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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:43:42 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14105 ***
+
+Im grünen Tann
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+Schwarzwaldnovellen
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+von Arthur Achleitner
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+Berlin
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+Verein der Bücherfreunde
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+Schall & Grund
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+
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+Inhalt
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+Die Herzogskerze
+Giftklärle
+Der Pelagier
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+Die Herzogskerze
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+Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen
+Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt
+der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die
+wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die
+Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert
+und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist
+dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst
+bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an
+den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und
+häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der
+Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten
+des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen
+Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die
+Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat;
+hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine
+felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und
+verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser
+alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an
+die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie
+Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren
+Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner
+des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose,
+die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack
+und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die
+unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von
+goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen
+herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in
+den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in
+den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und
+unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.
+
+Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das
+Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als
+Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,
+so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen
+Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der
+Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten
+Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke
+entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz.
+Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein
+stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt,
+daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende
+Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die
+morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben
+stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte
+zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst
+grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das
+sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt
+durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die
+eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen
+gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den
+Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn
+und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig
+gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien
+Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier
+knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den
+Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,
+und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand
+wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um
+einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“
+hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu
+kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine
+Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut
+hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit
+mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt
+und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu
+prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner
+Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre
+Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn
+diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die
+Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß
+durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern
+und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte
+anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit
+weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus
+dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als
+wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder
+lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die
+vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an
+die achtig Jahre im Grabe ruht.
+
+In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und
+noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und
+Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg
+bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von
+Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle
+solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst
+ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine
+fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender
+Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu
+befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit
+zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er
+seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und
+zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt
+er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich
+feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel
+um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich
+darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest
+einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften,
+Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.
+Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her,
+unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen
+Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters
+schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.
+Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in
+seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten
+nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane
+Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen
+Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete
+Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von
+einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu
+lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor,
+war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner
+Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger
+hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in
+der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.
+Peter Gottstein.“
+
+Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und
+sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich,
+bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht
+vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle
+wisse bi Gott!“
+
+Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher
+Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick
+des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder
+hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“
+
+„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon
+nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten
+Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie
+das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt
+und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht
+sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke
+Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die
+Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn
+auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde,
+so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten
+Bühler rechnen könne.
+
+Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue
+handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in
+unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“
+
+„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen
+könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche
+bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen
+Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“
+
+„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
+Unglück gebracht in unser Land!“
+
+„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben
+gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht,
+so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der
+Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in
+meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein
+anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein
+heiße!“
+
+„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald
+kommen sollen?“
+
+„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut
+und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate
+werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,
+daraus wird nichts, sag' ich!“
+
+„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“
+
+„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“
+
+„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“
+
+„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die
+letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem
+Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher
+werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot
+steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“
+
+Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht
+ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.
+
+Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes
+blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und
+prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.
+
+Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der
+Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu
+können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,
+ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und
+scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon
+greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf
+geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem
+Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht
+den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf
+erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster
+vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut
+gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt
+wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr
+Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie
+auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem
+Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit
+Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer
+Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des
+Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der
+Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes
+Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem
+Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste
+in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell
+erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug
+und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.
+
+Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den
+Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen
+Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der
+Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten
+hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch
+giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der
+Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.
+
+„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot
+ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen
+machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei
+Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“
+
+Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“
+
+„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“
+
+Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was
+soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler
+respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen
+einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das
+Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher
+zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch
+ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den
+Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter
+hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke
+Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe,
+müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die
+Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und
+Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege
+jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“
+wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom
+Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich
+gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den
+„dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.
+
+Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die
+Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über
+Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn
+ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber
+einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot
+steiget!“
+
+Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr
+verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers
+Sache!“
+
+Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des
+Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor
+sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre
+angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt
+einladet.
+
+Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug
+der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner
+nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu
+bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand
+stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen
+Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der
+Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen
+Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum
+Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach
+ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten,
+der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der
+Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht
+in den Rauchfang aufsteigen.
+
+Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der
+„Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle
+mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den
+Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und
+gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.
+
+Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell
+einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und
+Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und
+flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das
+Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken
+Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär
+gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen
+aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das
+Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur
+Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre
+Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach
+und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse
+herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die
+aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und
+Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten
+vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen
+springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und
+stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen
+Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um
+das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,
+bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein
+der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür
+verschwinden.
+
+ * * * * *
+
+Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken
+sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen,
+und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann
+und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem
+toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten
+auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen
+ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden
+Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht
+schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen
+Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;
+still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen
+Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und
+von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur
+normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst
+kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die
+größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt.
+Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann
+aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in
+schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.
+
+Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten
+Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im
+Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl
+längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit
+Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf
+eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung
+nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das
+frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so
+heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“
+Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab,
+hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem
+Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten
+alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von
+anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte;
+die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und
+Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und
+Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich
+schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten
+ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln
+und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten
+Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um
+das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten,
+zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird
+der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im
+rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im
+gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze
+gerichtet.
+
+Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus
+der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen
+Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“
+
+„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen
+Menschenring.
+
+Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann
+der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur
+Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den
+Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi
+Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da,
+die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach,
+Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“
+
+Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
+Orten.
+
+„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“
+
+„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein
+alter Mann aus dem dritten Ring.
+
+Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der
+Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,
+der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.
+
+Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung
+zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.
+
+Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter
+durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch
+beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und
+spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid
+gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das:
+Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in
+stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich
+und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und
+bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer.
+Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und
+dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal
+mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht
+am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen
+des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“
+
+„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit
+unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich
+aus dem dreifachen Menschenringe.
+
+Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir
+wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns
+zur heiligen Dreifaltigkeit!“
+
+„Ich schwör' es!“
+
+„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer
+sein im heiligen Kampfe. Willst du?“
+
+„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der
+kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in
+der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und
+Gefolgschaft!“
+
+„Wir schwören!“
+
+„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte
+der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im
+stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit,
+dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der
+Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die
+gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir
+müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir
+müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals
+verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die
+Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein
+gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und
+unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser
+ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“
+
+Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen
+zum nächtlichen Himmel.
+
+„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',
+sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit
+wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll
+zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht
+bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht
+der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist
+nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die
+österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser
+Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die
+Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur
+Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,
+Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur
+freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,
+so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die
+kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von
+Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:
+wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen
+Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß
+Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf
+Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,
+die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern
+wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch
+Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts,
+verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir
+hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und
+schweiget, was ihr gehört. Amen!“
+
+Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die
+Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach
+abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl.
+Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als
+die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl
+hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen
+Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz,
+schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee
+deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....
+
+ Winterszit, schweri Zit!
+ Schnee uf alle Berge lit....
+
+ * * * * *
+
+In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine
+Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am
+schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's
+Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und
+ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen
+lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das
+Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der
+stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener
+Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die
+Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und
+weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal
+in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher
+die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig
+und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am
+Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak
+rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben
+oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im
+mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm
+ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und
+rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders
+veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten
+Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die
+alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie
+eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So
+sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat,
+erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die
+Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem
+Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und
+schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und
+zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat
+ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl
+erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die
+Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein
+interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung
+durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,
+war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef
+aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann
+Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen
+Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig
+wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur
+Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni
+legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!
+Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und
+träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget!
+Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,
+du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft
+sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den
+Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers
+sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken
+will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem
+Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef
+rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs
+neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den
+schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“
+da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn
+doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und
+den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der
+verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen
+werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die
+Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte
+Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über
+Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten
+Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in
+seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein
+Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.
+Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber
+vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig
+sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch
+Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß
+eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des
+erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich
+selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen
+heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und
+verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und
+übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte
+unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der
+Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon
+austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib
+verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die
+Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil
+sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger
+Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.
+
+ * * * * *
+
+Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus
+den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des
+Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.
+Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte
+Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die
+Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber
+da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu
+numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du
+gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:
+Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft
+abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in
+der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und
+laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit
+drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen
+zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf
+um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein
+Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle
+dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos
+pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt.
+Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es
+sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in
+Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend
+liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also
+stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo
+die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das
+Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,
+welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in
+Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten
+Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der
+Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den
+Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in
+Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.
+
+Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter
+Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt,
+kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die
+Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“
+und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler.
+So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als
+einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die
+braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein
+badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel
+klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das
+frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's
+lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;
+die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den
+Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün
+neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein
+Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit
+pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen
+die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und
+still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem
+schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des
+leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck
+seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter,
+versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen,
+er hascht nach ihrem Händchen.
+
+Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
+Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“
+
+Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte
+zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im
+Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im
+selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch
+tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet,
+fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“
+
+Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“
+
+Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter,
+indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli
+an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf
+die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im
+Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“
+
+Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch
+verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.
+
+Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli,
+hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“
+
+„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen
+Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das
+Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt,
+so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld
+einstreicht.
+
+„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und
+wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer,
+Heckener, bisch mi letzter!“
+
+„Was isch Trumpf?“
+
+„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“
+
+„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“
+
+„Dunderschiß, hesch du e Glück!“
+
+„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“
+
+„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez
+spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“
+
+„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“
+
+„Chrütz!“
+
+„Gstoche! Hesch wieder verlore!“
+
+„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel.
+
+Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
+Messer.
+
+„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“
+
+„'n Gwinnst will i einkassiere!“
+
+„Mitem Messer?“
+
+„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“
+
+„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble
+faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen
+abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die
+Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und
+Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt
+Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes
+Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt
+prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der
+Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den
+Schwerverletzten ins väterliche Haus.
+
+ * * * * *
+
+Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der
+Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch
+Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus
+„Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das
+verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte
+Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor
+der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der
+Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;
+aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni
+doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann
+gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der
+Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt
+Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der
+Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e
+Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die
+Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und
+auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu
+fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe
+herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf
+Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und
+dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.
+
+Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört,
+vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert
+dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo
+sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten.
+Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des
+oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast
+augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch
+selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran.
+
+In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre
+und fragt den Besucher nach seinem Begehr.
+
+Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In
+arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam
+heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.
+
+Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du,
+Sepli?“
+
+„Ja, ich, no!“
+
+„Wie, du willsch nit?“
+
+„I weisch ja gar nüt!“
+
+„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“
+
+Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung
+erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung
+derselben zu schildern. „Hör zu!“
+
+„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.
+
+„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der
+Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil
+ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die
+zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno
+1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno
+dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest
+wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser
+längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer
+stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der
+Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,
+sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als
+rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren
+und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und
+Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum
+Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing
+die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich
+verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter
+Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der
+Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der
+Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und
+in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,
+der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den
+Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem
+Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte
+Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu
+Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei,
+reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf
+Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht
+auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den
+Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die
+Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen
+Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten
+nicht mit, die feigen Schufte.“
+
+„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein.
+
+„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer
+aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern,
+Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder
+Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging
+nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer
+für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm
+einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's
+thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die
+Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die
+Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen
+Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis
+schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem
+Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die
+Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt
+Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem
+früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann
+stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig
+sein!“
+
+„Ah, ah!“ stammelte Sepli.
+
+„Was seist?“
+
+Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib
+ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch
+veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.
+
+Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen
+Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.
+Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,
+und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen
+Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,
+um das Sepli zu beneiden wäre.
+
+Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und
+davon.
+
+„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen
+mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches
+Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und
+schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur
+heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘!
+Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer
+mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer
+Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und
+Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab
+die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor
+Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei
+kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan
+sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte
+müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald
+Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde
+huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St.
+Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten
+Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten
+Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß
+herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si,
+denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert
+werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen
+ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie
+der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen....“
+
+„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der
+Stirne steht, dazwischen.
+
+„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in
+Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle
+nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte
+seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“
+
+„Das isch ja Raub!“
+
+„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß
+bekämpft were!“
+
+„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“
+
+„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“
+
+„I mag aber nit! I fercht' mi!“
+
+Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf
+zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch
+passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß
+wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.
+
+„Soldaten seist?“
+
+„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem
+(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen
+Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte
+die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten),
+Spießen, Heugabeln und Prügeln.“
+
+„Wer isch hernach 'prügelt wore?“
+
+„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir
+mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au
+minem Papier!“
+
+So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu
+gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt
+sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins
+Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch
+einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre
+herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken
+fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie
+angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was
+sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich
+davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß
+Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom
+Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.
+
+Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,
+weil er schleunigst flüchten müßte.
+
+„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“
+
+Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine
+Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu
+Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.
+
+Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber
+erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit
+Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich
+das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche
+Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das
+Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht
+zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,
+um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu
+geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles
+Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch
+wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf
+die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit
+haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der
+Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel
+schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl
+heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn
+sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach
+Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,
+doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli
+auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem
+Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken
+soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch
+nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und
+die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen.
+Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,
+so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine
+sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht
+wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen
+möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt
+ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus
+verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten
+haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte
+vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe
+gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch
+der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en
+Verdruß!“
+
+Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und
+begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu
+schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer
+betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei
+ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf;
+doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die
+himmlische Grafschaft.
+
+ * * * * *
+
+Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig
+windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein
+Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich
+zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee
+folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über
+die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und
+endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht
+erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an
+die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.
+Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und
+gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer
+Einlaß fordere.
+
+„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt
+öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der
+dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger
+von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?
+Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“
+
+Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli,
+und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich
+durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones
+die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei
+und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.
+
+Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der
+Österreicher gesagt habe.
+
+Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem
+Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst
+gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]
+
+„Was seist?“
+
+„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit,
+ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in
+Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“
+
+Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt
+ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der
+Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen,
+die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die
+Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg
+verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,
+und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die
+Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter
+aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln
+gegeben habe.
+
+Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich
+bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der
+Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,
+hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu
+leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die
+Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf
+losgeschlagen werden soll.
+
+Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des
+Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der
+Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den
+Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber
+Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es
+schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht
+er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.
+
+ * * * * *
+
+War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund
+gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der
+„Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen
+Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen
+Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das
+Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren
+Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte
+sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im
+Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt
+schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht
+erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.
+
+Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den
+Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends
+auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,
+blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd
+folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus
+dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not.
+Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine
+Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit
+bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband
+auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des
+Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem
+Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber
+der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das
+Gericht soll eingreifen.
+
+Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken,
+auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden
+solle?
+
+Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch
+nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,
+so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den
+Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.
+
+„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt.
+
+„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“
+
+„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's
+schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das
+Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er
+den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen
+fragt, wie es mit Michel stünde.
+
+Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust
+legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren
+rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.
+
+Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt
+schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen.
+Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und
+bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.
+
+Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille
+Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
+Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
+das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?
+
+Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre
+hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli
+nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört
+den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu
+pflegen und zu warten.
+
+Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu
+bedeuten hat.
+
+Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit
+gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli
+von dem Unglück weiß!
+
+Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
+Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
+nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und
+Schrecken.
+
+Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas
+auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und
+Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli
+wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die
+Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe
+gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will
+davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die
+Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in
+bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel
+liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und
+im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß
+sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann
+wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.
+
+Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das
+Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein
+Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm
+geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti
+nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide
+begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger
+Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des
+Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt
+zurück. Welch' ein Glück!
+
+Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe
+Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und
+machet ihn wieder gesund!“
+
+„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt
+im Hause des Biberhannes.
+
+In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele
+versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber
+mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank
+eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte
+Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres
+Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel
+selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,
+doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und
+wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles
+Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch
+Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt
+wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald
+der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und
+heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen
+im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des
+heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist
+überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.
+
+ * * * * *
+
+So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im
+Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen
+sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen
+warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht
+eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der
+Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,
+als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht
+Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter
+verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen
+Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den
+„Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser
+Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend
+fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.
+
+Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf
+Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
+Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.
+
+Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet
+sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.
+
+Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins
+Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof
+und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“
+
+„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten
+aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“
+
+„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“
+
+Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und
+der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch
+das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen
+kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der
+Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er
+auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte
+Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen
+hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das
+Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur
+schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein
+Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein
+Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb
+fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig
+rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder
+um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil
+der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus
+zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf,
+nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor
+läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer
+Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt
+an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter
+aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene
+Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden
+tiefen Schnee.
+
+Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum
+Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen
+die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene
+Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um
+einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere
+Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt
+gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm
+anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In
+jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer
+immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot
+sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die
+Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!
+
+„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und
+drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür
+abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und
+folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann
+offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,
+der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt
+und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine
+Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen.
+Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den
+Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.
+Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot
+geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der
+Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es
+hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!
+Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur
+Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er
+nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann
+zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über
+Rißwihl gen Kuchelbach.
+
+ * * * * *
+
+Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende
+Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,
+dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser
+durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der
+Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,
+schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut
+allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen
+Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und
+fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den
+Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren
+der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein
+Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen
+und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und
+brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu
+Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste
+fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und
+Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn
+streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und
+Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt
+und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es
+dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren
+scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des
+weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue
+Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald,
+Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die
+Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen
+benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in
+Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das
+schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,
+daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten
+muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen
+dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört
+endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den
+Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.
+
+Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und
+zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen
+sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer
+Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den
+Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem
+Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major
+und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis
+unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner
+Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem
+der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle
+mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer
+stecke, fragt der Major stehenbleibend.
+
+„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den
+man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und
+wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben
+auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum
+schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl
+zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben
+stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten
+beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der
+in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser
+Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als
+möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt
+durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen
+wird.
+
+Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die
+unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,
+schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf.
+Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls
+finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und
+nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die
+Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den
+Trupp Hartschiere geschaffen werden.
+
+Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für
+unmöglich, die Herren aufzunehmen.
+
+„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.
+
+„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“
+
+„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
+Kolben einschlagen!“
+
+„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.
+
+Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre
+Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das
+Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn
+etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte
+auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.
+
+„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen
+unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine
+mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,
+nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“
+
+Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl
+mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden
+und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge
+zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der
+„Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es
+wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und
+heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu
+erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor
+das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf
+Seite der „Ruhigen“ gestanden.
+
+„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und
+stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein,
+Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach
+zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein
+Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft
+Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“
+
+Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler
+erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter
+Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“
+Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den
+Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen
+Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“
+die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur
+Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken;
+sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen
+lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig
+zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren
+Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer
+fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und
+Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf,
+schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n
+Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“
+
+Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der
+gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei
+Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.
+Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die
+Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein
+Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer
+stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt
+hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die
+Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die
+Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig
+sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die
+militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten
+übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird
+von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde
+abgehalten.
+
+Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein
+feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu
+entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem
+beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte.
+Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf
+angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten,
+grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung
+und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der
+Rekrutierung.
+
+Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es
+nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller
+heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die
+Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang
+nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch
+und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt
+dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol'
+der Satan die Salpeterei!
+
+Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig
+geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich
+auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der
+„Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust
+vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den
+Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der
+Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,
+dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen
+glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil
+hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art
+gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter
+zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern
+die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn
+erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele
+den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende
+Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße
+Geflüster des geliebten Mädchens.
+
+„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.
+
+Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“
+
+„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und
+han di 'beten um di Herzli!?“
+
+Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's
+aber verbote!“
+
+„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“
+
+„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“
+
+„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
+wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli
+nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“
+
+Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
+Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.
+
+ * * * * *
+
+Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen,
+es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
+Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und
+im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
+schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen
+Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
+von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
+Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk
+weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
+verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
+Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
+die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
+allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
+unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern
+steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
+schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“
+befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
+marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als
+Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.
+
+Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“
+gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
+bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!
+
+„Dann holen wir die Kerle!“
+
+„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
+Die heutige Nacht hat's bewiese!“
+
+„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
+Major.
+
+„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
+Pflicht genüge!“
+
+„Wer wird kommen?“
+
+„Die Buebe von den Halunken!“
+
+Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
+spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen,
+während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige
+Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur
+die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe
+reichen läßt.
+
+Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der
+kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
+gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
+wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.
+
+In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen
+Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes.
+Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
+Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten
+Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist,
+denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch
+riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
+grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
+Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür
+gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die
+Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt
+blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
+Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.
+
+Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
+bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
+Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne.
+Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter
+Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
+stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien
+und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.
+
+Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich
+gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“
+oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
+Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
+können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
+Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
+beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist
+ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“
+Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem
+Wunsch für baldige Besserung des Michels.
+
+Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
+Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen
+Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
+geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich
+ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
+eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
+vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
+also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab.
+Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
+bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos
+stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und
+nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht
+herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den
+Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
+glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
+davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
+Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen
+gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum
+„Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und
+die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
+Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
+Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!
+
+Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer
+bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles
+Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern
+nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er
+läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über
+Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
+letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen
+Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.
+
+ * * * * *
+
+Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
+gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten
+Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu
+ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer
+war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
+entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die
+Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
+befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
+emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu
+Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
+durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann,
+die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger
+Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
+Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward
+niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
+ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
+anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von
+Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die
+Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
+Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
+Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei
+gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen
+Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
+bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
+den Glauben!
+
+Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am
+Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
+Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit
+brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher
+Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
+Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
+zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
+in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige
+alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
+Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen
+und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
+und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist
+Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so
+dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
+zu Willen ist.
+
+Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
+erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit
+altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln.
+Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer
+hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
+Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
+zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
+Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
+wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern
+sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für
+die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
+Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von
+bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
+Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen
+Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner
+Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu
+Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch
+verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht
+gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die
+Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem
+Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
+Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
+Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
+Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der
+Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es
+schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
+Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
+Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als
+abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer
+anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
+Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und
+geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur
+Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und
+läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut
+ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im
+Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
+sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen
+der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt
+jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
+gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
+neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
+Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
+gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne
+nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
+Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
+Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen
+und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest
+geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
+genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
+wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein
+Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so
+wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
+begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
+ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot
+niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
+gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
+gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser
+Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
+Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“
+
+Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
+verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und
+Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
+Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
+nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß
+verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
+beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
+zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt,
+gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.
+
+Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber
+steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit
+Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
+Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
+Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
+Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso
+gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die
+trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
+stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit
+bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
+und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
+Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was
+Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer
+am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.
+
+Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
+einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
+kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten
+kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit
+einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins!
+Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
+Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut
+und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im
+Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen
+haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene
+Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken
+gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
+nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber
+zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
+Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
+gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon.
+Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel,
+zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
+schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf
+wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer,
+Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären
+den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser
+werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
+schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
+durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
+Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
+gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren
+wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
+Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
+flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
+Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann
+einspringen gewollt.
+
+Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
+ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu
+Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
+unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
+war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen
+Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen
+Grabe.
+
+ * * * * *
+
+Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
+im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
+Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den
+Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr
+gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
+Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
+südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er
+doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
+Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger
+und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach
+gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
+zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im
+Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
+deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
+hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
+Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
+daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre
+bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
+Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler
+Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
+der Wirt, und sicher ins Verderben.
+
+Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins
+Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in
+Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten
+nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein
+Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen
+habe, heimgekommen in Wihl erzählt.
+
+Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und
+an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.
+
+Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer
+haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung
+ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
+wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
+im Wald.
+
+„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
+Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
+Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
+müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.
+
+Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl
+nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
+nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“
+versichert der Wirt.
+
+Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi
+laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die
+Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.
+
+Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
+er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
+er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend
+flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung
+getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
+steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache
+ist verloren!
+
+Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
+Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem
+Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die
+Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
+Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
+alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
+herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
+hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den
+Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
+
+Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
+Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um
+sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und
+Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
+Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine
+Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher
+noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
+dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft
+er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
+Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand
+nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
+verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
+angelweit offen steht die Hausthür.
+
+Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
+Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
+Flucht gejagt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
+scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
+aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
+bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das
+Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der
+Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
+Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
+stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur
+Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die
+Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
+
+ „Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
+ Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“
+
+So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten
+Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
+auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
+die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im
+Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich
+fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
+und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat
+sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und
+Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das
+Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's
+Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
+es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar
+stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
+und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch
+erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit
+auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
+streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
+gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
+geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß
+Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei
+Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
+wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache
+der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die
+er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und
+Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
+verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh
+hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu
+Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem
+Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat
+Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist
+bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken,
+sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
+Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach
+Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner
+Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
+spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch
+eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die
+Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt.
+Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
+anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen
+könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
+
+Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
+spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
+Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“
+
+Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.
+
+„Gohst licht von mir?“
+
+Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
+Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns
+zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“
+
+Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es
+ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den
+Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn
+Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti
+ausgerichtet habe.
+
+Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
+Frage!“
+
+In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen
+geheißen vom Sohn und der Thrinele.
+
+„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
+Bett!“
+
+Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem
+Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
+Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser,
+das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
+still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.
+
+Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“
+
+„Was isch, Ätti?“
+
+„Nüt isch!“
+
+„Wie sagsch?“
+
+Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann
+erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von
+der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald
+er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei
+Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu
+befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,
+Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,
+des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters
+Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.
+
+Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor
+Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu
+teilen und zu bleiben in Vaters Haus.
+
+Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann,
+verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und
+Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“
+Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er
+noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach
+Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht
+Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in
+abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über
+Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl
+getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt
+habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus
+gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu
+öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in
+die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze
+gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und
+in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute
+die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach
+Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,
+eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen
+Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten
+Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen
+Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und
+fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang
+schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele
+aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht
+denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit
+längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends
+eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen
+Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr
+verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie
+wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden
+wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit
+dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen
+abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden
+ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie
+es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist
+eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus
+Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und
+Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus
+dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer
+an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig
+prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,
+emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen
+ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele
+vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und
+fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen,
+ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer
+das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so
+leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem
+nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist
+fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber
+nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins
+Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der
+Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.
+
+Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
+Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“
+
+Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der
+Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte
+im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe
+hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um
+vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im
+Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen
+Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die
+eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines
+Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit
+genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht
+also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon
+in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist
+verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache
+angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie
+ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der
+Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der
+„Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen
+müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat
+Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus
+dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind
+unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze
+Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte:
+was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr
+gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und
+das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so
+wenig!
+
+Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat
+angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem
+Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele
+Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl
+und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück
+findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis,
+und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber
+nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins
+winterlich einsame Haus.
+
+ * * * * *
+
+Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen
+Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das
+erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen
+und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die
+einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“.
+Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht
+einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte!
+Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es
+um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.
+
+Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein
+lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen
+Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an
+den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz,
+seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die
+Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem
+Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer,
+so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch
+nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt
+hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen
+spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an
+einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel
+niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz
+rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich,
+wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht
+auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu
+gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht
+aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage
+erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß
+die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.
+
+Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel
+Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen
+kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz,
+behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli
+die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die
+Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das
+knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast
+fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten
+Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster
+fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken
+fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen
+im kalten Flur.
+
+„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“
+
+„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
+Überraschung und Erregung auf.
+
+„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube,
+um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif
+gewordenen Hände zu wärmen.
+
+Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt
+Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen
+niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti
+und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.
+
+Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der
+ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint
+und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“
+
+„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon
+erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und
+bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde
+zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig
+und eilig.
+
+„Hasch Hunger, Ätti?“
+
+„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han
+schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen
+immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der
+Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten
+Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen
+gehalten habe.
+
+„Bi diese Kälte?!“
+
+Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die
+Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es
+gewagt, neuen Proviant zu holen.
+
+„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.
+
+„Wie?“
+
+Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu
+gänzlich ausgeraubt sei.
+
+Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus
+seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war
+ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,
+entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben.
+Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine
+Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren
+war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!
+
+Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.
+
+Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!
+Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu
+trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache
+doch!
+
+„Wie sagsch, Ätti?“
+
+„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an
+Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem
+Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe
+es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel
+sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht
+doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom
+Kaiser!“
+
+„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele
+aus.
+
+„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
+Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
+Guete Nacht, Thrinele!“
+
+Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
+Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.
+
+Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren
+Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch
+nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem
+Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt
+werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht
+herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer
+aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti
+selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als
+Feind erscheinen....
+
+ * * * * *
+
+Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein
+Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte:
+hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei
+Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich
+das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin
+gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken
+hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und
+bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen
+dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem
+Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle
+zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von
+seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit
+Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und
+abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese
+Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die
+Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht
+der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden
+Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft
+der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger
+Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!
+Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.
+Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und
+den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll
+mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde
+oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß
+begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig
+während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich
+aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der
+Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und
+den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend,
+findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem
+verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt,
+schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.
+
+„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand
+chommen!“
+
+Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus
+weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante
+Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt
+er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.
+
+„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“
+
+„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in
+ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und
+überreicht sie dem Ätti.
+
+Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung
+gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur
+gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,
+so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber
+nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht
+angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer
+abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben
+und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,
+die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche
+vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und
+urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.
+
+„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was
+doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und
+Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre
+gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche
+entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig
+eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß
+solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit
+Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“
+
+Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das
+Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das
+genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der
+Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte
+und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!
+Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz
+gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und
+sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt
+sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es
+steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes
+und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht
+Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner
+Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die
+Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in
+ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine
+Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu
+besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner,
+womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige
+einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im
+Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.
+
+Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt
+Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über
+den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um
+Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße
+etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das
+andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's
+Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer
+Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt
+sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen
+er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine
+Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits
+geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um
+Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das
+bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“
+Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem
+man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der
+Salpeterersache.
+
+Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der
+„guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um
+ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden.
+Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich
+sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit
+ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt
+wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da
+stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der
+Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen
+Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.
+
+Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die
+Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der
+Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz
+unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der
+Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee
+stehend und auf das „Ereignis“ wartend.
+
+Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und
+schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er
+die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder
+und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der
+Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere
+heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o
+Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich
+füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren
+ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das
+Gottesgericht! Amen!“
+
+Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung
+auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt
+unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,
+entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.
+
+Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und
+verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.
+
+„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt
+sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom
+Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,
+ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es
+leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt
+ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße
+Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!
+
+Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht
+wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen
+Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig
+brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter
+die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:
+„Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der
+Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde
+badisch, so wahr mir Gott helfe!“
+
+Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das
+Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,
+und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich
+flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“
+
+Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der
+Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder
+Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die
+Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die
+Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit
+Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er
+brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich
+herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter
+bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim
+zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer
+Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das
+Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.
+
+Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:
+ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt
+dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht
+ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der
+nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse
+Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.
+
+Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was
+das wohl zu bedeuten hat?
+
+Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus,
+krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er
+die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt.
+Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit
+dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch
+wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun
+knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich
+und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde
+badisch, Amen!“
+
+Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt
+dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.
+
+Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,
+nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum
+fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am
+toten Bühl.
+
+Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
+bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
+Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den
+Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.
+Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:
+„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein
+Landesherr, ich halt' zu ihm!“
+
+„Ätti!“
+
+„Was isch?“
+
+„Ätti! Darf ich an badisch were?“
+
+„Gewiß wirsch du an badisch!“
+
+Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt,
+der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den
+Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.
+
+Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti
+auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit.
+Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei,
+und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch
+freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.
+
+Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?
+
+Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.
+
+„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“
+
+Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.
+
+Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom
+Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf
+einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen
+Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen
+und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am
+toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des
+Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der
+
+ Beschluß:
+
+ Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und
+ meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und
+ werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die
+ Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner
+ Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell
+ Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei
+ Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.
+ Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende,
+ nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß
+ jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der
+ Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze
+ Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob
+ von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.
+
+ Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor
+ Weihnachten
+
+ Peter Gottstein,
+
+ verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“
+
+Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das
+mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“
+überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.
+Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,
+den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von
+Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.
+
+„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer
+minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter
+Gottstein als badischer Unterthan!“
+
+Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen
+Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die
+am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach
+Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom
+Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist
+daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam
+wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“
+am toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter
+Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang
+stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend
+einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee
+nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“
+zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er
+es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß
+ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt
+ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich
+Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube
+zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das
+Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren
+den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die
+Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits
+geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und
+badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.
+
+Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit
+Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende
+Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei
+Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger
+Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so
+geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu
+leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur
+Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog
+gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die
+„badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für
+einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum
+Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die
+Kuchelbacher Beteiligung.
+
+Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl
+sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen
+nachlassen. Was Peter dazu meine?
+
+Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu
+ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der
+badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für
+die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“
+
+Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation
+mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und
+Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den
+Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären
+sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der
+Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten
+dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und
+durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend
+Unterthanen mehr im Lande.
+
+Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie
+Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch
+werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die
+bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da
+die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang
+nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer
+fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter
+allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach
+Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch
+sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern
+abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den
+Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand
+und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so
+unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert
+sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn
+diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern
+bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche
+Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten
+Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische
+Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,
+badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde
+feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem
+Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib
+eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.
+
+Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten,
+auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried
+ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll
+Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer
+Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie
+das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd
+loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter
+sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und
+abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen
+Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei
+zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und
+andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im
+Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der
+Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins
+mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im
+Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte
+nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen
+auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und
+Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall
+veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid
+sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und
+du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und
+Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“
+
+Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt
+aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den
+Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des
+Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib
+fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.
+
+Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.
+
+Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht
+zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt
+soll's büßen!
+
+Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater
+besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib
+diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das
+Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht
+und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich
+voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.
+
+Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung
+von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den
+tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo
+simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf,
+Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden
+Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter
+mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab,
+daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der
+Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin
+flötet im eintönigen Lied.
+
+Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und
+Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr
+Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom
+dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch
+halte“!
+
+Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu
+hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden
+Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich
+auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.
+
+Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es
+zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli,
+Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt
+herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor
+Verwunderung.
+
+„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die
+Hand.
+
+„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die
+Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu
+bereiten.
+
+Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und
+setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß
+geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der
+Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze
+erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer
+lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“
+
+Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die
+Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein
+Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
+Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos
+weisch denn du, Biber, von mine Akte?“
+
+„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi!
+Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet
+badisch und Ordnung muß si!“
+
+Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so
+wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten
+hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und
+Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu
+verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten
+die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß
+Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht
+Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja
+doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich
+da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer
+aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine
+frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh
+aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein
+Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig
+protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es
+gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich
+statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese
+und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der
+Wirtschaft.
+
+Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß
+Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die
+Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
+ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.
+
+Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der
+Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen;
+von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins
+Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und
+huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten
+Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der
+ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog
+aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht
+abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der
+Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert
+werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja
+nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,
+wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter
+verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,
+dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und
+ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!
+
+So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich
+Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn
+er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten
+muß, meint Peter.
+
+Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti
+will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang
+angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten
+Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr
+ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.
+
+Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach
+herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann,
+winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti
+entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem
+Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die
+Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der
+Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird
+zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger
+Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein
+Trauersiegel darunter gesetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings
+weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,
+schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen
+und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt
+stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden
+Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und
+Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch
+erquickend und labend.
+
+An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem
+Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
+Wanderung nach Karlsruhe.
+
+Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und
+unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt
+Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er
+beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne
+man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der
+Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter
+selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es
+möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da
+lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach
+Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel
+labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.
+
+ * * * * *
+
+In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein
+wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,
+stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie
+aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation
+nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in
+dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der
+Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und
+wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und
+seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen
+glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am
+Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der
+Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem
+verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden
+Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten
+führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis,
+denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt,
+mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr
+ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber
+sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange
+Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte
+der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute
+im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.
+
+Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und
+Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit
+weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein
+Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in
+der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein
+Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog
+fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.
+
+Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere
+treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,
+ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken
+verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem
+klopft das Herz hörbar.
+
+Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich
+spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,
+leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer
+derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte
+er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll
+der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal
+fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“
+
+Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der
+Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das
+wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und
+spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der
+Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“
+
+„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“
+
+„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:
+Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“
+
+Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend
+auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“
+erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten
+aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.
+
+„Red' Er nur weiter, Peter!“
+
+„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!
+Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
+Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen
+erfüllen wollet!“
+
+Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren
+des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.
+
+„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr
+heut de Schade!“
+
+„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug
+warten lassen!“
+
+„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus
+by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“
+
+Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch
+eine Lachsalve nach der andern heraus.
+
+„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,
+Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
+Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
+mer wollet blibe katholisch!“
+
+Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret,
+ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen
+zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem
+Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der
+Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige
+Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten
+die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt
+ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater
+haben!“
+
+„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:
+Wos isch minem Jobbeli?“
+
+Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins
+Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn
+freibekommen, Streitpeter!“
+
+„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit,
+seigt mer gschiedene Luit!“
+
+„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute
+badische Unterthanen!“
+
+„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur
+Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue
+bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:
+„De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust
+der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal:
+„Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie
+bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am
+liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt,
+aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und
+unterließ daher die Liebkosung.
+
+Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum
+Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich
+der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.
+
+Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und
+Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
+Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.
+
+Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage
+verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber
+tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß
+sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen
+gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er
+bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze
+der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den
+schwermütigen Schwarzwaldbergen.
+
+Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar
+wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf,
+seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit
+dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach
+Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt
+selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu
+Bibers.
+
+Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort
+geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen
+setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers
+vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg
+begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe.
+Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen
+werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die
+Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der
+Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,
+und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich
+haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des
+Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine
+Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich
+gethan habe.
+
+Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein
+Wunder!“
+
+Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.
+
+Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein
+Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu
+thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten
+Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle,
+ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber
+das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter
+aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte,
+um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut
+und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht
+nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die
+Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der
+Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und
+dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen
+haben.
+
+Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder
+lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich
+erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl
+langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen
+hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und
+die Freigabe des Jobbeli.
+
+„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage
+bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich
+durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem
+Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und
+schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den
+Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,
+die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden
+dürfe.
+
+Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die
+Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch
+glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll
+übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte
+feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den
+Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die
+Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit
+zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“
+
+„Jo, ich will's by Gott!“
+
+Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.
+
+ * * * * *
+
+Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg
+und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]
+und schenkte allen jegliche Strafe.
+
+Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im
+Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so
+ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner
+kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,
+die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung,
+namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive
+alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit
+allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch
+der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien
+Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister
+von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im
+Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt
+wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier
+mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen,
+daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in
+seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode
+frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben
+habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber
+frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit
+altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte
+Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden,
+schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und
+Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr
+einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,
+entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den
+Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c.
+hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die
+Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und
+bitter verfolgt.
+
+[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.
+
+[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.
+
+[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24
+Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die
+Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung
+gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt
+und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu
+schimpfen,“ entlassen.
+
+[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach
+etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär
+von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.
+
+[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung
+des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden
+müssen.
+
+[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose
+Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das
+Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu
+Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach
+nicht aufzuhalten vermochte.
+
+[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und
+plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne
+Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)
+die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.
+
+[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der
+Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch
+rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer
+getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die
+Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die
+Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit,
+der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche
+Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das
+Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin
+die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger
+gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name
+schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und
+Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des
+Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort
+auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg
+heraufbeschworen.
+
+[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,
+welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die
+Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache
+abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt,
+„abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“:
+„Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach
+einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie
+gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter
+mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im
+öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“
+
+[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser
+Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war
+thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den
+österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und
+andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte
+Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die
+Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.
+
+[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und
+entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.
+
+[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel
+gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod
+abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen
+Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein
+Tier, der ist über Schwalben und Störche.“
+
+[14] Aktenmäßig festgestellt.
+
+[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da
+seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald
+einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in
+den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar.
+Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.
+
+
+
+
+Giftklärle
+
+
+
+
+Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
+dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins
+Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach
+Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
+Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte
+ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene
+schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes,
+das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
+äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
+gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen,
+aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
+tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die
+selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
+aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem
+Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht,
+und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören,
+daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
+aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich
+nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels
+junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel
+gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und
+der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da
+fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber
+sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im
+Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete
+die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren
+Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
+Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt
+hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
+ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein
+habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am
+Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
+Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es
+möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.
+
+Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo
+die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie
+lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut?
+Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über,
+aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
+langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“
+
+Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen
+Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem
+Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und
+trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu
+ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber
+die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
+versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt
+Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der
+rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach
+dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der
+Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume
+ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer
+kräftigen sonoren Männerstimme:
+
+ „Was guckscht denn so traurig?
+ Sei luschtig und froh!
+ 's isch oimol ein Leaba
+ 's isch oimol no so!“
+
+Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des
+feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier
+verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt
+geringschätzig die Achseln.
+
+Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt
+weiter:
+
+ „Alt wirscht ja von selber,
+ So tanz noh ond spreng,
+ Ond weischt a sei's Liedle:
+ Sei luschtig ond seng!“
+
+Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
+sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen
+Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen
+auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.
+
+Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
+und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe
+Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“
+
+Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf
+der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den
+Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger
+und Straßengauner!“
+
+Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
+Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“
+
+Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
+Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung
+über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem
+sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt
+das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
+einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun
+die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's
+Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.
+
+Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
+Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
+Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
+isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“
+
+Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor
+Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
+ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen
+seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden
+nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
+Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen.
+Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein,
+humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den
+Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da
+schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt
+z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung
+ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der
+Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet,
+wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken
+und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem
+Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
+dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit
+an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte.
+Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig
+aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein
+Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
+Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine
+Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht
+besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
+Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare
+auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt
+den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter
+vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
+im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist
+dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
+Fleisch und Blut.
+
+Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es
+ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden
+mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle
+hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe
+die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
+Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen
+Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
+Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater
+wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
+der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch
+alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.
+
+Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig
+mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So
+wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
+daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft!
+Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und
+den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
+Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
+verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser
+und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde
+nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
+aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
+der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel
+begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die
+Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie
+so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
+darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße
+nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
+augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und
+über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
+Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen
+Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
+größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf
+ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach
+dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht,
+sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
+klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen
+knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und
+stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde
+entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres
+Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.
+
+Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle
+mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und
+starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit
+lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
+und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße
+weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
+Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache
+wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He
+Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
+kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“
+
+Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
+zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten
+ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald
+die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.
+
+Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das
+Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche
+entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
+selbstverständlich.
+
+„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
+gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
+werde!“
+
+Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
+Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
+Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.
+
+Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
+gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
+Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
+Verlassen des Weideplatzes.
+
+Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
+Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
+Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
+Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
+und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.
+
+„Du bleibscht daheim, sag' ich!“
+
+Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen
+zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich,
+und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im
+Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
+Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
+meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
+nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
+übertreten.
+
+Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
+Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe
+aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und
+jetzt geh' deiner Arbeit nach!“
+
+Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben
+vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe
+Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
+Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
+Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
+hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie
+solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die
+Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.
+
+Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu:
+„Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
+nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das
+auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
+Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
+Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“
+
+„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
+Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“
+
+„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“
+
+„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht
+besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten
+den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
+gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“
+
+„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
+Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
+daß er sich schlagen läßt!“
+
+„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und
+die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“
+
+„Was mich — —“
+
+„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als
+davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver
+Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
+anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten
+kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem
+weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“
+
+„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“
+
+„Doch! Auf dich selber, Klärle!“
+
+Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört,
+ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
+preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie
+nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor
+dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem
+Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar
+aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf
+eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane
+Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten
+nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches
+Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum
+Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
+gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles
+Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
+Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu
+Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf
+und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die
+Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler
+laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
+mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.
+
+ * * * * *
+
+In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des
+entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster
+sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen
+flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“
+Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
+sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
+sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig
+einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn
+Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
+Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer
+faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage?
+Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im
+Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab,
+leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen
+Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
+Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
+sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht
+gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem
+Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre
+eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem
+Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
+denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt
+sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
+scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
+Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
+herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
+Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles
+Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas
+vorbeugend, was gesprochen wird.
+
+Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es
+glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
+und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
+Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
+Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und
+hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“
+
+Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“
+
+„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und
+ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine
+dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr
+schließlich nicht einmal verübeln kann.“
+
+„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend
+gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“
+
+„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht
+selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht
+gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“
+
+„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!
+Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
+Händen tragen möcht'!“
+
+„Wie sagst, Märte?“
+
+„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“
+
+Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.
+
+In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht
+mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die
+Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf
+einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen
+nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen
+möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke!
+Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines
+gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'
+keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts
+fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“
+
+Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst
+denn? Willst schon zur Ruh'?“
+
+„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“
+
+Und weg ist das schmächtige Mädel.
+
+Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre
+Mucken wie die andere!“
+
+Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört,
+zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube
+gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf
+will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.
+
+Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin
+zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die
+Knechtstube aufsucht.
+
+ * * * * *
+
+Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und
+goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen,
+frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres
+Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen
+Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge
+mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich
+gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit
+hängenden Zöpfen.
+
+Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu
+heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu
+genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein
+Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit
+drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch
+immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf
+die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so
+lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“
+
+Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich
+komme gleich nach!“
+
+Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
+Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
+Weibsleuten.
+
+Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor
+vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres
+Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen
+Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer
+und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn
+der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die
+Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr
+vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle
+ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten
+und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle
+nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei
+Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder
+verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen
+hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt
+nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just
+die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes
+verlassen würde.
+
+Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel
+und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.
+Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte
+Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich
+verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung
+schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die
+am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In
+Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige
+versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun
+Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus
+gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt
+feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben
+und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen
+die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes
+überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine
+erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur
+Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine
+Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche
+für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die
+Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo
+die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist
+bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und
+welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen
+Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln
+sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des
+Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in
+vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber
+hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um
+diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in
+deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.
+
+Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
+Klärle mit hochrotem Kopf steht?
+
+Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!
+
+Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das
+zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen
+sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den
+Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der
+Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich
+auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die
+Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung
+und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die
+nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und
+Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein
+Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet
+der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter
+beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend.
+Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der
+Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter
+kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt
+ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.
+
+Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief
+Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im
+Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr
+gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles
+unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:
+„He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer
+gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert
+Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt
+Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den
+Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.
+
+Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt
+davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken
+und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.
+Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers
+zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der
+Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg
+empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle
+gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'
+Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt
+sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter
+künftig sorgsam auszuweichen.
+
+Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu
+sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich,
+weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß
+und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem
+Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar
+nicht zu denken.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der
+Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms
+II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des
+Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der
+Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in
+Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf
+genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis
+der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer
+recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der
+spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese
+Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein
+Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just
+das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher
+die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale
+heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder
+äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen
+habe.
+
+Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte
+Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine
+Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im
+geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige
+Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn
+verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte
+der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und
+deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht
+daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht
+fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da
+versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung
+des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt
+erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,
+wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen
+lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er
+den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich
+zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem
+Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den
+fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch
+das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter
+pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der
+Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er
+den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem
+Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben
+entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen
+freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom
+Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher
+Gottesdienst seinen Anfang nimmt.
+
+Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig
+erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor
+dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten.
+Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet,
+schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die
+Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He,
+Märte, was soll's?“
+
+Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.
+
+„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
+Werktagskleidern?“
+
+„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“
+
+„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
+Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“
+
+Martin starrt Klärle fassungslos an.
+
+„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du
+mich zum Schellenmarkt, verstanden!“
+
+Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den
+Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das
+will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt
+er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit
+offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag
+bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in
+den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem
+Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel
+unterdessen das Haus hüten.
+
+Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu
+überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es
+vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche
+lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem
+Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut
+thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch
+immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!
+
+Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung
+erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute
+hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie
+schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn
+er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,
+dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat
+mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,
+ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf
+den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom
+Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.
+
+„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“
+
+„Eben deswegen thue ich's!“
+
+„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein
+Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,
+das beste Geläut zu besitzen!“
+
+„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich
+ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“
+
+„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen
+handelnd!“
+
+„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“
+
+Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
+Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He!
+Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
+Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll
+'s Geläut dann beieinander sein.“
+
+Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf
+zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die
+Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten
+ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet
+und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die
+Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die
+Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser,
+und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde.
+Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber
+bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei
+Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten
+Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen
+gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen
+bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,
+denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.
+
+Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe.
+Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand
+verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“
+
+Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit
+Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu
+vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend
+schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer
+sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt
+beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er
+blau im Gesicht wird.
+
+Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
+Butterspätzlen!“
+
+Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
+Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.
+
+ * * * * *
+
+So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,
+Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und
+Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen
+Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,
+Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der
+Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum
+„Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus
+zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze
+und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen,
+Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge
+typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt,
+trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter
+begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende
+Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den
+„Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann
+neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher,
+Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von
+den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen
+sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf
+der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die
+Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr
+durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das
+Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er
+den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen
+probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein
+größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt
+über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,
+kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein
+Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein
+Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch
+vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein
+Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen
+und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln
+und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf
+Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.
+
+In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut,
+taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,
+nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem
+„Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen
+suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld
+überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der
+Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge
+schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und
+dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß
+eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen
+wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die
+Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich
+weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut
+es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,
+und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor
+einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom
+Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie
+ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel
+eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“
+
+Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf,
+und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in
+Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“
+
+Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die
+nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von
+einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich.
+Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös
+gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele
+von dir war' mir lieber!“
+
+Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für
+so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von
+mir!“
+
+„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh
+manierlicher um mit den Leuten!“
+
+„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser
+einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“
+
+„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge
+brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:
+
+ Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
+ Schneidet ab den Leuten die Ehr':
+ So bleib denn fürder: _Giftklärle_,
+ Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“
+
+Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:
+„_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in
+dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen
+für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu
+Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt
+dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt
+allenthalben übers „giftige Giftklärle“.
+
+Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge,
+die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem
+Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu.
+Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige
+Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf
+dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die
+Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im
+richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber
+nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu
+bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die
+Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der
+Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch
+sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den
+Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“
+
+Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts
+wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung
+für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den
+Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus
+und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“
+
+„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die
+Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird
+beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,
+saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden
+des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher
+Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer
+Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen
+selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die
+Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf
+württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die
+Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das
+Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem
+Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen
+die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen
+Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im
+Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen
+Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und
+Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der
+Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile
+beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt
+er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,
+packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust
+vom Kampfplatz weg.
+
+Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,
+bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und
+führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den
+kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen
+jammernden Hirten tröstend und beruhigend.
+
+Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten
+Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger
+auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen!
+Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und
+fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der
+Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt
+friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den
+verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen
+Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.
+
+ * * * * *
+
+Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf
+einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine
+ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht
+grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und
+sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten
+Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß
+sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in
+Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen
+Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer
+Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke
+eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem
+schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls
+bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher
+durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde
+nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und
+bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte
+für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust
+seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich
+die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern
+heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach-
+und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben
+fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo
+es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für
+Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche
+Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen
+weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank
+oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten
+einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte
+Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den
+kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame
+Hütte.
+
+Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den
+Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen,
+majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes
+Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst
+der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein
+lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt
+zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von
+der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und
+bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm,
+in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.
+Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der
+alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen
+boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme
+Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören
+bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft
+erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,
+verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und
+schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat
+die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so
+daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein
+nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch,
+wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager
+aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des
+Moserkopfes.
+
+Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins
+Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das
+geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch
+ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie
+verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und
+unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die
+schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr
+hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine
+Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder
+mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie
+sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der
+hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort
+zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es
+krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn,
+Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,
+wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es
+denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu
+behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?
+Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten
+können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst
+bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie,
+daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden
+werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal
+Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?
+Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof?
+Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam
+und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und
+dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und
+dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt,
+verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der
+Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des
+ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem
+Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am
+heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen,
+geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!
+
+Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
+Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.
+
+„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur
+Liese.
+
+„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt
+teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht
+fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“
+
+Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.
+
+„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
+Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
+Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“
+
+„Mir kann niemand mehr helfen!“
+
+„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“
+
+„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im
+Thale und unter den Leuten!“
+
+„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“
+
+Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft
+das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre
+Knochenhand auf den Scheitel Klärles.
+
+„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so
+schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“
+
+Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.
+Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst
+damit doch nicht sagen wollen, daß —“
+
+Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes
+den üblen Beinamen loswerden wirst!“
+
+Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar
+den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf
+angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“
+
+„Ja, den Kaspar!“
+
+Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den,
+nein, niemals, lieber sterben!“
+
+„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
+Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
+noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
+Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“
+
+Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren
+Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den
+ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der
+Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz
+und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen
+durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin
+„geläutert“ worden!“
+
+„Du?“
+
+„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible,
+das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,
+das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter
+gegeben hat!“
+
+„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“
+
+„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal
+der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre
+denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig
+Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten
+guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen
+Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust,
+so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir,
+einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu
+quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte,
+treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein
+war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie
+vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende
+Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer
+zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich
+mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor
+Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,
+stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich
+lachend hinwegführen“.
+
+„Wie sagst, Liese?“
+
+Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche
+ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in
+meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,
+höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der
+Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen....
+Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist
+fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich,
+die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich
+den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend,
+dessen Spur in die Fremde“.
+
+„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“
+
+„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu
+pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen
+aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann
+versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,
+nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose
+Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich
+fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe
+gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine
+furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend
+kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,
+schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen
+hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die
+„Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke
+jeglichen Tag!“
+
+„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“
+
+„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose
+Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich
+büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht
+anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die
+Seele!“
+
+Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die
+dürren Finger an die feuchten Augen.
+
+Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was
+mußt du gelitten haben, Liese!“
+
+Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,
+tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des
+Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe.
+Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr
+dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt
+die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den
+Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit
+einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.
+
+ * * * * *
+
+Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert
+im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein
+und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die
+Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher
+beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die
+Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut
+ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab,
+verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,
+taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der
+Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für
+eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.
+
+Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte
+gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und
+schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt
+Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick
+des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt
+und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei
+der Kräuterliese im finsteren Wald!“
+
+Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen;
+unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt
+das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,
+es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie
+stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will
+er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er
+sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein
+Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt
+verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert
+Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher
+hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“
+
+Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will
+ich holen von der Kräuterliese!“
+
+„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“
+
+Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts
+als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die
+Liese helfen mit einem Tränklein!“
+
+Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz.
+Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder
+da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen
+Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den
+Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber
+gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“
+
+„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter
+nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune!
+He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet
+stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des
+Zornes zurückdrängt.
+
+Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom
+Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte
+geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch
+eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen
+im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese
+augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der
+alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute
+Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff
+holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht
+selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er
+wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst!
+Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren
+seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid
+lästige Leute!“
+
+Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den
+Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber
+meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber
+schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die
+Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter
+spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz
+vergessend.
+
+Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf
+Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person
+giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher
+Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und
+du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“
+
+„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“
+
+„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem
+Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du
+wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der
+Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz
+recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen!
+Verdienst es nicht anders.“
+
+Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.
+
+„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar
+schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als
+du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu
+schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der
+„Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders
+kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem
+Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!
+Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf
+deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht
+mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto
+besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur
+Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“
+
+„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.
+
+„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“
+
+Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.
+Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug
+erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die
+Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht
+das Mädchen von dannen.
+
+Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser
+Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge
+Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür
+gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert
+Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz
+im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich
+Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu
+inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer
+Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender
+Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht
+und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut.
+Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb
+mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“
+
+Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede
+soll dir werden, Kind!“
+
+Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr
+in die Wangen.
+
+„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“
+
+„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“
+
+„Was soll's —?“
+
+„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor
+der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“
+
+„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“
+
+„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir
+gewendet —“
+
+„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß
+ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“
+
+„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“
+
+„Doch!“
+
+„Wie?“
+
+„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du
+Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine
+Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden
+Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit
+und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann
+dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,
+und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“
+Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle
+zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und
+haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie
+Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen,
+indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts.
+Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,
+nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr
+allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die
+Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender
+Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem
+Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht
+das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das
+wohlthut!
+
+Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
+Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
+hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
+Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
+Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
+Hand über die Augen.
+
+Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich
+verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will
+dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“
+
+Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein
+verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten
+huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken
+Lippen beben.
+
+„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.
+
+„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und
+küßt abermals die Hand des Vaters.
+
+„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und
+lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden
+Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen
+herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war,
+was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.
+
+Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin
+ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“
+
+„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder
+gut werden!“
+
+Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der
+Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier
+zärtlich Klärle.
+
+Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche
+Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei
+es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.
+
+Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
+Einsturz.
+
+Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle
+der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger
+ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da,
+und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“
+
+Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz
+verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
+Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer
+Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.
+
+Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt
+ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich
+hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel
+retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.
+
+Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“
+
+„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück.
+
+Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum.
+Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt
+geworden.
+
+Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken.
+„Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter.
+
+Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die
+Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest
+überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und
+den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und
+Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten
+verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung
+gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder
+unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es
+besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der
+Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es
+nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis,
+daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch
+das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.
+
+„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht
+nötig!“
+
+„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur
+Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich
+verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“
+
+„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“
+
+„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“
+schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen
+Händen.
+
+Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“
+
+Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in
+ihrer Kammer ein.
+
+Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
+Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
+verstehen wird.
+
+ * * * * *
+
+Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
+leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
+ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe
+ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen,
+nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres
+scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle
+sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten
+Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
+entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die
+ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem
+Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
+ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile
+im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle
+allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am
+nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
+
+Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer
+will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“
+
+„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber,
+wenn du nicht anwesend wärest!“
+
+„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“
+
+„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
+hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
+Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt,
+daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“
+
+Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
+Näharbeit herab.
+
+Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa
+siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
+rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend.
+Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die
+Klärle?“
+
+„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“
+
+„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es
+aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“
+
+„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
+aus der Küche zum Botenlohn geben!“
+
+„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und
+springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
+
+Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den
+Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei
+entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und
+zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen
+lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“
+
+„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint
+trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
+
+„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen
+die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So
+steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
+werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
+Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“
+
+„Klärle!“
+
+„Was willst Vater?“
+
+„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“
+
+„An was?“
+
+„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“
+
+Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
+
+ * * * * *
+
+Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte
+erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
+soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
+fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's?
+Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
+Neugier um?“
+
+„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“
+erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
+Hand.
+
+Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
+andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den
+Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt
+der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm
+aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem
+Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
+zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
+nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
+Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
+Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
+hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
+so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das
+Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für
+menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie
+der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
+einander!“
+
+Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt
+sodann die heilige Handlung am Altare fort.
+
+Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
+Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die
+Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend
+aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
+humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
+aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon
+noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die
+„Stichelei“ ein Ende machen wird.
+
+„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer
+und begiebt sich in sein Haus.
+
+Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
+wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei
+gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
+gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet,
+hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle
+eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger
+Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
+
+„Grüß Gott, Klärle!“
+
+„Grüß Gott, Vater!“
+
+„Maidle, der Herr Pfarrer —“
+
+„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“
+
+„Du weißt schon?“
+
+„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
+wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte
+eine große Bitte an dich!“
+
+„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen
+erweisen kann!“
+
+„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“
+
+„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll
+ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“
+
+„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
+Jörgenmichel dazu, daß er —“
+
+Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
+Ohr.
+
+„Willst du nicht, Vater?“
+
+„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm
+gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was
+Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt
+mich stehen!“
+
+Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater
+humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört
+nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt
+sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
+Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie
+verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt,
+rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
+jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß
+Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber,
+wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß
+sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
+der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu
+hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
+Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum
+Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
+Jörgenmichelhof führt.
+
+Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen,
+es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
+
+Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
+Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
+darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
+Thür im Flötz.
+
+Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
+Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich
+klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus
+der Kehle: „Oha!“
+
+Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
+Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener
+Person!“
+
+Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause,
+Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
+Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“
+
+„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch
+aufwarten?“
+
+„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“
+
+„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht
+schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“
+
+Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
+erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
+
+„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“
+
+„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“
+
+Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
+Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er,
+daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die
+Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt,
+jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu
+bekommen.
+
+Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“
+
+„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“
+
+„Hm!“
+
+„Was meinst, Gifter?“
+
+„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als
+‚Gegengift‘!“
+
+„Ah! Und hat sie's genommen?“
+
+„Fuchsteufelswild ist 's worden!“
+
+„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu
+nehmen!“
+
+„Ah, hast es gar schon verkostet!“
+
+„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“
+
+„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“
+
+Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt
+zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.
+
+Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst
+vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas
+friedsameren Blutes geworden sein —“
+
+„Ich, wieso?“
+
+„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der
+Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“
+
+„Schickt dich Klärle?“
+
+„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“
+
+„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem
+Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein
+Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so
+lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon
+selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir
+nicht im Schwarzwald!“
+
+„Kruzitürken!“
+
+„Wie meinst, Gifter!“
+
+„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“
+
+„Warum bist denn zu mir 'kommen?“
+
+„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus,
+vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“
+
+„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
+Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“
+
+Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein
+Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie
+die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und
+dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um
+'s andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
+
+ * * * * *
+
+Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des
+Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen
+Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in
+Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,
+schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht
+der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen
+noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit
+des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der
+Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten
+Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder
+großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die
+Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt
+Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles
+Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für
+die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem
+überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt
+stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die
+Straße entlang.
+
+Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen
+Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in
+welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler
+sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst
+der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen
+Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich
+im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen
+und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die
+Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände
+&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht
+gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;
+Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und
+Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß
+sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die
+Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft
+und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher
+stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen
+unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen,
+giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und
+Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale
+getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der
+Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der
+Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe.
+Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den
+linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit
+'m Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus
+vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine
+Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen
+sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars
+mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter
+nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen
+Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig
+wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle
+„Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit
+nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der
+Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was
+absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht
+doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber
+die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große
+Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
+
+Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward
+ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf
+und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein
+hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein
+Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos
+vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum
+auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie
+angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie
+tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er
+wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich
+geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,
+daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der
+erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte
+Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den
+Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat,
+fühlt er sich nicht sicher.
+
+Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn
+glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“
+
+Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme
+bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir
+einen Gruß?!“
+
+Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar!
+Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“
+
+Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann,
+thue ich für dich!“
+
+„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir
+weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am
+liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.
+
+„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“
+
+„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“
+
+„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja
+gar nimmer bös'?“
+
+Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die
+Häubchenbänder flattern.
+
+„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“
+
+Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:
+„Nimmer dieses Wort?“
+
+„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch
+ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“
+
+„Kaspar!“
+
+„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“
+
+„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich
+überglücklich umschlungen.
+
+Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher
+spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen
+Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor
+Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in
+den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer
+Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'
+er wie die Gebirgler schuhplatteln.
+
+Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf
+und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der
+Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die
+Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob
+das Gegengift gründlich gewirkt habe.
+
+„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor
+Rührung weinende Kräuterliese.
+
+Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres
+Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im
+Jörgenmicheleshof aufziehen könne.
+
+Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter
+stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um
+Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.
+
+Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt
+sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und
+droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines
+Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die
+Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“
+
+Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He,
+Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“
+
+Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich
+endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre
+Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun
+stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt
+ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre
+Kosten zu kaufen.
+
+Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im
+guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.
+
+
+Fußnoten:
+
+[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern
+begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten
+Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.
+
+[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß
+ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der
+Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen
+Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt
+ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den
+württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner
+Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von
+badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere
+Ausschreitungen.
+
+
+
+
+Der Pelagier
+
+
+
+
+Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der
+sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und
+Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk
+über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
+ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die
+Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
+fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des
+brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst
+einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
+Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
+paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
+Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
+des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
+sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
+hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
+Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
+Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein
+nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der
+württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III.,
+der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert
+Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
+stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
+verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein
+Zufriedenheit gedeiht.
+
+Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
+wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt
+der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit
+einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte
+graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
+Erde kommen soll.
+
+Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der
+sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber
+und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
+Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
+etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel
+heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
+
+Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach
+Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines
+galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
+schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der
+Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß'
+ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
+Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der
+Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier
+aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
+seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben
+demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die
+Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige
+Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
+den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
+stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
+sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
+gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
+Last seines Karrens.
+
+„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
+sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
+
+Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend,
+so daß deren Antlitz sichtbar wird:
+
+„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
+zum Beinhaus!“
+
+„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
+dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
+Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
+Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“
+
+„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der
+Hörige.
+
+„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist
+verfallen durch den Tod des Eheweibes!“
+
+„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“
+
+„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
+Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
+Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
+Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“
+
+Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
+
+Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine
+Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
+Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn.
+Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
+und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu
+den beneidenswerten freien Leuten!
+
+Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
+Waldesgruß an die Tote? — — —
+
+ * * * * *
+
+Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der
+wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
+Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als
+sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen
+Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
+den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
+wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
+Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom
+Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
+weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der
+stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
+Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
+daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte
+auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
+Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
+sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in
+patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die
+Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
+
+Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
+Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer
+er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
+Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
+Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum
+vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt
+indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen
+an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein
+Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
+Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in
+den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der
+späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im
+Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten
+Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt,
+Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
+durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
+klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom
+Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
+mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen.
+Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind
+hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd
+durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür
+wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
+bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält
+Totenwache durch die schaurige Nacht.
+
+ * * * * *
+
+Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
+Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
+rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
+Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
+Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
+
+Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
+schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der
+Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend
+ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“
+
+Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
+fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das
+schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein
+Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
+der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen.
+Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den
+gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner
+doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
+preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.
+
+In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
+Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
+zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
+Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
+Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.
+
+„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P.
+Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er
+sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“
+
+Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
+„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“
+
+„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
+unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
+heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die
+Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“
+
+Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was
+lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
+Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
+Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
+taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch
+werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“
+
+„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“
+
+„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
+körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
+überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
+und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig
+eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit
+ihren wilden Landsknechten.“
+
+„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
+dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“
+
+„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
+Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
+Wallenstein!“
+
+„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“
+
+„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
+Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
+Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“
+
+„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“
+
+„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem
+Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt
+war.“
+
+„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
+Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch
+Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297
+Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt
+und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
+meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
+darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die
+Waffengewalt sprach für uns!“
+
+„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
+württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und
+eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
+Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder
+Nationen! Es ist ein Greuel!“
+
+„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“
+
+„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
+Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“
+
+„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
+Kirche erkauft werden soll?!“
+
+„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach
+wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“
+
+„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
+hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
+Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
+Alpirsbacher Herrschaft gehören?“
+
+„Gotthard vermeldet dies!“
+
+„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“
+
+„So meldet Gotthard!“
+
+„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
+dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere
+Kirche!“
+
+„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
+Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
+ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
+Milde und Güte, Herr!“
+
+„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
+Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
+ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“
+
+„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
+werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“
+
+„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“
+
+„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard
+heimkehrt in sein Land!“
+
+„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“
+
+„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
+freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“
+
+„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
+möchte dennoch württembergisch werden?“
+
+Der greise Konventuale seufzt und schweigt.
+
+„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als
+der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
+handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und
+strafen!“
+
+P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann
+gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
+Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar
+mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die
+Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten
+eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
+den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
+Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
+Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant
+eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
+geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
+gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden,
+ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach,
+daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
+Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
+den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot
+der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.
+
+ * * * * *
+
+Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster
+schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt,
+grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die
+Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen
+Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium
+versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
+Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
+aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht,
+und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt
+zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr
+beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
+wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
+Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und
+schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
+mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“
+
+Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“
+
+„Ein Sendbote ist da!“
+
+„Von wem gesandt?“
+
+„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“
+
+Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine
+Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
+Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
+von Ehlenbogen.
+
+Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein,
+indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.
+
+Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches
+stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.
+Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so
+rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu
+verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster
+opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt
+Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die
+Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man
+ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen
+ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen
+und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem
+Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag
+nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht
+rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen
+Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts
+Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:
+„Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben
+beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die
+Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron
+d'Oisonville in Breisach! Georg.“
+
+Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz
+aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein
+Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich!
+Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß!
+Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus
+gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten
+bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen
+leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein
+zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht
+so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der
+Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das
+deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im
+schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende
+österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit
+Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben,
+und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der
+exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er
+wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die
+Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen
+ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben
+und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf
+sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf
+er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen
+Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben
+hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt
+Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist
+es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein
+Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des
+Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein.
+Sein Scepter bedeutet das Ende....
+
+Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
+Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
+Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
+Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
+gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
+Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
+Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!
+
+Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament
+und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in
+unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet
+bald darauf der Bote ab.
+
+Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in
+der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes
+vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig
+fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich,
+du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst
+du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!
+So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“
+Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben
+und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter
+kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter
+Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde
+alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein
+Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche
+Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem
+Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten
+verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es,
+solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn
+alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die
+Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der
+alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner
+zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,
+ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig
+verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man
+ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen!
+Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit,
+auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.
+
+Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen,
+dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet
+für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier
+und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für
+die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich
+auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster
+glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende
+Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz
+krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes
+birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den
+Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen
+durch sanftes Rauschen.
+
+Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
+Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.
+
+„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der
+Pelagier.
+
+„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn
+es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“
+
+Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die
+Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit
+der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb
+starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große
+Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.
+
+ * * * * *
+
+Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die
+Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz
+drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so
+hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein
+jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist
+und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der
+Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein
+Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob
+es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!
+
+Frei sein; wie das herrlich sein müßte!
+
+Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine
+starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem
+berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier
+auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn
+zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht
+Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte
+Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd
+heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine
+Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein
+Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der
+plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der
+Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen
+die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von
+diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist
+in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die
+Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott,
+Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren
+als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell
+jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in
+rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?
+Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die
+Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig
+sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden
+Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern.
+Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer
+finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die
+Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch
+schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt
+es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen
+mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden
+könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen
+durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt,
+seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.
+
+Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,
+wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen
+stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus
+laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet
+euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.
+Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die
+Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung
+macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.
+
+Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen
+rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier
+bleiben können!“
+
+„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren
+sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.
+
+„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut
+empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten
+Quartier geben!“
+
+„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“
+
+„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“
+
+Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des
+Hörigen.
+
+„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“
+
+„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein
+deutscher Abt?“
+
+Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:
+„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den
+Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
+einzuquartieren! Fort mit dir!“
+
+Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein
+armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das
+Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn
+vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze
+herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem
+Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem
+Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen
+Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische
+Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend
+und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.
+
+Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der
+Abt?“
+
+„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“
+
+„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“
+
+„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen,
+und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen
+und beherbergen.“
+
+„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht
+glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte
+Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.
+
+Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz
+nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein
+Gebet für die Tote zu verrichten.
+
+Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um
+dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur
+Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche
+ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und
+das fremde Kriegsvolk gerufen!
+
+Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein,
+begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine
+Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt
+sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem
+harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das
+ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich
+immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und
+Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den
+Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.
+
+„Sacre bleu, avant!“
+
+Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in
+eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.
+
+Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur
+erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine
+Soldaten und schwätzt weiter.
+
+Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.
+Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst
+wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache
+aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.
+
+Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur
+Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran,
+schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt
+ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.
+
+Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums:
+die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich
+durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf
+Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im
+Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert
+frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie
+die Mauern.
+
+Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche
+und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich
+zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite
+gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien
+herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt
+die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch
+nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.
+
+Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder,
+aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich
+den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“
+und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem
+Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden
+zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die
+Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.
+Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein
+und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.
+
+Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei
+Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des
+Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut
+deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die
+Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle
+Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem
+„Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt
+selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard
+dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten
+untergebracht werden solle.
+
+Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller
+Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles
+sorgen muß!“
+
+Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle,
+daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort
+Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der
+Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den
+Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort
+erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung
+persönlich zu überwachen.
+
+Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen
+wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene
+Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und
+Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch
+sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in
+welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das
+Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann
+nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von
+dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten
+Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum
+Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher
+kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder
+Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.
+
+Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer
+Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer
+auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.
+
+ * * * * *
+
+Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei
+Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren
+Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch
+das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um
+selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt
+er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen
+Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete
+Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten
+und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich
+im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer
+gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.
+
+Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück
+und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so
+wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den
+wüsten Scenen.
+
+Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der
+Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters
+und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige
+Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen,
+zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht
+hat.
+
+Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er
+völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten
+Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und
+nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich
+auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen,
+heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt
+hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem
+ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim
+Würfelspiel.
+
+Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel!
+Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren
+immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie
+einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons
+die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat
+nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so
+stillfriedlichen Kloster?! —
+
+Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest
+pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den
+Kapitän zu.
+
+Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,
+halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des
+Klostervorstandes.
+
+Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge
+draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.
+
+Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme
+à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den
+Spielern.
+
+Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,
+Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
+Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
+Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“
+
+Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter
+höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de
+Alpirsbak sein ik! Bon soir!“
+
+Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert
+stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und
+würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres
+noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,
+überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der
+Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur
+Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze
+Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen
+die Herrschaft über Alpirsbach!
+
+Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die
+verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und
+Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren
+in ihre Gemächer zu führen.
+
+ * * * * *
+
+Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet
+verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu
+verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind
+da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.
+Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in
+Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die
+finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus
+deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste
+ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und
+all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt
+selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von
+Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die
+Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische
+Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch
+nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch
+jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...
+
+Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen
+Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und
+brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei
+Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und
+machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt
+der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen
+die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!
+
+Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend
+und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in
+seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der
+Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.
+
+„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise
+das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des
+Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
+Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und
+Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer
+Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die
+Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der
+Herbstnacht in den Tann.
+
+Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und
+Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze
+Rufe bei Ablösung derselben.
+
+In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den
+unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für
+das Kloster anflehend....
+
+ * * * * *
+
+In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen
+frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über
+den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu
+erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt
+Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu
+requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein
+bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um
+Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der
+Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof
+wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen
+den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des
+erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus
+Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen
+los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes
+Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch
+den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere
+notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den
+Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die
+Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend
+und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef
+Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des
+ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem
+unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann
+abgeschickt, den Abt herabzuholen.
+
+Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges
+folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß
+deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche
+und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede
+Waffe verantwortlich sei.
+
+Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
+Kommandeurs nicht verstanden.
+
+„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins
+par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann
+cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“
+
+Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der
+Unthat!“
+
+Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus
+tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die
+verhängte Kontribution sofort einzukassieren.
+
+ * * * * *
+
+Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die
+Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller,
+immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die
+gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der
+Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den
+Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer
+neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.
+
+So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit
+Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue
+Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise
+Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel
+verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach
+Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt
+Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die
+Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons
+giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders
+wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere
+zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den
+unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung
+dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum
+Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der
+Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung
+seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des
+Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach
+Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber
+kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt
+es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden
+muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so
+schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu
+rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu
+werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist
+sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem
+Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist
+unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen
+trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus
+übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene
+Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater
+Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen
+Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von
+der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg
+dazu sicher finden werde.
+
+Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in
+anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie
+durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen
+an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den
+Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh
+wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb
+es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre
+Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins
+Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den
+Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie
+zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen
+Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken
+ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld
+vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen,
+und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne
+gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den
+Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am
+lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer
+Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes
+Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde,
+wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft
+werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,
+vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der
+Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch
+dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den
+Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr
+sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die
+Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen
+Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts
+mehr wegschleppen konnten.
+
+Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung
+unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser
+gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut
+zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der
+von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald
+schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener
+Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen
+niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des
+Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des
+Aufstandes.
+
+ * * * * *
+
+Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau
+verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der
+Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren
+Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das
+Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,
+dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur
+wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die
+Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen
+Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde
+geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige
+Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die
+Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße,
+doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer
+mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß
+er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen
+sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße
+veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von
+Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger
+Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins
+Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen.
+Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner
+Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?
+Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken
+die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt
+springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an
+und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und
+schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul
+des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen
+Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm
+schützend Geleit zu geben.
+
+Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam
+sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.
+
+Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder
+schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt
+zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und
+Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das
+Geleite verjagt!
+
+„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“
+
+Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht
+Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu
+schützen!“
+
+„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“
+
+„Es galt Euer Leben zu retten!“
+
+„Wie, was?“
+
+„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“
+
+„Wo sind die Musketiere?“
+
+Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit
+dem Arm nach rückwärts.
+
+„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“
+
+„Bis auf einen, ja!“
+
+„Bis auf einen — was soll das heißen?“
+
+„Der eine küßt den Erdboden!“
+
+„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“
+
+„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
+Meuchler!“
+
+„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“
+
+„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul
+schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“
+
+„Bist du toll?!“
+
+„Nein! Gottlob ist's gelungen!“
+
+„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?
+Meine Schutzbegleitung — —?!“
+
+„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“
+
+Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm
+steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er
+das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die
+Franzosen wollten mir ans Leben?“
+
+Euseb nickt.
+
+„Aber weshalb?“
+
+„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“
+
+„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich
+berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!
+Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“
+
+Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul
+herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube
+nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“
+
+Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt
+das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“
+
+Alphons seufzt.
+
+Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die
+Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“
+
+„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“
+
+„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem
+langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich
+das Haupt tiefer sinken läßt.
+
+Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg
+südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen
+sie, baldigst und für immer!“
+
+„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich
+keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem
+Hörigen auszusprechen.
+
+„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“
+
+„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es
+hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“
+
+„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“
+
+„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster
+bringen wird!“
+
+„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger
+fortzubringen —“
+
+„Wieso ich?“
+
+„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“
+
+„Wie, du weißt —“
+
+„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet,
+denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“
+
+„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und
+dem General den Schutz kündigen!“
+
+„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“
+
+Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die
+vierjährige Schutzfrist.
+
+„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine
+bestimmte Zeitdauer?“
+
+Alphons nickt betrübt.
+
+„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
+Bluthunde los!“
+
+„Das kostet schweres Geld — —“
+
+„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde
+gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb
+trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.
+
+ * * * * *
+
+Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,
+als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die
+Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und
+Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren
+mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer
+einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen
+gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten
+Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche
+sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder
+zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt,
+gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den
+Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare
+Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die
+Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder
+weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm.
+Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten
+unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird
+zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft,
+ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen
+Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur
+ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige
+Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier
+und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen
+suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder
+gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt
+und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die
+Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen
+Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und
+Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.
+
+In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den
+Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die
+Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die
+Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen
+den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so
+daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten
+auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und
+Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann,
+gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd
+haben.
+
+Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere
+verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur
+Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht
+nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu
+beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen
+sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der
+alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.
+
+ * * * * *
+
+Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen
+erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort
+den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,
+und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen
+im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul
+herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat
+das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt,
+auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der
+bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was
+dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast
+überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod
+seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen
+Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker
+gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes
+dazu!“
+
+Der Hörige schüttelt den Kopf.
+
+„Wie, du verschmähst die Gabe?“
+
+„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh
+jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht
+betreuen.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“
+
+„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“
+
+„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“
+
+„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
+Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“
+
+„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“
+
+Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und
+dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“
+
+Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln
+seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter
+Eberhard!“
+
+Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den
+Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.
+
+„Was ist's, droht uns Gefahr?“
+
+Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,
+seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu
+Württemberg!“
+
+Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im
+Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf
+schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich
+aufspritzt.
+
+Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster
+steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die
+Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.
+Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer
+ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen,
+die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei
+beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig
+um Hilfe.
+
+Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
+Weichen und rast dem Kloster zu.
+
+Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den
+brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren
+den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die
+lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den
+Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein,
+Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und
+Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.
+
+Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der
+Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die
+Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde
+Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen
+drüber.
+
+Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,
+zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
+Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt
+Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.
+
+Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,
+brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem
+Württemberger Herzog schützen sollen.
+
+Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran.
+Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl
+des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung.
+Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der
+brennenden Häuser.
+
+Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde
+erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden
+habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des
+Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen
+lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier
+fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster
+schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.
+
+Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.
+
+Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen
+mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein
+beleuchtend.
+
+Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der
+ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in
+den Häusern der geflohenen Unterthanen.
+
+Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,
+und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der
+schrecklichen Schweden harrend.
+
+Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen
+Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren
+im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger
+und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die
+Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren
+Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die
+Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft
+sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und
+stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht
+bewaffnet, der Musketiere.
+
+Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und
+dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße
+sich dicht zusammenschließen müssen.
+
+Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,
+an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und
+Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,
+Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,
+Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die
+Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus
+aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur
+Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts
+zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine
+Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln
+Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen
+Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere
+vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die
+Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl
+ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten
+ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter
+Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach
+jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein
+Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die
+Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet
+gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen
+der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten
+Feinde aufs Korn genommen werden können.
+
+Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die
+Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel
+ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen
+gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.
+
+Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
+Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
+liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
+Gnadenhieb auf den Kopf.
+
+Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen
+Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual
+und Not ist gethan. — — —
+
+ * * * * *
+
+Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde
+verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und
+Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder
+zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und
+heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische
+Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des
+Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der
+Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der
+Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe
+Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt
+habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog
+überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle.
+Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die
+Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.
+
+Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg
+fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das
+Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von
+Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus
+einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche
+vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften
+in derartigem Umfange erworben hatte.
+
+Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,
+die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die
+Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu
+beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu
+ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig
+Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den
+welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine
+Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt.
+Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der
+liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe
+und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,
+versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her
+überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert
+werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an
+Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom
+Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte
+Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.
+
+Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem
+Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom
+Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen
+dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift
+an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll
+das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die
+Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet.
+„Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich
+zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder
+Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist
+hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem
+Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und
+nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“
+
+Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem
+westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard
+Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von
+Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne
+netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift
+hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung
+zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies
+dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“
+
+Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die
+trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche
+Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und
+wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der
+Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.
+
+Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen
+die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung
+keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang
+die Freiheit blühen könnte.
+
+So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
+Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer
+Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind
+über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs
+Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz
+nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.
+
+Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen
+Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den
+Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster
+kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor
+das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der
+Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.
+
+Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,
+der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr
+selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.
+Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.
+
+Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt
+verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene
+Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und
+führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem
+Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur
+Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den
+Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer
+und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner
+Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor
+der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein
+Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf
+diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und
+tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat
+zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr
+des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote
+Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten
+Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe
+jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs
+Herrscher aufzufordern.“
+
+Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,
+es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem
+protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der
+Gewalt!“
+
+Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier
+ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner
+Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,
+sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“
+
+Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es
+ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend
+spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich
+protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“
+
+„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern,
+den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das
+unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß
+Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und
+Alpirsbach muß württembergisch werden!“
+
+„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“
+
+„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl
+inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“
+
+Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem
+Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf
+kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der
+herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft
+vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.
+
+Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der
+folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische
+versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher
+Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden
+sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von
+Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher
+vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den
+Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen
+auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt
+bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder
+gefahren.
+
+Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen
+kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“
+
+„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt,
+verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.
+
+Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
+Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
+überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf
+Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.
+
+Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen
+gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume
+der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende
+Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk
+zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich
+geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.
+
+Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist
+eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,
+zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die
+Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit
+dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste
+genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel
+verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport
+der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen
+die Wagen nach Rottweil.
+
+Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in
+württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei
+nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das
+Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.
+Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von
+Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann
+dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.
+
+Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen
+Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben
+freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend,
+stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.
+
+Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem
+gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt
+vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd
+durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.
+
+Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal
+gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die
+Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.
+
+Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“
+
+Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche
+und Unterthanen zu schonen.
+
+Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er:
+„Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei
+bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von
+Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster
+ist!“
+
+„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden
+fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und
+Besitz Eigentum Württembergs!“
+
+Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt
+hinaus.
+
+Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre
+Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den
+zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie
+selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der
+Waldheimat.
+
+Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem
+neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter
+Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb
+herangestürmt.
+
+In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
+Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
+Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz
+genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit
+Württemberg Euseb, der Pelagier.
+
+
+Fußnoten:
+
+[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren
+an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und
+Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie
+bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben
+haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden
+sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“
+zu Alpirsbach.
+
+[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt
+von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder
+Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster
+mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene
+Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch
+einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl.
+Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot,
+jedes im Wert von einem Kreuzer.
+
+[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch
+kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den
+Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III.
+gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische
+Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses
+Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit
+Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche
+die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen
+Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute
+vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst
+verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin
+wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis
+gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen
+Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und
+weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen
+unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese
+diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der
+dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und
+Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.
+
+[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den
+Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von
+jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen
+Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den
+10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“)
+
+[22] § 24 Artikel IV.
+
+[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen,
+Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
+Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St.
+Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.
+
+[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur
+Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14105 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Im grünen Tann
+
+Author: Arthur Achleitner
+
+Release Date: November 20, 2004 [EBook #14105]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Im grünen Tann ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+Im grünen Tann
+
+
+Schwarzwaldnovellen
+
+
+von Arthur Achleitner
+
+
+
+
+Berlin
+
+Verein der Bücherfreunde
+
+Schall & Grund
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Die Herzogskerze
+Giftklärle
+Der Pelagier
+
+
+
+
+Die Herzogskerze
+
+
+
+
+Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen
+Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt
+der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die
+wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die
+Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert
+und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist
+dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst
+bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an
+den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und
+häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der
+Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten
+des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen
+Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die
+Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat;
+hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine
+felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und
+verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser
+alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an
+die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie
+Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren
+Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner
+des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose,
+die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack
+und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die
+unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von
+goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen
+herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in
+den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in
+den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und
+unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.
+
+Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das
+Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als
+Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,
+so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen
+Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der
+Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten
+Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke
+entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz.
+Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein
+stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt,
+daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende
+Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die
+morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben
+stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte
+zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst
+grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das
+sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt
+durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die
+eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen
+gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den
+Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn
+und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig
+gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien
+Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier
+knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den
+Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,
+und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand
+wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um
+einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“
+hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu
+kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine
+Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut
+hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit
+mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt
+und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu
+prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner
+Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre
+Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn
+diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die
+Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß
+durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern
+und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte
+anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit
+weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus
+dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als
+wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder
+lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die
+vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an
+die achtig Jahre im Grabe ruht.
+
+In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und
+noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und
+Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg
+bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von
+Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle
+solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst
+ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine
+fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender
+Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu
+befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit
+zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er
+seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und
+zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt
+er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich
+feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel
+um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich
+darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest
+einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften,
+Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.
+Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her,
+unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen
+Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters
+schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.
+Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in
+seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten
+nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane
+Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen
+Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete
+Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von
+einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu
+lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor,
+war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner
+Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger
+hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in
+der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.
+Peter Gottstein.“
+
+Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und
+sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich,
+bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht
+vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle
+wisse bi Gott!“
+
+Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher
+Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick
+des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder
+hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“
+
+„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon
+nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten
+Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie
+das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt
+und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht
+sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke
+Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die
+Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn
+auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde,
+so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten
+Bühler rechnen könne.
+
+Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue
+handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in
+unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“
+
+„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen
+könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche
+bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen
+Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“
+
+„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
+Unglück gebracht in unser Land!“
+
+„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben
+gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht,
+so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der
+Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in
+meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein
+anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein
+heiße!“
+
+„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald
+kommen sollen?“
+
+„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut
+und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate
+werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,
+daraus wird nichts, sag' ich!“
+
+„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“
+
+„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“
+
+„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“
+
+„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die
+letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem
+Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher
+werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot
+steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“
+
+Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht
+ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.
+
+Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes
+blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und
+prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.
+
+Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der
+Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu
+können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,
+ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und
+scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon
+greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf
+geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem
+Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht
+den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf
+erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster
+vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut
+gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt
+wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr
+Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie
+auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem
+Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit
+Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer
+Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des
+Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der
+Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes
+Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem
+Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste
+in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell
+erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug
+und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.
+
+Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den
+Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen
+Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der
+Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten
+hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch
+giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der
+Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.
+
+„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot
+ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen
+machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei
+Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“
+
+Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“
+
+„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“
+
+Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was
+soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler
+respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen
+einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das
+Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher
+zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch
+ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den
+Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter
+hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke
+Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe,
+müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die
+Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und
+Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege
+jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“
+wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom
+Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich
+gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den
+„dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.
+
+Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die
+Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über
+Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn
+ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber
+einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot
+steiget!“
+
+Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr
+verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers
+Sache!“
+
+Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des
+Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor
+sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre
+angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt
+einladet.
+
+Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug
+der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner
+nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu
+bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand
+stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen
+Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der
+Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen
+Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum
+Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach
+ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten,
+der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der
+Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht
+in den Rauchfang aufsteigen.
+
+Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der
+„Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle
+mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den
+Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und
+gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.
+
+Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell
+einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und
+Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und
+flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das
+Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken
+Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär
+gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen
+aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das
+Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur
+Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre
+Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach
+und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse
+herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die
+aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und
+Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten
+vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen
+springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und
+stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen
+Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um
+das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,
+bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein
+der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür
+verschwinden.
+
+ * * * * *
+
+Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken
+sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen,
+und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann
+und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem
+toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten
+auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen
+ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden
+Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht
+schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen
+Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;
+still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen
+Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und
+von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur
+normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst
+kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die
+größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt.
+Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann
+aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in
+schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.
+
+Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten
+Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im
+Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl
+längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit
+Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf
+eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung
+nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das
+frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so
+heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“
+Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab,
+hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem
+Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten
+alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von
+anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte;
+die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und
+Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und
+Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich
+schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten
+ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln
+und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten
+Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um
+das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten,
+zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird
+der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im
+rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im
+gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze
+gerichtet.
+
+Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus
+der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen
+Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“
+
+„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen
+Menschenring.
+
+Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann
+der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur
+Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den
+Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi
+Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da,
+die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach,
+Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“
+
+Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
+Orten.
+
+„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“
+
+„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein
+alter Mann aus dem dritten Ring.
+
+Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der
+Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,
+der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.
+
+Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung
+zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.
+
+Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter
+durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch
+beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und
+spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid
+gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das:
+Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in
+stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich
+und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und
+bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer.
+Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und
+dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal
+mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht
+am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen
+des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“
+
+„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit
+unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich
+aus dem dreifachen Menschenringe.
+
+Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir
+wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns
+zur heiligen Dreifaltigkeit!“
+
+„Ich schwör' es!“
+
+„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer
+sein im heiligen Kampfe. Willst du?“
+
+„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der
+kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in
+der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und
+Gefolgschaft!“
+
+„Wir schwören!“
+
+„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte
+der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im
+stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit,
+dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der
+Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die
+gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir
+müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir
+müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals
+verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die
+Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein
+gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und
+unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser
+ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“
+
+Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen
+zum nächtlichen Himmel.
+
+„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',
+sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit
+wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll
+zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht
+bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht
+der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist
+nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die
+österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser
+Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die
+Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur
+Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,
+Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur
+freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,
+so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die
+kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von
+Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:
+wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen
+Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß
+Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf
+Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,
+die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern
+wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch
+Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts,
+verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir
+hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und
+schweiget, was ihr gehört. Amen!“
+
+Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die
+Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach
+abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl.
+Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als
+die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl
+hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen
+Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz,
+schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee
+deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....
+
+ Winterszit, schweri Zit!
+ Schnee uf alle Berge lit....
+
+ * * * * *
+
+In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine
+Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am
+schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's
+Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und
+ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen
+lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das
+Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der
+stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener
+Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die
+Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und
+weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal
+in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher
+die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig
+und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am
+Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak
+rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben
+oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im
+mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm
+ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und
+rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders
+veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten
+Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die
+alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie
+eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So
+sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat,
+erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die
+Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem
+Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und
+schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und
+zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat
+ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl
+erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die
+Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein
+interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung
+durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,
+war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef
+aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann
+Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen
+Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig
+wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur
+Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni
+legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!
+Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und
+träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget!
+Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,
+du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft
+sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den
+Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers
+sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken
+will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem
+Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef
+rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs
+neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den
+schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“
+da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn
+doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und
+den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der
+verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen
+werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die
+Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte
+Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über
+Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten
+Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in
+seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein
+Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.
+Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber
+vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig
+sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch
+Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß
+eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des
+erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich
+selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen
+heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und
+verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und
+übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte
+unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der
+Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon
+austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib
+verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die
+Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil
+sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger
+Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.
+
+ * * * * *
+
+Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus
+den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des
+Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.
+Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte
+Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die
+Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber
+da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu
+numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du
+gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:
+Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft
+abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in
+der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und
+laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit
+drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen
+zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf
+um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein
+Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle
+dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos
+pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt.
+Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es
+sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in
+Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend
+liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also
+stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo
+die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das
+Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,
+welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in
+Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten
+Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der
+Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den
+Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in
+Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.
+
+Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter
+Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt,
+kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die
+Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“
+und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler.
+So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als
+einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die
+braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein
+badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel
+klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das
+frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's
+lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;
+die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den
+Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün
+neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein
+Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit
+pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen
+die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und
+still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem
+schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des
+leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck
+seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter,
+versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen,
+er hascht nach ihrem Händchen.
+
+Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
+Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“
+
+Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte
+zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im
+Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im
+selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch
+tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet,
+fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“
+
+Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“
+
+Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter,
+indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli
+an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf
+die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im
+Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“
+
+Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch
+verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.
+
+Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli,
+hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“
+
+„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen
+Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das
+Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt,
+so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld
+einstreicht.
+
+„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und
+wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer,
+Heckener, bisch mi letzter!“
+
+„Was isch Trumpf?“
+
+„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“
+
+„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“
+
+„Dunderschiß, hesch du e Glück!“
+
+„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“
+
+„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez
+spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“
+
+„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“
+
+„Chrütz!“
+
+„Gstoche! Hesch wieder verlore!“
+
+„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel.
+
+Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
+Messer.
+
+„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“
+
+„'n Gwinnst will i einkassiere!“
+
+„Mitem Messer?“
+
+„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“
+
+„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble
+faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen
+abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die
+Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und
+Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt
+Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes
+Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt
+prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der
+Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den
+Schwerverletzten ins väterliche Haus.
+
+ * * * * *
+
+Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der
+Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch
+Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus
+„Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das
+verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte
+Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor
+der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der
+Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;
+aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni
+doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann
+gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der
+Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt
+Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der
+Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e
+Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die
+Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und
+auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu
+fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe
+herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf
+Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und
+dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.
+
+Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört,
+vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert
+dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo
+sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten.
+Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des
+oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast
+augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch
+selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran.
+
+In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre
+und fragt den Besucher nach seinem Begehr.
+
+Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In
+arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam
+heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.
+
+Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du,
+Sepli?“
+
+„Ja, ich, no!“
+
+„Wie, du willsch nit?“
+
+„I weisch ja gar nüt!“
+
+„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“
+
+Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung
+erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung
+derselben zu schildern. „Hör zu!“
+
+„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.
+
+„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der
+Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil
+ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die
+zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno
+1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno
+dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest
+wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser
+längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer
+stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der
+Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,
+sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als
+rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren
+und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und
+Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum
+Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing
+die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich
+verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter
+Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der
+Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der
+Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und
+in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,
+der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den
+Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem
+Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte
+Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu
+Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei,
+reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf
+Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht
+auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den
+Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die
+Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen
+Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten
+nicht mit, die feigen Schufte.“
+
+„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein.
+
+„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer
+aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern,
+Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder
+Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging
+nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer
+für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm
+einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's
+thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die
+Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die
+Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen
+Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis
+schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem
+Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die
+Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt
+Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem
+früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann
+stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig
+sein!“
+
+„Ah, ah!“ stammelte Sepli.
+
+„Was seist?“
+
+Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib
+ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch
+veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.
+
+Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen
+Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.
+Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,
+und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen
+Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,
+um das Sepli zu beneiden wäre.
+
+Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und
+davon.
+
+„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen
+mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches
+Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und
+schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur
+heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘!
+Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer
+mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer
+Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und
+Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab
+die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor
+Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei
+kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan
+sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte
+müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald
+Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde
+huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St.
+Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten
+Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten
+Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß
+herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si,
+denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert
+werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen
+ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie
+der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen....“
+
+„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der
+Stirne steht, dazwischen.
+
+„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in
+Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle
+nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte
+seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“
+
+„Das isch ja Raub!“
+
+„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß
+bekämpft were!“
+
+„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“
+
+„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“
+
+„I mag aber nit! I fercht' mi!“
+
+Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf
+zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch
+passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß
+wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.
+
+„Soldaten seist?“
+
+„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem
+(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen
+Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte
+die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten),
+Spießen, Heugabeln und Prügeln.“
+
+„Wer isch hernach 'prügelt wore?“
+
+„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir
+mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au
+minem Papier!“
+
+So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu
+gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt
+sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins
+Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch
+einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre
+herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken
+fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie
+angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was
+sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich
+davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß
+Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom
+Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.
+
+Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,
+weil er schleunigst flüchten müßte.
+
+„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“
+
+Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine
+Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu
+Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.
+
+Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber
+erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit
+Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich
+das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche
+Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das
+Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht
+zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,
+um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu
+geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles
+Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch
+wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf
+die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit
+haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der
+Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel
+schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl
+heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn
+sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach
+Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,
+doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli
+auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem
+Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken
+soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch
+nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und
+die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen.
+Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,
+so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine
+sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht
+wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen
+möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt
+ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus
+verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten
+haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte
+vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe
+gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch
+der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en
+Verdruß!“
+
+Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und
+begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu
+schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer
+betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei
+ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf;
+doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die
+himmlische Grafschaft.
+
+ * * * * *
+
+Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig
+windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein
+Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich
+zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee
+folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über
+die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und
+endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht
+erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an
+die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.
+Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und
+gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer
+Einlaß fordere.
+
+„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt
+öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der
+dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger
+von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?
+Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“
+
+Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli,
+und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich
+durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones
+die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei
+und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.
+
+Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der
+Österreicher gesagt habe.
+
+Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem
+Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst
+gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]
+
+„Was seist?“
+
+„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit,
+ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in
+Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“
+
+Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt
+ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der
+Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen,
+die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die
+Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg
+verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,
+und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die
+Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter
+aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln
+gegeben habe.
+
+Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich
+bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der
+Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,
+hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu
+leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die
+Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf
+losgeschlagen werden soll.
+
+Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des
+Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der
+Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den
+Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber
+Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es
+schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht
+er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.
+
+ * * * * *
+
+War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund
+gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der
+„Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen
+Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen
+Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das
+Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren
+Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte
+sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im
+Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt
+schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht
+erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.
+
+Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den
+Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends
+auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,
+blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd
+folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus
+dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not.
+Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine
+Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit
+bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband
+auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des
+Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem
+Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber
+der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das
+Gericht soll eingreifen.
+
+Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken,
+auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden
+solle?
+
+Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch
+nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,
+so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den
+Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.
+
+„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt.
+
+„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“
+
+„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's
+schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das
+Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er
+den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen
+fragt, wie es mit Michel stünde.
+
+Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust
+legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren
+rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.
+
+Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt
+schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen.
+Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und
+bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.
+
+Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille
+Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
+Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
+das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?
+
+Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre
+hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli
+nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört
+den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu
+pflegen und zu warten.
+
+Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu
+bedeuten hat.
+
+Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit
+gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli
+von dem Unglück weiß!
+
+Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
+Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
+nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und
+Schrecken.
+
+Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas
+auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und
+Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli
+wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die
+Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe
+gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will
+davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die
+Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in
+bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel
+liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und
+im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß
+sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann
+wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.
+
+Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das
+Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein
+Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm
+geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti
+nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide
+begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger
+Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des
+Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt
+zurück. Welch' ein Glück!
+
+Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe
+Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und
+machet ihn wieder gesund!“
+
+„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt
+im Hause des Biberhannes.
+
+In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele
+versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber
+mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank
+eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte
+Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres
+Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel
+selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,
+doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und
+wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles
+Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch
+Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt
+wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald
+der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und
+heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen
+im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des
+heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist
+überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.
+
+ * * * * *
+
+So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im
+Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen
+sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen
+warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht
+eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der
+Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,
+als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht
+Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter
+verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen
+Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den
+„Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser
+Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend
+fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.
+
+Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf
+Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
+Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.
+
+Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet
+sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.
+
+Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins
+Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof
+und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“
+
+„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten
+aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“
+
+„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“
+
+Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und
+der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch
+das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen
+kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der
+Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er
+auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte
+Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen
+hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das
+Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur
+schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein
+Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein
+Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb
+fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig
+rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder
+um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil
+der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus
+zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf,
+nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor
+läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer
+Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt
+an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter
+aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene
+Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden
+tiefen Schnee.
+
+Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum
+Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen
+die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene
+Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um
+einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere
+Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt
+gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm
+anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In
+jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer
+immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot
+sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die
+Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!
+
+„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und
+drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür
+abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und
+folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann
+offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,
+der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt
+und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine
+Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen.
+Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den
+Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.
+Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot
+geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der
+Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es
+hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!
+Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur
+Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er
+nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann
+zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über
+Rißwihl gen Kuchelbach.
+
+ * * * * *
+
+Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende
+Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,
+dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser
+durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der
+Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,
+schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut
+allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen
+Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und
+fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den
+Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren
+der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein
+Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen
+und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und
+brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu
+Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste
+fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und
+Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn
+streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und
+Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt
+und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es
+dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren
+scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des
+weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue
+Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald,
+Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die
+Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen
+benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in
+Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das
+schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,
+daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten
+muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen
+dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört
+endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den
+Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.
+
+Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und
+zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen
+sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer
+Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den
+Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem
+Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major
+und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis
+unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner
+Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem
+der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle
+mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer
+stecke, fragt der Major stehenbleibend.
+
+„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den
+man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und
+wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben
+auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum
+schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl
+zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben
+stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten
+beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der
+in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser
+Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als
+möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt
+durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen
+wird.
+
+Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die
+unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,
+schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf.
+Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls
+finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und
+nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die
+Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den
+Trupp Hartschiere geschaffen werden.
+
+Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für
+unmöglich, die Herren aufzunehmen.
+
+„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.
+
+„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“
+
+„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
+Kolben einschlagen!“
+
+„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.
+
+Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre
+Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das
+Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn
+etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte
+auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.
+
+„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen
+unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine
+mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,
+nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“
+
+Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl
+mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden
+und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge
+zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der
+„Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es
+wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und
+heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu
+erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor
+das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf
+Seite der „Ruhigen“ gestanden.
+
+„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und
+stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein,
+Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach
+zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein
+Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft
+Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“
+
+Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler
+erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter
+Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“
+Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den
+Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen
+Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“
+die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur
+Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken;
+sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen
+lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig
+zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren
+Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer
+fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und
+Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf,
+schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n
+Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“
+
+Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der
+gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei
+Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.
+Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die
+Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein
+Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer
+stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt
+hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die
+Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die
+Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig
+sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die
+militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten
+übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird
+von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde
+abgehalten.
+
+Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein
+feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu
+entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem
+beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte.
+Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf
+angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten,
+grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung
+und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der
+Rekrutierung.
+
+Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es
+nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller
+heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die
+Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang
+nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch
+und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt
+dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol'
+der Satan die Salpeterei!
+
+Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig
+geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich
+auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der
+„Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust
+vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den
+Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der
+Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,
+dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen
+glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil
+hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art
+gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter
+zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern
+die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn
+erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele
+den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende
+Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße
+Geflüster des geliebten Mädchens.
+
+„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.
+
+Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“
+
+„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und
+han di 'beten um di Herzli!?“
+
+Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's
+aber verbote!“
+
+„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“
+
+„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“
+
+„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
+wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli
+nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“
+
+Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
+Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.
+
+ * * * * *
+
+Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen,
+es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
+Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und
+im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
+schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen
+Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
+von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
+Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk
+weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
+verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
+Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
+die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
+allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
+unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern
+steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
+schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“
+befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
+marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als
+Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.
+
+Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“
+gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
+bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!
+
+„Dann holen wir die Kerle!“
+
+„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
+Die heutige Nacht hat's bewiese!“
+
+„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
+Major.
+
+„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
+Pflicht genüge!“
+
+„Wer wird kommen?“
+
+„Die Buebe von den Halunken!“
+
+Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
+spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen,
+während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige
+Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur
+die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe
+reichen läßt.
+
+Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der
+kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
+gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
+wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.
+
+In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen
+Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes.
+Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
+Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten
+Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist,
+denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch
+riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
+grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
+Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür
+gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die
+Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt
+blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
+Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.
+
+Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
+bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
+Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne.
+Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter
+Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
+stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien
+und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.
+
+Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich
+gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“
+oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
+Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
+können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
+Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
+beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist
+ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“
+Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem
+Wunsch für baldige Besserung des Michels.
+
+Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
+Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen
+Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
+geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich
+ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
+eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
+vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
+also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab.
+Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
+bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos
+stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und
+nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht
+herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den
+Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
+glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
+davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
+Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen
+gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum
+„Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und
+die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
+Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
+Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!
+
+Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer
+bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles
+Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern
+nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er
+läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über
+Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
+letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen
+Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.
+
+ * * * * *
+
+Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
+gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten
+Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu
+ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer
+war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
+entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die
+Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
+befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
+emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu
+Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
+durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann,
+die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger
+Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
+Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward
+niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
+ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
+anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von
+Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die
+Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
+Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
+Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei
+gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen
+Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
+bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
+den Glauben!
+
+Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am
+Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
+Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit
+brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher
+Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
+Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
+zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
+in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige
+alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
+Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen
+und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
+und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist
+Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so
+dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
+zu Willen ist.
+
+Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
+erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit
+altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln.
+Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer
+hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
+Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
+zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
+Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
+wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern
+sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für
+die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
+Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von
+bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
+Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen
+Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner
+Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu
+Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch
+verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht
+gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die
+Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem
+Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
+Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
+Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
+Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der
+Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es
+schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
+Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
+Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als
+abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer
+anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
+Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und
+geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur
+Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und
+läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut
+ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im
+Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
+sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen
+der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt
+jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
+gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
+neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
+Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
+gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne
+nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
+Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
+Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen
+und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest
+geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
+genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
+wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein
+Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so
+wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
+begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
+ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot
+niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
+gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
+gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser
+Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
+Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“
+
+Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
+verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und
+Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
+Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
+nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß
+verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
+beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
+zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt,
+gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.
+
+Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber
+steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit
+Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
+Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
+Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
+Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso
+gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die
+trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
+stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit
+bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
+und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
+Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was
+Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer
+am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.
+
+Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
+einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
+kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten
+kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit
+einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins!
+Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
+Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut
+und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im
+Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen
+haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene
+Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken
+gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
+nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber
+zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
+Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
+gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon.
+Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel,
+zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
+schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf
+wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer,
+Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären
+den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser
+werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
+schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
+durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
+Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
+gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren
+wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
+Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
+flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
+Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann
+einspringen gewollt.
+
+Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
+ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu
+Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
+unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
+war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen
+Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen
+Grabe.
+
+ * * * * *
+
+Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
+im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
+Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den
+Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr
+gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
+Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
+südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er
+doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
+Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger
+und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach
+gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
+zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im
+Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
+deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
+hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
+Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
+daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre
+bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
+Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler
+Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
+der Wirt, und sicher ins Verderben.
+
+Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins
+Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in
+Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten
+nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein
+Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen
+habe, heimgekommen in Wihl erzählt.
+
+Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und
+an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.
+
+Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer
+haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung
+ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
+wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
+im Wald.
+
+„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
+Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
+Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
+müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.
+
+Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl
+nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
+nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“
+versichert der Wirt.
+
+Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi
+laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die
+Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.
+
+Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
+er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
+er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend
+flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung
+getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
+steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache
+ist verloren!
+
+Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
+Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem
+Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die
+Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
+Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
+alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
+herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
+hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den
+Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
+
+Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
+Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um
+sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und
+Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
+Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine
+Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher
+noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
+dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft
+er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
+Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand
+nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
+verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
+angelweit offen steht die Hausthür.
+
+Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
+Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
+Flucht gejagt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
+scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
+aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
+bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das
+Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der
+Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
+Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
+stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur
+Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die
+Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
+
+ „Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
+ Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“
+
+So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten
+Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
+auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
+die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im
+Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich
+fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
+und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat
+sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und
+Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das
+Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's
+Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
+es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar
+stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
+und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch
+erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit
+auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
+streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
+gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
+geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß
+Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei
+Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
+wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache
+der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die
+er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und
+Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
+verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh
+hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu
+Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem
+Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat
+Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist
+bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken,
+sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
+Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach
+Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner
+Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
+spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch
+eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die
+Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt.
+Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
+anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen
+könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
+
+Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
+spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
+Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“
+
+Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.
+
+„Gohst licht von mir?“
+
+Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
+Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns
+zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“
+
+Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es
+ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den
+Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn
+Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti
+ausgerichtet habe.
+
+Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
+Frage!“
+
+In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen
+geheißen vom Sohn und der Thrinele.
+
+„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
+Bett!“
+
+Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem
+Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
+Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser,
+das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
+still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.
+
+Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“
+
+„Was isch, Ätti?“
+
+„Nüt isch!“
+
+„Wie sagsch?“
+
+Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann
+erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von
+der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald
+er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei
+Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu
+befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,
+Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,
+des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters
+Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.
+
+Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor
+Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu
+teilen und zu bleiben in Vaters Haus.
+
+Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann,
+verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und
+Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“
+Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er
+noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach
+Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht
+Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in
+abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über
+Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl
+getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt
+habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus
+gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu
+öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in
+die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze
+gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und
+in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute
+die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach
+Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,
+eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen
+Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten
+Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen
+Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und
+fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang
+schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele
+aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht
+denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit
+längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends
+eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen
+Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr
+verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie
+wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden
+wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit
+dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen
+abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden
+ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie
+es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist
+eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus
+Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und
+Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus
+dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer
+an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig
+prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,
+emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen
+ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele
+vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und
+fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen,
+ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer
+das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so
+leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem
+nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist
+fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber
+nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins
+Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der
+Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.
+
+Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
+Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“
+
+Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der
+Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte
+im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe
+hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um
+vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im
+Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen
+Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die
+eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines
+Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit
+genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht
+also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon
+in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist
+verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache
+angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie
+ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der
+Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der
+„Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen
+müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat
+Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus
+dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind
+unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze
+Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte:
+was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr
+gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und
+das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so
+wenig!
+
+Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat
+angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem
+Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele
+Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl
+und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück
+findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis,
+und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber
+nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins
+winterlich einsame Haus.
+
+ * * * * *
+
+Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen
+Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das
+erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen
+und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die
+einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“.
+Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht
+einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte!
+Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es
+um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.
+
+Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein
+lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen
+Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an
+den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz,
+seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die
+Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem
+Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer,
+so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch
+nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt
+hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen
+spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an
+einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel
+niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz
+rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich,
+wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht
+auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu
+gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht
+aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage
+erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß
+die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.
+
+Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel
+Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen
+kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz,
+behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli
+die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die
+Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das
+knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast
+fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten
+Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster
+fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken
+fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen
+im kalten Flur.
+
+„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“
+
+„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
+Überraschung und Erregung auf.
+
+„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube,
+um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif
+gewordenen Hände zu wärmen.
+
+Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt
+Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen
+niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti
+und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.
+
+Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der
+ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint
+und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“
+
+„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon
+erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und
+bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde
+zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig
+und eilig.
+
+„Hasch Hunger, Ätti?“
+
+„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han
+schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen
+immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der
+Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten
+Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen
+gehalten habe.
+
+„Bi diese Kälte?!“
+
+Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die
+Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es
+gewagt, neuen Proviant zu holen.
+
+„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.
+
+„Wie?“
+
+Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu
+gänzlich ausgeraubt sei.
+
+Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus
+seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war
+ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,
+entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben.
+Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine
+Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren
+war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!
+
+Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.
+
+Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!
+Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu
+trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache
+doch!
+
+„Wie sagsch, Ätti?“
+
+„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an
+Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem
+Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe
+es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel
+sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht
+doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom
+Kaiser!“
+
+„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele
+aus.
+
+„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
+Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
+Guete Nacht, Thrinele!“
+
+Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
+Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.
+
+Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren
+Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch
+nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem
+Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt
+werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht
+herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer
+aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti
+selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als
+Feind erscheinen....
+
+ * * * * *
+
+Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein
+Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte:
+hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei
+Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich
+das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin
+gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken
+hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und
+bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen
+dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem
+Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle
+zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von
+seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit
+Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und
+abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese
+Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die
+Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht
+der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden
+Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft
+der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger
+Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!
+Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.
+Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und
+den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll
+mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde
+oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß
+begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig
+während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich
+aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der
+Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und
+den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend,
+findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem
+verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt,
+schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.
+
+„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand
+chommen!“
+
+Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus
+weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante
+Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt
+er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.
+
+„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“
+
+„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in
+ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und
+überreicht sie dem Ätti.
+
+Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung
+gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur
+gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,
+so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber
+nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht
+angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer
+abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben
+und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,
+die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche
+vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und
+urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.
+
+„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was
+doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und
+Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre
+gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche
+entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig
+eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß
+solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit
+Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“
+
+Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das
+Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das
+genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der
+Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte
+und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!
+Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz
+gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und
+sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt
+sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es
+steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes
+und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht
+Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner
+Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die
+Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in
+ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine
+Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu
+besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner,
+womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige
+einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im
+Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.
+
+Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt
+Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über
+den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um
+Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße
+etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das
+andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's
+Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer
+Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt
+sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen
+er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine
+Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits
+geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um
+Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das
+bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“
+Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem
+man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der
+Salpeterersache.
+
+Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der
+„guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um
+ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden.
+Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich
+sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit
+ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt
+wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da
+stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der
+Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen
+Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.
+
+Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die
+Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der
+Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz
+unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der
+Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee
+stehend und auf das „Ereignis“ wartend.
+
+Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und
+schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er
+die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder
+und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der
+Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere
+heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o
+Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich
+füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren
+ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das
+Gottesgericht! Amen!“
+
+Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung
+auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt
+unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,
+entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.
+
+Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und
+verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.
+
+„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt
+sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom
+Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,
+ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es
+leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt
+ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße
+Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!
+
+Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht
+wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen
+Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig
+brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter
+die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:
+„Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der
+Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde
+badisch, so wahr mir Gott helfe!“
+
+Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das
+Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,
+und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich
+flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“
+
+Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der
+Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder
+Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die
+Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die
+Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit
+Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er
+brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich
+herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter
+bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim
+zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer
+Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das
+Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.
+
+Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:
+ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt
+dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht
+ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der
+nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse
+Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.
+
+Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was
+das wohl zu bedeuten hat?
+
+Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus,
+krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er
+die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt.
+Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit
+dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch
+wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun
+knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich
+und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde
+badisch, Amen!“
+
+Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt
+dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.
+
+Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,
+nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum
+fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am
+toten Bühl.
+
+Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
+bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
+Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den
+Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.
+Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:
+„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein
+Landesherr, ich halt' zu ihm!“
+
+„Ätti!“
+
+„Was isch?“
+
+„Ätti! Darf ich an badisch were?“
+
+„Gewiß wirsch du an badisch!“
+
+Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt,
+der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den
+Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.
+
+Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti
+auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit.
+Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei,
+und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch
+freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.
+
+Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?
+
+Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.
+
+„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“
+
+Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.
+
+Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom
+Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf
+einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen
+Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen
+und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am
+toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des
+Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der
+
+ Beschluß:
+
+ Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und
+ meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und
+ werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die
+ Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner
+ Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell
+ Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei
+ Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.
+ Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende,
+ nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß
+ jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der
+ Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze
+ Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob
+ von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.
+
+ Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor
+ Weihnachten
+
+ Peter Gottstein,
+
+ verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“
+
+Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das
+mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“
+überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.
+Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,
+den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von
+Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.
+
+„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer
+minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter
+Gottstein als badischer Unterthan!“
+
+Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen
+Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die
+am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach
+Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom
+Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist
+daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam
+wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“
+am toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter
+Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang
+stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend
+einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee
+nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“
+zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er
+es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß
+ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt
+ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich
+Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube
+zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das
+Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren
+den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die
+Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits
+geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und
+badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.
+
+Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit
+Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende
+Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei
+Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger
+Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so
+geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu
+leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur
+Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog
+gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die
+„badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für
+einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum
+Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die
+Kuchelbacher Beteiligung.
+
+Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl
+sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen
+nachlassen. Was Peter dazu meine?
+
+Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu
+ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der
+badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für
+die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“
+
+Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation
+mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und
+Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den
+Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären
+sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der
+Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten
+dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und
+durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend
+Unterthanen mehr im Lande.
+
+Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie
+Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch
+werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die
+bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da
+die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang
+nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer
+fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter
+allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach
+Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch
+sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern
+abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den
+Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand
+und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so
+unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert
+sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn
+diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern
+bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche
+Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten
+Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische
+Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,
+badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde
+feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem
+Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib
+eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.
+
+Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten,
+auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried
+ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll
+Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer
+Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie
+das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd
+loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter
+sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und
+abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen
+Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei
+zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und
+andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im
+Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der
+Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins
+mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im
+Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte
+nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen
+auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und
+Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall
+veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid
+sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und
+du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und
+Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“
+
+Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt
+aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den
+Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des
+Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib
+fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.
+
+Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.
+
+Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht
+zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt
+soll's büßen!
+
+Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater
+besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib
+diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das
+Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht
+und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich
+voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.
+
+Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung
+von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den
+tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo
+simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf,
+Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden
+Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter
+mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab,
+daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der
+Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin
+flötet im eintönigen Lied.
+
+Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und
+Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr
+Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom
+dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch
+halte“!
+
+Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu
+hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden
+Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich
+auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.
+
+Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es
+zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli,
+Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt
+herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor
+Verwunderung.
+
+„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die
+Hand.
+
+„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die
+Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu
+bereiten.
+
+Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und
+setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß
+geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der
+Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze
+erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer
+lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“
+
+Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die
+Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein
+Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
+Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos
+weisch denn du, Biber, von mine Akte?“
+
+„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi!
+Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet
+badisch und Ordnung muß si!“
+
+Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so
+wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten
+hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und
+Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu
+verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten
+die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß
+Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht
+Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja
+doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich
+da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer
+aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine
+frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh
+aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein
+Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig
+protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es
+gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich
+statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese
+und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der
+Wirtschaft.
+
+Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß
+Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die
+Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
+ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.
+
+Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der
+Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen;
+von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins
+Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und
+huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten
+Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der
+ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog
+aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht
+abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der
+Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert
+werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja
+nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,
+wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter
+verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,
+dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und
+ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!
+
+So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich
+Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn
+er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten
+muß, meint Peter.
+
+Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti
+will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang
+angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten
+Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr
+ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.
+
+Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach
+herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann,
+winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti
+entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem
+Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die
+Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der
+Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird
+zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger
+Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein
+Trauersiegel darunter gesetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings
+weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,
+schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen
+und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt
+stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden
+Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und
+Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch
+erquickend und labend.
+
+An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem
+Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
+Wanderung nach Karlsruhe.
+
+Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und
+unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt
+Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er
+beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne
+man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der
+Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter
+selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es
+möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da
+lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach
+Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel
+labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.
+
+ * * * * *
+
+In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein
+wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,
+stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie
+aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation
+nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in
+dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der
+Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und
+wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und
+seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen
+glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am
+Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der
+Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem
+verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden
+Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten
+führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis,
+denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt,
+mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr
+ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber
+sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange
+Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte
+der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute
+im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.
+
+Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und
+Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit
+weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein
+Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in
+der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein
+Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog
+fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.
+
+Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere
+treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,
+ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken
+verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem
+klopft das Herz hörbar.
+
+Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich
+spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,
+leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer
+derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte
+er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll
+der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal
+fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“
+
+Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der
+Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das
+wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und
+spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der
+Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“
+
+„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“
+
+„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:
+Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“
+
+Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend
+auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“
+erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten
+aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.
+
+„Red' Er nur weiter, Peter!“
+
+„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!
+Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
+Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen
+erfüllen wollet!“
+
+Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren
+des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.
+
+„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr
+heut de Schade!“
+
+„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug
+warten lassen!“
+
+„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus
+by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“
+
+Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch
+eine Lachsalve nach der andern heraus.
+
+„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,
+Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
+Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
+mer wollet blibe katholisch!“
+
+Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret,
+ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen
+zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem
+Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der
+Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige
+Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten
+die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt
+ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater
+haben!“
+
+„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:
+Wos isch minem Jobbeli?“
+
+Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins
+Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn
+freibekommen, Streitpeter!“
+
+„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit,
+seigt mer gschiedene Luit!“
+
+„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute
+badische Unterthanen!“
+
+„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur
+Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue
+bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:
+„De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust
+der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal:
+„Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie
+bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am
+liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt,
+aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und
+unterließ daher die Liebkosung.
+
+Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum
+Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich
+der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.
+
+Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und
+Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
+Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.
+
+Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage
+verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber
+tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß
+sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen
+gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er
+bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze
+der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den
+schwermütigen Schwarzwaldbergen.
+
+Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar
+wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf,
+seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit
+dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach
+Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt
+selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu
+Bibers.
+
+Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort
+geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen
+setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers
+vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg
+begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe.
+Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen
+werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die
+Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der
+Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,
+und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich
+haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des
+Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine
+Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich
+gethan habe.
+
+Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein
+Wunder!“
+
+Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.
+
+Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein
+Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu
+thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten
+Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle,
+ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber
+das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter
+aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte,
+um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut
+und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht
+nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die
+Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der
+Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und
+dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen
+haben.
+
+Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder
+lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich
+erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl
+langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen
+hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und
+die Freigabe des Jobbeli.
+
+„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage
+bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich
+durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem
+Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und
+schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den
+Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,
+die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden
+dürfe.
+
+Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die
+Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch
+glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll
+übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte
+feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den
+Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die
+Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit
+zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“
+
+„Jo, ich will's by Gott!“
+
+Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.
+
+ * * * * *
+
+Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg
+und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]
+und schenkte allen jegliche Strafe.
+
+Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im
+Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so
+ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner
+kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,
+die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung,
+namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive
+alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit
+allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch
+der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien
+Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister
+von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im
+Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt
+wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier
+mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen,
+daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in
+seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode
+frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben
+habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber
+frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit
+altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte
+Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden,
+schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und
+Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr
+einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,
+entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den
+Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c.
+hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die
+Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und
+bitter verfolgt.
+
+[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.
+
+[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.
+
+[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24
+Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die
+Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung
+gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt
+und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu
+schimpfen,“ entlassen.
+
+[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach
+etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär
+von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.
+
+[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung
+des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden
+müssen.
+
+[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose
+Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das
+Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu
+Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach
+nicht aufzuhalten vermochte.
+
+[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und
+plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne
+Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)
+die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.
+
+[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der
+Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch
+rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer
+getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die
+Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die
+Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit,
+der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche
+Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das
+Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin
+die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger
+gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name
+schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und
+Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des
+Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort
+auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg
+heraufbeschworen.
+
+[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,
+welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die
+Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache
+abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt,
+„abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“:
+„Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach
+einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie
+gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter
+mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im
+öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“
+
+[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser
+Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war
+thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den
+österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und
+andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte
+Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die
+Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.
+
+[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und
+entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.
+
+[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel
+gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod
+abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen
+Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein
+Tier, der ist über Schwalben und Störche.“
+
+[14] Aktenmäßig festgestellt.
+
+[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da
+seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald
+einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in
+den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar.
+Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.
+
+
+
+
+Giftklärle
+
+
+
+
+Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
+dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins
+Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach
+Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
+Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte
+ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene
+schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes,
+das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
+äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
+gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen,
+aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
+tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die
+selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
+aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem
+Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht,
+und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören,
+daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
+aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich
+nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels
+junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel
+gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und
+der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da
+fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber
+sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im
+Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete
+die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren
+Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
+Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt
+hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
+ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein
+habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am
+Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
+Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es
+möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.
+
+Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo
+die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie
+lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut?
+Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über,
+aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
+langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“
+
+Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen
+Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem
+Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und
+trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu
+ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber
+die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
+versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt
+Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der
+rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach
+dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der
+Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume
+ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer
+kräftigen sonoren Männerstimme:
+
+ „Was guckscht denn so traurig?
+ Sei luschtig und froh!
+ 's isch oimol ein Leaba
+ 's isch oimol no so!“
+
+Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des
+feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier
+verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt
+geringschätzig die Achseln.
+
+Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt
+weiter:
+
+ „Alt wirscht ja von selber,
+ So tanz noh ond spreng,
+ Ond weischt a sei's Liedle:
+ Sei luschtig ond seng!“
+
+Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
+sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen
+Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen
+auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.
+
+Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
+und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe
+Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“
+
+Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf
+der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den
+Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger
+und Straßengauner!“
+
+Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
+Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“
+
+Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
+Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung
+über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem
+sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt
+das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
+einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun
+die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's
+Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.
+
+Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
+Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
+Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
+isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“
+
+Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor
+Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
+ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen
+seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden
+nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
+Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen.
+Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein,
+humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den
+Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da
+schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt
+z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung
+ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der
+Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet,
+wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken
+und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem
+Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
+dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit
+an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte.
+Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig
+aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein
+Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
+Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine
+Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht
+besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
+Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare
+auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt
+den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter
+vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
+im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist
+dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
+Fleisch und Blut.
+
+Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es
+ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden
+mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle
+hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe
+die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
+Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen
+Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
+Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater
+wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
+der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch
+alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.
+
+Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig
+mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So
+wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
+daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft!
+Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und
+den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
+Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
+verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser
+und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde
+nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
+aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
+der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel
+begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die
+Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie
+so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
+darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße
+nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
+augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und
+über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
+Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen
+Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
+größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf
+ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach
+dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht,
+sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
+klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen
+knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und
+stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde
+entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres
+Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.
+
+Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle
+mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und
+starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit
+lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
+und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße
+weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
+Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache
+wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He
+Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
+kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“
+
+Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
+zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten
+ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald
+die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.
+
+Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das
+Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche
+entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
+selbstverständlich.
+
+„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
+gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
+werde!“
+
+Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
+Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
+Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.
+
+Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
+gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
+Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
+Verlassen des Weideplatzes.
+
+Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
+Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
+Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
+Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
+und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.
+
+„Du bleibscht daheim, sag' ich!“
+
+Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen
+zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich,
+und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im
+Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
+Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
+meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
+nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
+übertreten.
+
+Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
+Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe
+aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und
+jetzt geh' deiner Arbeit nach!“
+
+Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben
+vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe
+Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
+Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
+Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
+hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie
+solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die
+Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.
+
+Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu:
+„Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
+nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das
+auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
+Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
+Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“
+
+„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
+Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“
+
+„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“
+
+„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht
+besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten
+den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
+gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“
+
+„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
+Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
+daß er sich schlagen läßt!“
+
+„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und
+die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“
+
+„Was mich — —“
+
+„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als
+davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver
+Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
+anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten
+kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem
+weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“
+
+„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“
+
+„Doch! Auf dich selber, Klärle!“
+
+Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört,
+ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
+preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie
+nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor
+dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem
+Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar
+aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf
+eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane
+Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten
+nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches
+Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum
+Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
+gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles
+Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
+Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu
+Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf
+und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die
+Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler
+laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
+mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.
+
+ * * * * *
+
+In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des
+entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster
+sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen
+flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“
+Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
+sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
+sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig
+einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn
+Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
+Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer
+faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage?
+Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im
+Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab,
+leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen
+Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
+Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
+sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht
+gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem
+Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre
+eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem
+Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
+denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt
+sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
+scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
+Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
+herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
+Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles
+Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas
+vorbeugend, was gesprochen wird.
+
+Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es
+glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
+und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
+Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
+Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und
+hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“
+
+Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“
+
+„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und
+ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine
+dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr
+schließlich nicht einmal verübeln kann.“
+
+„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend
+gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“
+
+„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht
+selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht
+gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“
+
+„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!
+Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
+Händen tragen möcht'!“
+
+„Wie sagst, Märte?“
+
+„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“
+
+Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.
+
+In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht
+mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die
+Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf
+einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen
+nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen
+möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke!
+Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines
+gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'
+keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts
+fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“
+
+Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst
+denn? Willst schon zur Ruh'?“
+
+„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“
+
+Und weg ist das schmächtige Mädel.
+
+Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre
+Mucken wie die andere!“
+
+Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört,
+zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube
+gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf
+will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.
+
+Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin
+zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die
+Knechtstube aufsucht.
+
+ * * * * *
+
+Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und
+goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen,
+frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres
+Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen
+Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge
+mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich
+gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit
+hängenden Zöpfen.
+
+Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu
+heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu
+genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein
+Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit
+drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch
+immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf
+die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so
+lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“
+
+Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich
+komme gleich nach!“
+
+Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
+Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
+Weibsleuten.
+
+Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor
+vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres
+Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen
+Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer
+und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn
+der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die
+Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr
+vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle
+ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten
+und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle
+nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei
+Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder
+verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen
+hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt
+nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just
+die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes
+verlassen würde.
+
+Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel
+und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.
+Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte
+Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich
+verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung
+schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die
+am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In
+Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige
+versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun
+Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus
+gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt
+feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben
+und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen
+die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes
+überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine
+erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur
+Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine
+Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche
+für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die
+Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo
+die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist
+bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und
+welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen
+Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln
+sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des
+Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in
+vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber
+hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um
+diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in
+deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.
+
+Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
+Klärle mit hochrotem Kopf steht?
+
+Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!
+
+Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das
+zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen
+sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den
+Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der
+Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich
+auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die
+Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung
+und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die
+nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und
+Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein
+Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet
+der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter
+beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend.
+Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der
+Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter
+kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt
+ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.
+
+Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief
+Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im
+Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr
+gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles
+unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:
+„He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer
+gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert
+Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt
+Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den
+Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.
+
+Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt
+davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken
+und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.
+Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers
+zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der
+Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg
+empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle
+gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'
+Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt
+sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter
+künftig sorgsam auszuweichen.
+
+Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu
+sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich,
+weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß
+und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem
+Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar
+nicht zu denken.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der
+Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms
+II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des
+Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der
+Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in
+Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf
+genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis
+der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer
+recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der
+spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese
+Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein
+Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just
+das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher
+die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale
+heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder
+äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen
+habe.
+
+Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte
+Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine
+Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im
+geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige
+Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn
+verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte
+der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und
+deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht
+daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht
+fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da
+versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung
+des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt
+erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,
+wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen
+lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er
+den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich
+zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem
+Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den
+fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch
+das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter
+pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der
+Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er
+den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem
+Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben
+entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen
+freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom
+Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher
+Gottesdienst seinen Anfang nimmt.
+
+Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig
+erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor
+dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten.
+Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet,
+schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die
+Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He,
+Märte, was soll's?“
+
+Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.
+
+„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
+Werktagskleidern?“
+
+„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“
+
+„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
+Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“
+
+Martin starrt Klärle fassungslos an.
+
+„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du
+mich zum Schellenmarkt, verstanden!“
+
+Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den
+Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das
+will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt
+er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit
+offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag
+bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in
+den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem
+Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel
+unterdessen das Haus hüten.
+
+Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu
+überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es
+vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche
+lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem
+Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut
+thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch
+immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!
+
+Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung
+erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute
+hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie
+schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn
+er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,
+dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat
+mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,
+ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf
+den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom
+Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.
+
+„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“
+
+„Eben deswegen thue ich's!“
+
+„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein
+Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,
+das beste Geläut zu besitzen!“
+
+„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich
+ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“
+
+„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen
+handelnd!“
+
+„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“
+
+Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
+Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He!
+Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
+Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll
+'s Geläut dann beieinander sein.“
+
+Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf
+zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die
+Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten
+ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet
+und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die
+Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die
+Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser,
+und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde.
+Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber
+bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei
+Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten
+Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen
+gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen
+bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,
+denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.
+
+Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe.
+Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand
+verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“
+
+Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit
+Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu
+vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend
+schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer
+sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt
+beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er
+blau im Gesicht wird.
+
+Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
+Butterspätzlen!“
+
+Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
+Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.
+
+ * * * * *
+
+So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,
+Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und
+Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen
+Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,
+Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der
+Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum
+„Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus
+zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze
+und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen,
+Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge
+typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt,
+trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter
+begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende
+Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den
+„Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann
+neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher,
+Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von
+den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen
+sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf
+der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die
+Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr
+durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das
+Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er
+den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen
+probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein
+größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt
+über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,
+kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein
+Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein
+Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch
+vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein
+Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen
+und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln
+und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf
+Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.
+
+In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut,
+taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,
+nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem
+„Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen
+suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld
+überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der
+Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge
+schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und
+dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß
+eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen
+wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die
+Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich
+weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut
+es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,
+und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor
+einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom
+Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie
+ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel
+eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“
+
+Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf,
+und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in
+Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“
+
+Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die
+nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von
+einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich.
+Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös
+gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele
+von dir war' mir lieber!“
+
+Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für
+so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von
+mir!“
+
+„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh
+manierlicher um mit den Leuten!“
+
+„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser
+einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“
+
+„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge
+brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:
+
+ Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
+ Schneidet ab den Leuten die Ehr':
+ So bleib denn fürder: _Giftklärle_,
+ Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“
+
+Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:
+„_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in
+dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen
+für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu
+Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt
+dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt
+allenthalben übers „giftige Giftklärle“.
+
+Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge,
+die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem
+Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu.
+Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige
+Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf
+dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die
+Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im
+richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber
+nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu
+bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die
+Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der
+Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch
+sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den
+Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“
+
+Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts
+wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung
+für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den
+Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus
+und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“
+
+„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die
+Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird
+beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,
+saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden
+des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher
+Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer
+Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen
+selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die
+Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf
+württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die
+Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das
+Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem
+Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen
+die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen
+Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im
+Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen
+Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und
+Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der
+Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile
+beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt
+er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,
+packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust
+vom Kampfplatz weg.
+
+Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,
+bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und
+führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den
+kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen
+jammernden Hirten tröstend und beruhigend.
+
+Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten
+Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger
+auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen!
+Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und
+fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der
+Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt
+friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den
+verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen
+Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.
+
+ * * * * *
+
+Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf
+einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine
+ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht
+grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und
+sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten
+Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß
+sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in
+Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen
+Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer
+Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke
+eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem
+schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls
+bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher
+durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde
+nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und
+bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte
+für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust
+seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich
+die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern
+heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach-
+und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben
+fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo
+es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für
+Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche
+Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen
+weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank
+oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten
+einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte
+Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den
+kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame
+Hütte.
+
+Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den
+Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen,
+majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes
+Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst
+der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein
+lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt
+zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von
+der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und
+bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm,
+in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.
+Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der
+alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen
+boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme
+Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören
+bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft
+erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,
+verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und
+schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat
+die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so
+daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein
+nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch,
+wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager
+aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des
+Moserkopfes.
+
+Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins
+Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das
+geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch
+ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie
+verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und
+unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die
+schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr
+hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine
+Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder
+mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie
+sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der
+hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort
+zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es
+krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn,
+Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,
+wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es
+denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu
+behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?
+Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten
+können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst
+bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie,
+daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden
+werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal
+Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?
+Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof?
+Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam
+und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und
+dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und
+dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt,
+verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der
+Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des
+ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem
+Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am
+heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen,
+geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!
+
+Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
+Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.
+
+„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur
+Liese.
+
+„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt
+teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht
+fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“
+
+Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.
+
+„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
+Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
+Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“
+
+„Mir kann niemand mehr helfen!“
+
+„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“
+
+„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im
+Thale und unter den Leuten!“
+
+„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“
+
+Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft
+das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre
+Knochenhand auf den Scheitel Klärles.
+
+„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so
+schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“
+
+Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.
+Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst
+damit doch nicht sagen wollen, daß —“
+
+Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes
+den üblen Beinamen loswerden wirst!“
+
+Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar
+den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf
+angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“
+
+„Ja, den Kaspar!“
+
+Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den,
+nein, niemals, lieber sterben!“
+
+„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
+Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
+noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
+Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“
+
+Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren
+Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den
+ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der
+Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz
+und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen
+durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin
+„geläutert“ worden!“
+
+„Du?“
+
+„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible,
+das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,
+das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter
+gegeben hat!“
+
+„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“
+
+„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal
+der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre
+denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig
+Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten
+guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen
+Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust,
+so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir,
+einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu
+quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte,
+treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein
+war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie
+vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende
+Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer
+zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich
+mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor
+Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,
+stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich
+lachend hinwegführen“.
+
+„Wie sagst, Liese?“
+
+Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche
+ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in
+meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,
+höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der
+Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen....
+Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist
+fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich,
+die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich
+den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend,
+dessen Spur in die Fremde“.
+
+„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“
+
+„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu
+pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen
+aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann
+versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,
+nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose
+Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich
+fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe
+gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine
+furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend
+kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,
+schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen
+hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die
+„Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke
+jeglichen Tag!“
+
+„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“
+
+„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose
+Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich
+büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht
+anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die
+Seele!“
+
+Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die
+dürren Finger an die feuchten Augen.
+
+Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was
+mußt du gelitten haben, Liese!“
+
+Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,
+tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des
+Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe.
+Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr
+dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt
+die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den
+Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit
+einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.
+
+ * * * * *
+
+Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert
+im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein
+und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die
+Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher
+beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die
+Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut
+ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab,
+verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,
+taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der
+Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für
+eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.
+
+Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte
+gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und
+schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt
+Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick
+des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt
+und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei
+der Kräuterliese im finsteren Wald!“
+
+Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen;
+unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt
+das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,
+es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie
+stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will
+er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er
+sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein
+Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt
+verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert
+Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher
+hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“
+
+Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will
+ich holen von der Kräuterliese!“
+
+„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“
+
+Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts
+als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die
+Liese helfen mit einem Tränklein!“
+
+Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz.
+Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder
+da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen
+Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den
+Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber
+gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“
+
+„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter
+nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune!
+He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet
+stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des
+Zornes zurückdrängt.
+
+Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom
+Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte
+geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch
+eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen
+im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese
+augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der
+alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute
+Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff
+holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht
+selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er
+wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst!
+Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren
+seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid
+lästige Leute!“
+
+Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den
+Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber
+meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber
+schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die
+Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter
+spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz
+vergessend.
+
+Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf
+Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person
+giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher
+Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und
+du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“
+
+„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“
+
+„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem
+Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du
+wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der
+Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz
+recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen!
+Verdienst es nicht anders.“
+
+Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.
+
+„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar
+schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als
+du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu
+schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der
+„Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders
+kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem
+Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!
+Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf
+deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht
+mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto
+besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur
+Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“
+
+„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.
+
+„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“
+
+Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.
+Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug
+erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die
+Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht
+das Mädchen von dannen.
+
+Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser
+Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge
+Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür
+gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert
+Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz
+im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich
+Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu
+inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer
+Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender
+Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht
+und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut.
+Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb
+mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“
+
+Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede
+soll dir werden, Kind!“
+
+Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr
+in die Wangen.
+
+„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“
+
+„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“
+
+„Was soll's —?“
+
+„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor
+der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“
+
+„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“
+
+„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir
+gewendet —“
+
+„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß
+ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“
+
+„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“
+
+„Doch!“
+
+„Wie?“
+
+„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du
+Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine
+Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden
+Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit
+und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann
+dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,
+und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“
+Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle
+zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und
+haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie
+Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen,
+indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts.
+Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,
+nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr
+allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die
+Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender
+Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem
+Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht
+das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das
+wohlthut!
+
+Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
+Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
+hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
+Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
+Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
+Hand über die Augen.
+
+Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich
+verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will
+dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“
+
+Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein
+verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten
+huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken
+Lippen beben.
+
+„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.
+
+„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und
+küßt abermals die Hand des Vaters.
+
+„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und
+lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden
+Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen
+herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war,
+was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.
+
+Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin
+ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“
+
+„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder
+gut werden!“
+
+Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der
+Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier
+zärtlich Klärle.
+
+Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche
+Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei
+es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.
+
+Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
+Einsturz.
+
+Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle
+der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger
+ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da,
+und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“
+
+Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz
+verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
+Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer
+Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.
+
+Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt
+ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich
+hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel
+retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.
+
+Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“
+
+„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück.
+
+Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum.
+Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt
+geworden.
+
+Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken.
+„Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter.
+
+Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die
+Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest
+überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und
+den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und
+Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten
+verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung
+gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder
+unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es
+besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der
+Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es
+nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis,
+daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch
+das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.
+
+„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht
+nötig!“
+
+„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur
+Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich
+verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“
+
+„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“
+
+„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“
+schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen
+Händen.
+
+Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“
+
+Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in
+ihrer Kammer ein.
+
+Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
+Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
+verstehen wird.
+
+ * * * * *
+
+Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
+leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
+ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe
+ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen,
+nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres
+scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle
+sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten
+Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
+entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die
+ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem
+Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
+ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile
+im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle
+allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am
+nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
+
+Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer
+will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“
+
+„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber,
+wenn du nicht anwesend wärest!“
+
+„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“
+
+„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
+hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
+Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt,
+daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“
+
+Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
+Näharbeit herab.
+
+Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa
+siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
+rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend.
+Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die
+Klärle?“
+
+„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“
+
+„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es
+aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“
+
+„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
+aus der Küche zum Botenlohn geben!“
+
+„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und
+springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
+
+Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den
+Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei
+entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und
+zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen
+lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“
+
+„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint
+trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
+
+„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen
+die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So
+steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
+werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
+Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“
+
+„Klärle!“
+
+„Was willst Vater?“
+
+„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“
+
+„An was?“
+
+„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“
+
+Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
+
+ * * * * *
+
+Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte
+erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
+soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
+fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's?
+Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
+Neugier um?“
+
+„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“
+erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
+Hand.
+
+Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
+andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den
+Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt
+der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm
+aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem
+Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
+zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
+nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
+Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
+Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
+hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
+so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das
+Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für
+menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie
+der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
+einander!“
+
+Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt
+sodann die heilige Handlung am Altare fort.
+
+Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
+Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die
+Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend
+aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
+humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
+aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon
+noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die
+„Stichelei“ ein Ende machen wird.
+
+„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer
+und begiebt sich in sein Haus.
+
+Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
+wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei
+gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
+gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet,
+hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle
+eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger
+Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
+
+„Grüß Gott, Klärle!“
+
+„Grüß Gott, Vater!“
+
+„Maidle, der Herr Pfarrer —“
+
+„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“
+
+„Du weißt schon?“
+
+„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
+wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte
+eine große Bitte an dich!“
+
+„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen
+erweisen kann!“
+
+„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“
+
+„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll
+ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“
+
+„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
+Jörgenmichel dazu, daß er —“
+
+Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
+Ohr.
+
+„Willst du nicht, Vater?“
+
+„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm
+gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was
+Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt
+mich stehen!“
+
+Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater
+humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört
+nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt
+sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
+Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie
+verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt,
+rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
+jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß
+Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber,
+wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß
+sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
+der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu
+hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
+Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum
+Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
+Jörgenmichelhof führt.
+
+Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen,
+es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
+
+Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
+Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
+darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
+Thür im Flötz.
+
+Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
+Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich
+klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus
+der Kehle: „Oha!“
+
+Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
+Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener
+Person!“
+
+Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause,
+Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
+Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“
+
+„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch
+aufwarten?“
+
+„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“
+
+„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht
+schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“
+
+Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
+erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
+
+„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“
+
+„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“
+
+Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
+Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er,
+daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die
+Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt,
+jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu
+bekommen.
+
+Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“
+
+„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“
+
+„Hm!“
+
+„Was meinst, Gifter?“
+
+„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als
+‚Gegengift‘!“
+
+„Ah! Und hat sie's genommen?“
+
+„Fuchsteufelswild ist 's worden!“
+
+„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu
+nehmen!“
+
+„Ah, hast es gar schon verkostet!“
+
+„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“
+
+„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“
+
+Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt
+zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.
+
+Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst
+vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas
+friedsameren Blutes geworden sein —“
+
+„Ich, wieso?“
+
+„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der
+Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“
+
+„Schickt dich Klärle?“
+
+„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“
+
+„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem
+Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein
+Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so
+lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon
+selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir
+nicht im Schwarzwald!“
+
+„Kruzitürken!“
+
+„Wie meinst, Gifter!“
+
+„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“
+
+„Warum bist denn zu mir 'kommen?“
+
+„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus,
+vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“
+
+„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
+Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“
+
+Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein
+Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie
+die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und
+dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um
+'s andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
+
+ * * * * *
+
+Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des
+Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen
+Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in
+Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,
+schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht
+der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen
+noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit
+des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der
+Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten
+Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder
+großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die
+Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt
+Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles
+Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für
+die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem
+überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt
+stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die
+Straße entlang.
+
+Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen
+Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in
+welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler
+sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst
+der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen
+Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich
+im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen
+und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die
+Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände
+&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht
+gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;
+Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und
+Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß
+sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die
+Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft
+und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher
+stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen
+unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen,
+giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und
+Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale
+getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der
+Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der
+Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe.
+Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den
+linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit
+'m Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus
+vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine
+Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen
+sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars
+mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter
+nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen
+Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig
+wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle
+„Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit
+nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der
+Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was
+absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht
+doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber
+die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große
+Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
+
+Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward
+ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf
+und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein
+hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein
+Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos
+vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum
+auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie
+angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie
+tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er
+wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich
+geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,
+daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der
+erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte
+Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den
+Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat,
+fühlt er sich nicht sicher.
+
+Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn
+glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“
+
+Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme
+bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir
+einen Gruß?!“
+
+Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar!
+Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“
+
+Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann,
+thue ich für dich!“
+
+„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir
+weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am
+liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.
+
+„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“
+
+„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“
+
+„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja
+gar nimmer bös'?“
+
+Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die
+Häubchenbänder flattern.
+
+„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“
+
+Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:
+„Nimmer dieses Wort?“
+
+„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch
+ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“
+
+„Kaspar!“
+
+„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“
+
+„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich
+überglücklich umschlungen.
+
+Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher
+spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen
+Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor
+Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in
+den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer
+Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'
+er wie die Gebirgler schuhplatteln.
+
+Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf
+und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der
+Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die
+Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob
+das Gegengift gründlich gewirkt habe.
+
+„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor
+Rührung weinende Kräuterliese.
+
+Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres
+Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im
+Jörgenmicheleshof aufziehen könne.
+
+Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter
+stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um
+Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.
+
+Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt
+sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und
+droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines
+Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die
+Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“
+
+Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He,
+Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“
+
+Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich
+endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre
+Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun
+stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt
+ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre
+Kosten zu kaufen.
+
+Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im
+guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.
+
+
+Fußnoten:
+
+[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern
+begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten
+Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.
+
+[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß
+ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der
+Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen
+Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt
+ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den
+württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner
+Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von
+badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere
+Ausschreitungen.
+
+
+
+
+Der Pelagier
+
+
+
+
+Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der
+sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und
+Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk
+über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
+ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die
+Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
+fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des
+brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst
+einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
+Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
+paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
+Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
+des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
+sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
+hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
+Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
+Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein
+nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der
+württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III.,
+der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert
+Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
+stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
+verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein
+Zufriedenheit gedeiht.
+
+Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
+wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt
+der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit
+einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte
+graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
+Erde kommen soll.
+
+Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der
+sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber
+und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
+Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
+etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel
+heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
+
+Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach
+Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines
+galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
+schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der
+Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß'
+ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
+Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der
+Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier
+aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
+seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben
+demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die
+Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige
+Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
+den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
+stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
+sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
+gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
+Last seines Karrens.
+
+„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
+sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
+
+Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend,
+so daß deren Antlitz sichtbar wird:
+
+„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
+zum Beinhaus!“
+
+„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
+dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
+Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
+Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“
+
+„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der
+Hörige.
+
+„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist
+verfallen durch den Tod des Eheweibes!“
+
+„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“
+
+„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
+Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
+Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
+Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“
+
+Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
+
+Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine
+Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
+Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn.
+Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
+und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu
+den beneidenswerten freien Leuten!
+
+Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
+Waldesgruß an die Tote? — — —
+
+ * * * * *
+
+Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der
+wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
+Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als
+sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen
+Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
+den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
+wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
+Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom
+Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
+weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der
+stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
+Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
+daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte
+auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
+Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
+sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in
+patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die
+Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
+
+Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
+Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer
+er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
+Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
+Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum
+vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt
+indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen
+an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein
+Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
+Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in
+den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der
+späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im
+Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten
+Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt,
+Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
+durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
+klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom
+Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
+mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen.
+Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind
+hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd
+durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür
+wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
+bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält
+Totenwache durch die schaurige Nacht.
+
+ * * * * *
+
+Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
+Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
+rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
+Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
+Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
+
+Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
+schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der
+Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend
+ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“
+
+Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
+fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das
+schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein
+Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
+der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen.
+Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den
+gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner
+doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
+preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.
+
+In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
+Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
+zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
+Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
+Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.
+
+„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P.
+Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er
+sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“
+
+Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
+„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“
+
+„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
+unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
+heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die
+Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“
+
+Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was
+lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
+Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
+Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
+taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch
+werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“
+
+„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“
+
+„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
+körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
+überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
+und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig
+eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit
+ihren wilden Landsknechten.“
+
+„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
+dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“
+
+„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
+Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
+Wallenstein!“
+
+„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“
+
+„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
+Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
+Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“
+
+„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“
+
+„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem
+Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt
+war.“
+
+„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
+Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch
+Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297
+Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt
+und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
+meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
+darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die
+Waffengewalt sprach für uns!“
+
+„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
+württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und
+eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
+Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder
+Nationen! Es ist ein Greuel!“
+
+„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“
+
+„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
+Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“
+
+„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
+Kirche erkauft werden soll?!“
+
+„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach
+wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“
+
+„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
+hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
+Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
+Alpirsbacher Herrschaft gehören?“
+
+„Gotthard vermeldet dies!“
+
+„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“
+
+„So meldet Gotthard!“
+
+„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
+dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere
+Kirche!“
+
+„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
+Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
+ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
+Milde und Güte, Herr!“
+
+„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
+Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
+ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“
+
+„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
+werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“
+
+„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“
+
+„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard
+heimkehrt in sein Land!“
+
+„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“
+
+„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
+freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“
+
+„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
+möchte dennoch württembergisch werden?“
+
+Der greise Konventuale seufzt und schweigt.
+
+„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als
+der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
+handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und
+strafen!“
+
+P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann
+gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
+Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar
+mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die
+Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten
+eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
+den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
+Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
+Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant
+eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
+geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
+gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden,
+ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach,
+daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
+Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
+den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot
+der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.
+
+ * * * * *
+
+Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster
+schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt,
+grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die
+Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen
+Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium
+versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
+Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
+aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht,
+und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt
+zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr
+beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
+wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
+Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und
+schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
+mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“
+
+Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“
+
+„Ein Sendbote ist da!“
+
+„Von wem gesandt?“
+
+„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“
+
+Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine
+Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
+Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
+von Ehlenbogen.
+
+Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein,
+indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.
+
+Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches
+stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.
+Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so
+rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu
+verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster
+opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt
+Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die
+Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man
+ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen
+ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen
+und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem
+Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag
+nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht
+rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen
+Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts
+Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:
+„Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben
+beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die
+Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron
+d'Oisonville in Breisach! Georg.“
+
+Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz
+aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein
+Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich!
+Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß!
+Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus
+gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten
+bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen
+leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein
+zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht
+so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der
+Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das
+deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im
+schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende
+österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit
+Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben,
+und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der
+exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er
+wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die
+Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen
+ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben
+und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf
+sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf
+er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen
+Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben
+hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt
+Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist
+es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein
+Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des
+Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein.
+Sein Scepter bedeutet das Ende....
+
+Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
+Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
+Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
+Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
+gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
+Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
+Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!
+
+Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament
+und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in
+unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet
+bald darauf der Bote ab.
+
+Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in
+der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes
+vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig
+fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich,
+du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst
+du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!
+So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“
+Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben
+und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter
+kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter
+Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde
+alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein
+Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche
+Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem
+Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten
+verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es,
+solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn
+alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die
+Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der
+alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner
+zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,
+ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig
+verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man
+ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen!
+Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit,
+auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.
+
+Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen,
+dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet
+für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier
+und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für
+die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich
+auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster
+glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende
+Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz
+krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes
+birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den
+Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen
+durch sanftes Rauschen.
+
+Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
+Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.
+
+„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der
+Pelagier.
+
+„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn
+es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“
+
+Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die
+Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit
+der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb
+starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große
+Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.
+
+ * * * * *
+
+Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die
+Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz
+drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so
+hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein
+jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist
+und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der
+Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein
+Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob
+es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!
+
+Frei sein; wie das herrlich sein müßte!
+
+Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine
+starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem
+berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier
+auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn
+zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht
+Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte
+Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd
+heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine
+Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein
+Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der
+plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der
+Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen
+die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von
+diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist
+in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die
+Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott,
+Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren
+als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell
+jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in
+rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?
+Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die
+Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig
+sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden
+Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern.
+Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer
+finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die
+Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch
+schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt
+es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen
+mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden
+könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen
+durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt,
+seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.
+
+Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,
+wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen
+stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus
+laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet
+euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.
+Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die
+Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung
+macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.
+
+Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen
+rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier
+bleiben können!“
+
+„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren
+sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.
+
+„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut
+empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten
+Quartier geben!“
+
+„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“
+
+„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“
+
+Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des
+Hörigen.
+
+„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“
+
+„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein
+deutscher Abt?“
+
+Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:
+„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den
+Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
+einzuquartieren! Fort mit dir!“
+
+Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein
+armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das
+Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn
+vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze
+herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem
+Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem
+Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen
+Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische
+Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend
+und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.
+
+Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der
+Abt?“
+
+„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“
+
+„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“
+
+„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen,
+und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen
+und beherbergen.“
+
+„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht
+glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte
+Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.
+
+Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz
+nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein
+Gebet für die Tote zu verrichten.
+
+Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um
+dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur
+Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche
+ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und
+das fremde Kriegsvolk gerufen!
+
+Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein,
+begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine
+Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt
+sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem
+harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das
+ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich
+immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und
+Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den
+Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.
+
+„Sacre bleu, avant!“
+
+Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in
+eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.
+
+Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur
+erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine
+Soldaten und schwätzt weiter.
+
+Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.
+Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst
+wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache
+aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.
+
+Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur
+Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran,
+schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt
+ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.
+
+Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums:
+die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich
+durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf
+Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im
+Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert
+frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie
+die Mauern.
+
+Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche
+und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich
+zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite
+gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien
+herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt
+die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch
+nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.
+
+Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder,
+aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich
+den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“
+und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem
+Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden
+zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die
+Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.
+Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein
+und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.
+
+Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei
+Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des
+Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut
+deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die
+Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle
+Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem
+„Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt
+selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard
+dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten
+untergebracht werden solle.
+
+Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller
+Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles
+sorgen muß!“
+
+Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle,
+daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort
+Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der
+Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den
+Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort
+erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung
+persönlich zu überwachen.
+
+Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen
+wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene
+Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und
+Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch
+sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in
+welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das
+Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann
+nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von
+dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten
+Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum
+Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher
+kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder
+Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.
+
+Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer
+Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer
+auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.
+
+ * * * * *
+
+Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei
+Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren
+Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch
+das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um
+selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt
+er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen
+Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete
+Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten
+und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich
+im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer
+gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.
+
+Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück
+und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so
+wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den
+wüsten Scenen.
+
+Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der
+Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters
+und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige
+Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen,
+zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht
+hat.
+
+Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er
+völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten
+Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und
+nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich
+auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen,
+heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt
+hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem
+ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim
+Würfelspiel.
+
+Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel!
+Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren
+immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie
+einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons
+die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat
+nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so
+stillfriedlichen Kloster?! —
+
+Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest
+pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den
+Kapitän zu.
+
+Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,
+halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des
+Klostervorstandes.
+
+Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge
+draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.
+
+Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme
+à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den
+Spielern.
+
+Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,
+Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
+Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
+Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“
+
+Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter
+höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de
+Alpirsbak sein ik! Bon soir!“
+
+Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert
+stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und
+würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres
+noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,
+überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der
+Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur
+Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze
+Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen
+die Herrschaft über Alpirsbach!
+
+Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die
+verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und
+Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren
+in ihre Gemächer zu führen.
+
+ * * * * *
+
+Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet
+verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu
+verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind
+da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.
+Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in
+Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die
+finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus
+deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste
+ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und
+all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt
+selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von
+Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die
+Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische
+Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch
+nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch
+jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...
+
+Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen
+Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und
+brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei
+Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und
+machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt
+der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen
+die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!
+
+Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend
+und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in
+seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der
+Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.
+
+„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise
+das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des
+Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
+Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und
+Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer
+Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die
+Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der
+Herbstnacht in den Tann.
+
+Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und
+Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze
+Rufe bei Ablösung derselben.
+
+In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den
+unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für
+das Kloster anflehend....
+
+ * * * * *
+
+In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen
+frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über
+den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu
+erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt
+Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu
+requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein
+bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um
+Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der
+Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof
+wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen
+den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des
+erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus
+Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen
+los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes
+Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch
+den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere
+notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den
+Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die
+Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend
+und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef
+Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des
+ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem
+unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann
+abgeschickt, den Abt herabzuholen.
+
+Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges
+folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß
+deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche
+und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede
+Waffe verantwortlich sei.
+
+Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
+Kommandeurs nicht verstanden.
+
+„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins
+par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann
+cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“
+
+Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der
+Unthat!“
+
+Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus
+tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die
+verhängte Kontribution sofort einzukassieren.
+
+ * * * * *
+
+Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die
+Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller,
+immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die
+gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der
+Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den
+Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer
+neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.
+
+So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit
+Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue
+Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise
+Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel
+verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach
+Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt
+Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die
+Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons
+giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders
+wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere
+zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den
+unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung
+dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum
+Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der
+Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung
+seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des
+Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach
+Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber
+kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt
+es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden
+muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so
+schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu
+rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu
+werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist
+sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem
+Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist
+unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen
+trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus
+übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene
+Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater
+Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen
+Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von
+der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg
+dazu sicher finden werde.
+
+Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in
+anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie
+durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen
+an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den
+Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh
+wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb
+es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre
+Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins
+Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den
+Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie
+zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen
+Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken
+ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld
+vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen,
+und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne
+gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den
+Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am
+lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer
+Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes
+Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde,
+wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft
+werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,
+vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der
+Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch
+dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den
+Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr
+sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die
+Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen
+Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts
+mehr wegschleppen konnten.
+
+Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung
+unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser
+gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut
+zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der
+von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald
+schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener
+Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen
+niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des
+Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des
+Aufstandes.
+
+ * * * * *
+
+Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau
+verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der
+Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren
+Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das
+Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,
+dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur
+wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die
+Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen
+Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde
+geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige
+Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die
+Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße,
+doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer
+mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß
+er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen
+sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße
+veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von
+Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger
+Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins
+Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen.
+Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner
+Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?
+Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken
+die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt
+springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an
+und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und
+schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul
+des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen
+Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm
+schützend Geleit zu geben.
+
+Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam
+sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.
+
+Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder
+schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt
+zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und
+Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das
+Geleite verjagt!
+
+„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“
+
+Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht
+Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu
+schützen!“
+
+„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“
+
+„Es galt Euer Leben zu retten!“
+
+„Wie, was?“
+
+„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“
+
+„Wo sind die Musketiere?“
+
+Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit
+dem Arm nach rückwärts.
+
+„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“
+
+„Bis auf einen, ja!“
+
+„Bis auf einen — was soll das heißen?“
+
+„Der eine küßt den Erdboden!“
+
+„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“
+
+„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
+Meuchler!“
+
+„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“
+
+„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul
+schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“
+
+„Bist du toll?!“
+
+„Nein! Gottlob ist's gelungen!“
+
+„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?
+Meine Schutzbegleitung — —?!“
+
+„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“
+
+Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm
+steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er
+das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die
+Franzosen wollten mir ans Leben?“
+
+Euseb nickt.
+
+„Aber weshalb?“
+
+„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“
+
+„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich
+berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!
+Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“
+
+Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul
+herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube
+nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“
+
+Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt
+das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“
+
+Alphons seufzt.
+
+Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die
+Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“
+
+„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“
+
+„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem
+langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich
+das Haupt tiefer sinken läßt.
+
+Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg
+südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen
+sie, baldigst und für immer!“
+
+„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich
+keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem
+Hörigen auszusprechen.
+
+„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“
+
+„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es
+hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“
+
+„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“
+
+„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster
+bringen wird!“
+
+„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger
+fortzubringen —“
+
+„Wieso ich?“
+
+„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“
+
+„Wie, du weißt —“
+
+„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet,
+denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“
+
+„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und
+dem General den Schutz kündigen!“
+
+„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“
+
+Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die
+vierjährige Schutzfrist.
+
+„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine
+bestimmte Zeitdauer?“
+
+Alphons nickt betrübt.
+
+„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
+Bluthunde los!“
+
+„Das kostet schweres Geld — —“
+
+„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde
+gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb
+trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.
+
+ * * * * *
+
+Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,
+als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die
+Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und
+Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren
+mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer
+einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen
+gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten
+Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche
+sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder
+zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt,
+gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den
+Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare
+Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die
+Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder
+weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm.
+Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten
+unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird
+zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft,
+ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen
+Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur
+ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige
+Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier
+und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen
+suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder
+gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt
+und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die
+Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen
+Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und
+Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.
+
+In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den
+Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die
+Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die
+Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen
+den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so
+daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten
+auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und
+Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann,
+gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd
+haben.
+
+Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere
+verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur
+Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht
+nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu
+beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen
+sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der
+alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.
+
+ * * * * *
+
+Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen
+erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort
+den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,
+und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen
+im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul
+herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat
+das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt,
+auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der
+bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was
+dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast
+überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod
+seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen
+Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker
+gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes
+dazu!“
+
+Der Hörige schüttelt den Kopf.
+
+„Wie, du verschmähst die Gabe?“
+
+„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh
+jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht
+betreuen.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“
+
+„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“
+
+„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“
+
+„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
+Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“
+
+„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“
+
+Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und
+dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“
+
+Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln
+seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter
+Eberhard!“
+
+Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den
+Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.
+
+„Was ist's, droht uns Gefahr?“
+
+Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,
+seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu
+Württemberg!“
+
+Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im
+Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf
+schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich
+aufspritzt.
+
+Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster
+steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die
+Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.
+Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer
+ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen,
+die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei
+beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig
+um Hilfe.
+
+Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
+Weichen und rast dem Kloster zu.
+
+Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den
+brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren
+den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die
+lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den
+Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein,
+Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und
+Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.
+
+Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der
+Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die
+Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde
+Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen
+drüber.
+
+Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,
+zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
+Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt
+Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.
+
+Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,
+brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem
+Württemberger Herzog schützen sollen.
+
+Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran.
+Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl
+des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung.
+Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der
+brennenden Häuser.
+
+Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde
+erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden
+habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des
+Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen
+lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier
+fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster
+schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.
+
+Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.
+
+Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen
+mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein
+beleuchtend.
+
+Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der
+ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in
+den Häusern der geflohenen Unterthanen.
+
+Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,
+und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der
+schrecklichen Schweden harrend.
+
+Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen
+Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren
+im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger
+und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die
+Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren
+Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die
+Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft
+sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und
+stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht
+bewaffnet, der Musketiere.
+
+Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und
+dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße
+sich dicht zusammenschließen müssen.
+
+Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,
+an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und
+Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,
+Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,
+Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die
+Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus
+aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur
+Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts
+zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine
+Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln
+Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen
+Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere
+vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die
+Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl
+ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten
+ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter
+Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach
+jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein
+Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die
+Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet
+gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen
+der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten
+Feinde aufs Korn genommen werden können.
+
+Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die
+Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel
+ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen
+gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.
+
+Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
+Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
+liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
+Gnadenhieb auf den Kopf.
+
+Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen
+Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual
+und Not ist gethan. — — —
+
+ * * * * *
+
+Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde
+verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und
+Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder
+zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und
+heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische
+Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des
+Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der
+Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der
+Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe
+Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt
+habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog
+überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle.
+Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die
+Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.
+
+Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg
+fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das
+Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von
+Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus
+einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche
+vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften
+in derartigem Umfange erworben hatte.
+
+Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,
+die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die
+Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu
+beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu
+ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig
+Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den
+welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine
+Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt.
+Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der
+liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe
+und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,
+versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her
+überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert
+werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an
+Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom
+Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte
+Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.
+
+Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem
+Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom
+Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen
+dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift
+an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll
+das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die
+Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet.
+„Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich
+zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder
+Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist
+hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem
+Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und
+nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“
+
+Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem
+westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard
+Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von
+Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne
+netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift
+hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung
+zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies
+dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“
+
+Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die
+trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche
+Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und
+wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der
+Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.
+
+Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen
+die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung
+keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang
+die Freiheit blühen könnte.
+
+So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
+Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer
+Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind
+über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs
+Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz
+nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.
+
+Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen
+Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den
+Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster
+kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor
+das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der
+Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.
+
+Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,
+der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr
+selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.
+Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.
+
+Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt
+verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene
+Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und
+führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem
+Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur
+Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den
+Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer
+und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner
+Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor
+der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein
+Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf
+diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und
+tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat
+zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr
+des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote
+Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten
+Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe
+jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs
+Herrscher aufzufordern.“
+
+Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,
+es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem
+protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der
+Gewalt!“
+
+Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier
+ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner
+Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,
+sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“
+
+Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es
+ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend
+spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich
+protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“
+
+„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern,
+den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das
+unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß
+Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und
+Alpirsbach muß württembergisch werden!“
+
+„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“
+
+„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl
+inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“
+
+Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem
+Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf
+kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der
+herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft
+vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.
+
+Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der
+folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische
+versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher
+Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden
+sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von
+Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher
+vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den
+Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen
+auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt
+bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder
+gefahren.
+
+Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen
+kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“
+
+„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt,
+verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.
+
+Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
+Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
+überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf
+Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.
+
+Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen
+gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume
+der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende
+Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk
+zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich
+geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.
+
+Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist
+eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,
+zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die
+Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit
+dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste
+genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel
+verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport
+der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen
+die Wagen nach Rottweil.
+
+Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in
+württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei
+nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das
+Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.
+Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von
+Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann
+dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.
+
+Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen
+Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben
+freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend,
+stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.
+
+Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem
+gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt
+vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd
+durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.
+
+Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal
+gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die
+Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.
+
+Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“
+
+Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche
+und Unterthanen zu schonen.
+
+Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er:
+„Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei
+bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von
+Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster
+ist!“
+
+„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden
+fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und
+Besitz Eigentum Württembergs!“
+
+Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt
+hinaus.
+
+Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre
+Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den
+zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie
+selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der
+Waldheimat.
+
+Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem
+neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter
+Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb
+herangestürmt.
+
+In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
+Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
+Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz
+genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit
+Württemberg Euseb, der Pelagier.
+
+
+Fußnoten:
+
+[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren
+an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und
+Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie
+bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben
+haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden
+sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“
+zu Alpirsbach.
+
+[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt
+von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder
+Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster
+mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene
+Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch
+einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl.
+Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot,
+jedes im Wert von einem Kreuzer.
+
+[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch
+kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den
+Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III.
+gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische
+Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses
+Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit
+Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche
+die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen
+Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute
+vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst
+verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin
+wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis
+gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen
+Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und
+weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen
+unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese
+diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der
+dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und
+Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.
+
+[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den
+Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von
+jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen
+Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den
+10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“)
+
+[22] § 24 Artikel IV.
+
+[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen,
+Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
+Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St.
+Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.
+
+[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur
+Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Im grünen Tann ***
+
+***** This file should be named 14105-0.txt or 14105-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by PG Distributed Proofreaders
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,7026 @@
+The Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Im grünen Tann
+
+Author: Arthur Achleitner
+
+Release Date: November 20, 2004 [EBook #14105]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GRÜNEN TANN ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+Im grünen Tann
+
+
+Schwarzwaldnovellen
+
+
+von Arthur Achleitner
+
+
+
+
+Berlin
+
+Verein der Bücherfreunde
+
+Schall & Grund
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Die Herzogskerze
+Giftklärle
+Der Pelagier
+
+
+
+
+Die Herzogskerze
+
+
+
+
+Über den "toten Bühl", einen Teil der Hochebene im südlichen
+Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt
+der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die
+wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die
+Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert
+und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist
+dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst
+bezeichnend den "toten Bühl" nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an
+den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und
+häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der
+Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten
+des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen
+Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die
+Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat;
+hier heißt ein Wiesengrund das "elende Löchle", dort eine
+felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das "öde Land". Und
+verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser
+alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an
+die sagenhaften alten "Handfesten und Privilegy" des Grafen Hans, an sie
+Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren
+Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. "Hotzen" heißen die Bewohner
+des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose,
+die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack
+und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die
+unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von
+goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen
+herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in
+den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in
+den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und
+unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.
+
+Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das
+Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den "toten Bühl" als
+Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,
+so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen
+Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der
+Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im "toten
+Bühl" liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke
+entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz.
+Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein
+stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt,
+daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende
+Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die
+morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben
+stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte
+zum "dürren Ast" benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst
+grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das
+sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt
+durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die
+eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen
+gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den
+Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn
+und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die "Einfahr". Grimmig
+gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im "Schild", im freien
+Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier
+knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den
+Wirt zum "dürren Ast", noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,
+und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand
+wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um
+einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum "dürren Ast"
+hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu
+kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine
+Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut
+hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit
+mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt
+und um eine Sache "uszuprobyre" auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu
+prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner
+Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der "dürre
+Ast"-Wirt auch den Vulgärnamen "Streitpeterle" wegbekommen, was ihn
+diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die
+Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß
+durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern
+und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte
+anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit
+weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus
+dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als
+wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der "Salpeterhannes" sei wieder
+lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die
+vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an
+die achtig Jahre im Grabe ruht.
+
+In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und
+noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und
+Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg
+bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von
+Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle
+solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst
+ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine
+fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender
+Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu
+befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit
+zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er
+seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und
+zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt
+er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich
+feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel
+um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich
+darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest
+einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften,
+Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.
+Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her,
+unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen
+Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters
+schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.
+Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in
+seinem Gedankengang zu dem Schluß: "Enthalten seine wohlgeordneten Akten
+nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane
+Verordnung unmöglich Rechtens sein." Und daher nimmt Peter einen Bogen
+Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete
+Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: "Beschluß! Von
+einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu
+lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor,
+war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner
+Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger
+hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in
+der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.
+Peter Gottstein."
+
+Mit vieler Mühe hat Peterle diesen "Beschluß" zu Papier gebracht und
+sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich,
+bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht
+vor sich hin: "Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle
+wisse bi Gott!"
+
+Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher
+Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick
+des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: "Aber Ätti, schon wieder
+hascht mit den alten Papieren zu schaffen?"
+
+"Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon
+nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten
+Instanz!" Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie
+das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt
+und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht
+sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke
+Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die
+Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn
+auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde,
+so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten
+Bühler rechnen könne.
+
+Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue
+handle und fragt: "Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in
+unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!"
+
+"Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen
+könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche
+bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen
+Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!"
+
+"Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
+Unglück gebracht in unser Land!"
+
+"Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben
+gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht,
+so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der
+Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in
+meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein
+anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein
+heiße!"
+
+"Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald
+kommen sollen?"
+
+"Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut
+und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate
+werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,
+daraus wird nichts, sag' ich!"
+
+"Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!"
+
+"Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!"
+
+"Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich--"
+
+"Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die
+letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem
+Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher
+werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot
+steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!"
+
+Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht
+ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.
+
+Noch poltert der Alte: "Der Gücksler frili nit!" da schreit des Wirtes
+blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: "Sie kommen!" und
+prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.
+
+Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der
+Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu
+können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,
+ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und
+scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon
+greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf
+geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem
+Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht
+den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf
+erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster
+vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut
+gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt
+wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr
+Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie
+auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem
+Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit
+Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer
+Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des
+Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der
+Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes
+Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem
+Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste
+in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell
+erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug
+und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.
+
+Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den
+Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen
+Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der
+Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten
+hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch
+giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der
+Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.
+
+"So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot
+ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen
+machen wollt.--Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei
+Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!"
+
+Nähertretend fragt Peter: "Warum bei mir zuerst?"
+
+"Weil Ihr die wichtigste Person am "toten Bühl" seid!"
+
+Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was
+soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler
+respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen
+einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das
+Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher
+zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch
+ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den
+Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter
+hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke
+Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe,
+müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die
+Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und
+Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege
+jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom "dürren Ast"
+wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom
+Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich
+gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den
+"dürren Ast" mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.
+
+Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die
+Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über
+Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: "Wenn
+ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber
+einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot
+steiget!"
+
+Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: "Wie? was? Seid Ihr
+verrückt? Ich--ich--habe oben nichts zu thun--das ist des Kaminfegers
+Sache!"
+
+Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des
+Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor
+sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre
+angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt
+einladet.
+
+Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug
+der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner
+nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu
+bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand
+stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen
+Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der
+Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen
+Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum
+Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach
+ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten,
+der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der
+Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht
+in den Rauchfang aufsteigen.
+
+Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der
+"Regierungsthätigkeit" des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle
+mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den
+Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und
+gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.
+
+Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell
+einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und
+Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und
+flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das
+Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken
+Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär
+gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen
+aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das
+Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur
+Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre
+Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach
+und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse
+herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die
+aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und
+Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten
+vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen
+springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und
+stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen
+Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um
+das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,
+bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein
+der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür
+verschwinden.
+
+ * * * * *
+
+Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken
+sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen,
+und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann
+und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem
+toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten
+auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen
+ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden
+Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht
+schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen
+Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;
+still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen
+Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und
+von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur
+normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst
+kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die
+größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt.
+Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann
+aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in
+schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.
+
+Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten
+Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im
+Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl
+längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit
+Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf
+eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: "So einem in der Umgebung
+nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das
+frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so
+heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein."
+Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab,
+hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem
+Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten
+alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von
+anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte;
+die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und
+Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und
+Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich
+schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten
+ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln
+und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten
+Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um
+das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten,
+zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird
+der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im
+rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im
+gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze
+gerichtet.
+
+Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus
+der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: "Im Namen der heiligen
+Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen)."
+
+"Gottwilche!" tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen
+Menschenring.
+
+Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann
+der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur
+Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den
+Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: "Gott wilche! 's isch e gheimi
+Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da,
+die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach,
+Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?"
+
+Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
+Orten.
+
+"Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?"
+
+"Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!" ruft ein
+alter Mann aus dem dritten Ring.
+
+Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der
+Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,
+der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.
+
+Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung
+zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.
+
+Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter
+durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch
+beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und
+spricht mit kräftiger Stimme: "Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid
+gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das:
+Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in
+stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich
+und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und
+bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer.
+Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und
+dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal
+mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht
+am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen
+des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?"
+
+"Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit
+unseres Volkes und für unseren Glauben!" tönt es rauh, aber feierlich
+aus dem dreifachen Menschenringe.
+
+Nun frägt Peter den alten Riedmatter: "Ischt der Geischt des Hannes dir
+wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns
+zur heiligen Dreifaltigkeit!"
+
+"Ich schwör' es!"
+
+"Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer
+sein im heiligen Kampfe. Willst du?"
+
+"Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der
+kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in
+der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und
+Gefolgschaft!"
+
+"Wir schwören!"
+
+"Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte
+der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im
+stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit,
+dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der
+Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die
+gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir
+müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir
+müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals
+verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die
+Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein
+gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und
+unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser
+ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!"
+
+Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen
+zum nächtlichen Himmel.
+
+"Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',
+sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit
+wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll
+zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht
+bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht
+der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist
+nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die
+österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser
+Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die
+Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur
+Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,
+Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur
+freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,
+so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die
+kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von
+Bergalingen sagte: ""Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:
+wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen
+Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß
+Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!"" Wir hoffen auf
+Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,
+die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern
+wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch
+Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts,
+verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir
+hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und
+schweiget, was ihr gehört. Amen!"
+
+Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die
+Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach
+abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl.
+Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als
+die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl
+hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen
+Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz,
+schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee
+deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....
+
+ Winterszit, schweri Zit!
+ Schnee uf alle Berge lit....
+
+ * * * * *
+
+In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine
+Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am
+schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's
+Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und
+ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen
+lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das
+Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der
+stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener
+Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die
+Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und
+weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal
+in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher
+die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig
+und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am
+Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak
+rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben
+oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im
+mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm
+ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und
+rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders
+veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten
+Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die
+alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie
+eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So
+sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat,
+erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die
+Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem
+Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und
+schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und
+zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat
+ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl
+erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die
+Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein
+interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung
+durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,
+war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef
+aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann
+Peter Gottstein, dem Wirt zum "dürren Ast" den Beitritt des Binker'schen
+Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig
+wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur
+Antwort gegeben: "I mog nit!" Nun war's um ihn geschehen, und Vroni
+legte los, daß es eine Art hat. "Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!
+Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und
+träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget!
+Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,
+du Waschlappe du!" Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft
+sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den
+Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers
+sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken
+will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem
+Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef
+rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs
+neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den
+schwerwiegenden Worten: "Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!"
+da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn
+doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und
+den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der
+verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen
+werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die
+Hand leisten werde. "Ja, ja, i goh!" stammelt der eingeschüchterte
+Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über
+Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten
+Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in
+seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein
+Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.
+Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber
+vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig
+sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch
+Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum "dürren Ast". Vroni aber muß
+eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des
+erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich
+selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen
+heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und
+verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und
+übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte
+unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der
+Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon
+austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib
+verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die
+Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil
+sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger
+Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.
+
+ * * * * *
+
+Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus
+den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des
+Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.
+Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte
+Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die
+Kleider fahren und fragen, wo es denn "füürig" sei (wo es brenne)? Aber
+da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: "Dunderschiß, nu
+numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du
+gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:
+Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft
+abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in
+der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und
+laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!" Damit
+drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen
+zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf
+um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein
+Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle
+dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos
+pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt.
+Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es
+sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in
+Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im "Roten Ochsen" wartend
+liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also
+stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo
+die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das
+Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,
+welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in
+Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum "Roten
+Ochsen", in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der
+Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den
+Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in
+Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.
+
+Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter
+Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt,
+kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die
+Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, "ume Chrützer"
+und aufgeschmälzte "Grundbire" dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler.
+So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als
+einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die
+braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein
+badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel
+klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das
+frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's
+lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;
+die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den
+Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün
+neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein
+Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit
+pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen
+die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und
+still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem
+schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des
+leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck
+seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter,
+versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen,
+er hascht nach ihrem Händchen.
+
+Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
+Pfoten: "O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!"
+
+Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte
+zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im
+Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im
+selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch
+tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet,
+fragend: "Isch was gange, Jobbeli?"
+
+Etwas zaghaft meint der Bühler: "'s isch nüt gange!"
+
+Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter,
+indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli
+an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf
+die Achsel klopft: "Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im
+Wald balzet der Urhahn annersch, haha!"
+
+Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch
+verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.
+
+Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: "Jobbeli,
+hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!"
+
+"Isch recht!" stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen
+Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das
+Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt,
+so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld
+einstreicht.
+
+"Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!" ruft ärgerlich Michel und
+wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. "Halt zu mer,
+Heckener, bisch mi letzter!"
+
+"Was isch Trumpf?"
+
+"Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!"
+
+"Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!"
+
+"Dunderschiß, hesch du e Glück!"
+
+"Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?"
+
+"I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez
+spiele mer ume Ohrläppli vonemer!"
+
+"Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?"
+
+"Chrütz!"
+
+"Gstoche! Hesch wieder verlore!"
+
+"Bisch du ne Glückskind!" staunt Michel.
+
+Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
+Messer.
+
+"Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?"
+
+"'n Gwinnst will i einkassiere!"
+
+"Mitem Messer?"
+
+"Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!"
+
+"Tod und Teufel!" prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble
+faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen
+abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die
+Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und
+Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt
+Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes
+Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt
+prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der
+Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den
+Schwerverletzten ins väterliche Haus.
+
+ * * * * *
+
+Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der
+Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch
+Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus
+"Zum dürren Ast". Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das
+verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte
+Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor
+der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der
+Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;
+aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni
+doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann
+gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der
+Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt
+Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der
+Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. "Und leng mer e
+Schöppli, Thrinele!" fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die
+Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und
+auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu
+fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe
+herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf
+Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und
+dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.
+
+Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort "Salpeterer" gehört,
+vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert
+dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo
+sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten.
+Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des
+oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast
+augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. "Den Rock tragsch
+selber!" bedeutet Peter und schreitet voran.
+
+In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre
+und fragt den Besucher nach seinem Begehr.
+
+Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In
+arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam
+heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.
+
+Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: "Und du,
+Sepli?"
+
+"Ja, ich, no!"
+
+"Wie, du willsch nit?"
+
+"I weisch ja gar nüt!"
+
+"So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!"
+
+Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung
+erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung
+derselben zu schildern. "Hör zu!"
+
+"Ja!" sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.
+
+"Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der
+Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil
+ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die
+zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno
+1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno
+dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest
+wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser
+längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer
+stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der
+Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,
+sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als
+rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren
+und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und
+Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum
+Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing
+die Gärung an--ich han's alles genau in den Akten--, die sich
+verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter
+Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der
+Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der
+Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und
+in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,
+der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den
+Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem
+Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte
+Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu
+Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei,
+reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf
+Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht
+auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den
+Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die
+Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen
+Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die 'Halunken' thaten
+nicht mit, die feigen Schufte."
+
+"Wer seist?" warf Sepli erstaunt ein.
+
+"Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer
+aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern,
+Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder
+Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging
+nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer
+für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm
+einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's
+thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die
+Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die
+Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen
+Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis
+schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem
+Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die
+Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt
+Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem
+früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann
+stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig
+sein!"
+
+"Ah, ah!" stammelte Sepli.
+
+"Was seist?"
+
+Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib
+ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch
+veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.
+
+Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen
+Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.
+Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,
+und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen
+Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,
+um das Sepli zu beneiden wäre.
+
+Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und
+davon.
+
+"I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen
+mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches
+Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und
+schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur
+heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das 'purifiziere'!
+Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer
+mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer
+Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und
+Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab
+die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor
+Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei
+kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort "leibeigen" auf ewig abgethan
+sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte
+müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald
+Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde
+huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St.
+Blasien das Wort "leibeigen" nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten
+Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten
+Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß
+herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si,
+denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert
+werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen
+ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie
+der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen...."
+
+"Was ist diesen geschehen?" fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der
+Stirne steht, dazwischen.
+
+"Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in
+Herrischried, hat man fast zu Tode "behandelt"; dem giftigen Tröndle
+nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte
+seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!"
+
+"Das isch ja Raub!"
+
+"Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß
+bekämpft were!"
+
+"Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?"
+
+"Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!"
+
+"I mag aber nit! I fercht' mi!"
+
+Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu
+beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf
+zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch
+passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß
+wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.
+
+"Soldaten seist?"
+
+"Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem
+(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen
+Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte
+die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten),
+Spießen, Heugabeln und Prügeln."
+
+"Wer isch hernach 'prügelt wore?"
+
+"Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir
+mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au
+minem Papier!"
+
+So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu
+gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt
+sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins
+Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch
+einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre
+herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken
+fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie
+angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was
+sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich
+davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß
+Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom
+Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.
+
+Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,
+weil er schleunigst flüchten müßte.
+
+"Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!"
+
+Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine
+Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im "Ochsen" zu
+Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.
+
+Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber
+erzählt, daß er--aus "Notwehr"--den Michel niedergestochen habe, schreit
+Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich
+das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche
+Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das
+Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht
+zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,
+um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu
+geschehen habe. Ein "Mordchlapf" und eine Halunkenfamilie: ein übles
+Ding, das durch Wehrgeld kaum "abzuschaffen" sein wird. Wenn es doch
+wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf
+die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit
+haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der
+Partei der "Ruhigen", wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel
+schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl
+heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn
+sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach
+Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,
+doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli
+auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem
+Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken
+soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch
+nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und
+die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen.
+Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,
+so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine
+sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht
+wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen
+möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt
+ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus
+verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten
+haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte
+vom Geräufe und dem Messerstich: "Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe
+gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch
+der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en
+Verdruß!"
+
+Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und
+begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu
+schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer
+betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei
+ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf;
+doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die
+himmlische Grafschaft.
+
+ * * * * *
+
+Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig
+windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein
+Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich
+zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee
+folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über
+die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und
+endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht
+erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an
+die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.
+Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und
+gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer
+Einlaß fordere.
+
+"Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!" ruft der Mann. Jetzt
+öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der
+dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger
+von Herrischried erkennt. "Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?
+Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?"
+
+Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli,
+und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich
+durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones
+die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei
+und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.
+
+Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der
+Österreicher gesagt habe.
+
+Der Oberst habe--so fährt Hottinger fort--versichert, mit dem
+Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst
+gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]
+
+"Was seist?"
+
+"Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit,
+ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in
+Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!"
+
+Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt
+ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der
+Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen,
+die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die
+Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg
+verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,
+und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die
+Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter
+aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln
+gegeben habe.
+
+Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich
+bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der
+Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,
+hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu
+leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die
+Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf
+losgeschlagen werden soll.
+
+Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des
+Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der
+Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den
+Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber
+Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es
+schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht
+er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.
+
+ * * * * *
+
+War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund
+gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der
+"Chauscht" ("Kunst", die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen
+Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen
+Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das
+Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren
+Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte
+sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im
+Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der "Ochsen"wirt
+schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht
+erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.
+
+Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den
+Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends
+auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,
+blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd
+folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus
+dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not.
+Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine
+Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit
+bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband
+auf die Wunde, indes Biber sich vom "Ochsen"wirt den Hergang des
+Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem
+Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber
+der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das
+Gericht soll eingreifen.
+
+Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken,
+auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden
+solle?
+
+Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch
+nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,
+so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den
+Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.
+
+"Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?" fragt der Wirt.
+
+"Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!"
+
+"Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's
+schon besorge!" Der "Ochsen"-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das
+Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er
+den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen
+fragt, wie es mit Michel stünde.
+
+Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust
+legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren
+rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.
+
+Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt
+schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen.
+Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und
+bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.
+
+Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille
+Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
+Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
+das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?
+
+Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre
+hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli
+nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört
+den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu
+pflegen und zu warten.
+
+Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu
+bedeuten hat.
+
+Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit
+gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli
+von dem Unglück weiß!
+
+Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
+Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
+nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und
+Schrecken.
+
+Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas
+auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und
+Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli
+wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die
+Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe
+gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will
+davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die
+Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in
+bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel
+liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und
+im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß
+sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann
+wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.
+
+Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das
+Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein
+Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm
+geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti
+nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. "So goh mit in Gottes Namen!" Beide
+begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger
+Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des
+Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt
+zurück. Welch' ein Glück!
+
+Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe
+Kunde. "Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und
+machet ihn wieder gesund!"
+
+"Gott geb' 's!" Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt
+im Hause des Biberhannes.
+
+In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele
+versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber
+mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank
+eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte
+Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres
+Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel
+selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,
+doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und
+wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles
+Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch
+Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt
+wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald
+der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und
+heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen
+im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des
+heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist
+überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.
+
+ * * * * *
+
+So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im
+Wirtshaus zum "dürren Ast", wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen
+sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen
+warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht
+eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der
+Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,
+als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht
+Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter
+verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen
+Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den
+"Streitpeter", den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser
+Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend
+fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.
+
+Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf
+Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
+Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.
+
+Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet
+sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.
+
+Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: "Du kommst ins
+Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof
+und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!"
+
+"Sell isch' mein Sach'!" brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten
+aufgeht. "Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!"
+
+"Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!"
+
+Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und
+der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch
+das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen
+kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. "Bisch du der
+Jobbeli?" fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er
+auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte
+Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen
+hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das
+Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur
+schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein
+Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein
+Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb
+fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig
+rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder
+um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil
+der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus
+zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf,
+nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor
+läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer
+Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt
+an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter
+aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene
+Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden
+tiefen Schnee.
+
+Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum
+Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen
+die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene
+Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um
+einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere
+Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt
+gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm
+anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In
+jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer
+immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot
+sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die
+Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!
+
+"Mer hängenem!" (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und
+drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür
+abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und
+folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann
+offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,
+der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt
+und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine
+Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen.
+Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den
+Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.
+Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot
+geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der
+Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es
+hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!
+Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur
+Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er
+nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann
+zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über
+Rißwihl gen Kuchelbach.
+
+ * * * * *
+
+Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende
+Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,
+dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser
+durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der
+Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,
+schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut
+allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen
+Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und
+fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den
+Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren
+der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein
+Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen
+und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und
+brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu
+Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste
+fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und
+Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn
+streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und
+Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt
+und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es
+dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren
+scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des
+weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue
+Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald,
+Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die
+Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen
+benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in
+Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das
+schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,
+daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten
+muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen
+dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört
+endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den
+Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.
+
+Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und
+zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen
+sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer
+Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den
+Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem
+Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major
+und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis
+unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner
+Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem
+der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle
+mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer
+stecke, fragt der Major stehenbleibend.
+
+"Der Führer vor!" wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den
+man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und
+wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben
+auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum
+schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl
+zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben
+stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten
+beleuchtend. "Wenn das nur nicht uns gilt!" meint einer der Herren, der
+in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser
+Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als
+möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt
+durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen
+wird.
+
+Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die
+unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,
+schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf.
+Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum "Ochsen", gleichfalls
+finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und
+nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die
+Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den
+Trupp Hartschiere geschaffen werden.
+
+Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der "Ochsen"wirt es für
+unmöglich, die Herren aufzunehmen.
+
+"Tod und Teufel! Warum nicht?" wettert der Kommandant.
+
+"Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?"
+
+"Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
+Kolben einschlagen!"
+
+"Ich kann nit, Herr!" ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.
+
+Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre
+Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das
+Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn
+etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte
+auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.
+
+"Füür!" tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen
+unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine
+mächtige Stimme gebietet: "Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,
+nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!"
+
+Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl
+mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden
+und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge
+zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der
+"Halunken", deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es
+wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und
+heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu
+erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor
+das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf
+Seite der "Ruhigen" gestanden.
+
+"Bibermärte rus!" heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und
+stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein,
+Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach
+zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein
+Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft
+Thrinele: "Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!"
+
+Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler
+erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter
+Gottstein und rufen: "'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!"
+Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den
+Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen
+Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: "D' Hartschiere chomen!"
+die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur
+Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken;
+sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen
+lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig
+zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren
+Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer
+fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und
+Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: "Druf, druf,
+schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n
+Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!"
+
+Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der
+gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei
+Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.
+Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die
+Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein
+Kommando ertönt: "Feuer!" Weherufe werden laut, einige Salpeterer
+stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt
+hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die
+Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die
+Offiziere los und pochen den "Ochsen"wirt heraus, der jetzt bereitwillig
+sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die
+militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten
+übergeben und die "ruhigen" Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird
+von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde
+abgehalten.
+
+Scharf geht der Kommandant mit dem "Ochsen"wirt ins Gericht, dem sein
+feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu
+entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem
+beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte.
+Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf
+angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten,
+grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung
+und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der
+Rekrutierung.
+
+Wie der "Ochsen"wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es
+nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller
+heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die
+Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang
+nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch
+und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt
+dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol'
+der Satan die Salpeterei!
+
+Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig
+geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich
+auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der
+"Kunst" hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust
+vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den
+Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der
+Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,
+dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen
+glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil
+hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art
+gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter
+zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern
+die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn
+erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele
+den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende
+Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße
+Geflüster des geliebten Mädchens.
+
+"Liebsch mi no, Thrinele?" fragt leise der stillliegende Michel.
+
+Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: "Bis in den Tod, Michel!"
+
+"Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu "Kilt" und
+han di 'beten um di Herzli!?"
+
+Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: "Ich han dir 's
+aber verbote!"
+
+"Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!"
+
+"Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!"
+
+"So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
+wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli
+nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!"
+
+Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
+Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.
+
+ * * * * *
+
+Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen,
+es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
+Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und
+im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
+schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen
+Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
+von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
+Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk
+weckend. Im "roten Ochsen" regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
+verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
+Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
+die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
+allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
+unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern
+steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
+schon der Major, grimmig und verdrossen. "Holt den Bürgermeister!"
+befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
+marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als
+Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.
+
+Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den "Halunken"
+gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
+bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!
+
+"Dann holen wir die Kerle!"
+
+"Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
+Die heutige Nacht hat's bewiese!"
+
+"Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!" flucht der
+Major.
+
+"Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
+Pflicht genüge!"
+
+"Wer wird kommen?"
+
+"Die Buebe von den Halunken!"
+
+Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
+spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen,
+während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige
+Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur
+die Mannschaft wieder austreten und ihr vom "Ochsen"wirt die Morgensuppe
+reichen läßt.
+
+Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der
+kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
+gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
+wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.
+
+In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen
+Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes.
+Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
+Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten
+Kommission. "Behalten" wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist,
+denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch
+riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
+grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
+Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür
+gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die
+Leutnants flüstern sich Witzworte über den "alten Rekruten" zu, gespannt
+blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
+Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.
+
+Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
+bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
+Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne.
+Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter
+Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
+stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen "Halunken" seien
+und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.
+
+Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich
+gestimmt, sagt er: "Es giebt doch seltsame "Halunken"! Ihr "Halunken"
+oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
+Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
+können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
+Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
+beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist
+ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!"
+Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem
+Wunsch für baldige Besserung des Michels.
+
+Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
+Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen
+Einöden sind "verassentiert" und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
+geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich
+ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
+eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
+vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
+also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab.
+Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
+bequem, die der arme "Ochsen"wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos
+stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und
+nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht
+herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den
+Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
+glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
+davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
+Partei hielt! Als "Sparrengücksler" ist er erst recht unter die Wägen
+gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum
+"Gottwilche", wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und
+die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
+Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
+Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der "Ochsen"wirt keinen Chrützer!
+
+Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer
+bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles
+Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern
+nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er
+läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über
+Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
+letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen
+Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.
+
+ * * * * *
+
+Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
+gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten
+Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu
+ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer
+war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
+entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die
+Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
+befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
+emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu
+Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
+durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann,
+die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger
+Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
+Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward
+niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
+ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
+anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von
+Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die
+Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
+Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
+Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei
+gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen
+Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
+bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
+den Glauben!
+
+Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am
+Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
+Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit
+brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher
+Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
+Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
+zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
+in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige
+alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
+Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen
+und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
+und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist
+Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so
+dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
+zu Willen ist.
+
+Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
+erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit
+altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln.
+Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer
+hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
+Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
+zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
+Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
+wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern
+sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für
+die "Brüder" verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
+Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von
+bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
+Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen
+Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner
+Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu
+Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine "Armee" rasch
+verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der "Feldherr" selbst nicht
+gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die
+Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem
+Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
+Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
+Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
+Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der
+Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es
+schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
+Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
+Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als
+abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer
+anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
+Waldshut anrücken. Die "Adjutanten" empfangen jeden neuen Trupp und
+geleiten die gröhlenden Leute vor den "Thron" des "Feldherrn" zur
+Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und
+läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: "Hut
+ab und Mützen 'runter! Ich will reden!" Allmählich wird es still im
+Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
+sich in die Brust. Dann hebt er an: "Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen
+der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt
+jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
+gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
+neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
+Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
+gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne
+nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
+Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
+Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen
+und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest
+geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
+genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
+wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein
+Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so
+wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
+begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
+ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot
+niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
+gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
+gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser
+Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
+Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!"
+
+Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
+verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und
+Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
+Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
+nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß
+verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
+beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
+zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt,
+gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.
+
+Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber
+steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit
+Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
+Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
+Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
+Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso
+gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die
+trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
+stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit
+bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
+und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
+Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was
+Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer
+am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.
+
+Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
+einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
+kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: "Die Kroaten
+kommen!" Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit
+einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins!
+Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
+Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut
+und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im
+Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen
+haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene
+Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken
+gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
+nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber
+zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
+Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
+gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon.
+Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel,
+zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
+schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf
+wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer,
+Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären
+den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser
+werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
+schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
+durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
+Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
+gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren
+wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
+Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
+flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
+Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann
+einspringen gewollt.
+
+Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
+ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr "Sieg" zu
+Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
+unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
+war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen
+Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen
+Grabe.
+
+ * * * * *
+
+Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
+im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
+Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den
+Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr
+gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
+Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
+südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er
+doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
+Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger
+und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach
+gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
+zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im
+Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
+deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
+hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
+Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
+daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre
+bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
+Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler
+Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
+der Wirt, und sicher ins Verderben.
+
+Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins
+Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in
+Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten
+nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein
+Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen
+habe, heimgekommen in Wihl erzählt.
+
+Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und
+an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.
+
+Verrat brauche das--entgegnet der Wirt--nicht zu sein: die Salpeterer
+haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung
+ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
+wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
+im Wald.
+
+"Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!" stammelt Peter ganz verdattert.
+Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
+Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben--was
+müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.
+
+Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl
+nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
+nicht niederhauen werden. "Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!"
+versichert der Wirt.
+
+Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi
+laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die
+Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.
+
+Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
+er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
+er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend
+flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung
+getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
+steigt auf--eine entsetzliche Menschenjagd ist's--die Salpeterersache
+ist verloren!
+
+Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
+Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem
+Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die
+Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
+Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
+alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
+herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
+hinein in den dichtesten Wald--der Tann allein schützt den
+Schwarzwälder--dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
+
+Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
+Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um
+sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und
+Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
+Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee--eine
+Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher
+noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
+dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft
+er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
+Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand
+nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
+verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
+angelweit offen steht die Hausthür.
+
+Vom "Schild" rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
+Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
+Flucht gejagt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
+scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
+aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
+bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das
+Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der
+Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
+Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
+stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur
+Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die
+Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
+
+ "Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
+ Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh."
+
+So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten
+Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
+auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
+die kurzen Tagesstunden auf der "Kunst" beim warmen Kachelofen im
+Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich
+fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
+und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat
+sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und
+Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das
+Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele "Tochter"; und 's
+Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
+es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar
+stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
+und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers--der Ätti muß doch auch
+erst gefragt werden--zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit
+auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
+streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
+gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
+geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß
+Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei
+Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
+wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache
+der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die
+er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und
+Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
+verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh
+hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu
+Herrischried, und drum--so meint Muetti--müsse man das Weitere Gott, dem
+Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat
+Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist
+bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken,
+sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
+Tagen--Thrinele hat das gar nicht bemerkt--von Hause fort und nach
+Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner
+Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
+spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch
+eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die
+Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt.
+Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
+anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen
+könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
+
+Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
+spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
+Köpfchen und flüstert: "Will d'Sunne wirkli von mir goh?"
+
+Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.
+
+"Gohst licht von mir?"
+
+Weinend bittet 's Maidli: "Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
+Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns
+zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!"
+
+Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es
+ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den
+Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn
+Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti
+ausgerichtet habe.
+
+Lachend mahnt der Alte: "Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
+Frage!"
+
+In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen
+geheißen vom Sohn und der Thrinele.
+
+"Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
+Bett!"
+
+Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem
+Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
+Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser,
+das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
+still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.
+
+Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: "Michel!"
+
+"Was isch, Ätti?"
+
+"Nüt isch!"
+
+"Wie sagsch?"
+
+Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann
+erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von
+der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald
+er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei
+Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu
+befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,
+Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,
+des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters
+Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.
+
+Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor
+Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu
+teilen und zu bleiben in Vaters Haus.
+
+Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann,
+verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und
+Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. "Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!"
+Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er
+noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach
+Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht
+Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in
+abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über
+Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl
+getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt
+habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus
+gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu
+öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in
+die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze
+gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und
+in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute
+die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach
+Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,
+eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen
+Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten
+Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen
+Zweifel auf, ob denn wirklich die "heilige Sache" recht behalten werde.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und
+fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang
+schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele
+aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht
+denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit
+längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends
+eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen
+Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr
+verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie
+wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden
+wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus "heimgesucht" haben? Mit
+dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen
+abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden
+ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie
+es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist
+eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus
+Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und
+Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus
+dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer
+an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig
+prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,
+emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen
+ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele
+vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und
+fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen,
+ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer
+das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den "Dürren Ast" nur so
+leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem
+nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist
+fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber
+nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins
+Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der
+Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.
+
+Eine dumpfe Stimme ruft außen: "Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
+Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!"
+
+Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der
+Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte
+im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe
+hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um
+vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im
+Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen
+Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die
+eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines
+Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit
+genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht
+also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon
+in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. "Alles ist
+verloren!" hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache
+angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie
+ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der
+Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der
+"Ruhigen", die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen
+müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat
+Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus
+dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind
+unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze
+Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte:
+was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr
+gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und
+das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so
+wenig!
+
+Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat
+angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem
+Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele
+Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl
+und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück
+findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis,
+und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber
+nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins
+winterlich einsame Haus.
+
+ * * * * *
+
+Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen
+Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das
+erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen
+und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die
+einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der "Chauscht".
+Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht
+einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte!
+Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es
+um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.
+
+Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein
+lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen
+Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an
+den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz,
+seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die
+Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem
+Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer,
+so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch
+nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt
+hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen
+spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an
+einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel
+niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz
+rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich,
+wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht
+auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu
+gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht
+aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage
+erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß
+die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.
+
+Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel
+Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen
+kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz,
+behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli
+die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die
+Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das
+knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast
+fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten
+Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster
+fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken
+fährt Thrinele auf und eilt hinaus. "Wer isch drauße?" fragt das Mädchen
+im kalten Flur.
+
+"Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!"
+
+"Ätti, Ätti!" ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
+Überraschung und Erregung auf.
+
+"Rasch, rasch! schließ' zu!" schreit Peter und eilt in die warme Stube,
+um sogleich am Ofen die "Chauscht" aufzusuchen und sich die steif
+gewordenen Hände zu wärmen.
+
+Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt
+Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen
+niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti
+und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.
+
+Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der
+ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint
+und alles Vorhergegangene ignoriert. "Versteckt warsch, Ätti?"
+
+"Leng' mir e Schöppli!" befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon
+erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und
+bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde
+zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig
+und eilig.
+
+"Hasch Hunger, Ätti?"
+
+"Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han
+schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!" Und nun erzählt Ätti, inzwischen
+immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der
+Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten
+Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen
+gehalten habe.
+
+"Bi diese Kälte?!"
+
+Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die
+Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es
+gewagt, neuen Proviant zu holen.
+
+"Dann war Ätti selber der Schinkendieb?" wirft Thrinele ein.
+
+"Wie?"
+
+Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu
+gänzlich ausgeraubt sei.
+
+Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus
+seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller,--es war
+ein Halunkenkeller--wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,
+entnommen, und--weil es pressierte--die Zahlung auf später verschoben.
+Fehlt etwas im "Ast"-Wirtshause, dann haben andere ihm seine
+Vorräte--gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren
+war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!
+
+Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.
+
+Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!
+Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu
+trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache
+doch!
+
+"Wie sagsch, Ätti?"
+
+"Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an
+Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem
+Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe
+es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel
+sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht
+doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß "Maier" (Verwalter) vom
+Kaiser!"
+
+"Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!" ruft freudigst überrascht Thrinele
+aus.
+
+"Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
+Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
+Guete Nacht, Thrinele!"
+
+Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
+Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.
+
+Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren
+Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch
+nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem
+Weg, der zur Partei der "Ruhigen" hinüberführt, und kann Ätti überzeugt
+werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht
+herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer
+aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti
+selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als
+Feind erscheinen....
+
+ * * * * *
+
+Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein
+Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte:
+hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei
+Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich
+das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin
+gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken
+hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und
+bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen
+dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem
+Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle
+zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von
+seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit
+Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und
+abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese
+Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die
+Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht
+der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden
+Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft
+der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger
+Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!
+Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.
+Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und
+den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll
+mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde
+oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß
+begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig
+während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich
+aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der
+Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und
+den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend,
+findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem
+verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt,
+schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.
+
+"Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand
+chommen!"
+
+Wohl grollt Peter über solche "Wacht", bei welcher einem das Haus
+weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante
+Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt
+er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.
+
+"Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?"
+
+"Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!" Thrinele eilt in
+ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und
+überreicht sie dem Ätti.
+
+Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung
+gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur
+gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,
+so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber
+nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht
+angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer
+abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben
+und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,
+die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche
+vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und
+urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.
+
+"Weihwasser?" Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was
+doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und
+Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre
+gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche
+entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig
+eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß
+solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit
+Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. "Leng' es her!"
+
+Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das
+Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das
+genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der
+Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte
+und spricht vor sich hin: "Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!
+Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz
+gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und
+sei Fürsprecherin für mich!" Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt
+sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: "Es
+steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes
+und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!" Dreimal macht
+Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner
+Meinung nun betätigte "Weihe". Sein Gewissen ist nun beruhigt, die
+Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in
+ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine
+Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu
+besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner,
+womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige
+einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im
+Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.
+
+Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt
+Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über
+den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um
+Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße
+etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das
+andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im "dürren Ast" gehe, platzt 's
+Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer
+Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt
+sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen
+er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine
+Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits
+geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um
+Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das
+bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die "gute"
+Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem
+man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der
+Salpeterersache.
+
+Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der
+"guten" Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um
+ihre Meinung gefragt oder als heimliche "Halunkin" erkannt zu werden.
+Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich
+sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit
+ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt
+wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da
+stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der
+Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen
+Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.
+
+Früh wird es dunkel--hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden--die
+Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der
+Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz
+unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der
+Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee
+stehend und auf das "Ereignis" wartend.
+
+Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und
+schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er
+die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder
+und ruft mit lauter Stimme: "Entscheide du, o Herr des Himmels und der
+Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere
+heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o
+Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich
+füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren
+ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das
+Gottesgericht! Amen!"
+
+Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung
+auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt
+unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,
+entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.
+
+Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und
+verlöscht------. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.
+
+"Der Herzog hat recht!" schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt
+sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom
+Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,
+ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es
+leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt
+ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße
+Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!
+
+Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht
+wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen
+Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig
+brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter
+die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:
+"Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der
+Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde
+badisch, so wahr mir Gott helfe!"
+
+Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das
+Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,
+und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich
+flüstern die Leute: "Der Großherzog ist Herr!"
+
+Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der
+Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder
+Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die
+Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die
+Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit
+Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er
+brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich
+herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter
+bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim
+zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer
+Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das
+Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.
+
+Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:
+ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt
+dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht
+ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der
+nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse
+Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.
+
+Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was
+das wohl zu bedeuten hat?
+
+Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus,
+krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er
+die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt.
+Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit
+dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch
+wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun
+knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich
+und sagt: "Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde
+badisch, Amen!"
+
+Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt
+dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.
+
+Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,
+nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum
+fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am
+toten Bühl.
+
+Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
+bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
+Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der "Chauscht" den
+Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.
+Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:
+"Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein
+Landesherr, ich halt' zu ihm!"
+
+"Ätti!"
+
+"Was isch?"
+
+"Ätti! Darf ich an badisch were?"
+
+"Gewiß wirsch du an badisch!"
+
+Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt,
+der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den
+Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.
+
+Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti
+auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit.
+Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei,
+und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch
+freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.
+
+Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?
+
+Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.
+
+"Also isch Bibers Michel der Holderstock?"
+
+Thrinele haucht ein "Ja!" vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.
+
+Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom
+Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf
+einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: "Es ist usprobyrt am heutigen
+Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen
+und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am
+toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des
+Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der
+
+ Beschluß:
+
+ Ich, Peter Gottstein, Wirt zum "dürren Ast", anerkenne für mich und
+ meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und
+ werde mit Heutigem badisch. Als "Halunke" genehmige ich--die
+ Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt--die Neigung meiner
+ Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell
+ Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei
+ Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.
+ Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der "Sach'" wende,
+ nichts--die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß
+ jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der
+ Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze
+ Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob
+ von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.
+
+ Gegeben im Wirtshaus zum "dürren Ast" am heiligen Abend vor
+ Weihnachten
+
+ Peter Gottstein,
+
+ verflossener Streitpeter und badischer Unterthan."
+
+Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das
+mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den "Beschluß"
+überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.
+Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,
+den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von
+Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.
+
+"So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer
+minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter
+Gottstein als badischer Unterthan!"
+
+Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen
+Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die
+am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach
+Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom
+Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist
+daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam
+wird denn die "heilige Nacht" gefeiert im Wirtshause zum "dürren Ast"
+am toten Bühl.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter
+Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang
+stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend
+einen "guete Morge" und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee
+nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die "Kunst"
+zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er
+es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß
+ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt
+ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich
+Peter, den neuen "Badener", anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube
+zum "dürren Ast" noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das
+Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren
+den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die
+Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits
+geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und
+badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.
+
+Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit
+Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende
+Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei
+Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger
+Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so
+geschwind "umsatteln", den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu
+leugnen sei, daß die "guet Sach" heillos übel stehe. Andere neigen zur
+Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog
+gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die
+"badische Sach" erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für
+einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum
+Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die
+Kuchelbacher Beteiligung.
+
+Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl
+sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen
+nachlassen. Was Peter dazu meine?
+
+Und Peter spricht zu den Gästen: "Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu
+ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der
+badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für
+die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?"
+
+Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation
+mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und
+Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den
+Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären
+sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der
+Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten
+dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und
+durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend
+Unterthanen mehr im Lande.
+
+Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie
+Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch
+werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die
+bisher energisch für die "guet und heilig Sach'" agitiert haben. Was da
+die "Wybervölker" über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang
+nicht schmeichelhaft für den "Astwirt" und auch für manchen Salpeterer
+fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter
+allen Umständen die Deputationsreise "usprobyre" zu wollen; nach
+Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch
+sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern
+abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den
+Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand
+und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so
+unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert
+sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn
+diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern
+bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche
+Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten
+Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische
+Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,
+badisch zu werden und auf die "heilige Sach" zu verzichten, wurde
+feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem
+Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib
+eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.
+
+Am Nachmittag des Christtages hat der "dürre Ast" einen Besuch erhalten,
+auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried
+ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll
+Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer
+Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie
+das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd
+loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter
+sein Volk, den Glauben und die "heilige Sach'" verraten habe und
+abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der "heiligen
+Sach'" willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei
+zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und
+andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im
+Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der
+Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins
+mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im
+Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte
+nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen
+auskratzen, wenn er nicht zur "heiligen Sach'" zurückkehre und
+Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall
+veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid
+sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! "So sag ich und
+du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und
+Verräter!--Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!"
+
+Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt
+aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den
+Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: "Im Namen des
+Großherzogs von Baden, hinaus!" Ein Ruck, ein Krach--das zeternde Weib
+fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.
+
+Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.
+
+Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht
+zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt
+soll's büßen!
+
+Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater
+besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib
+diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das
+Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht
+und wünscht ihr "en guete Obe". Das Pärchen aber stapft vergnüglich
+voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.
+
+Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung
+von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den
+tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: "Thrinele, wo
+simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf,
+Thrinele!" Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden
+Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter
+mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab,
+daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der
+Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin
+flötet im eintönigen Lied.
+
+Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und
+Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: "Laßt doch, ihr
+Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom
+dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch
+halte"!
+
+Und Michel ruft zurück: "Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu
+hasch es nit anersch gemacht, hihi!" Dabei hilft Michel dem glühenden
+Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich
+auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.
+
+Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es
+zuckt in seinen Mundwickeln: "He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli,
+Herrluit wöllent in, badische Luit!" Verwundert kommt der Wirt
+herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor
+Verwunderung.
+
+"Gell, da guckt Er!" spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die
+Hand.
+
+"Gottwilche!" ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die
+Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu
+bereiten.
+
+Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und
+setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß
+geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der
+Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: "Vergiß by Gott nit ze
+erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer
+lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!"
+
+Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die
+Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein
+Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
+Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: "Wos
+weisch denn du, Biber, von mine Akte?"
+
+"Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi!
+Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet
+badisch und Ordnung muß si!"
+
+Ein wundersam Plaudern ist's auf der "Chauscht" im "dürren Ast", so
+wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten
+hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und
+Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu
+verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten
+die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß
+Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht
+Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja
+doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich
+da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer
+aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine
+frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh
+aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein
+Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig
+protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es
+gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich
+statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese
+und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der
+Wirtschaft.
+
+Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß
+Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die
+Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
+ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.
+
+Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der
+Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen;
+von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins
+Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und
+huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten
+Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der
+ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog
+aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht
+abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der
+Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert
+werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja
+nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,
+wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter
+verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,
+dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und
+ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!
+
+So ward es abgeredet im "dürren Ast", und widerspruchslos erklärte sich
+Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn
+er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten
+muß, meint Peter.
+
+Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti
+will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang
+angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten
+Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr
+ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.
+
+Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach
+herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann,
+winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti
+entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem
+Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die
+Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: "Der
+Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten" wird
+zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger
+Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein
+Trauersiegel darunter gesetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings
+weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,
+schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen
+und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt
+stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden
+Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und
+Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch
+erquickend und labend.
+
+An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem
+Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
+Wanderung nach Karlsruhe.
+
+Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und
+unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt
+Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er
+beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne
+man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der
+Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter
+selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es
+möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da
+lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach
+Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel
+labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.
+
+ * * * * *
+
+In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein
+wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,
+stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie
+aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation
+nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in
+dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der
+Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und
+wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und
+seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen
+glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am
+Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der
+Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem
+verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden
+Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten
+führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis,
+denn Peter platzte heraus: "Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt,
+mer wöllent zem Großherzog selber!" Erst wie der freundliche Herr
+ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber
+sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange
+Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte
+der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute
+im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.
+
+Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und
+Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit
+weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein
+Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in
+der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein
+Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog
+fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.
+
+Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere
+treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,
+ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken
+verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem
+klopft das Herz hörbar.
+
+Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich
+spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,
+leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer
+derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte
+er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll
+der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal
+fragt Karl Friedrich: "Wer ist euer Führer?"
+
+Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der
+Hochschürer ihm laut zuruft: "Peterle, gang füri, er frißt di nit!" Das
+wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und
+spricht: "Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der
+Wirt zum "dürren Ast" am toten Bühl im Hauenstein!"
+
+"Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?"
+
+"Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:
+Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!"
+
+Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend
+auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck "Halunke"
+erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten
+aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.
+
+"Red' Er nur weiter, Peter!"
+
+"Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!
+Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
+Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen
+erfüllen wollet!"
+
+Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren
+des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.
+
+"Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr
+heut de Schade!"
+
+"Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug
+warten lassen!"
+
+"Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus
+by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!"
+
+Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch
+eine Lachsalve nach der andern heraus.
+
+"Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,
+Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
+Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
+mer wollet blibe katholisch!"
+
+Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: "Höret,
+ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen
+zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem
+Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der
+Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige
+Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten
+die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt
+ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater
+haben!"
+
+"Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:
+Wos isch minem Jobbeli?"
+
+Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins
+Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: "Ihr sollt Euren Sohn
+freibekommen, Streitpeter!"
+
+"Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit,
+seigt mer gschiedene Luit!"
+
+"Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute
+badische Unterthanen!"
+
+"Sell wöllent mer were!" ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur
+Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue
+bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:
+"De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!" Donnernd braust
+der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal:
+"Hoch, hoch, hoch!" Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie
+bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am
+liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt,
+aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und
+unterließ daher die Liebkosung.
+
+Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum
+Abschied mit den Worten: "Bleibt fürder gut badisch!" Dann zieht sich
+der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.
+
+Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und
+Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
+Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.
+
+Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage
+verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber
+tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß
+sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen
+gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er
+bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze
+der Deputation heimwärts durch den "Garten Badens" hinauf zu den
+schwermütigen Schwarzwaldbergen.
+
+Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar
+wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf,
+seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit
+dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach
+Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt
+selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu
+Bibers.
+
+Biber-Ätti hockt beim "Ochsen"wirt und muß auf Peters Bitte sofort
+geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen
+setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers
+vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg
+begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe.
+Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen
+werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die
+Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der
+Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,
+und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich
+haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des
+Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine
+Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich
+gethan habe.
+
+Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: "Isch kein
+Wunder!"
+
+Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.
+
+Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein
+Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu
+thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten
+Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle,
+ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber
+das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter
+aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte,
+um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut
+und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht
+nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die
+Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der
+Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und
+dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen
+haben.
+
+Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder
+lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich
+erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl
+langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen
+hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und
+die Freigabe des Jobbeli.
+
+"Hasch en Buebe mit?" fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage
+bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich
+durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem
+Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und
+schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den
+Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,
+die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden
+dürfe.
+
+Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die
+Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch
+glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll
+übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte
+feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den
+Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die
+Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit
+zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. "Wilsch, Peterle?"
+
+"Jo, ich will's by Gott!"
+
+Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.
+
+ * * * * *
+
+Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg
+und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]
+und schenkte allen jegliche Strafe.
+
+Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im
+Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so
+ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die--_Herzogskerze_.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner
+kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,
+die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung,
+namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive
+alte "Handfeste und Privilegy" pochend wollten sie sich, nachdem es mit
+allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch
+der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien
+Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister
+von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im
+Haunsteinschen Lande gewann und allgemein "Salpeterhannes" genannt
+wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier
+mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen,
+daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in
+seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode
+frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben
+habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber
+frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit
+altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte
+Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden,
+schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und
+Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr
+einiger "Salpeterer" aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,
+entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den
+Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c.
+hießen "Salpeterer", die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die
+Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden "Halunken" gescholten und
+bitter verfolgt.
+
+[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.
+
+[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.
+
+[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24
+Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die
+Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung
+gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt
+und erst nach abgelegtem Handgelübde: "Fürder wider St. Blasien nicht zu
+schimpfen," entlassen.
+
+[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach
+etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär
+von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.
+
+[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung
+des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden
+müssen.
+
+[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose
+Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das
+Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu
+Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach
+nicht aufzuhalten vermochte.
+
+[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und
+plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne
+Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)
+die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.
+
+[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der
+Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch
+rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer
+getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die
+Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die
+Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit,
+der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche
+Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das
+Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin
+die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger
+gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name
+schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und
+Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des
+Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort
+auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg
+heraufbeschworen.
+
+[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,
+welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die
+Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des "Wehrgeldes" war die Sache
+abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt,
+"abgeschafft". Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen "Reisebildern":
+"Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach
+einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie
+gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter
+mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch 'im
+öffentlichen Interesse' auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten."
+
+[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser
+Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war
+thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den
+österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und
+andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte
+Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die
+Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.
+
+[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und
+entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.
+
+[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel
+gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod
+abhält, so der Vogel ein "rechter" ist, d.h. ein solcher, dessen
+Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. "Über den Kreuzvogel geht kein
+Tier, der ist über Schwalben und Störche."
+
+[14] Aktenmäßig festgestellt.
+
+[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da
+seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald
+einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in
+den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar.
+Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.
+
+
+
+
+Giftklärle
+
+
+
+
+Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
+dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins
+Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach
+Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
+Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte
+ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene
+schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes,
+das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
+äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
+gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen,
+aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
+tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die
+selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
+aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem
+Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht,
+und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören,
+daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
+aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich
+nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels
+junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel
+gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und
+der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da
+fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber
+sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im
+Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete
+die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren
+Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
+Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt
+hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
+ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein
+habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am
+Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
+Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es
+möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.
+
+Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo
+die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. "He, Bärbel! Wie
+lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut?
+Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über,
+aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
+langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!"
+
+Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen
+Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem
+Hause zu. "Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!" ruft das Mädchen und
+trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu
+ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber
+die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
+versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt
+Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der
+rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach
+dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der
+Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume
+ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer
+kräftigen sonoren Männerstimme:
+
+ "Was guckscht denn so traurig?
+ Sei luschtig und froh!
+ 's isch oimol ein Leaba
+ 's isch oimol no so!"
+
+Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des
+feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier
+verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt
+geringschätzig die Achseln.
+
+Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt
+weiter:
+
+ "Alt wirscht ja von selber,
+ So tanz noh ond spreng,
+ Ond weischt a sei's Liedle:
+ Sei luschtig ond seng!"
+
+Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
+sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen
+Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen
+auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.
+
+Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
+und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe
+Verbeugung, zugleich rufend: "Schönsten Dank, gnädig's Fräula!"
+
+Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf
+der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den
+Zaun: "Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger
+und Straßengauner!"
+
+Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
+Halse: "Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!"
+
+Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
+Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung
+über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem
+sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt
+das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
+einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun
+die glühende Klärle los und spricht: "Mueßt nit so wild sein, schön's
+Klärle, hihi!" Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.
+
+Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
+Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
+Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: "Ganz recht
+isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!"
+
+Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor
+Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
+ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen
+seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden
+nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
+Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen.
+Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein,
+humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den
+Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da
+schmettert ihm Klärle schon entgegen: "Was willscht? Mannerluit hent nüt
+z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!" Und zur Bekräftigung
+ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der
+Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet,
+wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken
+und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem
+Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
+dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit
+an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte.
+Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig
+aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein
+Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
+Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine
+Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht
+besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
+Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare
+auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt
+den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter
+vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
+im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist
+dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
+Fleisch und Blut.
+
+Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es
+ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden
+mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle
+hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe
+die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
+Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen
+Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
+Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater
+wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
+der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch
+alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.
+
+Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig
+mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: "So, meint der Vater? So
+wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
+daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft!
+Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und
+den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
+Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
+verstanden!--Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser
+und dann fort zur Arbeit!" Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde
+nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
+aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
+der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel
+begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die
+Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie
+so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
+darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße
+nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
+augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und
+über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
+Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen
+Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
+größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf
+ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach
+dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht,
+sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
+klirr--eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen
+knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und
+stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde
+entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres
+Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.
+
+Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle
+mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und
+starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit
+lautem "Hüh!" die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
+und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße
+weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
+Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache
+wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: "He
+Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
+kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!"
+
+Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
+zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten
+ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald
+die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.
+
+Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das
+Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche
+entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
+selbstverständlich.
+
+"Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
+gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
+werde!"
+
+Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
+Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
+Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.
+
+Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
+gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
+Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
+Verlassen des Weideplatzes.
+
+Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
+Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
+Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
+Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
+und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.
+
+"Du bleibscht daheim, sag' ich!"
+
+Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen
+zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich,
+und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im
+Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
+Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
+meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
+nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
+übertreten.
+
+Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
+Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe
+aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. "Und
+jetzt geh' deiner Arbeit nach!"
+
+Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben
+vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe
+Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
+Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
+Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
+hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie
+solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die
+Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.
+
+Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu:
+"Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
+nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das
+auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
+Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
+Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!"
+
+"Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
+Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!"
+
+"So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?"
+
+"Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht
+besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten
+den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
+gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!"
+
+"Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
+Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
+daß er sich schlagen läßt!"
+
+"So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und
+die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?"
+
+"Was mich----"
+
+"Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als
+davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver
+Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
+anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten
+kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem
+weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!"
+
+"Ich hab' auf niemanden aufzupassen!"
+
+"Doch! Auf dich selber, Klärle!"
+
+Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört,
+ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
+preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie
+nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor
+dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem
+Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar
+aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf
+eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane
+Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten
+nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches
+Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum
+Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
+gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles
+Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
+Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu
+Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf
+und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die
+Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler
+laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
+mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.
+
+ * * * * *
+
+In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des
+entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster
+sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen
+flüstern immer wieder die Worte des Vaters: "Paß' auf dich selber auf!"
+Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
+sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
+sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig
+einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn
+Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
+Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer
+faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage?
+Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im
+Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab,
+leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen
+Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
+Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
+sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht
+gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem
+Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre
+eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem
+Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
+denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt
+sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
+scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
+Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
+herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
+Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles
+Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas
+vorbeugend, was gesprochen wird.
+
+Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: "Nein, Martin, du darfst es
+glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
+und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
+Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
+Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und
+hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden."
+
+Und Martin erwidert: "Sie hat doch dich, Bärbel!"
+
+"Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und
+ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine
+dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr
+schließlich nicht einmal verübeln kann."
+
+"Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend
+gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte--"
+
+"Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht
+selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht
+gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!"
+
+"Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!
+Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
+Händen tragen möcht'!"
+
+"Wie sagst, Märte?"
+
+"Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!"
+
+Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.
+
+In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht
+mehr für sich leise vor sich hin: "Ja, ein wundersam Mädel ist die
+Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf
+einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen
+nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen
+möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke!
+Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines
+gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'
+keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts
+fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin."
+
+Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: "Wohin laufst
+denn? Willst schon zur Ruh'?"
+
+"Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!"
+
+Und weg ist das schmächtige Mädel.
+
+Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: "Die hat auch ihre
+Mucken wie die andere!"
+
+Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört,
+zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube
+gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf
+will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.
+
+Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: "Bärbel!" Martin
+zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die
+Knechtstube aufsucht.
+
+ * * * * *
+
+Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und
+goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen,
+frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres
+Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen
+Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge
+mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich
+gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit
+hängenden Zöpfen.
+
+Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu
+heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu
+genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein
+Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit
+drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch
+immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf
+die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: "He, Klärle, wo steckst so
+lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!"
+
+Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: "Geh nur voraus, Vater, ich
+komme gleich nach!"
+
+Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
+Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
+Weibsleuten.
+
+Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor
+vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres
+Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen
+Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer
+und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn
+der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die
+Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr
+vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle
+ist gezwungen, inmitten des "geringen Volkes" von verspäteten Knechten
+und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle
+nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei
+Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder
+verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen
+hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt
+nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just
+die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes
+verlassen würde.
+
+Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel
+und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.
+Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte
+Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich
+verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung
+schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die
+am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In
+Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige
+versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun
+Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus
+gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt
+feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben
+und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen
+die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes
+überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine
+erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur
+Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine
+Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche
+für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die
+Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo
+die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist
+bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und
+welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen
+Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln
+sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des
+Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in
+vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber
+hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um
+diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in
+deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.
+
+Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
+Klärle mit hochrotem Kopf steht?
+
+Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle----?!
+
+Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das
+zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen
+sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den
+Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der
+Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich
+auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die
+Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung
+und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die
+nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und
+Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein
+Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet
+der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter
+beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend.
+Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der
+Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter
+kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt
+ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.
+
+Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief
+Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im
+Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr
+gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles
+unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:
+"He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer
+gestichelt!" Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert
+Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt
+Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den
+Worten: "Komm, Klärle, dir isch übel!" hinweg.
+
+Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt
+davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken
+und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.
+Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers
+zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der
+Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg
+empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle
+gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'
+Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt
+sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter
+künftig sorgsam auszuweichen.
+
+Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu
+sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich,
+weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß
+und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem
+Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar
+nicht zu denken.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der
+Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms
+II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des
+Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der
+Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in
+Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf
+genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis
+der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer
+recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der
+spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese
+Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein
+Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just
+das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher
+die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale
+heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder
+äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen
+habe.
+
+Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte
+Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine
+Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im
+geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige
+Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn
+verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte
+der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und
+deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht
+daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht
+fassen, daß der "Stich" auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da
+versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung
+des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt
+erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,
+wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen
+lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er
+den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich
+zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem
+Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den
+fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch
+das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter
+pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der
+Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er
+den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem
+Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben
+entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen
+freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom
+Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher
+Gottesdienst seinen Anfang nimmt.
+
+Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig
+erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor
+dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten.
+Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet,
+schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die
+Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: "He,
+Märte, was soll's?"
+
+Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.
+
+"Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
+Werktagskleidern?"
+
+"Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!"
+
+"Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
+Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!"
+
+Martin starrt Klärle fassungslos an.
+
+"Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du
+mich zum Schellenmarkt, verstanden!"
+
+Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den
+Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das
+will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt
+er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit
+offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag
+bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in
+den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem
+Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel
+unterdessen das Haus hüten.
+
+Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu
+überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es
+vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche
+lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem
+Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut
+thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch
+immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!
+
+Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung
+erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute
+hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie
+schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn
+er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,
+dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt--so ein Wicht!--hat
+mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,
+ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf
+den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom
+Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.
+
+"Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!"
+
+"Eben deswegen thue ich's!"
+
+"Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein
+Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,
+das beste Geläut zu besitzen!"
+
+"Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich
+ihm die noch fehlende Schelle einhandle!"
+
+"Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen
+handelnd!"
+
+"Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!"
+
+Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
+Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. "He!
+Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
+Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll
+'s Geläut dann beieinander sein."
+
+Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf
+zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die
+Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten
+ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet
+und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die
+Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die
+Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser,
+und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde.
+Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber
+bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei
+Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten
+Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen
+gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen
+bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,
+denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.
+
+Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe.
+Klärle erwidert gleichgiltig: "Mit mir nicht! Doch will ich's niemand
+verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!"
+
+Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit
+Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu
+vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend
+schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer
+sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt
+beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er
+blau im Gesicht wird.
+
+Ärgerlich fragt Klärle: "Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
+Butterspätzlen!"
+
+Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
+Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.
+
+ * * * * *
+
+So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,
+Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und
+Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen
+Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,
+Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der
+Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum
+"Adler", etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus
+zum "Schwanen" steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze
+und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen,
+Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge
+typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande "Herrgottschühle" genannt,
+trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter
+begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende
+Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den
+"Einfall" zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann
+neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher,
+Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von
+den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen
+sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf
+der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die
+Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr
+durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das
+Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er
+den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen
+probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein
+größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt
+über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,
+kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein
+Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein
+Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch
+vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein
+Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen
+und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln
+und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf
+Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.
+
+In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut,
+taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,
+nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem
+"Schwanen" eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen
+suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld
+überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der
+Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge
+schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und
+dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß
+eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen
+wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die
+Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich
+weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut
+es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,
+und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor
+einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom
+Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: "Nun, schöne Klärle, wie
+ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel
+eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?"
+
+Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf,
+und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: "Laß mich' in
+Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!"
+
+Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die
+nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von
+einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich.
+Gutmütig meint Kaspar: "Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös
+gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele
+von dir war' mir lieber!"
+
+Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: "Für
+so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von
+mir!"
+
+"Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh
+manierlicher um mit den Leuten!"
+
+"Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser
+einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!"
+
+"So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge
+brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:
+
+ Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
+ Schneidet ab den Leuten die Ehr':
+ So bleib denn fürder: _Giftklärle_,
+ Dich nimmt der Teufel nimmermehr!"
+
+Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:
+"_Giftklärle_!" und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in
+dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen
+für ihr "giftiges" (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu
+Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt
+dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt
+allenthalben übers "giftige Giftklärle".
+
+Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge,
+die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem
+Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu.
+Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige
+Dirn bald im "Schwanen", bald im "Adler". Immer lebhafter wird es auf
+dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die
+Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im
+richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber
+nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu
+bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die
+Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der
+Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch
+sagt: "Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den
+Hof und der--_Giftklärle_ geb' ich sie nicht!"
+
+Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts
+wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung
+für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den
+Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus
+und ruft: "Nimm das Wort zurück, Lump, oder--!"
+
+"Was oder--nichts oder!" Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die
+Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird
+beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,
+saftige "Holzerei" ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden
+des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher
+Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer
+Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen
+selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die
+Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf
+württembergischer Seite. "Hie Beutelsbach!", kampflustig brüllen die
+Badener: "Hie Zähringen!" und nun prallen die Burschen aufeinander, das
+Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem
+Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen
+die "Schlacht". Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen
+Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im
+Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen
+Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und
+Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der
+Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile
+beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt
+er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,
+packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust
+vom Kampfplatz weg.
+
+Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,
+bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und
+führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den
+kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen
+jammernden Hirten tröstend und beruhigend.
+
+Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten
+Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger
+auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen!
+Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und
+fallen im "Schwanen" ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der
+Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt
+friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den
+verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen
+Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.
+
+ * * * * *
+
+Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf
+einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine
+ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht
+grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und
+sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten
+Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß
+sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in
+Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen
+Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer
+Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke
+eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem
+schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls
+bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher
+durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde
+nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und
+bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte
+für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust
+seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich
+die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern
+heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach-
+und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben
+fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo
+es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für
+Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche
+Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen
+weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank
+oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten
+einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte
+Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den
+kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame
+Hütte.
+
+Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den
+Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen,
+majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes
+Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst
+der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein
+lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt
+zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von
+der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und
+bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm,
+in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.
+Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der
+alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen
+boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme
+Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören
+bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft
+erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,
+verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und
+schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat
+die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so
+daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein
+nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch,
+wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager
+aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des
+Moserkopfes.
+
+Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins
+Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das
+geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch
+ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie
+verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und
+unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die
+schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr
+hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine
+Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder
+mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie
+sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der
+hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort
+zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es
+krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn,
+Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,
+wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es
+denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu
+behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?
+Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten
+können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn----. "Selbst
+bin ich Schuld!" flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie,
+daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden
+werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal
+Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?
+Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof?
+Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam
+und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und
+dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und
+dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt,
+verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der
+Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des
+ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem
+Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am
+heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen,
+geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!
+
+Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
+Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.
+
+"Ich kann nicht schlafen!" versichert seufzend Klärle und tritt zur
+Liese.
+
+"Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?" fragt
+teilnahmsvoll die Alte. "Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht
+fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?"
+
+Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.
+
+"Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
+Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
+Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!"
+
+"Mir kann niemand mehr helfen!"
+
+"Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!"
+
+"Ich--nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch--unmöglich fürder im
+Thale und unter den Leuten!"
+
+"Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!"
+
+Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft
+das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre
+Knochenhand auf den Scheitel Klärles.
+
+"Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so
+schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!"
+
+Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.
+Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: "Du wirst
+damit doch nicht sagen wollen, daß--"
+
+Die Alte nickt und ergänzt den Satz: "Daß du erst als Weib eines Mannes
+den üblen Beinamen loswerden wirst!"
+
+Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar
+den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf
+angethan. "Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!"
+
+"Ja, den Kaspar!"
+
+Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: "Den,
+nein, niemals, lieber sterben!"
+
+"Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
+Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
+noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
+Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin."
+
+Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren
+Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: "Du hast am Bühl den
+ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der
+Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz
+und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen
+durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin
+"geläutert" worden!"
+
+"Du?"
+
+"Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible,
+das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,
+das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter
+gegeben hat!"
+
+"Oh, das schlimme, häßliche Wort!"
+
+"Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal
+der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre
+denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig
+Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten
+guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen
+Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust,
+so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir,
+einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu
+quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte,
+treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein
+war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie
+vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende
+Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer
+zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich
+mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor
+Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,
+stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich
+lachend hinwegführen".
+
+"Wie sagst, Liese?"
+
+Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: "Ja, ja, das Unglaubliche
+ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in
+meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,
+höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der
+Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen....
+Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist
+fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich,
+die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich
+den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend,
+dessen Spur in die Fremde".
+
+"Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?"
+
+"Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu
+pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen
+aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann
+versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,
+nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose
+Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich
+fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe
+gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine
+furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend
+kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,
+schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen
+hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die
+"Kräuterliese" geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke
+jeglichen Tag!"
+
+"Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!"
+
+"Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose
+Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich
+büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht
+anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die
+Seele!"
+
+Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die
+dürren Finger an die feuchten Augen.
+
+Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: "Was
+mußt du gelitten haben, Liese!"
+
+Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,
+tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des
+Mädchens Kopf, wünscht eine "geruhsame Nacht" und begiebt sich zur Ruhe.
+Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr
+dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt
+die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den
+Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit
+einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.
+
+ * * * * *
+
+Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert
+im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein
+und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die
+Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher
+beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die
+Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut
+ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab,
+verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,
+taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der
+Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für
+eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.
+
+Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte
+gewahrt, ruft Kaspar: "He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!" und
+schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt
+Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick
+des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt
+und grüßt verlegen: "Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei
+der Kräuterliese im finsteren Wald!"
+
+Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen;
+unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt
+das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,
+es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie
+stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will
+er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er
+sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein
+Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt
+verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert
+Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher
+hinzu: "Was führt dich so früh herein in den Tann?"
+
+Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: "Einen Heiltrank will
+ich holen von der Kräuterliese!"
+
+"So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?"
+
+Kaspar lacht hell auf und versichert: "Nein, Gottlob, mir fehlt nichts
+als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die
+Liese helfen mit einem Tränklein!"
+
+Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz.
+Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder
+da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen
+Enttäuschung. "So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den
+Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber
+gern und drückst dich von der Bauernarbeit!"
+
+"Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter
+nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune!
+He, Liese!" Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet
+stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des
+Zornes zurückdrängt.
+
+Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom
+Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte
+geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch
+eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen
+im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese
+augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der
+alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute
+Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff
+holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht
+selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er
+wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: "Weiß schon, was du willst!
+Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren
+seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid
+lästige Leute!"
+
+Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den
+Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber
+meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: "Ihr Weiber paßt aber
+schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die
+Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!" Unter
+spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz
+vergessend.
+
+Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf
+Klärle zu. "Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person
+giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher
+Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und
+du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!"
+
+"Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!"
+
+"Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem
+Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du
+wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der
+Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz
+recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr "Giftklärle" nennen!
+Verdienst es nicht anders."
+
+Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.
+
+"Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar
+schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als
+du glaubst! Und es juckt mich, dir den "Gift" aus dem Körper zu
+schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der
+"Gift" ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders
+kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem
+Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!
+Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf
+deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht
+mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto
+besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur
+Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!"
+
+"Liese!" schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.
+
+"Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!"
+
+Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.
+Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug
+erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die
+Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht
+das Mädchen von dannen.
+
+Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser
+Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge
+Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür
+gewiesen. "Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!" flüstert
+Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz
+im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich
+Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu
+inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer
+Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender
+Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht
+und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut.
+Inbrünstig betet das Mädchen: "Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb
+mir den Frieden ins Herz und Erlösung!"
+
+Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: "Der Friede
+soll dir werden, Kind!"
+
+Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr
+in die Wangen.
+
+"Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!"
+
+"Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der--"
+
+"Was soll's--?"
+
+"Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor
+der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!"
+
+"Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!"
+
+"Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir
+gewendet--"
+
+"Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß
+ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!"
+
+"Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!"
+
+"Doch!"
+
+"Wie?"
+
+"Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du
+Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine
+Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden
+Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit
+und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann
+dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,
+und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!"
+Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle
+zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und
+haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie
+Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen,
+indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts.
+Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,
+nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr
+allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die
+Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender
+Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem
+Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht
+das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach "Klärle". Wie das
+wohlthut!
+
+Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
+Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
+hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
+Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
+Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
+Hand über die Augen.
+
+Erglühend lispelt Klärle. "Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich
+verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will
+dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein."
+
+Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein
+verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten
+huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken
+Lippen beben.
+
+"Wach' ich, oder träum' ich!" flüstert der Alte.
+
+"Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!" bittet Klärle und
+küßt abermals die Hand des Vaters.
+
+"O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und
+lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!" Mit beiden
+Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen
+herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war,
+was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.
+
+Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: "Nicht fragen, Vater! Noch bin
+ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!"
+
+"Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder
+gut werden!"
+
+Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der
+Spülarbeit beschäftigt ist. "Grüß Gott, Bärbel!" ruft vergnügt, schier
+zärtlich Klärle.
+
+Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche
+Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei
+es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.
+
+Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
+Einsturz.
+
+Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle
+der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger
+ungescheut und spricht: "Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da,
+und nun wollen wir treue Freundschaft halten!"
+
+Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz
+verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
+Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer
+Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.
+
+Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt
+ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich
+hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel
+retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.
+
+Klärle ruft: "Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?"
+
+"Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!" tönt es zurück.
+
+Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum.
+Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt
+geworden.
+
+Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken.
+"Geht an die Arbeit, Leute!" befiehlt die Tochter.
+
+Das wirkt augenblicklich. "Sie ist doch noch die Alte!" flüstern die
+Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest
+überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und
+den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und
+Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten
+verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung
+gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder
+unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es
+besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der
+Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es
+nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis,
+daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch
+das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.
+
+"Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht
+nötig!"
+
+"Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur
+Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich
+verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!"
+
+"Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist--"
+
+"Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder--"
+schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen
+Händen.
+
+Erschrocken stottert der Alte: "Aber, Maidle, was hast denn nur?"
+
+Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in
+ihrer Kammer ein.
+
+Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
+Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
+verstehen wird.
+
+ * * * * *
+
+Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
+leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
+ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe
+ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen,
+nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres
+scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle
+sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten
+Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
+entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die
+ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem
+Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
+ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile
+im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle
+allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am
+nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
+
+Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: "Wer
+will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?"
+
+"Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber,
+wenn du nicht anwesend wärest!"
+
+"Was hat der Pfarrer vor mit mir?"
+
+"Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
+hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
+Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt,
+daß du dich zum Frieden durchringen wirst."
+
+Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
+Näharbeit herab.
+
+Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa
+siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
+rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend.
+Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. "Bist du die
+Klärle?"
+
+"Ja, Kleiner, was willst oder bringst?"
+
+"Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es
+aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!"
+
+"So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
+aus der Küche zum Botenlohn geben!"
+
+"Nein, nein, ich brauch' nichts!" zetert angstvoll der Kleine und
+springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
+
+Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den
+Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei
+entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und
+zischt: "Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen
+lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!"
+
+"Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!" meint
+trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
+
+"Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein "Gegengift gegen
+die Giftklärle" schickt, eine "Medizin zur Läuterung der Seele". So
+steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
+werde--nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
+Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!"
+
+"Klärle!"
+
+"Was willst Vater?"
+
+"Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?"
+
+"An was?"
+
+"Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!"
+
+Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
+
+ * * * * *
+
+Die folgenden Tage wird der "Gegengift"-Sendung mit keinem Worte
+erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
+soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
+fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: "Nun, Klärle, wie ist's?
+Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
+Neugier um?"
+
+"Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!"
+erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
+Hand.
+
+Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
+andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den
+Worten: "Liebet einander im christlichen Sinne." Seltsamerweise bleibt
+der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm
+aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: "Geliebte in Christo dem
+Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
+zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
+nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
+Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
+Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
+hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
+so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das
+Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für
+menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie
+der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
+einander!"
+
+Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt
+sodann die heilige Handlung am Altare fort.
+
+Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
+Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die
+Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend
+aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
+humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
+aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon
+noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die
+"Stichelei" ein Ende machen wird.
+
+"Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!" sagt der Pfarrer
+und begiebt sich in sein Haus.
+
+Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
+wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei
+gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
+gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet,
+hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle
+eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger
+Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
+
+"Grüß Gott, Klärle!"
+
+"Grüß Gott, Vater!"
+
+"Maidle, der Herr Pfarrer--"
+
+"... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!"
+
+"Du weißt schon?"
+
+"Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
+wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte
+eine große Bitte an dich!"
+
+"Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen
+erweisen kann!"
+
+"Ja, Vater, du bist so lieb und gut!"
+
+"Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll
+ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?"
+
+"Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
+Jörgenmichel dazu, daß er--"
+
+Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
+Ohr.
+
+"Willst du nicht, Vater?"
+
+"Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm
+gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was
+Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt
+mich stehen!"
+
+Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater
+humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört
+nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt
+sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
+Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie
+verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt,
+rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
+jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß
+Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber,
+wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß
+sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
+der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu
+hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
+Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum
+Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
+Jörgenmichelhof führt.
+
+Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen,
+es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
+
+Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
+Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
+darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
+Thür im Flötz.
+
+Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
+Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich
+klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus
+der Kehle: "Oha!"
+
+Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
+Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: "Je, der Gifter in eigener
+Person!"
+
+Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: "Bist ja doch zu Hause,
+Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
+Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!"
+
+"Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch
+aufwarten?"
+
+"Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!"
+
+"So?" lacht Kaspar. "Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht
+schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!"
+
+Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
+erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
+
+"Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!"
+
+"So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?"
+
+Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
+Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er,
+daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die
+Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt,
+jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu
+bekommen.
+
+Gifter horcht auf. "Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?"
+
+"Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!"
+
+"Hm!"
+
+"Was meinst, Gifter?"
+
+"Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als
+'Gegengift'!"
+
+"Ah! Und hat sie's genommen?"
+
+"Fuchsteufelswild ist 's worden!"
+
+"So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu
+nehmen!"
+
+"Ah, hast es gar schon verkostet!"
+
+"Ich, nein! Was dir nicht einfällt!"
+
+"So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?"
+
+Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt
+zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.
+
+Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. "Du, Kaspar! Weilst
+vom 'Gegengift' schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas
+friedsameren Blutes geworden sein--"
+
+"Ich, wieso?"
+
+"Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der
+Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!"
+
+"Schickt dich Klärle?"
+
+"Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!"
+
+"Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem
+Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein
+Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so
+lang sie so 'giftig' bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon
+selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir
+nicht im Schwarzwald!"
+
+"Kruzitürken!"
+
+"Wie meinst, Gifter!"
+
+"Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!"
+
+"Warum bist denn zu mir 'kommen?"
+
+"Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus,
+vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!"
+
+"B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
+Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im 'Lamm'! adjes!"
+
+Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein
+Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie
+die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und
+dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um
+'s andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
+
+ * * * * *
+
+Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des
+Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen
+Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in
+Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,
+schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht
+der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen
+noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit
+des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der
+Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten
+Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder
+großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die
+Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt
+Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles
+Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für
+die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem
+überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt
+stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die
+Straße entlang.
+
+Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen
+Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in
+welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler
+sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst
+der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen
+Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich
+im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen
+und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die
+Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände
+&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht
+gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;
+Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und
+Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß
+sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die
+Wirtsstuben auf der "Post" und im "Lamm", wo dem Oberndorfer Gerstensaft
+und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher
+stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen
+unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen,
+giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und
+Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale
+getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der
+Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der
+Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe.
+Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den
+linken und meint gelassen. "Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit
+'m Herrgott z' frieda sei!" Was um den Gifter herumsteht, lacht aus
+vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine
+Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen
+sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars
+mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter
+nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen
+Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig
+wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle
+"Gegengift" wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit
+nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der
+Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was
+absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht
+doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber
+die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große
+Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
+
+Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward
+ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf
+und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein
+hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein
+Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos
+vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum
+auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie
+angewurzelt stehen.--Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie
+tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er
+wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich
+geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,
+daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der
+erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte
+Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den
+Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat,
+fühlt er sich nicht sicher.
+
+Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn
+glühend, reicht ihm die Hand und sagt: "Grüß Gott, Kaspar!"
+
+Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme
+bebt bei den Worten: "Du--du--wie ist mir denn--du, Klärle, bietest mir
+einen Gruß?!"
+
+Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: "Ja, Kaspar!
+Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!"
+
+Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: "Red, Klärle! Was ich thun kann,
+thue ich für dich!"
+
+"Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen--du weißt schon welchen--von mir
+weg!" Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am
+liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.
+
+"Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!"
+
+"Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!"
+
+"Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja
+gar nimmer bös'?"
+
+Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die
+Häubchenbänder flattern.
+
+"Dann bist mir am End vor lauter "Gift" gar gut 'worden?"
+
+Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:
+"Nimmer dieses Wort?"
+
+"Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch
+ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!"
+
+"Kaspar!"
+
+"Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?"
+
+"Ja, Kaspar!" ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich
+überglücklich umschlungen.
+
+Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher
+spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen
+Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor
+Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in
+den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer
+Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'
+er wie die Gebirgler schuhplatteln.
+
+Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf
+und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der
+Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die
+Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob
+das Gegengift gründlich gewirkt habe.
+
+"Und ob!" rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor
+Rührung weinende Kräuterliese.
+
+Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres
+Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im
+Jörgenmicheleshof aufziehen könne.
+
+Ein energisches "Halt!" macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter
+stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um
+Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.
+
+Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt
+sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und
+droht: "Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines
+Glückes 'nein' sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die
+Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!"
+
+Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: "He,
+Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!"
+
+Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich
+endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre
+Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun
+stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt
+ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre
+Kosten zu kaufen.
+
+Im "Lamm" ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im
+guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.
+
+
+Fußnoten:
+
+[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern
+begiftigen ("bei diser gnad, _gifte_ und freyheit"). Aus der alten
+Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.
+
+[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß
+ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der
+Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen
+Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt
+ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den "Schwanen" zu verlassen und in den
+württembergischen "Adler" zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner
+Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von
+badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere
+Ausschreitungen.
+
+
+
+
+Der Pelagier
+
+
+
+
+Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst "Zankwald", der
+sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und
+Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk
+über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
+ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die
+Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
+fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des
+brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst
+einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
+Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
+paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
+Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
+des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
+sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
+hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
+Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
+Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein
+nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der
+württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III.,
+der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert
+Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
+stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
+verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein
+Zufriedenheit gedeiht.
+
+Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
+wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt
+der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit
+einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte
+graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
+Erde kommen soll.
+
+Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der
+sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber
+und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
+Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
+etwas erweitern zur sogenannten "alten Steige". Wie der trübe Himmel
+heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
+
+Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach
+Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines
+galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
+schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der
+Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: "Faß'
+ihn! faß, faß!" Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
+Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der
+Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier
+aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
+seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben
+demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die
+Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige
+Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
+den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
+stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
+sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
+gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
+Last seines Karrens.
+
+"Was soll das heißen?" fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
+sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
+
+Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend,
+so daß deren Antlitz sichtbar wird:
+
+"Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
+zum Beinhaus!"
+
+"Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
+dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
+Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
+Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?"
+
+"Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!" wimmert der
+Hörige.
+
+"Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist
+verfallen durch den Tod des Eheweibes!"
+
+"Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!"
+
+"Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
+Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
+Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
+Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!"
+
+Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
+
+Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine
+Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
+Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn.
+Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
+und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu
+den beneidenswerten freien Leuten!
+
+Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
+Waldesgruß an die Tote?------
+
+ * * * * *
+
+Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der
+wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
+Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als
+sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen
+Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
+den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
+wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
+Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom
+Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
+weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der
+stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
+Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
+daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte
+auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
+Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
+sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in
+patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die
+Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
+
+Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
+Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer
+er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
+Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
+Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum
+vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt
+indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen
+an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein
+Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
+Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in
+den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der
+späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im
+Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten
+Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt,
+Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
+durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
+klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom
+Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
+mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen.
+Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind
+hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd
+durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür
+wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
+bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält
+Totenwache durch die schaurige Nacht.
+
+ * * * * *
+
+Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
+Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
+rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
+Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
+Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
+
+Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
+schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der
+Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend
+ruft Abt Alphons hinein: "Aufgemacht! Knecht heraus!"
+
+Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
+fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das
+schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein
+Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
+der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen.
+Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den
+gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner
+doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
+preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.
+
+In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
+Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
+zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
+Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
+Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.
+
+"Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P.
+Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er
+sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!"
+
+Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
+"Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?"
+
+"Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
+unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
+heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die
+Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?"
+
+Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: "Was
+lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
+Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
+Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
+taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch
+werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt."
+
+"Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?"
+
+"Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
+körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
+überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
+und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig
+eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit
+ihren wilden Landsknechten."
+
+"Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
+dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?"
+
+"Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
+Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
+Wallenstein!"
+
+"Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!"
+
+"Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
+Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
+Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!"
+
+"Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!"
+
+"Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem
+Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt
+war."
+
+"Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
+Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch
+Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297
+Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt
+und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
+meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
+darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die
+Waffengewalt sprach für uns!"
+
+"Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
+württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und
+eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
+Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder
+Nationen! Es ist ein Greuel!"
+
+"Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!"
+
+"Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
+Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!"
+
+"Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
+Kirche erkauft werden soll?!"
+
+"Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach
+wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation."
+
+"Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
+hinzugeben bereit bin.--Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
+Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
+Alpirsbacher Herrschaft gehören?"
+
+"Gotthard vermeldet dies!"
+
+"Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!"
+
+"So meldet Gotthard!"
+
+"Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
+dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere
+Kirche!"
+
+"Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
+Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
+ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
+Milde und Güte, Herr!"
+
+"Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
+Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
+ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!"
+
+"Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
+werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!"
+
+"Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!"
+
+"Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard
+heimkehrt in sein Land!"
+
+"Er scheint das ja schier zu hoffen?!"
+
+"Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
+freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!"
+
+"Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
+möchte dennoch württembergisch werden?"
+
+Der greise Konventuale seufzt und schweigt.
+
+"Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als
+der Herzog!--Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
+handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und
+strafen!"
+
+P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann
+gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
+Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar
+mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die
+Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten
+eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
+den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
+Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
+Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant
+eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
+geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
+gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden,
+ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach,
+daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
+Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
+den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot
+der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.
+
+ * * * * *
+
+Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster
+schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt,
+grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die
+Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen
+Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium
+versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
+Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
+aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht,
+und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt
+zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr
+beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
+wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
+Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und
+schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
+mitteilt: "Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!"
+
+Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: "Wie, was?"
+
+"Ein Sendbote ist da!"
+
+"Von wem gesandt?"
+
+"St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!"
+
+Erregt springt Alphons auf und befiehlt: "Bringt den Boten in meine
+Zelle!" Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
+Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
+von Ehlenbogen.
+
+Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein,
+indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.
+
+Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches
+stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.
+Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so
+rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu
+verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster
+opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt
+Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die
+Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man
+ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen
+ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen
+und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem
+Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag
+nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht
+rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen
+Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts
+Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:
+"Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben
+beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die
+Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron
+d'Oisonville in Breisach! Georg."
+
+Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz
+aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein
+Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: "Frankreich!
+Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß!
+Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!" Ein Seufzer aus
+gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten
+bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen
+leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein
+zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht
+so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der
+Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das
+deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im
+schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende
+österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit
+Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben,
+und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der
+exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er
+wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die
+Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen
+ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben
+und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf
+sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf
+er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen
+Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben
+hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt
+Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist
+es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein
+Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des
+Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein.
+Sein Scepter bedeutet das Ende....
+
+Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
+Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
+Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
+Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
+gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
+Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
+Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!
+
+Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament
+und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in
+unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet
+bald darauf der Bote ab.
+
+Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in
+der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes
+vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig
+fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: "Was erfrechst du dich,
+du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst
+du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!
+So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!"
+Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben
+und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter
+kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter
+Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde
+alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein
+Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche
+Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem
+Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten
+verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es,
+solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn
+alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die
+Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der
+alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner
+zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,
+ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig
+verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man
+ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen!
+Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit,
+auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.
+
+Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen,
+dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet
+für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier
+und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für
+die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich
+auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster
+glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende
+Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz
+krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes
+birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den
+Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen
+durch sanftes Rauschen.
+
+Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
+Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.
+
+"Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!" ruft verbittert der
+Pelagier.
+
+"Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn
+es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!"
+
+Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die
+Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit
+der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb
+starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große
+Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.
+
+ * * * * *
+
+Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die
+Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz
+drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so
+hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein
+jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist
+und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der
+Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein
+Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde----! Ob
+es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!
+
+Frei sein; wie das herrlich sein müßte!
+
+Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine
+starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem
+berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier
+auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn
+zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht
+Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte
+Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd
+heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine
+Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein
+Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der
+plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der
+Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen
+die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von
+diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist
+in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die
+Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott,
+Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren
+als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell
+jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in
+rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?
+Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die
+Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig
+sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden
+Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern.
+Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer
+finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die
+Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch
+schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt
+es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen
+mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden
+könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen
+durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt,
+seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.
+
+Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,
+wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen
+stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus
+laufenden Pelagier, was denn los sei. "Die Franzosen kommen, bewaffnet
+euch!" schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.
+Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die
+Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung
+macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.
+
+Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: "Die kommen
+rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier
+bleiben können!"
+
+"Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte--der Feind--wir werden verloren
+sein, darum rief ich alles zu den Waffen!" stammelt der Pelagier.
+
+"Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut
+empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten
+Quartier geben!"
+
+"Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?"
+
+"Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!"
+
+Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des
+Hörigen.
+
+"Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!"
+
+"Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg----! Ihr, ein
+deutscher Abt?"
+
+Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:
+"Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den
+Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
+einzuquartieren! Fort mit dir!"
+
+Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein
+armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das
+Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn
+vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze
+herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem
+Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem
+Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen
+Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische
+Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend
+und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.
+
+Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: "Nun, und was befiehlt der
+Abt?"
+
+"Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen--"
+
+"Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?"
+
+"Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen,
+und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen
+und beherbergen."
+
+"Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst--ich kann's nicht
+glauben! Ich muß den Abt selber fragen!" Und bestürzt eilt der alte
+Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.
+
+Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz
+nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein
+Gebet für die Tote zu verrichten.
+
+Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um
+dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur
+Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche
+ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und
+das fremde Kriegsvolk gerufen!
+
+Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein,
+begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine
+Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt
+sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem
+harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das
+ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich
+immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und
+Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den
+Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.
+
+"Sacre bleu, avant!"
+
+Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in
+eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.
+
+Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur
+erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine
+Soldaten und schwätzt weiter.
+
+Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.
+Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst
+wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache
+aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.
+
+Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur
+Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran,
+schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt
+ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.
+
+Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums:
+die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich
+durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf
+Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im
+Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert
+frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie
+die Mauern.
+
+Ein neuer Befehl--und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche
+und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich
+zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite
+gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien
+herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt
+die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch
+nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.
+
+Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder,
+aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich
+den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer "fassen"
+und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem
+Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden
+zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die
+Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.
+Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein
+und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.
+
+Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei
+Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des
+Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut
+deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die
+Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle
+Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem
+"Schutz" stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt
+selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard
+dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten
+untergebracht werden solle.
+
+Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller
+Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: "Kloster für alles
+sorgen muß!"
+
+Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle,
+daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort
+Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der
+Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den
+Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort
+erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung
+persönlich zu überwachen.
+
+Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen
+wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene
+Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und
+Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch
+sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in
+welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das
+Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann
+nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von
+dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten
+Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum
+Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher
+kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder
+Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.
+
+Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: "Großer
+Gott! was habe ich gethan!"----Tief erschüttert sucht er seine Gemächer
+auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.
+
+ * * * * *
+
+Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei
+Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren
+Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch
+das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um
+selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt
+er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen
+Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete
+Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten
+und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich
+im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer
+gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.
+
+Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück
+und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so
+wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den
+wüsten Scenen.
+
+Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der
+Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters
+und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige
+Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen,
+zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht
+hat.
+
+Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er
+völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten
+Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und
+nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich
+auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen,
+heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt
+hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem
+ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim
+Würfelspiel.
+
+Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel!
+Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren
+immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie
+einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons
+die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat
+nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so
+stillfriedlichen Kloster?!--
+
+Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest
+pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den
+Kapitän zu.
+
+Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,
+halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des
+Klostervorstandes.
+
+Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge
+draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.
+
+Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: "à la guerre comme
+à la guerre, Monsieur l' Abbé!" und wendet sich vollends zu den
+Spielern.
+
+Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. "Nein,
+Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
+Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
+Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!"
+
+Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter
+höhnischem Lächeln: "Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de
+Alpirsbak sein ik! Bon soir!"
+
+Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert
+stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und
+würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres
+noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,
+überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der
+Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur
+Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze
+Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen
+die Herrschaft über Alpirsbach!
+
+Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die
+verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und
+Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren
+in ihre Gemächer zu führen.
+
+ * * * * *
+
+Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet
+verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu
+verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind
+da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.
+Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in
+Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die
+finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus
+deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste
+ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und
+all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt
+selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von
+Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die
+Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische
+Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch
+nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch
+jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...
+
+Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen
+Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und
+brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei
+Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und
+machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt
+der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen
+die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!
+
+Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend
+und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in
+seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der
+Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.
+
+"Der schändet deutsche Tugend nimmer!" flüstert Euseb, ruft dann leise
+das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des
+Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
+Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und
+Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer
+Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die
+Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der
+Herbstnacht in den Tann.
+
+Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und
+Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze
+Rufe bei Ablösung derselben.
+
+In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den
+unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für
+das Kloster anflehend....
+
+ * * * * *
+
+In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen
+frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über
+den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu
+erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt
+Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu
+requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein
+bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um
+Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der
+Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof
+wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen
+den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des
+erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus
+Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen
+los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes
+Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch
+den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere
+notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den
+Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die
+Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend
+und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef
+Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des
+ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem
+unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann
+abgeschickt, den Abt herabzuholen.
+
+Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges
+folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß
+deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche
+und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede
+Waffe verantwortlich sei.
+
+Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
+Kommandeurs nicht verstanden.
+
+"Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins
+par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann
+cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!"
+
+Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: "Ich bin doch unschuldig an der
+Unthat!"
+
+Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus
+tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die
+verhängte Kontribution sofort einzukassieren.
+
+ * * * * *
+
+Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die
+Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller,
+immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die
+gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der
+Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den
+Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer
+neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.
+
+So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit
+Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue
+Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise
+Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel
+verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach
+Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt
+Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die
+Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons
+giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders
+wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere
+zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den
+unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung
+dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum
+Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der
+Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung
+seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des
+Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach
+Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber
+kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt
+es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden
+muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so
+schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu
+rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu
+werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist
+sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem
+Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen "Schutz" zu dulden, ist
+unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen
+trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus
+übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene
+Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater
+Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen
+Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von
+der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg
+dazu sicher finden werde.
+
+Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in
+anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie
+durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen
+an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den
+Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh
+wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb
+es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre
+Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins
+Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den
+Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie
+zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen
+Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken
+ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld
+vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen,
+und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne
+gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den
+Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am
+lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer
+Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes
+Martermittel war das "Feuerkriechen", das überall dort angewendet wurde,
+wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft
+werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,
+vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der
+Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch
+dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den
+Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr
+sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die
+Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen
+Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts
+mehr wegschleppen konnten.
+
+Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung
+unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser
+gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut
+zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der
+von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald
+schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener
+Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen
+niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des
+Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des
+Aufstandes.
+
+ * * * * *
+
+Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau
+verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der
+Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren
+Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das
+Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,
+dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur
+wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die
+Gemeinde "Hinteres Lehengericht" bilden im Gegensatz zum "Vorderen
+Lehengericht" im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde
+geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige
+Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die
+Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße,
+doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer
+mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß
+er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen
+sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße
+veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von
+Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger
+Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins
+Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen.
+Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner
+Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?
+Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken
+die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt
+springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an
+und zielt----. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und
+schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul
+des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen
+Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm
+schützend Geleit zu geben.
+
+Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam
+sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.
+
+Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder
+schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt
+zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und
+Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das
+Geleite verjagt!
+
+"Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!"
+
+Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: "Verzeiht
+Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu
+schützen!"
+
+"Warum hast du so nahe der Straße geschossen?"
+
+"Es galt Euer Leben zu retten!"
+
+"Wie, was?"
+
+"Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!"
+
+"Wo sind die Musketiere?"
+
+Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit
+dem Arm nach rückwärts.
+
+"Was, zurückgelaufen sind die Kerle?"
+
+"Bis auf einen, ja!"
+
+"Bis auf einen--was soll das heißen?"
+
+"Der eine küßt den Erdboden!"
+
+"Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?"
+
+"Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
+Meuchler!"
+
+"Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!"
+
+"Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul
+schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg."
+
+"Bist du toll?!"
+
+"Nein! Gottlob ist's gelungen!"
+
+"Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?
+Meine Schutzbegleitung----?!"
+
+"Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!"
+
+Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm
+steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er
+das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. "Du meinst, die
+Franzosen wollten mir ans Leben?"
+
+Euseb nickt.
+
+"Aber weshalb?"
+
+"Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?"
+
+"Großer Gott--du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich
+berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!
+Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!"
+
+Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul
+herab die Hand: "Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube
+nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!"
+
+Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: "Jagt
+das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!"
+
+Alphons seufzt.
+
+Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: "Jagt die
+Schandmenschen fort, ehe es zu spät!"
+
+"Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!"
+
+"Das war vorauszusehen!" sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem
+langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich
+das Haupt tiefer sinken läßt.
+
+Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg
+südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: "Fort müssen
+sie, baldigst und für immer!"
+
+"Wie sie aber fortbringen?" wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich
+keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem
+Hörigen auszusprechen.
+
+"Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!"
+
+"Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es
+hundert Mann, waffengeübte Musketiere!"
+
+"Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!"
+
+"Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster
+bringen wird!"
+
+"Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger
+fortzubringen--"
+
+"Wieso ich?"
+
+"Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer--"
+
+"Wie, du weißt--"
+
+"Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet,
+denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben."
+
+"Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und
+dem General den Schutz kündigen!"
+
+"Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!"
+
+Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die
+vierjährige Schutzfrist.
+
+"Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine
+bestimmte Zeitdauer?"
+
+Alphons nickt betrübt.
+
+"Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
+Bluthunde los!"
+
+"Das kostet schweres Geld----"
+
+"Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde
+gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!" Euseb
+trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.
+
+ * * * * *
+
+Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,
+als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die
+Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und
+Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren
+mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer
+einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen
+gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten
+Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche
+sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder
+zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt,
+gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den
+Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare
+Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die
+Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder
+weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm.
+Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten
+unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird
+zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft,
+ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen
+Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur
+ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige
+Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier
+und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen
+suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder
+gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt
+und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die
+Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen
+Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und
+Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.
+
+In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den
+Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die
+Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die
+Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen
+den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so
+daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten
+auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und
+Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann,
+gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd
+haben.
+
+Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere
+verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur
+Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht
+nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu
+beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen
+sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der
+alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.
+
+ * * * * *
+
+Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen
+erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort
+den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,
+und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen
+im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul
+herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat
+das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt,
+auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der
+bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was
+dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast
+überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod
+seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen
+Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: "Höre, Euseb! Du hast dich wacker
+gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes
+dazu!"
+
+Der Hörige schüttelt den Kopf.
+
+"Wie, du verschmähst die Gabe?"
+
+"Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh
+jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht
+betreuen."
+
+"Wie soll ich das verstehen?"
+
+"Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!"
+
+"Du sprichst in Rätseln, Euseb!"
+
+"Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
+Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!"
+
+"Wenn es mir jedoch nicht gelingt?"
+
+Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und
+dumpf spricht er: "Dann jagen wir sie fort!"
+
+Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln
+seine Lippen: "Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter
+Eberhard!"
+
+Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den
+Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.
+
+"Was ist's, droht uns Gefahr?"
+
+Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,
+seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: "Herr! Haltet zu
+Württemberg!"
+
+Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im
+Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf
+schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich
+aufspritzt.
+
+Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster
+steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die
+Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.
+Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer
+ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen,
+die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei
+beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig
+um Hilfe.
+
+Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
+Weichen und rast dem Kloster zu.
+
+Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den
+brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren
+den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die
+lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den
+Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein,
+Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und
+Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.
+
+Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der
+Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die
+Kutte auf, ein Wurf--das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde
+Lohe--ein markdurchdringender Schrei--gierig schlagen die Flammen
+drüber.
+
+Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,
+zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
+Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt
+Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.
+
+Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,
+brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem
+Württemberger Herzog schützen sollen.
+
+Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran.
+Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl
+des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung.
+Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der
+brennenden Häuser.
+
+Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde
+erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden
+habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des
+Kapitäns holen--er liegt in der Nähe einer Hegerhütte--und beerdigen
+lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier
+fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster
+schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.
+
+Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.
+
+Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen
+mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein
+beleuchtend.
+
+Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der
+ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in
+den Häusern der geflohenen Unterthanen.
+
+Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,
+und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der
+schrecklichen Schweden harrend.
+
+Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen
+Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren
+im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger
+und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die
+Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren
+Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die
+Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft
+sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und
+stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht
+bewaffnet, der Musketiere.
+
+Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und
+dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße
+sich dicht zusammenschließen müssen.
+
+Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,
+an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und
+Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,
+Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,
+Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die
+Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus
+aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur
+Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts
+zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine
+Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln
+Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen
+Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere
+vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die
+Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl
+ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten
+ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter
+Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach
+jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein
+Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die
+Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet
+gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen
+der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten
+Feinde aufs Korn genommen werden können.
+
+Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die
+Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel
+ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen
+gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.
+
+Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
+Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
+liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
+Gnadenhieb auf den Kopf.
+
+Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen
+Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual
+und Not ist gethan.------
+
+ * * * * *
+
+Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde
+verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und
+Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder
+zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und
+heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische
+Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des
+Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der
+Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der
+Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe
+Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt
+habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog
+überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle.
+Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die
+Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.
+
+Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg
+fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das
+Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von
+Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus
+einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche
+vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften
+in derartigem Umfange erworben hatte.
+
+Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,
+die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die
+Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu
+beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu
+ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig
+Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den
+welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine
+Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt.
+Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der
+liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe
+und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,
+versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her
+überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert
+werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an
+Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom
+Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte
+Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.
+
+Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem
+Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom
+Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen
+dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift
+an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll
+das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die
+Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet.
+"Verloren, rettungslos verloren!" stammelt der Abt und sinkt in sich
+zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder
+Erregung: "Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist
+hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem
+Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und
+nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!"
+
+Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem
+westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard
+Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von
+Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne
+netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift
+hinzufügte: "Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung
+zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies
+dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne."
+
+Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die
+trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche
+Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und
+wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der
+Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.
+
+Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen
+die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung
+keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang
+die Freiheit blühen könnte.
+
+So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
+Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.
+
+ * * * * *
+
+Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer
+Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind
+über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs
+Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz
+nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.
+
+Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen
+Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den
+Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster
+kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor
+das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der
+Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.
+
+Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,
+der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr
+selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.
+Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.
+
+Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt
+verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene
+Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und
+führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem
+Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur
+Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den
+Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer
+und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner
+Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor
+der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein
+Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf
+diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und
+tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat
+zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr
+des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote
+Württembergs: "Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten
+Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe
+jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs
+Herrscher aufzufordern."
+
+Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,
+es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: "Dem
+protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der
+Gewalt!"
+
+Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. "Hier
+ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner
+Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,
+sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird."
+
+Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es
+ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend
+spricht er. "Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich
+protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!"
+
+"Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern,
+den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das
+unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß
+Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und
+Alpirsbach muß württembergisch werden!"
+
+"Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!"
+
+"Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl
+inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!"
+
+Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem
+Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf
+kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der
+herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft
+vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.
+
+Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der
+folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische
+versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher
+Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden
+sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von
+Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher
+vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den
+Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen
+auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt
+bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder
+gefahren.
+
+Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: "Und wenn die Herzoglichen
+kommen, wohin richtet sich unser Schritt?"
+
+"Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!" kündet der Abt,
+verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.
+
+Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
+Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
+überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf
+Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.
+
+Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen
+gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume
+der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende
+Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk
+zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich
+geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.
+
+Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist
+eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,
+zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die
+Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit
+dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste
+genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel
+verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport
+der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen
+die Wagen nach Rottweil.
+
+Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in
+württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei
+nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das
+Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.
+Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von
+Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann
+dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.
+
+Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen
+Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben
+freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend,
+stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.
+
+Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem
+gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt
+vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd
+durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.
+
+Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal
+gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die
+Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.
+
+Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: "Verloren, verloren!"
+
+Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche
+und Unterthanen zu schonen.
+
+Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er:
+"Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei
+bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von
+Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster
+ist!"
+
+"Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden
+fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und
+Besitz Eigentum Württembergs!"
+
+Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt
+hinaus.
+
+Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre
+Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den
+zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie
+selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der
+Waldheimat.
+
+Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem
+neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter
+Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb
+herangestürmt.
+
+In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
+Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
+Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz
+genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit
+Württemberg Euseb, der Pelagier.
+
+
+Fußnoten:
+
+[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren
+an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und
+Frauenpersonen, die "werden nicht gehalten wie andere eigene Leute". Sie
+bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben
+haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden
+sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius "in dem langen Münster"
+zu Alpirsbach.
+
+[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt
+von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. "das Recht, von jeder
+Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster
+mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene
+Stück Vieh zu beziehen." Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch
+einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl.
+Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot,
+jedes im Wert von einem Kreuzer.
+
+[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch
+kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den
+Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III.
+gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische
+Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses
+Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit
+Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche
+die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen
+Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute
+vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst
+verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin
+wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis
+gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen
+Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und
+weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen
+unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese
+diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der
+dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und
+Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.
+
+[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den
+Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von
+jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen
+Tübinger, und "was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den
+10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.")
+
+[22] § 24 Artikel IV.
+
+[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen,
+Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
+Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St.
+Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.
+
+[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur
+Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Im grünen Tann, by Arthur Achleitner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GRÜNEN TANN ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+works. See paragraph 1.E below.
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+collection are in the public domain in the United States. If an
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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