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diff --git a/old/14105-0.txt b/old/14105-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f727620 --- /dev/null +++ b/old/14105-0.txt @@ -0,0 +1,7026 @@ +The Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Im grünen Tann + +Author: Arthur Achleitner + +Release Date: November 20, 2004 [EBook #14105] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Im grünen Tann *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Im grünen Tann + + +Schwarzwaldnovellen + + +von Arthur Achleitner + + + + +Berlin + +Verein der Bücherfreunde + +Schall & Grund + + + + +Inhalt + +Die Herzogskerze +Giftklärle +Der Pelagier + + + + +Die Herzogskerze + + + + +Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen +Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt +der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die +wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die +Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert +und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist +dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst +bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an +den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und +häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der +Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten +des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen +Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die +Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat; +hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine +felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und +verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser +alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an +die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie +Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren +Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner +des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose, +die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack +und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die +unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von +goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen +herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in +den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in +den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und +unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt. + +Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das +Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als +Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft, +so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen +Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der +Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten +Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke +entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz. +Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein +stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt, +daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende +Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die +morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben +stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte +zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst +grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das +sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt +durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die +eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen +gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den +Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn +und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig +gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien +Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier +knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den +Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor, +und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand +wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um +einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“ +hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu +kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine +Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut +hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit +mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt +und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu +prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner +Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre +Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn +diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die +Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß +durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern +und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte +anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit +weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus +dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als +wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder +lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die +vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an +die achtig Jahre im Grabe ruht. + +In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und +noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und +Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg +bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von +Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle +solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst +ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine +fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender +Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu +befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit +zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er +seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und +zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt +er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich +feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel +um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich +darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest +einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften, +Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei. +Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her, +unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen +Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters +schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben. +Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in +seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten +nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane +Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen +Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete +Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von +einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu +lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor, +war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner +Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger +hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in +der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805. +Peter Gottstein.“ + +Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und +sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich, +bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht +vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle +wisse bi Gott!“ + +Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher +Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick +des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder +hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“ + +„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon +nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten +Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie +das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt +und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht +sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke +Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die +Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn +auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde, +so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten +Bühler rechnen könne. + +Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue +handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in +unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“ + +„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen +könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche +bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen +Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“ + +„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur +Unglück gebracht in unser Land!“ + +„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben +gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht, +so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der +Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in +meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein +anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein +heiße!“ + +„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald +kommen sollen?“ + +„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut +und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate +werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi, +daraus wird nichts, sag' ich!“ + +„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“ + +„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“ + +„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“ + +„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die +letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem +Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher +werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot +steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“ + +Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu +beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht +ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei. + +Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes +blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und +prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie. + +Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der +Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu +können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut, +ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und +scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon +greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf +geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem +Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht +den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf +erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster +vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut +gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt +wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr +Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie +auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem +Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit +Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer +Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des +Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der +Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes +Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem +Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste +in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell +erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug +und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut. + +Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den +Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen +Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der +Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten +hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch +giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der +Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe. + +„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot +ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen +machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei +Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“ + +Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“ + +„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“ + +Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was +soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler +respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen +einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das +Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher +zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch +ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den +Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter +hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke +Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe, +müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die +Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und +Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege +jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“ +wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom +Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich +gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den +„dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet. + +Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die +Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über +Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn +ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber +einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot +steiget!“ + +Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr +verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers +Sache!“ + +Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des +Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor +sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre +angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt +einladet. + +Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug +der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner +nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu +bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand +stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen +Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der +Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen +Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum +Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach +ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten, +der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der +Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht +in den Rauchfang aufsteigen. + +Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der +„Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle +mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den +Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und +gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse. + +Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell +einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und +Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und +flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das +Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken +Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär +gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen +aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das +Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur +Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre +Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach +und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse +herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die +aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und +Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten +vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen +springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und +stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen +Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um +das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission, +bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein +der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür +verschwinden. + + * * * * * + +Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken +sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen, +und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann +und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem +toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten +auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen +ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden +Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht +schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen +Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt; +still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen +Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und +von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur +normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst +kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die +größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt. +Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann +aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in +schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät. + +Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten +Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im +Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl +längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit +Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf +eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung +nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das +frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so +heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“ +Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab, +hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem +Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten +alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von +anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte; +die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und +Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und +Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich +schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten +ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln +und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten +Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um +das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten, +zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird +der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im +rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im +gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze +gerichtet. + +Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus +der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen +Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“ + +„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen +Menschenring. + +Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann +der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur +Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den +Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi +Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da, +die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach, +Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“ + +Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen +Orten. + +„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“ + +„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein +alter Mann aus dem dritten Ring. + +Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der +Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden, +der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache. + +Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung +zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe. + +Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter +durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch +beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und +spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid +gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das: +Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in +stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich +und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und +bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer. +Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und +dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal +mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht +am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen +des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“ + +„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit +unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich +aus dem dreifachen Menschenringe. + +Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir +wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns +zur heiligen Dreifaltigkeit!“ + +„Ich schwör' es!“ + +„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer +sein im heiligen Kampfe. Willst du?“ + +„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der +kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in +der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und +Gefolgschaft!“ + +„Wir schwören!“ + +„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte +der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im +stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit, +dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der +Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die +gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir +müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir +müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals +verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die +Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein +gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und +unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser +ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“ + +Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen +zum nächtlichen Himmel. + +„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez', +sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit +wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll +zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht +bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht +der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist +nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die +österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser +Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die +Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur +Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld, +Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur +freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt, +so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die +kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von +Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen: +wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen +Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß +Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf +Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer, +die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern +wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch +Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts, +verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir +hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und +schweiget, was ihr gehört. Amen!“ + +Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die +Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach +abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl. +Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als +die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl +hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen +Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz, +schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee +deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur.... + + Winterszit, schweri Zit! + Schnee uf alle Berge lit.... + + * * * * * + +In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine +Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am +schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's +Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und +ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen +lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das +Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der +stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener +Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die +Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und +weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal +in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher +die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig +und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am +Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak +rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben +oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im +mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm +ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und +rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders +veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten +Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die +alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie +eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So +sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat, +erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die +Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem +Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und +schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und +zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat +ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl +erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die +Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein +interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung +durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt, +war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef +aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann +Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen +Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig +wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur +Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni +legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?! +Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und +träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget! +Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage, +du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft +sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den +Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers +sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken +will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem +Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef +rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs +neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den +schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“ +da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn +doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und +den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der +verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen +werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die +Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte +Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über +Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten +Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in +seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein +Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben. +Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber +vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig +sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch +Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß +eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des +erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich +selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen +heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und +verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und +übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte +unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der +Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon +austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib +verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die +Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil +sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger +Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen. + + * * * * * + +Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus +den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des +Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei. +Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte +Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die +Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber +da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu +numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du +gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch: +Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft +abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in +der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und +laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit +drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen +zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf +um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein +Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle +dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos +pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt. +Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es +sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in +Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend +liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also +stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo +die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das +Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt, +welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in +Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten +Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der +Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den +Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in +Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli. + +Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter +Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt, +kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die +Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“ +und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler. +So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als +einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die +braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein +badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel +klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das +frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's +lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend; +die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den +Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün +neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein +Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit +pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen +die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und +still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem +schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des +leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck +seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter, +versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen, +er hascht nach ihrem Händchen. + +Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen +Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“ + +Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte +zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im +Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im +selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch +tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet, +fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“ + +Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“ + +Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter, +indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli +an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf +die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im +Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“ + +Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch +verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen. + +Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli, +hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“ + +„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen +Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das +Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt, +so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld +einstreicht. + +„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und +wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer, +Heckener, bisch mi letzter!“ + +„Was isch Trumpf?“ + +„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“ + +„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“ + +„Dunderschiß, hesch du e Glück!“ + +„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“ + +„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez +spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“ + +„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“ + +„Chrütz!“ + +„Gstoche! Hesch wieder verlore!“ + +„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel. + +Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein +Messer. + +„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“ + +„'n Gwinnst will i einkassiere!“ + +„Mitem Messer?“ + +„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“ + +„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble +faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen +abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die +Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und +Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt +Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes +Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt +prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der +Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den +Schwerverletzten ins väterliche Haus. + + * * * * * + +Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der +Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch +Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus +„Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das +verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte +Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor +der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der +Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem; +aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni +doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann +gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der +Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt +Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der +Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e +Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die +Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und +auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu +fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe +herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf +Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und +dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte. + +Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört, +vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert +dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo +sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten. +Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des +oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast +augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch +selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran. + +In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre +und fragt den Besucher nach seinem Begehr. + +Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In +arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam +heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle. + +Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du, +Sepli?“ + +„Ja, ich, no!“ + +„Wie, du willsch nit?“ + +„I weisch ja gar nüt!“ + +„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“ + +Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung +erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung +derselben zu schildern. „Hör zu!“ + +„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck. + +„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der +Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil +ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die +zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno +1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno +dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest +wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser +längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer +stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der +Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft, +sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als +rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren +und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und +Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum +Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing +die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich +verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter +Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der +Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der +Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und +in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf, +der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den +Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem +Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte +Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu +Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei, +reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf +Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht +auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den +Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die +Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen +Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten +nicht mit, die feigen Schufte.“ + +„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein. + +„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer +aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern, +Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder +Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging +nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer +für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm +einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's +thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die +Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die +Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen +Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis +schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem +Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die +Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt +Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem +früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann +stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig +sein!“ + +„Ah, ah!“ stammelte Sepli. + +„Was seist?“ + +Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib +ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch +veranlaßt habe, zu Petern zu gehen. + +Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen +Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute. +Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen, +und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen +Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib, +um das Sepli zu beneiden wäre. + +Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und +davon. + +„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen +mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches +Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und +schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur +heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘! +Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer +mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer +Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und +Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab +die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor +Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei +kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan +sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte +müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald +Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde +huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St. +Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten +Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten +Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß +herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si, +denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert +werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen +ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie +der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen....“ + +„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der +Stirne steht, dazwischen. + +„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in +Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle +nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte +seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“ + +„Das isch ja Raub!“ + +„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß +bekämpft were!“ + +„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“ + +„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“ + +„I mag aber nit! I fercht' mi!“ + +Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu +beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf +zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch +passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß +wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden. + +„Soldaten seist?“ + +„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem +(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen +Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte +die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten), +Spießen, Heugabeln und Prügeln.“ + +„Wer isch hernach 'prügelt wore?“ + +„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir +mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au +minem Papier!“ + +So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu +gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt +sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins +Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch +einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre +herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken +fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie +angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was +sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich +davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß +Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom +Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe. + +Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte, +weil er schleunigst flüchten müßte. + +„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“ + +Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine +Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu +Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust. + +Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber +erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit +Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich +das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche +Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das +Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht +zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube, +um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu +geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles +Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch +wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf +die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit +haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der +Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel +schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl +heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn +sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach +Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen, +doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli +auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem +Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken +soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch +nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und +die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen. +Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein, +so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine +sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht +wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen +möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt +ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus +verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten +haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte +vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe +gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch +der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en +Verdruß!“ + +Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und +begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu +schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer +betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei +ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf; +doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die +himmlische Grafschaft. + + * * * * * + +Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig +windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein +Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich +zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee +folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über +die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und +endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht +erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an +die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt. +Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und +gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer +Einlaß fordere. + +„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt +öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der +dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger +von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du? +Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“ + +Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli, +und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich +durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones +die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei +und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe. + +Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der +Österreicher gesagt habe. + +Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem +Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst +gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12] + +„Was seist?“ + +„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit, +ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in +Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“ + +Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt +ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der +Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen, +die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die +Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg +verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer, +und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die +Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter +aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln +gegeben habe. + +Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich +bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der +Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird, +hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu +leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die +Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf +losgeschlagen werden soll. + +Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des +Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der +Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den +Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber +Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es +schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht +er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe. + + * * * * * + +War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund +gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der +„Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen +Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen +Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das +Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren +Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte +sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im +Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt +schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht +erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret. + +Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den +Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends +auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen, +blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd +folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus +dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not. +Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine +Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit +bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband +auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des +Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem +Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber +der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das +Gericht soll eingreifen. + +Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken, +auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden +solle? + +Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch +nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus, +so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den +Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen. + +„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt. + +„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“ + +„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's +schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das +Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er +den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen +fragt, wie es mit Michel stünde. + +Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust +legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren +rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen. + +Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt +schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen. +Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und +bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann. + +Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille +Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein +Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War +das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust? + +Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre +hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli +nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört +den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu +pflegen und zu warten. + +Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu +bedeuten hat. + +Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit +gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli +von dem Unglück weiß! + +Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer +Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel +nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und +Schrecken. + +Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas +auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und +Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli +wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die +Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe +gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will +davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die +Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in +bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel +liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und +im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß +sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann +wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen. + +Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das +Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein +Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm +geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti +nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide +begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger +Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des +Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt +zurück. Welch' ein Glück! + +Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe +Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und +machet ihn wieder gesund!“ + +„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt +im Hause des Biberhannes. + +In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele +versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber +mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank +eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte +Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres +Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel +selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde, +doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und +wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles +Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch +Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt +wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald +der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und +heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen +im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des +heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist +überglücklich über die Besserung in Michels Zustand. + + * * * * * + +So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im +Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen +sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen +warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht +eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der +Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde, +als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht +Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter +verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen +Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den +„Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser +Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend +fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe. + +Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf +Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das +Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde. + +Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet +sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung. + +Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins +Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof +und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“ + +„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten +aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“ + +„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“ + +Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und +der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch +das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen +kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der +Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er +auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte +Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen +hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das +Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur +schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein +Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein +Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb +fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig +rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder +um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil +der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus +zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf, +nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor +läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer +Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt +an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter +aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene +Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden +tiefen Schnee. + +Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum +Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen +die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene +Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um +einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere +Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt +gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm +anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In +jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer +immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot +sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die +Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald! + +„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und +drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür +abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und +folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann +offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung, +der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt +und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine +Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen. +Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den +Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf. +Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot +geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der +Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es +hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung! +Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur +Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er +nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann +zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über +Rißwihl gen Kuchelbach. + + * * * * * + +Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende +Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst, +dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser +durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der +Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd, +schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut +allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen +Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und +fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den +Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren +der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein +Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen +und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und +brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu +Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste +fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und +Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn +streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und +Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt +und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es +dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren +scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des +weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue +Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald, +Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die +Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen +benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in +Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das +schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's, +daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten +muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen +dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört +endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den +Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen. + +Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und +zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen +sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer +Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den +Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem +Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major +und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis +unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner +Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem +der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle +mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer +stecke, fragt der Major stehenbleibend. + +„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den +man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und +wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben +auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum +schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl +zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben +stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten +beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der +in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser +Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als +möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt +durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen +wird. + +Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die +unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen, +schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf. +Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls +finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und +nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die +Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den +Trupp Hartschiere geschaffen werden. + +Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für +unmöglich, die Herren aufzunehmen. + +„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant. + +„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“ + +„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit +Kolben einschlagen!“ + +„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu. + +Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre +Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das +Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn +etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte +auf, grausigen Schein über das Dorf werfend. + +„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen +unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine +mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau, +nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“ + +Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl +mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden +und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge +zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der +„Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es +wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und +heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu +erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor +das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf +Seite der „Ruhigen“ gestanden. + +„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und +stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein, +Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach +zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein +Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft +Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“ + +Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler +erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter +Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“ +Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den +Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen +Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“ +die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur +Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken; +sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen +lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig +zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren +Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer +fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und +Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf, +schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n +Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“ + +Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der +gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei +Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette. +Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die +Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein +Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer +stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt +hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die +Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die +Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig +sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die +militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten +übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird +von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde +abgehalten. + +Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein +feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu +entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem +beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte. +Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf +angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten, +grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung +und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der +Rekrutierung. + +Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es +nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller +heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die +Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang +nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch +und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt +dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol' +der Satan die Salpeterei! + +Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig +geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich +auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der +„Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust +vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den +Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der +Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden, +dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen +glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil +hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art +gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter +zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern +die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn +erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele +den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende +Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße +Geflüster des geliebten Mädchens. + +„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel. + +Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“ + +„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und +han di 'beten um di Herzli!?“ + +Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's +aber verbote!“ + +„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“ + +„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“ + +„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch +wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli +nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“ + +Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken +Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen. + + * * * * * + +Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen, +es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die +Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und +im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze +schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen +Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht +von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen. +Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk +weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter +verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's +Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen; +die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig +allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt +unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern +steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch +schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“ +befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere +marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als +Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten. + +Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“ +gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben +bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen! + +„Dann holen wir die Kerle!“ + +„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort! +Die heutige Nacht hat's bewiese!“ + +„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der +Major. + +„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin +Pflicht genüge!“ + +„Wer wird kommen?“ + +„Die Buebe von den Halunken!“ + +Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu +spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen, +während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige +Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur +die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe +reichen läßt. + +Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der +kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern +gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen, +wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten. + +In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen +Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes. +Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das +Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten +Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist, +denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch +riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und +grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine +Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür +gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die +Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt +blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen +Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe. + +Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub +bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem +Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne. +Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter +Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich +stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien +und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören. + +Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich +gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“ +oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten +Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir +können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem +Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich +beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist +ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“ +Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem +Wunsch für baldige Besserung des Michels. + +Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der +Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen +Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern +geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich +ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch +eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden; +vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht +also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab. +Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel +bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos +stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und +nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht +herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den +Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt +glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt +davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner +Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen +gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum +„Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und +die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert. +Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und +Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer! + +Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer +bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles +Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern +nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er +läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über +Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den +letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen +Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet. + + * * * * * + +Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung +gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten +Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu +ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer +war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die +entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die +Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich +befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer +emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu +Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen +durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann, +die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger +Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und +Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward +niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant +ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer +anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von +Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die +Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde +Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der +Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei +gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen +Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause +bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt +den Glauben! + +Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am +Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum +Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit +brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher +Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die +Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe +zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und +in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige +alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der +Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen +und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt +und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist +Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so +dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit +zu Willen ist. + +Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch +erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit +altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln. +Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer +hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu +Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben +zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die +Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen +wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern +sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für +die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit +Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von +bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren +Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen +Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner +Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu +Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch +verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht +gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die +Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem +Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und +Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im +Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das +Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der +Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es +schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten +Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der +Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als +abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer +anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von +Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und +geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur +Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und +läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut +ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im +Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft +sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen +der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt +jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero +gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und +neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief, +Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir +gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne +nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die +Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl +Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen +und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest +geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das +genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden +wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein +Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so +wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern +begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der +ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot +niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott +gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir +gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser +Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam, +Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“ + +Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den +verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und +Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum +Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch +nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß +verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult +beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand +zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt, +gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend. + +Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber +steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit +Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und +Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner +Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er +Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso +gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die +trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode +stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit +bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen +und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei. +Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was +Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer +am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge. + +Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht +einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da +kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten +kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit +einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins! +Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die +Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut +und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im +Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen +haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene +Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken +gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich +nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber +zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter +Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken +gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon. +Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel, +zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren +schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf +wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer, +Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären +den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser +werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den +schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche +durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den +Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort +gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren +wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den +Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf +flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der +Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann +einspringen gewollt. + +Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen +ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu +Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses +unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht +war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen +Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen +Grabe. + + * * * * * + +Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich +im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem +Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den +Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr +gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere +Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in +südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er +doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein +Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger +und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach +gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach +zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im +Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und +deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles +hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher +Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt +daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre +bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des +Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler +Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte +der Wirt, und sicher ins Verderben. + +Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins +Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in +Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten +nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein +Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen +habe, heimgekommen in Wihl erzählt. + +Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und +an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht. + +Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer +haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung +ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren +wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen +im Wald. + +„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert. +Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen +Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was +müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein. + +Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl +nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn +nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“ +versichert der Wirt. + +Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi +laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die +Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern. + +Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht +er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und +er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend +flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung +getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf +steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache +ist verloren! + +Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der +Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem +Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die +Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die +Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in +alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln +herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum +hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den +Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind. + +Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht +Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um +sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und +Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der +Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine +Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher +noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach +dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft +er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen +Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand +nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien +verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und +angelweit offen steht die Hausthür. + +Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die +Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die +Flucht gejagt. + + * * * * * + +Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde +scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran, +aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut +bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das +Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der +Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser +Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen +stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur +Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die +Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß. + + „Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee, + Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“ + +So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten +Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn +auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt +die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im +Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich +fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan, +und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat +sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und +Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das +Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's +Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob +es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar +stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm, +und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch +erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit +auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist +streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man +gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen +geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß +Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei +Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen +wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache +der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die +er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und +Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon +verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh +hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu +Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem +Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat +Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist +bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken, +sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen +Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach +Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner +Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu +spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch +eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die +Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt. +Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich +anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen +könne, wer weiß auf wie lange Zeit. + +Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig +spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles +Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“ + +Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein. + +„Gohst licht von mir?“ + +Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg: +Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns +zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“ + +Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es +ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den +Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn +Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti +ausgerichtet habe. + +Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele +Frage!“ + +In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen +geheißen vom Sohn und der Thrinele. + +„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm +Bett!“ + +Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem +Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans +Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser, +das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's +still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt. + +Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“ + +„Was isch, Ätti?“ + +„Nüt isch!“ + +„Wie sagsch?“ + +Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann +erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von +der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald +er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei +Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu +befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht, +Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli, +des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters +Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer. + +Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor +Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu +teilen und zu bleiben in Vaters Haus. + +Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann, +verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und +Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“ +Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er +noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach +Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht +Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in +abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl. + + * * * * * + +Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über +Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl +getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt +habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus +gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu +öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in +die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze +gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und +in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute +die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach +Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht, +eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen +Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten +Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen +Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde. + + * * * * * + +Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und +fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang +schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele +aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht +denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit +längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends +eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen +Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr +verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie +wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden +wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit +dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen +abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden +ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie +es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist +eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus +Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und +Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus +dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer +an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig +prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein, +emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen +ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele +vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und +fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen, +ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer +das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so +leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem +nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist +fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber +nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins +Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der +Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele. + +Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen +Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“ + +Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der +Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte +im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe +hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um +vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im +Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen +Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die +eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines +Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit +genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht +also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon +in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist +verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache +angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie +ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der +Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der +„Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen +müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat +Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus +dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind +unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze +Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte: +was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr +gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und +das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so +wenig! + +Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat +angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem +Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele +Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl +und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück +findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, +und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber +nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins +winterlich einsame Haus. + + * * * * * + +Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen +Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das +erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen +und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die +einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“. +Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht +einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! +Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es +um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist. + +Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein +lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen +Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an +den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, +seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die +Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem +Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, +so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch +nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt +hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen +spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an +einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel +niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz +rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, +wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht +auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu +gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht +aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage +erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß +die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden. + +Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel +Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen +kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, +behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli +die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die +Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das +knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast +fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten +Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster +fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken +fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen +im kalten Flur. + +„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“ + +„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor +Überraschung und Erregung auf. + +„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube, +um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif +gewordenen Hände zu wärmen. + +Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt +Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen +niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti +und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck. + +Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der +ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint +und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“ + +„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon +erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und +bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde +zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig +und eilig. + +„Hasch Hunger, Ätti?“ + +„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han +schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen +immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der +Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten +Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen +gehalten habe. + +„Bi diese Kälte?!“ + +Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die +Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es +gewagt, neuen Proviant zu holen. + +„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein. + +„Wie?“ + +Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu +gänzlich ausgeraubt sei. + +Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus +seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war +ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing, +entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben. +Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine +Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren +war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden! + +Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe. + +Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos! +Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu +trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache +doch! + +„Wie sagsch, Ätti?“ + +„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an +Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem +Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe +es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel +sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht +doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom +Kaiser!“ + +„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele +aus. + +„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache! +Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden. +Guete Nacht, Thrinele!“ + +Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer +Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen. + +Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren +Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch +nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem +Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt +werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht +herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer +aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti +selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als +Feind erscheinen.... + + * * * * * + +Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein +Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte: +hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei +Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich +das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin +gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken +hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und +bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen +dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem +Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle +zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von +seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit +Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und +abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese +Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die +Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht +der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden +Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft +der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger +Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde! +Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden. +Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und +den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll +mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde +oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß +begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig +während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich +aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der +Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und +den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend, +findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem +verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt, +schreckt das Mädchen zusammen und erwacht. + +„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand +chommen!“ + +Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus +weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante +Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt +er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien. + +„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“ + +„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in +ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und +überreicht sie dem Ätti. + +Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung +gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur +gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht, +so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber +nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht +angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer +abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben +und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen, +die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche +vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und +urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei. + +„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was +doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und +Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre +gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche +entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig +eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß +solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit +Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“ + +Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das +Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das +genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der +Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte +und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! +Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz +gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und +sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt +sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es +steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes +und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht +Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner +Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die +Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in +ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine +Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu +besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner, +womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige +einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im +Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. + +Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt +Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über +den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um +Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße +etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das +andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's +Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer +Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt +sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen +er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine +Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits +geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um +Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das +bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“ +Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem +man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der +Salpeterersache. + +Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der +„guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um +ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden. +Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich +sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit +ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt +wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da +stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der +Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen +Tannen, um der kommenden Dinge zu harren. + +Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die +Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der +Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz +unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der +Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee +stehend und auf das „Ereignis“ wartend. + +Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und +schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er +die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder +und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der +Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere +heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o +Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich +füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren +ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das +Gottesgericht! Amen!“ + +Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung +auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt +unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen, +entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist. + +Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und +verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort. + +„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt +sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom +Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum, +ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es +leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt +ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße +Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer! + +Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht +wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen +Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig +brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter +die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme: +„Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der +Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde +badisch, so wahr mir Gott helfe!“ + +Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das +Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt, +und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich +flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“ + +Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der +Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder +Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die +Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die +Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit +Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er +brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich +herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter +bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim +zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer +Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das +Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind. + +Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus: +ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt +dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht +ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der +nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse +Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen. + +Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was +das wohl zu bedeuten hat? + +Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus, +krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er +die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt. +Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit +dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch +wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun +knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich +und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde +badisch, Amen!“ + +Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt +dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend. + +Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele, +nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum +fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am +toten Bühl. + +Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele +bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis +Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den +Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen. +Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin: +„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein +Landesherr, ich halt' zu ihm!“ + +„Ätti!“ + +„Was isch?“ + +„Ätti! Darf ich an badisch were?“ + +„Gewiß wirsch du an badisch!“ + +Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt, +der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den +Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei. + +Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti +auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit. +Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei, +und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch +freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte. + +Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried? + +Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust. + +„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“ + +Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor. + +Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom +Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf +einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen +Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen +und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am +toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des +Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der + + Beschluß: + + Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und + meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und + werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die + Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner + Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell + Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei + Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen. + Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende, + nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß + jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der + Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze + Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob + von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe. + + Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor + Weihnachten + + Peter Gottstein, + + verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“ + +Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das +mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“ +überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt. +Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben, +den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von +Jobbeli wenig oder gar nichts wissen. + +„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer +minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter +Gottstein als badischer Unterthan!“ + +Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen +Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die +am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach +Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom +Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist +daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam +wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“ +am toten Bühl. + + * * * * * + +Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter +Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang +stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend +einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee +nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“ +zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er +es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß +ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt +ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich +Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube +zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das +Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren +den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die +Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits +geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und +badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes. + +Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit +Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende +Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei +Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger +Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so +geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu +leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur +Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog +gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die +„badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für +einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum +Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die +Kuchelbacher Beteiligung. + +Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl +sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen +nachlassen. Was Peter dazu meine? + +Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu +ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der +badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für +die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“ + +Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation +mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und +Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den +Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären +sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der +Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten +dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und +durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend +Unterthanen mehr im Lande. + +Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie +Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch +werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die +bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da +die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang +nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer +fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter +allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach +Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch +sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern +abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den +Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand +und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so +unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert +sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn +diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern +bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche +Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten +Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische +Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten, +badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde +feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem +Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib +eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet. + +Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten, +auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried +ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll +Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer +Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie +das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd +loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter +sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und +abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen +Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei +zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und +andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im +Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der +Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins +mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im +Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte +nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen +auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und +Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall +veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid +sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und +du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und +Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“ + +Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt +aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den +Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des +Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib +fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee. + +Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand. + +Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht +zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt +soll's büßen! + +Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater +besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib +diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das +Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht +und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich +voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli. + +Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung +von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den +tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo +simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf, +Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden +Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter +mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab, +daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der +Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin +flötet im eintönigen Lied. + +Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und +Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr +Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom +dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch +halte“! + +Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu +hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden +Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich +auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren. + +Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es +zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli, +Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt +herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor +Verwunderung. + +„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die +Hand. + +„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die +Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu +bereiten. + +Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und +setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß +geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der +Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze +erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer +lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“ + +Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die +Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein +Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die +Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos +weisch denn du, Biber, von mine Akte?“ + +„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi! +Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet +badisch und Ordnung muß si!“ + +Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so +wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten +hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und +Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu +verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten +die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß +Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht +Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja +doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich +da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer +aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine +frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh +aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein +Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig +protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es +gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich +statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese +und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der +Wirtschaft. + +Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß +Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die +Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil +ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen. + +Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der +Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen; +von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins +Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und +huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten +Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der +ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog +aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht +abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der +Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert +werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja +nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein, +wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter +verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch, +dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und +ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden! + +So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich +Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn +er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten +muß, meint Peter. + +Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti +will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang +angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten +Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr +ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz. + +Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach +herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann, +winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti +entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem +Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die +Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der +Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird +zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger +Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein +Trauersiegel darunter gesetzt. + + * * * * * + +Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings +weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen, +schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen +und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt +stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden +Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und +Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch +erquickend und labend. + +An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem +Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur +Wanderung nach Karlsruhe. + +Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und +unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt +Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er +beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne +man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der +Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter +selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es +möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da +lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach +Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel +labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen. + + * * * * * + +In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein +wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht, +stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie +aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation +nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in +dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der +Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und +wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und +seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen +glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am +Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der +Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem +verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden +Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten +führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis, +denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt, +mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr +ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber +sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange +Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte +der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute +im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen. + +Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und +Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit +weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein +Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in +der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein +Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog +fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre. + +Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere +treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten, +ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken +verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem +klopft das Herz hörbar. + +Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich +spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich, +leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer +derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte +er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll +der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal +fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“ + +Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der +Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das +wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und +spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der +Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“ + +„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“ + +„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt: +Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“ + +Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend +auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“ +erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten +aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich. + +„Red' Er nur weiter, Peter!“ + +„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl! +Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern +Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen +erfüllen wollet!“ + +Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren +des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken. + +„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr +heut de Schade!“ + +„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug +warten lassen!“ + +„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus +by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“ + +Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch +eine Lachsalve nach der andern heraus. + +„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr, +Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de +Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn +mer wollet blibe katholisch!“ + +Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret, +ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen +zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem +Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der +Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige +Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten +die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt +ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater +haben!“ + +„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch: +Wos isch minem Jobbeli?“ + +Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins +Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn +freibekommen, Streitpeter!“ + +„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit, +seigt mer gschiedene Luit!“ + +„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute +badische Unterthanen!“ + +„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur +Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue +bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter: +„De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust +der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal: +„Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie +bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am +liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt, +aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und +unterließ daher die Liebkosung. + +Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum +Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich +der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück. + +Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und +Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines +Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann. + +Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage +verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber +tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß +sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen +gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er +bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze +der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den +schwermütigen Schwarzwaldbergen. + +Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar +wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf, +seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit +dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach +Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt +selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu +Bibers. + +Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort +geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen +setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers +vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg +begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe. +Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen +werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die +Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der +Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm, +und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich +haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des +Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine +Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich +gethan habe. + +Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein +Wunder!“ + +Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei. + +Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein +Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu +thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten +Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle, +ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber +das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter +aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte, +um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut +und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht +nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die +Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der +Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und +dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen +haben. + +Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder +lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich +erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl +langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen +hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und +die Freigabe des Jobbeli. + +„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage +bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich +durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem +Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und +schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den +Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen, +die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden +dürfe. + +Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die +Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch +glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll +übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte +feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den +Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die +Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit +zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“ + +„Jo, ich will's by Gott!“ + +Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt. + + * * * * * + +Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg +und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15] +und schenkte allen jegliche Strafe. + +Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im +Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so +ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_. + + +Fußnoten: + +[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner +kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart, +die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung, +namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive +alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit +allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch +der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien +Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister +von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im +Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt +wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier +mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen, +daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in +seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode +frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben +habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber +frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit +altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte +Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden, +schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und +Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr +einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias, +entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den +Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c. +hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die +Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und +bitter verfolgt. + +[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe. + +[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837. + +[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24 +Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die +Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung +gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt +und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu +schimpfen,“ entlassen. + +[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach +etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär +von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel. + +[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung +des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden +müssen. + +[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose +Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das +Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu +Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach +nicht aufzuhalten vermochte. + +[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und +plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne +Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel) +die Rasenden zu wilden Gewaltthaten. + +[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der +Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch +rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer +getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die +Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die +Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit, +der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche +Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das +Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin +die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger +gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name +schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und +Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des +Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort +auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg +heraufbeschworen. + +[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen, +welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die +Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache +abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt, +„abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“: +„Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach +einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie +gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter +mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im +öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“ + +[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser +Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war +thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den +österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und +andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte +Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die +Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf. + +[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und +entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg. + +[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel +gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod +abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen +Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein +Tier, der ist über Schwalben und Störche.“ + +[14] Aktenmäßig festgestellt. + +[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da +seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald +einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in +den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar. +Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben. + + + + +Giftklärle + + + + +Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von +dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins +Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach +Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im +Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte +ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene +schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes, +das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der +äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich +gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen, +aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und +tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die +selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof +aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem +Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht, +und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören, +daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die +aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich +nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels +junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel +gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und +der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da +fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber +sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im +Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete +die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren +Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der +Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt +hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher +ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein +habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am +Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die +Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es +möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern. + +Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo +die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie +lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut? +Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über, +aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der +langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“ + +Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen +Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem +Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und +trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu +ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber +die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst +versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt +Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der +rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach +dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der +Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume +ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer +kräftigen sonoren Männerstimme: + + „Was guckscht denn so traurig? + Sei luschtig und froh! + 's isch oimol ein Leaba + 's isch oimol no so!“ + +Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des +feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier +verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt +geringschätzig die Achseln. + +Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt +weiter: + + „Alt wirscht ja von selber, + So tanz noh ond spreng, + Ond weischt a sei's Liedle: + Sei luschtig ond seng!“ + +Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt +sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen +Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen +auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel. + +Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut +und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe +Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“ + +Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf +der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den +Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger +und Straßengauner!“ + +Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem +Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“ + +Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem +Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung +über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem +sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt +das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr +einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun +die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's +Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen. + +Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe. +Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den +Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht +isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“ + +Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor +Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt +ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen +seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden +nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im +Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen. +Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein, +humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den +Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da +schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt +z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung +ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der +Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet, +wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken +und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem +Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und +dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit +an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte. +Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig +aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein +Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters +Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine +Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht +besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der +Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare +auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt +den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter +vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam +im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist +dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen +Fleisch und Blut. + +Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es +ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden +mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle +hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe +die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum +Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen +Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die +Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater +wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit +der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch +alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein. + +Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig +mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So +wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden, +daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft! +Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und +den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die +Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich, +verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser +und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde +nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter +aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob +der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel +begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die +Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie +so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich +darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße +nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die +augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und +über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben! +Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen +Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine +größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf +ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach +dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht, +sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und +klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen +knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und +stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde +entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres +Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab. + +Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle +mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und +starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit +lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt +und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße +weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen +Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache +wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He +Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was +kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“ + +Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich +zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten +ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald +die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen. + +Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das +Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche +entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das +selbstverständlich. + +„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind +gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen +werde!“ + +Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am +Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein +Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt. + +Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig +gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die +Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige +Verlassen des Weideplatzes. + +Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein +Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am +Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu +Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald, +und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern. + +„Du bleibscht daheim, sag' ich!“ + +Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen +zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich, +und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im +Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die +Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und +meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er +nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht +übertreten. + +Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen +Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe +aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und +jetzt geh' deiner Arbeit nach!“ + +Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben +vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe +Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die +Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim +Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen, +hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie +solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die +Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln. + +Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu: +„Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer +nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das +auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was? +Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann! +Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“ + +„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am +Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“ + +„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“ + +„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht +besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten +den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch +gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“ + +„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der +Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin, +daß er sich schlagen läßt!“ + +„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und +die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“ + +„Was mich — —“ + +„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als +davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver +Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich, +anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten +kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem +weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“ + +„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“ + +„Doch! Auf dich selber, Klärle!“ + +Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört, +ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und +preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie +nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor +dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem +Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar +aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf +eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane +Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten +nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches +Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum +Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie +gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles +Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem +Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu +Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf +und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die +Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler +laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte +mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe. + + * * * * * + +In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des +entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster +sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen +flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“ +Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als +sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist +sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig +einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn +Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum +Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer +faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage? +Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im +Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab, +leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen +Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine +Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des +sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht +gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem +Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre +eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem +Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist +denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt +sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und +scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders! +Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke +herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen +Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles +Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas +vorbeugend, was gesprochen wird. + +Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es +glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm +und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber! +Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie +Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und +hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“ + +Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“ + +„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und +ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine +dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr +schließlich nicht einmal verübeln kann.“ + +„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend +gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“ + +„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht +selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht +gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“ + +„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten! +Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den +Händen tragen möcht'!“ + +„Wie sagst, Märte?“ + +„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“ + +Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß. + +In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht +mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die +Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf +einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen +nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen +möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke! +Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines +gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab' +keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts +fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“ + +Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst +denn? Willst schon zur Ruh'?“ + +„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“ + +Und weg ist das schmächtige Mädel. + +Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre +Mucken wie die andere!“ + +Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört, +zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube +gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf +will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum. + +Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin +zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die +Knechtstube aufsucht. + + * * * * * + +Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und +goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen, +frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres +Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen +Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge +mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich +gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit +hängenden Zöpfen. + +Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu +heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu +genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein +Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit +drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch +immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf +die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so +lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“ + +Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich +komme gleich nach!“ + +Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was +Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den +Weibsleuten. + +Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor +vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres +Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen +Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer +und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn +der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die +Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr +vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle +ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten +und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle +nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei +Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder +verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen +hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt +nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just +die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes +verlassen würde. + +Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel +und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet. +Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte +Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich +verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung +schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die +am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In +Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige +versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun +Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus +gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt +feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben +und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen +die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes +überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine +erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur +Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine +Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche +für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die +Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo +die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist +bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und +welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen +Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln +sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des +Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in +vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber +hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um +diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in +deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen. + +Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo +Klärle mit hochrotem Kopf steht? + +Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?! + +Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das +zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen +sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den +Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der +Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich +auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die +Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung +und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die +nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und +Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein +Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet +der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter +beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend. +Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der +Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter +kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt +ist, dem Mädchen Beistand zu leisten. + +Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief +Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im +Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr +gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles +unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben: +„He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer +gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert +Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt +Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den +Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg. + +Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt +davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken +und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen. +Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers +zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der +Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg +empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle +gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet' +Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt +sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter +künftig sorgsam auszuweichen. + +Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu +sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich, +weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß +und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem +Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar +nicht zu denken. + + * * * * * + +Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der +Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms +II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des +Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der +Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in +Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf +genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis +der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer +recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der +spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese +Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein +Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just +das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher +die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale +heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder +äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen +habe. + +Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte +Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine +Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im +geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige +Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn +verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte +der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und +deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht +daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht +fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da +versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung +des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt +erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink, +wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen +lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er +den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich +zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem +Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den +fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch +das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter +pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der +Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er +den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem +Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben +entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen +freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom +Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher +Gottesdienst seinen Anfang nimmt. + +Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig +erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor +dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten. +Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet, +schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die +Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He, +Märte, was soll's?“ + +Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an. + +„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in +Werktagskleidern?“ + +„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“ + +„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu +Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“ + +Martin starrt Klärle fassungslos an. + +„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du +mich zum Schellenmarkt, verstanden!“ + +Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den +Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das +will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt +er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit +offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag +bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in +den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem +Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel +unterdessen das Haus hüten. + +Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu +überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es +vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche +lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem +Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut +thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch +immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl! + +Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung +erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute +hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie +schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn +er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken, +dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat +mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht, +ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf +den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom +Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen. + +„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“ + +„Eben deswegen thue ich's!“ + +„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein +Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz, +das beste Geläut zu besitzen!“ + +„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich +ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“ + +„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen +handelnd!“ + +„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“ + +Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo +Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He! +Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem +Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll +'s Geläut dann beieinander sein.“ + +Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf +zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die +Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten +ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet +und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die +Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die +Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser, +und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde. +Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber +bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei +Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten +Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen +gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen +bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen, +denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen. + +Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe. +Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand +verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“ + +Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit +Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu +vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend +schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer +sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt +beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er +blau im Gesicht wird. + +Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an +Butterspätzlen!“ + +Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der +Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter. + + * * * * * + +So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal, +Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und +Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen +Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen, +Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der +Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum +„Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus +zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze +und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen, +Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge +typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt, +trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter +begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende +Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den +„Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann +neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher, +Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von +den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen +sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf +der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die +Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr +durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das +Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er +den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen +probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein +größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt +über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden, +kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein +Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein +Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch +vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein +Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen +und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln +und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf +Tausch oder Verkauf nicht eingehen will. + +In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut, +taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter, +nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem +„Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen +suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld +überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der +Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge +schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und +dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß +eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen +wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die +Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich +weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut +es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein, +und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor +einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom +Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie +ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel +eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“ + +Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf, +und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in +Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“ + +Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die +nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von +einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich. +Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös +gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele +von dir war' mir lieber!“ + +Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für +so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von +mir!“ + +„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh +manierlicher um mit den Leuten!“ + +„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser +einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“ + +„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge +brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl: + + Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle, + Schneidet ab den Leuten die Ehr': + So bleib denn fürder: _Giftklärle_, + Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“ + +Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute: +„_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in +dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen +für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu +Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt +dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt +allenthalben übers „giftige Giftklärle“. + +Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge, +die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem +Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu. +Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige +Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf +dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die +Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im +richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber +nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu +bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die +Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der +Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch +sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den +Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“ + +Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts +wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung +für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den +Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus +und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“ + +„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die +Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird +beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte, +saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden +des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher +Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer +Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen +selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die +Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf +württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die +Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das +Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem +Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen +die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen +Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im +Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen +Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und +Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der +Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile +beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt +er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite, +packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust +vom Kampfplatz weg. + +Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile, +bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und +führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den +kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen +jammernden Hirten tröstend und beruhigend. + +Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten +Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger +auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen! +Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und +fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der +Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt +friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den +verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen +Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder. + + * * * * * + +Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf +einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine +ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht +grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und +sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten +Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß +sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in +Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen +Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer +Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke +eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem +schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls +bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher +durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde +nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und +bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte +für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust +seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich +die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern +heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach- +und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben +fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo +es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für +Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche +Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen +weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank +oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten +einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte +Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den +kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame +Hütte. + +Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den +Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen, +majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes +Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst +der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein +lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt +zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von +der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und +bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm, +in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt. +Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der +alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen +boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme +Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören +bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft +erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung, +verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und +schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat +die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so +daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein +nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch, +wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager +aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des +Moserkopfes. + +Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins +Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das +geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch +ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie +verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und +unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die +schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr +hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine +Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder +mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie +sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der +hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort +zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es +krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn, +Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O, +wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es +denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu +behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort? +Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten +können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst +bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie, +daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden +werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal +Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht? +Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof? +Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam +und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und +dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und +dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt, +verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der +Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des +ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem +Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am +heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen, +geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe! + +Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die +Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden. + +„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur +Liese. + +„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt +teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht +fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“ + +Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen. + +„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt. +Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat +Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“ + +„Mir kann niemand mehr helfen!“ + +„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“ + +„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im +Thale und unter den Leuten!“ + +„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“ + +Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft +das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre +Knochenhand auf den Scheitel Klärles. + +„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so +schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“ + +Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an. +Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst +damit doch nicht sagen wollen, daß —“ + +Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes +den üblen Beinamen loswerden wirst!“ + +Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar +den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf +angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“ + +„Ja, den Kaspar!“ + +Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den, +nein, niemals, lieber sterben!“ + +„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die +Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich +noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter! +Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“ + +Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren +Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den +ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der +Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz +und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen +durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin +„geläutert“ worden!“ + +„Du?“ + +„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible, +das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo, +das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter +gegeben hat!“ + +„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“ + +„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal +der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre +denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig +Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten +guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen +Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust, +so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir, +einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu +quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte, +treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein +war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie +vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende +Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer +zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich +mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor +Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken, +stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich +lachend hinwegführen“. + +„Wie sagst, Liese?“ + +Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche +ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in +meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen, +höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der +Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen.... +Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist +fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich, +die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich +den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend, +dessen Spur in die Fremde“. + +„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“ + +„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu +pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen +aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann +versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen, +nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose +Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich +fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe +gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine +furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend +kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes, +schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen +hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die +„Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke +jeglichen Tag!“ + +„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“ + +„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose +Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich +büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht +anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die +Seele!“ + +Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die +dürren Finger an die feuchten Augen. + +Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was +mußt du gelitten haben, Liese!“ + +Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich, +tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des +Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe. +Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr +dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt +die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den +Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit +einem lieblichen Lächeln auf den Lippen. + + * * * * * + +Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert +im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein +und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die +Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher +beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die +Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut +ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab, +verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen, +taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der +Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für +eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen. + +Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte +gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und +schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt +Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick +des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt +und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei +der Kräuterliese im finsteren Wald!“ + +Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen; +unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt +das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf, +es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie +stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will +er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er +sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein +Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt +verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert +Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher +hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“ + +Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will +ich holen von der Kräuterliese!“ + +„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“ + +Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts +als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die +Liese helfen mit einem Tränklein!“ + +Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz. +Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder +da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen +Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den +Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber +gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“ + +„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter +nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune! +He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet +stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des +Zornes zurückdrängt. + +Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom +Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte +geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch +eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen +im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese +augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der +alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute +Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff +holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht +selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er +wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst! +Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren +seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid +lästige Leute!“ + +Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den +Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber +meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber +schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die +Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter +spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz +vergessend. + +Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf +Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person +giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher +Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und +du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“ + +„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“ + +„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem +Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du +wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der +Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz +recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen! +Verdienst es nicht anders.“ + +Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm. + +„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar +schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als +du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu +schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der +„Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders +kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem +Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden! +Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf +deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht +mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto +besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur +Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“ + +„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor. + +„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“ + +Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus. +Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug +erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die +Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht +das Mädchen von dannen. + +Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser +Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge +Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür +gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert +Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz +im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich +Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu +inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer +Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender +Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht +und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut. +Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb +mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“ + +Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede +soll dir werden, Kind!“ + +Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr +in die Wangen. + +„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“ + +„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“ + +„Was soll's —?“ + +„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor +der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“ + +„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“ + +„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir +gewendet —“ + +„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß +ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“ + +„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“ + +„Doch!“ + +„Wie?“ + +„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du +Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine +Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden +Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit +und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann +dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten, +und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“ +Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle +zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und +haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie +Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen, +indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt. + + * * * * * + +Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts. +Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden, +nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr +allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die +Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender +Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem +Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht +das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das +wohlthut! + +Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein +Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater +hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der +Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein +Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken +Hand über die Augen. + +Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich +verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will +dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“ + +Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein +verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten +huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken +Lippen beben. + +„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte. + +„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und +küßt abermals die Hand des Vaters. + +„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und +lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden +Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen +herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war, +was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr. + +Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin +ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“ + +„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder +gut werden!“ + +Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der +Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier +zärtlich Klärle. + +Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche +Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei +es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen. + +Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels +Einsturz. + +Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle +der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger +ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da, +und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“ + +Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz +verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen. +Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer +Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses. + +Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt +ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich +hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel +retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend. + +Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“ + +„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück. + +Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum. +Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt +geworden. + +Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken. +„Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter. + +Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die +Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest +überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte. + + * * * * * + +Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und +den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und +Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten +verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung +gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder +unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es +besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der +Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es +nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis, +daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch +das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen. + +„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht +nötig!“ + +„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur +Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich +verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“ + +„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“ + +„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“ +schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen +Händen. + +Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“ + +Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in +ihrer Kammer ein. + +Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den +Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr +verstehen wird. + + * * * * * + +Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein +leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen +ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe +ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen, +nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres +scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle +sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten +Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das +entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die +ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem +Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben, +ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile +im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle +allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am +nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle. + +Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer +will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“ + +„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber, +wenn du nicht anwesend wärest!“ + +„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“ + +„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja +hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen. +Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt, +daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“ + +Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur +Näharbeit herab. + +Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa +siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der +rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend. +Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die +Klärle?“ + +„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“ + +„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es +aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“ + +„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas +aus der Küche zum Botenlohn geben!“ + +„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und +springt davon, als sei der Teufel hinterdrein. + +Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den +Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei +entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und +zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen +lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“ + +„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint +trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei. + +„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen +die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So +steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich +werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon! +Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“ + +„Klärle!“ + +„Was willst Vater?“ + +„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“ + +„An was?“ + +„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“ + +Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube. + + * * * * * + +Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte +erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen +soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen, +fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's? +Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die +Neugier um?“ + +„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“ +erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der +Hand. + +Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher +andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den +Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt +der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm +aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem +Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte +zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben, +nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen +Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person! +Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als +hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht +so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das +Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für +menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie +der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet +einander!“ + +Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt +sodann die heilige Handlung am Altare fort. + +Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der +Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die +Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend +aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter +humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm +aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon +noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die +„Stichelei“ ein Ende machen wird. + +„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer +und begiebt sich in sein Haus. + +Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als +wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei +gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun +gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet, +hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle +eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger +Maimorgen am Rain, den Vater erwartend. + +„Grüß Gott, Klärle!“ + +„Grüß Gott, Vater!“ + +„Maidle, der Herr Pfarrer —“ + +„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“ + +„Du weißt schon?“ + +„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O, +wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte +eine große Bitte an dich!“ + +„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen +erweisen kann!“ + +„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“ + +„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll +ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“ + +„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom +Jörgenmichel dazu, daß er —“ + +Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm +Ohr. + +„Willst du nicht, Vater?“ + +„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm +gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was +Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt +mich stehen!“ + +Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater +humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört +nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt +sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen +Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie +verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt, +rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch, +jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß +Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber, +wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß +sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt +der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu +hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im +Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum +Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum +Jörgenmichelhof führt. + +Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen, +es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier. + +Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte +Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten, +darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste +Thür im Flötz. + +Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der +Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich +klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus +der Kehle: „Oha!“ + +Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein +Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener +Person!“ + +Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause, +Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen +Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“ + +„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch +aufwarten?“ + +„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“ + +„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht +schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“ + +Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu +erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte. + +„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“ + +„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“ + +Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des +Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er, +daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die +Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt, +jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu +bekommen. + +Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“ + +„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“ + +„Hm!“ + +„Was meinst, Gifter?“ + +„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als +‚Gegengift‘!“ + +„Ah! Und hat sie's genommen?“ + +„Fuchsteufelswild ist 's worden!“ + +„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu +nehmen!“ + +„Ah, hast es gar schon verkostet!“ + +„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“ + +„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“ + +Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt +zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle. + +Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst +vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas +friedsameren Blutes geworden sein —“ + +„Ich, wieso?“ + +„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der +Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“ + +„Schickt dich Klärle?“ + +„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“ + +„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem +Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein +Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so +lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon +selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir +nicht im Schwarzwald!“ + +„Kruzitürken!“ + +„Wie meinst, Gifter!“ + +„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“ + +„Warum bist denn zu mir 'kommen?“ + +„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus, +vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“ + +„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger +Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“ + +Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein +Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie +die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und +dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um +'s andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's! + + * * * * * + +Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des +Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen +Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in +Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain, +schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht +der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen +noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit +des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der +Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten +Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder +großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die +Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt +Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles +Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für +die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem +überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt +stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die +Straße entlang. + +Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen +Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in +welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler +sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst +der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen +Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich +im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen +und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die +Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände +&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht +gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern; +Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und +Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß +sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die +Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft +und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher +stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen +unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen, +giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und +Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale +getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der +Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der +Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe. +Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den +linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit +'m Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus +vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine +Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen +sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars +mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter +nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen +Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig +wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle +„Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit +nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der +Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was +absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht +doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber +die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große +Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr. + +Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward +ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf +und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein +hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein +Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos +vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum +auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie +angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie +tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er +wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich +geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht, +daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der +erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte +Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den +Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat, +fühlt er sich nicht sicher. + +Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn +glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“ + +Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme +bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir +einen Gruß?!“ + +Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar! +Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“ + +Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann, +thue ich für dich!“ + +„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir +weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am +liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte. + +„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“ + +„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“ + +„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja +gar nimmer bös'?“ + +Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die +Häubchenbänder flattern. + +„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“ + +Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor: +„Nimmer dieses Wort?“ + +„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch +ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“ + +„Kaspar!“ + +„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“ + +„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich +überglücklich umschlungen. + +Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher +spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen +Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor +Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in +den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer +Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt' +er wie die Gebirgler schuhplatteln. + +Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf +und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der +Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die +Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob +das Gegengift gründlich gewirkt habe. + +„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor +Rührung weinende Kräuterliese. + +Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres +Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im +Jörgenmicheleshof aufziehen könne. + +Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter +stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um +Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage. + +Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt +sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und +droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines +Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die +Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“ + +Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He, +Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“ + +Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich +endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre +Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun +stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt +ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre +Kosten zu kaufen. + +Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im +guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle. + + +Fußnoten: + +[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern +begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten +Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen. + +[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß +ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der +Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen +Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt +ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den +württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner +Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von +badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere +Ausschreitungen. + + + + +Der Pelagier + + + + +Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der +sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und +Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk +über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen +ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die +Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend, +fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des +brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst +einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der +Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den +paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist +Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung +des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit +sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann +hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und +Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die +Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein +nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der +württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III., +der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert +Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen +stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht +verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein +Zufriedenheit gedeiht. + +Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe, +wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt +der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit +einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte +graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte +Erde kommen soll. + +Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der +sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber +und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann. +Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg +etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel +heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten. + +Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach +Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines +galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem +schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der +Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß' +ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der +Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der +Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier +aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter +seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben +demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die +Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige +Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt, +den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst +stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es +sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken +gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die +Last seines Karrens. + +„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt +sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht. + +Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend, +so daß deren Antlitz sichtbar wird: + +„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche +zum Beinhaus!“ + +„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär' +dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze +Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine +Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“ + +„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der +Hörige. + +„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist +verfallen durch den Tod des Eheweibes!“ + +„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“ + +„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste +Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den +Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters! +Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“ + +Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon. + +Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine +Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem +Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn. +Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins +und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu +den beneidenswerten freien Leuten! + +Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes +Waldesgruß an die Tote? — — — + + * * * * * + +Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der +wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen +Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als +sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen +Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang, +den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in +wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine +Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom +Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die +weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der +stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die +Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer +daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte +auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler +Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen +sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in +patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die +Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg. + +Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem +Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer +er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige +Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der +Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum +vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt +indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen +an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein +Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt. +Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in +den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der +späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im +Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten +Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt, +Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr +durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und +klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom +Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus; +mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen. +Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind +hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd +durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür +wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann +bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält +Totenwache durch die schaurige Nacht. + + * * * * * + +Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem +Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in +rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben. +Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den +Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd. + +Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den +schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der +Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend +ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“ + +Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und +fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das +schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein +Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes +der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen. +Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den +gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner +doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen, +preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind. + +In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt +Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu +zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten +Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger +Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend. + +„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P. +Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er +sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“ + +Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob: +„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“ + +„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht +unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir +heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die +Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“ + +Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was +lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres +Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der +Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch +taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch +werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“ + +„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“ + +„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa +körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des +überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe +und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig +eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit +ihren wilden Landsknechten.“ + +„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet +dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“ + +„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den +Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und +Wallenstein!“ + +„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“ + +„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein +Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie +Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“ + +„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“ + +„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem +Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt +war.“ + +„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser +Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch +Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297 +Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt +und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn +meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und +darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die +Waffengewalt sprach für uns!“ + +„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im +württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und +eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg. +Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder +Nationen! Es ist ein Greuel!“ + +„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“ + +„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald +Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“ + +„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer +Kirche erkauft werden soll?!“ + +„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach +wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“ + +„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben +hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die +Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur +Alpirsbacher Herrschaft gehören?“ + +„Gotthard vermeldet dies!“ + +„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“ + +„So meldet Gotthard!“ + +„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich +dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere +Kirche!“ + +„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit +Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird +ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet +Milde und Güte, Herr!“ + +„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf +Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde +ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“ + +„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter +werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“ + +„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“ + +„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard +heimkehrt in sein Land!“ + +„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“ + +„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann +freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“ + +„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und +möchte dennoch württembergisch werden?“ + +Der greise Konventuale seufzt und schweigt. + +„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als +der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend +handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und +strafen!“ + +P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann +gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der +Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar +mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die +Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten +eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch +den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das +Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und +Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant +eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen +geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage +gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden, +ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach, +daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das +Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er +den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot +der Hörigen zu vollziehen bemüht ist. + + * * * * * + +Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster +schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt, +grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die +Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen +Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium +versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in +Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten +aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht, +und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt +zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr +beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und +wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P. +Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und +schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise +mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“ + +Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“ + +„Ein Sendbote ist da!“ + +„Von wem gesandt?“ + +„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“ + +Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine +Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater +Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes +von Ehlenbogen. + +Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein, +indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen. + +Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches +stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St. +Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so +rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu +verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster +opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt +Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die +Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man +ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen +ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen +und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem +Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag +nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht +rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen +Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts +Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt: +„Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben +beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die +Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron +d'Oisonville in Breisach! Georg.“ + +Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz +aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein +Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich! +Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß! +Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus +gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten +bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen +leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein +zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht +so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der +Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das +deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im +schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende +österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit +Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben, +und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der +exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er +wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die +Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen +ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben +und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf +sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf +er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen +Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben +hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt +Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist +es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein +Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des +Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein. +Sein Scepter bedeutet das Ende.... + +Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte? +Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird +Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs +Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung +gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt? +Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur +Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung! + +Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament +und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in +unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet +bald darauf der Bote ab. + +Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in +der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes +vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig +fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich, +du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst +du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken! +So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“ +Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben +und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter +kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter +Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde +alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein +Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche +Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem +Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten +verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es, +solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn +alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die +Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der +alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner +zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort, +ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig +verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man +ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen! +Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit, +auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle. + +Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen, +dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet +für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier +und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für +die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich +auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster +glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende +Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz +krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes +birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den +Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen +durch sanftes Rauschen. + +Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut, +Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen. + +„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der +Pelagier. + +„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn +es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“ + +Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die +Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit +der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb +starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große +Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann. + + * * * * * + +Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die +Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz +drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so +hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein +jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist +und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der +Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein +Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob +es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?! + +Frei sein; wie das herrlich sein müßte! + +Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine +starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem +berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier +auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn +zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht +Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte +Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd +heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine +Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein +Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der +plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der +Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen +die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von +diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist +in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die +Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott, +Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren +als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell +jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in +rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten? +Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die +Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig +sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden +Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern. +Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer +finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die +Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch +schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt +es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen +mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden +könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen +durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt, +seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach. + +Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken, +wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen +stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus +laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet +euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren. +Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die +Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung +macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere. + +Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen +rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier +bleiben können!“ + +„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren +sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier. + +„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut +empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten +Quartier geben!“ + +„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“ + +„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“ + +Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des +Hörigen. + +„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“ + +„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein +deutscher Abt?“ + +Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend: +„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den +Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und +einzuquartieren! Fort mit dir!“ + +Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein +armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das +Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn +vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze +herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem +Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem +Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen +Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische +Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend +und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe. + +Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der +Abt?“ + +„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“ + +„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“ + +„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen, +und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen +und beherbergen.“ + +„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht +glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte +Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten. + +Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz +nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein +Gebet für die Tote zu verrichten. + +Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um +dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur +Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche +ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und +das fremde Kriegsvolk gerufen! + +Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein, +begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine +Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt +sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem +harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das +ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich +immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und +Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den +Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an. + +„Sacre bleu, avant!“ + +Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in +eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein. + +Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur +erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine +Soldaten und schwätzt weiter. + +Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren. +Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst +wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache +aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein. + +Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur +Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran, +schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt +ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt. + +Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums: +die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich +durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf +Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im +Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert +frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie +die Mauern. + +Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche +und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich +zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite +gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien +herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt +die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch +nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht. + +Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder, +aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich +den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“ +und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem +Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden +zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die +Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein. +Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein +und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen. + +Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei +Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des +Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut +deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die +Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle +Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem +„Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt +selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard +dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten +untergebracht werden solle. + +Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller +Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles +sorgen muß!“ + +Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle, +daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort +Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der +Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den +Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort +erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung +persönlich zu überwachen. + +Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen +wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene +Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und +Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch +sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in +welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das +Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann +nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von +dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten +Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum +Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher +kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder +Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte. + +Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer +Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer +auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber. + + * * * * * + +Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei +Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren +Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch +das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um +selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt +er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen +Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete +Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten +und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich +im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer +gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren. + +Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück +und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so +wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den +wüsten Scenen. + +Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der +Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters +und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige +Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen, +zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht +hat. + +Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er +völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten +Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und +nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich +auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen, +heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt +hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem +ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim +Würfelspiel. + +Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel! +Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren +immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie +einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons +die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat +nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so +stillfriedlichen Kloster?! — + +Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest +pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den +Kapitän zu. + +Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt, +halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des +Klostervorstandes. + +Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge +draußen hin und fordert Zucht und Ordnung. + +Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme +à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den +Spielern. + +Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein, +Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht! +Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin +Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“ + +Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter +höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de +Alpirsbak sein ik! Bon soir!“ + +Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert +stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und +würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres +noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen, +überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der +Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur +Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze +Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen +die Herrschaft über Alpirsbach! + +Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die +verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und +Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren +in ihre Gemächer zu führen. + + * * * * * + +Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet +verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu +verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind +da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht. +Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in +Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die +finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus +deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste +ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und +all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt +selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von +Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die +Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische +Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch +nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch +jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er... + +Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen +Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und +brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei +Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und +machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt +der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen +die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten! + +Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend +und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in +seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der +Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen. + +„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise +das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des +Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher +Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und +Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer +Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die +Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der +Herbstnacht in den Tann. + +Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und +Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze +Rufe bei Ablösung derselben. + +In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den +unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für +das Kloster anflehend.... + + * * * * * + +In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen +frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über +den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu +erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt +Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu +requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein +bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um +Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der +Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof +wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen +den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des +erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus +Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen +los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes +Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch +den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere +notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den +Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die +Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend +und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef +Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des +ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem +unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann +abgeschickt, den Abt herabzuholen. + +Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges +folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß +deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche +und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede +Waffe verantwortlich sei. + +Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des +Kommandeurs nicht verstanden. + +„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins +par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann +cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“ + +Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der +Unthat!“ + +Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus +tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die +verhängte Kontribution sofort einzukassieren. + + * * * * * + +Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die +Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller, +immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die +gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der +Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den +Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer +neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war. + +So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit +Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue +Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise +Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel +verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach +Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt +Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die +Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons +giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders +wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere +zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den +unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung +dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum +Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der +Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung +seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des +Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach +Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber +kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt +es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden +muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so +schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu +rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu +werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist +sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem +Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist +unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen +trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus +übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene +Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater +Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen +Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von +der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg +dazu sicher finden werde. + +Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in +anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie +durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen +an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den +Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh +wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb +es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre +Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins +Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den +Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie +zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen +Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken +ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld +vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, +und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne +gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den +Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am +lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer +Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes +Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde, +wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft +werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, +vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der +Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch +dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den +Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr +sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die +Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen +Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts +mehr wegschleppen konnten. + +Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung +unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser +gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut +zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der +von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald +schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener +Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen +niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des +Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des +Aufstandes. + + * * * * * + +Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau +verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der +Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren +Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das +Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, +dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur +wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die +Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen +Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde +geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige +Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die +Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, +doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer +mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß +er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen +sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße +veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von +Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger +Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins +Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. +Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner +Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? +Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken +die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt +springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an +und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und +schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul +des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen +Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm +schützend Geleit zu geben. + +Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam +sein Roß wieder beruhigte, einzuholen. + +Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder +schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt +zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und +Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das +Geleite verjagt! + +„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“ + +Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht +Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu +schützen!“ + +„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“ + +„Es galt Euer Leben zu retten!“ + +„Wie, was?“ + +„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“ + +„Wo sind die Musketiere?“ + +Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit +dem Arm nach rückwärts. + +„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“ + +„Bis auf einen, ja!“ + +„Bis auf einen — was soll das heißen?“ + +„Der eine küßt den Erdboden!“ + +„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“ + +„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den +Meuchler!“ + +„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“ + +„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul +schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“ + +„Bist du toll?!“ + +„Nein! Gottlob ist's gelungen!“ + +„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen? +Meine Schutzbegleitung — —?!“ + +„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“ + +Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm +steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er +das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die +Franzosen wollten mir ans Leben?“ + +Euseb nickt. + +„Aber weshalb?“ + +„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“ + +„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich +berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden! +Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“ + +Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul +herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube +nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“ + +Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt +das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“ + +Alphons seufzt. + +Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die +Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“ + +„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“ + +„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem +langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich +das Haupt tiefer sinken läßt. + +Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg +südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen +sie, baldigst und für immer!“ + +„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich +keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem +Hörigen auszusprechen. + +„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“ + +„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es +hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“ + +„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“ + +„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster +bringen wird!“ + +„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger +fortzubringen —“ + +„Wieso ich?“ + +„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“ + +„Wie, du weißt —“ + +„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet, +denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“ + +„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und +dem General den Schutz kündigen!“ + +„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“ + +Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die +vierjährige Schutzfrist. + +„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine +bestimmte Zeitdauer?“ + +Alphons nickt betrübt. + +„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die +Bluthunde los!“ + +„Das kostet schweres Geld — —“ + +„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde +gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb +trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken. + + * * * * * + +Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist, +als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die +Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und +Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren +mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer +einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen +gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten +Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche +sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder +zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt, +gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den +Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare +Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die +Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder +weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm. +Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten +unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird +zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft, +ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen +Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur +ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige +Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier +und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen +suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder +gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt +und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die +Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen +Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und +Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend. + +In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den +Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die +Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die +Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen +den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so +daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten +auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und +Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann, +gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd +haben. + +Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere +verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur +Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht +nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu +beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen +sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der +alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend. + + * * * * * + +Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen +erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort +den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile, +und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen +im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul +herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat +das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt, +auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der +bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was +dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast +überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod +seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen +Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker +gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes +dazu!“ + +Der Hörige schüttelt den Kopf. + +„Wie, du verschmähst die Gabe?“ + +„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh +jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht +betreuen.“ + +„Wie soll ich das verstehen?“ + +„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“ + +„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“ + +„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den +Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“ + +„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“ + +Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und +dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“ + +Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln +seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter +Eberhard!“ + +Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den +Gaul, zugleich besorgt um sich blickend. + +„Was ist's, droht uns Gefahr?“ + +Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig, +seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu +Württemberg!“ + +Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im +Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf +schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich +aufspritzt. + +Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster +steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die +Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach. +Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer +ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen, +die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei +beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig +um Hilfe. + +Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die +Weichen und rast dem Kloster zu. + +Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den +brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren +den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die +lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den +Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein, +Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und +Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer. + +Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der +Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die +Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde +Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen +drüber. + +Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden, +zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen +Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt +Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum. + +Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen, +brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem +Württemberger Herzog schützen sollen. + +Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran. +Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl +des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung. +Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der +brennenden Häuser. + +Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde +erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden +habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des +Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen +lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier +fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster +schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr. + +Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt. + +Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen +mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein +beleuchtend. + +Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der +ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in +den Häusern der geflohenen Unterthanen. + +Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst, +und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der +schrecklichen Schweden harrend. + +Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen +Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren +im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger +und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die +Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren +Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die +Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft +sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und +stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht +bewaffnet, der Musketiere. + +Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und +dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße +sich dicht zusammenschließen müssen. + +Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde, +an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und +Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe, +Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen, +Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die +Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus +aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur +Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts +zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine +Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln +Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen +Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere +vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die +Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl +ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten +ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter +Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach +jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein +Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die +Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet +gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen +der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten +Feinde aufs Korn genommen werden können. + +Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die +Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel +ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen +gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen. + +Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem +Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man +liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den +Gnadenhieb auf den Kopf. + +Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen +Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual +und Not ist gethan. — — — + + * * * * * + +Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde +verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und +Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder +zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und +heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische +Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des +Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der +Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der +Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe +Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt +habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog +überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle. +Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die +Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden. + +Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg +fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das +Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von +Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus +einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche +vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften +in derartigem Umfange erworben hatte. + +Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen, +die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die +Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu +beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu +ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig +Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den +welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine +Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt. +Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der +liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe +und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden, +versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her +überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert +werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an +Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom +Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte +Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist. + +Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem +Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom +Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen +dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift +an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll +das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die +Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet. +„Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich +zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder +Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist +hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem +Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und +nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“ + +Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem +westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard +Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von +Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne +netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift +hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung +zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies +dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“ + +Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die +trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche +Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und +wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der +Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein. + +Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen +die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung +keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang +die Freiheit blühen könnte. + +So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des +Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen. + + * * * * * + +Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer +Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind +über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs +Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz +nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen. + +Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen +Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den +Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster +kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor +das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der +Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß. + +Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht, +der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr +selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert. +Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen. + +Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt +verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene +Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und +führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem +Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur +Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den +Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer +und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner +Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor +der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein +Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf +diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und +tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat +zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr +des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote +Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten +Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe +jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs +Herrscher aufzufordern.“ + +Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem, +es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem +protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der +Gewalt!“ + +Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier +ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner +Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs, +sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“ + +Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es +ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend +spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich +protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“ + +„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern, +den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das +unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß +Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und +Alpirsbach muß württembergisch werden!“ + +„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“ + +„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl +inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“ + +Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem +Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf +kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der +herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft +vom Kloster gefordert zu haben, verläßt. + +Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der +folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische +versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher +Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden +sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von +Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher +vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den +Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen +auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt +bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder +gefahren. + +Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen +kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“ + +„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt, +verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer. + +Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster, +Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen +überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf +Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird. + +Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen +gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume +der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende +Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk +zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich +geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung. + +Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist +eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann, +zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die +Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit +dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste +genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel +verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport +der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen +die Wagen nach Rottweil. + +Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in +württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei +nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das +Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm. +Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von +Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann +dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg. + +Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen +Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben +freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend, +stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster. + +Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem +gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt +vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd +durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen. + +Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal +gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die +Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt. + +Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“ + +Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche +und Unterthanen zu schonen. + +Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er: +„Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei +bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von +Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster +ist!“ + +„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden +fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und +Besitz Eigentum Württembergs!“ + +Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt +hinaus. + +Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre +Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den +zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie +selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der +Waldheimat. + +Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem +neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter +Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb +herangestürmt. + +In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender +Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine +Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz +genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit +Württemberg Euseb, der Pelagier. + + +Fußnoten: + +[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren +an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und +Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie +bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben +haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden +sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“ +zu Alpirsbach. + +[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt +von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder +Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster +mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene +Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch +einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl. +Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot, +jedes im Wert von einem Kreuzer. + +[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch +kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den +Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III. +gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische +Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses +Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit +Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche +die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen +Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute +vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst +verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin +wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis +gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen +Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und +weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen +unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese +diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der +dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und +Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden. + +[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den +Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von +jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen +Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den +10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“) + +[22] § 24 Artikel IV. + +[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen, +Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren, +Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St. +Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a. + +[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur +Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Im grünen Tann *** + +***** This file should be named 14105-0.txt or 14105-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/4/1/0/14105/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Im grünen Tann + +Author: Arthur Achleitner + +Release Date: November 20, 2004 [EBook #14105] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GRÜNEN TANN *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Im grünen Tann + + +Schwarzwaldnovellen + + +von Arthur Achleitner + + + + +Berlin + +Verein der Bücherfreunde + +Schall & Grund + + + + +Inhalt + +Die Herzogskerze +Giftklärle +Der Pelagier + + + + +Die Herzogskerze + + + + +Über den "toten Bühl", einen Teil der Hochebene im südlichen +Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt +der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die +wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die +Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert +und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist +dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst +bezeichnend den "toten Bühl" nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an +den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und +häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der +Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten +des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen +Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die +Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat; +hier heißt ein Wiesengrund das "elende Löchle", dort eine +felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das "öde Land". Und +verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser +alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an +die sagenhaften alten "Handfesten und Privilegy" des Grafen Hans, an sie +Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren +Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. "Hotzen" heißen die Bewohner +des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose, +die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack +und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die +unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von +goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen +herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in +den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in +den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und +unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt. + +Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das +Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den "toten Bühl" als +Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft, +so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen +Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der +Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im "toten +Bühl" liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke +entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz. +Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein +stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt, +daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende +Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die +morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben +stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte +zum "dürren Ast" benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst +grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das +sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt +durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die +eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen +gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den +Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn +und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die "Einfahr". Grimmig +gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im "Schild", im freien +Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier +knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den +Wirt zum "dürren Ast", noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor, +und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand +wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um +einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum "dürren Ast" +hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu +kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine +Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut +hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit +mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt +und um eine Sache "uszuprobyre" auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu +prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner +Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der "dürre +Ast"-Wirt auch den Vulgärnamen "Streitpeterle" wegbekommen, was ihn +diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die +Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß +durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern +und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte +anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit +weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus +dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als +wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der "Salpeterhannes" sei wieder +lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die +vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an +die achtig Jahre im Grabe ruht. + +In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und +noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und +Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg +bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von +Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle +solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst +ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine +fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender +Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu +befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit +zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er +seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und +zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt +er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich +feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel +um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich +darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest +einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften, +Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei. +Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her, +unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen +Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters +schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben. +Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in +seinem Gedankengang zu dem Schluß: "Enthalten seine wohlgeordneten Akten +nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane +Verordnung unmöglich Rechtens sein." Und daher nimmt Peter einen Bogen +Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete +Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: "Beschluß! Von +einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu +lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor, +war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner +Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger +hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in +der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805. +Peter Gottstein." + +Mit vieler Mühe hat Peterle diesen "Beschluß" zu Papier gebracht und +sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich, +bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht +vor sich hin: "Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle +wisse bi Gott!" + +Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher +Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick +des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: "Aber Ätti, schon wieder +hascht mit den alten Papieren zu schaffen?" + +"Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon +nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten +Instanz!" Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie +das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt +und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht +sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke +Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die +Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn +auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde, +so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten +Bühler rechnen könne. + +Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue +handle und fragt: "Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in +unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!" + +"Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen +könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche +bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen +Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!" + +"Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur +Unglück gebracht in unser Land!" + +"Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben +gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht, +so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der +Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in +meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein +anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein +heiße!" + +"Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald +kommen sollen?" + +"Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut +und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate +werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi, +daraus wird nichts, sag' ich!" + +"Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!" + +"Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!" + +"Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich--" + +"Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die +letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem +Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher +werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot +steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!" + +Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu +beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht +ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei. + +Noch poltert der Alte: "Der Gücksler frili nit!" da schreit des Wirtes +blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: "Sie kommen!" und +prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie. + +Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der +Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu +können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut, +ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und +scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon +greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf +geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem +Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht +den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf +erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster +vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut +gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt +wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr +Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie +auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem +Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit +Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer +Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des +Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der +Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes +Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem +Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste +in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell +erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug +und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut. + +Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den +Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen +Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der +Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten +hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch +giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der +Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe. + +"So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot +ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen +machen wollt.--Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei +Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!" + +Nähertretend fragt Peter: "Warum bei mir zuerst?" + +"Weil Ihr die wichtigste Person am "toten Bühl" seid!" + +Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was +soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler +respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen +einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das +Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher +zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch +ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den +Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter +hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke +Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe, +müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die +Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und +Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege +jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom "dürren Ast" +wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom +Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich +gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den +"dürren Ast" mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet. + +Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die +Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über +Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: "Wenn +ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber +einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot +steiget!" + +Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: "Wie? was? Seid Ihr +verrückt? Ich--ich--habe oben nichts zu thun--das ist des Kaminfegers +Sache!" + +Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des +Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor +sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre +angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt +einladet. + +Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug +der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner +nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu +bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand +stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen +Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der +Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen +Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum +Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach +ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten, +der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der +Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht +in den Rauchfang aufsteigen. + +Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der +"Regierungsthätigkeit" des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle +mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den +Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und +gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse. + +Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell +einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und +Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und +flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das +Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken +Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär +gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen +aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das +Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur +Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre +Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach +und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse +herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die +aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und +Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten +vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen +springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und +stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen +Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um +das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission, +bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein +der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür +verschwinden. + + * * * * * + +Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken +sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen, +und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann +und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem +toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten +auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen +ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden +Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht +schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen +Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt; +still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen +Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und +von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur +normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst +kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die +größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt. +Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann +aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in +schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät. + +Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten +Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im +Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl +längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit +Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf +eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: "So einem in der Umgebung +nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das +frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so +heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein." +Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab, +hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem +Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten +alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von +anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte; +die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und +Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und +Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich +schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten +ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln +und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten +Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um +das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten, +zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird +der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im +rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im +gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze +gerichtet. + +Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus +der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: "Im Namen der heiligen +Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen)." + +"Gottwilche!" tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen +Menschenring. + +Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann +der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur +Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den +Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: "Gott wilche! 's isch e gheimi +Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da, +die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach, +Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?" + +Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen +Orten. + +"Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?" + +"Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!" ruft ein +alter Mann aus dem dritten Ring. + +Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der +Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden, +der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache. + +Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung +zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe. + +Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter +durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch +beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und +spricht mit kräftiger Stimme: "Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid +gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das: +Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in +stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich +und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und +bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer. +Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und +dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal +mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht +am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen +des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?" + +"Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit +unseres Volkes und für unseren Glauben!" tönt es rauh, aber feierlich +aus dem dreifachen Menschenringe. + +Nun frägt Peter den alten Riedmatter: "Ischt der Geischt des Hannes dir +wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns +zur heiligen Dreifaltigkeit!" + +"Ich schwör' es!" + +"Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer +sein im heiligen Kampfe. Willst du?" + +"Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der +kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in +der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und +Gefolgschaft!" + +"Wir schwören!" + +"Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte +der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im +stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit, +dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der +Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die +gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir +müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir +müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals +verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die +Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein +gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und +unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser +ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!" + +Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen +zum nächtlichen Himmel. + +"Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez', +sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit +wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll +zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht +bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht +der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist +nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die +österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser +Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die +Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur +Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld, +Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur +freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt, +so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die +kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von +Bergalingen sagte: ""Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen: +wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen +Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß +Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!"" Wir hoffen auf +Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer, +die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern +wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch +Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts, +verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir +hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und +schweiget, was ihr gehört. Amen!" + +Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die +Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach +abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl. +Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als +die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl +hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen +Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz, +schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee +deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur.... + + Winterszit, schweri Zit! + Schnee uf alle Berge lit.... + + * * * * * + +In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine +Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am +schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's +Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und +ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen +lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das +Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der +stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener +Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die +Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und +weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal +in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher +die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig +und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am +Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak +rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben +oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im +mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm +ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und +rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders +veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten +Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die +alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie +eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So +sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat, +erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die +Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem +Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und +schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und +zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat +ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl +erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die +Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein +interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung +durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt, +war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef +aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann +Peter Gottstein, dem Wirt zum "dürren Ast" den Beitritt des Binker'schen +Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig +wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur +Antwort gegeben: "I mog nit!" Nun war's um ihn geschehen, und Vroni +legte los, daß es eine Art hat. "Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?! +Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und +träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget! +Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage, +du Waschlappe du!" Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft +sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den +Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers +sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken +will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem +Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef +rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs +neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den +schwerwiegenden Worten: "Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!" +da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn +doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und +den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der +verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen +werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die +Hand leisten werde. "Ja, ja, i goh!" stammelt der eingeschüchterte +Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über +Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten +Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in +seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein +Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben. +Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber +vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig +sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch +Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum "dürren Ast". Vroni aber muß +eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des +erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich +selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen +heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und +verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und +übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte +unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der +Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon +austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib +verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die +Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil +sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger +Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen. + + * * * * * + +Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus +den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des +Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei. +Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte +Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die +Kleider fahren und fragen, wo es denn "füürig" sei (wo es brenne)? Aber +da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: "Dunderschiß, nu +numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du +gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch: +Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft +abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in +der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und +laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!" Damit +drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen +zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf +um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein +Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle +dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos +pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt. +Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es +sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in +Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im "Roten Ochsen" wartend +liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also +stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo +die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das +Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt, +welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in +Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum "Roten +Ochsen", in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der +Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den +Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in +Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli. + +Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter +Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt, +kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die +Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, "ume Chrützer" +und aufgeschmälzte "Grundbire" dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler. +So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als +einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die +braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein +badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel +klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das +frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's +lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend; +die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den +Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün +neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein +Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit +pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen +die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und +still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem +schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des +leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck +seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter, +versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen, +er hascht nach ihrem Händchen. + +Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen +Pfoten: "O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!" + +Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte +zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im +Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im +selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch +tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet, +fragend: "Isch was gange, Jobbeli?" + +Etwas zaghaft meint der Bühler: "'s isch nüt gange!" + +Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter, +indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli +an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf +die Achsel klopft: "Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im +Wald balzet der Urhahn annersch, haha!" + +Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch +verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen. + +Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: "Jobbeli, +hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!" + +"Isch recht!" stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen +Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das +Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt, +so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld +einstreicht. + +"Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!" ruft ärgerlich Michel und +wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. "Halt zu mer, +Heckener, bisch mi letzter!" + +"Was isch Trumpf?" + +"Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!" + +"Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!" + +"Dunderschiß, hesch du e Glück!" + +"Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?" + +"I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez +spiele mer ume Ohrläppli vonemer!" + +"Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?" + +"Chrütz!" + +"Gstoche! Hesch wieder verlore!" + +"Bisch du ne Glückskind!" staunt Michel. + +Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein +Messer. + +"Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?" + +"'n Gwinnst will i einkassiere!" + +"Mitem Messer?" + +"Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!" + +"Tod und Teufel!" prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble +faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen +abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die +Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und +Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt +Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes +Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt +prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der +Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den +Schwerverletzten ins väterliche Haus. + + * * * * * + +Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der +Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch +Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus +"Zum dürren Ast". Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das +verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte +Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor +der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der +Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem; +aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni +doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann +gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der +Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt +Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der +Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. "Und leng mer e +Schöppli, Thrinele!" fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die +Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und +auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu +fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe +herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf +Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und +dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte. + +Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort "Salpeterer" gehört, +vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert +dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo +sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten. +Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des +oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast +augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. "Den Rock tragsch +selber!" bedeutet Peter und schreitet voran. + +In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre +und fragt den Besucher nach seinem Begehr. + +Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In +arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam +heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle. + +Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: "Und du, +Sepli?" + +"Ja, ich, no!" + +"Wie, du willsch nit?" + +"I weisch ja gar nüt!" + +"So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!" + +Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung +erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung +derselben zu schildern. "Hör zu!" + +"Ja!" sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck. + +"Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der +Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil +ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die +zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno +1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno +dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest +wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser +längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer +stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der +Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft, +sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als +rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren +und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und +Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum +Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing +die Gärung an--ich han's alles genau in den Akten--, die sich +verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter +Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der +Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der +Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und +in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf, +der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den +Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem +Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte +Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu +Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei, +reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf +Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht +auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den +Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die +Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen +Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die 'Halunken' thaten +nicht mit, die feigen Schufte." + +"Wer seist?" warf Sepli erstaunt ein. + +"Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer +aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern, +Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder +Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging +nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer +für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm +einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's +thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die +Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die +Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen +Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis +schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem +Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die +Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt +Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem +früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann +stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig +sein!" + +"Ah, ah!" stammelte Sepli. + +"Was seist?" + +Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib +ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch +veranlaßt habe, zu Petern zu gehen. + +Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen +Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute. +Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen, +und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen +Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib, +um das Sepli zu beneiden wäre. + +Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und +davon. + +"I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen +mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches +Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und +schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur +heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das 'purifiziere'! +Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer +mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer +Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und +Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab +die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor +Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei +kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort "leibeigen" auf ewig abgethan +sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte +müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald +Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde +huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St. +Blasien das Wort "leibeigen" nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten +Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten +Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß +herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si, +denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert +werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen +ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie +der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen...." + +"Was ist diesen geschehen?" fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der +Stirne steht, dazwischen. + +"Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in +Herrischried, hat man fast zu Tode "behandelt"; dem giftigen Tröndle +nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte +seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!" + +"Das isch ja Raub!" + +"Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß +bekämpft were!" + +"Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?" + +"Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!" + +"I mag aber nit! I fercht' mi!" + +Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu +beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf +zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch +passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß +wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden. + +"Soldaten seist?" + +"Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem +(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen +Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte +die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten), +Spießen, Heugabeln und Prügeln." + +"Wer isch hernach 'prügelt wore?" + +"Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir +mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au +minem Papier!" + +So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu +gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt +sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins +Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch +einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre +herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken +fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie +angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was +sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich +davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß +Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom +Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe. + +Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte, +weil er schleunigst flüchten müßte. + +"Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!" + +Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine +Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im "Ochsen" zu +Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust. + +Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber +erzählt, daß er--aus "Notwehr"--den Michel niedergestochen habe, schreit +Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich +das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche +Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das +Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht +zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube, +um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu +geschehen habe. Ein "Mordchlapf" und eine Halunkenfamilie: ein übles +Ding, das durch Wehrgeld kaum "abzuschaffen" sein wird. Wenn es doch +wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf +die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit +haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der +Partei der "Ruhigen", wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel +schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl +heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn +sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach +Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen, +doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli +auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem +Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken +soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch +nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und +die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen. +Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein, +so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine +sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht +wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen +möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt +ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus +verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten +haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte +vom Geräufe und dem Messerstich: "Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe +gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch +der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en +Verdruß!" + +Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und +begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu +schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer +betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei +ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf; +doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die +himmlische Grafschaft. + + * * * * * + +Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig +windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein +Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich +zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee +folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über +die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und +endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht +erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an +die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt. +Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und +gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer +Einlaß fordere. + +"Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!" ruft der Mann. Jetzt +öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der +dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger +von Herrischried erkennt. "Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du? +Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?" + +Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli, +und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich +durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones +die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei +und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe. + +Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der +Österreicher gesagt habe. + +Der Oberst habe--so fährt Hottinger fort--versichert, mit dem +Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst +gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12] + +"Was seist?" + +"Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit, +ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in +Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!" + +Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt +ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der +Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen, +die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die +Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg +verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer, +und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die +Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter +aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln +gegeben habe. + +Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich +bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der +Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird, +hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu +leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die +Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf +losgeschlagen werden soll. + +Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des +Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der +Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den +Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber +Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es +schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht +er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe. + + * * * * * + +War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund +gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der +"Chauscht" ("Kunst", die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen +Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen +Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das +Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren +Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte +sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im +Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der "Ochsen"wirt +schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht +erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret. + +Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den +Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends +auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen, +blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd +folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus +dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not. +Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine +Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit +bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband +auf die Wunde, indes Biber sich vom "Ochsen"wirt den Hergang des +Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem +Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber +der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das +Gericht soll eingreifen. + +Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken, +auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden +solle? + +Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch +nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus, +so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den +Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen. + +"Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?" fragt der Wirt. + +"Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!" + +"Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's +schon besorge!" Der "Ochsen"-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das +Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er +den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen +fragt, wie es mit Michel stünde. + +Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust +legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren +rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen. + +Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt +schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen. +Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und +bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann. + +Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille +Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein +Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War +das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust? + +Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre +hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli +nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört +den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu +pflegen und zu warten. + +Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu +bedeuten hat. + +Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit +gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli +von dem Unglück weiß! + +Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer +Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel +nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und +Schrecken. + +Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas +auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und +Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli +wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die +Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe +gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will +davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die +Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in +bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel +liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und +im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß +sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann +wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen. + +Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das +Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein +Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm +geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti +nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. "So goh mit in Gottes Namen!" Beide +begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger +Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des +Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt +zurück. Welch' ein Glück! + +Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe +Kunde. "Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und +machet ihn wieder gesund!" + +"Gott geb' 's!" Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt +im Hause des Biberhannes. + +In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele +versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber +mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank +eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte +Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres +Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel +selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde, +doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und +wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles +Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch +Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt +wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald +der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und +heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen +im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des +heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist +überglücklich über die Besserung in Michels Zustand. + + * * * * * + +So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im +Wirtshaus zum "dürren Ast", wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen +sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen +warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht +eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der +Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde, +als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht +Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter +verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen +Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den +"Streitpeter", den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser +Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend +fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe. + +Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf +Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das +Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde. + +Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet +sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung. + +Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: "Du kommst ins +Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof +und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!" + +"Sell isch' mein Sach'!" brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten +aufgeht. "Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!" + +"Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!" + +Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und +der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch +das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen +kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. "Bisch du der +Jobbeli?" fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er +auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte +Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen +hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das +Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur +schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein +Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein +Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb +fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig +rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder +um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil +der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus +zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf, +nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor +läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer +Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt +an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter +aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene +Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden +tiefen Schnee. + +Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum +Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen +die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene +Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um +einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere +Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt +gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm +anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In +jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer +immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot +sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die +Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald! + +"Mer hängenem!" (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und +drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür +abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und +folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann +offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung, +der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt +und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine +Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen. +Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den +Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf. +Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot +geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der +Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es +hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung! +Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur +Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er +nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann +zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über +Rißwihl gen Kuchelbach. + + * * * * * + +Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende +Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst, +dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser +durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der +Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd, +schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut +allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen +Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und +fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den +Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren +der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein +Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen +und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und +brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu +Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste +fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und +Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn +streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und +Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt +und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es +dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren +scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des +weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue +Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald, +Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die +Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen +benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in +Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das +schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's, +daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten +muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen +dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört +endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den +Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen. + +Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und +zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen +sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer +Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den +Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem +Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major +und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis +unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner +Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem +der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle +mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer +stecke, fragt der Major stehenbleibend. + +"Der Führer vor!" wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den +man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und +wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben +auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum +schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl +zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben +stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten +beleuchtend. "Wenn das nur nicht uns gilt!" meint einer der Herren, der +in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser +Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als +möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt +durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen +wird. + +Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die +unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen, +schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf. +Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum "Ochsen", gleichfalls +finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und +nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die +Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den +Trupp Hartschiere geschaffen werden. + +Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der "Ochsen"wirt es für +unmöglich, die Herren aufzunehmen. + +"Tod und Teufel! Warum nicht?" wettert der Kommandant. + +"Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?" + +"Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit +Kolben einschlagen!" + +"Ich kann nit, Herr!" ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu. + +Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre +Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das +Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn +etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte +auf, grausigen Schein über das Dorf werfend. + +"Füür!" tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen +unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine +mächtige Stimme gebietet: "Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau, +nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!" + +Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl +mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden +und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge +zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der +"Halunken", deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es +wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und +heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu +erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor +das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf +Seite der "Ruhigen" gestanden. + +"Bibermärte rus!" heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und +stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein, +Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach +zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein +Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft +Thrinele: "Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!" + +Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler +erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter +Gottstein und rufen: "'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!" +Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den +Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen +Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: "D' Hartschiere chomen!" +die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur +Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken; +sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen +lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig +zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren +Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer +fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und +Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: "Druf, druf, +schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n +Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!" + +Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der +gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei +Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette. +Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die +Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein +Kommando ertönt: "Feuer!" Weherufe werden laut, einige Salpeterer +stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt +hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die +Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die +Offiziere los und pochen den "Ochsen"wirt heraus, der jetzt bereitwillig +sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die +militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten +übergeben und die "ruhigen" Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird +von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde +abgehalten. + +Scharf geht der Kommandant mit dem "Ochsen"wirt ins Gericht, dem sein +feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu +entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem +beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte. +Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf +angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten, +grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung +und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der +Rekrutierung. + +Wie der "Ochsen"wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es +nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller +heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die +Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang +nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch +und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt +dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol' +der Satan die Salpeterei! + +Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig +geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich +auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der +"Kunst" hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust +vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den +Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der +Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden, +dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen +glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil +hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art +gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter +zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern +die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn +erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele +den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende +Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße +Geflüster des geliebten Mädchens. + +"Liebsch mi no, Thrinele?" fragt leise der stillliegende Michel. + +Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: "Bis in den Tod, Michel!" + +"Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu "Kilt" und +han di 'beten um di Herzli!?" + +Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: "Ich han dir 's +aber verbote!" + +"Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!" + +"Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!" + +"So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch +wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli +nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!" + +Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken +Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen. + + * * * * * + +Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen, +es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die +Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und +im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze +schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen +Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht +von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen. +Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk +weckend. Im "roten Ochsen" regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter +verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's +Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen; +die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig +allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt +unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern +steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch +schon der Major, grimmig und verdrossen. "Holt den Bürgermeister!" +befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere +marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als +Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten. + +Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den "Halunken" +gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben +bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen! + +"Dann holen wir die Kerle!" + +"Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort! +Die heutige Nacht hat's bewiese!" + +"Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!" flucht der +Major. + +"Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin +Pflicht genüge!" + +"Wer wird kommen?" + +"Die Buebe von den Halunken!" + +Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu +spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen, +während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige +Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur +die Mannschaft wieder austreten und ihr vom "Ochsen"wirt die Morgensuppe +reichen läßt. + +Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der +kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern +gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen, +wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten. + +In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen +Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes. +Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das +Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten +Kommission. "Behalten" wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist, +denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch +riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und +grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine +Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür +gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die +Leutnants flüstern sich Witzworte über den "alten Rekruten" zu, gespannt +blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen +Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe. + +Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub +bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem +Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne. +Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter +Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich +stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen "Halunken" seien +und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören. + +Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich +gestimmt, sagt er: "Es giebt doch seltsame "Halunken"! Ihr "Halunken" +oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten +Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir +können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem +Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich +beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist +ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!" +Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem +Wunsch für baldige Besserung des Michels. + +Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der +Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen +Einöden sind "verassentiert" und ausgehoben, die Salpeterer aber fern +geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich +ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch +eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden; +vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht +also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab. +Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel +bequem, die der arme "Ochsen"wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos +stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und +nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht +herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den +Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt +glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt +davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner +Partei hielt! Als "Sparrengücksler" ist er erst recht unter die Wägen +gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum +"Gottwilche", wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und +die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert. +Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und +Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der "Ochsen"wirt keinen Chrützer! + +Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer +bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles +Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern +nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er +läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über +Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den +letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen +Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet. + + * * * * * + +Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung +gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten +Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu +ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer +war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die +entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die +Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich +befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer +emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu +Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen +durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann, +die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger +Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und +Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward +niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant +ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer +anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von +Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die +Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde +Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der +Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei +gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen +Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause +bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt +den Glauben! + +Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am +Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum +Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit +brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher +Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die +Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe +zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und +in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige +alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der +Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen +und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt +und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist +Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so +dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit +zu Willen ist. + +Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch +erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit +altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln. +Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer +hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu +Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben +zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die +Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen +wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern +sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für +die "Brüder" verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit +Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von +bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren +Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen +Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner +Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu +Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine "Armee" rasch +verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der "Feldherr" selbst nicht +gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die +Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem +Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und +Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im +Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das +Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der +Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es +schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten +Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der +Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als +abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer +anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von +Waldshut anrücken. Die "Adjutanten" empfangen jeden neuen Trupp und +geleiten die gröhlenden Leute vor den "Thron" des "Feldherrn" zur +Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und +läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: "Hut +ab und Mützen 'runter! Ich will reden!" Allmählich wird es still im +Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft +sich in die Brust. Dann hebt er an: "Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen +der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt +jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero +gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und +neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief, +Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir +gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne +nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die +Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl +Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen +und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest +geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das +genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden +wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein +Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so +wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern +begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der +ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot +niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott +gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir +gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser +Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam, +Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!" + +Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den +verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und +Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum +Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch +nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß +verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult +beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand +zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt, +gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend. + +Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber +steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit +Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und +Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner +Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er +Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso +gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die +trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode +stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit +bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen +und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei. +Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was +Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer +am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge. + +Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht +einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da +kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: "Die Kroaten +kommen!" Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit +einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins! +Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die +Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut +und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im +Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen +haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene +Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken +gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich +nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber +zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter +Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken +gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon. +Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel, +zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren +schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf +wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer, +Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären +den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser +werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den +schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche +durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den +Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort +gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren +wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den +Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf +flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der +Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann +einspringen gewollt. + +Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen +ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr "Sieg" zu +Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses +unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht +war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen +Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen +Grabe. + + * * * * * + +Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich +im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem +Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den +Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr +gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere +Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in +südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er +doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein +Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger +und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach +gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach +zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im +Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und +deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles +hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher +Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt +daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre +bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des +Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler +Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte +der Wirt, und sicher ins Verderben. + +Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins +Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in +Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten +nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein +Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen +habe, heimgekommen in Wihl erzählt. + +Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und +an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht. + +Verrat brauche das--entgegnet der Wirt--nicht zu sein: die Salpeterer +haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung +ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren +wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen +im Wald. + +"Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!" stammelt Peter ganz verdattert. +Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen +Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben--was +müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein. + +Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl +nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn +nicht niederhauen werden. "Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!" +versichert der Wirt. + +Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi +laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die +Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern. + +Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht +er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und +er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend +flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung +getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf +steigt auf--eine entsetzliche Menschenjagd ist's--die Salpeterersache +ist verloren! + +Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der +Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem +Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die +Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die +Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in +alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln +herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum +hinein in den dichtesten Wald--der Tann allein schützt den +Schwarzwälder--dort, wo die Nadeln am dichtesten sind. + +Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht +Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um +sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und +Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der +Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee--eine +Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher +noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach +dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft +er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen +Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand +nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien +verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und +angelweit offen steht die Hausthür. + +Vom "Schild" rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die +Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die +Flucht gejagt. + + * * * * * + +Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde +scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran, +aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut +bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das +Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der +Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser +Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen +stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur +Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die +Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß. + + "Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee, + Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh." + +So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten +Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn +auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt +die kurzen Tagesstunden auf der "Kunst" beim warmen Kachelofen im +Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich +fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan, +und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat +sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und +Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das +Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele "Tochter"; und 's +Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob +es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar +stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm, +und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers--der Ätti muß doch auch +erst gefragt werden--zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit +auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist +streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man +gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen +geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß +Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei +Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen +wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache +der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die +er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und +Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon +verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh +hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu +Herrischried, und drum--so meint Muetti--müsse man das Weitere Gott, dem +Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat +Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist +bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken, +sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen +Tagen--Thrinele hat das gar nicht bemerkt--von Hause fort und nach +Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner +Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu +spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch +eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die +Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt. +Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich +anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen +könne, wer weiß auf wie lange Zeit. + +Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig +spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles +Köpfchen und flüstert: "Will d'Sunne wirkli von mir goh?" + +Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein. + +"Gohst licht von mir?" + +Weinend bittet 's Maidli: "Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg: +Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns +zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!" + +Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es +ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den +Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn +Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti +ausgerichtet habe. + +Lachend mahnt der Alte: "Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele +Frage!" + +In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen +geheißen vom Sohn und der Thrinele. + +"Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm +Bett!" + +Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem +Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans +Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser, +das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's +still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt. + +Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: "Michel!" + +"Was isch, Ätti?" + +"Nüt isch!" + +"Wie sagsch?" + +Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann +erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von +der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald +er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei +Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu +befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht, +Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli, +des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters +Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer. + +Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor +Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu +teilen und zu bleiben in Vaters Haus. + +Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann, +verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und +Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. "Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!" +Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er +noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach +Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht +Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in +abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl. + + * * * * * + +Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über +Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl +getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt +habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus +gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu +öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in +die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze +gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und +in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute +die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach +Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht, +eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen +Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten +Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen +Zweifel auf, ob denn wirklich die "heilige Sache" recht behalten werde. + + * * * * * + +Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und +fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang +schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele +aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht +denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit +längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends +eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen +Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr +verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie +wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden +wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus "heimgesucht" haben? Mit +dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen +abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden +ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie +es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist +eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus +Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und +Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus +dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer +an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig +prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein, +emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen +ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele +vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und +fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen, +ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer +das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den "Dürren Ast" nur so +leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem +nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist +fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber +nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins +Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der +Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele. + +Eine dumpfe Stimme ruft außen: "Flieh', Peter! Im Namen der heiligen +Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!" + +Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der +Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte +im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe +hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um +vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im +Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen +Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die +eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines +Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit +genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht +also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon +in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. "Alles ist +verloren!" hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache +angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie +ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der +Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der +"Ruhigen", die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen +müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat +Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus +dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind +unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze +Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte: +was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr +gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und +das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so +wenig! + +Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat +angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem +Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele +Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl +und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück +findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, +und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber +nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins +winterlich einsame Haus. + + * * * * * + +Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen +Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das +erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen +und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die +einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der "Chauscht". +Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht +einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! +Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es +um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist. + +Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein +lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen +Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an +den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, +seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die +Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem +Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, +so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch +nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt +hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen +spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an +einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel +niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz +rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, +wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht +auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu +gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht +aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage +erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß +die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden. + +Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel +Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen +kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, +behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli +die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die +Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das +knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast +fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten +Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster +fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken +fährt Thrinele auf und eilt hinaus. "Wer isch drauße?" fragt das Mädchen +im kalten Flur. + +"Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!" + +"Ätti, Ätti!" ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor +Überraschung und Erregung auf. + +"Rasch, rasch! schließ' zu!" schreit Peter und eilt in die warme Stube, +um sogleich am Ofen die "Chauscht" aufzusuchen und sich die steif +gewordenen Hände zu wärmen. + +Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt +Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen +niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti +und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck. + +Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der +ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint +und alles Vorhergegangene ignoriert. "Versteckt warsch, Ätti?" + +"Leng' mir e Schöppli!" befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon +erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und +bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde +zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig +und eilig. + +"Hasch Hunger, Ätti?" + +"Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han +schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!" Und nun erzählt Ätti, inzwischen +immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der +Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten +Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen +gehalten habe. + +"Bi diese Kälte?!" + +Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die +Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es +gewagt, neuen Proviant zu holen. + +"Dann war Ätti selber der Schinkendieb?" wirft Thrinele ein. + +"Wie?" + +Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu +gänzlich ausgeraubt sei. + +Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus +seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller,--es war +ein Halunkenkeller--wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing, +entnommen, und--weil es pressierte--die Zahlung auf später verschoben. +Fehlt etwas im "Ast"-Wirtshause, dann haben andere ihm seine +Vorräte--gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren +war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden! + +Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe. + +Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos! +Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu +trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache +doch! + +"Wie sagsch, Ätti?" + +"Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an +Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem +Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe +es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel +sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht +doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß "Maier" (Verwalter) vom +Kaiser!" + +"Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!" ruft freudigst überrascht Thrinele +aus. + +"Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache! +Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden. +Guete Nacht, Thrinele!" + +Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer +Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen. + +Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren +Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch +nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem +Weg, der zur Partei der "Ruhigen" hinüberführt, und kann Ätti überzeugt +werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht +herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer +aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti +selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als +Feind erscheinen.... + + * * * * * + +Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein +Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte: +hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei +Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich +das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin +gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken +hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und +bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen +dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem +Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle +zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von +seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit +Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und +abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese +Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die +Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht +der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden +Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft +der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger +Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde! +Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden. +Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und +den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll +mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde +oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß +begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig +während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich +aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der +Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und +den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend, +findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem +verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt, +schreckt das Mädchen zusammen und erwacht. + +"Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand +chommen!" + +Wohl grollt Peter über solche "Wacht", bei welcher einem das Haus +weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante +Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt +er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien. + +"Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?" + +"Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!" Thrinele eilt in +ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und +überreicht sie dem Ätti. + +Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung +gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur +gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht, +so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber +nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht +angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer +abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben +und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen, +die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche +vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und +urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei. + +"Weihwasser?" Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was +doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und +Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre +gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche +entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig +eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß +solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit +Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. "Leng' es her!" + +Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das +Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das +genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der +Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte +und spricht vor sich hin: "Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! +Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz +gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und +sei Fürsprecherin für mich!" Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt +sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: "Es +steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes +und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!" Dreimal macht +Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner +Meinung nun betätigte "Weihe". Sein Gewissen ist nun beruhigt, die +Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in +ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine +Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu +besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner, +womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige +einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im +Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. + +Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt +Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über +den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um +Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße +etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das +andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im "dürren Ast" gehe, platzt 's +Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer +Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt +sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen +er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine +Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits +geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um +Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das +bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die "gute" +Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem +man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der +Salpeterersache. + +Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der +"guten" Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um +ihre Meinung gefragt oder als heimliche "Halunkin" erkannt zu werden. +Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich +sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit +ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt +wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da +stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der +Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen +Tannen, um der kommenden Dinge zu harren. + +Früh wird es dunkel--hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden--die +Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der +Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz +unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der +Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee +stehend und auf das "Ereignis" wartend. + +Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und +schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er +die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder +und ruft mit lauter Stimme: "Entscheide du, o Herr des Himmels und der +Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere +heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o +Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich +füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren +ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das +Gottesgericht! Amen!" + +Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung +auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt +unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen, +entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist. + +Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und +verlöscht------. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort. + +"Der Herzog hat recht!" schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt +sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom +Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum, +ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es +leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt +ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße +Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer! + +Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht +wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen +Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig +brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter +die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme: +"Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der +Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde +badisch, so wahr mir Gott helfe!" + +Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das +Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt, +und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich +flüstern die Leute: "Der Großherzog ist Herr!" + +Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der +Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder +Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die +Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die +Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit +Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er +brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich +herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter +bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim +zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer +Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das +Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind. + +Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus: +ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt +dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht +ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der +nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse +Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen. + +Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was +das wohl zu bedeuten hat? + +Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus, +krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er +die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt. +Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit +dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch +wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun +knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich +und sagt: "Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde +badisch, Amen!" + +Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt +dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend. + +Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele, +nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum +fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am +toten Bühl. + +Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele +bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis +Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der "Chauscht" den +Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen. +Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin: +"Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein +Landesherr, ich halt' zu ihm!" + +"Ätti!" + +"Was isch?" + +"Ätti! Darf ich an badisch were?" + +"Gewiß wirsch du an badisch!" + +Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt, +der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den +Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei. + +Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti +auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit. +Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei, +und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch +freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte. + +Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried? + +Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust. + +"Also isch Bibers Michel der Holderstock?" + +Thrinele haucht ein "Ja!" vor sich hin und hebt die Hände bittend empor. + +Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom +Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf +einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: "Es ist usprobyrt am heutigen +Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen +und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am +toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des +Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der + + Beschluß: + + Ich, Peter Gottstein, Wirt zum "dürren Ast", anerkenne für mich und + meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und + werde mit Heutigem badisch. Als "Halunke" genehmige ich--die + Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt--die Neigung meiner + Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell + Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei + Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen. + Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der "Sach'" wende, + nichts--die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß + jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der + Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze + Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob + von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe. + + Gegeben im Wirtshaus zum "dürren Ast" am heiligen Abend vor + Weihnachten + + Peter Gottstein, + + verflossener Streitpeter und badischer Unterthan." + +Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das +mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den "Beschluß" +überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt. +Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben, +den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von +Jobbeli wenig oder gar nichts wissen. + +"So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer +minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter +Gottstein als badischer Unterthan!" + +Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen +Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die +am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach +Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom +Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist +daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam +wird denn die "heilige Nacht" gefeiert im Wirtshause zum "dürren Ast" +am toten Bühl. + + * * * * * + +Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter +Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang +stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend +einen "guete Morge" und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee +nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die "Kunst" +zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er +es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß +ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt +ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich +Peter, den neuen "Badener", anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube +zum "dürren Ast" noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das +Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren +den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die +Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits +geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und +badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes. + +Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit +Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende +Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei +Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger +Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so +geschwind "umsatteln", den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu +leugnen sei, daß die "guet Sach" heillos übel stehe. Andere neigen zur +Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog +gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die +"badische Sach" erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für +einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum +Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die +Kuchelbacher Beteiligung. + +Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl +sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen +nachlassen. Was Peter dazu meine? + +Und Peter spricht zu den Gästen: "Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu +ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der +badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für +die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?" + +Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation +mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und +Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den +Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären +sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der +Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten +dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und +durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend +Unterthanen mehr im Lande. + +Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie +Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch +werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die +bisher energisch für die "guet und heilig Sach'" agitiert haben. Was da +die "Wybervölker" über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang +nicht schmeichelhaft für den "Astwirt" und auch für manchen Salpeterer +fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter +allen Umständen die Deputationsreise "usprobyre" zu wollen; nach +Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch +sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern +abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den +Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand +und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so +unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert +sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn +diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern +bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche +Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten +Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische +Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten, +badisch zu werden und auf die "heilige Sach" zu verzichten, wurde +feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem +Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib +eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet. + +Am Nachmittag des Christtages hat der "dürre Ast" einen Besuch erhalten, +auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried +ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll +Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer +Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie +das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd +loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter +sein Volk, den Glauben und die "heilige Sach'" verraten habe und +abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der "heiligen +Sach'" willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei +zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und +andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im +Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der +Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins +mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im +Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte +nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen +auskratzen, wenn er nicht zur "heiligen Sach'" zurückkehre und +Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall +veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid +sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! "So sag ich und +du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und +Verräter!--Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!" + +Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt +aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den +Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: "Im Namen des +Großherzogs von Baden, hinaus!" Ein Ruck, ein Krach--das zeternde Weib +fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee. + +Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand. + +Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht +zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt +soll's büßen! + +Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater +besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib +diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das +Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht +und wünscht ihr "en guete Obe". Das Pärchen aber stapft vergnüglich +voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli. + +Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung +von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den +tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: "Thrinele, wo +simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf, +Thrinele!" Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden +Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter +mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab, +daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der +Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin +flötet im eintönigen Lied. + +Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und +Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: "Laßt doch, ihr +Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom +dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch +halte"! + +Und Michel ruft zurück: "Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu +hasch es nit anersch gemacht, hihi!" Dabei hilft Michel dem glühenden +Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich +auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren. + +Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es +zuckt in seinen Mundwickeln: "He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli, +Herrluit wöllent in, badische Luit!" Verwundert kommt der Wirt +herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor +Verwunderung. + +"Gell, da guckt Er!" spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die +Hand. + +"Gottwilche!" ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die +Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu +bereiten. + +Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und +setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß +geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der +Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: "Vergiß by Gott nit ze +erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer +lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!" + +Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die +Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein +Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die +Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: "Wos +weisch denn du, Biber, von mine Akte?" + +"Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi! +Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet +badisch und Ordnung muß si!" + +Ein wundersam Plaudern ist's auf der "Chauscht" im "dürren Ast", so +wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten +hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und +Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu +verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten +die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß +Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht +Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja +doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich +da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer +aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine +frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh +aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein +Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig +protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es +gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich +statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese +und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der +Wirtschaft. + +Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß +Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die +Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil +ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen. + +Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der +Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen; +von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins +Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und +huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten +Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der +ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog +aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht +abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der +Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert +werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja +nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein, +wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter +verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch, +dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und +ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden! + +So ward es abgeredet im "dürren Ast", und widerspruchslos erklärte sich +Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn +er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten +muß, meint Peter. + +Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti +will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang +angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten +Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr +ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz. + +Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach +herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann, +winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti +entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem +Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die +Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: "Der +Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten" wird +zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger +Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein +Trauersiegel darunter gesetzt. + + * * * * * + +Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings +weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen, +schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen +und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt +stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden +Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und +Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch +erquickend und labend. + +An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem +Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur +Wanderung nach Karlsruhe. + +Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und +unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt +Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er +beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne +man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der +Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter +selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es +möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da +lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach +Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel +labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen. + + * * * * * + +In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein +wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht, +stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie +aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation +nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in +dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der +Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und +wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und +seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen +glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am +Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der +Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem +verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden +Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten +führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis, +denn Peter platzte heraus: "Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt, +mer wöllent zem Großherzog selber!" Erst wie der freundliche Herr +ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber +sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange +Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte +der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute +im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen. + +Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und +Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit +weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein +Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in +der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein +Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog +fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre. + +Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere +treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten, +ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken +verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem +klopft das Herz hörbar. + +Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich +spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich, +leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer +derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte +er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll +der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal +fragt Karl Friedrich: "Wer ist euer Führer?" + +Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der +Hochschürer ihm laut zuruft: "Peterle, gang füri, er frißt di nit!" Das +wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und +spricht: "Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der +Wirt zum "dürren Ast" am toten Bühl im Hauenstein!" + +"Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?" + +"Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt: +Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!" + +Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend +auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck "Halunke" +erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten +aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich. + +"Red' Er nur weiter, Peter!" + +"Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl! +Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern +Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen +erfüllen wollet!" + +Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren +des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken. + +"Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr +heut de Schade!" + +"Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug +warten lassen!" + +"Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus +by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!" + +Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch +eine Lachsalve nach der andern heraus. + +"Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr, +Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de +Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn +mer wollet blibe katholisch!" + +Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: "Höret, +ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen +zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem +Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der +Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige +Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten +die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt +ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater +haben!" + +"Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch: +Wos isch minem Jobbeli?" + +Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins +Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: "Ihr sollt Euren Sohn +freibekommen, Streitpeter!" + +"Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit, +seigt mer gschiedene Luit!" + +"Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute +badische Unterthanen!" + +"Sell wöllent mer were!" ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur +Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue +bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter: +"De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!" Donnernd braust +der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal: +"Hoch, hoch, hoch!" Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie +bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am +liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt, +aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und +unterließ daher die Liebkosung. + +Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum +Abschied mit den Worten: "Bleibt fürder gut badisch!" Dann zieht sich +der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück. + +Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und +Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines +Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann. + +Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage +verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber +tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß +sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen +gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er +bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze +der Deputation heimwärts durch den "Garten Badens" hinauf zu den +schwermütigen Schwarzwaldbergen. + +Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar +wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf, +seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit +dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach +Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt +selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu +Bibers. + +Biber-Ätti hockt beim "Ochsen"wirt und muß auf Peters Bitte sofort +geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen +setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers +vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg +begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe. +Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen +werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die +Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der +Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm, +und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich +haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des +Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine +Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich +gethan habe. + +Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: "Isch kein +Wunder!" + +Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei. + +Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein +Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu +thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten +Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle, +ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber +das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter +aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte, +um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut +und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht +nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die +Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der +Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und +dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen +haben. + +Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder +lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich +erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl +langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen +hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und +die Freigabe des Jobbeli. + +"Hasch en Buebe mit?" fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage +bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich +durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem +Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und +schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den +Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen, +die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden +dürfe. + +Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die +Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch +glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll +übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte +feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den +Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die +Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit +zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. "Wilsch, Peterle?" + +"Jo, ich will's by Gott!" + +Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt. + + * * * * * + +Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg +und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15] +und schenkte allen jegliche Strafe. + +Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im +Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so +ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die--_Herzogskerze_. + + +Fußnoten: + +[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner +kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart, +die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung, +namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive +alte "Handfeste und Privilegy" pochend wollten sie sich, nachdem es mit +allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch +der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien +Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister +von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im +Haunsteinschen Lande gewann und allgemein "Salpeterhannes" genannt +wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier +mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen, +daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in +seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode +frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben +habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber +frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit +altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte +Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden, +schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und +Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr +einiger "Salpeterer" aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias, +entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den +Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c. +hießen "Salpeterer", die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die +Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden "Halunken" gescholten und +bitter verfolgt. + +[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe. + +[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837. + +[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24 +Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die +Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung +gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt +und erst nach abgelegtem Handgelübde: "Fürder wider St. Blasien nicht zu +schimpfen," entlassen. + +[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach +etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär +von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel. + +[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung +des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden +müssen. + +[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose +Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das +Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu +Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach +nicht aufzuhalten vermochte. + +[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und +plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne +Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel) +die Rasenden zu wilden Gewaltthaten. + +[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der +Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch +rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer +getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die +Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die +Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit, +der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche +Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das +Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin +die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger +gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name +schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und +Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des +Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort +auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg +heraufbeschworen. + +[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen, +welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die +Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des "Wehrgeldes" war die Sache +abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt, +"abgeschafft". Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen "Reisebildern": +"Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach +einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie +gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter +mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch 'im +öffentlichen Interesse' auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten." + +[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser +Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war +thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den +österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und +andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte +Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die +Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf. + +[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und +entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg. + +[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel +gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod +abhält, so der Vogel ein "rechter" ist, d.h. ein solcher, dessen +Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. "Über den Kreuzvogel geht kein +Tier, der ist über Schwalben und Störche." + +[14] Aktenmäßig festgestellt. + +[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da +seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald +einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in +den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar. +Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben. + + + + +Giftklärle + + + + +Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von +dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins +Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach +Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im +Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte +ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene +schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes, +das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der +äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich +gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen, +aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und +tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die +selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof +aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem +Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht, +und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören, +daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die +aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich +nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels +junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel +gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und +der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da +fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber +sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im +Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete +die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren +Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der +Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt +hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher +ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein +habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am +Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die +Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es +möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern. + +Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo +die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. "He, Bärbel! Wie +lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut? +Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über, +aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der +langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!" + +Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen +Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem +Hause zu. "Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!" ruft das Mädchen und +trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu +ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber +die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst +versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt +Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der +rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach +dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der +Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume +ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer +kräftigen sonoren Männerstimme: + + "Was guckscht denn so traurig? + Sei luschtig und froh! + 's isch oimol ein Leaba + 's isch oimol no so!" + +Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des +feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier +verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt +geringschätzig die Achseln. + +Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt +weiter: + + "Alt wirscht ja von selber, + So tanz noh ond spreng, + Ond weischt a sei's Liedle: + Sei luschtig ond seng!" + +Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt +sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen +Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen +auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel. + +Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut +und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe +Verbeugung, zugleich rufend: "Schönsten Dank, gnädig's Fräula!" + +Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf +der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den +Zaun: "Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger +und Straßengauner!" + +Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem +Halse: "Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!" + +Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem +Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung +über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem +sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt +das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr +einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun +die glühende Klärle los und spricht: "Mueßt nit so wild sein, schön's +Klärle, hihi!" Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen. + +Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe. +Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den +Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: "Ganz recht +isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!" + +Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor +Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt +ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen +seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden +nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im +Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen. +Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein, +humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den +Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da +schmettert ihm Klärle schon entgegen: "Was willscht? Mannerluit hent nüt +z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!" Und zur Bekräftigung +ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der +Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet, +wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken +und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem +Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und +dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit +an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte. +Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig +aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein +Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters +Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine +Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht +besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der +Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare +auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt +den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter +vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam +im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist +dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen +Fleisch und Blut. + +Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es +ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden +mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle +hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe +die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum +Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen +Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die +Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater +wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit +der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch +alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein. + +Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig +mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: "So, meint der Vater? So +wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden, +daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft! +Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und +den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die +Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich, +verstanden!--Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser +und dann fort zur Arbeit!" Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde +nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter +aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob +der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel +begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die +Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie +so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich +darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße +nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die +augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und +über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben! +Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen +Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine +größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf +ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach +dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht, +sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und +klirr--eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen +knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und +stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde +entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres +Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab. + +Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle +mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und +starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit +lautem "Hüh!" die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt +und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße +weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen +Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache +wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: "He +Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was +kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!" + +Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich +zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten +ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald +die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen. + +Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das +Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche +entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das +selbstverständlich. + +"Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind +gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen +werde!" + +Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am +Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein +Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt. + +Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig +gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die +Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige +Verlassen des Weideplatzes. + +Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein +Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am +Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu +Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald, +und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern. + +"Du bleibscht daheim, sag' ich!" + +Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen +zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich, +und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im +Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die +Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und +meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er +nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht +übertreten. + +Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen +Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe +aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. "Und +jetzt geh' deiner Arbeit nach!" + +Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben +vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe +Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die +Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim +Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen, +hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie +solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die +Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln. + +Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu: +"Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer +nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das +auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was? +Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann! +Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!" + +"Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am +Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!" + +"So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?" + +"Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht +besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten +den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch +gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!" + +"Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der +Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin, +daß er sich schlagen läßt!" + +"So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und +die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?" + +"Was mich----" + +"Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als +davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver +Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich, +anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten +kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem +weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!" + +"Ich hab' auf niemanden aufzupassen!" + +"Doch! Auf dich selber, Klärle!" + +Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört, +ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und +preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie +nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor +dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem +Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar +aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf +eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane +Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten +nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches +Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum +Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie +gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles +Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem +Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu +Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf +und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die +Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler +laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte +mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe. + + * * * * * + +In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des +entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster +sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen +flüstern immer wieder die Worte des Vaters: "Paß' auf dich selber auf!" +Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als +sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist +sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig +einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn +Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum +Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer +faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage? +Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im +Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab, +leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen +Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine +Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des +sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht +gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem +Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre +eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem +Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist +denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt +sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und +scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders! +Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke +herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen +Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles +Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas +vorbeugend, was gesprochen wird. + +Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: "Nein, Martin, du darfst es +glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm +und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber! +Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie +Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und +hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden." + +Und Martin erwidert: "Sie hat doch dich, Bärbel!" + +"Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und +ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine +dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr +schließlich nicht einmal verübeln kann." + +"Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend +gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte--" + +"Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht +selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht +gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!" + +"Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten! +Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den +Händen tragen möcht'!" + +"Wie sagst, Märte?" + +"Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!" + +Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß. + +In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht +mehr für sich leise vor sich hin: "Ja, ein wundersam Mädel ist die +Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf +einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen +nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen +möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke! +Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines +gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab' +keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts +fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin." + +Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: "Wohin laufst +denn? Willst schon zur Ruh'?" + +"Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!" + +Und weg ist das schmächtige Mädel. + +Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: "Die hat auch ihre +Mucken wie die andere!" + +Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört, +zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube +gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf +will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum. + +Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: "Bärbel!" Martin +zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die +Knechtstube aufsucht. + + * * * * * + +Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und +goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen, +frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres +Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen +Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge +mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich +gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit +hängenden Zöpfen. + +Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu +heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu +genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein +Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit +drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch +immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf +die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: "He, Klärle, wo steckst so +lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!" + +Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: "Geh nur voraus, Vater, ich +komme gleich nach!" + +Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was +Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den +Weibsleuten. + +Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor +vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres +Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen +Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer +und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn +der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die +Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr +vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle +ist gezwungen, inmitten des "geringen Volkes" von verspäteten Knechten +und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle +nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei +Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder +verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen +hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt +nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just +die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes +verlassen würde. + +Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel +und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet. +Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte +Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich +verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung +schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die +am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In +Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige +versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun +Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus +gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt +feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben +und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen +die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes +überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine +erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur +Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine +Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche +für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die +Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo +die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist +bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und +welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen +Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln +sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des +Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in +vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber +hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um +diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in +deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen. + +Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo +Klärle mit hochrotem Kopf steht? + +Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle----?! + +Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das +zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen +sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den +Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der +Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich +auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die +Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung +und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die +nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und +Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein +Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet +der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter +beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend. +Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der +Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter +kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt +ist, dem Mädchen Beistand zu leisten. + +Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief +Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im +Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr +gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles +unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben: +"He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer +gestichelt!" Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert +Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt +Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den +Worten: "Komm, Klärle, dir isch übel!" hinweg. + +Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt +davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken +und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen. +Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers +zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der +Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg +empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle +gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet' +Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt +sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter +künftig sorgsam auszuweichen. + +Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu +sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich, +weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß +und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem +Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar +nicht zu denken. + + * * * * * + +Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der +Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms +II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des +Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der +Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in +Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf +genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis +der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer +recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der +spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese +Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein +Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just +das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher +die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale +heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder +äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen +habe. + +Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte +Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine +Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im +geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige +Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn +verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte +der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und +deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht +daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht +fassen, daß der "Stich" auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da +versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung +des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt +erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink, +wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen +lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er +den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich +zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem +Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den +fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch +das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter +pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der +Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er +den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem +Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben +entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen +freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom +Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher +Gottesdienst seinen Anfang nimmt. + +Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig +erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor +dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten. +Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet, +schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die +Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: "He, +Märte, was soll's?" + +Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an. + +"Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in +Werktagskleidern?" + +"Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!" + +"Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu +Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!" + +Martin starrt Klärle fassungslos an. + +"Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du +mich zum Schellenmarkt, verstanden!" + +Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den +Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das +will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt +er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit +offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag +bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in +den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem +Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel +unterdessen das Haus hüten. + +Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu +überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es +vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche +lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem +Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut +thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch +immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl! + +Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung +erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute +hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie +schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn +er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken, +dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt--so ein Wicht!--hat +mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht, +ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf +den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom +Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen. + +"Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!" + +"Eben deswegen thue ich's!" + +"Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein +Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz, +das beste Geläut zu besitzen!" + +"Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich +ihm die noch fehlende Schelle einhandle!" + +"Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen +handelnd!" + +"Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!" + +Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo +Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. "He! +Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem +Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll +'s Geläut dann beieinander sein." + +Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf +zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die +Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten +ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet +und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die +Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die +Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser, +und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde. +Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber +bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei +Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten +Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen +gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen +bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen, +denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen. + +Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe. +Klärle erwidert gleichgiltig: "Mit mir nicht! Doch will ich's niemand +verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!" + +Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit +Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu +vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend +schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer +sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt +beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er +blau im Gesicht wird. + +Ärgerlich fragt Klärle: "Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an +Butterspätzlen!" + +Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der +Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter. + + * * * * * + +So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal, +Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und +Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen +Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen, +Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der +Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum +"Adler", etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus +zum "Schwanen" steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze +und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen, +Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge +typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande "Herrgottschühle" genannt, +trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter +begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende +Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den +"Einfall" zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann +neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher, +Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von +den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen +sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf +der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die +Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr +durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das +Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er +den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen +probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein +größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt +über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden, +kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein +Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein +Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch +vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein +Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen +und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln +und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf +Tausch oder Verkauf nicht eingehen will. + +In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut, +taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter, +nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem +"Schwanen" eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen +suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld +überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der +Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge +schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und +dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß +eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen +wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die +Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich +weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut +es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein, +und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor +einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom +Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: "Nun, schöne Klärle, wie +ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel +eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?" + +Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf, +und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: "Laß mich' in +Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!" + +Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die +nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von +einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich. +Gutmütig meint Kaspar: "Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös +gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele +von dir war' mir lieber!" + +Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: "Für +so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von +mir!" + +"Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh +manierlicher um mit den Leuten!" + +"Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser +einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!" + +"So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge +brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl: + + Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle, + Schneidet ab den Leuten die Ehr': + So bleib denn fürder: _Giftklärle_, + Dich nimmt der Teufel nimmermehr!" + +Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute: +"_Giftklärle_!" und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in +dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen +für ihr "giftiges" (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu +Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt +dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt +allenthalben übers "giftige Giftklärle". + +Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge, +die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem +Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu. +Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige +Dirn bald im "Schwanen", bald im "Adler". Immer lebhafter wird es auf +dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die +Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im +richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber +nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu +bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die +Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der +Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch +sagt: "Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den +Hof und der--_Giftklärle_ geb' ich sie nicht!" + +Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts +wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung +für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den +Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus +und ruft: "Nimm das Wort zurück, Lump, oder--!" + +"Was oder--nichts oder!" Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die +Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird +beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte, +saftige "Holzerei" ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden +des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher +Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer +Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen +selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die +Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf +württembergischer Seite. "Hie Beutelsbach!", kampflustig brüllen die +Badener: "Hie Zähringen!" und nun prallen die Burschen aufeinander, das +Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem +Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen +die "Schlacht". Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen +Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im +Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen +Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und +Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der +Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile +beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt +er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite, +packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust +vom Kampfplatz weg. + +Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile, +bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und +führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den +kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen +jammernden Hirten tröstend und beruhigend. + +Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten +Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger +auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen! +Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und +fallen im "Schwanen" ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der +Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt +friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den +verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen +Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder. + + * * * * * + +Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf +einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine +ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht +grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und +sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten +Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß +sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in +Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen +Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer +Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke +eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem +schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls +bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher +durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde +nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und +bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte +für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust +seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich +die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern +heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach- +und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben +fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo +es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für +Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche +Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen +weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank +oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten +einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte +Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den +kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame +Hütte. + +Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den +Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen, +majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes +Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst +der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein +lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt +zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von +der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und +bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm, +in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt. +Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der +alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen +boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme +Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören +bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft +erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung, +verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und +schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat +die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so +daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein +nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch, +wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager +aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des +Moserkopfes. + +Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins +Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das +geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch +ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie +verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und +unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die +schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr +hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine +Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder +mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie +sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der +hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort +zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es +krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn, +Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O, +wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es +denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu +behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort? +Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten +können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn----. "Selbst +bin ich Schuld!" flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie, +daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden +werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal +Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht? +Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof? +Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam +und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und +dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und +dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt, +verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der +Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des +ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem +Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am +heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen, +geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe! + +Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die +Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden. + +"Ich kann nicht schlafen!" versichert seufzend Klärle und tritt zur +Liese. + +"Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?" fragt +teilnahmsvoll die Alte. "Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht +fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?" + +Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen. + +"Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt. +Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat +Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!" + +"Mir kann niemand mehr helfen!" + +"Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!" + +"Ich--nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch--unmöglich fürder im +Thale und unter den Leuten!" + +"Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!" + +Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft +das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre +Knochenhand auf den Scheitel Klärles. + +"Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so +schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!" + +Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an. +Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: "Du wirst +damit doch nicht sagen wollen, daß--" + +Die Alte nickt und ergänzt den Satz: "Daß du erst als Weib eines Mannes +den üblen Beinamen loswerden wirst!" + +Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar +den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf +angethan. "Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!" + +"Ja, den Kaspar!" + +Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: "Den, +nein, niemals, lieber sterben!" + +"Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die +Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich +noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter! +Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin." + +Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren +Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: "Du hast am Bühl den +ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der +Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz +und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen +durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin +"geläutert" worden!" + +"Du?" + +"Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible, +das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo, +das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter +gegeben hat!" + +"Oh, das schlimme, häßliche Wort!" + +"Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal +der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre +denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig +Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten +guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen +Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust, +so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir, +einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu +quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte, +treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein +war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie +vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende +Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer +zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich +mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor +Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken, +stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich +lachend hinwegführen". + +"Wie sagst, Liese?" + +Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: "Ja, ja, das Unglaubliche +ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in +meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen, +höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der +Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen.... +Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist +fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich, +die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich +den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend, +dessen Spur in die Fremde". + +"Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?" + +"Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu +pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen +aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann +versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen, +nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose +Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich +fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe +gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine +furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend +kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes, +schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen +hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die +"Kräuterliese" geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke +jeglichen Tag!" + +"Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!" + +"Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose +Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich +büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht +anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die +Seele!" + +Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die +dürren Finger an die feuchten Augen. + +Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: "Was +mußt du gelitten haben, Liese!" + +Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich, +tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des +Mädchens Kopf, wünscht eine "geruhsame Nacht" und begiebt sich zur Ruhe. +Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr +dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt +die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den +Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit +einem lieblichen Lächeln auf den Lippen. + + * * * * * + +Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert +im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein +und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die +Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher +beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die +Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut +ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab, +verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen, +taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der +Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für +eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen. + +Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte +gewahrt, ruft Kaspar: "He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!" und +schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt +Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick +des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt +und grüßt verlegen: "Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei +der Kräuterliese im finsteren Wald!" + +Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen; +unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt +das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf, +es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie +stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will +er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er +sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein +Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt +verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert +Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher +hinzu: "Was führt dich so früh herein in den Tann?" + +Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: "Einen Heiltrank will +ich holen von der Kräuterliese!" + +"So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?" + +Kaspar lacht hell auf und versichert: "Nein, Gottlob, mir fehlt nichts +als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die +Liese helfen mit einem Tränklein!" + +Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz. +Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder +da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen +Enttäuschung. "So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den +Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber +gern und drückst dich von der Bauernarbeit!" + +"Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter +nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune! +He, Liese!" Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet +stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des +Zornes zurückdrängt. + +Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom +Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte +geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch +eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen +im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese +augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der +alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute +Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff +holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht +selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er +wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: "Weiß schon, was du willst! +Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren +seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid +lästige Leute!" + +Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den +Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber +meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: "Ihr Weiber paßt aber +schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die +Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!" Unter +spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz +vergessend. + +Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf +Klärle zu. "Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person +giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher +Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und +du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!" + +"Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!" + +"Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem +Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du +wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der +Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz +recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr "Giftklärle" nennen! +Verdienst es nicht anders." + +Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm. + +"Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar +schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als +du glaubst! Und es juckt mich, dir den "Gift" aus dem Körper zu +schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der +"Gift" ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders +kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem +Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden! +Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf +deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht +mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto +besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur +Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!" + +"Liese!" schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor. + +"Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!" + +Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus. +Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug +erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die +Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht +das Mädchen von dannen. + +Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser +Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge +Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür +gewiesen. "Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!" flüstert +Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz +im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich +Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu +inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer +Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender +Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht +und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut. +Inbrünstig betet das Mädchen: "Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb +mir den Frieden ins Herz und Erlösung!" + +Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: "Der Friede +soll dir werden, Kind!" + +Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr +in die Wangen. + +"Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!" + +"Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der--" + +"Was soll's--?" + +"Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor +der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!" + +"Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!" + +"Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir +gewendet--" + +"Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß +ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!" + +"Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!" + +"Doch!" + +"Wie?" + +"Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du +Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine +Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden +Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit +und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann +dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten, +und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!" +Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle +zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und +haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie +Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen, +indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt. + + * * * * * + +Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts. +Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden, +nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr +allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die +Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender +Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem +Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht +das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach "Klärle". Wie das +wohlthut! + +Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein +Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater +hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der +Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein +Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken +Hand über die Augen. + +Erglühend lispelt Klärle. "Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich +verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will +dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein." + +Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein +verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten +huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken +Lippen beben. + +"Wach' ich, oder träum' ich!" flüstert der Alte. + +"Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!" bittet Klärle und +küßt abermals die Hand des Vaters. + +"O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und +lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!" Mit beiden +Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen +herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war, +was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr. + +Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: "Nicht fragen, Vater! Noch bin +ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!" + +"Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder +gut werden!" + +Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der +Spülarbeit beschäftigt ist. "Grüß Gott, Bärbel!" ruft vergnügt, schier +zärtlich Klärle. + +Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche +Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei +es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen. + +Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels +Einsturz. + +Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle +der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger +ungescheut und spricht: "Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da, +und nun wollen wir treue Freundschaft halten!" + +Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz +verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen. +Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer +Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses. + +Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt +ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich +hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel +retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend. + +Klärle ruft: "Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?" + +"Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!" tönt es zurück. + +Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum. +Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt +geworden. + +Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken. +"Geht an die Arbeit, Leute!" befiehlt die Tochter. + +Das wirkt augenblicklich. "Sie ist doch noch die Alte!" flüstern die +Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest +überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte. + + * * * * * + +Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und +den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und +Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten +verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung +gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder +unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es +besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der +Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es +nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis, +daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch +das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen. + +"Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht +nötig!" + +"Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur +Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich +verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!" + +"Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist--" + +"Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder--" +schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen +Händen. + +Erschrocken stottert der Alte: "Aber, Maidle, was hast denn nur?" + +Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in +ihrer Kammer ein. + +Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den +Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr +verstehen wird. + + * * * * * + +Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein +leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen +ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe +ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen, +nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres +scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle +sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten +Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das +entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die +ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem +Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben, +ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile +im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle +allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am +nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle. + +Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: "Wer +will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?" + +"Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber, +wenn du nicht anwesend wärest!" + +"Was hat der Pfarrer vor mit mir?" + +"Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja +hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen. +Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt, +daß du dich zum Frieden durchringen wirst." + +Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur +Näharbeit herab. + +Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa +siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der +rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend. +Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. "Bist du die +Klärle?" + +"Ja, Kleiner, was willst oder bringst?" + +"Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es +aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!" + +"So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas +aus der Küche zum Botenlohn geben!" + +"Nein, nein, ich brauch' nichts!" zetert angstvoll der Kleine und +springt davon, als sei der Teufel hinterdrein. + +Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den +Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei +entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und +zischt: "Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen +lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!" + +"Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!" meint +trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei. + +"Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein "Gegengift gegen +die Giftklärle" schickt, eine "Medizin zur Läuterung der Seele". So +steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich +werde--nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon! +Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!" + +"Klärle!" + +"Was willst Vater?" + +"Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?" + +"An was?" + +"Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!" + +Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube. + + * * * * * + +Die folgenden Tage wird der "Gegengift"-Sendung mit keinem Worte +erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen +soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen, +fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: "Nun, Klärle, wie ist's? +Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die +Neugier um?" + +"Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!" +erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der +Hand. + +Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher +andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den +Worten: "Liebet einander im christlichen Sinne." Seltsamerweise bleibt +der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm +aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: "Geliebte in Christo dem +Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte +zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben, +nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen +Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person! +Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als +hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht +so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das +Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für +menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie +der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet +einander!" + +Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt +sodann die heilige Handlung am Altare fort. + +Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der +Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die +Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend +aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter +humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm +aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon +noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die +"Stichelei" ein Ende machen wird. + +"Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!" sagt der Pfarrer +und begiebt sich in sein Haus. + +Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als +wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei +gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun +gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet, +hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle +eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger +Maimorgen am Rain, den Vater erwartend. + +"Grüß Gott, Klärle!" + +"Grüß Gott, Vater!" + +"Maidle, der Herr Pfarrer--" + +"... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!" + +"Du weißt schon?" + +"Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O, +wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte +eine große Bitte an dich!" + +"Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen +erweisen kann!" + +"Ja, Vater, du bist so lieb und gut!" + +"Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll +ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?" + +"Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom +Jörgenmichel dazu, daß er--" + +Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm +Ohr. + +"Willst du nicht, Vater?" + +"Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm +gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was +Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt +mich stehen!" + +Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater +humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört +nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt +sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen +Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie +verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt, +rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch, +jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß +Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber, +wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß +sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt +der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu +hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im +Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum +Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum +Jörgenmichelhof führt. + +Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen, +es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier. + +Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte +Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten, +darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste +Thür im Flötz. + +Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der +Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich +klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus +der Kehle: "Oha!" + +Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein +Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: "Je, der Gifter in eigener +Person!" + +Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: "Bist ja doch zu Hause, +Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen +Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!" + +"Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch +aufwarten?" + +"Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!" + +"So?" lacht Kaspar. "Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht +schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!" + +Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu +erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte. + +"Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!" + +"So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?" + +Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des +Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er, +daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die +Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt, +jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu +bekommen. + +Gifter horcht auf. "Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?" + +"Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!" + +"Hm!" + +"Was meinst, Gifter?" + +"Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als +'Gegengift'!" + +"Ah! Und hat sie's genommen?" + +"Fuchsteufelswild ist 's worden!" + +"So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu +nehmen!" + +"Ah, hast es gar schon verkostet!" + +"Ich, nein! Was dir nicht einfällt!" + +"So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?" + +Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt +zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle. + +Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. "Du, Kaspar! Weilst +vom 'Gegengift' schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas +friedsameren Blutes geworden sein--" + +"Ich, wieso?" + +"Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der +Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!" + +"Schickt dich Klärle?" + +"Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!" + +"Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem +Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein +Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so +lang sie so 'giftig' bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon +selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir +nicht im Schwarzwald!" + +"Kruzitürken!" + +"Wie meinst, Gifter!" + +"Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!" + +"Warum bist denn zu mir 'kommen?" + +"Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus, +vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!" + +"B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger +Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im 'Lamm'! adjes!" + +Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein +Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie +die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und +dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um +'s andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's! + + * * * * * + +Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des +Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen +Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in +Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain, +schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht +der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen +noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit +des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der +Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten +Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder +großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die +Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt +Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles +Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für +die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem +überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt +stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die +Straße entlang. + +Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen +Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in +welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler +sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst +der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen +Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich +im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen +und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die +Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände +&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht +gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern; +Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und +Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß +sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die +Wirtsstuben auf der "Post" und im "Lamm", wo dem Oberndorfer Gerstensaft +und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher +stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen +unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen, +giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und +Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale +getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der +Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der +Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe. +Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den +linken und meint gelassen. "Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit +'m Herrgott z' frieda sei!" Was um den Gifter herumsteht, lacht aus +vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine +Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen +sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars +mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter +nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen +Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig +wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle +"Gegengift" wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit +nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der +Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was +absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht +doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber +die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große +Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr. + +Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward +ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf +und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein +hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein +Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos +vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum +auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie +angewurzelt stehen.--Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie +tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er +wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich +geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht, +daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der +erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte +Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den +Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat, +fühlt er sich nicht sicher. + +Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn +glühend, reicht ihm die Hand und sagt: "Grüß Gott, Kaspar!" + +Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme +bebt bei den Worten: "Du--du--wie ist mir denn--du, Klärle, bietest mir +einen Gruß?!" + +Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: "Ja, Kaspar! +Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!" + +Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: "Red, Klärle! Was ich thun kann, +thue ich für dich!" + +"Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen--du weißt schon welchen--von mir +weg!" Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am +liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte. + +"Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!" + +"Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!" + +"Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja +gar nimmer bös'?" + +Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die +Häubchenbänder flattern. + +"Dann bist mir am End vor lauter "Gift" gar gut 'worden?" + +Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor: +"Nimmer dieses Wort?" + +"Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch +ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!" + +"Kaspar!" + +"Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?" + +"Ja, Kaspar!" ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich +überglücklich umschlungen. + +Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher +spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen +Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor +Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in +den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer +Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt' +er wie die Gebirgler schuhplatteln. + +Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf +und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der +Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die +Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob +das Gegengift gründlich gewirkt habe. + +"Und ob!" rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor +Rührung weinende Kräuterliese. + +Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres +Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im +Jörgenmicheleshof aufziehen könne. + +Ein energisches "Halt!" macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter +stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um +Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage. + +Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt +sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und +droht: "Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines +Glückes 'nein' sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die +Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!" + +Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: "He, +Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!" + +Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich +endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre +Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun +stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt +ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre +Kosten zu kaufen. + +Im "Lamm" ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im +guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle. + + +Fußnoten: + +[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern +begiftigen ("bei diser gnad, _gifte_ und freyheit"). Aus der alten +Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen. + +[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß +ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der +Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen +Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt +ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den "Schwanen" zu verlassen und in den +württembergischen "Adler" zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner +Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von +badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere +Ausschreitungen. + + + + +Der Pelagier + + + + +Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst "Zankwald", der +sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und +Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk +über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen +ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die +Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend, +fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des +brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst +einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der +Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den +paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist +Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung +des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit +sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann +hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und +Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die +Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein +nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der +württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III., +der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert +Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen +stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht +verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein +Zufriedenheit gedeiht. + +Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe, +wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt +der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit +einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte +graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte +Erde kommen soll. + +Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der +sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber +und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann. +Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg +etwas erweitern zur sogenannten "alten Steige". Wie der trübe Himmel +heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten. + +Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach +Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines +galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem +schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der +Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: "Faß' +ihn! faß, faß!" Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der +Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der +Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier +aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter +seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben +demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die +Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige +Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt, +den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst +stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es +sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken +gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die +Last seines Karrens. + +"Was soll das heißen?" fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt +sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht. + +Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend, +so daß deren Antlitz sichtbar wird: + +"Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche +zum Beinhaus!" + +"Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär' +dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze +Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine +Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?" + +"Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!" wimmert der +Hörige. + +"Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist +verfallen durch den Tod des Eheweibes!" + +"Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!" + +"Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste +Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den +Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters! +Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!" + +Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon. + +Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine +Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem +Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn. +Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins +und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu +den beneidenswerten freien Leuten! + +Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes +Waldesgruß an die Tote?------ + + * * * * * + +Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der +wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen +Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als +sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen +Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang, +den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in +wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine +Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom +Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die +weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der +stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die +Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer +daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte +auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler +Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen +sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in +patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die +Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg. + +Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem +Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer +er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige +Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der +Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum +vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt +indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen +an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein +Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt. +Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in +den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der +späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im +Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten +Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt, +Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr +durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und +klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom +Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus; +mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen. +Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind +hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd +durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür +wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann +bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält +Totenwache durch die schaurige Nacht. + + * * * * * + +Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem +Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in +rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben. +Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den +Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd. + +Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den +schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der +Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend +ruft Abt Alphons hinein: "Aufgemacht! Knecht heraus!" + +Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und +fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das +schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein +Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes +der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen. +Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den +gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner +doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen, +preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind. + +In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt +Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu +zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten +Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger +Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend. + +"Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P. +Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er +sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!" + +Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob: +"Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?" + +"Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht +unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir +heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die +Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?" + +Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: "Was +lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres +Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der +Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch +taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch +werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt." + +"Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?" + +"Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa +körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des +überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe +und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig +eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit +ihren wilden Landsknechten." + +"Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet +dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?" + +"Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den +Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und +Wallenstein!" + +"Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!" + +"Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein +Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie +Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!" + +"Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!" + +"Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem +Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt +war." + +"Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser +Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch +Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297 +Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt +und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn +meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und +darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die +Waffengewalt sprach für uns!" + +"Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im +württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und +eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg. +Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder +Nationen! Es ist ein Greuel!" + +"Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!" + +"Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald +Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!" + +"Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer +Kirche erkauft werden soll?!" + +"Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach +wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation." + +"Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben +hinzugeben bereit bin.--Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die +Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur +Alpirsbacher Herrschaft gehören?" + +"Gotthard vermeldet dies!" + +"Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!" + +"So meldet Gotthard!" + +"Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich +dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere +Kirche!" + +"Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit +Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird +ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet +Milde und Güte, Herr!" + +"Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf +Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde +ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!" + +"Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter +werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!" + +"Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!" + +"Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard +heimkehrt in sein Land!" + +"Er scheint das ja schier zu hoffen?!" + +"Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann +freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!" + +"Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und +möchte dennoch württembergisch werden?" + +Der greise Konventuale seufzt und schweigt. + +"Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als +der Herzog!--Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend +handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und +strafen!" + +P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann +gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der +Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar +mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die +Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten +eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch +den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das +Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und +Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant +eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen +geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage +gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden, +ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach, +daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das +Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er +den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot +der Hörigen zu vollziehen bemüht ist. + + * * * * * + +Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster +schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt, +grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die +Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen +Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium +versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in +Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten +aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht, +und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt +zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr +beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und +wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P. +Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und +schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise +mitteilt: "Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!" + +Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: "Wie, was?" + +"Ein Sendbote ist da!" + +"Von wem gesandt?" + +"St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!" + +Erregt springt Alphons auf und befiehlt: "Bringt den Boten in meine +Zelle!" Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater +Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes +von Ehlenbogen. + +Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein, +indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen. + +Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches +stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St. +Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so +rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu +verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster +opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt +Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die +Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man +ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen +ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen +und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem +Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag +nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht +rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen +Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts +Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt: +"Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben +beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die +Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron +d'Oisonville in Breisach! Georg." + +Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz +aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein +Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: "Frankreich! +Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß! +Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!" Ein Seufzer aus +gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten +bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen +leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein +zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht +so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der +Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das +deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im +schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende +österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit +Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben, +und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der +exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er +wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die +Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen +ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben +und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf +sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf +er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen +Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben +hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt +Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist +es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein +Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des +Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein. +Sein Scepter bedeutet das Ende.... + +Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte? +Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird +Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs +Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung +gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt? +Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur +Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung! + +Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament +und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in +unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet +bald darauf der Bote ab. + +Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in +der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes +vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig +fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: "Was erfrechst du dich, +du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst +du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken! +So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!" +Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben +und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter +kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter +Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde +alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein +Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche +Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem +Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten +verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es, +solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn +alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die +Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der +alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner +zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort, +ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig +verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man +ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen! +Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit, +auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle. + +Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen, +dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet +für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier +und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für +die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich +auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster +glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende +Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz +krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes +birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den +Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen +durch sanftes Rauschen. + +Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut, +Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen. + +"Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!" ruft verbittert der +Pelagier. + +"Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn +es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!" + +Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die +Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit +der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb +starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große +Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann. + + * * * * * + +Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die +Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz +drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so +hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein +jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist +und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der +Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein +Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde----! Ob +es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?! + +Frei sein; wie das herrlich sein müßte! + +Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine +starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem +berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier +auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn +zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht +Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte +Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd +heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine +Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein +Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der +plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der +Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen +die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von +diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist +in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die +Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott, +Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren +als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell +jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in +rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten? +Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die +Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig +sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden +Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern. +Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer +finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die +Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch +schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt +es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen +mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden +könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen +durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt, +seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach. + +Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken, +wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen +stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus +laufenden Pelagier, was denn los sei. "Die Franzosen kommen, bewaffnet +euch!" schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren. +Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die +Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung +macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere. + +Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: "Die kommen +rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier +bleiben können!" + +"Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte--der Feind--wir werden verloren +sein, darum rief ich alles zu den Waffen!" stammelt der Pelagier. + +"Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut +empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten +Quartier geben!" + +"Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?" + +"Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!" + +Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des +Hörigen. + +"Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!" + +"Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg----! Ihr, ein +deutscher Abt?" + +Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend: +"Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den +Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und +einzuquartieren! Fort mit dir!" + +Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein +armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das +Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn +vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze +herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem +Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem +Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen +Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische +Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend +und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe. + +Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: "Nun, und was befiehlt der +Abt?" + +"Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen--" + +"Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?" + +"Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen, +und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen +und beherbergen." + +"Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst--ich kann's nicht +glauben! Ich muß den Abt selber fragen!" Und bestürzt eilt der alte +Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten. + +Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz +nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein +Gebet für die Tote zu verrichten. + +Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um +dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur +Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche +ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und +das fremde Kriegsvolk gerufen! + +Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein, +begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine +Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt +sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem +harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das +ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich +immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und +Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den +Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an. + +"Sacre bleu, avant!" + +Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in +eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein. + +Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur +erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine +Soldaten und schwätzt weiter. + +Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren. +Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst +wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache +aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein. + +Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur +Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran, +schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt +ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt. + +Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums: +die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich +durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf +Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im +Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert +frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie +die Mauern. + +Ein neuer Befehl--und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche +und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich +zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite +gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien +herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt +die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch +nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht. + +Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder, +aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich +den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer "fassen" +und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem +Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden +zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die +Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein. +Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein +und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen. + +Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei +Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des +Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut +deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die +Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle +Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem +"Schutz" stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt +selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard +dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten +untergebracht werden solle. + +Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller +Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: "Kloster für alles +sorgen muß!" + +Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle, +daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort +Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der +Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den +Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort +erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung +persönlich zu überwachen. + +Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen +wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene +Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und +Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch +sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in +welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das +Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann +nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von +dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten +Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum +Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher +kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder +Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte. + +Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: "Großer +Gott! was habe ich gethan!"----Tief erschüttert sucht er seine Gemächer +auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber. + + * * * * * + +Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei +Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren +Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch +das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um +selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt +er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen +Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete +Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten +und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich +im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer +gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren. + +Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück +und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so +wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den +wüsten Scenen. + +Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der +Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters +und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige +Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen, +zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht +hat. + +Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er +völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten +Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und +nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich +auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen, +heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt +hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem +ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim +Würfelspiel. + +Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel! +Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren +immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie +einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons +die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat +nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so +stillfriedlichen Kloster?!-- + +Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest +pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den +Kapitän zu. + +Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt, +halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des +Klostervorstandes. + +Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge +draußen hin und fordert Zucht und Ordnung. + +Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: "à la guerre comme +à la guerre, Monsieur l' Abbé!" und wendet sich vollends zu den +Spielern. + +Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. "Nein, +Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht! +Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin +Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!" + +Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter +höhnischem Lächeln: "Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de +Alpirsbak sein ik! Bon soir!" + +Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert +stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und +würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres +noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen, +überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der +Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur +Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze +Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen +die Herrschaft über Alpirsbach! + +Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die +verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und +Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren +in ihre Gemächer zu führen. + + * * * * * + +Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet +verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu +verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind +da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht. +Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in +Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die +finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus +deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste +ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und +all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt +selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von +Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die +Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische +Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch +nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch +jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er... + +Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen +Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und +brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei +Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und +machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt +der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen +die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten! + +Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend +und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in +seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der +Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen. + +"Der schändet deutsche Tugend nimmer!" flüstert Euseb, ruft dann leise +das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des +Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher +Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und +Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer +Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die +Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der +Herbstnacht in den Tann. + +Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und +Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze +Rufe bei Ablösung derselben. + +In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den +unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für +das Kloster anflehend.... + + * * * * * + +In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen +frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über +den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu +erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt +Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu +requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein +bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um +Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der +Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof +wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen +den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des +erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus +Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen +los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes +Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch +den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere +notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den +Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die +Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend +und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef +Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des +ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem +unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann +abgeschickt, den Abt herabzuholen. + +Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges +folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß +deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche +und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede +Waffe verantwortlich sei. + +Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des +Kommandeurs nicht verstanden. + +"Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins +par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann +cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!" + +Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: "Ich bin doch unschuldig an der +Unthat!" + +Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus +tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die +verhängte Kontribution sofort einzukassieren. + + * * * * * + +Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die +Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller, +immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die +gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der +Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den +Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer +neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war. + +So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit +Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue +Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise +Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel +verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach +Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt +Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die +Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons +giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders +wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere +zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den +unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung +dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum +Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der +Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung +seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des +Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach +Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber +kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt +es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden +muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so +schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu +rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu +werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist +sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem +Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen "Schutz" zu dulden, ist +unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen +trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus +übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene +Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater +Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen +Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von +der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg +dazu sicher finden werde. + +Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in +anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie +durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen +an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den +Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh +wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb +es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre +Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins +Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den +Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie +zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen +Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken +ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld +vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, +und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne +gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den +Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am +lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer +Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes +Martermittel war das "Feuerkriechen", das überall dort angewendet wurde, +wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft +werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, +vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der +Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch +dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den +Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr +sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die +Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen +Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts +mehr wegschleppen konnten. + +Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung +unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser +gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut +zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der +von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald +schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener +Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen +niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des +Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des +Aufstandes. + + * * * * * + +Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau +verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der +Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren +Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das +Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, +dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur +wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die +Gemeinde "Hinteres Lehengericht" bilden im Gegensatz zum "Vorderen +Lehengericht" im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde +geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige +Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die +Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, +doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer +mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß +er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen +sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße +veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von +Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger +Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins +Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. +Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner +Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? +Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken +die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt +springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an +und zielt----. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und +schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul +des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen +Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm +schützend Geleit zu geben. + +Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam +sein Roß wieder beruhigte, einzuholen. + +Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder +schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt +zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und +Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das +Geleite verjagt! + +"Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!" + +Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: "Verzeiht +Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu +schützen!" + +"Warum hast du so nahe der Straße geschossen?" + +"Es galt Euer Leben zu retten!" + +"Wie, was?" + +"Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!" + +"Wo sind die Musketiere?" + +Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit +dem Arm nach rückwärts. + +"Was, zurückgelaufen sind die Kerle?" + +"Bis auf einen, ja!" + +"Bis auf einen--was soll das heißen?" + +"Der eine küßt den Erdboden!" + +"Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?" + +"Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den +Meuchler!" + +"Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!" + +"Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul +schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg." + +"Bist du toll?!" + +"Nein! Gottlob ist's gelungen!" + +"Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen? +Meine Schutzbegleitung----?!" + +"Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!" + +Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm +steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er +das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. "Du meinst, die +Franzosen wollten mir ans Leben?" + +Euseb nickt. + +"Aber weshalb?" + +"Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?" + +"Großer Gott--du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich +berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden! +Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!" + +Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul +herab die Hand: "Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube +nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!" + +Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: "Jagt +das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!" + +Alphons seufzt. + +Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: "Jagt die +Schandmenschen fort, ehe es zu spät!" + +"Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!" + +"Das war vorauszusehen!" sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem +langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich +das Haupt tiefer sinken läßt. + +Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg +südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: "Fort müssen +sie, baldigst und für immer!" + +"Wie sie aber fortbringen?" wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich +keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem +Hörigen auszusprechen. + +"Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!" + +"Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es +hundert Mann, waffengeübte Musketiere!" + +"Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!" + +"Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster +bringen wird!" + +"Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger +fortzubringen--" + +"Wieso ich?" + +"Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer--" + +"Wie, du weißt--" + +"Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet, +denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben." + +"Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und +dem General den Schutz kündigen!" + +"Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!" + +Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die +vierjährige Schutzfrist. + +"Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine +bestimmte Zeitdauer?" + +Alphons nickt betrübt. + +"Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die +Bluthunde los!" + +"Das kostet schweres Geld----" + +"Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde +gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!" Euseb +trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken. + + * * * * * + +Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist, +als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die +Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und +Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren +mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer +einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen +gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten +Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche +sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder +zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt, +gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den +Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare +Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die +Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder +weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm. +Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten +unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird +zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft, +ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen +Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur +ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige +Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier +und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen +suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder +gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt +und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die +Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen +Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und +Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend. + +In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den +Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die +Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die +Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen +den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so +daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten +auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und +Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann, +gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd +haben. + +Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere +verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur +Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht +nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu +beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen +sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der +alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend. + + * * * * * + +Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen +erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort +den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile, +und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen +im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul +herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat +das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt, +auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der +bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was +dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast +überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod +seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen +Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: "Höre, Euseb! Du hast dich wacker +gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes +dazu!" + +Der Hörige schüttelt den Kopf. + +"Wie, du verschmähst die Gabe?" + +"Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh +jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht +betreuen." + +"Wie soll ich das verstehen?" + +"Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!" + +"Du sprichst in Rätseln, Euseb!" + +"Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den +Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!" + +"Wenn es mir jedoch nicht gelingt?" + +Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und +dumpf spricht er: "Dann jagen wir sie fort!" + +Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln +seine Lippen: "Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter +Eberhard!" + +Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den +Gaul, zugleich besorgt um sich blickend. + +"Was ist's, droht uns Gefahr?" + +Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig, +seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: "Herr! Haltet zu +Württemberg!" + +Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im +Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf +schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich +aufspritzt. + +Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster +steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die +Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach. +Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer +ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen, +die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei +beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig +um Hilfe. + +Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die +Weichen und rast dem Kloster zu. + +Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den +brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren +den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die +lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den +Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein, +Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und +Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer. + +Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der +Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die +Kutte auf, ein Wurf--das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde +Lohe--ein markdurchdringender Schrei--gierig schlagen die Flammen +drüber. + +Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden, +zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen +Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt +Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum. + +Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen, +brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem +Württemberger Herzog schützen sollen. + +Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran. +Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl +des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung. +Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der +brennenden Häuser. + +Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde +erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden +habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des +Kapitäns holen--er liegt in der Nähe einer Hegerhütte--und beerdigen +lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier +fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster +schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr. + +Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt. + +Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen +mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein +beleuchtend. + +Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der +ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in +den Häusern der geflohenen Unterthanen. + +Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst, +und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der +schrecklichen Schweden harrend. + +Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen +Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren +im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger +und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die +Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren +Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die +Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft +sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und +stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht +bewaffnet, der Musketiere. + +Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und +dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße +sich dicht zusammenschließen müssen. + +Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde, +an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und +Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe, +Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen, +Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die +Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus +aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur +Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts +zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine +Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln +Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen +Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere +vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die +Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl +ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten +ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter +Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach +jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein +Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die +Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet +gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen +der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten +Feinde aufs Korn genommen werden können. + +Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die +Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel +ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen +gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen. + +Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem +Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man +liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den +Gnadenhieb auf den Kopf. + +Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen +Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual +und Not ist gethan.------ + + * * * * * + +Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde +verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und +Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder +zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und +heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische +Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des +Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der +Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der +Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe +Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt +habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog +überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle. +Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die +Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden. + +Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg +fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das +Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von +Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus +einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche +vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften +in derartigem Umfange erworben hatte. + +Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen, +die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die +Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu +beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu +ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig +Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den +welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine +Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt. +Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der +liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe +und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden, +versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her +überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert +werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an +Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom +Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte +Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist. + +Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem +Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom +Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen +dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift +an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll +das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die +Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet. +"Verloren, rettungslos verloren!" stammelt der Abt und sinkt in sich +zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder +Erregung: "Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist +hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem +Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und +nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!" + +Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem +westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard +Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von +Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne +netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift +hinzufügte: "Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung +zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies +dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne." + +Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die +trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche +Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und +wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der +Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein. + +Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen +die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung +keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang +die Freiheit blühen könnte. + +So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des +Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen. + + * * * * * + +Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer +Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind +über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs +Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz +nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen. + +Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen +Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den +Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster +kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor +das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der +Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß. + +Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht, +der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr +selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert. +Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen. + +Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt +verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene +Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und +führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem +Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur +Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den +Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer +und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner +Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor +der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein +Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf +diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und +tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat +zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr +des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote +Württembergs: "Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten +Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe +jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs +Herrscher aufzufordern." + +Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem, +es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: "Dem +protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der +Gewalt!" + +Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. "Hier +ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner +Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs, +sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird." + +Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es +ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend +spricht er. "Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich +protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!" + +"Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern, +den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das +unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß +Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und +Alpirsbach muß württembergisch werden!" + +"Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!" + +"Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl +inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!" + +Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem +Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf +kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der +herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft +vom Kloster gefordert zu haben, verläßt. + +Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der +folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische +versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher +Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden +sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von +Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher +vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den +Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen +auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt +bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder +gefahren. + +Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: "Und wenn die Herzoglichen +kommen, wohin richtet sich unser Schritt?" + +"Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!" kündet der Abt, +verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer. + +Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster, +Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen +überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf +Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird. + +Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen +gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume +der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende +Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk +zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich +geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung. + +Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist +eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann, +zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die +Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit +dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste +genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel +verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport +der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen +die Wagen nach Rottweil. + +Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in +württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei +nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das +Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm. +Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von +Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann +dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg. + +Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen +Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben +freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend, +stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster. + +Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem +gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt +vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd +durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen. + +Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal +gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die +Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt. + +Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: "Verloren, verloren!" + +Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche +und Unterthanen zu schonen. + +Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er: +"Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei +bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von +Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster +ist!" + +"Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden +fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und +Besitz Eigentum Württembergs!" + +Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt +hinaus. + +Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre +Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den +zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie +selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der +Waldheimat. + +Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem +neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter +Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb +herangestürmt. + +In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender +Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine +Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz +genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit +Württemberg Euseb, der Pelagier. + + +Fußnoten: + +[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren +an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und +Frauenpersonen, die "werden nicht gehalten wie andere eigene Leute". Sie +bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben +haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden +sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius "in dem langen Münster" +zu Alpirsbach. + +[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt +von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. "das Recht, von jeder +Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster +mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene +Stück Vieh zu beziehen." Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch +einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl. +Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot, +jedes im Wert von einem Kreuzer. + +[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch +kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den +Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III. +gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische +Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses +Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit +Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche +die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen +Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute +vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst +verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin +wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis +gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen +Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und +weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen +unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese +diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der +dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und +Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden. + +[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den +Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von +jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen +Tübinger, und "was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den +10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.") + +[22] § 24 Artikel IV. + +[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen, +Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren, +Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St. +Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a. + +[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur +Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GRÜNEN TANN *** + +***** This file should be named 14105-8.txt or 14105-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/4/1/0/14105/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/14105-8.zip b/old/14105-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..941eb38 --- /dev/null +++ b/old/14105-8.zip |
