p>Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
+liessen, nahmen auch wir eine von den H&uuml;tten in Beschlag, denn schon am
+Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der K&uuml;ste die
+Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
+Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eint&auml;giger
+Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
+zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
+gelassen, um einige Madidi, die man das St&uuml;ck, eine Hand gross, f&uuml;r 10
+Muscheln (an der K&uuml;ste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
+Thaler) &uuml;berall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
+Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
+allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
+westafrikanische Fr&uuml;chte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
+in H&uuml;lle und F&uuml;lle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
+Morgens in der Eile fr&uuml;h sattelten, hatte No&euml;l vergessen, aus dem
+grossen Muschelsack hinreichend f&uuml;r uns welche herauszunehmen, unser
+ganzer Reichthum bestand noch in <a name='Page_20'></a>20 Muscheln, was gerade genug war, um
+unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
+etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von &uuml;brigen
+Kleidungsst&uuml;cken h&auml;tten entbehren k&ouml;nnen, war auch bei den Packeseln
+zur&uuml;ckgeblieben, bis endlich No&euml;l mich an ein paar neuseidene rothe
+Taschent&uuml;cher erinnerte, welche urspr&uuml;nglich als Geschenke f&uuml;r kleinere
+H&auml;uptlinge h&auml;tten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
+Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann sp&auml;ter die Depeschen und
+Briefe der beiden Weissen in Lok&oacute;ja hineingewickelt, um sie auf diese
+Art besser gegen Regen und Schmutz zu sch&uuml;tzen. Die Briefe wurden also
+schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
+Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
+h&auml;tte, auf den Markt geschickt, um die T&uuml;cher zu verauctioniren. Da die
+Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
+bei uns hatten, sich &uuml;berdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
+langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns nat&uuml;rlich f&uuml;r die
+T&uuml;cher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
+wollte. In der That verlangten sie die T&uuml;cher ungef&auml;hr f&uuml;r ein Viertel
+des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen w&uuml;rde.
+Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
+selbst es zur Noth noch bis nach Lagos h&auml;tte aushalten k&ouml;nnen, so
+dauerte mich mein treuer kleiner No&euml;l, der sich zwar auch zum Hungern
+bereit erkl&auml;rte, aber <a name='Page_21'></a>seine Blicke gar nicht von den verlockenden
+Oelk&uuml;gelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
+Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
+verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet w&auml;ren, und so wurde
+unser Mann wieder beordert, die T&uuml;cher auf den Markt zu tragen. Aber o
+Schicksal! Hatten die Neger schon fr&uuml;her so geringe Preise geboten, so
+wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
+nur nicht gar mit meinen seidenen Sackt&uuml;chern sitzen bleiben und hungern
+zu m&uuml;ssen, gab ich sie nun &agrave; tout prix fort. No&euml;l wurde dann ausgesandt,
+um Ekor&eacute;oa, so heisst man die kleinen Mehlk&uuml;gelchen, welche in Palm&ouml;l
+gesotten sind, Yams und Fr&uuml;chte zu kaufen und dann nochmals wieder
+abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gef&auml;hrten, Mann und Frau, assen
+f&uuml;r viere; endlich indess waren Alle satt.</p>
+
+<p>Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
+bei dem bunten Vordergrunde, einen entz&uuml;ckenden Anblick gew&auml;hrte; theils
+benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
+Kleidungsst&uuml;ck, theils auch waren es viereckige grosse St&uuml;cke Zeug, aus
+einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengen&auml;ht. Nach beiden Seiten
+ragten sie nat&uuml;rlich weit &uuml;ber das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
+gesagt, dass alle Abend ein gr&ouml;sseres, dem Gouverneur von Lagos
+geh&ouml;rendes Schiff her&uuml;berk&auml;me und dass es am besten sein w&uuml;rde, mit
+diesem &uuml;berzufahren. Es kam <a name='Page_22'></a>dies denn auch bald in Sicht, indem es
+erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
+regina) gestickt war.</p>
+
+<p>Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
+folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
+einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsf&uuml;hrer das Englisch auf
+jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
+Sprache wird.</p>
+
+<p>Er sagte mir, er w&uuml;rde noch am selben Abend zur&uuml;ckfahren, erbat sich
+auch, da sein Schiff hinl&auml;nglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
+welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gef&auml;hrlich, ausschlug.
+Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
+Pferd unter der Obhut des kleinen No&euml;l zur&uuml;ck, indem ich ihm sagte, so
+lange im Landungsorte von Ikor&oacute;du zu bleiben, bis die anderen Diener und
+Esel ank&auml;men, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
+folgenden Morgen der Fall sein.</p>
+
+<p>Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
+gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
+starken, aber jetzt bei Nacht g&uuml;nstig wehenden Landwind zu benutzen.
+Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
+wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungef&auml;hr eine Stunde hielten
+sie so bei, denn, sei es M&uuml;digkeit oder hatte der Bar&aacute;ssa, so heisst in
+der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
+<a name='Page_23'></a>Schaufeln nieder und &uuml;berliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
+folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
+obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
+tiefblaue Sternenhimmel sich &uuml;ber uns w&ouml;lbte. Auch ich, denkend, es sei
+eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
+dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
+ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
+schlief ich auch schnell ein, erm&uuml;det, wie ich von einem langen Ritte
+war.</p>
+
+<p>Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
+von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
+durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerst&ouml;rt. Ich richtete mich
+schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
+&uuml;berzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
+deren f&uuml;rchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
+Zeuge ist.</p>
+
+<p>Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
+erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
+sprangen sie auf, und ein f&uuml;rchterlicher zweiter Windstoss, der von
+allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
+Gef&auml;hrliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
+noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
+und unregelm&auml;ssig bald hier, bald dort her kommenden Windst&ouml;sse keine
+<a name='Page_24'></a>Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
+und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
+&uuml;bert&ouml;nt, dass wir innerhalb f&uuml;nf Minuten an's Ufer geschleudert waren.</p>
+
+<p>Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
+sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
+Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenst&uuml;tzen
+oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
+Viertelstunde entfernt oder l&auml;nger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
+unter g&uuml;nstigen Umst&auml;nden von ihren vorstreckenden Zweigen allj&auml;hrlich
+neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
+zu dicken St&uuml;tzen oder St&auml;mmen werden. Wer nicht selbst an
+salzseeartigen Lagunen diese eigenth&uuml;mliche Vegetation der Mangroven
+gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
+davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
+sage, dass eine dicke gr&uuml;ne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
+oft aber auch von 10 Fuss hohen St&uuml;tzen getragen, &uuml;ber dem Wasser zu
+ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
+tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese St&auml;mme
+aus Luftwurzeln urspr&uuml;nglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
+die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
+Wellenschlag, abgesehen davon, dass <a name='Page_25'></a>er es fortw&auml;hrend mit Wasser
+f&uuml;llte, schien, als ob er es zertr&uuml;mmern m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Unter den f&uuml;rchterlichsten Regeng&uuml;ssen, einem unaufh&ouml;rlichen
+Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
+electrische Feuerschl&auml;ge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
+taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
+gef&auml;hrlichen Lage. Vergebens bem&uuml;hten wir uns durch Festklammern an die
+Baumst&auml;mme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
+wieder weg und schleuderte uns dann wieder zur&uuml;ck gegen die Baumwand.
+Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verst&auml;ndlich zu machen,
+aber der unerh&ouml;rte L&auml;rm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
+unm&ouml;glich; in dieser lebensgef&auml;hrlichen Stellung blieben wir fast bis
+Tagesanbruch, indem der Tornado merkw&uuml;rdiger Weise fast sieben Stunden
+seine Wuth an uns ausliess, w&auml;hrend er sonst in der Regel nur von kurzer
+Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erb&auml;rmlich
+zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
+abgebrochen, die gegen die Baumst&auml;mme gerichtet gewesene Seite des
+Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
+um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
+freilich kein grosses Ungl&uuml;ck, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
+h&auml;tten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
+einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
+<a name='Page_26'></a>die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
+sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
+Sonne.</p>
+
+<p>Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
+Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
+belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
+gebracht, und wir landeten am n&ouml;rdlichen Ende der Insel zwischen einer
+grossen Menge von Canoes.</p>
+
+<p>Ohne weitere Empfehlungen f&uuml;r Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
+ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lok&oacute;ja von dorther f&uuml;r den
+Gouverneur von Lagos &uuml;berbrachte, indem die dort angesiedelten Engl&auml;nder
+seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
+K&uuml;ste durchzuschicken, war es ganz nat&uuml;rlich, dass ich beim Gouverneur
+mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umst&auml;nde und Anmeldung
+begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
+Gouvernementsgeb&auml;ude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
+europ&auml;ischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr pr&auml;sentabel aus,
+als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
+der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine sch&ouml;nen
+Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
+einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
+Karten vom Niger geliefert hat, die wir &uuml;berhaupt besitzen) erschien.
+Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem <a name='Page_27'></a>Schritte vom Wasser, das in
+sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
+unaufh&ouml;rlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.</p>
+
+<p>Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holl&auml;nder
+verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
+w&uuml;rde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
+hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
+hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erkl&auml;rung: zuerst ein warmes
+Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
+mich nat&uuml;rlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
+Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
+seine zuf&auml;lligen G&auml;ste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
+Aufenthalt angenehm zu machen.</p>
+
+<p>Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
+Glover bleiben; schon beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, woran oben genannte Herren, sodann
+der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein fr&uuml;herer Mission&auml;r in Abeok&uacute;ta und
+jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
+O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
+war n&auml;mlich das Ger&uuml;cht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
+&uuml;ber Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
+Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. &quot;Wo ist der
+Deutsche? Wer ist es?&quot; waren seine ungest&uuml;men Fragen, als er den <a name='Page_28'></a>Salon
+betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
+gedr&uuml;ckt hatte, erkl&auml;rte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
+dass er ein gr&ouml;sseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
+erweisen, als der englische Gouverneur.&mdash;Sowohl Herr Glover als auch ich
+waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
+er sich einer so kurz und b&uuml;ndig gestellten Forderung des Herrn
+Philippi, der &uuml;berdies sein Freund war, gegen&uuml;ber benehmen sollte, ich
+andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
+Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
+schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
+an der Westk&uuml;ste Afrikas nicht abschlagen wollte.</p>
+
+<p>Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
+und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
+aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.</p>
+
+<p>Am andern Tage kam, zum Erg&ouml;tzen der Lagos-Bewohner, auch meine
+Karawane, die beim Uebersetzen &uuml;ber die Lagune mehr als ich beg&uuml;nstigt
+gewesen war; voran kam No&euml;l mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
+Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
+vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
+den Dolmetsch mit St&ouml;cken hinter sich. Aber in Lagos wie in Y&oacute;ruba- und
+<a name='Page_29'></a>Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
+es, dass die halbe schwarze Bev&ouml;lkerung der Karawane nachzog, und es vor
+der Factorei dicht und schwarz gedr&auml;ngt voll Menschen stand, als sie
+durch's hohe Hofthor einzogen.</p>
+
+<p>Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
+C&aacute;merun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zur&uuml;ckerwartet
+wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
+gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
+sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.</p>
+
+<p><i>Lagos</i>, dieses neue Handelsemporium der Engl&auml;nder, liegt, wie schon
+erw&auml;hnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
+englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
+Die sch&ouml;nen breiten Strassen, welche, unter einer aufgekl&auml;rten
+Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdr&auml;ngt haben, die
+zweckm&auml;ssige Bauart der H&auml;user, welche jetzt s&auml;mmtlich aus Backsteinen
+aufgef&uuml;hrt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
+Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
+Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
+Malaria jetzt &auml;usserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
+haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
+grossen Bucht an der Westk&uuml;ste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
+Stadt fast ganz unbekannt.</p>
+
+<p><a name='Page_30'></a>Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
+westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
+Negern recrutirt werden, und haupts&auml;chlich aus dem Haussa-Stamme
+genommen werden. Es ist letzteres merkw&uuml;rdig genug, da im Innern Afrikas
+die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
+ein thats&auml;chlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbst&auml;ndige Nation
+durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgeh&ouml;rt haben.
+Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
+mittheilte, sich zu t&uuml;chtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
+&uuml;brigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten R&auml;ubereien
+verschrien, und wenn Europ&auml;er oder andere Neger durch das sogenannte
+Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
+Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
+sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
+Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
+Gouvernementshause aufgepflanzten Gesch&uuml;tze vorhanden. Die Soldaten sind
+sehr zweckm&auml;ssig uniformirt, und f&uuml;r ihre andere Bequemlichkeit sorgt
+eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.</p>
+
+<p>Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
+h&uuml;bsche steinerne Kirche. Beth&auml;user und Schulen sind ausserdem schon
+mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
+methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
+dass auch die Mohammedaner mehrere <a name='Page_31'></a>Moscheen in Lagos haben und leider
+auf eine dumme, unvern&uuml;nftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
+Gouverneur der Insel, beg&uuml;nstigt werden, die Mission&auml;re hier mit Erfolg
+zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
+besuchte, fand ich eine volle und haupts&auml;chlich aus Negern, jedoch auf
+europ&auml;ische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
+es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, M&auml;dchen, nur von einigen
+wenigen weissen Kindern unterst&uuml;tzt, mit Pr&auml;cision und Gef&uuml;hl die
+sch&ouml;nsten Chor&auml;le, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
+spielte, begleitet, sangen.</p>
+
+<p>Als hervorragende Pers&ouml;nlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
+in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
+Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
+Dorfe in Y&oacute;ruba geb&uuml;rtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
+verkauft. Er hatte jedoch das Gl&uuml;ck, von den Engl&auml;ndern gekapert zu
+werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
+Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
+Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
+und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
+Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
+schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
+als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
+leistete gleich Grosses im Gebiete <a name='Page_32'></a>der afrikanischen Sprachen, seine
+Uebersetzung der heiligen Schrift in die Y&oacute;ruba-Sprache, mehrere
+Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
+gr&uuml;ndlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
+B&eacute;nuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
+Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
+gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die pers&ouml;nliche
+Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn w&auml;hrend
+meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
+Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.</p>
+
+<p>Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
+Gouvernementsgeb&auml;ude die sch&ouml;nen Factoreien oder Handelsetablissements
+der Europ&auml;er aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
+erw&auml;hnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere H&auml;user in Lagos,
+die gute Gesch&auml;fte machen. Der zweiten gr&ouml;ssten Factorei steht ein
+Marseiller Haus vor, und die Engl&auml;nder, obgleich sie sich nat&uuml;rlich auch
+bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
+Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
+westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
+letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.</p>
+
+<p>Der Handel, was Export anbetrifft, beruht haupts&auml;chlich auf Palm&ouml;l, das
+theils fertig von den Eingeborenen den Europ&auml;ern zum Austausch oder zum
+Verkauf gebracht <a name='Page_33'></a>wird, theils auf die N&uuml;sse der Oelpalme, welche roh
+nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
+Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, n&auml;mlich Stearin und Oel. Was
+Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
+zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, f&uuml;r beide Artikel ist
+indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist g&uuml;nstiger f&uuml;r
+Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
+diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
+m&ouml;chte, sie f&uuml;r einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
+liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
+ist bei der Undurchdringlichkeit der W&auml;lder, heutzutage noch keine Rede,
+aber bei der g&auml;nzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
+eben weil wiederum die Neger die europ&auml;ischen Producte nicht entbehren
+k&ouml;nnen, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
+die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen W&auml;ldern finden,
+ihren Tribut zahlen zu lassen.</p>
+
+<p>Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
+schlechter holl&auml;ndischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
+Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
+andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
+Muscheln, welche als Scheidem&uuml;nze in Afrika gelten. Diese werden vom
+indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westk&uuml;ste von Afrika
+gebracht. Obwohl <a name='Page_34'></a>nun sowohl im Innern als auch an der K&uuml;ste der Werth
+derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
+Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
+Muscheln, an der K&uuml;ste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
+der Importation en gros von den Europ&auml;ern gewogen und sp&auml;ter in K&ouml;rbe<a name='FNanchor_3'></a><a href='#Footnote_3'><sup>[3]</sup></a>
+von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
+kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
+K&ouml;nigreich vom Kaiserreich S&oacute;koto) K&auml;ufe und Verk&auml;ufe von
+Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.</p>
+
+<p>Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
+Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
+Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
+Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die gr&ouml;sseren H&auml;user, wie
+O'Swalds, die franz&ouml;sische Factorei und die westafrikanische Compagnie
+haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
+grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht<a name='Page_35'></a>
+einlaufen k&ouml;nnen, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
+Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
+hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch f&uuml;r den Dienst
+einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.</p>
+
+<p>Die Bev&ouml;lkerung von Lagos ist so &uuml;berwiegend schwarzer Ra&ccedil;e, dass die
+wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
+verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
+St&auml;mmen, obwohl Y&oacute;ruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
+glaube indess nicht, dass die schwarze Bev&ouml;lkerung eine niedere Stufe
+einnimmt, wie denn &uuml;berhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
+die schwarze Bev&ouml;lkerung sei gar nicht der Civilisation f&auml;hig, ein sehr
+schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
+bekennen, sich wohl haupts&auml;chlich auf die schwarze Bev&ouml;lkerung Amerikas
+bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdr&uuml;ckten
+Bev&ouml;lkerung Schl&uuml;sse auf eine ganze Ra&ccedil;e ziehen zu wollen, w&auml;re ebenso
+unsinnig und l&auml;cherlich, als wolle man der ganzen europ&auml;ischen Familie,
+weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
+noch benutzen k&ouml;nnen, politische Unm&uuml;ndigkeit vorwerfen. Doch es w&uuml;rde
+zu weit f&uuml;hren, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
+Beispiel anf&uuml;hre, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
+James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen geh&ouml;rt, der ein
+bedeutendes Colonialwaarengesch&auml;ft betreibt. Seine <a name='Page_36'></a>Frau, Md. James,
+ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engl&auml;nder, der
+den K&ouml;nig D&aacute;home besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
+Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
+liebensw&uuml;rdigsten Salondamen.&mdash;Sie hatte mehrere Male die G&uuml;te die
+sch&ouml;nsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
+Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
+F&auml;higkeit, sich zu bilden, bei den Negern angef&uuml;hrt, ich k&ouml;nnte deren
+hundert bringen.</p>
+
+<p>Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
+allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
+grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem gesch&auml;ftigen
+Treiben der Neger zuzuschauen, h&auml;tte Reiz genug gew&auml;hrt. In der That,
+wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
+Allee von Brodfruchtb&auml;umen, die ewig saftgr&uuml;nen Teppiche von
+Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
+Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
+Sandg&uuml;rtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die m&auml;chtig tobende Barre, und
+jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
+Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
+Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit nat&uuml;rlich durch
+gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
+Mission&auml;ren, auf den anderen Factoreien etc.</p>
+
+<p><a name='Page_37'></a>Aber der K&uuml;stendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
+Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
+heizen, um uns &uuml;ber die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
+Er selbst hatte noch die G&uuml;te, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
+hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
+Bremer-Flagge, die von allen europ&auml;ischen Flaggen allein den Tsad-See
+begr&uuml;sst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
+hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
+Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.</p>
+
+<p>Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
+dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
+nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
+hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
+denn abgesehen von den grossen Oelf&auml;ssern, die auf dem Vorder- und
+Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
+Schichten von Baumwolls&auml;cken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
+Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
+zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
+Tons, jedoch war der Raum mehr f&uuml;r Waaren als f&uuml;r Passagiere berechnet:
+es war der Schraubendampfer &quot;Calabar&quot;, Capt. Kroft, der West Africa
+Steam Navigation Company zugeh&ouml;rend. Inzwischen kamen immer noch <a name='Page_38'></a>neue
+Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
+Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
+en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
+eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
+seitens des &quot;Calabar&quot; trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.</p>
+
+<p>Obgleich wir nicht weit von der K&uuml;ste entfernt waren, verloren wir
+dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da &uuml;berdies nach 6 Uhr Abends die
+Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom sch&ouml;nsten Wetter
+beg&uuml;nstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
+hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
+der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verw&ouml;hnt, dass ich mich etwas
+get&auml;uscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
+noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
+dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
+selbst nicht &uuml;ber die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
+Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
+sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
+nicht so g&uuml;nstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da s&auml;mmtliche
+Reisende von der K&uuml;ste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
+Engl&auml;ndern das Zusammensein so unertr&auml;glich macht. Ueberdies war nur
+eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
+<a name='Page_39'></a>durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Mission&auml;rin am Camerun,
+l&auml;ngst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.</p>
+
+<p>Wir legten uns am ersten Tage alle fr&uuml;hzeitig zur Ruhe und da wir bis
+jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, w&auml;hrend die erste Caj&uuml;te
+deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
+auch ich hatten je eine ganze Cabine f&uuml;r uns, &uuml;berhaupt liessen die
+Betten nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+
+<p>Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
+Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
+aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollens&auml;cke kletterte, fand
+ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
+Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
+Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
+die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von K&auml;lte ist ja unter
+den Tropen im Juni &uuml;berhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
+auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.</p>
+
+<p>Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
+englischen Dampfer lebt; f&uuml;hre ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
+Fr&uuml;hst&uuml;ck war, warme Fleische, Gem&uuml;se, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
+12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Fr&uuml;hst&uuml;ck aus
+kalten Fleischen, W&uuml;rsten, Salaten und Fr&uuml;chten bestehend, um 4 Uhr
+Nachmittags das Diner, <a name='Page_40'></a>endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
+versteht sich von selbst, dass die Engl&auml;nder ausserdem zum Schlusse noch
+der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
+keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
+keine besondere Besch&auml;ftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
+konnte.</p>
+
+<p>Das Schiff bot am Morgen einen eigenth&uuml;mlichen Anblick, von den F&auml;ssern
+waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
+lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-K&uuml;ste, die nun,
+nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zur&uuml;ckkehren
+wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu geh&ouml;ren, denn sie sind
+offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
+an der K&uuml;ste, die sich gern und freiwillig den Europ&auml;ern als Arbeiter
+vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
+auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
+Heimath zur&uuml;ckkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
+ihre Gelder mit Bar&aacute;ssa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
+sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
+Kru-Leute sind sehr kr&auml;ftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
+Physiognomie ist sehr h&auml;sslich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
+ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.</p>
+
+<p>Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser <a name='Page_41'></a>Sicht, aber gegen 10
+Uhr Morgens n&auml;herten wir uns wieder der K&uuml;ste, welche ganz flach war und
+nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
+Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
+Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engl&auml;ndern
+gebrauchte f&uuml;r den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
+indess nur ein einziges auf europ&auml;ische Art gebautes Haus zu sehen war,
+von vielen kleinen Negerh&uuml;tten umgeben.</p>
+
+<p>Kaum war das Anlegen vor&uuml;ber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
+umschw&auml;rmten, und nun begann ein Dr&auml;ngen und Klettern um zuerst mit den
+Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
+Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
+von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
+Lebensmittel, haupts&auml;chlich Yams, s&uuml;sse Erd&auml;pfel, Cocosn&uuml;sse, Mangos,
+Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Fr&uuml;chte, dann Papageien,
+Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohm&uuml;tzen,
+Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
+gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
+zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch r&uuml;cklings in
+Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in gr&ouml;sster
+Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
+Flaschen, europ&auml;ische Ta<a name='Page_42'></a>schent&uuml;cher, Messer, manchmal auch baares Geld
+das, was sie w&uuml;nschten, eintauschten. W&auml;hrend indess einige Sachen, z.
+B. Papageien, welche man 3 f&uuml;r 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
+ausserordentlich billig waren, wurden f&uuml;r andere die &uuml;bertriebensten
+Preise gefordert. So verlangte man f&uuml;r ein St&uuml;ck einheimischen Cattun,
+der allerdings recht h&uuml;bsch war, indess nur die Gr&ouml;sse von 3 Ellen L&auml;nge
+auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkw&uuml;rdigerweise f&uuml;r die
+kleinen Meerkatzen unversch&auml;mt hohe Preise gefordert; man h&auml;tte hier
+indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen k&ouml;nnen, denn sogar ein
+Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
+waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
+den Hauptgrund in der Bev&ouml;lkerung bilden indess die Popo- und
+Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden St&auml;mme werden hier
+vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben &auml;chte Negerz&uuml;ge,
+fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der M&uuml;he werth,
+ein europ&auml;isches Taschentuch um die H&uuml;ften zu winden.&mdash;Es befindet sich
+vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engl&auml;nder, die indess jetzt, seit
+der Sklavenhandel nun ganz unterdr&uuml;ckt ist, von ihrer fr&uuml;heren Bedeutung
+verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
+Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
+gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
+geistige Wohl des Schwarzen beschr&auml;nkt, sondern demselben auf der
+Missionsanstalt auch <a name='Page_43'></a>allerlei n&uuml;tzliche Handwerke gelehrt werden, was
+leider die Engl&auml;nder bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
+vernachl&auml;ssigen.</p>
+
+<p>Es kamen hier auch zwei von den deutschen Mission&auml;ren an Bord, um nach
+Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
+Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein geh&ouml;rigs
+Glas Ale gest&auml;rkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
+sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern g&auml;nzlich verlernt habe, da
+er schon l&auml;ngere Zeit an der K&uuml;ste sei. Dies Englisch aus dem Munde
+eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
+komisch, indem nat&uuml;rlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
+l&auml;cherlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
+franz&ouml;sisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
+zur grossen Belustigung des Publikums l&auml;ngere Zeit, er immer englisch
+und ich franz&ouml;sisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
+nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
+allgemeinen Heiterkeit war. Sp&auml;ter ertappte ich ihn, wie er sich ganz
+fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vern&uuml;nftiger Mann war,
+unterhielt, und fast h&auml;tte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
+auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
+erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schw&auml;bisch.</p>
+
+<p>Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
+vorher, westlich etwas zu S&uuml;d haltend, <a name='Page_44'></a>Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
+fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
+fl&uuml;chten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
+dass wir uns nahe an der K&uuml;ste befanden, und Akkra und Christiansborg
+dicht vor uns liegen hatten. Die St&auml;dtchen nehmen sich reizend aus; die
+vielen europ&auml;ischen H&auml;user, alle gl&auml;nzend weiss und italienischen Villen
+gleichend, treten auf dem dunklen Gr&uuml;n der Oel- und Kokospalmen scharf
+hervor. Im Hintergrund sah man niedrige H&uuml;gel, eine Abwechslung, die um
+so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache K&uuml;sten gesehen
+hatten. Die meisten gr&ouml;sseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
+und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
+Etablissement wehen. Auch mehrere gr&ouml;ssere Handelsschiffe waren vor
+Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.</p>
+
+<p>Wie gew&ouml;hnlich gr&uuml;sste der Calabar mit drei Sch&uuml;ssen und warf dann Anker
+aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumst&auml;mme
+umschw&auml;rmt waren, welche die Akkra-Neger mit gr&ouml;sster Geschicklichkeit
+&uuml;ber die h&ouml;chsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
+handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
+auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wof&uuml;r indess mehrere andere
+Mission&auml;re mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen <a name='Page_45'></a>alle von der
+Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein t&uuml;chtiges Feld
+er&ouml;ffnet hat.</p>
+
+<p>Akkra und Christiansborg geh&ouml;ren schon der Goldk&uuml;ste an, indem diese von
+der &ouml;stlich sich hinziehenden Sklavenk&uuml;ste durch den Volta-Fluss
+getrennt ist. Wir hatten die M&uuml;ndung dieses bedeutenden Flusses, der
+rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
+Bev&ouml;lkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
+den Y&oacute;ruba verwandt sein. Ganz eigenth&uuml;mlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
+weil sie ein erh&ouml;htes Hintertheil haben, &uuml;berhaupt dabei sehr gross
+sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
+das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
+entz&uuml;ckte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
+an die singlustigen Kak&aacute;nda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
+unm&ouml;glich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
+zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist h&ouml;chst
+bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
+dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. M&ouml;glich auch,
+dass sie dies durch den Unterricht von Mission&auml;ren gelernt haben, obwohl
+die Lieder, welche sie sangen, keine religi&ouml;se zu sein schienen, sondern
+gew&ouml;hnliche Volkslieder.</p>
+
+<p>Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holl&auml;ndisch, ist
+jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engl&auml;nder gekommen. Christiansborg
+wurde schon 1850 <a name='Page_46'></a>von den D&auml;nen dem Englischen Gouvernement &uuml;berlassen.
+Man sieht also, wie England so ganz allm&auml;hlich und ohne Aufsehen zu
+erregen, sich der ganzen K&uuml;ste von Afrika bem&auml;chtigt, denn l&auml;ngst sind
+der Reichthum an Rohproducten und die F&auml;higkeit, sp&auml;ter dort f&uuml;r alle
+Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
+finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.</p>
+
+<p>Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
+Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
+fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
+vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.</p>
+
+<p>Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
+steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
+Portugiesen erbaut, geh&ouml;rt sie jetzt den Engl&auml;ndern, und sieht sie auch
+nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
+einen europ&auml;ischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
+bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
+besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
+sch&ouml;nen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
+k&uuml;nstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
+ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
+vorgezeigt, dass ein gew&ouml;hnlicher europ&auml;ischer Goldarbeiter M&uuml;he gehabt
+haben w&uuml;rde, <a name='Page_47'></a>dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
+hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
+Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
+theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
+Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bev&ouml;lkerung bilden, sowie die
+Assin und Wassau, St&auml;mme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
+bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
+zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes S&auml;ckchen
+mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
+Kernen einer Schottenpflanze und bei gr&ouml;sseren Quantit&auml;ten in Steinchen.</p>
+
+<p>Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
+Oceans gegen die Felsbl&ouml;cke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
+einer H&ouml;he von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
+zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf St&uuml;hlen
+sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westk&uuml;ste von Afrika, in die
+grossen Kanoe St&uuml;hle zu setzen, da keine B&auml;nke vorhanden sind) in einem
+grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
+als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im sch&ouml;nsten
+Plattdeutsch (Holl&auml;ndisch) unterhalten h&ouml;rte. Diese heimischen T&ouml;ne
+brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
+Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja m&ouml;glicherweise neu
+uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald entt&auml;uscht, indem man <a name='Page_48'></a>mir
+in der Ferne nach Westen zu das holl&auml;ndische Fort Elmina zeigte, das ich
+bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, besch&auml;ftigt wie ich war mit
+meiner allern&auml;chsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
+Coast Castle entfernt und insofern f&uuml;r die Holl&auml;nder von Wichtigkeit,
+weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten f&uuml;r ihre ostindischen Colonien
+recrutiren. Sie bezahlen daf&uuml;r einen j&auml;hrlichen Tribut an den Aschanti
+K&ouml;nig, der ihnen hingegen die n&ouml;thige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
+Diese werden nun meist auf f&uuml;nf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
+sie frei werden und in ihr Land zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. Dies thun sie dann
+auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer R&uuml;ckkehr meist beim Fort
+Elmina unter dem holl&auml;ndischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
+Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen w&uuml;rden. Man theilte mir
+hier mit, dass so gut der K&ouml;nig von Aschanti mit den Holl&auml;ndern stehe,
+er gerade jetzt den Engl&auml;ndern den Krieg erkl&auml;rt habe, und sie nach
+Beendigung der Regenzeit angreifen w&uuml;rde. Hoffen wir das dem nicht so
+ist oder, wenn, dass derselbe gl&uuml;cklicher f&uuml;r unsere weissen Vettern
+ausfallen m&ouml;ge als bei fr&uuml;heren Gelegenheiten.</p>
+
+<p>Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der K&uuml;ste
+haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
+gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
+Dampfers zur Folge hatte, der &uuml;berdies &uuml;berm&auml;ssig lang und schmal war.
+Es war f&uuml;r mich um so unangenehmer, als <a name='Page_49'></a>ich von Zeit zu Zeit noch
+Fieberanf&auml;lle bekam, obgleich sonst meine Kr&auml;fte durch die Seeluft
+anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
+gem&uuml;thlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
+an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil h&auml;tten abhalten k&ouml;nnen,
+lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
+Mission&auml;re das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
+abgehalten, und Kapit&auml;n Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
+grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
+F&uuml;hrung des Dampfers.</p>
+
+<p>Mit Cap tree points verliessen wir Abends die K&uuml;ste, und fuhren den
+ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkw&uuml;rdiges aufstiess;
+zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortw&auml;hrend unter Deck,
+denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade &uuml;ber unseren
+K&ouml;pfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
+endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
+amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren f&uuml;r die Ausbreitung der
+christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
+anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.</p>
+
+<p>Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-K&uuml;ste, und z&auml;hlt politisch zur
+Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
+Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
+Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die <a name='Page_50'></a>Kirchen und
+hochgiebligen H&auml;user konnten einen glauben machen eine nordische K&uuml;ste
+vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
+indess diese Illusionen wieder zerst&ouml;rt, denn er sieht wie ein
+mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine gr&uuml;ne Insel,
+die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beitr&auml;gt
+die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erh&ouml;hen. Cap Palmas ist wie
+ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
+und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
+ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abh&auml;ngig von dem Pr&auml;sidenten in
+Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
+vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
+treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
+leben mit den Negern im besten Einverst&auml;ndniss. Hauptartikel des Handels
+ist, wie an der ganzen Westk&uuml;ste, Oel und Palmn&uuml;sse. Der Ort ist im
+Emporbl&uuml;hen begriffen, und ich h&auml;tte gern die Gelegenheit benutzt, diese
+interessanten Punkte einer selbst&auml;ndigen Negercultur n&auml;her in
+Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
+Landen sehr unangenehm gemacht h&auml;tten. Freilich liessen sich unsere
+Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
+nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschw&auml;rmten in
+unendlich kleinen und unz&auml;hligen Kanoes fortw&auml;hrend den Dampfer, um sie
+aufzunehmen.</p>
+
+<p><a name='Page_51'></a>Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gep&auml;ck waren, sprangen
+ganz einfach &uuml;ber Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
+Dass dabei die l&auml;cherlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
+sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
+meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt w&auml;re
+im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgesch&uuml;ttet. Es lagen auch
+mehrere europ&auml;ische Schiffe hier vor Anker.</p>
+
+<p>Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die gr&uuml;ne
+K&uuml;ste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen w&uuml;rde die Fahrt zu
+einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
+Schmeet, einem holl&auml;ndischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
+unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden h&auml;tte. Die holl&auml;ndischen
+Colonien, &uuml;ber den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
+gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
+lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
+Europa, hatte ich mich durch St&ouml;sse neuer Schriften, die lauter f&uuml;r mich
+unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.</p>
+
+<p>Ein guter Wind beg&uuml;nstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
+schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, w&auml;hrend wir
+eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr h&auml;tten eintreffen sollen.</p>
+
+<p>Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
+auf welche Stufe der Neger sich in <a name='Page_52'></a>Cultur und Civilisation
+emporzuschwingen vermag, sobald er, von t&uuml;chtigen Missionen umgeben, in
+administrativer Beziehung sich selbst &uuml;berlassen ist. Die Regierung
+selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
+hier denn auch der Pr&auml;sident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
+Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europ&auml;ische M&auml;chte gerichtet
+sein k&ouml;nnte, wird immer noch vom government of the United States
+ausge&uuml;bt; nach Innen zu gegen die unabh&auml;ngigen Neger ist Liberia
+vollkommen im Stande, sich selbst zu sch&uuml;tzen und Achtung zu
+verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen &uuml;brigens die Herrschaft der
+Republik Liberia an, und &uuml;ber 25,000 Seelen davon haben die christliche
+Religion angenommen.</p>
+
+<p>Auch hier war es leider nicht m&ouml;glich ans Land zu kommen; die Stadt
+selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
+Westk&uuml;ste von Afrika die sch&ouml;nste sein, und selbst die englische Stadt
+Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung &uuml;bertreffen. Eine grosse
+Bucht vor dem Orte gew&auml;hrt den gr&ouml;ssten Schiffen vollkommene Sicherheit,
+und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
+Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
+K&ouml;nigin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
+haupts&auml;chlich in Zucker, welcher mit dem gr&ouml;ssten Erfolg von den Negern
+gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia f&uuml;r 150,000
+Pfund Sterling Rohzucker ausgef&uuml;hrt.</p>
+
+<p><a name='Page_53'></a>Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
+Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
+ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
+Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
+Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencaj&uuml;te, w&auml;hrend wir
+selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
+jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engl&auml;nder sind viel
+zu vern&uuml;nftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
+Stubengelehrten, welche &uuml;ber Ra&ccedil;enunterschied ellenlange gehaltlose
+Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu k&ouml;nnen), dass an Bord
+vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
+Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegef&auml;hrte, war immer einer
+unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.</p>
+
+<p>Abends und Nachts hatten wir wieder das f&uuml;rchterlichste Unwetter, von
+tropischen Regeng&uuml;ssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
+die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
+konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
+des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
+indess von einer schwarzen Wolkenschicht umh&uuml;llt, man sah nur die
+unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der K&uuml;ste
+von Afrika hingeworfen erscheint. Fr&uuml;her war es jedenfalls eine Insel
+wie Fernando Po oder St. <a name='Page_54'></a>Thomas, erst sp&auml;ter entstand durch
+Anschwemmung aus den beiden Fl&uuml;ssen Bokelli und Kates, die ihre
+M&uuml;ndungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
+Sierra Leone oder das L&ouml;wengebirge ist nicht blos, weil es der
+bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels &uuml;bertrifft
+Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westk&uuml;ste
+von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenth&uuml;mliche
+geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
+sch&ouml;ne, st&auml;dtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
+Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
+vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.</p>
+
+<p>Das Erste was sich unseren Blicken genauer pr&auml;sentirte, ist ein kleiner
+Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
+Gr&uuml;n f&uuml;r sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
+prachtvolle Missionsgeb&auml;ude der Engl&auml;nder vor sich, von &uuml;ppig prangendem
+Gr&uuml;n umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
+vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans L&ouml;wengebirge hinaufgebaut.</p>
+
+<p>Die vielfarbigen H&auml;user, meist von hochgiebeligen D&auml;chern, was f&uuml;r ihr
+Alter spricht, &uuml;berragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
+Br&uuml;ckenanlagen, welche &uuml;ber tief einschneidende Ravins f&uuml;hren,
+grossartige Kirchen und andere &ouml;ffentliche Geb&auml;ude, als: der Sitz des
+Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospit&auml;ler, ei<a name='Page_55'></a>nige
+Verschanzungen nach der Seeseite zu&mdash;dies Alles untermischt vom tiefen
+dunklen Gr&uuml;n der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
+schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgr&uuml;n emporschauen&mdash;dies
+imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
+der englischen Besitzungen an der Westk&uuml;ste von Afrika vor sich hat. Im
+Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
+hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
+Europ&auml;er oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
+schon anf&uuml;hrten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
+wunderherrliche Hafen, durch die M&uuml;ndung des Sierra-Leone-Flusses
+gebildet. Was Gr&ouml;sse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
+an der ganzen K&uuml;ste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
+die kleinen Canoes einen gesch&auml;ftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
+etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.</p>
+
+<p>Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
+und bewunderten, liess der &quot;Calabar&quot; mit lang dauerndem Gerassel seine
+Anker fallen. Er h&auml;tte zwar noch n&auml;her ans Land gehen k&ouml;nnen, aber uns
+war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
+weniger vom Gesammtbilde verloren.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
+n&auml;her in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
+f&uuml;r Herrn Rosen<a name='Page_56'></a>busch, der, Hamburger von Geburt, als holl&auml;ndischer
+Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
+statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
+profitiren konnte; indess hatte ich sp&auml;ter den Vortheil den Herrn kennen
+zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
+&uuml;berdies die G&uuml;te hatte, mich mit neuen B&uuml;chern, unter anderen dem
+ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.</p>
+
+<p>Freetown oder, wie man gew&ouml;hnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
+obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
+durchaus schwarze Bev&ouml;lkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
+Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
+gar nicht. Die Schwarzen, urspr&uuml;nglich von freigelassenen Sklaven
+herstammend, welche die Engl&auml;nder den Spaniern, Portugiesen und
+Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bev&ouml;lkerung, die man
+sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
+Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
+Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
+Bev&ouml;lkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
+als Medium zwischen den unter sich fremden Negerst&auml;mmen dient. Es giebt
+hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
+Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegr&uuml;ndet, und
+wie man mir sagte, machte eben die letztere verh&auml;ltniss<a name='Page_57'></a>m&auml;ssig am
+meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl m&ouml;glich, denn sobald die
+Priester der r&ouml;mischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
+legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
+noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
+als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
+evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
+Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
+desshalb eine gr&ouml;ssere Anziehung aus&uuml;ben muss. Kirchen und Schulen
+fehlen nat&uuml;rlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
+Buchf&uuml;hrer dieser Colonie sind an der ganzen K&uuml;ste gesucht und bekannt.
+Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die urspr&uuml;nglich
+auf Kosten und M&uuml;hen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
+haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
+Beruf durch die Verlockung, einen gr&ouml;sseren Gehalt zu bekommen, abwendig
+machen lassen, und so die Fr&uuml;chte einer langj&auml;hrigen Arbeit f&uuml;r die
+Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
+weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuni&auml;r bedeutend geringer
+gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
+der ersteren sein d&uuml;rfte.</p>
+
+<p>Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
+angelegt, dennoch k&ouml;nnte man mehr f&uuml;r den Gesundheitszustand derselben
+thun, wenn man die <a name='Page_58'></a>breiten, mit hohem Gras, Geb&uuml;sch und Palmen
+bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
+b&ouml;ser Ausd&uuml;nstung sein m&uuml;ssen, verschwinden lassen w&uuml;rde. Zudem, da
+Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
+und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die H&auml;user sind
+meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
+man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
+fr&uuml;her Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
+Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
+durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
+Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
+mit weissen Glac&eacute;handschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
+alle haben nach neuester Mode eine Brille &uuml;ber dem Nasenr&uuml;cken, oder
+doch an einem B&auml;ndchen herunterh&auml;ngen, viele haben einen F&auml;cher; die
+Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
+Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
+dem europ&auml;ischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
+schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu k&ouml;nnen, wesshalb
+die Haken und Oesen zum Aufh&auml;ngen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
+werden eingef&uuml;hrt werden&mdash;oder kurze R&ouml;ckchen, wobei nat&uuml;rlich das
+schwarze Beinchen durch blendend weisse Str&uuml;mpfe und Schn&uuml;rstiefelchen
+mit chinesischem Absatz zu einem voll<a name='Page_59'></a>kommenen Pariser umgewandelt wird.
+In den Caf&eacute;s sieht man &auml;ltere und gesetztere Neger, oft schon
+weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
+Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
+es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
+ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
+Thermometer zwischen 20 und 25&deg; schwankt, kann man sicher sein, wie
+Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
+junger Engl&auml;nder, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterh&auml;lt sich
+vielleicht mit einer schwarzen Sch&ouml;nen vom Balle am vergangenen Abend,
+ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
+Blondk&ouml;pfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
+selbst Verse improvisirend.</p>
+
+<p>F&uuml;r Europ&auml;er ist indess der l&auml;ngere Aufenthalt in der Stadt einer der
+verderblichsten an der ganzen K&uuml;ste: Consul Rosenbusch erz&auml;hlte mir,
+dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bev&ouml;lkerung, circa
+200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
+Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
+jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
+an der ganzen Westk&uuml;ste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
+climatischer Hinsicht stattfindet.&mdash;Der Handel von Sierra Leone, wie
+schon die vielen gr&ouml;sseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
+bedeutend, <a name='Page_60'></a>und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
+mit der ganzen Westk&uuml;ste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
+Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
+wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
+von Gondja und wird haupts&auml;chlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
+zur K&uuml;ste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
+Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
+Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.</p>
+
+<p>Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
+und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
+wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
+Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
+heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
+dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
+machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
+ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie &uuml;blich
+fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
+hin wiederum waren andere N&auml;chte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
+dass man dann daf&uuml;r eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
+indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
+geschw&auml;ngerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbin<a name='Page_61'></a>dung zu bringen
+sein d&uuml;rfte.&mdash;Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
+nat&uuml;rlich f&uuml;r uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
+war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
+von 1867 auf 2500 Badeg&auml;ste nur 20 Kellner waren, w&auml;hrend wir auf 60
+Passagiere doch 10 Aufw&auml;rter hatten, und so wird man finden, dass die
+Engl&auml;nder und Neger, letztere waren es haupts&auml;chlich, die &uuml;ber
+mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
+hatten. Eher Recht h&auml;tten sie gehabt sich &uuml;ber die K&uuml;che zu beklagen,
+die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
+nach Art der Negerk&uuml;che zubereitet, d.h. halb gar, das Gem&uuml;se war durch
+eine Decoction von heissem Wasser gew&ouml;hnlich in geschmackloses Kraut
+umgewandelt, ein bestimmter Service wurde &uuml;berhaupt beim Essen gar nicht
+beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
+die auch von der geh&ouml;rigen Reihenfolge der G&auml;nge und einzelnen Gerichte
+keine Idee haben. Gew&ouml;hnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
+und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
+Ungl&uuml;cklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
+Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
+Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
+hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.</p>
+
+<p>Wir brauchten 3 Tage um die weite M&uuml;ndung des <a name='Page_62'></a>Gambiaflusses zu
+erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
+der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
+6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
+sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der M&uuml;ndung des
+Flusses, tr&auml;gt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
+fanden wir auch eine Menge gr&ouml;sserer Schiffe hier, meist englische und
+franz&ouml;sische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
+namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
+Flusse ist ebenfalls f&uuml;r Europ&auml;er &auml;usserst ungesund, und ist
+Haupthinderniss f&uuml;r Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
+anzulegen, da die meisten Mission&auml;re fr&uuml;hzeitig den b&ouml;sen Einfl&uuml;ssen der
+Luft erliegen. Der Handel besteht hier haupts&auml;chlich in Koltsche oder
+Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
+frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
+etwas im Feuer ger&ouml;stet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
+ganz Innerafrika vorkommt, wird haupts&auml;chlich nach Frankreich verschickt
+und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
+in jeder Beziehung so gut wie Oliven&ouml;l ist.</p>
+
+<p>Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
+anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
+Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
+Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine <a name='Page_63'></a>Schuhe
+selbst, nachdem er zuvor einen grossen K&auml;fig, in welchem er zwei
+Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher haupts&auml;chlich in den
+Urw&auml;ldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
+aufh&auml;lt, die Engl&auml;nder nennen ihn crownbird) hatte, eigenh&auml;ndig
+ausgekehrt hatte.</p>
+
+<p>Wir blieben bis f&uuml;nf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
+einem so starken Tornado waren &uuml;berfallen worden, dass unser ganzes
+Sonnenzelt &uuml;ber Bord ging; f&uuml;r's Schiff selbst war freilich nichts zu
+besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
+Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach f&uuml;nf
+Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
+doch fortw&auml;hrend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
+erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
+bewegliche Gebirge ank&auml;mpfte, jetzt &uuml;ber eine sehr lang gestreckte Welle
+hin&uuml;bergetragen wurde, dann aber wieder durch eine k&uuml;rzere zischend
+hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
+zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bek&auml;mpft, und mit Erfolg
+bek&auml;mpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
+K&ouml;rper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
+Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
+Natur.&mdash;Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
+zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
+<a name='Page_64'></a>Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
+Juni Morgens fr&uuml;h hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
+Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns nat&uuml;rlich in Quarantaine
+und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
+mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
+vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
+nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die H&auml;nde zu
+nehmen. Nat&uuml;rlich war es unter solchen Verh&auml;ltnissen Niemand gestattet
+ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
+Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
+sp&auml;ter gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
+sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
+wir hatten Gelegenheit uns hier die k&ouml;stlichsten Weintrauben zu
+verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst &ouml;de aus, selbst die Stadt,
+ohne irgendwie malerisch zu sein, tr&auml;gt nichts dazu bei, die kahlen und
+schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
+bemerkt man vom Meere aus keine B&auml;ume, obwohl diese Insel wohl nicht
+ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
+Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.</p>
+
+<p>Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
+denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordw&auml;rts steuerte. Wir
+hielten dicht <a name='Page_65'></a>neben der K&uuml;ste, und so lange wir unter dem Schutze der
+hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
+so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
+Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
+wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
+junge bildsch&ouml;ne Engl&auml;nderin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
+um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
+ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapit&auml;ns gestellt war.
+Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
+See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserkl&auml;rungen und Aufmerksamkeiten so
+geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
+Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
+kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung f&uuml;r
+die herrliche Insel.</p>
+
+<p>Um 1 Uhr Nachts verk&uuml;ndeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
+angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
+erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
+uns. Giebt es &uuml;berhaupt einen entz&uuml;ckenderen Anblick, als diese ewig
+gr&uuml;ne Fr&uuml;hlingsinsel? Unter der aufgekl&auml;rten Regierung der Portugiesen
+wurde uns hier nat&uuml;rlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
+landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
+von den sch&ouml;nen G&auml;rten, von den schattigen <a name='Page_66'></a>Spazierg&auml;ngen, von dem
+eigenth&uuml;mlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
+von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
+der Insel darbieten; es ist dies Alles l&auml;ngst bekannt, denn Madeira war
+und ist noch immer eine Hauptwinterstation f&uuml;r Brustleidende unserer
+kalten L&auml;nder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
+Comfort, es giebt dort deutschredende Aufw&auml;rter, und die Preise sind,
+obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
+billiger als in allen anderen. Der Weinbau f&auml;ngt auch an sich wieder zu
+heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
+war, desshalb ist &auml;chter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
+augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
+Weine, welche denn auch gew&ouml;hnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
+bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.</p>
+
+<p>Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
+Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
+Unter anderen war eine junge Landsm&auml;nnin zugekommen, deren Mann nach
+einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
+durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
+Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
+ansehen und unterlassen, sie dem Engl&auml;nder schon gleich am ersten Tage
+abwendig zu machen, bei <a name='Page_67'></a>welchem Unternehmen ich freilich mit
+Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterst&uuml;tzt wurde. Es
+traf sich merkw&uuml;rdig genug, dass diese liebensw&uuml;rdige Frau, in
+Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im h&ouml;chsten
+Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
+Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engl&auml;nderin der
+Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.</p>
+
+<p>Von der sechst&auml;gigen Reise von Madeira nach Liverpool f&uuml;hre ich hier nur
+noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
+gar nicht auf eine solche K&auml;lte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
+vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
+Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
+gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
+schwarz, suchte immer Schutz und W&auml;rme bei der Maschine, was mich
+anbetrifft, so half mir meine Landsm&auml;nnin, welche einen Kleidervorrath
+von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
+und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Caj&uuml;te die
+eingeschlossene Luft einathmen zu m&uuml;ssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
+Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
+sp&auml;ter in den Docks in Liverpool bei.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'></a><h2><a name='Page_68'></a>Die Stadt Kuka in Bornu</h2>
+
+
+<div class='blkquot'><p><i>Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
+ Sultans.&mdash;Das Christenhaus.&mdash;Rathsversammlungen.&mdash;Aufz&uuml;ge und Prunk
+ der Grossen.&mdash;Leben und Treiben auf dem grossen Markte.&mdash;Schwunghafter
+ Sclavenhandel.</i> </p></div>
+<br />
+
+<p><i>Kuka</i>, von den Bewohnern Sudans <i>Kukaua</i> genannt, ist die Haupt- und
+gew&ouml;hnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungef&auml;hr dem 13&deg; n&ouml;rdl.
+Br. und dem 32-1/2&deg; &ouml;stl. L&auml;nge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
+des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
+Diese ist zum gr&ouml;ssten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
+haupts&auml;chlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
+aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
+unmittelbarer N&auml;he der Stadt haben die B&auml;ume f&uuml;r die Culturen Platz
+machen m&uuml;ssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
+hohen <i>Argum-moro</i>- (Pennisetum distichum) und <i>Ng&aacute;foli</i>- (Sorghum)
+Feldern umgeben. Allm&auml;lig aber, und namentlich gegen das Ende der
+Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein <a name='Page_69'></a>Sumpf, und bei
+anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
+ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
+selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
+welche die Stadt der ganzen L&auml;nge nach durchschneidet, von den Kukaern
+&quot;<i>Dendal</i>&quot;, d.h. Promenade genannt oder, wie Barth &uuml;bersetzte,
+&quot;K&ouml;nigsstrasse&quot;, ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
+Tiefe.</p>
+
+<p>Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gr&uuml;nder Mohammed-el-K&aacute;nemi im Jahre
+1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
+eine &quot;Kuka&quot; oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
+Weststadt <i>Billa fute be</i>, der Mittelstadt und der Oststadt <i>Billa gede
+be</i>.<a name='FNanchor_4'></a><a href='#Footnote_4'><sup>[4]</sup></a> Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
+geh&auml;rtetem Thon umgeben und derart aufgef&uuml;hrt, dass man von Innen bequem
+durch Treppen &uuml;berall bis nach oben hinaufsteigen kann, w&auml;hrend die
+Aussenwand fast ganz steil abl&auml;uft. Die Richtung der Stadt ist, da die
+beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
+bilden, beinahe von Osten nach Westen.</p>
+
+<p>An &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden besitzt nat&uuml;rlich eine Stadt wie Kuka, deren
+Baumaterial blos Thon ist, nichts Be<a name='Page_70'></a>merkenswerthes. Der jetzige Sultan,
+Scheich Omar, der bei den Kan&uacute;ri den Titel <i>Mai</i>, d.h. K&ouml;nig, f&uuml;hrt,
+residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, ger&auml;umige Wohnungen
+hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
+bewohnt werden; in den inneren Hofr&auml;umen sind ausserdem eine Menge
+kleiner, birnenf&ouml;rmiger H&uuml;tten aus Stroh, f&uuml;r die Weiber und Sklaven.
+Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
+Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
+der Mai immer im gr&ouml;ssten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
+Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
+Mohammed-el-K&aacute;nemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gr&uuml;ndete,
+nachdem die der <i>S&eacute;fua</i>, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
+bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
+Throne gest&uuml;rzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
+Barth und Vogel in Bornu waren, als Emp&ouml;rer and Usurpator erdrosseln.
+Das Grab des Letztern ist &auml;usserst pr&auml;chtig und gleicht in dieser
+Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
+andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden k&ouml;nnen,
+und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
+Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche fr&uuml;her
+haupts&auml;chlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
+sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
+auch des Frei<a name='Page_71'></a>tags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
+indess nur in einzelnen F&auml;llen in der Weststadt und dann immer nur auf
+einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus <i>Fato
+á¹…ssara be</i>, welches allen europ&auml;ischen Reisenden, von Barth und
+Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.</p>
+
+<p>In beiden St&auml;dten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
+giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongeb&auml;ude, und zwar
+in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, w&auml;hrend in der
+Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
+afrikanischen L&auml;nder zusammenstr&ouml;men, ihre Wohnungen und Niederlassungen
+haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
+<i>bienenkorbf&ouml;rmige Strohh&uuml;te</i>, die gew&ouml;hnlich oben mit einem Straussenei
+oder mehreren geschm&uuml;ckt ist, <i>Ṅgim</i> genannt, und die, wenn mehrere
+zusammen von einer th&ouml;nernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
+<i>Fato</i>, Wohnung, haben.</p>
+
+<p><i>Die Bev&ouml;lkerung</i> einer Stadt, die als <i>Hauptmittelpunkt des Handels von
+Innerafrika</i> gilt, muss nat&uuml;rlich eine sehr gemischte sein; am meisten
+vertreten sind indess die <i>Kan&uacute;ri</i> oder eigentlichen Bornubewohner, dann
+die <i>Leute aus Kanem</i>, einem Lande, welches n&ouml;rdlich vom Tsad liegt,
+endlich die <i>Teda</i> oder <i>Tebu</i>, die zum Theil in Bornu selbst ans&auml;ssig
+sind, zum Theil auch aus den ihnen zugeh&ouml;renden L&auml;ndern kommen. Aber
+ausserdem sind die <i>B&uacute;dduma</i> oder <i>Jedina</i>, <a name='Page_72'></a>welche die Inseln des
+<i>Tsad</i> bewohnen, die <i>Uandala</i> aus den n&ouml;rdlichen Sumpfniederungen am
+Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
+vertreten, sowie das <i>weisse</i> Element durch die verschiedenen
+<i>T&uacute;areg-St&auml;mme</i> der s&uuml;dlichen Sahara und durch <i>Araber</i> und <i>Berber</i>
+repr&auml;sentirt wird. Nat&uuml;rlich da alle diese St&auml;mme ihre eigenen Trachten
+haben, bietet dieses V&ouml;lkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
+denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
+Eigenth&uuml;mliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
+h&auml;ufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
+Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande f&uuml;r sch&ouml;n hielten, in die
+Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses St&uuml;ck Holz oder eine
+K&uuml;rbisschale einzuschieben, so sch&auml;men sie sich doch dieses Schmuckes,
+sobald sie l&auml;ngere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
+die grossen L&ouml;cher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
+R&auml;nder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
+s&uuml;dlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
+ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
+welches sie vorn an ihrem G&uuml;rtel befestigen; aber bald erwacht das
+Schamgef&uuml;hl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
+und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsst&uuml;ck zu bedecken.</p>
+
+<p>Kuka ist eine <i>Grossstadt</i> und gleicht in manchen Beziehungen unseren
+europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten. Morgens <a name='Page_73'></a>fr&uuml;h, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
+eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schl&auml;ft noch. Indess
+kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
+den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
+Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gem&uuml;sen. Laut ihre Waaren
+ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
+Frauen Kukas, um f&uuml;r den t&auml;glichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
+sorgf&auml;ltig die H&uuml;tte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
+ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
+die Kan&uacute;rifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
+M&auml;nner, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Gesch&auml;ft,
+nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Fr&uuml;hst&uuml;ck eingenommen haben,
+welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
+Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
+Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen L&auml;ndern unter Schoppen
+in den Strassen oder auf den &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen betrieben,
+Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse F&auml;rbereien, um den Kattunen
+die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
+Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
+besch&auml;ftigt sind, um durch Klopfen mit einem h&ouml;lzernen Hammer der Tobe
+oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
+Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
+Freien. Die gegen Mittag <a name='Page_74'></a>eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
+l&auml;nger als bis 11 Uhr den Gesch&auml;ften nachzugehen.</p>
+
+<p>Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
+Jene begeben sich in ein Vorgeb&auml;ude oder in einen &auml;ussern Hof ihrer
+Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
+zu h&ouml;ren und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangeh&ouml;rigen zu
+ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
+ihm zun&auml;chst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
+Neuigkeiten aus, oder mustert die Vor&uuml;bergehenden.</p>
+
+<p>Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
+und darunter namentlich die <i>Cognaua</i> (Plural von <i>Cogna</i>) oder R&auml;the,
+welche die <i>Rathsversammlung</i> oder <i>N&oacute;kna</i>, die alle Morgen in der
+Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepr&auml;nge,
+von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
+kommt auf einem pr&auml;chtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
+Sklaven bezahlt worden ist, ein n&auml;chster Verwandter des Sultans; sein
+Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
+der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
+Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
+Arabesken von Gold gestickt sind, &uuml;berzogen; eine eben so kostbare
+Schabracke und Z&uuml;gel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
+vervollst&auml;ndigen das Ganze. Der Reiter tr&auml;gt meist nach Art der Tuniser
+<a name='Page_75'></a>Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
+mit einem Turban versehen, meist begn&uuml;gen sie sich mit einem rothen Fes.
+Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
+und die <i>Cognaua</i> die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
+selbst die Gener&auml;le und Minister, m&uuml;ssen barhaupt und barfuss
+erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffentr&auml;ger und rufen Jedem zu,
+Platz zu machen, w&auml;hrend hinterher noch Spiesstr&auml;ger und ein ganzes
+Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
+Beamten, h&ouml;heren Offiziere und R&auml;the, alle lieben es aber, ein so
+grosses Gefolge wie m&ouml;glich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
+Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
+Vorrecht der k&ouml;niglichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.</p>
+
+<p>Alle diese Aufz&uuml;ge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
+dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
+husten, er k&uuml;mmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
+&uuml;ber ihm steht. Sobald alle in den ger&auml;umigen S&auml;len des F&uuml;rsten
+versammelt sind und sich gesetzt haben, ert&ouml;nen die grosse Trommel und
+mehrere Pfeifen und andere Instrumente, f&uuml;r die wir keinen Namen haben,
+von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
+clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
+<i>Mai</i> die Versammlung, und w&auml;hrend sich die Verschnittenen zur&uuml;ckziehen,
+nimmt er Platz auf einer Erh&ouml;hung, die mit sch&ouml;nen Smyrnaer Teppichen
+&uuml;berdeckt <a name='Page_76'></a>ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
+erhoben hat, l&auml;sst sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
+den Mai begr&uuml;ssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
+die speciell Bevorzugten d&uuml;rfen auch die Hand k&uuml;ssen. Dies thun indess
+eigentlich nur <i>Sch&uuml;rfa</i> (Abk&ouml;mmling des Propheten, deren es immer eine
+Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten <i>Cognaua</i>
+haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem F&uuml;rsten, dass sie ihm gar nicht ins
+Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und fr&uuml;her zur Zeit der
+Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im K&ouml;nigreiche
+M&aacute;ndara Sitte ist, dass alle beim K&ouml;nige Versammelten demselben den
+R&uuml;cken zukehrten, um nicht vom Glanze des k&ouml;niglichen Antlitzes
+geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
+mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
+Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
+K&ouml;nigin Victoria<a name='FNanchor_5'></a><a href='#Footnote_5'><sup>[5]</sup></a>; alle anderen aber m&uuml;ssen, ehe sie die <a name='Page_77'></a>Wohnung des
+Mai betreten, draussen ihre Waffen zur&uuml;cklassen. Die Versammlung dauert
+meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen R&uuml;ckzug das Zeichen zum
+Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
+verl&auml;sst, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischsch&uuml;ssel,
+Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch w&auml;hrend der Versammlung
+Goron&uuml;sse pr&auml;sentiren l&auml;sst. Die Reste in den Sch&uuml;sseln sind immer f&uuml;r
+die Sklaven.</p>
+
+<p>Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
+zur&uuml;ckbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
+grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Gesch&auml;fte und Arbeit, Alles
+zieht sich in die k&uuml;hlsten und innersten Gem&auml;cher der Wohnung zur&uuml;ck,
+oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
+Nichtsthun hinzugeben.</p>
+
+<p>Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der <i>Markt</i>
+f&auml;ngt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
+<i>Montag</i> vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
+der <i>alle Tage</i> in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
+wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
+dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte w&auml;re, im Gegentheil, um 3 Uhr
+Nachmittags ist <i>die ganze Stadt ein Markt</i>; Hauptpunkte bilden freilich
+der westliche <i>Dendal</i> der Weststadt, dann der <i>Ṅgimgsegeni-Dendal</i> und
+der Platz am Westthore der Oststadt.</p>
+
+<p><a name='Page_78'></a>Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerst&auml;dten mit beigewohnt
+hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen M&auml;rkten
+hergeht. Man findet Alles, was zum Leben n&ouml;thig ist. Hier stehen grosse
+lederne <i>Botta</i>, weiche Butter enthalten, die nat&uuml;rlich immer fl&uuml;ssig
+ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen S&auml;cke mit Getreide,
+dort liegen <i>Koltsche</i> und <i>Ng&aacute;ngala Erdn&uuml;sse</i>, die einen
+kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, <i>Kornafr&uuml;chte</i>
+(Lotus) und die bitteren &auml;usserlich einer Dattel &auml;hnlichen Fr&uuml;chte des
+<i>Hadjilidj-Baums</i>, selbst viele andere wilde Waldfr&uuml;chte werden
+ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche <i>Gunda</i> oder
+<i>Melonenbaumfrucht</i>, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
+Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
+man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen h&ouml;lzernen Spiessen grosse
+St&uuml;cke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
+Wenn es gehackt und stark gew&uuml;rzt ist und dann um St&auml;bchen geklebt und
+&uuml;ber Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als <i>G&uacute;mgeni</i>. Dies ist
+das, was die Araber <i>Kiftah</i> nennen. Auch kleine Br&ouml;tchen, f&uuml;r einige
+Muscheln das St&uuml;ck, sind zu haben, und damit ja nichts f&uuml;r den Gaumen
+fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos <i>Goro-</i> oder
+<i>Kola-N&uuml;sse</i> verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
+mit dem blossen Anblick gen&uuml;gen! Die <i>Goro-Nuss</i>, die nach Kuka von der
+Westgegend Afrikas <i>&uuml;ber Kano</i> kommt, <a name='Page_79'></a>wird durch diesen Transport so
+theuer, dass man manchmal das St&uuml;ck mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
+muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die &uuml;brigen
+Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
+Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ern&auml;hren kann.</p>
+
+<p>Interessant sind die Buden, welche <i>europ&auml;ische Artikel</i> ausbieten:
+Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
+grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in <i>Perlen</i>
+findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
+die venetianischen Glasperlenfabriken f&uuml;r die schwarzen Damen eben so
+viele Perlen fabriciren, als es die b&ouml;hmischen jetzt f&uuml;r die weissen
+Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
+namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und S&auml;tteln, denn jeder auch
+nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
+Sklaven. Tr&ouml;delbuden und Kleidermagazine sind nat&uuml;rlich auch vorhanden,
+denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues h&uuml;bsches
+Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
+Tr&ouml;dler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
+Borg abgenommen hatte.</p>
+
+<p><i>Sklaven</i> sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
+Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, w&auml;hrend <i>Montags am
+grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern.</i> <a name='Page_80'></a>Der
+Sklavenhandel wird &uuml;berhaupt en gros in den H&auml;usern getrieben, indem es
+z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
+Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann f&uuml;r eine gewisse
+Zahl von Sklaven losschl&auml;gt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
+den <i>grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren</i> sind
+die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein h&uuml;bsches junges
+M&auml;dchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
+ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.</p>
+
+<p>Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
+auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, H&uuml;hner etc. sind
+alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
+zu haben. So ersteht man eine fette Kuh f&uuml;r 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
+gutes Pferd f&uuml;r etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn f&uuml;r 50 Muscheln. Man
+kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europ&auml;ische Artikel
+hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend h&ouml;her abgesch&auml;tzt
+werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
+weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
+Austausch ein Ende macht.</p>
+
+<p>Aber damit hat noch l&auml;ngst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
+vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
+dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich <a name='Page_81'></a>Rendezvous;
+namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
+leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede h&uuml;bsche verheirathete Frau hat
+ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen T&ouml;chter des Sultans
+wussten es m&ouml;glich zu machen, ihren Eunuchen zu entschl&uuml;pfen, um
+Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
+Gruppen, denn die k&uuml;hlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
+Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
+es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.</p>
+
+<p>F&uuml;r einen Europ&auml;er w&uuml;rde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
+bleibender Aufenthalt in Kuka unertr&auml;glich sein. Mit Europa ist in der
+Regel nur ein Mal im Jahre &uuml;ber Tripoli eine Verbindung; der viel n&auml;here
+Weg nach der K&uuml;ste vermittelst des B&eacute;nuē und Niger ist augenblicklich
+f&uuml;r Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
+der jetzt in Masse von der K&uuml;ste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
+hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
+von Kuka ist sonst trotz der N&auml;he des Tsad und trotz der vielen
+Wasserlachen w&auml;hrend der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
+durch die N&auml;he der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
+hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Am_Benu=e'></a><h2>A<a name='Page_82'></a>m B&eacute;nuē</h2>
+<br />
+
+<p>Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Ud&eacute;ni, wo der Fetischdienst
+von den Negern am ausgepr&auml;gtesten betrieben wird. An demselben Tage
+noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
+mich davon &uuml;berzeugen, und war Zeuge der eigenth&uuml;mlichen Opfer, welche
+diese St&auml;mme ihren G&ouml;tzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
+war es um den Zorn der aus Thon geformten G&ouml;tter zu vers&ouml;hnen, weil ein
+Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
+ich nicht erfahren.</p>
+
+<p>Die G&ouml;tter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
+eigene kleine H&uuml;tten. In den Gegenden am B&eacute;nuē sind es haupts&auml;chlich
+<i>Dodo</i> und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
+giebt n&auml;mlich <i>G&ouml;tter, die allgemein sind</i>, und <i>Privatfetische</i>; jeder
+hat z. B. seinen eigenen Hausg&ouml;tzen, ausserdem hat man <i>Stadtg&ouml;tter</i>,
+<i>Thorg&ouml;tter</i>, Feld- and Garteng&ouml;tter, Flussg&ouml;tter etc.</p>
+
+<p><a name='Page_83'></a>Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Br&uuml;cke &uuml;berschritt, die
+uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
+dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
+Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
+mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
+Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
+Sklaven Schafe, H&uuml;hner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
+beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
+Stille der Natur und die &uuml;ppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
+sah, dass die N&auml;he des B&eacute;nuē hier schon einen m&auml;chtigen Einfluss auf
+die Entwickelung der Vegetation aus&uuml;bte. Schweigend durchzogen wir die
+Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Ger&auml;usch. Waren wir doch
+&uuml;berdies in einer Gegend, wo fortw&auml;hrend Krieg und Ueberf&auml;lle an der
+Tagesordnung sind, <i>auf der &auml;ussersten Grenze der Macht der Fellata oder
+Pullo</i> (Fulbe) <i>nach S&uuml;den zu</i>. Voran gingen zwei riesige Neger aus
+Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
+80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
+Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Z&auml;hnen, dann
+drei Sklaven, die unser Gep&auml;ck trugen, und den Schluss machten wir
+selbst.</p>
+
+<p>Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
+h&ouml;rte man von fern das Krachen <a name='Page_84'></a>der Zweige im Geb&uuml;sche, durch welches
+ein unf&ouml;rmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
+aufgescheuchte V&ouml;gel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
+kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
+Elfenbeintr&auml;ger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen h&auml;tten,
+weil sie so r&uuml;stigen Schrittes vorw&auml;rts eilten, hatten doch von Zeit zu
+Zeit eine Erholung n&ouml;thig. Nach einem vierst&uuml;ndigen raschen Dahineilen
+gelangten wir pl&ouml;tzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
+konnten wir vorw&auml;rts kommen, denn die Kronen der B&auml;ume bildeten ein so
+dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
+ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumst&auml;mme und grosse
+Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
+pl&ouml;tzlich eine k&uuml;hlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
+weite Ebene. Unsere Tr&auml;ger hielten an und legten, sich gegenseitig
+helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
+Gep&auml;cktr&auml;ger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
+als ich weiter vorw&auml;rts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
+unseren F&uuml;ssen sich ausdehnte.</p>
+
+<p>Aber nein, es war kein See, <i>es war der B&eacute;nuē</i>. Nach rechts und links
+dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegen&uuml;ber sah
+man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majest&auml;tischen
+Stromes. &quot;Ist dies das andere Ufer?&quot; fragte ich die Neger.&mdash;&quot;Nein, das
+ist blos eine Insel, <i>Loko</i>, <a name='Page_85'></a>von <i>Bassa-Negern</i> bewohnt, und hier
+werden wir bei Tagesanbruch &uuml;bersetzen&quot;, war die Antwort. Sodann luden
+sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
+sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren K&auml;hnen her&uuml;berkommen w&uuml;rden,
+um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
+Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
+nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich f&uuml;hrte. Dann legten wir
+uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
+Beim ersten Grauen des Tages h&ouml;rten wir sofort Geschrei und L&auml;rmen und
+sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren n&ouml;rdlichem
+Ufer zahlreiche kleine H&uuml;tten standen, eine Menge K&auml;hne ins Wasser
+stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
+an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
+jetzt beim niedrigsten Wasserstande des B&eacute;nuē sehr breit war, und
+bald waren wir den <i>Bassa</i> gegen&uuml;ber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
+paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
+waren diese den B&eacute;nuē <i>herauf</i> in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
+schienen sie uns sogar f&uuml;r Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
+halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
+gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angeh&ouml;rten, &uuml;berdies keine
+Mohammedaner w&auml;ren, sondern <i>Nassara</i> (Christen, mein mohammedanischer
+<i>Diener Hammed</i> liess es sich ganz <a name='Page_86'></a>gern gefallen, hier als Christ mit
+zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
+bem&auml;chtigen, sowie des Gep&auml;ckes, um dieses und uns in die ausgeh&ouml;hlten
+Baumst&auml;mme (ihre K&auml;hne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
+nicht. Die Menschen sind &uuml;berall dieselben, und wenn man in Italien oder
+im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
+H&auml;nde des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
+dingen zu m&uuml;ssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
+H&auml;nden, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zun&auml;chst den
+Preis f&uuml;r das Uebersetzen sagen m&uuml;ssten. Zu dem Ende legte ich 100
+Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
+solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
+wir dann handelseins &uuml;ber 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
+war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
+Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repr&auml;sentiren.
+Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach <i>Loko</i>
+begleiten w&uuml;rden, erkl&auml;rten dann, dass sie zur&uuml;ck m&uuml;ssten, um noch vor
+der grossen Hitze Ud&eacute;ni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
+Baumst&auml;mme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
+hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
+stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
+hin&uuml;ber geschaufelt.</p>
+
+<p><a name='Page_87'></a>Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Pl&auml;tzen immer ein Ereigniss,
+wenigstens des Morgens fr&uuml;h, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
+nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
+zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergew&ouml;hnlich
+vergr&ouml;ssert war, weil man l&auml;ngst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
+Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
+irgend eine St&uuml;tze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
+dem Fulbe des Reiches S&oacute;koto unterworfenen Negerst&auml;mme mir nicht
+schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
+da ich bald sah, dass alles B&ouml;se, was man von ihnen gesagt hatte,
+Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
+so dicht wie m&ouml;glich an uns herandr&auml;ngten, uns bef&uuml;hlten und befragten,
+und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
+vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
+einen von mehreren H&uuml;tten gebildeten Hofraum gedr&auml;ngt. Man gab uns zu
+verstehen, dass wir uns setzen m&ouml;chten. Nachdem uns dann eine recht nett
+aussehende alte Negerin ein Gef&auml;ss voll warmer Suppe gebracht hatte,
+fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
+&uuml;blichen Sprachen verst&auml;nden, und nach einander nannten sie eine Menge
+Sprachen als: <i>Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe</i> etc. Ich
+glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen w&auml;ren, die eine
+dieser Sprachen <a name='Page_88'></a>verst&auml;nden, und erwiderte sogleich <i>Arabtji,
+Berbertji</i>. Unter letzterem Worte bezeichnen n&auml;mlich alle diese
+Negerst&auml;mme die <i>Bewohner</i> und <i>Sprache</i> von <i>Bornu</i> (&mdash;das Kan&uacute;ri&mdash;).
+Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
+antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
+einem Andern zur&uuml;ckkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
+ke l'&aacute;fia-lē ṅda t&eacute;gē etc.: &quot;Sei gegr&uuml;sst; Friede; <i>wie
+befindet sich deine Haut</i>&quot; etc. entgegenrief.</p>
+
+<p>Fand er sich im Anfange etwas get&auml;uscht, dass ich nicht so fliessend zu
+antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
+schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
+ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche <i>Kan&uacute;ri</i> vom
+Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
+entgegneten, wir w&auml;ren <i>Inglese</i> und Vettern von den beiden weissen
+Christen in Lok&oacute;ja (&mdash;der bekannten von Dr. Baikie gegr&uuml;ndeten Station
+an der M&uuml;ndung des B&eacute;nuē in den Niger&mdash;). Er selbst war gerade nicht
+von Bornu, sondern von einer im Reiche S&oacute;koto gegr&uuml;ndeten Colonie Namens
+<i>Lafia-Bere-Bere</i>. Er sagte mir dann, dass man eine H&uuml;tte f&uuml;r uns in
+Stand setze, und dass der K&ouml;nig der Insel mir einen Besuch machen w&uuml;rde,
+den ich sp&auml;ter zu erwidern h&auml;tte.</p>
+
+<p>Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
+Kan&uacute;ri erz&auml;hlte mir, dass die <a name='Page_89'></a>Bassa auf Loko haupts&auml;chlich von der
+<i>F&auml;hre</i> lebten, da hier ein <i>Haupt&uuml;bergang</i> sei; bei Hochwasser sei die
+ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss &uuml;ber dem Wasserspiegel lag,
+&uuml;berschwemmt, und die meisten Leute z&ouml;gen sieh dann aufs linke Ufer
+zur&uuml;ck, w&auml;hrend nur die zur Besorgung der F&auml;hre unumg&auml;nglich notwendigen
+jungen Leute in hohen <i>auf Pf&auml;hlen</i> ruhenden H&uuml;tten zur&uuml;ckblieben. Die
+Bassa-Neger wohnten fr&uuml;her alle auf dem rechten B&eacute;nuē-Ufer, wurden
+aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, so dass
+nur noch einige wenige Pl&auml;tze von ihnen am rechten Ufer behauptet
+werden. Die Bassa sind mit den <i>Afo-</i> und <i>Koto-Negern</i> eng verwandt und
+scheinen sanfter Natur zu sein; sie n&auml;hren sich haupts&auml;chlich von
+Fischen, die der B&eacute;nuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
+liefert. Dem Aeussern nach sind sie <i>echte Neger</i>, ohne doch dabei
+h&auml;sslich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
+unter den Erwachsenen haben die &auml;rmeren Leute h&ouml;chstens ein Schurzfell
+um die H&uuml;ften geschlagen. Eigenth&uuml;mlich ist die <i>Art ihrer Begr&uuml;ssung</i>,
+indem sie den Vorderarm der L&auml;nge nach an einander legen, derart, dass
+einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
+<i>Fetischdiener</i>, ohne jedoch einen so ausgepr&auml;gten Penatendienst wie
+jene zu haben.</p>
+
+<p>Endlich war die kleine runde H&uuml;te, welche man provisorisch aus Matten
+aufgef&uuml;hrt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
+uns niederge<a name='Page_90'></a>lassen, als der <i>Galadima</i> oder <i>K&ouml;nig</i> der Insel kam. Er
+besah Alles, that viele Fragen mittels des Kan&uacute;ri und sagte, er w&uuml;rde
+nach einem <i>Araber</i> als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
+recht anst&auml;ndig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
+Schiff zu miethen nach <i>Imaha</i> (wird auch von den Arabern und
+Soko-Negern <i>Um-Aischa</i> genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
+unterhalb am B&eacute;nuē liegt und wohin wir zun&auml;chst mussten. Das war
+keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
+forderten,&mdash;sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
+4000 f&uuml;rs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verh&auml;ltnisse
+stand,&mdash;sondern weil wir gar kein <i>baares Geld, d.h. Muscheln</i>, mehr
+hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
+das letzte St&uuml;ck, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
+gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
+Anderes &uuml;brig, als alle Kleidungsst&uuml;cke, die wir entbehren konnten, zu
+verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
+Notwendigste beschr&auml;nkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
+bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
+den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.</p>
+
+<p>Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem K&ouml;nige meine Aufwartung. Er
+mochte wohl ein h&uuml;bsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
+blos einige kleine einheimische Baumwollent&uuml;cher geben, mit denen <a name='Page_91'></a>sich
+in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
+selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
+machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, <i>er
+w&uuml;nsche nichts so sehr, als mit den Engl&auml;ndern direct in
+Handelsverbindung zu treten</i>. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
+sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, <i>Madidi</i>, d.h. eine
+Art Kleister in Bananenbl&auml;tter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.</p>
+
+<p>Denselben Tag konnten wir nat&uuml;rlich nicht an die Abreise denken, und es
+war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend k&uuml;ndigte sich die
+Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
+es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
+Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
+Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
+beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windst&ouml;sse waren so heftig,
+dass in einem Nu mehrere H&uuml;tten weggef&uuml;hrt und Gott weiss wohin geweht
+wurden. Gl&uuml;cklicherweise lag unsere H&uuml;tte zwischen anderen so gesch&uuml;tzt,
+dass wir nicht zu f&uuml;rchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
+aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Str&ouml;me Wassers
+von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
+durchn&auml;sst waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
+Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
+vollkommen sternhellen und unumw&ouml;lkten Him<a name='Page_92'></a>mel, und am andern Morgen
+tauchte die Sonne wie neu aus dem B&eacute;nuē, dessen fr&uuml;her staubige,
+dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
+im Fr&uuml;hlingsgr&uuml;n prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
+wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
+nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
+sich wie durch Zauber in einen gr&uuml;nen Teppich voll bunter Blumen
+umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
+kleine Thierwelt; Schmetterlinge und K&auml;fer, die man sonst nur in
+Th&auml;lern, wo immer fliessende B&auml;che und Rinnsale rieseln, bemerkt,
+treiben sich nun &uuml;berall umher.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
+Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
+genug, um uns beherbergen zu k&ouml;nnen; nur Ein Neger stand auf dem
+Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabw&auml;rts treibende
+Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
+bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
+die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gew&ouml;hnlich
+erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
+beigelegt, um einige Z&uuml;ge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
+hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
+Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im <a name='Page_93'></a>Rauche des Feuers
+vor F&auml;ulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anz&uuml;nden zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; w&auml;hrend z. B.
+in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. &uuml;berall
+Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut <i>nur
+zum Kauen</i>, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
+zum <i>Schnupfen</i>; erst in der N&auml;he des B&eacute;nuē wird das Rauchen
+allgemein.</p>
+
+<p>An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt nat&uuml;rlich nicht; zahlreiche
+Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
+Sandb&auml;nken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
+den dichtbelaubten B&auml;umen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
+neugierig auf uns herunterschielten,&mdash;hier und da, und dies meist am
+linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
+Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
+aus und standen &uuml;berall an seichten Stellen im B&eacute;nuē. Die Zeit wurde
+mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
+bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefr&auml;ssigen Kaimans nicht
+zu nahe herank&auml;men. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
+<i>Imaha's</i>, wo wir bei Sultan <i>Schimmegē</i>, einem Freunde des
+verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'></a><h2><a name='Page_94'></a>Titulaturen und W&uuml;rden in einigen Centralnegerl&auml;ndern.</h2>
+<br />
+
+<p>Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des n&ouml;rdlichen
+Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
+gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
+haben m&ouml;gen. Von allen W&uuml;stenbewohnern sind sie die einzigen, welche
+eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
+beschr&auml;nkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
+despotischen Staatsform der grossen Negerreiche n&ouml;rdlich vom Aequator
+und jenen freien, unabh&auml;ngigen St&auml;mmen, welche als Tuareg-, Araber- und
+Berber-Triben s&uuml;dlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
+Wohnsitze haben.</p>
+
+<p>Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
+Uadz&aacute;nga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Dom&auml;nen, im
+S&uuml;den aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
+<a name='Page_95'></a>Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
+Ortschaften, von denen die gr&ouml;sste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
+sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
+verbringt die H&auml;lfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
+endlosen W&uuml;ste, oder in den Steppen und W&auml;ldern, welche die Sahara von
+den eigentlichen fruchtbaren L&auml;ndern Innerafrikas trennen.</p>
+
+<p>Die Tebu haben K&ouml;nige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
+zwar folgt die Herrscherw&uuml;rde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
+auf das &auml;lteste m&auml;nnliche Glied der ganzen Familie. Der K&ouml;nig heisst
+&quot;derde&quot; (Barth: dird&euml; bus), jedoch h&ouml;rt man ebenso oft den
+Kan&uacute;ri-Ausdruck &quot;mai&quot;. F&uuml;r Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
+m&uuml;sste denn ausnahmsweise der zun&auml;chstkommende m&auml;nnliche Spr&ouml;ssling
+sein, haben sie den besonderen Ausdruck &quot;derde kotiheki&quot;; die &uuml;brigen
+m&auml;nnlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen &quot;maina&quot;. Die
+K&ouml;nigin hat den Titel &quot;derde-&aacute;debi&quot;.</p>
+
+<p>Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
+so haben sie auch f&uuml;r die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
+damit verkn&uuml;pft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanf&uuml;hrer
+einer Truppe &quot;bui-hento&quot;, einen Unterbefehlshaber &quot;es&eacute;-gede-bento&quot;. Auch
+f&uuml;r Unterh&auml;ndler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
+&quot;i&aacute;ri-kek&eacute;ntere&quot;. Ihre religi&ouml;sen Beamten haben mit der Religion von den
+<a name='Page_96'></a>mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hin&uuml;ber
+genommen. Als besonders muss noch erw&auml;hnt werden, dass die Tebu einen
+eigenen Ausdruck f&uuml;r den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
+bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst &quot;rezi ukil-benoa&quot;.
+Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
+thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenh&auml;ndig, und sind
+viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
+der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
+zweite Person wissen zu lassen.</p>
+
+<p>So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
+complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesv&ouml;lker,
+der Kan&uacute;ri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die H&ouml;fe der
+Pullo-Dynastien, an der Spitze S&oacute;koto, haben offenbar Einrichtungen,
+welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten V&ouml;lker
+nahe kommen. Dass mit der Einf&uuml;hrung des Islam eine bedeutende Aenderung
+vor sich gegangen ist, l&auml;sst sich aber auch nicht wegleugnen. W&auml;hrend
+z.B. fr&uuml;her in Bornu der F&uuml;rst, der den Titel &quot;mai&quot; hat, sich nicht
+einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
+derselbe jetzt &ouml;ffentlich sichtbar f&uuml;r Jedermann, spricht sogar in
+gewissen F&auml;llen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
+L&auml;ndern, wie in Bagirmi, M&aacute;ndara und anderen die Sitte erhalten, dass
+die Grossen, wenn sie mit <a name='Page_97'></a>dem K&ouml;nige reden, ihm den R&uuml;cken zuwenden,
+zum wenigsten m&uuml;ssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst geh&ouml;rt
+es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den &quot;mai&quot; anzureden.</p>
+
+<p>Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
+niai, welche den Titel &quot;mag&eacute;ra&quot; f&uuml;hrt, und auf die politischen
+Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
+verheirathet das Gl&uuml;ck hat, den ersten m&auml;nnlichen Erben zur Welt zu
+bringen; diese heisst &quot;g&uacute;msu&quot;. Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
+Harem, der in einem so grossen und m&auml;chtigen Staate wie Bornu jedenfalls
+nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
+zu zahlreichen Intriguen und R&auml;nken Gelegenheit giebt.</p>
+
+<p>Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemi&yacute;n hat
+man angefangen eine directe Nachfolge einzuf&uuml;hren, obwohl der
+mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
+bef&uuml;rchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
+hat den Titel &quot;y'eri-ma&quot;<a name='FNanchor_6'></a><a href='#Footnote_6'><sup>[6]</sup></a> (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
+blos &auml;ltester Sohn des K&ouml;nigs heisst, auch nicht tsiro-ma).</p>
+
+<p><a name='Page_98'></a>Die einflussreichste Pers&ouml;nlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zun&auml;chst
+der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern &uuml;bersetzt hat. Dieses
+ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
+Aeusseren, Ministerpr&auml;sident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
+das ganze Ministerium in seiner Person. Nat&uuml;rlich sind in einem Lande,
+wo alle Gesch&auml;fte und Beziehungen fast m&uuml;ndlich gemacht werden, diese
+der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
+hat der Dig-ma auch seine Geh&uuml;lfen, von denen der Erste den Titel
+&quot;ardžino-ma&quot; f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Mehr f&uuml;r das eigentliche Hauswesen, besonders f&uuml;r die intimen
+Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, &quot;mistra-ma&quot;.
+Gew&ouml;hnlich gelangen diese zu grossen Reichth&uuml;mern, da um irgend eine
+Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden m&uuml;ssen und
+haupts&auml;chlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht &uuml;berhaupt den Eunuchen
+und dem Eunuchenobersten ihre Reichth&uuml;mer, da er nach ihrem Tode so wie
+so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese ungl&uuml;cklichen
+Gesch&ouml;pfe darauf verzichten, als M&auml;nner gelten zu wollen; nicht nur,
+dass sie stolz und reichgeschm&uuml;ckt die wildesten Pferde besteigen und
+Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
+hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
+jedoch lange nicht eine so wichtige Pers&ouml;nlichkeit, rangirt der
+Oberaufseher der k&ouml;niglichen Sklaven, welche in der Regel in einer
+An<a name='Page_99'></a>zahl, die zwischen 3&mdash;4000 K&ouml;pfen schwankt, vorhanden sind; sein
+Titel ist &quot;mar-ma-kullo-be&quot;.</p>
+
+<p>Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
+betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
+weiss, wie gross die t&auml;glichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
+Butter, Honig, Gefl&uuml;gel und anderen Victualien sind, und wenn man
+andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
+alle Tage in die K&uuml;che des K&ouml;nigs geliefert werden muss, um die
+homerischen Sch&uuml;sseln f&uuml;r den eigenen Haushalt, f&uuml;r den k&ouml;niglichen Rath
+und f&uuml;r die zahlreichen Fremden, welche als G&auml;ste des Mai aus der
+k&ouml;niglichen K&uuml;che gespeist werden, zu f&uuml;llen, so wird man sich gestehen,
+dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
+Aufsicht &uuml;ber K&uuml;che und K&ouml;che. Weniger bedeutend ist die Function des
+Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
+f&uuml;r ein Verbrechen gilt, l&auml;sst sich das leicht erkl&auml;ren. In Bornu
+besteht die ganze Th&auml;tigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
+Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
+Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu pr&auml;sentiren. Vor dem Essen
+und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
+Mai seine H&auml;nde absp&uuml;lt.</p>
+
+<p>Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
+Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
+Pfeil und Bogen, und die <a name='Page_100'></a>Schangermangerabtheilung; alle f&uuml;hren
+ausserdem Spiesse und S&auml;bel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
+Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
+corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der L&auml;nge von zwei Fuss und mit
+sichelartigen, gesch&auml;rften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
+Titel &quot;katš&eacute;lla-blel&quot;, der Infanterieoberst heisst
+&quot;katš&eacute;lla-ṅbursa&quot;, der Schangermangeroberst &quot;y&aacute;lla-ma&quot;. Die
+&uuml;brigen Offiziere haben schlechtweg den Titel &quot;kats&eacute;lla&quot;, die
+H&uuml;lfsoffiziere oder Adjutanten heissen &quot;kre-ma&quot;.</p>
+
+<p>Als besonders wichtig m&uuml;ssen die Commandanten zweier St&auml;dte
+hervorgehoben weiden, der von Ng&oacute;rnu und der von Yo. Haupts&auml;chlich haben
+diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
+in Kuka auch in diesen St&auml;dten seine Residenz hat. Der Statthalter von
+Ng&oacute;rnu heisst &quot;fugu-ma&quot;, der von Yo hat den Namen &quot;kasal-ma&quot;. Alle
+Vorsteher der &uuml;brigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
+&quot;billa-ma&quot;, und nach Barth auch &quot;tši-ma&quot;, w&auml;hrend Koello letzteres
+Wort mit Abgabensammler &uuml;bersetzt.</p>
+
+<p>Alle S&ouml;hne und m&auml;nnlichen N&auml;chsten des Mai, die obersten Befehlshaber
+des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die &quot;kogn&aacute;ua&quot; (pl.
+von k&oacute;gna) versammeln sich alle Tage im Geb&auml;ude des Mai und bilden den
+grossen Rath, n&oacute;kna genannt. Nat&uuml;rlich vom Mai in eigener Person
+pr&auml;sidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegen&uuml;ber ohne alles
+Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
+wenn Alle <a name='Page_101'></a>versammelt sind, ein &quot;kingaiam&quot; oder Herold k&uuml;ndet seine
+Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
+wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
+die Kogn&aacute;ua h&ouml;heren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
+denn erstere d&uuml;rfen bedeckt bleiben vor dem Mai, w&auml;hrend letztere und
+auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen d&uuml;rfen. An Macht,
+Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
+nach dem Mai. Religi&ouml;se W&uuml;rden sind nur die bei den Arabern &uuml;blichen,
+und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.</p>
+
+<p>Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
+Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch f&uuml;r die Reiche,
+welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
+1867 die Einrichtungen der Staaten Bautši, Keffi-abd-es-Zenga und
+Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, m&ouml;glich auch, dass seit
+der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
+n&ouml;rdlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
+Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgepr&auml;gt waren.</p>
+
+<p>Das grosse Pullo-Reich Z&oacute;koto zerf&auml;llt in viele Staaten, die alle mehr
+oder weniger unabh&auml;ngig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
+den Kaiser von Z&oacute;koto, der &quot;b&aacute;ba-n-serki&quot; heisst, anerkennen und ihm
+j&auml;hrlichen Tribut zahlen. Der B&aacute;ba-n-serki gilt ihnen <a name='Page_102'></a>nicht allein als
+weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und f&uuml;hrt als
+solcher den arabischen Titel &quot;h&aacute;kem-el-mumenin&quot; oder Beherrscher der
+Gl&auml;ubigen.</p>
+
+<p>Im Lande Bautši, von den Arabern Jac&oacute;ba (auch Vogel und v. Beurmann
+nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautši) genannt,
+steht an der Spitze der Regierung ein K&ouml;nig, &quot;l&aacute;medo&quot; genannt. Obgleich
+unumschr&auml;nkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen St&auml;mmen
+eine Art Vertrag machen m&uuml;ssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
+entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
+gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
+Sklavenraubz&uuml;ge ausgef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen. Der L&aacute;medo h&auml;lt alle Tage
+offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verh&ouml;rt und
+aburtheilt.</p>
+
+<p>Bei den Tebu, also den n&ouml;rdlichsten Negern von Afrika, finden wir die
+eigenth&uuml;mliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
+ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
+Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
+Einen Schmied beleidigen gilt schon f&uuml;r Feigheit, weil er eben von den
+&uuml;brigen Tebu als vollkommen unzurechnungsf&auml;hig gehalten wird. Es liegt
+hier unwillk&uuml;rlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
+vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
+Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
+<a name='Page_103'></a>sie sich auch nur im allermindesten von den &uuml;brigen Teda, und diese
+selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
+Handwerk mache sie ver&auml;chtlich.&mdash;Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
+Bautši; hier hat der Erste der Z&uuml;nfte der Schmiede den h&ouml;chsten Rang
+nach dem L&aacute;medo, sein Titel ist &quot;serki-n-ma-k&eacute;ra&quot;, was man durch
+Gross-Eisenmeister &uuml;bersetzen kann. Und wie sehr &uuml;berhaupt die Handwerke
+in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum gr&ouml;ssten Theile
+Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Gen&uuml;ge
+hervor, dass alle Handwerke in Z&uuml;nfte getheilt sind, an deren Spitze ein
+Meister steht, der den Namen F&uuml;rst hat, denn &quot;serki&quot; heisst F&uuml;rst oder
+Prinz. So finden wir unter anderen einen F&uuml;rsten der Schneider,
+&quot;serki-n-d&uacute;mki&quot;, einen F&uuml;rsten der Schl&auml;chter, &quot;serki-n-faua&quot;.</p>
+
+<p>Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
+Ministerium entspricht, versieht in Bautši der &quot;galadima&quot;, aber fast
+ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des L&aacute;medo, der den Titel
+&quot;be-r&aacute;ya&quot; hat; nur dieser darf in die f&uuml;rstliche Wohnung dringen, falls
+der L&aacute;medo sich zur&uuml;ckgezogen hat. Das Harem darf selbstverst&auml;ndlich nur
+vom Obersten der Eunuchen Yink&oacute;na betreten werden. Obgleich alle
+Pullof&uuml;rsten f&uuml;r gew&ouml;hnlich &auml;usserst einfach gekleidet sind, und sich in
+Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
+ein eigenes Amt f&uuml;r den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
+Gelegenheiten <a name='Page_104'></a>mit den dann pr&auml;chtigen Gew&auml;ndern bekleidet, er heisst
+Zor&aacute;ki. Wichtige mit der Person des L&aacute;medo verkn&uuml;pfte Aemter sind ferner
+das des Obersten der Vorreiter, ma-d&aacute;ki genannt, des Palastgouverneurs
+&quot;uomb&eacute;&quot; und des Schatzmeisters &quot;adzia&quot;. Nat&uuml;rlich ist in diesen Staaten,
+wie das ja fr&uuml;her auch bei uns war, der Privatschatz, des K&ouml;nigs
+zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des K&ouml;nigs
+betrachtet wird. Anders verh&auml;lt es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
+Pfeile und S&auml;bel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
+nur als &ouml;ffentliches Eigenthum betrachtet und der H&uuml;ter davon ist immer
+ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel &quot;bend&oacute;ma&quot;. Nicht unwichtig
+ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
+ist und &quot;serki-n-ara&quot; heisst.</p>
+
+<p>Wie geordnet auch sonst die Zust&auml;nde sind, geht ferner daraus hervor,
+dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
+auf den M&auml;rkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
+ist &quot;serki-n-kurmi&quot;.</p>
+
+<p>Als Truppengattung finden wir in Bautši nur Reiter und Infanterie,
+letztere mit Bogen und S&auml;bel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
+namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
+haben schlechte Gewehre, die meisten nur S&auml;bel und Bogen. Die Pfeile der
+Bogensch&uuml;tzen sind nat&uuml;rlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
+Euphorbien. Der Befehlshaber der Fuss<a name='Page_105'></a>truppen heisst &quot;serki-n-y&aacute;ki&quot;, der
+der Reiterei &quot;serki-n-dau&aacute;ki&quot;.</p>
+
+<p>Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uoss&eacute;, n&auml;mlich
+&quot;serki-n-d&uacute;tsi&quot;; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der s&uuml;dlichen
+heidnischen St&auml;mme zu verhindern. Ferner der Hauptmann s&auml;mmtlicher
+<i>nicht</i> Pullov&ouml;lker, und da diesen in Bautši eine grosse Zahl von
+St&auml;mmen angeh&ouml;ren, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
+&quot;s&eacute;nnoa&quot;.</p>
+
+<p>Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das milit&auml;rische
+Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
+m&auml;chtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
+Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
+sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem K&ouml;nige, der &quot;etsu&quot;
+heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt &quot;bargo-n-gioa&quot;,
+w&ouml;rtlich &quot;Spiegel der Elephanten&quot;<a name='FNanchor_7'></a><a href='#Footnote_7'><sup>[7]</sup></a>. Die K&ouml;nigin, obgleich dieselbe in
+Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der K&ouml;nig. Mit der
+Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
+verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
+Sklaven bestehen. </p><a name='Page_106'></a>
+
+<p>Es kommen dann der Reihe nach zuerst der &quot;dam-r&aacute;ki&quot;, der erste Rathgeber
+des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
+nat&uuml;rlich der Eunuchenoberst, &quot;indator&aacute;ki&quot;, dann der
+Oberpolizeidirector, der zugleich, wie &uuml;berall dort, die Auszeichnung
+hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
+&quot;serki<a name='FNanchor_8'></a><a href='#Footnote_8'><sup>[8]</sup></a>-n-dog&aacute;li&quot;. Da aber auch in den Nigerl&auml;ndern wie in Y&oacute;ruba die
+Sitte des Pf&auml;hlens, selbst als gew&ouml;hnliche Strafe allgemein ist, und es
+nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der L&auml;nge
+nach durch den K&ouml;rper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
+herauskommt, so hat er nat&uuml;rlich einen ganzen Schwarm von
+Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zun&auml;chst der Fremden Vorf&uuml;hrer
+&quot;serki-n-fada&quot;, eine Charge, die an den &uuml;brigen Pulloh&ouml;fen sich nicht zu
+finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter &quot;sigi&quot;, der
+Oberkoch &quot;ser&oacute;nia&quot; und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
+Namen &quot;liman&quot; hat.</p>
+
+<p>Da der K&ouml;nig von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
+Stellvertreter in der Hauptstadt creiren m&uuml;ssen; oft ist dies sein
+vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet &quot;zitzu&quot;. Der Rath um den
+K&ouml;nig besteht aus den Grossen, &quot;ser&aacute;ki&quot; (pl. von serki) genannt, und das
+Heer wird von einem Obergeneral angef&uuml;hrt, der &quot;maiaki&quot; genannt wird.
+Die beiden Waffengattungen, <a name='Page_107'></a>Reiter und Fussvolk, heissen &quot;bendo&aacute;ki&quot; und
+&quot;serki-n-k&aacute;rma&quot;. Ganz in der N&auml;he des englischen Einflusses k&ouml;nnte der
+Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
+der englischen Colonie Lok&oacute;dža aus, sollten Mission&auml;re dem jetzt
+eindringenden Islam Halt zurufen. F&uuml;r diese Gegenden w&uuml;rden katholische
+Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'></a><h2><a name='Page_108'></a>Die Art der Begr&uuml;ssungen bei verschiedenen Neger-St&auml;mmen.</h2>
+<br />
+
+<p>Vom Gr&uuml;ssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
+im Allgemeinen schliessen zu wollen, w&uuml;rde wohl zu weit gehen, denn wenn
+man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorw&auml;rts schreitende
+Nation (&quot;wie geht es?&quot;), die Franz&ouml;sische die Moden machende (&quot;comment
+vous portez-vous?&quot;), die Englische die handelnde und schaffende (&quot;how do
+you do?&quot;), die Italienische die still stehende (&quot;come sta ella?&quot;) sei,
+so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der m&uuml;ndliche Gruss
+und die damit gebr&auml;uchlich verbundenen Ceremonien und K&ouml;rperbewegungen
+so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
+dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
+auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss &uuml;ber
+die verschiedenartigen Gr&uuml;sse und die Gebr&auml;uche, welche damit verbunden
+sind, <a name='Page_109'></a>so weit es die St&auml;mme der schwarzen Ra&ccedil;e anlangt, die ich selbst
+zu besuchen Gelegenheit hatte.</p>
+
+<p>Es ist nicht abzustreiten, dass auf die n&ouml;rdlichen Neger-St&auml;mme der
+Islam, namentlich was die Begr&uuml;ssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
+Einfluss ausge&uuml;bt hat, denn das essal&aacute;mu al&eacute;ikum und al&eacute;ikum essalam ist
+eine religi&ouml;se Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
+Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
+hin verbreitet.</p>
+
+<p>Aber auch nur diese Formel ist von den n&ouml;rdlichen Neger-St&auml;mmen
+angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstst&auml;ndig und
+unabh&auml;ngig vom Arabischen Einfluss da.</p>
+
+<p>Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
+Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kan&uacute;ri und
+B&uacute;dduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der W&uuml;ste n&ouml;rdlich
+vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und &ouml;stlich
+vom genannten Wasserbecken.</p>
+
+<p>Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff ger&uuml;stet,
+vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
+begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
+machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
+haltend: <i>Lahin k&eacute;nnaho</i> ruft der Erste, worauf der Andere <i>getta inna
+dǘnnia</i> hin&uuml;ber ant<a name='Page_110'></a>wortet. Nun ergiessen sich beide in unz&auml;hlige
+<i>Lah&aacute;, Lah&aacute;, Lah&aacute;</i>, welche, je h&ouml;flicher man sein will, man um so mehr
+repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
+Verd&auml;chtiges gefunden haben, n&auml;hern sie sich; man giebt sich mit den
+Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
+und Berbern hernach zum Munde zu f&uuml;hren, und der zuerst Angeredete
+wiederholt dann <i>getta inna dǘnnia</i>, worauf der Andere <i>Lahin
+k&eacute;nnaho</i> antwortet.</p>
+
+<p>Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
+nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
+Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
+killah&aacute;, <i>killah&eacute;nni, killa Allaha</i> unterbrochen sind; man fragt, ob
+Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
+die Brunnen nicht versch&uuml;ttet seien etc., immer eben angef&uuml;hrte Worte
+untermischend.</p>
+
+<p>Die Weiber gr&uuml;ssen sich ganz auf &auml;hnliche Weise, was die Worte
+anbelangt, nur unterlassen sie nat&uuml;rlich die Vorsichtsmassregel, sich
+auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
+nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
+niederkniet, w&auml;hrend die M&auml;nner blos hocken; Frauen unter sich pflegen
+indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von M&auml;nnern jedoch nehmen sie
+immer eine knieende Stellung ein.</p>
+
+<p>Tritt man in ein Haus, so ist der gew&ouml;hnliche Gruss <a name='Page_111'></a><i>lab&aacute;raka</i> (aus dem
+Arabischen) und die Antwort <i>l&aacute;bara Lah&aacute;</i> (aus dem Arabischen). Kinder,
+Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, k&uuml;ssen sich
+z&auml;rtlich, jedoch k&uuml;ssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
+sie selbst von einer Reise zur&uuml;ck, nur die Hand.</p>
+
+<p>Beim Abschiednehmen sagt man <i>tem&eacute;sches</i> (aus dem Arabischen), w&auml;hrend
+der Bleibende <i>killah&aacute;de</i> nachruft. Jederzeit kann man dann noch
+<i>killah&aacute;, killah&eacute;nni, killa Allaha</i> sagen.</p>
+
+<p>Der Gruss der Tebu gegen einen K&ouml;nig oder Maina (Prinz) ist ganz auf
+gleiche Weise.</p>
+
+<p>Bedeutend ceremoni&ouml;ser in ihren Gr&uuml;ssen sind die Kan&uacute;ri-, die M&aacute;ndara-
+und B&uacute;dduma-V&ouml;lker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
+Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
+H&ouml;fe und Grossen dieser St&auml;mme mit Ausnahme der B&uacute;dduma Mohammedaner
+sind, so wird auch eben nur von den H&ouml;flingen das <i>essal&aacute;mu al&eacute;ikum</i>
+gebraucht, w&auml;hrend das Volk sich bei seinen nationalen Gr&uuml;ssen h&auml;lt.</p>
+
+<p>Als Eingangsgruss bedienen sich diese St&auml;mme gew&ouml;hnlich der Worte
+<i>Lalē, Lalē, Lalē</i> und erkundigen sich dann nach dem Zustand
+der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte <i>afi l'abar</i> (l'abar kommt
+aus dem Arabischen, von <i>el-achbar</i>, die Neuigkeit, w&auml;hrend afi echt
+Kan&uacute;ri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
+Hand dabei reichen, oft auch nicht. <a name='Page_112'></a>Gleich darauf&mdash;und dies ist sehr
+bezeichnend f&uuml;r die empfindlichen Neger&mdash;erkundigen sie sich nach dem
+Zustande der Haut: <i>ṅda t&eacute;gē</i>, wie ist die Haut?, und schalten hin
+und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein <i>Hamd all&aacute;hi</i>
+ein. Sehr gebr&auml;uchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingeb&uuml;rgerte
+Gruss <i>l'&aacute;fia</i>, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
+viel wie Friede bedeutet.</p>
+
+<p>Das eben Angef&uuml;hrte gilt beim Gr&uuml;ssen zwischen Gleichen, sobald indess
+ein Niederer einen H&ouml;heren antrifft oder besucht, gestalten sich die
+Verh&auml;ltnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem H&ouml;heren auf die
+Erde, ber&uuml;hrt mit der Stirn den Sand und untermischt die gew&ouml;hnlichen
+<i>Lalē, Lalē</i> mit h&auml;ufigen <i>Alla-k&aacute;-bondjo</i>, Gott sei dir gn&auml;dig,
+oder <i>á¹…g&uacute;bbero deg&aacute;</i>, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
+Letzte entspricht also w&ouml;rtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
+man sehr h&ouml;flich und unterth&auml;nig sein&mdash;und namentlich geschieht das vor
+dem Sultan&mdash;, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
+wenigstens die Miene, als ob man es th&auml;te. Es geh&ouml;rt &uuml;berdies zum guten
+Brauch, einer h&ouml;heren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
+Reden den Kopf seitw&auml;rts zu drehen. In M&aacute;ndara, wo am Hofe die alten
+Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass s&auml;mmtliche
+H&ouml;flinge und Anwesende dem K&ouml;nig den R&uuml;cken zudrehten, selbst wenn sie
+mit Seiner schwarzen Majest&auml;t sich unterhielten, als ob sie die Macht
+und Herrlichkeit des <a name='Page_113'></a>K&ouml;niglichen Antlitzes nicht ertragen k&ouml;nnten; auch
+selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kogn&aacute;ua
+(Plural von k&oacute;gna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
+&quot;Hofrath&quot; &uuml;bersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.</p>
+
+<p>Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
+unverschleiert gehen, &uuml;berhaupt eine den M&auml;nnern vollkommen gleich
+berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, gr&uuml;ssen sich unter
+einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit M&auml;nnern zusammenkommen,
+erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
+zuerst gr&uuml;sst.</p>
+
+<p>Andere Redensarten der Kan&uacute;ri, welche sie jedoch mit anderen um sie
+herum wohnenden Neger-St&auml;mmen gemein haben, sind: <i>á¹…d&aacute;ni, adak ke
+l'&aacute;fia&mdash;adak ke l'&aacute;fia, ke l'&aacute;fia lē</i>. Letztere Redensart ist sehr
+gebr&auml;uchlich und bedeutet ungef&auml;hr unser &quot;wie geht es?&quot; Endlich haben
+sie f&uuml;r &quot;Willkommen&quot; die aus dem Haussa her&uuml;ber bekommene Redensart
+<i>usse-usse</i>; dieser letzte Ausdruck kann auch f&uuml;r &quot;danke&quot; benutzt
+werden, obgleich die Kan&uacute;ri f&uuml;r &quot;ich danke&quot; das echte, aber fast nie
+angewandte Wort <i>gode-á¹…gin</i> haben.</p>
+
+<p>Geht man von Bornu westw&auml;rts, so st&ouml;sst man zun&auml;chst auf die grosse
+Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
+Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
+sind ihre Begr&uuml;ssungen auch nat&uuml;rlich sehr ceremoni&ouml;s. Eine Frau
+begr&uuml;sst z.B. einen Mann nur <a name='Page_114'></a>knieend und unterwegs kniet sie so lange
+nieder, bis der Mann vor&uuml;ber ist; tragen sie dabei eine B&uuml;rde auf dem
+Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der m&auml;nnliche Theil der Bev&ouml;lkerung
+macht weniger Umst&auml;nde, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
+einfache Ber&uuml;hrung der Finger, die man hernach zum Munde f&uuml;hrt, mit dem
+auch in Bornu eingef&uuml;hrten Ausruf <i>Ss&uuml;nno, ss&uuml;nno</i> oder <i>l'&aacute;fia</i> reicht
+gew&ouml;hnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
+Zusammentreffen, haben die Haussaer <i>etjau-etjau</i>.</p>
+
+<p>Sind sich zwei Individuen n&auml;her bekannt, so erkundigen sie sich
+specieller nach dem gegenseitigen Befinden: &quot;<i>Akek&eacute;ke</i>&quot;, &quot;wie bist Du?&quot;,
+&quot;<i>kol l'&aacute;fia</i>&quot;, &quot;mit dem Frieden&quot;, d.h. sehr gut, oder &quot;<i>kenna l'&aacute;fia</i>&quot;,
+&quot;wie geht's?&quot;, was der Andere mit &quot;<i>ranka schid&eacute;de tol amrek</i>&quot; (&quot;ich
+danke, Gott verl&auml;ngere deine Existenz&quot;, wovon die letzte H&auml;lfte Arabisch
+ist) erwiedert. &quot;<i>Allah schib&aacute;ka ioreih</i>&quot; ist der den Segen Gottes auf
+das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.</p>
+
+<p>Vor einer h&ouml;heren Person oder einem K&ouml;nige werfen sich die Haussaer wie
+die Kan&uacute;ri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
+machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
+Niederer, falls er vor einem h&ouml;her Gestellten sich zeigt, die Tobe von
+den Schultern zur&uuml;ckzieht, und fast alle Negerst&auml;mme einschliesslich die
+Kan&uacute;ri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck f&uuml;r dies
+Zur&uuml;ckschlagen.</p>
+
+<p><a name='Page_115'></a>Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
+selbst Pullo nennen und in S&oacute;koto und Gando zwei der m&auml;chtigsten und
+gr&ouml;ssten Reiche in Centralafrika gegr&uuml;ndet haben. Dies r&auml;thselhafte
+Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
+dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
+der weissen Ra&ccedil;e rechnen soll, und das haupts&auml;chlich zwei Hauptst&auml;mme
+bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Melē-Fulan, ist zum
+Theil, und namentlich die Melē-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
+&uuml;bergetreten, w&auml;hrend auch noch Viele und namentlich die, welche dem
+Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
+Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.</p>
+
+<p>&quot;<i>Allah rhina, Allah rhina</i>&quot; rufen sie sich beim Begegnen zu und es
+entspricht dies unserem &quot;gr&uuml;ss' Dich Gott&quot;, das l'&aacute;fia haben sie
+ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr <i>mad' Allah, mad'
+Allah</i>, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
+bedeutet und f&uuml;r &quot;danke&quot; gebraucht wird, l&auml;sst sich auf das Arabische
+zur&uuml;ckf&uuml;hren. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
+keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
+hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den &ouml;ffentlichen Audienzen, die
+der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, L&aacute;medo gab, Jeder ohne
+Umst&auml;nde sich n&auml;hern konnte.</p>
+
+<p><a name='Page_116'></a>Um &quot;guten Morgen&quot; auszudr&uuml;cken, bedienen sich die Fulan des Wortes
+<i>ualidjim</i>, um &quot;guten Abend&quot; zu sagen, des Wortes <i>infinidjim</i>;
+ausserdem schalten sie &uuml;berall <i>u&oacute;di, dumb&oacute;di</i> ein, Worte, die sich
+nicht genau &uuml;bersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
+Zufriedenheit und Freude ausdr&uuml;cken sollen.</p>
+
+<p>Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Gr&uuml;sse der am
+B&eacute;nuē ans&auml;ssigen St&auml;mme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
+Haussaern das <i>Ss&uuml;nno-ss&uuml;nno</i> und <i>l'&aacute;fia-l'&aacute;fia</i> her&uuml;bergenommen haben,
+wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
+bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse <i>m&aacute;bah-m&aacute;bah</i>
+(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
+Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
+Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religi&ouml;sen Gr&uuml;ssen der
+Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
+eigenth&uuml;mlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
+der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei &auml;ussern
+sie dann ihre nationalen Gr&uuml;sse <i>kundo-kundo kundore, kundokora</i>, die
+sie je nach den Umst&auml;nden l&auml;ngere oder k&uuml;rzere Zeit wiederholen. Da sie
+nur kleine, von einander unabh&auml;ngige Staaten bilden, so ist bei ihnen
+von Hoch und Niedrig keine Rede.</p>
+
+<p>Die, welche haupts&auml;chlich den Schiffsverkehr auf dem unteren B&eacute;nuē
+besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
+sie ihr Kanoe nicht <a name='Page_117'></a>anhalten, um mit dem F&uuml;hrer des entgegenkommenden
+Baumstammes einige Z&uuml;ge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
+haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei E&iuml;a, o, a, o, o, a,
+e&iuml;a, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
+ihre Stimme h&ouml;ren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die am Niger ans&auml;ssigen Nyfe-V&ouml;lker, welche Theil eines m&auml;chtigen
+K&ouml;nigreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
+Gruss auszudr&uuml;cken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.</p>
+
+<p>Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
+Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
+vor&uuml;ber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europ&auml;er ab, sowohl
+wenn sie sich als Gleiche gr&uuml;ssen als wenn ein Untergebener sich vor
+einem H&ouml;heren befindet. &quot;Guten Tag&quot; dr&uuml;cken sie durch <i>bel&eacute;ni</i> aus,
+worauf der Angeredete mit <i>madjiob&uacute;</i>, ich danke, oder <i>aku-beni</i>, wie
+geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man <i>meeda</i>, ich gehe, und erh&auml;lt
+dann ein <i>ssassamidji</i>, gr&uuml;sse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
+man <i>aku-be-g&eacute;di</i>, guten Abend, und bekommt <i>odjilo-su&aacute;ni</i> zur&uuml;ck. Beim
+Aufstehen fragt man <i>uan&aacute;ni</i>, hast du gut geschlafen?, oder
+<i>aku-bol&oacute;sun</i>, hast du die Nacht gut zugebracht?</p>
+
+<p>Vor ihrem F&uuml;rsten&mdash;in diesem Augenblick ist es K&ouml;nig Massaban&mdash;sind die
+Nyfenser sehr dem&uuml;thig. Ich bemerkte, dass, so oft der K&ouml;nig einem der
+Anwe<a name='Page_118'></a>senden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-N&uuml;sse,
+welche &uuml;berall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
+vertreten, gab, der so begl&uuml;ckte Neger an die Th&uuml;re eilte, sich
+prosternirte, indem er dem K&ouml;nig den R&uuml;cken zuwandte, und Sand auf sein
+Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.</p>
+
+<p>Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikor&oacute;du nach Lagos, wo einer der
+f&uuml;rchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
+Schiffbruch dahin gerafft h&auml;tte, meine Papiere, welche die interessanten
+Aufzeichnungen &uuml;ber die Grussformen der Y&oacute;ruba-Neger enthielten,
+verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen B&uuml;cher,
+welche &uuml;ber die Y&oacute;ruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
+(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein t&uuml;chtiger Verbreiter des
+Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
+sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.</p>
+
+<p>Die Y&oacute;ruba sind das h&ouml;flichste und dem&uuml;thigste Volk der Welt. Niemand
+begegnete uns in den dichten Urw&auml;ldern, der nicht sein <i>aku-aku</i> oder
+<i>aku-abo</i> gerufen h&auml;tte; unter sich beknixten sich die M&auml;nner und
+blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegr&uuml;sst hatten. Vor
+ihren H&auml;uptlingen und K&ouml;nigen werfen sie sich platt auf den Bauch und
+legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
+auf einen Wink oder ein Wort vom K&ouml;nig erheben sie sich, um in hockender
+Stellung zu reden.</p>
+
+<p><a name='Page_119'></a>Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
+Zweig der Y&oacute;ruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
+gebr&auml;uchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
+geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
+begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitw&auml;rts vor sich her
+schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn K&ouml;nig Tapper
+in Lagos, der jetzt von den Engl&auml;ndern pensionirt ist, in die
+O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu fr&uuml;hst&uuml;cken, wie s&auml;mmtliche
+Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
+Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
+Schnippchen schlugen bei fortw&auml;hrendem Rufen von <i>aku-aku</i>.</p>
+
+<p>Nachstehende Negergr&uuml;sse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
+Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westk&uuml;ste von Afrika als
+Mission&auml;re der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
+nach Europa her&uuml;bergekommen sind.</p>
+
+<p>Die Akkra-Neger (an der Goldk&uuml;ste) begr&uuml;ssen sich des Morgens mit
+<i>Awuo</i>, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert <i>miwuo djogba</i>,
+ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie <i>henni odje</i>, wo kommst
+Du her?, und der Angeredete sagt <i>Ble-o</i>, Friede, oder auch <i>eiko</i>,
+Gl&uuml;ck auf, und <i>yae</i>, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
+Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
+<a name='Page_120'></a>Akkra-V&ouml;lker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
+einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zur&uuml;ckgeschlagen werden,
+namentlich vor H&ouml;heren streift man sie von den Schultern.</p>
+
+<p>Betreten sie ein Haus, so fragen sie <i>Teoyoteng</i>, wie geht es?, und
+erhalten <i>miye-djogba</i>, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
+Abends sagen sie <i>miya w&uacute;o</i>, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
+<i>ya w&uacute;o djogba</i>, geh', schlafe wohl.</p>
+
+<p>Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
+Abwesenden zu erkundigen: <i>Dje&iuml;bi</i>, wie geht's den Leuten dort?
+<i>Ameye-djogba</i>, sind sie wohl? <i>Yeikebukeho</i>, wie geht's den Weibern,
+den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
+dem Einen Wort). <i>Ame fe ame ye djogba</i>, sie alle sind wohl. Ueberdies
+bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt &uuml;berall das
+Englische <i>good morning</i> eingeb&uuml;rgert sei, wie das &uuml;berhaupt wohl an der
+K&uuml;ste von Guinea der Fall ist.</p>
+
+<p>Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
+(Otji-tribes, Grundemann) das Gr&uuml;ssen. F&uuml;r &quot;guten Morgen&quot; haben sie
+<i>magye</i>, f&uuml;r &quot;guten Tag&quot; <i>mahao</i>, f&uuml;r &quot;guten Abend&quot; <i>madyo</i>. Im
+Allgemeinen ist der Gegengruss <i>Ya-aherar</i> oder <i>Ya-adyo</i>. Dann aber
+richtet sich, was merkw&uuml;rdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
+Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
+Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen <a name='Page_121'></a>Wochentage geboren
+ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt <i>ya eisi</i> zum Gruss.</p>
+
+<p>F&uuml;r &quot;gute Nacht&quot; sagen die Tji-Neger <i>me-nop&aacute;o</i> und erhalten <i>ya da ya</i>
+zur Antwort. Wie befindest Du Dich? dr&uuml;cken sie durch <i>Wo ho tedeng</i> aus
+und <i>me ho ye</i>, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch <i>ming mu ye</i>,
+wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf <i>ming mu ye fu</i>, in der
+Stadt steht's gut.</p>
+
+<p>Begegnen sich zwei, so ist der gew&ouml;hnliche Gruss <i>aichia</i>, Wo kommst Du
+her? <i>Wufike</i>, oder von wo bist Du? <i>wokohe</i>. Endlich <i>nante ye</i>, reise
+gl&uuml;cklich. F&uuml;r Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Y&oacute;ruba-V&ouml;lkern
+das <i>aku-abo</i> gemein. H&auml;ufig mischen sie ein <i>me adamfo</i>, mein Freund,
+mein Wohlth&auml;ter, unter ihre Gr&uuml;sse. Besondere Ceremonien beobachten die
+Tji-Neger bei ihren Gr&uuml;ssen nicht.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'></a><h2><a name='Page_122'></a>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.<a name='FNanchor_9'></a><a href='#Footnote_9'><sup>[9]</sup></a></h2>
+<br />
+
+<p>Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
+Magdala, freilich nur f&uuml;r einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
+mit seinen damit verkn&uuml;pften Erfolgen, immer eine der merkw&uuml;rdigsten
+Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
+bleiben. In der That, die Befreiung der europ&auml;ischen Gefangenen, die
+Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
+Einnahme<a name='Page_123'></a> von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
+Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
+oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und gl&uuml;cklich zu Ende kommen
+konnte. Und Magdala, f&uuml;r einige Monate der Aufenthalt der europ&auml;ischen
+Gefangenen, von Theodor f&uuml;r un&uuml;berwindlich gehalten und daher als sein
+letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann f&uuml;r einige Tage Standquartier
+einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es urspr&uuml;nglich war,
+ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die pl&uuml;ndernden
+Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
+zerst&ouml;ren und h&ouml;chst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
+bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Br&uuml;der mit kaltem Blute erw&uuml;rgte, in
+alle Winde zerstreuen.</p>
+
+<p>Etwas s&uuml;dlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
+B&auml;che diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
+oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
+verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem n&ouml;rdlichen oder
+Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
+weitesten nach S&uuml;den zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
+reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
+Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
+Abessinien &uuml;berall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
+bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
+vulkanisch um <a name='Page_124'></a>Magdala und namentlich die nahen B&auml;nke des Baschilo
+zeigen die sch&ouml;nsten Basalts&auml;ulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
+nichts besonders Merkw&uuml;rdiges zu berichten, wenn man nicht in der K&auml;fer-
+und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
+dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
+Hy&auml;nen h&ouml;rten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
+da gerade vor unserer Ankunft K&ouml;nig Theodor am Charfreitag zweihundert
+abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte st&uuml;rzen und auf die etwa
+Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bev&ouml;lkerung giebt es
+augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
+Engl&auml;nder nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
+vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
+Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
+wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
+es fr&uuml;her war, Besitz der Galla.</p>
+
+<p>Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
+wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
+K&ouml;nigs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum R&uuml;ckmarsch nach
+Zula vor und ich, schon fr&uuml;her entschlossen, nicht auf demselben Wege
+zur&uuml;ckzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
+gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen urspr&uuml;nglichen Plan, den
+Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausf&uuml;hren; <a name='Page_125'></a>theils war die
+Regenzeit vor der Th&uuml;r, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
+die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
+wenigstens &uuml;ber Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
+der Geographie n&uuml;tzlich zu sein.</p>
+
+<p>Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
+nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
+so ausf&uuml;hrlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
+vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
+nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erz&auml;hlt,
+glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsf&auml;lle sind. Man darf das Leben
+und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorf&auml;llen
+beurtheilen, und wenn ein Fremder zuf&auml;llig in Berlin oder Hamburg eine
+jener Bacchanalien mitgemacht, w&uuml;rde er sehr Unrecht haben, wenn er
+danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
+Eben so Unrecht w&uuml;rde es sein, weil Theodor und nat&uuml;rlich alle seine
+Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
+Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufb&uuml;rden zu
+wollen.</p>
+
+<p>F&uuml;r uns ist Abessinien haupts&auml;chlich interessant, weil sein Volk durch
+Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
+hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
+gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europ&auml;er <a name='Page_126'></a>auffasst. Zur
+Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
+diese zwar viele Ankn&uuml;pfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
+weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
+Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares dar&uuml;ber wundern, dass die
+Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
+ausser der ersten eine allj&auml;hrliche Taufe beobachte, dass man die
+Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
+halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
+als die Beobachtung &auml;usserer Gebr&auml;uche, w&uuml;rden wir h&ouml;chstens sagen, die
+Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
+oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
+&auml;usserer Gebr&auml;uche basirt.</p>
+
+<p>Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
+macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
+hervorgebracht hat, m&uuml;ssen uns das gr&ouml;sste Interesse einfl&ouml;ssen.
+Abessinien ist in Afrika ein Land f&uuml;r sich, was die Schweiz f&uuml;r Europa
+ist, ist es f&uuml;r Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
+durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.</p>
+
+<p>Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
+Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
+tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
+<a name='Page_127'></a>Transportthiere halber w&uuml;nschenswerth erscheinen, die Etappe
+Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
+nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
+entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
+sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
+in Verwesung &uuml;bergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
+und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
+dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zug&auml;nge zu
+einer europ&auml;ischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
+Armstrong-Kanonen und M&ouml;rser, unn&uuml;tz wie die Elephanten selbst in der
+Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
+dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
+Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkr&auml;ftet,
+dort die &uuml;brigen Europ&auml;er, die bei K&ouml;nig Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
+Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
+reitend (letzte Geschenke des verstorbenen K&ouml;nigs), mit seinem spitzigen
+Hute und langem weissen Barte &agrave; la Tilly eher einem Zauberer des
+Riesengebirges &auml;hnlich als einem deutschen Gelehrten, h&auml;tte nicht die
+lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
+nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
+Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
+Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten <a name='Page_128'></a>Leipziger Mode
+gekleidet, Mission&auml;re, die, sich in Abessinien wenig um Religion
+k&uuml;mmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
+eine Schule angelegt.&mdash;Alles str&ouml;mte nach Norden, froh, Magdala f&uuml;r
+immer Adieu gesagt zu haben.</p>
+
+<p>Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
+seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
+allj&auml;hrlich vorkommen soll. Abessinien hat n&auml;mlich an der K&uuml;ste eine
+Regenzeit, welche mit dem Regen des mittell&auml;ndischen Meeres
+correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
+eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
+Abnormit&auml;ten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
+glaube aber, f&uuml;r S&uuml;d-Abessinien, d.h. vom 10&deg; an s&uuml;dlich, w&uuml;rden
+aufmerksame Beobachter kein Aufh&ouml;ren des Regens constatiren k&ouml;nnen,
+sobald die Sonne den Zenith des Grades &uuml;bertreten hat. Selbst n&ouml;rdlich
+vom 12&deg; h&ouml;rten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
+nur waren sie schw&auml;cher, nat&uuml;rlich verminderte die K&auml;lte der Luft bei
+dem durchschnittlich &uuml;ber 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
+Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.</p>
+
+<p>Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
+Verh&auml;ltnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
+beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
+Ubie, und Csero Tame&ntilde;a, Wittwe eines fr&uuml;heren Galla-Chefs und <a name='Page_129'></a>nachher
+zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
+Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25&deg;, w&auml;hrend auf
+Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
+blos + 5&deg; zu sein pflegt. Man m&ouml;chte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
+ganze Gegend durch Theodor entv&ouml;lkert ist, denn sicher w&uuml;rde das
+Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
+Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint &uuml;ber diese Gegenden
+hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
+auf der von den Engl&auml;ndern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
+blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
+trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein gr&uuml;nes Blatt
+oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
+zu sein, man h&ouml;rt kaum Singv&ouml;gel, nur Affen, meist langb&auml;rtige, ziehen
+in grossen Heerden bellend und kl&auml;ffend an den steilen Basaltw&auml;nden hin.</p>
+
+<p>Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
+vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
+abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
+zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
+Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
+Theodor mit so vieler M&uuml;he angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
+Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, <a name='Page_130'></a>ist nichts
+weniger, als was wir in Europa unter einer k&uuml;nstlichen Bergstrasse
+verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europ&auml;ische Wagen nie
+h&auml;tten befahren k&ouml;nnen. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
+Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unn&uuml;tzer Weise
+nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
+zur&uuml;ckbleiben m&uuml;ssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
+kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
+Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
+freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die n&ouml;thigen
+Doppelflinten aus dem Nachlass des K&ouml;nigs Theodor zu geben, liess ich
+die englische Armee auf Talanta zur&uuml;ck, um meine eigene Reise
+anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
+Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.</p>
+
+<p>Kaum hatten wir begonnen, den steilen &uuml;ber 3000 Fuss tiefen Abhang von
+Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als &uuml;ber 500 waffenlose Leute
+jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
+Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
+unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher n&auml;mlich
+war eine Abtheilung solcher Leute von raubs&uuml;chtigen Galla-Horden rein
+ausgepl&uuml;ndert, Einige sogar get&ouml;dtet und Andere verwundet worden. Die
+zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
+Gesindel die g&uuml;nstigsten <a name='Page_131'></a>Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
+ich liess den ganzen Zug von M&auml;nnern, Weibern und Kindern mit ihren
+Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
+weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
+gerade halbwegs zwischen der Talanta-H&ouml;he und dem Djidda-Bette eine
+breite Stufe bildet, die abessinischen Fl&uuml;chtlinge von Leuten aus
+Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
+ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
+weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Pl&uuml;nderer ansprengen
+sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
+sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
+weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
+Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
+hin&uuml;ber sandten, trafen oder reichten nicht.</p>
+
+<p>So kamen wir gl&uuml;cklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
+Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
+stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in gr&ouml;sster
+Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
+durch das nahe Geheul von Hy&auml;nen oder durch das rollende Grunzen der
+Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unsch&auml;dliche
+Feinde, die anderen als besch&uuml;tzende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
+hatten Tags vorher die M&ouml;rser und grossen Ka<a name='Page_132'></a>nonen herunter gebracht und
+als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
+Wohlbehagen sie sich zur Abk&uuml;hlung den ganzen K&ouml;rper mit Wasser
+bespritzten; auf die Stimme ihres F&uuml;hrers, eines indischen Soldaten,
+nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tr&ouml;pfchen auf
+die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
+trugen, wie ein preussischer Soldat seine Z&uuml;ndnadel.</p>
+
+<p>Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
+halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
+Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
+von unbegrabenen Leichen und unz&auml;hligen Kadavern von Thieren, theils vom
+fr&uuml;heren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
+Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
+grosses Magazin f&uuml;r die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
+Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
+was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
+lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
+dahin sterbenden Menschenmasse ber&uuml;hrte mich so, dass ich trotz der
+Ersch&ouml;pfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
+Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
+englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
+heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
+sie morgen allein <a name='Page_133'></a>ihren abessinischen Br&uuml;dern gegen&uuml;ber stehen? Meist
+aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
+Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
+Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
+der Blutrache f&auml;llt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
+Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es fr&uuml;her Gewohnheit
+dieses Gesindels war, daf&uuml;r hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
+dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
+einer ungef&auml;hren Sch&auml;tzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
+aufgeschlagen waren, und nach fr&uuml;heren Ueberschl&auml;gen, als ich diese
+Menschenmasse w&auml;hrend drei Tagen von Magdala herunter str&ouml;men sah,
+musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 sch&auml;tzen.</p>
+
+<p>Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
+und an der Seite der steilen Basaltbl&ouml;cke, auf welche die Kirche erbaut
+ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern k&ouml;nnen,
+dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
+behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
+von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
+weitl&auml;ufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner H&uuml;tten Geh&ouml;fte
+bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
+Kirche von Abdikum hat nichts Merkw&uuml;rdiges, wie die meisten in
+Abessinien ist es eine <a name='Page_134'></a>grosse runde H&uuml;tte, von Stroh roh &uuml;berdacht und
+mit einem &auml;usseren Gange umgeben, der f&uuml;r die Weiber bestimmt ist,
+welche die Kirche selbst nicht betreten d&uuml;rfen. Im Inneren befindet sich
+das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
+Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
+h&ouml;lzerne Th&uuml;ren verschlossen, meist aber nur durch Vorh&auml;nge aus Kattun
+abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
+l&auml;ngliche Steine, die hart sein m&uuml;ssen, damit sie einen hinl&auml;nglich
+starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der B&auml;ume h&auml;ngen,
+welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
+wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige R&auml;ucherf&auml;sser,
+Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
+bei den Messen und Hoch&auml;mtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
+sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
+Alter und Gr&ouml;sse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
+einige, die selbst nach europ&auml;ischen Begriffen wirklich reich
+ausgestattet sind.</p>
+
+<p>Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie geh&ouml;rte zu den weniger
+beg&uuml;nstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen fr&uuml;h hinauf zu
+klettern auf die wunderlichen Felsbl&ouml;cke, das war die unvergleichliche
+Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge s&uuml;dlich von Magdala hat,
+die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
+werfen.&mdash;Im Be<a name='Page_135'></a>reiche der englischen Armee war nat&uuml;rlich Alles theuer,
+die Leute hatten sich daran gew&ouml;hnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
+bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage f&uuml;r sieben
+Maria-Theresia-Thaler und hatte daf&uuml;r Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
+und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
+zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
+von 330&deg; ein und langte &uuml;ber eine gewellte Gegend, die reich mit
+Geh&ouml;ften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
+an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
+Gegend keineswegs sch&ouml;n zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
+so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
+durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (<i>von allen schwarzen
+V&ouml;lkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
+eingef&uuml;hrt haben</i>); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
+Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
+basaltisch, er f&auml;llt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
+NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
+entz&uuml;ckendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
+Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
+vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
+<a name='Page_136'></a>aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
+Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
+zusammenh&auml;ngendes Ganze. Ganz anders verh&auml;lt es sich mit Talanta und
+Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
+einander getrennt sind; &uuml;berdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
+als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
+will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.</p>
+
+<p>Ein schweres St&uuml;ck Arbeit blieb nun zu thun &uuml;brig, denn wenn die
+Durchg&auml;nge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
+verkn&uuml;pft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
+gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
+hatte, konnten wir nat&uuml;rlich mit unserem leichten Gep&auml;ck auch
+fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
+Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad f&uuml;r Menschen vorhanden
+war. Nachdem der alte F&uuml;hrer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
+machten wir uns fr&uuml;h Morgens auf.</p>
+
+<p>Der Weg war nat&uuml;rlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
+Wendung um einen der zackigen Felsbl&ouml;cke bot ein anderes Bild und
+entsch&auml;digte reichlich f&uuml;r die M&uuml;he und Arbeit, die man durch das
+Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
+denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
+Kopfe weiter <a name='Page_137'></a>geschafft werden. Mir selbst passirte das Ungl&uuml;ck, dass
+bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
+flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
+Wir trafen hier auf die seltsamsten Basalts&auml;ulen, die ich je in Afrika
+vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
+anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastb&auml;umen, ca. 50
+Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
+man ihn nirgends sch&ouml;ner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
+obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
+Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
+Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
+Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
+Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
+was sie von ihm w&uuml;nschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
+f&uuml;nf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
+F&uuml;rsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
+warum Meschascha dieselben im Gef&auml;ngniss halte, erwiderten sie: &quot;Weil
+wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
+Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden.&quot; Ich
+sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so f&auml;nde, wie
+sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
+w&uuml;rde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen w&uuml;rden.
+<a name='Page_138'></a>Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
+der T&uuml;rkei und Aegypten.</p>
+
+<p>Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
+dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine H&uuml;tte
+anbot. Die H&uuml;tten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
+leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, w&auml;hrend in
+den h&ouml;heren Gegenden die W&auml;nde aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
+aufgef&uuml;hrt werden. F&uuml;r das hiesige Klima reicht diese leichte und
+luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer H&ouml;he von 5 bis 6000 Fuss
+&uuml;ber dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
+trockenen selten unter 15&deg; vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
+Meschascha's, des derzeitigen F&uuml;rsten von Lasta, schickte mir Abends
+einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europ&auml;ischen
+Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
+davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, m&uuml;sste man solche
+Quantit&auml;ten zu sich nehmen, dass ein europ&auml;ischer Magen gar nicht im
+Stande w&auml;re, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
+chokoladenartige Farbe.</p>
+
+<p>Die Gegend um Salit ist h&uuml;gelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
+Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den s&uuml;dlichen und Amba
+Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den n&ouml;rdlichen
+St&uuml;tzpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
+dieser Jahreszeit, ist die Gegend daf&uuml;r <a name='Page_139'></a>gut mit Buschwerk, meist
+Akazien, bewachsen. Das Gestein ist &uuml;berall vulkanischer Natur und von
+derselben Beschaffenheit wie am gegen&uuml;berliegenden linken Takaze-Ufer.</p>
+
+<p>Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
+&uuml;berschreitet man den best&auml;ndig Wasser f&uuml;hrenden Fluss Katschenave, der
+&ouml;stlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze f&auml;llt. Ein Ort
+gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
+&uuml;berschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
+Wegen &uuml;berhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
+den Abhang des m&auml;chtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
+Laktalab liegt.</p>
+
+<p>Je mehr ich ins Land hinein kam, desto h&ouml;flicher fand ich die Bewohner.
+Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
+Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
+in den letzten Z&uuml;gen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
+abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen &quot;Frengi&quot;, wie die
+Abessinier die Europ&auml;er schlechtweg nennen, und machte diesem
+gef&uuml;rchteten F&uuml;rsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
+Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher &uuml;ber die Frengi
+gespottet, ihnen nachgerufen: &quot;Theodor wird Euch alle k&ouml;pfen&quot;, und
+anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in gr&ouml;sste
+Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die <a name='Page_140'></a>eitelen und
+prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden f&uuml;r ein von
+Gott auserw&auml;hltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
+einem kleinen Haufen Europ&auml;er gedem&uuml;thigt zu stehen. Waren sie froh,
+ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
+innerlich einen heissen Neid f&uuml;hlen, dass sie dies nicht selbst hatten
+bewerkstelligen k&ouml;nnen. Indess &auml;usserten sie dies nicht laut, im
+Gegentheil nie sah ich ein Volk dem&uuml;thiger und kriechender als jetzt.
+Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
+dass die H&auml;nde vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
+nie einem Europ&auml;er, sondern nur ihren F&uuml;rsten erzeigen, gingen sie immer
+mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
+wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
+dies das Zeichen der gr&ouml;ssten Hochachtung sei. Dicht vor der ber&uuml;hmten
+Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrw&uuml;rdiger Priester, in einer Hand
+einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
+hatte er ein dickes Pergamentbuch h&auml;ngen; er gab mir seinen Segen und
+sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
+ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
+k&auml;me, und das br&auml;chte mir grosses Gl&uuml;ck und Segen.</p>
+
+<p>Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
+ab, der mir eine seiner H&uuml;tten zur Disposition stellte, welche f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich den K&uuml;hen <a name='Page_141'></a>zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenh&uuml;tte
+schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
+Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere V&ouml;lker
+Nordafrika's reichlich mit L&auml;usen und Fl&ouml;hen gesegnet sind, sondern auch
+jede H&uuml;tte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
+in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
+namentlich die Bewohner der Grossen W&uuml;ste Jahre lang nicht daran denken,
+sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
+manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
+&uuml;bertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
+Weiber und M&auml;nner schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
+welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
+werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf K&ouml;rper und Kleidung,
+so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der K&ouml;rper
+annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen f&auml;llt, werden die Kleider abgelegt.</p>
+
+<p>Nachdem ich mich etwas gest&auml;rkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
+besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
+Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
+die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
+alle dem K&ouml;nig Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
+Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein &auml;lte<a name='Page_142'></a>rer
+roherer und j&uuml;ngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
+offenbar einen grossen Antheil an den merkw&uuml;rdigen Bauwerken dieses
+Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen f&uuml;hrt, von
+ihm herr&uuml;hren. Ich wurde von den M&ouml;nchen und Priestern mit der gr&ouml;ssten
+Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
+Forderungen, wie sie fr&uuml;her wohl die Priester anderer Kirchen an mich
+gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen f&uuml;hrte man
+mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
+dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
+Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
+sind, streng abgemauert und von der &uuml;brigen Kirche abgeschieden finden,
+wie es bei dem j&uuml;dischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
+Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
+in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
+wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
+sieht man diesen Geb&auml;uden ihren echt christlichen Charakter an, w&auml;hrend
+man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
+christliche Gottesh&auml;user sein sollen, von selbst w&uuml;rde kein Europ&auml;er sie
+daf&uuml;r erkennen.</p>
+
+<p>Die am besten erhaltene und von allen &uuml;brigen getrennt ist die St.
+Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, w&uuml;rde
+man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerb&auml;ckers
+hervorgegan<a name='Page_143'></a>gen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
+und eben so hoch sein. Vier S&auml;ulen im Inneren st&uuml;tzen die Decke, welche
+wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die gr&ouml;sste
+und urspr&uuml;nglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
+Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
+man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Sch&ouml;neres
+finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
+Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss H&ouml;he, wie alle &uuml;brigen ist
+sie aus Einem Steine gemeisselt. Die &auml;lteste scheint die Aba
+Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
+ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
+Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
+wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenh&auml;ngt.
+Der K&ouml;nig Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
+anderer ber&uuml;hmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabst&auml;tte hat.
+Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
+Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkw&uuml;rdigen
+monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
+widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
+Erhaltung dieser merkw&uuml;rdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
+Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
+Georg-Kirche. Die pr&auml;chtige Medanheallem-Kirche <a name='Page_144'></a>dagegen, die fr&uuml;her von
+aussen mit einem S&auml;ulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe S&auml;ulen aus
+demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
+zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser S&auml;ulen aufrecht stehen,
+alle &uuml;brigen sind von der Kirche abgefallen. Es w&auml;re an der Zeit, dass
+Etwas f&uuml;r diese merkw&uuml;rdigsten Denkm&auml;ler alter christlicher Baukunst
+gesch&auml;he.</p>
+
+<p>Mit der gr&ouml;ssten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
+gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein R&auml;uchergef&auml;ss, hier eine
+Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
+dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
+Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, &uuml;berall mit hingehen durfte.
+Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
+selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
+entsetzlich schmutzig und verd&auml;chtig aus, die guten Priester bestanden
+aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
+zu lassen, dass ich, um nicht als Ungl&auml;ubiger zu gelten, mich noch froh
+stellen musste, diess widerliche Gewand w&auml;hrend meines Besuches in der
+Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
+Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Ger&auml;the, die
+jeder europ&auml;ischen katholischen Kirche Ehre machen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Der ganze Tag ging nat&uuml;rlich damit hin, diese <a name='Page_145'></a>Wunderbauten zu besehen,
+und als ich sp&auml;t Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
+Th&uuml;r mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
+Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des G&auml;hrens starkes Getr&auml;nk,
+das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
+f&uuml;r die gew&ouml;hnliche Klasse zu kostspielig ist.</p>
+
+<p>Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
+mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
+Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
+vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
+dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gr&uuml;nde, viele Einnahmen von
+den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
+andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die M&ouml;nche mit
+eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
+hundert Personen belaufen.</p>
+
+<p>An sonstigen Merkw&uuml;rdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelb&auml;ume
+aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
+grosse, stattliche B&auml;ume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
+bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf &uuml;brig und zwei
+andere sind zu Einem verwachsen. Ein H&uuml;gel, von einem Baume
+&uuml;berschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
+weil hier der K&ouml;nig Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
+<a name='Page_146'></a>einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
+auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es f&uuml;r eine
+Bewandtniss damit habe.</p>
+
+<p>Lalibala ist auf sieben H&uuml;gel an einem der Westabh&auml;nge des m&auml;chtigen
+Ascheten-Berges gebaut, dessen H&ouml;he 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
+7000 Fuss hoch hat es ein k&ouml;stliches Klima und die B&auml;ume, welche die
+H&uuml;tten &uuml;berschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
+Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
+gewiss bedeutend gr&ouml;sser. Zahlreiche G&auml;nge in den Felsen, Ueberreste von
+alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
+scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
+jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
+als gegenw&auml;rtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss daf&uuml;r ablegten.</p>
+
+<p>So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
+zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
+Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
+Menschen belagerten um Arznei bittend meine Th&uuml;r und obschon ich Alle zu
+befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
+gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick f&uuml;r mich zu denken.</p>
+
+<p>Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem <a name='Page_147'></a>drei engl. Meilen westlich
+von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
+Lalibala-Distrikt geh&ouml;rt. Man steigt auf einen Ausl&auml;ufer des Ascheten
+herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
+Lalibala liegt, und hat n&ouml;rdlich fortw&auml;hrend das liebliche
+Medadjen-Thal, voller Geh&ouml;fte und Felder, welche von Hecken und
+Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
+Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
+durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
+Dogussatsch sind. Bei Schegala erh&auml;lt das Thal einen bedeutenden Zweig
+von S&uuml;den und zieht so verst&auml;rkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
+zu. Kein Berg ist sch&ouml;ner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
+diess erh&ouml;ht nat&uuml;rlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
+eine Stadt der Priester, ein religi&ouml;ser Mittelpunkt in reizloser Gegend
+angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung f&uuml;r uns eine Ausnahme, aber
+ist f&uuml;r den Araber die W&uuml;ste nicht Alles, freut sich nicht allj&auml;hrlich
+der Araber, wenn er im Fr&uuml;hjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
+Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig gen&uuml;tzt, die Leute
+begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von f&uuml;nfzig um mich, Lahme,
+Blinde, Auss&auml;tzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
+in <a name='Page_148'></a>Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
+Arznei zu bekommen.</p>
+
+<p>So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Sch&ouml;nheit der
+Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
+Voraussetzung, in einer der luftigen H&uuml;tten, in welcher noch dazu in
+letzter Zeit K&uuml;he gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
+hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
+nach Mitternacht wachte ich auf und f&uuml;hlte, dass ich an hundert Stellen
+gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
+Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines K&ouml;rpers bem&auml;chtigt. Wenn ich
+nicht meine noch m&uuml;deren Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
+haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
+Morgen graute.</p>
+
+<p>Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
+&uuml;beraus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
+bewachsen, unter dem &uuml;ppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
+einen hohen Gebirgszug, von dem die h&ouml;chsten Spitzen Dogussatsch,
+Selatit und Aderho heissen, w&auml;hrend die zu &uuml;bersteigenden H&uuml;gel relativ
+nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tribut&auml;ren
+Rinnsale f&uuml;hren in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
+man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
+der reizenden Ruine einer zerst&ouml;rten Kirche. Aus Quadersteinen
+aufgef&uuml;hrt stehen <a name='Page_149'></a>einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
+Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, &uuml;berhaupt
+scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
+herzur&uuml;hren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
+Olivenb&auml;ume &uuml;berschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
+Kirche nat&uuml;rlich, wie alles Grossartige, dem K&ouml;nig Lalibala zu.</p>
+
+<p>Bilbala-Gorgis ist eine weitl&auml;ufige Ortschaft und weil zuf&auml;llig die
+ersten Geh&ouml;fte mohammedanischen Bewohnern zugeh&ouml;ren, so wies man mir die
+Moschee, eine kleine runde H&uuml;tte, als Absteigequartier an. Diese
+Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
+seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur R&uuml;ckkehr in die Heimath
+vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
+faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
+einen Webestuhl. Sie waren nat&uuml;rlich &auml;usserst tolerant und hatten nichts
+dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
+streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete f&uuml;r einen
+Augenblick die H&uuml;tte r&auml;umte, genirte sich einer nicht, mir w&auml;hrend
+seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
+anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
+Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
+Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend f&uuml;r die mohammedanische Religion,
+dass &uuml;berall, wo auch nur <a name='Page_150'></a>einige Familien sich finden, sie sich gleich
+eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
+fest unter Andersgl&auml;ubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
+Sie lebten hier &uuml;brigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
+hatten keinerlei Beschr&auml;nkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.</p>
+
+<p>Der folgende Tag war f&uuml;r uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
+die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
+so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
+traurig, dass man nicht wusste, welchen Gef&uuml;hlen man Raum geben sollte.
+Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
+Waldbrand zerst&ouml;rt und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
+erh&ouml;ht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
+Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
+kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
+beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
+herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
+Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem &uuml;brigen und wenn sie
+selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
+beiden anderen Sprachen. Nordw&auml;rts erstreckt sich die Sprache bis an den
+Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.</p>
+
+<p>Das Torf Taba, in dem wir &uuml;bernachteten, ist &uuml;bri<a name='Page_151'></a>gens ein elender
+kleiner Ort, die Leute leben haupts&auml;chlich von Viehzucht, da der Boden
+zu arm ist, um reichliche Ausbeute f&uuml;r Ackerbau zu geben.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die trostlose Gegend &auml;nderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
+wir ein starkes St&uuml;ck Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
+weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
+den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
+w&auml;re beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
+sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
+wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
+nur im Siba-Thal hatten wir ein St&uuml;ck Weges von einigen Meilen, welches
+gut zu nennen w&auml;re, wenn ihn nicht die B&uuml;sche so beschr&auml;nkt h&auml;tten, dass
+ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
+Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
+Siba-Thale waren Wasserl&ouml;cher mit hinl&auml;nglichem Wasser zu unserem
+Fr&uuml;hst&uuml;ck, aber so viel hatte ich jetzt l&auml;ngst gesehen, dass, wenn auch
+ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
+Magdala &uuml;ber Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es <i>unm&ouml;glich</i>
+gewesen w&auml;re, eine Armee wie die Englische auf <i>diesem Wege</i>
+fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit w&auml;re dies auf dem
+von mir verfolgten Wege rein unausf&uuml;hrbar gewesen und in der nassen
+<a name='Page_152'></a>Jahreszeit w&uuml;rden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.</p>
+
+<p>Von hier an immer steigend kamen wir dann &uuml;ber den hohen Mokogo-Pass und
+brachten die Nacht einige Meilen weiter nordw&auml;rts im Dorfe Belkoak zu.
+Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von K&auml;lte zu
+leiden hatten. Ich w&auml;re gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
+ersch&ouml;pft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide f&uuml;r sie
+aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
+Jahren waren die Leute hier allj&auml;hrlich von Heuschrecken heimgesucht
+worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
+B&uuml;rgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
+Bev&ouml;lkerung arm zu machen.</p>
+
+<p>Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu &uuml;bersteigen, einen kolossalen
+Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
+indess kaum weiter und dazu kam, dass die D&ouml;rfer, wo wir h&auml;tten
+unterkommen k&ouml;nnen, weit vom Wege ablagen. Der s&uuml;d&ouml;stliche Abhang des
+Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
+Der Pass, &uuml;ber den man kommt, wird vom nord&ouml;stlichsten Abh&auml;nge gebildet,
+der mit dem westlichen Ausl&auml;ufer des Gerbako-Berges zusammenh&auml;ngt. Der
+Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nord&ouml;stliche, eine
+mittlere, welche die h&ouml;chste ist, und eine s&uuml;dwestliche. Sein
+s&uuml;dwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
+Verbindung. <a name='Page_153'></a>Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
+Ich w&auml;re gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
+um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
+Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
+ausgehalten h&auml;tten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
+Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
+Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
+Passh&ouml;he, welche wir bei Biala &uuml;berschritten, war schon h&ouml;her. Mein
+eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
+zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
+Bestimmung seiner H&ouml;he, weg.</p>
+
+<p>Wir hatten den Pass von Biala gl&uuml;cklich &uuml;berwunden und weil wir vor uns
+in h&uuml;geliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
+dort die Nacht zuzubringen. Freilich w&auml;re es besser f&uuml;r uns gewesen,
+andere, n&auml;her liegende D&ouml;rfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
+als es zu sp&auml;t war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach pl&ouml;tzlich &uuml;ber
+uns herein und es war unm&ouml;glich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
+uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
+zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
+Giessb&auml;che, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
+dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
+vom Kopfe bis zu Fuss was<a name='Page_154'></a>serdichte Kleider schnell &uuml;berziehen konnte,
+so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
+den Kisten befindliche Gep&auml;ck wurde gleichfalls durchn&auml;sst.</p>
+
+<p>Ohlich ist ein grosser Ort und die H&uuml;tten, obgleich sehr luftig wie alle
+in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedr&auml;ngt. Die
+Gegend um Ohlich ist h&uuml;gelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
+&uuml;berall hier ist die Bev&ouml;lkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
+schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bev&ouml;lkerung. In
+der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
+der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
+ger&uuml;chtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
+ganzen Unversch&auml;mtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
+Th&uuml;re meiner H&uuml;tte, machten &uuml;ber jede ihnen fremde Sache alberne
+Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
+herrschenden Leute w&auml;ren, wir anderen Europ&auml;er blos arme Sch&auml;cher. Der
+Schum war noch der Allervern&uuml;nftigste von ihnen und am anderen Morgen
+erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
+Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
+noch. Nat&uuml;rlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
+bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europ&auml;ischen gemacht (nicht
+weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
+Umschlagetuch mit breitem rothen <a name='Page_155'></a>Streife seinen ganzen Anzug; aber er
+war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
+Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barh&auml;uptig,
+aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
+trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
+unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
+sonst nicht folgen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
+man einen H&uuml;gelzug &uuml;bersteigen muss, dessen h&ouml;chster Punkt man beim
+Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bev&ouml;lkert und die gr&ouml;ssere
+Belebtheit der Strasse k&uuml;ndigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
+noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
+Salzst&uuml;cken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
+St&uuml;ck. Diese Salzst&uuml;cke, hier in Abessinien die kleine M&uuml;nze, haben je
+nach der Entfernung von den K&uuml;stenebenen, von woher sie kommen, einen
+verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
+Maria-Theresia-Thaler 6 St&uuml;ck ein, fr&uuml;her in Antalo 16, in Adigrath und
+Senafe 30, und ehe die Europ&auml;er in Abessinien waren, erhielt man dort
+sogar 60 St&uuml;ck. Jedes St&uuml;ck Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
+wiegt ungef&auml;hr ein Pfund. Nat&uuml;rlich liess man mich und meine kleine
+Karawane unbel&auml;stigt den Zoll passiren.</p>
+
+<p>Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
+Statthalter von Wag und Gouverneur von <a name='Page_156'></a>Sokota, Namens Borah,
+anzumelden, kam nun zur&uuml;ck in Begleitung eines Anderen, der etwas
+Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den F&uuml;rsten von
+Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
+mich, damit ich ihn begr&uuml;sse. Ueber solche Frechheit entr&uuml;stet, indem es
+bei allen halbcivilisirten und wilden V&ouml;lkern Afrika's Sitte ist, zuerst
+dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
+antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
+wenn man dies nicht auf der Stelle k&ouml;nne, w&uuml;rde ich sogleich weiter
+ziehen. Zudem f&uuml;gte ich hinzu: &quot;Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
+nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
+kommen k&ouml;nne, meinen Besuch zu erwarten?&quot; Es kam nun auch gleich der
+Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine ger&auml;umige, gut
+aussehende H&uuml;tte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
+Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
+einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es l&auml;cherlich
+finden, bei uncivilisirten V&ouml;lkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
+gerade durch Beobachtung solcher &auml;usserer Kleinigkeiten erh&auml;lt der
+Europ&auml;er bei ungebildeten V&ouml;lkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
+zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
+ausser dem F&uuml;rsten selbst. Diese V&ouml;lker halten selbst so sehr darauf,
+dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
+einen Besuch macht, spricht damit <a name='Page_157'></a>aus, dass er den Besuchenden als
+h&ouml;her im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
+dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europ&auml;ers
+erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
+h&ouml;here W&uuml;rdentr&auml;ger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
+der ihn besuchende Europ&auml;er gleich nach ihm, und ich glaubte, in
+Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
+steht, als in Bornu oder S&oacute;koto, dieselben Regeln beobachten zu m&uuml;ssen,
+auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.<a name='FNanchor_10'></a><a href='#Footnote_10'><sup>[10]</sup></a></p>
+
+<p>Borah benahm sich &auml;usserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
+nach den ersten Begr&uuml;ssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
+n&ouml;thig haben w&uuml;rde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
+als eine Menge Leute zugleich in die H&uuml;tte traten, fragen musste, wer
+der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
+reinlicher als er selbst<a name='Page_158'></a> angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
+sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begn&uuml;gte sich mit dem
+Boden mir gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Nach Ordnung meines Gep&auml;ckes machte ich dem Statthalter meinen
+Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
+grosses Geb&auml;ude, das nach europ&auml;ischer Art gebaut, aber fast ganz
+verfallen ist, wie Alles, was von V&ouml;lkern herr&uuml;hrt, die keine Zukunft
+haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale H&uuml;tte bauen
+lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, w&auml;hrend
+seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
+ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die H&uuml;tte war ringsum in der
+Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
+wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
+selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
+europ&auml;ischem M&ouml;belkattun &uuml;bergezogen, der indess nicht reiner war als
+seine &uuml;brigen Kleider.</p>
+
+<p>Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
+zur Agau-Bev&ouml;lkerung geh&ouml;renden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
+belaufen. Es liegt auf mehreren H&uuml;geln und wird in der Mitte vom
+Bilbis-Flusse durchstr&ouml;mt, der vom S&uuml;den kommend dem Tselari zueilt.
+Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
+Sokota f&uuml;hrt er solches immer. Die H&auml;user der Stadt sind besser gebaut,
+wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die <a name='Page_159'></a>besten noch weit
+hinter den Geb&auml;uden der Neger Central-Afrika's zur&uuml;ckstehen;
+vorherrschende Form ist die runde H&uuml;tte, gew&ouml;hnlich mit steinerner
+Mauer, w&auml;hrend die Bedachung nothd&uuml;rftig aus Stroh hergestellt ist. Das
+Ger&auml;th im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat<a name='FNanchor_11'></a><a href='#Footnote_11'><sup>[11]</sup></a>
+genannt, einer M&uuml;hle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
+ausgew&ouml;lbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
+zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
+Mehl unten in einen Topf f&auml;llt. Einige T&ouml;pfe, lederne S&auml;cke, eine
+Feuerstelle, Vorr&auml;the, in grossen Kr&uuml;gen aufbewahrt, vervollst&auml;ndigen
+das Ameublement.</p>
+
+<p>Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
+alle Merkw&uuml;rdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
+von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 H&auml;usern bestehend sagt uns,
+dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
+in Abessinien fast ausschliesslich in den H&auml;nden der Mohammedaner sind.
+Sie bringen von der K&uuml;ste Salz, Perlen und europ&auml;ische Stoffe und
+exportiren daf&uuml;r Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
+Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
+stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
+Christen in bester Eintracht.</p>
+
+<p>Man kann hier alle Tage Eier, H&uuml;hner, Milch, Butter, <a name='Page_160'></a>Honig, Mehl und
+selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
+Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind f&uuml;r gew&ouml;hnlich sehr
+billig, aber jetzt durch die grossen Eink&auml;ufe der Engl&auml;nder zu
+unglaublichen Preisen gestiegen. Ich f&uuml;hre nur an, dass man mir hier 5
+Eier f&uuml;r einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich nat&uuml;rlich nicht
+englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
+theuer, dass ich von Sokota an t&auml;glich f&uuml;r 2 Maria-Theresia-Thaler
+brauchte; f&uuml;r l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
+auch f&uuml;r solch hohen Preis keine zu haben.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss w&auml;hrend dieser Zeit t&auml;glich
+zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
+seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
+entz&uuml;ckt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
+Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
+Merkw&uuml;rdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
+&uuml;berdiess von europ&auml;ischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
+Werth f&uuml;r mich. Borah meinte, sobald die Engl&auml;nder das Land w&uuml;rden
+verlassen haben, w&uuml;rde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
+das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen B&uuml;rgerkrieges sei die
+Einmischung der Engl&auml;nder, nach seinem Daf&uuml;rhalten w&uuml;rde das ganze Land
+gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und <a name='Page_161'></a>selbst Gobesieh und
+Kassai w&uuml;rden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
+gehorchen.</p>
+
+<p>Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
+dem reizenden Fl&uuml;sschen Mai-Lomin oder Citronenquell fr&uuml;hst&uuml;ckten wir
+und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas &ouml;stlich vom Wege liegt.
+Den ganzen Tag hatten wir die entz&uuml;ckendste Aussicht auf das
+Tselari-Thal, welche ich fr&uuml;her schon so sehr von Attala aus bewundert
+hatte; steile K&ouml;nigssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
+Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
+setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
+vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
+nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
+vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag geh&ouml;rig, also unter der Botm&auml;ssigkeit
+des Gouverneurs von Sokota, gew&auml;hrte uns nat&uuml;rlich die gastlichste
+Aufnahme, aber er war &auml;rmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
+durchl&ouml;cherte H&uuml;tte vorgezogen, wurde aber daf&uuml;r nass bis auf die Haut,
+denn jede Nacht gab es Gewitter.</p>
+
+<p>Von hier an &auml;nderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
+vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
+einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
+miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
+des Grases, nur Buschwerk und B&auml;ume, die Bl&auml;tter zu treiben anfingen,
+waren reichlich vorhanden.</p>
+
+<p><a name='Page_162'></a>Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
+Bergtouren schon in allen L&auml;ndern mit grossen Hindernissen verkn&uuml;pft
+sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
+giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
+Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
+wahrscheinlich ein k&uuml;nstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
+scharfen Basaltsteinen &uuml;bersch&uuml;ttet, die vor Zeiten irgend eine
+Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
+Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
+Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Bl&ouml;cke versperrt
+oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
+hohen Felsw&auml;nden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
+zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
+Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
+die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
+manches Maulthier 200 St&uuml;ck, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 St&uuml;ck
+trug.</p>
+
+<p>In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
+oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Bl&uuml;the. Kolossale
+Exemplare bemerkte ich &uuml;brigens nicht, kein einziger hatte &uuml;ber 5 Meter
+oder 15 Fuss Umfang, w&auml;hrend ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
+Umfang gesehen habe.</p>
+
+<p><a name='Page_163'></a>Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
+fliesst und tr&uuml;be thonige Wellen fortrollte, aber trotz des tr&uuml;ben
+Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
+bleiben, kein Dorf war in der N&auml;he, und eine von Norden kommende
+Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
+einem ebenfalls noch zu Wag geh&ouml;renden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
+von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
+bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
+erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
+gewohnt, nur in der N&auml;he zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
+Stimme seines Herrn k&uuml;mmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
+halbcivilisirten V&ouml;lkern der Fall, die T&uuml;rkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
+welche alle ungef&auml;hr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
+dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am S&uuml;dabhang eines hohen
+Gebirgszuges n&ouml;rdlich vom Tselari.</p>
+
+<p>Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
+ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
+Zamra<a name='FNanchor_12'></a><a href='#Footnote_12'><sup>[12]</sup></a>-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
+See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss,<a name='Page_164'></a> derselbe, der
+weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
+Zamra-Ebene ist gross, gewellt und sp&auml;rlich mit Gras, reichlich mit
+Mimosenbuschwerk bewachsen, &uuml;berall liegen Thonschiefer, Alabaster und
+Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
+bev&ouml;lkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
+angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
+an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
+Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
+blieben in Fenaroa &uuml;ber Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
+Felsen, dessen Bewohner haupts&auml;chlich von Viehzucht leben.</p>
+
+<p>Ein langweiliger Weg f&uuml;hrte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
+war die Gegend etwas bev&ouml;lkerter, wir liessen vier oder f&uuml;nf Orte dicht
+am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
+ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
+(f&uuml;rstliche Statthalter) Heilo war wieder so unversch&auml;mt, gleich meine
+Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
+in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine H&uuml;tte, schickte dann einen
+fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
+entschuldigen, nicht selbst kommen zu k&ouml;nnen, da er bettl&auml;gerig sei.
+Unter diesen Umst&auml;nden sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
+Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
+Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bew&auml;l<a name='Page_165'></a>tigen konnte und auch
+nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt aus&uuml;ben lassen wollte.
+Alsbald kam denn auch ein Pr&uuml;gelmeister, der Weiber, Kinder und m&uuml;ssige
+M&auml;nner aus dem Hofe meiner H&uuml;tte herauspr&uuml;gelte.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
+darniederlag und als Hauptw&auml;rter einen indischen, von der englischen
+Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
+Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
+verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
+er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
+Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
+diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
+indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
+pr&auml;chtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
+erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich f&uuml;r 10 Thaler gekauft
+hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
+und Z&uuml;ndh&uuml;tchen.</p>
+
+<p>Samre liegt auf einem H&uuml;gel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
+H&auml;user mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
+verstanden, hat aber aufgeh&ouml;rt, die herrschende zu sein, und wie der
+Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
+Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.</p>
+
+<p><a name='Page_166'></a>Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
+beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
+und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
+ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
+meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
+mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
+Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
+recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
+Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
+immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
+und setzten am folgenden Tage auf der Milit&auml;rstrasse den Weg nach der
+Heimath fort.</p>
+
+
+<table align='center' border='0' cellpadding='2' cellspacing='5' summary='Höhenmessungen mit dem Aneroid.'>
+
+<tr><th align='left'>Höhenmessungen mit dem Aneroid.</th></tr>
+
+<tr><td align='left'>Abdikum</td><td align='left'>9250</td><td align='left'>engl.</td><td align='left'>Fuss.</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Takaze, Bett</td><td align='left'>5800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Salit</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Lalibala</td><td align='left'>7000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Schegalo</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Bilbala-Gorgis</td><td align='left'>6170</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Eisemutsch-Thal</td><td align='left'>6359</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Mári-Thal</td><td align='left'>5200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Taba, Ort</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Siba-Pass</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Mokogo-Pass</td><td align='left'>7800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Biala-Pass</td><td align='left'>9000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Ohlich, Ort</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Telela-Pass</td><td align='left'>7100</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Sokota</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Emenenagerill-Pass</td><td align='left'>5600</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Uana-Pass</td><td align='left'>5550</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Tselari-Bett</td><td align='left'>3200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Zaka</td><td align='left'>4200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Zamra, Bett</td><td align='left'>3150</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Fenaroa</td><td align='left'>4500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Samre</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+</table>
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Der_Aschangi_See_in_Abessinien'></a><h2>D<a name='Page_168'></a>er Aschangi-See in Abessinien</h2>
+<br />
+
+<p>Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
+Herrn Clemens Markham auf dem 12&deg; 8' 26&quot; n&ouml;rdlicher Breite und 39&deg; 8'
+28&quot; &ouml;stlicher L&auml;nge v. Gr. und bildet, wie er sich uns pr&auml;sentirt, ein
+von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
+zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
+fliessen alle B&auml;che von den hohen Bergen, die westlich den See
+begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
+Zelari) zu, w&auml;hrend die von den &ouml;stlichen, den See eind&auml;mmenden H&uuml;geln
+kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
+hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine H&ouml;he von circa
+10,000 Fuss erreichen, da schon die Passh&ouml;he des Ashara-Pass 8547 Fuss
+(nach Markham 8920 Fuss) betr&auml;gt, w&auml;hrend im Westen der eben so hohe
+Ofila-Berg sich befin<a name='Page_169'></a>det, ist der See nach S&uuml;den und Osten zu von
+minder hohen Bergen umschlossen.</p>
+
+<p>Das Gestein der n&auml;chsten Berge besteht nach Markham aus
+marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
+bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
+der Grundkern des Gebirges d&uuml;rfte Granit sein, da in den tief
+eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
+Bl&ouml;cke davon sich &uuml;berall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
+haben, ohne indess den Ort anzugeben.</p>
+
+<p>Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
+wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, w&auml;hrend andere
+die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
+so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
+ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
+mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
+den See abf&auml;llt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
+lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
+oder S&uuml;den, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
+Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
+Niveau des Wassers jetzt nicht erh&ouml;ht, kann man einestheils durch
+allm&auml;hlige Durchsickerung, welche nach S&uuml;den und Osten zu Statt zu
+finden scheint, erkl&auml;ren anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
+<a name='Page_170'></a>dem Hygrometer zufolge, w&auml;hrend einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
+10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr betr&auml;chtlich sein muss.</p>
+
+<p>Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
+abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit h&ouml;chstens um
+einen oder anderthalb Fuss w&auml;chst. Markham fand den See bedeutend h&ouml;her,
+was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
+erkl&auml;ren l&auml;sst, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
+Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen s&uuml;sses Wasser hat,
+so wie &uuml;ber die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
+Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
+Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
+k&ouml;nnen. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
+den n&ouml;rdlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
+Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern v&ouml;llig unbekannt ist, trug
+nat&uuml;rlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
+werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
+die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber geben
+werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
+Luftw&auml;rme.</p>
+
+<p>Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
+unregelm&auml;ssigen nach S&uuml;den sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
+besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
+Alluvial<a name='Page_171'></a>boden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
+diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
+wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast m&ouml;chten wir
+sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
+Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu n&auml;hern, da man schon
+auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfl&auml;che
+vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.</p>
+
+<p>Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
+spricht noch daf&uuml;r, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
+Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
+vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der &ouml;stlichen
+Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
+Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie daf&uuml;r als
+Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
+w&auml;hrend sie fr&uuml;her zu Kasta geh&ouml;rt hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
+die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
+Gobesieh von Waag, w&auml;hrend sie fr&uuml;her an Meschascha, den Neffen
+Gobesieh's und F&uuml;rst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
+Weilern; die H&auml;user derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
+aufgef&uuml;hrt und rund von Form mit konischen Strohd&auml;chern; mehrere solcher
+runden H&uuml;tten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
+Familien-Wohnung. Im Inneren <a name='Page_172'></a>sind sie sehr d&uuml;rftig ausgestattet; einige
+Ger&auml;the zum Kochen, grosse th&ouml;nerne T&ouml;pfe oft 5 Fuss hoch zum
+Aufbewahren des Korns, eine erh&ouml;hte Ruhest&auml;tte oft aus Thon, oft aus
+Holz und Rohr, mit einem Fell &uuml;berdeckt, bleierne Gef&auml;sse und Sch&uuml;sseln,
+bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist h&auml;ufig- bei den &auml;rmeren
+Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
+besonderen R&auml;umen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
+Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
+es durch k&uuml;nstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
+nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
+gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
+den &uuml;brigen Abessiniern, indess haben viele M&auml;nner metallene Ringe,
+keilf&ouml;rmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
+Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
+eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den &ouml;stlich von ihnen
+wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
+Beziehungen. Ausser Ackerbau ern&auml;hren sie sich aber auch von Viehzucht;
+Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
+Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
+Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders ber&uuml;hmt sind, aufgekauft werden,
+kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
+konnten von den Umwohnern merkw&uuml;rdigerweise nicht <a name='Page_173'></a>in Erfahrung bringen,
+ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn fr&uuml;her
+besucht hatte, konnte keinen Aufschluss dar&uuml;ber geben) und auf dem
+grosse Schw&auml;rme Wasserv&ouml;gel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
+nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.</p>
+
+<p>An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenb&auml;umen und Mimosen
+gr&uuml;ne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
+viele andere Singv&ouml;gel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
+&auml;chte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, w&auml;hrend die Berge h&ouml;her
+hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolb&auml;umen bewachsen sind.
+Von reissenden Thieren scheint nur die Hy&auml;ne am Aschangi-See vorzukommen
+und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gest&ouml;rt.
+Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebh&uuml;hner, Perlh&uuml;hner und verschiedene Arten
+von Tauben beleben die W&auml;lder und w&uuml;rden den Eingeborenen eine reiche
+Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verst&uuml;nden; aber
+fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
+Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
+erfolglos.</p>
+
+<p>Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
+mit einem ewigen Fr&uuml;hlingsklima wie es eine H&ouml;he von 7000 Fuss in diesen
+Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
+stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu <a name='Page_174'></a>Europa hat, einen
+Hauptanziehungspunkt f&uuml;r Touristen und J&auml;ger bilden. Der gutm&uuml;thige
+obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
+zuvorkommender als die n&ouml;rdlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
+l&auml;ngere Ber&uuml;hrung mit Europ&auml;ern gewinnen, in der That konnten wir in der
+ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
+Umschwung in der Gesinnung der Bev&ouml;lkerung bemerken, in Tigre blos
+Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
+Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'></a><h2><a name='Page_175'></a>Nach Axum &uuml;ber Hausen und Adua.</h2>
+<br />
+
+<p>In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
+eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
+sehen. Und so, obgleich erm&uuml;det von der ganzen englischen Expedition,
+die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
+ger&auml;dert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
+Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und S&oacute;koto herausgekommen
+war, nach Axum zu gehen.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
+Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
+obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
+den g&uuml;nstigsten Augenblick bot. Man h&auml;tte von Magdala &uuml;ber den
+Dembea-See, &uuml;ber Chartum und &uuml;ber andere Punkte Partien schicken k&ouml;nnen,
+aber von alle dem geschah <a name='Page_176'></a>nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
+von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
+zu bekommen; sp&auml;tere Gesuche um derartige kleinere Ausfl&uuml;ge zu machen
+wurden vom englischen Oberkommando abschl&auml;gig beschieden. M&ouml;glich auch,
+dass sich wenige Leute gemeldet haben w&uuml;rden, von denen man derartiges
+gerade h&auml;tte erwarten d&uuml;rfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
+Magdala gefallen war, wieder zur&uuml;ckgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
+Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
+Escorte (die er aber gar nicht n&ouml;thig gehabt h&auml;tte) vom General en chef
+verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die sch&ouml;nen Wegeaufnahmen f&uuml;r
+die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
+mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.</p>
+
+<p>In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
+dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
+Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
+ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
+Attala, also noch drei bis vier Tagem&auml;rsche zur&uuml;ck. Herr Stumm
+entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
+ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
+englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
+Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Milit&auml;rstrasse benutzen
+wollten. Indem wir die <a name='Page_177'></a>Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
+Ag&oacute;la und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.</p>
+
+<p>Fr&uuml;hzeitig wie Phayre, dieser unerm&uuml;dliche Fussg&auml;nger, welcher immer um
+3 Uhr Morgens seine M&auml;rsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
+Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Milit&auml;rwege, der
+uns in die D&oacute;ngolo-Ebene f&uuml;hrte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
+eine Meile, ehe wir den von D&oacute;ngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
+bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse D&oacute;ngolo Ebene ist
+&auml;usserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kr&auml;uter und Gr&auml;ser
+der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
+gleich links auf einer kleinen Anh&ouml;he eine halbe Meile<a name='FNanchor_13'></a><a href='#Footnote_13'><sup>[13]</sup></a> vom Wege
+entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
+Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter V&ouml;gel, Tauben,
+Perlh&uuml;hner, Hasen und von gr&ouml;sserem Wilde, welche hier einen ungest&ouml;rten
+Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
+des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
+schreckliche Weise zu qu&auml;len, und je heisser es wurde, desto schlimmer
+wurden diese Qualen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile &uuml;berschritten wir dann die Grenze von Tar&aacute; um den
+District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
+von S.O. nach N.W.<a name='Page_178'></a> laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
+Sulloh oder Surohfluss m&uuml;ndet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
+Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile n&ouml;rdlich und lagerten
+dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
+g&ouml;nnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
+selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
+auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
+eingeschlossen; im Westen bilden die Wand haupts&auml;chlich die Berge
+Adamesso und Adeitesfei mit D&ouml;rfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
+Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche D&ouml;rfer, doch auch
+die bev&ouml;lkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
+L&auml;ndern, die wir gut bev&ouml;lkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
+Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitl&auml;ufiger
+Ort aus grossen Geh&ouml;ften, die oft mehrere Familien einschliessen,
+bestehend, die H&auml;lfte, oft zwei Drittel der H&auml;user sind immer in Ruinen.
+Und obgleich hier in Tigre die H&auml;user jetzt ausschliesslich aus Stein
+gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
+gross wie in den s&uuml;dlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
+Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
+betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
+Construktion der Geb&auml;ude, nicht nur dass die W&auml;nde alle von Stein gebaut
+sind (dies findet man auch auf den hohen <a name='Page_179'></a>s&uuml;dlichen Hochebenen von
+Uadela und Talanta), wird die runde H&uuml;ttenform mehr und mehr verlassen
+und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
+nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere M&ouml;blirung sich in Nichts
+von denen der H&uuml;tten unterscheidet, sind die D&auml;cher von Balken gebildet,
+die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
+&uuml;berdeckt sind.</p>
+
+<p>In Eiba fanden wir &uuml;brigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
+konnten f&uuml;r Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
+Europa.</p>
+
+<p>Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
+Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
+Kirchth&uuml;rme oder sonstiger eigenth&uuml;mlicher Gebilde verschliessen. Diese
+zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
+die hervorragendsten sind, tragen s&auml;mmtlich, wie das schon der Name
+andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
+Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
+ber&uuml;hmten Kirchen von Lalibala &uuml;bertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
+war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
+einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
+Kirchenberge nicht besuchen zu k&ouml;nnen, obschon wohl nicht anzunehmen
+ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Geb&auml;uden Lalibala's gleich
+kommen. Die Be<a name='Page_180'></a>wohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
+noch heute Troglodyten sein.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
+entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
+Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine B&auml;che passiren, den
+Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
+passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
+zug&auml;ngig, w&auml;hrend nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
+unabsehbares Gewirr von steinigen H&uuml;geln erstreckt.</p>
+
+<p>Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich n&ouml;rdlich am Orte
+entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
+unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
+auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
+Bl&auml;tter, im R&uuml;cken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
+Sandsteinbl&ouml;cken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
+versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
+herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
+Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
+Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
+Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
+finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns f&uuml;r uns so
+unversch&auml;mt hoch, dass wir f&uuml;r unser Vieh, wir hatten zusammen 11 St&uuml;ck,
+an Einem <a name='Page_181'></a>Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
+fr&uuml;heren Zeiten mehrfach Hauptstadt<a name='FNanchor_14'></a><a href='#Footnote_14'><sup>[14]</sup></a> von Tigre gewesen, jetzt ist es
+ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, h&ouml;chstens
+dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
+Urspr&uuml;nglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
+sein; sp&auml;ter zerst&ouml;rt, hat man dann ein Geb&auml;ude abessinischer Art daraus
+gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.</p>
+
+<p>Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu k&ouml;nnen, brachen wir am anderen
+Tage fr&uuml;h morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
+ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
+bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, &uuml;berst&uuml;rzte
+sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
+kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
+weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
+Verst&auml;ndniss f&uuml;hre ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
+Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
+wiederzur&uuml;ckziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
+diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
+das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben<a name='Page_182'></a> und Weitem gesehen
+wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
+schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
+setzen.</p>
+
+<p>Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
+durchaus WNW. Und so fort kletternd &uuml;ber die unwirtlichen Felsen, ohne
+auch f&uuml;r den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
+von Ferne eines zu sehen, war das einzige Sch&ouml;ne die wunderbaren Formen
+der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
+Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
+w&auml;re. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
+durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
+Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
+&uuml;ber H&uuml;gel, die mit kleinen weissen Quarzst&uuml;cken wie bestreut waren. Die
+Vegetation war &auml;usserst sp&auml;rlich und bestand meist aus verkr&uuml;ppelten
+Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
+Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann l&auml;ngere Zeit am
+Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tribut&auml;r ist Sodann hatten wir
+noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
+Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
+erreicht, aber obschon unser F&uuml;hrer uns gesagt hatte, wir w&uuml;rden ein
+Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
+war hoch am Berge hinauf gelegen, das <a name='Page_183'></a>Wasser eine Stunde weit zur&uuml;ck.
+Heftig eintretender Regen n&ouml;thigte uns indess unsere Zelte
+aufzuschlagen, und in der N&auml;he fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
+verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zur&uuml;ck
+gef&uuml;hrt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
+f&uuml;r uns selbst hatten wir Vorr&auml;the, und ein grossen Haufen Stroh musste
+als Viehfutter dienen.</p>
+
+<p>Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bev&ouml;lkerung anbetraf. Aber
+wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
+wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
+N.-Richtung. Grosse Feigenb&auml;ume, die hier und da die Gegend beschatten,
+D&ouml;rfer an den Abh&auml;ngen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
+halbnackten Hirtenburschen durch die B&uuml;sche getrieben wurden, lassen die
+Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
+Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
+Fersmai, wo wir in der N&auml;he eines &uuml;ppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
+Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
+des m&auml;chtigen Semaita-Berges &uuml;ber die niedrigen H&uuml;gel, die uns umgeben,
+hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
+nord&ouml;stlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
+wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erkl&auml;rt, dass er auf
+einigen Karten weit &ouml;stlich von Semaita verzeichnet ist. <a name='Page_184'></a>Halbwegs
+zwischen Semaita und Fersmai liegt &ouml;stlich vom Wege der Berg und Ort
+Gedera.</p>
+
+<p>Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
+von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
+F&uuml;rst fortw&auml;hrend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
+umgingen n&ouml;rdlich den Semaita-Berg, eine Schlucht &uuml;bersteigend, die ihn
+vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
+Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.</p>
+
+<p>Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
+Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
+vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen h&uuml;bschen Platz
+unter einem Feigenbaume, welcher Schatten f&uuml;r tausend Menschen bietet.
+Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
+auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
+Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
+allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
+Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
+versehenen H&auml;user, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
+tragen nicht wenig dazu bei, den st&auml;dtischen Eindruck zu erh&ouml;hen. Aber
+selbst die weitl&auml;ufigen Vor&ouml;rter mitgerechnet, welche Adua nach S&uuml;den
+und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
+Gallinier angeben, 4000 <a name='Page_185'></a>Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
+nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
+sch&auml;tze.</p>
+
+<p>Unsere Ankunft hatte nat&uuml;rlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
+und m&uuml;ssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und l&auml;rmend
+nachgingen. Die Strassen sind &uuml;berdies so eng und schmutzig, dass nur
+Menschen passiren k&ouml;nnen, zwei Maulthiere oder Pferde w&uuml;rden keinen
+Platz zum Ausweichen haben. An &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden hat die ummauerte
+Stadt (die Vorst&auml;dte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
+neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
+ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl m&uuml;ssiger Priester lagerte im
+Hofe, welcher von sch&ouml;nen Oelb&auml;umen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
+sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen H&ouml;fen, welche bei den H&auml;usern
+sich befinden, &uuml;berall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
+befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingef&uuml;hrt sein, die
+Aduenser nennen die Weinrebe &quot;Wein&quot;. Auch macht die nahe K&uuml;ste sich hier
+bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
+Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort f&uuml;r die feinen
+Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
+mit fortf&uuml;hrte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
+dieser Leute war eben jetzt wieder zur&uuml;ckgekehrt. Aber auch eine Menge
+anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
+Abes<a name='Page_186'></a>sinien's vergebens suchen w&uuml;rde. Der Handelsstand und die
+Handwerker sind haupts&auml;chlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
+zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
+Flintenh&auml;ndler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
+hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engl&auml;nder, ein
+gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph w&auml;hrend der
+Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
+aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Gen&uuml;ssen verschaffen
+konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
+und schmutzig wie die &uuml;brigen Tigrenser. Es scheint als ob in fr&uuml;heren
+Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
+dem Namen &quot;Felascha&quot; kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
+einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
+besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
+Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
+&uuml;berf&uuml;llt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
+einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
+sahen uns aber sehr get&auml;uscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
+was uns als merkw&uuml;rdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner H&uuml;tte,
+wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
+Hier fanden wir den leeren Schrank einer schw&auml;bischen Kukuksuhr, welche
+uns der jetzige <a name='Page_187'></a>Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
+Aussergew&ouml;hnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
+verfertigt sah h&ouml;chst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
+wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
+gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben m&uuml;sste.</p>
+
+<p>Dr. Schimper wurde in Adua zur&uuml;ck erwartet, einige seiner alten
+ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint &uuml;brigens, dass Dr.
+Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
+Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
+hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu k&ouml;nnen; so schien es mir
+h&ouml;chst &uuml;bertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien &uuml;ber 10,000,000
+Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
+zusch&auml;tzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
+Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
+seine Meinung von Abessinien ist.</p>
+
+<p>Zu unseren Zelten zur&uuml;ckgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
+versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
+Gegenst&auml;nde nat&uuml;rlich zu den unversch&auml;mtesten Preisen zum Verkauf
+anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
+Instrumente spielte und arg seinen K&ouml;rper dabei verdrehte, unter
+Ges&auml;ngen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
+Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
+Flasche mit <a name='Page_188'></a>Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
+Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Sp&auml;ter kam er noch
+ein Mal und zwar n&uuml;chtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
+grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
+den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
+kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
+bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abm&uuml;hte Aermel zu finden, um
+seine H&auml;nde frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
+&auml;hnliche M&auml;ntel tr&uuml;gen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
+Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
+Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns n&auml;mlich dringend eingeladen,
+sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
+gemacht gingen wir, obschon es sp&auml;t Abends war, mit nach der Stadt
+zur&uuml;ck. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
+Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
+Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
+Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
+brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein L&ouml;wenfell
+hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
+dass dieser es wirklich f&uuml;r 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
+hatte in seinem Leben nie ein so gutes Gesch&auml;ft gemacht, er war <a name='Page_189'></a>so
+entz&uuml;ckt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
+brachte.</p>
+
+<p>Also am anderen Tage sollten wir das ber&uuml;hmte Axum sehen, die alte
+Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die K&ouml;nigin
+Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
+unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
+bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verh&auml;ltnissm&auml;ssig gut, nur zwei
+oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
+Assem &uuml;berschritten, kreuzt man noch die kleinen Fl&uuml;sse Mai-Goga und
+Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
+Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem H&uuml;gel den Ort Bit Johannes, dann
+sp&auml;ter dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
+Pantalem genannt.</p>
+
+<p>Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
+obschon es immer noch zu den gr&ouml;sseren Orten Abessiniens geh&ouml;rt. Es
+liegt einige hundert Fuss h&ouml;her als Adua, welches selbst nach einer
+durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss &uuml;ber dem Meere liegt. Alvares
+erz&auml;hlt uns, dass hier die K&ouml;nigin Saba, deren wahrer Name Maquerda<a name='FNanchor_15'></a><a href='#Footnote_15'><sup>[15]</sup></a>
+gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
+hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von<a name='Page_190'></a> hier aus
+zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
+auch eine K&ouml;nigin regierte, mit Namen Candace<a name='FNanchor_16'></a><a href='#Footnote_16'><sup>[16]</sup></a> oder Judith. Freilich
+finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
+seiner Beschreibung von Axum unterh&auml;lt, und da unm&ouml;glich die Geb&auml;ude und
+Steine in einem Zeitr&auml;ume von 4000 Jahren k&ouml;nnen spurlos verschwunden
+sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
+gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
+thut<a name='FNanchor_17'></a><a href='#Footnote_17'><sup>[17]</sup></a>. An Merkw&uuml;rdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
+Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Geb&auml;ude
+ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
+Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgef&uuml;hrt ist. Das Material dazu
+haben die alten Ruinen liefern m&uuml;ssen, wie auch die Substructionen,
+sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche<a name='Page_191'></a> f&uuml;hren, andeuten, dass
+hier fr&uuml;her wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
+Hauptfa&ccedil;ade ist ein S&auml;ulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
+selbst ein l&auml;ngliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
+jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
+das Innere zu betreten; hier war der religi&ouml;se Fanatismus noch gr&ouml;sser
+als die Geldgier. Von den vielen Pal&auml;sten, dem L&ouml;wenhause oder
+Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
+keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische<a name='FNanchor_18'></a><a href='#Footnote_18'><sup>[18]</sup></a> ohne
+Bedeutung ausgenommen.</p>
+
+<p>Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
+&uuml;bertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner m&uuml;sste dieselben
+zerst&ouml;rt haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen w&auml;ren,
+so m&uuml;ssten die Bruchst&uuml;cke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
+dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
+wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist<a name='FNanchor_19'></a><a href='#Footnote_19'><sup>[19]</sup></a>, muss aus
+einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
+findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer<a name='FNanchor_20'></a><a href='#Footnote_20'><sup>[20]</sup></a>.&mdash;Dicht<a name='Page_192'></a> bei einem
+ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
+Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen &quot;Baum des Pharao&quot;
+f&uuml;hrt, findet man den ber&uuml;hmten Obelisk von reinster und sch&ouml;nster
+Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen w&auml;re.
+Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
+scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
+Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkw&uuml;rdig geneigte
+Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
+Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
+dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
+Br&uuml;dern in St&uuml;cken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erw&auml;hnen
+nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
+hoch sch&auml;tzen, w&auml;hrend Alvares dessen H&ouml;he auf 66 Ellen oder Bracia
+angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
+erw&auml;hnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.</p>
+
+<p>Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug &uuml;brig blieb,
+um die K&ouml;nigsgr&auml;ber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
+griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
+vor der Zeit der Ptolem&auml;er errichtet und sollen von einem gewissen K&ouml;nig
+Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
+christliche Arbeiter <a name='Page_193'></a>hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
+Abessinischen K&ouml;nige f&uuml;hrt ihn nicht auf.</p>
+
+<p>Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
+den folgenden Tag damit, unsere Eink&auml;ufe f&uuml;r die R&uuml;ckreise zu machen, da
+wir auf die Vorr&auml;the im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
+Adua, die uns an dem Tage ge&ouml;ffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
+es ist ein Geb&auml;ude der Neuzeit.</p>
+
+<p>Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
+von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
+sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man &uuml;berdies daraus
+sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
+und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende K&ouml;rner aufzusammeln.</p>
+
+<p>Unser Weg f&uuml;hrte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
+rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
+n&ouml;rdlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
+Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der w&ouml;chentliche
+Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
+Jung herbeistr&ouml;mte um Eink&auml;ufe f&uuml;r die Woche zu machen.&mdash;Sobald man den
+Reberen-Pass &uuml;berstiegen hat, laufen die Gew&auml;sser alle nach NW. um dem
+Mareb tribut&auml;r zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
+Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, <a name='Page_194'></a>ersahen wir
+daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
+Gegend fast vor unseren Augen ausgepl&uuml;ndert wurde, wahrscheinlich war es
+ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
+hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
+vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht f&uuml;r geboten uns
+ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
+abziehen.</p>
+
+<p>Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
+westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
+die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
+welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes &uuml;bersteigen, und auf deren
+linken oder n&ouml;rdlichen Verl&auml;ngerung die Michaels-Kirche liegt, f&uuml;hrt uns
+in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
+Ubie K&ouml;nig von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
+meiner Burschen aus einem der D&ouml;rfer dieser Provinz geb&uuml;rtig, erz&auml;hlte
+mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gem&uuml;se dort gezogen w&auml;re.
+Krieg, Zerst&ouml;rung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
+zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wundersch&ouml;n, und gewiss w&uuml;rde
+Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
+Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
+Gem&uuml;sebau nichts zu sehen.</p>
+
+<p><a name='Page_195'></a>Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
+verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
+Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
+mit kr&auml;ftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
+an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
+Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
+Provinz zur&uuml;ckkehren m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
+Wolken hatten sich im S&uuml;dosten um den colossalen Oger-Berg
+zusammengezogen und z&ouml;gerten auch nicht sich &uuml;ber uns zu entladen.</p>
+
+<p>Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
+war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
+denken. Ueber den Urea-Pass f&uuml;hrte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
+Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
+Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
+Thales, in welchem Debra-Damo, eines der ber&uuml;hmtesten Kl&ouml;ster
+Abessiniens, liegt.</p>
+
+<p>Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
+Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
+halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen w&auml;re. Der Weg
+aufw&auml;rts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
+wir am Fusse der eigentlichen <a name='Page_196'></a>Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
+abf&auml;llt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
+besuchen will. Es leben einige M&ouml;nche auf diesem Berge, welche ihre
+Bed&uuml;rfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
+treiben, und einiges Vieh halten. Die M&ouml;nche sind sehr schwierig,
+Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
+so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
+Abessinien verlassen zu k&ouml;nnen, standen wir von jedem Besuche ab uns
+Aufgang zu verschaffen.</p>
+
+<p>Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
+um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
+herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
+schmalen K&uuml;che, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.</p>
+
+<p>Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
+die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
+Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
+fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
+einigen Tagen in europ&auml;ischen Gen&uuml;ssen schwelgte, die wir fast f&uuml;nf
+Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
+und Ale, Cigarren und sogar mit gl&auml;nzender Beleuchtung und auf St&uuml;hlen
+sitzend einen vergn&uuml;gten Abend zubrachten.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Damiette'></a><h2><a name='Page_197'></a>Damiette.</h2>
+<br />
+
+<p>Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
+sich &uuml;ber Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
+wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
+gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
+grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
+anderw&auml;rts seit Einf&uuml;hrung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
+haben. W&auml;hrend fr&uuml;her die Abendl&auml;nder in Damiette ans Land stiegen, ist
+jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
+wird dem schnell emporbl&uuml;henden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
+sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez f&uuml;hren wird.</p>
+
+<p>Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der j&uuml;ngsten
+und doch schon bedeutendsten St&auml;dte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
+so angeneh<a name='Page_198'></a>mer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
+Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
+die gluthgl&uuml;hende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
+mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
+mittell&auml;ndischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
+fahren, welcher vom mittell&auml;ndischen Meere nur durch eine schmale
+Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, &ouml;fters auch
+Durchg&auml;nge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.</p>
+
+<p>Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre f&uuml;r den
+Preis von 40 Francs, und wenn der Wind g&uuml;nstig blies, so konnte ich
+hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das T&auml;amiatis zu erreichen. Da
+aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
+und dreifache verz&ouml;gert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
+reichlich aus seiner K&uuml;che und seinem Keller. Da gab es B&uuml;chsen mit
+eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gem&uuml;sen, Fr&uuml;chten, die nie
+fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
+und K&auml;se; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
+Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
+Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
+welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
+Brode; ein grosser Krug S&uuml;sswasser completirte das Ganze. In der That,
+<a name='Page_199'></a>es war Essen und Trinken genug f&uuml;r 10 Mann auf zwei Tage.</p>
+
+<p>Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
+Dock direct vom Canal aus m&uuml;ndet zum G&uuml;terausladen in den grossen Hof
+des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
+einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufw&auml;rts, wo etwa eine halbe
+Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
+Alles war rasch an Bord des &auml;gyptischen Schiffes gebracht, und nach
+einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
+n&auml;mlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
+des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
+Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
+Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
+befand sich eine Art von Caj&uuml;te, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
+Vorr&auml;the hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
+schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
+davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
+bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capit&auml;n, welcher zugleich die
+Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
+einem Behari oder Matrosen, der alle andern Pers&ouml;nlichkeiten bis zum
+Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repr&auml;sentirte. Vom Consul
+selbst hergef&uuml;hrt, kann man sich denken, dass ich von der ge<a name='Page_200'></a>sammten
+Mannschaft mit geh&ouml;rigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
+ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
+verh&auml;ngen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
+die Willk&uuml;r der mohammedanischen Beh&ouml;rden selbst den Arabern angedeihen
+l&auml;sst.</p>
+
+<p>Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
+denn der Wind war gerade contr&auml;r, wenn auch nicht heftig, und da die
+Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
+Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
+langen Stangen langsam weiter stossen. Gl&uuml;cklicherweise hatte ich
+Lect&uuml;re bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
+nicht in einem Tag hinkommen w&uuml;rden. Man richtete es sich indess so
+bequem wie m&ouml;glich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger No&euml;l,
+also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
+n&ouml;rdlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
+benutzen, aber langsam ging es trotzdem.</p>
+
+<p>Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
+Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
+wobei dann gew&ouml;hnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
+ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
+tief (wesshalb ich auch nicht f&uuml;r n&ouml;thig hielt, wie bei andern Seereisen
+sonst immer, einen Schwimmg&uuml;rtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
+Br&uuml;te<a name='Page_201'></a>stellen f&uuml;r die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
+lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
+Der Hauptfisch im Menzale ist n&auml;mlich ein gewisser von den Aegyptern
+Snamura genannter, welcher immer in grossen S&auml;tzen aus dem Wasser
+herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
+nach Kleinasien und der europ&auml;ischen T&uuml;rkei bildet. Der Snamura-Rogen
+wird von einem t&uuml;rkischen Effendi ebenso hoch gesch&auml;tzt wie von unseren
+Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
+Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
+geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
+trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
+Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
+besch&auml;ftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
+nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, h&auml;lt der Bascha eine eigene
+kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
+patrouilliren m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
+aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
+sind, hat der See eine L&auml;nge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.</p>
+
+<p>Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
+ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
+wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
+<a name='Page_202'></a>in der Mitte wuchs indess etwas Gr&uuml;n, und mittelst einiger trockener
+Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
+sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
+Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
+wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns f&uuml;hrten, so legten
+wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
+hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
+Jahren etwas Weiche geschafft h&auml;tten. Ob der gelehrsame Reis und der
+wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
+kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
+indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
+kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
+gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
+ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
+einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
+Smah<a name='FNanchor_21'></a><a href='#Footnote_21'><sup>[21]</sup></a> nennen, herausragen gesehen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
+Kanal f&uuml;hrte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
+des Nils<a name='Page_203'></a> abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
+Ungl&uuml;cklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
+dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
+&uuml;brig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
+am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
+h&ouml;her werden w&uuml;rde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
+Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt l&auml;nger im Schiffe zu
+bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
+arbeitete mich gl&uuml;cklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
+jedem Schritt bis &uuml;ber die Knie einsank und f&ouml;rmlich festklebte, keine
+leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
+konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
+Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
+an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
+es zur Stadt.</p>
+
+<p>Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
+ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
+Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt n&ouml;rdlich
+und geh&ouml;rt Herrn Gu&eacute;rin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
+kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
+zumal ich einen Empfehlungsbrief f&uuml;r den Besitzer mitbrachte. Reizend in
+einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
+<a name='Page_204'></a>europ&auml;ische Fruchtb&auml;ume herrlich gedeihen, von den &uuml;ppigsten
+Gem&uuml;seculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
+bes&auml;umt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
+l&auml;ndliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
+erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
+Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
+bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
+Harmonie, ja das Merkw&uuml;rdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
+Gu&eacute;rin Jude ist, seine Frau eine Christin, w&auml;hrend das andere Ehepaar
+ein umgekehrtes Verh&auml;ltniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
+kommen, so existirt nat&uuml;rlich keine Table d'H&ocirc;te, und man isst, wenn man
+nicht ausdr&uuml;cklich es verlangt, mit der Familie &agrave; la fran&ccedil;aise.</p>
+
+<p>Obgleich sehr wenig Europ&auml;er in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
+aussergew&ouml;hnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
+verh&auml;ltnissm&auml;ssig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
+und die Hauptstrasse, welche die Stadt der L&auml;nge nach durchschneidet,
+mit ihren Buden und Gew&ouml;lben an beiden Seiten, ist orientalisch sch&ouml;n.
+Die Stadt kann gegenw&auml;rtig 45 bis 50,000 Einwohner z&auml;hlen, war aber
+fr&uuml;her bedeutend gr&ouml;sser.</p>
+
+<p>In alten Zeiten galt Damiette als der Schl&uuml;ssel Aegyptens und lag dann
+unmittelbar am mittell&auml;ndischen Meere, w&auml;hrend es heute durch die
+Ausschwemmungen <a name='Page_205'></a>des Nils, der fortw&auml;hrend nach Norden Erdreich ansetzt,
+12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
+des &ouml;stlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
+Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
+Trag&ouml;die spielte sich hier zur Zeit der Kreuzz&uuml;ge ab, als der heilige
+Ludwig in der N&auml;he der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
+Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
+Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
+November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, K&ouml;nig von
+Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
+Mel-ed-Din sie wieder r&auml;umen, und Friedrich der II., der ein H&uuml;lfsheer
+im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abz&uuml;ge des christlichen
+Heeres sein.</p>
+
+<p>Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
+zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
+schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
+Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
+Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
+Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
+Ausf&uuml;hrung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
+Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
+ebenfalls ungl&uuml;cklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
+gerieth Ludwig <a name='Page_206'></a>der Heilige bei Mansura mit seinen Br&uuml;dern Alphons und
+Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
+dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter s&uuml;dlich wieder
+aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.</p>
+
+<p>Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
+und den T&uuml;rken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
+entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den T&uuml;rken zur&uuml;ck,
+welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
+Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
+T&uuml;rken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
+Unabh&auml;ngigkeit Aegyptens der Pforte gegen&uuml;ber ein.</p>
+
+<p>Heutzutage ist Damiette<a name='FNanchor_22'></a><a href='#Footnote_22'><sup>[22]</sup></a> eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
+Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
+Hauptbev&ouml;lkerung besteht nat&uuml;rlich aus Mohammedanern, welche wie die
+christlichen Kopten die Urbev&ouml;lkerung ausmachen; Levantiner, meist
+griechischen Glaubens, bilden dann zun&auml;chst das Hauptcontingent, und von
+eingewanderten Europ&auml;ern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
+wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engl&auml;nder und Deutsche sind
+augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
+Consul h&auml;tten, die schwarzweissrothe <a name='Page_207'></a>Flagge weht auf der ganzen Erde,
+und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, &uuml;berall giebt sie ihm kr&auml;ftigen
+Schutz.</p>
+
+<p>&quot;Ich muss Herrn Surur&quot;, so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
+reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, &quot;doch
+einen Besuch machen&quot;, dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
+entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
+Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
+G&uuml;ter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
+hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
+mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur w&uuml;nsche mich
+auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
+&quot;Das ist er ja selbst&quot;, erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
+zugleich England und Spanien vertritt. &quot;Das ist ganz recht&quot;, erwiederte
+der Kanzler, &quot;aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
+machen wird, w&uuml;rde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
+spanischer Uniform empfangen, er hat auch f&uuml;r jedes Land besondere
+Empfangzimmer.&quot; Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
+fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzu&auml;ndern, um diesen
+Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei L&auml;nder in Damiette
+repr&auml;sentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
+spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
+spanische <a name='Page_208'></a>Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
+abzubrechen. Folglich erkl&auml;rte ich dem Herrn Kanzler: ich k&ouml;nne meine
+Reiseplane nicht mehr um&auml;ndern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
+Herrn Consuls zu empfehlen.</p>
+
+<p>Herr Gu&eacute;rin, mein Wirth, erz&auml;hlte mir nun noch folgendes, was mir
+nachher von vielen Seiten best&auml;tigt wurde: trotzdem &uuml;berlasse ich die
+Verantwortung dieser Erz&auml;hlung den europ&auml;ischen Bewohnern Damiette's;
+sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
+als Bundeskanzler, Ministerpr&auml;sident, Minister der ausw&auml;rtigen
+Angelegenheiten, Pr&auml;sident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
+correspondirt. &quot;Herr Surur ist der &auml;lteste Consul auf der ganzen Erde,
+sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souver&auml;ne zu
+repr&auml;sentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
+irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er f&uuml;r dieses die gr&ouml;sste
+Vorliebe, obgleich er alle Abend f&uuml;r die K&ouml;nigin Isabella dreimal zu
+Gott betet, w&auml;hrend Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
+genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
+doch der katholischen F&uuml;rstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
+empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
+Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
+aber zuerst selbst die f&ouml;rmlichsten Besuche; wenn z. B. der K&ouml;nigin
+Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuni<a name='Page_209'></a>form
+und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
+die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
+eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
+um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
+Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
+das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
+norddeutschen und spanischen Salon.</p>
+
+<p>Sein st&auml;rkstes St&uuml;ck soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
+welches er an K&ouml;nig Wilhelm f&uuml;r Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
+geschickt hat, und was in so schw&uuml;lstigen Formen abgefasst war, dass das
+Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
+lassen. &quot;Schade&quot;, erwiederte ich, &quot;unser K&ouml;nig ist dadurch um einen
+heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
+Bismarck denkt?&quot; &quot;O ja; er hat gleich erkl&auml;rt, da Bismarck nur auf die
+Vergr&ouml;sserung Deutschlands s&auml;nne, er auch t&auml;glich ein Extragebet halte
+f&uuml;r Vergr&ouml;sserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul m&uuml;sse er
+officiell mit den W&uuml;nschen des Ministeriums des Ausw&auml;rtigen
+&uuml;bereinstimmen&quot;.</p>
+
+<p>Doch es w&uuml;rde zu weit f&uuml;hren, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
+die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten &uuml;ber Consul
+Surur erz&auml;hlt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
+auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, <a name='Page_210'></a>und vorkommenden Falles
+den T&uuml;rken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Sch&uuml;tzlinge
+ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
+Schwiegersohn vertritt andere L&auml;nder, so dass fast die ganze Welt von
+dieser Familie repr&auml;sentirt wird.</p>
+
+<p>Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
+Minarets z&auml;hlte ich, die meisten Djemma,<a name='FNanchor_23'></a><a href='#Footnote_23'><sup>[23]</sup></a> so nennen die Araber ihre
+Beth&auml;user, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr ber&uuml;hmt und
+noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
+Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
+nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umh&uuml;llt
+worden, damit mein ungl&auml;ubiger Fuss nicht die heiligen R&auml;ume beflecke.
+Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
+vielleicht in noch &auml;lterer Zeit ein r&ouml;mischer oder griechischer Tempel,
+denn die S&auml;ulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
+und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
+kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
+fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine S&auml;ule, welche von Blut ganz
+roth angelaufen ist; diese S&auml;ule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
+von sterilen Frauenzimmern so<a name='Page_211'></a> lange geleckt mit der Zunge bis aus
+dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
+(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
+Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
+Zunge wundgeleckt haben, m&uuml;ssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
+und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
+Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der S&auml;ulenleckung besch&auml;ftigt,
+die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
+entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungl&auml;ubigen sie trafen. Der
+mich herumf&uuml;hrende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
+zufl&uuml;sterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
+Macht des b&ouml;sen Auges von ihnen abwenden zu wollen.</p>
+
+<p>Aber noch zwei andere merkw&uuml;rdigere S&auml;ulen zeigte man mir, reiche dicht
+neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
+haben die wunderth&auml;tige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
+niederkommen k&ouml;nnen, entbinden machen; zu dem Ende m&uuml;ssen sich die
+Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
+Abstand der beiden S&auml;ulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
+denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
+haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer n&ouml;thig haben w&uuml;rden.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
+katholische Kirche, welche von <a name='Page_212'></a>V&auml;tern des heiligen Grabes bedient wird,
+dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
+Priester vorstehen. Den sch&ouml;nsten Blick auf die Stadt hat man von S&uuml;den,
+nahe vom Geb&auml;ude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Geb&auml;ude,
+welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
+steht jetzt ganz leer, einige R&auml;ume ausgenommen, die vermiethet sind.
+Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
+liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
+italienischen als einer &auml;gyptischen Stadt. Hohe mehrst&ouml;ckige H&auml;user, mit
+Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugeh&ouml;rend,
+unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
+hier die Harem der Reichen m&uuml;nden. Und doch ist es so, die Jalousien
+sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen M&auml;dchen das rege
+Treiben auf dem Nil sehen k&ouml;nnen, ohne gesehen zu werden. Besonders
+sch&ouml;n ist das Geb&auml;ude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
+el Agam (ﻢﺠﻌﻞﺎ heissen sie Persien) nennen.</p>
+
+<p>Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Geb&auml;ude,
+mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass fr&uuml;her hier
+die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
+fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend haupts&auml;chlich Reis
+hervor, der an Vorz&uuml;glichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
+damit, sowie mit getrock<a name='Page_213'></a>neten Fischen, vom Menzale-See nach der T&uuml;rkei
+und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
+Datteln, welche f&uuml;r die besten in ganz Unter&auml;gypten gehalten werden. In
+neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gem&uuml;sebau sehr entwickelt, da
+Port Said g&auml;nzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
+wird. Bei Hochwasser k&ouml;nnen Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
+gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelm&auml;ssige
+Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
+Meilen nilaufw&auml;rts liegt.</p>
+
+<p>Nach einem viert&auml;gigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
+regelm&auml;ssigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
+nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
+lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
+Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
+welcher das Gef&auml;ngniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
+ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
+ersten Zuge nach der Kalifenstadt zur&uuml;ck.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Malta'></a><h2><a name='Page_214'></a>Malta.</h2>
+<br />
+
+<p>Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
+Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu gen&ouml;thigt wird,
+tagelang, welches oft zu Wochen anw&auml;chst, auf diesem Felsen mitten im
+Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
+wir nun wie am besten und n&uuml;tzlichsten und zugleich auch am
+interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
+arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
+Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
+am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft dar&uuml;ber so erstaunt mich
+fe'l maltese sprechen zu h&ouml;ren, dass sie sich gerade so anstellten, wie
+die Beduinen einem Europ&auml;er gegen&uuml;ber, welcher sie pl&ouml;tzlich in ihrer
+Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
+glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
+die Laute ohrgerecht machten.</p>
+
+<p><a name='Page_215'></a>Indem ich im Allgemeinen hier anf&uuml;hre, dass die Inselgruppe, die wir
+schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der gr&ouml;ssten Malta, der mittleren
+kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
+Cominetto und Filfela besteht, halte ich es f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig, &uuml;ber Lage,
+Gr&ouml;sse und Einwohnerzahl mich auslassen zu m&uuml;ssen, was in jedem
+Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.</p>
+
+<p>Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer ge&auml;ndert, wie Malta,
+welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
+Herrschaft der Ph&ouml;nizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die sp&auml;ter
+sich der Insel bem&auml;chtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
+Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bau&uuml;berreste, die an mehreren
+Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
+V&ouml;lkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
+bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der ph&ouml;nizischen Herrschaft.
+Im Jahre 736 v. Chr. bem&auml;chtigten sich die Griechen der Inseln, welche
+dann 528 v. Chr. in die H&auml;nde der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
+mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
+Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
+Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bem&auml;chtigte.
+Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
+Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
+den Normannen die <a name='Page_216'></a>Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
+Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
+Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
+H&auml;nde von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
+Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
+dem V. wurden sie f&uuml;r ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
+Johannes dem T&auml;ufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
+letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
+Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engl&auml;nder zu fallen, unter deren
+Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.</p>
+
+<p>Es ist wohl nicht n&ouml;thig anzuf&uuml;hren, dass die Grossmeisterschaft Paul
+des I. von Russland nur eine Com&ouml;die war, dass die eigentliche
+Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
+heute h&ouml;rt man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um R&uuml;ckgabe der
+G&uuml;ter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
+indess rechtm&auml;ssig Eigenthum der Ritter sind.</p>
+
+<p>Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
+Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
+Ich beschr&auml;nke mich daher darauf nur die Merkw&uuml;rdigkeiten derselben
+aufzuz&auml;hlen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
+Jahre 1566 gegr&uuml;ndet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
+Halbinsel so g&uuml;nstig, dass <a name='Page_217'></a>auf beiden Seiten die pr&auml;chtigsten und
+sichersten H&auml;fen, von den Engl&auml;ndern schlechtweg &quot;Doks&quot; genannt, sich
+befinden.</p>
+
+<p>Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die t&uuml;rkische
+Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
+Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
+von R&uuml;stungen und Waffen, die inwendig &uuml;beraus reiche Kirche von St.
+Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Ph&ouml;nizier
+und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die haupts&auml;chlichsten
+Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
+Geb&auml;ude, sogenannte Aubergen der fr&uuml;heren Ritter, welche n&auml;mlich in acht
+Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
+hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
+die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
+eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
+auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
+sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein h&uuml;bscher
+Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
+Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.</p>
+
+<p>So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta pr&auml;sentiren, so stabil
+scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
+Malteser, wenn auch <a name='Page_218'></a>nicht Abk&ouml;mmling der Araber, hat doch unter der
+Herrschaft dieses Volkes, und namentlich fr&uuml;her unter der Ritterschaft
+durch die vielen &quot;Caravanen&quot; (so der officielle Ausdruck in den Akten
+der Ritter f&uuml;r Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
+alles, in Sitten und Gebr&auml;uchen sehr viel von den Abk&ouml;mmlingen Ismael's
+angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
+verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der h&uuml;bschen
+Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
+so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
+haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
+finden. Als eigenth&uuml;mlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
+smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
+fr&uuml;her nur zwei anst&auml;ndige Kaffeeh&auml;user, welche aber auch jetzt zu
+wahren Brandy shops gesunken sind, daf&uuml;r hat man nun Rauchzimmer
+erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
+getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
+Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
+einf&uuml;hren lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
+alle viel zu w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+
+<p>Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so f&uuml;hrt uns
+der Weg zun&auml;chst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
+ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch citt&agrave; notabile genannt. <a name='Page_219'></a>Bei
+den Arabern hiess sie die &quot;Stadt&quot; medina schlechtweg und vom
+Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
+heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
+der grosse Ort Rabatto.</p>
+
+<p>An Merkw&uuml;rdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
+dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
+Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkw&uuml;rdiger ist indess
+die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; fr&uuml;here
+Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. F&uuml;r
+die Malteser ist das gr&ouml;sste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
+der N&auml;he von citt&agrave; vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
+wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
+gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
+ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
+genossen.</p>
+
+<p>Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegr&uuml;ndet der Glaube (wenn man bei
+Glauben &uuml;berhaupt von Gr&uuml;nden reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
+Malta scheitern zu lassen.</p>
+
+<p>Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
+fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
+gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordk&uuml;ste
+Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, &uuml;berfiel das Schiff ein
+<a name='Page_220'></a>heftiger Sturm, aber es heisst ausdr&uuml;cklich im <i>adriatischen Meere</i>.
+Dann giebt es keine Sandb&auml;nke um Malta, wo die Paulus f&uuml;hrenden Seeleute
+h&auml;tten Blei senken k&ouml;nnen, um Malta f&auml;llt das Meer &uuml;berall steil ab zu
+einer Tiefe, die weder f&uuml;r damalige Senkbleie erreichbar war, noch
+weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
+gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
+allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend h&auml;tte er an die
+Ostseite der Insel geworfen werden m&uuml;ssen. Es liessen sich noch andere
+Gr&uuml;nde anf&uuml;hren, was jedoch nur erm&uuml;dend sein w&uuml;rde, und warum auch,
+respectiren wir im Gegentheil die Piet&auml;t der Malteser f&uuml;r den grossen
+Heidenapostel.</p>
+
+<p>Auf dem Wege nach citt&agrave; vecchia hat man noch das h&uuml;bsche Landhaus des
+Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
+duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
+Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
+vielmehr jedes St&uuml;ckchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
+Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. B&auml;ume giebt
+es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
+und da einzelne Feigen-, Johannisbrodb&auml;ume und Oliven. Und doch wie
+fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
+Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen m&uuml;ssen.
+Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle M&uuml;he und Anstrengung
+zu Nichte, von heftigen Re<a name='Page_221'></a>gen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
+so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch f&uuml;r den
+Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeintr&auml;chtigend, denn Malta hat im
+Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
+Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
+Tuareg &quot;die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelb&auml;umen, nicht nur um
+aus den Dattelb&auml;umen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
+derselben Korn bauen zu k&ouml;nnen&quot;, er &quot;nennt die Palmw&auml;lder&quot; die
+&quot;Treibh&auml;user der heissen Gegenden&quot;, und das ist auch vollkommen wahr.
+Aber der Malteser h&auml;ngt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
+fortf&auml;hrt Erde aus Sicilien zu holen, als B&auml;ume zu pflanzen, ja er hat
+sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen k&ouml;nnen, den Abraham bei
+den Arabern einf&uuml;hrte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
+brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
+mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
+Verzeihung bitten, w&auml;hrend ich dies schreibe, f&auml;llt mir ein, dass ich
+gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abk&ouml;mmlinge
+der K&ouml;nigin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.</p>
+
+<p>Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
+selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
+am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
+ber&uuml;hmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der <a name='Page_222'></a>Stadt einen
+Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
+dass man glauben sollte, sie h&auml;tten ihre Wagen nach den alten
+Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei R&auml;dern
+getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
+man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettk&auml;mpfe die K&auml;mpfer und
+Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
+Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
+ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
+Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
+hineinlegend fuhren wir ab.</p>
+
+<p>Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
+interessanten Gr&auml;ber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
+unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
+sondern Todtengr&auml;ber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
+&auml;hnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir &uuml;brigens in
+Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
+froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
+obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasth&ouml;fe nur mittelm&auml;ssig nach
+unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten &auml;usserst gute
+Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
+Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
+die freundlichste Aufnahme. Man muss <a name='Page_223'></a>&uuml;berhaupt ins Land selbst
+hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
+&uuml;ber ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
+Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zur&uuml;ckgestanden,
+mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erz&auml;hlen einem
+nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
+ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
+die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erkl&auml;ren: die Guten
+bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.</p>
+
+<p>Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
+sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen &uuml;bervortheilt zu werden, f&uuml;r
+alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
+bei den Engl&auml;ndern in Verruf: Sehr beg&uuml;nstigt, da sie frei von allen
+Abgaben sind, &uuml;berdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
+kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Bl&auml;tter von Lavaletta
+lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
+schlecht wie m&ouml;glich zu machen.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
+wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegen&uuml;ber liegt.
+Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
+Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
+ber&uuml;hmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
+Die meisten und <a name='Page_224'></a>besten Geographen stimmen aber darin &uuml;berein, dass
+Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
+ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
+zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
+gezeigt wird.</p>
+
+<p>Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
+Zimmer von verschiedener Gr&ouml;sse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
+vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggest&uuml;rzt zu sein
+scheint. Das Merkw&uuml;rdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
+bewohnt sind, wie ich denn sp&auml;ter noch an mehreren Orten constatiren
+konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was f&uuml;r unser neunzehntes
+Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.</p>
+
+<p>Ein heftig ausbrechender Regen n&ouml;thigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
+da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
+unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkw&uuml;rdige
+H&ouml;hle zu besuchen, die am S&uuml;dende der Insel liegt und den Namen Erhassan
+hat. Man gelangt dahin am besten &uuml;ber den kleinen Zorrik. Diese H&ouml;hle
+ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
+Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
+geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und f&uuml;r Damen wohl kaum
+erreichbar, auch muss man sich in der H&ouml;hle selbst sehr in Acht nehmen,
+da viele Irrg&auml;nge vorkommen. Licht muss man auf alle <a name='Page_225'></a>F&auml;lle mitnehmen,
+und wer sich weit in die H&ouml;hle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
+mitzunehmen, um sich daran zur&uuml;ckleiten zu k&ouml;nnen. Zimmer, welche an den
+Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
+bewohnt war.</p>
+
+<p>Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
+Makluba (umgest&uuml;lpt) f&uuml;hrt. Auch dieses sonderbare Loch &uuml;ber 100' tief
+und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
+einen Einsturz hervorgerufen sein, die W&auml;nde sind &uuml;berall senkrecht und
+das Gestein ist wie immer Kalk.</p>
+
+<p>Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
+den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
+Meere sehr merkw&uuml;rdige Bau&uuml;berreste der Ph&ouml;nizier, Hedjer-Kim oder
+Hedjer-Aim<a name='FNanchor_24'></a><a href='#Footnote_24'><sup>[24]</sup></a> von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
+diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
+Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Alt&auml;re sieht man. Auf
+vielen Steinen findet man die &auml;ussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
+zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenst&auml;nde,
+auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
+sich auf dem kleinen Museum der<a name='Page_226'></a> Bibliothek, jedoch scheinen die
+Ausgrabungen nur oberfl&auml;chlich vorgenommen zu sein.</p>
+
+<p>An anderen Sehensw&uuml;rdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
+Scirocco (Bucht an der Ostk&uuml;ste) einen Tempel, der den Namen
+Hercules-Tempel f&uuml;hrt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
+Johanniterritter, zwischen Citt&agrave; notabile und dem Meere gelegen, beide
+diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.</p>
+
+<p>Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
+wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gef&auml;hrlich
+sei die enge Strasse zu &uuml;berfahren, sondern weil m&ouml;glicherweise w&auml;hrend
+unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
+h&auml;tte ausbrechen k&ouml;nnen, und dann vielleicht die Communication
+abgeschnitten gewesen w&auml;re, wir also den Dampfer h&auml;tten vergessen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Man f&auml;hrt von Lavalletta am besten bis Marfa dem &auml;ussersten
+Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
+kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
+pr&auml;chtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
+dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein k&ouml;nnte; die grosse
+Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
+die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgew&ouml;lbt.</p>
+
+<p>In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
+ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
+war; ein alter dort <a name='Page_227'></a>stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
+machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
+dem gegen&uuml;ber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
+Engl&auml;nder schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit g&uuml;nstigem
+Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zur&uuml;ck nach Mai-Djiar
+ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
+benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
+weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
+Gozzo und eine kleine Stunde sp&auml;ter im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
+Rabatto bei der Stadt citt&agrave; vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
+einquartirt.</p>
+
+<p>Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, f&uuml;r
+einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
+konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
+bis zum andern Morgen aushalten.</p>
+
+<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die gr&ouml;sste
+Sehensw&uuml;rdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenth&uuml;rme zu besuchen. Und
+in der That, man fand sich keineswegs get&auml;uscht. Aus Riesenquadern
+aufgef&uuml;hrt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
+Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
+zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
+Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
+inwendig mit Sternen &uuml;berdeckt gewesen zu <a name='Page_228'></a>sein und mehrere
+spiralf&ouml;rmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
+Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
+eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
+Thurmes der Riesen gegeben.</p>
+
+<p>Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkw&uuml;rdigen Denkm&auml;ler der
+Ph&ouml;nizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
+ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
+Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
+jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
+dem n&ouml;rdlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
+nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
+Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese H&ouml;hle durch
+unz&auml;hlige davorliegende Felsbl&ouml;cke lebensgef&auml;hrlich gemacht, nahm fast
+eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
+wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
+Labyrinth von halbversch&uuml;tteten G&auml;ngen einzudringen.</p>
+
+<p>Unser Weg f&uuml;hrte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
+welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
+liebensw&uuml;rdigen Commandanten noch gefr&uuml;hst&uuml;ckt hatten, setzte uns die
+Barke diesmal mit g&uuml;nstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
+&uuml;ber.</p>
+
+<p>Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so <a name='Page_229'></a>dass wir noch selbigen
+Tages, wenn auch etwas sp&auml;t Lavalletta erreichen konnten und gerade an
+dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
+feurigsten Th&auml;tigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
+ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'></a><h2><a name='Page_230'></a>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</h2>
+<br />
+
+<p>Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
+Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfl&auml;che gelegen sind. Wer
+weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
+Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
+bezeichnend nennen &quot;behar-el-Loth&quot;, tiefer gelegen ist als das nahe
+Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
+Niveauunterschied von &uuml;ber 1200 Fuss zum Mittell&auml;ndischen Meere hat,
+f&auml;llt fast in geschichtliche Zeit, wie die j&uuml;dischen Traditionen
+berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
+soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
+oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
+Ausdehnung, einer jetzt bekannten L&auml;ngenausdehnung von ca. 10
+geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
+dadurch zum <a name='Page_231'></a>ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
+von Nordafrika n&auml;her festgestellt wird, wichtig genug, um eine n&auml;here
+Besprechung zu verdienen.</p>
+
+<p>Falls man den schmalen K&uuml;stenstrich durchstechen und das tiefer liegende
+Land dem Meere zug&auml;nglich machen wollte, w&uuml;rde dies eine tief
+eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
+hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Er&ouml;ffnung des
+Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
+treten wird, nicht m&uuml;ssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden n&auml;her
+ins Auge zu fassen.</p>
+
+<p>Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
+finden wir dieselbe im Westen beginnend, s&uuml;dlich von der inselartigen
+Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittell&auml;ndischen Meeres, welches hier an
+der Nordk&uuml;ste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
+genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
+beobachtet, der in gerader Linie vom Mittell&auml;ndischen Meere nur ca. 15
+deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
+104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche &uuml;berhaupt bemerkt worden
+ist. Diese zeigt sich gleichm&auml;ssig noch einige Stunden nach SSO. weiter
+fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
+einen halben Tagemarsch s&uuml;d-s&uuml;d-&ouml;stlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
+Barometerstand beobachtet. Wenn angef&uuml;hrt worden ist, dass bei
+Bir-Ressam die Einsenkung im We<a name='Page_232'></a>sten beginne, so ist das nat&uuml;rlich dahin
+zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
+gut m&ouml;glich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
+sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
+Namen &quot;Syrien-W&uuml;ste&quot; verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
+dem es blos durch ein schmales K&uuml;stengebirge oder durch ausgeworfene
+D&uuml;nen getrennt ist.&mdash;Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
+Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
+Syrten-W&uuml;ste ist nie von einem Europ&auml;er durchkreuzt worden, l&auml;ngs der
+K&uuml;ste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
+Barth.</p>
+
+<p>Mehrere Tagem&auml;rsche s&uuml;d-s&uuml;d-&ouml;stlich von Bir-Ressam st&ouml;sst man auf die
+ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
+dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
+31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
+Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
+Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum &uuml;berfallen, der
+zu einem achtt&auml;gigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, w&auml;hrend der
+gl&uuml;hende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
+Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
+mit 756 M. M. Aus 32 w&auml;hrend der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
+angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
+H&ouml;he mit dem Meere sich <a name='Page_233'></a>befinden m&uuml;sse, denn diese 32 Beobachtungen
+ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass &uuml;ber die H&auml;lfte
+der Beobachtungen w&auml;hrend eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
+wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
+hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
+Meter ergeben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zw&ouml;lf
+Tagem&auml;rsche, wovon die erste H&auml;lfte des Weges jeder Spur von Wasser
+entbehrt und durch die trostloseste W&uuml;ste verl&auml;uft, welche &uuml;berhaupt
+existirt Die Rhartd&uuml;nen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
+die gr&ouml;ssten Feinde der W&uuml;ste: g&auml;nzlichen Wassermangel und fast immer
+absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartd&uuml;nen l&auml;sst
+man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
+welche erst k&uuml;rzlich in einem heftigem Samum vom F&uuml;hrer irregeleitet und
+nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkw&uuml;rdiger Weise h&auml;tte
+dieser selbe F&uuml;hrer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
+Bengasi nach Audjila zu f&uuml;hren hatte, auch uns fast ins Verderben
+geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung get&auml;uscht, freilich
+dicht vor Audjila, vom Wege abf&uuml;hrte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
+werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartd&uuml;nen und die
+Gerdoba d&uuml;rften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
+giebt es D&uuml;nen, die relativ bedeutend h&ouml;her, aber auch eben so viele
+eigen<a name='Page_234'></a>th&uuml;mliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
+tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.</p>
+
+<p>Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche W&uuml;stenplateau
+heran, welches im Allgemeinen die geringe H&ouml;he von 100 bis 115 Meter
+absolut hat. Gleich s&uuml;dlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
+Ufer aus Kalkstein abf&auml;llt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
+zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
+von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
+manchmal so hart an der Oberfl&auml;che getrocknet, dass beladene Kameele
+dar&uuml;ber marschiren k&ouml;nnen, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
+unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
+liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
+existirend und s&uuml;dlich meist von Sandd&uuml;nen begrenzt, welche unmittelbar
+die Seen b&ouml;schen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
+Kanals von Suez zu bef&uuml;rchten haben wird. Wie gering sind &uuml;berdies die
+Sandanh&auml;ufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen D&uuml;nen der
+libyschen W&uuml;ste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
+kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie g&auml;nzlich in
+Sebcha zu verwandeln. Die haupts&auml;chlichsten Seen, von Westen nach Osten
+gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
+Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.</p>
+
+<p><a name='Page_235'></a>Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
+bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
+rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter &ouml;stlich liegende Oase mit
+See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
+die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.</p>
+
+<p>Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen W&uuml;ste gl&uuml;cklich
+&uuml;berwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
+welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
+silbergl&auml;nzenden Salzfl&auml;chen eingeschlossen sind, so wird diese
+bezaubernde Gegend an Wechsel und Sch&ouml;nheit nur noch von der
+eigentlichen Oase des Jupiter Ammon &uuml;bertroffen: Hohe phantastisch
+gestaltete Felsen, unzug&auml;nglich weil von Geistern geh&uuml;tet, eine lange
+Silberfl&auml;che erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrw&uuml;rdigen
+Palmenb&auml;umen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
+und G&auml;nsen herumtummeln, endlich die sch&ouml;n cultivirten G&auml;rten der Oase,
+reich an Oelb&auml;umen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
+&uuml;berall gegen die brennende Sonne von den weit&auml;stigen Palmenkronen
+gesch&uuml;tzt; rieselnde B&auml;che von S&uuml;sswasser, grosse aus der Tiefe
+aufsprudelnde Quellen, oft wie der ber&uuml;hmte Sonnenquell noch von
+k&uuml;nstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden St&auml;dte
+Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
+und noch heute die Reste des <a name='Page_236'></a>grossen Tempels des Jupiter Ammon
+birgt&mdash;das ist in K&uuml;rze das Bild dieser ber&uuml;hmtesten aller Oasen.</p>
+
+<p>In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
+Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
+zehn Tagem&auml;rsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
+verfolgt, und &uuml;berall blieb hier eine gleichm&auml;ssige Tiefe von circa 50
+Meter. Vom Brunnen Morharha n&ouml;rdlich gehend, kommt man dann gleich auf
+das aus Kalkstein bestehende libysche W&uuml;stenplateau, welches auch hier
+kaum breiter als zw&ouml;lf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
+Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
+heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unter&auml;gypten
+durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
+weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
+Depression nach S&uuml;den hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
+gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach S&uuml;den vorzudringen,
+geschweige denn einem Europ&auml;er, und wenn man von Audjila und Djalo
+s&uuml;dw&auml;rts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
+wenig &uuml;ber die Bodenverh&auml;ltnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
+eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
+den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
+keineswegs h&ouml;her gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
+geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, <a name='Page_237'></a>dass
+in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land &ouml;stlich von Kufra und Uadjanga
+bis an die Uah Oasen ist f&uuml;r uns vollkommen terra incognita. Dass
+&uuml;brigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
+standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
+tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
+aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
+niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
+dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengeh&auml;usen,
+Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
+den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
+und derselbe behauptet sogar, dass das Zur&uuml;ckweichen des Meeres und die
+Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
+schliesslich an, dass die Oase einst am Mittell&auml;ndischen Meere gelegen
+haben m&uuml;sste.<a name='FNanchor_25'></a><a href='#Footnote_25'><sup>[25]</sup></a> Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
+sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
+nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
+solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
+Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
+Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
+w&auml;hrend unsere 23 Beobachtungen das Mittel<a name='Page_238'></a> von 767 M.M., also eine
+Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.</p>
+
+<p>Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
+Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
+und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
+ist &uuml;berall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir k&ouml;nnen
+aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
+feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
+verdunstet ist, oder ob sich der K&uuml;stensaum, der von Unter-Aegypten nach
+Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
+erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
+verdunstet hat&mdash;so viel beweisen die Millionen Meeres&uuml;berreste, dass
+hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch fr&uuml;heren Periode
+muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn &uuml;berall trifft man
+versteinerte Baumst&auml;mme, oft ganze W&auml;lder, und zwar gerade von den
+B&auml;umen, die in der Nordw&uuml;ste noch jetzt am h&auml;ufigsten sind, Palmen und
+Tamarisken.</p>
+
+<p>Als vor Kurzem zuerst &uuml;ber diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
+man in verschiedenen franz&ouml;sischen Bl&auml;ttern, Lesseps ginge damit um, den
+Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
+andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
+aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum n&ouml;thig zu sagen, dass
+Lesseps an solche <a name='Page_239'></a>unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
+grossen Syrte aus w&uuml;rde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
+fertig ist, kaum den Weg abk&uuml;rzen. Und wie wurden die Projectenmacher
+denn den Nil vermeiden? W&uuml;rde man dar&uuml;ber oder darunter schiffen oder
+vielleicht den Nil in den Kanal m&uuml;nden lassen? Man w&uuml;rde damit den
+fruchtbarsten Theil von Unter&auml;gypten, das Delta, zur W&uuml;ste machen.
+Ebenso l&auml;cherlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
+Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil w&uuml;rden nicht ausreichen, um
+dies von Salz durchtr&auml;nkte Terrain s&uuml;ss zu machen, und der Nil hat nun
+eben nicht &uuml;berfl&uuml;ssig Wasser, als dass man nur daran denken k&ouml;nnte,
+einen so grossen Theil der W&uuml;ste damit zu entsalzen.</p>
+
+<p>Ganz anders verh&auml;lt es sich, falls man die D&auml;mme durchstechen wollte,
+welche jetzt das Mittell&auml;ndische Meer von dieser grossen Niederung
+trennen, und am leichtesten k&ouml;nnte dies von der grossen Syrte aus
+geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
+schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenh&auml;ngend, im S&uuml;den ein Meer welches
+die gr&ouml;ssten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga w&uuml;rde bringen
+k&ouml;nnen. Welche Umw&auml;lzung! Damit w&uuml;rde Innerafrika erschlossen sein,
+Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
+fruchtbarsten Provinzen von Amerika zur&uuml;cksteht. Nat&uuml;rlich m&uuml;sste vor
+der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach S&uuml;den
+geht, die Syrtenw&uuml;ste und die libysche W&uuml;ste m&uuml;ssten einer genauen
+<a name='Page_240'></a>Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
+grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
+k&ouml;nnte, w&uuml;rde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
+um einen schmalen Arm zu f&uuml;llen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
+w&uuml;rden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausd&uuml;nstung an beiden
+Seiten der W&uuml;stenufer eine sp&auml;rliche, unn&uuml;tze Vegetation hervorzurufen
+und f&uuml;r Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
+auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
+unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
+sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
+Mittell&auml;ndischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
+Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
+(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind l&auml;ngst unter Wasser,
+und w&auml;hrend vor 25 Jahren ein f&uuml;r Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
+der Mauern von Tripolis l&auml;ngs des Meeres ging, ist heute selbst bei
+niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='FUSSNOTEN'></a><h2>FUSSNOTEN:</h2>
+<br />
+
+<a name='Footnote_1'></a><a href='#FNanchor_1'>[1]</a><div class='note'><p> Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
+sind und die, weil im best&auml;ndigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
+Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.</p></div>
+
+<a name='Footnote_2'></a><a href='#FNanchor_2'>[2]</a><div class='note'><p> Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
+zu lesen war mir unm&ouml;glich.</p></div>
+
+<a name='Footnote_3'></a><a href='#FNanchor_3'>[3]</a><div class='note'><p> Man hat dabei verschiedene Ausdr&uuml;cke; ein Back ist ein geflochtener
+Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enth&auml;lt, ein Head sind 2000
+Muscheln. Die Muscheln werden von den Europ&auml;ern Cowries, von den
+Haussa-Negern Kurdi, von den Kan&uacute;ri-Negern K&uacute;ngena, von den Arabern
+El-Oda genannt. W&auml;hrend die meisten Neger sie einfach z&auml;hlen, theilen
+sie die Kan&uacute;ri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
+Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.</p></div>
+
+<a name='Footnote_4'></a><a href='#FNanchor_4'>[4]</a><div class='note'><p> Dies ist eine blos w&ouml;rtliche Uebersetzung, die Kan&uacute;ri oder Bewohner
+Bornus haben indess auch eigene Namen f&uuml;r die drei Stadttheile:
+Weststadt = <i>Kuka-g&aacute;rfote</i>, Mittelstadt = <i>Kuka-á¹…gimsegeni</i>, Oststadt
+= <i>Kuka-g&eacute;rgedi</i>.</p></div>
+
+<a name='Footnote_5'></a><a href='#FNanchor_5'>[5]</a><div class='note'><p> Die meisten gr&ouml;sseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
+besitzt, sind von der K&ouml;nigin Victoria: ein Wagen, sehr sch&ouml;ne Waffen,
+Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als <i>Gegengeschenk</i> sandte
+Sultan Omar einst einen <i>Elephantenschwanz</i> und einen <i>Giraffenschwanz</i>
+als <i>h&ouml;chstes Freundschaftszeichen</i>, welches der Bornuk&ouml;nig giebt. Unser
+&quot;K&ouml;nig von Norddeutschland&quot; ward nicht so gl&uuml;cklich bedacht; er musste
+sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
+darunter ein gesprenkeltes L&ouml;wenfell, begn&uuml;gen, weil gerade keine
+Elephanten und Giraffen in der N&auml;he der Hauptstadt waren.</p></div>
+
+<a name='Footnote_6'></a><a href='#FNanchor_6'>[6]</a><div class='note'><p> Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zw&ouml;lf grossen
+Hof&auml;mtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
+k&ouml;nnen wir nicht erfahren, was y&eacute;ri-ma ist; mir wurde es als der Titel
+des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst H&ouml;fling war und gut
+arabisch sprach.</p></div>
+
+<a name='Footnote_7'></a><a href='#FNanchor_7'>[7]</a><div class='note'><p> Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
+W&ouml;rter zu finden sind, halte ich sie doch f&uuml;r richtig, da sie mir von
+einem ganz zuverl&auml;ssigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
+in Lok&oacute;dza ist, &uuml;bersetzt wurden.</p></div>
+
+<a name='Footnote_8'></a><a href='#FNanchor_8'>[8]</a><div class='note'><p> Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
+Sprache &uuml;bergegangen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_9'></a><a href='#FNanchor_9'>[9]</a><div class='note'><p> Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
+der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
+trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem R&uuml;ckweg
+ein noch unbekanntes St&uuml;ck des Landes zu durchziehen, indem ich mich
+n&ouml;rdlich &uuml;ber Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
+von Beke 1843 begangenen Route &uuml;ber Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
+mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.</p></div>
+
+<a name='Footnote_10'></a><a href='#FNanchor_10'>[10]</a><div class='note'><p> Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem F&uuml;rsten Kassai von
+Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
+Kenntniss der Sitten dieser V&ouml;lker k&uuml;hn gemacht, konnte Kassai dann die
+Unversch&auml;mtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
+zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
+h&auml;tte Kassai auf die englische Milit&auml;rstrasse selbst kommen und Sir
+Robert Napier aufsuchen m&uuml;ssen, denn dieser war als Repr&auml;sentant der
+K&ouml;nigin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
+also h&ouml;her stehend als Kassai von Tigre.</p></div>
+
+<a name='Footnote_11'></a><a href='#FNanchor_11'>[11]</a><div class='note'><p> alga ist Amharisch, arat Tigrisch.</p></div>
+
+<a name='Footnote_12'></a><a href='#FNanchor_12'>[12]</a><div class='note'><p> Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_13'></a><a href='#FNanchor_13'>[13]</a><div class='note'><p> Bei Meilen sind immer englische gemeint.</p></div>
+
+<a name='Footnote_14'></a><a href='#FNanchor_14'>[14]</a><div class='note'><p> In Dapper's &quot;Beschreibung von Afrika&quot; wird angef&uuml;hrt, dass Alvares
+selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.</p></div>
+
+<a name='Footnote_15'></a><a href='#FNanchor_15'>[15]</a><div class='note'><p> Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.</p></div>
+
+<a name='Footnote_16'></a><a href='#FNanchor_16'>[16]</a><div class='note'><p> Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, w&auml;hrend welcher Zeit Christus
+geboren sein soll, danach m&uuml;sste das Christenthum also sehr fr&uuml;h in
+Abessinien eingef&uuml;hrt sein.</p></div>
+
+<a name='Footnote_17'></a><a href='#FNanchor_17'>[17]</a><div class='note'><p> Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
+andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerst&ouml;rt sind, er
+f&uuml;hrt an:</p></div>
+
+<div class='blkquot'><p>&quot;Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerst&ouml;rte die Denkm&auml;ler.&quot; </p></div>
+
+<p>ferner:</p>
+
+<div class='blkquot'><p>&quot;Der Abuna David schaffte fort und brach hier St&uuml;cke, er glaubte bei
+ sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle.&quot; </p></div>
+
+<a name='Footnote_18'></a><a href='#FNanchor_18'>[18]</a><div class='note'><p> Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
+seiner &quot;Reise nach Abessinien etc.&quot;</p></div>
+
+<a name='Footnote_19'></a><a href='#FNanchor_19'>[19]</a><div class='note'><p> Nach v. Heuglin Trachyt.</p></div>
+
+<a name='Footnote_20'></a><a href='#FNanchor_20'>[20]</a><div class='note'><p> v. Henglin hat indess in der N&auml;he von Axum die Bruchstellen
+gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.</p></div>
+
+<a name='Footnote_21'></a><a href='#FNanchor_21'>[21]</a><div class='note'><p> Man h&ouml;rt in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
+selten.</p></div>
+
+<a name='Footnote_22'></a><a href='#FNanchor_22'>[22]</a><div class='note'><p> Jetzt werden vom Vicek&ouml;nig Ismael wieder Befestigungen angelegt.</p></div>
+
+<a name='Footnote_23'></a><a href='#FNanchor_23'>[23]</a><div class='note'><p> Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
+aussprechen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_24'></a><a href='#FNanchor_24'>[24]</a><div class='note'><p> Ein anderer Tempel ganz in der N&auml;he und von selber Construction
+heisst Mnaidra.</p></div>
+
+<a name='Footnote_25'></a><a href='#FNanchor_25'>[25]</a><div class='note'><p> Siehe dar&uuml;ber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.</p></div>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+
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+Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. <br />
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+GERHARD ROHLFS.<br /><br />
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+Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General <b>Napier</b>
+und einer Karte von Abessinien von <b>Dr. A. Petermann</b>.<br /><br />
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+Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.<br /><br />
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+<hr style='width: 45%;' />
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+Bremen.<br /><br />
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+<b>J. Kühtmann's Buchhandlung.</b><br /><br />
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+<hr style='width: 45%;' />
+
+Druck v. Hirschfeld, Leipzig.<br /><br />
+</div>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14142 ***</div>
+</body>
+</html>
+
+
+
+
+
+
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #14142 (https://www.gutenberg.org/ebooks/14142)
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+The Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den
+Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
+
+Author: Gerhard Rohlfs
+
+Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
+
+
+
+
+Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online
+Distributed Proofreading Team. This file was produced from images
+generously made available by the Bibliotheque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
+
+
+
+
+
+
+LAND UND VOLK IN AFRIKA
+
+BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.
+
+VON
+
+GERHARD ROHLFS
+
+
+
+BREMEN, 1870.
+VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
+U.L. FR. KIRCHHOF 4.
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens
+
+Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+Am Bénuē
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+Nach Axum über Hausen und Adua
+
+Damiette
+
+Malta
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika
+
+
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.
+
+
+Mursuk in Fessan im Januar 1866.
+
+Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt
+hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
+Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte
+Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
+würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr,
+viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
+der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben
+Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
+Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
+Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
+Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès
+an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
+
+Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
+gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
+ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
+nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem
+vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler
+und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über
+den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie
+eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so
+anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
+nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
+jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
+Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
+frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
+kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen
+desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
+
+Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand
+meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in
+Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine
+Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
+Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt
+haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
+Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
+Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
+
+Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
+zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
+Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält
+folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
+Si Lalla's bewährt hat:
+
+"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
+sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt
+haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
+Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind
+_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
+mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
+Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
+dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur
+im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran
+ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
+geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie
+innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
+Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
+von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
+gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
+vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält
+einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so
+geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
+hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen
+verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien
+heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes
+Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
+civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom
+Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
+als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
+immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
+Platz machen müssen etc."
+
+Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute
+meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
+nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
+sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und
+notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
+seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das
+Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
+Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
+Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der
+Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere
+gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
+der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
+
+Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich
+will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
+Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
+nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern
+Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich
+französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens,
+namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber
+zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker,
+wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
+gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit
+undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
+weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
+ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in
+Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
+einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
+beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
+Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
+unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
+sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern,
+bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt;
+überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker
+unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
+Türken Eine Religion.
+
+Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und
+sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne
+zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen
+Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
+Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
+Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
+ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der
+Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es
+bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
+verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die
+Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu
+verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
+wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie
+sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
+anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
+schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so
+ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im
+Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
+der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
+und in der Priesterschaft.
+
+In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von
+aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
+Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
+gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
+Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
+christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
+Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B.
+Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen,
+haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
+Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
+
+Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für
+die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist;
+diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu
+vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche
+Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist.
+Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der
+Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
+Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die
+Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
+Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
+christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--
+
+
+
+
+Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.
+
+
+#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#
+
+Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
+näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
+(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an
+Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
+Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
+diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
+Persien vorzugsweise.
+
+Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
+
+"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
+wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
+eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
+demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
+giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
+auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
+vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
+arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
+machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
+eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
+ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
+Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch
+_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem
+eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
+
+Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
+die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
+gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden
+vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man
+z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des
+Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von
+manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
+Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle
+Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
+Süden exportirt.
+
+Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
+sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und
+rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
+Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
+so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
+Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man
+pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
+Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art
+Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
+unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.
+
+Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt
+dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche
+Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem
+sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
+Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
+Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
+dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
+Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen
+kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
+
+
+
+
+Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.
+
+#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#
+
+
+Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
+Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
+nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste
+etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
+Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
+
+Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
+Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
+Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
+Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
+
+Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
+indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
+schwarzen Kaffee ohne Zucker.
+
+7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
+mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und
+befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
+Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
+
+7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
+Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
+scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
+Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
+ich, womit ich angefangen.
+
+7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls
+zählen unmöglich.
+
+Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
+zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
+den Händen fühle, dass ich liege.
+
+Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
+Zeilen Stunden zubringe.
+
+8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
+Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
+vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
+ich will ausgehen.
+
+8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
+verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch;
+ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
+petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und
+setzte mich vor mein Haus.
+
+_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön
+tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich
+und sehe, dass Alles erlogen ist.
+
+Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_?
+
+Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
+grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
+ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
+nicht gelähmt.
+
+Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin
+ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft
+schweben.
+
+
+#26. Januar Morgens.#
+
+Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu
+schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
+Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
+Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
+Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich
+denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe,
+überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
+Tekrurizustande mich befände.
+
+Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
+
+1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
+
+2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
+eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche
+Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
+
+3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
+
+4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
+
+5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
+vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
+
+6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
+
+7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
+dieser Zustand immer dauern möge.
+
+8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als
+das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
+
+Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch
+nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
+
+
+
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+
+Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
+den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
+Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
+Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen,
+welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe
+noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
+untergegangen.
+
+Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
+Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója
+aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
+unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von
+Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
+auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der
+während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger
+herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
+Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen
+Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre
+Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
+als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten
+wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
+lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
+Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
+dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man
+öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
+auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt
+Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
+
+Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
+jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
+Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
+Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
+wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
+die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen
+die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
+Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde
+vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur
+vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
+schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere
+Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
+transportirt werden können.
+
+Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten
+schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen
+Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und
+hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum
+eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
+herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
+ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt.
+Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
+baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
+gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
+dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
+mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich
+hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer
+und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
+Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben
+Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
+und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte
+Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
+Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der
+Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
+Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
+Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
+mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
+angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und
+Treiben am Ufer hervorrief.
+
+Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
+liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am
+Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die
+Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
+Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger
+Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
+zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
+gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10
+Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
+Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
+Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
+allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
+westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
+in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
+Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem
+grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser
+ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
+unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
+etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen
+Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln
+zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe
+Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere
+Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
+Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und
+Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese
+Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also
+schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
+Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
+hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die
+Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
+bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
+langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die
+Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
+wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel
+des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde.
+Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
+selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so
+dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern
+bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
+Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
+Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
+verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde
+unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o
+Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so
+wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
+nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern
+zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt,
+um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl
+gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder
+abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen
+für viere; endlich indess waren Alle satt.
+
+Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
+bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils
+benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
+Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus
+einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten
+ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
+gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos
+gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit
+diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
+erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
+regina) gestickt war.
+
+Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
+folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
+einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf
+jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
+Sprache wird.
+
+Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich
+auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
+welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug.
+Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
+Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so
+lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und
+Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
+folgenden Morgen der Fall sein.
+
+Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
+gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
+starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen.
+Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
+wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten
+sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in
+der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
+Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
+folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
+obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
+tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei
+eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
+dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
+ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
+schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte
+war.
+
+Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
+von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
+durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich
+schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
+überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
+deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
+Zeuge ist.
+
+Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
+erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
+sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von
+allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
+Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
+noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
+und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine
+Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
+und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
+übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
+
+Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
+sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
+Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen
+oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
+Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
+unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich
+neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
+zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an
+salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven
+gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
+davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
+sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
+oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu
+ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
+tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme
+aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
+die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
+Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser
+füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
+
+Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen
+Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
+electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
+taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
+gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die
+Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
+wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand.
+Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen,
+aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
+unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis
+Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden
+seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer
+Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich
+zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
+abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des
+Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
+um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
+freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
+hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
+einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
+die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
+sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
+Sonne.
+
+Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
+Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
+belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
+gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer
+grossen Menge von Canoes.
+
+Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
+ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den
+Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer
+seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
+Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur
+mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung
+begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
+Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
+europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus,
+als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
+der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen
+Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
+einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
+Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien.
+Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
+sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
+unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
+
+Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer
+verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
+würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
+hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
+hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes
+Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
+mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
+Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
+seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
+Aufenthalt angenehm zu machen.
+
+Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
+Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann
+der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und
+jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
+O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
+war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
+über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
+Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
+Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon
+betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
+gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
+dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
+erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
+waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
+er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn
+Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich
+andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
+Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
+schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
+an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
+
+Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
+und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
+aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
+
+Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine
+Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt
+gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
+Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
+vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
+den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und
+Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
+es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor
+der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie
+durch's hohe Hofthor einzogen.
+
+Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
+Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet
+wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
+gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
+sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
+
+_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon
+erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
+englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
+Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten
+Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die
+zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen
+aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
+Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
+Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
+Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
+haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
+grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
+Stadt fast ganz unbekannt.
+
+Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
+westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
+Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme
+genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas
+die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
+ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation
+durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben.
+Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
+mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
+übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien
+verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte
+Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
+Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
+sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
+Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
+Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind
+sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt
+eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
+
+Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
+hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon
+mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
+methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
+dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
+auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
+Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg
+zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
+besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf
+europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
+es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen
+wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die
+schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
+spielte, begleitet, sangen.
+
+Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
+in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
+Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
+Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
+verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu
+werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
+Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
+Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
+und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
+Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
+schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
+als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
+leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
+Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere
+Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
+gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
+Bénuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
+Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
+gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche
+Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während
+meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
+Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
+
+Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
+Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements
+der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
+erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos,
+die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein
+Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch
+bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
+Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
+westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
+letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
+
+Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das
+theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum
+Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh
+nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
+Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was
+Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
+zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist
+indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für
+Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
+diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
+möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
+liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
+ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede,
+aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
+eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren
+können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
+die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden,
+ihren Tribut zahlen zu lassen.
+
+Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
+schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
+Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
+andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
+Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom
+indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika
+gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth
+derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
+Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
+Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
+der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3]
+von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
+kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
+Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von
+Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
+
+Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
+Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
+Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
+Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie
+O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie
+haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
+grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
+einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
+Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
+hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst
+einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
+
+Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die
+wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
+verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
+Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
+glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe
+einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
+die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr
+schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
+bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas
+bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten
+Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso
+unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie,
+weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
+noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde
+zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
+Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
+James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein
+bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James,
+ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der
+den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
+Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
+liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die
+schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
+Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
+Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren
+hundert bringen.
+
+Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
+allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
+grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen
+Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That,
+wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
+Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von
+Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
+Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
+Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und
+jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
+Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
+Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch
+gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
+Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
+
+Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
+Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
+heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
+Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
+hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
+Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See
+begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
+hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
+Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
+
+Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
+dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
+nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
+hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
+denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und
+Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
+Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
+Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
+zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
+Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet:
+es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
+Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue
+Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
+Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
+en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
+eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
+seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
+
+Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir
+dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die
+Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter
+begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
+hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
+der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas
+getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
+noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
+dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
+selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
+Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
+sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
+nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche
+Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
+Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur
+eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
+durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun,
+längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
+
+Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis
+jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte
+deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
+auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die
+Betten nichts zu wünschen übrig.
+
+Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
+Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
+aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand
+ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
+Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
+Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
+die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter
+den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
+auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
+
+Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
+englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
+Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
+12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus
+kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr
+Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
+versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch
+der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
+keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
+keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
+konnte.
+
+Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern
+waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
+lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun,
+nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren
+wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind
+offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
+an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter
+vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
+auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
+Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
+ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
+sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
+Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
+Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
+ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
+
+Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
+Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und
+nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
+Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
+Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern
+gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
+indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war,
+von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
+
+Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
+umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den
+Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
+Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
+von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
+Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos,
+Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien,
+Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen,
+Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
+gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
+zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in
+Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster
+Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
+Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld
+das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z.
+B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
+ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten
+Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun,
+der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge
+auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die
+kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier
+indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein
+Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
+waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
+den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und
+Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier
+vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge,
+fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth,
+ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich
+vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit
+der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung
+verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
+Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
+gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
+geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der
+Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was
+leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
+vernachlässigen.
+
+Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach
+Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
+Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs
+Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
+sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da
+er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde
+eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
+komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
+lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
+französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
+zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch
+und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
+nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
+allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz
+fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war,
+unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
+auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
+erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
+
+Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
+vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
+fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
+flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
+
+Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
+dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg
+dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die
+vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen
+gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf
+hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um
+so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen
+hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
+und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
+Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor
+Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
+
+Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker
+aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme
+umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit
+über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
+handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
+auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere
+Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
+Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld
+eröffnet hat.
+
+Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von
+der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss
+getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der
+rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
+Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
+den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
+weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross
+sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
+das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
+entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
+an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
+unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
+zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst
+bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
+dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch,
+dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl
+die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern
+gewöhnliche Volkslieder.
+
+Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist
+jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg
+wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen.
+Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu
+erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind
+der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle
+Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
+finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
+
+Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
+Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
+fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
+vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
+
+Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
+steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
+Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch
+nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
+einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
+bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
+besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
+schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
+künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
+ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
+vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt
+haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
+hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
+Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
+theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
+Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die
+Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
+bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
+zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen
+mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
+Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
+
+Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
+Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
+einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
+zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen
+sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die
+grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem
+grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
+als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten
+Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne
+brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
+Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu
+uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir
+in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich
+bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit
+meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
+Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit,
+weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien
+recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti
+König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
+Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
+sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann
+auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort
+Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
+Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir
+hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe,
+er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach
+Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so
+ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern
+ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
+
+Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste
+haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
+gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
+Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war.
+Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
+Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft
+anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
+gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
+an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können,
+lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
+Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
+abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
+grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
+Führung des Dampfers.
+
+Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den
+ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess;
+zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck,
+denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren
+Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
+endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
+amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der
+christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
+anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
+
+Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur
+Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
+Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
+Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
+hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste
+vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
+indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein
+mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel,
+die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt
+die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie
+ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
+und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
+ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in
+Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
+vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
+treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
+leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels
+ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im
+Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese
+interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in
+Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
+Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere
+Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
+nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in
+unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie
+aufzunehmen.
+
+Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen
+ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
+Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
+sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
+meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre
+im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch
+mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
+
+Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne
+Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu
+einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
+Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
+unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen
+Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
+gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
+lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
+Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich
+unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
+
+Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
+schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir
+eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
+
+Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
+auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
+emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in
+administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung
+selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
+hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
+Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet
+sein könnte, wird immer noch vom government of the United States
+ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia
+vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu
+verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der
+Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche
+Religion angenommen.
+
+Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt
+selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
+Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt
+Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse
+Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit,
+und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
+Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
+Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
+hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern
+gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000
+Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
+
+Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
+Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
+ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
+Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
+Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir
+selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
+jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel
+zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
+Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose
+Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord
+vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
+Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer
+unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
+
+Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von
+tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
+die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
+konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
+des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
+indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die
+unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste
+von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel
+wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch
+Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre
+Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
+Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der
+bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft
+Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste
+von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche
+geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
+schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
+Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
+vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
+
+Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner
+Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
+Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
+prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem
+Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
+vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
+
+Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr
+Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
+Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen,
+grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des
+Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige
+Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
+dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
+schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies
+imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
+der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im
+Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
+hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
+Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
+schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
+wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses
+gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
+an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
+die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
+etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
+
+Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
+und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
+Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns
+war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
+weniger vom Gesammtbilde verloren.
+
+Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
+näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
+für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer
+Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
+statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
+profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen
+zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
+überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem
+ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
+
+Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
+obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
+durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
+Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
+gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven
+herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und
+Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man
+sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
+Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
+Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
+Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
+als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt
+hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
+Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und
+wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am
+meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die
+Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
+legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
+noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
+als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
+evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
+Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
+desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen
+fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
+Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt.
+Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich
+auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
+haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
+Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig
+machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die
+Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
+weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer
+gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
+der ersteren sein dürfte.
+
+Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
+angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben
+thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen
+bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
+böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da
+Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
+und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind
+meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
+man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
+früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
+Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
+durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
+Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
+mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
+alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder
+doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die
+Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
+Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
+dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
+schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb
+die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
+werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das
+schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen
+mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
+In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon
+weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
+Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
+es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
+ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
+Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie
+Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
+junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich
+vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend,
+ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
+Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
+selbst Verse improvisirend.
+
+Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der
+verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir,
+dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa
+200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
+Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
+jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
+an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
+climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
+schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
+bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
+mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
+Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
+wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
+von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
+zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
+Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
+Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
+
+Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
+und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
+wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
+Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
+heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
+dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
+machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
+ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich
+fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
+hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
+dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
+indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
+geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
+sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
+natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
+war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
+von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60
+Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die
+Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über
+mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
+hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen,
+die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
+nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch
+eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut
+umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht
+beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
+die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte
+keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
+und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
+Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
+Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
+Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
+hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
+
+Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu
+erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
+der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
+6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
+sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des
+Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
+fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und
+französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
+namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
+Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist
+Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
+anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der
+Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder
+Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
+frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
+etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
+ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt
+und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
+in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
+
+Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
+anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
+Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
+Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
+selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei
+Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den
+Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
+aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig
+ausgekehrt hatte.
+
+Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
+einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes
+Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu
+besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
+Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf
+Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
+doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
+erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
+bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle
+hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend
+hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
+zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg
+bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
+Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
+Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
+Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
+zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
+Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
+Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
+Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine
+und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
+mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
+vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
+nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu
+nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet
+ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
+Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
+später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
+sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
+wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu
+verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt,
+ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und
+schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
+bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht
+ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
+Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
+
+Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
+denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir
+hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der
+hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
+so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
+Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
+wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
+junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
+um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
+ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war.
+Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
+See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so
+geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
+Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
+kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für
+die herrliche Insel.
+
+Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
+angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
+erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
+uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig
+grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen
+wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
+landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
+von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem
+eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
+von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
+der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war
+und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer
+kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
+Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind,
+obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
+billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu
+heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
+war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
+augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
+Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
+bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
+
+Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
+Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
+Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach
+einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
+durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
+Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
+ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage
+abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
+Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es
+traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in
+Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten
+Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
+Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der
+Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
+
+Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur
+noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
+gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
+vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
+Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
+gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
+schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich
+anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath
+von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
+und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die
+eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
+Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
+später in den Docks in Liverpool bei.
+
+
+
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+
+ _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
+ Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk
+ der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
+ Sclavenhandel._
+
+
+_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und
+gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl.
+Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
+des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
+Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
+hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
+aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
+unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz
+machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
+hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum)
+Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der
+Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
+anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
+ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
+selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
+welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern
+"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte,
+"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
+Tiefe.
+
+Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre
+1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
+eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
+Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
+be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
+gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem
+durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die
+Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die
+beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
+bilden, beinahe von Osten nach Westen.
+
+An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren
+Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
+Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt,
+residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen
+hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
+bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge
+kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven.
+Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
+Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
+der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
+Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
+Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete,
+nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
+bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
+Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
+Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln.
+Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser
+Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
+andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können,
+und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
+Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher
+hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
+sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
+auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
+indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf
+einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
+ṅssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und
+Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
+
+In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
+giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar
+in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der
+Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
+afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
+haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
+_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei
+oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
+zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
+_Fato_, Wohnung, haben.
+
+_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
+Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten
+vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
+die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt,
+endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig
+sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber
+ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
+_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am
+Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
+vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
+_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
+repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten
+haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
+denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
+Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
+häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
+Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die
+Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine
+Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes,
+sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
+die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
+Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
+südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
+ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
+welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das
+Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
+und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
+
+Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
+europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
+eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess
+kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
+den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
+Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren
+ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
+Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
+sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
+ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
+die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
+Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft,
+nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben,
+welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
+Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
+Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen
+in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben,
+Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen
+die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
+Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
+beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe
+oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
+Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
+Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
+länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
+
+Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
+Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer
+Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
+zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu
+ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
+ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
+Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
+
+Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
+und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe,
+welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der
+Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge,
+von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
+kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
+Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein
+Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
+der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
+Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
+Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare
+Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
+vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser
+Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
+mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes.
+Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
+und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
+selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss
+erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu,
+Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes
+Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
+Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so
+grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
+Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
+Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
+
+Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
+dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
+husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
+über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten
+versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und
+mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben,
+von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
+clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
+_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen,
+nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen
+überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
+erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
+den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
+die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess
+eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine
+Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
+haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins
+Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der
+Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche
+Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den
+Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes
+geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
+mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
+Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
+Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des
+Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert
+meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum
+Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
+verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel,
+Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung
+Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für
+die Sklaven.
+
+Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
+zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
+grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles
+zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück,
+oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
+Nichtsthun hinzugeben.
+
+Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
+fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
+_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
+der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
+wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
+dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr
+Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
+der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
+der Platz am Westthore der Oststadt.
+
+Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt
+hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten
+hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse
+lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig
+ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide,
+dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen
+kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_
+(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des
+_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden
+ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
+_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
+Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
+man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse
+Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
+Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und
+über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist
+das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige
+Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen
+fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
+_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
+mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
+Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
+theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
+muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen
+Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
+Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
+
+Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten:
+Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
+grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
+findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
+die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so
+viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen
+Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
+namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch
+nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
+Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden,
+denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches
+Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
+Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
+Borg abgenommen hatte.
+
+_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
+Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am
+grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
+Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es
+z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
+Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse
+Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
+den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
+die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges
+Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
+ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
+
+Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
+auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind
+alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
+zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
+gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man
+kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel
+hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt
+werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
+weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
+Austausch ein Ende macht.
+
+Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
+vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
+dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
+namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
+leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat
+ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans
+wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um
+Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
+Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
+Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
+es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
+
+Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
+bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der
+Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere
+Weg nach der Küste vermittelst des Bénuē und Niger ist augenblicklich
+für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
+der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
+hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
+von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen
+Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
+durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
+hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.
+
+
+
+
+Am Bénuē
+
+
+Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst
+von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage
+noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
+mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche
+diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
+war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein
+Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
+ich nicht erfahren.
+
+Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
+eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénuē sind es hauptsächlich
+_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
+giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
+hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_,
+_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.
+
+Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die
+uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
+dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
+Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
+mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
+Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
+Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
+beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
+Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
+sah, dass die Nähe des Bénuē hier schon einen mächtigen Einfluss auf
+die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die
+Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch
+überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der
+Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder
+Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
+Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
+80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
+Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann
+drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir
+selbst.
+
+Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
+hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches
+ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
+aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
+kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
+Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten,
+weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu
+Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen
+gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
+konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so
+dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
+ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse
+Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
+plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
+weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig
+helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
+Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
+als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
+unseren Füssen sich ausdehnte.
+
+Aber nein, es war kein See, _es war der Bénuē_. Nach rechts und links
+dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah
+man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen
+Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
+ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
+werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden
+sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
+sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden,
+um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
+Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
+nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir
+uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
+Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und
+sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem
+Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser
+stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
+an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
+jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und
+bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
+paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
+waren diese den Bénuē _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
+schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
+halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
+gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine
+Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
+_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
+zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
+bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten
+Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
+nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder
+im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
+Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
+dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
+Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den
+Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100
+Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
+solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
+wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
+war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
+Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren.
+Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
+begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor
+der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
+Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
+hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
+stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
+hinüber geschaufelt.
+
+Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss,
+wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
+nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
+zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich
+vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
+Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
+irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
+dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht
+schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
+da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte,
+Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
+so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten,
+und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
+vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
+einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu
+verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett
+aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte,
+fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
+üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge
+Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
+glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine
+dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji,
+Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese
+Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--).
+Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
+antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
+einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
+ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie
+befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
+
+Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu
+antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
+schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
+ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom
+Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
+entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
+Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station
+an der Mündung des Bénuē in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
+von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens
+_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in
+Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde,
+den ich später zu erwidern hätte.
+
+Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
+Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der
+_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die
+ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag,
+überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer
+zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen
+jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die
+Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden
+aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass
+nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet
+werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
+scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von
+Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
+liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
+hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
+unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell
+um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_,
+indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass
+einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
+_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie
+jene zu haben.
+
+Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten
+aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
+uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er
+besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde
+nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
+recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
+Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
+Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
+unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war
+keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
+forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
+4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse
+stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
+hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
+das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
+gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
+Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu
+verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
+Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
+bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
+den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
+
+Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er
+mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
+blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich
+in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
+selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
+machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
+wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in
+Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
+sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
+Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
+
+Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es
+war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die
+Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
+es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
+Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
+Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
+beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig,
+dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht
+wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt,
+dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
+aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers
+von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
+durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
+Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
+vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen
+tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige,
+dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
+im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
+wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
+nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
+sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen
+umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
+kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in
+Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
+treiben sich nun überall umher.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
+Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
+genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem
+Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende
+Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
+bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
+die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich
+erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
+beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
+hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
+Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
+vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
+
+Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B.
+in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall
+Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
+zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
+zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen
+allgemein.
+
+An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche
+Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
+Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
+den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
+neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
+linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
+Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
+aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde
+mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
+bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht
+zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
+_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmegē_, einem Freunde des
+verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
+
+
+
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
+
+
+Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen
+Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
+gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
+haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
+eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
+beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
+despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator
+und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und
+Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
+Wohnsitze haben.
+
+Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
+Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im
+Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
+Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
+Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
+sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
+verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
+endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von
+den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
+
+Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
+zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
+auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst
+"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den
+Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
+müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling
+sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen
+männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
+Königin hat den Titel "derde-ádebi".
+
+Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
+so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
+damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer
+einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch
+für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
+"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den
+mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber
+genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen
+eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
+bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
+Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
+thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind
+viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
+der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
+zweite Person wissen zu lassen.
+
+So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
+complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker,
+der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der
+Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen,
+welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker
+nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung
+vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während
+z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
+einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
+derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in
+gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
+Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass
+die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden,
+zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört
+es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
+
+Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
+niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen
+Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
+verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu
+bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
+Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls
+nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
+zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
+
+Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat
+man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der
+mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
+befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
+hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
+blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
+
+Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst
+der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses
+ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
+Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
+das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande,
+wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese
+der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
+hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel
+"ardžino-ma" führt.
+
+Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen
+Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
+Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine
+Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und
+hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen
+und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie
+so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen
+Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur,
+dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und
+Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
+hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
+jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der
+Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer
+Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein
+Titel ist "mar-ma-kullo-be".
+
+Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
+betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
+weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
+Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man
+andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
+alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die
+homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath
+und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der
+königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen,
+dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
+Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des
+Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
+für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu
+besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
+Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
+Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen
+und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
+Mai seine Hände abspült.
+
+Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
+Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
+Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen
+ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
+Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
+corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit
+sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
+Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst
+"katš élla-ṅbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die
+übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die
+Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
+
+Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte
+hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben
+diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
+in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von
+Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
+Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
+"billa-ma", und nach Barth auch "tš i-ma", während Koello letzteres
+Wort mit Abgabensammler übersetzt.
+
+Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber
+des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl.
+von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den
+grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person
+präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles
+Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
+wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine
+Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
+wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
+die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
+denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und
+auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht,
+Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
+nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen,
+und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
+
+Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
+Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche,
+welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
+1867 die Einrichtungen der Staaten Bautš i, Keffi-abd-es-Zenga und
+Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit
+der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
+nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
+Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.
+
+Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr
+oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
+den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
+jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als
+weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als
+solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der
+Gläubigen.
+
+Im Lande Bautš i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann
+nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautš i) genannt,
+steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich
+unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen
+eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
+entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
+gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
+Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage
+offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und
+aburtheilt.
+
+Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die
+eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
+ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
+Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
+Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den
+übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt
+hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
+vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
+Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
+sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese
+selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
+Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
+Bautš i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang
+nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch
+Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke
+in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile
+Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge
+hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein
+Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder
+Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider,
+"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".
+
+Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
+Ministerium entspricht, versieht in Bautš i der "galadima", aber fast
+ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel
+"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls
+der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur
+vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle
+Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in
+Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
+ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
+Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst
+Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner
+das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs
+"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten,
+wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs
+zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs
+betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
+Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
+nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer
+ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig
+ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
+ist und "serki-n-ara" heisst.
+
+Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor,
+dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
+auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
+ist "serki-n-kurmi".
+
+Als Truppengattung finden wir in Bautš i nur Reiter und Infanterie,
+letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
+namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
+haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der
+Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
+Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der
+der Reiterei "serki-n-dauáki".
+
+Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich
+"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen
+heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher
+_nicht_ Pullovölker, und da diesen in Bautš i eine grosse Zahl von
+Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
+"sénnoa".
+
+Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische
+Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
+mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
+Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
+sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu"
+heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa",
+wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in
+Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der
+Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
+verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
+Sklaven bestehen.
+
+Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber
+des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
+natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der
+Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung
+hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
+"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die
+Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es
+nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge
+nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
+herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von
+Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer
+"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu
+finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der
+Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
+Namen "liman" hat.
+
+Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
+Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein
+vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den
+König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das
+Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird.
+Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und
+"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der
+Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
+der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt
+eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische
+Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.
+
+
+
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.
+
+
+Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
+im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn
+man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende
+Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment
+vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do
+you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei,
+so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss
+und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen
+so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
+dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
+auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über
+die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden
+sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst
+zu besuchen Gelegenheit hatte.
+
+Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der
+Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
+Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist
+eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
+Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
+hin verbreitet.
+
+Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen
+angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und
+unabhängig vom Arabischen Einfluss da.
+
+Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
+Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und
+Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich
+vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich
+vom genannten Wasserbecken.
+
+Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet,
+vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
+begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
+machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
+haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna
+dǚnnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige
+_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr
+repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
+Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den
+Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
+und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete
+wiederholt dann _getta inna dÇšnnia_, worauf der Andere _Lahin
+kénnaho_ antwortet.
+
+Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
+nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
+Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
+killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob
+Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
+die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte
+untermischend.
+
+Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte
+anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich
+auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
+nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
+niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen
+indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie
+immer eine knieende Stellung ein.
+
+Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem
+Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder,
+Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich
+zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
+sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.
+
+Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während
+der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch
+_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen.
+
+Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf
+gleiche Weise.
+
+Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara-
+und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
+Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
+Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner
+sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_
+gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.
+
+Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte
+_Lalē, Lalē, Lalē_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand
+der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt
+aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt
+Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
+Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr
+bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem
+Zustande der Haut: _ṅda tégē_, wie ist die Haut?, und schalten hin
+und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_
+ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte
+Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
+viel wie Friede bedeutet.
+
+Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess
+ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die
+Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die
+Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen
+_Lalē, Lalē_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig,
+oder _ṅgúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
+Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
+man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor
+dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
+wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten
+Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
+Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten
+Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche
+Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie
+mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht
+und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch
+selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua
+(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
+"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.
+
+Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
+unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich
+berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter
+einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen,
+erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
+zuerst grüsst.
+
+Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie
+herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _ṅdáni, adak ke
+l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia lē_. Letztere Redensart ist sehr
+gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben
+sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart
+_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt
+werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie
+angewandte Wort _gode-á¹…gin_ haben.
+
+Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse
+Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
+Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
+sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau
+begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange
+nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem
+Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung
+macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
+einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem
+auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht
+gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
+Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_.
+
+Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich
+specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?",
+"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_",
+"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich
+danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch
+ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf
+das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.
+
+Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie
+die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
+machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
+Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von
+den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die
+Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies
+Zurückschlagen.
+
+Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
+selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und
+grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte
+Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
+dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
+der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme
+bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Melē-Fulan, ist zum
+Theil, und namentlich die Melē-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
+übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem
+Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
+Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.
+
+"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es
+entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie
+ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad'
+Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
+bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische
+zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
+keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
+hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die
+der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne
+Umstände sich nähern konnte.
+
+Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes
+_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_;
+ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich
+nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
+Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.
+
+Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am
+Bénuē ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
+Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben,
+wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
+bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_
+(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
+Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
+Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der
+Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
+eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
+der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern
+sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die
+sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie
+nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen
+von Hoch und Niedrig keine Rede.
+
+Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bénuē
+besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
+sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden
+Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
+haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a,
+eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
+ihre Stimme hören können.
+
+Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen
+Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
+Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.
+
+Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
+Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
+vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl
+wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor
+einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus,
+worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie
+geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält
+dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
+man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim
+Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder
+_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht?
+
+Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die
+Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der
+Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse,
+welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
+vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich
+prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein
+Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.
+
+Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der
+fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
+Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten
+Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten,
+verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher,
+welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
+(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des
+Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
+sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.
+
+Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand
+begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder
+_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und
+blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor
+ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und
+legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
+auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender
+Stellung zu reden.
+
+Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
+Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
+gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
+geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
+begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her
+schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper
+in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die
+O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche
+Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
+Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
+Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_.
+
+Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
+Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als
+Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
+nach Europa herübergekommen sind.
+
+Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit
+_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_,
+ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst
+Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_,
+Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
+Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
+Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
+einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden,
+namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.
+
+Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und
+erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
+Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
+_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl.
+
+Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
+Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort?
+_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern,
+den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
+dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies
+bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das
+Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der
+Küste von Guinea der Fall ist.
+
+Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
+(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie
+_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im
+Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber
+richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
+Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
+Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren
+ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss.
+
+Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_
+zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus
+und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,
+wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der
+Stadt steht's gut.
+
+Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du
+her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise
+glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern
+das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,
+mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die
+Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.
+
+
+
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]
+
+
+Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
+Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
+mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten
+Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
+bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die
+Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
+Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
+Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
+oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen
+konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen
+Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein
+letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier
+einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war,
+ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden
+Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
+zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
+bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in
+alle Winde zerstreuen.
+
+Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
+Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
+oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
+verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder
+Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
+weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
+reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
+Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
+Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
+bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
+vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo
+zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
+nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer-
+und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
+dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
+Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
+da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert
+abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa
+Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es
+augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
+Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
+vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
+Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
+wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
+es früher war, Besitz der Galla.
+
+Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
+wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
+Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach
+Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege
+zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
+gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den
+Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die
+Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
+die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
+wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
+der Geographie nützlich zu sein.
+
+Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
+nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
+so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
+vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
+nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt,
+glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben
+und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen
+beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine
+jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er
+danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
+Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine
+Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
+Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu
+wollen.
+
+Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch
+Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
+hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
+gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur
+Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
+diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
+weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
+Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die
+Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
+ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die
+Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
+halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
+als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die
+Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
+oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
+äusserer Gebräuche basirt.
+
+Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
+macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
+hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen.
+Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa
+ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
+durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.
+
+Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
+Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
+tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
+Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe
+Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
+nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
+entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
+sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
+in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
+und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
+dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu
+einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
+Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der
+Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
+dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
+Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet,
+dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
+Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
+reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen
+Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des
+Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die
+lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
+nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
+Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
+Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode
+gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion
+kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
+eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für
+immer Adieu gesagt zu haben.
+
+Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
+seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
+alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine
+Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres
+correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
+eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
+Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
+glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden
+aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können,
+sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich
+vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
+nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei
+dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
+Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.
+
+Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
+Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
+beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
+Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher
+zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
+Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf
+Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
+blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
+ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das
+Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
+Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden
+hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
+auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
+blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
+trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt
+oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
+zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen
+in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.
+
+Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
+vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
+abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
+zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
+Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
+Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
+Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts
+weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse
+verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie
+hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
+Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise
+nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
+zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
+kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
+Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
+freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen
+Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich
+die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise
+anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
+Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.
+
+Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von
+Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute
+jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
+Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
+unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich
+war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein
+ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die
+zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
+Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
+ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren
+Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
+weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
+gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine
+breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus
+Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
+ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
+weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen
+sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
+sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
+weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
+Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
+hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.
+
+So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
+Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
+stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster
+Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
+durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der
+Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche
+Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
+hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und
+als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
+Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser
+bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten,
+nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf
+die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
+trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.
+
+Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
+halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
+Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
+von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom
+früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
+Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
+grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
+Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
+was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
+lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
+dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der
+Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
+Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
+englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
+heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
+sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist
+aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
+Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
+Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
+der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
+Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit
+dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
+dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
+einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
+aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese
+Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah,
+musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.
+
+Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
+und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut
+ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können,
+dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
+behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
+von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
+weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte
+bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
+Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in
+Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und
+mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist,
+welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich
+das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
+Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
+hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun
+abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
+längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich
+starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen,
+welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
+wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer,
+Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
+bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
+sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
+Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
+einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich
+ausgestattet sind.
+
+Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger
+begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu
+klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche
+Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat,
+die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
+werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer,
+die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
+bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben
+Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
+und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.
+
+Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
+zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
+von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit
+Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
+an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
+Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
+so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
+durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen
+Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
+eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
+Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
+basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
+NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
+entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
+Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
+vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
+aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
+Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
+zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und
+Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
+einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
+als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
+will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.
+
+Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die
+Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
+verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
+gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
+hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch
+fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
+Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden
+war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
+machten wir uns früh Morgens auf.
+
+Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
+Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und
+entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das
+Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
+denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
+Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass
+bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
+flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
+Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika
+vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
+anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50
+Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
+man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
+obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
+Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
+Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
+Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
+Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
+was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
+fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
+Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
+warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil
+wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
+Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich
+sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie
+sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
+würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden.
+Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
+der Türkei und Aegypten.
+
+Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
+dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte
+anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
+leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in
+den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
+aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und
+luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss
+über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
+trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
+Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends
+einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen
+Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
+davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche
+Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im
+Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
+chokoladenartige Farbe.
+
+Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
+Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba
+Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen
+Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
+dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist
+Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von
+derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.
+
+Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
+überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der
+östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort
+gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
+überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
+Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
+den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
+Laktalab liegt.
+
+Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner.
+Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
+Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
+in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
+abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die
+Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem
+gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
+Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi
+gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und
+anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste
+Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und
+prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von
+Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
+einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh,
+ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
+innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten
+bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im
+Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt.
+Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
+dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
+nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer
+mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
+wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
+dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten
+Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand
+einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
+hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und
+sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
+ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
+käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.
+
+Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
+ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für
+gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte
+schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
+Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker
+Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch
+jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
+in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
+namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken,
+sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
+manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
+übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
+Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
+welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
+werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung,
+so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper
+annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.
+
+Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
+besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
+Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
+die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
+alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
+Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer
+roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
+offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses
+Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von
+ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten
+Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
+Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich
+gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man
+mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
+dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
+Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
+sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden,
+wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
+Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
+in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
+wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
+sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während
+man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
+christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie
+dafür erkennen.
+
+Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St.
+Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde
+man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers
+hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
+und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche
+wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste
+und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
+Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
+man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres
+finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
+Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist
+sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba
+Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
+ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
+Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
+wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt.
+Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
+anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat.
+Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
+Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen
+monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
+widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
+Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
+Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
+Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von
+aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus
+demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
+zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen,
+alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass
+Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst
+geschähe.
+
+Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
+gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine
+Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
+dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
+Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte.
+Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
+selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
+entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden
+aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
+zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh
+stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der
+Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
+Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die
+jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.
+
+Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,
+und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
+Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
+Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk,
+das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
+für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.
+
+Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
+mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
+Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
+vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
+dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von
+den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
+andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit
+eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
+hundert Personen belaufen.
+
+An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume
+aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
+grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
+bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei
+andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume
+überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
+weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
+einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
+auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine
+Bewandtniss damit habe.
+
+Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen
+Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
+7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die
+Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
+Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
+gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von
+alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
+scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
+jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
+als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.
+
+So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
+zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
+Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
+Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu
+befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
+gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.
+
+Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich
+von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
+Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten
+herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
+Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche
+Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und
+Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
+Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
+durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
+Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig
+von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
+zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
+diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
+eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend
+angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber
+ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich
+der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
+Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?
+
+ * * * * *
+
+Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute
+begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme,
+Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
+in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
+Arznei zu bekommen.
+
+So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der
+Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
+Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in
+letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
+hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
+nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen
+gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
+Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich
+nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
+haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
+Morgen graute.
+
+Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
+überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
+bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
+einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch,
+Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ
+nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären
+Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
+man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
+der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen
+aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
+Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt
+scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
+herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
+Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
+Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.
+
+Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die
+ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die
+Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese
+Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
+seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath
+vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
+faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
+einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts
+dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
+streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen
+Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während
+seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
+anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
+Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
+Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion,
+dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich
+eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
+fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
+Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
+hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.
+
+Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
+die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
+so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
+traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte.
+Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
+Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
+erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
+Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
+kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
+beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
+herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
+Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie
+selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
+beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den
+Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.
+
+Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender
+kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden
+zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.
+
+ * * * * *
+
+Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
+wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
+weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
+den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
+wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
+sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
+wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
+nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches
+gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass
+ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
+Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
+Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem
+Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch
+ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
+Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_
+gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_
+fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem
+von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen
+Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.
+
+Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und
+brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu.
+Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu
+leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
+erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie
+aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
+Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht
+worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
+Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
+Bevölkerung arm zu machen.
+
+Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen
+Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
+indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten
+unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des
+Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
+Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet,
+der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der
+Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine
+mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein
+südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
+Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
+Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
+um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
+Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
+ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
+Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
+Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
+Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein
+eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
+zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
+Bestimmung seiner Höhe, weg.
+
+Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns
+in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
+dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen,
+andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
+als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über
+uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
+uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
+zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
+Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
+dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
+vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte,
+so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
+den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.
+
+Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle
+in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die
+Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
+überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
+schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In
+der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
+der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
+gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
+ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
+Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne
+Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
+herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der
+Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen
+erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
+Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
+noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
+bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht
+weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
+Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er
+war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
+Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig,
+aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
+trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
+unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
+sonst nicht folgen könne.
+
+Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
+man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim
+Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere
+Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
+noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
+Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
+Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je
+nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen
+verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
+Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und
+Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort
+sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
+wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine
+Karawane unbelästigt den Zoll passiren.
+
+Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
+Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah,
+anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas
+Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von
+Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
+mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es
+bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst
+dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
+antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
+wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter
+ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
+nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
+kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der
+Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut
+aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
+Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
+einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich
+finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
+gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der
+Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
+zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
+ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf,
+dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
+einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als
+höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
+dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers
+erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
+höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
+der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in
+Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
+steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen,
+auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]
+
+Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
+nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
+nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
+als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer
+der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
+reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
+sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem
+Boden mir gegenüber.
+
+Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen
+Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
+grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz
+verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft
+haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen
+lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während
+seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
+ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der
+Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
+wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
+selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
+europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als
+seine übrigen Kleider.
+
+Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
+zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
+belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom
+Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt.
+Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
+Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut,
+wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit
+hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen;
+vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner
+Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das
+Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11]
+genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
+ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
+zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
+Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine
+Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen
+das Ameublement.
+
+Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
+alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
+von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns,
+dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
+in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind.
+Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und
+exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
+Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
+stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
+Christen in bester Eintracht.
+
+Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und
+selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
+Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr
+billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu
+unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5
+Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht
+englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
+theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler
+brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
+auch für solch hohen Preis keine zu haben.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich
+zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
+seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
+entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
+Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
+Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
+überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
+Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden
+verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
+das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die
+Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land
+gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und
+Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
+gehorchen.
+
+Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
+dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir
+und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt.
+Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das
+Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert
+hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
+Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
+setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
+vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
+nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
+vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit
+des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste
+Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
+durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut,
+denn jede Nacht gab es Gewitter.
+
+Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
+vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
+einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
+miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
+des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen,
+waren reichlich vorhanden.
+
+Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
+Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft
+sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
+giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
+Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
+wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
+scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine
+Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
+Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
+Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt
+oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
+hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
+zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
+Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
+die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
+manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück
+trug.
+
+In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
+oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale
+Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter
+oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
+Umfang gesehen habe.
+
+Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
+fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben
+Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
+bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende
+Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
+einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
+von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
+bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
+erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
+gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
+Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
+halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
+welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
+dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen
+Gebirgszuges nördlich vom Tselari.
+
+Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
+ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
+Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
+See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der
+weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
+Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit
+Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und
+Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
+bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
+angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
+an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
+Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
+blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
+Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.
+
+Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
+war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht
+am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
+ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
+(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine
+Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
+in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen
+fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
+entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei.
+Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
+Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
+Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch
+nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte.
+Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige
+Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.
+
+Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
+darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen
+Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
+Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
+verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
+er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
+Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
+diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
+indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
+prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
+erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft
+hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
+und Zündhütchen.
+
+Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
+Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
+verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der
+Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
+Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.
+
+Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
+beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
+und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
+ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
+meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
+mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
+Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
+recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
+Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
+immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
+und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der
+Heimath fort.
+
+
+ Höhenmessungen mit dem Aneroid.
+
+ Abdikum 9250 engl. Fuss.
+
+ Takaze, Bett 5800 " "
+
+ Salit 6200 " "
+
+ Lalibala 7000 " "
+
+ Schegalo 6200 " "
+
+ Bilbala-Gorgis 6170 " "
+
+ Eisemutsch-Thal 6359 " "
+
+ Mári-Thal 5200 " "
+
+ Taba, Ort 6000 " "
+
+ Siba-Pass 6500 " "
+
+ Mokogo-Pass 7800 " "
+
+ Biala-Pass 9000 " "
+
+ Ohlich, Ort 6200 " "
+
+ Telela-Pass 7100 " "
+
+ Sokota 6500 " "
+
+ Emenenagerill-Pass 5600 " "
+
+ Uana-Pass 5550 " "
+
+ Tselari-Bett 3200 " "
+
+ Zaka 4200 " "
+
+ Zamra, Bett 3150 " "
+
+ Fenaroa 4500 " "
+
+ Samre 6000 " "
+
+
+
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+
+Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
+Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8'
+28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein
+von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
+zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
+fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See
+begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
+Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln
+kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
+hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa
+10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss
+(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe
+Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von
+minder hohen Bergen umschlossen.
+
+Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus
+marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
+bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
+der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief
+eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
+Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
+haben, ohne indess den Ort anzugeben.
+
+Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
+wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere
+die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
+so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
+ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
+mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
+den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
+lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
+oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
+Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
+Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch
+allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu
+finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
+dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
+10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.
+
+Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
+abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um
+einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher,
+was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
+erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
+Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat,
+so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
+Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
+Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
+können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
+den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
+Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug
+natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
+werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
+die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben
+werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
+Luftwärme.
+
+Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
+unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
+besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
+Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
+diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
+wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir
+sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
+Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon
+auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche
+vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.
+
+Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
+spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
+Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
+vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen
+Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
+Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als
+Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
+während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
+die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
+Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen
+Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
+Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
+aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher
+runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
+Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige
+Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum
+Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus
+Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln,
+bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren
+Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
+besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
+Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
+es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
+nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
+gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
+den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe,
+keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
+Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
+eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen
+wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
+Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht;
+Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
+Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
+Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden,
+kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
+konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen,
+ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher
+besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem
+grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
+nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.
+
+An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen
+grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
+viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
+ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher
+hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind.
+Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen
+und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört.
+Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten
+von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche
+Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber
+fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
+Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
+erfolglos.
+
+Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
+mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen
+Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
+stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen
+Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige
+obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
+zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
+längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der
+ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
+Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos
+Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
+Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.
+
+
+
+
+Nach Axum über Hausen und Adua.
+
+
+In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
+eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
+sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition,
+die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
+gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
+Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen
+war, nach Axum zu gehen.
+
+Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
+Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
+obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
+den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den
+Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können,
+aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
+von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
+zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen
+wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch,
+dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges
+gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
+Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
+Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
+Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef
+verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für
+die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
+mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.
+
+In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
+dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
+Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
+ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
+Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm
+entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
+ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
+englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
+Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen
+wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
+Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.
+
+Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um
+3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
+Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der
+uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
+eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
+bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist
+äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser
+der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
+gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege
+entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
+Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben,
+Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten
+Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
+des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
+schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer
+wurden diese Qualen.
+
+Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den
+District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
+von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
+Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
+Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten
+dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
+gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
+selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
+auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
+eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge
+Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
+Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch
+die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
+Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
+Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger
+Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen,
+bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen.
+Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein
+gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
+gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
+Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
+betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
+Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut
+sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von
+Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen
+und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
+nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts
+von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet,
+die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
+überdeckt sind.
+
+In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
+konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
+Europa.
+
+Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
+Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
+Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese
+zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
+die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name
+andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
+Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
+berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
+war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
+einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
+Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen
+ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich
+kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
+noch heute Troglodyten sein.
+
+Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
+entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
+Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den
+Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
+passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
+zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
+unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.
+
+Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte
+entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
+unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
+auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
+Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
+Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
+versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
+herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
+Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
+Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
+Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
+finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so
+unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück,
+an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
+früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es
+ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens
+dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
+Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
+sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus
+gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.
+
+Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen
+Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
+ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
+bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte
+sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
+kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
+weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
+Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
+Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
+wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
+diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
+das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen
+wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
+schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
+setzen.
+
+Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
+durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne
+auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
+von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen
+der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
+Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
+wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
+durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
+Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
+über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die
+Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten
+Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
+Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am
+Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir
+noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
+Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
+erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein
+Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
+war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück.
+Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte
+aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
+verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück
+geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
+für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste
+als Viehfutter dienen.
+
+Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber
+wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
+wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
+N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten,
+Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
+halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die
+Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
+Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
+Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
+Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
+des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben,
+hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
+nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
+wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf
+einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs
+zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort
+Gedera.
+
+Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
+von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
+Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
+umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn
+vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
+Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.
+
+Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
+Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
+vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz
+unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet.
+Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
+auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
+Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
+allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
+Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
+versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
+tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber
+selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden
+und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
+Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
+nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
+schätze.
+
+Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
+und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend
+nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur
+Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen
+Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte
+Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
+neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
+ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im
+Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
+sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern
+sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
+befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die
+Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier
+bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
+Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen
+Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
+mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
+dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge
+anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
+Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die
+Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
+zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
+Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
+hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein
+gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der
+Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
+aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen
+konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
+und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren
+Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
+dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
+einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
+besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
+Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
+überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
+einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
+sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
+was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte,
+wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
+Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche
+uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
+Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
+verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
+wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
+gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste.
+
+Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten
+ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr.
+Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
+Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
+hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir
+höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000
+Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
+zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
+Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
+seine Meinung von Abessinien ist.
+
+Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
+versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
+Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf
+anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
+Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter
+Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
+Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
+Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
+Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch
+ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
+grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
+den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
+kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
+bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um
+seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
+ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
+Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
+Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen,
+sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
+gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt
+zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
+Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
+Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
+Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
+brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell
+hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
+dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
+hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so
+entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
+brachte.
+
+Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte
+Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin
+Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
+unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
+bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei
+oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
+Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und
+Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
+Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann
+später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
+Pantalem genannt.
+
+Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
+obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es
+liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer
+durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares
+erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15]
+gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
+hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus
+zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
+auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich
+finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
+seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und
+Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden
+sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
+gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
+thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
+Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude
+ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
+Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu
+haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen,
+sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass
+hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
+Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
+selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
+jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
+das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser
+als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder
+Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
+keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne
+Bedeutung ausgenommen.
+
+Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
+übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben
+zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären,
+so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
+dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
+wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus
+einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
+findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem
+ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
+Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao"
+führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster
+Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre.
+Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
+scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
+Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte
+Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
+Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
+dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
+Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen
+nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
+hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia
+angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
+erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.
+
+Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb,
+um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
+griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
+vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König
+Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
+christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
+Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.
+
+Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
+den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da
+wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
+Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
+es ist ein Gebäude der Neuzeit.
+
+Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
+von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
+sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus
+sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
+und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.
+
+Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
+rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
+nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
+Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche
+Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
+Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den
+Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem
+Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
+Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir
+daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
+Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es
+ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
+hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
+vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns
+ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
+abziehen.
+
+Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
+westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
+die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
+welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren
+linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns
+in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
+Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
+meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte
+mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre.
+Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
+zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde
+Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
+Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
+Gemüsebau nichts zu sehen.
+
+Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
+verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
+Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
+mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
+an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
+Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
+Provinz zurückkehren möge.
+
+Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
+Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg
+zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.
+
+Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
+war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
+denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
+Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
+Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
+Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster
+Abessiniens, liegt.
+
+Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
+Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
+halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg
+aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
+wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
+abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
+besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre
+Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
+treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig,
+Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
+so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
+Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns
+Aufgang zu verschaffen.
+
+Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
+um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
+herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
+schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.
+
+Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
+die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
+Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
+fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
+einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf
+Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
+und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen
+sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.
+
+
+
+
+Damiette.
+
+
+Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
+sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
+wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
+gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
+grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
+anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
+haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist
+jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
+wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
+sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.
+
+Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten
+und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
+so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
+Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
+die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
+mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
+mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
+fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale
+Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch
+Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.
+
+Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den
+Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich
+hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da
+aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
+und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
+reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit
+eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie
+fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
+und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
+Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
+Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
+welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
+Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That,
+es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.
+
+Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
+Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof
+des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
+einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe
+Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
+Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach
+einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
+nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
+des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
+Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
+Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
+befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
+Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
+schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
+davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
+bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die
+Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
+einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum
+Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul
+selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten
+Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
+ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
+verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
+die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen
+lässt.
+
+Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
+denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die
+Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
+Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
+langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich
+Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
+nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so
+bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël,
+also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
+nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
+benutzen, aber langsam ging es trotzdem.
+
+Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
+Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
+wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
+ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
+tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen
+sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
+Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
+lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
+Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern
+Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser
+herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
+nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen
+wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren
+Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
+Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
+geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
+trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
+Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
+beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
+nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene
+kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
+patrouilliren müssen.
+
+Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
+aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
+sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.
+
+Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
+ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
+wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
+in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener
+Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
+sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
+Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
+wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten
+wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
+hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
+Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der
+wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
+kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
+indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
+kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
+gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
+ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
+einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
+Smah[21] nennen, herausragen gesehen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
+Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
+des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
+Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
+dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
+übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
+am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
+höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
+Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu
+bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
+arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
+jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine
+leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
+konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
+Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
+an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
+es zur Stadt.
+
+Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
+ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
+Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich
+und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
+kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
+zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in
+einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
+europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten
+Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
+besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
+ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
+erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
+Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
+bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
+Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
+Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar
+ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
+kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man
+nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.
+
+Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
+aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
+verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
+und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet,
+mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön.
+Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber
+früher bedeutend grösser.
+
+In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann
+unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die
+Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt,
+12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
+des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
+Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
+Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige
+Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
+Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
+Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
+November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von
+Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
+Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer
+im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen
+Heeres sein.
+
+Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
+zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
+schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
+Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
+Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
+Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
+Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
+Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
+ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
+gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und
+Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
+dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder
+aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.
+
+Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
+und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
+entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück,
+welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
+Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
+Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
+Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.
+
+Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
+Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
+Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die
+christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist
+griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von
+eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
+wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind
+augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
+Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde,
+und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen
+Schutz.
+
+"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
+reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch
+einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
+entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
+Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
+Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
+hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
+mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich
+auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
+"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
+zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte
+der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
+machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
+spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere
+Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
+fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen
+Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette
+repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
+spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
+spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
+abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine
+Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
+Herrn Consuls zu empfehlen.
+
+Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir
+nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die
+Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's;
+sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
+als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
+correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde,
+sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu
+repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
+irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste
+Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu
+Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
+genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
+doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
+empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
+Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
+aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin
+Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform
+und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
+die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
+eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
+um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
+Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
+das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
+norddeutschen und spanischen Salon.
+
+Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
+welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
+geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das
+Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
+lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen
+heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
+Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die
+Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte
+für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er
+officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen
+übereinstimmen".
+
+Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
+die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul
+Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
+auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles
+den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge
+ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
+Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von
+dieser Familie repräsentirt wird.
+
+Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
+Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre
+Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und
+noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
+Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
+nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt
+worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke.
+Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
+vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel,
+denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
+und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
+kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
+fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz
+roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
+von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus
+dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
+(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
+Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
+Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
+und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
+Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt,
+die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
+entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der
+mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
+zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
+Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.
+
+Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht
+neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
+haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
+niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die
+Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
+Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
+denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
+haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.
+
+Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
+katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird,
+dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
+Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden,
+nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude,
+welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
+steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind.
+Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
+liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
+italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit
+Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend,
+unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
+hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien
+sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege
+Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders
+schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
+el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen.
+
+Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude,
+mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier
+die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
+fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis
+hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
+damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei
+und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
+Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In
+neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da
+Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
+wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
+gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige
+Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
+Meilen nilaufwärts liegt.
+
+Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
+regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
+nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
+lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
+Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
+welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
+ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
+ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.
+
+
+
+
+Malta.
+
+
+Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
+Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird,
+tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im
+Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
+wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am
+interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
+arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
+Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
+am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich
+fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie
+die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer
+Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
+glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
+die Laute ohrgerecht machten.
+
+Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir
+schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren
+kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
+Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage,
+Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem
+Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.
+
+Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta,
+welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
+Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später
+sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
+Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren
+Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
+Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
+bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft.
+Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche
+dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
+mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
+Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
+Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte.
+Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
+Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
+den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
+Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
+Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
+Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
+Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
+dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
+Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
+letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
+Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren
+Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.
+
+Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul
+des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche
+Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
+heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der
+Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
+indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.
+
+Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
+Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
+Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben
+aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
+Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
+Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und
+sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich
+befinden.
+
+Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische
+Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
+Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
+von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St.
+Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier
+und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten
+Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
+Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht
+Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
+hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
+die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
+eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
+auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
+sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher
+Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
+Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.
+
+So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil
+scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
+Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der
+Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft
+durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten
+der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
+alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's
+angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
+verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen
+Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
+so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
+haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
+finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
+smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
+früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu
+wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer
+erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
+getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
+Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
+einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
+alle viel zu wünschen übrig.
+
+Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns
+der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
+ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei
+den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom
+Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
+heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
+der grosse Ort Rabatto.
+
+An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
+dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
+Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess
+die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere
+Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für
+die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
+der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
+wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
+gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
+ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
+genossen.
+
+Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei
+Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
+Malta scheitern zu lassen.
+
+Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
+fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
+gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste
+Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein
+heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_.
+Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute
+hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu
+einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch
+weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
+gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
+allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die
+Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere
+Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch,
+respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen
+Heidenapostel.
+
+Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des
+Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
+duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
+Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
+vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
+Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt
+es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
+und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie
+fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
+Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen.
+Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung
+zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
+so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den
+Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im
+Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
+Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
+Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um
+aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
+derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die
+"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr.
+Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
+fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat
+sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei
+den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
+brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
+mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
+Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich
+gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge
+der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.
+
+Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
+selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
+am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
+berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen
+Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
+dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten
+Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern
+getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
+man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und
+Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
+Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
+ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
+Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
+hineinlegend fuhren wir ab.
+
+Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
+interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
+unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
+sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
+ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in
+Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
+froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
+obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach
+unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute
+Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
+Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
+die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst
+hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
+über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
+Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden,
+mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem
+nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
+ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
+die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten
+bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
+
+Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
+sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für
+alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
+bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen
+Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
+kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta
+lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
+schlecht wie möglich zu machen.
+
+Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
+wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt.
+Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
+Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
+berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
+Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass
+Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
+ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
+zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
+gezeigt wird.
+
+Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
+Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
+vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein
+scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
+bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren
+konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes
+Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
+
+Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
+da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
+unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige
+Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan
+hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle
+ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
+Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
+geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum
+erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen,
+da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen,
+und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
+mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den
+Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
+bewohnt war.
+
+Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
+Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief
+und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
+einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und
+das Gestein ist wie immer Kalk.
+
+Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
+den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
+Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder
+Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
+diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
+Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf
+vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
+zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände,
+auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
+sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die
+Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.
+
+An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
+Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen
+Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
+Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide
+diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.
+
+Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
+wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich
+sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während
+unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
+hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication
+abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen
+können.
+
+Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten
+Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
+kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
+prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
+dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse
+Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
+die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.
+
+In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
+ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
+war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
+machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
+dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
+Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem
+Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar
+ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
+benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
+weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
+Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
+Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
+einquartirt.
+
+Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für
+einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
+konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
+bis zum andern Morgen aushalten.
+
+Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste
+Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und
+in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern
+aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
+Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
+zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
+Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
+inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere
+spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
+Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
+eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
+Thurmes der Riesen gegeben.
+
+Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der
+Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
+ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
+Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
+jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
+dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
+nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
+Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch
+unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast
+eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
+wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
+Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.
+
+Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
+welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
+liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die
+Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
+über.
+
+Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen
+Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an
+dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
+feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
+ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.
+
+
+
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.
+
+
+Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
+Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer
+weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
+Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
+bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe
+Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
+Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat,
+fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen
+berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
+soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
+oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
+Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10
+geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
+dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
+von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere
+Besprechung zu verdienen.
+
+Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende
+Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief
+eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
+hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des
+Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
+treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher
+ins Auge zu fassen.
+
+Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
+finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen
+Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an
+der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
+genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
+beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15
+deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
+104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden
+ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter
+fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
+einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
+Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei
+Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin
+zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
+gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
+sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
+Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
+dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene
+Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
+Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
+Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der
+Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
+Barth.
+
+Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die
+ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
+dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
+31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
+Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
+Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der
+zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der
+glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
+Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
+mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
+angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
+Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen
+ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte
+der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
+wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
+hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
+Meter ergeben würde.
+
+Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf
+Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser
+entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt
+existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
+die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer
+absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt
+man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
+welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und
+nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte
+dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
+Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben
+geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich
+dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
+werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die
+Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
+giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele
+eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
+tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.
+
+Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau
+heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter
+absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
+Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
+zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
+von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
+manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele
+darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
+unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
+liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
+existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar
+die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
+Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die
+Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der
+libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
+kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in
+Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten
+gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
+Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.
+
+Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
+bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
+rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit
+See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
+die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.
+
+Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich
+überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
+welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
+silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese
+bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der
+eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch
+gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange
+Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen
+Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
+und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase,
+reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
+überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen
+geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe
+aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von
+künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte
+Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
+und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon
+birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.
+
+In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
+Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
+zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
+verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50
+Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf
+das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier
+kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
+Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
+heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten
+durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
+weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
+Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
+gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen,
+geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo
+südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
+wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
+eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
+den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
+keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
+geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass
+in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga
+bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass
+übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
+standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
+tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
+aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
+niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
+dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen,
+Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
+den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
+und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die
+Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
+schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen
+haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
+sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
+nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
+solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
+Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
+Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
+während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine
+Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.
+
+Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
+Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
+und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
+ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können
+aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
+feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
+verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach
+Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
+erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
+verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass
+hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode
+muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man
+versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den
+Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und
+Tamarisken.
+
+Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
+man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den
+Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
+andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
+aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass
+Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
+grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
+fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher
+denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder
+vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den
+fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen.
+Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
+Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um
+dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun
+eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte,
+einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.
+
+Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte,
+welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung
+trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus
+geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
+schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches
+die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen
+können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein,
+Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
+fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor
+der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden
+geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen
+Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
+grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
+könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
+um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
+würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden
+Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen
+und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
+auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
+unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
+sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
+Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
+Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
+(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser,
+und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
+der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei
+niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+
+[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
+sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
+Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.
+
+[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
+zu lesen war mir unmöglich.
+
+[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener
+Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000
+Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den
+Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern
+El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen
+sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
+Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.
+
+[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner
+Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile:
+Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-ṅgimsegeni_, Oststadt
+= _Kuka-gérgedi_.
+
+[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
+besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen,
+Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte
+Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_
+als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser
+"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste
+sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
+darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine
+Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren.
+
+[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen
+Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
+können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel
+des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut
+arabisch sprach.
+
+[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
+Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von
+einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
+in Lokódza ist, übersetzt wurden.
+
+[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
+Sprache übergegangen.
+
+[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
+der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
+trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg
+ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich
+nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
+von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
+mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.
+
+[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von
+Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
+Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die
+Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
+zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
+hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir
+Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der
+Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
+also höher stehend als Kassai von Tigre.
+
+[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch.
+
+[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.
+
+[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint.
+
+[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares
+selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.
+
+[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.
+
+[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus
+geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in
+Abessinien eingeführt sein.
+
+[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
+andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er
+führt an:
+
+ "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler."
+
+ferner:
+
+ "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei
+ sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle."
+
+[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
+seiner "Reise nach Abessinien etc."
+
+[19] Nach v. Heuglin Trachyt.
+
+[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen
+gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.
+
+[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
+selten.
+
+[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt.
+
+[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
+aussprechen.
+
+[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction
+heisst Mnaidra.
+
+[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.
+
+
+
+
+Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig.
+
+In unserem Verlage ist _erschienen_:
+
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der
+Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste
+über Rhadames nach Tripoli.
+
+Mit einer Karte von Nord-Afrika
+
+von
+
+#Dr. A. Petermann.#
+
+Zweite Auflage.
+
+Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Ferner erschien:
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen
+Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier#
+und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#.
+
+Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Bremen.
+
+#J. Kühtmann's Buchhandlung.#
+
+ * * * * *
+
+Druck v. Hirschfeld, Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus
+den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
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@@ -0,0 +1,5981 @@
+The Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den
+Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
+
+Author: Gerhard Rohlfs
+
+Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
+
+
+
+
+Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online
+Distributed Proofreading Team. This file was produced from images
+generously made available by the Bibliotheque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
+
+
+
+
+
+LAND UND VOLK IN AFRIKA
+
+BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.
+
+VON
+
+GERHARD ROHLFS
+
+
+
+BREMEN, 1870.
+VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
+U.L. FR. KIRCHHOF 4.
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens
+
+Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+Am Bénue
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+Nach Axum über Hausen und Adua
+
+Damiette
+
+Malta
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika
+
+
+
+
+Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.
+
+
+Mursuk in Fessan im Januar 1866.
+
+Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt
+hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
+Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte
+Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
+würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr,
+viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
+der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben
+Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
+Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
+Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
+Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès
+an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
+
+Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
+gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
+ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
+nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem
+vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler
+und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über
+den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie
+eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so
+anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
+nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
+jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
+Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
+frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
+kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen
+desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
+
+Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand
+meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in
+Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine
+Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
+Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt
+haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
+Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
+Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
+
+Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
+zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
+Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält
+folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
+Si Lalla's bewährt hat:
+
+"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
+sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt
+haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
+Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind
+_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
+mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
+Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
+dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur
+im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran
+ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
+geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie
+innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
+Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
+von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
+gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
+vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält
+einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so
+geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
+hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen
+verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien
+heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes
+Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
+civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom
+Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
+als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
+immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
+Platz machen müssen etc."
+
+Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute
+meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
+nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
+sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und
+notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
+seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das
+Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
+Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
+Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der
+Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere
+gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
+der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
+
+Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich
+will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
+Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
+nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern
+Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich
+französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens,
+namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber
+zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker,
+wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
+gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit
+undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
+weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
+ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in
+Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
+einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
+beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
+Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
+unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
+sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern,
+bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt;
+überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker
+unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
+Türken Eine Religion.
+
+Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und
+sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne
+zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen
+Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
+Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
+Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
+ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der
+Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es
+bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
+verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die
+Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu
+verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
+wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie
+sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
+anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
+schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so
+ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im
+Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
+der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
+und in der Priesterschaft.
+
+In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von
+aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
+Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
+gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
+Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
+christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
+Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B.
+Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen,
+haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
+Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
+
+Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für
+die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist;
+diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu
+vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche
+Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist.
+Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der
+Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
+Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die
+Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
+Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
+christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--
+
+
+
+
+Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.
+
+
+#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#
+
+Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
+näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
+(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an
+Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
+Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
+diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
+Persien vorzugsweise.
+
+Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
+
+"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
+wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
+eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
+demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
+giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
+auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
+vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
+arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
+machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
+eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
+ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
+Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch
+_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem
+eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
+
+Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
+die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
+gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden
+vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man
+z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des
+Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von
+manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
+Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle
+Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
+Süden exportirt.
+
+Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
+sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und
+rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
+Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
+so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
+Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man
+pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
+Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art
+Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
+unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.
+
+Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt
+dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche
+Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem
+sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
+Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
+Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
+dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
+Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen
+kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
+
+
+
+
+Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.
+
+#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#
+
+
+Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
+Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
+nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste
+etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
+Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
+
+Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
+Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
+Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
+Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
+
+Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
+indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
+schwarzen Kaffee ohne Zucker.
+
+7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
+mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und
+befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
+Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
+
+7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
+Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
+scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
+Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
+ich, womit ich angefangen.
+
+7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls
+zählen unmöglich.
+
+Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
+zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
+den Händen fühle, dass ich liege.
+
+Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
+Zeilen Stunden zubringe.
+
+8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
+Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
+vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
+ich will ausgehen.
+
+8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
+verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch;
+ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
+petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und
+setzte mich vor mein Haus.
+
+_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön
+tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich
+und sehe, dass Alles erlogen ist.
+
+Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_?
+
+Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
+grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
+ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
+nicht gelähmt.
+
+Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin
+ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft
+schweben.
+
+
+#26. Januar Morgens.#
+
+Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu
+schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
+Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
+Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
+Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich
+denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe,
+überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
+Tekrurizustande mich befände.
+
+Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
+
+1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
+
+2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
+eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche
+Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
+
+3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
+
+4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
+
+5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
+vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
+
+6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
+
+7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
+dieser Zustand immer dauern möge.
+
+8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als
+das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
+
+Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch
+nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
+
+
+
+
+Von Lagos nach Liverpool
+
+
+Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
+den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
+Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
+Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen,
+welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe
+noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
+untergegangen.
+
+Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
+Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója
+aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
+unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von
+Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
+auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der
+während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger
+herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
+Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen
+Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre
+Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
+als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten
+wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
+lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
+Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
+dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man
+öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
+auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt
+Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
+
+Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
+jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
+Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
+Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
+wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
+die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen
+die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
+Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde
+vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur
+vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
+schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere
+Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
+transportirt werden können.
+
+Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten
+schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen
+Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und
+hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum
+eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
+herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
+ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt.
+Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
+baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
+gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
+dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
+mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich
+hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer
+und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
+Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben
+Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
+und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte
+Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
+Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der
+Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
+Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
+Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
+mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
+angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und
+Treiben am Ufer hervorrief.
+
+Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
+liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am
+Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die
+Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
+Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger
+Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
+zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
+gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10
+Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
+Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
+Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
+allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
+westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
+in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
+Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem
+grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser
+ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
+unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
+etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen
+Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln
+zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe
+Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere
+Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
+Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und
+Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese
+Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also
+schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
+Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
+hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die
+Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
+bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
+langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die
+Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
+wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel
+des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde.
+Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
+selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so
+dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern
+bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
+Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
+Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
+verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde
+unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o
+Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so
+wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
+nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern
+zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt,
+um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl
+gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder
+abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen
+für viere; endlich indess waren Alle satt.
+
+Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
+bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils
+benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
+Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus
+einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten
+ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
+gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos
+gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit
+diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
+erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
+regina) gestickt war.
+
+Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
+folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
+einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf
+jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
+Sprache wird.
+
+Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich
+auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
+welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug.
+Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
+Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so
+lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und
+Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
+folgenden Morgen der Fall sein.
+
+Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
+gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
+starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen.
+Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
+wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten
+sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in
+der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
+Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
+folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
+obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
+tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei
+eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
+dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
+ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
+schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte
+war.
+
+Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
+von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
+durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich
+schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
+überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
+deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
+Zeuge ist.
+
+Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
+erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
+sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von
+allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
+Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
+noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
+und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine
+Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
+und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
+übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
+
+Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
+sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
+Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen
+oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
+Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
+unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich
+neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
+zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an
+salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven
+gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
+davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
+sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
+oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu
+ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
+tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme
+aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
+die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
+Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser
+füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
+
+Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen
+Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
+electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
+taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
+gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die
+Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
+wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand.
+Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen,
+aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
+unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis
+Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden
+seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer
+Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich
+zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
+abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des
+Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
+um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
+freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
+hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
+einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
+die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
+sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
+Sonne.
+
+Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
+Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
+belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
+gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer
+grossen Menge von Canoes.
+
+Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
+ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den
+Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer
+seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
+Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur
+mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung
+begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
+Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
+europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus,
+als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
+der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen
+Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
+einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
+Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien.
+Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
+sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
+unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
+
+Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer
+verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
+würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
+hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
+hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes
+Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
+mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
+Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
+seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
+Aufenthalt angenehm zu machen.
+
+Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
+Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann
+der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und
+jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
+O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
+war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
+über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
+Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
+Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon
+betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
+gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
+dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
+erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
+waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
+er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn
+Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich
+andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
+Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
+schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
+an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
+
+Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
+und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
+aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
+
+Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine
+Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt
+gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
+Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
+vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
+den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und
+Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
+es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor
+der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie
+durch's hohe Hofthor einzogen.
+
+Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
+Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet
+wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
+gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
+sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
+
+_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon
+erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
+englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
+Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten
+Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die
+zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen
+aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
+Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
+Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
+Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
+haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
+grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
+Stadt fast ganz unbekannt.
+
+Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
+westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
+Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme
+genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas
+die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
+ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation
+durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben.
+Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
+mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
+übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien
+verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte
+Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
+Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
+sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
+Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
+Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind
+sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt
+eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
+
+Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
+hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon
+mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
+methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
+dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
+auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
+Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg
+zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
+besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf
+europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
+es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen
+wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die
+schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
+spielte, begleitet, sangen.
+
+Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
+in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
+Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
+Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
+verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu
+werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
+Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
+Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
+und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
+Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
+schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
+als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
+leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
+Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere
+Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
+gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
+Bénue-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
+Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
+gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche
+Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während
+meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
+Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
+
+Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
+Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements
+der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
+erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos,
+die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein
+Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch
+bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
+Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
+westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
+letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
+
+Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das
+theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum
+Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh
+nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
+Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was
+Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
+zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist
+indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für
+Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
+diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
+möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
+liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
+ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede,
+aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
+eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren
+können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
+die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden,
+ihren Tribut zahlen zu lassen.
+
+Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
+schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
+Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
+andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
+Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom
+indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika
+gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth
+derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
+Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
+Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
+der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3]
+von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
+kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
+Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von
+Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
+
+Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
+Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
+Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
+Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie
+O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie
+haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
+grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
+einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
+Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
+hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst
+einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
+
+Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die
+wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
+verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
+Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
+glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe
+einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
+die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr
+schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
+bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas
+bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten
+Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso
+unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie,
+weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
+noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde
+zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
+Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
+James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein
+bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James,
+ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der
+den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
+Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
+liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die
+schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
+Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
+Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren
+hundert bringen.
+
+Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
+allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
+grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen
+Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That,
+wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
+Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von
+Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
+Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
+Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und
+jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
+Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
+Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch
+gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
+Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
+
+Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
+Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
+heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
+Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
+hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
+Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See
+begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
+hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
+Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
+
+Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
+dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
+nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
+hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
+denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und
+Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
+Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
+Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
+zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
+Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet:
+es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
+Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue
+Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
+Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
+en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
+eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
+seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
+
+Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir
+dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die
+Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter
+begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
+hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
+der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas
+getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
+noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
+dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
+selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
+Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
+sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
+nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche
+Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
+Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur
+eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
+durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun,
+längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
+
+Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis
+jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte
+deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
+auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die
+Betten nichts zu wünschen übrig.
+
+Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
+Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
+aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand
+ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
+Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
+Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
+die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter
+den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
+auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
+
+Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
+englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
+Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
+12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus
+kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr
+Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
+versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch
+der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
+keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
+keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
+konnte.
+
+Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern
+waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
+lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun,
+nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren
+wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind
+offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
+an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter
+vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
+auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
+Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
+ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
+sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
+Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
+Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
+ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
+
+Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
+Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und
+nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
+Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
+Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern
+gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
+indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war,
+von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
+
+Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
+umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den
+Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
+Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
+von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
+Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos,
+Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien,
+Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen,
+Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
+gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
+zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in
+Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster
+Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
+Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld
+das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z.
+B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
+ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten
+Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun,
+der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge
+auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die
+kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier
+indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein
+Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
+waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
+den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und
+Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier
+vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge,
+fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth,
+ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich
+vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit
+der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung
+verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
+Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
+gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
+geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der
+Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was
+leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
+vernachlässigen.
+
+Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach
+Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
+Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs
+Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
+sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da
+er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde
+eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
+komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
+lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
+französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
+zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch
+und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
+nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
+allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz
+fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war,
+unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
+auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
+erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
+
+Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
+vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
+fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
+flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
+
+Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
+dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg
+dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die
+vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen
+gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf
+hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um
+so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen
+hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
+und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
+Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor
+Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
+
+Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker
+aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme
+umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit
+über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
+handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
+auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere
+Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
+Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld
+eröffnet hat.
+
+Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von
+der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss
+getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der
+rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
+Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
+den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
+weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross
+sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
+das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
+entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
+an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
+unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
+zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst
+bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
+dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch,
+dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl
+die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern
+gewöhnliche Volkslieder.
+
+Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist
+jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg
+wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen.
+Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu
+erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind
+der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle
+Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
+finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
+
+Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
+Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
+fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
+vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
+
+Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
+steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
+Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch
+nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
+einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
+bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
+besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
+schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
+künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
+ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
+vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt
+haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
+hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
+Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
+theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
+Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die
+Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
+bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
+zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen
+mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
+Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
+
+Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
+Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
+einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
+zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen
+sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die
+grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem
+grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
+als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten
+Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne
+brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
+Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu
+uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir
+in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich
+bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit
+meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
+Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit,
+weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien
+recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti
+König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
+Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
+sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann
+auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort
+Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
+Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir
+hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe,
+er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach
+Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so
+ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern
+ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
+
+Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste
+haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
+gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
+Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war.
+Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
+Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft
+anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
+gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
+an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können,
+lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
+Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
+abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
+grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
+Führung des Dampfers.
+
+Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den
+ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess;
+zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck,
+denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren
+Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
+endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
+amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der
+christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
+anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
+
+Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur
+Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
+Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
+Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
+hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste
+vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
+indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein
+mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel,
+die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt
+die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie
+ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
+und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
+ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in
+Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
+vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
+treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
+leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels
+ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im
+Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese
+interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in
+Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
+Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere
+Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
+nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in
+unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie
+aufzunehmen.
+
+Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen
+ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
+Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
+sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
+meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre
+im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch
+mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
+
+Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne
+Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu
+einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
+Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
+unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen
+Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
+gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
+lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
+Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich
+unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
+
+Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
+schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir
+eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
+
+Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
+auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
+emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in
+administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung
+selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
+hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
+Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet
+sein könnte, wird immer noch vom government of the United States
+ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia
+vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu
+verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der
+Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche
+Religion angenommen.
+
+Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt
+selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
+Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt
+Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse
+Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit,
+und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
+Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
+Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
+hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern
+gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000
+Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
+
+Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
+Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
+ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
+Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
+Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir
+selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
+jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel
+zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
+Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose
+Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord
+vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
+Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer
+unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
+
+Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von
+tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
+die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
+konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
+des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
+indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die
+unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste
+von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel
+wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch
+Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre
+Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
+Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der
+bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft
+Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste
+von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche
+geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
+schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
+Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
+vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
+
+Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner
+Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
+Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
+prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem
+Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
+vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
+
+Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr
+Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
+Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen,
+grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des
+Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige
+Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
+dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
+schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies
+imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
+der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im
+Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
+hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
+Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
+schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
+wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses
+gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
+an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
+die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
+etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
+
+Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
+und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
+Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns
+war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
+weniger vom Gesammtbilde verloren.
+
+Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
+näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
+für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer
+Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
+statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
+profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen
+zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
+überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem
+ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
+
+Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
+obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
+durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
+Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
+gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven
+herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und
+Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man
+sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
+Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
+Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
+Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
+als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt
+hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
+Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und
+wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am
+meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die
+Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
+legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
+noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
+als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
+evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
+Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
+desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen
+fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
+Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt.
+Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich
+auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
+haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
+Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig
+machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die
+Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
+weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer
+gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
+der ersteren sein dürfte.
+
+Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
+angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben
+thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen
+bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
+böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da
+Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
+und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind
+meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
+man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
+früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
+Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
+durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
+Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
+mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
+alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder
+doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die
+Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
+Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
+dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
+schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb
+die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
+werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das
+schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen
+mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
+In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon
+weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
+Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
+es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
+ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
+Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie
+Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
+junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich
+vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend,
+ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
+Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
+selbst Verse improvisirend.
+
+Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der
+verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir,
+dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa
+200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
+Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
+jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
+an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
+climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
+schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
+bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
+mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
+Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
+wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
+von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
+zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
+Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
+Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
+
+Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
+und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
+wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
+Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
+heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
+dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
+machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
+ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich
+fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
+hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
+dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
+indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
+geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
+sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
+natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
+war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
+von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60
+Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die
+Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über
+mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
+hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen,
+die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
+nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch
+eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut
+umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht
+beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
+die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte
+keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
+und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
+Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
+Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
+Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
+hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
+
+Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu
+erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
+der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
+6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
+sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des
+Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
+fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und
+französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
+namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
+Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist
+Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
+anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der
+Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder
+Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
+frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
+etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
+ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt
+und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
+in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
+
+Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
+anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
+Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
+Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
+selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei
+Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den
+Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
+aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig
+ausgekehrt hatte.
+
+Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
+einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes
+Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu
+besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
+Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf
+Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
+doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
+erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
+bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle
+hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend
+hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
+zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg
+bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
+Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
+Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
+Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
+zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
+Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
+Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
+Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine
+und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
+mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
+vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
+nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu
+nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet
+ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
+Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
+später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
+sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
+wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu
+verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt,
+ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und
+schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
+bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht
+ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
+Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
+
+Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
+denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir
+hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der
+hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
+so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
+Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
+wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
+junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
+um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
+ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war.
+Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
+See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so
+geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
+Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
+kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für
+die herrliche Insel.
+
+Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
+angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
+erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
+uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig
+grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen
+wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
+landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
+von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem
+eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
+von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
+der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war
+und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer
+kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
+Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind,
+obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
+billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu
+heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
+war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
+augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
+Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
+bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
+
+Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
+Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
+Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach
+einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
+durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
+Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
+ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage
+abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
+Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es
+traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in
+Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten
+Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
+Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der
+Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
+
+Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur
+noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
+gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
+vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
+Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
+gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
+schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich
+anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath
+von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
+und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die
+eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
+Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
+später in den Docks in Liverpool bei.
+
+
+
+
+Die Stadt Kuka in Bornu
+
+
+ _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
+ Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk
+ der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
+ Sclavenhandel._
+
+
+_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und
+gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl.
+Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
+des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
+Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
+hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
+aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
+unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz
+machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
+hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum)
+Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der
+Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
+anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
+ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
+selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
+welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern
+"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte,
+"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
+Tiefe.
+
+Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre
+1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
+eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
+Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
+be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
+gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem
+durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die
+Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die
+beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
+bilden, beinahe von Osten nach Westen.
+
+An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren
+Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
+Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt,
+residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen
+hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
+bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge
+kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven.
+Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
+Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
+der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
+Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
+Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete,
+nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
+bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
+Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
+Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln.
+Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser
+Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
+andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können,
+und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
+Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher
+hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
+sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
+auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
+indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf
+einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
+nssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und
+Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
+
+In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
+giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar
+in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der
+Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
+afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
+haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
+_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei
+oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
+zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
+_Fato_, Wohnung, haben.
+
+_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
+Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten
+vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
+die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt,
+endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig
+sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber
+ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
+_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am
+Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
+vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
+_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
+repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten
+haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
+denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
+Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
+häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
+Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die
+Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine
+Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes,
+sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
+die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
+Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
+südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
+ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
+welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das
+Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
+und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
+
+Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
+europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
+eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess
+kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
+den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
+Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren
+ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
+Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
+sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
+ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
+die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
+Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft,
+nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben,
+welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
+Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
+Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen
+in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben,
+Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen
+die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
+Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
+beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe
+oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
+Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
+Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
+länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
+
+Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
+Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer
+Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
+zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu
+ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
+ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
+Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
+
+Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
+und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe,
+welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der
+Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge,
+von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
+kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
+Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein
+Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
+der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
+Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
+Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare
+Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
+vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser
+Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
+mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes.
+Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
+und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
+selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss
+erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu,
+Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes
+Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
+Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so
+grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
+Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
+Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
+
+Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
+dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
+husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
+über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten
+versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und
+mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben,
+von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
+clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
+_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen,
+nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen
+überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
+erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
+den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
+die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess
+eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine
+Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
+haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins
+Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der
+Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche
+Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den
+Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes
+geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
+mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
+Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
+Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des
+Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert
+meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum
+Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
+verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel,
+Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung
+Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für
+die Sklaven.
+
+Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
+zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
+grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles
+zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück,
+oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
+Nichtsthun hinzugeben.
+
+Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
+fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
+_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
+der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
+wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
+dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr
+Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
+der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
+der Platz am Westthore der Oststadt.
+
+Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt
+hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten
+hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse
+lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig
+ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide,
+dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen
+kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_
+(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des
+_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden
+ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
+_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
+Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
+man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse
+Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
+Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und
+über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist
+das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige
+Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen
+fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
+_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
+mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
+Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
+theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
+muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen
+Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
+Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
+
+Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten:
+Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
+grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
+findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
+die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so
+viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen
+Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
+namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch
+nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
+Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden,
+denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches
+Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
+Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
+Borg abgenommen hatte.
+
+_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
+Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am
+grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
+Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es
+z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
+Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse
+Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
+den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
+die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges
+Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
+ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
+
+Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
+auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind
+alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
+zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
+gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man
+kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel
+hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt
+werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
+weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
+Austausch ein Ende macht.
+
+Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
+vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
+dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
+namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
+leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat
+ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans
+wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um
+Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
+Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
+Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
+es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
+
+Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
+bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der
+Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere
+Weg nach der Küste vermittelst des Bénue und Niger ist augenblicklich
+für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
+der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
+hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
+von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen
+Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
+durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
+hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.
+
+
+
+
+Am Bénue
+
+
+Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst
+von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage
+noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
+mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche
+diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
+war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein
+Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
+ich nicht erfahren.
+
+Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
+eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénue sind es hauptsächlich
+_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
+giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
+hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_,
+_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.
+
+Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die
+uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
+dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
+Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
+mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
+Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
+Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
+beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
+Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
+sah, dass die Nähe des Bénue hier schon einen mächtigen Einfluss auf
+die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die
+Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch
+überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der
+Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder
+Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
+Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
+80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
+Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann
+drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir
+selbst.
+
+Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
+hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches
+ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
+aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
+kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
+Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten,
+weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu
+Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen
+gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
+konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so
+dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
+ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse
+Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
+plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
+weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig
+helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
+Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
+als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
+unseren Füssen sich ausdehnte.
+
+Aber nein, es war kein See, _es war der Bénue_. Nach rechts und links
+dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah
+man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen
+Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
+ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
+werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden
+sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
+sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden,
+um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
+Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
+nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir
+uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
+Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und
+sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem
+Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser
+stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
+an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
+jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénue sehr breit war, und
+bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
+paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
+waren diese den Bénue _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
+schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
+halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
+gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine
+Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
+_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
+zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
+bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten
+Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
+nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder
+im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
+Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
+dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
+Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den
+Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100
+Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
+solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
+wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
+war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
+Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren.
+Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
+begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor
+der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
+Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
+hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
+stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
+hinüber geschaufelt.
+
+Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss,
+wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
+nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
+zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich
+vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
+Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
+irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
+dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht
+schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
+da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte,
+Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
+so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten,
+und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
+vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
+einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu
+verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett
+aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte,
+fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
+üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge
+Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
+glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine
+dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji,
+Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese
+Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--).
+Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
+antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
+einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
+ke l'áfia-le nda tége etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie
+befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
+
+Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu
+antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
+schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
+ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom
+Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
+entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
+Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station
+an der Mündung des Bénue in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
+von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens
+_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in
+Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde,
+den ich später zu erwidern hätte.
+
+Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
+Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der
+_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die
+ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag,
+überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer
+zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen
+jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die
+Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénue-Ufer, wurden
+aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass
+nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet
+werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
+scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von
+Fischen, die der Bénue ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
+liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
+hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
+unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell
+um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_,
+indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass
+einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
+_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie
+jene zu haben.
+
+Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten
+aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
+uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er
+besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde
+nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
+recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
+Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
+Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
+unterhalb am Bénue liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war
+keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
+forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
+4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse
+stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
+hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
+das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
+gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
+Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu
+verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
+Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
+bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
+den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
+
+Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er
+mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
+blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich
+in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
+selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
+machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
+wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in
+Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
+sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
+Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
+
+Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es
+war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die
+Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
+es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
+Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
+Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
+beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig,
+dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht
+wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt,
+dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
+aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers
+von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
+durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
+Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
+vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen
+tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénue, dessen früher staubige,
+dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
+im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
+wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
+nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
+sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen
+umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
+kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in
+Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
+treiben sich nun überall umher.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
+Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
+genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem
+Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende
+Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
+bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
+die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich
+erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
+beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
+hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
+Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
+vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
+
+Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B.
+in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall
+Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
+zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
+zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénue wird das Rauchen
+allgemein.
+
+An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche
+Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
+Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
+den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
+neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
+linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
+Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
+aus und standen überall an seichten Stellen im Bénue. Die Zeit wurde
+mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
+bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht
+zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
+_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmege_, einem Freunde des
+verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
+
+
+
+
+Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
+
+
+Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen
+Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
+gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
+haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
+eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
+beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
+despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator
+und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und
+Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
+Wohnsitze haben.
+
+Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
+Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im
+Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
+Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
+Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
+sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
+verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
+endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von
+den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
+
+Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
+zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
+auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst
+"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den
+Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
+müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling
+sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen
+männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
+Königin hat den Titel "derde-ádebi".
+
+Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
+so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
+damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer
+einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch
+für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
+"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den
+mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber
+genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen
+eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
+bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
+Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
+thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind
+viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
+der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
+zweite Person wissen zu lassen.
+
+So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
+complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker,
+der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der
+Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen,
+welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker
+nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung
+vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während
+z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
+einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
+derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in
+gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
+Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass
+die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden,
+zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört
+es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
+
+Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
+niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen
+Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
+verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu
+bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
+Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls
+nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
+zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
+
+Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat
+man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der
+mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
+befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
+hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
+blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
+
+Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst
+der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses
+ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
+Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
+das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande,
+wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese
+der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
+hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel
+"ardzino-ma" führt.
+
+Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen
+Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
+Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine
+Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und
+hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen
+und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie
+so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen
+Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur,
+dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und
+Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
+hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
+jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der
+Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer
+Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein
+Titel ist "mar-ma-kullo-be".
+
+Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
+betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
+weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
+Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man
+andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
+alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die
+homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath
+und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der
+königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen,
+dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
+Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des
+Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
+für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu
+besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
+Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
+Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen
+und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
+Mai seine Hände abspült.
+
+Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
+Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
+Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen
+ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
+Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
+corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit
+sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
+Titel "katsélla-blel", der Infanterieoberst heisst
+"kats élla-nbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die
+übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die
+Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
+
+Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte
+hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben
+diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
+in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von
+Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
+Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
+"billa-ma", und nach Barth auch "ts i-ma", während Koello letzteres
+Wort mit Abgabensammler übersetzt.
+
+Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber
+des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl.
+von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den
+grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person
+präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles
+Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
+wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine
+Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
+wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
+die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
+denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und
+auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht,
+Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
+nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen,
+und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
+
+Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
+Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche,
+welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
+1867 die Einrichtungen der Staaten Bauts i, Keffi-abd-es-Zenga und
+Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit
+der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
+nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
+Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.
+
+Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr
+oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
+den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
+jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als
+weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als
+solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der
+Gläubigen.
+
+Im Lande Bauts i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann
+nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bauts i) genannt,
+steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich
+unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen
+eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
+entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
+gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
+Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage
+offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und
+aburtheilt.
+
+Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die
+eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
+ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
+Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
+Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den
+übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt
+hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
+vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
+Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
+sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese
+selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
+Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
+Bauts i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang
+nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch
+Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke
+in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile
+Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge
+hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein
+Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder
+Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider,
+"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".
+
+Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
+Ministerium entspricht, versieht in Bauts i der "galadima", aber fast
+ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel
+"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls
+der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur
+vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle
+Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in
+Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
+ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
+Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst
+Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner
+das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs
+"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten,
+wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs
+zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs
+betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
+Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
+nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer
+ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig
+ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
+ist und "serki-n-ara" heisst.
+
+Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor,
+dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
+auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
+ist "serki-n-kurmi".
+
+Als Truppengattung finden wir in Bauts i nur Reiter und Infanterie,
+letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
+namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
+haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der
+Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
+Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der
+der Reiterei "serki-n-dauáki".
+
+Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich
+"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen
+heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher
+_nicht_ Pullovölker, und da diesen in Bauts i eine grosse Zahl von
+Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
+"sénnoa".
+
+Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische
+Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
+mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
+Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
+sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu"
+heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa",
+wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in
+Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der
+Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
+verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
+Sklaven bestehen.
+
+Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber
+des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
+natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der
+Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung
+hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
+"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die
+Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es
+nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge
+nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
+herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von
+Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer
+"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu
+finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der
+Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
+Namen "liman" hat.
+
+Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
+Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein
+vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den
+König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das
+Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird.
+Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und
+"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der
+Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
+der englischen Colonie Lokódza aus, sollten Missionäre dem jetzt
+eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische
+Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.
+
+
+
+
+Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.
+
+
+Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
+im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn
+man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende
+Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment
+vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do
+you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei,
+so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss
+und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen
+so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
+dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
+auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über
+die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden
+sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst
+zu besuchen Gelegenheit hatte.
+
+Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der
+Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
+Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist
+eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
+Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
+hin verbreitet.
+
+Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen
+angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und
+unabhängig vom Arabischen Einfluss da.
+
+Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
+Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und
+Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich
+vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich
+vom genannten Wasserbecken.
+
+Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet,
+vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
+begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
+machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
+haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna
+dunnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige
+_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr
+repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
+Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den
+Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
+und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete
+wiederholt dann _getta inna dunnia_, worauf der Andere _Lahin
+kénnaho_ antwortet.
+
+Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
+nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
+Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
+killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob
+Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
+die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte
+untermischend.
+
+Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte
+anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich
+auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
+nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
+niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen
+indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie
+immer eine knieende Stellung ein.
+
+Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem
+Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder,
+Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich
+zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
+sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.
+
+Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während
+der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch
+_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen.
+
+Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf
+gleiche Weise.
+
+Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara-
+und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
+Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
+Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner
+sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_
+gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.
+
+Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte
+_Lale, Lale, Lale_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand
+der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt
+aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt
+Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
+Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr
+bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem
+Zustande der Haut: _nda tége_, wie ist die Haut?, und schalten hin
+und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_
+ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte
+Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
+viel wie Friede bedeutet.
+
+Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess
+ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die
+Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die
+Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen
+_Lale, Lale_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig,
+oder _ngúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
+Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
+man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor
+dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
+wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten
+Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
+Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten
+Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche
+Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie
+mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht
+und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch
+selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua
+(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
+"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.
+
+Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
+unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich
+berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter
+einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen,
+erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
+zuerst grüsst.
+
+Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie
+herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _ndáni, adak ke
+l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia le_. Letztere Redensart ist sehr
+gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben
+sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart
+_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt
+werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie
+angewandte Wort _gode-ngin_ haben.
+
+Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse
+Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
+Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
+sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau
+begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange
+nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem
+Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung
+macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
+einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem
+auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht
+gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
+Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_.
+
+Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich
+specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?",
+"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_",
+"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich
+danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch
+ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf
+das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.
+
+Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie
+die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
+machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
+Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von
+den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die
+Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies
+Zurückschlagen.
+
+Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
+selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und
+grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte
+Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
+dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
+der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme
+bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Mele-Fulan, ist zum
+Theil, und namentlich die Mele-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
+übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem
+Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
+Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.
+
+"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es
+entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie
+ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad'
+Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
+bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische
+zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
+keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
+hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die
+der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne
+Umstände sich nähern konnte.
+
+Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes
+_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_;
+ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich
+nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
+Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.
+
+Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am
+Bénue ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
+Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben,
+wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
+bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_
+(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
+Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
+Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der
+Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
+eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
+der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern
+sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die
+sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie
+nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen
+von Hoch und Niedrig keine Rede.
+
+Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bénue
+besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
+sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden
+Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
+haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a,
+eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
+ihre Stimme hören können.
+
+Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen
+Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
+Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.
+
+Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
+Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
+vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl
+wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor
+einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus,
+worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie
+geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält
+dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
+man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim
+Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder
+_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht?
+
+Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die
+Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der
+Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse,
+welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
+vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich
+prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein
+Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.
+
+Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der
+fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
+Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten
+Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten,
+verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher,
+welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
+(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des
+Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
+sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.
+
+Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand
+begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder
+_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und
+blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor
+ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und
+legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
+auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender
+Stellung zu reden.
+
+Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
+Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
+gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
+geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
+begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her
+schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper
+in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die
+O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche
+Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
+Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
+Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_.
+
+Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
+Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als
+Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
+nach Europa herübergekommen sind.
+
+Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit
+_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_,
+ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst
+Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_,
+Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
+Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
+Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
+einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden,
+namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.
+
+Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und
+erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
+Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
+_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl.
+
+Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
+Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort?
+_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern,
+den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
+dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies
+bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das
+Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der
+Küste von Guinea der Fall ist.
+
+Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
+(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie
+_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im
+Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber
+richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
+Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
+Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren
+ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss.
+
+Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_
+zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus
+und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,
+wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der
+Stadt steht's gut.
+
+Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du
+her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise
+glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern
+das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,
+mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die
+Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.
+
+
+
+
+Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]
+
+
+Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
+Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
+mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten
+Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
+bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die
+Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
+Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
+Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
+oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen
+konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen
+Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein
+letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier
+einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war,
+ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden
+Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
+zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
+bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in
+alle Winde zerstreuen.
+
+Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
+Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
+oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
+verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder
+Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
+weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
+reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
+Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
+Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
+bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
+vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo
+zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
+nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer-
+und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
+dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
+Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
+da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert
+abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa
+Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es
+augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
+Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
+vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
+Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
+wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
+es früher war, Besitz der Galla.
+
+Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
+wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
+Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach
+Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege
+zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
+gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den
+Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die
+Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
+die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
+wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
+der Geographie nützlich zu sein.
+
+Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
+nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
+so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
+vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
+nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt,
+glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben
+und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen
+beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine
+jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er
+danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
+Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine
+Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
+Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu
+wollen.
+
+Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch
+Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
+hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
+gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur
+Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
+diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
+weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
+Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die
+Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
+ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die
+Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
+halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
+als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die
+Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
+oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
+äusserer Gebräuche basirt.
+
+Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
+macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
+hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen.
+Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa
+ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
+durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.
+
+Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
+Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
+tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
+Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe
+Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
+nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
+entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
+sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
+in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
+und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
+dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu
+einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
+Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der
+Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
+dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
+Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet,
+dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
+Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
+reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen
+Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des
+Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die
+lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
+nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
+Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
+Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode
+gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion
+kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
+eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für
+immer Adieu gesagt zu haben.
+
+Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
+seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
+alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine
+Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres
+correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
+eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
+Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
+glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden
+aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können,
+sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich
+vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
+nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei
+dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
+Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.
+
+Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
+Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
+beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
+Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher
+zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
+Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf
+Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
+blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
+ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das
+Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
+Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden
+hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
+auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
+blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
+trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt
+oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
+zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen
+in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.
+
+Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
+vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
+abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
+zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
+Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
+Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
+Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts
+weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse
+verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie
+hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
+Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise
+nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
+zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
+kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
+Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
+freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen
+Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich
+die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise
+anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
+Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.
+
+Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von
+Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute
+jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
+Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
+unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich
+war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein
+ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die
+zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
+Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
+ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren
+Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
+weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
+gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine
+breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus
+Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
+ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
+weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen
+sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
+sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
+weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
+Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
+hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.
+
+So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
+Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
+stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster
+Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
+durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der
+Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche
+Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
+hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und
+als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
+Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser
+bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten,
+nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf
+die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
+trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.
+
+Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
+halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
+Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
+von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom
+früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
+Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
+grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
+Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
+was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
+lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
+dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der
+Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
+Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
+englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
+heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
+sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist
+aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
+Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
+Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
+der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
+Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit
+dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
+dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
+einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
+aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese
+Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah,
+musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.
+
+Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
+und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut
+ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können,
+dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
+behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
+von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
+weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte
+bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
+Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in
+Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und
+mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist,
+welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich
+das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
+Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
+hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun
+abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
+längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich
+starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen,
+welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
+wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer,
+Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
+bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
+sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
+Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
+einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich
+ausgestattet sind.
+
+Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger
+begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu
+klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche
+Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat,
+die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
+werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer,
+die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
+bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben
+Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
+und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.
+
+Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
+zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
+von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit
+Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
+an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
+Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
+so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
+durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen
+Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
+eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
+Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
+basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
+NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
+entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
+Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
+vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
+aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
+Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
+zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und
+Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
+einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
+als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
+will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.
+
+Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die
+Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
+verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
+gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
+hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch
+fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
+Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden
+war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
+machten wir uns früh Morgens auf.
+
+Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
+Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und
+entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das
+Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
+denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
+Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass
+bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
+flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
+Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika
+vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
+anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50
+Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
+man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
+obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
+Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
+Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
+Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
+Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
+was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
+fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
+Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
+warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil
+wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
+Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich
+sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie
+sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
+würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden.
+Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
+der Türkei und Aegypten.
+
+Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
+dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte
+anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
+leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in
+den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
+aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und
+luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss
+über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
+trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
+Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends
+einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen
+Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
+davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche
+Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im
+Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
+chokoladenartige Farbe.
+
+Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
+Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba
+Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen
+Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
+dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist
+Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von
+derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.
+
+Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
+überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der
+östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort
+gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
+überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
+Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
+den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
+Laktalab liegt.
+
+Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner.
+Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
+Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
+in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
+abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die
+Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem
+gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
+Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi
+gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und
+anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste
+Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und
+prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von
+Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
+einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh,
+ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
+innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten
+bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im
+Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt.
+Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
+dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
+nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer
+mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
+wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
+dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten
+Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand
+einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
+hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und
+sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
+ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
+käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.
+
+Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
+ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für
+gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte
+schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
+Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker
+Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch
+jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
+in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
+namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken,
+sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
+manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
+übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
+Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
+welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
+werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung,
+so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper
+annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.
+
+Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
+besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
+Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
+die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
+alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
+Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer
+roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
+offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses
+Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von
+ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten
+Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
+Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich
+gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man
+mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
+dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
+Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
+sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden,
+wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
+Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
+in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
+wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
+sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während
+man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
+christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie
+dafür erkennen.
+
+Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St.
+Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde
+man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers
+hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
+und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche
+wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste
+und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
+Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
+man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres
+finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
+Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist
+sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba
+Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
+ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
+Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
+wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt.
+Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
+anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat.
+Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
+Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen
+monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
+widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
+Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
+Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
+Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von
+aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus
+demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
+zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen,
+alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass
+Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst
+geschähe.
+
+Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
+gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine
+Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
+dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
+Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte.
+Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
+selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
+entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden
+aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
+zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh
+stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der
+Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
+Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die
+jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.
+
+Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,
+und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
+Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
+Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk,
+das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
+für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.
+
+Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
+mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
+Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
+vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
+dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von
+den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
+andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit
+eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
+hundert Personen belaufen.
+
+An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume
+aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
+grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
+bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei
+andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume
+überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
+weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
+einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
+auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine
+Bewandtniss damit habe.
+
+Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen
+Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
+7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die
+Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
+Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
+gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von
+alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
+scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
+jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
+als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.
+
+So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
+zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
+Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
+Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu
+befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
+gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.
+
+Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich
+von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
+Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten
+herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
+Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche
+Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und
+Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
+Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
+durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
+Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig
+von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
+zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
+diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
+eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend
+angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber
+ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich
+der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
+Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?
+
+ * * * * *
+
+Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute
+begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme,
+Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
+in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
+Arznei zu bekommen.
+
+So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der
+Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
+Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in
+letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
+hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
+nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen
+gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
+Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich
+nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
+haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
+Morgen graute.
+
+Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
+überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
+bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
+einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch,
+Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ
+nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären
+Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
+man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
+der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen
+aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
+Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt
+scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
+herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
+Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
+Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.
+
+Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die
+ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die
+Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese
+Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
+seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath
+vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
+faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
+einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts
+dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
+streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen
+Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während
+seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
+anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
+Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
+Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion,
+dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich
+eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
+fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
+Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
+hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.
+
+Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
+die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
+so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
+traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte.
+Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
+Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
+erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
+Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
+kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
+beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
+herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
+Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie
+selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
+beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den
+Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.
+
+Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender
+kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden
+zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.
+
+ * * * * *
+
+Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
+wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
+weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
+den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
+wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
+sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
+wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
+nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches
+gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass
+ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
+Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
+Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem
+Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch
+ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
+Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_
+gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_
+fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem
+von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen
+Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.
+
+Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und
+brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu.
+Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu
+leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
+erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie
+aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
+Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht
+worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
+Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
+Bevölkerung arm zu machen.
+
+Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen
+Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
+indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten
+unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des
+Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
+Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet,
+der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der
+Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine
+mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein
+südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
+Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
+Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
+um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
+Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
+ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
+Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
+Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
+Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein
+eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
+zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
+Bestimmung seiner Höhe, weg.
+
+Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns
+in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
+dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen,
+andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
+als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über
+uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
+uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
+zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
+Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
+dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
+vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte,
+so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
+den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.
+
+Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle
+in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die
+Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
+überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
+schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In
+der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
+der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
+gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
+ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
+Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne
+Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
+herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der
+Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen
+erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
+Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
+noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
+bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht
+weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
+Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er
+war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
+Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig,
+aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
+trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
+unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
+sonst nicht folgen könne.
+
+Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
+man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim
+Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere
+Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
+noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
+Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
+Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je
+nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen
+verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
+Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und
+Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort
+sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
+wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine
+Karawane unbelästigt den Zoll passiren.
+
+Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
+Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah,
+anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas
+Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von
+Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
+mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es
+bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst
+dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
+antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
+wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter
+ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
+nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
+kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der
+Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut
+aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
+Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
+einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich
+finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
+gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der
+Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
+zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
+ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf,
+dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
+einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als
+höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
+dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers
+erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
+höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
+der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in
+Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
+steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen,
+auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]
+
+Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
+nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
+nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
+als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer
+der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
+reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
+sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem
+Boden mir gegenüber.
+
+Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen
+Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
+grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz
+verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft
+haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen
+lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während
+seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
+ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der
+Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
+wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
+selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
+europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als
+seine übrigen Kleider.
+
+Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
+zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
+belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom
+Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt.
+Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
+Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut,
+wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit
+hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen;
+vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner
+Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das
+Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11]
+genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
+ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
+zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
+Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine
+Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen
+das Ameublement.
+
+Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
+alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
+von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns,
+dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
+in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind.
+Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und
+exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
+Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
+stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
+Christen in bester Eintracht.
+
+Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und
+selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
+Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr
+billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu
+unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5
+Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht
+englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
+theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler
+brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
+auch für solch hohen Preis keine zu haben.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich
+zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
+seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
+entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
+Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
+Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
+überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
+Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden
+verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
+das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die
+Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land
+gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und
+Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
+gehorchen.
+
+Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
+dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir
+und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt.
+Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das
+Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert
+hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
+Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
+setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
+vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
+nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
+vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit
+des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste
+Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
+durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut,
+denn jede Nacht gab es Gewitter.
+
+Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
+vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
+einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
+miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
+des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen,
+waren reichlich vorhanden.
+
+Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
+Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft
+sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
+giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
+Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
+wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
+scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine
+Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
+Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
+Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt
+oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
+hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
+zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
+Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
+die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
+manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück
+trug.
+
+In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
+oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale
+Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter
+oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
+Umfang gesehen habe.
+
+Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
+fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben
+Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
+bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende
+Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
+einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
+von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
+bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
+erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
+gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
+Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
+halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
+welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
+dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen
+Gebirgszuges nördlich vom Tselari.
+
+Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
+ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
+Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
+See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der
+weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
+Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit
+Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und
+Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
+bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
+angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
+an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
+Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
+blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
+Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.
+
+Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
+war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht
+am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
+ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
+(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine
+Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
+in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen
+fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
+entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei.
+Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
+Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
+Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch
+nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte.
+Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige
+Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.
+
+Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
+darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen
+Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
+Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
+verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
+er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
+Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
+diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
+indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
+prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
+erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft
+hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
+und Zündhütchen.
+
+Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
+Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
+verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der
+Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
+Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.
+
+Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
+beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
+und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
+ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
+meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
+mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
+Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
+recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
+Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
+immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
+und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der
+Heimath fort.
+
+
+ Höhenmessungen mit dem Aneroid.
+
+ Abdikum 9250 engl. Fuss.
+
+ Takaze, Bett 5800 " "
+
+ Salit 6200 " "
+
+ Lalibala 7000 " "
+
+ Schegalo 6200 " "
+
+ Bilbala-Gorgis 6170 " "
+
+ Eisemutsch-Thal 6359 " "
+
+ Mári-Thal 5200 " "
+
+ Taba, Ort 6000 " "
+
+ Siba-Pass 6500 " "
+
+ Mokogo-Pass 7800 " "
+
+ Biala-Pass 9000 " "
+
+ Ohlich, Ort 6200 " "
+
+ Telela-Pass 7100 " "
+
+ Sokota 6500 " "
+
+ Emenenagerill-Pass 5600 " "
+
+ Uana-Pass 5550 " "
+
+ Tselari-Bett 3200 " "
+
+ Zaka 4200 " "
+
+ Zamra, Bett 3150 " "
+
+ Fenaroa 4500 " "
+
+ Samre 6000 " "
+
+
+
+
+Der Aschangi-See in Abessinien
+
+
+Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
+Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8'
+28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein
+von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
+zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
+fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See
+begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
+Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln
+kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
+hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa
+10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss
+(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe
+Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von
+minder hohen Bergen umschlossen.
+
+Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus
+marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
+bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
+der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief
+eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
+Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
+haben, ohne indess den Ort anzugeben.
+
+Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
+wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere
+die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
+so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
+ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
+mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
+den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
+lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
+oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
+Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
+Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch
+allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu
+finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
+dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
+10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.
+
+Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
+abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um
+einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher,
+was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
+erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
+Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat,
+so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
+Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
+Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
+können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
+den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
+Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug
+natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
+werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
+die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben
+werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
+Luftwärme.
+
+Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
+unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
+besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
+Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
+diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
+wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir
+sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
+Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon
+auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche
+vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.
+
+Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
+spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
+Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
+vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen
+Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
+Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als
+Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
+während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
+die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
+Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen
+Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
+Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
+aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher
+runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
+Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige
+Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum
+Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus
+Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln,
+bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren
+Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
+besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
+Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
+es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
+nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
+gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
+den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe,
+keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
+Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
+eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen
+wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
+Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht;
+Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
+Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
+Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden,
+kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
+konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen,
+ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher
+besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem
+grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
+nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.
+
+An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen
+grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
+viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
+ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher
+hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind.
+Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen
+und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört.
+Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten
+von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche
+Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber
+fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
+Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
+erfolglos.
+
+Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
+mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen
+Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
+stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen
+Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige
+obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
+zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
+längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der
+ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
+Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos
+Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
+Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.
+
+
+
+
+Nach Axum über Hausen und Adua.
+
+
+In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
+eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
+sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition,
+die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
+gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
+Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen
+war, nach Axum zu gehen.
+
+Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
+Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
+obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
+den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den
+Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können,
+aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
+von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
+zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen
+wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch,
+dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges
+gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
+Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
+Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
+Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef
+verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für
+die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
+mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.
+
+In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
+dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
+Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
+ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
+Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm
+entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
+ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
+englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
+Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen
+wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
+Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.
+
+Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um
+3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
+Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der
+uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
+eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
+bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist
+äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser
+der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
+gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[13] vom Wege
+entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
+Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben,
+Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten
+Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
+des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
+schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer
+wurden diese Qualen.
+
+Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den
+District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
+von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
+Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
+Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten
+dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
+gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
+selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
+auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
+eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge
+Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
+Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch
+die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
+Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
+Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger
+Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen,
+bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen.
+Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein
+gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
+gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
+Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
+betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
+Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut
+sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von
+Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen
+und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
+nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts
+von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet,
+die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
+überdeckt sind.
+
+In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
+konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
+Europa.
+
+Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
+Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
+Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese
+zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
+die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name
+andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
+Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
+berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
+war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
+einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
+Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen
+ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich
+kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
+noch heute Troglodyten sein.
+
+Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
+entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
+Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den
+Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
+passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
+zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
+unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.
+
+Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte
+entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
+unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
+auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
+Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
+Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
+versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
+herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
+Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
+Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
+Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
+finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so
+unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück,
+an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
+früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es
+ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens
+dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
+Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
+sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus
+gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.
+
+Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen
+Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
+ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
+bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte
+sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
+kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
+weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
+Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
+Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
+wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
+diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
+das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen
+wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
+schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
+setzen.
+
+Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
+durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne
+auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
+von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen
+der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
+Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
+wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
+durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
+Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
+über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die
+Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten
+Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
+Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am
+Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir
+noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
+Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
+erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein
+Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
+war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück.
+Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte
+aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
+verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück
+geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
+für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste
+als Viehfutter dienen.
+
+Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber
+wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
+wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
+N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten,
+Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
+halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die
+Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
+Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
+Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
+Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
+des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben,
+hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
+nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
+wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf
+einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs
+zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort
+Gedera.
+
+Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
+von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
+Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
+umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn
+vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
+Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.
+
+Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
+Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
+vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hübschen Platz
+unter einem Feigenbaume, welcher Schatten für tausend Menschen bietet.
+Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
+auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
+Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
+allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
+Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
+versehenen Häuser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
+tragen nicht wenig dazu bei, den städtischen Eindruck zu erhöhen. Aber
+selbst die weitläufigen Vorörter mitgerechnet, welche Adua nach Süden
+und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
+Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
+nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
+schätze.
+
+Unsere Ankunft hatte natürlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
+und müssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lärmend
+nachgingen. Die Strassen sind überdies so eng und schmutzig, dass nur
+Menschen passiren können, zwei Maulthiere oder Pferde würden keinen
+Platz zum Ausweichen haben. An öffentlichen Gebäuden hat die ummauerte
+Stadt (die Vorstädte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
+neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
+ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl müssiger Priester lagerte im
+Hofe, welcher von schönen Oelbäumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
+sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Höfen, welche bei den Häusern
+sich befinden, überall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
+befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingeführt sein, die
+Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Küste sich hier
+bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
+Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort für die feinen
+Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
+mit fortführte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
+dieser Leute war eben jetzt wieder zurückgekehrt. Aber auch eine Menge
+anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
+Abessinien's vergebens suchen würde. Der Handelsstand und die
+Handwerker sind hauptsächlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
+zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
+Flintenhändler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
+hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engländer, ein
+gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph während der
+Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
+aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genüssen verschaffen
+konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
+und schmutzig wie die übrigen Tigrenser. Es scheint als ob in früheren
+Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
+dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
+einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
+besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
+Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
+überfüllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
+einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
+sahen uns aber sehr getäuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
+was uns als merkwürdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Hütte,
+wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
+Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwäbischen Kukuksuhr, welche
+uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
+Aussergewöhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
+verfertigt sah höchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
+wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
+gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben müsste.
+
+Dr. Schimper wurde in Adua zurück erwartet, einige seiner alten
+ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint übrigens, dass Dr.
+Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
+Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
+hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu können; so schien es mir
+höchst übertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien über 10,000,000
+Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
+zuschätzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
+Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
+seine Meinung von Abessinien ist.
+
+Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
+versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
+Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf
+anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
+Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter
+Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
+Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
+Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
+Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch
+ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
+grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
+den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
+kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
+bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um
+seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
+ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
+Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
+Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen,
+sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
+gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt
+zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
+Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
+Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
+Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
+brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell
+hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
+dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
+hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so
+entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
+brachte.
+
+Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte
+Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin
+Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
+unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
+bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei
+oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
+Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und
+Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
+Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann
+später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
+Pantalem genannt.
+
+Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
+obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es
+liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer
+durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares
+erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15]
+gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
+hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus
+zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
+auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich
+finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
+seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und
+Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden
+sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
+gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
+thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
+Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude
+ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
+Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu
+haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen,
+sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass
+hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
+Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
+selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
+jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
+das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser
+als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder
+Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
+keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne
+Bedeutung ausgenommen.
+
+Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
+übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben
+zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären,
+so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
+dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
+wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus
+einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
+findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem
+ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
+Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao"
+führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster
+Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre.
+Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
+scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
+Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte
+Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
+Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
+dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
+Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen
+nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
+hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia
+angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
+erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.
+
+Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb,
+um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
+griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
+vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König
+Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
+christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
+Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.
+
+Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
+den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da
+wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
+Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
+es ist ein Gebäude der Neuzeit.
+
+Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
+von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
+sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus
+sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
+und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.
+
+Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
+rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
+nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
+Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche
+Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
+Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den
+Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem
+Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
+Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir
+daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
+Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es
+ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
+hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
+vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns
+ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
+abziehen.
+
+Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
+westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
+die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
+welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren
+linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns
+in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
+Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
+meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte
+mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre.
+Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
+zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde
+Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
+Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
+Gemüsebau nichts zu sehen.
+
+Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
+verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
+Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
+mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
+an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
+Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
+Provinz zurückkehren möge.
+
+Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
+Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg
+zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.
+
+Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
+war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
+denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
+Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
+Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
+Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster
+Abessiniens, liegt.
+
+Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
+Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
+halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg
+aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
+wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
+abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
+besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre
+Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
+treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig,
+Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
+so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
+Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns
+Aufgang zu verschaffen.
+
+Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
+um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
+herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
+schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.
+
+Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
+die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
+Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
+fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
+einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf
+Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
+und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen
+sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.
+
+
+
+
+Damiette.
+
+
+Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
+sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
+wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
+gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
+grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
+anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
+haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist
+jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
+wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
+sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.
+
+Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten
+und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
+so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
+Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
+die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
+mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
+mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
+fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale
+Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch
+Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.
+
+Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den
+Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich
+hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da
+aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
+und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
+reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit
+eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie
+fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
+und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
+Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
+Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
+welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
+Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That,
+es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.
+
+Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
+Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof
+des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
+einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe
+Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
+Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach
+einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
+nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
+des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
+Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
+Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
+befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
+Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
+schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
+davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
+bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die
+Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
+einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum
+Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul
+selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten
+Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
+ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
+verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
+die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen
+lässt.
+
+Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
+denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die
+Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
+Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
+langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich
+Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
+nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so
+bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël,
+also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
+nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
+benutzen, aber langsam ging es trotzdem.
+
+Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
+Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
+wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
+ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
+tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen
+sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
+Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
+lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
+Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern
+Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser
+herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
+nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen
+wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren
+Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
+Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
+geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
+trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
+Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
+beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
+nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene
+kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
+patrouilliren müssen.
+
+Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
+aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
+sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.
+
+Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
+ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
+wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
+in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener
+Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
+sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
+Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
+wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten
+wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
+hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
+Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der
+wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
+kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
+indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
+kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
+gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
+ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
+einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
+Smah[21] nennen, herausragen gesehen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
+Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
+des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
+Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
+dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
+übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
+am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
+höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
+Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu
+bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
+arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
+jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine
+leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
+konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
+Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
+an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
+es zur Stadt.
+
+Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
+ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
+Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich
+und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
+kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
+zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in
+einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
+europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten
+Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
+besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
+ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
+erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
+Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
+bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
+Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
+Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar
+ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
+kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man
+nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.
+
+Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
+aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
+verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
+und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet,
+mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön.
+Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber
+früher bedeutend grösser.
+
+In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann
+unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die
+Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt,
+12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
+des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
+Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
+Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige
+Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
+Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
+Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
+November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von
+Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
+Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer
+im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen
+Heeres sein.
+
+Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
+zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
+schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
+Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
+Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
+Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
+Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
+Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
+ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
+gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und
+Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
+dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder
+aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.
+
+Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
+und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
+entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück,
+welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
+Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
+Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
+Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.
+
+Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
+Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
+Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die
+christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist
+griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von
+eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
+wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind
+augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
+Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde,
+und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen
+Schutz.
+
+"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
+reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch
+einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
+entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
+Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
+Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
+hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
+mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich
+auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
+"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
+zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte
+der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
+machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
+spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere
+Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
+fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen
+Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette
+repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
+spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
+spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
+abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine
+Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
+Herrn Consuls zu empfehlen.
+
+Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir
+nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die
+Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's;
+sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
+als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
+correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde,
+sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu
+repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
+irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste
+Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu
+Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
+genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
+doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
+empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
+Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
+aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin
+Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform
+und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
+die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
+eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
+um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
+Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
+das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
+norddeutschen und spanischen Salon.
+
+Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
+welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
+geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das
+Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
+lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen
+heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
+Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die
+Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte
+für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er
+officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen
+übereinstimmen".
+
+Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
+die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul
+Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
+auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles
+den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge
+ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
+Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von
+dieser Familie repräsentirt wird.
+
+Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
+Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre
+Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und
+noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
+Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
+nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt
+worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke.
+Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
+vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel,
+denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
+und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
+kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
+fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz
+roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
+von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus
+dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
+(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
+Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
+Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
+und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
+Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt,
+die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
+entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der
+mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
+zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
+Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.
+
+Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht
+neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
+haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
+niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die
+Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
+Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
+denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
+haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.
+
+Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
+katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird,
+dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
+Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden,
+nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude,
+welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
+steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind.
+Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
+liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
+italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit
+Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend,
+unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
+hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien
+sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege
+Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders
+schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
+el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen.
+
+Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude,
+mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier
+die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
+fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis
+hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
+damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei
+und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
+Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In
+neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da
+Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
+wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
+gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige
+Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
+Meilen nilaufwärts liegt.
+
+Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
+regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
+nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
+lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
+Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
+welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
+ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
+ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.
+
+
+
+
+Malta.
+
+
+Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
+Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird,
+tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im
+Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
+wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am
+interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
+arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
+Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
+am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich
+fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie
+die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer
+Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
+glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
+die Laute ohrgerecht machten.
+
+Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir
+schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren
+kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
+Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage,
+Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem
+Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.
+
+Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta,
+welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
+Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später
+sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
+Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren
+Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
+Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
+bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft.
+Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche
+dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
+mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
+Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
+Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte.
+Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
+Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
+den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
+Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
+Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
+Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
+Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
+dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
+Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
+letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
+Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren
+Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.
+
+Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul
+des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche
+Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
+heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der
+Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
+indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.
+
+Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
+Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
+Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben
+aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
+Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
+Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und
+sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich
+befinden.
+
+Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische
+Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
+Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
+von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St.
+Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier
+und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten
+Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
+Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht
+Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
+hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
+die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
+eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
+auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
+sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher
+Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
+Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.
+
+So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil
+scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
+Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der
+Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft
+durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten
+der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
+alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's
+angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
+verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen
+Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
+so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
+haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
+finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
+smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
+früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu
+wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer
+erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
+getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
+Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
+einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
+alle viel zu wünschen übrig.
+
+Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns
+der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
+ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei
+den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom
+Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
+heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
+der grosse Ort Rabatto.
+
+An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
+dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
+Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess
+die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere
+Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für
+die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
+der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
+wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
+gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
+ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
+genossen.
+
+Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei
+Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
+Malta scheitern zu lassen.
+
+Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
+fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
+gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste
+Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein
+heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_.
+Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute
+hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu
+einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch
+weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
+gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
+allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die
+Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere
+Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch,
+respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen
+Heidenapostel.
+
+Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des
+Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
+duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
+Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
+vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
+Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt
+es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
+und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie
+fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
+Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen.
+Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung
+zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
+so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den
+Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im
+Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
+Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
+Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um
+aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
+derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die
+"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr.
+Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
+fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat
+sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei
+den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
+brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
+mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
+Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich
+gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge
+der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.
+
+Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
+selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
+am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
+berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen
+Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
+dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten
+Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern
+getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
+man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und
+Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
+Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
+ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
+Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
+hineinlegend fuhren wir ab.
+
+Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
+interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
+unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
+sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
+ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in
+Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
+froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
+obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach
+unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute
+Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
+Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
+die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst
+hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
+über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
+Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden,
+mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem
+nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
+ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
+die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten
+bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
+
+Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
+sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für
+alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
+bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen
+Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
+kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta
+lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
+schlecht wie möglich zu machen.
+
+Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
+wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt.
+Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
+Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
+berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
+Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass
+Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
+ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
+zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
+gezeigt wird.
+
+Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
+Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
+vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein
+scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
+bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren
+konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes
+Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
+
+Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
+da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
+unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige
+Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan
+hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle
+ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
+Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
+geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum
+erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen,
+da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen,
+und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
+mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den
+Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
+bewohnt war.
+
+Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
+Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief
+und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
+einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und
+das Gestein ist wie immer Kalk.
+
+Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
+den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
+Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder
+Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
+diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
+Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf
+vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
+zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände,
+auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
+sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die
+Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.
+
+An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
+Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen
+Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
+Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide
+diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.
+
+Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
+wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich
+sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während
+unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
+hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication
+abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen
+können.
+
+Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten
+Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
+kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
+prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
+dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse
+Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
+die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.
+
+In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
+ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
+war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
+machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
+dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
+Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem
+Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar
+ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
+benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
+weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
+Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
+Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
+einquartirt.
+
+Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für
+einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
+konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
+bis zum andern Morgen aushalten.
+
+Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste
+Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und
+in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern
+aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
+Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
+zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
+Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
+inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere
+spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
+Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
+eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
+Thurmes der Riesen gegeben.
+
+Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der
+Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
+ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
+Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
+jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
+dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
+nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
+Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch
+unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast
+eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
+wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
+Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.
+
+Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
+welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
+liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die
+Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
+über.
+
+Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen
+Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an
+dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
+feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
+ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.
+
+
+
+
+Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.
+
+
+Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
+Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer
+weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
+Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
+bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe
+Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
+Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat,
+fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen
+berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
+soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
+oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
+Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10
+geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
+dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
+von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere
+Besprechung zu verdienen.
+
+Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende
+Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief
+eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
+hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des
+Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
+treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher
+ins Auge zu fassen.
+
+Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
+finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen
+Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an
+der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
+genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
+beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15
+deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
+104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden
+ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter
+fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
+einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
+Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei
+Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin
+zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
+gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
+sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
+Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
+dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene
+Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
+Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
+Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der
+Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
+Barth.
+
+Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die
+ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
+dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
+31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
+Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
+Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der
+zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der
+glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
+Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
+mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
+angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
+Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen
+ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte
+der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
+wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
+hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
+Meter ergeben würde.
+
+Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf
+Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser
+entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt
+existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
+die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer
+absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt
+man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
+welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und
+nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte
+dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
+Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben
+geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich
+dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
+werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die
+Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
+giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele
+eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
+tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.
+
+Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau
+heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter
+absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
+Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
+zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
+von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
+manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele
+darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
+unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
+liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
+existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar
+die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
+Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die
+Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der
+libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
+kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in
+Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten
+gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
+Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.
+
+Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
+bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
+rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit
+See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
+die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.
+
+Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich
+überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
+welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
+silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese
+bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der
+eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch
+gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange
+Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen
+Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
+und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase,
+reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
+überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen
+geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe
+aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von
+künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte
+Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
+und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon
+birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.
+
+In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
+Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
+zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
+verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50
+Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf
+das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier
+kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
+Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
+heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten
+durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
+weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
+Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
+gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen,
+geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo
+südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
+wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
+eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
+den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
+keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
+geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass
+in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga
+bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass
+übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
+standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
+tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
+aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
+niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
+dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen,
+Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
+den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
+und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die
+Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
+schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen
+haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
+sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
+nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
+solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
+Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
+Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
+während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine
+Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.
+
+Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
+Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
+und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
+ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können
+aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
+feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
+verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach
+Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
+erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
+verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass
+hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode
+muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man
+versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den
+Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und
+Tamarisken.
+
+Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
+man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den
+Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
+andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
+aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass
+Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
+grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
+fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher
+denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder
+vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den
+fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen.
+Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
+Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um
+dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun
+eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte,
+einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.
+
+Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte,
+welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung
+trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus
+geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
+schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches
+die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen
+können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein,
+Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
+fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor
+der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden
+geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen
+Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
+grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
+könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
+um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
+würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden
+Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen
+und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
+auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
+unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
+sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
+Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
+Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
+(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser,
+und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
+der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei
+niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+
+[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
+sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
+Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.
+
+[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
+zu lesen war mir unmöglich.
+
+[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrücke; ein Back ist ein geflochtener
+Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthält, ein Head sind 2000
+Muscheln. Die Muscheln werden von den Europäern Cowries, von den
+Haussa-Negern Kurdi, von den Kanúri-Negern Kúngena, von den Arabern
+El-Oda genannt. Während die meisten Neger sie einfach zählen, theilen
+sie die Kanúri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
+Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.
+
+[4] Dies ist eine blos wörtliche Uebersetzung, die Kanúri oder Bewohner
+Bornus haben indess auch eigene Namen für die drei Stadttheile:
+Weststadt = _Kuka-gárfote_, Mittelstadt = _Kuka-ngimsegeni_, Oststadt
+= _Kuka-gérgedi_.
+
+[5] Die meisten grösseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
+besitzt, sind von der Königin Victoria: ein Wagen, sehr schöne Waffen,
+Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte
+Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_
+als _höchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornukönig giebt. Unser
+"König von Norddeutschland" ward nicht so glücklich bedacht; er musste
+sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
+darunter ein gesprenkeltes Löwenfell, begnügen, weil gerade keine
+Elephanten und Giraffen in der Nähe der Hauptstadt waren.
+
+[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwölf grossen
+Hofämtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
+können wir nicht erfahren, was yéri-ma ist; mir wurde es als der Titel
+des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Höfling war und gut
+arabisch sprach.
+
+[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
+Wörter zu finden sind, halte ich sie doch für richtig, da sie mir von
+einem ganz zuverlässigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
+in Lokódza ist, übersetzt wurden.
+
+[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
+Sprache übergegangen.
+
+[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
+der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
+trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rückweg
+ein noch unbekanntes Stück des Landes zu durchziehen, indem ich mich
+nördlich über Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
+von Beke 1843 begangenen Route über Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
+mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.
+
+[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Fürsten Kassai von
+Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
+Kenntniss der Sitten dieser Völker kühn gemacht, konnte Kassai dann die
+Unverschämtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
+zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
+hätte Kassai auf die englische Militärstrasse selbst kommen und Sir
+Robert Napier aufsuchen müssen, denn dieser war als Repräsentant der
+Königin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
+also höher stehend als Kassai von Tigre.
+
+[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch.
+
+[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.
+
+[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint.
+
+[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angeführt, dass Alvares
+selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.
+
+[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.
+
+[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, während welcher Zeit Christus
+geboren sein soll, danach müsste das Christenthum also sehr früh in
+Abessinien eingeführt sein.
+
+[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
+andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstört sind, er
+führt an:
+
+ "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstörte die Denkmäler."
+
+ferner:
+
+ "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stücke, er glaubte bei
+ sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle."
+
+[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
+seiner "Reise nach Abessinien etc."
+
+[19] Nach v. Heuglin Trachyt.
+
+[20] v. Henglin hat indess in der Nähe von Axum die Bruchstellen
+gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.
+
+[21] Man hört in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
+selten.
+
+[22] Jetzt werden vom Vicekönig Ismael wieder Befestigungen angelegt.
+
+[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
+aussprechen.
+
+[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nähe und von selber Construction
+heisst Mnaidra.
+
+[25] Siehe darüber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.
+
+
+
+
+Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig.
+
+In unserem Verlage ist _erschienen_:
+
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der
+Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste
+über Rhadames nach Tripoli.
+
+Mit einer Karte von Nord-Afrika
+
+von
+
+#Dr. A. Petermann.#
+
+Zweite Auflage.
+
+Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Ferner erschien:
+
+GERHARD ROHLFS.
+
+Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen
+Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier#
+und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#.
+
+Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
+
+ * * * * *
+
+Bremen.
+
+#J. Kühtmann's Buchhandlung.#
+
+ * * * * *
+
+Druck v. Hirschfeld, Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus
+den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
+
+***** This file should be named 14142-8.txt or 14142-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online
+Distributed Proofreading Team. This file was produced from images
+generously made available by the Bibliotheque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+works. See paragraph 1.E below.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den
+Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
+
+Author: Gerhard Rohlfs
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+Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
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+Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online
+Distributed Proofreading Team. This file was produced from images
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+
+<div class="center"> <b>
+<span style='margin-left: 1em;'>BREMEN, 1870.</span><br />
+<span style='margin-left: 1em;'>VERLAG VON J. K&Uuml;HTMANN'S BUCHHANDLUNG.</span><br />
+<span style='margin-left: 1em;'>U.L. FR. KIRCHHOF 4.</span><br />
+
+<br />
+</b></div>
+
+<hr style='width: 65%;' />
+
+<h2>INHALT.</h2>
+<br />
+<div class="center">
+<a href='#Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'><b>Bemerkungen &uuml;ber die Zukunft Algeriens.</b></a><br />
+ <a href='#Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'><b>Beobachtungen &uuml;ber die Wirkungen des Haschisch.</b></a><br />
+ <a href='#Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'><b>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</b></a><br />
+ <a href='#Von_Lagos_nach_Liverpool'><b>Von Lagos nach Liverpool</b></a><br />
+ <a href='#Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'><b>Die Stadt Kuka in Bornu</b></a><br />
+ <a href='#Am_Benu=e'><b>Am B&eacute;nuē</b></a><br />
+ <a href='#Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'><b>Titulaturen und W&uuml;rden in einigen Centralnegerl&auml;ndern.</b></a><br />
+ <a href='#Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'><b>Die Art der Begr&uuml;ssungen bei verschiedenen Neger-St&auml;mmen.</b></a><br />
+ <a href='#Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'><b>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.</b></a><br />
+ <a href='#Der_Aschangi_See_in_Abessinien'><b>Der Aschangi-See in Abessinien</b></a><br />
+ <a href='#Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'><b>Nach Axum &uuml;ber Hausen und Adua.</b></a><br />
+ <a href='#Damiette'><b>Damiette.</b></a><br />
+ <a href='#Malta'><b>Malta.</b></a><br />
+ <a href='#Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'><b>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</b></a><br />
+ <a href='#FUSSNOTEN'><b>FUSSNOTEN</b></a><br />
+
+</div>
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Bemerkungen_uber_die_Zukunft_Algeriens'></a><h2>Bemerkungen &uuml;ber die Zukunft Algeriens.</h2><a name='Page_1'></a>
+<br />
+
+<h3>Mursuk in Fessan im Januar 1866.</h3>
+
+<p>Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter get&auml;uscht, wenn er geglaubt
+hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
+Zustand einer Colonie kennen lernen zu k&ouml;nnen. Schon um civilisirte
+V&ouml;lker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
+w&uuml;rdigen und beurtheilen zu k&ouml;nnen, darf man nicht als grosser Herr,
+viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
+der Kaiserin Katharine in S&uuml;d-Russland, der man alle Tage dieselben
+Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
+Provinzen gut bev&ouml;lkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
+Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
+Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abb&egrave;s
+an die Landstrasse ger&uuml;ckt; so erz&auml;hlen uns die Lokalbl&auml;tter.</p>
+
+<p>Die Araber gr&uuml;ndlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das<a name='Page_2'></a>
+gelingt nur bei langj&auml;hrigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
+ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
+nicht eines Vornehmen, sondern eines Bed&uuml;rftigen; denn selbst einem
+vornehmen Religionsgenossen gegen&uuml;ber sind die Araber L&uuml;gner, Heuchler
+und Prahler. Unter allen anderen Umst&auml;nden ist man nur zu geneigt, &uuml;ber
+den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrth&uuml;mer zu verfallen, wie
+eben erst der Kaiser und fr&uuml;her der bekannte General Daumas, der so
+anziehende B&uuml;cher &uuml;ber die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
+nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
+jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
+Gelegenheit, mit <i>den Leuten vom kleinen Zelte</i> zu verkehren, sondern
+frequentirte nur die <i>Leute der cheima kebira</i>; will man aber ein Volk
+kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den h&ouml;chsten Kreisen
+desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.</p>
+
+<p>Ich nun w&uuml;rde nicht gewagt haben, &uuml;ber einen so delicaten Gegenstand
+meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langj&auml;hriger Aufenthalt in
+Algerien selbst, dann eine dreij&auml;hrige Reise durch Marokko und seine
+W&uuml;ste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
+Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit G&uuml;te noch mit Gewalt
+haben dringen k&ouml;nnen), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
+Ber&uuml;hrung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im<a name='Page_3'></a>
+Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Meine Ansicht &uuml;ber die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
+zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
+Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enth&auml;lt
+folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
+Si Lalla's bew&auml;hrt hat:</p>
+
+<p>&quot;Ich glaube die Franzosen k&ouml;nnen sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
+sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engl&auml;nder in Indien gehabt
+haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
+Treiben sich auf die intoleranteste Religion gr&uuml;ndet, die existirt, sind
+<i>Civilisationsversuche vergeblich</i>. Wie sind die Araber heutzutage nach
+mehr als 30-j&auml;hrigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
+St&auml;dten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
+dem franz&ouml;sischen P&ouml;bel im Absinthtrinken, dass sie aber daf&uuml;r auch nur
+im Geringsten christlich religi&ouml;se Grunds&auml;tze angenommen h&auml;tten, daran
+ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
+geschmeidig und umg&auml;nglich sie &auml;usserlich geworden sind, dass sie
+innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
+Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
+von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
+gar nicht gedrungen ist. Der Ara<a name='Page_4'></a>ber unter seinem Zelte lebt nach wie
+vor und hasst die Christen ebenso wie fr&uuml;her, und wenn er sich enth&auml;lt
+einen Ungl&auml;ubigen zu t&ouml;dten, um daf&uuml;r das Paradies zu erlangen, so
+geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
+h&auml;tten l&auml;ngst wie die Engl&auml;nder in Nordamerika mit den Eingebornen
+verfahren sollen, n&auml;mlich dieselben zur&uuml;ckdr&auml;ngen, dann w&auml;re Algerien
+heutzutage ein ruhiges, nur von Europ&auml;ern bewohntes und cultivirtes
+Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
+civilisirten Grunds&auml;tzen unserer Epoche nicht &uuml;bereinstimmend. Vom
+Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
+als in der N&auml;he, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
+immer V&ouml;lker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
+Platz machen m&uuml;ssen etc.&quot;</p>
+
+<p>Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grunds&auml;tze sind auch noch heute
+meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
+nach fr&uuml;her oder sp&auml;ter jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
+sie sich stark genug f&uuml;hlt, um auf eigenen F&uuml;ssen stehen zu k&ouml;nnen, und
+notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
+seine beiden einzigen Inseln wird beschr&auml;nkt sein&mdash;hat Frankreich das
+Gl&uuml;ck gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
+Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
+Diese aussergew&ouml;hnliche Lage w&uuml;rde es gestatten, die Colonie so mit der
+Metropole zu <a name='Page_5'></a>verschmelzen, dass f&uuml;r Frankreich an eine sp&auml;tere
+gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
+der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken w&auml;re.</p>
+
+<p>Dazu geh&ouml;rt aber vor allen Dingen, dass die Bev&ouml;lkerung Eine sei. Ich
+will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
+Europ&auml;ern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
+nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen L&auml;ndern
+Eingewanderten<a name='FNanchor_1'></a><a href='#Footnote_1'><sup>[1]</sup></a> und namentlich ihre Abk&ouml;mmlinge fast g&auml;nzlich
+franz&ouml;sische Sitten und Gebr&auml;uche angenommen haben und meistens,
+namentlich die j&uuml;ngere Generation, auch die franz&ouml;sische Sprache. Aber
+zwei in jeder Beziehung so g&auml;nzlich von einander verschiedene V&ouml;lker,
+wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
+gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der h&ouml;chste Unsinn. Seit
+undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
+weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
+ein von Gott auserw&auml;hltes Volk &uuml;berzeugt ist. Seit tausend Jahren in
+Besitz der Nordk&uuml;ste Afrika's, sehen wir Berber und Araber <i>neben</i>
+einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
+beibehaltend. Im &auml;ussersten <a name='Page_6'></a>Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
+Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
+unterwerfen, jedoch <i>nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst</i>. Die
+sogenannten <i>Kulughli</i>, Progenitur der T&uuml;rker mit Araberweibern,
+bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in T&uuml;rken oder umgekehrt;
+&uuml;berall, wo die T&uuml;rken die Araber beherrschen, bestehen beide V&ouml;lker
+unvermischt <i>neben einander</i>. Und doch verbindet Berber, Araber und
+T&uuml;rken Eine Religion.</p>
+
+<p>Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu pl&uuml;ndern und
+sich raubend umherzutreiben nehmen k&ouml;nnen? Versuche man doch eine Hy&auml;ne
+zu z&auml;hmen! Der Araber ist moralisch &uuml;berzeugt, dass er den franz&ouml;sischen
+Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
+Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
+Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
+ist. M&ouml;gen die Gef&uuml;hlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdr&auml;ngen der
+Indianer durch die Engl&auml;nder, jeder vern&uuml;nftige Mensch findet es
+bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
+verabscheuungswerth die modernen franz&ouml;sischen Araberlobhudler die
+Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen m&ouml;gen, so ist nicht zu
+verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
+w&auml;ren die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so w&auml;ren sie
+sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es <a name='Page_7'></a>die in den
+anderen L&auml;ndern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
+schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen V&ouml;lkern, so
+ist die Verarmung des Landes, die Entv&ouml;lkerung Spaniens nicht im
+Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
+der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
+und in der Priesterschaft.</p>
+
+<p>In der That sehen wir, dass in den L&auml;ndern, die sich abgeschlossen von
+aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
+Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
+gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
+Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
+christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
+Christen die Hauptbev&ouml;lkerung bildeten; aber in den L&auml;ndern, wie z.B.
+Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Ber&uuml;hrung kamen,
+haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
+Standpunkt war zur Zeit Abrahams.</p>
+
+<p>M&ouml;ge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das f&uuml;r
+die W&uuml;ste geboren ist, dahin zur&uuml;ckdr&auml;ngen, woher es gekommen ist;
+diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europ&auml;ern zu
+vereinigen, werden von selbst zur&uuml;ckkommen und m&uuml;ssen die christliche
+Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation m&ouml;glich ist.
+Durch das Verdr&auml;ngen der Araber in Masse in die W&uuml;ste hinein wird der
+Kaiser <a name='Page_8'></a>sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
+Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und m&ouml;ge die
+Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
+Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
+christlich civilisirtes Land umzuwandeln.&mdash;</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Beobachtungen_uber_die_Wirkungen_des_Haschisch'></a><h2><a name='Page_9'></a>Beobachtungen &uuml;ber die Wirkungen des Haschisch.</h2>
+<br />
+
+<h3>Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.</h3>
+
+<p>Unter <i>Haschisch</i> verstehen die Araber im weitern Sinne jedes <i>Kraut</i>,
+n&auml;her jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
+(nach Linn&eacute; in die Klasse Dioccia pentandria geh&ouml;rend), weil an
+Vorz&uuml;glichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
+Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze <i>Tekruri</i>, und
+diesen Namen f&uuml;hrt sie auch in der T&uuml;rkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
+Persien vorzugsweise.</p>
+
+<p>Graf d'Escayrac de Lauture sagt &uuml;ber die Pflanze Folgendes:</p>
+
+<p>&quot;Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
+wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
+eingef&uuml;hrt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
+demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden <a name='Page_10'></a>Pilgern
+giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
+auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
+vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
+arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung &quot;verbessern, vollkommener
+machen&quot; bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
+eigenth&uuml;mlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
+ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen <i>Haschischin</i> gegeben hat.
+Dieser Stoff, Harz, ist von einer sch&ouml;nen gr&uuml;nen Farbe, die jedoch
+<i>nicht</i> vom Chlorophyll herr&uuml;hrt, kleberig-z&auml;h und von einem
+eigenth&uuml;mlich unangenehmen Geschmack.&quot;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;ge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
+die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
+gem&auml;ssigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach S&uuml;den
+vordringt, je seltener und kr&uuml;ppelhafter gedeiht dieselbe. W&auml;hrend man
+z.B. &auml;usserst sch&ouml;ne Exemplare in den gem&auml;ssigten Bergregionen des
+Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine H&ouml;he von
+manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
+Tuat und Fessan die Pflanze nur k&uuml;mmerlich, obgleich die Bewohner alle
+Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
+S&uuml;den exportirt.</p>
+
+<p>Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
+sie zerschneiden die getrockneten Bl&auml;tter und Bl&uuml;then sehr klein und
+rauchen sie <a name='Page_11'></a>rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
+Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
+so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
+Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker vers&uuml;sst, oder endlich man
+pulverisirt Bl&auml;tter und Bl&uuml;then, und schluckt dies Pulver rein oder mit
+Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gew&uuml;rzen zu einer Art
+Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
+unter dem Namen <i>Majoun</i> verkauft werden.</p>
+
+<p>Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer &uuml;bt
+dasselbe einen <i>starken Rausch</i> aus. Europ&auml;er jedoch, welche
+Beobachtungen dar&uuml;ber anstellen wollen, k&ouml;nnen dies nur, entweder indem
+sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
+Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
+Araber, Perser und T&uuml;rken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
+dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
+Ber&uuml;hrung kommt. Zwei Theel&ouml;ffel voll Haschisch gen&uuml;gen, um einen
+kr&auml;ftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Eindruck_den_aus_mich_die_Cannabis_machte'></a><h2>Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.</h2>
+
+<h3>In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.</h3>
+<br />
+
+<p>Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
+Mohammed el Hakem von Fessan. <a name='Page_12'></a>Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
+nehme zwei Theel&ouml;ffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeer&ouml;ste
+etwas ged&ouml;rrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
+Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).</p>
+
+<p>Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
+Kameelfleisch mit rothen R&uuml;ben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
+R&uuml;ben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
+Radieschen bestehend; Brod, Butter und K&auml;se.</p>
+
+<p>Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
+indess,&mdash;es ist jetzt 7 Uhr,&mdash;merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
+schwarzen Kaffee ohne Zucker.</p>
+
+<p>7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
+mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er sp&uuml;re stark die Wirkung und
+befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
+Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.</p>
+
+<p>7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
+Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
+scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
+Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
+ich, womit ich angefangen.</p>
+
+<p>7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schl&auml;gt so, dass ich jeden Schlag h&ouml;re, Puls
+z&auml;hlen unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht <a name='Page_13'></a>mit; ein anderer
+z&uuml;ndet mir eine Nargile an. Ich rauche <i>und fliege</i>, obgleich ich mit
+den H&auml;nden f&uuml;hle, dass ich liege.</p>
+
+<p>Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
+Zeilen Stunden zubringe.</p>
+
+<p>8 Uhr. Mein Blut schl&auml;gt Wellen, <i>und einzelne Theile fallen von meinem
+K&ouml;rper</i>, obgleich ich mich dumm<a name='FNanchor_2'></a><a href='#Footnote_2'><sup>[2]</sup></a> niederschreibe, denn ich habe
+vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
+ich will ausgehen.</p>
+
+<p>8 Uhr 20 Minuten. Ich tr&auml;umte, ich ginge aus, die <i>Strassen der Stadt
+verl&auml;ngerten sich</i> und waren mir ganz unbekannt, die H&auml;user sehr hoch;
+ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
+petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zur&uuml;ck und
+setzte mich vor mein Haus.</p>
+
+<p><i>Ich bin ohne allen Willen</i>; die Wand gegen&uuml;ber meinem Hause war sch&ouml;n
+tapezirt, auch h&ouml;rte ich von fern <i>sch&ouml;ne Musik</i> und jetzt schreibe ich
+und sehe, dass Alles erlogen ist.</p>
+
+<p>Ich will mich legen, <i>aber bin ich wirklich verr&uuml;ckt</i>?</p>
+
+<p>Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), <i>mein Wille ist ganz weg und in mir
+grosser Sturm</i>. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
+ausblasen, <a name='Page_14'></a>aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
+nicht gel&auml;hmt.</p>
+
+<p>Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angef&uuml;llt. Ich bin
+ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, w&uuml;rde ich in der Luft
+schweben.</p>
+<br />
+
+<p><b>26. Januar Morgens.</b></p>
+
+<p>Bis so weit hatte ich gestern Verm&ouml;gen gehabt, w&auml;hrend des Rausches zu
+schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
+Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
+Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
+Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos getr&auml;umt habe? Es fand sich
+denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vern&uuml;nftig gesprochen habe,
+&uuml;berhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
+Tekrurizustande mich bef&auml;nde.</p>
+
+<p>Nachtr&auml;glich kann ich nun noch constatiren, dass</p>
+
+<p>1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.</p>
+
+<p>2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
+eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es f&uuml;r den im Rausche
+Befindlichen unm&ouml;glich ist, ihn zu z&auml;hlen.</p>
+
+<p>3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.</p>
+
+<p>4) Auffallende L&auml;hmung der Willenkraft.</p>
+
+<p>5) Das Ged&auml;chtniss verliert seine Regeln, naheliegende <a name='Page_15'></a>Dinge werden
+vergessen, andere aus l&auml;ngst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.</p>
+
+<p>6) Alles erscheint in den sch&ouml;nsten Farben und in vollkommener Harmonie.</p>
+
+<p>7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
+dieser Zustand immer dauern m&ouml;ge.</p>
+
+<p>8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verr&uuml;cktsein, als
+das, was wir Europ&auml;er unter Rausch verstehen, zu nennen.</p>
+
+<p>Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und versp&uuml;re auch
+nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Von_Lagos_nach_Liverpool'></a><h2><a name='Page_16'></a>Von Lagos nach Liverpool</h2>
+<br />
+
+<p>Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
+den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen &quot;Das Land der
+Schwarzen&quot; schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
+Icor&oacute;du verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos &uuml;berzusetzen,
+welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, w&auml;ren wir zuletzt beinahe
+noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
+untergegangen.</p>
+
+<p>Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
+Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lok&oacute;ja
+aus als Geschenk f&uuml;r den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
+unsere Packesel zur&uuml;ckgelassen, indem ich mich allein fr&uuml;h Morgens von
+Mak&uacute;m, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
+auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger No&euml;l, der
+w&auml;hrend der langen Reise sich zu einem unerm&uuml;dlichen Fussg&auml;nger
+herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner <a name='Page_17'></a>(ebenfalls zu
+Pferde) begleitet, der schon von Ib&agrave;dan an mit mir reiste, und dessen
+Frau, welche auf dem Kopfe grosse K&uuml;rbisschalen trug, in denen sie ihre
+Vorr&auml;the hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
+als ob sie w&uuml;ssten, dass auch sie nun bald w&uuml;rden erl&ouml;st sein, schritten
+wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
+lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
+Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
+dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so &uuml;berwachsen, dass man
+&ouml;fter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
+auch ohne weitere Ereignisse und Unf&auml;lle die wichtige Handelsstadt
+Ikor&oacute;du ungef&auml;hr gegen 1 Uhr Nachmittags.</p>
+
+<p>Ikor&oacute;du, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
+jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
+Verh&auml;ltnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
+wetteifert jetzt mit Abeok&uacute;ta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
+die Landesproducte, haupts&auml;chlich Palm&ouml;l, Palmn&uuml;sse und Baumwolle gegen
+die europ&auml;ischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
+Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikor&oacute;du w&uuml;rde
+vielleicht bald Abeok&uacute;ta bedeutend im Handel &uuml;bertreffen, weil es nur
+vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
+schiffbaren Ogun-Flusse l&auml;ge, sodass also die Producte schon mehrere
+Tage weit auf <a name='Page_18'></a>die bequemste und leichteste Weise ins Innere
+transportirt werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wir hielten uns &uuml;brigens gar nicht in Ikor&oacute;du auf, sondern durchritten
+schnell die Stadt und den l&auml;rmenden Markt, wo neben einheimischen
+Producten, europ&auml;ische Artikel en d&eacute;tail verkauft wurden, und
+haupts&auml;chlich unser Altonaer K&uuml;mmel und schlechter amerikanischer Rum
+eine reichliche Abnahme fanden&mdash;und zum anderen Thore wieder
+herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
+ungef&auml;hr eine Viertelstunde s&uuml;dwestlich von der Stadt entfernt liegt.
+Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
+baumumkr&auml;nzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
+gegen&uuml;berliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
+dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
+mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfl&auml;che vor sich
+hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner H&uuml;tten, theils leer
+und f&uuml;r etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
+Verk&auml;ufern und Gark&ouml;chen besetzt, welche damit besch&auml;ftigt waren, neben
+Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
+und kleine Mehlk&uuml;gelchen in Palm&ouml;l zu r&ouml;sten, oder eine starkgepfefferte
+Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
+Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der K&uuml;ste in der
+Y&oacute;ruba-Sprache &uuml;bliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
+Bl&auml;tter eingekochter Kleister aus in<a name='Page_19'></a>dianischem Korne, gegessen wird.
+Auch 20-30 gr&ouml;ssere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
+mit der g&uuml;nstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
+angesegelt, welches einen reizenden Anblick gew&auml;hrte, und viel Leben und
+Treiben am Ufer hervorrief.</p>
+
+<p>Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
+liessen, nahmen auch wir eine von den H&uuml;tten in Beschlag, denn schon am
+Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der K&uuml;ste die
+Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
+Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eint&auml;giger
+Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
+zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
+gelassen, um einige Madidi, die man das St&uuml;ck, eine Hand gross, f&uuml;r 10
+Muscheln (an der K&uuml;ste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
+Thaler) &uuml;berall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
+Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
+allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
+westafrikanische Fr&uuml;chte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
+in H&uuml;lle und F&uuml;lle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
+Morgens in der Eile fr&uuml;h sattelten, hatte No&euml;l vergessen, aus dem
+grossen Muschelsack hinreichend f&uuml;r uns welche herauszunehmen, unser
+ganzer Reichthum bestand noch in <a name='Page_20'></a>20 Muscheln, was gerade genug war, um
+unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
+etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von &uuml;brigen
+Kleidungsst&uuml;cken h&auml;tten entbehren k&ouml;nnen, war auch bei den Packeseln
+zur&uuml;ckgeblieben, bis endlich No&euml;l mich an ein paar neuseidene rothe
+Taschent&uuml;cher erinnerte, welche urspr&uuml;nglich als Geschenke f&uuml;r kleinere
+H&auml;uptlinge h&auml;tten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
+Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann sp&auml;ter die Depeschen und
+Briefe der beiden Weissen in Lok&oacute;ja hineingewickelt, um sie auf diese
+Art besser gegen Regen und Schmutz zu sch&uuml;tzen. Die Briefe wurden also
+schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
+Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
+h&auml;tte, auf den Markt geschickt, um die T&uuml;cher zu verauctioniren. Da die
+Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
+bei uns hatten, sich &uuml;berdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
+langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns nat&uuml;rlich f&uuml;r die
+T&uuml;cher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
+wollte. In der That verlangten sie die T&uuml;cher ungef&auml;hr f&uuml;r ein Viertel
+des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen w&uuml;rde.
+Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
+selbst es zur Noth noch bis nach Lagos h&auml;tte aushalten k&ouml;nnen, so
+dauerte mich mein treuer kleiner No&euml;l, der sich zwar auch zum Hungern
+bereit erkl&auml;rte, aber <a name='Page_21'></a>seine Blicke gar nicht von den verlockenden
+Oelk&uuml;gelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
+Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
+verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet w&auml;ren, und so wurde
+unser Mann wieder beordert, die T&uuml;cher auf den Markt zu tragen. Aber o
+Schicksal! Hatten die Neger schon fr&uuml;her so geringe Preise geboten, so
+wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
+nur nicht gar mit meinen seidenen Sackt&uuml;chern sitzen bleiben und hungern
+zu m&uuml;ssen, gab ich sie nun &agrave; tout prix fort. No&euml;l wurde dann ausgesandt,
+um Ekor&eacute;oa, so heisst man die kleinen Mehlk&uuml;gelchen, welche in Palm&ouml;l
+gesotten sind, Yams und Fr&uuml;chte zu kaufen und dann nochmals wieder
+abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gef&auml;hrten, Mann und Frau, assen
+f&uuml;r viere; endlich indess waren Alle satt.</p>
+
+<p>Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
+bei dem bunten Vordergrunde, einen entz&uuml;ckenden Anblick gew&auml;hrte; theils
+benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
+Kleidungsst&uuml;ck, theils auch waren es viereckige grosse St&uuml;cke Zeug, aus
+einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengen&auml;ht. Nach beiden Seiten
+ragten sie nat&uuml;rlich weit &uuml;ber das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
+gesagt, dass alle Abend ein gr&ouml;sseres, dem Gouverneur von Lagos
+geh&ouml;rendes Schiff her&uuml;berk&auml;me und dass es am besten sein w&uuml;rde, mit
+diesem &uuml;berzufahren. Es kam <a name='Page_22'></a>dies denn auch bald in Sicht, indem es
+erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
+regina) gestickt war.</p>
+
+<p>Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
+folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
+einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsf&uuml;hrer das Englisch auf
+jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
+Sprache wird.</p>
+
+<p>Er sagte mir, er w&uuml;rde noch am selben Abend zur&uuml;ckfahren, erbat sich
+auch, da sein Schiff hinl&auml;nglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
+welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gef&auml;hrlich, ausschlug.
+Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
+Pferd unter der Obhut des kleinen No&euml;l zur&uuml;ck, indem ich ihm sagte, so
+lange im Landungsorte von Ikor&oacute;du zu bleiben, bis die anderen Diener und
+Esel ank&auml;men, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
+folgenden Morgen der Fall sein.</p>
+
+<p>Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
+gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
+starken, aber jetzt bei Nacht g&uuml;nstig wehenden Landwind zu benutzen.
+Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
+wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungef&auml;hr eine Stunde hielten
+sie so bei, denn, sei es M&uuml;digkeit oder hatte der Bar&aacute;ssa, so heisst in
+der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
+<a name='Page_23'></a>Schaufeln nieder und &uuml;berliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
+folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
+obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
+tiefblaue Sternenhimmel sich &uuml;ber uns w&ouml;lbte. Auch ich, denkend, es sei
+eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
+dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
+ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
+schlief ich auch schnell ein, erm&uuml;det, wie ich von einem langen Ritte
+war.</p>
+
+<p>Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
+von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
+durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerst&ouml;rt. Ich richtete mich
+schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
+&uuml;berzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
+deren f&uuml;rchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
+Zeuge ist.</p>
+
+<p>Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
+erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
+sprangen sie auf, und ein f&uuml;rchterlicher zweiter Windstoss, der von
+allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
+Gef&auml;hrliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
+noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
+und unregelm&auml;ssig bald hier, bald dort her kommenden Windst&ouml;sse keine
+<a name='Page_24'></a>Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
+und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
+&uuml;bert&ouml;nt, dass wir innerhalb f&uuml;nf Minuten an's Ufer geschleudert waren.</p>
+
+<p>Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
+sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
+Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenst&uuml;tzen
+oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
+Viertelstunde entfernt oder l&auml;nger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
+unter g&uuml;nstigen Umst&auml;nden von ihren vorstreckenden Zweigen allj&auml;hrlich
+neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
+zu dicken St&uuml;tzen oder St&auml;mmen werden. Wer nicht selbst an
+salzseeartigen Lagunen diese eigenth&uuml;mliche Vegetation der Mangroven
+gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
+davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
+sage, dass eine dicke gr&uuml;ne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
+oft aber auch von 10 Fuss hohen St&uuml;tzen getragen, &uuml;ber dem Wasser zu
+ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
+tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese St&auml;mme
+aus Luftwurzeln urspr&uuml;nglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
+die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
+Wellenschlag, abgesehen davon, dass <a name='Page_25'></a>er es fortw&auml;hrend mit Wasser
+f&uuml;llte, schien, als ob er es zertr&uuml;mmern m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Unter den f&uuml;rchterlichsten Regeng&uuml;ssen, einem unaufh&ouml;rlichen
+Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
+electrische Feuerschl&auml;ge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
+taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
+gef&auml;hrlichen Lage. Vergebens bem&uuml;hten wir uns durch Festklammern an die
+Baumst&auml;mme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
+wieder weg und schleuderte uns dann wieder zur&uuml;ck gegen die Baumwand.
+Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verst&auml;ndlich zu machen,
+aber der unerh&ouml;rte L&auml;rm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
+unm&ouml;glich; in dieser lebensgef&auml;hrlichen Stellung blieben wir fast bis
+Tagesanbruch, indem der Tornado merkw&uuml;rdiger Weise fast sieben Stunden
+seine Wuth an uns ausliess, w&auml;hrend er sonst in der Regel nur von kurzer
+Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erb&auml;rmlich
+zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
+abgebrochen, die gegen die Baumst&auml;mme gerichtet gewesene Seite des
+Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
+um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
+freilich kein grosses Ungl&uuml;ck, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
+h&auml;tten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
+einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
+<a name='Page_26'></a>die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
+sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
+Sonne.</p>
+
+<p>Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
+Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
+belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
+gebracht, und wir landeten am n&ouml;rdlichen Ende der Insel zwischen einer
+grossen Menge von Canoes.</p>
+
+<p>Ohne weitere Empfehlungen f&uuml;r Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
+ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lok&oacute;ja von dorther f&uuml;r den
+Gouverneur von Lagos &uuml;berbrachte, indem die dort angesiedelten Engl&auml;nder
+seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
+K&uuml;ste durchzuschicken, war es ganz nat&uuml;rlich, dass ich beim Gouverneur
+mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umst&auml;nde und Anmeldung
+begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
+Gouvernementsgeb&auml;ude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
+europ&auml;ischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr pr&auml;sentabel aus,
+als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
+der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine sch&ouml;nen
+Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
+einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
+Karten vom Niger geliefert hat, die wir &uuml;berhaupt besitzen) erschien.
+Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem <a name='Page_27'></a>Schritte vom Wasser, das in
+sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
+unaufh&ouml;rlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.</p>
+
+<p>Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holl&auml;nder
+verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
+w&uuml;rde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
+hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
+hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erkl&auml;rung: zuerst ein warmes
+Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
+mich nat&uuml;rlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
+Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
+seine zuf&auml;lligen G&auml;ste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
+Aufenthalt angenehm zu machen.</p>
+
+<p>Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
+Glover bleiben; schon beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, woran oben genannte Herren, sodann
+der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein fr&uuml;herer Mission&auml;r in Abeok&uacute;ta und
+jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
+O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
+war n&auml;mlich das Ger&uuml;cht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
+&uuml;ber Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
+Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. &quot;Wo ist der
+Deutsche? Wer ist es?&quot; waren seine ungest&uuml;men Fragen, als er den <a name='Page_28'></a>Salon
+betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
+gedr&uuml;ckt hatte, erkl&auml;rte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
+dass er ein gr&ouml;sseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
+erweisen, als der englische Gouverneur.&mdash;Sowohl Herr Glover als auch ich
+waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
+er sich einer so kurz und b&uuml;ndig gestellten Forderung des Herrn
+Philippi, der &uuml;berdies sein Freund war, gegen&uuml;ber benehmen sollte, ich
+andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
+Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
+schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
+an der Westk&uuml;ste Afrikas nicht abschlagen wollte.</p>
+
+<p>Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
+und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
+aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.</p>
+
+<p>Am andern Tage kam, zum Erg&ouml;tzen der Lagos-Bewohner, auch meine
+Karawane, die beim Uebersetzen &uuml;ber die Lagune mehr als ich beg&uuml;nstigt
+gewesen war; voran kam No&euml;l mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
+Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
+vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
+den Dolmetsch mit St&ouml;cken hinter sich. Aber in Lagos wie in Y&oacute;ruba- und
+<a name='Page_29'></a>Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
+es, dass die halbe schwarze Bev&ouml;lkerung der Karawane nachzog, und es vor
+der Factorei dicht und schwarz gedr&auml;ngt voll Menschen stand, als sie
+durch's hohe Hofthor einzogen.</p>
+
+<p>Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
+C&aacute;merun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zur&uuml;ckerwartet
+wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
+gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
+sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.</p>
+
+<p><i>Lagos</i>, dieses neue Handelsemporium der Engl&auml;nder, liegt, wie schon
+erw&auml;hnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
+englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
+Die sch&ouml;nen breiten Strassen, welche, unter einer aufgekl&auml;rten
+Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdr&auml;ngt haben, die
+zweckm&auml;ssige Bauart der H&auml;user, welche jetzt s&auml;mmtlich aus Backsteinen
+aufgef&uuml;hrt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
+Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
+Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
+Malaria jetzt &auml;usserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
+haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
+grossen Bucht an der Westk&uuml;ste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
+Stadt fast ganz unbekannt.</p>
+
+<p><a name='Page_30'></a>Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
+westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
+Negern recrutirt werden, und haupts&auml;chlich aus dem Haussa-Stamme
+genommen werden. Es ist letzteres merkw&uuml;rdig genug, da im Innern Afrikas
+die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
+ein thats&auml;chlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbst&auml;ndige Nation
+durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgeh&ouml;rt haben.
+Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
+mittheilte, sich zu t&uuml;chtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
+&uuml;brigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten R&auml;ubereien
+verschrien, und wenn Europ&auml;er oder andere Neger durch das sogenannte
+Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
+Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
+sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
+Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
+Gouvernementshause aufgepflanzten Gesch&uuml;tze vorhanden. Die Soldaten sind
+sehr zweckm&auml;ssig uniformirt, und f&uuml;r ihre andere Bequemlichkeit sorgt
+eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.</p>
+
+<p>Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
+h&uuml;bsche steinerne Kirche. Beth&auml;user und Schulen sind ausserdem schon
+mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
+methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
+dass auch die Mohammedaner mehrere <a name='Page_31'></a>Moscheen in Lagos haben und leider
+auf eine dumme, unvern&uuml;nftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
+Gouverneur der Insel, beg&uuml;nstigt werden, die Mission&auml;re hier mit Erfolg
+zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
+besuchte, fand ich eine volle und haupts&auml;chlich aus Negern, jedoch auf
+europ&auml;ische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
+es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, M&auml;dchen, nur von einigen
+wenigen weissen Kindern unterst&uuml;tzt, mit Pr&auml;cision und Gef&uuml;hl die
+sch&ouml;nsten Chor&auml;le, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
+spielte, begleitet, sangen.</p>
+
+<p>Als hervorragende Pers&ouml;nlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
+in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
+Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
+Dorfe in Y&oacute;ruba geb&uuml;rtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
+verkauft. Er hatte jedoch das Gl&uuml;ck, von den Engl&auml;ndern gekapert zu
+werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
+Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
+Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
+und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
+Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
+schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
+als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
+leistete gleich Grosses im Gebiete <a name='Page_32'></a>der afrikanischen Sprachen, seine
+Uebersetzung der heiligen Schrift in die Y&oacute;ruba-Sprache, mehrere
+Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
+gr&uuml;ndlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
+B&eacute;nuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
+Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
+gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die pers&ouml;nliche
+Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn w&auml;hrend
+meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
+Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.</p>
+
+<p>Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
+Gouvernementsgeb&auml;ude die sch&ouml;nen Factoreien oder Handelsetablissements
+der Europ&auml;er aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
+erw&auml;hnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere H&auml;user in Lagos,
+die gute Gesch&auml;fte machen. Der zweiten gr&ouml;ssten Factorei steht ein
+Marseiller Haus vor, und die Engl&auml;nder, obgleich sie sich nat&uuml;rlich auch
+bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
+Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
+westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
+letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.</p>
+
+<p>Der Handel, was Export anbetrifft, beruht haupts&auml;chlich auf Palm&ouml;l, das
+theils fertig von den Eingeborenen den Europ&auml;ern zum Austausch oder zum
+Verkauf gebracht <a name='Page_33'></a>wird, theils auf die N&uuml;sse der Oelpalme, welche roh
+nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
+Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, n&auml;mlich Stearin und Oel. Was
+Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
+zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, f&uuml;r beide Artikel ist
+indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist g&uuml;nstiger f&uuml;r
+Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
+diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
+m&ouml;chte, sie f&uuml;r einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
+liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
+ist bei der Undurchdringlichkeit der W&auml;lder, heutzutage noch keine Rede,
+aber bei der g&auml;nzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
+eben weil wiederum die Neger die europ&auml;ischen Producte nicht entbehren
+k&ouml;nnen, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
+die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen W&auml;ldern finden,
+ihren Tribut zahlen zu lassen.</p>
+
+<p>Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
+schlechter holl&auml;ndischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
+Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
+andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
+Muscheln, welche als Scheidem&uuml;nze in Afrika gelten. Diese werden vom
+indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westk&uuml;ste von Afrika
+gebracht. Obwohl <a name='Page_34'></a>nun sowohl im Innern als auch an der K&uuml;ste der Werth
+derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
+Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
+Muscheln, an der K&uuml;ste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
+der Importation en gros von den Europ&auml;ern gewogen und sp&auml;ter in K&ouml;rbe<a name='FNanchor_3'></a><a href='#Footnote_3'><sup>[3]</sup></a>
+von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
+kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
+K&ouml;nigreich vom Kaiserreich S&oacute;koto) K&auml;ufe und Verk&auml;ufe von
+Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.</p>
+
+<p>Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
+Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
+Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
+Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die gr&ouml;sseren H&auml;user, wie
+O'Swalds, die franz&ouml;sische Factorei und die westafrikanische Compagnie
+haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
+grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht<a name='Page_35'></a>
+einlaufen k&ouml;nnen, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
+Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
+hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch f&uuml;r den Dienst
+einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.</p>
+
+<p>Die Bev&ouml;lkerung von Lagos ist so &uuml;berwiegend schwarzer Ra&ccedil;e, dass die
+wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
+verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
+St&auml;mmen, obwohl Y&oacute;ruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
+glaube indess nicht, dass die schwarze Bev&ouml;lkerung eine niedere Stufe
+einnimmt, wie denn &uuml;berhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
+die schwarze Bev&ouml;lkerung sei gar nicht der Civilisation f&auml;hig, ein sehr
+schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
+bekennen, sich wohl haupts&auml;chlich auf die schwarze Bev&ouml;lkerung Amerikas
+bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdr&uuml;ckten
+Bev&ouml;lkerung Schl&uuml;sse auf eine ganze Ra&ccedil;e ziehen zu wollen, w&auml;re ebenso
+unsinnig und l&auml;cherlich, als wolle man der ganzen europ&auml;ischen Familie,
+weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
+noch benutzen k&ouml;nnen, politische Unm&uuml;ndigkeit vorwerfen. Doch es w&uuml;rde
+zu weit f&uuml;hren, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
+Beispiel anf&uuml;hre, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
+James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen geh&ouml;rt, der ein
+bedeutendes Colonialwaarengesch&auml;ft betreibt. Seine <a name='Page_36'></a>Frau, Md. James,
+ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engl&auml;nder, der
+den K&ouml;nig D&aacute;home besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
+Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
+liebensw&uuml;rdigsten Salondamen.&mdash;Sie hatte mehrere Male die G&uuml;te die
+sch&ouml;nsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
+Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
+F&auml;higkeit, sich zu bilden, bei den Negern angef&uuml;hrt, ich k&ouml;nnte deren
+hundert bringen.</p>
+
+<p>Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
+allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
+grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem gesch&auml;ftigen
+Treiben der Neger zuzuschauen, h&auml;tte Reiz genug gew&auml;hrt. In der That,
+wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
+Allee von Brodfruchtb&auml;umen, die ewig saftgr&uuml;nen Teppiche von
+Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
+Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
+Sandg&uuml;rtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die m&auml;chtig tobende Barre, und
+jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
+Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
+Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit nat&uuml;rlich durch
+gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
+Mission&auml;ren, auf den anderen Factoreien etc.</p>
+
+<p><a name='Page_37'></a>Aber der K&uuml;stendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
+Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
+heizen, um uns &uuml;ber die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
+Er selbst hatte noch die G&uuml;te, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
+hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
+Bremer-Flagge, die von allen europ&auml;ischen Flaggen allein den Tsad-See
+begr&uuml;sst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
+hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
+Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.</p>
+
+<p>Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
+dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
+nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
+hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
+denn abgesehen von den grossen Oelf&auml;ssern, die auf dem Vorder- und
+Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
+Schichten von Baumwolls&auml;cken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
+Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
+zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
+Tons, jedoch war der Raum mehr f&uuml;r Waaren als f&uuml;r Passagiere berechnet:
+es war der Schraubendampfer &quot;Calabar&quot;, Capt. Kroft, der West Africa
+Steam Navigation Company zugeh&ouml;rend. Inzwischen kamen immer noch <a name='Page_38'></a>neue
+Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
+Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
+en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
+eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
+seitens des &quot;Calabar&quot; trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.</p>
+
+<p>Obgleich wir nicht weit von der K&uuml;ste entfernt waren, verloren wir
+dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da &uuml;berdies nach 6 Uhr Abends die
+Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom sch&ouml;nsten Wetter
+beg&uuml;nstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
+hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
+der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verw&ouml;hnt, dass ich mich etwas
+get&auml;uscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
+noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
+dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
+selbst nicht &uuml;ber die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
+Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
+sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
+nicht so g&uuml;nstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da s&auml;mmtliche
+Reisende von der K&uuml;ste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
+Engl&auml;ndern das Zusammensein so unertr&auml;glich macht. Ueberdies war nur
+eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
+<a name='Page_39'></a>durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Mission&auml;rin am Camerun,
+l&auml;ngst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.</p>
+
+<p>Wir legten uns am ersten Tage alle fr&uuml;hzeitig zur Ruhe und da wir bis
+jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, w&auml;hrend die erste Caj&uuml;te
+deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
+auch ich hatten je eine ganze Cabine f&uuml;r uns, &uuml;berhaupt liessen die
+Betten nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+
+<p>Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
+Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
+aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollens&auml;cke kletterte, fand
+ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
+Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
+Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
+die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von K&auml;lte ist ja unter
+den Tropen im Juni &uuml;berhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
+auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.</p>
+
+<p>Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
+englischen Dampfer lebt; f&uuml;hre ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
+Fr&uuml;hst&uuml;ck war, warme Fleische, Gem&uuml;se, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
+12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Fr&uuml;hst&uuml;ck aus
+kalten Fleischen, W&uuml;rsten, Salaten und Fr&uuml;chten bestehend, um 4 Uhr
+Nachmittags das Diner, <a name='Page_40'></a>endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
+versteht sich von selbst, dass die Engl&auml;nder ausserdem zum Schlusse noch
+der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
+keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
+keine besondere Besch&auml;ftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
+konnte.</p>
+
+<p>Das Schiff bot am Morgen einen eigenth&uuml;mlichen Anblick, von den F&auml;ssern
+waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
+lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-K&uuml;ste, die nun,
+nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zur&uuml;ckkehren
+wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu geh&ouml;ren, denn sie sind
+offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
+an der K&uuml;ste, die sich gern und freiwillig den Europ&auml;ern als Arbeiter
+vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
+auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
+Heimath zur&uuml;ckkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
+ihre Gelder mit Bar&aacute;ssa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
+sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
+Kru-Leute sind sehr kr&auml;ftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
+Physiognomie ist sehr h&auml;sslich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
+ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.</p>
+
+<p>Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser <a name='Page_41'></a>Sicht, aber gegen 10
+Uhr Morgens n&auml;herten wir uns wieder der K&uuml;ste, welche ganz flach war und
+nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
+Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
+Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engl&auml;ndern
+gebrauchte f&uuml;r den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
+indess nur ein einziges auf europ&auml;ische Art gebautes Haus zu sehen war,
+von vielen kleinen Negerh&uuml;tten umgeben.</p>
+
+<p>Kaum war das Anlegen vor&uuml;ber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
+umschw&auml;rmten, und nun begann ein Dr&auml;ngen und Klettern um zuerst mit den
+Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
+Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
+von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
+Lebensmittel, haupts&auml;chlich Yams, s&uuml;sse Erd&auml;pfel, Cocosn&uuml;sse, Mangos,
+Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Fr&uuml;chte, dann Papageien,
+Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohm&uuml;tzen,
+Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
+gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
+zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch r&uuml;cklings in
+Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in gr&ouml;sster
+Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
+Flaschen, europ&auml;ische Ta<a name='Page_42'></a>schent&uuml;cher, Messer, manchmal auch baares Geld
+das, was sie w&uuml;nschten, eintauschten. W&auml;hrend indess einige Sachen, z.
+B. Papageien, welche man 3 f&uuml;r 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
+ausserordentlich billig waren, wurden f&uuml;r andere die &uuml;bertriebensten
+Preise gefordert. So verlangte man f&uuml;r ein St&uuml;ck einheimischen Cattun,
+der allerdings recht h&uuml;bsch war, indess nur die Gr&ouml;sse von 3 Ellen L&auml;nge
+auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkw&uuml;rdigerweise f&uuml;r die
+kleinen Meerkatzen unversch&auml;mt hohe Preise gefordert; man h&auml;tte hier
+indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen k&ouml;nnen, denn sogar ein
+Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
+waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
+den Hauptgrund in der Bev&ouml;lkerung bilden indess die Popo- und
+Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden St&auml;mme werden hier
+vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben &auml;chte Negerz&uuml;ge,
+fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der M&uuml;he werth,
+ein europ&auml;isches Taschentuch um die H&uuml;ften zu winden.&mdash;Es befindet sich
+vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engl&auml;nder, die indess jetzt, seit
+der Sklavenhandel nun ganz unterdr&uuml;ckt ist, von ihrer fr&uuml;heren Bedeutung
+verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
+Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
+gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
+geistige Wohl des Schwarzen beschr&auml;nkt, sondern demselben auf der
+Missionsanstalt auch <a name='Page_43'></a>allerlei n&uuml;tzliche Handwerke gelehrt werden, was
+leider die Engl&auml;nder bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
+vernachl&auml;ssigen.</p>
+
+<p>Es kamen hier auch zwei von den deutschen Mission&auml;ren an Bord, um nach
+Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
+Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein geh&ouml;rigs
+Glas Ale gest&auml;rkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
+sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern g&auml;nzlich verlernt habe, da
+er schon l&auml;ngere Zeit an der K&uuml;ste sei. Dies Englisch aus dem Munde
+eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
+komisch, indem nat&uuml;rlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
+l&auml;cherlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
+franz&ouml;sisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
+zur grossen Belustigung des Publikums l&auml;ngere Zeit, er immer englisch
+und ich franz&ouml;sisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
+nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
+allgemeinen Heiterkeit war. Sp&auml;ter ertappte ich ihn, wie er sich ganz
+fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vern&uuml;nftiger Mann war,
+unterhielt, und fast h&auml;tte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
+auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
+erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schw&auml;bisch.</p>
+
+<p>Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
+vorher, westlich etwas zu S&uuml;d haltend, <a name='Page_44'></a>Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
+fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
+fl&uuml;chten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
+dass wir uns nahe an der K&uuml;ste befanden, und Akkra und Christiansborg
+dicht vor uns liegen hatten. Die St&auml;dtchen nehmen sich reizend aus; die
+vielen europ&auml;ischen H&auml;user, alle gl&auml;nzend weiss und italienischen Villen
+gleichend, treten auf dem dunklen Gr&uuml;n der Oel- und Kokospalmen scharf
+hervor. Im Hintergrund sah man niedrige H&uuml;gel, eine Abwechslung, die um
+so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache K&uuml;sten gesehen
+hatten. Die meisten gr&ouml;sseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
+und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
+Etablissement wehen. Auch mehrere gr&ouml;ssere Handelsschiffe waren vor
+Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.</p>
+
+<p>Wie gew&ouml;hnlich gr&uuml;sste der Calabar mit drei Sch&uuml;ssen und warf dann Anker
+aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumst&auml;mme
+umschw&auml;rmt waren, welche die Akkra-Neger mit gr&ouml;sster Geschicklichkeit
+&uuml;ber die h&ouml;chsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
+handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
+auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wof&uuml;r indess mehrere andere
+Mission&auml;re mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen <a name='Page_45'></a>alle von der
+Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein t&uuml;chtiges Feld
+er&ouml;ffnet hat.</p>
+
+<p>Akkra und Christiansborg geh&ouml;ren schon der Goldk&uuml;ste an, indem diese von
+der &ouml;stlich sich hinziehenden Sklavenk&uuml;ste durch den Volta-Fluss
+getrennt ist. Wir hatten die M&uuml;ndung dieses bedeutenden Flusses, der
+rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
+Bev&ouml;lkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
+den Y&oacute;ruba verwandt sein. Ganz eigenth&uuml;mlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
+weil sie ein erh&ouml;htes Hintertheil haben, &uuml;berhaupt dabei sehr gross
+sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
+das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
+entz&uuml;ckte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
+an die singlustigen Kak&aacute;nda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
+unm&ouml;glich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
+zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist h&ouml;chst
+bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
+dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. M&ouml;glich auch,
+dass sie dies durch den Unterricht von Mission&auml;ren gelernt haben, obwohl
+die Lieder, welche sie sangen, keine religi&ouml;se zu sein schienen, sondern
+gew&ouml;hnliche Volkslieder.</p>
+
+<p>Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holl&auml;ndisch, ist
+jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engl&auml;nder gekommen. Christiansborg
+wurde schon 1850 <a name='Page_46'></a>von den D&auml;nen dem Englischen Gouvernement &uuml;berlassen.
+Man sieht also, wie England so ganz allm&auml;hlich und ohne Aufsehen zu
+erregen, sich der ganzen K&uuml;ste von Afrika bem&auml;chtigt, denn l&auml;ngst sind
+der Reichthum an Rohproducten und die F&auml;higkeit, sp&auml;ter dort f&uuml;r alle
+Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
+finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.</p>
+
+<p>Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
+Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
+fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
+vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.</p>
+
+<p>Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
+steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
+Portugiesen erbaut, geh&ouml;rt sie jetzt den Engl&auml;ndern, und sieht sie auch
+nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
+einen europ&auml;ischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
+bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
+besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
+sch&ouml;nen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
+k&uuml;nstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
+ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
+vorgezeigt, dass ein gew&ouml;hnlicher europ&auml;ischer Goldarbeiter M&uuml;he gehabt
+haben w&uuml;rde, <a name='Page_47'></a>dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
+hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
+Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
+theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
+Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bev&ouml;lkerung bilden, sowie die
+Assin und Wassau, St&auml;mme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
+bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
+zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes S&auml;ckchen
+mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
+Kernen einer Schottenpflanze und bei gr&ouml;sseren Quantit&auml;ten in Steinchen.</p>
+
+<p>Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
+Oceans gegen die Felsbl&ouml;cke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
+einer H&ouml;he von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
+zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf St&uuml;hlen
+sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westk&uuml;ste von Afrika, in die
+grossen Kanoe St&uuml;hle zu setzen, da keine B&auml;nke vorhanden sind) in einem
+grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
+als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im sch&ouml;nsten
+Plattdeutsch (Holl&auml;ndisch) unterhalten h&ouml;rte. Diese heimischen T&ouml;ne
+brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
+Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja m&ouml;glicherweise neu
+uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald entt&auml;uscht, indem man <a name='Page_48'></a>mir
+in der Ferne nach Westen zu das holl&auml;ndische Fort Elmina zeigte, das ich
+bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, besch&auml;ftigt wie ich war mit
+meiner allern&auml;chsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
+Coast Castle entfernt und insofern f&uuml;r die Holl&auml;nder von Wichtigkeit,
+weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten f&uuml;r ihre ostindischen Colonien
+recrutiren. Sie bezahlen daf&uuml;r einen j&auml;hrlichen Tribut an den Aschanti
+K&ouml;nig, der ihnen hingegen die n&ouml;thige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
+Diese werden nun meist auf f&uuml;nf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
+sie frei werden und in ihr Land zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. Dies thun sie dann
+auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer R&uuml;ckkehr meist beim Fort
+Elmina unter dem holl&auml;ndischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
+Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen w&uuml;rden. Man theilte mir
+hier mit, dass so gut der K&ouml;nig von Aschanti mit den Holl&auml;ndern stehe,
+er gerade jetzt den Engl&auml;ndern den Krieg erkl&auml;rt habe, und sie nach
+Beendigung der Regenzeit angreifen w&uuml;rde. Hoffen wir das dem nicht so
+ist oder, wenn, dass derselbe gl&uuml;cklicher f&uuml;r unsere weissen Vettern
+ausfallen m&ouml;ge als bei fr&uuml;heren Gelegenheiten.</p>
+
+<p>Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der K&uuml;ste
+haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
+gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
+Dampfers zur Folge hatte, der &uuml;berdies &uuml;berm&auml;ssig lang und schmal war.
+Es war f&uuml;r mich um so unangenehmer, als <a name='Page_49'></a>ich von Zeit zu Zeit noch
+Fieberanf&auml;lle bekam, obgleich sonst meine Kr&auml;fte durch die Seeluft
+anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
+gem&uuml;thlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
+an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil h&auml;tten abhalten k&ouml;nnen,
+lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
+Mission&auml;re das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
+abgehalten, und Kapit&auml;n Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
+grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
+F&uuml;hrung des Dampfers.</p>
+
+<p>Mit Cap tree points verliessen wir Abends die K&uuml;ste, und fuhren den
+ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkw&uuml;rdiges aufstiess;
+zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortw&auml;hrend unter Deck,
+denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade &uuml;ber unseren
+K&ouml;pfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
+endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
+amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren f&uuml;r die Ausbreitung der
+christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
+anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.</p>
+
+<p>Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-K&uuml;ste, und z&auml;hlt politisch zur
+Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
+Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
+Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die <a name='Page_50'></a>Kirchen und
+hochgiebligen H&auml;user konnten einen glauben machen eine nordische K&uuml;ste
+vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
+indess diese Illusionen wieder zerst&ouml;rt, denn er sieht wie ein
+mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine gr&uuml;ne Insel,
+die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beitr&auml;gt
+die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erh&ouml;hen. Cap Palmas ist wie
+ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
+und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
+ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abh&auml;ngig von dem Pr&auml;sidenten in
+Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
+vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
+treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
+leben mit den Negern im besten Einverst&auml;ndniss. Hauptartikel des Handels
+ist, wie an der ganzen Westk&uuml;ste, Oel und Palmn&uuml;sse. Der Ort ist im
+Emporbl&uuml;hen begriffen, und ich h&auml;tte gern die Gelegenheit benutzt, diese
+interessanten Punkte einer selbst&auml;ndigen Negercultur n&auml;her in
+Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
+Landen sehr unangenehm gemacht h&auml;tten. Freilich liessen sich unsere
+Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
+nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschw&auml;rmten in
+unendlich kleinen und unz&auml;hligen Kanoes fortw&auml;hrend den Dampfer, um sie
+aufzunehmen.</p>
+
+<p><a name='Page_51'></a>Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gep&auml;ck waren, sprangen
+ganz einfach &uuml;ber Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
+Dass dabei die l&auml;cherlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
+sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
+meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt w&auml;re
+im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgesch&uuml;ttet. Es lagen auch
+mehrere europ&auml;ische Schiffe hier vor Anker.</p>
+
+<p>Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die gr&uuml;ne
+K&uuml;ste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen w&uuml;rde die Fahrt zu
+einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
+Schmeet, einem holl&auml;ndischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
+unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden h&auml;tte. Die holl&auml;ndischen
+Colonien, &uuml;ber den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
+gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
+lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
+Europa, hatte ich mich durch St&ouml;sse neuer Schriften, die lauter f&uuml;r mich
+unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.</p>
+
+<p>Ein guter Wind beg&uuml;nstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
+schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, w&auml;hrend wir
+eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr h&auml;tten eintreffen sollen.</p>
+
+<p>Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
+auf welche Stufe der Neger sich in <a name='Page_52'></a>Cultur und Civilisation
+emporzuschwingen vermag, sobald er, von t&uuml;chtigen Missionen umgeben, in
+administrativer Beziehung sich selbst &uuml;berlassen ist. Die Regierung
+selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
+hier denn auch der Pr&auml;sident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
+Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europ&auml;ische M&auml;chte gerichtet
+sein k&ouml;nnte, wird immer noch vom government of the United States
+ausge&uuml;bt; nach Innen zu gegen die unabh&auml;ngigen Neger ist Liberia
+vollkommen im Stande, sich selbst zu sch&uuml;tzen und Achtung zu
+verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen &uuml;brigens die Herrschaft der
+Republik Liberia an, und &uuml;ber 25,000 Seelen davon haben die christliche
+Religion angenommen.</p>
+
+<p>Auch hier war es leider nicht m&ouml;glich ans Land zu kommen; die Stadt
+selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
+Westk&uuml;ste von Afrika die sch&ouml;nste sein, und selbst die englische Stadt
+Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung &uuml;bertreffen. Eine grosse
+Bucht vor dem Orte gew&auml;hrt den gr&ouml;ssten Schiffen vollkommene Sicherheit,
+und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
+Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
+K&ouml;nigin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
+haupts&auml;chlich in Zucker, welcher mit dem gr&ouml;ssten Erfolg von den Negern
+gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia f&uuml;r 150,000
+Pfund Sterling Rohzucker ausgef&uuml;hrt.</p>
+
+<p><a name='Page_53'></a>Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
+Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
+ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
+Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
+Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencaj&uuml;te, w&auml;hrend wir
+selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
+jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engl&auml;nder sind viel
+zu vern&uuml;nftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
+Stubengelehrten, welche &uuml;ber Ra&ccedil;enunterschied ellenlange gehaltlose
+Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu k&ouml;nnen), dass an Bord
+vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
+Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegef&auml;hrte, war immer einer
+unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.</p>
+
+<p>Abends und Nachts hatten wir wieder das f&uuml;rchterlichste Unwetter, von
+tropischen Regeng&uuml;ssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
+die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
+konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
+des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
+indess von einer schwarzen Wolkenschicht umh&uuml;llt, man sah nur die
+unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der K&uuml;ste
+von Afrika hingeworfen erscheint. Fr&uuml;her war es jedenfalls eine Insel
+wie Fernando Po oder St. <a name='Page_54'></a>Thomas, erst sp&auml;ter entstand durch
+Anschwemmung aus den beiden Fl&uuml;ssen Bokelli und Kates, die ihre
+M&uuml;ndungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
+Sierra Leone oder das L&ouml;wengebirge ist nicht blos, weil es der
+bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels &uuml;bertrifft
+Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westk&uuml;ste
+von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenth&uuml;mliche
+geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
+sch&ouml;ne, st&auml;dtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
+Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
+vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.</p>
+
+<p>Das Erste was sich unseren Blicken genauer pr&auml;sentirte, ist ein kleiner
+Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
+Gr&uuml;n f&uuml;r sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
+prachtvolle Missionsgeb&auml;ude der Engl&auml;nder vor sich, von &uuml;ppig prangendem
+Gr&uuml;n umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
+vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans L&ouml;wengebirge hinaufgebaut.</p>
+
+<p>Die vielfarbigen H&auml;user, meist von hochgiebeligen D&auml;chern, was f&uuml;r ihr
+Alter spricht, &uuml;berragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
+Br&uuml;ckenanlagen, welche &uuml;ber tief einschneidende Ravins f&uuml;hren,
+grossartige Kirchen und andere &ouml;ffentliche Geb&auml;ude, als: der Sitz des
+Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospit&auml;ler, ei<a name='Page_55'></a>nige
+Verschanzungen nach der Seeseite zu&mdash;dies Alles untermischt vom tiefen
+dunklen Gr&uuml;n der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
+schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgr&uuml;n emporschauen&mdash;dies
+imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
+der englischen Besitzungen an der Westk&uuml;ste von Afrika vor sich hat. Im
+Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
+hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
+Europ&auml;er oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
+schon anf&uuml;hrten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
+wunderherrliche Hafen, durch die M&uuml;ndung des Sierra-Leone-Flusses
+gebildet. Was Gr&ouml;sse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
+an der ganzen K&uuml;ste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
+die kleinen Canoes einen gesch&auml;ftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
+etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.</p>
+
+<p>Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
+und bewunderten, liess der &quot;Calabar&quot; mit lang dauerndem Gerassel seine
+Anker fallen. Er h&auml;tte zwar noch n&auml;her ans Land gehen k&ouml;nnen, aber uns
+war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
+weniger vom Gesammtbilde verloren.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
+n&auml;her in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
+f&uuml;r Herrn Rosen<a name='Page_56'></a>busch, der, Hamburger von Geburt, als holl&auml;ndischer
+Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
+statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
+profitiren konnte; indess hatte ich sp&auml;ter den Vortheil den Herrn kennen
+zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
+&uuml;berdies die G&uuml;te hatte, mich mit neuen B&uuml;chern, unter anderen dem
+ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.</p>
+
+<p>Freetown oder, wie man gew&ouml;hnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
+obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
+durchaus schwarze Bev&ouml;lkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
+Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
+gar nicht. Die Schwarzen, urspr&uuml;nglich von freigelassenen Sklaven
+herstammend, welche die Engl&auml;nder den Spaniern, Portugiesen und
+Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bev&ouml;lkerung, die man
+sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
+Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
+Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
+Bev&ouml;lkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
+als Medium zwischen den unter sich fremden Negerst&auml;mmen dient. Es giebt
+hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
+Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegr&uuml;ndet, und
+wie man mir sagte, machte eben die letztere verh&auml;ltniss<a name='Page_57'></a>m&auml;ssig am
+meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl m&ouml;glich, denn sobald die
+Priester der r&ouml;mischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
+legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
+noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
+als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
+evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
+Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
+desshalb eine gr&ouml;ssere Anziehung aus&uuml;ben muss. Kirchen und Schulen
+fehlen nat&uuml;rlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
+Buchf&uuml;hrer dieser Colonie sind an der ganzen K&uuml;ste gesucht und bekannt.
+Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die urspr&uuml;nglich
+auf Kosten und M&uuml;hen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
+haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
+Beruf durch die Verlockung, einen gr&ouml;sseren Gehalt zu bekommen, abwendig
+machen lassen, und so die Fr&uuml;chte einer langj&auml;hrigen Arbeit f&uuml;r die
+Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
+weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuni&auml;r bedeutend geringer
+gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
+der ersteren sein d&uuml;rfte.</p>
+
+<p>Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
+angelegt, dennoch k&ouml;nnte man mehr f&uuml;r den Gesundheitszustand derselben
+thun, wenn man die <a name='Page_58'></a>breiten, mit hohem Gras, Geb&uuml;sch und Palmen
+bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
+b&ouml;ser Ausd&uuml;nstung sein m&uuml;ssen, verschwinden lassen w&uuml;rde. Zudem, da
+Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
+und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die H&auml;user sind
+meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
+man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
+fr&uuml;her Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
+Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
+durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
+Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
+mit weissen Glac&eacute;handschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
+alle haben nach neuester Mode eine Brille &uuml;ber dem Nasenr&uuml;cken, oder
+doch an einem B&auml;ndchen herunterh&auml;ngen, viele haben einen F&auml;cher; die
+Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
+Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
+dem europ&auml;ischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
+schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu k&ouml;nnen, wesshalb
+die Haken und Oesen zum Aufh&auml;ngen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
+werden eingef&uuml;hrt werden&mdash;oder kurze R&ouml;ckchen, wobei nat&uuml;rlich das
+schwarze Beinchen durch blendend weisse Str&uuml;mpfe und Schn&uuml;rstiefelchen
+mit chinesischem Absatz zu einem voll<a name='Page_59'></a>kommenen Pariser umgewandelt wird.
+In den Caf&eacute;s sieht man &auml;ltere und gesetztere Neger, oft schon
+weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
+Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
+es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
+ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
+Thermometer zwischen 20 und 25&deg; schwankt, kann man sicher sein, wie
+Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
+junger Engl&auml;nder, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterh&auml;lt sich
+vielleicht mit einer schwarzen Sch&ouml;nen vom Balle am vergangenen Abend,
+ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
+Blondk&ouml;pfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
+selbst Verse improvisirend.</p>
+
+<p>F&uuml;r Europ&auml;er ist indess der l&auml;ngere Aufenthalt in der Stadt einer der
+verderblichsten an der ganzen K&uuml;ste: Consul Rosenbusch erz&auml;hlte mir,
+dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bev&ouml;lkerung, circa
+200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
+Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
+jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
+an der ganzen Westk&uuml;ste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
+climatischer Hinsicht stattfindet.&mdash;Der Handel von Sierra Leone, wie
+schon die vielen gr&ouml;sseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
+bedeutend, <a name='Page_60'></a>und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
+mit der ganzen Westk&uuml;ste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
+Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
+wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
+von Gondja und wird haupts&auml;chlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
+zur K&uuml;ste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
+Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
+Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.</p>
+
+<p>Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
+und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
+wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
+Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
+heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
+dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
+machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
+ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie &uuml;blich
+fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
+hin wiederum waren andere N&auml;chte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
+dass man dann daf&uuml;r eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
+indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
+geschw&auml;ngerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbin<a name='Page_61'></a>dung zu bringen
+sein d&uuml;rfte.&mdash;Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
+nat&uuml;rlich f&uuml;r uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
+war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
+von 1867 auf 2500 Badeg&auml;ste nur 20 Kellner waren, w&auml;hrend wir auf 60
+Passagiere doch 10 Aufw&auml;rter hatten, und so wird man finden, dass die
+Engl&auml;nder und Neger, letztere waren es haupts&auml;chlich, die &uuml;ber
+mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
+hatten. Eher Recht h&auml;tten sie gehabt sich &uuml;ber die K&uuml;che zu beklagen,
+die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
+nach Art der Negerk&uuml;che zubereitet, d.h. halb gar, das Gem&uuml;se war durch
+eine Decoction von heissem Wasser gew&ouml;hnlich in geschmackloses Kraut
+umgewandelt, ein bestimmter Service wurde &uuml;berhaupt beim Essen gar nicht
+beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
+die auch von der geh&ouml;rigen Reihenfolge der G&auml;nge und einzelnen Gerichte
+keine Idee haben. Gew&ouml;hnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
+und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
+Ungl&uuml;cklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
+Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
+Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
+hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.</p>
+
+<p>Wir brauchten 3 Tage um die weite M&uuml;ndung des <a name='Page_62'></a>Gambiaflusses zu
+erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
+der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
+6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
+sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der M&uuml;ndung des
+Flusses, tr&auml;gt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
+fanden wir auch eine Menge gr&ouml;sserer Schiffe hier, meist englische und
+franz&ouml;sische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
+namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
+Flusse ist ebenfalls f&uuml;r Europ&auml;er &auml;usserst ungesund, und ist
+Haupthinderniss f&uuml;r Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
+anzulegen, da die meisten Mission&auml;re fr&uuml;hzeitig den b&ouml;sen Einfl&uuml;ssen der
+Luft erliegen. Der Handel besteht hier haupts&auml;chlich in Koltsche oder
+Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
+frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
+etwas im Feuer ger&ouml;stet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
+ganz Innerafrika vorkommt, wird haupts&auml;chlich nach Frankreich verschickt
+und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
+in jeder Beziehung so gut wie Oliven&ouml;l ist.</p>
+
+<p>Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
+anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
+Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
+Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine <a name='Page_63'></a>Schuhe
+selbst, nachdem er zuvor einen grossen K&auml;fig, in welchem er zwei
+Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher haupts&auml;chlich in den
+Urw&auml;ldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
+aufh&auml;lt, die Engl&auml;nder nennen ihn crownbird) hatte, eigenh&auml;ndig
+ausgekehrt hatte.</p>
+
+<p>Wir blieben bis f&uuml;nf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
+einem so starken Tornado waren &uuml;berfallen worden, dass unser ganzes
+Sonnenzelt &uuml;ber Bord ging; f&uuml;r's Schiff selbst war freilich nichts zu
+besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
+Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach f&uuml;nf
+Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
+doch fortw&auml;hrend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
+erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
+bewegliche Gebirge ank&auml;mpfte, jetzt &uuml;ber eine sehr lang gestreckte Welle
+hin&uuml;bergetragen wurde, dann aber wieder durch eine k&uuml;rzere zischend
+hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
+zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bek&auml;mpft, und mit Erfolg
+bek&auml;mpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
+K&ouml;rper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
+Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
+Natur.&mdash;Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
+zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
+<a name='Page_64'></a>Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
+Juni Morgens fr&uuml;h hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
+Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns nat&uuml;rlich in Quarantaine
+und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
+mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
+vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
+nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die H&auml;nde zu
+nehmen. Nat&uuml;rlich war es unter solchen Verh&auml;ltnissen Niemand gestattet
+ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
+Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
+sp&auml;ter gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
+sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
+wir hatten Gelegenheit uns hier die k&ouml;stlichsten Weintrauben zu
+verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst &ouml;de aus, selbst die Stadt,
+ohne irgendwie malerisch zu sein, tr&auml;gt nichts dazu bei, die kahlen und
+schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
+bemerkt man vom Meere aus keine B&auml;ume, obwohl diese Insel wohl nicht
+ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
+Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.</p>
+
+<p>Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
+denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordw&auml;rts steuerte. Wir
+hielten dicht <a name='Page_65'></a>neben der K&uuml;ste, und so lange wir unter dem Schutze der
+hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
+so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
+Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
+wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
+junge bildsch&ouml;ne Engl&auml;nderin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
+um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
+ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapit&auml;ns gestellt war.
+Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
+See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserkl&auml;rungen und Aufmerksamkeiten so
+geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
+Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
+kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung f&uuml;r
+die herrliche Insel.</p>
+
+<p>Um 1 Uhr Nachts verk&uuml;ndeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
+angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
+erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
+uns. Giebt es &uuml;berhaupt einen entz&uuml;ckenderen Anblick, als diese ewig
+gr&uuml;ne Fr&uuml;hlingsinsel? Unter der aufgekl&auml;rten Regierung der Portugiesen
+wurde uns hier nat&uuml;rlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
+landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
+von den sch&ouml;nen G&auml;rten, von den schattigen <a name='Page_66'></a>Spazierg&auml;ngen, von dem
+eigenth&uuml;mlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
+von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
+der Insel darbieten; es ist dies Alles l&auml;ngst bekannt, denn Madeira war
+und ist noch immer eine Hauptwinterstation f&uuml;r Brustleidende unserer
+kalten L&auml;nder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
+Comfort, es giebt dort deutschredende Aufw&auml;rter, und die Preise sind,
+obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
+billiger als in allen anderen. Der Weinbau f&auml;ngt auch an sich wieder zu
+heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
+war, desshalb ist &auml;chter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
+augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
+Weine, welche denn auch gew&ouml;hnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
+bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.</p>
+
+<p>Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
+Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
+Unter anderen war eine junge Landsm&auml;nnin zugekommen, deren Mann nach
+einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
+durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
+Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
+ansehen und unterlassen, sie dem Engl&auml;nder schon gleich am ersten Tage
+abwendig zu machen, bei <a name='Page_67'></a>welchem Unternehmen ich freilich mit
+Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterst&uuml;tzt wurde. Es
+traf sich merkw&uuml;rdig genug, dass diese liebensw&uuml;rdige Frau, in
+Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im h&ouml;chsten
+Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
+Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engl&auml;nderin der
+Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.</p>
+
+<p>Von der sechst&auml;gigen Reise von Madeira nach Liverpool f&uuml;hre ich hier nur
+noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
+gar nicht auf eine solche K&auml;lte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
+vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
+Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
+gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
+schwarz, suchte immer Schutz und W&auml;rme bei der Maschine, was mich
+anbetrifft, so half mir meine Landsm&auml;nnin, welche einen Kleidervorrath
+von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
+und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Caj&uuml;te die
+eingeschlossene Luft einathmen zu m&uuml;ssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
+Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
+sp&auml;ter in den Docks in Liverpool bei.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_Stadt_Kuka_in_Bornu'></a><h2><a name='Page_68'></a>Die Stadt Kuka in Bornu</h2>
+
+
+<div class='blkquot'><p><i>Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
+ Sultans.&mdash;Das Christenhaus.&mdash;Rathsversammlungen.&mdash;Aufz&uuml;ge und Prunk
+ der Grossen.&mdash;Leben und Treiben auf dem grossen Markte.&mdash;Schwunghafter
+ Sclavenhandel.</i> </p></div>
+<br />
+
+<p><i>Kuka</i>, von den Bewohnern Sudans <i>Kukaua</i> genannt, ist die Haupt- und
+gew&ouml;hnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungef&auml;hr dem 13&deg; n&ouml;rdl.
+Br. und dem 32-1/2&deg; &ouml;stl. L&auml;nge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
+des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
+Diese ist zum gr&ouml;ssten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
+haupts&auml;chlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
+aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
+unmittelbarer N&auml;he der Stadt haben die B&auml;ume f&uuml;r die Culturen Platz
+machen m&uuml;ssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
+hohen <i>Argum-moro</i>- (Pennisetum distichum) und <i>Ng&aacute;foli</i>- (Sorghum)
+Feldern umgeben. Allm&auml;lig aber, und namentlich gegen das Ende der
+Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein <a name='Page_69'></a>Sumpf, und bei
+anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
+ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
+selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
+welche die Stadt der ganzen L&auml;nge nach durchschneidet, von den Kukaern
+&quot;<i>Dendal</i>&quot;, d.h. Promenade genannt oder, wie Barth &uuml;bersetzte,
+&quot;K&ouml;nigsstrasse&quot;, ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
+Tiefe.</p>
+
+<p>Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gr&uuml;nder Mohammed-el-K&aacute;nemi im Jahre
+1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
+eine &quot;Kuka&quot; oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
+Weststadt <i>Billa fute be</i>, der Mittelstadt und der Oststadt <i>Billa gede
+be</i>.<a name='FNanchor_4'></a><a href='#Footnote_4'><sup>[4]</sup></a> Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
+geh&auml;rtetem Thon umgeben und derart aufgef&uuml;hrt, dass man von Innen bequem
+durch Treppen &uuml;berall bis nach oben hinaufsteigen kann, w&auml;hrend die
+Aussenwand fast ganz steil abl&auml;uft. Die Richtung der Stadt ist, da die
+beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
+bilden, beinahe von Osten nach Westen.</p>
+
+<p>An &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden besitzt nat&uuml;rlich eine Stadt wie Kuka, deren
+Baumaterial blos Thon ist, nichts Be<a name='Page_70'></a>merkenswerthes. Der jetzige Sultan,
+Scheich Omar, der bei den Kan&uacute;ri den Titel <i>Mai</i>, d.h. K&ouml;nig, f&uuml;hrt,
+residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, ger&auml;umige Wohnungen
+hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
+bewohnt werden; in den inneren Hofr&auml;umen sind ausserdem eine Menge
+kleiner, birnenf&ouml;rmiger H&uuml;tten aus Stroh, f&uuml;r die Weiber und Sklaven.
+Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
+Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
+der Mai immer im gr&ouml;ssten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
+Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
+Mohammed-el-K&aacute;nemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gr&uuml;ndete,
+nachdem die der <i>S&eacute;fua</i>, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
+bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
+Throne gest&uuml;rzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
+Barth und Vogel in Bornu waren, als Emp&ouml;rer and Usurpator erdrosseln.
+Das Grab des Letztern ist &auml;usserst pr&auml;chtig und gleicht in dieser
+Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
+andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden k&ouml;nnen,
+und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
+Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche fr&uuml;her
+haupts&auml;chlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
+sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
+auch des Frei<a name='Page_71'></a>tags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
+indess nur in einzelnen F&auml;llen in der Weststadt und dann immer nur auf
+einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus <i>Fato
+á¹…ssara be</i>, welches allen europ&auml;ischen Reisenden, von Barth und
+Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.</p>
+
+<p>In beiden St&auml;dten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
+giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongeb&auml;ude, und zwar
+in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, w&auml;hrend in der
+Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
+afrikanischen L&auml;nder zusammenstr&ouml;men, ihre Wohnungen und Niederlassungen
+haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
+<i>bienenkorbf&ouml;rmige Strohh&uuml;te</i>, die gew&ouml;hnlich oben mit einem Straussenei
+oder mehreren geschm&uuml;ckt ist, <i>Ṅgim</i> genannt, und die, wenn mehrere
+zusammen von einer th&ouml;nernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
+<i>Fato</i>, Wohnung, haben.</p>
+
+<p><i>Die Bev&ouml;lkerung</i> einer Stadt, die als <i>Hauptmittelpunkt des Handels von
+Innerafrika</i> gilt, muss nat&uuml;rlich eine sehr gemischte sein; am meisten
+vertreten sind indess die <i>Kan&uacute;ri</i> oder eigentlichen Bornubewohner, dann
+die <i>Leute aus Kanem</i>, einem Lande, welches n&ouml;rdlich vom Tsad liegt,
+endlich die <i>Teda</i> oder <i>Tebu</i>, die zum Theil in Bornu selbst ans&auml;ssig
+sind, zum Theil auch aus den ihnen zugeh&ouml;renden L&auml;ndern kommen. Aber
+ausserdem sind die <i>B&uacute;dduma</i> oder <i>Jedina</i>, <a name='Page_72'></a>welche die Inseln des
+<i>Tsad</i> bewohnen, die <i>Uandala</i> aus den n&ouml;rdlichen Sumpfniederungen am
+Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
+vertreten, sowie das <i>weisse</i> Element durch die verschiedenen
+<i>T&uacute;areg-St&auml;mme</i> der s&uuml;dlichen Sahara und durch <i>Araber</i> und <i>Berber</i>
+repr&auml;sentirt wird. Nat&uuml;rlich da alle diese St&auml;mme ihre eigenen Trachten
+haben, bietet dieses V&ouml;lkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
+denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
+Eigenth&uuml;mliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
+h&auml;ufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
+Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande f&uuml;r sch&ouml;n hielten, in die
+Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses St&uuml;ck Holz oder eine
+K&uuml;rbisschale einzuschieben, so sch&auml;men sie sich doch dieses Schmuckes,
+sobald sie l&auml;ngere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
+die grossen L&ouml;cher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
+R&auml;nder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
+s&uuml;dlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
+ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
+welches sie vorn an ihrem G&uuml;rtel befestigen; aber bald erwacht das
+Schamgef&uuml;hl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
+und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsst&uuml;ck zu bedecken.</p>
+
+<p>Kuka ist eine <i>Grossstadt</i> und gleicht in manchen Beziehungen unseren
+europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten. Morgens <a name='Page_73'></a>fr&uuml;h, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
+eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schl&auml;ft noch. Indess
+kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
+den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
+Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gem&uuml;sen. Laut ihre Waaren
+ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
+Frauen Kukas, um f&uuml;r den t&auml;glichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
+sorgf&auml;ltig die H&uuml;tte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
+ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
+die Kan&uacute;rifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
+M&auml;nner, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Gesch&auml;ft,
+nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Fr&uuml;hst&uuml;ck eingenommen haben,
+welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
+Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
+Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen L&auml;ndern unter Schoppen
+in den Strassen oder auf den &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen betrieben,
+Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse F&auml;rbereien, um den Kattunen
+die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
+Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
+besch&auml;ftigt sind, um durch Klopfen mit einem h&ouml;lzernen Hammer der Tobe
+oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
+Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
+Freien. Die gegen Mittag <a name='Page_74'></a>eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
+l&auml;nger als bis 11 Uhr den Gesch&auml;ften nachzugehen.</p>
+
+<p>Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
+Jene begeben sich in ein Vorgeb&auml;ude oder in einen &auml;ussern Hof ihrer
+Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
+zu h&ouml;ren und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangeh&ouml;rigen zu
+ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
+ihm zun&auml;chst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
+Neuigkeiten aus, oder mustert die Vor&uuml;bergehenden.</p>
+
+<p>Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
+und darunter namentlich die <i>Cognaua</i> (Plural von <i>Cogna</i>) oder R&auml;the,
+welche die <i>Rathsversammlung</i> oder <i>N&oacute;kna</i>, die alle Morgen in der
+Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepr&auml;nge,
+von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
+kommt auf einem pr&auml;chtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
+Sklaven bezahlt worden ist, ein n&auml;chster Verwandter des Sultans; sein
+Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
+der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
+Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
+Arabesken von Gold gestickt sind, &uuml;berzogen; eine eben so kostbare
+Schabracke und Z&uuml;gel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
+vervollst&auml;ndigen das Ganze. Der Reiter tr&auml;gt meist nach Art der Tuniser
+<a name='Page_75'></a>Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
+mit einem Turban versehen, meist begn&uuml;gen sie sich mit einem rothen Fes.
+Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
+und die <i>Cognaua</i> die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
+selbst die Gener&auml;le und Minister, m&uuml;ssen barhaupt und barfuss
+erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffentr&auml;ger und rufen Jedem zu,
+Platz zu machen, w&auml;hrend hinterher noch Spiesstr&auml;ger und ein ganzes
+Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
+Beamten, h&ouml;heren Offiziere und R&auml;the, alle lieben es aber, ein so
+grosses Gefolge wie m&ouml;glich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
+Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
+Vorrecht der k&ouml;niglichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.</p>
+
+<p>Alle diese Aufz&uuml;ge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
+dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
+husten, er k&uuml;mmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
+&uuml;ber ihm steht. Sobald alle in den ger&auml;umigen S&auml;len des F&uuml;rsten
+versammelt sind und sich gesetzt haben, ert&ouml;nen die grosse Trommel und
+mehrere Pfeifen und andere Instrumente, f&uuml;r die wir keinen Namen haben,
+von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
+clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
+<i>Mai</i> die Versammlung, und w&auml;hrend sich die Verschnittenen zur&uuml;ckziehen,
+nimmt er Platz auf einer Erh&ouml;hung, die mit sch&ouml;nen Smyrnaer Teppichen
+&uuml;berdeckt <a name='Page_76'></a>ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
+erhoben hat, l&auml;sst sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
+den Mai begr&uuml;ssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
+die speciell Bevorzugten d&uuml;rfen auch die Hand k&uuml;ssen. Dies thun indess
+eigentlich nur <i>Sch&uuml;rfa</i> (Abk&ouml;mmling des Propheten, deren es immer eine
+Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten <i>Cognaua</i>
+haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem F&uuml;rsten, dass sie ihm gar nicht ins
+Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und fr&uuml;her zur Zeit der
+Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im K&ouml;nigreiche
+M&aacute;ndara Sitte ist, dass alle beim K&ouml;nige Versammelten demselben den
+R&uuml;cken zukehrten, um nicht vom Glanze des k&ouml;niglichen Antlitzes
+geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
+mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
+Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
+K&ouml;nigin Victoria<a name='FNanchor_5'></a><a href='#Footnote_5'><sup>[5]</sup></a>; alle anderen aber m&uuml;ssen, ehe sie die <a name='Page_77'></a>Wohnung des
+Mai betreten, draussen ihre Waffen zur&uuml;cklassen. Die Versammlung dauert
+meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen R&uuml;ckzug das Zeichen zum
+Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
+verl&auml;sst, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischsch&uuml;ssel,
+Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch w&auml;hrend der Versammlung
+Goron&uuml;sse pr&auml;sentiren l&auml;sst. Die Reste in den Sch&uuml;sseln sind immer f&uuml;r
+die Sklaven.</p>
+
+<p>Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
+zur&uuml;ckbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
+grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Gesch&auml;fte und Arbeit, Alles
+zieht sich in die k&uuml;hlsten und innersten Gem&auml;cher der Wohnung zur&uuml;ck,
+oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
+Nichtsthun hinzugeben.</p>
+
+<p>Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der <i>Markt</i>
+f&auml;ngt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
+<i>Montag</i> vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
+der <i>alle Tage</i> in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
+wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
+dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte w&auml;re, im Gegentheil, um 3 Uhr
+Nachmittags ist <i>die ganze Stadt ein Markt</i>; Hauptpunkte bilden freilich
+der westliche <i>Dendal</i> der Weststadt, dann der <i>Ṅgimgsegeni-Dendal</i> und
+der Platz am Westthore der Oststadt.</p>
+
+<p><a name='Page_78'></a>Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerst&auml;dten mit beigewohnt
+hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen M&auml;rkten
+hergeht. Man findet Alles, was zum Leben n&ouml;thig ist. Hier stehen grosse
+lederne <i>Botta</i>, weiche Butter enthalten, die nat&uuml;rlich immer fl&uuml;ssig
+ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen S&auml;cke mit Getreide,
+dort liegen <i>Koltsche</i> und <i>Ng&aacute;ngala Erdn&uuml;sse</i>, die einen
+kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, <i>Kornafr&uuml;chte</i>
+(Lotus) und die bitteren &auml;usserlich einer Dattel &auml;hnlichen Fr&uuml;chte des
+<i>Hadjilidj-Baums</i>, selbst viele andere wilde Waldfr&uuml;chte werden
+ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche <i>Gunda</i> oder
+<i>Melonenbaumfrucht</i>, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
+Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
+man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen h&ouml;lzernen Spiessen grosse
+St&uuml;cke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
+Wenn es gehackt und stark gew&uuml;rzt ist und dann um St&auml;bchen geklebt und
+&uuml;ber Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als <i>G&uacute;mgeni</i>. Dies ist
+das, was die Araber <i>Kiftah</i> nennen. Auch kleine Br&ouml;tchen, f&uuml;r einige
+Muscheln das St&uuml;ck, sind zu haben, und damit ja nichts f&uuml;r den Gaumen
+fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos <i>Goro-</i> oder
+<i>Kola-N&uuml;sse</i> verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
+mit dem blossen Anblick gen&uuml;gen! Die <i>Goro-Nuss</i>, die nach Kuka von der
+Westgegend Afrikas <i>&uuml;ber Kano</i> kommt, <a name='Page_79'></a>wird durch diesen Transport so
+theuer, dass man manchmal das St&uuml;ck mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
+muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die &uuml;brigen
+Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
+Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ern&auml;hren kann.</p>
+
+<p>Interessant sind die Buden, welche <i>europ&auml;ische Artikel</i> ausbieten:
+Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
+grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in <i>Perlen</i>
+findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
+die venetianischen Glasperlenfabriken f&uuml;r die schwarzen Damen eben so
+viele Perlen fabriciren, als es die b&ouml;hmischen jetzt f&uuml;r die weissen
+Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
+namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und S&auml;tteln, denn jeder auch
+nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
+Sklaven. Tr&ouml;delbuden und Kleidermagazine sind nat&uuml;rlich auch vorhanden,
+denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues h&uuml;bsches
+Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
+Tr&ouml;dler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
+Borg abgenommen hatte.</p>
+
+<p><i>Sklaven</i> sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
+Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, w&auml;hrend <i>Montags am
+grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern.</i> <a name='Page_80'></a>Der
+Sklavenhandel wird &uuml;berhaupt en gros in den H&auml;usern getrieben, indem es
+z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
+Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann f&uuml;r eine gewisse
+Zahl von Sklaven losschl&auml;gt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
+den <i>grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren</i> sind
+die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein h&uuml;bsches junges
+M&auml;dchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
+ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.</p>
+
+<p>Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
+auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, H&uuml;hner etc. sind
+alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
+zu haben. So ersteht man eine fette Kuh f&uuml;r 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
+gutes Pferd f&uuml;r etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn f&uuml;r 50 Muscheln. Man
+kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europ&auml;ische Artikel
+hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend h&ouml;her abgesch&auml;tzt
+werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
+weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
+Austausch ein Ende macht.</p>
+
+<p>Aber damit hat noch l&auml;ngst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
+vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
+dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich <a name='Page_81'></a>Rendezvous;
+namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
+leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede h&uuml;bsche verheirathete Frau hat
+ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen T&ouml;chter des Sultans
+wussten es m&ouml;glich zu machen, ihren Eunuchen zu entschl&uuml;pfen, um
+Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
+Gruppen, denn die k&uuml;hlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
+Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
+es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.</p>
+
+<p>F&uuml;r einen Europ&auml;er w&uuml;rde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
+bleibender Aufenthalt in Kuka unertr&auml;glich sein. Mit Europa ist in der
+Regel nur ein Mal im Jahre &uuml;ber Tripoli eine Verbindung; der viel n&auml;here
+Weg nach der K&uuml;ste vermittelst des B&eacute;nuē und Niger ist augenblicklich
+f&uuml;r Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
+der jetzt in Masse von der K&uuml;ste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
+hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
+von Kuka ist sonst trotz der N&auml;he des Tsad und trotz der vielen
+Wasserlachen w&auml;hrend der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
+durch die N&auml;he der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
+hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Am_Benu=e'></a><h2>A<a name='Page_82'></a>m B&eacute;nuē</h2>
+<br />
+
+<p>Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Ud&eacute;ni, wo der Fetischdienst
+von den Negern am ausgepr&auml;gtesten betrieben wird. An demselben Tage
+noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
+mich davon &uuml;berzeugen, und war Zeuge der eigenth&uuml;mlichen Opfer, welche
+diese St&auml;mme ihren G&ouml;tzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
+war es um den Zorn der aus Thon geformten G&ouml;tter zu vers&ouml;hnen, weil ein
+Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
+ich nicht erfahren.</p>
+
+<p>Die G&ouml;tter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
+eigene kleine H&uuml;tten. In den Gegenden am B&eacute;nuē sind es haupts&auml;chlich
+<i>Dodo</i> und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
+giebt n&auml;mlich <i>G&ouml;tter, die allgemein sind</i>, und <i>Privatfetische</i>; jeder
+hat z. B. seinen eigenen Hausg&ouml;tzen, ausserdem hat man <i>Stadtg&ouml;tter</i>,
+<i>Thorg&ouml;tter</i>, Feld- and Garteng&ouml;tter, Flussg&ouml;tter etc.</p>
+
+<p><a name='Page_83'></a>Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Br&uuml;cke &uuml;berschritt, die
+uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
+dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
+Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
+mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
+Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
+Sklaven Schafe, H&uuml;hner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
+beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
+Stille der Natur und die &uuml;ppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
+sah, dass die N&auml;he des B&eacute;nuē hier schon einen m&auml;chtigen Einfluss auf
+die Entwickelung der Vegetation aus&uuml;bte. Schweigend durchzogen wir die
+Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Ger&auml;usch. Waren wir doch
+&uuml;berdies in einer Gegend, wo fortw&auml;hrend Krieg und Ueberf&auml;lle an der
+Tagesordnung sind, <i>auf der &auml;ussersten Grenze der Macht der Fellata oder
+Pullo</i> (Fulbe) <i>nach S&uuml;den zu</i>. Voran gingen zwei riesige Neger aus
+Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
+80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
+Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Z&auml;hnen, dann
+drei Sklaven, die unser Gep&auml;ck trugen, und den Schluss machten wir
+selbst.</p>
+
+<p>Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
+h&ouml;rte man von fern das Krachen <a name='Page_84'></a>der Zweige im Geb&uuml;sche, durch welches
+ein unf&ouml;rmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
+aufgescheuchte V&ouml;gel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
+kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
+Elfenbeintr&auml;ger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen h&auml;tten,
+weil sie so r&uuml;stigen Schrittes vorw&auml;rts eilten, hatten doch von Zeit zu
+Zeit eine Erholung n&ouml;thig. Nach einem vierst&uuml;ndigen raschen Dahineilen
+gelangten wir pl&ouml;tzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
+konnten wir vorw&auml;rts kommen, denn die Kronen der B&auml;ume bildeten ein so
+dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
+ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumst&auml;mme und grosse
+Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
+pl&ouml;tzlich eine k&uuml;hlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
+weite Ebene. Unsere Tr&auml;ger hielten an und legten, sich gegenseitig
+helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
+Gep&auml;cktr&auml;ger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
+als ich weiter vorw&auml;rts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
+unseren F&uuml;ssen sich ausdehnte.</p>
+
+<p>Aber nein, es war kein See, <i>es war der B&eacute;nuē</i>. Nach rechts und links
+dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegen&uuml;ber sah
+man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majest&auml;tischen
+Stromes. &quot;Ist dies das andere Ufer?&quot; fragte ich die Neger.&mdash;&quot;Nein, das
+ist blos eine Insel, <i>Loko</i>, <a name='Page_85'></a>von <i>Bassa-Negern</i> bewohnt, und hier
+werden wir bei Tagesanbruch &uuml;bersetzen&quot;, war die Antwort. Sodann luden
+sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
+sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren K&auml;hnen her&uuml;berkommen w&uuml;rden,
+um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
+Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
+nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich f&uuml;hrte. Dann legten wir
+uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
+Beim ersten Grauen des Tages h&ouml;rten wir sofort Geschrei und L&auml;rmen und
+sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren n&ouml;rdlichem
+Ufer zahlreiche kleine H&uuml;tten standen, eine Menge K&auml;hne ins Wasser
+stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
+an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
+jetzt beim niedrigsten Wasserstande des B&eacute;nuē sehr breit war, und
+bald waren wir den <i>Bassa</i> gegen&uuml;ber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
+paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
+waren diese den B&eacute;nuē <i>herauf</i> in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
+schienen sie uns sogar f&uuml;r Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
+halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
+gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angeh&ouml;rten, &uuml;berdies keine
+Mohammedaner w&auml;ren, sondern <i>Nassara</i> (Christen, mein mohammedanischer
+<i>Diener Hammed</i> liess es sich ganz <a name='Page_86'></a>gern gefallen, hier als Christ mit
+zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
+bem&auml;chtigen, sowie des Gep&auml;ckes, um dieses und uns in die ausgeh&ouml;hlten
+Baumst&auml;mme (ihre K&auml;hne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
+nicht. Die Menschen sind &uuml;berall dieselben, und wenn man in Italien oder
+im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
+H&auml;nde des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
+dingen zu m&uuml;ssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
+H&auml;nden, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zun&auml;chst den
+Preis f&uuml;r das Uebersetzen sagen m&uuml;ssten. Zu dem Ende legte ich 100
+Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
+solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
+wir dann handelseins &uuml;ber 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
+war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
+Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repr&auml;sentiren.
+Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach <i>Loko</i>
+begleiten w&uuml;rden, erkl&auml;rten dann, dass sie zur&uuml;ck m&uuml;ssten, um noch vor
+der grossen Hitze Ud&eacute;ni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
+Baumst&auml;mme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
+hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
+stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
+hin&uuml;ber geschaufelt.</p>
+
+<p><a name='Page_87'></a>Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Pl&auml;tzen immer ein Ereigniss,
+wenigstens des Morgens fr&uuml;h, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
+nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
+zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergew&ouml;hnlich
+vergr&ouml;ssert war, weil man l&auml;ngst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
+Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
+irgend eine St&uuml;tze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
+dem Fulbe des Reiches S&oacute;koto unterworfenen Negerst&auml;mme mir nicht
+schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
+da ich bald sah, dass alles B&ouml;se, was man von ihnen gesagt hatte,
+Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
+so dicht wie m&ouml;glich an uns herandr&auml;ngten, uns bef&uuml;hlten und befragten,
+und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
+vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
+einen von mehreren H&uuml;tten gebildeten Hofraum gedr&auml;ngt. Man gab uns zu
+verstehen, dass wir uns setzen m&ouml;chten. Nachdem uns dann eine recht nett
+aussehende alte Negerin ein Gef&auml;ss voll warmer Suppe gebracht hatte,
+fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
+&uuml;blichen Sprachen verst&auml;nden, und nach einander nannten sie eine Menge
+Sprachen als: <i>Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe</i> etc. Ich
+glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen w&auml;ren, die eine
+dieser Sprachen <a name='Page_88'></a>verst&auml;nden, und erwiderte sogleich <i>Arabtji,
+Berbertji</i>. Unter letzterem Worte bezeichnen n&auml;mlich alle diese
+Negerst&auml;mme die <i>Bewohner</i> und <i>Sprache</i> von <i>Bornu</i> (&mdash;das Kan&uacute;ri&mdash;).
+Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
+antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
+einem Andern zur&uuml;ckkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
+ke l'&aacute;fia-lē ṅda t&eacute;gē etc.: &quot;Sei gegr&uuml;sst; Friede; <i>wie
+befindet sich deine Haut</i>&quot; etc. entgegenrief.</p>
+
+<p>Fand er sich im Anfange etwas get&auml;uscht, dass ich nicht so fliessend zu
+antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
+schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
+ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche <i>Kan&uacute;ri</i> vom
+Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
+entgegneten, wir w&auml;ren <i>Inglese</i> und Vettern von den beiden weissen
+Christen in Lok&oacute;ja (&mdash;der bekannten von Dr. Baikie gegr&uuml;ndeten Station
+an der M&uuml;ndung des B&eacute;nuē in den Niger&mdash;). Er selbst war gerade nicht
+von Bornu, sondern von einer im Reiche S&oacute;koto gegr&uuml;ndeten Colonie Namens
+<i>Lafia-Bere-Bere</i>. Er sagte mir dann, dass man eine H&uuml;tte f&uuml;r uns in
+Stand setze, und dass der K&ouml;nig der Insel mir einen Besuch machen w&uuml;rde,
+den ich sp&auml;ter zu erwidern h&auml;tte.</p>
+
+<p>Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
+Kan&uacute;ri erz&auml;hlte mir, dass die <a name='Page_89'></a>Bassa auf Loko haupts&auml;chlich von der
+<i>F&auml;hre</i> lebten, da hier ein <i>Haupt&uuml;bergang</i> sei; bei Hochwasser sei die
+ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss &uuml;ber dem Wasserspiegel lag,
+&uuml;berschwemmt, und die meisten Leute z&ouml;gen sieh dann aufs linke Ufer
+zur&uuml;ck, w&auml;hrend nur die zur Besorgung der F&auml;hre unumg&auml;nglich notwendigen
+jungen Leute in hohen <i>auf Pf&auml;hlen</i> ruhenden H&uuml;tten zur&uuml;ckblieben. Die
+Bassa-Neger wohnten fr&uuml;her alle auf dem rechten B&eacute;nuē-Ufer, wurden
+aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, so dass
+nur noch einige wenige Pl&auml;tze von ihnen am rechten Ufer behauptet
+werden. Die Bassa sind mit den <i>Afo-</i> und <i>Koto-Negern</i> eng verwandt und
+scheinen sanfter Natur zu sein; sie n&auml;hren sich haupts&auml;chlich von
+Fischen, die der B&eacute;nuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
+liefert. Dem Aeussern nach sind sie <i>echte Neger</i>, ohne doch dabei
+h&auml;sslich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
+unter den Erwachsenen haben die &auml;rmeren Leute h&ouml;chstens ein Schurzfell
+um die H&uuml;ften geschlagen. Eigenth&uuml;mlich ist die <i>Art ihrer Begr&uuml;ssung</i>,
+indem sie den Vorderarm der L&auml;nge nach an einander legen, derart, dass
+einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
+<i>Fetischdiener</i>, ohne jedoch einen so ausgepr&auml;gten Penatendienst wie
+jene zu haben.</p>
+
+<p>Endlich war die kleine runde H&uuml;te, welche man provisorisch aus Matten
+aufgef&uuml;hrt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
+uns niederge<a name='Page_90'></a>lassen, als der <i>Galadima</i> oder <i>K&ouml;nig</i> der Insel kam. Er
+besah Alles, that viele Fragen mittels des Kan&uacute;ri und sagte, er w&uuml;rde
+nach einem <i>Araber</i> als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
+recht anst&auml;ndig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
+Schiff zu miethen nach <i>Imaha</i> (wird auch von den Arabern und
+Soko-Negern <i>Um-Aischa</i> genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
+unterhalb am B&eacute;nuē liegt und wohin wir zun&auml;chst mussten. Das war
+keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
+forderten,&mdash;sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
+4000 f&uuml;rs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verh&auml;ltnisse
+stand,&mdash;sondern weil wir gar kein <i>baares Geld, d.h. Muscheln</i>, mehr
+hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
+das letzte St&uuml;ck, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
+gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
+Anderes &uuml;brig, als alle Kleidungsst&uuml;cke, die wir entbehren konnten, zu
+verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
+Notwendigste beschr&auml;nkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
+bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
+den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.</p>
+
+<p>Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem K&ouml;nige meine Aufwartung. Er
+mochte wohl ein h&uuml;bsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
+blos einige kleine einheimische Baumwollent&uuml;cher geben, mit denen <a name='Page_91'></a>sich
+in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
+selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
+machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, <i>er
+w&uuml;nsche nichts so sehr, als mit den Engl&auml;ndern direct in
+Handelsverbindung zu treten</i>. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
+sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, <i>Madidi</i>, d.h. eine
+Art Kleister in Bananenbl&auml;tter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.</p>
+
+<p>Denselben Tag konnten wir nat&uuml;rlich nicht an die Abreise denken, und es
+war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend k&uuml;ndigte sich die
+Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
+es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
+Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
+Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
+beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windst&ouml;sse waren so heftig,
+dass in einem Nu mehrere H&uuml;tten weggef&uuml;hrt und Gott weiss wohin geweht
+wurden. Gl&uuml;cklicherweise lag unsere H&uuml;tte zwischen anderen so gesch&uuml;tzt,
+dass wir nicht zu f&uuml;rchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
+aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Str&ouml;me Wassers
+von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
+durchn&auml;sst waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
+Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
+vollkommen sternhellen und unumw&ouml;lkten Him<a name='Page_92'></a>mel, und am andern Morgen
+tauchte die Sonne wie neu aus dem B&eacute;nuē, dessen fr&uuml;her staubige,
+dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
+im Fr&uuml;hlingsgr&uuml;n prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
+wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
+nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
+sich wie durch Zauber in einen gr&uuml;nen Teppich voll bunter Blumen
+umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
+kleine Thierwelt; Schmetterlinge und K&auml;fer, die man sonst nur in
+Th&auml;lern, wo immer fliessende B&auml;che und Rinnsale rieseln, bemerkt,
+treiben sich nun &uuml;berall umher.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
+Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
+genug, um uns beherbergen zu k&ouml;nnen; nur Ein Neger stand auf dem
+Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabw&auml;rts treibende
+Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
+bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
+die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gew&ouml;hnlich
+erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
+beigelegt, um einige Z&uuml;ge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
+hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
+Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im <a name='Page_93'></a>Rauche des Feuers
+vor F&auml;ulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anz&uuml;nden zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; w&auml;hrend z. B.
+in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. &uuml;berall
+Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut <i>nur
+zum Kauen</i>, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
+zum <i>Schnupfen</i>; erst in der N&auml;he des B&eacute;nuē wird das Rauchen
+allgemein.</p>
+
+<p>An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt nat&uuml;rlich nicht; zahlreiche
+Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
+Sandb&auml;nken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
+den dichtbelaubten B&auml;umen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
+neugierig auf uns herunterschielten,&mdash;hier und da, und dies meist am
+linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
+Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
+aus und standen &uuml;berall an seichten Stellen im B&eacute;nuē. Die Zeit wurde
+mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
+bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefr&auml;ssigen Kaimans nicht
+zu nahe herank&auml;men. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
+<i>Imaha's</i>, wo wir bei Sultan <i>Schimmegē</i>, einem Freunde des
+verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Titulaturen_und_Wurden_in_einigen_Centralnegerlandern'></a><h2><a name='Page_94'></a>Titulaturen und W&uuml;rden in einigen Centralnegerl&auml;ndern.</h2>
+<br />
+
+<p>Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des n&ouml;rdlichen
+Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
+gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
+haben m&ouml;gen. Von allen W&uuml;stenbewohnern sind sie die einzigen, welche
+eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
+beschr&auml;nkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
+despotischen Staatsform der grossen Negerreiche n&ouml;rdlich vom Aequator
+und jenen freien, unabh&auml;ngigen St&auml;mmen, welche als Tuareg-, Araber- und
+Berber-Triben s&uuml;dlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
+Wohnsitze haben.</p>
+
+<p>Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
+Uadz&aacute;nga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Dom&auml;nen, im
+S&uuml;den aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
+<a name='Page_95'></a>Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
+Ortschaften, von denen die gr&ouml;sste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
+sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
+verbringt die H&auml;lfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
+endlosen W&uuml;ste, oder in den Steppen und W&auml;ldern, welche die Sahara von
+den eigentlichen fruchtbaren L&auml;ndern Innerafrikas trennen.</p>
+
+<p>Die Tebu haben K&ouml;nige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
+zwar folgt die Herrscherw&uuml;rde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
+auf das &auml;lteste m&auml;nnliche Glied der ganzen Familie. Der K&ouml;nig heisst
+&quot;derde&quot; (Barth: dird&euml; bus), jedoch h&ouml;rt man ebenso oft den
+Kan&uacute;ri-Ausdruck &quot;mai&quot;. F&uuml;r Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
+m&uuml;sste denn ausnahmsweise der zun&auml;chstkommende m&auml;nnliche Spr&ouml;ssling
+sein, haben sie den besonderen Ausdruck &quot;derde kotiheki&quot;; die &uuml;brigen
+m&auml;nnlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen &quot;maina&quot;. Die
+K&ouml;nigin hat den Titel &quot;derde-&aacute;debi&quot;.</p>
+
+<p>Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
+so haben sie auch f&uuml;r die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
+damit verkn&uuml;pft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanf&uuml;hrer
+einer Truppe &quot;bui-hento&quot;, einen Unterbefehlshaber &quot;es&eacute;-gede-bento&quot;. Auch
+f&uuml;r Unterh&auml;ndler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
+&quot;i&aacute;ri-kek&eacute;ntere&quot;. Ihre religi&ouml;sen Beamten haben mit der Religion von den
+<a name='Page_96'></a>mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hin&uuml;ber
+genommen. Als besonders muss noch erw&auml;hnt werden, dass die Tebu einen
+eigenen Ausdruck f&uuml;r den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
+bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst &quot;rezi ukil-benoa&quot;.
+Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
+thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenh&auml;ndig, und sind
+viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
+der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
+zweite Person wissen zu lassen.</p>
+
+<p>So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
+complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesv&ouml;lker,
+der Kan&uacute;ri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die H&ouml;fe der
+Pullo-Dynastien, an der Spitze S&oacute;koto, haben offenbar Einrichtungen,
+welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten V&ouml;lker
+nahe kommen. Dass mit der Einf&uuml;hrung des Islam eine bedeutende Aenderung
+vor sich gegangen ist, l&auml;sst sich aber auch nicht wegleugnen. W&auml;hrend
+z.B. fr&uuml;her in Bornu der F&uuml;rst, der den Titel &quot;mai&quot; hat, sich nicht
+einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
+derselbe jetzt &ouml;ffentlich sichtbar f&uuml;r Jedermann, spricht sogar in
+gewissen F&auml;llen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
+L&auml;ndern, wie in Bagirmi, M&aacute;ndara und anderen die Sitte erhalten, dass
+die Grossen, wenn sie mit <a name='Page_97'></a>dem K&ouml;nige reden, ihm den R&uuml;cken zuwenden,
+zum wenigsten m&uuml;ssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst geh&ouml;rt
+es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den &quot;mai&quot; anzureden.</p>
+
+<p>Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
+niai, welche den Titel &quot;mag&eacute;ra&quot; f&uuml;hrt, und auf die politischen
+Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
+verheirathet das Gl&uuml;ck hat, den ersten m&auml;nnlichen Erben zur Welt zu
+bringen; diese heisst &quot;g&uacute;msu&quot;. Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
+Harem, der in einem so grossen und m&auml;chtigen Staate wie Bornu jedenfalls
+nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
+zu zahlreichen Intriguen und R&auml;nken Gelegenheit giebt.</p>
+
+<p>Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemi&yacute;n hat
+man angefangen eine directe Nachfolge einzuf&uuml;hren, obwohl der
+mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
+bef&uuml;rchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
+hat den Titel &quot;y'eri-ma&quot;<a name='FNanchor_6'></a><a href='#Footnote_6'><sup>[6]</sup></a> (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
+blos &auml;ltester Sohn des K&ouml;nigs heisst, auch nicht tsiro-ma).</p>
+
+<p><a name='Page_98'></a>Die einflussreichste Pers&ouml;nlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zun&auml;chst
+der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern &uuml;bersetzt hat. Dieses
+ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
+Aeusseren, Ministerpr&auml;sident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
+das ganze Ministerium in seiner Person. Nat&uuml;rlich sind in einem Lande,
+wo alle Gesch&auml;fte und Beziehungen fast m&uuml;ndlich gemacht werden, diese
+der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
+hat der Dig-ma auch seine Geh&uuml;lfen, von denen der Erste den Titel
+&quot;ardžino-ma&quot; f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Mehr f&uuml;r das eigentliche Hauswesen, besonders f&uuml;r die intimen
+Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, &quot;mistra-ma&quot;.
+Gew&ouml;hnlich gelangen diese zu grossen Reichth&uuml;mern, da um irgend eine
+Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden m&uuml;ssen und
+haupts&auml;chlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht &uuml;berhaupt den Eunuchen
+und dem Eunuchenobersten ihre Reichth&uuml;mer, da er nach ihrem Tode so wie
+so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese ungl&uuml;cklichen
+Gesch&ouml;pfe darauf verzichten, als M&auml;nner gelten zu wollen; nicht nur,
+dass sie stolz und reichgeschm&uuml;ckt die wildesten Pferde besteigen und
+Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
+hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
+jedoch lange nicht eine so wichtige Pers&ouml;nlichkeit, rangirt der
+Oberaufseher der k&ouml;niglichen Sklaven, welche in der Regel in einer
+An<a name='Page_99'></a>zahl, die zwischen 3&mdash;4000 K&ouml;pfen schwankt, vorhanden sind; sein
+Titel ist &quot;mar-ma-kullo-be&quot;.</p>
+
+<p>Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
+betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
+weiss, wie gross die t&auml;glichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
+Butter, Honig, Gefl&uuml;gel und anderen Victualien sind, und wenn man
+andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
+alle Tage in die K&uuml;che des K&ouml;nigs geliefert werden muss, um die
+homerischen Sch&uuml;sseln f&uuml;r den eigenen Haushalt, f&uuml;r den k&ouml;niglichen Rath
+und f&uuml;r die zahlreichen Fremden, welche als G&auml;ste des Mai aus der
+k&ouml;niglichen K&uuml;che gespeist werden, zu f&uuml;llen, so wird man sich gestehen,
+dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
+Aufsicht &uuml;ber K&uuml;che und K&ouml;che. Weniger bedeutend ist die Function des
+Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
+f&uuml;r ein Verbrechen gilt, l&auml;sst sich das leicht erkl&auml;ren. In Bornu
+besteht die ganze Th&auml;tigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
+Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
+Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu pr&auml;sentiren. Vor dem Essen
+und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
+Mai seine H&auml;nde absp&uuml;lt.</p>
+
+<p>Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
+Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
+Pfeil und Bogen, und die <a name='Page_100'></a>Schangermangerabtheilung; alle f&uuml;hren
+ausserdem Spiesse und S&auml;bel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
+Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
+corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der L&auml;nge von zwei Fuss und mit
+sichelartigen, gesch&auml;rften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
+Titel &quot;katš&eacute;lla-blel&quot;, der Infanterieoberst heisst
+&quot;katš&eacute;lla-ṅbursa&quot;, der Schangermangeroberst &quot;y&aacute;lla-ma&quot;. Die
+&uuml;brigen Offiziere haben schlechtweg den Titel &quot;kats&eacute;lla&quot;, die
+H&uuml;lfsoffiziere oder Adjutanten heissen &quot;kre-ma&quot;.</p>
+
+<p>Als besonders wichtig m&uuml;ssen die Commandanten zweier St&auml;dte
+hervorgehoben weiden, der von Ng&oacute;rnu und der von Yo. Haupts&auml;chlich haben
+diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
+in Kuka auch in diesen St&auml;dten seine Residenz hat. Der Statthalter von
+Ng&oacute;rnu heisst &quot;fugu-ma&quot;, der von Yo hat den Namen &quot;kasal-ma&quot;. Alle
+Vorsteher der &uuml;brigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
+&quot;billa-ma&quot;, und nach Barth auch &quot;tši-ma&quot;, w&auml;hrend Koello letzteres
+Wort mit Abgabensammler &uuml;bersetzt.</p>
+
+<p>Alle S&ouml;hne und m&auml;nnlichen N&auml;chsten des Mai, die obersten Befehlshaber
+des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die &quot;kogn&aacute;ua&quot; (pl.
+von k&oacute;gna) versammeln sich alle Tage im Geb&auml;ude des Mai und bilden den
+grossen Rath, n&oacute;kna genannt. Nat&uuml;rlich vom Mai in eigener Person
+pr&auml;sidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegen&uuml;ber ohne alles
+Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
+wenn Alle <a name='Page_101'></a>versammelt sind, ein &quot;kingaiam&quot; oder Herold k&uuml;ndet seine
+Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
+wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
+die Kogn&aacute;ua h&ouml;heren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
+denn erstere d&uuml;rfen bedeckt bleiben vor dem Mai, w&auml;hrend letztere und
+auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen d&uuml;rfen. An Macht,
+Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
+nach dem Mai. Religi&ouml;se W&uuml;rden sind nur die bei den Arabern &uuml;blichen,
+und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.</p>
+
+<p>Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
+Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch f&uuml;r die Reiche,
+welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
+1867 die Einrichtungen der Staaten Bautši, Keffi-abd-es-Zenga und
+Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, m&ouml;glich auch, dass seit
+der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
+n&ouml;rdlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
+Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgepr&auml;gt waren.</p>
+
+<p>Das grosse Pullo-Reich Z&oacute;koto zerf&auml;llt in viele Staaten, die alle mehr
+oder weniger unabh&auml;ngig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
+den Kaiser von Z&oacute;koto, der &quot;b&aacute;ba-n-serki&quot; heisst, anerkennen und ihm
+j&auml;hrlichen Tribut zahlen. Der B&aacute;ba-n-serki gilt ihnen <a name='Page_102'></a>nicht allein als
+weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und f&uuml;hrt als
+solcher den arabischen Titel &quot;h&aacute;kem-el-mumenin&quot; oder Beherrscher der
+Gl&auml;ubigen.</p>
+
+<p>Im Lande Bautši, von den Arabern Jac&oacute;ba (auch Vogel und v. Beurmann
+nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautši) genannt,
+steht an der Spitze der Regierung ein K&ouml;nig, &quot;l&aacute;medo&quot; genannt. Obgleich
+unumschr&auml;nkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen St&auml;mmen
+eine Art Vertrag machen m&uuml;ssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
+entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
+gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
+Sklavenraubz&uuml;ge ausgef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen. Der L&aacute;medo h&auml;lt alle Tage
+offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verh&ouml;rt und
+aburtheilt.</p>
+
+<p>Bei den Tebu, also den n&ouml;rdlichsten Negern von Afrika, finden wir die
+eigenth&uuml;mliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
+ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
+Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
+Einen Schmied beleidigen gilt schon f&uuml;r Feigheit, weil er eben von den
+&uuml;brigen Tebu als vollkommen unzurechnungsf&auml;hig gehalten wird. Es liegt
+hier unwillk&uuml;rlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
+vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
+Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
+<a name='Page_103'></a>sie sich auch nur im allermindesten von den &uuml;brigen Teda, und diese
+selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
+Handwerk mache sie ver&auml;chtlich.&mdash;Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
+Bautši; hier hat der Erste der Z&uuml;nfte der Schmiede den h&ouml;chsten Rang
+nach dem L&aacute;medo, sein Titel ist &quot;serki-n-ma-k&eacute;ra&quot;, was man durch
+Gross-Eisenmeister &uuml;bersetzen kann. Und wie sehr &uuml;berhaupt die Handwerke
+in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum gr&ouml;ssten Theile
+Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Gen&uuml;ge
+hervor, dass alle Handwerke in Z&uuml;nfte getheilt sind, an deren Spitze ein
+Meister steht, der den Namen F&uuml;rst hat, denn &quot;serki&quot; heisst F&uuml;rst oder
+Prinz. So finden wir unter anderen einen F&uuml;rsten der Schneider,
+&quot;serki-n-d&uacute;mki&quot;, einen F&uuml;rsten der Schl&auml;chter, &quot;serki-n-faua&quot;.</p>
+
+<p>Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
+Ministerium entspricht, versieht in Bautši der &quot;galadima&quot;, aber fast
+ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des L&aacute;medo, der den Titel
+&quot;be-r&aacute;ya&quot; hat; nur dieser darf in die f&uuml;rstliche Wohnung dringen, falls
+der L&aacute;medo sich zur&uuml;ckgezogen hat. Das Harem darf selbstverst&auml;ndlich nur
+vom Obersten der Eunuchen Yink&oacute;na betreten werden. Obgleich alle
+Pullof&uuml;rsten f&uuml;r gew&ouml;hnlich &auml;usserst einfach gekleidet sind, und sich in
+Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
+ein eigenes Amt f&uuml;r den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
+Gelegenheiten <a name='Page_104'></a>mit den dann pr&auml;chtigen Gew&auml;ndern bekleidet, er heisst
+Zor&aacute;ki. Wichtige mit der Person des L&aacute;medo verkn&uuml;pfte Aemter sind ferner
+das des Obersten der Vorreiter, ma-d&aacute;ki genannt, des Palastgouverneurs
+&quot;uomb&eacute;&quot; und des Schatzmeisters &quot;adzia&quot;. Nat&uuml;rlich ist in diesen Staaten,
+wie das ja fr&uuml;her auch bei uns war, der Privatschatz, des K&ouml;nigs
+zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des K&ouml;nigs
+betrachtet wird. Anders verh&auml;lt es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
+Pfeile und S&auml;bel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
+nur als &ouml;ffentliches Eigenthum betrachtet und der H&uuml;ter davon ist immer
+ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel &quot;bend&oacute;ma&quot;. Nicht unwichtig
+ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
+ist und &quot;serki-n-ara&quot; heisst.</p>
+
+<p>Wie geordnet auch sonst die Zust&auml;nde sind, geht ferner daraus hervor,
+dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
+auf den M&auml;rkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
+ist &quot;serki-n-kurmi&quot;.</p>
+
+<p>Als Truppengattung finden wir in Bautši nur Reiter und Infanterie,
+letztere mit Bogen und S&auml;bel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
+namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
+haben schlechte Gewehre, die meisten nur S&auml;bel und Bogen. Die Pfeile der
+Bogensch&uuml;tzen sind nat&uuml;rlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
+Euphorbien. Der Befehlshaber der Fuss<a name='Page_105'></a>truppen heisst &quot;serki-n-y&aacute;ki&quot;, der
+der Reiterei &quot;serki-n-dau&aacute;ki&quot;.</p>
+
+<p>Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uoss&eacute;, n&auml;mlich
+&quot;serki-n-d&uacute;tsi&quot;; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der s&uuml;dlichen
+heidnischen St&auml;mme zu verhindern. Ferner der Hauptmann s&auml;mmtlicher
+<i>nicht</i> Pullov&ouml;lker, und da diesen in Bautši eine grosse Zahl von
+St&auml;mmen angeh&ouml;ren, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
+&quot;s&eacute;nnoa&quot;.</p>
+
+<p>Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das milit&auml;rische
+Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
+m&auml;chtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
+Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
+sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem K&ouml;nige, der &quot;etsu&quot;
+heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt &quot;bargo-n-gioa&quot;,
+w&ouml;rtlich &quot;Spiegel der Elephanten&quot;<a name='FNanchor_7'></a><a href='#Footnote_7'><sup>[7]</sup></a>. Die K&ouml;nigin, obgleich dieselbe in
+Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der K&ouml;nig. Mit der
+Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
+verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
+Sklaven bestehen. </p><a name='Page_106'></a>
+
+<p>Es kommen dann der Reihe nach zuerst der &quot;dam-r&aacute;ki&quot;, der erste Rathgeber
+des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
+nat&uuml;rlich der Eunuchenoberst, &quot;indator&aacute;ki&quot;, dann der
+Oberpolizeidirector, der zugleich, wie &uuml;berall dort, die Auszeichnung
+hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
+&quot;serki<a name='FNanchor_8'></a><a href='#Footnote_8'><sup>[8]</sup></a>-n-dog&aacute;li&quot;. Da aber auch in den Nigerl&auml;ndern wie in Y&oacute;ruba die
+Sitte des Pf&auml;hlens, selbst als gew&ouml;hnliche Strafe allgemein ist, und es
+nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der L&auml;nge
+nach durch den K&ouml;rper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
+herauskommt, so hat er nat&uuml;rlich einen ganzen Schwarm von
+Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zun&auml;chst der Fremden Vorf&uuml;hrer
+&quot;serki-n-fada&quot;, eine Charge, die an den &uuml;brigen Pulloh&ouml;fen sich nicht zu
+finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter &quot;sigi&quot;, der
+Oberkoch &quot;ser&oacute;nia&quot; und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
+Namen &quot;liman&quot; hat.</p>
+
+<p>Da der K&ouml;nig von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
+Stellvertreter in der Hauptstadt creiren m&uuml;ssen; oft ist dies sein
+vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet &quot;zitzu&quot;. Der Rath um den
+K&ouml;nig besteht aus den Grossen, &quot;ser&aacute;ki&quot; (pl. von serki) genannt, und das
+Heer wird von einem Obergeneral angef&uuml;hrt, der &quot;maiaki&quot; genannt wird.
+Die beiden Waffengattungen, <a name='Page_107'></a>Reiter und Fussvolk, heissen &quot;bendo&aacute;ki&quot; und
+&quot;serki-n-k&aacute;rma&quot;. Ganz in der N&auml;he des englischen Einflusses k&ouml;nnte der
+Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
+der englischen Colonie Lok&oacute;dža aus, sollten Mission&auml;re dem jetzt
+eindringenden Islam Halt zurufen. F&uuml;r diese Gegenden w&uuml;rden katholische
+Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_Art_der_Begrussungen_bei_verschiedenen_Neger_Stammen'></a><h2><a name='Page_108'></a>Die Art der Begr&uuml;ssungen bei verschiedenen Neger-St&auml;mmen.</h2>
+<br />
+
+<p>Vom Gr&uuml;ssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
+im Allgemeinen schliessen zu wollen, w&uuml;rde wohl zu weit gehen, denn wenn
+man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorw&auml;rts schreitende
+Nation (&quot;wie geht es?&quot;), die Franz&ouml;sische die Moden machende (&quot;comment
+vous portez-vous?&quot;), die Englische die handelnde und schaffende (&quot;how do
+you do?&quot;), die Italienische die still stehende (&quot;come sta ella?&quot;) sei,
+so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der m&uuml;ndliche Gruss
+und die damit gebr&auml;uchlich verbundenen Ceremonien und K&ouml;rperbewegungen
+so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
+dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
+auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss &uuml;ber
+die verschiedenartigen Gr&uuml;sse und die Gebr&auml;uche, welche damit verbunden
+sind, <a name='Page_109'></a>so weit es die St&auml;mme der schwarzen Ra&ccedil;e anlangt, die ich selbst
+zu besuchen Gelegenheit hatte.</p>
+
+<p>Es ist nicht abzustreiten, dass auf die n&ouml;rdlichen Neger-St&auml;mme der
+Islam, namentlich was die Begr&uuml;ssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
+Einfluss ausge&uuml;bt hat, denn das essal&aacute;mu al&eacute;ikum und al&eacute;ikum essalam ist
+eine religi&ouml;se Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
+Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
+hin verbreitet.</p>
+
+<p>Aber auch nur diese Formel ist von den n&ouml;rdlichen Neger-St&auml;mmen
+angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstst&auml;ndig und
+unabh&auml;ngig vom Arabischen Einfluss da.</p>
+
+<p>Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
+Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kan&uacute;ri und
+B&uacute;dduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der W&uuml;ste n&ouml;rdlich
+vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und &ouml;stlich
+vom genannten Wasserbecken.</p>
+
+<p>Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff ger&uuml;stet,
+vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
+begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
+machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
+haltend: <i>Lahin k&eacute;nnaho</i> ruft der Erste, worauf der Andere <i>getta inna
+dǘnnia</i> hin&uuml;ber ant<a name='Page_110'></a>wortet. Nun ergiessen sich beide in unz&auml;hlige
+<i>Lah&aacute;, Lah&aacute;, Lah&aacute;</i>, welche, je h&ouml;flicher man sein will, man um so mehr
+repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
+Verd&auml;chtiges gefunden haben, n&auml;hern sie sich; man giebt sich mit den
+Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
+und Berbern hernach zum Munde zu f&uuml;hren, und der zuerst Angeredete
+wiederholt dann <i>getta inna dǘnnia</i>, worauf der Andere <i>Lahin
+k&eacute;nnaho</i> antwortet.</p>
+
+<p>Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
+nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
+Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
+killah&aacute;, <i>killah&eacute;nni, killa Allaha</i> unterbrochen sind; man fragt, ob
+Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
+die Brunnen nicht versch&uuml;ttet seien etc., immer eben angef&uuml;hrte Worte
+untermischend.</p>
+
+<p>Die Weiber gr&uuml;ssen sich ganz auf &auml;hnliche Weise, was die Worte
+anbelangt, nur unterlassen sie nat&uuml;rlich die Vorsichtsmassregel, sich
+auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
+nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
+niederkniet, w&auml;hrend die M&auml;nner blos hocken; Frauen unter sich pflegen
+indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von M&auml;nnern jedoch nehmen sie
+immer eine knieende Stellung ein.</p>
+
+<p>Tritt man in ein Haus, so ist der gew&ouml;hnliche Gruss <a name='Page_111'></a><i>lab&aacute;raka</i> (aus dem
+Arabischen) und die Antwort <i>l&aacute;bara Lah&aacute;</i> (aus dem Arabischen). Kinder,
+Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, k&uuml;ssen sich
+z&auml;rtlich, jedoch k&uuml;ssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
+sie selbst von einer Reise zur&uuml;ck, nur die Hand.</p>
+
+<p>Beim Abschiednehmen sagt man <i>tem&eacute;sches</i> (aus dem Arabischen), w&auml;hrend
+der Bleibende <i>killah&aacute;de</i> nachruft. Jederzeit kann man dann noch
+<i>killah&aacute;, killah&eacute;nni, killa Allaha</i> sagen.</p>
+
+<p>Der Gruss der Tebu gegen einen K&ouml;nig oder Maina (Prinz) ist ganz auf
+gleiche Weise.</p>
+
+<p>Bedeutend ceremoni&ouml;ser in ihren Gr&uuml;ssen sind die Kan&uacute;ri-, die M&aacute;ndara-
+und B&uacute;dduma-V&ouml;lker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
+Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
+H&ouml;fe und Grossen dieser St&auml;mme mit Ausnahme der B&uacute;dduma Mohammedaner
+sind, so wird auch eben nur von den H&ouml;flingen das <i>essal&aacute;mu al&eacute;ikum</i>
+gebraucht, w&auml;hrend das Volk sich bei seinen nationalen Gr&uuml;ssen h&auml;lt.</p>
+
+<p>Als Eingangsgruss bedienen sich diese St&auml;mme gew&ouml;hnlich der Worte
+<i>Lalē, Lalē, Lalē</i> und erkundigen sich dann nach dem Zustand
+der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte <i>afi l'abar</i> (l'abar kommt
+aus dem Arabischen, von <i>el-achbar</i>, die Neuigkeit, w&auml;hrend afi echt
+Kan&uacute;ri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
+Hand dabei reichen, oft auch nicht. <a name='Page_112'></a>Gleich darauf&mdash;und dies ist sehr
+bezeichnend f&uuml;r die empfindlichen Neger&mdash;erkundigen sie sich nach dem
+Zustande der Haut: <i>ṅda t&eacute;gē</i>, wie ist die Haut?, und schalten hin
+und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein <i>Hamd all&aacute;hi</i>
+ein. Sehr gebr&auml;uchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingeb&uuml;rgerte
+Gruss <i>l'&aacute;fia</i>, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
+viel wie Friede bedeutet.</p>
+
+<p>Das eben Angef&uuml;hrte gilt beim Gr&uuml;ssen zwischen Gleichen, sobald indess
+ein Niederer einen H&ouml;heren antrifft oder besucht, gestalten sich die
+Verh&auml;ltnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem H&ouml;heren auf die
+Erde, ber&uuml;hrt mit der Stirn den Sand und untermischt die gew&ouml;hnlichen
+<i>Lalē, Lalē</i> mit h&auml;ufigen <i>Alla-k&aacute;-bondjo</i>, Gott sei dir gn&auml;dig,
+oder <i>á¹…g&uacute;bbero deg&aacute;</i>, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
+Letzte entspricht also w&ouml;rtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
+man sehr h&ouml;flich und unterth&auml;nig sein&mdash;und namentlich geschieht das vor
+dem Sultan&mdash;, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
+wenigstens die Miene, als ob man es th&auml;te. Es geh&ouml;rt &uuml;berdies zum guten
+Brauch, einer h&ouml;heren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
+Reden den Kopf seitw&auml;rts zu drehen. In M&aacute;ndara, wo am Hofe die alten
+Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass s&auml;mmtliche
+H&ouml;flinge und Anwesende dem K&ouml;nig den R&uuml;cken zudrehten, selbst wenn sie
+mit Seiner schwarzen Majest&auml;t sich unterhielten, als ob sie die Macht
+und Herrlichkeit des <a name='Page_113'></a>K&ouml;niglichen Antlitzes nicht ertragen k&ouml;nnten; auch
+selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kogn&aacute;ua
+(Plural von k&oacute;gna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
+&quot;Hofrath&quot; &uuml;bersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.</p>
+
+<p>Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
+unverschleiert gehen, &uuml;berhaupt eine den M&auml;nnern vollkommen gleich
+berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, gr&uuml;ssen sich unter
+einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit M&auml;nnern zusammenkommen,
+erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
+zuerst gr&uuml;sst.</p>
+
+<p>Andere Redensarten der Kan&uacute;ri, welche sie jedoch mit anderen um sie
+herum wohnenden Neger-St&auml;mmen gemein haben, sind: <i>á¹…d&aacute;ni, adak ke
+l'&aacute;fia&mdash;adak ke l'&aacute;fia, ke l'&aacute;fia lē</i>. Letztere Redensart ist sehr
+gebr&auml;uchlich und bedeutet ungef&auml;hr unser &quot;wie geht es?&quot; Endlich haben
+sie f&uuml;r &quot;Willkommen&quot; die aus dem Haussa her&uuml;ber bekommene Redensart
+<i>usse-usse</i>; dieser letzte Ausdruck kann auch f&uuml;r &quot;danke&quot; benutzt
+werden, obgleich die Kan&uacute;ri f&uuml;r &quot;ich danke&quot; das echte, aber fast nie
+angewandte Wort <i>gode-á¹…gin</i> haben.</p>
+
+<p>Geht man von Bornu westw&auml;rts, so st&ouml;sst man zun&auml;chst auf die grosse
+Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
+Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
+sind ihre Begr&uuml;ssungen auch nat&uuml;rlich sehr ceremoni&ouml;s. Eine Frau
+begr&uuml;sst z.B. einen Mann nur <a name='Page_114'></a>knieend und unterwegs kniet sie so lange
+nieder, bis der Mann vor&uuml;ber ist; tragen sie dabei eine B&uuml;rde auf dem
+Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der m&auml;nnliche Theil der Bev&ouml;lkerung
+macht weniger Umst&auml;nde, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
+einfache Ber&uuml;hrung der Finger, die man hernach zum Munde f&uuml;hrt, mit dem
+auch in Bornu eingef&uuml;hrten Ausruf <i>Ss&uuml;nno, ss&uuml;nno</i> oder <i>l'&aacute;fia</i> reicht
+gew&ouml;hnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
+Zusammentreffen, haben die Haussaer <i>etjau-etjau</i>.</p>
+
+<p>Sind sich zwei Individuen n&auml;her bekannt, so erkundigen sie sich
+specieller nach dem gegenseitigen Befinden: &quot;<i>Akek&eacute;ke</i>&quot;, &quot;wie bist Du?&quot;,
+&quot;<i>kol l'&aacute;fia</i>&quot;, &quot;mit dem Frieden&quot;, d.h. sehr gut, oder &quot;<i>kenna l'&aacute;fia</i>&quot;,
+&quot;wie geht's?&quot;, was der Andere mit &quot;<i>ranka schid&eacute;de tol amrek</i>&quot; (&quot;ich
+danke, Gott verl&auml;ngere deine Existenz&quot;, wovon die letzte H&auml;lfte Arabisch
+ist) erwiedert. &quot;<i>Allah schib&aacute;ka ioreih</i>&quot; ist der den Segen Gottes auf
+das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.</p>
+
+<p>Vor einer h&ouml;heren Person oder einem K&ouml;nige werfen sich die Haussaer wie
+die Kan&uacute;ri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
+machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
+Niederer, falls er vor einem h&ouml;her Gestellten sich zeigt, die Tobe von
+den Schultern zur&uuml;ckzieht, und fast alle Negerst&auml;mme einschliesslich die
+Kan&uacute;ri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck f&uuml;r dies
+Zur&uuml;ckschlagen.</p>
+
+<p><a name='Page_115'></a>Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
+selbst Pullo nennen und in S&oacute;koto und Gando zwei der m&auml;chtigsten und
+gr&ouml;ssten Reiche in Centralafrika gegr&uuml;ndet haben. Dies r&auml;thselhafte
+Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
+dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
+der weissen Ra&ccedil;e rechnen soll, und das haupts&auml;chlich zwei Hauptst&auml;mme
+bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Melē-Fulan, ist zum
+Theil, und namentlich die Melē-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
+&uuml;bergetreten, w&auml;hrend auch noch Viele und namentlich die, welche dem
+Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
+Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.</p>
+
+<p>&quot;<i>Allah rhina, Allah rhina</i>&quot; rufen sie sich beim Begegnen zu und es
+entspricht dies unserem &quot;gr&uuml;ss' Dich Gott&quot;, das l'&aacute;fia haben sie
+ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr <i>mad' Allah, mad'
+Allah</i>, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
+bedeutet und f&uuml;r &quot;danke&quot; gebraucht wird, l&auml;sst sich auf das Arabische
+zur&uuml;ckf&uuml;hren. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
+keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
+hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den &ouml;ffentlichen Audienzen, die
+der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, L&aacute;medo gab, Jeder ohne
+Umst&auml;nde sich n&auml;hern konnte.</p>
+
+<p><a name='Page_116'></a>Um &quot;guten Morgen&quot; auszudr&uuml;cken, bedienen sich die Fulan des Wortes
+<i>ualidjim</i>, um &quot;guten Abend&quot; zu sagen, des Wortes <i>infinidjim</i>;
+ausserdem schalten sie &uuml;berall <i>u&oacute;di, dumb&oacute;di</i> ein, Worte, die sich
+nicht genau &uuml;bersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
+Zufriedenheit und Freude ausdr&uuml;cken sollen.</p>
+
+<p>Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Gr&uuml;sse der am
+B&eacute;nuē ans&auml;ssigen St&auml;mme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
+Haussaern das <i>Ss&uuml;nno-ss&uuml;nno</i> und <i>l'&aacute;fia-l'&aacute;fia</i> her&uuml;bergenommen haben,
+wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
+bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse <i>m&aacute;bah-m&aacute;bah</i>
+(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
+Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
+Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religi&ouml;sen Gr&uuml;ssen der
+Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
+eigenth&uuml;mlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
+der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei &auml;ussern
+sie dann ihre nationalen Gr&uuml;sse <i>kundo-kundo kundore, kundokora</i>, die
+sie je nach den Umst&auml;nden l&auml;ngere oder k&uuml;rzere Zeit wiederholen. Da sie
+nur kleine, von einander unabh&auml;ngige Staaten bilden, so ist bei ihnen
+von Hoch und Niedrig keine Rede.</p>
+
+<p>Die, welche haupts&auml;chlich den Schiffsverkehr auf dem unteren B&eacute;nuē
+besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
+sie ihr Kanoe nicht <a name='Page_117'></a>anhalten, um mit dem F&uuml;hrer des entgegenkommenden
+Baumstammes einige Z&uuml;ge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
+haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei E&iuml;a, o, a, o, o, a,
+e&iuml;a, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
+ihre Stimme h&ouml;ren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die am Niger ans&auml;ssigen Nyfe-V&ouml;lker, welche Theil eines m&auml;chtigen
+K&ouml;nigreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
+Gruss auszudr&uuml;cken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.</p>
+
+<p>Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
+Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
+vor&uuml;ber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europ&auml;er ab, sowohl
+wenn sie sich als Gleiche gr&uuml;ssen als wenn ein Untergebener sich vor
+einem H&ouml;heren befindet. &quot;Guten Tag&quot; dr&uuml;cken sie durch <i>bel&eacute;ni</i> aus,
+worauf der Angeredete mit <i>madjiob&uacute;</i>, ich danke, oder <i>aku-beni</i>, wie
+geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man <i>meeda</i>, ich gehe, und erh&auml;lt
+dann ein <i>ssassamidji</i>, gr&uuml;sse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
+man <i>aku-be-g&eacute;di</i>, guten Abend, und bekommt <i>odjilo-su&aacute;ni</i> zur&uuml;ck. Beim
+Aufstehen fragt man <i>uan&aacute;ni</i>, hast du gut geschlafen?, oder
+<i>aku-bol&oacute;sun</i>, hast du die Nacht gut zugebracht?</p>
+
+<p>Vor ihrem F&uuml;rsten&mdash;in diesem Augenblick ist es K&ouml;nig Massaban&mdash;sind die
+Nyfenser sehr dem&uuml;thig. Ich bemerkte, dass, so oft der K&ouml;nig einem der
+Anwe<a name='Page_118'></a>senden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-N&uuml;sse,
+welche &uuml;berall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
+vertreten, gab, der so begl&uuml;ckte Neger an die Th&uuml;re eilte, sich
+prosternirte, indem er dem K&ouml;nig den R&uuml;cken zuwandte, und Sand auf sein
+Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.</p>
+
+<p>Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikor&oacute;du nach Lagos, wo einer der
+f&uuml;rchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
+Schiffbruch dahin gerafft h&auml;tte, meine Papiere, welche die interessanten
+Aufzeichnungen &uuml;ber die Grussformen der Y&oacute;ruba-Neger enthielten,
+verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen B&uuml;cher,
+welche &uuml;ber die Y&oacute;ruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
+(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein t&uuml;chtiger Verbreiter des
+Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
+sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.</p>
+
+<p>Die Y&oacute;ruba sind das h&ouml;flichste und dem&uuml;thigste Volk der Welt. Niemand
+begegnete uns in den dichten Urw&auml;ldern, der nicht sein <i>aku-aku</i> oder
+<i>aku-abo</i> gerufen h&auml;tte; unter sich beknixten sich die M&auml;nner und
+blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegr&uuml;sst hatten. Vor
+ihren H&auml;uptlingen und K&ouml;nigen werfen sie sich platt auf den Bauch und
+legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
+auf einen Wink oder ein Wort vom K&ouml;nig erheben sie sich, um in hockender
+Stellung zu reden.</p>
+
+<p><a name='Page_119'></a>Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
+Zweig der Y&oacute;ruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
+gebr&auml;uchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
+geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
+begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitw&auml;rts vor sich her
+schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn K&ouml;nig Tapper
+in Lagos, der jetzt von den Engl&auml;ndern pensionirt ist, in die
+O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu fr&uuml;hst&uuml;cken, wie s&auml;mmtliche
+Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
+Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
+Schnippchen schlugen bei fortw&auml;hrendem Rufen von <i>aku-aku</i>.</p>
+
+<p>Nachstehende Negergr&uuml;sse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
+Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westk&uuml;ste von Afrika als
+Mission&auml;re der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
+nach Europa her&uuml;bergekommen sind.</p>
+
+<p>Die Akkra-Neger (an der Goldk&uuml;ste) begr&uuml;ssen sich des Morgens mit
+<i>Awuo</i>, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert <i>miwuo djogba</i>,
+ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie <i>henni odje</i>, wo kommst
+Du her?, und der Angeredete sagt <i>Ble-o</i>, Friede, oder auch <i>eiko</i>,
+Gl&uuml;ck auf, und <i>yae</i>, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
+Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
+<a name='Page_120'></a>Akkra-V&ouml;lker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
+einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zur&uuml;ckgeschlagen werden,
+namentlich vor H&ouml;heren streift man sie von den Schultern.</p>
+
+<p>Betreten sie ein Haus, so fragen sie <i>Teoyoteng</i>, wie geht es?, und
+erhalten <i>miye-djogba</i>, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
+Abends sagen sie <i>miya w&uacute;o</i>, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
+<i>ya w&uacute;o djogba</i>, geh', schlafe wohl.</p>
+
+<p>Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
+Abwesenden zu erkundigen: <i>Dje&iuml;bi</i>, wie geht's den Leuten dort?
+<i>Ameye-djogba</i>, sind sie wohl? <i>Yeikebukeho</i>, wie geht's den Weibern,
+den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
+dem Einen Wort). <i>Ame fe ame ye djogba</i>, sie alle sind wohl. Ueberdies
+bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt &uuml;berall das
+Englische <i>good morning</i> eingeb&uuml;rgert sei, wie das &uuml;berhaupt wohl an der
+K&uuml;ste von Guinea der Fall ist.</p>
+
+<p>Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
+(Otji-tribes, Grundemann) das Gr&uuml;ssen. F&uuml;r &quot;guten Morgen&quot; haben sie
+<i>magye</i>, f&uuml;r &quot;guten Tag&quot; <i>mahao</i>, f&uuml;r &quot;guten Abend&quot; <i>madyo</i>. Im
+Allgemeinen ist der Gegengruss <i>Ya-aherar</i> oder <i>Ya-adyo</i>. Dann aber
+richtet sich, was merkw&uuml;rdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
+Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
+Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen <a name='Page_121'></a>Wochentage geboren
+ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt <i>ya eisi</i> zum Gruss.</p>
+
+<p>F&uuml;r &quot;gute Nacht&quot; sagen die Tji-Neger <i>me-nop&aacute;o</i> und erhalten <i>ya da ya</i>
+zur Antwort. Wie befindest Du Dich? dr&uuml;cken sie durch <i>Wo ho tedeng</i> aus
+und <i>me ho ye</i>, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch <i>ming mu ye</i>,
+wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf <i>ming mu ye fu</i>, in der
+Stadt steht's gut.</p>
+
+<p>Begegnen sich zwei, so ist der gew&ouml;hnliche Gruss <i>aichia</i>, Wo kommst Du
+her? <i>Wufike</i>, oder von wo bist Du? <i>wokohe</i>. Endlich <i>nante ye</i>, reise
+gl&uuml;cklich. F&uuml;r Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Y&oacute;ruba-V&ouml;lkern
+das <i>aku-abo</i> gemein. H&auml;ufig mischen sie ein <i>me adamfo</i>, mein Freund,
+mein Wohlth&auml;ter, unter ihre Gr&uuml;sse. Besondere Ceremonien beobachten die
+Tji-Neger bei ihren Gr&uuml;ssen nicht.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Von_Magdala_nach_Lalibala_Sokota_und_Anatola_AprilMai_18689'></a><h2><a name='Page_122'></a>Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.<a name='FNanchor_9'></a><a href='#Footnote_9'><sup>[9]</sup></a></h2>
+<br />
+
+<p>Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
+Magdala, freilich nur f&uuml;r einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
+mit seinen damit verkn&uuml;pften Erfolgen, immer eine der merkw&uuml;rdigsten
+Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
+bleiben. In der That, die Befreiung der europ&auml;ischen Gefangenen, die
+Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
+Einnahme<a name='Page_123'></a> von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
+Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
+oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und gl&uuml;cklich zu Ende kommen
+konnte. Und Magdala, f&uuml;r einige Monate der Aufenthalt der europ&auml;ischen
+Gefangenen, von Theodor f&uuml;r un&uuml;berwindlich gehalten und daher als sein
+letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann f&uuml;r einige Tage Standquartier
+einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es urspr&uuml;nglich war,
+ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die pl&uuml;ndernden
+Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
+zerst&ouml;ren und h&ouml;chst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
+bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Br&uuml;der mit kaltem Blute erw&uuml;rgte, in
+alle Winde zerstreuen.</p>
+
+<p>Etwas s&uuml;dlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
+B&auml;che diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
+oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
+verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem n&ouml;rdlichen oder
+Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
+weitesten nach S&uuml;den zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
+reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
+Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
+Abessinien &uuml;berall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
+bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
+vulkanisch um <a name='Page_124'></a>Magdala und namentlich die nahen B&auml;nke des Baschilo
+zeigen die sch&ouml;nsten Basalts&auml;ulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
+nichts besonders Merkw&uuml;rdiges zu berichten, wenn man nicht in der K&auml;fer-
+und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
+dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
+Hy&auml;nen h&ouml;rten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
+da gerade vor unserer Ankunft K&ouml;nig Theodor am Charfreitag zweihundert
+abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte st&uuml;rzen und auf die etwa
+Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bev&ouml;lkerung giebt es
+augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
+Engl&auml;nder nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
+vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
+Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
+wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
+es fr&uuml;her war, Besitz der Galla.</p>
+
+<p>Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
+wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
+K&ouml;nigs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum R&uuml;ckmarsch nach
+Zula vor und ich, schon fr&uuml;her entschlossen, nicht auf demselben Wege
+zur&uuml;ckzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
+gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen urspr&uuml;nglichen Plan, den
+Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausf&uuml;hren; <a name='Page_125'></a>theils war die
+Regenzeit vor der Th&uuml;r, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
+die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
+wenigstens &uuml;ber Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
+der Geographie n&uuml;tzlich zu sein.</p>
+
+<p>Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
+nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
+so ausf&uuml;hrlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
+vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
+nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erz&auml;hlt,
+glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsf&auml;lle sind. Man darf das Leben
+und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorf&auml;llen
+beurtheilen, und wenn ein Fremder zuf&auml;llig in Berlin oder Hamburg eine
+jener Bacchanalien mitgemacht, w&uuml;rde er sehr Unrecht haben, wenn er
+danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
+Eben so Unrecht w&uuml;rde es sein, weil Theodor und nat&uuml;rlich alle seine
+Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
+Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufb&uuml;rden zu
+wollen.</p>
+
+<p>F&uuml;r uns ist Abessinien haupts&auml;chlich interessant, weil sein Volk durch
+Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
+hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
+gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europ&auml;er <a name='Page_126'></a>auffasst. Zur
+Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
+diese zwar viele Ankn&uuml;pfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
+weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
+Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares dar&uuml;ber wundern, dass die
+Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
+ausser der ersten eine allj&auml;hrliche Taufe beobachte, dass man die
+Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
+halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
+als die Beobachtung &auml;usserer Gebr&auml;uche, w&uuml;rden wir h&ouml;chstens sagen, die
+Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
+oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
+&auml;usserer Gebr&auml;uche basirt.</p>
+
+<p>Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
+macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
+hervorgebracht hat, m&uuml;ssen uns das gr&ouml;sste Interesse einfl&ouml;ssen.
+Abessinien ist in Afrika ein Land f&uuml;r sich, was die Schweiz f&uuml;r Europa
+ist, ist es f&uuml;r Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
+durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.</p>
+
+<p>Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
+Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
+tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
+<a name='Page_127'></a>Transportthiere halber w&uuml;nschenswerth erscheinen, die Etappe
+Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
+nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
+entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
+sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
+in Verwesung &uuml;bergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
+und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
+dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zug&auml;nge zu
+einer europ&auml;ischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
+Armstrong-Kanonen und M&ouml;rser, unn&uuml;tz wie die Elephanten selbst in der
+Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
+dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
+Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkr&auml;ftet,
+dort die &uuml;brigen Europ&auml;er, die bei K&ouml;nig Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
+Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
+reitend (letzte Geschenke des verstorbenen K&ouml;nigs), mit seinem spitzigen
+Hute und langem weissen Barte &agrave; la Tilly eher einem Zauberer des
+Riesengebirges &auml;hnlich als einem deutschen Gelehrten, h&auml;tte nicht die
+lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
+nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
+Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
+Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten <a name='Page_128'></a>Leipziger Mode
+gekleidet, Mission&auml;re, die, sich in Abessinien wenig um Religion
+k&uuml;mmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
+eine Schule angelegt.&mdash;Alles str&ouml;mte nach Norden, froh, Magdala f&uuml;r
+immer Adieu gesagt zu haben.</p>
+
+<p>Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
+seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
+allj&auml;hrlich vorkommen soll. Abessinien hat n&auml;mlich an der K&uuml;ste eine
+Regenzeit, welche mit dem Regen des mittell&auml;ndischen Meeres
+correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
+eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
+Abnormit&auml;ten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
+glaube aber, f&uuml;r S&uuml;d-Abessinien, d.h. vom 10&deg; an s&uuml;dlich, w&uuml;rden
+aufmerksame Beobachter kein Aufh&ouml;ren des Regens constatiren k&ouml;nnen,
+sobald die Sonne den Zenith des Grades &uuml;bertreten hat. Selbst n&ouml;rdlich
+vom 12&deg; h&ouml;rten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
+nur waren sie schw&auml;cher, nat&uuml;rlich verminderte die K&auml;lte der Luft bei
+dem durchschnittlich &uuml;ber 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
+Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.</p>
+
+<p>Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
+Verh&auml;ltnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
+beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
+Ubie, und Csero Tame&ntilde;a, Wittwe eines fr&uuml;heren Galla-Chefs und <a name='Page_129'></a>nachher
+zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
+Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25&deg;, w&auml;hrend auf
+Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
+blos + 5&deg; zu sein pflegt. Man m&ouml;chte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
+ganze Gegend durch Theodor entv&ouml;lkert ist, denn sicher w&uuml;rde das
+Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
+Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint &uuml;ber diese Gegenden
+hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
+auf der von den Engl&auml;ndern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
+blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
+trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein gr&uuml;nes Blatt
+oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
+zu sein, man h&ouml;rt kaum Singv&ouml;gel, nur Affen, meist langb&auml;rtige, ziehen
+in grossen Heerden bellend und kl&auml;ffend an den steilen Basaltw&auml;nden hin.</p>
+
+<p>Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
+vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
+abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
+zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
+Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
+Theodor mit so vieler M&uuml;he angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
+Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, <a name='Page_130'></a>ist nichts
+weniger, als was wir in Europa unter einer k&uuml;nstlichen Bergstrasse
+verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europ&auml;ische Wagen nie
+h&auml;tten befahren k&ouml;nnen. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
+Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unn&uuml;tzer Weise
+nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
+zur&uuml;ckbleiben m&uuml;ssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
+kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
+Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
+freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die n&ouml;thigen
+Doppelflinten aus dem Nachlass des K&ouml;nigs Theodor zu geben, liess ich
+die englische Armee auf Talanta zur&uuml;ck, um meine eigene Reise
+anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
+Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.</p>
+
+<p>Kaum hatten wir begonnen, den steilen &uuml;ber 3000 Fuss tiefen Abhang von
+Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als &uuml;ber 500 waffenlose Leute
+jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
+Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
+unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher n&auml;mlich
+war eine Abtheilung solcher Leute von raubs&uuml;chtigen Galla-Horden rein
+ausgepl&uuml;ndert, Einige sogar get&ouml;dtet und Andere verwundet worden. Die
+zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
+Gesindel die g&uuml;nstigsten <a name='Page_131'></a>Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
+ich liess den ganzen Zug von M&auml;nnern, Weibern und Kindern mit ihren
+Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
+weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
+gerade halbwegs zwischen der Talanta-H&ouml;he und dem Djidda-Bette eine
+breite Stufe bildet, die abessinischen Fl&uuml;chtlinge von Leuten aus
+Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
+ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
+weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Pl&uuml;nderer ansprengen
+sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
+sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
+weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
+Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
+hin&uuml;ber sandten, trafen oder reichten nicht.</p>
+
+<p>So kamen wir gl&uuml;cklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
+Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
+stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in gr&ouml;sster
+Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
+durch das nahe Geheul von Hy&auml;nen oder durch das rollende Grunzen der
+Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unsch&auml;dliche
+Feinde, die anderen als besch&uuml;tzende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
+hatten Tags vorher die M&ouml;rser und grossen Ka<a name='Page_132'></a>nonen herunter gebracht und
+als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
+Wohlbehagen sie sich zur Abk&uuml;hlung den ganzen K&ouml;rper mit Wasser
+bespritzten; auf die Stimme ihres F&uuml;hrers, eines indischen Soldaten,
+nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tr&ouml;pfchen auf
+die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
+trugen, wie ein preussischer Soldat seine Z&uuml;ndnadel.</p>
+
+<p>Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
+halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
+Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
+von unbegrabenen Leichen und unz&auml;hligen Kadavern von Thieren, theils vom
+fr&uuml;heren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
+Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
+grosses Magazin f&uuml;r die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
+Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
+was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
+lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
+dahin sterbenden Menschenmasse ber&uuml;hrte mich so, dass ich trotz der
+Ersch&ouml;pfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
+Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
+englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
+heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
+sie morgen allein <a name='Page_133'></a>ihren abessinischen Br&uuml;dern gegen&uuml;ber stehen? Meist
+aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
+Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
+Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
+der Blutrache f&auml;llt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
+Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es fr&uuml;her Gewohnheit
+dieses Gesindels war, daf&uuml;r hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
+dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
+einer ungef&auml;hren Sch&auml;tzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
+aufgeschlagen waren, und nach fr&uuml;heren Ueberschl&auml;gen, als ich diese
+Menschenmasse w&auml;hrend drei Tagen von Magdala herunter str&ouml;men sah,
+musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 sch&auml;tzen.</p>
+
+<p>Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
+und an der Seite der steilen Basaltbl&ouml;cke, auf welche die Kirche erbaut
+ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern k&ouml;nnen,
+dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
+behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
+von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
+weitl&auml;ufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner H&uuml;tten Geh&ouml;fte
+bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
+Kirche von Abdikum hat nichts Merkw&uuml;rdiges, wie die meisten in
+Abessinien ist es eine <a name='Page_134'></a>grosse runde H&uuml;tte, von Stroh roh &uuml;berdacht und
+mit einem &auml;usseren Gange umgeben, der f&uuml;r die Weiber bestimmt ist,
+welche die Kirche selbst nicht betreten d&uuml;rfen. Im Inneren befindet sich
+das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
+Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
+h&ouml;lzerne Th&uuml;ren verschlossen, meist aber nur durch Vorh&auml;nge aus Kattun
+abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
+l&auml;ngliche Steine, die hart sein m&uuml;ssen, damit sie einen hinl&auml;nglich
+starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der B&auml;ume h&auml;ngen,
+welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
+wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige R&auml;ucherf&auml;sser,
+Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
+bei den Messen und Hoch&auml;mtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
+sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
+Alter und Gr&ouml;sse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
+einige, die selbst nach europ&auml;ischen Begriffen wirklich reich
+ausgestattet sind.</p>
+
+<p>Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie geh&ouml;rte zu den weniger
+beg&uuml;nstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen fr&uuml;h hinauf zu
+klettern auf die wunderlichen Felsbl&ouml;cke, das war die unvergleichliche
+Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge s&uuml;dlich von Magdala hat,
+die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
+werfen.&mdash;Im Be<a name='Page_135'></a>reiche der englischen Armee war nat&uuml;rlich Alles theuer,
+die Leute hatten sich daran gew&ouml;hnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
+bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage f&uuml;r sieben
+Maria-Theresia-Thaler und hatte daf&uuml;r Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
+und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
+zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
+von 330&deg; ein und langte &uuml;ber eine gewellte Gegend, die reich mit
+Geh&ouml;ften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
+an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
+Gegend keineswegs sch&ouml;n zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
+so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
+durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (<i>von allen schwarzen
+V&ouml;lkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
+eingef&uuml;hrt haben</i>); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
+Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
+basaltisch, er f&auml;llt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
+NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
+entz&uuml;ckendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
+Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
+vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
+<a name='Page_136'></a>aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
+Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
+zusammenh&auml;ngendes Ganze. Ganz anders verh&auml;lt es sich mit Talanta und
+Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
+einander getrennt sind; &uuml;berdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
+als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
+will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.</p>
+
+<p>Ein schweres St&uuml;ck Arbeit blieb nun zu thun &uuml;brig, denn wenn die
+Durchg&auml;nge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
+verkn&uuml;pft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
+gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
+hatte, konnten wir nat&uuml;rlich mit unserem leichten Gep&auml;ck auch
+fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
+Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad f&uuml;r Menschen vorhanden
+war. Nachdem der alte F&uuml;hrer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
+machten wir uns fr&uuml;h Morgens auf.</p>
+
+<p>Der Weg war nat&uuml;rlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
+Wendung um einen der zackigen Felsbl&ouml;cke bot ein anderes Bild und
+entsch&auml;digte reichlich f&uuml;r die M&uuml;he und Arbeit, die man durch das
+Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
+denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
+Kopfe weiter <a name='Page_137'></a>geschafft werden. Mir selbst passirte das Ungl&uuml;ck, dass
+bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
+flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
+Wir trafen hier auf die seltsamsten Basalts&auml;ulen, die ich je in Afrika
+vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
+anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastb&auml;umen, ca. 50
+Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
+man ihn nirgends sch&ouml;ner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
+obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
+Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
+Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
+Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
+Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
+was sie von ihm w&uuml;nschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
+f&uuml;nf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
+F&uuml;rsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
+warum Meschascha dieselben im Gef&auml;ngniss halte, erwiderten sie: &quot;Weil
+wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
+Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden.&quot; Ich
+sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so f&auml;nde, wie
+sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
+w&uuml;rde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen w&uuml;rden.
+<a name='Page_138'></a>Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
+der T&uuml;rkei und Aegypten.</p>
+
+<p>Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
+dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine H&uuml;tte
+anbot. Die H&uuml;tten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
+leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, w&auml;hrend in
+den h&ouml;heren Gegenden die W&auml;nde aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
+aufgef&uuml;hrt werden. F&uuml;r das hiesige Klima reicht diese leichte und
+luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer H&ouml;he von 5 bis 6000 Fuss
+&uuml;ber dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
+trockenen selten unter 15&deg; vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
+Meschascha's, des derzeitigen F&uuml;rsten von Lasta, schickte mir Abends
+einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europ&auml;ischen
+Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
+davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, m&uuml;sste man solche
+Quantit&auml;ten zu sich nehmen, dass ein europ&auml;ischer Magen gar nicht im
+Stande w&auml;re, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
+chokoladenartige Farbe.</p>
+
+<p>Die Gegend um Salit ist h&uuml;gelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
+Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den s&uuml;dlichen und Amba
+Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den n&ouml;rdlichen
+St&uuml;tzpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
+dieser Jahreszeit, ist die Gegend daf&uuml;r <a name='Page_139'></a>gut mit Buschwerk, meist
+Akazien, bewachsen. Das Gestein ist &uuml;berall vulkanischer Natur und von
+derselben Beschaffenheit wie am gegen&uuml;berliegenden linken Takaze-Ufer.</p>
+
+<p>Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
+&uuml;berschreitet man den best&auml;ndig Wasser f&uuml;hrenden Fluss Katschenave, der
+&ouml;stlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze f&auml;llt. Ein Ort
+gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
+&uuml;berschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
+Wegen &uuml;berhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
+den Abhang des m&auml;chtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
+Laktalab liegt.</p>
+
+<p>Je mehr ich ins Land hinein kam, desto h&ouml;flicher fand ich die Bewohner.
+Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
+Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
+in den letzten Z&uuml;gen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
+abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen &quot;Frengi&quot;, wie die
+Abessinier die Europ&auml;er schlechtweg nennen, und machte diesem
+gef&uuml;rchteten F&uuml;rsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
+Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher &uuml;ber die Frengi
+gespottet, ihnen nachgerufen: &quot;Theodor wird Euch alle k&ouml;pfen&quot;, und
+anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in gr&ouml;sste
+Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die <a name='Page_140'></a>eitelen und
+prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden f&uuml;r ein von
+Gott auserw&auml;hltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
+einem kleinen Haufen Europ&auml;er gedem&uuml;thigt zu stehen. Waren sie froh,
+ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
+innerlich einen heissen Neid f&uuml;hlen, dass sie dies nicht selbst hatten
+bewerkstelligen k&ouml;nnen. Indess &auml;usserten sie dies nicht laut, im
+Gegentheil nie sah ich ein Volk dem&uuml;thiger und kriechender als jetzt.
+Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
+dass die H&auml;nde vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
+nie einem Europ&auml;er, sondern nur ihren F&uuml;rsten erzeigen, gingen sie immer
+mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
+wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
+dies das Zeichen der gr&ouml;ssten Hochachtung sei. Dicht vor der ber&uuml;hmten
+Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrw&uuml;rdiger Priester, in einer Hand
+einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
+hatte er ein dickes Pergamentbuch h&auml;ngen; er gab mir seinen Segen und
+sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
+ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
+k&auml;me, und das br&auml;chte mir grosses Gl&uuml;ck und Segen.</p>
+
+<p>Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
+ab, der mir eine seiner H&uuml;tten zur Disposition stellte, welche f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich den K&uuml;hen <a name='Page_141'></a>zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenh&uuml;tte
+schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
+Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere V&ouml;lker
+Nordafrika's reichlich mit L&auml;usen und Fl&ouml;hen gesegnet sind, sondern auch
+jede H&uuml;tte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
+in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
+namentlich die Bewohner der Grossen W&uuml;ste Jahre lang nicht daran denken,
+sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
+manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
+&uuml;bertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
+Weiber und M&auml;nner schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
+welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
+werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf K&ouml;rper und Kleidung,
+so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der K&ouml;rper
+annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen f&auml;llt, werden die Kleider abgelegt.</p>
+
+<p>Nachdem ich mich etwas gest&auml;rkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
+besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
+Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
+die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
+alle dem K&ouml;nig Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
+Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein &auml;lte<a name='Page_142'></a>rer
+roherer und j&uuml;ngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
+offenbar einen grossen Antheil an den merkw&uuml;rdigen Bauwerken dieses
+Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen f&uuml;hrt, von
+ihm herr&uuml;hren. Ich wurde von den M&ouml;nchen und Priestern mit der gr&ouml;ssten
+Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
+Forderungen, wie sie fr&uuml;her wohl die Priester anderer Kirchen an mich
+gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen f&uuml;hrte man
+mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
+dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
+Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
+sind, streng abgemauert und von der &uuml;brigen Kirche abgeschieden finden,
+wie es bei dem j&uuml;dischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
+Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
+in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
+wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
+sieht man diesen Geb&auml;uden ihren echt christlichen Charakter an, w&auml;hrend
+man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
+christliche Gottesh&auml;user sein sollen, von selbst w&uuml;rde kein Europ&auml;er sie
+daf&uuml;r erkennen.</p>
+
+<p>Die am besten erhaltene und von allen &uuml;brigen getrennt ist die St.
+Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, w&uuml;rde
+man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerb&auml;ckers
+hervorgegan<a name='Page_143'></a>gen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
+und eben so hoch sein. Vier S&auml;ulen im Inneren st&uuml;tzen die Decke, welche
+wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die gr&ouml;sste
+und urspr&uuml;nglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
+Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
+man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Sch&ouml;neres
+finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
+Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss H&ouml;he, wie alle &uuml;brigen ist
+sie aus Einem Steine gemeisselt. Die &auml;lteste scheint die Aba
+Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
+ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
+Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
+wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenh&auml;ngt.
+Der K&ouml;nig Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
+anderer ber&uuml;hmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabst&auml;tte hat.
+Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
+Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkw&uuml;rdigen
+monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
+widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
+Erhaltung dieser merkw&uuml;rdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
+Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
+Georg-Kirche. Die pr&auml;chtige Medanheallem-Kirche <a name='Page_144'></a>dagegen, die fr&uuml;her von
+aussen mit einem S&auml;ulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe S&auml;ulen aus
+demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
+zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser S&auml;ulen aufrecht stehen,
+alle &uuml;brigen sind von der Kirche abgefallen. Es w&auml;re an der Zeit, dass
+Etwas f&uuml;r diese merkw&uuml;rdigsten Denkm&auml;ler alter christlicher Baukunst
+gesch&auml;he.</p>
+
+<p>Mit der gr&ouml;ssten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
+gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein R&auml;uchergef&auml;ss, hier eine
+Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
+dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
+Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, &uuml;berall mit hingehen durfte.
+Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
+selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
+entsetzlich schmutzig und verd&auml;chtig aus, die guten Priester bestanden
+aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
+zu lassen, dass ich, um nicht als Ungl&auml;ubiger zu gelten, mich noch froh
+stellen musste, diess widerliche Gewand w&auml;hrend meines Besuches in der
+Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
+Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Ger&auml;the, die
+jeder europ&auml;ischen katholischen Kirche Ehre machen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Der ganze Tag ging nat&uuml;rlich damit hin, diese <a name='Page_145'></a>Wunderbauten zu besehen,
+und als ich sp&auml;t Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
+Th&uuml;r mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
+Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des G&auml;hrens starkes Getr&auml;nk,
+das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
+f&uuml;r die gew&ouml;hnliche Klasse zu kostspielig ist.</p>
+
+<p>Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
+mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
+Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
+vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
+dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gr&uuml;nde, viele Einnahmen von
+den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
+andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die M&ouml;nche mit
+eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
+hundert Personen belaufen.</p>
+
+<p>An sonstigen Merkw&uuml;rdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelb&auml;ume
+aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
+grosse, stattliche B&auml;ume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
+bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf &uuml;brig und zwei
+andere sind zu Einem verwachsen. Ein H&uuml;gel, von einem Baume
+&uuml;berschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
+weil hier der K&ouml;nig Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
+<a name='Page_146'></a>einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
+auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es f&uuml;r eine
+Bewandtniss damit habe.</p>
+
+<p>Lalibala ist auf sieben H&uuml;gel an einem der Westabh&auml;nge des m&auml;chtigen
+Ascheten-Berges gebaut, dessen H&ouml;he 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
+7000 Fuss hoch hat es ein k&ouml;stliches Klima und die B&auml;ume, welche die
+H&uuml;tten &uuml;berschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
+Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
+gewiss bedeutend gr&ouml;sser. Zahlreiche G&auml;nge in den Felsen, Ueberreste von
+alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
+scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
+jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
+als gegenw&auml;rtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss daf&uuml;r ablegten.</p>
+
+<p>So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
+zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
+Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
+Menschen belagerten um Arznei bittend meine Th&uuml;r und obschon ich Alle zu
+befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
+gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick f&uuml;r mich zu denken.</p>
+
+<p>Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem <a name='Page_147'></a>drei engl. Meilen westlich
+von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
+Lalibala-Distrikt geh&ouml;rt. Man steigt auf einen Ausl&auml;ufer des Ascheten
+herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
+Lalibala liegt, und hat n&ouml;rdlich fortw&auml;hrend das liebliche
+Medadjen-Thal, voller Geh&ouml;fte und Felder, welche von Hecken und
+Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
+Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
+durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
+Dogussatsch sind. Bei Schegala erh&auml;lt das Thal einen bedeutenden Zweig
+von S&uuml;den und zieht so verst&auml;rkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
+zu. Kein Berg ist sch&ouml;ner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
+diess erh&ouml;ht nat&uuml;rlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
+eine Stadt der Priester, ein religi&ouml;ser Mittelpunkt in reizloser Gegend
+angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung f&uuml;r uns eine Ausnahme, aber
+ist f&uuml;r den Araber die W&uuml;ste nicht Alles, freut sich nicht allj&auml;hrlich
+der Araber, wenn er im Fr&uuml;hjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
+Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig gen&uuml;tzt, die Leute
+begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von f&uuml;nfzig um mich, Lahme,
+Blinde, Auss&auml;tzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
+in <a name='Page_148'></a>Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
+Arznei zu bekommen.</p>
+
+<p>So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Sch&ouml;nheit der
+Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
+Voraussetzung, in einer der luftigen H&uuml;tten, in welcher noch dazu in
+letzter Zeit K&uuml;he gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
+hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
+nach Mitternacht wachte ich auf und f&uuml;hlte, dass ich an hundert Stellen
+gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
+Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines K&ouml;rpers bem&auml;chtigt. Wenn ich
+nicht meine noch m&uuml;deren Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
+haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
+Morgen graute.</p>
+
+<p>Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
+&uuml;beraus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
+bewachsen, unter dem &uuml;ppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
+einen hohen Gebirgszug, von dem die h&ouml;chsten Spitzen Dogussatsch,
+Selatit und Aderho heissen, w&auml;hrend die zu &uuml;bersteigenden H&uuml;gel relativ
+nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tribut&auml;ren
+Rinnsale f&uuml;hren in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
+man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
+der reizenden Ruine einer zerst&ouml;rten Kirche. Aus Quadersteinen
+aufgef&uuml;hrt stehen <a name='Page_149'></a>einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
+Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, &uuml;berhaupt
+scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
+herzur&uuml;hren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
+Olivenb&auml;ume &uuml;berschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
+Kirche nat&uuml;rlich, wie alles Grossartige, dem K&ouml;nig Lalibala zu.</p>
+
+<p>Bilbala-Gorgis ist eine weitl&auml;ufige Ortschaft und weil zuf&auml;llig die
+ersten Geh&ouml;fte mohammedanischen Bewohnern zugeh&ouml;ren, so wies man mir die
+Moschee, eine kleine runde H&uuml;tte, als Absteigequartier an. Diese
+Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
+seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur R&uuml;ckkehr in die Heimath
+vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
+faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
+einen Webestuhl. Sie waren nat&uuml;rlich &auml;usserst tolerant und hatten nichts
+dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
+streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete f&uuml;r einen
+Augenblick die H&uuml;tte r&auml;umte, genirte sich einer nicht, mir w&auml;hrend
+seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
+anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
+Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
+Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend f&uuml;r die mohammedanische Religion,
+dass &uuml;berall, wo auch nur <a name='Page_150'></a>einige Familien sich finden, sie sich gleich
+eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
+fest unter Andersgl&auml;ubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
+Sie lebten hier &uuml;brigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
+hatten keinerlei Beschr&auml;nkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.</p>
+
+<p>Der folgende Tag war f&uuml;r uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
+die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
+so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
+traurig, dass man nicht wusste, welchen Gef&uuml;hlen man Raum geben sollte.
+Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
+Waldbrand zerst&ouml;rt und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
+erh&ouml;ht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
+Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
+kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
+beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
+herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
+Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem &uuml;brigen und wenn sie
+selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
+beiden anderen Sprachen. Nordw&auml;rts erstreckt sich die Sprache bis an den
+Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.</p>
+
+<p>Das Torf Taba, in dem wir &uuml;bernachteten, ist &uuml;bri<a name='Page_151'></a>gens ein elender
+kleiner Ort, die Leute leben haupts&auml;chlich von Viehzucht, da der Boden
+zu arm ist, um reichliche Ausbeute f&uuml;r Ackerbau zu geben.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die trostlose Gegend &auml;nderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
+wir ein starkes St&uuml;ck Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
+weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
+den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
+w&auml;re beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
+sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
+wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
+nur im Siba-Thal hatten wir ein St&uuml;ck Weges von einigen Meilen, welches
+gut zu nennen w&auml;re, wenn ihn nicht die B&uuml;sche so beschr&auml;nkt h&auml;tten, dass
+ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
+Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
+Siba-Thale waren Wasserl&ouml;cher mit hinl&auml;nglichem Wasser zu unserem
+Fr&uuml;hst&uuml;ck, aber so viel hatte ich jetzt l&auml;ngst gesehen, dass, wenn auch
+ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
+Magdala &uuml;ber Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es <i>unm&ouml;glich</i>
+gewesen w&auml;re, eine Armee wie die Englische auf <i>diesem Wege</i>
+fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit w&auml;re dies auf dem
+von mir verfolgten Wege rein unausf&uuml;hrbar gewesen und in der nassen
+<a name='Page_152'></a>Jahreszeit w&uuml;rden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.</p>
+
+<p>Von hier an immer steigend kamen wir dann &uuml;ber den hohen Mokogo-Pass und
+brachten die Nacht einige Meilen weiter nordw&auml;rts im Dorfe Belkoak zu.
+Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von K&auml;lte zu
+leiden hatten. Ich w&auml;re gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
+ersch&ouml;pft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide f&uuml;r sie
+aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
+Jahren waren die Leute hier allj&auml;hrlich von Heuschrecken heimgesucht
+worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
+B&uuml;rgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
+Bev&ouml;lkerung arm zu machen.</p>
+
+<p>Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu &uuml;bersteigen, einen kolossalen
+Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
+indess kaum weiter und dazu kam, dass die D&ouml;rfer, wo wir h&auml;tten
+unterkommen k&ouml;nnen, weit vom Wege ablagen. Der s&uuml;d&ouml;stliche Abhang des
+Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
+Der Pass, &uuml;ber den man kommt, wird vom nord&ouml;stlichsten Abh&auml;nge gebildet,
+der mit dem westlichen Ausl&auml;ufer des Gerbako-Berges zusammenh&auml;ngt. Der
+Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nord&ouml;stliche, eine
+mittlere, welche die h&ouml;chste ist, und eine s&uuml;dwestliche. Sein
+s&uuml;dwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
+Verbindung. <a name='Page_153'></a>Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
+Ich w&auml;re gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
+um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
+Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
+ausgehalten h&auml;tten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
+Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
+Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
+Passh&ouml;he, welche wir bei Biala &uuml;berschritten, war schon h&ouml;her. Mein
+eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
+zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
+Bestimmung seiner H&ouml;he, weg.</p>
+
+<p>Wir hatten den Pass von Biala gl&uuml;cklich &uuml;berwunden und weil wir vor uns
+in h&uuml;geliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
+dort die Nacht zuzubringen. Freilich w&auml;re es besser f&uuml;r uns gewesen,
+andere, n&auml;her liegende D&ouml;rfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
+als es zu sp&auml;t war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach pl&ouml;tzlich &uuml;ber
+uns herein und es war unm&ouml;glich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
+uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
+zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
+Giessb&auml;che, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
+dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
+vom Kopfe bis zu Fuss was<a name='Page_154'></a>serdichte Kleider schnell &uuml;berziehen konnte,
+so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
+den Kisten befindliche Gep&auml;ck wurde gleichfalls durchn&auml;sst.</p>
+
+<p>Ohlich ist ein grosser Ort und die H&uuml;tten, obgleich sehr luftig wie alle
+in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedr&auml;ngt. Die
+Gegend um Ohlich ist h&uuml;gelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
+&uuml;berall hier ist die Bev&ouml;lkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
+schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bev&ouml;lkerung. In
+der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
+der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
+ger&uuml;chtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
+ganzen Unversch&auml;mtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
+Th&uuml;re meiner H&uuml;tte, machten &uuml;ber jede ihnen fremde Sache alberne
+Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
+herrschenden Leute w&auml;ren, wir anderen Europ&auml;er blos arme Sch&auml;cher. Der
+Schum war noch der Allervern&uuml;nftigste von ihnen und am anderen Morgen
+erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
+Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
+noch. Nat&uuml;rlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
+bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europ&auml;ischen gemacht (nicht
+weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
+Umschlagetuch mit breitem rothen <a name='Page_155'></a>Streife seinen ganzen Anzug; aber er
+war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
+Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barh&auml;uptig,
+aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
+trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
+unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
+sonst nicht folgen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
+man einen H&uuml;gelzug &uuml;bersteigen muss, dessen h&ouml;chster Punkt man beim
+Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bev&ouml;lkert und die gr&ouml;ssere
+Belebtheit der Strasse k&uuml;ndigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
+noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
+Salzst&uuml;cken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
+St&uuml;ck. Diese Salzst&uuml;cke, hier in Abessinien die kleine M&uuml;nze, haben je
+nach der Entfernung von den K&uuml;stenebenen, von woher sie kommen, einen
+verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
+Maria-Theresia-Thaler 6 St&uuml;ck ein, fr&uuml;her in Antalo 16, in Adigrath und
+Senafe 30, und ehe die Europ&auml;er in Abessinien waren, erhielt man dort
+sogar 60 St&uuml;ck. Jedes St&uuml;ck Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
+wiegt ungef&auml;hr ein Pfund. Nat&uuml;rlich liess man mich und meine kleine
+Karawane unbel&auml;stigt den Zoll passiren.</p>
+
+<p>Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
+Statthalter von Wag und Gouverneur von <a name='Page_156'></a>Sokota, Namens Borah,
+anzumelden, kam nun zur&uuml;ck in Begleitung eines Anderen, der etwas
+Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den F&uuml;rsten von
+Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
+mich, damit ich ihn begr&uuml;sse. Ueber solche Frechheit entr&uuml;stet, indem es
+bei allen halbcivilisirten und wilden V&ouml;lkern Afrika's Sitte ist, zuerst
+dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
+antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
+wenn man dies nicht auf der Stelle k&ouml;nne, w&uuml;rde ich sogleich weiter
+ziehen. Zudem f&uuml;gte ich hinzu: &quot;Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
+nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
+kommen k&ouml;nne, meinen Besuch zu erwarten?&quot; Es kam nun auch gleich der
+Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine ger&auml;umige, gut
+aussehende H&uuml;tte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
+Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
+einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es l&auml;cherlich
+finden, bei uncivilisirten V&ouml;lkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
+gerade durch Beobachtung solcher &auml;usserer Kleinigkeiten erh&auml;lt der
+Europ&auml;er bei ungebildeten V&ouml;lkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
+zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
+ausser dem F&uuml;rsten selbst. Diese V&ouml;lker halten selbst so sehr darauf,
+dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
+einen Besuch macht, spricht damit <a name='Page_157'></a>aus, dass er den Besuchenden als
+h&ouml;her im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
+dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europ&auml;ers
+erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
+h&ouml;here W&uuml;rdentr&auml;ger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
+der ihn besuchende Europ&auml;er gleich nach ihm, und ich glaubte, in
+Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
+steht, als in Bornu oder S&oacute;koto, dieselben Regeln beobachten zu m&uuml;ssen,
+auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.<a name='FNanchor_10'></a><a href='#Footnote_10'><sup>[10]</sup></a></p>
+
+<p>Borah benahm sich &auml;usserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
+nach den ersten Begr&uuml;ssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
+n&ouml;thig haben w&uuml;rde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
+als eine Menge Leute zugleich in die H&uuml;tte traten, fragen musste, wer
+der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
+reinlicher als er selbst<a name='Page_158'></a> angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
+sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begn&uuml;gte sich mit dem
+Boden mir gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Nach Ordnung meines Gep&auml;ckes machte ich dem Statthalter meinen
+Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
+grosses Geb&auml;ude, das nach europ&auml;ischer Art gebaut, aber fast ganz
+verfallen ist, wie Alles, was von V&ouml;lkern herr&uuml;hrt, die keine Zukunft
+haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale H&uuml;tte bauen
+lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, w&auml;hrend
+seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
+ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die H&uuml;tte war ringsum in der
+Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
+wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
+selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
+europ&auml;ischem M&ouml;belkattun &uuml;bergezogen, der indess nicht reiner war als
+seine &uuml;brigen Kleider.</p>
+
+<p>Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
+zur Agau-Bev&ouml;lkerung geh&ouml;renden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
+belaufen. Es liegt auf mehreren H&uuml;geln und wird in der Mitte vom
+Bilbis-Flusse durchstr&ouml;mt, der vom S&uuml;den kommend dem Tselari zueilt.
+Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
+Sokota f&uuml;hrt er solches immer. Die H&auml;user der Stadt sind besser gebaut,
+wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die <a name='Page_159'></a>besten noch weit
+hinter den Geb&auml;uden der Neger Central-Afrika's zur&uuml;ckstehen;
+vorherrschende Form ist die runde H&uuml;tte, gew&ouml;hnlich mit steinerner
+Mauer, w&auml;hrend die Bedachung nothd&uuml;rftig aus Stroh hergestellt ist. Das
+Ger&auml;th im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat<a name='FNanchor_11'></a><a href='#Footnote_11'><sup>[11]</sup></a>
+genannt, einer M&uuml;hle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
+ausgew&ouml;lbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
+zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
+Mehl unten in einen Topf f&auml;llt. Einige T&ouml;pfe, lederne S&auml;cke, eine
+Feuerstelle, Vorr&auml;the, in grossen Kr&uuml;gen aufbewahrt, vervollst&auml;ndigen
+das Ameublement.</p>
+
+<p>Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
+alle Merkw&uuml;rdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
+von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 H&auml;usern bestehend sagt uns,
+dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
+in Abessinien fast ausschliesslich in den H&auml;nden der Mohammedaner sind.
+Sie bringen von der K&uuml;ste Salz, Perlen und europ&auml;ische Stoffe und
+exportiren daf&uuml;r Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
+Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
+stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
+Christen in bester Eintracht.</p>
+
+<p>Man kann hier alle Tage Eier, H&uuml;hner, Milch, Butter, <a name='Page_160'></a>Honig, Mehl und
+selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
+Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind f&uuml;r gew&ouml;hnlich sehr
+billig, aber jetzt durch die grossen Eink&auml;ufe der Engl&auml;nder zu
+unglaublichen Preisen gestiegen. Ich f&uuml;hre nur an, dass man mir hier 5
+Eier f&uuml;r einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich nat&uuml;rlich nicht
+englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
+theuer, dass ich von Sokota an t&auml;glich f&uuml;r 2 Maria-Theresia-Thaler
+brauchte; f&uuml;r l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
+auch f&uuml;r solch hohen Preis keine zu haben.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss w&auml;hrend dieser Zeit t&auml;glich
+zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
+seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
+entz&uuml;ckt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
+Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
+Merkw&uuml;rdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
+&uuml;berdiess von europ&auml;ischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
+Werth f&uuml;r mich. Borah meinte, sobald die Engl&auml;nder das Land w&uuml;rden
+verlassen haben, w&uuml;rde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
+das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen B&uuml;rgerkrieges sei die
+Einmischung der Engl&auml;nder, nach seinem Daf&uuml;rhalten w&uuml;rde das ganze Land
+gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und <a name='Page_161'></a>selbst Gobesieh und
+Kassai w&uuml;rden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
+gehorchen.</p>
+
+<p>Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
+dem reizenden Fl&uuml;sschen Mai-Lomin oder Citronenquell fr&uuml;hst&uuml;ckten wir
+und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas &ouml;stlich vom Wege liegt.
+Den ganzen Tag hatten wir die entz&uuml;ckendste Aussicht auf das
+Tselari-Thal, welche ich fr&uuml;her schon so sehr von Attala aus bewundert
+hatte; steile K&ouml;nigssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
+Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
+setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
+vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
+nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
+vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag geh&ouml;rig, also unter der Botm&auml;ssigkeit
+des Gouverneurs von Sokota, gew&auml;hrte uns nat&uuml;rlich die gastlichste
+Aufnahme, aber er war &auml;rmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
+durchl&ouml;cherte H&uuml;tte vorgezogen, wurde aber daf&uuml;r nass bis auf die Haut,
+denn jede Nacht gab es Gewitter.</p>
+
+<p>Von hier an &auml;nderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
+vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
+einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
+miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
+des Grases, nur Buschwerk und B&auml;ume, die Bl&auml;tter zu treiben anfingen,
+waren reichlich vorhanden.</p>
+
+<p><a name='Page_162'></a>Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
+Bergtouren schon in allen L&auml;ndern mit grossen Hindernissen verkn&uuml;pft
+sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
+giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
+Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
+wahrscheinlich ein k&uuml;nstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
+scharfen Basaltsteinen &uuml;bersch&uuml;ttet, die vor Zeiten irgend eine
+Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
+Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
+Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Bl&ouml;cke versperrt
+oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
+hohen Felsw&auml;nden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
+zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
+Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
+die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
+manches Maulthier 200 St&uuml;ck, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 St&uuml;ck
+trug.</p>
+
+<p>In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
+oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Bl&uuml;the. Kolossale
+Exemplare bemerkte ich &uuml;brigens nicht, kein einziger hatte &uuml;ber 5 Meter
+oder 15 Fuss Umfang, w&auml;hrend ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
+Umfang gesehen habe.</p>
+
+<p><a name='Page_163'></a>Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
+fliesst und tr&uuml;be thonige Wellen fortrollte, aber trotz des tr&uuml;ben
+Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
+bleiben, kein Dorf war in der N&auml;he, und eine von Norden kommende
+Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
+einem ebenfalls noch zu Wag geh&ouml;renden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
+von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
+bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
+erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
+gewohnt, nur in der N&auml;he zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
+Stimme seines Herrn k&uuml;mmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
+halbcivilisirten V&ouml;lkern der Fall, die T&uuml;rkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
+welche alle ungef&auml;hr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
+dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am S&uuml;dabhang eines hohen
+Gebirgszuges n&ouml;rdlich vom Tselari.</p>
+
+<p>Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
+ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
+Zamra<a name='FNanchor_12'></a><a href='#Footnote_12'><sup>[12]</sup></a>-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
+See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss,<a name='Page_164'></a> derselbe, der
+weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
+Zamra-Ebene ist gross, gewellt und sp&auml;rlich mit Gras, reichlich mit
+Mimosenbuschwerk bewachsen, &uuml;berall liegen Thonschiefer, Alabaster und
+Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
+bev&ouml;lkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
+angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
+an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
+Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
+blieben in Fenaroa &uuml;ber Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
+Felsen, dessen Bewohner haupts&auml;chlich von Viehzucht leben.</p>
+
+<p>Ein langweiliger Weg f&uuml;hrte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
+war die Gegend etwas bev&ouml;lkerter, wir liessen vier oder f&uuml;nf Orte dicht
+am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
+ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
+(f&uuml;rstliche Statthalter) Heilo war wieder so unversch&auml;mt, gleich meine
+Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
+in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine H&uuml;tte, schickte dann einen
+fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
+entschuldigen, nicht selbst kommen zu k&ouml;nnen, da er bettl&auml;gerig sei.
+Unter diesen Umst&auml;nden sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
+Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
+Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bew&auml;l<a name='Page_165'></a>tigen konnte und auch
+nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt aus&uuml;ben lassen wollte.
+Alsbald kam denn auch ein Pr&uuml;gelmeister, der Weiber, Kinder und m&uuml;ssige
+M&auml;nner aus dem Hofe meiner H&uuml;tte herauspr&uuml;gelte.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
+darniederlag und als Hauptw&auml;rter einen indischen, von der englischen
+Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
+Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
+verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
+er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
+Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
+diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
+indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
+pr&auml;chtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
+erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich f&uuml;r 10 Thaler gekauft
+hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
+und Z&uuml;ndh&uuml;tchen.</p>
+
+<p>Samre liegt auf einem H&uuml;gel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
+H&auml;user mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
+verstanden, hat aber aufgeh&ouml;rt, die herrschende zu sein, und wie der
+Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
+Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.</p>
+
+<p><a name='Page_166'></a>Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
+beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
+und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
+ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
+meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
+mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
+Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
+recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
+Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
+immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
+und setzten am folgenden Tage auf der Milit&auml;rstrasse den Weg nach der
+Heimath fort.</p>
+
+
+<table align='center' border='0' cellpadding='2' cellspacing='5' summary='Höhenmessungen mit dem Aneroid.'>
+
+<tr><th align='left'>Höhenmessungen mit dem Aneroid.</th></tr>
+
+<tr><td align='left'>Abdikum</td><td align='left'>9250</td><td align='left'>engl.</td><td align='left'>Fuss.</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Takaze, Bett</td><td align='left'>5800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Salit</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Lalibala</td><td align='left'>7000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Schegalo</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Bilbala-Gorgis</td><td align='left'>6170</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Eisemutsch-Thal</td><td align='left'>6359</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Mári-Thal</td><td align='left'>5200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Taba, Ort</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Siba-Pass</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Mokogo-Pass</td><td align='left'>7800</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Biala-Pass</td><td align='left'>9000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Ohlich, Ort</td><td align='left'>6200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Telela-Pass</td><td align='left'>7100</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Sokota</td><td align='left'>6500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Emenenagerill-Pass</td><td align='left'>5600</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Uana-Pass</td><td align='left'>5550</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Tselari-Bett</td><td align='left'>3200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Zaka</td><td align='left'>4200</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Zamra, Bett</td><td align='left'>3150</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Fenaroa</td><td align='left'>4500</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+<tr><td align='left'>Samre</td><td align='left'>6000</td><td align='left'>"</td><td align='left'>"</td></tr>
+
+</table>
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Der_Aschangi_See_in_Abessinien'></a><h2>D<a name='Page_168'></a>er Aschangi-See in Abessinien</h2>
+<br />
+
+<p>Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
+Herrn Clemens Markham auf dem 12&deg; 8' 26&quot; n&ouml;rdlicher Breite und 39&deg; 8'
+28&quot; &ouml;stlicher L&auml;nge v. Gr. und bildet, wie er sich uns pr&auml;sentirt, ein
+von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
+zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
+fliessen alle B&auml;che von den hohen Bergen, die westlich den See
+begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
+Zelari) zu, w&auml;hrend die von den &ouml;stlichen, den See eind&auml;mmenden H&uuml;geln
+kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
+hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine H&ouml;he von circa
+10,000 Fuss erreichen, da schon die Passh&ouml;he des Ashara-Pass 8547 Fuss
+(nach Markham 8920 Fuss) betr&auml;gt, w&auml;hrend im Westen der eben so hohe
+Ofila-Berg sich befin<a name='Page_169'></a>det, ist der See nach S&uuml;den und Osten zu von
+minder hohen Bergen umschlossen.</p>
+
+<p>Das Gestein der n&auml;chsten Berge besteht nach Markham aus
+marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
+bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
+der Grundkern des Gebirges d&uuml;rfte Granit sein, da in den tief
+eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
+Bl&ouml;cke davon sich &uuml;berall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
+haben, ohne indess den Ort anzugeben.</p>
+
+<p>Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
+wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, w&auml;hrend andere
+die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
+so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
+ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
+mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
+den See abf&auml;llt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
+lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
+oder S&uuml;den, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
+Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
+Niveau des Wassers jetzt nicht erh&ouml;ht, kann man einestheils durch
+allm&auml;hlige Durchsickerung, welche nach S&uuml;den und Osten zu Statt zu
+finden scheint, erkl&auml;ren anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
+<a name='Page_170'></a>dem Hygrometer zufolge, w&auml;hrend einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
+10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr betr&auml;chtlich sein muss.</p>
+
+<p>Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
+abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit h&ouml;chstens um
+einen oder anderthalb Fuss w&auml;chst. Markham fand den See bedeutend h&ouml;her,
+was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
+erkl&auml;ren l&auml;sst, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
+Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen s&uuml;sses Wasser hat,
+so wie &uuml;ber die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
+Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
+Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
+k&ouml;nnen. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
+den n&ouml;rdlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
+Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern v&ouml;llig unbekannt ist, trug
+nat&uuml;rlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
+werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
+die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber geben
+werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
+Luftw&auml;rme.</p>
+
+<p>Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
+unregelm&auml;ssigen nach S&uuml;den sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
+besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
+Alluvial<a name='Page_171'></a>boden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
+diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
+wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast m&ouml;chten wir
+sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
+Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu n&auml;hern, da man schon
+auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfl&auml;che
+vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.</p>
+
+<p>Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
+spricht noch daf&uuml;r, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
+Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
+vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der &ouml;stlichen
+Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
+Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie daf&uuml;r als
+Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
+w&auml;hrend sie fr&uuml;her zu Kasta geh&ouml;rt hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
+die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
+Gobesieh von Waag, w&auml;hrend sie fr&uuml;her an Meschascha, den Neffen
+Gobesieh's und F&uuml;rst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
+Weilern; die H&auml;user derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
+aufgef&uuml;hrt und rund von Form mit konischen Strohd&auml;chern; mehrere solcher
+runden H&uuml;tten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
+Familien-Wohnung. Im Inneren <a name='Page_172'></a>sind sie sehr d&uuml;rftig ausgestattet; einige
+Ger&auml;the zum Kochen, grosse th&ouml;nerne T&ouml;pfe oft 5 Fuss hoch zum
+Aufbewahren des Korns, eine erh&ouml;hte Ruhest&auml;tte oft aus Thon, oft aus
+Holz und Rohr, mit einem Fell &uuml;berdeckt, bleierne Gef&auml;sse und Sch&uuml;sseln,
+bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist h&auml;ufig- bei den &auml;rmeren
+Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
+besonderen R&auml;umen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
+Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
+es durch k&uuml;nstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
+nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
+gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
+den &uuml;brigen Abessiniern, indess haben viele M&auml;nner metallene Ringe,
+keilf&ouml;rmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
+Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
+eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den &ouml;stlich von ihnen
+wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
+Beziehungen. Ausser Ackerbau ern&auml;hren sie sich aber auch von Viehzucht;
+Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
+Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
+Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders ber&uuml;hmt sind, aufgekauft werden,
+kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
+konnten von den Umwohnern merkw&uuml;rdigerweise nicht <a name='Page_173'></a>in Erfahrung bringen,
+ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn fr&uuml;her
+besucht hatte, konnte keinen Aufschluss dar&uuml;ber geben) und auf dem
+grosse Schw&auml;rme Wasserv&ouml;gel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
+nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.</p>
+
+<p>An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenb&auml;umen und Mimosen
+gr&uuml;ne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
+viele andere Singv&ouml;gel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
+&auml;chte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, w&auml;hrend die Berge h&ouml;her
+hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolb&auml;umen bewachsen sind.
+Von reissenden Thieren scheint nur die Hy&auml;ne am Aschangi-See vorzukommen
+und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gest&ouml;rt.
+Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebh&uuml;hner, Perlh&uuml;hner und verschiedene Arten
+von Tauben beleben die W&auml;lder und w&uuml;rden den Eingeborenen eine reiche
+Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verst&uuml;nden; aber
+fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
+Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
+erfolglos.</p>
+
+<p>Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
+mit einem ewigen Fr&uuml;hlingsklima wie es eine H&ouml;he von 7000 Fuss in diesen
+Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
+stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu <a name='Page_174'></a>Europa hat, einen
+Hauptanziehungspunkt f&uuml;r Touristen und J&auml;ger bilden. Der gutm&uuml;thige
+obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
+zuvorkommender als die n&ouml;rdlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
+l&auml;ngere Ber&uuml;hrung mit Europ&auml;ern gewinnen, in der That konnten wir in der
+ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
+Umschwung in der Gesinnung der Bev&ouml;lkerung bemerken, in Tigre blos
+Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
+Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Nach_Axum_uber_Hausen_und_Adua'></a><h2><a name='Page_175'></a>Nach Axum &uuml;ber Hausen und Adua.</h2>
+<br />
+
+<p>In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
+eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
+sehen. Und so, obgleich erm&uuml;det von der ganzen englischen Expedition,
+die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
+ger&auml;dert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
+Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und S&oacute;koto herausgekommen
+war, nach Axum zu gehen.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
+Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
+obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
+den g&uuml;nstigsten Augenblick bot. Man h&auml;tte von Magdala &uuml;ber den
+Dembea-See, &uuml;ber Chartum und &uuml;ber andere Punkte Partien schicken k&ouml;nnen,
+aber von alle dem geschah <a name='Page_176'></a>nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
+von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
+zu bekommen; sp&auml;tere Gesuche um derartige kleinere Ausfl&uuml;ge zu machen
+wurden vom englischen Oberkommando abschl&auml;gig beschieden. M&ouml;glich auch,
+dass sich wenige Leute gemeldet haben w&uuml;rden, von denen man derartiges
+gerade h&auml;tte erwarten d&uuml;rfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
+Magdala gefallen war, wieder zur&uuml;ckgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
+Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
+Escorte (die er aber gar nicht n&ouml;thig gehabt h&auml;tte) vom General en chef
+verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die sch&ouml;nen Wegeaufnahmen f&uuml;r
+die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
+mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.</p>
+
+<p>In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
+dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
+Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
+ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
+Attala, also noch drei bis vier Tagem&auml;rsche zur&uuml;ck. Herr Stumm
+entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
+ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
+englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
+Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Milit&auml;rstrasse benutzen
+wollten. Indem wir die <a name='Page_177'></a>Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
+Ag&oacute;la und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.</p>
+
+<p>Fr&uuml;hzeitig wie Phayre, dieser unerm&uuml;dliche Fussg&auml;nger, welcher immer um
+3 Uhr Morgens seine M&auml;rsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
+Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Milit&auml;rwege, der
+uns in die D&oacute;ngolo-Ebene f&uuml;hrte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
+eine Meile, ehe wir den von D&oacute;ngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
+bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse D&oacute;ngolo Ebene ist
+&auml;usserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kr&auml;uter und Gr&auml;ser
+der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
+gleich links auf einer kleinen Anh&ouml;he eine halbe Meile<a name='FNanchor_13'></a><a href='#Footnote_13'><sup>[13]</sup></a> vom Wege
+entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
+Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter V&ouml;gel, Tauben,
+Perlh&uuml;hner, Hasen und von gr&ouml;sserem Wilde, welche hier einen ungest&ouml;rten
+Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
+des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
+schreckliche Weise zu qu&auml;len, und je heisser es wurde, desto schlimmer
+wurden diese Qualen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile &uuml;berschritten wir dann die Grenze von Tar&aacute; um den
+District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
+von S.O. nach N.W.<a name='Page_178'></a> laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
+Sulloh oder Surohfluss m&uuml;ndet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
+Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile n&ouml;rdlich und lagerten
+dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
+g&ouml;nnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
+selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
+auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
+eingeschlossen; im Westen bilden die Wand haupts&auml;chlich die Berge
+Adamesso und Adeitesfei mit D&ouml;rfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
+Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche D&ouml;rfer, doch auch
+die bev&ouml;lkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
+L&auml;ndern, die wir gut bev&ouml;lkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
+Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitl&auml;ufiger
+Ort aus grossen Geh&ouml;ften, die oft mehrere Familien einschliessen,
+bestehend, die H&auml;lfte, oft zwei Drittel der H&auml;user sind immer in Ruinen.
+Und obgleich hier in Tigre die H&auml;user jetzt ausschliesslich aus Stein
+gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
+gross wie in den s&uuml;dlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
+Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
+betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
+Construktion der Geb&auml;ude, nicht nur dass die W&auml;nde alle von Stein gebaut
+sind (dies findet man auch auf den hohen <a name='Page_179'></a>s&uuml;dlichen Hochebenen von
+Uadela und Talanta), wird die runde H&uuml;ttenform mehr und mehr verlassen
+und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
+nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere M&ouml;blirung sich in Nichts
+von denen der H&uuml;tten unterscheidet, sind die D&auml;cher von Balken gebildet,
+die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
+&uuml;berdeckt sind.</p>
+
+<p>In Eiba fanden wir &uuml;brigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
+konnten f&uuml;r Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
+Europa.</p>
+
+<p>Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
+Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
+Kirchth&uuml;rme oder sonstiger eigenth&uuml;mlicher Gebilde verschliessen. Diese
+zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
+die hervorragendsten sind, tragen s&auml;mmtlich, wie das schon der Name
+andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
+Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
+ber&uuml;hmten Kirchen von Lalibala &uuml;bertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
+war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
+einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
+Kirchenberge nicht besuchen zu k&ouml;nnen, obschon wohl nicht anzunehmen
+ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Geb&auml;uden Lalibala's gleich
+kommen. Die Be<a name='Page_180'></a>wohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
+noch heute Troglodyten sein.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
+entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
+Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine B&auml;che passiren, den
+Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
+passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
+zug&auml;ngig, w&auml;hrend nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
+unabsehbares Gewirr von steinigen H&uuml;geln erstreckt.</p>
+
+<p>Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich n&ouml;rdlich am Orte
+entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
+unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
+auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
+Bl&auml;tter, im R&uuml;cken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
+Sandsteinbl&ouml;cken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
+versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
+herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
+Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
+Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
+Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
+finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns f&uuml;r uns so
+unversch&auml;mt hoch, dass wir f&uuml;r unser Vieh, wir hatten zusammen 11 St&uuml;ck,
+an Einem <a name='Page_181'></a>Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
+fr&uuml;heren Zeiten mehrfach Hauptstadt<a name='FNanchor_14'></a><a href='#Footnote_14'><sup>[14]</sup></a> von Tigre gewesen, jetzt ist es
+ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, h&ouml;chstens
+dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
+Urspr&uuml;nglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
+sein; sp&auml;ter zerst&ouml;rt, hat man dann ein Geb&auml;ude abessinischer Art daraus
+gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.</p>
+
+<p>Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu k&ouml;nnen, brachen wir am anderen
+Tage fr&uuml;h morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
+ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
+bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, &uuml;berst&uuml;rzte
+sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
+kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
+weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
+Verst&auml;ndniss f&uuml;hre ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
+Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
+wiederzur&uuml;ckziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
+diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
+das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben<a name='Page_182'></a> und Weitem gesehen
+wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
+schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
+setzen.</p>
+
+<p>Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
+durchaus WNW. Und so fort kletternd &uuml;ber die unwirtlichen Felsen, ohne
+auch f&uuml;r den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
+von Ferne eines zu sehen, war das einzige Sch&ouml;ne die wunderbaren Formen
+der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
+Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
+w&auml;re. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
+durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
+Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
+&uuml;ber H&uuml;gel, die mit kleinen weissen Quarzst&uuml;cken wie bestreut waren. Die
+Vegetation war &auml;usserst sp&auml;rlich und bestand meist aus verkr&uuml;ppelten
+Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
+Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann l&auml;ngere Zeit am
+Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tribut&auml;r ist Sodann hatten wir
+noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
+Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
+erreicht, aber obschon unser F&uuml;hrer uns gesagt hatte, wir w&uuml;rden ein
+Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
+war hoch am Berge hinauf gelegen, das <a name='Page_183'></a>Wasser eine Stunde weit zur&uuml;ck.
+Heftig eintretender Regen n&ouml;thigte uns indess unsere Zelte
+aufzuschlagen, und in der N&auml;he fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
+verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zur&uuml;ck
+gef&uuml;hrt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
+f&uuml;r uns selbst hatten wir Vorr&auml;the, und ein grossen Haufen Stroh musste
+als Viehfutter dienen.</p>
+
+<p>Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bev&ouml;lkerung anbetraf. Aber
+wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
+wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
+N.-Richtung. Grosse Feigenb&auml;ume, die hier und da die Gegend beschatten,
+D&ouml;rfer an den Abh&auml;ngen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
+halbnackten Hirtenburschen durch die B&uuml;sche getrieben wurden, lassen die
+Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
+Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
+Fersmai, wo wir in der N&auml;he eines &uuml;ppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
+Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
+des m&auml;chtigen Semaita-Berges &uuml;ber die niedrigen H&uuml;gel, die uns umgeben,
+hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
+nord&ouml;stlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
+wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erkl&auml;rt, dass er auf
+einigen Karten weit &ouml;stlich von Semaita verzeichnet ist. <a name='Page_184'></a>Halbwegs
+zwischen Semaita und Fersmai liegt &ouml;stlich vom Wege der Berg und Ort
+Gedera.</p>
+
+<p>Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
+von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
+F&uuml;rst fortw&auml;hrend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
+umgingen n&ouml;rdlich den Semaita-Berg, eine Schlucht &uuml;bersteigend, die ihn
+vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
+Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.</p>
+
+<p>Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
+Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
+vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen h&uuml;bschen Platz
+unter einem Feigenbaume, welcher Schatten f&uuml;r tausend Menschen bietet.
+Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
+auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
+Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
+allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
+Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
+versehenen H&auml;user, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
+tragen nicht wenig dazu bei, den st&auml;dtischen Eindruck zu erh&ouml;hen. Aber
+selbst die weitl&auml;ufigen Vor&ouml;rter mitgerechnet, welche Adua nach S&uuml;den
+und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
+Gallinier angeben, 4000 <a name='Page_185'></a>Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
+nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
+sch&auml;tze.</p>
+
+<p>Unsere Ankunft hatte nat&uuml;rlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
+und m&uuml;ssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und l&auml;rmend
+nachgingen. Die Strassen sind &uuml;berdies so eng und schmutzig, dass nur
+Menschen passiren k&ouml;nnen, zwei Maulthiere oder Pferde w&uuml;rden keinen
+Platz zum Ausweichen haben. An &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden hat die ummauerte
+Stadt (die Vorst&auml;dte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
+neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
+ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl m&uuml;ssiger Priester lagerte im
+Hofe, welcher von sch&ouml;nen Oelb&auml;umen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
+sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen H&ouml;fen, welche bei den H&auml;usern
+sich befinden, &uuml;berall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
+befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingef&uuml;hrt sein, die
+Aduenser nennen die Weinrebe &quot;Wein&quot;. Auch macht die nahe K&uuml;ste sich hier
+bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
+Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort f&uuml;r die feinen
+Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
+mit fortf&uuml;hrte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
+dieser Leute war eben jetzt wieder zur&uuml;ckgekehrt. Aber auch eine Menge
+anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
+Abes<a name='Page_186'></a>sinien's vergebens suchen w&uuml;rde. Der Handelsstand und die
+Handwerker sind haupts&auml;chlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
+zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
+Flintenh&auml;ndler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
+hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Engl&auml;nder, ein
+gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph w&auml;hrend der
+Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
+aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Gen&uuml;ssen verschaffen
+konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
+und schmutzig wie die &uuml;brigen Tigrenser. Es scheint als ob in fr&uuml;heren
+Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
+dem Namen &quot;Felascha&quot; kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
+einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
+besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
+Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
+&uuml;berf&uuml;llt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
+einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
+sahen uns aber sehr get&auml;uscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
+was uns als merkw&uuml;rdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner H&uuml;tte,
+wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
+Hier fanden wir den leeren Schrank einer schw&auml;bischen Kukuksuhr, welche
+uns der jetzige <a name='Page_187'></a>Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
+Aussergew&ouml;hnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
+verfertigt sah h&ouml;chst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
+wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
+gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben m&uuml;sste.</p>
+
+<p>Dr. Schimper wurde in Adua zur&uuml;ck erwartet, einige seiner alten
+ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint &uuml;brigens, dass Dr.
+Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
+Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
+hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu k&ouml;nnen; so schien es mir
+h&ouml;chst &uuml;bertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien &uuml;ber 10,000,000
+Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
+zusch&auml;tzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
+Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
+seine Meinung von Abessinien ist.</p>
+
+<p>Zu unseren Zelten zur&uuml;ckgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
+versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
+Gegenst&auml;nde nat&uuml;rlich zu den unversch&auml;mtesten Preisen zum Verkauf
+anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
+Instrumente spielte und arg seinen K&ouml;rper dabei verdrehte, unter
+Ges&auml;ngen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
+Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
+Flasche mit <a name='Page_188'></a>Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
+Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Sp&auml;ter kam er noch
+ein Mal und zwar n&uuml;chtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
+grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
+den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
+kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
+bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abm&uuml;hte Aermel zu finden, um
+seine H&auml;nde frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
+&auml;hnliche M&auml;ntel tr&uuml;gen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
+Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
+Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns n&auml;mlich dringend eingeladen,
+sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
+gemacht gingen wir, obschon es sp&auml;t Abends war, mit nach der Stadt
+zur&uuml;ck. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
+Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
+Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
+Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
+brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein L&ouml;wenfell
+hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
+dass dieser es wirklich f&uuml;r 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
+hatte in seinem Leben nie ein so gutes Gesch&auml;ft gemacht, er war <a name='Page_189'></a>so
+entz&uuml;ckt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
+brachte.</p>
+
+<p>Also am anderen Tage sollten wir das ber&uuml;hmte Axum sehen, die alte
+Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die K&ouml;nigin
+Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
+unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
+bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verh&auml;ltnissm&auml;ssig gut, nur zwei
+oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
+Assem &uuml;berschritten, kreuzt man noch die kleinen Fl&uuml;sse Mai-Goga und
+Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
+Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem H&uuml;gel den Ort Bit Johannes, dann
+sp&auml;ter dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
+Pantalem genannt.</p>
+
+<p>Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
+obschon es immer noch zu den gr&ouml;sseren Orten Abessiniens geh&ouml;rt. Es
+liegt einige hundert Fuss h&ouml;her als Adua, welches selbst nach einer
+durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss &uuml;ber dem Meere liegt. Alvares
+erz&auml;hlt uns, dass hier die K&ouml;nigin Saba, deren wahrer Name Maquerda<a name='FNanchor_15'></a><a href='#Footnote_15'><sup>[15]</sup></a>
+gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
+hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von<a name='Page_190'></a> hier aus
+zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
+auch eine K&ouml;nigin regierte, mit Namen Candace<a name='FNanchor_16'></a><a href='#Footnote_16'><sup>[16]</sup></a> oder Judith. Freilich
+finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
+seiner Beschreibung von Axum unterh&auml;lt, und da unm&ouml;glich die Geb&auml;ude und
+Steine in einem Zeitr&auml;ume von 4000 Jahren k&ouml;nnen spurlos verschwunden
+sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
+gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
+thut<a name='FNanchor_17'></a><a href='#Footnote_17'><sup>[17]</sup></a>. An Merkw&uuml;rdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
+Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Geb&auml;ude
+ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
+Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgef&uuml;hrt ist. Das Material dazu
+haben die alten Ruinen liefern m&uuml;ssen, wie auch die Substructionen,
+sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche<a name='Page_191'></a> f&uuml;hren, andeuten, dass
+hier fr&uuml;her wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
+Hauptfa&ccedil;ade ist ein S&auml;ulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
+selbst ein l&auml;ngliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
+jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
+das Innere zu betreten; hier war der religi&ouml;se Fanatismus noch gr&ouml;sser
+als die Geldgier. Von den vielen Pal&auml;sten, dem L&ouml;wenhause oder
+Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
+keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische<a name='FNanchor_18'></a><a href='#Footnote_18'><sup>[18]</sup></a> ohne
+Bedeutung ausgenommen.</p>
+
+<p>Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
+&uuml;bertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner m&uuml;sste dieselben
+zerst&ouml;rt haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen w&auml;ren,
+so m&uuml;ssten die Bruchst&uuml;cke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
+dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
+wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist<a name='FNanchor_19'></a><a href='#Footnote_19'><sup>[19]</sup></a>, muss aus
+einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
+findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer<a name='FNanchor_20'></a><a href='#Footnote_20'><sup>[20]</sup></a>.&mdash;Dicht<a name='Page_192'></a> bei einem
+ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
+Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen &quot;Baum des Pharao&quot;
+f&uuml;hrt, findet man den ber&uuml;hmten Obelisk von reinster und sch&ouml;nster
+Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen w&auml;re.
+Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
+scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
+Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkw&uuml;rdig geneigte
+Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
+Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
+dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
+Br&uuml;dern in St&uuml;cken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erw&auml;hnen
+nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
+hoch sch&auml;tzen, w&auml;hrend Alvares dessen H&ouml;he auf 66 Ellen oder Bracia
+angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
+erw&auml;hnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.</p>
+
+<p>Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug &uuml;brig blieb,
+um die K&ouml;nigsgr&auml;ber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
+griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
+vor der Zeit der Ptolem&auml;er errichtet und sollen von einem gewissen K&ouml;nig
+Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
+christliche Arbeiter <a name='Page_193'></a>hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
+Abessinischen K&ouml;nige f&uuml;hrt ihn nicht auf.</p>
+
+<p>Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
+den folgenden Tag damit, unsere Eink&auml;ufe f&uuml;r die R&uuml;ckreise zu machen, da
+wir auf die Vorr&auml;the im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
+Adua, die uns an dem Tage ge&ouml;ffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
+es ist ein Geb&auml;ude der Neuzeit.</p>
+
+<p>Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
+von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
+sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man &uuml;berdies daraus
+sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
+und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende K&ouml;rner aufzusammeln.</p>
+
+<p>Unser Weg f&uuml;hrte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
+rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
+n&ouml;rdlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
+Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der w&ouml;chentliche
+Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
+Jung herbeistr&ouml;mte um Eink&auml;ufe f&uuml;r die Woche zu machen.&mdash;Sobald man den
+Reberen-Pass &uuml;berstiegen hat, laufen die Gew&auml;sser alle nach NW. um dem
+Mareb tribut&auml;r zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
+Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, <a name='Page_194'></a>ersahen wir
+daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
+Gegend fast vor unseren Augen ausgepl&uuml;ndert wurde, wahrscheinlich war es
+ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
+hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
+vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht f&uuml;r geboten uns
+ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
+abziehen.</p>
+
+<p>Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
+westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
+die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
+welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes &uuml;bersteigen, und auf deren
+linken oder n&ouml;rdlichen Verl&auml;ngerung die Michaels-Kirche liegt, f&uuml;hrt uns
+in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
+Ubie K&ouml;nig von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
+meiner Burschen aus einem der D&ouml;rfer dieser Provinz geb&uuml;rtig, erz&auml;hlte
+mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gem&uuml;se dort gezogen w&auml;re.
+Krieg, Zerst&ouml;rung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
+zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wundersch&ouml;n, und gewiss w&uuml;rde
+Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
+Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
+Gem&uuml;sebau nichts zu sehen.</p>
+
+<p><a name='Page_195'></a>Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
+verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
+Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
+mit kr&auml;ftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
+an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
+Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
+Provinz zur&uuml;ckkehren m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
+Wolken hatten sich im S&uuml;dosten um den colossalen Oger-Berg
+zusammengezogen und z&ouml;gerten auch nicht sich &uuml;ber uns zu entladen.</p>
+
+<p>Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
+war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
+denken. Ueber den Urea-Pass f&uuml;hrte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
+Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
+Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
+Thales, in welchem Debra-Damo, eines der ber&uuml;hmtesten Kl&ouml;ster
+Abessiniens, liegt.</p>
+
+<p>Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
+Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
+halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen w&auml;re. Der Weg
+aufw&auml;rts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
+wir am Fusse der eigentlichen <a name='Page_196'></a>Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
+abf&auml;llt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
+besuchen will. Es leben einige M&ouml;nche auf diesem Berge, welche ihre
+Bed&uuml;rfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
+treiben, und einiges Vieh halten. Die M&ouml;nche sind sehr schwierig,
+Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
+so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
+Abessinien verlassen zu k&ouml;nnen, standen wir von jedem Besuche ab uns
+Aufgang zu verschaffen.</p>
+
+<p>Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
+um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
+herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
+schmalen K&uuml;che, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.</p>
+
+<p>Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
+die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
+Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
+fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
+einigen Tagen in europ&auml;ischen Gen&uuml;ssen schwelgte, die wir fast f&uuml;nf
+Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
+und Ale, Cigarren und sogar mit gl&auml;nzender Beleuchtung und auf St&uuml;hlen
+sitzend einen vergn&uuml;gten Abend zubrachten.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Damiette'></a><h2><a name='Page_197'></a>Damiette.</h2>
+<br />
+
+<p>Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
+sich &uuml;ber Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
+wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
+gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
+grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
+anderw&auml;rts seit Einf&uuml;hrung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
+haben. W&auml;hrend fr&uuml;her die Abendl&auml;nder in Damiette ans Land stiegen, ist
+jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
+wird dem schnell emporbl&uuml;henden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
+sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez f&uuml;hren wird.</p>
+
+<p>Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der j&uuml;ngsten
+und doch schon bedeutendsten St&auml;dte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
+so angeneh<a name='Page_198'></a>mer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
+Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
+die gluthgl&uuml;hende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
+mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
+mittell&auml;ndischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
+fahren, welcher vom mittell&auml;ndischen Meere nur durch eine schmale
+Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, &ouml;fters auch
+Durchg&auml;nge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.</p>
+
+<p>Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre f&uuml;r den
+Preis von 40 Francs, und wenn der Wind g&uuml;nstig blies, so konnte ich
+hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das T&auml;amiatis zu erreichen. Da
+aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
+und dreifache verz&ouml;gert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
+reichlich aus seiner K&uuml;che und seinem Keller. Da gab es B&uuml;chsen mit
+eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gem&uuml;sen, Fr&uuml;chten, die nie
+fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
+und K&auml;se; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
+Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
+Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
+welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
+Brode; ein grosser Krug S&uuml;sswasser completirte das Ganze. In der That,
+<a name='Page_199'></a>es war Essen und Trinken genug f&uuml;r 10 Mann auf zwei Tage.</p>
+
+<p>Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
+Dock direct vom Canal aus m&uuml;ndet zum G&uuml;terausladen in den grossen Hof
+des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
+einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufw&auml;rts, wo etwa eine halbe
+Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
+Alles war rasch an Bord des &auml;gyptischen Schiffes gebracht, und nach
+einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
+n&auml;mlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
+des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
+Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
+Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
+befand sich eine Art von Caj&uuml;te, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
+Vorr&auml;the hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
+schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
+davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
+bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capit&auml;n, welcher zugleich die
+Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
+einem Behari oder Matrosen, der alle andern Pers&ouml;nlichkeiten bis zum
+Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repr&auml;sentirte. Vom Consul
+selbst hergef&uuml;hrt, kann man sich denken, dass ich von der ge<a name='Page_200'></a>sammten
+Mannschaft mit geh&ouml;rigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
+ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
+verh&auml;ngen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
+die Willk&uuml;r der mohammedanischen Beh&ouml;rden selbst den Arabern angedeihen
+l&auml;sst.</p>
+
+<p>Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
+denn der Wind war gerade contr&auml;r, wenn auch nicht heftig, und da die
+Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
+Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
+langen Stangen langsam weiter stossen. Gl&uuml;cklicherweise hatte ich
+Lect&uuml;re bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
+nicht in einem Tag hinkommen w&uuml;rden. Man richtete es sich indess so
+bequem wie m&ouml;glich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger No&euml;l,
+also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
+n&ouml;rdlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
+benutzen, aber langsam ging es trotzdem.</p>
+
+<p>Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
+Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
+wobei dann gew&ouml;hnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
+ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
+tief (wesshalb ich auch nicht f&uuml;r n&ouml;thig hielt, wie bei andern Seereisen
+sonst immer, einen Schwimmg&uuml;rtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
+Br&uuml;te<a name='Page_201'></a>stellen f&uuml;r die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
+lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
+Der Hauptfisch im Menzale ist n&auml;mlich ein gewisser von den Aegyptern
+Snamura genannter, welcher immer in grossen S&auml;tzen aus dem Wasser
+herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
+nach Kleinasien und der europ&auml;ischen T&uuml;rkei bildet. Der Snamura-Rogen
+wird von einem t&uuml;rkischen Effendi ebenso hoch gesch&auml;tzt wie von unseren
+Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
+Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
+geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
+trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
+Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
+besch&auml;ftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
+nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, h&auml;lt der Bascha eine eigene
+kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
+patrouilliren m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
+aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
+sind, hat der See eine L&auml;nge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.</p>
+
+<p>Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
+ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
+wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
+<a name='Page_202'></a>in der Mitte wuchs indess etwas Gr&uuml;n, und mittelst einiger trockener
+Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
+sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
+Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
+wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns f&uuml;hrten, so legten
+wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
+hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
+Jahren etwas Weiche geschafft h&auml;tten. Ob der gelehrsame Reis und der
+wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
+kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
+indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
+kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
+gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
+ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
+einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
+Smah<a name='FNanchor_21'></a><a href='#Footnote_21'><sup>[21]</sup></a> nennen, herausragen gesehen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
+Kanal f&uuml;hrte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
+des Nils<a name='Page_203'></a> abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
+Ungl&uuml;cklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
+dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
+&uuml;brig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
+am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
+h&ouml;her werden w&uuml;rde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
+Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt l&auml;nger im Schiffe zu
+bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
+arbeitete mich gl&uuml;cklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
+jedem Schritt bis &uuml;ber die Knie einsank und f&ouml;rmlich festklebte, keine
+leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
+konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
+Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
+an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
+es zur Stadt.</p>
+
+<p>Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
+ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
+Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt n&ouml;rdlich
+und geh&ouml;rt Herrn Gu&eacute;rin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
+kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
+zumal ich einen Empfehlungsbrief f&uuml;r den Besitzer mitbrachte. Reizend in
+einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
+<a name='Page_204'></a>europ&auml;ische Fruchtb&auml;ume herrlich gedeihen, von den &uuml;ppigsten
+Gem&uuml;seculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
+bes&auml;umt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
+l&auml;ndliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
+erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
+Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
+bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
+Harmonie, ja das Merkw&uuml;rdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
+Gu&eacute;rin Jude ist, seine Frau eine Christin, w&auml;hrend das andere Ehepaar
+ein umgekehrtes Verh&auml;ltniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
+kommen, so existirt nat&uuml;rlich keine Table d'H&ocirc;te, und man isst, wenn man
+nicht ausdr&uuml;cklich es verlangt, mit der Familie &agrave; la fran&ccedil;aise.</p>
+
+<p>Obgleich sehr wenig Europ&auml;er in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
+aussergew&ouml;hnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
+verh&auml;ltnissm&auml;ssig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
+und die Hauptstrasse, welche die Stadt der L&auml;nge nach durchschneidet,
+mit ihren Buden und Gew&ouml;lben an beiden Seiten, ist orientalisch sch&ouml;n.
+Die Stadt kann gegenw&auml;rtig 45 bis 50,000 Einwohner z&auml;hlen, war aber
+fr&uuml;her bedeutend gr&ouml;sser.</p>
+
+<p>In alten Zeiten galt Damiette als der Schl&uuml;ssel Aegyptens und lag dann
+unmittelbar am mittell&auml;ndischen Meere, w&auml;hrend es heute durch die
+Ausschwemmungen <a name='Page_205'></a>des Nils, der fortw&auml;hrend nach Norden Erdreich ansetzt,
+12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
+des &ouml;stlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
+Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
+Trag&ouml;die spielte sich hier zur Zeit der Kreuzz&uuml;ge ab, als der heilige
+Ludwig in der N&auml;he der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
+Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
+Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
+November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, K&ouml;nig von
+Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
+Mel-ed-Din sie wieder r&auml;umen, und Friedrich der II., der ein H&uuml;lfsheer
+im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abz&uuml;ge des christlichen
+Heeres sein.</p>
+
+<p>Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
+zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
+schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
+Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
+Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
+Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
+Ausf&uuml;hrung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
+Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
+ebenfalls ungl&uuml;cklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
+gerieth Ludwig <a name='Page_206'></a>der Heilige bei Mansura mit seinen Br&uuml;dern Alphons und
+Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
+dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter s&uuml;dlich wieder
+aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.</p>
+
+<p>Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
+und den T&uuml;rken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
+entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den T&uuml;rken zur&uuml;ck,
+welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
+Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
+T&uuml;rken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
+Unabh&auml;ngigkeit Aegyptens der Pforte gegen&uuml;ber ein.</p>
+
+<p>Heutzutage ist Damiette<a name='FNanchor_22'></a><a href='#Footnote_22'><sup>[22]</sup></a> eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
+Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
+Hauptbev&ouml;lkerung besteht nat&uuml;rlich aus Mohammedanern, welche wie die
+christlichen Kopten die Urbev&ouml;lkerung ausmachen; Levantiner, meist
+griechischen Glaubens, bilden dann zun&auml;chst das Hauptcontingent, und von
+eingewanderten Europ&auml;ern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
+wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engl&auml;nder und Deutsche sind
+augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
+Consul h&auml;tten, die schwarzweissrothe <a name='Page_207'></a>Flagge weht auf der ganzen Erde,
+und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, &uuml;berall giebt sie ihm kr&auml;ftigen
+Schutz.</p>
+
+<p>&quot;Ich muss Herrn Surur&quot;, so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
+reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, &quot;doch
+einen Besuch machen&quot;, dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
+entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
+Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
+G&uuml;ter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
+hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
+mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur w&uuml;nsche mich
+auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
+&quot;Das ist er ja selbst&quot;, erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
+zugleich England und Spanien vertritt. &quot;Das ist ganz recht&quot;, erwiederte
+der Kanzler, &quot;aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
+machen wird, w&uuml;rde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
+spanischer Uniform empfangen, er hat auch f&uuml;r jedes Land besondere
+Empfangzimmer.&quot; Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
+fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzu&auml;ndern, um diesen
+Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei L&auml;nder in Damiette
+repr&auml;sentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
+spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
+spanische <a name='Page_208'></a>Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
+abzubrechen. Folglich erkl&auml;rte ich dem Herrn Kanzler: ich k&ouml;nne meine
+Reiseplane nicht mehr um&auml;ndern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
+Herrn Consuls zu empfehlen.</p>
+
+<p>Herr Gu&eacute;rin, mein Wirth, erz&auml;hlte mir nun noch folgendes, was mir
+nachher von vielen Seiten best&auml;tigt wurde: trotzdem &uuml;berlasse ich die
+Verantwortung dieser Erz&auml;hlung den europ&auml;ischen Bewohnern Damiette's;
+sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
+als Bundeskanzler, Ministerpr&auml;sident, Minister der ausw&auml;rtigen
+Angelegenheiten, Pr&auml;sident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
+correspondirt. &quot;Herr Surur ist der &auml;lteste Consul auf der ganzen Erde,
+sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souver&auml;ne zu
+repr&auml;sentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
+irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er f&uuml;r dieses die gr&ouml;sste
+Vorliebe, obgleich er alle Abend f&uuml;r die K&ouml;nigin Isabella dreimal zu
+Gott betet, w&auml;hrend Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
+genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
+doch der katholischen F&uuml;rstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
+empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
+Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
+aber zuerst selbst die f&ouml;rmlichsten Besuche; wenn z. B. der K&ouml;nigin
+Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuni<a name='Page_209'></a>form
+und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
+die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
+eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
+um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
+Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
+das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
+norddeutschen und spanischen Salon.</p>
+
+<p>Sein st&auml;rkstes St&uuml;ck soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
+welches er an K&ouml;nig Wilhelm f&uuml;r Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
+geschickt hat, und was in so schw&uuml;lstigen Formen abgefasst war, dass das
+Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
+lassen. &quot;Schade&quot;, erwiederte ich, &quot;unser K&ouml;nig ist dadurch um einen
+heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
+Bismarck denkt?&quot; &quot;O ja; er hat gleich erkl&auml;rt, da Bismarck nur auf die
+Vergr&ouml;sserung Deutschlands s&auml;nne, er auch t&auml;glich ein Extragebet halte
+f&uuml;r Vergr&ouml;sserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul m&uuml;sse er
+officiell mit den W&uuml;nschen des Ministeriums des Ausw&auml;rtigen
+&uuml;bereinstimmen&quot;.</p>
+
+<p>Doch es w&uuml;rde zu weit f&uuml;hren, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
+die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten &uuml;ber Consul
+Surur erz&auml;hlt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
+auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, <a name='Page_210'></a>und vorkommenden Falles
+den T&uuml;rken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Sch&uuml;tzlinge
+ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
+Schwiegersohn vertritt andere L&auml;nder, so dass fast die ganze Welt von
+dieser Familie repr&auml;sentirt wird.</p>
+
+<p>Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
+Minarets z&auml;hlte ich, die meisten Djemma,<a name='FNanchor_23'></a><a href='#Footnote_23'><sup>[23]</sup></a> so nennen die Araber ihre
+Beth&auml;user, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr ber&uuml;hmt und
+noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
+Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
+nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umh&uuml;llt
+worden, damit mein ungl&auml;ubiger Fuss nicht die heiligen R&auml;ume beflecke.
+Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
+vielleicht in noch &auml;lterer Zeit ein r&ouml;mischer oder griechischer Tempel,
+denn die S&auml;ulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
+und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
+kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
+fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine S&auml;ule, welche von Blut ganz
+roth angelaufen ist; diese S&auml;ule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
+von sterilen Frauenzimmern so<a name='Page_211'></a> lange geleckt mit der Zunge bis aus
+dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
+(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
+Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
+Zunge wundgeleckt haben, m&uuml;ssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
+und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
+Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der S&auml;ulenleckung besch&auml;ftigt,
+die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
+entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungl&auml;ubigen sie trafen. Der
+mich herumf&uuml;hrende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
+zufl&uuml;sterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
+Macht des b&ouml;sen Auges von ihnen abwenden zu wollen.</p>
+
+<p>Aber noch zwei andere merkw&uuml;rdigere S&auml;ulen zeigte man mir, reiche dicht
+neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
+haben die wunderth&auml;tige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
+niederkommen k&ouml;nnen, entbinden machen; zu dem Ende m&uuml;ssen sich die
+Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
+Abstand der beiden S&auml;ulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
+denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
+haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer n&ouml;thig haben w&uuml;rden.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
+katholische Kirche, welche von <a name='Page_212'></a>V&auml;tern des heiligen Grabes bedient wird,
+dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
+Priester vorstehen. Den sch&ouml;nsten Blick auf die Stadt hat man von S&uuml;den,
+nahe vom Geb&auml;ude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Geb&auml;ude,
+welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
+steht jetzt ganz leer, einige R&auml;ume ausgenommen, die vermiethet sind.
+Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
+liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
+italienischen als einer &auml;gyptischen Stadt. Hohe mehrst&ouml;ckige H&auml;user, mit
+Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugeh&ouml;rend,
+unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
+hier die Harem der Reichen m&uuml;nden. Und doch ist es so, die Jalousien
+sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen M&auml;dchen das rege
+Treiben auf dem Nil sehen k&ouml;nnen, ohne gesehen zu werden. Besonders
+sch&ouml;n ist das Geb&auml;ude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
+el Agam (ﻢﺠﻌﻞﺎ heissen sie Persien) nennen.</p>
+
+<p>Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Geb&auml;ude,
+mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass fr&uuml;her hier
+die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
+fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend haupts&auml;chlich Reis
+hervor, der an Vorz&uuml;glichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
+damit, sowie mit getrock<a name='Page_213'></a>neten Fischen, vom Menzale-See nach der T&uuml;rkei
+und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
+Datteln, welche f&uuml;r die besten in ganz Unter&auml;gypten gehalten werden. In
+neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gem&uuml;sebau sehr entwickelt, da
+Port Said g&auml;nzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
+wird. Bei Hochwasser k&ouml;nnen Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
+gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelm&auml;ssige
+Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
+Meilen nilaufw&auml;rts liegt.</p>
+
+<p>Nach einem viert&auml;gigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
+regelm&auml;ssigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
+nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
+lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
+Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
+welcher das Gef&auml;ngniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
+ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
+ersten Zuge nach der Kalifenstadt zur&uuml;ck.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Malta'></a><h2><a name='Page_214'></a>Malta.</h2>
+<br />
+
+<p>Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
+Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu gen&ouml;thigt wird,
+tagelang, welches oft zu Wochen anw&auml;chst, auf diesem Felsen mitten im
+Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
+wir nun wie am besten und n&uuml;tzlichsten und zugleich auch am
+interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
+arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
+Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
+am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft dar&uuml;ber so erstaunt mich
+fe'l maltese sprechen zu h&ouml;ren, dass sie sich gerade so anstellten, wie
+die Beduinen einem Europ&auml;er gegen&uuml;ber, welcher sie pl&ouml;tzlich in ihrer
+Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
+glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
+die Laute ohrgerecht machten.</p>
+
+<p><a name='Page_215'></a>Indem ich im Allgemeinen hier anf&uuml;hre, dass die Inselgruppe, die wir
+schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der gr&ouml;ssten Malta, der mittleren
+kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
+Cominetto und Filfela besteht, halte ich es f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig, &uuml;ber Lage,
+Gr&ouml;sse und Einwohnerzahl mich auslassen zu m&uuml;ssen, was in jedem
+Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.</p>
+
+<p>Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer ge&auml;ndert, wie Malta,
+welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
+Herrschaft der Ph&ouml;nizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die sp&auml;ter
+sich der Insel bem&auml;chtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
+Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bau&uuml;berreste, die an mehreren
+Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
+V&ouml;lkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
+bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der ph&ouml;nizischen Herrschaft.
+Im Jahre 736 v. Chr. bem&auml;chtigten sich die Griechen der Inseln, welche
+dann 528 v. Chr. in die H&auml;nde der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
+mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
+Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
+Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bem&auml;chtigte.
+Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
+Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
+den Normannen die <a name='Page_216'></a>Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
+Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
+Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
+H&auml;nde von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
+Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
+dem V. wurden sie f&uuml;r ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
+Johannes dem T&auml;ufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
+letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
+Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engl&auml;nder zu fallen, unter deren
+Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.</p>
+
+<p>Es ist wohl nicht n&ouml;thig anzuf&uuml;hren, dass die Grossmeisterschaft Paul
+des I. von Russland nur eine Com&ouml;die war, dass die eigentliche
+Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
+heute h&ouml;rt man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um R&uuml;ckgabe der
+G&uuml;ter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
+indess rechtm&auml;ssig Eigenthum der Ritter sind.</p>
+
+<p>Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
+Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
+Ich beschr&auml;nke mich daher darauf nur die Merkw&uuml;rdigkeiten derselben
+aufzuz&auml;hlen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
+Jahre 1566 gegr&uuml;ndet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
+Halbinsel so g&uuml;nstig, dass <a name='Page_217'></a>auf beiden Seiten die pr&auml;chtigsten und
+sichersten H&auml;fen, von den Engl&auml;ndern schlechtweg &quot;Doks&quot; genannt, sich
+befinden.</p>
+
+<p>Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die t&uuml;rkische
+Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
+Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
+von R&uuml;stungen und Waffen, die inwendig &uuml;beraus reiche Kirche von St.
+Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Ph&ouml;nizier
+und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die haupts&auml;chlichsten
+Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
+Geb&auml;ude, sogenannte Aubergen der fr&uuml;heren Ritter, welche n&auml;mlich in acht
+Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
+hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
+die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
+eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
+auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
+sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein h&uuml;bscher
+Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
+Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.</p>
+
+<p>So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta pr&auml;sentiren, so stabil
+scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
+Malteser, wenn auch <a name='Page_218'></a>nicht Abk&ouml;mmling der Araber, hat doch unter der
+Herrschaft dieses Volkes, und namentlich fr&uuml;her unter der Ritterschaft
+durch die vielen &quot;Caravanen&quot; (so der officielle Ausdruck in den Akten
+der Ritter f&uuml;r Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
+alles, in Sitten und Gebr&auml;uchen sehr viel von den Abk&ouml;mmlingen Ismael's
+angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
+verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der h&uuml;bschen
+Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
+so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
+haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
+finden. Als eigenth&uuml;mlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
+smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
+fr&uuml;her nur zwei anst&auml;ndige Kaffeeh&auml;user, welche aber auch jetzt zu
+wahren Brandy shops gesunken sind, daf&uuml;r hat man nun Rauchzimmer
+erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
+getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
+Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
+einf&uuml;hren lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
+alle viel zu w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+
+<p>Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so f&uuml;hrt uns
+der Weg zun&auml;chst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
+ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch citt&agrave; notabile genannt. <a name='Page_219'></a>Bei
+den Arabern hiess sie die &quot;Stadt&quot; medina schlechtweg und vom
+Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
+heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
+der grosse Ort Rabatto.</p>
+
+<p>An Merkw&uuml;rdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
+dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
+Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkw&uuml;rdiger ist indess
+die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; fr&uuml;here
+Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. F&uuml;r
+die Malteser ist das gr&ouml;sste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
+der N&auml;he von citt&agrave; vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
+wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
+gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
+ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
+genossen.</p>
+
+<p>Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegr&uuml;ndet der Glaube (wenn man bei
+Glauben &uuml;berhaupt von Gr&uuml;nden reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
+Malta scheitern zu lassen.</p>
+
+<p>Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
+fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
+gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordk&uuml;ste
+Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, &uuml;berfiel das Schiff ein
+<a name='Page_220'></a>heftiger Sturm, aber es heisst ausdr&uuml;cklich im <i>adriatischen Meere</i>.
+Dann giebt es keine Sandb&auml;nke um Malta, wo die Paulus f&uuml;hrenden Seeleute
+h&auml;tten Blei senken k&ouml;nnen, um Malta f&auml;llt das Meer &uuml;berall steil ab zu
+einer Tiefe, die weder f&uuml;r damalige Senkbleie erreichbar war, noch
+weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
+gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
+allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend h&auml;tte er an die
+Ostseite der Insel geworfen werden m&uuml;ssen. Es liessen sich noch andere
+Gr&uuml;nde anf&uuml;hren, was jedoch nur erm&uuml;dend sein w&uuml;rde, und warum auch,
+respectiren wir im Gegentheil die Piet&auml;t der Malteser f&uuml;r den grossen
+Heidenapostel.</p>
+
+<p>Auf dem Wege nach citt&agrave; vecchia hat man noch das h&uuml;bsche Landhaus des
+Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
+duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
+Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
+vielmehr jedes St&uuml;ckchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
+Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. B&auml;ume giebt
+es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
+und da einzelne Feigen-, Johannisbrodb&auml;ume und Oliven. Und doch wie
+fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
+Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen m&uuml;ssen.
+Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle M&uuml;he und Anstrengung
+zu Nichte, von heftigen Re<a name='Page_221'></a>gen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
+so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch f&uuml;r den
+Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeintr&auml;chtigend, denn Malta hat im
+Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
+Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
+Tuareg &quot;die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelb&auml;umen, nicht nur um
+aus den Dattelb&auml;umen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
+derselben Korn bauen zu k&ouml;nnen&quot;, er &quot;nennt die Palmw&auml;lder&quot; die
+&quot;Treibh&auml;user der heissen Gegenden&quot;, und das ist auch vollkommen wahr.
+Aber der Malteser h&auml;ngt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
+fortf&auml;hrt Erde aus Sicilien zu holen, als B&auml;ume zu pflanzen, ja er hat
+sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen k&ouml;nnen, den Abraham bei
+den Arabern einf&uuml;hrte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
+brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
+mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
+Verzeihung bitten, w&auml;hrend ich dies schreibe, f&auml;llt mir ein, dass ich
+gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abk&ouml;mmlinge
+der K&ouml;nigin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.</p>
+
+<p>Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
+selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
+am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
+ber&uuml;hmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der <a name='Page_222'></a>Stadt einen
+Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
+dass man glauben sollte, sie h&auml;tten ihre Wagen nach den alten
+Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei R&auml;dern
+getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
+man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettk&auml;mpfe die K&auml;mpfer und
+Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
+Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
+ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
+Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
+hineinlegend fuhren wir ab.</p>
+
+<p>Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
+interessanten Gr&auml;ber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
+unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
+sondern Todtengr&auml;ber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
+&auml;hnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir &uuml;brigens in
+Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
+froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
+obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasth&ouml;fe nur mittelm&auml;ssig nach
+unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten &auml;usserst gute
+Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
+Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
+die freundlichste Aufnahme. Man muss <a name='Page_223'></a>&uuml;berhaupt ins Land selbst
+hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
+&uuml;ber ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
+Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zur&uuml;ckgestanden,
+mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erz&auml;hlen einem
+nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
+ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
+die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erkl&auml;ren: die Guten
+bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.</p>
+
+<p>Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
+sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen &uuml;bervortheilt zu werden, f&uuml;r
+alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
+bei den Engl&auml;ndern in Verruf: Sehr beg&uuml;nstigt, da sie frei von allen
+Abgaben sind, &uuml;berdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
+kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Bl&auml;tter von Lavaletta
+lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
+schlecht wie m&ouml;glich zu machen.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
+wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegen&uuml;ber liegt.
+Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
+Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
+ber&uuml;hmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
+Die meisten und <a name='Page_224'></a>besten Geographen stimmen aber darin &uuml;berein, dass
+Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
+ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
+zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
+gezeigt wird.</p>
+
+<p>Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
+Zimmer von verschiedener Gr&ouml;sse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
+vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggest&uuml;rzt zu sein
+scheint. Das Merkw&uuml;rdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
+bewohnt sind, wie ich denn sp&auml;ter noch an mehreren Orten constatiren
+konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was f&uuml;r unser neunzehntes
+Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.</p>
+
+<p>Ein heftig ausbrechender Regen n&ouml;thigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
+da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
+unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkw&uuml;rdige
+H&ouml;hle zu besuchen, die am S&uuml;dende der Insel liegt und den Namen Erhassan
+hat. Man gelangt dahin am besten &uuml;ber den kleinen Zorrik. Diese H&ouml;hle
+ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
+Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
+geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und f&uuml;r Damen wohl kaum
+erreichbar, auch muss man sich in der H&ouml;hle selbst sehr in Acht nehmen,
+da viele Irrg&auml;nge vorkommen. Licht muss man auf alle <a name='Page_225'></a>F&auml;lle mitnehmen,
+und wer sich weit in die H&ouml;hle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
+mitzunehmen, um sich daran zur&uuml;ckleiten zu k&ouml;nnen. Zimmer, welche an den
+Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
+bewohnt war.</p>
+
+<p>Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
+Makluba (umgest&uuml;lpt) f&uuml;hrt. Auch dieses sonderbare Loch &uuml;ber 100' tief
+und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
+einen Einsturz hervorgerufen sein, die W&auml;nde sind &uuml;berall senkrecht und
+das Gestein ist wie immer Kalk.</p>
+
+<p>Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
+den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
+Meere sehr merkw&uuml;rdige Bau&uuml;berreste der Ph&ouml;nizier, Hedjer-Kim oder
+Hedjer-Aim<a name='FNanchor_24'></a><a href='#Footnote_24'><sup>[24]</sup></a> von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
+diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
+Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Alt&auml;re sieht man. Auf
+vielen Steinen findet man die &auml;ussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
+zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenst&auml;nde,
+auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
+sich auf dem kleinen Museum der<a name='Page_226'></a> Bibliothek, jedoch scheinen die
+Ausgrabungen nur oberfl&auml;chlich vorgenommen zu sein.</p>
+
+<p>An anderen Sehensw&uuml;rdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
+Scirocco (Bucht an der Ostk&uuml;ste) einen Tempel, der den Namen
+Hercules-Tempel f&uuml;hrt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
+Johanniterritter, zwischen Citt&agrave; notabile und dem Meere gelegen, beide
+diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.</p>
+
+<p>Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
+wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gef&auml;hrlich
+sei die enge Strasse zu &uuml;berfahren, sondern weil m&ouml;glicherweise w&auml;hrend
+unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
+h&auml;tte ausbrechen k&ouml;nnen, und dann vielleicht die Communication
+abgeschnitten gewesen w&auml;re, wir also den Dampfer h&auml;tten vergessen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Man f&auml;hrt von Lavalletta am besten bis Marfa dem &auml;ussersten
+Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
+kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
+pr&auml;chtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
+dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein k&ouml;nnte; die grosse
+Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
+die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgew&ouml;lbt.</p>
+
+<p>In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
+ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
+war; ein alter dort <a name='Page_227'></a>stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
+machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
+dem gegen&uuml;ber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
+Engl&auml;nder schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit g&uuml;nstigem
+Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zur&uuml;ck nach Mai-Djiar
+ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
+benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
+weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
+Gozzo und eine kleine Stunde sp&auml;ter im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
+Rabatto bei der Stadt citt&agrave; vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
+einquartirt.</p>
+
+<p>Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, f&uuml;r
+einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
+konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
+bis zum andern Morgen aushalten.</p>
+
+<p>Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die gr&ouml;sste
+Sehensw&uuml;rdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenth&uuml;rme zu besuchen. Und
+in der That, man fand sich keineswegs get&auml;uscht. Aus Riesenquadern
+aufgef&uuml;hrt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
+Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
+zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
+Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
+inwendig mit Sternen &uuml;berdeckt gewesen zu <a name='Page_228'></a>sein und mehrere
+spiralf&ouml;rmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
+Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
+eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
+Thurmes der Riesen gegeben.</p>
+
+<p>Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkw&uuml;rdigen Denkm&auml;ler der
+Ph&ouml;nizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
+ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
+Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
+jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
+dem n&ouml;rdlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
+nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
+Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese H&ouml;hle durch
+unz&auml;hlige davorliegende Felsbl&ouml;cke lebensgef&auml;hrlich gemacht, nahm fast
+eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
+wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
+Labyrinth von halbversch&uuml;tteten G&auml;ngen einzudringen.</p>
+
+<p>Unser Weg f&uuml;hrte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
+welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
+liebensw&uuml;rdigen Commandanten noch gefr&uuml;hst&uuml;ckt hatten, setzte uns die
+Barke diesmal mit g&uuml;nstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
+&uuml;ber.</p>
+
+<p>Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so <a name='Page_229'></a>dass wir noch selbigen
+Tages, wenn auch etwas sp&auml;t Lavalletta erreichen konnten und gerade an
+dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
+feurigsten Th&auml;tigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
+ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Die_grosse_Bodeneinsenkung_in_Nordafrika'></a><h2><a name='Page_230'></a>Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.</h2>
+<br />
+
+<p>Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
+Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfl&auml;che gelegen sind. Wer
+weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
+Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
+bezeichnend nennen &quot;behar-el-Loth&quot;, tiefer gelegen ist als das nahe
+Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
+Niveauunterschied von &uuml;ber 1200 Fuss zum Mittell&auml;ndischen Meere hat,
+f&auml;llt fast in geschichtliche Zeit, wie die j&uuml;dischen Traditionen
+berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
+soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
+oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
+Ausdehnung, einer jetzt bekannten L&auml;ngenausdehnung von ca. 10
+geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
+dadurch zum <a name='Page_231'></a>ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
+von Nordafrika n&auml;her festgestellt wird, wichtig genug, um eine n&auml;here
+Besprechung zu verdienen.</p>
+
+<p>Falls man den schmalen K&uuml;stenstrich durchstechen und das tiefer liegende
+Land dem Meere zug&auml;nglich machen wollte, w&uuml;rde dies eine tief
+eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
+hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Er&ouml;ffnung des
+Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
+treten wird, nicht m&uuml;ssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden n&auml;her
+ins Auge zu fassen.</p>
+
+<p>Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
+finden wir dieselbe im Westen beginnend, s&uuml;dlich von der inselartigen
+Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittell&auml;ndischen Meeres, welches hier an
+der Nordk&uuml;ste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
+genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
+beobachtet, der in gerader Linie vom Mittell&auml;ndischen Meere nur ca. 15
+deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
+104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche &uuml;berhaupt bemerkt worden
+ist. Diese zeigt sich gleichm&auml;ssig noch einige Stunden nach SSO. weiter
+fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
+einen halben Tagemarsch s&uuml;d-s&uuml;d-&ouml;stlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
+Barometerstand beobachtet. Wenn angef&uuml;hrt worden ist, dass bei
+Bir-Ressam die Einsenkung im We<a name='Page_232'></a>sten beginne, so ist das nat&uuml;rlich dahin
+zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
+gut m&ouml;glich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
+sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
+Namen &quot;Syrien-W&uuml;ste&quot; verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
+dem es blos durch ein schmales K&uuml;stengebirge oder durch ausgeworfene
+D&uuml;nen getrennt ist.&mdash;Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
+Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
+Syrten-W&uuml;ste ist nie von einem Europ&auml;er durchkreuzt worden, l&auml;ngs der
+K&uuml;ste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
+Barth.</p>
+
+<p>Mehrere Tagem&auml;rsche s&uuml;d-s&uuml;d-&ouml;stlich von Bir-Ressam st&ouml;sst man auf die
+ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
+dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
+31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
+Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
+Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum &uuml;berfallen, der
+zu einem achtt&auml;gigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, w&auml;hrend der
+gl&uuml;hende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
+Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
+mit 756 M. M. Aus 32 w&auml;hrend der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
+angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
+H&ouml;he mit dem Meere sich <a name='Page_233'></a>befinden m&uuml;sse, denn diese 32 Beobachtungen
+ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass &uuml;ber die H&auml;lfte
+der Beobachtungen w&auml;hrend eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
+wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
+hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
+Meter ergeben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zw&ouml;lf
+Tagem&auml;rsche, wovon die erste H&auml;lfte des Weges jeder Spur von Wasser
+entbehrt und durch die trostloseste W&uuml;ste verl&auml;uft, welche &uuml;berhaupt
+existirt Die Rhartd&uuml;nen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
+die gr&ouml;ssten Feinde der W&uuml;ste: g&auml;nzlichen Wassermangel und fast immer
+absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartd&uuml;nen l&auml;sst
+man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
+welche erst k&uuml;rzlich in einem heftigem Samum vom F&uuml;hrer irregeleitet und
+nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkw&uuml;rdiger Weise h&auml;tte
+dieser selbe F&uuml;hrer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
+Bengasi nach Audjila zu f&uuml;hren hatte, auch uns fast ins Verderben
+geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung get&auml;uscht, freilich
+dicht vor Audjila, vom Wege abf&uuml;hrte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
+werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartd&uuml;nen und die
+Gerdoba d&uuml;rften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
+giebt es D&uuml;nen, die relativ bedeutend h&ouml;her, aber auch eben so viele
+eigen<a name='Page_234'></a>th&uuml;mliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
+tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.</p>
+
+<p>Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche W&uuml;stenplateau
+heran, welches im Allgemeinen die geringe H&ouml;he von 100 bis 115 Meter
+absolut hat. Gleich s&uuml;dlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
+Ufer aus Kalkstein abf&auml;llt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
+zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
+von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
+manchmal so hart an der Oberfl&auml;che getrocknet, dass beladene Kameele
+dar&uuml;ber marschiren k&ouml;nnen, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
+unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
+liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
+existirend und s&uuml;dlich meist von Sandd&uuml;nen begrenzt, welche unmittelbar
+die Seen b&ouml;schen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
+Kanals von Suez zu bef&uuml;rchten haben wird. Wie gering sind &uuml;berdies die
+Sandanh&auml;ufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen D&uuml;nen der
+libyschen W&uuml;ste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
+kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie g&auml;nzlich in
+Sebcha zu verwandeln. Die haupts&auml;chlichsten Seen, von Westen nach Osten
+gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
+Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.</p>
+
+<p><a name='Page_235'></a>Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
+bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
+rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter &ouml;stlich liegende Oase mit
+See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
+die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.</p>
+
+<p>Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen W&uuml;ste gl&uuml;cklich
+&uuml;berwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
+welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
+silbergl&auml;nzenden Salzfl&auml;chen eingeschlossen sind, so wird diese
+bezaubernde Gegend an Wechsel und Sch&ouml;nheit nur noch von der
+eigentlichen Oase des Jupiter Ammon &uuml;bertroffen: Hohe phantastisch
+gestaltete Felsen, unzug&auml;nglich weil von Geistern geh&uuml;tet, eine lange
+Silberfl&auml;che erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrw&uuml;rdigen
+Palmenb&auml;umen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
+und G&auml;nsen herumtummeln, endlich die sch&ouml;n cultivirten G&auml;rten der Oase,
+reich an Oelb&auml;umen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
+&uuml;berall gegen die brennende Sonne von den weit&auml;stigen Palmenkronen
+gesch&uuml;tzt; rieselnde B&auml;che von S&uuml;sswasser, grosse aus der Tiefe
+aufsprudelnde Quellen, oft wie der ber&uuml;hmte Sonnenquell noch von
+k&uuml;nstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden St&auml;dte
+Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
+und noch heute die Reste des <a name='Page_236'></a>grossen Tempels des Jupiter Ammon
+birgt&mdash;das ist in K&uuml;rze das Bild dieser ber&uuml;hmtesten aller Oasen.</p>
+
+<p>In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
+Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
+zehn Tagem&auml;rsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
+verfolgt, und &uuml;berall blieb hier eine gleichm&auml;ssige Tiefe von circa 50
+Meter. Vom Brunnen Morharha n&ouml;rdlich gehend, kommt man dann gleich auf
+das aus Kalkstein bestehende libysche W&uuml;stenplateau, welches auch hier
+kaum breiter als zw&ouml;lf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
+Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
+heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unter&auml;gypten
+durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
+weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
+Depression nach S&uuml;den hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
+gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach S&uuml;den vorzudringen,
+geschweige denn einem Europ&auml;er, und wenn man von Audjila und Djalo
+s&uuml;dw&auml;rts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
+wenig &uuml;ber die Bodenverh&auml;ltnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
+eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
+den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
+keineswegs h&ouml;her gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
+geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, <a name='Page_237'></a>dass
+in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land &ouml;stlich von Kufra und Uadjanga
+bis an die Uah Oasen ist f&uuml;r uns vollkommen terra incognita. Dass
+&uuml;brigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
+standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
+tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
+aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
+niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
+dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengeh&auml;usen,
+Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
+den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
+und derselbe behauptet sogar, dass das Zur&uuml;ckweichen des Meeres und die
+Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
+schliesslich an, dass die Oase einst am Mittell&auml;ndischen Meere gelegen
+haben m&uuml;sste.<a name='FNanchor_25'></a><a href='#Footnote_25'><sup>[25]</sup></a> Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
+sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
+nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
+solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
+Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
+Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
+w&auml;hrend unsere 23 Beobachtungen das Mittel<a name='Page_238'></a> von 767 M.M., also eine
+Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.</p>
+
+<p>Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
+Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
+und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
+ist &uuml;berall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir k&ouml;nnen
+aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
+feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
+verdunstet ist, oder ob sich der K&uuml;stensaum, der von Unter-Aegypten nach
+Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
+erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
+verdunstet hat&mdash;so viel beweisen die Millionen Meeres&uuml;berreste, dass
+hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch fr&uuml;heren Periode
+muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn &uuml;berall trifft man
+versteinerte Baumst&auml;mme, oft ganze W&auml;lder, und zwar gerade von den
+B&auml;umen, die in der Nordw&uuml;ste noch jetzt am h&auml;ufigsten sind, Palmen und
+Tamarisken.</p>
+
+<p>Als vor Kurzem zuerst &uuml;ber diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
+man in verschiedenen franz&ouml;sischen Bl&auml;ttern, Lesseps ginge damit um, den
+Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
+andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
+aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum n&ouml;thig zu sagen, dass
+Lesseps an solche <a name='Page_239'></a>unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
+grossen Syrte aus w&uuml;rde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
+fertig ist, kaum den Weg abk&uuml;rzen. Und wie wurden die Projectenmacher
+denn den Nil vermeiden? W&uuml;rde man dar&uuml;ber oder darunter schiffen oder
+vielleicht den Nil in den Kanal m&uuml;nden lassen? Man w&uuml;rde damit den
+fruchtbarsten Theil von Unter&auml;gypten, das Delta, zur W&uuml;ste machen.
+Ebenso l&auml;cherlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
+Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil w&uuml;rden nicht ausreichen, um
+dies von Salz durchtr&auml;nkte Terrain s&uuml;ss zu machen, und der Nil hat nun
+eben nicht &uuml;berfl&uuml;ssig Wasser, als dass man nur daran denken k&ouml;nnte,
+einen so grossen Theil der W&uuml;ste damit zu entsalzen.</p>
+
+<p>Ganz anders verh&auml;lt es sich, falls man die D&auml;mme durchstechen wollte,
+welche jetzt das Mittell&auml;ndische Meer von dieser grossen Niederung
+trennen, und am leichtesten k&ouml;nnte dies von der grossen Syrte aus
+geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
+schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenh&auml;ngend, im S&uuml;den ein Meer welches
+die gr&ouml;ssten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga w&uuml;rde bringen
+k&ouml;nnen. Welche Umw&auml;lzung! Damit w&uuml;rde Innerafrika erschlossen sein,
+Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
+fruchtbarsten Provinzen von Amerika zur&uuml;cksteht. Nat&uuml;rlich m&uuml;sste vor
+der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach S&uuml;den
+geht, die Syrtenw&uuml;ste und die libysche W&uuml;ste m&uuml;ssten einer genauen
+<a name='Page_240'></a>Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
+grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
+k&ouml;nnte, w&uuml;rde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
+um einen schmalen Arm zu f&uuml;llen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
+w&uuml;rden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausd&uuml;nstung an beiden
+Seiten der W&uuml;stenufer eine sp&auml;rliche, unn&uuml;tze Vegetation hervorzurufen
+und f&uuml;r Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
+auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
+unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
+sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
+Mittell&auml;ndischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
+Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
+(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind l&auml;ngst unter Wasser,
+und w&auml;hrend vor 25 Jahren ein f&uuml;r Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
+der Mauern von Tripolis l&auml;ngs des Meeres ging, ist heute selbst bei
+niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='FUSSNOTEN'></a><h2>FUSSNOTEN:</h2>
+<br />
+
+<a name='Footnote_1'></a><a href='#FNanchor_1'>[1]</a><div class='note'><p> Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
+sind und die, weil im best&auml;ndigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
+Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.</p></div>
+
+<a name='Footnote_2'></a><a href='#FNanchor_2'>[2]</a><div class='note'><p> Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
+zu lesen war mir unm&ouml;glich.</p></div>
+
+<a name='Footnote_3'></a><a href='#FNanchor_3'>[3]</a><div class='note'><p> Man hat dabei verschiedene Ausdr&uuml;cke; ein Back ist ein geflochtener
+Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enth&auml;lt, ein Head sind 2000
+Muscheln. Die Muscheln werden von den Europ&auml;ern Cowries, von den
+Haussa-Negern Kurdi, von den Kan&uacute;ri-Negern K&uacute;ngena, von den Arabern
+El-Oda genannt. W&auml;hrend die meisten Neger sie einfach z&auml;hlen, theilen
+sie die Kan&uacute;ri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
+Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.</p></div>
+
+<a name='Footnote_4'></a><a href='#FNanchor_4'>[4]</a><div class='note'><p> Dies ist eine blos w&ouml;rtliche Uebersetzung, die Kan&uacute;ri oder Bewohner
+Bornus haben indess auch eigene Namen f&uuml;r die drei Stadttheile:
+Weststadt = <i>Kuka-g&aacute;rfote</i>, Mittelstadt = <i>Kuka-á¹…gimsegeni</i>, Oststadt
+= <i>Kuka-g&eacute;rgedi</i>.</p></div>
+
+<a name='Footnote_5'></a><a href='#FNanchor_5'>[5]</a><div class='note'><p> Die meisten gr&ouml;sseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
+besitzt, sind von der K&ouml;nigin Victoria: ein Wagen, sehr sch&ouml;ne Waffen,
+Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als <i>Gegengeschenk</i> sandte
+Sultan Omar einst einen <i>Elephantenschwanz</i> und einen <i>Giraffenschwanz</i>
+als <i>h&ouml;chstes Freundschaftszeichen</i>, welches der Bornuk&ouml;nig giebt. Unser
+&quot;K&ouml;nig von Norddeutschland&quot; ward nicht so gl&uuml;cklich bedacht; er musste
+sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
+darunter ein gesprenkeltes L&ouml;wenfell, begn&uuml;gen, weil gerade keine
+Elephanten und Giraffen in der N&auml;he der Hauptstadt waren.</p></div>
+
+<a name='Footnote_6'></a><a href='#FNanchor_6'>[6]</a><div class='note'><p> Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zw&ouml;lf grossen
+Hof&auml;mtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
+k&ouml;nnen wir nicht erfahren, was y&eacute;ri-ma ist; mir wurde es als der Titel
+des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst H&ouml;fling war und gut
+arabisch sprach.</p></div>
+
+<a name='Footnote_7'></a><a href='#FNanchor_7'>[7]</a><div class='note'><p> Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
+W&ouml;rter zu finden sind, halte ich sie doch f&uuml;r richtig, da sie mir von
+einem ganz zuverl&auml;ssigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
+in Lok&oacute;dza ist, &uuml;bersetzt wurden.</p></div>
+
+<a name='Footnote_8'></a><a href='#FNanchor_8'>[8]</a><div class='note'><p> Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
+Sprache &uuml;bergegangen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_9'></a><a href='#FNanchor_9'>[9]</a><div class='note'><p> Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
+der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
+trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem R&uuml;ckweg
+ein noch unbekanntes St&uuml;ck des Landes zu durchziehen, indem ich mich
+n&ouml;rdlich &uuml;ber Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
+von Beke 1843 begangenen Route &uuml;ber Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
+mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.</p></div>
+
+<a name='Footnote_10'></a><a href='#FNanchor_10'>[10]</a><div class='note'><p> Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem F&uuml;rsten Kassai von
+Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
+Kenntniss der Sitten dieser V&ouml;lker k&uuml;hn gemacht, konnte Kassai dann die
+Unversch&auml;mtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
+zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
+h&auml;tte Kassai auf die englische Milit&auml;rstrasse selbst kommen und Sir
+Robert Napier aufsuchen m&uuml;ssen, denn dieser war als Repr&auml;sentant der
+K&ouml;nigin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
+also h&ouml;her stehend als Kassai von Tigre.</p></div>
+
+<a name='Footnote_11'></a><a href='#FNanchor_11'>[11]</a><div class='note'><p> alga ist Amharisch, arat Tigrisch.</p></div>
+
+<a name='Footnote_12'></a><a href='#FNanchor_12'>[12]</a><div class='note'><p> Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_13'></a><a href='#FNanchor_13'>[13]</a><div class='note'><p> Bei Meilen sind immer englische gemeint.</p></div>
+
+<a name='Footnote_14'></a><a href='#FNanchor_14'>[14]</a><div class='note'><p> In Dapper's &quot;Beschreibung von Afrika&quot; wird angef&uuml;hrt, dass Alvares
+selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.</p></div>
+
+<a name='Footnote_15'></a><a href='#FNanchor_15'>[15]</a><div class='note'><p> Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.</p></div>
+
+<a name='Footnote_16'></a><a href='#FNanchor_16'>[16]</a><div class='note'><p> Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, w&auml;hrend welcher Zeit Christus
+geboren sein soll, danach m&uuml;sste das Christenthum also sehr fr&uuml;h in
+Abessinien eingef&uuml;hrt sein.</p></div>
+
+<a name='Footnote_17'></a><a href='#FNanchor_17'>[17]</a><div class='note'><p> Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
+andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerst&ouml;rt sind, er
+f&uuml;hrt an:</p></div>
+
+<div class='blkquot'><p>&quot;Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerst&ouml;rte die Denkm&auml;ler.&quot; </p></div>
+
+<p>ferner:</p>
+
+<div class='blkquot'><p>&quot;Der Abuna David schaffte fort und brach hier St&uuml;cke, er glaubte bei
+ sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle.&quot; </p></div>
+
+<a name='Footnote_18'></a><a href='#FNanchor_18'>[18]</a><div class='note'><p> Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
+seiner &quot;Reise nach Abessinien etc.&quot;</p></div>
+
+<a name='Footnote_19'></a><a href='#FNanchor_19'>[19]</a><div class='note'><p> Nach v. Heuglin Trachyt.</p></div>
+
+<a name='Footnote_20'></a><a href='#FNanchor_20'>[20]</a><div class='note'><p> v. Henglin hat indess in der N&auml;he von Axum die Bruchstellen
+gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.</p></div>
+
+<a name='Footnote_21'></a><a href='#FNanchor_21'>[21]</a><div class='note'><p> Man h&ouml;rt in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
+selten.</p></div>
+
+<a name='Footnote_22'></a><a href='#FNanchor_22'>[22]</a><div class='note'><p> Jetzt werden vom Vicek&ouml;nig Ismael wieder Befestigungen angelegt.</p></div>
+
+<a name='Footnote_23'></a><a href='#FNanchor_23'>[23]</a><div class='note'><p> Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
+aussprechen.</p></div>
+
+<a name='Footnote_24'></a><a href='#FNanchor_24'>[24]</a><div class='note'><p> Ein anderer Tempel ganz in der N&auml;he und von selber Construction
+heisst Mnaidra.</p></div>
+
+<a name='Footnote_25'></a><a href='#FNanchor_25'>[25]</a><div class='note'><p> Siehe dar&uuml;ber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.</p></div>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+
+<div class="center">
+Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig. <br />
+
+<a name='Page_241'></a>In unserem Verlage ist <i>erschienen</i>:<br />
+<br />
+
+GERHARD ROHLFS.<br /><br />
+
+Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der
+Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wüste
+über Rhadames nach Tripoli.<br /><br />
+
+Mit einer Karte von Nord-Afrika<br /><br />
+
+von<br /><br />
+
+<b>Dr. A. Petermann.</b><br /><br />
+
+Zweite Auflage.<br /><br />
+
+Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.<br /><br />
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+Ferner erschien:<br /><br />
+
+GERHARD ROHLFS.<br /><br />
+
+Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen
+Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General <b>Napier</b>
+und einer Karte von Abessinien von <b>Dr. A. Petermann</b>.<br /><br />
+
+Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.<br /><br />
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+Bremen.<br /><br />
+
+<b>J. Kühtmann's Buchhandlung.</b><br /><br />
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+Druck v. Hirschfeld, Leipzig.<br /><br />
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus
+den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA ***
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
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